diff options
Diffstat (limited to '39441-0.txt')
| -rw-r--r-- | 39441-0.txt | 8451 |
1 files changed, 8451 insertions, 0 deletions
diff --git a/39441-0.txt b/39441-0.txt new file mode 100644 index 0000000..2105ceb --- /dev/null +++ b/39441-0.txt @@ -0,0 +1,8451 @@ +Project Gutenberg's Leibnitz' Monadologie, by Gottfried Wilhelm Leibniz + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Leibnitz' Monadologie + Deutsch mit einer Abhandlung über Leibnitz' und Herbart's + Theorieen des wirklichen Geschehens + +Author: Gottfried Wilhelm Leibniz + +Contributor: Robert Zimmermann + +Translator: Robert Zimmermann + +Release Date: April 13, 2012 [EBook #39441] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEIBNITZ' MONADOLOGIE *** + + + + +Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen. + Die am Ende des Buches angeführten »Verbesserungen« wurden in den + Text eingearbeitet. Weitere offensichtliche Druckfehler wurden + korrigiert; eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am + Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Im Original fett gedruckter Text wurde mit ~ markiert. + + Das Inhaltsverzeichnis befindet sich am Ende des Buches. + ] + + + + + Leibnitz' + Monadologie. + + Deutsch + mit einer Abhandlung über + Leibnitz' und Herbart's Theorieen + des + wirklichen Geschehens, + von + Dr. Robert Zimmermann. + + Wien. + Braumüller und Seidel. + 1847. + + + Gedruckt bei J. P. Sollinger. + + + + + Sr. Excellenz + dem hochgeborenen Herrn + Hieronymus Grafen von Lützow + Dreylützow und Seedorf + +Vicepräsidenten des k. k. General-Rechnungs-Directoriums, Commandeur des +österr. kaiserl. königl. Leopold-Ordens (S. C. E. K.), k. k. wirkl. Geh. +Rath und Kämmerer, Protectors-Stellvertreter bei der wechselseitigen +Capitalien- und Renten-Versicherungsanstalt in Wien, stiftenden Mitglied +der Gesellschaft des Vereines zur Ermunterung des Gewerbsgeistes, +wirklichen Mitglied der Gesellschaft des vaterländischen Museums in +Böhmen, Ehrenmitglied des pomologischen und des Schafzüchtervereins, +Mitglied des Vereins zur Beförderung der Tonkunst und des nied. österr. +Gewerbvereins, Herrn der Herrschaft Lochowic in Böhmen &c. &c. &c., + + ehrfurchtsvoll zugeeignet + vom Verfasser. + + + + +Noch vor ganz kurzer Zeit dachte man, wenn von deutscher Philosophie die +Rede war, beinahe ausschließlich an =Kant= und seine Nachfolger, mit +welchen das Licht in der Finsterniß aufgegangen sei. Was vor ihm auf +diesem Felde geschehen, ignorirte man entweder ganz, oder man glaubte es +mit dem Namen =Wolffianismus= und =Dogmatismus= hinlänglich abgefertigt +zu haben. Selbst =Leibnitz=, dem es Manche nicht verzeihen konnten, daß +er französisch geschrieben, war zu großem Theile Tradition. Seine +Monaden waren populär, seine Theodicée nannte man hie und da; von seinem +bedeutenden Einfluß auf die Folge- und Neuzeit war wenig die Rede. +=Kant= galt allgemein für die Pforte deutscher Weltweisheit. Allein +selbst dieser lief zuletzt Gefahr, über seinen Enkeln in den Winkel +gestellt zu werden, und genoß, obgleich man ihm noch immer die Ehre +anthat, ihn als Pförtner des philosophischen Hörsaales zu betrachten, +kaum ein kärgliches Gnadenbrot. + +Dies hat sich im letzten Decennium mit Einemmale geändert. Eine +plötzliche bibliographische Thätigkeit ist über die Literatur gerathen; +der Deutsche sammelt von allen Seiten die Schätze, die er sonst +bisweilen sorglos unbeachtet gelassen, mannigfache Editionen +vergriffener Meisterwerke aller Art und jeder Zeit werden veranstaltet, +und, den ungünstigsten Fall angenommen, haben diesem literar-historischen +Treiben auch die beiseitegelegten Schriften der vorkantischen +Periode die Aufmerksamkeit zu danken, die man von Neuem +ihnen zugewendet. =Leibnitz=' philosophische Werke erschienen zum ersten +Mal vollständig gesammelt von =Erdmann=; =Guhrauer= schrieb dessen +Biographie und gab seine deutschen Schriften heraus; eine Auswahl seiner +historischen Manuscripte ist auf dem Wege. Sogar =Wolff=, der lang +verunglimpfte, gescholtene, der ehrliche =Wolff= _par excellence_ +gelangte wieder zu Ehren; wenigstens gab =Wuttke= dessen interessante +Selbstbiographie heraus und verspricht eine ausgewählte Gesammtausgabe +seiner zahllosen Schriften. Die Scholastiker werden aufgesucht, +gesichtet, und Männer der äußersten Linken wie =Feuerbach= halten +=Leibnitz= und =Bayle= der ausführlichen Würdigung und Besprechung +werth. Auch die mehrfachen Gesammtausgaben von =Kant=, die nun +vollendete von J. G. =Fichte=, die =Auerbach='sche Uebersetzung +=Spinoza='s, die Ausgaben =Mendelssohns= gehören hieher. + +Es ist möglich, daß hieran das reinhistorische Interesse, das Agens +unserer Zeit, das nicht immer nach dem Werthe, sondern nach dem Namen +wählt, bisher den größten Antheil hat, es wäre sonst kaum zu begreifen, +wie man so plötzlich sollte zur Erkenntniß gekommen sein, nachdem man +das Alte so oft geschmäht, verachtet, an den Pranger gestellt hatte; +aber daß es das historische Interesse allein gewesen sein sollte, ist +doch unwahrscheinlich. Auch innere Gründe, in der Natur der Sache selbst +gelegene, müssen mitgewirkt haben, und wenn nichts Anderes, so verräth +die Rückkehr zu den alten verlassenen Wohnsitzen wenigstens, daß den +Heimkehrenden in den prunkenden Luftschlössern der Speculation, mit +welchen sie sich so viel gewußt, nicht heimisch geworden sei. Nachdem +sie lang im süßen Wahne gelebt, endlich den Stein der Weisen gefunden zu +haben, stiegen auch daran Zweifel auf, und in dem so entstandenen +Schwanken und Suchen nach Wahrheit greifen sie endlich auch nach den +verrußten Repositorien, die sie so oft in die Rumpelkammer verwiesen zu +haben sich gerühmt hatten. + +Noch vor einem Jahrzehend gab es eine Schule in Deutschland, welche sich +mit stolzem Selbstvertrauen die herrschende nannte; im gegenwärtigen +Augenblick ist diese Schule zerstreut, und von Gegnern überflügelt, +deren Ansichten sie für längst überwunden erklärt hatte. Es gibt keine +herrschende Schule mehr. Monadisten, Monisten und Dualisten stehen sich +streitend gegenüber, fast eben so, wie vor anderthalb Jahrhunderten +=Leibnitz=, =Spinoza= und =Descartes=. Der Idealismus und die +Identitätsspeculation scheinen ihre Rolle ausgespielt, das Denken +besonnener, ruhiger, praktischer geworden, scheint Lust zu haben, zum +Realismus zurückzukehren, um wenigstens einen sichern Boden unter den +Füßen zu fühlen. Eine _révolution conciliatrice_ prophezeit =Willm= in +Straßburg in seiner Preisschrift: »_De la philosophie allemande, qu'il +est impossible de caractériser tant que Mr. de Schelling n'aura pas +achevé l'oeuvre du système definitif, qu'il a promis à l'Europe_.« Der +bisherige Erfolg desselben scheint nicht zu verrathen, daß es das +künftige Schiboleth ausmachen werde. Jene Revolution erwartet der +Franzose von dem Realismus =Herbart='s, der auch seinerseits zum Beweise +dienen kann, wie sich ähnliche Ruhepunkte im Laufe des philosophischen +Gedankenganges wiederholen. Gegenwärtig hat der philosophische Kreislauf +sein Ziel erreicht, er ist in seinen Anfang zurückgekehrt; das wäre eine +traurige Erfahrung, wenn es sich buchstäblich so verhielte. Allein auch +wenn dem so wäre, und der menschliche Geist wäre auf einem seit siebzig +Jahren mit dem angestrengtesten Eifer verfolgten Wege am Ende nur zu der +Ueberzeugung gelangt, einen Irrweg eingeschlagen zu haben, ohne darum +den Muth zu verlieren, unverdrossen und der erlangten Uebung froh, einen +neuen vom Anfang zu beginnen: so wäre dieser kraftvolle Vorsatz um so +viele Aufopferung nicht zu theuer erkauft. + +Selbst wenn die besondere Veranlassung des im Jahre 1846 gefeierten, und +auch in =Wien= durch die Stiftung der Akademie der Wissenschaften, eines +Lieblingsgedankens des großen Mannes, verherrlichten zweihundertjährigen +Geburtsfestes =Leibnitz=', nicht hinzukäme, so dürfte dennoch in einem +Zeitpunkte der Art ein Versuch, durch Herausgabe eines seiner +wichtigsten Schriftchen ein Schärflein zum Verständniß alter und neuer +Richtungen beizutragen, um seiner selbst willen Nachsicht und +Entschuldigung verdienen. Niemand ist dazu besser geeignet, als eben +dieser allumfassende Denker, welcher den sich anfeindenden Parteien des +Idealismus und Realismus gleich nahe steht, in dem sich die Keime aller +seiner Nachfolger und die Spuren aller seiner Vorgänger finden. Während +seine angebornen Ideen und sein Hauptsatz: _nihil est in intellectu, +quod non fuerit in sensu, nisi ipse intellectus_, sich in =Kant= zum +Kategorienschema ausbildeten, erschien =Fichte='s streng teleologische +Weltordnung als eine natürliche Tochter der =Leibnitz='schen Monade, +darin sich das Universum spiegelt, und gerade so und nicht anders +spiegeln muß, soll der höchste Zweck des Menschen, den der Idealismus in +die Selbstständigkeit, =Leibnitz= aber in die Beförderung des +allgemeinen Wohles setzte, erreicht werden. Bei =Herbart= endlich taucht +das ganze Monadensystem mit seiner indifferenten Vielheit und +wechsellosen Starrheit wieder auf, an der Stelle des bildlichen +Spiegelns sich blos eines anderen Hilfsmittels, der zufälligen Ansichten +bedienend. Daß sich von der Identitätsphilosophie wenig bei =Leibnitz= +findet, ist leicht begreiflich; denn er, dem die Mystiker ein Gräuel +waren, war auch der Alleinheitslehre so abhold, daß er =Spinoza='s Werke +noch in späteren Jahren als _absurdité_ bezeichnete. Trotzdem hat sich +=Feuerbach= bemüht, auch in ihm die Embryonen des künftigen Pantheismus +und Synkretismus nachzuweisen; ob mit Recht, davon kann sich Jeder +überzeugen, dem auch nur flüchtig die Hauptumrisse seines großartigen +Baues bekannt sind. + +Keines seiner Werke bietet dazu eine bessere Gelegenheit, als das +nachstehende, dessen Uebersetzung, seit 126 Jahren wieder die erste(1), +dem Publicum geboten wird. Während er in den meisten seiner anderen +Schriften einen bestimmten Gegner oder eine besondere Richtung vor Augen +hat, gegen die er ankämpft oder sich vertheidigt, wodurch selbst seine +Hauptwerke, die _Theodicée_ und die _nouveaux essais_, nicht weniger als +die zahlreichen Flugschriften einen polemischen Anstrich und ein +persönliches Gepräge erhalten, das dem allseitigen Gesichtspunkte und +allgemeineren Verständnisse des Gegenstandes häufig nachtheilig werden +kann, gibt er in dieser trefflichen Abhandlung einen vollständigen +Ueberblick seines gesammten Systemes, läßt ganz allein die Sache selbst +reden, unbekümmert um fremde Meinung und Ansicht, und entwickelt so den +großartigen Prachtbau seiner Weltansicht, an dem zwar das unbefangene +Auge manche Risse und Spalten entdeckt, dessen Fundamente aber ewig +bleiben werden, und der in seiner genialen Unvollendung dem Torso +gleicht, den kein Bildhauer zu ergänzen wagte. Was er sonst häufig nur +aphoristisch hinwarf mitten unter fremde, bestrittene und geduldete +Ideen, oder als geistreiche Axiome aufstellte, seine tiefsten +zerstreuten Gedanken und scharfsinnigsten Combinationen, das sammelte er +hier wie in einem Brennpunkte, in dem, am Ende eines der Wissenschaft +und der Welt wie kein anderes gewidmeten Lebens, alle Strahlen seines +Geistes und Wissens zusammenflossen. Er selbst äußert sich über das +Verhältniß dieser seiner Schrift zu seinen übrigen auf ähnliche Weise in +einem Briefe an seinen Freund =Remond de Montmort=(2) mit welchem er die +Zusendung des Manuscripts an denselben begleitete: »_J'ai espéré, que ce +petit écrit contribuerait à mieux faire entendre mes méditations en y +joignant ce, que j'ai mis dans les journaux de Leipsic, de Paris et de +Hollande. Dans ceux de Leipsic je m'accomode assez au langage de +l'école, dans les autres je m'accomode davantage au stile des +Cartésiens, et dans cette dernière pièce j'ai tâché de m'exprimer d'une +manière, qui puisse être entendue de ceux, qui ne sont pas encore trop +accoûtumés au stile des uns ou des autres._« + + (1) So war es, als diese Worte geschrieben wurden. Gerade als diese + Schrift in die Druckerei abging, kamen dem Verfasser die + Gelegenheitsschriften zur 200jährigen Geburtsfeier =Leibnitz=' in die + Hände. Unter ihnen fand sich in =Schilling='s »=Leibnitz= als Denker« + die Uebersetzung der Monadologie nach =Erdmann='s Ausgabe. Da der Herr + Verfasser indeß sich nicht auf die Vergleichung der verschiedenen + Ausgaben einläßt, so dünkte uns die nachstehende Uebersetzung noch + immer nicht überflüssig. + + (2) Den Jüngeren. Es gab zwei Brüder dieses Namens, die beide mit + =Leibnitz= im Briefwechsel standen. Der ältere, =Pierre=, war ein + ausgezeichneter Mathematiker und lebte von 1678 bis 1719 zuerst als + Canonicus, dann als Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Von 11 + Briefen, die =Dutens= unter dem Namen der =Montmort='s aufführt, ist + nach =Guhrauer='s Ansicht nur die _lettre VIII. Opp. o. ed. Du. V. + p. 29_ an ihn gerichtet, die übrigen an seinen Bruder. Dieser war + Secretär des Herzog-Regenten von Orleans und ein eifriger Freund der + Philosophie. =Leibnitz= schätzte ihn sehr hoch. + +Unbefangen von Vorurtheilen, frei von Systemisirungssucht und +unwissenschaftlicher Pedanterei, will er von Unbefangenen gelesen und +hofft von solchen verstanden zu werden. Nicht die Wahrheit einer +gewissen Schule, die Wahrheit selbst wollte er lehren und vertheidigen, +und wie er für seine eigene Person keiner Schule angehörte, hat er auch +keine hinterlassen. Dafür ist er auch nicht der einzige redliche +Wahrheitsforscher geblieben, der noch bis auf die neueste Zeit von der +vornehmen Abgeschlossenheit der Männer von Fach und Kaste an den +schlichten, befangenheitslosen Sinn des einfachen Gebildeten appelliren +muß, um die Gerechtigkeit zu finden, die von den literarischen +Sternkammern ihm vorenthalten wurde. Unwissenschaftlichkeit und falsche +Popularitätssucht wird das Bestreben gescholten, auch solche Wahrheiten, +die man noch nicht streng bewiesen in ein System einzureihen vermocht, +auf das philosophische Gebiet zu ziehen. Lieber soll man engherzig und +eitel genug sein, nicht einzugestehen, es gebe noch gar Manches, dessen +Grund wir nicht erkennen, dessen Wahrheit aber gleichwohl evident, und +dessen Kenntniß nutzbringend für uns ist. Wir sind überzeugt, daß es für +jede Wahrheit, sobald sie dies wirklich ist, sie stehe noch so scheinbar +isolirt und unvereinbar mit anderen da, einen Platz in der Wissenschaft +gibt, an welchen sie eingereiht und ihre Verbindung hergestellt zu +werden verdient, auch wenn dieser noch von Niemandem erkannt wird, weil +es unmöglich ist, daß eine Wahrheit jemals der anderen widerspreche. Ein +übereilter Schluß aber dünkt es uns, aus dem bisherigen Mißlingen, +irgend einen Satz auf directem Wege aus einem anderen abzuleiten, +kurzweg die Unvereinbarkeit desselben mit den Uebrigen zu folgern, und +einen von beiden für irrig zu erklären. + +Leider begegnete dieser Fall auch Leibnitz, und dies mag zum Beweise +dienen, wie verlockend die Versuchung sei. Sein Lieblingskind, die +prästabilirte Harmonie -- man könnte sie mit einem kostbar ausgemauerten +Marmorteiche vergleichen, den ein König erbaute, um einen Gießbach +aufzufangen, über den er mit dem Zehntheil der Kosten keine Brücke zu +schlagen wußte -- die prästabilirte Harmonie bleibt ein immerwährendes +Denkmal des Fehlschlusses: es gebe keine äußere Wirksamkeit, kein +thätiges Leben und Schaffen in dieser Welt einfacher Monaden, weil ein +solches aus den vorausgesetzten Principien direct abzuleiten nicht +möglich war. Diesen letzteren zu Gefallen widersprach er lieber der +eigenen Ueberzeugung und machte die augenscheinlichste Thatsache der +Erfahrung zum Irrthum, blos weil er keine apriorische Deduction +derselben zu geben im Stande war. Um seinem eingebildeten Grundsatze +treu zu bleiben, verbannte er sogar die in seinem eigenen Systeme +liegenden Antriebe hiezu, die ihn bei einer glücklichen Wendung seines +Gedankenganges auf einen, der Wahrheit wenigstens sehr nahe zu liegen +scheinenden Weg gebracht haben müßten. Was ihm nicht gelungen war, +gelang späteren monadistischen Denkern nicht in höherem Grade. Wie und +mit welchem Erfolge sie es versuchten, haben wir bei der Wichtigkeit des +Gegenstandes in einer eigenen, am Schlusse hinzugefügten Abhandlung +darzustellen uns erlaubt. Wir glaubten, es dabei als einen Act der +Pietät gegen den großen Denker ansehen zu dürfen, auf die in seinen +eigenen Gedanken liegenden Keime hinzudeuten, welche bei längerem +Verweilen und sorgfältigerer Beachtung eine Verstand und Herz mehr +befriedigende Lösung anzubahnen versprechen. Inwiefern es uns gelungen +ist, dieselben anschaulich zu machen, müssen wir der Prüfung Anderer +überlassen. + +Nach dieser kurzen Rechtfertigung des Unternehmens erübrigt uns noch die +nöthigen literar-historischen Notizen über die nachstehende Schrift, wie +wir sie =Guhrauer='s und =Erdmann='s gründlichen Forschungen verdanken, +hinzuzufügen. =Leibnitz= verfaßte das Original der Monadologie in +französischer Sprache, wie der oben angeführte Brief uns lehrt, während +seines Aufenthaltes in Wien in den Jahren 1713 und 1714 zunächst für den +Gebrauch und auf Veranlassung des großen =Eugen=. Der Brief ist von Wien +datirt am 26. August 1714. Er sagt darin: _Maintenant je vous envoie un +petit discours, que j'ai fait ici pour le prince Eugène de Savoie sur ma +philosophie._ Des Prinzen Interesse an Wissenschaft und Kunst, die er +nicht blos aus Liebhaberei, sondern aus wahrer Liebe pflegte, ist +bekannt und seine noch vorhandene Büchersammlung in der k. k. +Hofbibliothek zu Wien, wie seine reichen Kunstschätze geben genügendes +Zeugniß davon. Neben mathematischen und Kriegswissenschaften liebte er +die Philosophie und er konnte, sagt =Guhrauer=, wie Alexander sich +glücklich schätzen, daß zu seiner Zeit ein Aristoteles gelebt habe. Er +verschloß, fährt =Leibnitz=' Biograph fort, die philosophische Schrift, +die =Leibnitz= für ihn aufgesetzt hatte, wie eine seiner größten +Kostbarkeiten und war zu eifersüchtig darauf, sie auch nur zu zeigen. +Demungeachtet ist die Schrift verloren gegangen, und unter den +prachtvollen rothen und blauen Maroquinbänden des Prinzen, die einen +abgesonderten Theil der kaiserl. Hofbibliothek zu Wien ausmachen, findet +sich keine Spur mehr von dem schlichten Manuscripte des deutschen +Gelehrten. Ja nicht blos die dem Prinzen geschenkte Abschrift, sondern +das Original der Abhandlung selbst schien bis auf die neueste Zeit, wo +es =Erdmann= wieder auffand, von dem Erdboden verschwunden. + +Oeffentlich erschien die Schrift zuerst vier Jahre nach =Leibnitz=' Tode +in deutscher Sprache unter dem Titel: »Des Herrn Gottfried Wilhelm von +=Leibnitz= Lehrsätze über die Monadologie; ingleichen von Gott und +seinen Eigenschaften, seiner Existenz und der Seele des Menschen. Aus +dem Französischen von H. =Köhler=. Jena (nach Anderen: Frankfurt am +Main) 1720.« Derselbe =Köhler= gab in demselben Jahre auch =Leibnitz=' +Streitschriften mit =Clarke= in deutscher Uebersetzung heraus. Jene +Ausgabe, die sehr selten geworden zu sein scheint, ist mir nicht zu +Gesichte gekommen. Christian =Wolff= bevorwortete sie und 1740 erschien +eine neue Auflage von derselben durch =Huth=. In welchem Verhältnisse +sie zu der Handschrift =Leibnitz=' selbst stand, ist mir nicht bekannt. +Wenn es aber wahr ist, was =Erdmann=, der sie gesehen hat, behauptet, +daß die lateinische Uebersetzung in den _Actis eruditorum_ nur eine +Version der deutschen Uebersetzung sei, so müssen schon in ihr hie und +da Abweichungen stattgefunden haben. Diese lateinische Uebersetzung +erschien unter dem Namen: _G. G. Leibnitzii principia philosophiae in +gratiam principis Eugenii conscripta_ in den _actis eruditorum +Lipsiensium, Suppl. tom. VII. 1721 sect. XI. p. 500-514_. Sie ist die +bekannteste. Völlig gleich mit ihr lauten die Abdrücke bei: _M. G. +Hansch: Principia philosophiae Leibnitzii geometrico modo demonstrata. +Francofurthi. Monath 1728_, und _Lud. =Dutens=: Principia philosophiae +seu theses in gratiam principis Eugenii in Leibnitzii Opera omnia. +Genevae de Fournes. 1768. tom. II. pag. 20-31_. Nachdem der Urtext auf +der k. Bibliothek zu Hannover unter Fascikeln alter Schriften wieder +entdeckt, und auf diese Weise vor fernerer Verwechslung mit einem zuerst +1718 publicirten, stellenweise gleichlautenden Schriftchen: _Principes +de la nature et de la grâce_ gesichert worden, nahm ihn =Erdmann= zuerst +in seine Ausgabe: _Leibnitzii opera omnia philosophica (Berolini, +Eichler, 1840) tom. II. Seite 704-712_ unter dem ursprünglichen Titel: +_la Monadologie_, wieder auf. Diesen Text haben wir unserer Uebersetzung +zu Grunde gelegt. Die mehr oder minder wichtigen Abweichungen, die sich +zwischen ihm und den lateinischen Ausgaben finden, sind unter demselben +getreulich angegeben. Woher diese rühren, ist zweifelhaft. Möglich, daß +es verschiedene Handschriften von =Leibnitz= selbst gab, nach deren +einer die deutsche Uebersetzung, die Mutter aller übrigen, gefertigt +worden. Keinesfalls sind die Varianten bedeutend und bestehen meist in +geringfügigen Zusätzen. Der wichtigste ist jener §. 33 über die +zufälligen Wahrheiten. Von größerem Interesse, besonders für die +Geschichte der Philosophie, sind die Parallelstellen aus der Theodicée, +die =Leibnitz= mit eigener Hand am Rande des Originals bemerkt hat. Doch +nahm der Uebersetzer Anstand, dieselben beizufügen, weil sie theils +einen sehr ausführlichen Commentar verlangt haben würden, theils längst +verlebte Ansichten und Meinungen betreffen. Desto lebhafter müssen wir +wünschen, daß recht viele Freunde der Philosophie sich durch die +Verdeutschung des Werkchens bewegen ließen, einer Schrift ihre +Theilnahme zu schenken, welche der große Eugen so hoch hielt, daß er, +wie der Graf Bonneval erzählt, sie den Freund nur küssen ließ und dann +wieder in sein Kästchen einschloß, wie Alexander die göttlichen Gesänge +des mäonidischen Sängers. + +=Wien=, im Juni 1846. + + + + +Leibnitz' Monadologie. + +(_La monadologie_; _Monadologia seu principia philosophiae in +gratiam principis Eugenii conscripta_.) + + +1. + +Die Monade, von der wir hier sprechen werden, ist eine einfache +Substanz, welche Verbindungen mit andern eben solchen zu +zusammengesetzten Substanzen eingeht; einfache, d. i. ohne Theile. + + +2. + +Einfache Substanzen muß es geben, weil es zusammengesetzte gibt; denn +das Zusammengesetzte ist nichts, als eine Anhäufung oder ein +_aggregatum_ von Einfachem. + + +3. + +Wo keine Theile sind, da ist auch keine Ausdehnung, keine Gestalt, keine +mögliche Theilbarkeit; die Monaden sind die wahren Atome der Natur, mit +Einem Worte, die Elemente der Dinge. + + +4. + +Eine Auflösung in Theile ist bei ihnen niemals zu befürchten; so wenig, +als sich überhaupt eine mögliche Art und Weise erdenken läßt, auf welche +eine einfache Substanz dem Naturlaufe gemäß zu Grunde gehen könnte. + + +5. + +Gleich undenkbar ist es aus demselben Grunde, daß eine einfache Substanz +auf natürlichem Wege irgend einen Anfang nehme; weil sie ja nicht durch +Zusammensetzung gebildet wird. + + +6. + +Anders als plötzlich kann daher die Existenz der Monaden weder anfangen +noch enden; sie muß beginnen durch einen Act der Schöpfung (_création_), +aufhören durch einen Act der Vernichtung (_annihilation_); während das +Zusammengesetzte sich Theil um Theil bildet oder zu Grunde geht. + + +7. + +Zu erklären, wie es möglich sei, daß eine Monade in ihrem Innern durch +eine andere einen Wechsel oder eine Veränderung erfahre, haben wir +durchaus kein Mittel. Denn es läßt sich weder aus der einen in die +andere etwas übertragen, noch in dieser letzteren durch die erstere eine +innerliche Bewegung erzeugen, die von außen geweckt, geleitet, vermehrt +oder vermindert werden könnte, wie dies bei zusammengesetzten Dingen +möglich ist, wo die mehreren Theile eine Vertauschung oder Verschiebung +unter einander gestatten. Die Monaden jedoch haben keine Fenster, durch +welche irgend etwas ein- oder auszutreten vermöchte. Die Accidenzen +dürfen sich von ihren Substanzen nicht ablösen, wenn sie nicht haltlos +im leeren Raume, etwa wie die sichtbaren Schemen (_espèces_) der +Scholastiker herumflattern sollen. Weder Substanz noch Accidenz kann von +außen her Eingang in eine Monade finden. + + +8. + +Indeß müssen die Monaden nothwendig auch Qualitäten an sich haben, sonst +wären sie keine seienden Wesen (_êtres_; _entia_). Unterschieden sich +die einfachen Wesen nicht durch ihre Qualitäten, so würde uns jedes +Mittel fehlen, irgend einen Wechsel an den Dingen wahrzunehmen, weil +dasjenige, was am Zusammengesetzten erscheint, nur von den einfachen +Bestandtheilen (_ingrediens_) herrühren kann. Die Monaden aber, sobald +sie keine Qualitäten hätten, wären eine von der andern in gar nichts +verschieden, weil sie nicht einmal der Quantität nach differiren +könnten. Folglich würde, den Raum als erfüllt vorausgesetzt, jeder Ort +in der Bewegung beständig nichts anders als ein vollkommenes Aequivalent +dessen erhalten, was er schon früher besaß, mithin jeder Zustand der +Dinge jedem andern in allen Stücken völlig gleich sein. + + +9. + +Jede Monade muß verschieden sein von jeder andern. Denn schon in der +Natur gibt es nicht zwei Wesen, die einander in allen Stücken völlig +gleich und wo wir außer Stande wären, eine innere oder auf eine innere +Bestimmung sich gründende Verschiedenheit zu finden(3). + + (3) In den lat. Ausg. lauten diese beiden Paragraphe wie folgt: + + _VIII._ + + _Opus tamen est, ut Monades habeant aliquas qualitates, alias non + entia forent._ + + _IX._ + + _Imo opus est, ut quaelibet Monas differat ab alia quacunque. Neque + enim unquam dantur in natura duo entia, quorum unum ex asse convenit + cum altero et ubi impossibile sit, quandam reperire differentiam + internam aut in denominatione intrinseca fundatam. Quodsi substantiae + simplices etc. etc._ Eine Wortstellung und Capiteleintheilung, die von + dem französischen Originale stark abweicht. + + +10. + +Für ausgemacht nehme ich an, daß jedes erschaffene Wesen, folglich auch +die erschaffene Monade, ein Gegenstand der Veränderung, wie auch, daß +dieser Zustand des Wechsels ein continuirlicher sei. + + +11. + +Daraus folgt, daß die naturgemäßen Veränderungen der Monaden aus einem +innern Princip in denselben abfolgen müssen, weil ja eine äußere Ursache +keinen Einfluß auf das Innere der Monas auszuüben vermag. + + +12. + +Es ist aber auch nothwendig, daß außer diesem allgemeinen Principe der +Veränderlichkeit wirkliche besondere Veränderungen in jeder Monas +vorhanden seien, und diese sind es, welche die specifische +Verschiedenheit und bunte Mannigfaltigkeit der Monaden unter einander +begünstigen (_il faut, qu'il-y-ait un détail de ce qui se +change ...._)(4). + + (4) _Et generaliter affirmare licet, vim non esse nisi principium + mutationum._ Zusatz in den lat. Ausgaben. + + +13. + +Dieses Besondere (_détail_) der Veränderung (in jeder einfachen Monas) +umschließt eine Vielheit in der Einheit oder ein Vielfaches im +Einfachen. Denn da jede natürliche Veränderung stufenweise vor sich +geht, so ändert sich Einiges und Anderes bleibt, und dadurch entsteht in +jeder einfachen Substanz eine Mehrheit von Zuständen (_affections_) und +Beziehungen (_rapports_), ungeachtet sie keine Theile hat. + + +14. + +Der vorübergehende Zustand, der eine Mehrheit in der Einheit oder +Einfachheit umschließt und vorstellt, ist kein anderer, als den man +gewöhnlich Vorstellung schlechtweg (_perception_, _perceptio_) nennt, +und welcher, wie später klar werden wird, von der bewußten Vorstellung +(_apperception_, _apperceptio_) unterschieden werden muß. Die +Cartesianer haben hier arg geirrt, indem sie alle unbewußten +Vorstellungen für ein Nichts erachteten. Dieser Irrthum machte sie dann +glauben, die Geister allein seien wahre Monaden, die Thiere aber hätten +keine Seelen, oder wenn man es so nennen will, Entelechieen. Deshalb +verwechselten sie auch, wie das gemeine Volk, eine bloße lange Betäubung +mit dem Tode im strengsten Sinn des Worts, und verfielen zugleich in das +scholastische Vorurtheil von dem Vorhandensein gänzlich isolirter +Seelen, was manches geängstigte Gemüth im Glauben an die Sterblichkeit +der Seelen noch bestärkte. + + +15. + +Jene Thätigkeit des innerlichen Princips, welche die Veränderung oder +den Uebergang von einer Vorstellung zur andern bewirkt, kann Begehren +(_appetition_) heißen. Es ist zwar wahr, daß das Begehren nicht immer +zum Besitze der ganzen Vorstellung gelangt, auf welche es hinzielt, aber +es erreicht doch immer etwas und kommt zu neuen Vorstellungen. + + +16. + +Wir selbst machen die Erfahrung des Vorhandenseins einer Vielheit in der +einfachen Substanz, sobald wir an uns wahrnehmen, daß auch der kleinste +Gedanke, dessen wir uns bewußt werden, noch eine Mannigfaltigkeit in +seinem Objecte enthalte. Wer immer daher nur die Einfachheit der +Substanz zugesteht, kann nicht umhin, auch die Vielheit in der Monas +anzunehmen und =Bayle= hätte hierin keine so bedeutenden Schwierigkeiten +suchen sollen, wie er es in seinem Wörterbuche (Art. =Rorarius=) gethan +hat(5). + + (5) Ueber diese Einwürfe =Bayle='s vgl. die Abhandlung am Schlusse. + Dieser =Rorarius=, geb. zu Pordenone in Friaul um das Ende des 15ten + Jahrhunderts, war Nuntius des Papstes =Clemens= VII. am Hofe König + Ferdinand's von Ungarn. Einst äußerte Jemand in seinem Beisein, + Carl V., der damals zur Zeit des schmalkaldischen Kriegs auf dem + Gipfel seiner Macht stand, komme an großartigen Eigenschaften weder + den Ottonen noch Friedrich Barbarossa gleich. Mehr bedurfte es nicht, + um den =Rorarius= zu einem Buche zu veranlassen, worin er mit großem + Aufwand von Gelehrsamkeit zu beweisen suchte, die Thiere seien + vernünftiger als die Menschen und eine Menge Tatsachen aufhäufte, die + den Kunstfleiß der Thiere und die Bosheit des Menschen darthun sollen, + das aber, wie =Bayle= meint, gar nicht übel geschrieben gewesen sein + soll. + + +17. + +Andererseits muß man gestehen, daß die Vorstellungen, und Alles, was von +ihnen abhängt, aus mechanischen Gründen, dergleichen körperliche +Gestalten und Bewegungen sind, unmöglich erklärt werden können. Man +stelle sich eine Maschine vor, deren Structur so eingerichtet sei, daß +sie zu denken, zu fühlen und überhaupt vorzustellen vermöge und lasse +sie unter Beibehaltung derselben Verhältnisse so anwachsen, daß man +hinein, wie in das Gebäude einer Mühle eintreten kann. Dies +vorausgesetzt, wird man bei Besichtigung des Innern nichts Anderes +finden, als etliche Triebwerke, deren eins das andere bewegt, aber gar +nichts, was hinreichen würde, den Grund irgend einer Vorstellung +abzugeben. Die letztere gehört ausschließlich der einfachen Substanz an, +nicht der zusammengesetzten, und dort, nicht hier, muß man sie suchen. +Auch sind Vorstellungen und ihre Veränderungen zugleich das Einzige, was +man in der einfachen Substanz antrifft. + + +18. + +Den Namen der Entelechieen könnte man allen einfachen Substanzen +beilegen, denn alle tragen in sich einen gewissen Grad von Vollkommenheit +(ἔχουσι τὸ ἐντελές) und ihr vollkommenes Sichselbstgenügen (αὐτάρκεια, +_suffisance_) macht sie zu Urhebern ihrer eigenen innern Thätigkeiten, +so zu sagen zu unkörperlichen Automaten. + + +19. + +Kommen wir überein, Seelen alles dasjenige zu nennen, dem in +obenerklärtem Sinne die Fähigkeit des Vorstellens und Begehrens zukommt, +so sind alle einfachen Substanzen oder geschaffenen Monaden Seelen. +Allein da Empfindung schon etwas mehr ist, als eine bloße Perception +schlechtweg, so bin ich der Meinung, für diejenigen einfachen +Substanzen, welchen nur die letztere zukommt, reiche der Name: Monade +oder Entelechie hin, und die Bezeichnung: Seele (_âme_) solle für +diejenigen vorbehalten werden, deren Vorstellungen deutlicher und vom +Erinnerungsvermögen begleitet sind. + + +20. + +Denn an uns selbst lernen wir durch die Erfahrung Zustände kennen, in +welchen uns weder eine gehörige Erinnerung, noch irgend eine deutliche +Vorstellung zu Gebot steht. Dergleichen sind Schwäche, Ohnmacht, oder +ein tiefer traumloser Schlaf, der uns gefangen hält. In diesen und +ähnlichen Lagen unterscheidet sich die Seele nicht merklich von einer +bloßen Monade, und steht nur insofern höher denn diese, als jene +Zustände bei ihr von keiner Dauer sind, sondern sie sich durch eigene +Kraft aus denselben emporzuraffen vermag. + + +21. + +Hieraus folgt indeß ganz und gar nicht, daß die einfache Substanz, +selbst so lange sie in diesen Zuständen befangen ist, jemals ohne +Vorstellungen sei. Sie kann es nicht sein, schon aus den früher +angegebenen Gründen nicht; denn sie kann weder zu Grunde gehen noch +fortbestehen, ohne daß sie dadurch irgendwie afficirt würde, und eben +diese Affection ist schon eine Vorstellung in ihr. Ist nun eine große +Anzahl dergleichen, wenn auch nur schwacher und unbedeutender +Vorstellungen zugleich vorhanden und befindet sich unter ihnen keine +deutlich bestimmte, so verliert man (wie man zu sagen pflegt) den Kopf, +gerade so, als hätte man sich mehrmahl nach einander und beständig nach +derselben Seite hin im Kreise gedreht, wo uns dann der Schwindel +ergreift, und die Sinne so vergehen, daß wir nichts deutlich +unterscheiden. In einen Zustand dieser Art versetzt die thierischen +Organismen für eine gewisse Zeit der Tod. + + +22. + +Weil ferner jeder gegenwärtige Zustand einer einfachen Substanz +nothwendigerweise eine Folge ihrer sämmtlichen vorhergehenden Zustände +und die Gegenwart daher (so zu sagen) die schwangere Mutter der Zukunft +ist: + + +23. + +so ist es offenbar, daß die Seele, die, sobald sie einmal aus der +Betäubung wieder erwacht, sogleich Vorstellungen in sich selbst als +daseiend wahrnimmt, ihrer auch schon vor diesem Wiedererwachen, obgleich +unbewußt, gehabt haben muß. Denn eine Vorstellung kann auf natürlichem +Wege nicht anders entstehen, als wieder durch eine Vorstellung, so wie +eine Bewegung nicht anders als durch eine andere vorangehende Bewegung +dem Gange der Natur gemäß erzeugt werden kann. + + +24. + +Hätten wir also nicht Vorstellungen von einem höheren Grade der +Deutlichkeit, die gleichsam über die gewöhnlichen Perceptionen +hervorragen, so würden wir uns ununterbrochen in einem Zustande der +Betäubung befinden. Ein solcher ist aber der Zustand der gemeinen Monade +fortwährend. + + +25. + +Den Thieren dagegen hat die Natur schon höhere Vorstellungen verliehen, +wie wir wenigstens aus der Sorgfalt schließen dürfen, mit der sie ihnen +Organe zugetheilt hat, die dazu geeignet sind, theils reichlichere +Lichtstrahlen, theils zahlreichere Luftschwingungen aufzunehmen, um +durch diese Vereinigung größere Wirkungen hervorzubringen. Aehnlich +verhält es sich mit ihrem Geruchs- und Geschmackssinne, mit ihrer +Anhänglichkeit und vielleicht noch einer Menge anderer Sinne, die uns +alle unbekannt sind. Wie aber die Vorgänge in der Seele jene in den +Organen abbilden, werde ich sogleich auseinander setzen. + + +26. + +Das Gedächtniß bringt die Seelenthätigkeiten in eine Art regelmäßiger +Aufeinanderfolge, die der Vernunft sehr ähnlich sieht, aber von ihr +unterschieden werden muß. So sehen wir, daß Thiere, sobald sie eine +Vorstellung von Etwas haben, das ihnen auffällt, und wovon sie schon +einmal eine ähnliche gehabt haben, auf dasjenige, was damals mit der +ähnlichen Vorstellung verknüpft war, aufmerksam und auf diese Weise zu +ähnlichen Empfindungen fortgeleitet werden, wie sie damals hatten. Zeigt +man z. B. dem Hunde den Stock, so entsinnt er sich der Schmerzen, die er +ihm einst verursachte, heult und läuft davon. + + +27. + +Die heftige Einbildung, die ihm hier Schrecken einjagt und ihn +aufscheucht, kommt entweder von der Stärke oder der Menge der +vorhergehenden Vorstellungen. Oft bringt ein einziger starker und +lebhafter Eindruck auf einmal die Wirkung einer langgehegten Gewohnheit +oder vieler mit geringer Kraft, aber oft wiederholter Vorstellungen +hervor. + + +28. + +So lange nun die Aufeinanderfolge der Vorstellungen vom Gedächtnisse +allein abhängt, handeln die Menschen wie die Thiere, ähnlich den roh +empiristischen Aerzten, die ohne Theorie bloße Routine besitzen. In drei +Viertheilen unserer Handlungen sind wir reine Erfahrungsmenschen. +Behaupten wir z. B. es werde morgen wieder ein Tag sein, so urtheilen +wir der Erfahrung nach, weil dies bisher immer so der Fall gewesen. Nur +der Astronom fällt dieses Urtheil mit Bewußtsein der vernünftigen +Gründe. + + +29. + +Was uns von dem gewöhnlichen Thiere unterscheidet, ist allein die +Erkenntniß der wirklich nothwendigen und ewigen Wahrheiten. Diese gibt +uns Vernunft und Wissen, denn sie erhebt uns zur Erkenntniß Gottes und +unser selbst. Diese allein auch nennen wir die vernünftige Seele in uns +oder den Geist (_esprit_). + + +30. + +Mittels der Erkenntniß der nothwendigen Wahrheiten und ihrer +Abstractionen erheben wir uns endlich zu den Acten des reflectirenden +Denkens, zum Gedanken des Ichs und zu der Betrachtung unseres Innern. +Auf dem Wege des Nachdenkens über uns selbst gelangen wir dann zum +Begriffe des Wesens, der Substanz, des Stofflosen (_immatériel_) und +endlich Gottes selbst, indem wir einsehen lernen, daß was in uns +beschränkt vorhanden ist, in ihm ohne Grenzen sei. Und dieses Denken +verschafft uns die Hauptgegenstände unsrer weiteren Untersuchungen. + + +31. + +Unsere Schlüsse stützen sich auf zwei Hauptgrundsätze: jenen des +Widerspruchs (_principe de la contradiction_), kraft dessen wir +dasjenige für falsch erklären, was einen Widerspruch enthält, und +dasjenige für wahr halten, was dem Falschen entgegengesetzt oder +widersprechend ist; + + +32. + +und auf jenen des zureichenden Grundes (_principe de la raison +suffisante_), kraft dessen wir schließen, daß keine Thatsache wahr oder +wirklich, kein Satz wahrhaft sein könne, ohne daß ein hinreichender +Grund vorhanden ist, warum es sich so und nicht anders verhalte, +obgleich diese Gründe sehr häufig uns weder sämmtlich bekannt sind, noch +es jemals werden. + + +33. + +So gibt es auch zwei Classen von Wahrheiten, jene der Vernunft- und jene +der Erfahrungswahrheiten (_verités de fait_). Die Vernunftwahrheiten +sind nothwendig und ihr Gegentheil ist unmöglich, die Erfahrungswahrheiten +zufällig und ihr Gegentheil möglich. Sobald eine Wahrheit +nothwendig ist, lassen sich durch Analyse ihre Gründe auffinden, +indem man sie in Begriffe (_idées_) und einfachere Wahrheiten +auflöst, bis man zu den Grund- oder primitiven Wahrheiten gelangt(6). + + (6) Die Stelle: »_Il-y-a aussi deux sortes des verités, celles de + raisonnement et celles de fait. Les verités de raisonnement sont + nécessaires et leur opposé est impossible, et celles de fait sont + contingentes et leur opposé est possible_« fehlt in den lateinischen + Ausgaben. + + +34. + +Auf ähnliche Weise führen die Mathematiker ihre speculativen Theorien +und praktischen Canones auf Definitionen, Axiome und Forderungen +(_demandes_) zurück. + + +35. + +Endlich gibt es hier auch einfache Begriffe, von denen keine Definition +möglich ist, ferner unbeweisbare Lehrsätze und Forderungen, mit Einem +Wort, erste Grundsätze, bei denen ein Beweis weder möglich noch +nothwendig ist, und dies sind die identischen Sätze, deren Gegentheil +einen ausdrücklichen Widerspruch enthält(7). + + (7) Die Stelle: »_dont l'opposé contient une contradiction expresse_,« + fehlt in den lateinischen Ausgaben. + + +36. + +Ein solcher zureichender Grund muß sich aber auch bei den zufälligen +oder Erfahrungswahrheiten aufzeigen lassen, d. i. in der +Aufeinanderfolge der Dinge, die durch die geschaffene Welt ausgebreitet +liegen. Wo nicht, so könnte die Auflösung in Theilgründe wegen der +unendlichen Mannigfaltigkeit der Naturdinge und der unendlichen +Theilbarkeit der Körper sich in grenzenlose Einzelnheiten verlieren. So +gibt es eine Unzahl von Dingen und Bewegungen, die zusammengenommen die +bewirkende Ursache meines gegenwärtigen Schreibens ausmachen, und ebenso +eine unendliche Menge gegenwärtiger und vergangener Neigungen und +Stimmungen meines Geistes, die alle zur Endursache desselben beitragen. + + +37. + +Weil aber jede dieser Einzelursachen nur wieder weiter auf neue, noch +mehr in's Einzelne gehende zufällige Ursachen führt, deren jede, um +abermals begründet zu werden, einer ähnlichen Analyse bedarf: so kommt +man damit allein nicht vorwärts, und der wahre zureichende Grund muß +außerhalb der Reihe (_series_) der zufälligen Einzelursachen, die sich +bis in's Unendliche fortsetzen kann, gelegen sein. + + +38. + +Der letzte Grund der Dinge muß sich daher in einer nothwendigen Substanz +vorfinden, in welcher sämmtliche Veränderungen formaliter +(_éminemment_), als in ihrem Urquell, ihren Grund haben, und diese ist +es, welche wir Gott nennen. + + +39. + +Weil nun diese Substanz der zureichende Grund des Ganzen und dieses in +allen seinen Theilen auf das Engste verbunden ist, so gibt es nicht mehr +als Einen Gott, und dieser genügt. + + +40. + +Ferner kann man schließen, daß diese letzte Substanz, einzig, +allumfassend und nothwendig, wie sie ist, da sie nichts außer sich hat, +das von ihr unabhängig wäre, und selbst nichts ist, als schlechthin die +Folge der Möglichkeit ihres eigenen Wesens, auch keiner Grenzen fähig +sein darf, und alle nur mögliche Realität besitzen muß. + + +41. + +Hieraus folgt, daß Gott absolut vollkommen ist. Denn die Vollkommenheit +ist nichts Anderes, als die Größe aller positiven Realität, absolut +genommen, mit Beiseitesetzung aller Grenzen und Schranken der Dinge in +der Welt. Und nur dort, wo es keine Schranken gibt, also bei Gott, ist +die Vollkommenheit absolut unendlich(8). + + (8) Die Stelle: »_la perfection est absolument infinie_,« fehlt in den + lateinischen Ausgaben. + + +42. + +Ferner folgt daraus, daß die Geschöpfe ihre relative Vollkommenheit +durch den Einfluß Gottes besitzen, ihre Unvollkommenheiten dagegen durch +Schuld ihrer eigenen Natur, die sich der Schranken nicht zu entäußern +vermag. Darin beruht ihr Unterschied von der Gottheit. + + +43. + +Es ist ferner wahr, daß Gott die Quelle ist nicht allein des Seins +(_existence_), sondern auch des Wesens (_essence_), so weit es wirklich +(_réel_) ist; also dessen, was wirklich ist in der Möglichkeit (_réel +dans la possibilité_). Denn der göttliche Verstand ist das Reich der +ewigen Wahrheiten oder der Begriffe, von welchen diese beherrscht +werden, so daß es ohne ihn nichts Reelles in der Möglichkeit, und nicht +nur nichts Existirendes, sondern sogar nichts Mögliches gibt. + + +44. + +Dabei versteht sich, daß, wenn es eine Realität gibt, in dem Wesen der +Dinge oder in ihren Möglichkeiten, oder selbst in den ewigen Wahrheiten: +diese Realität sich stützen muß auf etwas Existentes und Actuelles, +folglich auf die Existenz des nothwendigen Wesens, in welchem die Essenz +die Existenz einschließt, und für welches es hinreicht, möglich, um auch +schon wirklich zu sein. + + +45. + +Gott allein also (das nothwendige Wesen) hat das Privilegium mit +Nothwendigkeit zu existiren, sobald er nur möglich ist. Und weil Niemand +die Möglichkeit dessen läugnen wird, was weder von Schranken +umschlossen, noch durch irgend eine Negation oder einen Widerspruch +gestört wird, so reiche das Gesagte hin, Gottes Dasein _a priori_ zu +erkennen. Wir haben dasselbe auch aus der Existenz der nothwendigen +Wahrheiten bewiesen. Kurz zuvor aber auch _a posteriori_ aus dem Dasein +zufälliger Dinge, die ihren letzten oder zureichenden Grund nur in jenem +nothwendigen Wesen haben können, das den Grund seiner Existenz in sich +selbst trägt. + + +46. + +Dabei braucht man aber gar nicht, wie Einige gethan, sich einzubilden, +die ewigen Wahrheiten seien, weil abhängig von Gott, auch willkürlich +und seinem Belieben anheimgestellt, wie =Descartes= und nach ihm +=Poiret=(9) geglaubt zu haben scheinen. Dies gilt nur von den zufälligen +(_contingentes_) Wahrheiten, deren Princip die Zuträglichkeit +(_convenance_) oder die Wahl des Besten ist, während die nothwendigen +Wahrheiten einzig von seinem Verstande, dessen innere Objecte sie +ausmachen, abhängen(10). + + (9) Peter =Poiret=, geb. 1646 zu Metz, gehörte anfangs zu den + lebhaftesten Anhängern des =Cartesius=. Grund zu seiner Berühmtheit + legte er durch sein Werk: _Cogitationes rationales de anima et malo_, + Amsterdam 1685. Darin bewies er unter Anderem, daß eine Seele nie ohne + Körper sein könne, sondern jedesmal bei'm Austreten aus demselben + dasjenige Organ, mit welchem sie am innigsten und nächsten verknüpft + gewesen, ihr unmittelbares Seelenorgan, mit sich nehme. Von diesem + Satze machte er später mancherlei Anwendung, um die Transfiguration + u. A. auf natürliche Weise zu erklären. Zuletzt ward er ein eifriger + Vertheidiger der mystischen Schwärmerin Antoinette =Bourguignon=, und + suchte mit Hilfe jenes Satzes ihre Visionen zu vertheidigen. Deshalb + vielfach verfolgt und angegriffen, starb er endlich nach öfterem + Aufenthaltswechsel als Expfarrer zu Reimsberg bei Leyden 1719. =Bayle= + behandelt ihn als einen gelehrten, aber exaltirten Schwärmer, wie er + diesem scharfen Verstandesmenschen auch nicht anders erscheinen + konnte. Auch ist es Schade, daß er den wahren und folgenreichen + Gedanken, daß eine Seele, um zu wirken, eines Organs, und zwar eines + solchen, auf welches sie unmittelbar wirkt, bedürfe, eines solchen + daher zu keiner Zeit entbehren könne, durch seine Theilnahme an + mystischen Abenteuerlichkeiten verdächtigte und sich dadurch auch dort + um das Vertrauen brachte, wo er die Wahrheit sprach. + + (10) Die Stelle: »_Dont le principe est la convenance ou le choix du + Meilleur_« fehlt in den lateinischen Ausgaben. + + +47. + +So ist Gott allein die ursprüngliche Einheit oder die =einfache +ursprüngliche= Substanz, deren Productionen alle abgeleiteten oder +geschaffenen Monaden sind, welche, wenn man sich dieses Bildes bedienen +darf, von Moment zu Moment durch beständige Ausstrahlungen +(_fulgurations_) der Gottheit entstehen, welche in ihrer Thätigkeit nur +durch die wesentlich begrenzte Empfänglichkeit der Creatur beschränkt +wird. + + +48. + +In Gott ist die Macht, die Quelle von Allem, was ist, die Erkenntniß, +die den ganzen Umfang der Begriffe umfaßt, und endlich der Wille, der +nach dem Princip der Wahl des Besten Veränderungen bewirkt und Neues +schafft. Diese Eigenschaften entsprechen in Gott demjenigen, was in den +Monaden das Subject oder die Grundlagen ausmacht, dem Vorstellungs- und +Begehrungsvermögen. In Gott aber sind sie absolut, unendlich oder +vollkommen, während sie in den Entelechieen oder geschaffenen Monaden +(nach _Hermolaus Barbarus_ Uebersetzung: _perfectihabiis_) bloße +Nachbildungen der Seinigen nach Maßgabe der jeweiligen Vollkommenheit +der Monade sind. + + +49. + +Das Geschöpf soll nach außen so viel thätig sein, als es Vollkommenheit +besitzt, und von Anderen in gleichem Maaße leiden, als es unvollkommen +ist. Man legt daher der Monade Thätigkeit (_action_) in dem Verhältnisse +bei, als sie deutliche Vorstellungen hat, und Schwäche (_passion_) im +Verhältniß, je nachdem diese verworren sind. + + +50. + +Ein Geschöpf ist vollkommener als ein Anderes, sobald man an ihm etwas +findet, was den vollständigen reinapriorischen Grund dessen abgeben +kann, was an einem Anderen geschieht und deshalb sagt man, es wirke auf +dies Andere. + + +51. + +Aber unter den einfachen Substanzen herrscht nur ein idealer Einfluß +einer Monade auf die andere, und dieser gelangt zu seiner Wirksamkeit +nicht anders, als durch die Dazwischenkunft Gottes selbst, indem in +seinem Gedankenkreise jede Monade mit Recht verlangen kann, daß er bei +Anordnung und Regelung der übrigen von Anbeginn der Dinge her auch auf +sie Rücksicht nehme. Denn da keine geschaffene Monade einen physischen +Einfluß auf das Innere einer anderen nehmen kann, so bleibt dies als das +einzige Mittel übrig, um die eine in der Abhängigkeit von der andern zu +erhalten. + + +52. + +Daher sind auch zwischen den geschaffenen Substanzen Thätigsein und +Leiden wechselseitig. Denn Gott findet, sobald er zwei einfache +Substanzen vergleicht, in jeder derselben Gründe, die ihn bestimmen, die +eine derselben der anderen anzupassen, woraus folgt, daß diejenige, die +uns von einem Gesichtspunkte aus als thätig erschien, uns von einem +anderen aus als leidend erscheinen kann; und zwar thätig, insofern +dasjenige, was man an ihr deutlich zu erkennen im Stande ist, dazu +dient, den Grund dessen abzugeben, was an der anderen vorgeht; leidend +aber, insofern der Grund dessen, was so eben in ihr geschieht, in +demjenigen anzutreffen ist, was so eben an der andern Monade mit +Deutlichkeit unterschieden werden kann. + + +53. + +Da es aber unter Gottes Vorstellungen eine unendliche Menge möglicher +Welten gibt, und doch nur eine einzige davon zur Wirklichkeit gelangen +kann, so muß es zu Gottes Wahl einen zureichenden Grund geben, der ihn +zu der einen mehr als zu der andern bestimmte. + + +54. + +Dieser Grund konnte sich nur in der Zuträglichkeit vorfinden, in den +Stufen der Vollkommenheit, welche diese Welten besaßen, weil jede im +geraden Verhältnisse ihrer größeren oder geringeren Vollkommenheit (mehr +oder weniger) das Recht hat, eine ihr angemessene Existenz zu begehren. + + +55. + +Dies ist die Ursache des Daseins der besten Welt, welche Gott vermöge +seiner Weisheit erkannte, vermöge seiner Güte wählte, und kraft seiner +Macht erschuf. + + +56. + +Diese innige Verknüpfung (_liaison_) oder die (vollkommene) +Uebereinstimmung aller geschaffenen Dinge mit jedem einzelnen und jedes +einzelnen mit allen übrigen macht, daß jede einfache Substanz +Beziehungen (_rapports_) an sich trägt, die ein Abdruck aller Uebrigen +(einfachen Substanzen) sind, und folglich jede einzelne gleichsam als +ein lebender immerwährender Spiegel des gesammten Universums erscheint. + + +57. + +Und wie eine und dieselbe Stadt, von verschiedenen Seiten angesehen, +immer als eine andere, und gleichsam vervielfältigt erscheint, so kann +es geschehen, daß wegen der unendlichen Menge einfacher Substanzen es +eben so viele verschiedene Welten zu geben scheint, die, genauer +besehen, nichts Anderes sind, als die verschiedenen Ansichten der +einzigen von den verschiedenen Standpunkten der einzelnen Monaden +angesehenen Welt. + + +58. + +Hierin aber liegt das Mittel, die größtmögliche Mannigfaltigkeit und +doch in der größtmöglichen Ordnung zu erhalten, oder, was dasselbe ist, +der Weg, die größtmögliche Vollkommenheit herzustellen. + + +59. + +Auch ist es nur diese Annahme allein -- ich wage es, sie für bewiesen zu +halten(11), -- die das Ansehen der Größe Gottes, so wie es sich gebührt, +wieder herzustellen vermag. Dies gesteht selbst =Bayle= und bemerkt zu +seinen Einwürfen (_Dict. hist. crit. art. Rorarius_(12)) blos, ich weise +Gott zu viel, und mehr als zu leisten möglich, zu. Aber er vermag nicht +einen Grund beizubringen, warum diese allgemeine Uebereinstimmung +(_harmonie universelle_), welche macht, daß jede Substanz mittels ihrer +allseitigen Beziehungen ein Bild aller übrigen liefere, unmöglich sein +sollte. + + (11) Die Stelle: »_Que j'ose dire demontrée_,« fehlt in den latein. + Ausgaben. + + (12) Vgl. die Abhandlung am Schlusse. + + +60. + +Man sieht übrigens aus dem Gesagten die Gründe ein, warum der Lauf der +Dinge gerade der und kein anderer sein kann, der er ist. Gott hat bei +Anordnung des Ganzen ein Auge auf jeden Theil desselben, auf jede Monas +insbesondere, deren einmal vorstellende Natur durch Nichts genöthigt +werden kann, gerade nur eine bestimmte Partie der Dinge außer sich +vorzustellen. Nichtsdestoweniger ist es klar, daß diese +Gesammtvorstellung des ganzen Weltalls im Einzelnen nicht anders als +verworren ausfallen und nur ein kleiner Theil der Dinge deutlich +vorgestellt werden kann, nämlich derjenige, den jene Dinge ausmachen, +welche jeder Monade die nächsten, oder im Vergleiche mit ihr die größten +sind; sonst müßte jede Monade Gott sein. Die Beschränktheit der Monade +liegt nicht in der Zahl der Gegenstände, welche sie vorstellt, sondern +in der besonderen Beschaffenheit ihrer Kenntniß von denselben. Alle +Monaden gehen auf die Erkenntniß des Unendlichen, des Ganzen aus, aber +sie sind beschränkt und unterschieden von demselben durch die +Deutlichkeitsgrade ihrer Vorstellungen. + + +61. + +Hierin kommen zusammengesetzte und einfache Substanzen überein. Denn +weil der ganze Raum erfüllt, daher alle Materie dicht ist, ferner im +erfüllten Raume jede Bewegung auf entfernte Körper eine dieser +Entfernung proportionirte Wirkung ausübt, so daß jeder Körper nicht nur +von jenem Körper afficirt wird, der auf ihn wirkt, und gewissermaßen +Alles mitempfindet, was diesem zustößt, sondern durch dessen Vermittlung +auch an den Zuständen jener Körper theilnimmt, die mit dem ersten, von +welchem er unmittelbar berührt wird, in Verbindung gerathen: so folgt, +daß diese Mittheilung auf was immer für eine Entfernung hinaus sich +fortpflanzen könne. Mithin empfindet jeder Körper Alles mit, was im +ganzen Universum geschieht, und der Allsehende liest gleichsam in jeder +einzelnen Monade, was in allen Uebrigen geschieht, geschah und geschehen +wird. So nimmt er in der Gegenwart Dinge wahr, die der Zeit und dem Orte +nach entlegen sind; ihm sind, wie =Hippokrates= sagte: σύμπνοια πάντα. +Aber in sich selbst kann eine Seele nichts Anderes lesen, als was sie +deutlich vorstellt. Daher kann sie auch nicht mit Einemmale alle ihre +Bilder enthüllen, denn diese gehen in's Unendliche. + + +62. + +Obgleich also jede geschaffene Monade das Universum vorstellt, hat sie +doch eine deutlichere Vorstellung nur von dem Körper, der ihr selbst als +Individuum angehört, und dessen Entelechie sie ist. Weil aber dieser +Körper durch seinen Zusammenhang mit der den Raum erfüllenden Materie +auch mit dem ganzen Universum in Verbindung steht, so stellt die Seele, +indem sie ihren eigenen Körper vorstellt, das Universum selbst vor. + + +63. + +Der Körper einer Monade, dessen Entelechie oder Seele sie ist, macht mit +dieser Entelechie dasjenige aus, was man ein lebendes Wesen (_vivant_) +nennen kann, mit einer Seele verbunden jedoch dasjenige, was wir ein +Thier (_animal_) nennen wollen. Der Körper eines Lebendigen sowohl als +der eines Thieres ist immer organisch, denn jede Monade ist in ihrer Art +ein Spiegel des Universums; und weil dieses selbst nach einer +vollkommenen Ordnung eingerichtet ist, so folgt, daß auch in den auf +dasselbe bezüglichen Vorstellungen der Seele, folglich auch im Körper, +als dem Mittel, mit Hilfe dessen die Seele das Universum sich vorstellt, +eine solche herrschen müsse. + + +64. + +Jeder derartige organische Körper eines lebenden Wesens ist eine Art +göttlicher Maschine, ein natürlicher Automat, der alle künstliche +Automaten unendliche Mal übertrifft. Denn eine Maschine von Menschenhand +hört in ihren kleinsten Theilen schon auf, Maschine zu sein, und der +Zahn eines messingenen Rades z. B. hat Theile und Bestandstücke, die für +uns nichts Kunstreiches mehr sind und nichts an sich tragen, was noch in +Bezug zu dem Nutzen der Maschine stünde, zu welcher das Rad gehört. Die +Maschinen der Natur dagegen, die lebenden Körper, sind noch bis in ihre +kleinsten Theile, ja bis in's Unendliche herab Maschinen. Dies macht den +Unterschied aus zwischen Natur und Kunst d. i. zwischen der göttlichen +Kunst und der unseren. + + +65. + +Der Urheber der Natur konnte dies göttliche und unendlich vollkommene +Werk vollenden, weil jeder Theil der Materie nicht nur, wie schon die +Alten erkannten, in's Unendliche theilbar, sondern auch wirklich ohne +Ende in Theile und Theile der Theile untergetheilt ist, deren jeder +eigene Bewegung hat. Sonst wäre es unmöglich, daß jeder Theil der +Materie das ganze Universum darstellte. + + +66. + +Hieraus sieht man nun, daß es noch in den kleinsten Theilen der Materie +eine Welt von Geschöpfen, Entelechieen und Seelen gibt. + + +67. + +Jeder Theil der Materie kann angesehen werden als ein Garten voll +Pflanzen oder ein Teich voll Fische. Aber jeder Zweig der Pflanze, jedes +Glied des Thieres, jeder Tropfen seiner Säfte ist noch ein solcher +Garten und ein solcher Teich. + + +68. + +Und obgleich Erde und Luft, die sich zwischen den Pflanzen eben so wie +das Wasser zwischen den Fischen befinden, selbst weder Pflanze noch +Fisch sind, enthalten sie deren doch in sich, aber meist von einer für +unsere Organe nicht mehr wahrnehmbaren Feinheit. + + +69. + +Also gibt es nichts Unangebautes, nichts Unfruchtbares, nichts Todtes im +Universum, kein Chaos, keine Verwirrung, außer im äußeren Scheine; fast +wie uns aus der Entfernung gesehen das Treiben in einem Teiche +erscheinen würde, worin wir eine verwirrte wimmelnde Bewegung der Fische +wahrnehmen, ohne diese selbst zu unterscheiden. + + +70. + +Hieraus wird ferner offenbar, daß jeder lebende Körper eine herrschende +Entelechie hat, die im Thiere zur Seele wird; aber die Glieder jedes +lebenden Wesens sind voll von anderen lebenden Wesen, Pflanzen und +Thieren, deren jedes wieder seine eigene herrschende Entelechie, seine +eigene Seele hat. + + +71. + +Keineswegs aber darf man sich mit Einigen, die meine Ideen mißverstanden +haben, vorstellen, daß jede Seele ihre eigene Masse, ihre besondere +Portion Materie besitze, und an diese für immer gebunden sei, daß ihr +also gewisse untergeordnete Wesen unterworfen und zu ihrem +immerwährenden Dienste bestimmt seien. Denn all diese Körper sind wie +Bäche in fortwährendem Flusse begriffen, und beständig gehen Theile +derselben ein und aus. + + +72. + +Also vertauscht die Seele den Körper nur Theil um Theil und stufenweise, +so zwar, daß sie niemals auf einmal von allen ihren Organen sich +entblößt, und es zwar häufig Metamorphosen im thierischen Leben gibt, +aber niemals Metempsychosen oder Seelenwanderungen. Gänzlich isolirte +Seelen gibt es eben so wenig, als körperlose Geister (_génies_); Gott +ist von einem Körper völlig frei(13). + + (13) Die Stelle: »_Dieu en est détaché entièrement_« fehlt in den + latein. Ausgaben. + + +73. + +Eben deshalb gibt es auch eben so wenig eine Erzeugung, die von Grund +aus neu wäre, als es einen völligen Tod in strengem Sinne des Worts +gibt, in welchem er eine völlige Trennung der Seele von (jedem) Körper +bedeutet. Was wir Geburt (_génération_) nennen, ist Enthüllung und +Zunahme, so wie der sogenannte Tod blos Verhüllung und Abnahme ist. + + +74. + +Die Philosophen waren einst sehr verlegen um den Ursprung der +substantiellen Formen, der Entelechieen und der Seelen. Seit es sich +jedoch heutzutage durch genaue Untersuchungen an Pflanzen, Insecten und +anderen Thieren gezeigt hat, daß organische Körper in der Natur niemals +durch einen Fäulniß- oder anderen chaotischen Proceß erst erzeugt +werden, sondern immer aus Samen, in welchem es ohne Zweifel schon eine +Vorbildung (_préformation_) derselben gab, so schloß man, daß nicht nur +der organische Körper vor der Empfängniß, sondern sogar eine Seele in +ihm, mit einem Wort das ganze Thier selbst schon da sei, und daß mittels +der Empfängniß dieses Thierchen nur fähig gemacht werde, durch eine mit +ihm vorgehende bedeutende Umwandlung ein Thier einer anderen Gattung zu +werden. Schon außerhalb des Zeugungsprocesses erblickt man etwas +Aehnliches, wenn man Würmer sich in Fliegen, Raupen in Schmetterlinge +verwandeln sieht. + + +75. + +Diese Thierchen, deren einige durch die Empfängniß auf die Stufe der +höchsten Thiergattungen erhoben werden, kann man Samenthierchen +(_spermatiques_) nennen. Jene unter ihnen, die in ihrer Gattung +verbleiben -- der bei weitem größere Theil(14) -- vermehren sich und +gehen unter wie die großen Thiere, und es ist nur eine kleine Zahl von +Auserwählten, die auf eine höhere Lebensbühne übertreten. + + (14) _c'est-à-dire, la plupart_ fehlt in den lat. Ausgaben. + + +76. + +Aber dies wäre nur die halbe Wahrheit; schon oben behauptete ich, wenn +ein Thier auf natürlichem Wege keinen Anfang nimmt, so könne es auch auf +einem solchen nicht enden; es gebe daher auf Erden weder eine wahre +Geburt, noch eine gänzliche Vernichtung oder eigentlichen Tod. Die +Schlüsse, die wir jetzt eben aus Erfahrung abgeleitet und _a posteriori_ +gemacht haben, stimmen vollkommen mit den früher _a priori_ entwickelten +Principien überein. + + +77. + +Es ist also jetzt zu sagen erlaubt, nicht nur, daß die Seele als Abbild +eines unzerstörbaren Weltalls, sondern daß auch ein jedes Thier +unzerstörbar sein müsse, obgleich seine Maschine oft theilweise zu +Grunde geht und es seine organische Hülle bald anzieht, bald ablegt. + + +78. + +Diese Grundsätze geben uns nun auch ein Mittel an die Hand, auf sehr +natürliche Weise die Einheit, oder besser, die Uebereinstimmung der +Seele und des organischen Körpers zu erklären. Die Seele folgt ihren +eigenen Gesetzen, der Körper den seinigen, und beide treffen kraft der +zwischen den Substanzen vorherbestimmten Harmonie (_harmonie +preétablie_) zusammen, weil sie beide Darstellungen desselben Universums +sind. + + +79. + +Die Seelen handeln nach den Gesetzen der Endursachen mittels Begehren, +Zwecken und Mitteln. Die Körper handeln nach den Gesetzen der wirkenden +Ursachen, oder der Bewegung. Und diese zwei Reiche, jenes der +Endursachen und dieses der wirkenden Ursachen, sind untereinander +harmonirend. + + +80. + +=Descartes= erkannte, daß die Seelen den Körpern keine Kraft mittheilen +könnten, aus dem Grunde, weil sich in der Materie immer dasselbe Quantum +von Kraft vorfindet. Doch glaubte er, es vermöge die Seele die Richtung +der Körper abzuändern. Zu seiner Zeit wußte man noch nichts von dem +Naturgesetze, welches die Beibehaltung derselben Totalrichtung schon in +die Materie hineinlegt. Hätte er dieses gekannt, so wäre er ohne Zweifel +auf das System der prästabilirten Harmonie verfallen. + + +81. + +Dieses System bewirkt, daß die Körper handeln, als ob sie, was unmöglich +ist, gar keine Seelen besäßen, und die Seelen handeln, als ob sie keine +Körper hätten, und doch alle beide so handeln, als wirkten die Einen auf +die Anderen. + + +82. + +In Betreff der Geister als der vernünftigen Seelen, meine ich nun zwar, +daß das so eben von Thieren und lebenden Wesen Gesagte auch von ihnen +gelte, nämlich daß Thier und Seele nur mit der Welt zugleich einen +Anfang und ein Ende nehmen können; allein es gilt doch bei den +vernunftfähigen Thieren insbesondere, daß ihre kleinen Samenthierchen, +so lange sie nichts mehr sind, als dies, blos empfindende gewöhnliche +Seelen haben, die erst von dem Augenblicke an, da die unter ihnen +Auserwählten, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, durch eine wirkliche +Empfängniß zur menschlichen Natur gelangen, sich zur Stufe der Vernunft +und zu den Vorrechten des Geistes erheben. + + +83. + +Unter anderen Verschiedenheiten zwischen gewöhnlichen Seelen und +eigentlichen Geistern, davon ich bereits einen Theil aufgezählt habe, +ist auch noch diese, daß die Seelen im Allgemeinen blos lebende Bilder +der geschaffenen Welt, die Geister aber noch überdies Abbilder der +Gottheit selbst als des Urhebers der Natur sind; denn sie sind fähig, +das Universum zu erkennen und in eigenen architektonischen Probestücken +theilweise nachzuahmen, denn ein jeder Geist ist in seinem Kreise eine +kleine Gottheit. + + +84. + +Dies macht auch, daß die Geister in gewisser Art mit Gott in +Gemeinschaft treten können, und daß er in Rücksicht auf sie nicht blos +in dem Verhältniß des Erfinders zu seiner Maschine (wie zu seinen +anderen Geschöpfen), sondern in dem eines Fürsten zu seinen Unterthanen, +oder besser, eines Vaters zu seinen Kindern steht. + + +85. + +Die Gemeinschaft aller dieser Geister macht zusammen die Stadt Gottes +aus, den vollkommensten möglichen Staat unter dem vollkommensten +Monarchen. + + +86. + +Diese Stadt Gottes, diese im wahren Sinne des Worts allumfassende +Monarchie, eine moralische Welt in der natürlichen, das Erhabenste und +Göttlichste der Werke Gottes, ist zugleich dasjenige, worin sein Ruhm +wahrhaft besteht, weil dieser gar nicht vorhanden wäre, wenn seine Güte +und Größe nicht von Geistern erkannt und bewundert würde. In seinem +Verhältnisse zu dieser Stadt Gottes ist es vorzüglich, worin seine Güte +anschaulich wird, während seine Macht und Weisheit sich allenthalben +zeigen. + + +87. + +Wie wir oben eine vollkommene Harmonie zwischen zwei Naturreichen, jenem +der wirkenden und jenem der Endursachen aufgestellt haben, so müssen wir +hier noch eine Harmonie zwischen dem physischen Reiche der Natur und dem +moralischen der Gnade in Betracht ziehen, d. i. die Uebereinstimmung, +die zwischen Gott als Baumeister des mechanischen Weltgebäudes und Gott +als Regenten der göttlichen Stadt betrachtet, herrscht. + + +88. + +Diese Harmonie macht, daß die Dinge auf dem Wege der Natur selbst zu der +Gnade geführt werden, und daß diese Erdkugel z. B. in demselben +Augenblicke auf natürlichem Wege vernichtet und wieder hergestellt +werden würde, in welchem es die Regierung der Geisterwelt zur Züchtigung +der Einen oder zur Belohnung der Anderen verlangen möchte. + + +89. + +Man kann hinzufügen, daß Gott als Weltbaumeister sich selbst als +Gesetzgeber vollkommen befriedige, und daß daher die Sünder ihre Strafe +nach der Ordnung der Natur und nach dem mechanischen Zusammenhange der +Dinge unter einander selbst mit sich tragen müssen, und eben so die +guten Handlungen ihre Belohnungen, so weit sie die Körper angehen, auf +mechanischem Wege nach sich ziehen, obgleich dies weder immer sogleich +geschehen kann, noch auch soll. + + +90. + +Endlich würde es unter dieser vollkommenen Regierung weder eine gute +Handlung ohne Belohnung, noch eine schlechte ohne Strafe geben, und +Alles müßte zuletzt zum Wohle der Guten, d. i. derjenigen ausschlagen, +welche zufrieden sind in diesem großen Staate, welche nach gethaner +Pflicht sich der Vorsehung anheimstellen, welche, wie sich gebührt, den +Urheber alles Guten lieben und nachahmen, und sich an der Betrachtung +seiner Vollkommenheiten mit jener wahren reinen Liebe erfreuen, die uns +ein Vergnügen finden läßt an der Glückseligkeit des geliebten +Gegenstandes. Diese Liebe ist es, die weise und tugendhafte Personen +anspornt, an allem dem mit allem Kraftaufwande zu arbeiten, was dem +vermutheten oder vorangehenden Willen Gottes gemäß scheint. Diese Liebe +ist es, die sie zufrieden sein läßt, was auch Gottes geheimer, +bestimmter und beständiger Wille immer senden mag, weil sie erkennen, +daß wir bei gehöriger Einsicht in die Ordnung des Universums finden +müßten, daß diese alle Wünsche, auch die weisesten, weit übersteigt, und +es unmöglich ist, sie besser zu machen; -- besser zu machen, nicht nur +für das Ganze, sondern für uns selbst insbesondre, wenn wir uns +pflichtgemäß an den Urheber des Alls anschließen, an ihn, nicht nur als +den Baumeister der Welt und Urgrund unseres Daseins, sondern als unsern +Herrn und Endzweck, der das Ziel unseres Wollens bleiben soll und der +einzige Urheber unsrer Glückseligkeit. + + + + +Ueber Leibnitz' und Herbart's Theorieen des wirklichen Geschehens. + +Eine Abhandlung zur Geschichte des Monadismus. + + +Unter den Fragen der monadistischen Metaphysik spielt jene, ob in der +wirklichen Welt eine nach außen gehende (transeunte) Wirksamkeit +stattfinde oder nicht, eine der wichtigsten Rollen. Abgesehen von den +seltsamen Hypothesen =Leukipp='s, =Epikur='s und =Demokrit='s, hat auch +die gesammte neuere Metaphysik, selbst wenn sie sich nicht zur Annahme +der Alleinheit oder des absoluten Werdens wie =Spinoza= bekannte, von +=Descartes= und =Malebranche= anzufangen bis auf =Leibnitz= und =Wolff= +die Möglichkeit einer solchen zwischen den geschaffenen Substanzen, also +mit Ausschluß der göttlichen, bestritten, und besonders =Leibnitz= an +ihrer statt seine berühmte oder berüchtigte prästabilirte Harmonie +erfunden. Der Widerspruch, in den er bei dieser Läugnung des äußeren +Einflusses unter Substanzen mit unserer Gewohnheit und inneren Nöthigung +gerieth, einen solchen vorauszusetzen, veranlaßte die Skeptiker nach +=Locke='s und =Hume='s Vorgang, den Causalzusammenhang, dessen Erklärung +so schwierig, ja unmöglich schien, in eine bloße Gewohnheit des +denkenden und auffassenden Subjects, in eine Regel der Zeitfolge zu +verwandeln. =Kant= ging noch weiter und indem er die Frage nach dem Wie +des Causalzusammenhanges zwischen den wirklichen Dingen an sich ganz +außer das Bereich des menschlichen Erkenntnißvermögens verwies, machte +er dessen Voraussetzung unsererseits zu einer bloßen Verstandeskategorie. +Die Idealisten sprachen ihr als einer solchen vollends alle +Verbindlichkeit für das Reale ab, ohne des Widerspruchs +gewahr zu werden, in den sie sich hiedurch mit ihrer gleichzeitigen +Annahme unüberwindlicher »Schranken« des Ichs verwickelten, welche auf +nichts Anderes als ein Beschränkendes von außen hinweisen konnten. Als +sich der Idealismus von einem blos subjectiven und particularen zum +transcendentalen und absoluten erweiterte, konnte es nicht weiter +befremden, daß, wo alle einzelnen Wesen in der Allheit eines Einzigen +verschwanden, auch die Wirksamkeit des Einen auf das Andere aufhörte, +und wo die Immanenz und _causa sui_ zum alleingiltigen Princip erhoben +wurden, auch der Begriff einer transeunten Wirksamkeit keinen Raum fand. +Desto auffallender muß es erscheinen, daß gerade dasjenige System, +welches in neuerer Zeit sich am meisten wieder dem vernünftigen +Monadismus der älteren Schule angenähert hat, an demselben Problem eine +Klippe fand, deren offene Darlegung und ungelöstes Festhalten dem +gesunden Menschenverstande unmöglich eine bleibende Befriedigung +gewähren kann. Diesem widerstrebt es offenbar, das Nichtdasein einer +äußeren Wirksamkeit der Substanzen anerkennen zu sollen. Gerade je +kräftiger sich eine Seele fühlt, je mehr sie sich bewußt sein zu dürfen +glaubt, durch Wort und That nicht nur in sich allein, sondern auch in +andern von ihr unterschiedenen Wesen Wirkungen verschiedener Art +hervorzubringen und stündlich hervorgebracht zu haben, um desto schwerer +fällt es ihr, plötzlich ihre Unfähigkeit hiezu einzugestehen. Die +Erfahrung jeder Minute scheint zu widersprechen. Ich will meinen Arm +heben; im selben Augenblicke werde ich gewahr, daß er sich hebt, und +geschieht dies nicht, so empfinde ich das unangenehme Gefühl eines +Hindernisses, was mich um so mehr schließen läßt, daß ich, derselbe, der +hier gehemmt wird, es auch bin, der in Andern die Wirkung ohne dies +Hemmniß zu erzeugen vermag. Je schlichter und alltäglicher diese +Erfahrungen sind, desto schroffer erscheint der Widerspruch der +Speculation mit denselben, und er allein ist es oft gewesen, der Vielen +das Vertrauen zu einer tieferen philosophischen Forschung raubte, welche +ein so augenscheinlich widersinniges Resultat gab. + +Andrerseits ist es aber nicht wenig merkwürdig und sehr geeignet, +Mißtrauen gegen die eigene gewöhnliche Erfahrung zu erwecken, wenn so +viele und namentlich alle dem Monadismus mehr oder weniger nahe stehende +Denker ihr in einem so wichtigen Punkte beinahe einstimmig +widersprechen. Liegt der Grund dieser Erscheinung im Wesen des +Monadismus selbst, oder nur in der bisherigen Art und Weise seiner +Auffassung? Das ist eine Frage, deren Beantwortung uns nicht +uninteressant und deren Bejahung oder Verneinung wesentlich zum Credit +oder Mißcredit des Monadismus überhaupt beitragen zu müssen scheint. + +Um diese Beantwortung und die daraus fließende Entscheidung mit +hinreichender Evidenz aussprechen zu können, wollen wir in dem +Nachstehenden auf streng historischen, aus den eigenen Schriften der +Erfinder geschöpften Daten untersuchen, auf welchem wahren oder falschen +Wege die beiden Hauptrepräsentanten dieser Richtung, =Leibnitz= und +=Herbart=, denen wir =Kant= als Uebergangspunkt und ein Paar Neuere als +Ausläufer beifügen, zu ihrem Endausspruche gelangt sein mögen. Daraus +wird sich, wie wir hoffen, mit hinreichender Klarheit ergeben, ob mit +ihren Darstellungen die möglichen Wege erschöpft, oder vielleicht noch +einer oder der andere zurückgelassen worden sei. + +Nach den beiden Hauptansichten, deren eine das Wie eines äußeren +Zusammenhanges unter den Dingen an sich dahingestellt und nur für uns +Menschen nicht erkennbar sein läßt, die andere dagegen diesen selbst für +an sich unmöglich erklärt, zerfällt das Ganze eigentlich in zwei Theile. +Der erste liegt, da wir es nur mit dem strengen Monadismus zu thun haben +wollen, uns begreiflicherweise ferner ab und findet hier nur der +Vollständigkeit wegen seinen Ort. Desto ausführlicher mußte der zweite +in Betracht gezogen werden, der sich, je nachdem der regelmäßige Ablauf +der inneren Veränderungen und der dadurch entstehende Schein eines +wirklichen wechselseitigen Einflusses als erzeugt durch die Allmacht +eines außerweltlichen vollkommensten Wesens angesehen oder als Folge +nothwendiger Denkformen jeder zusammenfassenden Intelligenz betrachtet +wird, wieder in zwei Abschnitte scheidet. Beide Ansichten finden +Vertreter und Fortbildner unter den Neueren, deren Modificationen wir +zum Schlusse anführen wollen, bevor wir an den Versuch einer +selbständigen Betrachtungsweise der Frage gehen. + + +1. Die prästabilirte Harmonie: =Leibnitz=. + +Auffallend ist es bei strenger Betrachtung dessen, was =Leibnitz= selbst +über seine prästabilirte Harmonie lehrt, zu bemerken, wie er blos durch +das Beiseiteliegenlassen eines Gedankens, dem er schon sehr nahe stand, +zu seiner Hypothese fortgetrieben wurde, die sich im Verhältnisse zum +übrigen Systeme wie ein todtes Reis auf einem ursprünglich kräftig +treibenden, aber gewaltsam gestutzten Stamme ausnimmt. + +=Leibnitz= trug sein neues System zuerst öffentlich vor in einem +Aufsatze, den er im Jahre 1695 in das _Journal des savans_ (27. Juni) +unter dem Titel: »_Système nouveau de la nature et de la communication +des substances aussi bien que de l'union, qu'il-y-a entre l'âme et le +corps_« einrücken ließ(15). Das Problem der Einheit zwischen Körper und +Geist beschäftigte damals alle Denker, und =Descartes=, oder vielmehr +sein Schüler =Malebranche=, hatte um der specifischen Verschiedenheit +willen, die er zwischen Geist und Materie annahm, sich nicht anders zu +helfen gewußt, als indem er die occasionelle Einwirkung der Gottheit, +die vermöge ihrer Allmacht über alle Beschränkungen des Wie hinaus war, +zu Hilfe rief. Sobald eine Veränderung in der Seele da ist, welcher eine +im Körper entsprechen sollte, bewirkt Gott, daß die letztere +stattfindet, und so umgekehrt. Occasionell heißt diese Einwirkung Gottes +deshalb, weil ihr Beschluß bei Gott erst in dem Augenblick eintritt, wo +sein Beistand nöthig wird, also bei Gelegenheit. Auf diese Weise glaubte +=Descartes=, bei seinem Schwanken zwischen gänzlicher Indifferenz des +menschlichen Willens und der Vereinbarkeit desselben mit göttlicher +Präscienz, das er zwar nie im Systeme, wohl aber in Briefen +ausgesprochen hat(16), die menschliche Willensfreiheit zu retten, +während er dadurch zugleich die Gottheit zu einem Wesen machte, in +welchem Entschlüsse in der Zeit entstehen und vergehen können. + + (15) =Erdmann=, S. 124-128. + + (16) =Sigwart=: der Spinozismus, S. 31. u. ff. + +In jenem Aufsatze nun bezieht sich =Leibnitz= zunächst auf seinen Brief +an einen berühmten Theologen, dem er vor Jahren die Umrisse seiner +Theorie mitgetheilt, der sie anfangs ziemlich paradox gefunden, nachher +aber doch einem Theile derselben wenigstens seine Billigung nicht habe +versagen können. Dieser ist kein Anderer, als der berühmte Anton +=Arnauld=, der Doctor der Sorbonne und Stifter von Port-Royal, mit +welchem =Leibnitz= von 1686-93 in häufigem Briefwechsel stand(17). Der +Brief selbst ist vom Jahre 1690, also fünf Jahre vor dem oben erwähnten +Aufsatze, mit dem er nahe übereinstimmt, geschrieben, und enthält im +Wesentlichen Folgendes(18): »Kein Körper hat ein eigentliches Sein; +dieses kommt nur den untheilbaren, anfangslosen und unvergänglichen +Substanzen zu, die ihn ausmachen und die den Seelen ähnlich sind. Diese +Substanzen sind und bleiben immer, wenn auch unter verschiedenen Formen, +an organische Körper gebunden. Jede von ihnen enthält in ihrer eigenen +Natur ein Gesetz der Reihenfolge ihrer Thätigkeiten sowohl, als ihrer +erfahrenen und jemals zu erfahrenden Begegnisse. Daher kommen alle ihre +Thätigkeiten unbeschadet ihrer Abhängigkeit von dem eigenen Wesen der +Substanz her. Jede Substanz drückt das ganze Universum aus, aber die +eine deutlicher als die andere, jede in Bezug auf gewisse besondere +Dinge, und von einem eigenthümlichen Gesichtspunkte aus. Die Einheit des +Körpers und der Seele, ja selbst die Einwirkung einer Substanz überhaupt +auf die andere besteht nur in der vollkommenen wechselseitigen +Uebereinstimmung (_accord mutuel_), die sich ausdrücklich angeordnet von +dem ursprünglichen Schöpfungsacte beider herschreibt, und kraft welcher +in jeder Substanz in Folge des ihr von Anbeginn inwohnenden +Veränderungsgesetzes in jedem Augenblick gerade diejenigen Zustände +stattfinden, welche von den übrigen Substanzen gefordert werden, also +die Thätigkeiten der einen die Veränderungen der anderen regelmäßig und +unabhängig von einander begleiten.« Das Uebrige der Stelle, obgleich es +schon eine Andeutung der =Leibnitz= sehr geläufigen Idee eines +moralischen Geisterreichs unter Gottes Leitung enthält, gehört nicht +unmittelbar hierher. + + (17) =Guhrauer=: Leibnitz &c. II. S. 108. + + (18) Bei =Erdmann=, S. 107-108. =Leibnitz=' Briefwechsel mit + =Arnauld=, herausg. von =Grotefend=. Hannover, 1846. S. 132. + +Genug, schon zu jener Zeit besaß =Leibnitz= die Idee der prästabilirten +Harmonie, die hier noch _accord mutuel_ heißt, und hatte sich damit von +=Descartes= sowohl, als von =Malebranche=, dessen Anhänger =Arnauld= +war, losgemacht. Sein Verhältniß zu dem Ersteren bezeichnet er selbst in +dem _Nouveau système_(19) genauer: »Ich nahm wahr,« sagt er, »daß die +bloße Betrachtung einer ausgedehnten Masse nicht hinreiche, und daß man +hier noch eine Kraft anzunehmen genöthigt sei, deren Begriff, obgleich +die Triebfeder der Metaphysik, doch leicht verständlich ist.« -- »Es ist +nämlich unmöglich, das Princip der wahren Einheit in der Materie allein +oder in Demjenigen zu finden, was durchaus passiv ist, weil es nichts +Anderes ist, als eine Anhäufung oder Ansammlung von Theilen bis in's +Unendliche. Eine Menge kann ihre Realität nur in den wahren Einheiten +haben, die ganz anderswoher kommen und etwas ganz Anderes sind, als +bloße Punkte, aus welchen unmöglich (?) das Stetige zusammengesetzt sein +kann. Um zu diesen Einheiten zu gelangen, sah ich mich gezwungen, zu +formellen Atomen meine Zuflucht zu nehmen, weil ein materielles Wesen +nicht zur selben Zeit materiell und doch vollkommen untheilbar oder +wahrhaft eins sein kann, sobald das Wort »materiell« immer im Sinne +eines ausgedehnten Zusammengesetzten genommen wird. Ich fand nun,« fährt +er fort, »daß deren (der substantiellen Formen) innere Natur in der +Kraft bestehe, und sie folglich etwas den Vorstellungen und Begehrungen +Analoges besitzen, also auch unter den Begriff: Seele, _âme_, gefaßt +werden müssen .... Aristoteles nennt sie Entelechieen. Ich nenne sie +vielleicht passender primitive Kräfte, die nicht blos das =Sein= +(_l'acte_), das Complement der Possibilität, sondern außerdem noch eine +ursprüngliche Thätigkeit (_l'action_) besitzen.« Er unterscheidet sie +auf das schärfste von den gemeinen Atomen. »Die Atome der Materie +widersprechen der Vernunft, außerdem daß sie ja selbst noch aus Theilen +zusammengesetzt sind. Denn dadurch, daß diese Theile an einander hängen, +hört noch nicht ihre Verschiedenheit als Theile auf.« -- »Es gibt nichts +als substantielle Atome, d. i. reelle und vollkommen theillose +Einheiten, die die Quellen der Thätigkeit und als letzte Elemente der +Substanzenanalyse die absoluten Grundprincipe der Zusammensetzung der +Dinge sind. Man könnte sie metaphysische Punkte nennen.« ... »Sie haben +etwas Vitales an sich, eine Art von Vorstellungen, und ihre +mathematischen Orte oder Punkte sind die Gesichtspunkte, von welchen aus +sie das Universum vorstellen.« + + (19) =Erdmann=, S. 124. + +Von =Descartes= also schied sich =Leibnitz= durch den einfachen Schluß: +Wo es Zusammengesetztes (Körper) gibt, muß es Einfaches geben. Der +cartesianische Dualismus verwandelte sich in einen Monismus, aber nicht +der Form und Materie, wie bei =Spinoza=, sondern blos der Materie nach. +Während dort die einzelne Persönlichkeit und individuelle Existenz sich +in der unbegreiflichen baren Alleinheit einer allumfassenden +ungetrennten Substanz aufheben sollte, welcher das gesammte Denken und +die gesammte Ausdehnung in unbeschränkter Fülle als unendliche Attribute +zukommen, entstand hier ein zahlloses Heer gleichberechtigter einfacher +Wesen desselben Stammes, die nur gradweise unterschieden waren, und +unter denen das höchste Wesen die allvollkommenste, die Hauptmonade, +»_le monarque_« war, eine vollständige Demokratie der Geister, darin im +Gegensatze zum Dualismus die Standesvorrechte einer verhältnißmäßig nur +geringen Anzahl höherer Geister aufhörten und die Pariaskaste der +Materie vom Schauplatze des metaphysischen Seins verschwand. An ihre +Stelle traten die selbst- und freithätigen Individuen; das +abendländische Princip der Individualität trat, wie =Hegel=(20) sagt, +gegenüber der orientalischen Alleinslehre =Spinoza='s, und =Leibnitz= +verwirklichte auf diese Weise einen Gedanken, den er schon als kaum +sechzehnjähriger Jüngling in seiner ersten Schrift: _dissertatio de +principio individui_(21), damals noch unter vielem scholastischen Mit- +und Beiwerk angeschlagen hatte. + + (20) Encyclopädie, herausgeg. von =Henning=. I. S. 301. + + (21) Ueber diese, lange Zeit unbeachtete und selbst von =Leibnitz=' + Historiographen =Ludovici= nur unvollständig gekannte Schrift, die + sich nur mehr bei =Dutens= (_ed. Genev._) findet, äußert sich + =Guhrauer= bei ihrer Wiederherausgabe (Berlin 1837, S. 10): »Man würde + ihrer endlich ganz vergessen haben, hätte nicht F. H. =Jacobi= auf + Veranlassung seines Streits mit =Mendelssohn= durch seine + wissenschaftliche Parallele der Systeme von =Spinoza= und =Leibnitz= + dahin geführt, auf jene Dissertation als eine schon der Aufgabe wegen + merkwürdige Schrift hingewiesen.« In der That war sie die Klaue des + Löwen, wie schon der alte =Thomasius= in seiner Vaterfreude über den + großen Zögling vorempfinden mochte. Vgl. auch L. =Feuerbach=: + Leibnitz' Philosophie &c. S. 32. u. ff. + +So einfach jener Schluß scheinen kann und wirklich ist, so folgenreich +ist er auch, und wir werden späterhin Gelegenheit genug haben, uns zu +überzeugen, daß dies gerade derjenige Satz ist, dessen nachherige +Verkennung das System von seinem eingeschlagenen Wege abgeführt hat. Wie +leicht eine solche Verkennung sich einschleicht, davon gibt gleich die +obige Stelle, die wir mit einem Fragezeichen bemerkt haben, einen +Beweis. Das Stetige, heißt es dort, könne unmöglich aus Punkten +zusammengesetzt sein? Woraus sollte es denn? Der erwähnte Schluß +verlangt ja ausdrücklich, das Zusammengesetzte setze einfache +Bestandtheile voraus. Punkte aber sind nichts anderes, als die einfachen +Bestandtheile des Raumes. Gleichwohl behaupten z. B. die Geometer +durchgehends, die stetige Linie sei wieder nur aus Linien +zusammengesetzt, also wieder aus Zusammengesetztem, was dem oben +anerkannten Satze offenbar widerstreitet. Denn die durch die Theilung +erhaltenen Linien sind entweder zusammengesetzt, haben also selbst noch +Theile, sind daher nicht die letzten Bestandtheile, oder sie sind +einfach, und dann keine Linien mehr, sondern Punkte, unter denen man +sich freilich keinen auch noch so winzigen physischen Punkt vorstellen +darf. So wird der allgemeine Satz zugleich anerkannt, und seine Realität +doch in seinen Anwendungen geläugnet. Der Grund dieser Erscheinung +scheint darin zu liegen, daß wir bei jeder unserer Vorstellungen, +mitunter selbst bei solchen, die gar keinen Gegenstand haben, uns ein +Bild (Schema) von diesem Gegenstande mit der Phantasie zu entwerfen +gewohnt sind(22), und uns von diesem gewöhnlich leichter bestimmen +lassen, als von dem Begriffe selbst. Wo wir ein solches Bild nicht zu +schaffen vermögen, da gewinnt auch der Begriff selten einen festen Halt. +Dieser Fall tritt beim einfachen Punkte, beim einfachen Zeittheile, bei +der einfachen Substanz und überhaupt in beinahe allen Fällen ein, wo wir +ein einfaches, sinnlich nicht Vorstellbares und nur im Begriff zu +Fassendes vor uns haben. Er darf uns aber, eben weil er nur in der +Einbildungskraft seinen Sitz hat, auch gar nicht irre an Demjenigen +machen, was wir einmal unabhängig davon aus reinen Begriffswahrheiten, +also mit Nothwendigkeit erkannt haben. Darum bestand auch =Leibnitz= mit +Beharrlichkeit auf dem Dasein einfacher und folglich den Geistern +analoger Substanzen als Bestandtheile der Materie, ungeachtet er +dieselben eben so wenig wie wir oben die einfachen Punkte sinnlich +nachweisen, ja nicht einmal ein Bild von demselben zur Veranschaulichung +entwerfen konnte. + + (22) =Drobisch=: Empir. Psych. S. 52 u. ff. -- =Bolzano='s + Wissenschaftslehre (Sulzbach, v. =Seidel=, 1837), III. S. 60. + +Nachdem so die Materie(23) als selbständiges Ausgedehnte aufgehoben und +zu einem objectiven (nach =Herbart='s Ausdruck) beim Zusammenfassen der +Dinge mit Nothwendigkeit sich aufdringenden, gleichwohl nicht reellen +Scheine herabgesetzt worden, schien die Schwierigkeit, welche +=Descartes= gegen die Möglichkeit des Einwirkens der Geister als des +Unausgedehnten auf die Materie als das Ausgedehnte, also generisch +Ungleichartige erhoben hatte, und welche =Malebranche= zur Aufnahme des +Occasionalismus veranlaßte, hinweggeräumt zu sein. Es gab statt der +unter sich ungleichartigen Geister und Materie durchgehends gleichartige +einfache geistige Wesen und alle äußeren Einwirkungen, welche wir, von +der sinnlichen Erfahrung genöthigt, außer uns wahrzunehmen glauben, +reducirten sich statt auf die Einwirkung der Geister auf die heterogene +leibeigene Materie, auf die Einwirkung homogener einfacher Wesen auf und +unter einander selbst. Zwischen den Körpern nehmen wir Einwirkungen +wechselseitig wahr; Körper aber als solche =sind= nicht wahrhaft, +sondern nur die einfachen Theile derselben =sind=; die allein können es +also auch sein, welche hier wirken, und die Wirkungen, welche wir +zwischen den Körpern wahrzunehmen glauben, können nur die Resultate +derjenigen sein, die zwischen den einfachen Theilen derselben +statthaben. + + (23) Ueber =Leibnitz=' frühere Vorstellungen von der Materie vgl. die + neuerliche treffliche Abhandlung =Hartenstein='s: _De materiae apud + Leibnitium notione commentatio_. Leipzig, 1846. + +Allein gerade hier erst fand =Leibnitz= die eigentliche, wie er meinte, +nicht zu hebende Schwierigkeit. »Es gibt,« sagt er(24), »im strengen +metaphysischen Sinne keinen reellen Einfluß einer Substanz auf eine +andere, und man muß daher (mit =Descartes=) allerdings zugeben, daß alle +Dinge sowohl als ihre Eigenschaften fortwährend durch Gottes Wirksamkeit +erzeugt werden. Um aber das Problem zu lösen, ist es nicht genug, wie +der Occasionalismus, eine Ursache im Allgemeinen anzuführen und kurzweg +einen _deus ex machina_ anzunehmen; denn wenn sich Alles so von selbst +macht ohne weitere mögliche Erklärung, so heißt dies ganz eigentlich zum +Wunder seine Zuflucht nehmen. Die Philosophie aber muß Gründe angeben +und erkennen lassen, wie die Dinge übereinstimmend mit dem Begriffe des +Gegenstandes, um welchen es sich handelt, nach der Weisheit Gottes sich +entwickeln.« + + (24) _Nouv. système_, S. 127. + +Nun verwarf er sowohl den reellen physischen Einfluß einer Substanz +(Monade, einfaches Wesen) auf die andere mittels Uebergangs eines +Theilchens aus Einem in's Andere; »denn,« sagte er, »die Monaden haben +keine Fenster, durch welche irgend etwas ein- oder austreten könnte,« +als den Occasionalismus, »denn das heißt einen _deus ex machina_ +einführen in einer ganz natürlichen und gewöhnlichen Sache, wo er +vernünftigerweise nicht anders mitwirken sollte, als er in jedem anderen +natürlichen Ereignisse mitwirkt.«(25) + + (25) _II. Eclaircissement_, S. 134. + +Daß er den physischen Einfluß der Substanzen so kurz abfertigte, +gründete sich auf einen weitverbreiteten, zum Theil noch jetzt gang und +gäben Irrthum. Fast allen seinen Zeitgenossen und ihm selbst schien der +physische Einfluß, sollte er anders diesen Namen verdienen, nicht anders +stattfinden zu können, als indem sich von der einen (thätigen) Substanz +ein Theil ablöse und in die andere (leidende) Substanz übergehe. Nun +hatten die einfachen Monaden weder Theile, von denen sich einer ablösen +konnte, noch Ausdehnung, um den abgelösten in sich aufzunehmen, also -- +gab es keinen physischen Einfluß(26). =Descartes= hatte folgendermaßen +geschlossen. Die Seele kann auf Materie nicht wirken, weil sich nichts +von ihr trennen kann, denn sie ist einfach: die Materie nicht auf die +Seele, denn diese ist ausdehnungslos, kann also nichts Ausgedehntes, +kein Theilchen der Materie, das wieder Materie ist, aufnehmen. So +schien, wenn man den physischen Einfluß mittels Ueberganges materieller +Theile als die einzige Möglichkeit realen Einflusses der Substanzen auf +einander ansah und jenen mit Recht für unmöglich erklärte, sowohl sein +Occasionalismus als =Leibnitz=' _accord mutuel_, der blos ideale Einfluß +überhaupt, außer Zweifel. =Leibnitz= selbst, da er sich von mehreren +Seiten, besonders von =Foucher=, lebhaft widersprochen sah, suchte sich +durch folgendes Beispiel zu rechtfertigen, das nach seiner Gewohnheit, +die Lieblingsgedanken häufig fast mit denselben Worten zu wiederholen, +öfter wiederkehrt: »denket Euch zwei Thurm- oder auch Taschenuhren, die +vollkommen übereinstimmen. Dies kann auf dreierlei Weise geschehen. Die +erste besteht in dem wechselseitigen Einflusse einer Uhr auf die andere; +die zweite in der Sorge eines Menschen, der auf beide beständig Acht +gibt; die dritte darin, beide so kunstreich und kunstgerecht zu +verfertigen, daß man in der Folge ihrer Uebereinstimmung gewiß sein +kann.«(27) ... »Der Weg des Einflusses ist jener der gemeinen +Philosophie; da man aber nicht begreifen kann, wie materielle Theile aus +einer in die andere Substanz übergehen können, so ist dieser Ausweg +damit schon zu Boden geschlagen. Der Weg der beständigen Assistenz von +Seite des Urhebers ist jener der occasionellen Ursachen, aber ich +glaube, daß man hier einen _deus ex machina_ in einer ganz natürlichen +und gewöhnlichen Sache in's Spiel bringt, wo Gott vernunftgemäß nicht +anders wirksam sein kann, als er es in allen übrigen natürlichen +Ereignissen ist. Also bleibt nur eine Hypothese übrig: der Weg der +Harmonie; Gott hat vom Anfang der Dinge her jede von je zwei Substanzen +so eingerichtet, daß sie zufolge ihrer inwohnenden, zugleich mit ihrem +Dasein empfangenen Gesetze beständig mit der andern dergestalt +übereinstimmt, als gäbe es eine wechselseitige wahrhafte Einwirkung +zwischen beiden, oder als hätte Gott beständig seine Hand im Spiel(28).« + + (26) Es ist nicht uninteressant, neben dieser Beweisführung jene zu + betrachten, die M. G. =Hansch= in seinen: _princ. phil. geometrico + modo demonstrata_ liefert, und durch welche er, wie er in der Widmung + an den Prinzen =Eugen= ausspricht, die Lehre seines Meisters erst + recht festgestellt zu haben meinte. Sie heißt dort: _Theor. XV. Nulla + monas derivativa physice influere potest in interius alterius monadis + derivativae. =Demonstr.= Quandoquidem monades omnibus prorsus partibus + carent (per. def.), in monadibus etiam derivativis nullae partes + continuo mutare possunt locum suum (per. ax.). Sed si in monadibus + derivativis nihil prorsus datur, quod locum suum continuo mutare + possit, nec intelligibili modo explicari potest, quomodo in interiori + monadum derivativarum motus ullus excitari, dirigi, augmentari aut + diminui possit (per. def.), consequenter nulla in iisdem fieri potest + per motum internum mutatio (per. def.). Sed in cujus interiori nulla, + mediante motu interno, fieri potest mutatio, in illius interius etiam + nihil physice influere potest (per. def.). Quamobrem nulla omnino + monas derivativa in interius alterius monadis derivativae physice + influere potest. Q. E. D. Theorem. XVI. In monadem creatam forinsecus + nec substantia nec accidens intrare potest. =Demonstr.= Cum nihil in + interius monadis creatae physice influere possit (per. theor. praec.), + nihil etiam in eandem ab extra ingredi potest, nec substantia nec + accidens (per. def.) in monadem creatam forinsecus intrare possunt. + Q. E. D._ So fremdartig, ja selbst abgeschmackt uns dieses _Quod erat + demonstrandum_ erscheinen mag, so kann doch Niemand läugnen, daß + dieser Anhänglichkeit auch an die äußeren unwesentlichen Formen der + Mathematik das Bestreben zu Grunde lag, das Wesentliche der + mathematischen Methode, die Klarheit und Bestimmtheit ihrer Begriffe + auch auf das philosophische Denken zu übertragen. Daß dieses + Bestreben, welches die Grundlage jeder wahren Methode der denkenden + Forschung ausmachen muß, auf mathematische Form allenthalben + zurückführt, hat wenigstens zum Theil schon =Herbart= bewiesen. + + (27) _II. Eclaircissem._ S. 134. + + (28) _II. Eclaircissem._ Fast mit denselben Worten auch im _III. + Eclaircissem. à M. =Foucher=_. + +=Leibnitz=' eigenthümlicher Gang, der sich allmälig durch und an seinen +Gegnern recht heranbildete, macht es hier nöthig, einzuhalten und einen +tiefern Blick in sein System zu thun. Setzen wir an die Stelle jener +Uhren die einfachen Monaden. Diese haben Kräfte, weil sie Substanzen +sind und zwar einfache Substanzen; denn =Leibnitz= dehnt den Umfang +dieses Begriffs so weit aus, daß er auch einen ganzen Inbegriff von +Substanzen Eine Substanz nannte. »Substanz aber ist ihm jedes Wesen, das +der Thätigkeit fähig ist,« und »die Substanz eines Dinges selbst besteht +in der Kraft zu handeln und zu leiden(29).« Statt Substanz überhaupt +verstehe man hier durchgehends »einfache Substanz,« denn die +zusammengesetzte hat als solche keine Kraft, sondern nur insofern die +sie ausmachenden einfachen Bestandtheile zusammen eine gewisse Summe von +Kraft besitzen. Die Wesen sind aber der Thätigkeit nicht nur fähig, +sondern auch in der That thätig, denn: »Thätigkeit ist unmöglich ohne +Vermögen thätig zu sein; aber auch Vermögen wäre ein leeres Wort, wenn +es niemals in Thätigkeit übergehen könnte(30).« Sie sind ferner nicht +nur zeitweilig, sondern fortwährend thätig, denn nicht nur jedes Thätige +ist eine besondere Substanz, sondern auch jede einzelne Substanz wirkt +ohne Unterbrechung fort, selbst die Körper nicht ausgenommen, in welchen +sich niemals absolute Ruhe findet(31). Das Letztere folgt aus dem +Ersteren; sind die Theile nicht in Ruhe, so ist es auch das Ganze nicht, +wenigstens nichts absolut, wenn auch seine relative Lage gegen äußere +Gegenstände sich vielleicht nicht ändert. Jedoch beschränken sich alle +diese Kräfte auf die einfache Substanz selbst; nach außen können sie +nicht wirken nach dem berühmt gewordenen Grundsatze von den fehlenden +Fenstern der Monaden. Innerhalb der Monade selbst sind sie aber +fortwährend wirksam; denn wäre irgend eine es zu irgend einer Zeit +nicht, so könnte sie es niemals sein, weil es »durchaus kein Mittel +gibt, durch welches aus der Einen in die Andere Etwas übertragen, oder +in der letzteren durch die erstere irgend eine innerliche Bewegung von +außen erzeugt, geleitet, vermehrt oder vermindert werden könnte(32).« +Sind aber die inneren Kräfte der Monade fortwährend thätig, so erzeugen +sie auch fortwährend Veränderungen in derselben, so daß »der Zustand des +Wechsels in der Monade ein continuirlicher wird(33)« und, da sie von +außen nicht bestimmt werden können, »die naturgemäßen Veränderungen der +Monade aus einem inneren Princip in denselben abfolgen(34),« so daß +»eine jede ihrer eingepflanzten Naturkraft (_vim insitam_) und ihren der +Außenwelt angepaßten Gesetzen folgt, worin die Einheit der Seele und des +Körpers besteht(35).« Nach dem Princip der _indiscernibilium_ muß ferner +»jede Monade verschieden sein von jeder anderen, denn schon in der Natur +gibt es nicht zwei Wesen, die einander vollkommen gleich und wo wir +außer Stande wären, eine innere oder auf eine innere Beschaffenheit +gegründete Verschiedenheit nachzuweisen(36).« Diese Verschiedenheit +liegt bei den einfachen Wesen in ihren Qualitäten. Ohne diese »würde +jedes Mittel fehlen, irgend einen Wechsel an den Dingen gewahr zu +werden, weil Dasjenige, was am Zusammengesetzten erscheint, nur von den +einfachen Bestandtheilen (_ingrediens_) desselben herrühren kann. Bei +Monaden aber, sobald sie gar keine Qualitäten hätten, wären eine von der +andern ganz und gar nicht verschieden, nicht einmal der Quantität nach +differirend: folglich würde, den Raum als erfüllt vorausgesetzt, jeder +Ort der Bewegung beständig nichts Anderes, als ein vollkommenes +Aequivalent dessen erhalten, was er schon früher besaß, mithin jeder +Zustand des Dinges jedem Anderen in allen Stücken völlig gleich +sein(37).« Worin diese Qualitäten bestehen, ob sie erkennbar seien oder +nicht, reell oder ideell, darüber spricht sich =Leibnitz= nirgendwo +entscheidend aus. Man kann annehmen, daß er darunter Dasjenige +verstanden habe, was er _détail de ce, qui se change_ nennt, und worin +der Grund liegt, daß in jeder Monade zu einem gegebenen Zeitpunkt gerade +diese und keine anderen Zustände stattfinden können, als diejenigen, +welche in selbem Zeitpunkt in ihr wirklich stattfinden. Der Ausdruck ist +jedenfalls etwas dunkel. =Feuerbach= ist der Ansicht(38), »=Leibnitz= +verstehe unter demselben nicht sowohl das inwohnende Gesetz der +Aufeinanderfolge und regelmäßigen Selbsterzeugung der Vorstellungen, +welches in jeder Monade ein anderes sein muß, soll sie andere +Vorstellungen als die übrigen besitzen, sondern vielmehr diese +autonomischen Veränderungen der Monade selbst und wolle diese die +Qualitäten derselben genannt wissen. In diesem Falle hat dann jede +Monade nicht eine, sondern so viele Qualitäten, als sie einzelne +Veränderungen besitzt, also unendlich viel. So viel steht gewiß, daß +dieses »_détail de ce, qui se change_« es ist, was die specifische +Verschiedenheit und bunte Mannigfaltigkeit der einzelnen Monaden +untereinander begründet(39).« Die Veränderungen in der Monade, mögen sie +selbst deren Qualitäten, oder nur Folgen des jeder Monas als specielle +Qualität immanenten individuellen Veränderungsgesetzes sein, sind +Kraftäußerungen derselben und die Monas ist vollkommen »spontan,« sie +ist selbst die »eigene und einzige Ursache ihrer Handlungen.« Denn, wie +schon =Aristoteles= richtig bemerkte, folglich hängt sie von nichts +Anderem ab, als von Gott und sich selbst. + + (29) _Principes de la nature et de la grâce_, S. 714. + + (30) _De ipsa natura_, S. 157. + + (31) _De ipsa nat._ S. 157. + + (32) _Monadolog._ S. 705. + + (33) Daselbst S. 705. + + (34) Daselbst S. 705. + + (35) _De ipsa natura_, S. 157. + + (36) _Monadol._ S. 705. Die Anekdote von den vergeblich gesuchten zwei + völlig gleichen Blättern im königl. Hofgarten zu Charlottenburg ist + bekannt. + + (37) _Monadol._ S. 705. + + (38) =Leibnitz=' Phil. &c. S. 51. + + (39) =Leibnitz=' Phil. &c. S. 51. + +Daraus folgt schon von selbst, was das für Veränderungen seien. Sie +finden nur in einfachen Wesen statt, ohne Veranlassung von außen, als +von innen kommende und innen bleibende, also spontane, völlig ideale +Bestimmungen; dergleichen sind nur die Vorstellungen. »Diese und ihre +Veränderungen sind das Einzige, was man in den einfachen Wesen antrifft. +In ihnen allein bestehen alle inneren Thätigkeiten der Monaden(40).« -- +»Eine Vorstellung,« fährt =Leibnitz= fort, »ist jener vorübergehende +Zustand, der eine Vielheit in der Einheit umschließt; denn da jede +natürliche Veränderung stufenweise vor sich geht, so ändert sich in der +Seele (der einzigen wahren substanziellen Einheit und Einfachheit) +Einiges, Anderes bleibt. Dadurch entsteht in jeder einfachen Substanz +eine Mehrheit von Zuständen und Verhältnissen, ungeachtet sie keine +Theile hat ... Einer solchen Vielheit werden wir uns schon bewußt, wenn +wir wahrnehmen, daß selbst unser kleinster Gedanke noch eine Vielheit, +wenigstens seinem Gegenstande nach, enthalte(41).« Ob sich =Leibnitz= +hier nicht getäuscht habe, und ob es wirklich unter unseren +Vorstellungen keine einzige, ob es nicht vielmehr sehr viele gebe, die +sich auf keine Vielheit von Gegenständen, sondern auf einen einzigen +beziehen, wollen wir für jetzt dahingestellt sein lassen. Genug, +=Leibnitz= erklärt Zustände, welche eine Vielheit (von Veränderungen) in +der Einheit (der einfachen Monade) einschließen, schlechtweg für +Perceptionen und unterscheidet sie von den bewußten Vorstellungen oder +Apperceptionen. Nach ihnen bestimmen sich die Rangstufen der Monaden. +Jene, die durchgehends nur Perceptionen oder dunkle Vorstellungen +besitzen, heißen Entelechieen, ein Name, der ihres Selbstgenügens, ihrer +Autarkeia wegen allen Monaden zukommt (ἔχουσι τὸ ἐντελές), jene, deren +Vorstellungen, zum Theile wenigstens deutlich und vom Bewußtsein +begleitet sind, Seelen (_âmes_). + + (40) _Monadol._ S. 706. + + (41) Daselbst S. 706. + +Bis hieher haben wir die Monaden als völlig freithätig betrachtet, +befinden uns aber zugleich noch in Bezug auf die einzelne Monade auf dem +Standpunkte eines vollkommenen Idealismus, der nur durch das jeder +Monade inwohnende Gesetz ihres Veränderungsablaufs, welches in jeder +Monade ein anderes ist, eine bestimmte Richtung empfängt. Soll also eine +Art Zusammenhang in diese mannigfachen und von einander wechselseitig +gänzlich unabhängigen Reihen von Veränderungen gebracht werden, so daß +sich mit der Veränderung in der einen Monas die correspondirende in der +andern zugleich vorfinde, was durch besondere Einwirkung der Einen auf +die Andere nicht geschehen kann, und durch die blos gelegenheitliche der +Gottheit nicht geschehen soll, damit das Ganze nicht planlos +zusammengewürfelt, sondern vom Standpunkt der höchsten Weisheit aus +geordnet erscheine: so muß von diesen den Monaden inwohnenden Gesetzen +aus gewirkt werden. Diese Gesetze müssen so beschaffen sein, daß sich, +so oft nach dem in einer der Monaden thätigen Gesetze zu einem gewissen +Zeitpunkt ein bestimmter Zustand eintritt, in allen übrigen Monaden in +Folge ihrer Gesetze die entsprechenden und anpassenden erzeugen. Zu +deren Auswahl gehört erstens eine vollständige Erkenntniß aller +überhaupt möglichen Gesetze dieser Art, deren wegen der unendlichen +Anzahl der Monaden auch unendlich viele sind, sammt den Reihen von +Veränderungen, welche in alle Ewigkeit aus ihnen folgen, also _eo ipso_ +eine unendliche Erkenntniß; ferner ein unendlicher Wille, der aus der +unermeßlichen Menge möglicher Gesetze und Folgenreihen gerade diese +gewählt hat, um eine zu jeder Zeit vollkommenste Welt zu schaffen; und +endlich eine unendliche Macht, um diese Gesetze in den Monaden auch +wirklich zur Thätigkeit zu bringen. Unendliche Erkenntniß, +vollkommenster Wille und größte Macht sind aber nur die Attribute +Gottes, dem allein wir die Wahl und Belebung der Veränderungsgesetze der +Monaden und dadurch mittelbar das Dasein aller aus diesen, wie Folgen +aus ihren Gründen, zu jeder gegebenen Zeit hervorgehenden Wirkungen +verdanken. + +Aus diesem Grunde durfte =Leibnitz= von Gott, dem Urgrund aller Dinge, +sagen: »er sei jene nothwendige Substanz, in welcher sämmtliche +(mögliche und wirkliche) Veränderungen formaliter ihren Grund und +Urquell haben(42).« Denn sein »Verstand ist die Quelle der ewigen +nothwendigen Wahrheiten,« in welchen jene Gesetze begründet sind, und +welche ihn zu der Wahl derjenigen bestimmten, welche dem allgemeinen +Besten am zuträglichsten sind (_choix du Meilleur_). In ihm ist »die +Macht als Quelle von Allem, die Erkenntniß, die alle Ideen umfaßt, und +der Wille, der verändert und schafft nach dem Princip des allgemeinen +Besten(43).« Gott mußte =wollen=, daß das Ganze so eingerichtet werde, +wie er =erkannte=, daß es am besten sei, er mußte es auch so =vermögen=. +Alle jemals stattfindenden Veränderungen sind längst von Anbeginn her in +jeder Monade oder vielmehr in dem ihr von Gott eingepflanzten +Veränderungsgesetze virtuell vorhanden, und laufen wie aufgezogene +Uhrfedern nacheinander ab. Auf diese Weise wird die ganze reale Welt mit +allen wechselnden und bleibenden Zuständen das Abbild einer idealen Welt +von Gesetzen in Gottes Verstande. Was sich in dieser idealen Welt wie +Grund und Folge verhält, wird in der realen zur (scheinbaren) Ursache +und Wirkung. Denn »ein Geschöpf heißt vollkommener als ein anderes, +sobald sich an ihm Etwas findet, was den vollständigen rein apriorischen +Grund dessen abzugeben vermag, was an diesem Andern geschieht, und +deshalb sagt man, es wirke auf dieses Andere(44).« Das Wirken ist ein +bloßes Wort, eine Redensart, ein gedachtes Wirken, denn ein reales soll +ja absolut unmöglich sein. Das was sich an dem Ersten von der Art +findet, daß es die Ursache eines Zustandes an dem Zweiten abgeben zu +können scheint, ist nur eine reale Folge des innern Gesetzes dieser +ersten Monade, eine ihrer inneren wirklichen Veränderungen, ein Theil +ihres immanenten realen Geschehens selbst. Der Einfluß aber unter den +Substanzen von Monade auf Monade ist blos ein idealer und dieser gelangt +zu seiner Wirkung nicht anders, als durch die Dazwischenkunft Gottes +selbst, indem im Kreise seiner Ideen jede Monade mit Recht verlangen +darf, daß er bei Anordnung und Regelung des Weltgebäudes auch auf sie +und ihre jetzigen und künftigen Veränderungen Rücksicht nehme. Denn »da +keine geschaffene Monade einen Einfluß auf das Innere einer anderen +nehmen kann, so bleibt dies als das einzige Mittel übrig, die Eine in +der Abhängigkeit von der Anderen zu erhalten ..... Daher sind auch +zwischen den geschaffenen Substanzen Thätigsein und Leiden +wechselseitig. Denn Gott findet, sobald er zwei einfache Substanzen +vergleicht, an jeder derselben Gründe, welche ihn bestimmen, die Eine in +gewissen Beziehungen der Anderen anzupassen, woraus folgt, daß dieselbe, +die uns von einem gewissen Gesichtspunkt aus als thätig erschien, von +einem andern aus uns als leidend erscheinen kann; und zwar thätig, +insofern dasjenige, was man an ihr mit Deutlichkeit wahrzunehmen im +Stande ist, dazu dient, den Grund dessen anzugeben, was an der Anderen +vor sich geht; leidend aber, insofern der Grund dessen, was so eben an +ihr geschieht, in demjenigen anzutreffen ist, was an einer anderen +Monade mit Deutlichkeit unterschieden werden kann(45).« Was wir also +Ursache und Wirkung an verschiedenen Substanzen nennen, sind nur +verschiedene Bestimmungen, welche die Gottheit einer Jeden von Beiden +mit Rücksicht auf die Anderen beigelegt hat. Ursache und Wirkung sind +sie nur für uns, nur für den Beschauer, an sich sind beide Bestimmungen +gegen einander völlig indifferent, und die Gottheit muß ihre besonderen +Gründe gehabt haben, sie an beiden Monaden gerade so eintreten zu +lassen, daß wir auf die Vermuthung gelangen, die Eine sei die Ursache +der Anderen. Diese Gründe lassen sich in Gottes Verstande allerdings wie +Sätze betrachten, deren einer den andern zur Folge hat, so daß z. B. die +Bestimmung _a_ an der Substanz _A_ da sein muß, weil die Bestimmung _b_ +an der Substanz _B_ da ist, und der Satz: »_a_ ist an _A_« als Grund des +Satzes: »_b_ ist an _B_« erscheint; darum ist aber weder _a_ die Ursache +von _b_, noch _b_ die Ursache von _a_, weil ja ein- für allemal kein +Ding auf das andere wirken, also auch keines die reale =erzeugende= +Ursache irgend einer Bestimmung an einem andern werden kann. + + (42) _Monadol._ S. 708. + + (43) _Monadol._ S. 708. + + (44) Daselbst S. 709. + + (45) _Monadol._ S. 709. + +Ursachen und Wirkungen an verschiedenen Substanzen sind daher blos todte +Bestimmungen, die nur uneigentlich diesen Namen verdienen, und deren +Eine allenfalls gänzlich wegbleiben könnte, ohne die andere wegfallen zu +machen. Denn die Ursache selbst ist in diesem Falle ganz und gar nicht +die Bedingung des Eintrittes der Wirkung; die letztere ist blos eine +Folge des ihrer Monade von Anbeginn her inwohnenden Gesetzes, so wie die +(scheinbare) Ursache an der andern Monade gleichfalls nichts als eine +Folge des dieser letzteren inhaftenden Gesetzes ist, und nur der +Umstand, daß Gott diese beiden Gesetze von Anfang her so gewählt und +eingerichtet hat, daß einst kraft derselben zu gleicher Zeit an beiden +Monaden solche Veränderungen eintreten müssen, die zu einander im +Verhältnisse von Ursache und Wirkung zu stehen scheinen, dieser Umstand +gibt ihnen den seit Ewigkeit her prästabilirten Zusammenhang. + +Wie es aber komme, daß wir trotz dieser vollkommenen realen +Unabhängigkeit jeder Monade für sich von aller äußeren ursachlichen +Wirksamkeit und ihrer ausschließenden Schöpferkraft sämmtlicher inneren +Veränderungen aus sich selbst, als den nothwendigen Folgen ihrer +immanenten Veränderungsgesetze, doch zu der Vorstellung eines +ursachlichen Zusammenhangs der Dinge untereinander gelangen, davon gibt +=Leibnitz= die eigenthümliche Erklärung: »Diese innige Verknüpfung +(_liaison_), oder die Uebereinstimmung aller geschaffenen Dinge (die, +wie wir oben sahen, durch den Zusammenhang der idealen Welt der +immanenten Gesetze untereinander entsteht) mit jedem Einzelnen und jedes +Einzelnen mit allen Uebrigen macht, daß jede einfache Substanz +Beziehungen an sich trägt, die ein Abdruck aller übrigen Substanzen +sind, und folglich jede einzelne gleichsam als ein lebender +immerwährender Spiegel des Universums erscheint(46).« + + (46) _Monadol._ S. 709. + +Die Gottheit als Weltbaumeister erscheint hier unter dem Bilde eines +Mosaikkünstlers, der aus den einzelnen Monaden wie aus Steinchen das +ganze Weltgebäude zusammensetzt, und dabei sehr wohl im Sinne haben muß, +welche Stellung jedes so oder anders gefärbte Steinchen einnehmen müsse, +um den gewünschten Effect hervorzubringen. Jedes Steinchen oder +Stiftchen befindet sich gegen jedes andere in einem bestimmten +Verhältniß der Lage und zwar gegen jedes in einem andern. Diese +Verhältnisse überblickt aber nur der ordnende Künstler. Nur seinem +Geiste ist das Ganze gegenwärtig nach Zweck und Absicht, das Steinchen +steht in diesen Verhältnissen, ohne davon, abgesehen von der inneren +Unfähigkeit, eine Kenntniß zu haben. Insofern es aber in seinen eigenen +Verhältnissen steht, wird es durch dieselben Ursache gewisser +Bestimmungen an der Lage aller übrigen Steinchen, die sämmtlich anders +angeordnet sein könnten und sein würden, wenn dieses einzige Steinchen +mangelte. Die Monaden nun haben untereinander und zum geordneten Kosmos +ein ganz ähnliches Verhältniß wie die Steinchen unter sich und zum +Mosaikbilde, das sie ausmachen. Jede Monade hat bestimmte Verhältnisse +zu jeder andern, und wird dadurch Grund gewisser Bestimmungen an diesen. +In diesem Sinne heißt sie (sehr uneigentlich) ein Spiegel derselben. Die +Verhältnisse sind aber für dieselbe völlig äußerlich, völlig objectiv, +sie weiß selbst von denselben nichts; nur die oberste Intelligenz des +Weltbaumeisters kennt sie vollständig und vermag daher aus der Lage und +dem Verhältniß einer einzigen Monade jene aller Uebrigen zu erschließen. + +Die Verhältnisse, in welchen eine Monade steht, und die Bestimmungen, +welche sie dadurch an anderen Monaden erzeugt, deren Erkenntniß daher +eine wenn auch nur geringe und undeutliche Vorstellung von den letzteren +gibt, verhalten sich zu der Monade selbst, wie die Bilder der sie +umgebenden Gegenstände zu dem Spiegel, welcher dieselben auffängt. Diese +sind für den Spiegel selbst Nichts, sie sind nur für den Beschauer +Etwas. Dieser gewahrt die Bilder und schließt daraus auf das +Vorhandensein, auf Nähe und Ferne der erzeugenden Gegenstände. Eben so +würde eine so vollkommene Intelligenz, wie jene des Weltbaumeisters, aus +Lage und Beschaffenheiten einer einzelnen Monade, d. i. aus den an ihr +befindlichen objectiven Verhältnissen und Beziehungen zu den übrigen +Monaden die Construction und Anordnung des ganzen übrigen Weltalls zu +beurtheilen im Stande sein, auf ähnliche Weise, wie im geringeren Grade +ein Maler aus wenigen Strichen die Anlage eines Gemäldes, oder ein +Geometer aus der gegebenen Lage einer Linie und zweier Winkel das ganze +Dreieck zu erkennen vermag. + +So innig zusammenhängend und nach so bestimmten unverrückbaren Gesetzen +geordnet dachte sich =Leibnitz= das Universum. Gott wählte diese +Gesetze, weil sie die einzigen waren, welche die beste Welt schaffen +konnten, die er kraft seiner Heiligkeit schaffen wollte und kraft seiner +Macht zu schaffen vermochte; jede andere hätte dem Begriffe Gottes +widersprochen. Dies war ihm so gewiß, daß er darauf sein +unerschütterliches Vertrauen gründete, das Uebel in der Welt sei ein +nothwendiges Uebel, wenn es eines sei, und zwar das kleinste aus allen +möglichen Uebeln; im Grunde sei es aber gar keines, sondern erscheine +uns als ein solches nur von unserm untergeordneten Standpunkt aus, +während es auf das Ganze irgend einen wohlthätigen Einfluß hat. + +Noch aber würde dieses Universum einen traurigen Anblick darbieten. Die +Monaden sind wirklich noch nichts, als todte Spiegel, die von ihren +eigenen Bildern (Verhältnissen) nichts wissen. Das einzige die Letztern +vorstellende Wesen ist die Gottheit und diese ist zugleich das sie am +vollkommensten vorstellende Wesen. Die vermittelnden Stufen zwischen dem +gänzlichen Mangel alles Vorstellens und dem vollkommensten Vorstellen +findet =Leibnitz= in dem mehr oder minder deutlichen Vorstellen, wodurch +die oben genannten Kasten: Entelechieen, Seelen, niedere und höhere +Geister sich unterscheiden. + +Man unterscheidet an der Monade ein Inneres und Aeußeres, innere +unabhängige, spontane Veränderungen und äußere, objective Beziehungen +und Verhältnisse zu andern: Spiegelbilder. Um uns hier eines +Gleichnisses zu bedienen, stellen wir uns einen Mann vor, der über und +über in eine spiegelnde Rüstung gehüllt ist und mit geschlossenen Augen +dasteht. Dieser Mann hat Vorstellungen von denen er weiß, aber von den +Bildern, welche unterdeß die umgebenden Gegenstände auf seine Rüstung +werfen, weiß er nichts. Seine Vorstellungen sind von diesen äußeren +Bildern ganz unabhängig, sie sind, mit =Leibnitz= zu reden, seine +_perceptiones_, die Bilder seine _repraesentationes_. Jene sind ein +Inneres, diese ein Aeußeres für ihn, und beide brauchen so wenig zu +harmoniren, wie die wirklich vorhandene Welt mit der idealistischen +isolirten Weltanschauung, die sich in jeder Monade bildet, zu harmoniren +braucht. Der Mann mag glauben, sich in einem Garten zu befinden, während +in seiner Rüstung sich der Saal abspiegelt, darin er sich in der That +aufhält. + +Idealismus und Realismus werden hier scharf aus einander gehalten. Jede +Monade hat ihren aparten Idealismus, ihre singuläre Weltansicht, ihre +eigene mögliche Welt, während es doch nur eine einzige =wirkliche= Welt +gibt und geben kann. Soll nun nicht ein beständiger Conflict der +geträumten ideellen mit der wirklichen Welt entstehen, so muß das +Aeußere in das Innere verwandelt, die objectiv (gleichsam) an der +Außenseite der Monade als Spiegelbild vorhandene Vorstellung der +wirklichen Welt muß zur innern subjectiven gemacht, die Monade muß sich +ihres Spiegelbildes der wirklichen Welt bewußt werden. In dem Beispiel, +das wir oben zu Hilfe nahmen, würde dies z. B. dadurch geschehen, daß +der Träger der Rüstung die an derselben befindlichen Spiegelbilder +gewahr und dadurch seines Irrthums inne würde, sich im Freien zu +befinden. Bei der Monade geschieht es durch eine Art psychologischen +Prozesses, der auch den Grund zur Trennung dunkler und deutlicher +Vorstellungen herleiht, indem die blos äußerlichen Spiegelbilder dunkel, +diejenigen aber, deren sich die Monade bewußt geworden, ihre deutlichen +Vorstellungen heißen. + +Das Resultat dieses Processes wird die Ueberzeugung sein, daß die Monas, +weil ihre innerliche Weltanschauung nur das zum Bewußtsein gekommene +Spiegelbild der wirklichen Welt sein kann, die letztere so wie sie +wahrhaft ist, vorstellt, ihr Idealismus also mit dem wahren Realismus +identisch ist. Möglich wird dies Resultat nur durch die prästabilirte +Harmonie, vermöge welcher die sich auf schöpferischem Wege in der Monas +entwickelnden Vorstellungen keine andern sein können, als welche +virtuell in ihrem immanenten speciellen Veränderungsgesetze präformirt +sind. Dieses Veränderungsgesetz hat Gott in die Monas hineingelegt, der +auch die wirkliche Welt, deren Spiegelbild an der Außenseite der Monade +haftet, geschaffen hat. Es hieße an seinem Wollen des allgemeinen Besten +zweifeln, wollte man nicht annehmen, daß er das Mutationsgesetz in jeder +einzelnen Monas so eingerichtet habe, daß in ihr nur Vorstellungen sich +erzeugen, wie sie der wirklichen Welt und der Bestimmung der Monas in +dieser zu wirken und zu handeln, angemessen sind. + +Der Idealismus der einzelnen Monas ist daher kein schlechthin freier, +sondern ein durch ihr immanentes Mutationsgesetz bedingter, und besteht +nur in der Unabhängigkeit von realer äußerer Einwirkung, nicht aber von +innerer. Das Veränderungsgesetz selbst hat seinen Grund in Gott und zwar +in dem praktischen, dem Willenselement desselben, kraft dessen er das +Beste der Welt will. Eine ähnliche Beschränkung des absoluten Idealismus +trifft man bei =Fichte= in seiner Berufung auf die moralische +Weltordnung und die Bestimmung des Menschen, wobei er nur die bei +=Leibnitz= noch mächtige und unvermeidliche Persönlichkeit des +Weltordners hinweggedacht hat. + +Ohne daher eine Einwirkung von irgend einer der übrigen Monaden direct +zu erfahren, steht jede Monas in gewissen Verhältnissen zu jeder +derselben und erkennt diese Verhältnisse kraft ihres immanenten +Mutationsgesetzes in größerer oder geringerer Anzahl, und mehr oder +weniger deutlich. Ihre Vorstellungen sind idealistisch, aber Gott hat +dafür gesorgt, daß sie der wirklichen realen Welt jederzeit entsprechen. +Die Abwesenheit des directen causalen Zusammenhanges kann unter diesen +Umständen unserer praktischen Verpflichtung und wirklichen Thätigkeit +keinen Schaden thun. Die Dinge wirken nicht auf die Seelenmonas, diese +aber empfindet sie und stellt sie vor, gerade so als ob sie auf sie +wirkten. Ohne von ihnen genöthigt zu werden, stellt die Seelenmonas die +Dinge vor, wie sie wirklich sind, und dies in Folge ihres immanenten +Veränderungsgesetzes, da Gott uns unmöglich kann täuschen wollen, +welches letzten Argumentes sich auch schon =Descartes= bedient hat. + +Es ist nun klar, wie wir zu der Annahme eines causalen Zusammenhanges +gelangen. Dieser findet in Wahrheit nicht statt, aber er =scheint= +stattzufinden. Wegen des gleichmäßig geordneten Ablaufs von +Veränderungen in sämmtlichen Monaden treten gewisse Veränderungen in +mehreren gleichzeitig ein, wiederholen sich dieselben gleichzeitigen +mehrmals, bis sich bei dem Beschauer allmälig die Idee ausbildet, daß +diese gleichzeitig wiederkehrenden Veränderungen zusammengehören, die +eine nicht ohne die andere sein kann, zwischen beiden also dasselbe +Verhältniß statthabe, das wir sonst Ursache und Wirkung zu nennen +gewohnt sind. Da wir dies blos als eine Verknüpfung der gleichzeitigen +Veränderungen beim Beschauer, keineswegs aber die eine als +hervorgebracht durch eine besondere Kraftäußerung der andern ansehen, so +macht sich die Causalität hier schon als eine bloße Regel der Zeitfolge +geltend, wofür sie =Hume= und die Skeptiker später ausdrücklich +erklärten. Nach =Leibnitz= bedeutet das Causalverhältniß zwischen _a_ +und _b_ nichts Anderes als: die Veränderungsgesetze zweier Monaden sind +so beschaffen, daß sobald in Folge des einen in seiner Monas der Zustand +_a_ eintritt, in Folge des andern in der zweiten Monas der Zustand _b_ +eintreten muß. Dann heißt der Zustand _a_ und jeder ihm ähnliche die +Ursache des Zustandes _b_ und jedes ihm ähnlichen und dieser die Wirkung +von jenem. Er heißt aber nur so, er ist es nicht, denn beide sind völlig +unabhängig von einander nach den immanenten Mutationsgesetzen +verschiedener Monaden erfolgt. + +=Leibnitz= selbst nannte seine Monaden »geistige Automaten.« Wie diese +der Künstler, nachdem er sie gehörig aufgezogen hat, sich selbst +überläßt, in der sicheren Voraussetzung, es werde jede Schraube und +jedes Rädchen in denselben seinerzeit gehörig eingreifen, um die +Bewegungen hervorbringen zu helfen, die die Maschine zu machen bestimmt +ist: gerade so überläßt auch Gott die Monaden, nachdem er ihnen die +passenden Gesetze eingeprägt hat, ihrer Selbstthätigkeit, die ohne +eigenes Zuthun stets mit jener aller übrigen zusammenstimmen muß. + +Die prästabilirte Harmonie, die wir so eben als statthabend zwischen den +freischöpferischen Vorstellungen der Monaden und den objectiven +äußerlich an denselben in Folge des Zusammenhanges der Welt sich +bildenden Spiegelbildern dargestellt haben, findet sich auch zwischen +den ersteren und den körperlichen Bewegungen. Vollkommnere Monaden +machen den Mittelpunkt minder vollkommener aus, wie die Seele den des +Körpers. Die Vollkommenheit aber richtet sich nach der größeren oder +geringeren Menge deutlicher Vorstellungen, und scheidet darnach +Entelechieen, Seelen und Geister, welche letzteren sich schon bis zu +abstracten Begriffen und Vernunfterkenntnissen zu erheben vermögen. Jede +Monade trägt Beziehungen zu allen übrigen Monaden an sich, sie spiegelt +das ganze übrige Universum vor. Sollte dies bis in's kleinste Detail mit +vollkommenster Deutlichkeit geschehen, so müßte jede einzelne Monas Gott +sein, denn dies würde eine unendliche Erkenntnißkraft voraussetzen, weil +unendlich viele Beziehungen vorhanden sind. Sie erkennt daher von +diesen, so lange sie blos Entelechie ist, alle, sobald sie Seele ist, +den größten Theil ihrer Beziehungen und Verhältnisse zu andern nur +verworren (_confuse_). Deutlich erkennt eine Seele nur einen kleinen +Theil derselben, etwa die nächsten oder, im Vergleiche mit ihr selbst, +größten und mächtigsten. Die Beschränkung der Monaden erstreckt sich +daher nicht auf die Gegenstände, welche sie vorstellt, die bei allen +dieselben sind, nämlich das gesammte Universum, sondern auf die Art und +Weise, =wie= sie dieselben vorstellen. Natürlich folgt daraus, daß jede +Seele einen andern Theil der sie umgebenden Dinge deutlich vorstellt, +z. B. ihren eigenen Körper(47). Da aber der Raum stetig erfüllt ist, so +pflanzt sich dieses deutliche Vorstellen einer Monade mittelbar durch +das ganze All fort, indem die von der Monade _a_ deutlich vorgestellten +Monaden selbst wieder andere deutlich vorstellen, und so fort, was +=Leibnitz= so ausdrückt: »Da die Materie zusammenhängend ist, und jede +Bewegung im erfüllten Raume auf distante Körper eine Einwirkung im +Verhältniß zu ihrer Distanz ausübt, so zwar, daß jeder Körper nicht blos +von dem ihm zunächst befindlichen afficirt wird und gewisser Weise +mitempfindet, was diesem widerfährt, sondern durch dessen Vermittlung +auch mit jenen mitfühlt, welche an den ihn unmittelbar berührenden +anstoßen: so folgt, daß diese Einwirkung sich auf was immer für eine +Distanz hinaus erstrecke, und jeder Körper alles mitempfinde, was im +ganzen Universum geschieht(48).« Deutlich also stellt die Seele nur +ihren Körper vor, und insofern dieser durch den Zusammenhang aller +Materie im erfüllten Raume untereinander das Universum ausdrückt, +»stellt die Seele, indem sie ihren Körper vorstellt, das Universum +selbst vor(49).« Wie es nun komme, daß die Veränderungen in den Körpern, +ohne daß die Seele real auf denselben einzuwirken vermag, doch +regelmäßig erfolgen, läßt sich aus den regelmäßigen inneren +Veränderungen der einfachen Monaden erklären, welche die Körper +constituiren. Die Körper, als Zusammengesetztes, =sind= nicht wahrhaft; +an ihnen kann daher auch keine Veränderung vorgehen, sondern was wir +eine Veränderung an einem Körper zu nennen pflegen, ist nichts als das +Resultat aller gleichzeitig in den einfachen Monaden, welche den Körper +ausmachen und denen allein wahrhafte Existenz zukommt, vorgehenden oder +vorgegangenen Veränderungen. Herrscht aber, wie vorausgesetzt, zwischen +den Veränderungen in den einfachen Wesen und Theilen des Körpers die +prästabilirte Harmonie, so muß diese auch zwischen den Summen der +gleichzeitigen Veränderungen in mehreren Körpern, also zwischen den +(scheinbaren) Veränderungen dieser Körper selbst stattfinden. Das +Resultat der gleichzeitigen Veränderungen in den einfachen Theilen eines +Körpers, welches dann eine Veränderung des Körpers selbst heißt, läßt +sich am richtigsten mit der Summe vergleichen, weil die einzelnen +Summanden, die Veränderungsreihen in den einfachen Theilen, von einander +ganz unabhängig sind, und einander wechselseitig aus ofterwähnten +Gründen durchaus nicht modificiren. Auf diese Weise setzte =Leibnitz= +höchst geistreich und scharfsinnig die Beschaffenheit des organischen +Wesens, dessen organische Gliederung bis in's Einzelne und Kleinste mit +einer Klarheit und Wahrscheinlichkeit auseinander, die seinem +atomistisch-monadischen System so viel Eingang verschaffte, und von den +Resultaten der Naturwissenschaften immer augenscheinlicher bestätigt +wurde. »Jeder organischer Körper,« sagt er, »ist eine Art göttlicher +Maschine, ein natürlicher Automat, der alle künstlichen unendliche Mal +übertrifft. Denn eine Maschine von Menschenhand ist es nicht mehr in +ihren kleinsten und letzten Theilen, und es gibt z. B. an einem Stegrade +Theile und Bruchstücke genug, die nichts Kunstreiches mehr an sich und +zum Totalzwecke der Maschine beinahe keinen Bezug haben. Aber die +Maschinen in der Natur, ich meine die lebenden Körper, sind noch in +ihren kleinsten Theilen bis in's Unendliche hinab Maschinen. Und dies +ist der Unterschied zwischen göttlicher und menschlicher Kunst(50).« Und +mit welcher Begeisterung spricht er allenthalben von der Belebung des +Weltalls bis in seine kleinsten Theile, obgleich ihn erst =Swammerdam='s +und =Leuvenhök='s kaum begonnene Forschungen auf diesem jetzt durch +=Ehrenberg= u. A. so reich angebauten Felde unterstützten! Während er +aber dieses that, übersah er oder wollte er nicht sehen, daß zu einer +wahren Belebung auch wechselseitige Thätigkeit und Wirksamkeit gehöre, +und jene ohne diese eigentlich keinen Sinn habe. Oder werden wir wohl +von Belebung bei einem Körper sprechen können, dessen einzelne Theile +zwar sich selbstthätig bewegen, deren keiner aber den andern bewegt, +indem keiner eine Art freiwilliger Herrschaft über die andern ausübt, +die sich alle theilnahmslos, und nur mit sich selbst beschäftigt, neben +einander hintreiben, oder vielmehr von immanenten Gesetzen unwillkürlich +und mechanisch getrieben werden. Dennoch hielt =Leibnitz= an seiner +prästabilirten Harmonie mit einer Zuversicht fest, die ihn von ihr sagen +ließ: »sie sei die vernünftigste und zugleich diejenige Annahme, welche +die höchste Idee von der Harmonie des Universums und der Vollkommenheit +der Wesen Gottes gibt(51).« Da ihm der Occasionalismus hauptsächlich um +deswillen verwerflich dünkte, weil er die Gottheit zum Werkzeuge blinder +Naturgewalt, noch mehr, weil er sie zum Diener der Willkür geschaffener +Wesen herabzuwürdigen schien, der bei der Hand sein müßte, sobald Leib +oder Seele seiner bedürften, der physische Einfluß aber mit der +Einfachheit der Substanzen ihm in jedem Sinne unvereinbar vorkam: so bot +ihm die prästabilirte Harmonie dagegen unermeßliche, und wie er meinte +gerade solche Vorzüge, wie sie seinem edlen, für Menschenwohl und echte +Religiosität glühenden Herzen am willkommensten waren. =Leibnitz= war +ein Kosmopolit; sein Augenmerk traf immer das Ganze; die Mathematik +hatte dasselbe für die Wahrnehmung des regelrechten Ganges in Natur und +Menschenloos geschärft, es bedünkte ihn eine bare Unmöglichkeit, daß +dies alles das Werk eines blinden Zufalls sein sollte. »Genöthigt,« +sagte er, »zuzugeben, daß es unmöglich sei, daß die Seele oder irgend +eine andere wahrhaft einfache Substanz von außen her Etwas empfange, +wenn dies nicht durch die Allmacht Gottes geschieht, ward ich unvermerkt +zu einer Ansicht hingetrieben, die mich überraschte, die mir +unvermeidlich schien und die wirklich große Vortheile und +beachtenswerthe Schönheiten gewährt(52).« Und an einem anderen Orte +heißt es: »In ihr findet sich der große Gewinn, daß wir, statt wie +mehrere geistvolle Männer (=Descartes=) geglaubt haben, blos scheinbar +und auf eine Weise frei zu sein, die für die Praxis gerade hinreicht, +vielmehr sagen müssen, wir seien nur dem Scheine nach bestimmt, und im +strengen metaphysischen Sinne vollkommen unabhängig von was immer für +Einflüssen aller übrigen Geschöpfe (aber nicht von innern). Diese +Ansicht stellt ferner die Unsterblichkeit unserer Seele in's hellste +Licht, so wie die immer gleichförmige Erhaltung unserer Individualität, +die trotz aller äußeren Zufälle und so sehr auch das Gegentheil wahr +scheinen mag, vollkommen von ihrer eigenen innern Natur geregelt wird. +Niemals hat ein System unsere Erhabenheit mit mehr Evidenz gezeigt. +Jeder Geist ist eine Welt für sich, sich selbst genug, unabhängig von +jeder anderen Creatur, umfaßt er das Unendliche, stellt das Universum +dar, ist so dauernd, so beständig und so in sich vollendet, wie das +Universum der Geschöpfe selbst .... Mit dieser Annahme gelangt man zu +einem Beweise für die Existenz Gottes von überraschender Klarheit. Denn +diese vollkommene Zusammenstimmung so vieler Substanzen, die doch unter +sich wechselseitig keinen Verkehr haben, kann nur von einer +gemeinschaftlichen Ursache kommen(53).« Der letzte Grund war für +=Leibnitz= von entscheidender Wichtigkeit, denn auf diese Existenz war +zuletzt sein ganzes philosophisches Gebäude gegründet. Ohne das Dasein +Gottes fehlte der prästabilirten Harmonie aller Boden; denn mit ihm fiel +die Möglichkeit des Princips der Wahl des Besten hinweg, von dessen +Realität zuletzt Alles abhing. Allein wer sieht nicht, daß der Schluß +von dem Dasein einer prästabilirten Harmonie, die selbst nur unter der +Voraussetzung des Seins der Gottheit haltbar wird, auf das letztere +zurück durchaus keine Kraft hat, vielmehr ein völliges Hysteron Proteron +ist? Auch bedachte =Leibnitz= nicht, daß wir ohne Einwirkung von außen +von dem Vorhandensein anderer Substanzen außer unserer eigenen, also +auch von der Harmonie oder Nichtharmonie der in denselben vorgehenden +Veränderungen mit unseren eigenen nichts wissen können; daß diese +Harmonie für uns so lang eine bloße Hypothese bleibt, so lang wir nicht +auf anderem Wege den Beweis für die Existenz eines Wesens hergestellt +haben, welches bei der ausgemachten (?) Unmöglichkeit, daß eine Substanz +auf die andere wirke, will, daß alles Geschehen in möglichster +Uebereinstimmung zum Wohle des Ganzen und zur Erreichung des +größtmöglichen Besten mit beitrage. Allein =Leibnitz=' galt die +prästabilirte Harmonie für mehr als eine bloße Hypothese, »weil sich auf +keine andere Weise die Dinge gleich gut erklären lassen, dagegen die +größten Schwierigkeiten, die den Denkern bisher aufgestoßen, vor ihr wie +Spreu vor dem Winde verfliegen(54)«. So führt er den Beweis für dieselbe +immer nur aus ihren Folgen für das praktische Erkennen und Handeln, für +die Erkenntniß Gottes, die Unsterblichkeit der Seele, die menschliche +Freiheit, als die Angelpunkte, um welche sich alles und jedes +metaphysische Denken bewege. Zum Beweise ihrer Wirklichkeit genügte es +ihm, ihre Möglichkeit erwiesen zu haben. »Denn,« sagte er, »warum könnte +Gott der Substanz nicht eine solche Natur oder innere Kraft gegeben +haben, vermöge welcher sie der Ordnung nach (etwa wie ein spiritueller +oder formeller Automat) alles das aus sich producirte, was ihr zustoßen +wird und kann, d. i. alle jene Scheine und Aeußerlichkeiten, die sie +jemals haben und an sich tragen wird, und dies ohne Beihilfe irgend +einer andern Creatur? Um so mehr, da die Natur der Substanz einen +Fortschritt oder Wechsel mit Nothwendigkeit begehrt, und wesentlich +einschließt, ohne welche sie keine Kraft zu handeln und thätig zu sein +besäße? Und da diese Natur der Seele eine repräsentative, nämlich das +ganze Universum auf höchst bestimmte, obgleich mehr oder minder +deutliche Weise vorstellende ist, so wird natürlicherweise die Folge der +von der Seele erzeugten Repräsentationen der Folge der im Universum +selbst stattfindenden Veränderungen entsprechen. Wenn man aber, so wie +es geschieht, selbst sobald man die Seele als nach außen zu wirken fähig +ansieht, zugibt, daß der Körper der Seele angepaßt worden sei, so ist es +doch noch viel vernunftgemäßer, zu sagen, daß die Körper nur für und +wegen der Seelen gemacht worden seien, welche letzteren allein fähig +sind, in die Gemeinschaft Gottes einzugehen und seinen Ruhm zu +verkünden(55).« + + (47) Vergl. _Monad._ S. 709. + + (48) _Monadol._ S. 710. + + (49) _Monadol._ S. 710. + + (50) _Monadol._ S. 710. + + (51) _Nouveau système_, S. 128. + + (52) _Nouv. syst._ S. 127. + + (53) _Nouv. syst._ S. 128. + + (54) _Nouv. syst._ S. 128. + + (55) _Nouv. syst._ S. 127. + +Der Mechanismus, dem dieses System das Wort zu reden schien, erregte +schon seiner Zeit lebhaften Widerspruch, am heftigsten den =Pierre +Bayle='s, jenes scharfsinnigen Skeptikers, dessen selbst für unsere Tage +und Verhältnisse noch unzweifelhafte und in manchen Stücken +überraschende Bedeutung erst neuerlich =Feuerbach=(56) in seiner Weise +ins Licht gesetzt hat. Da dieser Streit einer der wenigen ist, deren +Acten von beiden Seiten uns vollständig und von der Hand der Urheber +selbst vorliegen, so wollen wir sowohl die wesentlichsten Einwendungen +=Bayle='s, die meist jetzt noch Geltung haben, als die Widerlegung +=Leibnitz=' in Kürze anführen. Sie finden sich von Seite =Bayle='s in +den beiden Auflagen seines Wörterbuchs(57), von Seite =Leibnitz=' bei +=Erdmann= S. 150-154. =Bayle='s Einwendungen waren im Auszug folgende: + +1. Aus dieser Hypothese (der prästabilirten Harmonie) würde folgen, daß +z. B. eine Seele die Empfindung des Hungers haben müßte, auch wenn außer +ihr und Gott gar Nichts, also auch kein Mittel vorhanden wäre, diesen +Hunger zu stillen, weil ja die Veränderungen in ihr ohne Rücksicht und +unabhängig von jenen des Körpers blos nach einem immanenten Gesetz +erfolgen; eine fortwährende schmerzliche Empfindung aber ohne Mittel, +derselben zu steuern, sei mit Gottes Güte und Weisheit unverträglich. + +2. Das Dasein schmerzlicher Empfindungen und unangenehmer Gefühle in der +Seele verträgt sich auf keine Weise mit der Spontaneität der letzteren, +weil man nicht annehmen kann, sie werde sich selbst Schmerzen zufügen +wollen. + +3. Der Grund, weshalb =Leibnitz= des =Cartesius= Vermittlung zwischen +Geist und Körper durch Gottes Beistand verwirft, beruht auf falschen +Voraussetzungen; denn indem die Gottheit in diesem Falle vermittelnd +eingreift, handelt sie nach allgemeinen, somit (?) nothwendigen +Gesetzen, daher keineswegs als bloßer _Deus ex machina_. + +4. =Bayle= fragt, ob denn jene die innern Veränderungen erzeugende und +schaffende Kraft der Seele die Reihe der Vorstellungen kenne, die sie +erzeugen wird. Die Erfahrung scheine dies Letztere nicht zu bestätigen, +weil wir ja nicht einmal je mit Sicherheit anzugeben im Stande sind, +welche Vorstellungen wir etwa nach einer Stunde haben werden. Die Reihe +der Vorstellungen bestimme und regiere daher wohl irgend ein anderes +äußeres Princip, nicht die Seele selbst. Ob dies selbst aber wohl etwas +Anderes sei, als auch wieder ein _deus ex machina_? + +5. Mit welchem Rechte, fragt er weiter, könne =Leibnitz= wohl, nachdem +er kaum mit gewichtigen Gründen erwiesen habe, die Seele sei einfach und +untheilbar, dieselbe plötzlich mit einer Pendeluhr vergleichen? d. i. +sie zu einem Wesen machen, welches vermöge seiner innern Einrichtung +verschiedene Thätigkeiten haben kann, wenn es sich der vielfachen ihm +vom Schöpfer verliehenen Vermögen bedient? Wohl sei zu begreifen, daß +ein einfaches Wesen, so lange keine äußere Macht es abändert (was ja bei +Monaden ohnedies unmöglich ist), nur ewig gleichförmig (_uniformément_) +handeln könne. Wäre es dagegen zusammengesetzt, wie es eine Maschine, +wie eine Pendeluhr, ist, so würde es auch auf verschiedene Weise handeln +können, weil die besondere Thätigkeit jedes Theils von Moment zu Moment +die Thätigkeit der übrigen zu modificiren vermöchte. Allein woher in der +einfachen auf sich selbst beschränkten Substanz der Grund des +Thätigkeitswechsels; woher überhaupt und wie ist die Vielheit in der +Einheit möglich? + + (56) =Pierre Bayle= nach seinen für die Gesch. der Philos. und + Menschheit interessantesten Momenten. Ansbach, 1838. + + (57) _Dictionn. histor. crit. ed. I. Rotterodami, 1697. II. tom. + II. part. p. 965._ + +Wie ganz nahe streift dieser letzte Punkt an Dasjenige, was von der +neuesten monadistischen Schule gegen das Vorhandensein mehrfacher +Vermögen und mehrfachen Qualitätenwechsels in der einfachen Substanz +vorgebracht worden ist! Auch hier wird die Untheilbarkeit der einfachen +Wesen in andere wieder =selbständige Wesen= mit der seinsollenden +Unmöglichkeit verwechselt, an derselben Substanz mehrere zugleich +haftende oder einander ablösende =Beschaffenheiten= zu unterscheiden. In +dem angeführten Beispiel aber wird übersehen, daß ja auch wenn wir ein +Zusammengesetztes vor uns hätten, darin ein Theil den andern modificiren +soll, dies nur möglich ist, wenn die einfachen Wesen überhaupt die +Fähigkeit haben, auf Andere zu wirken. Statt also Anstand zu nehmen, wie +eine Vielheit in einer einfachen Einheit Raum finden könne, hätte +vielmehr herausgehoben werden sollen, wie widersprechend ein +Thätigkeitswechsel sei, der nicht durch äußere Einwirkungen +hervorgebracht werden, sondern einzig in einer _causa sui_ seinen Grund +haben soll. + +=Leibnitz= selbst erwiederte auf diese Einwendungen in einem Briefe +ungefähr Nachstehendes(58). Die Erste derselben, meint er, beruhe auf +einer metaphysischen Fiction, die im natürlichen Laufe der Dinge gar +nicht eintreten könne. Allerdings habe Gott jede Monas unabhängig +gesetzt von jeder andern, allein es widerspreche seinen göttlichen +Eigenschaften, nicht mehr als eine einzige Substanz geschaffen zu haben. +In diesem Falle müßte er ferner die einzelnen Substanzen gänzlich ohne +Verbindung und außer Zusammenhang unter einander hingestellt haben; jede +hätte ihre aparte Welt für sich, etwa so wie man sich im Traum eine +ausmalt, die nicht wirklich vorhanden ist. Aber selbst angenommen, die +Seele sei ganz allein vorhanden, sei es dennoch nicht unmöglich, daß sie +Veränderungen erleide. Das Letztere folge sogar aus dem Naturgesetze, +daß ein jedes Ding seinen einmal erlangten Zustand ohne Hinzutritt einer +äußeren Störung fortwährend beibehalten müsse. Was in Ruhe sei, bleibe +in Ruhe, was in Bewegung, Veränderung begriffen sei, verändere sich +fortwährend(59). Die Natur eines geschaffenen Wesens sei es, sich +continuirlich zu verändern, und dies zwar nach einem bestimmten +Mutationsgesetze, von solcher Beschaffenheit, daß eine höhere +Intelligenz mit Hilfe seiner Kenntniß aus den gegenwärtigen alle +künftigen Veränderungen vorherzusehen und zu erschließen vermöge. Da nun +dieses Mutationsgesetz für jede Monas ein anderes sei, weil jede andere +Veränderungen hat, so mache es die Individualität jeder einzelnen Monas +in Bezug auf das ganze übrige Universum aus, und dieser Bezug auf das +Universum sei es, welcher die Möglichkeit ausschließe, daß irgend eine +einzelne Substanz allein mit Gott ohne Andere in der Welt vorhanden sei. +Dabei kommt Alles darauf an, was man sich unter jenem Mutationsgesetze +denkt. Betrachtet man es als eine Kraft, welche ohne selbst beschränkt +zu sein, die übrigen Kräfte und Vermögen der Seele so leite, daß sie +gerade bestimmte Veränderungen hervorbringen, so ist sie selbst die +eigentliche Substanz (da sie doch als Kraft eben Etwas, welches dieselbe +besitzt, voraussetzt, also eigentlich nur Adhärenz ist), das eigentlich +Freithätige. Bedeutet es aber blos die Nothwendigkeit, daß um der +übrigen Monaden willen eine gewisse Monade nur gewisse Veränderungen +haben dürfe, so erscheint ja diese letzte beschränkt durch das Dasein +außer ihr befindlicher Substanzen, erleidet daher eine (wirkliche, ihre +physische Natur angehende, nur nicht materiell transitorische) +=Einwirkung= von denselben, die ja eben durch die Annahme des +Mutationsgesetzes vermieden werden sollte. + + (58) _»Lettre à l'auteur de l'histoire des ouvrages des savans, + contenant des eclaircissements de difficultés, que Mr. =Bayle= a + trouvé dans le système nouveau de l'union de l'âme et du corps.« + Histoire des ouvrages des savans. Juillet, 1698. p. 329._ Bei + =Erdmann= S. 150-154. + + (59) So allgemein ausgedrückt, beweiset dieser Satz mehr, als + =Leibnitz= will, und gegen ihn. Denn obgleich die gestoßene Kugel, + auch nachdem der Stoß aufgehört hat, fortfährt, den Ort zu verändern, + also in der Veränderung beharrt, so ist es auf der andern Seite eben + so wahr, daß, so lange keine äußere Störung eintritt, die + Geschwindigkeit, mit welcher sie ihren Weg fortsetzt, unverändert + bleibe. Die Monaden sind einer Störung von außen nicht fähig, ihr + einmal angenommener Zustand muß also derselbe für alle Zeiten bleiben. + War dieser ein Zustand der Ruhe, so muß die Monade für alle Zeit + denselben Zustand, also dieselbe Vorstellung behalten, ein Ausspruch, + dem die unmittelbarste innere Erfahrung jeden Augenblick auf das + Bestimmteste widerspricht. War jener aber ein Zustand der Veränderung, + so währt diese continuirlich fort, so daß in jedem Zeitpunkt ein + anderer Zustand in der Monas stattfindet, und nicht zwei auch noch so + nahe an einander gelegene Zeittheile angebbar sind, innerhalb welcher + eine und dieselbe Vorstellung in der Seele beharrt, was gleichfalls + wohl Jeder an sich selbst schon widerlegt gefunden hat. Es bleibt also + nichts übrig, als äußere modificirende Wirkungen, Einwirkungen + zuzugeben, wenn man der gewissesten inneren Erfahrung nicht auf's + schneidendste widersprechen will. + +Gegen 2. entgegnet =Leibnitz=, daß spontane, d. h. ohne fremde +Veranlassung aus eigenem Vermögen erzeugte Veränderungen um deswillen +nicht immer freiwillige sein müssen, und in den Monaden als Folgen der +immanenten Mutationsgesetze derselben auch in der That nicht sind, es +also keineswegs in der Macht der Seele stehe, sich mißfälliger oder +unangenehmer Vorstellungen nach Belieben zu entäußern. Was 3. angeht, so +behalte sein System immer noch genug Vorzüge vor dem cartesianischen, +selbst wenn es sich bestätigte, daß dieses nicht so häufig zum Wunder +seine Zuflucht nehme, als der Occasionalismus seiner Natur nach nöthig +zu machen scheint. Denn während dieser sich mit der fortwährenden +Ueberwachung zweier Uhren (=Leibnitz=' Lieblingsgleichniß) vergleichen +lasse, die eigensinnig oder übel eingerichtet nie gleichförmig gehen +wollen, gleiche die Harmonie seiner Substanzen vielmehr der Concordanz +zweier trefflich eingerichteten, immer gleich gehenden Uhren, was eines +großen Künstlers gewiß würdiger sei! Um den vierten Punkt zu entkräften, +bedürfe es nur einer Unterscheidung zwischen deutlichen und verworrenen +Vorstellungen. Jede Vorstellung, die wir gehabt, läßt Spuren in der +Seele zurück, welche zur Modification aller künftig eintretenden mit +beitragen helfen, ihrer Menge aber wegen von uns nicht mehr deutlich +erkannt und unterschieden werden. Ohne daß der jedesmalige Zustand der +Seele aufhöre, ganz natürliche Folge aller vorhergegangenen zu sein, +kann doch nur eine höhere Intelligenz (also nicht die Seele selbst) die +Gründe erkennen, die in den früheren Zuständen liegen, und um deren +willen die späteren gerade so und nicht anders beschaffen sein können, +als sie es sind, und nur eine solche kann daher mit Sicherheit +vorausbestimmen, welche Zustände künftig noch in der Seele eintreten +werden. + +Auf den fünften, bedeutendsten dieser Einwürfe antwortet =Leibnitz=, man +könne immerhin sagen, die Seele sei ein immaterieller Automat; was aber +ihr einförmiges Thätigsein betreffe, so müsse man unterscheiden: dies +könne 1. so viel heißen, als nach demselben Gesetze fortwährend thätig +sein, und in diesem Sinn finde es bei jedem (einfachen oder +zusammengesetzten) Wesen wirklich statt, oder es bedeute 2. einförmige, +d. h. einander beständig gleiche Veränderungen, und in diesem Sinne sei +es falsch. So schreite die Bewegung in parabolischer Linie beständig +nach demselben Gesetze fort, sei also wohl einförmig im ersten, +keineswegs aber im zweiten Sinne des Worts, denn die Stücke der +parabolischen Bahn sind sich nichts weniger als ähnlich. Auch habe die +Seele in jedem Augenblick mehrere Vorstellungen zugleich, welche für sie +dasselbe bedeuten, wie die Mehrheit der Theile für eine Maschine. Denn +jede vorhergehende Vorstellung habe Einfluß auf alle nachfolgenden. +Ueberdies schließe jede wahrnehmbare Vorstellung noch eine Menge +kleinere und weniger bedeutende Vorstellungsacte in sich, die sich nur +nach und nach entwickeln und sichtbar werden, wie schon aus der +repräsentativen Natur der Seele folge, welche mittels der Verknüpfung +und des Zusammenhangs aller Theile des Universums unter einander Alles +ausdrückt, was im ganzen Universum geschieht und geschehen wird. Diese +Lösung der Frage, wie eine Vielheit in der Einheit möglich sei, steht +und fällt mit der prästabilirten Harmonie. Denn da gleich in vorhinein +angenommen wird, jede Monas stehe zu jeder andern in einem andern +Verhältniß, also in unendlich vielen Verhältnissen, die sich sämmtlich +an der Außenseite (?) der Monade »spiegeln« und ihre objectiven dunkeln +Vorstellungen ausmachen, so haben wir gleich von Anbeginn her eine +unendliche Menge zugleich vorhandener, wenigstens dunkler Vorstellungen +in der Monas und _ab esse valet conclusio ad posse_. Es frägt sich nur, +ob es mit dem Spiegeln seine Richtigkeit habe. Aus der (scheinbaren) +Unmöglichkeit einer Vielheit in der Einheit ist =Herbart='s ganze +abweichende Theorie der Seelenlehre geflossen, welche die Mehrheit der +Kräfte und Vermögen mit der Einfachheit der Seele für unvereinbar +erklärt, und auf die wir zurückkommen werden, wenn von den im Begriffe +des Dinges mit mehreren Merkmalen und der Veränderung angetroffenen +Widersprüchen die Rede sein wird. + +Den obigen verwandt sind die späteren Einwendungen =Bayle='s in der +zweiten Auflage seines Wörterbuchs und =Leibnitz=' Erwiederungen(60). +=Bayle= vergleicht dort die Monas mit einem Schiffe, das ohne von +Jemanden regiert zu werden, sich kraft immanenter Gesetze von selbst an +den Ort seiner Bestimmung begibt und =Leibnitz= meint darauf, eine +Maschine dieser Art zu verfertigen, werde auch einem endlichen Geiste +wohl einmal möglich werden, warum sollte es eine eben so construirte +Monas dem unendlichen Wesen nicht sein? Wie aber Jener die Seele Cäsars +als Beispiel anführt und fragt, wie es denn komme, daß deren Körper ohne +ihr eigenes Zuthun sich ihr so vollkommen anbequemt habe, da sagt +=Leibnitz= geradezu: »Mit Einem Wort, Alles macht sich im Körper so als +wäre in Bezug der einzelnen Erscheinungen die verwerfliche Lehre +=Epikur='s und =Hobbes=', die Seele sei ein materielles Wesen, +vollkommen wahr, als wäre der Mensch in der That ein bloßer Körper, ein +reiner Automat.« Klingt das nicht völlig so, als hätte sich =Leibnitz= +wirklich zu einem fatalistischen Mechanismus bekannt, dem er vergebens +dadurch ausweichen will, daß er ihn von der Gottheit abhängig macht, +welche Alles auf's Beste erkenne, wolle und vermöge, und auf diese Weise +die blinde Nothwendigkeit als eine weise, vorbedachte und unverrückbare +Ordnung der Dinge erscheinen zu lassen versucht? Mit Recht scheint diese +Ansicht der Vorwurf zu treffen, das absolute Werden und damit auch die +Unfähigkeit vernünftiger Leitung und Lenkung nicht von sich weisen zu +können. Will sie das letztere, und beruft sich ausdrücklich, wie sie es +thut, auf die continuirliche Einwirkung der unendlichen Monas auf alle +endlichen, so trägt die Hypothese einen zweiten Widerspruch an sich, der +noch handgreiflicher aufliegt, als der erstgenannte. + + (60) _Repliques aux reflexions contenues dans la seconde édition du + dictionn. hist. crit. de Mr. =Bayle=._ =Erdmann=, S. 183 u. ff. + +Gibt es nämlich einerseits keine andere Möglichkeit physischen Einflusses +einer Monade auf eine andere, als in so materiell-transitorischer +Weise, wie sie =Leibnitz= ausdrücklich annimmt, und darauf +eben seine Verwerfung desselben basirt, ist es eben deshalb +absolut unmöglich, daß eine Monade auf die andere wie immer +Einwirkungen ausübe oder von ihr erfahre, wie gleichfalls mit klaren +Worten behauptet wird: wie ist es, möchten wir fragen, denkbar, daß die +Gottheit selbst, die ja, wenn gleich die vollkommenste, doch auch nur +eine Monas sein kann, auf die übrigen Monaden einwirke, was gleichwohl +angenommen und worauf so viel Gewicht gelegt wird? Kann es also helfen, +sich hinter die Allmacht der Gottheit zu flüchten, für welche es gar +keine Beschränkung des Wie und also auch des möglichen äußeren +Einflusses auf andere gebe? Kann selbst die Allmacht das =an sich +Unmögliche=, was die äußere Wirksamkeit zwischen Monaden deren Natur +zufolge sein soll, möglich und wirklich machen? Wäre dies nicht eben so +ungereimt, als der Gottheit die Fähigkeit zuzumuthen, machen zu können, +daß zweimal zwei nicht mehr vier, sondern fünf betrage? Um seinen +eigenen Principien treu zu bleiben, hätte =Leibnitz= entweder auch die +Wirksamkeit der Gottheit auf die übrigen Substanzen negiren, oder er +hätte zugeben müssen, jene materiell-transitorische sei keineswegs die +einzige mögliche Weise eines physischen Einflusses zwischen den +Substanzen. Das Erstere konnte er nicht thun, so wenig als er würde +zugestanden haben, die wirkliche Einwirkung der Gottheit auf die übrigen +Substanzen sei von der Art des Uebergangs materieller Theilchen etwa aus +der Substanz der Gottheit in die geschaffene Monade, da ja beider Natur +einfach, und jene Gottes überdies noch unveränderlich ist. Es wäre ihm +also nichts übrig geblieben, als zuzugestehen, die Art der Einwirkung +der Gottheit auf die Substanzen sei anderer Natur, als jene +materiell-transitorische, die er verworfen hatte, und bestehe wirklich. + +Wo liegt aber, möchten wir jetzt weiter fragen, der Grund, daß die Kraft +nach außen zu wirken, die wir so eben der unendlichen Substanz in +unendlichem Maße, nämlich auf alle übrigen unendlich zahlreichen +einfachen Substanzen, zugesprochen haben, nicht auch in minder hohem +Grade den blos endlichen geschaffenen Substanzen zukomme? Sind nicht +diese so gut einfache Substanzen, wie jene? Sind sie von jener generisch +und so verschieden, daß nicht Kräfte, welche sie besitzen, auch jener, +nur in einem unendlich hohen Grade, inwohnen können?(61) Gibt doch +Leibnitz selbst zu, daß dieselben Kräfte, die in der menschlichen Seele +als Erkenntniß- und Willensvermögen auftreten, sich auch an dem höchsten +Wesen, nur im vollkommensten Grade, vorfinden. Warum sollte nun eine +Kraft, welche ausdrücklich dem vollkommensten Wesen inwohnt, ohne welche +dieses nicht sein würde, was es ist, der menschlichen Seele und jeder +andern Monade gänzlich fehlen, da ja der Grund hinwegfällt, daß einfache +Substanzen des Uebergangs materieller Theilchen aus einer in die andere +unfähig seien? + + (61) So argumentirte schon =Canz= (=Conz=?) in den _Institutions + Leibnitziennes ou précis de la monadologie (par l'abbé Sigorgne), Lyon + 1768_. Er sagt: =Leibnitz= gibt zu, daß Gott auf die Substanzen wirke + und zwar: _non par la transfusion d'une des ses réalités dans nous, + cela est impossible; mais par la limitation, la production même des + nos sensations découlant de l'énergie de sa force et de l'efficace de + sa puissance_. Da diese Wirksamkeit an ihm wirklich besteht, so ist + sie an sich möglich. Was nun an ihm als Attribut in unendlichem Grade + vorhanden ist, kann sich dasselbe nicht wenigstens in beschränkterem + Maße auch bei den übrigen Monaden finden? Es gibt keinen Grund, daran + zu zweifeln. Daraus, daß der Mensch nicht Alles vermag, schließen zu + wollen, er vermöge gar Nichts, wäre eben so fehlerhaft, als umgekehrt + daraus, daß er Einiges vermag, schließen zu wollen, er vermöge Alles. + Auch tritt bei der bloßen Wirksamkeit im Innern ganz dieselbe + Schwierigkeit ein, wie bei jener nach außen, und es ist gar kein Grund + vorhanden, die erstere dem beschränkten Wesen beizulegen, während man + die letztere nur dem unendlichen vorbehält. Die Beschränkung darf + daher nicht die Wirkung nach außen überhaupt, sondern blos den Grad + des Effects treffen, den dieselbe hervorbringt. Jene reelle Einwirkung + kann ohne weiteres angenommen werden, obgleich in Wirksamkeit + (_énergie_) und Erfolg (_effet_) beschränkt, als eine Kraft, so und so + viel zu bewirken und nicht mehr. Gottes Weltordnung besteht darin, + jedem Wesen so viel Kraft zuzuweisen, als ihm nach dem Stande des + Ganzen zukommen darf. Auf diese Weise kann ein Wesen das andere + modificiren, begränzen, sie können sich wechselseitig beschränken, + ohne daß Etwas aus Einem in's Andere übergeht. Der stärkere Körper + unterdrückt die Kraft des schwächeren, der nicht mehr das + Gleichgewicht halten kann, dadurch ein Uebergewicht nach der andern + Seite hin erhält, und eine neue Wirkung hervorbringt, während der + erstere, dessen Kraft nur theilweise gebunden ist, keine so große + Wirkung mehr wie früher ausübt. Dadurch entsteht das Phänomen einer + scheinbaren Mittheilung der Kräfte. Während Gott Substanzen schafft, + schaffen (?) diese selbst nur Modalitäten und Modus, wie unsere Seele + z. B. ihren eigenen. _Le corps resiste plutôt, qu'il n'agit non par sa + masse, mais par sa force_, d. h. die Seele thut eigentlich selbst + nichts, sie verhindert blos, daß das, was geschieht und ist, nicht + anders sei und geschehe, als es in der That ist und geschieht. Die + Folge wird zeigen, sowohl wie richtig die erste Einwendung des alten + Tübinger Professors, als auch wie nahe verwandt seine eigene + Erklärungsweise mit der berühmten Theorie der Selbsterhaltungen + =Herbart='s sei. Dieser Widerstand der Substanzen, der kein Thun sein + soll, und doch verhindere, daß etwas anders sei, als es ist, was ist + das anders, als eine (sogenannte) Selbsterhaltung? Man vergleiche nur, + was =Canz= hier über die Mittheilung der Wirkung sagt, mit demjenigen, + was in =Hartenstein='s Metaphysik über die Erklärung der _actio in + distans_ (S. 380.) vorgebracht wird. + +Auf diese Frage findet sich bei =Leibnitz= keine Antwort, dagegen ist es +offenbar, wie sehr er der Annahme einer Einwirkung von Seite der Urmonas +auf die geschaffenen Monaden bedurfte, um nur überhaupt zu der Hypothese +der prästabilirten Harmonie zwischen den letzteren zu gelangen, die ihm +als Metaphysiker ganz gleichgiltig hätte bleiben können. War es einmal, +und davon war =Leibnitz=, wie wir oben nachgewiesen, überzeugt, absolut +unmöglich, daß eine Monas von der andern was immer für eine Veränderung +oder Einwirkung erleide, so ist gewiß auch für jede derselben +gleichgiltig, ob ihre Veränderungen unter einander harmoniren oder +nicht. Sie können einander weder stören noch fördern, ihre Harmonie kann +zu ihrer Selbstentwickelung so wenig Etwas beitragen, als ihre +Disharmonie derselben schaden. Die prästabilirte Harmonie ist daher +nichts weiter als ein Postulat, das sich auf die Voraussetzung des +Daseins des unendlichen Wesens und dessen Fähigkeit, auf die Monaden +verändernd einzuwirken, gründet. Beweisen wollte =Leibnitz= das Dasein +derselben aus der Existenz der ewigen Wahrheiten. Diese letzteren selbst +aber faßte er nur als Ausflüsse des göttlichen Verstandes und Willens. +»Ohne Gott,« sagt er ausdrücklich, »gibt es weder ein Reelles in der +Möglichkeit, noch etwas Existentes, ja überhaupt nicht einmal etwas +Mögliches(62).« Und an andern Orten: »Zwar hängen die Wahrheiten nicht +von seiner Willkür ab, außer jenen, deren Grund im Princip der Wahl des +Besten liegt, also außer den zufälligen oder Erfahrungswahrheiten,« aber +auch »die nothwendigen Wahrheiten hängen einzig von seinem Verstande ab, +dessen innere Objecte sie ausmachen(63).« »Weder die Essenzen noch die +sogenannten ewigen Wahrheiten haben ein blos fingirtes Dasein, sondern +sie existiren, so zu sagen, in einem Ideenreiche in Gott, dem Urquell +alles Seins und Wesens. Daß dies kein leeres Wort sei, beweist, wenn +nichts Anderes, die actuelle Existenz der Dinge. In der Reihe der Dinge +selbst findet man ihren letzten Grund nicht, sondern in den ewigen +Wahrheiten. Existentes aber, wie es die Dinge sind, kann nur wieder in +Existentem gegründet sein. Daher müssen auch die ewigen Wahrheiten eine +wahrhafte Existenz in einem absolut nothwendigen metaphysischen Subject +besitzen, welches Letztere Gott ist, durch den alles, was sonst bloße +Einbildung wäre, realisirt wird(64).« =Leibnitz= sah zu wohl ein, daß +man nicht behaupten dürfe, die Wahrheit hänge von Gottes Belieben ab, +sei etwa nur Wahrheit, weil Gott wolle, daß sie es sei, was er eben +=Descartes= vorgeworfen hatte; da er aber nichtsdestoweniger behauptet, +sie habe ihre Existenz nur im göttlichen Verstande, so sah er sie +dennoch in gewisser Beziehung als von diesem abhängig an. Insofern nun +das unendliche Wesen alle Wahrheiten erkennt, diese Erkenntnisse +Attribute desselben sind, es selbst ein Existentes ist, so haben +dieselben als wirkliche Gedanken eines Wirklichen allerdings gleichfalls +Wirklichkeit, aber nur insofern sie wirkliche Gedanken sind, nicht als +Sätze, als Stoff der Gedanken an und für sich betrachtet. Gott =erkennt= +in seinem Denken die Wahrheiten, d. i. diese selbst sind noch etwas von +seinem Denken derselben Verschiedenes. Sie sind der Stoff der +Erkenntnisse und von ihrem Erkanntwerden gänzlich unabhängig, wie denn +Niemand zweifeln wird, ob der Satz: die Erde bewegt sich um die Sonne, +schon früher wahr gewesen, ehe =Copernicus= ihn dachte und aussprach. +Schon damit er ihn denken konnte, mußte dieser Satz vorhanden gewesen +sein, mußte ihm wenigstens die ganz allgemeine Seinsbestimmung eines +»Etwas« zubehört haben. Niemand zweifelt, wenn er zwei verschiedene +Personen das Wort »Haus« aussprechen hört, daß beide hier die gleiche +subjective oder dieselbe objective Vorstellung (wenn auch vielleicht bei +Jedem von einem anderen Gemeinbilde begleitet) in ihr Bewußtsein +aufnehmen. Das Wort »dieselbe« deutet darauf hin, es finde hier nur eine +doppelte psychologische Auffassung der nämlichen logischen Vorstellung +statt. Diese Vorstellung muß sich sonach von ihrer Auffassung im Denken +sowohl, wodurch sie Gedanke eines wirklichen Wesens wird, als von dem +Gegenstande, den sie vorstellt (hier: dem Hause) unterscheiden lassen. +Ihr kommt weder die accidentielle Existenz des wirklichen Gedankens, +noch die actuelle des wirklichen Gegenstandes zu: sie besitzt lediglich +ein =Sein=, das mit der sogenannten Wirklichkeit nichts gemein hat, das +einem jeden »Etwas« ohne Ausnahme zugesprochen werden kann, und das man +kurz mit dem Ausdrucke: =An sich sein=(65) bezeichnen könnte. +Vorstellungen der Art als Stoff der gedachten Vorstellungen mögen +=Vorstellungen an sich= heißen. Sätze nun, die durchaus aus +Vorstellungen an sich als Theilen bestehen, sollen =Sätze an sich=, und +wenn sie wahre Sätze sind, =Wahrheiten an sich= heißen. Da die Wahrheit +derselben nicht von unserer Erkenntniß derselben abhängt, so kann es +ihrer nicht nur viel mehrere geben, als wir bereits erkennen, sondern +die Vermehrung unsrer Erkenntniß wird nur dadurch möglich, daß der +=Wahrheiten an sich= eine weit größere Menge vorhanden ist, als der +bereits erkannten Wahrheiten. Auch ihre logische Verbindung und +Zusammenhang ist dann nicht erst das Werk unsrer Erkenntniß, sondern +besteht unter ihnen selbst objectiv und unabhängig von der vielleicht +ganz zufälligen und abweichenden Weise, auf welche wir dieselben +verknüpfen, in ähnlicher Art, wie wir jetzt schon die synthetische +Abfolge und den Erfindungsweg bei gewissen Wahrheiten zu unterscheiden +pflegen. + + (62) _Monadol._ S. 708. + + (63) _Monad._ S. 708. + + (64) _De rerum origine_, S. 148. + + (65) Nicht im =Hegel='schen Sinne. + +Hätte =Leibnitz= dieses Verhältniß der Begriffe, Sätze und =Wahrheiten +an sich= überhaupt zu jedem dieselben auffassenden Denk- und +Erkenntnißvermögen beachtet, so hätte er nicht nöthig gehabt, zu +besorgen, daß durch Annahme eines unabhängigen Reichs ewiger Wahrheiten +Gottes Allmacht und Allvollkommenheit eine Beschränkung erfahren werde. +Denn wenn gleich bei dem endlichen Geiste von einem zeitlichen Prius der +=Wahrheit an sich= vor der Erkenntniß derselben die Rede seyn kann +(z. B. beim copernicanischen Satze), so ist dies ja nicht bei dem +unendlichen der Fall, der über die Zeitbestimmung hinaus ist. Hier +bedeutet die Unterscheidung zwischen Wahrheit an sich und der Erkenntniß +derselben von Seite Gottes nichts weiter als die Unterscheidung zwischen +dem Stoffe des Gedankens und dem wirklichen (bei der Gottheit von +Ewigkeit her bestehenden) Denkacte desselben. Anders könnte die Sache +scheinen, wenn von Beschränkung des göttlichen Willens durch gewisse +Wahrheiten, z. B. das oberste Sittengesetz, die Rede ist, und behauptet +wird: Gott wolle und müsse wollen, was das Sittengesetz gebietet, nicht +aber umgekehrt, was er gebiete sei das Sittengesetz. Allerdings ist das +Sittengesetz auch der Inhalt des göttlichen Willens, nicht aber als +hätte das Sittengesetz seinen Inhalt eben nur, weil Gott es wolle, der +allenfalls auch ein anderes Sittengesetz hätte aufstellen können. +Abgesehen davon, daß ja das allervollkommenste Wesen ohne gewisse +Beschränkungen, welche in der Natur der Eigenschaften liegen, die +dasselbe neben einander in dem vollkommensten Grade besitzen soll, in +welchem sie neben einander möglich sind, nicht bestehen kann, ist es +hier ja abermals eine blos formelle Unterscheidung zwischen Gedanken und +Stoff des Gedankens, welcher den Willen bestimmt, der ja an und für +sich, weil er der vollkommenste ist, mit dem Inhalte jener Wahrheit, +welche das oberste Sittengesetz ausmacht, immer übereinstimmen muß. Wenn +also auch der Kriticismus dadurch, daß er das Sittengesetz an und für +sich, ohne es als Willensäußerung einer Persönlichkeit zu betrachten, +der philosophischen Beurtheilung unterwarf, und als selbständige +unabhängige Wahrheit an die Spitze anderer Wahrheiten stellte, einen +folgenreichen Schritt auf das philosophische Gebiet nach vorwärts that, +aber auch der antitheologischen Neigung Thür und Angel öffnete, das +bloße Gesetz an die Stelle der darnach handelnden Persönlichkeit zu +setzen, und die letztere gänzlich über Bord zu werfen, so läßt sich doch +=Leibnitz= andrerseits bei der wichtigen Frage, ob die Wahrheit von +fremdem Willen oder nur von ihrer eigenen unverrückbaren Natur abhänge, +von dem Tadel nicht frei sprechen, eine wenigstens zweideutige +Entscheidung geliefert zu haben. + +Indeß dies würde zu weit führen. Genug =Leibnitz= bestand auf der +prästabilirten Harmonie und setzte damit, wie Jemand seiner Zeit sagte, +einem marmornen Rumpf einen Kopfe von Sandstein auf. Während die +Monadenlehre kräftig fortbestand, in =Herbart= einen neuen Entdecker +fand und für künftige Zeiten vielleicht eine neue Epoche der Metaphysik +zu beginnen verspricht, besteht die prästabilirte Harmonie, wie die von +=Leibnitz= so emsig gesuchte, so hochgepriesene und niemals vollendete +Universalwissenschaft(66), nur mehr als literarische Curiosität und +beide gingen mit ihrem großen Erfinder zu Grabe. Die prästabilirte +Harmonie hat, sagt =Feuerbach=, nicht die Bedeutung der Begründung einer +Realität, sondern nur die der Erklärung eines Phänomens. Ja sie drückt +eigentlich nur aus und bezweckt nur eine Harmonie zwischen der +=Leibnitz='schen Metaphysik und den gewöhnlichen populären Vorstellungen +vom Körper und seiner Verbindung mit der Seele. Auch fielen selbst seine +frühesten Schüler zum Theil schon in diesem Punkte von ihm ab und +wandten sich theils zum Occasionalismus, theils, wie der früher genannte +=Canz=, zu einer Art physischen Einflusses. Das Letztere beweist +wenigstens, daß schon frühzeitig jene materiell-transitorische +Vorstellungsweise desselben nicht für die einzig denkbare angesehen zu +werden begann. Wie aber auf =Leibnitz=' Grundlagen fußend und seinen +eigenen Principien getreu die prästabilirte Harmonie vermieden, und eine +allen bisher erhobenen Schwierigkeiten ausweichende Ansicht vom +physischen Einflusse erreicht werden könne, wollen wir am Schlusse +dieser historischen Uebersicht in Kürze anzudeuten versuchen. + + (66) Daß der kühne Gedanke einer Universalwissenschaft in seinem Sinne + unausführbar sei, fühlte =Leibnitz= gegen das Ende seiner + vielgeschäftigen Laufbahn wohl selbst, nachdem er so oft die nie + gelungene Erfindung verkündigt hatte. Scharfsinnig ahnte er, wo es + zusammengesetzte Begriffe gebe, müsse es einfache geben, und es müsse + möglich sein, habe man diese einmal sämmtlich gefunden, durch sehr + einfache Combinationen zu allen zusammengesetzten zu gelangen. Die + Universalzeichensprache, die nach Art der Chinesen zusammengesetzte + Zeichen für zusammengesetzte Begriffe, aus den einfachen Zeichen der + einfachen Begriffe construirt, war dann ein natürliches Corollar. + Allein abgesehen von der Schwierigkeit, vielleicht Unmöglichkeit, + jemals zu =allen= einfachen Begriffen durch Analyse zu gelangen, sind + ja doch auch nicht alle, sondern nur ein verhältnißmäßig sehr geringer + Theil unsrer zusammengesetzten Vorstellungen hiezu geeignet, nämlich + nur jene, deren Bestandtheile selbst durchgehends wieder Begriffe + sind. Bei weitem die meisten aber, z. B. alle sogenannten sinnlichen, + haben Anschauungen unter ihren Bestandtheilen. Der Anschauungen aber + gibt es unendlich viele, deren jede von der andern verschieden ist, + deren jede auch durch ein eigenes Zeichen bezeichnet werden müßte, mit + deren Zusammentragung man daher niemals fertig würde. Der Umfang der + Zeichensprache müßte sich daher auf bloße reine Begriffe beschränken, + von denen wir niemals mit Sicherheit wissen würden, ob wir auch alle + einfachen, auf welche sie sich zurückführen lassen, wirklich besitzen, + und ein höchst bedeutender, ja gerade derjenige Theil unsrer + Vorstellungen, der für uns die größte Anschaulichkeit, Lebhaftigkeit + und das nächste Interesse hat, würde aus dieser Zeichensprache ganz + ausgeschlossen werden. Vgl. auch über diesen Gegenstand =Exner=: + =Leibnitz=, Universalwissenschaft. Prag, 1844. + + +2. Die Causalität als Kategorie: =Kant=. + +Das in =Leibnitz= unläugbar vorhandene idealistische Element, das durch +die prästabilirte Harmonie und die von derselben postulirte +Voraussetzung eines allweisen, höchst gütigen, heiligen und allmächtigen +Schöpfers mit dem Realismus der gemeinen Erfahrung in Einklang gebracht +worden, tauchte in seinem großen Nachfolger, dem Weisen von Königsberg, +unabhängiger wieder auf. =Kant='s ganze, über das Gebiet der innern +Erfahrung hinausreichende Metaphysik beschränkte sich auf den Satz vom +zureichenden Grunde. Nachdem =Leibnitz= die Vorstellungen zu +nothwendigen Schöpfungen der Monade ohne alle äußere Veranlassung +gemacht, =Locke= und =Hume= aber behauptet hatten, alle Vorstellungen, +die wir besitzen, kämen von außen, aus der Erfahrung, diese selbst aber +lehre nichts von Causalität oder nothwendiger Gesetzmäßigkeit der Natur, +und das Causalitätsverhältniß sei eine blos psychologische Angewöhnung, +schloß =Kant=: gerade der Umstand, daß wir den Begriff der Causalität in +die Erscheinung der Dinge hineinlegen, sei Bürgschaft dafür, daß dieser +Begriff Giltigkeit und Nothwendigkeit habe. Was aus der Erfahrung +stammt, ist zufällig wie diese selbst; was aus dem Denken, der +gemeinsamen Natur, der Vernunft stammt, ist allgemein und nothwendig. +»Bisher,« sagt er(67), »nahm man an, alle unsere Erkenntniß müsse sich +nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, über sie etwas _a +priori_ durch Begriffe auszumachen, wodurch unsre Erkenntniß erweitert +würde, gingen durch diese Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher +einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik besser damit +fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unsrer +Erkenntniß richten, welches ja schon besser mit der verlangten +Möglichkeit einer Erkenntniß _a priori_ zusammenstimmt, die über +Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist +hiemit ebenso, wie mit dem ersten Gedanken des =Copernik= bewandt, der, +nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte, +wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, +versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer +sich drehen und die Sterne in Ruhe ließ.« + + (67) Kritik der r. V., her. v. =Rosenkranz= S. 670. Vgl. =Chalybäus= + Entwicklung d. spec. Phil. von =Kant= bis =Hegel=. 3. Aufl. 1843. + S. 22 u. ff. + +Diese Wendung, wenn sie auch noch empirische Bestandtheile enthielt, war +übrigens idealistisch. Das denkende Subject empfängt weder die +Erscheinungswelt rein von außen, noch producirt es dieselbe gänzlich aus +sich selbst, sondern es empfängt den Stoff, die Elemente des Denkens, +die Empfindungen von den Dingen, fügt aber die Verbindungen und +Verhältnisse derselben, die Form, aus seinem eigenen Verstande hinzu. +Der Verstand und seine Gesetze bestimmen genau, wie das Wirkliche, falls +es vorhanden wäre, beschaffen sein müßte, aber sie können dies Wirkliche +nicht selbst schaffen, sie können wohl die _essentia_, aber nimmer die +_existentia a priori_ nachweisen, oder, um mit =Kant= zu reden, »aus der +bloßen Vorstellung eines Dinges läßt sich auf keine Weise die +Wirklichkeit desselben heraus klauben.« + +Diese Wirklichkeit gibt sich daher das denkende Subject nicht selbst, +sondern es findet sie vor, aber auch nur durch Wahrnehmung, also auch +nur durch ein zufälliges Dasein eines bestimmten endlichen Objects. Auch +nach der längsten Erfahrung bleibt der Fall denkbar, daß einmal das +gerade Gegentheil sich ereigne und das Allgemeine, für immer Giltige ist +nur die Folge unsrer eigenen Verstandeseinrichtung. Wie dieser, so lange +sie dieselbe bleibt, die Dinge erscheinen müssen, das wissen wir; wie +sie sind, was sich alles ereignen könne und werde, wissen wir nicht. Der +Stoff, die Empfindungen, die wir in uns antreffen, und kraft unserer +Verstandeskräfte verknüpfen und trennen, sind nur Zustände der Seele; +wir können nie über unsere Vorstellungen hinaus, nie die Dinge selbst in +unser Bewußtsein ziehen, denn Alles, was wir von diesen kennen, sind +eben wieder nichts als Vorstellungen. Uns bleibt daher nur der Schluß +übrig: dieser materielle Stoff, die Empfindungen in uns müssen einen +Grund haben, der wegen ihrer Zufälligkeit und Wandelbarkeit nicht in uns +selbst, in unseren Verstandesgesetzen als dem Allgemeinen und +Nothwendigen liegen kann, sondern außer uns liegen muß, von welchem wir +aber nichts weiter wissen, als daß er da ist. Dieser äußere Grund sind +die ihrer Natur nach völlig unbekannten Dinge an sich. Jede weitere +Erkenntniß derselben würde eine Vorstellung, daher wieder nur ein +Zustand unserer eigenen Seele sein. + +Den Schluß von dem Dasein der nicht wegzuläugnenden Empfindungen im +Subjecte auf das Vorhandensein der Dinge an sich außer uns machen wir +nach dem Verstandesgesetze der Causalität. Wir Menschen als Menschen +sehen die Dinge unwillkürlich darauf an, daß sie sich wie Ursachen und +Wirkungen verhalten, so wie Jemand, der eine blaue Brille trägt, die +Gegenstände im blauen Licht erblickt, die einem Andern im weißen +erscheinen. Für Geister von anderer Einrichtung als die unsre würde das +Causalitätsverhältniß vielleicht gar nicht, oder auf ganz andere Weise +vorhanden sein. Dieses so besonders geartete Sehen ist aber nicht blos, +wie die Skeptiker behaupten, aus der Erfahrung abstrahirte Gewohnheit, +sondern Folge einer natürlichen Einrichtung unsres geistigen Auges, die +vor aller wirklichen Erfahrung da war. Später, wenn wir uns bei +gebildeter Reflexion der Thätigkeitsformen des Verstandes und ihrer +Gesetze bewußt werden, bezeichnen wir diese mit Substantiven und bringen +sie unter abstracte Begriffe, die sich der Verstand selbst von seinen +Thätigkeiten macht, nachdem diese schon seit lang vorhanden sind. Wird +aber gefragt, ob mit dem Bewußtsein, daß wir die Causalität selbst in +die Erscheinung hineinlegen, uns auch irgend ein Recht gegeben oder +genommen sei, das Vorhandensein der Causalität unter den Dingen an sich +anzunehmen, so schneidet =Kant= die Frage kurz durch den Machtspruch ab, +daß wir keine synthetischen Urtheile _a priori_, d. h. keine solchen zu +fällen vermögen, darin die Verknüpfung zwischen Subject und Prädicat +nicht durch eine Anschauung (reine oder empirische) vermittelt wird. Von +Dingen an sich können wir aber gar keine Anschauung haben; alles was wir +von ihnen wissen, sind bloße Erscheinungen, und in diese legen wir zwar +die Causalität hinein, aber eben nur vermöge unserer eigenen +Verstandeseinrichtung. Eine Erkenntniß der Dinge an sich, die keine +Erscheinung derselben, sondern ihr eigentliches Wesen betreffe, wäre +eine übersinnliche Erkenntniß, und eine solche ist unmöglich. Auf jene +Verstandeseinrichtung aber als apriorische Synthesis der Erscheinungen +dürfen wir daraus schließen, weil ohne sie gar kein zusammenhängendes +Bewußtsein, keine Erfahrung möglich, sondern ein atomistisches Chaos +einzelner Wahrnehmungen allein vorhanden wäre; thatsächlich aber gibt es +eine geordnete Erfahrung. + +Die Gesetze unsrer Verstandesoperationen, substantivisch ausgedrückt, +sind die Kategorieen, und da sich die Gesetze des Verstandes als Ordner +der Erfahrung zunächst bei den Urtheilen, also der Verbindung getrennter +Vorstellungen äußern, so ergeben sich die verschiedenen Haupt- und +Grundbegriffe nach den verschiedenen Arten der Urtheile. Unter diesen +entspricht das Hypothetische der Kategorie der Causalität. Sie sind +weder angeborne Begriffe, noch Ideen in =Plato='s Sinne, sondern durch +Reflexion selbst erzeugte abstracte Bezeichnungen für gewisse +nothwendige Thätigkeiten des Verstandes, für Auffassungsformen, denen +derselbe allen empfangenen Stoff, also alle sinnlichen Empfindungen +(Anschauungen) unterwirft. Der Verstand selbst ist ein unproductives, +aber in diesen Auffassungsweisen des empirischen Stoffes fortwährend +thätiges Vermögen, eine innerliche leere Kraft, welcher durch das +Anschauungsvermögen der nöthige Erfahrungsvorrath von außen zur +Bearbeitung zugeführt wird. + +Vergleicht man =Kant='s Ansicht mit jener =Leibnitz=', so scheint es +fast, als habe er den Standpunkt einer einzelnen =Leibnitz='schen Monade +gewählt. Während aber in dieser sämmtliche Vorstellungen von innen +infolge ihres Mutationsgesetzes erzeugt werden, fügt das =Kant='sche +Subject blos die Form aus eigenem Fonde hinzu und empfängt die Materie +von außen. Wie? darüber hat sich das kritische System nie aussprechen +wollen und können. Der Idealismus der Monade nimmt dadurch, daß ihre +freie Thätigkeit blos auf die Verknüpfungs- und Zusammenfassungsweise +des unwillkürlich Gegebenen beschränkt wird, ein realistisches Moment +an; die Unfähigkeit derselben von einer andern Einwirkung zu erfahren +oder auf sie auszuüben, wird aufgehoben, aber die dem Subjecte äußern, +nur durch das ideale Band der prästabilirten Harmonie verbundenen +einfachen Monaden haben sich jetzt ihrer Qualität und Wesenheit nach in +völlig unbekannte und unerkennbare Dinge verwandelt, von denen wir -- +das Denkende -- eben nichts weiter wissen, als daß sie auf was immer für +eine Weise Ursache des in uns angesammelten Erfahrungsstoffes sind. + +Daher erscheint bei =Kant= das Causalitätsgesetz als eine durch unsre +Verstandeseinrichtung unwidersprechlich gebotene Voraussetzung, über +deren Art und Weise des Stattfindens zwischen den realen Wesen selbst +wir übrigens nichts aussagen können, und die uns aller weitern Fragen +nach dem Wie? als unnützer, unlösbarer Spitzfindigkeiten überhebt. Ob +sie durch prästabilirte Harmonie, durch Occasionalismus oder durch +physischen Einfluß erfolge, kann uns gleichgiltig sein, liegt jenseits +der Grenzen menschlicher Erkenntniß; genug, wir als Menschen müssen die +Causalität =denken= und in die Dinge hineinlegen. Aber auch in dieser +Fassung ist es ein neues Zeugniß für die Unabweislichkeit des +Causalitätsbegriffes, daß ein System, das sich für unvermögend erklärte, +das Vorhandensein einer solchen äußeren Wirksamkeit zwischen den Dingen +an sich nachzuweisen, die Annahme desselben lieber der menschlichen +Verstandeseinrichtung (wie =Leibnitz= selbst der Gottheit) in's Gewissen +schob, als sie aufheben wollte. Wie zwingend muß eine Erfahrung sein, +die zu so gewagten Annahmen verleiten kann! Abläugnungen der Art +beweisen beinahe mehr als directe Beweise für das stattfinden eines +wirklichen causalen Zusammenhangs unter den realen Dingen, mögen sie nun +Substanzen, Monaden oder Dinge an sich heißen. + +An =Kant= knüpfen sich zwei Richtungen an, eine realistische und eine +idealistische. Die erstere hielt sich an den im Subject gegebenen +materiellen Stoff der Empfindung und die Dinge an sich, die andre +bildete den Begriff der Kategorieen aus und erweiterte ihre +idealistische Natur zunächst auch über den durch Erfahrung gegebenen +Stoff der Vorstellungskraft. Bei unsrer ausschließlichen Rücksichtsnahme +auf monadistische Systeme diente uns die Betrachtung der Kategorieen nur +als Uebergangspunkt zu dem an dieselben sich schließenden realistischen +Systeme. + + +3. Die Theorie der Selbsterhaltungen: =Herbart=. + +Wie der Rauch auf das Feuer, so deutet der Schein auf das Sein, sagt +=Herbart=(68). =Kant= hatte die ganze Erfahrung für bloße Erscheinung +erklärt und nachdem es ihm ungewiß geworden war, ob das Denkende in uns +Substanz sei und eben so ungewiß, was für Dinge hinter den körperlichen +Erscheinungen stecken möchten, ließ er es bei der unbestimmten +Vermuthung bewenden, hinter dem Scheine möge wohl ein Seiendes verborgen +sein. Die entschiedene Aufforderung, jetzt die Untersuchung zu beginnen +und das Seiende als ein solches zu bestimmen, wie es sein muß, damit die +Erscheinungen ihrerseits als solche und keine andern daraus hervorgehen, +diese Triebfeder des metaphysischen Denkens wirkte nicht auf ihn. Sie +hätte aber auf ihn wirken sollen. Wo etwas scheint, muß Etwas sein, denn +wo nichts wäre, könnte auch nichts scheinen. Auch die scheinbar nicht +gegebenen Bestimmungen der Causalität, wie =Hume=, des Raumes, der Zeit +und der Substantialität, wie =Kant= meinte, sind gegeben. Sobald wir +willkürlich versuchen, Größe, Gestalt, Dauer anders zu denken, wie +bisher, so tritt die Nothwendigkeit wieder ein, sie so zu denken, wie +sie sich geben. Wir sind an Gestalt und Dauer ebenso gebunden, wie an +Beschaffenheiten der Dinge, z. B. Gold fest, Wasser flüssig zu denken. +Diese Vorschriften liegen in der Erfahrung, welche nicht allein in der +rohen zusammenhangslosen Materie vereinzelter Empfindungen besteht; +sondern zugleich in den Formen, die =Kant= nicht mehr zur Erfahrung +rechnete. Diese Formen sind gegeben. Um aber den Beschauer zu bestimmten +Formen zu nöthigen, muß ein Reales vorhanden sein. + + (68) Allg. Metaph. I. S. 380 u. ff. + +Aus denselben Formen aber, auf welche der Schein als das Gegebene +hinweist, erwachsen der Metaphysik neue Aufgaben. Sie sind zwar gegeben, +aber sie können nicht so bleiben, wie sie gegeben sind, denn sie sind +widersprechend. Statt jedoch hieraus zu schließen, die ganze +Erfahrungswelt sei eine Ungereimtheit, welcher Gedanke alle praktische +Wirksamkeit aufheben würde, zwingt uns diese Erscheinung vielmehr, den +Dingen oder im Grund nur unserer gewiß falschen Auffassungsweise +derselben eine andere Gestalt zu geben, damit sowohl das Wissen als das +Glauben seine rechten Plätze wieder erlangen möge(69). + + (69) Allg. Metaph. S. 384. + +Dadurch erhält die Metaphysik eine doppelte Bestimmung; einmal von der +gegebenen Erscheinung fortschreitend bis zu dem wahrhaft Seienden zu +gelangen, das andremal zu zeigen, auf welche Weise sich aus den +Eigenschaften und Verhältnissen des wahrhaft Seienden allmälig eine +gerade so beschaffene Erscheinungswelt herausbilden müsse, wie wir sie +eben besitzen. Das Erstere ist eine analytische, das Letztere eine +synthetische Untersuchung. Um zu der ersteren zu gelangen, stellen wir +vor allem den Begriff des wahrhaft Seienden fest. + +Dieser besteht aus zwei gleich wichtigen Begriffen, den des »Sein« und +des »Was,« welchem das Sein zugesprochen wird. Einem Dinge das Sein +beilegen, heißt nichts anderes, als es bei der einfachen schlechthinigen +Setzung desselben bewenden zu lassen(70). Diese Setzung ist rein +positiv, sie darf also weder eine Negation, noch eine Relation (etwa auf +ein Setzendes) enthalten. Eine solche würde aber darin stecken, sobald +die Setzung complicirt wäre, sich in mehrere Setzungen auflösen ließe, +deren Eine nicht ohne die Andere sein kann. Das Sein besteht in Bezug zu +einem Was. Wäre dies nicht der Fall, so könnte man das Sein selbst zum +Subject machen und aussprechen: Das Sein Ist. Allein dies hieße dem Sein +als Subject das Sein als Prädicat beilegen, was ein Widerspruch wäre. +Der Satz hebt sich also auf und: das Sein Ist nicht, nämlich nicht ohne +ein Was, welchem es beigelegt wird. Diesem Was müssen, um ihm das Sein +zusprechen zu können, verschiedene Bestimmungen zukommen(71). Ein Was, +welchem das Sein beigelegt worden, ist ein Seiendes und die +Eigenschaften dieses Was sind Eigenschaften des Seienden und das Was +dessen Qualität. Diese muß schlechthin einfach, ohne Mehrheit von +Bestimmungen, Theilen, Kräften und Eigenschaften sein; denn bekämen wir +auf die Frage, was das Seiende sei, eine Mehrheit von Bestimmungen zur +Antwort, deren Eine nicht ohne die Andere sein könnte, so hätten wir +nicht mehr Eines, sondern mehrere Seiende, während doch nur Eines da +sein soll. Wollen wir diese mehreren Bestimmungen zur Einheit +verschmelzen, während sie sich doch ihrer Natur nach nicht auf eine +Einzige zurückführen lassen, so ist diese Einheit nichts als eine Form +und sie setzen heißt eigentlich ihre Glieder und zwar selbst wieder als +getrennte Seiende setzen. Eine höhere Einheit aber im Sinne +=Schelling='s aus disparaten oder gar entgegengesetzten Bestimmungen +zusammenschweißen, heißt »einen Thurm von Einheiten über einander bauen, +bis Jederman deutlich sieht, daß die höheren Einheiten sich allemal +beziehen auf die niederen, und daß folglich je höher das Kunstwerk in +die Luft steigt, wir desto weiter von der Sache abkommen(72).« Die +gänzliche Einfachheit der Qualität verbietet demnach streng, +Größenbestimmungen, die Theile voraussetzen, Unendlichkeit, deren +Setzung nie vollendet werden könnte, derselben beizulegen. Das Seiende, +insofern es dies ist, ist streng Eins und nicht Vieles; wäre es das +Letztere, so wäre es der einfachen Setzung unzugänglich. + + (70) Hauptpunkte der Met., her. v. =Hartenstein=, I. S. 217. Allg. + Met. II. S. 82. ff. + + (71) Hauptp. der Met. S. 217 u. ff. Allg. Met. II. S. 94 u. ff. Lehrb. + z. Einl. in die Phil. 4. Aufl. S. 193. + + (72) Allg. Met. II. S. 99. + +Die Nothwendigkeit des einfachen Was kommt diesem daher nur insofern zu, +als es ein Seiendes werden soll. Betrachten wir daher das Was ohne Sein +näher, so fällt diese Beschränkung hinweg. So lang das Was nicht als +seiend gesetzt wird, ist es uns unverwehrt, dasselbe durch eine Mehrheit +von Begriffen zu denken. Soll es aber als seiend gedacht werden, so muß +die Qualität einfach sein und daher müssen alle jene mehreren +Bestimmungen die Fähigkeit haben, sich auf eine einzige zurückführen zu +lassen, die dann das Was des Gesetzten ausmacht. Dem Was, insofern es +als seiend gedacht wird, ist folglich jene Mehrheit von Begriffen, +mittels welcher es außerhalb des Seins gedacht werden kann, ganz +zufällig, sie ist eine blos zufällige Ansicht von demselben(73). Jedes +Was, sobald es nicht als dasjenige eines Seienden angesehen wird, läßt +sich auf mehr-, vielleicht unendlich vielfache Art mittels einer +Mehrheit von Begriffen ausdrücken: von jedem Was kann es daher auch +mehrere, ja unendlich viele zufällige Ansichten geben, sobald wir die +Beschränkung einhalten, daß sich jeder der complicirten Ausdrücke des +Was auf eine strenge Einheit müsse zurückführen lassen. Die zufälligen +Ansichten bedeuten nichts für das Seiende, und sind nur Mittel der +»philosophischen Kunst, die wir gebrauchen, wie der Mathematiker die +Transformationen seiner Zahlenausdrücke(74)«. + + (73) Hauptp. S. 218. Allg. Met. S. 64. u. S. 109. + + (74) =Strümpell=: Erläut. zu =Herbart='s Philos. S. 102. + +Wie viel es der Seienden gebe, ist unbestimmt; daß es ihrer mehrere gebe +aber gewiß. Der Schein ist ein mehrfacher, verschiedener, er setzt also +auch ein mehrfaches zu Grunde liegendes Seiende voraus. Denn gäbe es nur +ein einziges Seiende, folglich auch nur eine einzige Qualität, so könnte +aus dieser nichts Verschiedenartiges noch irgend eine Veränderung +hervorgehen, keine Zu- oder Abnahme des Scheins ließe sich erklären. Die +mehreren Seienden selbst sind einander gleichgiltig, völlig indifferent, +nichts als absolutgesetzte einfache Qualitäten; das System, nach des +Erfinders eigenem Ausdruck, eine =qualitative Atomistik=. + +Jedoch neben der Forderung, ein Reales hinter dem Scheine +vorauszusetzen, macht die Erfahrung eine zweite, nicht minder dringende +an uns, die auf demselben Schlusse beruht, wie oben die Setzung der +Realen selbst. Wir nehmen Veränderungen, Wechsel der Erscheinungen wahr; +es scheint etwas zu geschehen, es muß daher auch in der That etwas +geschehen, weil es sonst nicht scheinen könnte. Denn wenn man gleich, um +die Mehrheit der erscheinenden Beschaffenheiten, den verschiedenartigen +Schein hinreichend zu erklären, zur Annahme einer Mehrheit seiender +Wesen seine Zuflucht nimmt, so kann aus diesen doch Nichts hervorgehen, +so lang sie nicht mit und zu einander in gewisse Beziehungen treten. Auf +diesem Wege gelangen wir zu den Problemen der Inhärenz, der Veränderung +und des wirklichen Geschehens. =Herbart= bedient sich zu diesem Zweck +der von ihm sogenannten Methode der Beziehungen, welche darin besteht, +daß Eigenschaften, welche an einem einzigen Wesen befindlich sich +widersprechen und einander ausschließen würden, einer Mehrheit dieser +Wesen, die sich wechselseitig modificiren, ohne Widerspruch beigelegt +werden können, so wie eine Summe Eigenschaften besitzt, die ihren +Theilen fehlen. Diesem Verhältniß zwischen Seienden entspricht in der +Logik der Zusammenhang zwischen Prämissen und Schlußsatz. Der letztere +folgt nämlich aus keiner der Prämissen für sich, sondern nur aus +sämmtlichen zusammengenommen. + +Wenden wir diese Methode zunächst auf die Inhärenz an. An _A_ wird _a_ +gesetzt: d. i. die Setzung des _A_ soll jene von _a_ enthalten. Allein +_A_ ist ein Einfaches, kann kein Mannigfaltiges enthalten; folglich muß +_A_ = _a_ sein, während die Forderung, daß das _A_ als einfaches Wesen +ein _esse_, das _a_ als Inhärenz ein bloßes _inesse_ besitzen soll, +dieser Identität widerspricht. Die Einheit von _A_ und _a_ ist daher +unmöglich und wird dennoch verlangt; hierin liegt der Widerspruch. An +ihm haben wir zugleich ein Beispiel jener »treibenden« Widersprüche in +den gegebenen Erfahrungsformen, deren eine die Inhärenz ist, welche +=Herbart= als die Principien des metaphysischen Denkens betrachtet. +Sobald uns ein offenbarer und gleichwohl unabweislicher (?) Widerspruch +der Art gegeben wird, ist es Aufgabe des Denkens, diesen Widerspruch zu +heben, und den mangelhaften Begriff zu ergänzen. Der Widerspruch liegt +in _A_, das mit _a_ identisch sein soll und nicht identisch sein kann. +Es kann also in beiden Fällen unmöglich dasselbe _A_ sein; es können +aber nicht blos mehrere, eine Summe sein, weil sich sonst derselbe +Widerspruch bei jedem einzelnen Summanden nur wiederholen würde: sondern +die mehreren _A_ müssen auf was immer für eine Weise =zusammengefaßt +werden=, um _a_ zu ergeben. Dies heißt so viel, daß sobald der Schein +einer Inhärenz vorhanden sei, dieser auf das Dasein einer Mehrheit von +Realen hinweise, welche auf eine Weise =zusammen= sind; ein Begriff, +dessen Natur erst späterhin klar werden kann. Hervor tritt aber der +Schein der Inhärenz, sobald wir die in der Erfahrung gegebenen Dinge +betrachten. Von diesen nehmen wir nur Merkmale wahr, die auf ein Ding +weisen, welches letztere weder vor den Merkmalen irgendwie gegeben, noch +die bloße Summe derselben ist, denn existirt keines der Merkmale für +sich allein, so ist auch ihre Summe als eine Summe von Nichtigem, selbst +Nichts. Wir sehen daher das Ding als dasjenige an, dessen Setzung die +Setzung der Merkmale vertritt, als -- =Substanz=, dessen Setzung aber +die Zahl der Setzungen der Merkmale keineswegs um eine vermehrt, sondern +ihnen zusammengenommen gleich gilt. Hierin eben liegt der Widerspruch. +Die vielen Setzungen sollen Eine sein. Die Lösung lautete oben: Wo ein +Schein der Inhärenz entsteht, da existirt eine Mehrheit von Realen. In +unserem Falle jedoch entsteht ein mehrfacher Schein von Inhärenz: es muß +daher mehrere Mengen von Realen geben, deren jede den Schein eines +andern Merkmals, einer andern Inhärenz erzeugt(75). Damit wäre aber +nichts für die Einheit des Dinges, dessen mehrere Inhärenzen wir in's +Auge fassen, gethan, welche eine Grundbestimmung des Problems ist. Man +muß daher annehmen, daß die verschiedenen Mengen Realer in Reihenform, +welche den Schein der mannigfachen Inhärenzen hervorbringen helfen, ein +gemeinschaftliches Anfangsglied haben, welches eben dasjenige ist, das +wir Substanz nennen. Auf dieses wird der Schein bezogen, obgleich er ihm +nicht anders als im Verbundenem mit den andern Gliedern der Reihen +zukommt. Die Ursache des Scheines von Inhärenz an _A_ liegt daher in +dessen Zusammensein mit mehreren anderen Realen, und daraus folgt der +wichtige Satz: »Keine Substantialität ohne Causalität(76),« der nur so +viel bedeutet: Jedes Reale kann Substanz werden, sobald es mehreren +Reihen von Realen zum gemeinschaftlichen Anfangsgliede dient, und mit +diesen zusammen Ursache gewisser verschiedener Arten des Scheines wird. + + (75) Allg. Met. II. S. 218. S. 130. + + (76) Allg. Met. II. S. 134. + +Fragen wir nun: was thun die Ursachen und was leidet die Substanz und +wie hängt mit dieser das inhärirende Accidenz zusammen, das sie mit +Hilfe der übrigen Realen als Ursachen soll erhalten haben?(77) Bisher +war vom Thun und Leiden noch keine Rede; die Substanz so gut ein Reales, +wie jede der hinzukommenden Ursachen, und die Reihen unterscheiden sich +dadurch, daß, während das Anfangsglied in allen dasselbe bleibt, die +übrigen Glieder in jeder andere sind, weil jede Reihe eine andere +Gattung Scheines erzeugt und andere Folgen andere Gründe haben müssen. +Eben so wenig folgt daraus über das Wie des Zusammenhangs des Accidenz +mit der Substanz etwas; denn das Accidenz ist nichts als Schein, und +dieser blos einfache Empfindung im denkenden Subject und gar nicht in +der Substanz, welcher wir denselben zuschreiben. Charakteristisch jedoch +für die auftretende Causalität ist es, daß sie keiner Zeitbestimmung +unterliegt, die Ursache ist weder früher noch später als die Wirkung, +sondern eben jetzt, indem wir die Inhärenz widersprechend finden, +erklären wir die Substanz für unzureichend, ihre Accidenzen zu begründen +und nehmen an, daß wenigstens so viel Ursachen vorhanden sein müssen, +als Accidenzen da sind. Statt einer zeitlichen Succession der Accidenzen +als Wirkungen nach den Ursachen sind Accidenzen und Wirkungen +Einunddasselbe, wenn sie auch einmal als der Substanz allein, das +anderemal derselben mit den Ursachen zusammen angehörend betrachtet +werden. Die Succession ist nur in unserem Denken vorhanden, das ein +zeitliches ist und bei der Substanz früher als bei den erzeugenden +Ursachen anlangt. Von einem zeitlichen Prius der Substanz vor den +Inhärenzen ist daher keine Rede. Ursache und Wirkung sind stets +gleichzeitig; eine Ursache ist nur Ursache, sobald die Wirkung beginnt, +und hört es zu sein in dem Augenblick auf, da die Wirkung verschwindet. +Dies gilt ganz allgemein und daß im gemeinen Leben gewöhnlich die +Gegenansicht herrscht, hat seinen Grund in der gemeiniglichen +Verwechslung der Theilursachen mit der vollständigen Ursache. Während +von jenen einige, oft sogar die meisten der Zeit nach früher vorhanden +sind, ist die vollständige Ursache erst in dem Momente vorhanden, in +welchem auch schon die Wirkung beginnt, und diese daher mit jener +gleichzeitig. + + (77) Allg. Met. II. S. 137. + +Anders tritt das Causalitätsverhältniß bei dem Probleme der Veränderung +auf. Die Inhärenz führte auf das »Zusammen« mehrerer realer Wesen, von +welchem wir weiter keinen Begriff aufstellten, als daß wir das +Causalitätsverhältniß damit zusammenhängend fanden. Während aber hier +Mancher an dem Satze, keine Substantialität ohne Causalität, Anstoß +nehmen konnte, leuchtet der Satz: keine Veränderung ohne Ursache, Jedem +von selbst ein. Im ersten Falle erscheinen die realen als Ursachen zur +Substanz hinzutretenden Wesen als ruhende; keine thut, keine leidet +etwas, allein bei der Veränderung? Verändern ist doch ein Thun; die +Ursache einer Veränderung muß thätig sein, sonst ist sie ja nicht die +Ursache der Veränderung; sie muß wirken, sonst entsteht keine Wirkung; +eine Ursache, die nicht wirkte, wäre keine, denn sie ist es nur, +insofern sie eine Wirkung hat, und die letztere nur Wirkung, insofern +sie eine Ursache hat. + +Allein von welcher Beschaffenheit soll denn diese ursächliche Wirkung +sein? Soll sie weder prästabilirte Harmonie, noch _Causa immanens_, +weder blos psychologische Gewohnheit, noch allein Regel der Zeitfolge +sein, was bleibt uns übrig, wenn wir zugleich in keinen der Widersprüche +verfallen wollen, die =Herbart= im Thun und Leiden einfacher Wesen +auffindet?(78) + + (78) Allg. Met. II. S. 148. + +Gehen wir die Letzteren in Kürze durch(79). Es liegt im Begriffe der +Veränderung, daß aus einer Complexion mehrerer Merkmale einige +verschwinden, andere zurückbleiben, wohl auch neue an die Stelle der +verschwundenen treten, so daß es offenbar wird, die Eine dieser +Complexionen sei verschieden von der anderen. Zugleich soll aber auch +die eine Complexion identisch mit der andern sein, sonst wären es völlig +zwei verschiedene Dinge, nicht aber dasselbe Ding in nur verändertem +Zustande. Das Ding ist daher als ein solches, welches dem Complex von +Merkmalen _a b c d_ vorausgesetzt wurde; zugleich aber wird dasselbe +Ding auch einem andern Complex α β γ δ als Grundlage vorausgesetzt. + + (79) Im Sinne =Herbart='s besonders klar bei =Hartenstein=: Metaphys. + S. 81. u. ff. + +Hier liegen mehrere Einwendungen nahe. Die wichtigste beginnt beim +Begriffe des Seins und schiebt, wie oben beim Problem der Inhärenz den +Begriff der Substanz als des gemeinschaftlichen Trägers der mehreren von +ihr selbst verschiedenen Merkmale, so hier die Substanz als Dasjenige +unter, welches im Wechsel der Beschaffenheiten beharrt, wie =Wolff= und +selbst =Kant= gethan. Auf diese Weise pflegt man das veränderliche Ding +als ein solches zu erklären, dessen wesentliche Eigenschaften beharren, +unwesentliche sich ändern. =Herbart= jedoch findet das =Wesen= der Dinge +für uns gänzlich unerkennbar und schlechthin unmöglich, daß die einfache +Qualität des Seienden eine Mehrheit (auch wesentlicher) Eigenschaften +enthalten könne. Er behauptet vielmehr, weil jeder verschiedene Schein +auf ein verschiedenes Sein hinweise, seien auch die Verschiedenheiten +der Merkmale, die demselben Ding zugeschrieben werden, mit dessen +Identität unverträglich, mögen sie zugleich oder nach einander an +demselben gedacht werden. + +Im letzten Falle drängt sich ein neuer Einwurf auf, der dem gesunden +Menschenverstand sehr geläufig ist. Dieser begreift mit Recht nicht, wie +es etwas Widersprechendes haben solle, demselben Ding =in verschiedenen +Rücksichten= verschiedene, ja entgegengesetzte Beschaffenheiten +beizulegen. Er findet es eben so wenig befremdend, daß dasselbe Ding =zu +verschiedener Zeit= einander ausschließende Beschaffenheiten besitze. +Was nicht =zugleich=, sondern das Eine in Abwesenheit des Andern an +demselben Dinge auftritt, das widerspricht sich nicht. Dabei wird +angenommen, es gebe einen Träger der Merkmale, der zu einer Zeit diese, +zu einer andern Zeit jene sich ausschließenden Merkmale =an sich= trägt. + +Allein =Herbart= will so wenig zugeben, daß das =Ansichtragen= mehrerer +Merkmale mit der einfachen Qualität des Seienden verträglich sei, als er +zugesteht, daß es nur Wirkliche von doppelter Art geben könne, nämlich +solche, die sich =an Andern=, und solche, die sich nicht =mehr an +Andern= befinden, und die man gewöhnlich mit den Worten Adhärenz und +Substanz zu bezeichnen pflegt. Er sagt: Veränderung geschieht in der +Zeit und zwar eine bestimmte Veränderung in bestimmter endlicher +Zeitdauer. Das Geschehene muß sich daher durch diese ganze Zeitdauer +ausdehnen, sonst gäbe es innerhalb derselben leere Zwischenräume, in +welchen keine Veränderung stattfindet, und das Ganze würde nicht eine, +sondern ein Complex mehrerer Veränderungen sein. Das Quantum des +endlichen Geschehens wird daher gemessen an der endlichen Zeitdauer +desselben. Nun weiß Jeder, daß die Zeit unendlich theilbar ist, und sich +deren letzte eine unendliche Menge ausmachende Theile so wenig angeben +lassen, als sich aus ihnen wieder durch Zusammensetzung (?) eine +endliche Zeitdauer bilden läßt. Daher kann auch das endliche Quantum des +Geschehens weder in unendlich viele Theile aufgelös't, noch aus diesen +wieder zusammengesetzt werden. Denn jeder einfache Zeittheil, in welchem +Etwas geschieht (kann in einem einfachen Zeittheil überhaupt Etwas +geschehen?), müßte sich wieder in ein Vorher, Jetzt und Nachher zerlegen +und damit aussprechen lassen, daß er eben kein einfacher Zeittheil sei. +Dasjenige, was geschieht, würde dadurch gleichfalls in ein Geschehenes, +Geschehendes und künftig Geschehendes zerfallen. Nach Art der Eleaten +würde eine Veränderung aus durchaus einfachen Ruhepunkten, ein Geschehen +aus Geschehenem zusammengesetzt werden müssen. + +Da hiebei ausdrücklich zugestanden wird, jede endliche Zeitdauer sei +unendlich theilbar, bestehe also aus unendlich vielen Theilen und nur +uns sei es unmöglich, durch fortgesetzte Theilung zu denselben zu +gelangen, so ist schwer einzusehen, wie daraus folgen solle, daß es +dergleichen einfache Theile nicht wirklich gebe, ganz unabhängig davon, +ob wir sie durch Theilung einer endlichen Zeitdauer erreichen oder +nicht. Zusammengesetzt ist jede =endliche= Zeitdauer denn doch gewiß, +und ein Zusammengesetztes kann ohne einfache Theile nicht bestehen. +Existiren diese aber, gibt es einfache Zeittheile, so hört es auf, +widersprechend zu sein, daß sich ein endliches Quantum des Geschehens +durch eine endliche Zeitdauer ausdehne, weil der Einwand aufhört, daß +die Veränderung in diesem Falle aus einzelnen Ruhepunkten +zusammengesetzt sein würde. Denn diese unendlich vielen einfachen +Zeittheile, welche die endliche Zeitdauer _a b_ ausmachen, sind stetig, +d. h. es lassen sich unter ihnen nicht zwei angeben, zwischen welchen +nicht noch ein dritter wäre. Sollen wir nun sagen können, eine +Veränderung und zwar dieselbe habe durch den ganzen Zeitraum _a b_ +gewährt, so muß der Zustand des sich Verändernden diese ganze Zeit +hindurch in jedem Zeitmomente ein anderer gewesen sein, als in jedem +andern. Es dürfen nicht zwei, auch noch so nahe an einander gelegene +Punkte angebbar sein, innerhalb welcher derselbe Zustand geherrscht, +also das sich Verändernde geruht hätte, die Veränderung unterbrochen +worden wäre. Dies ist möglich, weil es innerhalb der ganzen Zeitdauer +überhaupt nicht zwei Punkte gibt, zwischen welchen nicht noch ein +dritter läge. Von den Zuständen aber, die die Veränderung constituiren +und in jedem Zeitmomente andere sind, kann man unmöglich mit Recht +sagen, daß sie die Veränderung aus Punkten der Ruhe zusammensetzen, weil +dieses letztere Wort nur dort gebraucht werden darf, wo derselbe Zustand +durch eine, auch noch so kleine Zeit ununterbrochen fortdauert, eine +solche aber, bei der stetigen Veränderung, wo in je zwei noch so nahe +liegenden Zeittheilen andere Zustände vorhanden sind, niemals angebbar +ist. + +Allein =Herbart='s Synechologie ist nicht geneigt, die Stetigkeit des +Raumes wie der Zeit anders als höchstens in Form einer Fiction +zuzugestehen. Der Zeitbegriff muß nach ihr vielmehr von der Veränderung +fern gehalten werden, da er Verwickelungen herbeiführt, die zwar nicht +das veränderte Ding selbst, aber doch das Quantum der Veränderung +betreffen. Das Was des (veränderlichen) Dinges wird nicht durch die +Zeitreihe, während welcher es ihm zukommt, sondern durch die +Eigenschaften gedacht, die dasselbe zugleich oder nach einander +ausmachen. Würde die Zeit, in welcher es gedacht wird, im Was des Dinges +einen Unterschied begründen, so hätten wir, da die Zeitmomente im steten +Flusse sind, niemals dasselbe Ding, auch wenn alle Eigenschaften +desselben beständig bleiben würden. Nur seine Eigenschaften geben auf +die Frage nach dem Was eines Dinges Antwort, und ihr Früher- oder +Spätersein macht hiebei keinen Unterschied. Der ganze Widerspruch liegt +in nichts Anderem, als daß mehrere sich ausschließende Bestimmungen in +die Identität desselben einfachen Was zusammengehen sollen. + +Dagegen sehen wir nach =Herbart= die Ursachen als dasjenige an, was +diesen Widerspruch auf sich nimmt. Diese thun etwas; das Veränderte +leidet nur; diese sind Schuld daran, daß das veränderte Ding vorher ein +anderes war, jetzt ein solches ist. Es frägt sich nur nach der +Beschaffenheit dieser Ursachen. Sie können nur entweder inner- oder +außerhalb des Leidenden befindlich sein, eine Einwirkung von innen oder +außen auf dasselbe ausüben, nur =transeunte= oder =immanente= Ursachen +sein. Ist die Ursache weder das Eine noch das Andere, und das Werden, +die Veränderung gleichwohl vorhanden, so muß letztere ohne Ursache sein +als =absolutes Werden=. Die Untersuchung dieses Trilemma ist von +entscheidenden Folgen. + +Thun wir den weitesten Schritt von dem Veränderten selbst zu einem außer +demselben befindlichen Verändernden zuerst, so frägt es sich: was ist +denn das Leidende? Es erleidet Veränderungen, geht aus einer Qualität in +die andere über, bleibt aber deßungeachtet dieselbe Realität. Welche von +den Beschaffenheiten, die in ewigem Wechsel begriffen sind, soll es denn +sein, die uns als Antwort auf die Frage nach dem eigentlichen Was des +Veränderten gibt? Gar keine; die wahre immer sich gleich bleibende +Qualität ist unbekannt, nicht qualitätlos (ἄποιος ὕλη), sondern ein +Unbestimmtes (ἄπειρον), weiterer Bestimmung fähig und ihrer gewärtig. +Aus sich selbst ist dieser noch unbestimmte Stoff unfähig, seine eigenen +Bestimmungen zu erzeugen, er bedarf zu dem Ende als Ursache derselben +eine wirkende Kraft. Wirkt diese und bewirkt dadurch die eben +vorhandenen Eigenschaften, so muß sie fortwährend gewirkt haben und +ununterbrochen fortwirken, um dieselben festzuhalten, und so lang sie +thätig ist, kann kein Wechsel der Qualitäten eintreten. Doch soll er +das, der Erfahrung zufolge; der Begriff der Kraft muß daher eine +Erweiterung erfahren. Nicht das, was eben wirkt, sondern auch dasjenige, +was unter gewissen Umständen wirken =kann=, nennen wir im gemeinen Leben +=Kraft=. Was bewirkt jedoch, daß dasjenige, was unter gewissen Umständen +wirken kann, zu gewisser Zeit auch in der That in Wirksamkeit tritt, und +auf diese Weise aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit übergeht? Ohne +Zweifel ist das Ding, welches jetzt wirkt, ein anderes geworden gegen +dasjenige, welches vorher nur wirken =konnte=. Also wieder eine +Veränderung an dem Dinge, wieder eine Ursache, die der Kraft +vorausgesetzt werden muß, und die, genauer besehen, abermals eine Kraft +ist, die wirken könnte und wirken würde, wenn eine andere auf sie +belebend und bewegend einwirkte. Da sich dasselbe bei jeder wiederholten +Voraussetzung einer neuen Kraft ergibt, so öffnet sich auf diese Weise +ein Rückschritt ins Unendliche, weil es nirgends eine Kraft gibt, die +keiner bewegenden mehr bedarf, das Princip des Veränderns in sich selbst +trägt, deren Was der Wechsel, die Veränderung selbst ist, mit Einem Wort +ein πρῶτον κινοῦν ἀκίνητον. + +Kann man ein solches unbewegtes Bewegendes setzen? Trägt der Begriff +eines schlechthin thätigen nicht einen Widerspruch in sich? In der +unendlichen Reihe der successiven Bestimmung verhalten sich je zwei +Glieder zu einander wie Thätiges und Leidendes und das Eine greift +verändernd in den Zustand des Andern ein. Das Thätige soll thun, es ist +also etwas von seinem Thun, seiner Thätigkeit Verschiedenes, allein es +ist auch wieder ein nicht davon Verschiedenes, denn eben nur durch das +Thun ist ein Thätiges. Was es thut, ist dem, was es selbst ist, fremd; +das Thätige soll daher gedacht werden durch etwas, was es nicht ist, +wodurch es also nicht gedacht werden darf, und soll zugleich durch +dasjenige nicht gedacht werden, was es eigentlich und seinem Wesen nach +ist, und wodurch es daher gedacht werden muß. Als absolutes Thun aber, +ohne zugleich etwas zu sein, welches thut, verträgt es keine absolute +Setzung. Denn ein Thun enthält unvermeidlich die Beziehung auf ein +Thuendes, und eine Beziehung leidet keine absolute Position. Dieselbe +Verwicklung wiederholt sich bei dem Leidenden. Auch dieses ist abgesehen +von seinem Leiden ein Etwas für sich. Diese Kette von Widersprüchen, die +sich bei jedem Gliede der unendlichen Reihe wiederholt, und da jedes +thätig und leidend zugleich ist, sich sogar verdoppelt, macht die +äußeren Ursachen völlig (?) untauglich, einen festen Punkt im Denken zu +gewähren. + +Liegt aber der Grund der Veränderung nicht außerhalb des veränderten +Dinges, so müssen wir ihn, so lang noch überhaupt einer angenommen +werden soll, innerhalb desselben, also in seiner Selbstbestimmung +suchen. Das Ding erscheint hier zugleich als Bestimmendes und +Bestimmtes; dieselben Widersprüche, die sich im Begriff der äußern +Ursache finden sollen, kehren daher hier und verstärkt wieder. Auch hier +entwickelt sich eine unendliche Reihe, indem jedes Bestimmende im +Uebergang aus der Unthätigkeit in Thätigkeit als sich verändernd gedacht +werden soll, welcher Uebergang neuerdings eine Selbstbestimmung des +Bestimmenden voraussetzt, in welcher dieses selbst als Bestimmtes +erscheint und ein Bestimmendes verlangt. Bei diesem geht es eben so, und +die Ungereimtheit wird dadurch noch größer, daß die ganze endlose Reihe +von Selbstbestimmungen in einem und demselben Dinge vor sich gehen soll, +während sie im früheren Falle gliedweise auf ein außerhalb des +Bestimmten befindliches Ding übertragen wurde. Um die Reihe +abzuschließen, kann man nicht umhin, die erste Selbstbestimmung absolut +zu setzen, wodurch aber die immanente Ursache ins absolute Werden sich +verwandelt. Ins Unendliche vervielfacht sich der Widerspruch, daß das +sich selbst bestimmende Ding zugleich thätig und leidend sein, daß es +nicht als zwei gedacht, sondern in die Identität desselben Begriffs +verschmolzen werden soll. Auch wenn die Prädicate nicht entgegengesetzt +wären, würde doch schon die Spaltung der einfachen Qualität in +mindestens zwei Theile, den Bestimmenden und Bestimmten, dazu +hinreichen, die Selbstbestimmung von dem Seienden abzuweisen. + +So bleibt also nur noch übrig die Veränderung ohne Ursache schlechtweg, +als absolutes Werden zu setzen. Der Wechsel selbst werde als Qualität +dessen gedacht, was sich verändert. Keine Ungleichförmigkeit, kein Maß, +kein Aufhören, kein Anfangen findet statt; denn dies alles müßte einen +wie immer beschaffenen Grund haben, und nach einem solchen darf hier +nicht einmal gefragt werden. Das absolut Werdende ist durchaus sich +selbst gleich, es »wird,« ohne die geringste nähere Bestimmung. +Abgesehen davon, daß es eine Ungereimtheit ist, zu behaupten, der +Wechsel sei die Qualität des Realen (denn der Wechsel ist eine bloße +inhaltsleere Form, die ohne die Qualitäten, welche wechseln, gar keinen +Sinn hat, nichts weiter ist als ein Begriff, der auf das Reale +angewendet werden kann, sobald erst ein solches und Qualitäten desselben +wirklich vorhanden sind); abgesehen von der Unmöglichkeit, dort von +Wirkungen zu reden, wo man keine Ursachen derselben zulassen will: kann +=Herbart= von seinem Standpunkt aus nicht anders, als eine Qualität des +Seienden, die durch mehrere, ja des beständigen Wechsels halber +unendlich viele Qualitäten gedacht werden müßte, verwerfen. + +Damit scheint nun aber jede Möglichkeit der causalen Verbindung zwischen +Realen abgeschnitten. =Leibnitz= faßte das Problem transitiver +Wirksamkeit in seiner Weise sehr bestimmt, indem er es in die +Dreitheilung des physischen Einflusses, Occasionalismus und der +prästabilirten Harmonie zerfällte, die ersten zwei als unmöglich +nachwies und die dritte festhielt. Mit ähnlicher Entschiedenheit geht +=Herbart= noch weiter und versucht die Unmöglichkeit äußerer Ursachen, +der Immanenz und des absoluten Werdens nachzuweisen. Was kommt nun an +die Stelle? Entweder letzteres Trilemma ist nicht vollständig, oder es +gibt überhaupt keinen causalen Zusammenhang unter den Dingen, keinen +Wechsel, keine Veränderung, kein Zunehmen und Abnehmen, alles ist starr, +leblos, unbeweglich, wo die Natur und Anschauung das Gegentheil zeigt. +Und =Herbart= selbst sagt ausdrücklich(80): »Niemand zweifelt, daß +Veränderungen in der Natur gegeben werden.« Nur fügt er einschränkend +hinzu: »Man unterscheidet wesentliche und zufällige Eigenschaften der +Dinge, weil in der Erscheinung einige Merkmale beständiger sind, als +andere. Wenn nun das Gegebene (die Erfahrung) so angesehen wird, als +gebe es uns die Qualitäten der Dinge zu erkennen, so liegt es am Tage, +daß die Substanz als beharrlich im Wechsel deshalb sehr leicht +betrachtet werden konnte, weil man meinte, sie lasse sich an ihren +wesentlichen Eigenschaften festhalten, mochten auch die zufälligen +wechseln, wie sie wollten. Wie es zugehen solle, daß sich zum +Wesentlichen das Zufällige, zum Einheimischen das Fremde geselle, +darüber dachte man so genau nicht nach. Wenn einmal ein Fremder im +Wirthshause der Substanz einkehrte, so war es ja kein Wunder, daß er +auch wieder Abschied nahm. Das Haus blieb stehen, unbekümmert um die, +welche aus- und eingingen, es gehörte fortdauernd seinen bleibenden +Einwohnern. Nun ist aber die Wirthschaft schon geschlossen, wenn die +Qualität des Seienden für absolut einfach erklärt wird. Ja noch mehr, +wir haben darauf Verzicht gethan, die wahre einfache Qualität jemals im +Gegebenen zu erkennen. Gegeben sind Complexionen von Merkmalen, diese +nennt man Dinge. Eine solche Complexion sei _a b c_, so setzen wir +ihretwegen die Substanz _A_; allein dieses _A_ in Hinsicht seiner +Qualität ist unbekannt. Wenn nun im Gegebenen sich die Veränderung +ereignet, daß aus _a b c_ jetzt die Complexion _a b d_ wird, wollen wir +dann sagen, es sei in der Qualität eine Veränderung vorgefallen? Wir +können diese Veränderung wenigstens nicht angeben: die Substanz, welche +dieselbe soll erlitten haben, ist uns jetzt eben so unbekannt, als +vormals, und wir sind zuletzt auf einen bloßen Wechsel der Erscheinung +beschränkt.« + + (80) Allg. Metaph. II. S. 150. + +Also doch ein Wechsel, wenn auch nur in der Erscheinung; also eine +Veränderung zum wenigsten in dem Subject, welchem der Schein erscheint! +Woher rührt diese? Ist sie durch äußere, durch immanente oder durch gar +keine Ursache erzeugt? Wie verträgt sie sich mit der Einfachheit der +Qualität, die ja auch dem denkenden Subject zukommt, in welchem der +Schein haftet und sich ändert? Das sind Fragen, die sich nach dem +Zugeständniß, daß Veränderungen wirklich stattfinden, und der +ausdrücklichen Abweisung aller drei möglichen Arten der +Causalverknüpfung sehr natürlich aufdrängen. + +Statt aller Antwort führt das System neuerdings die Methode der +Beziehungen ein, wie oben bei dem Probleme der Inhärenz. Wie dort der +Inhärenz verschiedener zugleich vorhandener Merkmale mehrere Reihen von +Realen vorausgesetzt wurden, deren jede einem besondern Merkmale zur +Basis diente, und deren gemeinschaftliches Anfangsglied die sogenannte +Substanz war; so liegen hier den mehreren nacheinander seienden +Merkmalen mehrere Reihen unter sich verschiedener Realer zu Grunde. Die +Identität des veränderlichen Dinges vor und nach der Veränderung wird +dadurch erhalten, daß das gemeinschaftliche Anfangsglied aller Reihen, +die Substanz, dasselbe verbleibt. Die übrigen Glieder der Reihe, die +z. B. dem Merkmale _a_ zu Grunde lag, wechseln und anstatt ihrer tritt +eine solche Reihe von Ursachen ein, die mit der Substanz zusammen das +Merkmal _non a_ erzeugt u. s. w. »Denn,« heißt es(81), »schon ehe die +Veränderung eintrat, war der Complexion _a b c_ wegen, die wir als +ungetheilt betrachteten, irgend ein Reales = _x_ gesetzt worden. Dieses +kann auf keinen Fall den Platz einer Folge einnehmen, sondern wenn Eins +von beiden sein muß, so gebührt ihm, als dem schlechthin Gesetzten, der +Platz des Grundes. Jetzt sollte wegen der zweiten Complexion ein anderes +Reale = _y_ gesetzt werden, aber diese Setzung ist nicht schlechthin zu +vollziehen, sie soll sich vielmehr an die erstere anlehnen, weil das +Ding noch als dasselbe gegeben ist. Zusammenfallen sollte sie mit der +ersten, es sollte sein _y_ = _x_, aber die Position ist eine andere, ihr +Gesetztes auch, so gewiß _c_ nicht = _d_, und _a b c_ nicht = _a b d_ +ist. Hiemit ist die Entscheidung gehörig vorbereitet. Was weiter zu thun +ist, wissen wir vermöge der Methode der Beziehungen. Das _x_ +widerspricht sich selbst, indem es dem _y_ gleich und auch nicht gleich +sein soll. Es ist also nicht identisch, sondern ein Vielfaches. Und nur +indem mehrere _x_ zusammengefaßt werden, kann _y_, welches in keinem +Falle =ein= Reales, sondern nur die Folge der Zusammenfassung mehrerer +Realen sein konnte, daraus hervorgehen.« + + (81) Allg. Met. II. S. 154. + +Allein, was bedeutet eben dieses Zusammen? Die mehreren Realen, welche +zu der Substanz als Ursachen hinzukommen, um mit ihr =zusammengefaßt= +die Folge hervorgehen zu machen, was ändern sie an der Substanz, was +wird an ihnen selbst geändert durch dieses Zusammen? Da das Princip der +äußeren Ursachen (im gewöhnlichen, Kräfte und Vermögen postulirenden +Sinne dieses Worts) mit solchem Nachdruck ist abgewiesen worden, so +folgt daraus, daß von einem Verändern an einem der Realen =durch= die +übrigen, mit welchen es zusammengefaßt wird, keine Rede sein könne. =Ein +Reales wirkt nicht auf das andere.= Es wirkt aber eben so wenig auf sich +selbst, weil die immanente Ursache dem Wesen des Seienden widerspricht. +Das Reale kann ferner auch nicht den Wechsel, das Werden selbst als +eigenthümliche Qualität besitzen, weil ein continuirlicher Wechsel der +Beschaffenheit eine Relation einschließen, somit der absoluten Position +des Seienden widersprechen würde. Außer den einfachen Qualitäten der +Seienden ist nichts vorhanden, mit ihnen selbst aber kann =nichts= +vorgehen. Sollten sie ein vom Sein verschiedenes Geschehen +hervorbringen, so müßten sie von sich »abweichen, sich äußern und +dadurch außer sich gesetzt werden, sich in der Erscheinung offenbaren, +und dadurch würde das Reale selbst eine fremde Gestalt annehmen. Im +wirklichen Geschehen kann und darf das Seiende weder von sich abweichen, +noch sich äußern, noch erscheinen. Dies alles wäre nichts als +Entfremdung seiner selbst von innen heraus; also der Ursprung dieser +Entfremdung wäre ein innerer Widerspruch; und dessen sollen wir es nicht +beschuldigen, sondern es dagegen vertheidigen.« So bestimmt erklärte +sich das System gegen jede entäußernde Thätigkeit der einfachen +Qualitäten. Noch mehr, es sagt ausdrücklich: »Diese dürfen wir gar nicht +antasten. Sie können mit dem wirklichen Geschehen nur mittelbar +zusammenhängen. Sie können, indem Etwas geschieht, weder wachsen noch +abnehmen.« Von jenem Satze: Bei allem Wechsel der Erscheinung beharrt +die Substanz, sollte die Fortsetzung so lauten: »und weder ihre Qualität +noch ihre Quantität wird von dem Wechsel ergriffen.« Und ebenso(82): +»Das Reale ist in sich reif. Es bedarf gar keiner Entwicklung. Kommt +dennoch, gleichviel wie, das Werden, das Geschehen hinzu: so vermehrt +sich das Reale darum nicht im mindesten. Die Wirklichkeit des Geschehens +ist schlechterdings gar nicht und in keinerlei Sinn ein Zuwachs zum +Realen, oder ein Gelangen zur Realität. Die Redensart, es komme hinzu, +darf überall nicht so genommen werden, als ob hier eine Addition möglich +wäre. Man addirt nicht Linien zu Flächen, nicht Flächen zu Körpern. +Gerade so soll man das wirkliche Geschehen nicht addiren zum Realen, +denn Beides ist völlig ungleichartig. Die Wirklichkeit des Geschehens +gibt einen Begriff für sich, und die Arten dieser Wirklichkeit können +unter einander verglichen werden. Aber für das Sein ist sie schlechthin +Nichts.« + + (82) Allg. Met. I. S. 194. + +Daraus wissen wir nun, daß alle Begriffe des Geschehens, des Wirkens und +der Veränderung, die wir aus der Sinnenwelt der Erscheinung mitbringen, +etwa ein Uebergehen eines Theils der Materie aus einem in den andern +Körper, eine Selbstbewegung, ein κινοῦν ἀκίνητον auf dasjenige, was +wirklich d. h. in dem einzigen wahrhaft Seienden oder dem der Qualität +nach einfachen Realen geschehen kann, nicht übertragen werden dürfen, +ohne dieses auch seines einfachen Was zu berauben. Es scheint fast, als +sei damit so gut wie bei =Leibnitz= das wirkliche Geschehen an sich +unmöglich gemacht. Ein Geschehen ist immer ein Sich-ändern, ein +Qualitätswechsel, das Hervortreten eines Zustandes, der früher nicht da +war. Nehmen wir diesen in der Scheinwelt der Sinne wahr, so gibt uns +eben diese Wahrnehmung das Recht zu schließen, daß auch in Demjenigen, +was nicht mehr bloßer Schein ist, in dem Seienden, gleichviel dem unser +eigenes Ich ausmachenden oder dem außer uns befindlichen Realen Gründe +vorhanden seien oder in Thätigkeit treten müssen, welche die Veränderung +des Scheins erzeugen. Die letztere ist nicht von unserer Willkür +abhängig; wir nehmen nicht nach Belieben jetzt diesen, dann jenen +Zustand desselben wahr, welchen wir wünschen, im Gegentheil, dieser ist +uns, nicht selten im geraden Widerspruche mit unserm Begehren, gewisse +vorhandene Beschaffenheiten des Scheins festzuhalten oder zu entfernen, +unabweislich gegeben, was auf einen von unserer Willkür durchaus +unabhängigen Grund desselben hindeutet. Geschehen, verändern muß sich +also etwas in dem Zustande des wahrhaft Seienden, des Realen, wenn sich +im Scheine etwas ändern soll, und dennoch kann Nichts an ihnen +=geschehen=, d. i. kein Qualitätswechsel stattfinden, ohne daß das Reale +aufhörte, mit sich identisch zu sein. Denn wo eine einzige Qualität das +Wesen des Seienden ausfüllt, da hört dieses auf zu sein, sobald die +Qualität verschwindet, und es ist ein neues Reale da, sobald eine neue +Qualität als seiend gesetzt wird. Die Lehre von der Einfachheit der +Qualität des Realen spielt bei =Herbart= dieselbe entscheidende Rolle, +wie bei =Leibnitz= der Satz von der Fensterlosigkeit der Monaden. + +Auf denselben Punkt, wie bei Leibnitz die wechselseitige +Unzugänglichkeit der Monaden, versetzt uns bei Herbart die der +Veränderung unfähige Einfachheit der Qualität der Realen. Wie wir uns +dort, bevor wir zur prästabilirten Harmonie übergingen, durch die +Impenetrabilität der Monaden zu diesem künstlichen Wege der Vermittlung +genöthigt sahen, so werden wir hier zu einem ähnlichen äußeren +Hilfsmittel getrieben, weil der natürliche Weg -- der sich dem +Ergebnisse der gemeinen Erfahrung anschließt -- durch die Resultate des +metaphysischen Gedankenganges verboten zu werden scheint. Wir dürfen uns +aber nicht wundern, wenn der Enderfolg bei beiden Denkern ein ganz +verschiedener ist, denn beide gehen von eben so verschiedener, und nur +in der Hauptsache, der Annahme einer Vielheit realer Wesen, +übereinstimmender Grundlage aus. Leibnitz, der auf theologischem Boden +stand und mittels des ontologischen Beweises vorher die Existenz des +vollkommensten, d. i. desjenigen Wesens bewiesen hatte, »_dans lequel +l'essence renferme l'existence ou dans lequel il suffit d'être possible, +pour être actuel_(83),« war es leicht, kraft der Allmacht und +Allvollkommenheit desselben eine so regelmäßige Anordnung des Weltalls +zu postuliren, daß die Veränderungen im Innern der einzelnen Wesen, ohne +durch einander in der That hervorgebracht zu sein, sich wechselseitig +correspondirten. Dabei blieb unerklärt, was für eine Art von +Causalverknüpfung im Innern der einfachen Wesen, auf welche gleichwohl +so viel Gewicht gelegt wurde(84), überhaupt stattfinden könne, und Alles +lief, wie es bei einem Systeme, das die Gottheit selbst als _causa sui_ +betrachtet, nicht befremden kann, auf die Annahme der _causa immanens_ +in den einfachen Wesen hinaus. Herbart aber betrachtet die einfachen +Realen als schlechthin gesetzt, als einfache Qualitäten, mit welchen die +Spaltung der _causa immanens_ unverträglich sei und kann daher bei jener +Annahme nicht stehen bleiben. Er schlägt einen Weg ein, der so leicht +mißzuverstehen ist, daß dies zu vermeiden nichts übrig bleibt, als ihn, +so viel thunlich, mit des Erfinders eigenen Worten darzustellen. + + (83) _Monad._ S. 708. + + (84) _Monad._ S. 706; _Théod._ §. 608, §. 360. + +Der Begriff, auf welchen uns die Methode der Beziehungen behufs der +Erklärung des wirklichen Geschehens verwies, war: das Zusammen. Durch +das Zusammenfassen mehrerer Realen, hieß es, lasse sich sowohl der +Widerspruch der Inhärenz als jener der Veränderung in Uebereinstimmung +bringen; was widersprechend sei an =einem= Realen, sei es nicht an einer +Mehrheit. Dieses Zusammenfassen mehrerer Realen bezieht sich zunächst +nur auf die Begriffe derselben; diese sind einfach, denn so sind die +Qualitäten der Seienden. Fassen wir nun aber eine Mehrheit solcher +einfachen Qualitäten, z. B. _A_ und _B_ zusammen, so erhalten wir eben +nichts anders, als eine Summe, »aus welcher eben so wenig etwas Weiteres +wird, als aus jenen einfachen Richtungen der Schwere und des Gegendrucks +einer schiefen Fläche(85).« Allein es gibt ein anderes Mittel, +wechselseitige Beziehungen zwischen den einfachen Realen herzustellen. + + (85) Metaph. II. S. 164. + +Erinnern wir uns, daß die einfache Qualität jedes Seienden sich auch +unter einen aus mehreren Theilen zusammengesetzten Begriff bringen und +durch denselben vorstellen lasse. Hiebei ist wohl zu unterscheiden: der +Begriff, der uns die Qualität des Seienden ausdrückt, ist +zusammengesetzt, sein Gegenstand, die Qualität selbst, völlig einfach. +Der zusammengesetzte Begriff muß von der Art sein, daß er dem einfachen +Begriffe der einfachen Qualität seines Seienden gleichgilt, ein +Wechselbegriff desselben sei, und sich auf ihn »zurückführen« lasse. +Begriffe dieser Art, die dem Was des Seienden ganz »zufällig« sind, +nennt =Herbart= zufällige Ansichten. Sehr gern vergleicht er dieselben +mit den Componenten, in welche sich eine jede Kraft, sobald sie als +deren resultirende betrachtet wird, zerlegen, und aus welchen sie sich +neuerdings zusammensetzen läßt. Wie es hier völlig eins und dasselbe +ist, ob wir die Kraft als eine einzige oder als resultirende mehrerer +Kräfte betrachten, was an ihrer Natur an und für sich gar nichts ändert: +so gleichgiltig ist es auch für das Was des Seienden, ob wir statt +seines einfachen Begriffs den oder jenen mehrtheiligen Wechselbegriff +desselben nehmen, sobald der letztere nur auf den ersteren zurückgeführt +werden kann. Es ist nun durchaus keine Unmöglichkeit vorhanden, daß die +zufälligen Ansichten mehrerer Realen gemeinschaftliche, daß sie +entgegengesetzte, gleiche oder auch disparate Bestandtheile besitzen und +dadurch andeuten, daß auch in den einfachen Qualitäten, deren Ausdrücke +sie sind, sich Etwas »wie ja und nein« verhalte. Vielmehr kann(86) »ein +solches Verhältniß der Begriffe hier eben so gut angenommen werden, als +es factisch stattfindet in den einfachen Empfindungen Roth und Blau oder +_cis_ und _gis_« (über deren Einfachheit sich freilich noch streiten +ließe). Jede dieser Empfindungen ist so gut unabhängig und indifferent +gegen die andere, wie jede Qualität gegen die andere; keine derselben +hat Theile, so wenig wie irgend eine Qualität, und doch steht jede in +einem andern Verhältniß gegen jede andere. Roth z. B. ist dem Blau mehr +entgegengesetzt als dem Violett, dem Gelb mehr als dem Orange, und doch +hat die Empfindung: Orange keine Theile, deren etwa mehrere dem Roth +gleichartiger sein könnten, als dem Gelb. »Wasserstoff ist dem +Sauerstoff, aber auch dem Chlor und dem Stickstoff entgegen; diese +Gegensätze können sowohl nach Beschaffenheit als Größe verschieden +sein.« + + (86) Allg. Met. S. 164. + +Nehmen wir also an, die einfache Qualität des realen _A_ lasse sich +ausdrücken durch die zufällige Ansicht α + β + γ und die einfache +Qualität des realen _B_ durch die zufällige Ansicht _m_ + _n_ − γ, wobei +die entgegengesetzten Zeichen des Merkmals γ den Gegensatz andeuten, der +in den einfachen Qualitäten _A_ und _B_ liegt, ohne von diesen getrennt +werden zu können, denn sie haben weder ungleichartige noch gleichartige +Theile, weil überhaupt keine Theile. Es sind aber α + β + γ und _m_ + +_n_ − γ zufällige Ansichten, als =bloße Begriffe=, die sich +zusammenfassen lassen, wobei die entgegengesetzten Merkmale sich +aufheben. Wir erhalten daher α + β + _m_ + _n_. Theile der zufälligen +Ansicht sind weggefallen, andere geblieben. Ist dadurch an den +Qualitäten _A_ und _B_ selbst Etwas geändert worden? Sind von diesen +Theile weggefallen, andere geblieben? Unmöglich! Die Qualitäten haben +gar keine Theile, sie müssen entweder gänzlich vernichtet werden, oder +=ganz= verbleiben, eine theilweise Zerstörung ist undenkbar. »Sollten +denn wohl ein paar Wesen sich so verhalten, daß sie sich gegenseitig +ganz aufhöben? Da wäre entweder Eins positiv und das Andere das Negative +dieser Position, folglich das letztere kein Wesen: oder beide wären +sogar nur gegenseitige Verneinungen, also keines ursprünglich positiv, +was von realen Wesen zu behaupten noch ungereimter sein würde(87).« Es +ist daher ganz und schlechterdings unmöglich, daß eine einfache Qualität +durch was immer für Beziehungen zu einer andern, die zufälligen +Ansichten beider mit eingeschlossen, irgendwie afficirt werde; jene +Zusammenfassung der zufälligen Ansichten ist nichts mehr und nichts +weniger als =eine leere Gedankenoperation=, die auf die realen +Qualitäten gar keinen Einfluß übt, für sie nichts bedeutet. Gleichwohl +gebietet uns die Erscheinung, indem sie uns Inhärenzen und Veränderungen +aufdringt (nach der Methode der Beziehungen) die einfachen Wesen +zusammenzufassen. Aber was soll eigentlich zusammengefaßt werden? Nur +die zufälligen Ansichten und daß diese zusammen sind, soll als Etwas den +Wesen selbst ganz Zufälliges betrachtet werden. Geschieht dies, nun »so +sollte sich ihr Entgegengesetztes aufheben. Aber es hebt sich nicht auf, +denn es ist auf keine Weise für sich; nur in unauflöslicher Verbindung +mit Demjenigen, was nicht im Gegensatze befangen ist, gehört es zu einem +wahren Ausdruck der Qualität dieser Wesen. Sie bestehen in der Lage, +worin sie sich befinden, wider einander, ihr Zustand ist =Widerstand=.« +Fragen wir, worin dieser bestehe, so heißt es, »er lasse sich mit dem +Widerstand im Druck vergleichen, wo Keines nachgibt, obgleich Jedes sich +bewegen sollte(88).« Fragen wir, ob hiebei wirklich eine Störung des +Zustandes der Wesen erfolge, so ist die Antwort: »Nein! sie sollte +erfolgen, aber Selbsterhaltung hebt sie dergestalt auf, daß sie gar +nicht eintritt.« Fragen wir endlich, ob hier eine Kraft, ein Vermögen im +gewöhnlichen Sinne des Worts thätig werde, so heißt es abermals: »Nein! +denn hier ist kein Angriff von einer Seite, kein Leidendes gegenüber +einem Thätigen; nichts was darauf ausginge, Veränderungen +hervorzubringen. Der innere Gegensatz in den Qualitäten je zweier Wesen +ist es, welchem beide zugleich widerstehen -- =dieser ist zwischen +beiden, nicht aber in einem von beiden=.« + + (87) Allg. Met. II. S. 169. + + (88) Man vergl. die Note über =Canz=, S. 69. + +Wenn hier für das wirkende Princip das Wort Selbsterhaltung gebraucht +wird, so muß man sich sehr hüten, dieselbe etwa als eine freiwillige +Thätigkeit anzusehen. Wäre sie eine Kraft, mittels deren Anwendung sich +ein Wesen gegen das andere auf geschehene Veranlassung selbst erhält, +die daher aus der Ruhe in Bewegung, aus dem Zustande der Unthätigkeit in +jenen der Thätigkeit überzugehen fähig wäre, so würde dies eine +immanente Veränderung in dem Wesen selbst und auf diese Weise den +unzulässigen Dualismus eines Thätigen und Leidenden im einfachen Realen +voraussetzen. Alle gemeinen, aus der Erfahrung geschöpften Begriffe von +Selbsterhaltung, in welchen sie Kraftaufwand voraussetzt, müssen +vermieden werden. Selbst die Dynamik, die dem Körper nur so lang +aufzusteigen erlaubt, als die momentane Wurfkraft noch nachwirkt, macht +hier keine Ausnahme. Denn »alle Triebe und Tendenzen, alle realen und +idealen Thätigkeiten, alle Einbildungen und Rückbildungen, durch welche +das Reale Formen annehmen soll, die es nicht hat, verrathen nur den am +Sinnlichen festklebenden Geist, der sich noch nicht im Metaphysischen +orientirt hat(89).« Dies um so mehr, da »Sein und Geschehen völlig +incommensurabel sind(90)« und nicht die mindeste Aehnlichkeit haben. Wie +sollte ein Geschehen, ein wie immer beschaffener Wechsel das Seiende +treffen können, da »für das Seiende in Hinsicht dessen, was es ist, +nicht das geringste verändert werden darf? Es wäre die vollkommenste +Probe einer Irrlehre, wenn dasjenige, was wir Geschehen nennen, sich +irgend eine Bedeutung im Gebiete des Seienden anmaßte(91).« Nicht anders +dürfen wir das wirkliche Geschehen denken, denn »als ein Bestehen wider +eine Negation. Da nun die Negation in dem Verhältniß der Qualitäten je +zweier Wesen liegt, so geschieht stets zweierlei zugleich: _A_ erhält +sich als _A_, und _B_ erhält sich als _B_. Jede von diesen +Selbsterhaltungen denken wir durch doppelte Negation, welche unstreitig +der Affirmation desjenigen, was jedes Wesen an sich ist, völlig gleich +gilt. Allein diese doppelte Negation ist dennoch unendlich vieler +Unterschiede fähig. Gesetzt mit _A_ = α + β + γ sei zusammen _C_ = _p_ + +_q_ − β, so wird auch jetzt _A_ sich selbst erhalten, aber nunmehr wird +nicht γ, sondern β die Art und Weise bestimmen, wie es sich verhält. Der +Gegensatz zwischen _A_ und _C_ ist ein anderer, als der zwischen _A_ und +_B_. Die zufälligen Ansichten sind nur die Ausdrücke, welche die Wesen +annehmen müssen, um vergleichbar zu werden; aber indem wir durch ihre +Hilfe zwei Wesen vergleichen, finden wir sogleich, daß in der +Vergleichung sich mancherlei Punkte darbieten, worin Störung und +Selbsterhaltung ihren Sitz haben können. Jedes Wesen ist an sich von +einfacher Qualität. Aber die vielfachen Qualitäten lassen sich vielfach +vergleichen, jede mit allen übrigen. Dabei braucht nun nicht jede +zufällige Ansicht aus den Gliedern α, β, γ zu bestehen, sondern der +Glieder können gar viele sein. Ferner braucht nicht jede Vergleichung +auf einerlei zufälliger Ansicht zu beruhen, sondern das Wesen erträgt +unendlich viele zufällige Ansichten, so wie seine Qualität unendlich +vieler Vergleichungen fähig ist(92).« + + (89) Allg. Met. II. S. 173. + + (90) Ebendas. S. 172. + + (91) Ebendas. S. 175. + + (92) Allg. Metaph. II. S. 175. + +Was folgt aus diesem allen? Dürfen wir nun, nachdem =Herbart= selbst +gesteht, daß »jede Selbsterhaltung oder jedes wirkliche Geschehen, +welches in einem Wesen vorgeht, wenn es sich gegen ein anderes erhält, +einen eigenthümlichen Charakter habe, welcher aber nur im Gebiete des +Geschehens gilt, daß aber diese Eigenthümlichkeit, mithin jede +Mannigfaltigkeit, die durch die Selbsterhaltung des _A_ gegen _B_, _C_, +_D_ u. s. w. entsteht, sammt dem Geschehen verschwinde, sobald man auf +das Seiende, wie es an sich ist, zurückgeht, weil es in allen diesen +Fällen _A_ ist, welches sich erhält und welches erhalten wird« -- dürfen +wir nun annehmen, daß das Geschehen etwas dem Sinne völlig Fremdes, ein +bloßes Product einer logischen Vergleichung zwischen den begrifflichen +Ausdrücken verschiedener Seienden sei, welche an denselben bald +gleichartige, bald entgegengesetzte Bestandtheile aufweist? Setzt die +Vergleichung der zufälligen Ansichten nach ihren Bestandtheilen, deren +Resultat die geforderte, aber unmögliche Störung, d. i. die +Selbsterhaltung sein soll, setzt diese ein Subject voraus, von welchem +sie vollzogen wird, oder existirt sie früher, ehe ein solches vorhanden +ist und im Denken den Act der Vergleichung durchführt? Oder ist der +Gegensatz zwischen den Bestandtheilen +γ und −γ, eben so, wie der unter +den Qualitäten, deren Ausdrücke sie sind, ein völlig objectives +Verhältniß, das weder erkannt noch von irgend einem denkfähigen Subject +gedacht zu werden bedarf, um zu existiren und die Selbsterhaltung als +Folge nach sich zu ziehen? Etwa wie die Spiegelung der Monaden in +einander, die auch nichts anders ausdrücken zu wollen scheint, als daß +sich die Monaden zu einander in Beziehungen befinden können, von denen +sie selbst nichts oder nur sehr dunkel und unvollständig wissen, und die +nur von der, außerhalb der Monadenwelt vorhandenen vollkommensten +Intelligenz vollständig überschaut werden? + +Ein so objectives Verhältniß könnte allerdings zwischen den zufälligen +Ansichten stattfinden, insofern man unter diesen zusammengesetzte, mit +theilweise gleichen, theilweise entgegengesetzten Merkmalen bestehende +begriffliche Ausdrücke der einfachen Qualitäten versteht. Ein solches +wäre aber dann eben nur ein Verhältniß zwischen Begriffen, was die +realen Wesen und somit auch ihr Geschehen gar nichts anginge. + +Das Unterscheidende zwischen solchen Verhältnissen, welche Begriffe als +solche überhaupt, und jenen, welche sie als zufällige Ansichten seiender +Wesen zu einander haben, findet das System darin, daß als Begriffe +betrachtet und zusammengefaßt ihre entgegengesetzten Bestandtheile sich +ohne Schaden tilgen dürfen; als zufällige Ansichten seiender Wesen aber +beharren müssen, weil die Wesen selbst, deren Ausdrücke sie sind, als +einfache Qualitäten beharren und sich weder tilgen noch schwächen +können. + +Inwiefern aber dieses Beharren der einfachen Qualität als Act der +Selbsterhaltung und als wirkliches Geschehen betrachtet werden könne, +gestehen wir aufrichtig nicht einzusehen. Es wäre zu begreifen, wenn das +Wort »Selbsterhaltung« in dem gewöhnlichen Sinne genommen werden dürfte, +welchen ihm der Sprachgebrauch beilegt, und in welchem es die +selbstthätige Anwendung einer eigenen Kraft voraussetzt. Haben aber die +Realen Kräfte oder sind sie selbst Kräfte? Das erstere bestimmt nicht, +denn sie sind nichts als =einfache= Qualitäten, denen jedes Ansichtragen +anderer Qualitäten widerspricht. Sind sie aber selbst Kräfte? Der +Umstand, daß sie sich im Gegensatz zu einander befinden sollen, welcher +Gegensatz seinen expliciten Ausdruck in den evolvirten Bestandtheilen +ihrer zufälligen Ansichten findet, scheint dies zu verrathen. Worin +dieser Gegensatz der Qualitäten bestehe, läßt sich nicht sagen, weil die +Qualitäten selbst unerkennbar sind. Er findet aber -- das System selbst +gesteht dies -- sein Analogon in dem Gegensatz-Verhältnisse, in welchem +sich einfache Ton- oder Farbenvorstellungen zu einander befinden. +Betrachtet man aber die letztern als Vorstellungen ihrem Inhalte nach an +und für sich, so findet sich kein Grund, warum sie einander +entgegengesetzt heißen sollen. Um entgegengesetzt zu sein ihrem Inhalte +nach, müßten sie erst ähnlich sein, d. i. sie müßten einen oder etliche +gemeinschaftliche Bestandtheile haben. Sie haben aber gar keine +Bestandtheile, denn sie sollen ja einfach sein. Sie sind also vielmehr, +z. B. roth und blau, völlig disparat. Dennoch behauptet =Herbart=: Das +Roth sei dem Blau mehr entgegengesetzt, als z. B. dem Violett. Da dies +nicht so viel heißen kann, als: der Begriff Violett sei aus den +Begriffen Roth und Blau zusammengesetzt, und deshalb dem Begriffe Roth +verwandter als dem Begriffe Blau, welches letztere vielmehr nur von den +=Gegenständen= dieser Begriffe, den =Farben= Roth, Blau und Violett +gilt, so hat dies nur insofern einen Sinn, daß, psychologisch +betrachtet, eine dieser Farbenvorstellungen die andere leichter, eine +andere schwerer zu verwischen im Stande ist. In dieser Bedeutung gesteht +er aber selbst ein, die Farben-Tonvorstellungen u. s. w. als ein System +sich aufhebender entgegengesetzter Kräfte zu betrachten. Soll diese +Analogie für die Qualitäten der Seienden Anwendung erhalten, so scheint +nichts natürlicher, als diese ebenfalls als Kräfte, und zwar als absolut +gesetzte selbständige für sich bestehende Kräfte anzusehen, was dann von +der Vorstellung, die man sich von der einfachen Substanz macht, nicht so +weit verschieden wäre, als das System anzunehmen geneigt ist. Als Kräfte +betrachtet, würden diese Qualitäten wechselseitig gegen einander agiren, +reagiren oder sich mindestens auf gute Weise »selbsterhalten« können. +Ihre Selbsterhaltungen wären Wirkungen ihrer selbst, und da, je nachdem +ihre Existenz durch ein Anderes mehr oder weniger in Gefahr käme, auch +ein größerer oder geringerer Kraftaufwand von ihrer Seite erfordert +würde, so wäre es keineswegs unmöglich, daß sich Selbsterhaltungen +verschiedenen Grades, also verschiedene Zustände im Innern der Realen +vorfänden. Der Weg daher sowohl zu einem =wirklichen=, wie es diese +Kraftäußerungen, als auch =mannigfaltigen= Geschehen, wie es die +Verschiedenheit dieser Kraftäußerungen begründeten, wäre damit gebahnt. + +Es ist uns aber an keinem Orte in =Herbart='s sämmtlichen Schriften eine +Stelle vorgekommen, worin er sich offen und ausdrücklich für die Ansicht +erklärte, die Qualitäten der einfachen Seienden seien Kräfte und diese +folglich selbstgesetzte seiende Kräfte und die Selbsterhaltungen deren +Actionen; wohl aber solche, die für das Gegentheil sprechen. Die oben +(S. 101) angezogene Stelle beweist deutlich genug, daß man hiebei an +Kräfte, Tendenzen, Triebe gar nicht denken dürfe. Es ist nur eine +vielleicht mit Absicht beibehaltene Amphibolie des Ausdrucks, die uns +bei dem Worte Selbsterhaltung verleitet, den geläufigen Sinn des Wortes +unterzuschieben, wo im Grunde etwas ganz Anderes gemeint wird. Der +gemeine Sprachgebrauch, der einen Unterschied zwischen Selbsterhaltung +und Widerstand macht, jene dem Beseelten, diesen der unbeseelten +Materie, welcher keine Kraft innewohnen soll, (wenn dies überhaupt +möglich wäre und man nicht dann auch auf alle Verschiedenartigkeit der +Materie z. B. des Silbers vom Golde, Verzicht leisten müßte) -- +zuschreibt, würde den Zustand, der hier Selbsterhaltung heißt, und mehr +ein passiver als activer ist, lieber Widerstand geheißen haben. Für +=Herbart= jedoch bedeuten beide Worte gleichviel: »Der Zustand der +Selbsterhaltung ist Widerstand(93),« oder wie es =Strümpell= ausdrückt: +»wo Wesen zusammentreffen, =kann= jene erwartete Störung nicht +eintreten, sondern jedes verharrt im Drucke als das, was es ist; +selbsterhält sich im Widerstande, und diese seine Selbsterhaltung als +ein vorher nicht dagewesener, jetzt aber durch den gegenseitigen +Gegensatz veranlaßter Zustand ist das wirkliche Geschehen(94).« Es ist +damit, wie mit dem Zusammenstoße zweier Kugeln, jede bleibt eine Kugel, +vorausgesetzt, daß keine zerspringt, jede hat sich also selbsterhalten. +Man pflegt aber gemeiniglich zu sagen, sie sei erhalten worden. + + (93) Allg. Met. II. S. 170. + + (94) Erläut. zu =Herb.= Phil. S. 104. + +Die zuletzt angezogenen Stellen klären uns noch über einige wichtige +Punkte auf. Fürs Erste ist es außer Zweifel, daß die Selbsterhaltungen, +obgleich aus bloßen Begriffsverhältnissen entspringend, nicht nur +metaphysische Geltung haben, sondern sogar das Einzige sein sollen, was +dem wechselvollen Geschehen der Erscheinungswelt auf dem Gebiete des +reinen Seins Analoges geboten wird. Ausdrücklich beruft sich das System +auf dieselben als Wirkliches im Seienden bei der Construction der +Naturphilosophie und der starren Materie und noch nachdrücklicher in der +Psychologie. Hier wird geradezu angenommen, die Selbsterhaltungen, +zugleich seiend als Wirkliches in demselben (einfachen) Realen, +verhalten sich gegeneinander als Kräfte, hemmen und fördern einander, +sind einander auf dieselbe Weise entgegengesetzt, wie vorher die +Qualitäten der einzelnen Seienden selbst. Wie reimt sich nun diese +gleichzeitige oder auch die successive Vielheit des wirklichen +Geschehens im Realen mit der Einfachheit der Qualität desselben? Sind +diese vielfachen Selbsterhaltungen jede Aeußerung einer besondern Kraft, +sind sie alle Aeußerungen einer Kraft, oder sind sie -- nach dem oben +Angeführten das wahrscheinlichste -- Aeußerungen gar keiner Kraft? Ist +jede eine Kraft für sich, wie sie denn allerdings in dem Systeme des +Wirkens und Gegenwirkens der Selbsterhaltungen unter einander als solche +angesehen werden soll, wie kommt dies einfache, jeder Mehrheit von +Qualitäten unfähige Seiende dazu, Träger einer Vielheit von Kräften zu +werden? Sind sie überhaupt Kräfte oder Aeußerungen einer solchen, so muß +es Zeitmomente gegeben haben, wo diese Kräfte nicht in dieser Aeußerung +vorhanden waren, wie jetzt; es fand daher in dem Zustande des Realen +eine innere Veränderung statt, ungeachtet eine solche mit seiner +Einfachheit für incompatibel erklärt wurde. Als Aeußerungen derselben +Kraft ließen sie sich ferner wohl unter einander addiren, nicht aber +durch Gegensatz hemmen oder gar vernichten. Sind aber endlich die +Selbsterhaltungen Aeußerungen gar keiner Kraft, sollen sie wohl gar +nichts als die unerfüllbaren Forderungen der unter den zufälligen +Ansichten der Wesen stattfindenden rein logischen Verhältnisse sein: +treten sie da überhaupt aus dem Bereich bloßer Begriffe heraus? sind sie +wirklich ein solches Etwas, das den Zweck zu erfüllen vermag, die +natürliche Voraussetzung für das wahrgenommene erscheinende Geschehen +abzugeben? + +=Strümpell='s Zugeständniß in der citirten Stelle macht diese und +ähnliche Fragen nicht unwichtig. Sind die Selbsterhaltungen »vorher +nicht dagewesene, jetzt veranlaßte Zustände« im Realen, die also +offenbar Zeitbestimmungen unterliegen und unter einander verschieden +sind, so haben wir im einfachen Realen zugleich eine Mehrheit +verschiedener =Zustände= und eine zeitliche Veränderung, also zwei +verbotene Dinge auf einmal. Treffen diese die einfache Qualität oder +nicht? Wenn ja, wie vertragen sie sich mit ihr? wenn nicht, was sind sie +denn eigentlich selbst? + +Diese Frage drängt sich noch lebhafter auf, wenn wir das nach +=Herbart='s eigener Aussage(95) einzige uns zugängliche, aber »völlig +genügende« Beispiel wirklicher Selbsterhaltungen, die Vorstellungen +desjenigen Realen, das unsre eigene Seele ausmacht, näher in's Auge +fassen. Zwar kennen wir die einfache Qualität unsrer Seele so wenig als +die jedes andern Realen, aber wir nehmen doch ihre Aeußerungen am +unmittelbarsten wahr(96). Die Seele ist die erste Substanz, die wir +antreffen als reales Subject, auf dessen Zusammensein mit Andern der +auch bei ihm stattfindende Schein der Inhärenz hinweist. Ihr eben so +wenig wie jedem andern Realen ist es wesentlich, Substanz zu sein; sie +wird es nur im Zusammensein mit mehreren andern Realen, wobei die +Einheit der Complexion erhalten werden soll. Daraus folgt schon, daß sie +so gut wie jedes einfache Reale schlechthin einfache Qualität besitzt, +durchaus ohne Vielheit von Kräften, Anlagen, Vermögen, Trieben und +Tendenzen, ohne irgend welche Receptivität und Spontaneität, ohne +ursprüngliche angeborne Vorstellungen und Gefühle, entblößt von +Thätigkeiten und Willensacten, ohne irgend ein Wissen von sich noch von +Etwas außer sich, absolut leer und einfach ist. Zu ihrer Substantialität +jedoch gehört als nothwendiges Correlat die Causalität und wo sie in ein +vielfältiges und wechselndes Zusammen mit realen Wesen tritt, da »kann +verschiedenartiges und wechselndes Geschehen« nicht ausbleiben. Alles +wirkliche Geschehen ist Selbsterhaltung, also auch dasjenige, was =in= +der Seele geschehen kann. Die Seele stellt vor, bedeutet daher im Grunde +nichts weiter, als: sie erhält sich in ihrer eigenen Qualität gegen ein +anderes Reale; Vorstellungen selbst sind, metaphysisch betrachtet, +nichts als Selbsterhaltungen; je reicher der Vorstellungskreis eines +Subjectes, desto reicher und mannigfaltiger seine Selbsterhaltungen. Die +letztern empfängt sie weder als Leidendes von einem äußern Thätigen, wie +die _tabula rasa_ =Locke='s, noch erzeugt sie dieselben ohne äußere +Veranlassung durch und aus sich selbst, wie die Monade, sondern ihre +innern Zustände als reiner Ausdruck der Art, in welcher ein Reales einer +Störung widersteht, =welche erfolgen würde, wenn sie könnte=, treten als +einfache Acte bei der Voraussetzung des Zusammen mit andern Realen in +solcher Weise ein, wie es durch die Qualitäten der Realen selbst und +deren Verhältnisse unter einander mit Nothwendigkeit geboten wird. Diese +innern Zustände müssen als Selbsterhaltungen nach der verschiedenen Art +der Objecte, gegen welche sich dieselbe richtet, selbst verschieden +sein. »Eben weil die Seele von sich selbst nicht abweicht, aus ihrem +eigenen Was nicht vertrieben wird, muß ein solches und anderes Geschehen +in ihr eintreten, wenn sie veranlaßt wird, sich gegen solche und andere +Reale aufrecht zu erhalten.« Allein nun kommen wir auf das Wesentliche. +Was wird die Folge sein, wenn mehrere, wie wir voraussetzen, wohl gar, +wie es die Natur der Realen erlaubt, entgegengesetzte Selbsterhaltungen +in demselben Realen zusammenkommen(97)? Kann zwischen solchen Störung +stattfinden oder nicht? Störung ist nur unmöglich zwischen einfachen +Realen, die Selbsterhaltungen aber sind Zustände des Realen, nicht Reale +selbst, und diese Zustände in demselben Realen beisammen bringen Störung +hervor. Denn das Entgegengesetzte ist ineinander, der Gegensatz +gegenseitig, und da kann gegenseitige Störung nicht ausbleiben. Was +zwischen seienden einfachen Wesen trotz der unabweislichen Forderung des +Gegensatzes um seiner absoluten Unmöglichkeit willen nicht geschehen +konnte, das muß unter den Selbsterhaltungen der Forderung gemäß +eintreten, weil die Möglichkeit vorhanden ist, daß es erfolge. Das +letztere kann es entweder dem Quantum oder dem Quale der Selbsterhaltung +nach; die verschiedenen Selbsterhaltungen können sich unter einander +durch ihr Was oder durch ihre Größe stören. Im ersteren Falle würde ein +Mittleres entstehen, nachdem sich die entgegengesetzten Bestandtheile +aufgehoben haben. Allein das Seiende hat keine Theile, sie können sich +daher eben so wenig als oben die entgegengesetzten Bestandtheile der +zufälligen Ansichten von diesen trennen. Die Störung kann daher nicht +das Was, sondern einzig die Wirklichkeit des Geschehens treffen. +Desungeachtet kann sie keine Vernichtung des letztern sein, denn wo ein +Positives durch ein im Verhältniß zu ihm Negatives vernichtet werden +soll, so daß nichts herauskommt als eben nur Vernichtung, da muß das +Negative weiter nichts sein als eben nur die Negation des erstern, das +aber kann bei Zuständen der Realen, die »als Selbsterhaltungen jede für +sich positiv sind, nie stattfinden.« Die Wirklichkeit des Geschehens +wird durch die gegenseitige »Störung« nur vermindert, ein Theil des +Geschehens, das gefordert wird, »gehemmt,« es geschieht weniger als +geschehen sollte. Weil es aber eben so unmöglich wäre, daß von den +einfachen theillosen Acten der Seele, den Selbsterhaltungen, Theile +unterdrückt, andere unverletzt erhalten würden, als es unmöglich war, +von den einfachen Qualitäten der Seienden Theile als aufgehoben, andere +als übrigbleibend zu denken, so muß »das wirkliche Geschehen in einem +andern Sinne unversehrt bleiben, und der Begriff des Strebens, welcher +das Auf- und das Widerstreben in sich schließt, ist die nothwendige +Ergänzung des Begriffes der Hemmung(98).« Dieses »Streben« ist gleichsam +die Selbsterhaltung der Selbsterhaltungen. Diese sind =wirkliche= innere +Zustände; es läßt sich ein Geschehen sowohl als ein Geschehenes in ihnen +unterscheiden, das dem Was der Realen entspricht; und die Ursache, daß +die bei den realen Wesen unmögliche Störung bei den entgegengesetzten +Zuständen derselben wirklich vollzogen wird, liegt einzig darin, weil +diesen die absolute Position mangelt. Für die gestörten und doch nicht +vernichteten Selbsterhaltungen wird der Ausdruck des Aufgehobenseins in +ähnlichem Doppelsinn gebraucht, wie bei =Hegel='s dialektisch sich +fortbewegendem Begriff, indem es außer dem Zerstört- auch noch ein +Aufbewahrtwerden bedeutet. + + (95) Allg. Met. II. S. 176. + + (96) Vgl. =Herbart=: Lehrb. z. Psych. 2. Aufl. S. 200 ff. Encykl. + S. 228. =Hartenst.= Met. S. 454 ff. =Drobisch=: Empir. Psych. + S. 340 ff. + + (97) =Hartenst.= Met. S. 263 ff. + + (98) =Hartenst.= Met. S. 264. + +Kann uns das Angeführte überzeugen, daß das System die in uns +befindlichen Vorstellungen in der That für »wirkliche Zustände in einem +einfachen Realen« erklärt, so erheben sich neue Fragen. Wie können sich +denn »einfache« theillose Acte wie die Selbsterhaltungen, zum Theil +aufheben, zum Theil fortbestehen, ein Mehr oder Minder der Wirklichkeit +zulassen, wenn sie nicht Kräfte, mechanische Kräfte sind? Sind sie dies +aber, woran befinden sich diese Kräfte? An einer Einheit, die noch dazu +eine Einfachheit ist? Und =wie= befinden sie sich an ihr? Als zeitweilig +unthätige, zeitweilig thätige Vermögen, die einen Grund voraussetzen, um +aus dem einen in den andern Zustand überzugehen? Wo liegt dieser Grund? +Ist er ein äußerer, innerer, oder gar keiner? Ist der Uebergang aus dem +Zustand der Ruhe in jenen der Thätigkeit, ist eine Veränderung in der +einfachen Einheit möglich? Fragen, die das System längst verboten hat, +die sich aber nicht abweisen lassen, sobald es einmal die in uns selbst +befindlichen, durch die innere Erfahrung gegebenen Vorstellungen und +Seelenzustände als praktische Beispiele seiner theoretischen Lehre will +angesehen wissen. Die innere Erfahrung bietet uns aber nicht nur eine +Mehrheit, sondern auch eine Mannigfaltigkeit innerer Zustände dar, eine +Mannigfaltigkeit, die so groß ist, daß auch nicht zwei Vorstellungen, +Gefühle, Begehren u. s. w. sich vollkommen gleichen, nicht mindestens im +Grade oder in der Lebhaftigkeit verschieden sind. Dennoch heißt es(99), +alle Selbsterhaltungen seien unter einander identisch, weil »es in allen +Fällen _A_ ist, welches sich erhält, und _A_, welches erhalten wird,« +und der Widerspruch unsrer täglichen inneren Erfahrung wird mit der +Berufung auf unsre menschliche Beschränktheit abgewiesen: denn »gesetzt +ein Beobachter stände auf einem solchen Standpunkt, daß er die einfachen +Qualitäten nicht erkennt, wohl aber in die verschiedenen Relationen des +_A_ gegen _B_, _C_, _D_ selbst mit verwickelt wird, so bleibt ihm nur +das Eigenthümliche der einzelnen Selbsterhaltungen, nicht die beständige +=Gleichheit ihres Ursprungs und ihres Resultats bemerkbar=.« Aber ist +damit, daß sämmtliche Vorstellungen in uns »gleichen Ursprung« haben, +d. h. in demselben Realen vorgehen, auch schon bewiesen, daß sie unter +einander sämmtlich gleich sind? Und wenn nicht, haben wir dann nicht von +neuem eine widersprechende Vielheit wirklicher, unterschiedener, +entstehender und vergehender Zustände in dem einfachen, mit sich +identischen, veränderungslosen Seienden? Wir getrauen uns diese Frage so +wenig zu beantworten, als eine andere, was denn das für eine +Wirklichkeit sei, die den Selbsterhaltungen im »wirklichen« Geschehen +zugeschrieben wird? Wirklichkeit schließt ein Sein in sich, das einzige +Sein jedoch, welches vom Systeme zugestanden wird, kommt ausschließlich +dem Realen zu und ist »mit dem Geschehen völlig incommensurabel.« Das +»wirkliche« Geschehen »ist wirklich« aber nicht in demselben Sinne mit +den einfachen Realen. In welchem also? Im accidentiellen? Aber von einer +accidentiellen Wirksamkeit darf ja bei =Herbart= gar nicht die Rede +sein, weil jedes »Sein« die Relation ausschließt(100). Eine Erklärung +dieser Wirklichkeit des Geschehens haben wir nicht angetroffen. + + (99) Allg. Met. II. S. 176. + + (100) Allg. Met. II. S. 108 ff. u. a. O. + +Indeß dies alles könnten wir bei Seite setzen, wenn nur überhaupt die +Nothwendigkeit der Selbsterhaltung aus irgend einem realen und nicht +blos logischen Bedürfnisse klar würde, damit nicht, wenn sie in der That +aus nichts anderem als Begriffsverhältnissen entspringen, und nur für +solche Bedeutung haben, das Wirkliche (die innern Seelenzustände) im +Nicht-Wirklichen (den Selbsterhaltungen) begründet scheine. Die +Vorstellungen sind nicht durch Spontaneität der einfachen Qualität der +Seele erzeugt, denn jede neue Vorstellung würde dann eine Aenderung +derselben voraussetzen; sie sind nichts als Acte der Selbsterhaltung der +Seele gegen andere Reale, mit welchen dieselbe zusammen ist, und die +Störungen, die sie durch die letztern kraft der in ihren Qualitäten +liegenden Gegensätze erleiden sollte. Allein =Störungen der Realen durch +Reale können= ja -- so fordert es die einfache Qualität der Realen an +und für sich -- =ein für allemal gar nicht eintreten, sie sind absolut +unmöglich=! Wozu hat es daher die Seele oder jedes Reale überhaupt +nöthig, sich gegen Etwas selbst zu erhalten, was =an und für sich gar +nicht eintreten kann=? Gegen Etwas, was nicht etwa nur deshalb nicht vor +sich gehen kann, weil die Seele kraft ihrer Selbsterhaltung es verwehrt +und Widerstand entgegengesetzt, sondern was absolut und schlechterdings +nicht statthaben kann, die Seele mag sich dagegen selbsterhalten oder +nicht, weil es dem Begriff eines einfachen Wesens widerspricht? Wäre es +nicht eben so, als setzte sich ein Blinder in Vertheidigungsstand gegen +einen Feind, der gar nicht vorhanden ist? oder als zöge ein Sehender +gegen eine leblose Statue zu Felde, die er für ein lebendes Wesen +ansieht? So wenig er von der Statue, eben so wenig hat ja auch ein +Reales von andern zu fürchten, wenn es ganz und gar unmöglich ist, daß +eines durch das andere eine Störung oder Veränderung erfahre. Wo keine +Möglichkeit des Angriffs, da ist auch keine Veranlassung des +Widerstandes. Nicht einmal ein mechanischer Druck ist dort begreiflich, +wo beiden Wesen die Fähigkeit mangelt, sowohl von andern einen Druck zu +empfangen, als auf dasselbe einen solchen auszuüben. Woher soll nun der +»wirkliche« Zustand der Selbsterhaltung kommen? + +In der That ist das der vornehmste Zweifel, den uns der Begriff der +Selbsterhaltung, wie er von =Herbart= dargestellt wird, einzuflößen +vermag. Wo in der Natur der Wesen kein realer Grund zu demselben +vorhanden ist, wie läßt sich da ein wirkliches Geschehen erklären? +Während einerseits die Gründe überzeugend sind, die dafür sprechen, daß +wo ein scheinbares Geschehen wahrgenommen worden, diesem auch im Gebiete +des wahrhaft Wirklichen ein solches entsprechen müsse, so ist es +anderseits sehr zweifelhaft, ob die »Selbsterhaltungen« von der Art +sind, als Surrogat dieses »wirklichen Geschehens« zu dienen. Da sie auf +keine Weise, wie wir gesehen, in den realen Wesen selbst ihre +veranlassende Ursache finden können, so scheint es offenbar, daß sie als +der realen Erfüllung unfähige, logische Forderungen, die in dem +Gegensatze der zufälligen Ansichten und folglich ausschließlich in den +Begriffen der einzelnen Seienden selbst liegen, aus dem Reiche der +Begriffe gar nicht heraustreten, und so wenig reale Gegenständlichkeit +haben, als etwa die √−1 oder andere imaginäre Ausdrücke. Wenn es daher +in den Hauptpunkten der Metaphysik heißt(101): »Durch das, was von der +Negation nicht getroffen wird in jedem der Wesen, bleibt das Wesen +selbst; also auch dasjenige, was die zufällige Ansicht von ihr getroffen +darstellen würde. Dies mag man den Act der Selbsterhaltung jedes Wesens +nennen. Eine reinere That als diese kann es überall nicht geben. Ihre +Voraussetzung ist die Störung, welche in Rücksicht des Was der Wesen die +Möglichkeit zufälliger Ansichten von der beschriebenen Art; in Rücksicht +des Seins aber noch das Zusammen selbst erfordert,« so liegt in dem +Worte: Störung, eine nicht zu übersehende Zweideutigkeit. Dies pflegt +gewöhnlich eine physische Veränderung zu bezeichnen, soll aber nichts +anderes bedeuten, als daß sich in den zufälligen Ansichten gewisser +Wesen, also in bloßen Begriffen gewisse Bestandtheile wie Ja und Nein zu +einander verhalten, die sich in der Zusammenfassung aufheben und ein +Mittleres zurücklassen würden, welches wieder ein Begriff ist. Dieser +aber würde ein ungiltiger sein, während die vorangehenden, aus deren +Verschmelzung er entstanden ist, giltige waren, denen wirkliche Seiende +entsprachen, während diesem keines entspricht. Um daher giltige Begriffe +zu erhalten, darf in den beiden ursprünglichen zufälligen Ansichten +nichts weggelassen, noch aufgehoben werden, sie müssen dieselben +Bestandtheile behalten, wenn sie noch denselben Gegenstand bezeichnen +sollen und dies ist der Act der Selbsterhaltung der Realen, deren +zufällige Ansichten sie sind!? Giltigkeit und Ungiltigkeit oder was eben +so viel heißt, Gegenständlichkeit und Nichtgegenständlichkeit eines +Begriffs sind Beschaffenheiten desselben von logischer Natur, +Beschaffenheiten des Begriffs, keineswegs aber der Realen. Wie soll nun +dies blos logische Verhältniß der Begriffe das einzige unter den Realen +statthabende »wirkliche Geschehen« vertreten? + + (101) Kleine Schriften, her. v. =Hartenst.= I. S. 225. + +Wir sollten meinen, daß diese Schwierigkeiten, die wir uns zu heben +nicht getrauen, offen genug darlägen. Daß sie =Herbart= nicht dahin zu +bringen vermochten, seiner metaphysischen Ueberzeugung um ihretwillen, +wie sie auch immer beschaffen sein mochten, untreu zu werden, mag als +Beweis der ungemeinen Festigkeit dienen, mit welcher er an der +Behauptung streng einfacher Qualität des Seienden, der Abwesenheit aller +Kräfte, Triebe und Vermögen und aller wie immer gearteten selbstthätigen +Wirksamkeit der Realen nach innen und außen festhielt. Er begnügte sich +der Erfahrung gegenüber mit Hartnäckigkeit darauf zu bestehen, daß man +von allen sinnlichen Vorstellungen und Einbildungen abstrahiren und sich +an den inhalt- und bildlosen Begriff des »wirklichen, mit dem Sein +incommensurabeln Geschehens« zu halten habe. Dieses ward dadurch +freilich ein solches, das von einem Geschehen wenig mehr als den Namen +hat. Es ist weder ein Qualitätswechsel, ein Verändern, noch verdient es +mit Recht den Namen eines Wirklichen, denn es hat weder substantielles +noch accidentielles Sein, es ist, offen gestanden, nichts weiter als +eine Art Nothbrücke, um die starren, einander unzugänglichen, im Innern +wechsellosen Seienden mit den nicht wegzuläugnenden psychologischen +Thatsachen inneren Wechsels und innerer Vielheit möglichst, wenigstens +im Gedanken, in Harmonie zu bringen. Denn die Realen sind an sich, aber +nicht für einander, und es ist absolut undenkbar, daß eines auf das +andere im gewöhnlichen Sinne: mittels übergreifender Kräfte wirke. +Zugleich müssen sie aber auch für einander sein, denn das Eine soll das +Andere vorstellen; Eines soll durch sein »Zusammen« mit Andern Ursache +werden, daß in ihm selbst Vorstellungen von diesem Andern aufkommen und +die Möglichkeit einer innerlichen Entwicklung und Fortbildung der Realen +angebahnt werde. In dieses Füreinander treten sie aber nicht durch +eigene reale Thätigkeit, denn eine solche haben sie nicht; sondern blos +durch ein ihnen äußerliches zusammenfassendes Denken, nicht des einer +bestimmten Geisterclasse, sondern einer externen Intelligenz überhaupt. + +Als dergleichen Formen erklärt das System zwar unmittelbar nur die +räumlichen und zeitlichen, die, da sie gegeben und nicht von unserer +Willkür abhängig, den Realen als solchen aber desungeachtet nur +angedichtet sind, den Namen des objectiven Scheins führen; als nichts +weiter stellen sich aber unserer Meinung nach auch die Selbsterhaltungen, +somit auch das ganze »wirkliche Geschehen« dar. Das räumliche +Zusammen(102) d. i. das Ineinandersein, in demselben Raumpunkte +Befindlichsein mehrerer einfachen Realen ist die Bedingung +des Causalverhältnisses, und ohne dasselbe kann gar kein wirkliches +Geschehen in den Realen statthaben. Man könnte fragen, wie dies möglich +sei, daß sich zwei oder mehrere einfache Wesen in demselben einfachen +Raumpunkte befinden, da ja doch letzterer eben nichts ist, als der Ort +eines, und zwar eines einzigen einfachen Wesens. Allein eben weil die +räumliche Bestimmung des Realen eine nur durch das zusammenfassende +Denken hinzukommende ist, so will =Herbart=, daß die Realen an sich +gegen dieselbe ganz indifferent sein sollen. Sie sind nicht im Raume, +sondern sie werden im Raume gedacht; müssen im Raume gedacht werden, +sobald sie überhaupt als mehrere gedacht werden, und das nicht allein, +wie =Kant= gemeint, von der menschlichen, sondern von jeder Intelligenz +überhaupt. Ihnen als Wesen thut es daher nicht den geringsten Eintrag, +ob wir mehrere von ihnen in demselben oder in verschiedenen Raumpunkten +=denken=, denn wir denken sie ja eben blos so. Daß dieser Grund aufhört, +sobald Raum und Zeit nicht als Denkformen, sondern als Bestimmungen an +den Dingen selbst gedacht werden, ist klar. Unter jener Voraussetzung +jedoch gilt es noch in voller Strenge, daß ohne vollkommenes +Ineinandersein, das eine gänzliche Durchdringung voraussetzt, gar kein +Causalverhältniß stattfinden könne. »Denn wenn zwei reale Wesen in einer +Distanz ohne Vermittlung sich befinden, so mag dieselbe rational oder +irrational sein; es fehlt die Bedingung der Causalität, des Zusammen, +und es geschieht nichts. Sind sie aber vollkommen zusammen, so wissen +wir schon, daß sie demgemäß sich in vollkommener Störung und +Selbsterhaltung befinden(103).« + + (102) Allg. Met. II. S. 269 u. a. a. O. + + (103) Allg. Metaph. II. S. 271. + +Mit dem Begriff Zusammen, dessen Erörterung selbst schon in einen andern +Theil der Metaphysik, in die Synechologie, gehört, stehen wir an der +Grenze der =Herbart='schen Ontologie. Die Voraussetzung eines wirklichen +Geschehens als Grundlage des Scheinbaren führt bis zu dieser Annahme, +kraft welcher es den Wesen an und für sich völlig gleichgiltig ist, ob +sie im Zusammen oder Nichtzusammen gedacht werden, folglich da von +demselben auch ihre Selbsterhaltung abhängt, ob sie sich im Zustand der +Selbsterhaltung befinden, oder nicht. Das scheinbare Geschehen nöthigt +zur Voraussetzung des wirklichen, dieses bei der atomistischen +Theilnahmlosigkeit der Realen zur Voraussetzung des Zusammen oder +Nichtzusammen, der Wechsel des Geschehens zur Annahme des Wechsels des +Zusammen und Nichtzusammen. Auf diesem Zusammen und Nichtzusammen als +Form des zusammenfassenden Denkens beruht daher das sämmtliche wirkliche +Geschehen, das zweite dem Sein nicht sub- sondern coordinirte Element +der ontologischen Welt. Was sind nun diese Formen? Vermögen sie ein +»wirkliches Geschehen« zu begründen, welche Art der Existenz kommt ihnen +selbst zu? Besitzen sie, um ein »wirkliches« Geschehen zu erzeugen, +selbst eine Art von Wirklichkeit? sind sie Etwas an dem denkenden +Subjecte? sind sie Etwas an dem zusammengefaßten Objecte? oder existiren +sie außerhalb dieser aller, aber nicht als Wirkliche, sondern als Formen +an sich, als Bedingungen, die überhaupt erfüllt werden müssen, wenn +etwas geschehen, sich verändern und doch dasselbe Ding bleiben oder +Wirkungen erzeugen und erfahren soll, deren Grund nicht in ihm selbst +liegt? + +Selbst =Drobisch=, der sonst so getreue Anhänger =Herbart='s, erhebt +gegen das wirkliche Geschehen den Einwand, daß Wirkliches aus bloßem +Schein abgeleitet werde. Bei =Herbart=, sagt er(104), entstehen +Beziehungen aus Beziehungen; die wirklichen d. i. die Selbsterhaltungen +unter Voraussetzung des Gegensatzes der Qualitäten aus den formalen des +Ueberganges der Wesen aus dem Nichtzusammen in das Zusammen vermöge der +ursprünglichen Bewegung. Aber diese Formen des zusammenfassenden Denkens +sind nicht wirklich, sondern haben nur die Geltung des objectiven +Scheins. Das wirkliche Geschehen wird daher, insofern es nicht schon von +einem ursprünglichen Zusammen herrührt, was wenigstens nicht bei allem +der Fall ist (denn nach =Herbart=(105) befinden sich nur wenige Wesen im +ursprünglichen Zusammen, andere nicht), =mitbedingt= von diesen +Zusammenfassungsformen, also vom objectiven Scheine. Das Wirkliche ist +daher mindestens theilweise abhängig vom Schein, das Reelle vom +Nicht-Reellen, während umgekehrt dieses von jenem abhängig sein sollte. +Wirkliches, meint er, kann nur von Wirklichem ausgehen, und nimmt daher +Gelegenheit, die Formen des zusammenfassenden Denkens als Gründe des +wirklichen Geschehens, selbst für wirklich zu erklären, -- eine Wendung, +die wir im nächsten Abschnitt näher untersuchen wollen. Sie ist zum +wenigsten nicht =herbartisch=, wie =Drobisch= selbst gesteht, da dieser +vielmehr alle Wirklichkeit ausschließlich in das wirkliche Geschehen +verlegt und nur »aus Concession für den gemeinen Sprachgebrauch von +wirklicher Zeit, wirklichem Raume, und wirklicher Bewegung spricht.« Für +ihn sind Raum und Zeit bloße Denkformen, mit deren Hilfe sich wohl eine +Vorstellung bilden läßt, wie die Dinge gedacht werden können und sollen, +die aber zu dem wirklichen Hergang unter den Realen selbst nichts +beitragen. »In jedem Betracht, heißt es vom Raume(106), ist dieser eine +Form der Zusammenfassung, welche, wenn keine weitere Bestimmung +hinzukommt, den Dingen gar kein Prädicat, für jeden Zuschauer aber eine +Hilfe darbietet, die ihm in vielen Fällen ganz unentbehrlich wird, und +die er sich selbst erzeugt, gemäß der gegebenen Veranlassung.« Eben so +zufällig ist den Realen dasjenige Zusammen, welches ihre Selbsterhaltung +veranlaßt. »Schon die Inhärenz führte dahin, ein Zusammen mehrerer +Realen anzunehmen. Gewiß aber wird jedes derselben durch eine absolute +Position gedacht, daher kann unmöglich das Zusammen der Wesen eine +Bedingung ihres Daseins ausmachen, sondern es ist ihnen gänzlich +zufällig. Sie könnten auch recht füglich nicht zusammen sein. Und =da +das Zusammen nichts bedeutet, als daß ein Jedes sich selbst erhält gegen +das Andere=:« so, könnten wir jetzt fortfahren, ist auch das Geschehen +den Realen vollkommen zufällig, ihnen eben so von unserm Denken +angedichtet, wie die Räumlichkeit und Zeitlichkeit, von der sie an und +für sich nichts wissen. Allein »dies heißt nur so viel, als es kann auch +recht füglich stattfinden, daß sie sich gegen einander nicht im +Widerstand befinden. Dabei darf nicht vergessen werden, daß in der Reihe +unsers Denkens der Begriff des Zusammen die Bedingung der Annahme der +Selbsterhaltung ist, dergestalt, daß sobald wir das Zusammen der Wesen +einmal voraussetzen, dann auch in der Reihe unsers Denkens die +Selbsterhaltung eines jeden als nothwendige Folge auftritt; an sich aber +hat das bloße Zusammen gar keine Bedeutung(107).« Das Zusammen ist der +Grund des Selbsterhaltens und zugleich nicht wesentlich von diesem +selbst verschieden. Jenes ist eine bloße Form des Denkens, ein +Hinzugedachtes, Begriffliches; dieses ist gleichfalls nichts Wirkliches, +Reales, nichts was man eine That, eine Veränderung, ein Geschehen am +Realen selbst nennen könnte. Bei dem Zusammendenken zweier =Prämissen= +fallen die _termini medii_ hinweg; es bildet sich der Schluß aus +Theilen, die getrennt schon in den Prämissen vorhanden waren. Dies +geschieht bei dem Zusammenfassen einfacher Realen, aus welchen eine +Folge hervorgehen soll, allerdings nicht; aber keineswegs aus dem +Grunde, weil diese Realen sich gegen das Verschwinden einzelner Theile +wehren, sondern weil ein solches Verschwinden bei ihnen =an und für sich +unmöglich= ist. Daß _A_ durch das Zusammen mit _B_ nicht _C_ wird, ist +nicht Folge eines =Geschehens= in _A_, es ist die bloße Folge des +allgemeingiltigen, aus den Begriffen der einfachen Qualität des Seienden +geschöpften =Satzes=, daß überhaupt in _A_ keine Störung eintreten +könne. Daraus folgt zugleich, daß eine Selbsterhaltung des _A_ gegen _B_ +keine andere sein könne, als die gegen _C_, oder gegen _D_ u. s. w. Denn +kann keine Störung überhaupt eintreten, weil =reine Begriffe= es +verbieten, so ist es gleichgiltig, ob diese nicht durch _B_, nicht durch +_C_ oder nicht durch _D_ u. s. w. eintreten könne. Es ist nicht das +=Reale= _A_, das in jedem dieser Fälle durch einen von den Umständen +gebotenen Kraftaufwand, sondern es ist in allen dieselbe =allgemeine +Wahrheit=, die das Eintreten der Störung verbietet. Was als Geschehen +und Selbsterhaltung auf das Reale übertragen und als ein Mannigfaltiges +an demselben betrachtet wird, ist nichts als die Unterordnung specieller +Anwendungen unter den allgemeinen Satz: Das Reale kann keine Störung +erfahren. Was das Denken hier begeht, ist die Objectivirung eines blos +logischen Schlusses, als wirkliches Geschehen, als That, als +Veränderung. Diese Objectivirung ist um so unberechtigter, wenn diese +sogenannten Selbsterhaltungen unter verschiedenen Umständen verschiedene +sein sollen, wie sie uns die innere Erfahrung in der Seele +unwiderleglich aufweist. In allen Fällen des wirklichen Geschehens ist +es derselbe Satz: es kann keine Störung eintreten, der immer wiederholt +wird. Will man dies daher ein Geschehen nennen, so geschieht in allen +Fällen das Nämliche. Es ist weder Mannigfaltigkeit noch Mehrheit der +sogenannten Selbsterhaltung oder besser des thatlosen Fortbestehens +denkbar, dasselbe ist und bleibt allezeit, es wird nur =vervielfältigt +gedacht=. So wenig irgend ein wirkliches Ding dadurch zu mehreren wird, +daß mehrere es zugleich anschauen, so wenig geschieht in einem Realen +dadurch Etwas, daß es mehrmal in den Fall kommt, den allgemeinen Satz +auf sich anwenden lassen zu müssen: es könne in keinem Realen eine +Störung eintreten. + + (104) »Ueber Monadologie und speculative Theologie« in =Fichte='s + Zeitschrift für Phil. u. spec. Theologie, Bd. XIV. Heft I. S. 93. + + (105) Allg. Metaph. II. S. 338. + + (106) Allg. Metaph. II. S. 263. + + (107) Allg. Metaph. II. S. 197. + +Wo liegt hier noch weiter ein Unterschied zwischen wirklichem und +scheinbarem Geschehen, oder vielmehr, welches verdient mit mehr Recht +den letzten Namen? Nicht dasjenige, welches durch das zusammenfassende +Denken allein dem sich ununterbrochen gleichbleibenden Realen +angedichtet wird? Nicht dasjenige, von welchem es heißt, »es wäre die +vollkommenste Probe einer Irrlehre, wenn dasjenige, was wir Geschehen +nennen, sich irgend eine Bedeutung im Gebiete des Seienden +anmaßte(108)?« Nicht dasjenige, welches nichts weiter ist, als »ein +Bestehen gegen eine Negation,« welche nur den Begriff, nicht aber das +Wirkliche treffen kann? Nicht dasjenige, welches im Grund nur die +Wiederholung eines und desselben Begriffssatzes in einzelnen Fällen ist, +und das Reale selbst gar nichts angeht? Oder was hat das ausdrücklich +sogenannte »wirkliche« Geschehen vor dem scheinbaren voraus? Dieses ist +ein Product unserer Sinnlichkeit, was strenggenommen nur im weitern +Sinne richtig ist, da wir ja auch Bewegung, Geschwindigkeit u. s. w. +nicht unmittelbar mittels der Sinne, sondern nur durch Hilfe von +Schlüssen aus dem Wahrgenommenen den Dingen beilegen, es »ist, wie es +den Wesen auch begegne, ihnen stets fremdartig und geschieht nur in den +Augen des Zuschauers(109).« Das wirkliche Geschehen ist, wie wir zu +zeigen versuchten, nichts weiter als ein Erzeugniß des zusammenfassenden +Denkens. Beide sind dem einfachen Realen, also dem einzig wahrhaft +Seienden, gleichgiltig, jenes wie dieses Schein; denn was bleibt dem +wirklichen Geschehen übrig, wenn es für das Sein gar nichts bedeuten +soll? Etwa die Wirklichkeit, welche ihm beigelegt wird? Was ist diese, +wenn sie kein Sein ist, noch ein solches enthält? Kann wohl etwas +=wirklich= heißen, dem kein Sein zukommt? Der Sprachgebrauch wenigstens +hält beide Begriffe für =identisch=. + + (108) Metaph. II. S. 272. + + (109) Allg. Met. II. S. 196. + +Verschwindet aber der Unterschied zwischen scheinbarem und wirklichem +Geschehen bei näherer Betrachtung, welchen Grund haben wir dann noch, +die Selbsterhaltungen, so wie =Herbart= sie darstellt, für ein +wirkliches Geschehen und zwar für das allein mögliche zu halten? + +Es ist einer der wichtigsten und folgereichsten Sätze des Systems, daß +eine monadistische Metaphysik ohne den Begriff des Geschehens neben +jenem des Seins nicht bestehen könne, ohne in Starrheit, Leblosigkeit +und todte Atomistik zu verfallen, die dem täglich und stündlich sich +unabweislich als gewiß aufdringenden Bewußtsein ununterbrochener +Veränderung in der Körper- und Geisterwelt, des regesten Lebens und +Schaffens in derselben, eben so oft aufs grellste widerspräche. Ganz +deutlich erkannte =Herbart= den Irrthum seines Vorgängers, um eines +Grundes willen, den wir mehr des seltsamen Ausdrucks als des noch +obschwebenden Inhalts wegen meist zu belächeln geneigt sind, die Monaden +in des transitiven Wirkens unfähige, abgeschlossene, streng innere +Welten verwandeln zu wollen, und an die Stelle emsiger Wechselwirkung +und wahrhaft realer Thätigkeit eine dem Wesen völlig äußere, eines +Schöpfers, der die Freiheit und Glückseligkeit seiner Geschöpfe will, +unwürdige _a priori_ construirte Harmonie zu setzen. Mit Entschiedenheit +behauptete er, es müsse ein wirkliches Geschehen geben, weil es ein +scheinbares gibt, wie es ein wahres Sein geben müsse, weil sonst auch +kein Schein vorhanden sein könnte. Er suchte dieses wirkliche Geschehen +bei den =wirklichen= Wesen, den allein wahrhaft Seienden, den einfachen +Realen, in der festen Ueberzeugung, daß ein solches nur dort gesucht +werden dürfe, wo es einzig stattfinden kann; denn zwischen blos +scheinbaren Seienden könnte auch auf keine Weise ein anderes als blos +scheinbares Geschehen statthaben. »Irgend etwas muß geschehen, denn gar +Vieles erscheint; und das Erscheinen liegt nicht im Seienden, sofern wir +es nach seiner einfachen Qualität betrachten. Wenn nichts erschiene, so +würden wir auch in der Wissenschaft nicht einmal bis zum Sein gelangen, +vielmehr gäbe es dann gar keine Wissenschaft; gesetzt aber, ein Wunder +hätte uns gerade auf den Punkt gestellt, wo wir jetzt stehen, so würden +wir von hier auch nicht einen einzigen Schritt weiter vorwärts gehen, +sondern es dabei lassen, daß die realen Wesen jedes für sich und alle +insgesammt =seien, was sie sind=, ohne das mindeste daran zu rühren und +zu rücken. Aber derselbe Schein, welcher uns zwingt, anzunehmen, daß +Etwas =ist=, eben derselbe treibt uns noch weiter, er treibt vom Sein +zum Geschehen(110).« Je entschiedener aber sich das System für die +Unentbehrlichkeit des Geschehens ausspricht, von desto größerem Gewicht +ist das Unvermögen desselben, die offene Lücke widerspruchslos +auszufüllen. Bei =Leibnitz= fand sich wenigstens im Innern der Monade +ein wirkliches Geschehen, nach bestimmten Gesetzen vor sich gehend, +dessen Uebereinstimmung mit Andern ohne eigene Zuthat zu bewirken eben +die Aufgabe der prästabilirten Harmonie war: bei =Herbart= finden wir +weder im Innern noch Aeußern Veränderungen. Im Innern der Monaden sind +mannigfache Kräfte thätig, jede gilt für einen Spiegel des Universums, +besitzt zahllose Beschaffenheiten und Merkmale; das Reale hat weder, +noch ist es eine Kraft, besitzt durchaus keine Mehrheit von +Beschaffenheiten, spiegelt weder im eigentlichen noch im uneigentlichen +Sinn Etwas ab, es ist eben ganz isolirt, starr, unabhängig. In jeder +Monas entwickelt sich eine reiche innere Welt, eine Fülle und +Mannigfaltigkeit psychischer Bildung, die von der untersten Stufe der +Entelechie zur Seele und bis zum vollkommensten Geiste sich +fortentwickelt; in den einzelnen Monaden treten gleichzeitig +Veränderungen ein, welche sich wie die Monaden zu Körpern, so zu neuen +complicirten Veränderungen zusammensetzend, uns diejenigen Wechsel +erklären helfen, welche wir an den sinnlichen Gegenständen wahrzunehmen +glauben. Die Realen machen zwar, als Seelen betrachtet, gleichfalls auf +eine innere Bildung Anspruch; diese aber steht und fällt mit der +Zulässigkeit oder Unzulässigkeit der Selbsterhaltungen »als eines +mannigfachen wirklichen Geschehens in der einfachen Qualität der Seele.« +Ungeachtet der Unmöglichkeit, daß eine Monas real auf eine andere wirke, +existirt ein idealer durch die Verknüpfung der Gesetze, welche die +innern Veränderungen der Monaden begründen, gesetzter Zusammenhang, +dessen Träger und Urheber die Urmonas ist, zwischen den Monaden; ein +großartiges Band schlingt sich durch die unbegreifliche unendliche +Wirksamkeit der ursprünglichen Substanz, deren »Efulgurationen« alle +übrigen sind, um diese letztern und das Resultat ist ein obwohl von +Wechselwirkung entblößtes, doch in jedem einzelnen Glied belebtes, und +äußerlich weise und harmonisch eingerichtetes Weltgebäude. Bei =Herbart= +dagegen beruht das Geschehen auf dem Zusammendenken der Wesen nach den +Regeln des objectiven Scheins. Welche Wesen zusammensind, welche nicht, +welche zusammengedacht werden sollen, welche nicht: dies zu bestimmen, +liegt außerhalb der Grenzen seiner Metaphysik, welche vom Gegebenen nur +bis zur Annahme eines mehrfachen Zusammen im Allgemeinen zurückgeht. Ein +Theil der Wesen, heißt es, ist im ursprünglichen Zusammen befindlich, +ein anderer tritt erst allmälig in dasselbe ein; welcher und warum, +bleibt unerklärt. Denn es ist nicht die Aufgabe der Metaphysik zu +erklären, =warum= Dies oder Jenes sei oder geschehe, sondern wie +=Drobisch= mit =Lotze='s Worten sagt(111): »Die Metaphysik hat keine +Erzählungen zu liefern, aber die Entstehung dieser Welt, deren einmal +als vorhanden gegebene Gesetze und Regeln ihren einzigen Inhalt bilden. +Es muß festgehalten werden, daß der Geist keine historischen +Voraussetzungen hat, sondern jede Entscheidung über derartige Probleme +einen anderweitig vermittelten Gedankengang voraussetzt,« oder es ist, +wie =Herbart= selbst sagt, »die Begreiflichkeit der Erfahrung des +Gegebenen ihr Anfangs- und ihr Endpunkt und die Erklärung desselben ihr +einziger Endzweck.« Kann man aber hoffen, eine vollständige, ja nur eine +hinreichende Erklärung des Gegebenen geliefert zu haben, so lang man +sich begnügt, die Möglichkeit des Geschehens durch den continuirlichen +Wechsel eines mysteriösen Zusammen und Nichtzusammen, und die nicht +minder räthselhafte Störung erwiesen zu haben? Ist es wohl in einem +System, das so streng auf die Form des Gegebenen hält, daß es sich +veranlaßt sieht, auf diese Gründe hin die theoretisch dem Zweifel so +sehr ausgesetzten Formen des zusammenfassenden Denkens zu postuliren, +gestattet, die Formen der Ordnung, der Regelmäßigkeit, der +Zweckmäßigkeit nur in das Gebiet des Glaubens zu verweisen, da es doch +von ihnen nicht nachzuweisen vermag, daß sie nicht mit eben so viel +Recht als die Formen des Raums, der Zeit, der Bewegung und der +Geschwindigkeit gegeben sind? Das harte Urtheil der Halbheit, das +=Fichte= d. j. über das System ausspricht, scheint in der That seinen +Grund in diesem seltsamen Widerspruch zu haben, dessen weitere Ursachen +und Folgen zu entwickeln hier der Ort nicht ist. Wenigstens ist so viel +gewiß, daß die Weltanschauung der =Herbart='schen Metaphysik dem +Verlangen einer verbindenden Einheit und eines allumfassenden +Zusammenhangs, der darum kein Alles identificirender Monismus zu sein +braucht, nicht Befriedigung gewährt. Das Gegebene ist uns als Ganzes, +Geordnetes gegeben; die Realprincipien =Herbart='s sind isolirt, +getrennt, für sich bestehend, wirkens- und leidenlos, unthätig, ohne +andres gemeinsames Band, als die Formen des ihnen äußern +zusammenfassenden Denkens, von dem man nicht weiß, soll es als das +wirkliche Denken des Individuums, oder als die abstracte Thätigkeit des +Denkens selbst, oder endlich als Stoff des Denkens an sich, als +Dasjenige gefaßt werden, welches vorhanden sein muß, um von irgend einer +Intelligenz menschlicher oder höherer Natur überhaupt gedacht werden zu +können. Daß sie nicht blos als das Erste genommen werden sollen, ergibt +sich leicht aus ihrer für alle und jede Intelligenz als bindend +vorausgesetzte Gewalt; faßt man sie als Formen des abstracten Denkens, +so steht der Gedanke nah, sie mit der logischen Idee im Sinne =Hegel='s +zu verschmelzen, und in dieser die umfassende Einheit für die lose +Vielheit der isolirten Realen zu erblicken. Auf diesem Wege scheint sich +eine bequeme Vermittlung der Alleinheitslehre und monadistischen +Grundlagen darzubieten. Dies scheint auch =Fichte='s d. j. Ansicht zu +sein, und außerdem, daß =Chalybäus= u. A. in einer solchen Vermittlung +das Heil der Philosophie sahen, hat =Lotze= sie in der That versucht. +Andere dagegen, wie =Drobisch=, in der Verwerfung eines unpersönlichen +Denkens mit Festigkeit beharrend, suchten diese Hinneigung zum Monismus +zu vermeiden und gleichwohl dem Bedürfniß einer zusammenhaltenden +Einheit Genüge zu leisten. Der Betrachtung der beiden letzten Versuche +wollen wir den nächsten Abschnitt widmen. + + (110) Allg. Metaph. II. S. 162. + + (111) Metaph. von Dr. H. =Lotze= (1841), S. 136. + + +4. Modificationen dieser Ansichten. + +Aus der großen Anzahl derselben, die sich in den mannigfaltigsten Formen +wiederholt haben, heben wir als charakteristisch nur die beiden neuesten +heraus. + + +a) Modificationen der Theorie der Selbsterhaltungen. Drobisch(112). + + (112) Enthalten in dem obenangeführten Aufsatze »über Monadologie u. + specul. Theologie.« + +Der Mangel, den =Drobisch= an der Theorie der Selbsterhaltungen zu +finden glaubt, und den wir schon im vorhergehenden Abschnitt (S. 115) +angeführt haben, besteht im Wesentlichen darin, daß das wirkliche +Geschehen in bloßen Formen des objectiven Scheins, daß also das +Wirkliche theilweise wenigstens, so weit es seinen Grund nicht in dem +Vorhandensein der wirklichen Realen findet, im bloßen Schein begründet +sein soll. Wäre es möglich, meint er, falls wir ihn recht verstehen, +diesen Uebelstand dadurch zu vermeiden, daß man das Wirkliche +durchgehends wieder aus Wirklichem entstehen ließe, so wäre die +Schwierigkeit beseitigt. An den Realen ist nichts zu rücken, diese sind +bereits ein Wirkliches, ein Seiendes und daher fähig, wieder ein +Wirkliches (das »wirkliche« Geschehen) zu begründen. Allein sie für sich +reichen dazu nicht hin, so lang sie gegen einander indifferent bleiben, +ohne in wechselseitige Beziehungen zu und mit einander zu treten. Der +Metaphysiker, sagt er, sieht ein, daß den Erscheinungen nur durchaus auf +einander bezogene Wesen zu Grunde liegen können, denn sämmtliche +Erklärungen äußerer und innerer Thatsachen beruhen auf dem Grundsatz: +die Wesen im vollkommenen oder unvollkommenen Zusammen und in den durch +ihren Gegensatz bedingten, und durch Uebertragung der Gegensätze +vermittelten Selbsterhaltungen und der wieder durch diese geforderten +äußeren Lage zu denken. »Diese Beziehungen, sie mögen von welcher Art +immer sein, sind etwas von den realen Wesen selbst Unterschiedenes; +diese letzteren sind das absolute Prius, die absolut und beziehungslos +gesetzten einfachen Qualitäten, durch welche das stattfinden der +Beziehungen erst Möglichkeit erlangt. Natürlicherweise ist dies Prius +kein zeitliches, sondern nur dasjenige, was den unbedingten Grund +ausmacht, von welchem die Beziehungen abhängig sind, ohne selbst wieder +umgekehrt von diesen Beziehungen abhängig zu sein;« doch so, daß daraus, +weil die einfachen Wesen ohne Beziehungen existiren können, noch gar +nicht folgt, daß sie jemals ohne diese existirt haben, d. h. daß es +irgend eine Zeit gegeben, zu welcher gar kein Seiendes in Beziehung zu +irgend einem andern gestanden sei. Diese Unbedingtheit in jeder +Rücksicht gehört ganz vornehmlich zum Wesen des =Herbart='schen Realen +und die absolute Position soll eben so viel bedeuten, daß man nach einem +weitern Grund des Gesetzten gar nicht zu fragen habe. So will es +wenigstens =Drobisch=. Im Gebrauche des Worts: absolute Position = Sein +steckt aber eine Amphibolie. Entweder bedeutet die absolute Setzung die +subjective Nöthigung des denkenden Subjects, hinter dem beobachteten +Schein ein Etwas voraussetzen zu müssen, welches nicht mehr Schein ist, +und dann ist damit erstens noch nicht ausgesagt, daß dies von uns +Vorausgesetzte schon ein in seinem Sein nicht mehr von Andern Bedingtes +sei; zweitens ist diese subjective Setzung keine absolute, weil sie auf +der Voraussetzung des setzenden Subjects beruht. Oder der Ausdruck +»absolut Gesetztes« bedeutet ein Ding, dessen Sein durch kein anderes +bedingt ist, und dann scheint es wenigstens widersprechend, dasselbe für +eine bloße Qualität zu erklären. Denn ein _quale_ ist ja nicht denkbar +ohne ein _quid_, ein =Wasfürein= nicht denkbar ohne ein Was in +substantiver, nicht adjectiver Bedeutung. Im =Begriff= der Qualität +selbst liegt es, ein Etwas zu fordern, dessen Qualität sie selbst, und +das von seiner Seite zuletzt nicht mehr Qualität ist. Man könnte beide +Bedeutungen die subjective und objective Setzung nennen und daher den +Schluß fällen, daß weder die subjective noch die objective Setzung +bloßer Qualitäten eine absolute sei. Allein =Drobisch= sagt +ausdrücklich: »Außerhalb des Denkens ist das Seiende die nicht durch +Anderes gesetzte Qualität; denn .... wäre sie durch Anderes gesetzt, so +könnte sie als abhängig durch unser Denken nicht als absolut gesetzt +werden.« Folgt aber daraus, daß das Denken und zwar nur das Denken eines +gewissen Systems, -- denn das gewöhnliche Denken weiß sehr gut, daß eine +Qualität nicht ohne ein Etwas, welches dieselbe an sich trägt, bestehen +könne -- die Qualität als absolut setzt, folgt daraus, daß sie dies in +der That sei(113)? auch dann, wenn dies Absolutsetzen sich mit dem +Begriff einer Qualität kaum vereinbaren läßt? + + (113) Freilich dürfte man dann, einmal zu demjenigen gelangt, was + nicht mehr Beschaffenheit =ist=, sondern dergleichen nur an sich + =hat=, von demselben nicht mehr wissen wollen, als daß es eben ein + =Etwas= sei. Weitere Antworten müßten durch Qualitäten gegeben werden, + welche eben wieder nicht =es= selbst, sondern nur die =an= ihm + befindlichen Beschaffenheiten ausdrückten. + +Allein noch bedenklicher ist die folgende Schlußreihe. =Drobisch= fährt +fort, die Qualität lasse sich eben so wenig als durch sich gesetzt +ansehen, weil dies auf die unendliche Reihe in der Selbstbestimmung, +kürzer gesagt auf die _causa sui_ führen würde. Dies wollen wir gern +zugeben. Wenn er aber daraus folgert, daß Sein »im objectiven Sinn« sei +auf das Seiende gar nicht anwendbar, so scheint zu folgen, daß dem +Seienden keine andere als eine subjective, an die Voraussetzung des +Setzenden gebundene, folglich keine absolute, sondern nur eine bedingte +Setzung zukommen könne, wodurch nach seinem eigenen frühern Ausspruch +die Natur des wahrhaft Seienden, die unbedingte Setzung vernichtet +würde. Die letztere Meinung gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn es +weiter heißt, daß einfache Qualitäten, wenn sie weder dem Wesen noch dem +Grade nach durch etwas Anderes gesetzt zu werden vermögen, in unserm +Denken schlechthin gesetzt werden müssen, und nicht nur die absolute +Position die einfache Qualität, sondern auch umgekehrt diese jene +bedinge. Wird diese Setzung durch ihre Beschränkung innerhalb unsers +Denkens nicht in der That unter stillschweigender Voraussetzung des +Setzenden, also subjectiv und relativ angenommen? + +Auch die Gründe, warum eine Qualität nicht durch eine andere gesetzt +sein könne, dünken uns wenigstens nicht unwidersprechlich. Die Gesetzte +müßte in diesem Falle, meint =Drobisch=, die Folge, das sie Setzende der +Grund sein. Grund und Folge aber können nie anders als zusammengesetzt +sein, weil die Folge nur eine neue Verbindung der Theile des Grundes +ist; keine Folge sei ein Einfaches: die einfache Qualität aber, wie aus +dem Begriff der Einheit von selbst folge, keiner Entstehung fähig. Die +Bedeutung, in welcher hier Grund und Folge gebraucht werden, ist im +Grund dieselbe, für welche man sonst die Begriffe Ursache und Wirkung +braucht. Denn es ist hier ein Wirkliches, das den Grund eines andern +Wirklichen enthalten soll. Wie Grund und Folge in eigentlichem Sinne +können sich nur Sätze und zwar wahre Sätze verhalten. Wenn also auch +diese jedesmal zusammengesetzt sein müssen, weil ein jeder Satz +wenigstens drei constituirende Bestandtheile verlangt, warum sollte wohl +ein Widerspruch darin liegen, daß eine einfache Ursache eine einfache +Wirkung habe? oder eine wenn auch zusammengesetzte Wirkung eine einfache +Ursache? + +Wir können uns auf diese Fragen, für welche das Vorstehende wenigstens +keine Widerlegung enthält, hier nicht weiter einlassen. Wichtiger für +unsern Zweck sind die Folgerungen, die aus dem bisher im =Herbart='schen +Geist geführten Raisonnement gezogen werden. Sie beziehen sich auf das +Verhältniß der Beziehungen zu den Realen. Die Beziehungen, in welche die +Realen treten müssen, um als Grundlagen der Erscheinungswelt gelten zu +können, sind nicht blos, wie =Herbart= will, Werke der Reflexion, des +zusammenfassenden zuschauenden Denkens, es ist vielmehr bei weitem +wahrscheinlicher, ja es ist gewiß, daß dieselben objectiv und an sich +schon vorhanden sein müssen, damit die Reflexion sie aufzufinden und +aufzufassen vermöge. Die Eigenthümlichkeit der Zahl 8, die dritte Potenz +der Zahl 2 zu sein, kam ihr an und für sich nicht erst durch Vermittlung +der Reflexion zu, wenn wir sie auch erst mit Hilfe der letzteren +=erkennen=. Dasselbe ist z. B. mit einem Größenverhältniß zwischen +wirklichen Dingen der Fall. Nicht erst wird _A_ größer als _B_, weil wir +es so denken, sondern weil es größer ist, darum denken wir es so. Nennen +wir Beschaffenheiten, wie die vorstehenden, die einem oder mehreren +Dingen nur in Bezug auf ein Drittes zukommen, =äußere=, um sie von den +ihm an und für sich ohne Bezug auf ein Drittes angehörenden innern (oder +den Eigenschaften) zu unterscheiden: so folgt, daß auch die äußern +Beschaffenheiten dem Dinge nicht erst vermöge der angestellten +Reflexion, sondern objectiv zukommen. Es wird daher auch ein Ding nicht +dadurch erst zum specifisch Bestimmten, daß die Reflexion die +Unterschiede desselben von andern Dingen erkennt, sondern damit diese an +ihm erkannt werden können, müssen sie =in= oder =an= ihm befindlich +sein. + +Alle äußern Beschaffenheiten sind zugleich Beziehungen, weil sie alle +ihrem Träger nur in Bezug und im Verhältniß zu gewissen dritten Dingen +zugeschrieben werden: aber nicht alle Beziehungen sind zugleich äußere +Beschaffenheiten. So die Beziehungen, die zwischen einem Ding und dem +Ort oder dem Zeitpunkt, welchen es einnimmt, stattfinden. Niemand +behauptet, das Ding _A_, das sich früher am Orte _a_ befand, sei einzig +dadurch, daß es sich jetzt am Orte _b_ befindet, ein anderes geworden, +wenn sich außerdem gar nichts an demselben geändert hat. Dennoch lassen +sich von demselben _A_ zwei einander ausschließende Vorstellungen +bilden. Die eine lautet: Ein im Orte _a_ befindlicher Körper; die +andere: Ein im Orte _non a_ (_b_) befindlicher Körper. Irgend Etwas muß +sich daher an _A_ geändert haben, was doch keine Beschaffenheit sein +kann; denn in Bezug auf diese soll sich gar nichts an ihm geändert +haben. Was sich an ihm änderte, ist der Ort, die Raumbestimmung, die +keine Beschaffenheit und doch ein Veränderliches am Dinge ist, und die +»=Bestimmung=« heißen soll. Der Körper in _a_ und der Körper in _b_ +enthält daher zwei sich ausschließende Raumbestimmungen, was an sich +genommen widersprechend ist, denn derselbe Körper kann nicht an zwei +Orten sein. Soll dies dennoch möglich sein, so muß sich noch etwas an +dem Ding geändert haben, was wieder keine Beschaffenheit sein darf, und +das ist die =Zeit=. Der Körper _A_ war im Orte _a_ zu einer Zeit α, die +von der Zeit β, in welcher er im Orte _b_ war, verschieden ist. Raum und +Zeit sind daher keine Beschaffenheiten, gewiß aber noch weniger +selbständige Wirkliche: es gibt kein Ding, welches =der= Raum und +keines, welches =die= Zeit wäre: sie sind daher überhaupt nichts +=Wirkliches=. Sie sind aber auch nicht =Nichts=; sie sind in der That +Bestimmungen an den Dingen und wir können das ihnen zukommende Sein mit +dem Ausdruck »Dasein« bezeichnen, um es von dem =Wirklichsein= der +existirenden Dinge und ihrer Beschaffenheit zu unterscheiden. + +Wenn dem so ist, so gibt es =Drobisch= ohne Zweifel vollkommene +Berechtigung, seines Vorgängers Ansicht zu bestreiten, daß =alle= +Beziehungen unter den Realen ohne Ausnahme blos Zuthaten der Reflexion +und das Werk des zusammenfassenden Denkens seien. Schon das +Zugeständniß, daß es gänzlich beziehungslose Seiende in der That nicht +jemals müsse, ja nicht einmal könne gegeben haben, wie denn auch +=Herbart= eingesteht, einige Reale seien allerdings von jeher in +ursprünglichem Zusammen befindlich gewesen, deutet auf eine innere +Nöthigung hin, den Ursprung der Beziehungen an den Wesen selbst, und +nicht in dem ihnen äußerlichen zusammenfassenden Denken zu suchen. In +der Ueberzeugung, ein gänzlich beziehungsloses Seiende sei zum Realgrund +der Erscheinungen untauglich, erweitert =Drobisch= das obige +Zugeständniß bis zu der Annahme, =alle= Wesen stünden =von Anbeginn her= +in Beziehungen zu einander; sie ohne solche zu denken, sei eine bloße +Abstraction; die Beziehungen selbst aber seien nicht weniger +ursprungslos als die Seienden; seien wie diese nicht durch ein anderes, +etwa durch ein zusammenfassendes Denken gesetzt; sie existirten von +demselben eben so unabhängig, wie die einfachen Seienden und +unterschieden sich von diesen nur dadurch, daß diese schlechthin und sie +selbst unter Voraussetzung der einfachen Wesen gesetzt sind. Denn alles +im Denken absolut zu Setzende sei auch objectiv nicht durch Anderes +gesetzt; nicht aber sei umgekehrt alles nicht durch Anderes Gesetzte +auch im Denken absolut setzbar. Von der letzten Art nun sind die +Beziehungen. Diese könnten nur durch etwas gesetzt werden, was selbst +entweder wieder Beziehung wäre oder nicht. Wenn nicht, so könnten es nur +die einfachen Wesen sein. Allein diese sind jeder Beziehung fremd, +tragen daher in sich durchaus keine Nothwendigkeit in Beziehungen zu +treten. Etwas aber, was nicht einfaches Wesen und nicht Beziehung wäre, +kann eben so wenig Grund der Beziehungen werden, »weil jede Vermittlung +ihrer Natur nach wenigstens zwei Vermittlungen zwischen dem zu +Vermittelnden und dem Mittelgliede schon voraussetzt. Beziehungen können +daher nur aus Beziehungen entstehen, sind weder durch die einfachen +Wesen, noch durch die zusammenfassende Intelligenz gesetzt, sondern sind +Regeln für gewisse Arten der Zusammenfassung, die auch dann statthaben +und giltig sein müssen, wenn selbst keine Intelligenz sie wirklich +zusammenfaßte, z. B. die Bewegung geschehe wirklich, die chemische +Zersetzung nehme sich wirklich Zeit.« Während =Herbart=, der vielmehr +einzig und allein alle Wirklichkeit in das innere Geschehen setzt »blos +aus Concession für den gemeinen Sprachgebrauch von wirklicher Zeit, +wirklichem Raume und wirklicher Bewegung spricht,« acceptirt =Drobisch= +»diese Concession bestens.« Denn ist sie giltig, sind die formalen +Bestimmungen des zusammenfassenden Denkens nur ihrem Begriffe nach, _in +abstracto_ genommen, objectiver Schein, _in concreto_ aber mehr als +dies, =wirklich=, =giltig=, auch wenn keine Intelligenz zusammenfaßte, +so bedeutet dieses nichts anderes, als was wir eben zu beweisen suchten, +daß die =wirklichen= inneren und äußeren Beziehungen der Wesen aus jenen +abstracten Formeln nicht erst abgeleitet werden können und sollen, +sondern ein von dem intelligenten Wesen unabhängiges objectives Dasein +besitzen. + +So weit =Drobisch=. Was er unter der »Wirklichkeit der Beziehungen« +verstehe, müssen wir gestehen, ist uns nicht klar geworden. Daß sie sich +nicht auf =alle= Beziehungen erstrecken könne, ist nach dem, was wir +oben über Raum und Zeit beibrachten, nun wohl schon ohne Erläuterung +ersichtlich. Diese sind in keinem Betracht etwas Wirkliches, weder als +Beschaffenheit, noch als selbständiges Ding. Sie sind Bedingungen: die +Zeit, wenn es möglich sein soll, daß dasselbe Ding entgegengesetzte +Eigenschaften besitze; der Ort, um erklärlich zu finden, warum ein +gewisses veränderliches Wesen bei bestimmtem endlichen Maß von Kräften +und binnen gegebener endlicher Zeitdauer gerade diese und keine andere +Veränderungen an andern Wesen erfahren oder bewirkt habe. So ist es +_caeteris paribus_ nur die räumliche Entfernung, die die Schuld trägt, +daß ich dieselbe Schrift in der Entfernung von fünf bis sechs Zoll vom +Auge sehr bequem, bei mehr Entfernung viel schlechter oder gar nicht +lesen kann, und der Zeitverfluß, unter dessen Annahme es denkbar ist, +daß derselbe Baum, der jetzt Blätter trägt, nach vier Wochen kahl und +dürr sei. Weder dieser Zeitverfluß noch jene Entfernung existirt +=wirklich=, d. i. als Beschaffenheit an dem Dinge oder als Ding für +sich, noch auch als bloße Denk- oder Anschauungsform des Individuums: +sondern ihnen beiden kommt nur jenes =Sein an sich= zu, das jedem +=Etwas= zukommt, es sei ein Wirkliches oder blos Mögliches, ein +Gedachtes oder Ungedachtes, und das wir S. 71 ff. auch den sogenannten +Vorstellungen, Sätzen und Wahrheiten an sich beilegten. Müssen wir also +einerseits =Drobisch= das Verdienst einräumen, das objective, vom +Gedachtwerden unabhängige Dasein der Raum- und Zeitbestimmungen richtig +erkannt zu haben, so können wir nicht zugeben, daß er dasselbe bei +denselben Bestimmungen mit dem Worte »Wirklichkeit« bezeichne. + +Abgesehen davon betrachten wir die Region genauer, in welche =Drobisch= +den Wechsel und das Geschehen versetzt wissen will. »Alle Wesen, sagt +er, sind im ursprünglichen (besser: ursprunglosen) Zusammenhang, oder +stehen miteinander in unmittelbaren oder auch mittelbaren, wenn gleich +noch so entfernten wirklichen Beziehungen, und alle Veränderung in der +Welt bedeutet nur eine Umwandlung der entfernteren Beziehungen in +nähere, der mittelbaren in unmittelbare oder auch umgekehrt dieser in +jene.« Man könnte versucht werden, in dieser Ansicht die _rapports_ +wieder zu erkennen, in welchen sich die =Leibnitz='schen Monaden von +Anbeginn her bald in näherem bald in entfernterem Grade befinden, die +dem Wechsel unterliegen, bald nähere bald entferntere werden, und +dadurch den Schein erzeugen, als gingen diese Veränderungen der +wechselseitigen Lage aus der Freithätigkeit der Monaden selbst hervor, +während sie doch nur nach dem Gesetz der prästabilirten Harmonie +erfolgen. Allein in den Monaden geschieht wenigstens innerlich in der +That etwas. In der äußeren Lage derselben ereignet sich vermöge der +prästabilirten Harmonie keine Veränderung, ohne daß zugleich die +entsprechende im Innern der Monade statt hat. Das wirkliche Geschehen +beschränkt sich nicht auf die Verhältnisse und Beziehungen der einfachen +Substanzen zu einander, es besteht vielmehr ausschließlich im Innern +derselben. Bei =Drobisch= findet gerade das Gegentheil statt. Die +einfachen Qualitäten, das Innere der Seienden, bleiben starr und +unveränderlich; was sich ändert, sind allein die äußeren Beziehungen. +Schließen wir von diesen die räumlichen und zeitlichen, weil sie keine +Wirklichkeit haben, aus, so bleiben als des Wechsels fähige Beziehungen +blos jene übrig, welche wir auch früher schon unter dem Namen: äußere +Beschaffenheiten, charakterisirt haben. Unter diesen gibt es aber +wenigstens einige, die sich nicht ändern können, ohne daß sich auch in +den sogenannten =innern= Eigenschaften des Dinges etwas ändert. Werden +daher diese als einfache Qualitäten =unveränderlich= angenommen, so kann +auch kein Wechsel in jenen äußern Beschaffenheiten stattfinden, welche +sich nicht ändern können, ohne daß eine innere sich geändert habe. Dies +letztere scheint aber in der That bei allen äußeren Beschaffenheiten der +Dinge der Fall zu sein. + +Dieser Satz, zusammengenommen mit der Thatsache, daß räumlichen und +zeitlichen Bestimmungen keineswegs Wirklichkeit zukommt, beschränkt den +dargebotenen Ausweg ungemein, oder richtiger, er hebt ihn völlig auf. +Der eigentliche Fragepunkt, wie ein wirkliches Geschehen zu denken sei, +und auf welche Weise es mit der einfachen Qualität des Seienden bestehen +könne, ist dadurch nicht erledigt. Noch immer ist das wirkliche +Geschehen auf Beziehungen beschränkt, von welchen gerade der hier +beinahe ausschließend hervorgehobene Theil, die räumlichen und +zeitlichen, =keine= Wirklichkeit hat. Dem eigenen Einwande des Hrn. +Prof. =Drobisch=, wie Wirkliches aus Nicht-Wirklichem entstehen könne, +ist damit noch kein Genüge geleistet. Statt der unbegreiflichen Störung, +von welcher =Fichte= d. j. meint, es sei ungenügend, daß der Schöpfer +eines so tiefsinnigen Systems sich über diesen Punkt nicht anders zu +helfen wisse, als durch die oberflächliche mechanische Vergleichung mit +dem wechselseitigen Sichdrücken zweier Körper: statt dieser +seinsollenden und nichtseienden Störung haben wir neuerdings ein +Geschehen, das richtiger wieder kein Geschehen heißen sollte, weil es +sich mit dem Beharren der einfachen Qualität vertragen soll, und welches +kein wirkliches sein kann, weil es sich auf nichts Wirkliches gründet. +Uebrigens sehen die Ideen, die Hr. Prof. =Drobisch= über diesen +Gegenstand veröffentlicht hat, wie er selbst sagt, einem Entwurfe zu +ähnlich, um sie bereits als fertiges Resultat ansehen zu können, wie +solches von einem so geistvollen und tiefeindringenden Denker wie +=Drobisch= zu erwarten ist. Nachdem er so viel gewonnen, das Unhaltbare +der blos durch Reflexion hinzugethanen Denkformen als Basis realer +Erscheinungen mit Deutlichkeit inne zu werden, kann es ihm nicht schwer +fallen, auch über die Beschaffenheit derselben uns entschiednere +Vorstellungen zu liefern, als bisher mit dem schwankenden Begriff der +Wirklichkeit derselben der Fall war. + + +b) Modification der prästabilirten Harmonie: Lotze(114). + + (114) Metaph. von Dr. H. =Lotze= (1841). + +Vielleicht würde es den Verfasser überraschen, sein System als eine +veränderte Wiedergeburt der prästabilirten Harmonie betrachtet zu sehen, +ungeachtet er sich der Bezeichnung S. 272 selbst bedient und sagt, die +»empirischen Wissenschaften ... haben sich keineswegs abzumühen, aus den +Wellen der mathematischen Bewegung den Glanz des Lichtes +hervorzuzaubern, als wäre er selbst noch ein kosmologisches Geschehen, +sondern sie müssen anerkennen, daß aus dem Innern des Wesens heraus nach +=einer vorher bestimmten Harmonie= bestimmten Veränderungen des +Körperlichen bestimmte Empfindungen entgegenkommen, ohne nach den +Gesetzen massenhafter Wirkungen von ihnen erzeugt worden zu sein.« Wir +haben daher in der That auch hier wieder kein anderes als ein =ideales= +Geschehen vor uns. Aber dieses ideale Geschehen unterscheidet sich von +jenem zwischen den Monaden sehr auffallend dadurch, daß das letztere +zwischen wahrhaft =realen=, jenes aber zwischen nur =idealen= Wesen +vorgeht. Es könnte also wohl scheinen, als mangelte die Hauptbedingung +einer prästabilirten Harmonie, die Grundlage einer Vielheit =realer= +Wesen. + +An deren Stelle und an die Stelle desjenigen überhaupt, was sonst das +»Seiende« heißt, setzt der Verf. »dasjenige, welches den Schein der +Substantialität in sich erzeugt,« den in sich selbst zusammenhängend +geordneten Schein, welcher auf eine Substanz hindeutet, die wieder +nichts anderes ist, »als dasjenige, was den Schein zusammenhält, das +Wesen, das Gesetz, das System von Gründen, welches an dem Scheine den +Schein der Substantialität als Begrenztheit und Bestimmtheit gegen +Anderes erzeugt.« Daher erzeugt nur derjenige Schein den Schein der +Substantialität, der nach dem Inhalte nicht eines, sondern mehrerer +allgemeiner Begriffe angeordnet ist, deren Einheit die Seite der +Einzelnheit, deren Vielheit die Vielfältigkeit und Zufälligkeit der +Beschaffenheiten an dem Seienden ausmacht. »Das vollständige Seiende +setzt daher so viele Gründe voraus, als es Bestimmungen an sich trägt,« +und das eigentlich Reale an ihm ist das Gesetz, welches sein Wesen +ausmacht, alles Uebrige ist Schein. + +Treten nun dergleichen Seiende in Causalverbindung, so ist es im Grunde +nicht der an beiden in gleicher Weise befindliche Schein, sondern es +sind die Gesetze, die ihr beiderseitiges Wesen ausmachen, welche in ein +Causalverhältniß treten. »Ursache, heißt es S. 108, ist nicht ein Ding, +aus welchem in Gestalt einer wirkenden Kraft oder eines sonstigen +Uebergangs irgend eine Mittheilung an ein anderes erfolgt; sondern weil +das Ding in sich eine Vielheit gesetzmäßig begründeter Eigenschaften, +ein System von Gründen hat, so werden die Gründe dieses Dings, wenn sie +in Bezug zu einem andern treten, mit den Gründen dieses letztern +zusammen den ganzen Grund ausmachen, aus welchem die Wirkung als eine +als seiend gesetzte Folge hervorgeht.« Auf dieselbe Weise pflegt das +Hervorgehen des Schlußsatzes mit dem Zusammenkommen zweier Prämissen +nach Aufhebung des _terminus medius_ dargestellt zu werden. Es ist eine +Uebertragung logisch-syllogistischer Verhältnisse auf das +Causalverhältniß zwischen =wirklichen= Dingen, wie sie schon in der +Methode der Beziehungen erscheint. Auch ist über die Richtigkeit der +Sache kein Zweifel, so lange man Prämissen und Schlußsatz als =Sätze an +sich= betrachtet, abgesehen, ob sie jemand denke und ausspreche oder +nicht. Würden aber die Prämissen als =wirkliche Gedanken=, und der +Schlußsatz gleichfalls als =wirkliches= Urtheil irgend eines Individuums +angesehen, dann tritt zu dem Verhältniß des =Grundes zur Folge=, das +schon zwischen den Sätzen selbst, wie sie ihrer Natur nach sind, statt +hat, noch jenes zwischen =Ursache und Wirkung= hinzu. Dann sind es nicht +die Prämissen allein, dann ist es das =Denken= derselben, die +=Thätigkeit=, das =Wirkende= des Denkenden, welches hinzukommt, um das +wirkliche Denken des Schlußsatzes hervorzubringen. =Wirkliches= kann nur +durch Wirkliches, und zwar nur durch das =Wirken= des Wirklichen erzeugt +werden. Davon können uns sehr alltägliche Erfahrungen überweisen. Ein +Brief, der geschrieben werden soll, wird wenn auch Papier, Feder, +Gedanken u. s. w. vorhanden sind, gewiß nicht fertig, wenn man nicht +=schreibt=. Damit steht der Satz: daß sobald alle Theilursachen +vorhanden seien, auch die Wirkung vorhanden sein müsse, keineswegs im +Widerspruch, er dient vielmehr zur Bestätigung. Auch die Thätigkeit, das +Wirken selbst ist eine von den Theilursachen, welche die Ursache erst +=vollständig= machen. Uebersieht man dies, so kommt das wieder nur +daher, daß Gründe und Folgen mit Ursachen und Wirkungen verwechselt +werden. Gründe bedürfen keiner Thätigkeit, um sobald sie da sind, auch +das Dasein der Folge hervorzubringen; sie sind ja bloße Sätze, nichts +Wirkliches, und das Verhältniß zwischen ihnen und ihren Folgen geht +nicht deren =wirkliches Vorhandensein= oder =Nicht-wirklich-Vorhandensein= +an, sondern einzig und allein ihre =Wahrheit oder Falschheit=. +Sobald der Satz: Zweimal zwei ist vier, wahr ist, ist auch +der Satz: Zweimal vier ist acht, wahr, und der Satz: Zweimal +zwei ist fünf, ist falsch. Bedient man sich aber doch häufig des +Ausdruckes, der Satz _A_ enthalte den Grund von der Existenz des +(wirklichen) Dinges _B_, so bedeutet dies nach solcher Auslegungsweise +nichts anderes als: Sobald der Satz: =_A_ ist=, =wahr= ist, ist auch der +Satz: =_B_ ist=, =wahr=. Abermal also begründen diese Sätze nur die +=Wahrheit= gewisser anderer Sätze, nicht aber das =Dasein=, die +=Wirklichkeit= gewisser Dinge. Die Wirklichkeit solcher existirenden +Dinge, die überhaupt einen Grund ihrer Wirklichkeit haben, kann nur in +der Existenz anderer begründet sein, und zwar nur in deren Wirksamkeit, +denn ohne eine solche zu besitzen, verdienten sie nicht =wirkliche= +Dinge zu heißen. + +Er fährt fort: »Ursache und Wirkung ist gar kein Gegensatz. Ursache ist +das Ding, wie es vor dem Zusammenkommen mit der andern Ursache, welche +jedoch zu demselben hinzupostulirt werden muß, vorhanden war. Wirkung +ist der Eintritt in den Proceß und dieser selbst, also ein Geschehen.« +Scheint sich dies nicht selbst zu widersprechen? Ist das Ding schon +Ursache vor dem Hinzukommen des anderen, so bedarf es dieses zweiten gar +nicht mehr, denn dann ist es sich selbst genug, die Wirkung zu erzeugen. +Bedarf es dagegen dieser Ergänzung, dann ist es wenigstens noch nicht +die ganze, sondern höchstens eine Theilursache. Dies um so mehr, da es +keinem Dinge wesentlich ist, Ursache zu sein, da es vielmehr dann erst +Ursache wird, wenn es zu wirken anfängt, und es zu sein aufhört, sobald +sein Wirken ein Ende nimmt. Eine unthätige Ursache, ein Ding, das +Ursache wäre und nicht wirkte, ist ein logisches Unding. Nicht der +Mensch _A_ an und für sich, sondern insofern er schreibt, thätig ist, +ist die Ursache dieses Briefes. Damit soll noch ganz und gar nichts über +die Art und Weise dieses Wirkens ausgesagt, sondern nur anschaulich +werden, daß ein =wirkliches= Ding ohne zu =wirken= auf keine Weise +Ursache eines andern wirklichen Dinges werden könne, weil es eben erst +Ursache dadurch wird, daß es zu wirken beginnt und fortfährt. Der Verf. +tadelt aber sogar =Herbart=, den Erfinder der ruhenden Causalität, daß +er »diese nicht consequent genug festgehalten« und die »Substanzen als +=thätige=, sich selbst erhaltende Wesen begriffen habe,« was allerdings +noch zweifelhaft ist, wenn es aber sich so verhielte, als einer der +dankenswerthesten und fruchtbarsten Sätze dieses tiefsinnigen Geistes +müßte anerkannt werden. Denn da wir unsererseits nicht zu jenen gehören, +welche in der dialectischen Bewegung des Begriffs, in der »Entäußerung +der logischen Idee,« in der »Uebersetzung der Bedingungen in die Sache +und dieser in jene als in die Seite der Existenz(115),« in dem +Umschlagen der Begriffe in ihr Gegentheil so wenig wie in einer +»unendlichen Sichaufsichselbstbeziehung des Absoluten« Ersatz finden für +eine wirkliche und reale Thätigkeit wirklicher und realer Wesen: so +können wir uns auch nicht leicht des Gedankens einer stattfindenden +selbstthätigen Wirksamkeit der Realen nach innen oder nach außen +entschlagen, um an deren Stelle logische, zwischen =Sätzen an sich= +ausschließlich geltende Schlußformen auf das Wirkliche zu übertragen und +darin einzig wiederzufinden. Vielmehr dünkt uns dies eine neuerlich sehr +häufig und nachtheilig gewordene Verwechslung zwischen Gegenstand und +Begriff, Sache und Vorstellung, einem Wirklichen und einem bloßen Etwas +an sich. Haben wir nicht bei jeder Vorstellung in unsrem Denken +wenigstens dreierlei zu unterscheiden: Die =gedachte= Vorstellung; den +=Stoff= dieser Vorstellung, abgesehen von ihrem Gedachtwerden, somit =an +sich= betrachtet; und den Umstand, =ob= dieser Vorstellung ein +=wirklicher= Gegenstand entspricht, den letzten nicht so, daß dessen +Eigenschaften zugleich Eigenschaften der =Vorstellung=, seine Merkmale +zugleich Bestandtheile der letztern sein müßten, sondern einzig, ob es +einen wirklichen Gegenstand gibt, welcher durch diese Vorstellung +vorgestellt wird, auf welchen sie sich bezieht? Gewiß sind Gegenstand +und Vorstellung desselben keineswegs identisch. Was daher vom +Gegenstande gilt, muß nicht von der Vorstellung, was von dieser, nicht +umgekehrt vom Gegenstande gelten. Dem Etwas überhaupt können +Eigenschaften zukommen, die dem =wirklichen= Etwas fremd sind. Wenn +unter jenem, sobald es wahre Sätze an sich sind, das Verhältniß von +Grund und Folge herrscht, kann unter =wirklichen Etwassen= nur das +Verhältniß der Ursache und Wirkung stattfinden. Daß man beide so leicht +verwechselt, hat seinen Grund zum Theil darin, daß wir so wenig genau zu +sprechen gewohnt sind, daß wir häufig von Wirkungen sprechen, wo wir nur +von Gründen oder Folgen, bloßen Sätzen sprechen sollten. Sobald dies +Verhältniß von Grund und Folge zwischen zwei Sätzen an sich, die beide +eine Existenz aussagen, vorhanden ist, verhalten sich die beiden Dinge, +deren Existenz in denselben ausgesagt wird, wie Ursache und Wirkung. Da +ferner der eine dieser Sätze nicht ohne den andern wahr sein kann, oder: +sobald der eine wahr ist, es auch der andere sein muß, so ist auch die +darin ausgesagte Existenz dieser beiden Dinge im Causalverhältniß +gleichzeitig; somit Ursache und Wirkung gleichzeitig. Obgleich also +beide Verhältnisse: zwischen den Dingen jenes der Ursache und Wirkung, +zwischen den Sätzen, die die Existenz dieser Dinge aussprechen, jenes +des Grundes und der Folge zu gleicher Zeit stattfinden, sind sie doch +nicht ein und dasselbe. Daß dem so ist, kann uns zur Genüge wieder ein +sehr nahe liegendes Beispiel lehren. Unsere Erkenntnißgründe weichen +häufig von den wahren Ursachen sehr ab, ja sind zuweilen gerade +verkehrt. So pflegen wir zu sagen: Wenn das Barometer steigt, so wird es +schön Wetter, wo das letztere als =Folge= des erstern =erkannt= wird, da +es doch der =Grund= desselben ist. Richtig muß also der Satz so lauten: +Wenn das Wetter schön wird, so steigt das Quecksilber; und hier ist +abermals das =wirkliche= Zunehmen des Luftdrucks =Ursache=, das +=wirkliche= Steigen des Barometers =Wirkung=. Nicht aber ist der =Satz=: +Wenn der Luftdruck sich vermehrt, Grund des =wirklichen= Steigens des +Barometers, noch umgekehrt der =Satz=: so steigt das Barometer, =Folge= +des =wirklichen= Steigens des Luftdrucks, weil Sätze und Wirklichkeiten +einander ganz heterogen, und weder diese durch jene, noch jene durch +diese hervorzubringen sind. + + (115) Encyklop. =Hegel='s, her. v. =Henning=. I. S. 306. + +Dies ist aber keineswegs so zu verstehen, als ob der Inhalt der Sätze an +sich und ihre Verhältnisse zu einander als Gründe und Folgen für das +Dasein, die Anordnung, das Geschehen, in der =wirklichen= Welt +gleichgiltig wären; sie sind im Gegentheil von der entschiedensten und +folgenreichsten Wichtigkeit für dieselbe, weil sie als Sätze an sich +nicht nur den Stoff aller mechanischen Naturgesetze, sondern auch den +objectiven Stoff aller Gedanken, Urtheile und Entschließungen enthalten, +die durch ihre =Wirklichkeit= im Gemüthe denkender und willensfähiger +Wesen auf (deren) Handlungen und Einwirkungen sowohl auf sich selbst als +auf die Außenwelt entscheidenden Einfluß üben. Was als Satz an sich +vorhanden, außerhalb aller Existenz, nur eine Verknüpfung wie Grund oder +Folge besitzen kann, vermag als gedachter Satz, als wirklicher Gedanke +eines Wirklichen schon auf Wirkliches zu wirken und Wirkliches +hervorzubringen, d. i. ein wahres Verhältniß zwischen Ursache und +Wirkung zu begründen. Um ein altes Wort für einen neuen Begriff zu +gebrauchen, man könnte, wenn unter _mundus_ der Inbegriff alles +endlichen Wirklichen, des substantiellen und accidentiellen, also auch +alles wirkliche Geschehen begriffen würde, die Gesammtheit aller +derjenigen Wahrheiten, die etwas Seiendes ausdrücken, sammt ihren +objectiven Gründen und Folgen den _mundus idealis_ nennen, weil nichts +sein und nichts geschehen kann, dessen Dasein oder Geschehen nicht in +einem Satze ausgesprochen werden könnte. Der Stoff dieses Satzes, den +vielleicht noch Niemand ausgesprochen, vielleicht nicht einmal gedacht +hat, wie Niemand jenen des Copernicus dachte, ungeachtet er bestand, ehe +dieser ihn ausgesprochen, wäre ein Satz an sich, und insofern dieser +Satz etwas ausspräche, was immer oder einstens =wirklich ist und +geschieht=, eine Wahrheit an sich. Indeß hier könnte man Anstand nehmen. +Unter den =Sätzen an sich= dieses _mundus idealis_ würden zum Theil +solche sich befinden, die sich auf zu aller Zeit existirende wirkliche +Dinge beziehen, zum Theil solche, die von in der Zeit entstehenden und +vergehenden, mit einem Wort veränderlichen Dingen etwas aussagen. Von +der Art der Erstern sind offenbar alle solche Sätze, die +reinbegriffliche Allgemeingiltigkeit haben, z. B. von der Existenz +wirklicher Dinge überhaupt, von der Existenz einfacher Wesen u. dgl. Zu +den letztern gehören alle solche, die eine Erfahrungswahrheit +aussprechen, deren Subjectsvorstellungen solche sind, die sich auf +=individuelle Gegenstände= beziehen, also Anschauungen oder gemischte +Begriffe. Da Gegenstände letzterer Art in der Zeit =entstehen= und +=vergehen=, so hat es den Anschein, als ob der Satz an sich (im _mundus +idealis_), der sich auf diesen Gegenstand eben bezieht, z. B. das Dasein +=dieses= Baumes aussagt, zu gewisser Zeit, nämlich wenn der Baum +=wirklich= existirt, wahr, zu einer andern, wo dies nicht der Fall, +falsch würde, daß er sich daher verändere, was wir von einem Etwas, das +selbst keine Existenz hat und außer aller Zeit ist, wie ein Satz an +sich, nicht glauben zugeben zu können. Eine kleine Veränderung in der +Natur des =Satzes an sich= überhebt uns dieser Schwierigkeit. Sätze, die +sich auf Gegenstände beziehen, welche zu gewisser Zeit existiren oder +geschehen, zu anderer nicht, nehmen, um in ihrer Wahrheit oder +Falschheit keine Veränderung zu erleiden, die Zeitbestimmung mit in die +Subjectvorstellung auf. Der Satz: der Baum blüht, ist so wie er da +ausgesprochen wird, weder wahr noch falsch, denn dem Baum ist es weder +eigenthümlich, =immer= zu blühen, noch =immer= nicht zu blühen. Wenn +dagegen der Satz lautet: der Baum in =diesem= Augenblicke blüht, kann er +nur Eines von beiden, entweder wahr oder falsch sein, je nachdem der +Baum in =diesem= Augenblicke wirklich blüht oder nicht. Blüht er daher +in dem Augenblick _t_ wirklich, so ist auch der Satz =an sich=: der Baum +im Augenblick _t_ blüht, immer wahr gewesen, und es nicht erst +=geworden= in dem Augenblick, da der Baum wirklich zu blühen anfing, +erleidet daher keine Veränderung. Warum die Zeitbestimmung sich nur in +Erfahrungssätzen findet, ergibt sich daraus, weil nur diese etwas von +veränderlichen Gegenständen aussagen und nur bei solchen eine +Zeitbestimmung als Bedingung, unter welcher allein eine Veränderung +möglich ist, ins Mitleiden gezogen wird. Reine Begriffssätze, z. B. die +Summe aller Winkel im Dreiecke ist gleich zwei Rechten, enthalten keine +Zeitbestimmung, weil an ihrem Gegenstande keine Veränderung vorgehen +kann. Sätze dieser Art sind daher zu aller Zeit wahr, oder wie man +allein richtig sagen muß, ihre Wahrheit ist außer aller Zeitbestimmung. + +Bei =Leibnitz= erscheint, wie wir gesehen haben, die Annahme eines +_mundus idealis_ als Vorbild der wirklichen Welt im Geiste Gottes, aber +er betrachtete die allgemeinen und die Erfahrungswahrheiten nicht =an +sich= und unabhängig von ihrem Gedachtwerden bestehend, sondern einzig, +insofern sie in Gott selbst als wirkliche Ideen und Gedanken Ursachen +der wirklichen Welt werden. Es ist aber jetzt wohl hinlänglich klar, daß +dieselben, auch abgesehen von ihrer Wirklichkeit als gedachte +Wahrheiten, einzig den Beschaffenheiten ihres an sich seienden Stoffes +nach untersucht werden können. Eben so leicht einzusehen dürfte es sein, +daß eben diese Sätze, mögen sie nun allgemeine und nothwendige +Wahrheiten, Gesetze u. s. w. heißen, nichts Wirkliches hervorzubringen +im Stande sind, sondern daß dies nur die Auffassungen derselben in den +Gemüthern wirklicher Wesen, die als solche selbst etwas Wirkliches sind, +vermögen, indem sie dem denkenden Wesen als Bestimmungs- oder +Abhaltungsgründe, als Richtschnur oder Hilfsmittel für sein Handeln und +Denken dienen. Es ist ganz unmöglich, daß nur =an sich seiende Gesetze= +ohne Dazwischenkunft einer wirklichen Persönlichkeit die wirkliche Welt +aus sich hervorgehen machen, so wie es unmöglich ist, daß ein +Nichtwirkliches ein Wirkliches erzeuge. + +Allein dies ist nicht des Verf. Ansicht, der zwar ebenfalls eine ideale +Welt von Gesetzen annimmt, nach welchen sich der Schein ordnet und +zusammenfaltet, um den Schein der Substantialität hervorzubringen, der +aber diesem Geschehen zugleich die allein wahre Realität zuschreibt. +»Die Apodikticität des Daseins kommt allein dem Sein-Sollenden, dem +Guten zu« ... daher »muß Alles, was wirklich sein soll, in einer +Zweckbeziehung enthalten sein, und ... das Verhältniß zwischen +unerfülltem, erfülltem Zweck und Mittel ist das Gesetz all' dieses +Zusammenhanges.« Diese Zweckbeziehung ist aber keine äußerliche, etwa +auf ein zwecksetzendes Wesen, sondern eine den Dingen selbst +»immanente,« sich in sich und durch sich selbst vollendende. Die +»Gesetze« im Innern der Dinge, welche den Schein zusammenhalten, und zu +einem scheinbar Seienden machen, bringen durch eigene Kraft das +Wirkliche hervor, indem sie »in der eigenthümlichen Inhaltsbestimmtheit +der Dinge Theile eines Grundes bilden, welche wenn sie mit andern +Theilen desselben, die von andern Dingen als Vehikel ihrer Wirklichkeit +getragen werden, zusammenkommen, den ganzen Grund ausmachen, aus dessen +einzelnen Bestimmungen durch wechselseitiges Aufheben und Verlöschen +oder anderweitige durch das Zusammenkommen neubegründete Verhältnisse +ein Resultat als verwirklichte Folge hervorgeht.« Damit aber, wie dies +bei »ruhender Causalität« die Folge sein müßte, nicht alle Wirkungen ein +für allemal gleichzeitig erfolgen, und nicht aller Grund zur weitern +Fortentwicklung hinwegfalle, damit sich also die »ruhende« Causalität in +eine bewegte verwandle, bedient sich der Verfasser kosmologischer Formen +als der Bedingungen, unter welchen Dinge, welche vorher gegen den +Causalzusammenhang gleichgiltig waren, erst wirklich in denselben +eintreten. Welche Dinge mittels derselben in die Erscheinung treten, +dies zu entscheiden ist Sache der Zwecke »als der treibenden und +bewegenden Macht!« Gesetze also sind das eigentliche Thätige. Wie dies +möglich sei? wie Gesetze, die im Grunde nichts Anderes sind als =Sätze=, +Bewegung, Thätigkeit, Realität besitzen, wie ihnen diese sogar +ausschließlich beigelegt werden können, wenn es doch klar zu sein +scheint, daß nicht das Gesetz, sondern das Ding =nach= dem Gesetze +allein sich fortzuentwickeln, zu bewegen und thätig zu sein vermöge: +darüber muß man von Denen keine weitere Erklärung fordern, die nun +einmal gleich uns das abstracte Denken (soll heißen »die Wahrheiten an +sich«) nicht als ein sich Bewegendes und dialektisch sich Entwickelndes +zu begreifen im Stande sind, und welche wie wir die Denkthätigkeit der +Individuen von dem Stoffe des Denkens: den Sätzen, Vorstellungen und +Begriffen an sich, die in diesem nur aufgefaßt werden, streng +unterschieden wissen wollen. Eben darum vermögen wir uns die +Zweckbeziehung nicht anders denn als eine von einem vernünftigen Wesen +gesetzte, keineswegs als eine diesem immanente und unbewußt treibende +Macht zu denken. Allerdings entsteht nicht jedes Wirken nur eben durch +Erkenntniß. Der Stein z. B. wirkt, indem er den Pflanzenkeim des unter +ihm liegenden Samenkorns niederhält, auch wenn Niemand die Wahrheiten, +welche dies Causalverhältniß aussprechen, denkt und erkennt. Umgekehrt +gibt es nicht minder selbst falsche Sätze, welche durch die Auffassung +in das Gemüth eines denkenden Wesens Wirkungen haben. Ein Zweck aber, +also ein Satz, gewinnt nur dadurch Wirklichkeit, daß er von irgend einem +Wirklichen gedacht oder gesetzt wird, und nur als Wirkliches vermag er +auch wieder Wirklichem das Dasein zu geben. + +Dieser Satz, auf den wir überall zurückkommen, ist der hier eigentlich +entscheidende. Ist er richtig, so kann überhaupt in keinem System ein +wirkliches Geschehen zugelassen werden, wo es nicht wirkliche Reale +gibt, und zwar solche, die diesen Namen verdienen, die des +wechselseitigen Einwirkens auf einander fähig sind. + +Einen Beweis dazu liefert das Vorliegende. Für den Verf. besteht »das +wahre eigentliche Geschehen in der Beziehung des Erscheinenden auf sein +Inneres,« d. h. auf das Gesetz, welches den erscheinenden Schein +zusammenhält. Das Seinsollende, welches allein Apodikticität des Daseins +hat, erhält sich durch diese gegen jede Veränderung seiner Lage als +»=Störung=.« Die Voraussetzung der Apodikticität des Daseins haben wir +zu machen, aber »wir dürfen nicht die Selbsterhaltung auf einfache Wesen +mit unveränderlicher Qualität (welche diese immer sein mag) ausdehnen.« +Die Qualität muß, um gestört werden zu können, zu dem Seinsollenden, dem +Guten, »welches das allein wahre Seiende ist(116),« gehören. »Wo eine +Erscheinung sich organisch zusammengefügt hat, wird sie als ein ideales +Wesen, das eine Apodikticität seines Daseins in der Reihe anderer +genießt, sich erhalten gegen die Störungen seiner kosmologischen +Grundlage durch andere. Die mechanische Rückwirkung, die sie vermöge +dieser Basis gegen den Anstoß ausübt, gehört dem scheinbaren Geschehen +und wird nicht von ihr hervorgebracht, sondern von den Massen, die nach +mechanischen Gründen sich verhalten, wie sie auch in zufälligen Gebilden +sich verhalten würden. Aber gegen die Störung seiner idealen Natur, die +der Veränderung seiner kosmologischen Grundlage unterliegen würde, +leistet es Widerstand, indem es sich als seinsollendes Wesen gegen die +Macht der eindringenden Bewegung erhält. Es setzt daher die Umwandlung +seiner mechanischen Verhältnisse als ideale Accidenzen in sich, dem +Idealen, und wirft sie eben so sehr aus sich als ein Fremdes hinaus, als +es ihnen erst die ideale Qualität zuertheilt, die sie zeigen. Die +Geschichte dieses Widerstandes, den die idealen Wesen vermöge ihrer +mechanischen Grundlage sich einander leisten, indem sie jedes das andere +unter einer von ihnen selbst gesetzten idealen Form von sich abstoßen, +ist das wahre eigentliche Geschehen und in ihm erst thut sich der +Schauplatz aller Erscheinung auf. Jedes hat seine Erscheinung in dem +andern; dadurch daß es von dem Andern, auf das es einwirkt, vermittels +der in diesem hervorgebrachten Veränderungen gemessen, und als Fremdes, +dem idealen Sinne des Angegriffenen nicht Zukommendes aus ihm +herausgeworfen wird, erlangt es die ideale Qualität, die es zur wahren +Erscheinung macht. Die Natur bringt so als ihren Gipfel nothwendig die +Empfindung hervor; erst in ihr kommt die schweigende unsichtbare Welt +der kosmologischen Dinge zur wahrhaften Erscheinung und die Qualität der +Sinne, der Glanz, der Klang, der Druck und die Wärme bilden mit den +Gefühlen der Lust und Unlust diejenige Grundlage des idealen Geschehens, +zu der sich der todte und erscheinungslose Zusammenhang des +Kosmologischen erhebt.« Die sinnlichen Qualitäten sind das Material, +dessen Combination und Entwicklung in sich als der Schein des idealen +Geschehens das eigentliche Erscheinen bildet. Dieses ist nicht, »so lang +die Wellen des mechanischen Geschehens sich nicht bis an die Schwellen +des idealen Wesens fortsetzen, das die Störung seiner eigenen +mechanischen Basis in Gestalt jener Qualitäten auf idealem Gebiete von +sich abstößt ... Klingen des Schalles und Glänzen des Lichtes treten +(daher) mit einem neuen Anfang des Geschehens auf idealem Gebiet hervor, +indem das ideale Wesen in ihnen seine eigene Störung empfindet, und an +ihr das Wesen der äußern Ursachen mißt. Diese innere Welt der +qualitativen Erscheinung ist eben deshalb nur da möglich, wo ein ideales +Wesen vorhanden ist, welches organische Formen zu der gesetzmäßigen +Grundlage eines Begriffs verbindend, die äußere Einwirkung als Störung +dieses Begriffs empfinden kann. Wo Massen oder zufällige Gebilde in +Conflict mit einander gerathen, da wird das Geschehen zwischen ihnen, +die keinen Begriff der idealen Welt zu vertreten und zu vertheidigen +haben, nur ein kosmologisches bleiben, das nicht in ihnen, sondern in +einem Dritten zur Erscheinung kommt.« + + (116) Vgl. =Weiße= über =Lotze=: =Fichte='s Zeitschrift. IX. 8. + S. 260. + +Die idealen Wesen sind sonach die unerläßlichen Bedingungen qualitativer +Erscheinung und wirklichen Geschehens. Ihre Beschaffenheit ist demnach +entscheidend für die Art und Weise, wie wir das wirkliche Geschehen zu +denken haben. Welche Vorstellung dürfen wir uns nun von denselben +machen? + +Sie sind bloße Phantasiegeschöpfe! »Denn da die Qualität der Empfindung +nicht ein Attribut des mechanischen Processes ist, der sie erregt, +sondern die Folge aus ihm und einer andern Prämisse, welche aus der +Natur des idealen Wesens fließt, so müssen wir der Phantasie gestatten, +über die Grenzen unserer Sinnlichkeit hinauszuschweifen und ideale Wesen +zu denken, welche die gleichen einwirkenden Kräfte in mannigfaltige +verschiedene Formen der Empfindung projiciren.« + +Wenn wir auf diese Weise das ideale Wesen, das wir nach Seite 273 in dem +Bestreben, »die Beziehungen, welche die Ontologie zwischen den Seienden +bietet, aufzusuchen, eben selbst gewesen sind,« wenn wir sonach unsere +eigene Existenz in ein »bloßes Gebild der Phantasie« sich verflüchtigen +sehen, dürfen wir da nicht billig fürchten, den Boden der Metaphysik +unter den Füßen verloren zu haben? Stehen wir nicht hier auf dem Punkte, +statt der monadistischen Vielheit specifisch verschiedener Realen nur +eine Mehrheit unter sich verschiedener »Gesetze« vor uns zu haben, denen +unmittelbare Bedeutung für das Wirkliche ohne Dazwischenkunft einer +denkenden und handelnden Persönlichkeit nur dann mit einigem Rechte +zugestanden werden kann, wenn man ihr als lebendiger »Genesis« oder +»dialektisch sich fortbewegender Idee« etwa ein ursprüngliches +wirkliches, mit dem Denken identisches Sein zuspräche, wogegen sich aber +der Verf. selbst entschieden ausspricht. Er will sie ausdrücklich als +bloße (an sich seiende) Gesetze angesehen wissen, nach deren innerer +Nothwendigkeit sich der Schein so ordnet, daß der Schein der +Substantialität, der Thätigkeit und der sinnlichen Qualität entsteht. +Ist es aber nicht wahr, daß sobald alle realen Grundlagen außer den +Gesetzen sich in »Phantasiegeschöpfe« auflösen, auch Dasjenige fehlt, +=welchem= der Schein überhaupt erscheinen, und das selbst nicht wieder +weder ein Zweck noch ein Gesetz sein kann? Ein Solches, welchem der +Schein erscheint, ist zum wenigsten der Denker selbst. Wenn aber auch +Dieser nur ein »Phantasiegeschöpf« ist, verliert dann die Existenz des +Scheines überhaupt nicht allen Halt? Kann Etwas erscheinen, wo Niemand +ist, dem es erscheinen kann? Ja kann überhaupt nur etwas erscheinen, wo +Nichts vorhanden ist, an welchem es erscheinen kann? Fallen aber, sobald +derjenige fehlt, welchem der Schein erscheint, nicht auch alle die +Gründe hinweg, welche die Anordnung dieses Scheins nach ethischen +Principien, und metaphysischen Kategorien zur Folge haben? Ja sogar die +Reflexion über dieselben ist unmöglich, wenn kein ihrer fähiges Wesen +vorhanden ist. + +Indeß dies würde uns in eine Kritik des ganzen Standpunktes des Verf. +verwickeln, wo wir nur ein einzelnes Princip des Geschehens +hervorzuheben uns vorgenommen haben. Dieses ist in der That von der Art, +daß es uns gestaltet, den Gang der Untersuchung wenigstens dem Wortlaut +nach zu seinem Anfangspunkt zurückzubiegen. Wir gingen von einer +=prästabilirten Harmonie= aus und stehen wieder bei einer solchen, wenn +sie auch mit der erstern wenig mehr als den Namen gemein hat. Die +erstere nimmt unveränderliche, den Realen von Gott eingepflanzte Gesetze +(_insitae leges_) an, nach welchen sich der Ablauf der Veränderungen in +denselben immanent entwickelt; die zweite betrachtet das sogenannte +Reale selbst nur als die scheinbare Hülle des immanenten Gesetzes, das +ohne von einer Persönlichkeit eingepflanzt worden zu sein, sich seiner +eigenen innern bewegenden Natur nach vollständig erfüllt. Die +Veränderungen in den Monaden stimmen nach dem Willen der vollkommensten +Persönlichkeit, der _Choix du meilleur_ miteinander überein: das +wirkliche Geschehen harmonirt bei =Lotze= mit der vorstellenden +Empfindung vermöge der Natur der »innern Qualität« der letztern und des +Zusammenhangs, welcher unter den idealen Gesetzen herrscht, welche das +Wesen des Scheins ausmachen. Das Uebergehen allgemeiner Gesetze und +Essenzen in die Wirklichkeit hängt nach =Leibnitz= vom Verstande und +Willen der Gottheit ab, welche das Beste erkennt und das Beste will: +nach =Lotze= ist es der an und für sich unbedingten Werth oder Unwerth +habende oder nicht habende Inhalt der Gesetze, von welchen einzig, mit +Ausschluß aller nach ihnen handelnden oder setzenden Persönlichkeit, ihr +Uebergang in die Wirklichkeit abhängt. =Lotze='s Teleologie ist eine +=immanente=, =Leibnitz=' und auch =Herbart='s eine äußerliche. Diese +setzt eine Persönlichkeit gegenüber dem vorhandenen geschaffenen Stoffe, +welche den Zweck denkt und sich des Stoffes zu seiner Realisirung +bedient. Jene setzt die Zwecke als solche absolut, die durch den +Durchgang durch die Erscheinungswelt sich selbst vollenden und zur +erfüllten Realität verwirklichen. Wenn wir daher (wie der Verf. selbst +es will) die »Bewegung« des Gedankens als belebtes oder lebendes Ding +ausschließen, so bleibt uns nichts übrig, als zu sagen: Ein Gesetz ist, +so lange es von keinem vernünftigen Wesen gedacht wird, nichts weiter +als ein Satz, der an und für sich gar keine Wirkung hervorzubringen +vermag: gedacht und erkannt geht es in die Wirklichkeit über, und vermag +Handlungen und Thätigkeiten vernünftiger Wesen so zu bestimmen, daß +diese ihm entsprechende Veränderungen an andern wirklichen Dingen +hervorbringen. Es aber an und für sich als Satz, als nicht wirklich +Existirendes, Grund wirklicher Dinge und wirklichen Geschehens werden zu +lassen, das läßt sich mit der eigenen Behauptung des Verf. nicht +vereinen: Nur Wirkliches könne Wirkliches erzeugen. + +Damit stünden wir am Rande unserer Untersuchungen auf gegebenem Gebiete, +so weit sie den Monadismus betreffen. Strenggenommen gehörte das +letztere System nicht mehr hieher, wenn es sich nicht auf die +Voraussetzung einer Mehrheit idealer Wesen als Träger des Scheines +stützte, in denen man aber wenig Verwandtschaft mit Monaden und Realen +mehr erkennen mag. Eher ließen sie sich mit den vagen Dingen an sich der +kritischen Philosophie vergleichen. Jedenfalls ist das wirkliche +Geschehen an ihnen eben so transcendent, wie an den Dingen an sich, +Monaden und Realen, und die immanente Zweckbeziehung durch das Bedürfniß +zusammenhaltender Einheit gegeben. Entscheidend für die Zulässigkeit der +von dieser Ansicht aufgestellten Theorie des wirklichen Geschehens ist +die Erkenntniß der Nichtidentität der Verhältnisse zwischen Grund und +Folge, und zwischen Ursache und Wirkung, und der Unmöglichkeit jenes, +das nur unter Sätzen als Nicht-Existirendes gilt, auf die wirklichen +Dinge zu übertragen. + +Gegen =Drobisch= sind es hauptsächlich zwei Einwendungen, die uns der +Berücksichtigung werth schienen; die eine: daß Raum- und Zeitbeziehungen +in keinem Fall mit unter die =wirklichen= oder äußern Beschaffenheiten +der Dinge gerechnet werden dürfen; die andere: daß auch in den =äußern= +Beschaffenheiten, Beziehungen und Verhältnissen wenigstens gewisser +Dinge kein Wechsel vorfallen könne, wenn nicht auch in deren =innern= +Eigenschaften ein solcher stattfindet, den aber die Annahme einfacher +unveränderlicher Qualität nicht erlaubt. + +Die Bedenken gegen die Theorie der Selbsterhaltungen lassen sich in +kurzem auf vier zurückführen: + +a) Die Selbsterhaltungen der Realen sind völlig überflüssig. Denn ist +einmal absolut unmöglich, daß ein Reales auf was immer für eine Weise in +dem andern Veränderungen hervorbringe, wozu hat dieses nöthig, sich +gegen jenes selbstzuerhalten? + +b) Scheint aber dieser Einwurf die Selbsterhaltung mit einer Thätigkeit +der Realen selbst, was sie nicht sein soll, zu verwechseln, und ist nur +diese absolute Unmöglichkeit Störungen zu erleiden, selbst die +Selbsterhaltung, so ist im Grund jede Selbsterhaltung nichts weiter, als +ein specieller Folgesatz aus dem allgemeinen Satze: Es kann überhaupt +keine Störung stattfinden, also überhaupt nichts anders als ein Satz, +der keine reale Bedeutung hat, von der Form: _A_ ist _A_. + +c) Daher ist auch von keinem Wechsel, keiner Veränderung der Realen bei +diesem Geschehen die Rede, ungeachtet selbst =Lotze= gesteht: ein wahres +Geschehen sei nur dasjenige zu nennen, welches »zum Ende ein qualitativ +Anderes als zum Anfangspunkte hat.« Die Selbsterhaltung dagegen ist ein +fortwährendes Sichselbstgleichbleiben des Realen; es tritt mehrmals in +das Verhältniß, sich ändern zu sollen; aber die vorhandene Unmöglichkeit +schneidet allen Wechsel ein für allemal ab. Ob es diese Störung, die es +einmal durchaus nicht erleiden kann, nicht durch _C_, nicht durch _D_, +nicht durch _E_ erleidet, kann dem _A_ an sich genommen höchst +gleichgiltig sein. Will man aber diesen Umstand als modificirend für die +Selbsterhaltungen und die letztern wirklich als verschiedene innere +Zustände im Realen (nach =Strümpell=) ansehen, so + +d) frägt es sich neuerdings, wie sich eine solche Vielheit wirklicher +Zustände mit der streng einfachen Qualität der Seele in Einklang bringen +lasse? Hiezu kommt, daß uns die Vielheit wirklicher Zustände in der +Seele in unserm eigenen Bewußtsein gegeben wird, und auf diese Weise +sich zugleich als ein Ding mit mehreren Merkmalen und der Veränderung +unterworfen zeigt. + +Bei der prästabilirten Harmonie ist die Abwesenheit des wechselseitigen +Einwirkens am auffallendsten, der Mechanismus und Fatalismus, der +dadurch in den Lauf des Geschehens im Innern und Aeußern der Monaden +gebracht wird, am widersprechendsten mit der täglichen geläufigen +Erfahrung. Nachdem einmal die falsche Vorstellung von physischer Wirkung +als Uebergang von Materie beseitigt, und wenigstens die Möglichkeit +offen gelassen ist, daß die vollkommenste Monade ihrerseits auf alle +andern und im vollkommensten Grade zu wirken im Stand sei: da ist in der +That kein weiterer Grund vorhanden, die Fähigkeit der äußern +Wirksamkeit, wenn auch in minderem Grade, den unvollkommneren Monaden +abzusprechen. Wie sie an denselben gedacht werden könne, wollen wir im +nächsten Abschnitt zu zeigen versuchen. + + +5. Die Wechselwirkung. + +Fassen wir zusammen, was wir aus der bisherigen Betrachtung der Meinung +Anderer für unsre eigene Ueberzeugung gewonnen haben, so sind dies +vornehmlich zwei Sätze: der eine, daß sie sich sämmtlich dahin +vereinigen, ein wahres und wirkliches »Geschehen« der Erfahrung gemäß +voraussetzen zu müssen; der andere, daß die Annahme eines solchen, +sobald sich die Realen nicht ganz passiv und unthätig gegen dasselbe +verhalten, mit ihrer besondern Beschaffenheit, ihrer Impenetrabilität +oder ihrer streng einfachen Qualität, die aber selbst für sich nichts +weniger als unwidersprechlich sind, im Widerspruch stehe. Zugleich ergab +sich jedoch auch, daß jeder der für diesen Widerspruch vorgebrachten +Gründe auf irgend eine Weise einem Zweifel unterliege, welcher nicht +allein aus der Ungewohnheit des Resultats, sondern in der That aus +offenbaren Widersprüchen ihrer selbst oder aus ihrer mangelhaften +Beweisführung entspringt. Können uns weder die Selbsterhaltungen in +ihrer ursprünglichen noch in ihrer veränderten Gestalt, weder das ideale +Geschehen des teleologischen Idealismus, noch jenes der eigentlichen +prästabilirten Harmonie mit ihren Gründen Ueberzeugung abnöthigen: so +gewinnt dagegen der erstgenannte Satz immer mehr Boden, der außer der +thatsächlichen Anerkennung auch noch die Bestätigung des gesunden +Menschenverstandes für sich hat. Wenn wir am Gewölbe des Himmels nicht +minder als in dem feinsten Zellgewebe des Pflanzenkeims beinahe +ununterbrochen den Ablauf von Veränderungen wahrnehmen, die wir nicht +ohne Ursache zu denken vermögen; wenn diese Ursache gleichwohl, wollen +wir nicht in dasselbe Ding als _causa sui_ die anfangslose Reihe des +absoluten Werdens hineinlegen, nicht im veränderten Dinge selbst liegen +kann; wenn es uns die unnatürlichste Ueberwindung kostet, dies +anscheinende Resultat der freiesten wechselseitigen Thätigkeit für +nichts anders als den indifferenten mechanischen Ablauf blinder +Naturgesetze zu halten: so dürfen wir noch einen Versuch machen, dem +strittigen Problem eine Annahme unterzuschieben, welche ohne in +Widerspruch mit Erfahrung oder reinen Begriffserkenntnissen zu treten, +uns über jene Schwierigkeiten hinauszuheben verspricht. + +Diese Möglichkeit ist bei =Leibnitz=, gerade wo man es am wenigsten +vermuthen sollte, in der That vorhanden, und wir haben sogleich im +Eingang unsrer Darstellung darauf hingewiesen(117). Es hätte nur bei ihm +gestanden, durch einen höchst einfachen Gedanken, dem er überdies sehr +nahe war, die blendende, aber trostlose Hypothese der Harmonie gegen +lebendige thätige Wechselwirkung einfacher Wesen zu vertauschen: durch +einen Gedanken, der in seinem System einen Grundsatz ausmachte und +diesem ganz, wie man sagen könnte, das Dasein gegeben hatte. Ob ihn die +nachstehende Darstellung auch nur in Einigem zu ersetzen vermöge, wagen +wir gegen uns selbst kaum zu behaupten, und übergeben sie daher mit +großer Schüchternheit und vollkommenem Bewußtsein ihrer Mängel und der +vielen erst noch auszumachenden Schwierigkeiten dem prüfenden Urtheil. + + (117) _Secretan_ (_la philos. de =Leibnitz=, Genève 1841_) ist anderer + Ansicht und meint, die prästabilirte Harmonie ergebe sich mit + Nothwendigkeit aus =Leibnitz=' Definition der Substanz als eines das + Universum repräsentirenden Wesens, welches sonach nicht ohne + »Repräsentirendes« sein könne, und sei daher vom übrigen System + unzertrennlich. Allein lag nicht die Frage viel näher: Wodurch bewirkt + denn das Repräsentirte, daß es repräsentirt wird? Doch wohl dadurch, + daß es auf das Repräsentirende einwirkt, seine eigene Repräsentation + in demselben hervorbringt? Durch die Annahme einer solchen Einwirkung + wäre aber die prästabilirte Harmonie vermieden, oder die Harmonie + zwischen den einfachen Wesen selbst überhaupt erst begreiflich + geworden. + +Daß diese Vermittlung nirgend anderswo als beim physischen Einfluß, so +lebhaft sich =Leibnitz= gegen denselben aussprach, zu finden sein werde, +ist leicht vorauszusehen. =Leibnitz= hatte ganz recht, zu behaupten, es +gebe nur die drei genannten Arten, den Causalitätszusammenhang einfacher +Substanzen zu begreifen: physischen Einfluß, prästabilirte Harmonie und +Occasionalismus. Er hätte noch kürzer sein und aussprechen können, es +gebe deren nicht mehr als zwei: die Substanzen wirkten entweder auf +einander ein oder sie wirkten nicht. Occasionalismus und prästabilirte +Harmonie waren nur der Erfahrung gemachte Concessionen, Nothbrücken, um +die allzu weite Kluft kärglich auszufüllen. =Herbart= verschmähte es, +sich einer solchen zu bedienen, er blieb lieber bei dem Satze stehen, +daß die Dinge überhaupt jeder Veränderung ihrer Qualität unzugänglich +seien. Der Widerspruch mit der täglichen Erfahrung kümmerte ihn hiebei +nicht, weil er das apriorische reine Denken höher anschlug, und die +Erfahrung ganz und gar in das Gebiet des Scheins zu verweisen vorzog, +eh' er einen Schritt im Denken thun wollte, für welchen er keine +apriorische Berechtigung, gegen den er wohl gar Gründe zu haben glaubte. +Der physische Einfluß bleibt somit allein übrig, wenn das Nichtwirken +der Substanzen ausgeschlossen wird und es handelt sich nur darum, +denselben richtig aufzufassen. + +=Leibnitz= nahm den Begriff offenbar zu eng, denn nach seiner Erklärung +könnten nur Wesen, welche Ausdehnung haben, also zusammengesetzt und +folglich Körper sind, physisch auf einander einwirken. Nur von solchen +können sich Theile ablösen und nur solche können dergleichen in sich +aufnehmen. Das Wort »physisch« bildete einen strengen Gegensatz gegen +die Einwirkung geistiger Naturen auf einander, wie sie in der Erziehung, +im Unterricht, in der Mittheilung statthat. Da es für ihn keine andern, +als einfache und zwar geistige Wesen gab, so hatte er mit der Verwerfung +des materiellen Einflusses vollkommen recht: nur war damit die +Möglichkeit eines Einflusses derselben auf einander überhaupt noch nicht +verworfen. Sein Argument betraf die =einfachen= Substanzen eigentlich +gar nicht, sobald deren Einwirkungen auf einander nur nicht materieller +Art waren; Wirkungen anderer Art auf einander auszuüben war ihnen +dadurch keineswegs =verwehrt=. Da nun die Erfahrung Wirksamkeit der +Substanzen forderte, so setzte er sich im Grund in unnöthigen +Widerspruch mit derselben, wenn er ihr Stattfinden dort bestritt, wo +seine Gründe für das Gegentheil keine Anwendung mehr fanden. Während er +die endlichen Substanzen der Fähigkeit, nach außen Wirkungen was immer +für einer Art hervorzubringen, für verlustig erklärte, gab er diese +Fähigkeit an der unendlichen Substanz unbedenklich zu. Er gestand daher, +daß wenigstens die unendliche Substanz die Fähigkeit nach außen zu +wirken, und alle Endlichen die Fähigkeit von ihr Einwirkungen zu +empfangen, in der That besitzen, daß sonach eine Art der Einwirkung +zwischen =rein einfachen= Wesen nicht nur möglich sei, sondern wirklich +bestehe, welche nicht materieller Natur sei. Von welcher Art sie sei, zu +erforschen, oder gar eine Beschreibung davon zu liefern, dünkte ihm so +unausführbar, daß er sie der Allmacht des höchsten Wesens zuschob, für +welches Nichts unmöglich sei. Wird man aber selbst der =Allmacht= etwas +zumuthen dürfen, was =an sich= unmöglich ist? schließt nicht schon die +höchste Heiligkeit Gottes mehreres an sich Mögliche von dem Kreise +seines Wollens und Handelns aus? Nicht mehr noch die wechselseitige +Beschränkung, welche seine neben einander bestehenden Eigenschaften der +Allmacht und Heiligkeit einander auflegen? Gibt es ferner, wenn wir auch +nicht den Umstand, daß die Gottheit keinen Schmerz empfinden, Nichts +vergessen könne u. dgl. als eine Schranke derselben ansehen wollen, gibt +es nicht auch dann eine Menge theoretischer Begriffswahrheiten, welche +den Umfang dessen, was Gott hervorbringen kann, beschränken, weil sich +bei näherer Betrachtung zeigt, daß es etwas an sich selbst Unmögliches, +oder dem Wohle des Ganzen doch gar nicht Zusagendes wäre, z. B. ein +Körper mit sieben gleichen ebenen Seitenflächen begrenzt u. dgl. Ist +aber eine Einwirkung von Seiten der Urmonas auf die übrigen nicht nur +=an sich= möglich, sondern auch wirklich, so läßt sich fragen, warum +diese Fähigkeit, nur in minder vollkommenem Grade, nicht auch den +endlichen Substanzen zukommen solle? warum diese, da es =an sich= +möglich ist, daß sie Wirkungen von außen empfangen, weil sie ja +dergleichen von der vollkommensten Substanz empfangen, nicht auch äußern +Einflüssen von gleichfalls endlichen Substanzen ausgesetzt sein dürften? + +Benützen wir diesen Umstand, so sind wir der Nothwendigkeit enthoben, +bei der prästabilirten Harmonie unsre Zuflucht zu suchen. =Leibnitz= +gesteht einfache Wesen zu, welche Kräfte, und zwar mehrere, der +Veränderung, Vermehrung und Verminderung fähige Kräfte besitzen, unter +welchen sich »primitive« befinden, welche unfähig »jemals zu ruhen« in +fortwährender Thätigkeit begriffen sein müssen. Welche Gründe können uns +noch weiter nöthigen, die Wirkungen dieser thätigen Kräfte als dem +Thätigen selbst ausschließend =immanent= anzusehen? Der Grund, den das +System dafür beibringt, ist hinweggefallen. Die Aeußerung dieser Kraft +nach außen braucht nicht materieller Uebergang zu sein. Wir haben ein +Beispiel äußerer, nicht materieller transeunter Wirkung an der +Wirksamkeit der Urmonas: warum soll eine ähnliche nicht auch an den, +ihrer Einfachheit nach, von ihr nicht verschiedenen endlichen Substanzen +stattfinden können? + +Gibt es aber weiter keinen Einwand gegen diese Annahme (und =Leibnitz= +führt in der That keinen weiteren an, sondern liefert sogar selbst das +Beispiel der Urmonas als des nach außen unendlich-Thätigen), so kann es +uns gestattet sein, sie einmal versuchsweise an die Stelle der +entgegengesetzten Annahme zu setzen. Wir erklären unter ihrer +Voraussetzung irgend ein Veränderungsphänomen, z. B. das des Stosses. +Von einer Reihe dicht aneinander hängender Kugeln werde die erste in +Bewegung gesetzt; die letzte fliegt ab, die mittleren bleiben in Ruhe. +Die erste hat, da wir jetzt =annehmen=, ein Ding könne nach außen auf +das andere wirken, auf die letzte gewirkt, von der sie durch so viele +mittlere getrennt war. Was liegt hier näher, als der Schluß: die Wirkung +der ersten auf die letzte sei durch die mittleren vermittelt worden; die +erste habe auf die zweite, diese auf die dritte u. s. f. bis auf die +letzte gewirkt: Während die Wirkung der ersten auf die letzte durch die +mittleren Kugeln vermittelt war, wurde die Wirkung der ersten auf die +zweite durch keine weitere Kugel vermittelt, sie kann daher in Bezug zu +der vorigen eine unvermittelte heißen. Mit der Zurückführung der +vermittelten auf unvermittelte Wirkung haben wir sie in der That der +Erklärung näher geführt, wir haben sie aber derselben zugleich so nahe +geführt, als dies überhaupt geschehen kann. Wer wird es übernehmen, das +Unvermittelte noch weiter zu erklären, d. h. dasjenige aufzuweisen, +durch welche es selbst wieder vermittelt worden sei? Wäre dies nicht +eben so, als wollte man das Einfache noch in Theile zerlegen, das Axiom +noch weiter begründen? Nicht Schwäche unserer Erkenntnißkraft, nicht +Beschränktheit unsers Verstandes, die =Sache= selbst verbietet uns +weiter zu gehen. Es ist dies einer von jenen nicht seltenen Sätzen, die +keines Beweises bedürfen, weil sie an und für sich jedem unbefangenen +Verstande einleuchten. Einen Erfolg =erklären=, heißt angeben, durch +welche Mittel er zu Stande gekommen. Wenn er nun =ohne= weitere +Vermittlung eingetreten ist, so ist es ja eine offenbare =Unmöglichkeit= +ihn weiter zu erklären, und eine eben so offenbare Ungereimtheit dies zu +wollen. + +Setzen wir daher an die Stelle jener Kugeln eine Reihe dicht(118) an +einander liegender einfacher Monaden und wir bemerken an dem Endgliede +derselben, _B_, eine Veränderung, deren Grund wir am Anfangsglied _A_ +wahrnehmen, so schließen wir, _A_ habe auf _B_ verändernd eingewirkt. Es +frägt sich, ob diese Wirkung eine vermittelte oder unvermittelte gewesen +sei. Im letzteren Falle bedarf sie keiner weitern Erklärung, und ist +keiner solchen fähig, im erstern läßt sie sich auf unvermittelte +Wirkungen zurückführen. + + (118) Eine unzulässige Annahme, wie wir sogleich sehen werden, die + aber doch von Denkern, wie =Herbart=, =Fischer= u. a., wenn auch + versteckter Weise, gemacht wird. Denn wann sind ein paar Monaden dicht + aneinander? Wenn die linke Seite der einen mit der rechten der andern + zusammenfällt. Aber da müßten sie erst zwei Seiten, also Theile haben. + Die Antwort ist somit: nie können sie so liegen, daß ihre Orte nicht + zwei verschiedene, und somit eine Entfernung zwischen ihnen wäre, + welche man eben durch das Wort: =dicht= vermeiden will. Den Beweis + gleich nachher. + +Der Beantwortung dieser Frage muß die andere vorhergehen, ob der Raum +stetig erfüllt sei oder nicht? =Leibnitz= war der erstern Ansicht. »Der +Raum,« sagt er(119), »ist ein Verhältniß, eine gewisse Anordnung nicht +nur der existirenden Dinge, sondern auch der nur möglichen, als ob sie +existirten. Seine Wahrheit und Realität aber ist wie die aller ewigen +Wahrheiten in Gott begründet .... Raum und Zeit haben ihre Realität nur +in Gott, und er kann die Leere erfüllen, sobald es ihm gutdünkt, +insofern ist er allgegenwärtig ... Ich lasse kein Leeres im Raume zu ..« +Und um dem Einwurf zu begegnen, daß dann auch die Bewegung unmöglich +sein würde, ein Einwurf, der auch die cartesianischen Wirbel veranlaßte, +fügt er hinzu: »Wäre die Welt mit harten Körperchen erfüllt, die sich +weder schmiegen noch theilen könnten, also mit eigentlichen Atomen, so +wäre Bewegung im erfüllten Raume allerdings unmöglich. Allein in der +Wirklichkeit gibt es gar keine ursprüngliche Härte; im Gegentheil die +Flüssigkeit ist ursprünglich, und die Körper zertheilen sich nach +Bedürfniß, weil kein Hinderniß da ist.« Wie dem auch sei, er konnte +nicht leicht anders urtheilen, ohne in Widerspruch mit dem +theokratischen Charakter seines Systems zu gerathen. Denn steht ein +allweiser, höchst gütiger und allmächtiger Schöpfer an der Spitze der +Welt, so würde es seinem auf Erzeugung der größtmöglichen Summe von +Wohlsein in derselben gerichteten Sorgfalt widersprechen, auch nur einen +einzigen Punkt im Raume unbesetzt, auch nur eine einzige Möglichkeit des +Daseins eines Geschöpfes unerfüllt zu lassen, weil dadurch wenigstens +Ein Wesen der Gelegenheit beraubt würde, sich seines Daseins und seiner +Glückseligkeit zu erfreuen. + + (119) _Nouv. ess._ S. 240. + +Ist nun, wie wir mit =Leibnitz= annehmen wollen, der Raum in der That +erfüllt in allen seinen Punkten, so existirt auch zwischen je zwei auf +einander einwirkenden einfachen Wesen, seien sie nah oder fern, eine +stetig erfüllte und zusammenhängende Reihe von Monaden. Auf ähnliche +Weise, wie sich bei den Kugeln die Einwirkung von der ersten auf die +zunächst befindliche, von dieser wieder auf die nächste u. s. w. +fortpflanzte, wird nun auch die Fortpflanzungsweise der Wirkungen durch +die Monadenreihe gedacht. Die erste theilt sie der nächsten mit, diese +wieder der nächsten u. s. f. Da zwischen dem ersten und zweiten kein +dritter Atom, der als Vermittler dienen könnte, aber auch der Annahme +zufolge, daß der ganze Raum stetig erfüllt sei, kein leerer Raum sich +vorfindet, so kann man diese Wirkungen zwischen =nächsten= Atomen als +die =unmittelbaren= betrachten, auf welche sich jede wie immer +vermittelte transeunte Wirksamkeit zurückführen lassen muß, und die +selbst nicht mehr auf andere zurückgeführt zu werden vermag. +Unmittelbares erklären zu wollen, widerstreitet ja seiner eigenen Natur, +widerspricht jedem gesunden Verstande. Im Worte selbst liegt es schon, +daß hier nichts weiter weder zerlegt noch selbst wieder ermittelt werden +könne; und dies und nichts anderes soll doch der Ausdruck: ein Ereigniß, +ein Geschehen erklären, bedeuten. Weder von der Art noch von der innern +Beschaffenheit des unmittelbaren Verkehrs läßt sich weiter etwas mit +Wahrheit aussagen. Beide sind ganz und vollständig bestimmt, sobald man +nur den Act, dessen Stattfinden einmal erwiesen ist, als einen +unmittelbaren erkannt und anerkannt hat. Allerdings vermögen wir sie aus +diesem Grund weder empirisch nachzuweisen, so wenig wie die einfachen +Wesen, die die Grundlage des Wirklichen wie der Erscheinung ausmachen, +noch sind wir im Stande, sie mit Händen zu greifen, ja nicht einmal ein +Bild uns von denselben zu entwerfen, so wenig als wir dies von einem +einfachen Raumpunkte zu thun vermögen. Das Dasein unmittelbarer +Wirkungen beruht auf einem nothwendigen reinen Vernunftschlusse, sobald +wir einmal der Erfahrung zufolge Wirkungen überhaupt zulassen. Selbst +die seltsame Hypothese, jeder mögliche physische Einfluß sei überhaupt +nur als Uebergang materieller Theilchen denkbar, und auf dieses +Uebergehen lasse sich jede wo und wie immer in der Welt stattfindende +Veränderung reduciren, kann ohne Voraussetzung unmittelbarer Wirkungen +nicht bestehen. Denn fragen wir, was die Ursache der Ortsveränderung +sei, oder was diese selbst wieder für Wirkungen hervorbringe, so muß man +uns die Antwort schuldig bleiben, oder zugeben daß in beiden Fällen +selbst unmittelbares Einwirken von außen stattfindet. Eine Ursache der +Ortsveränderung muß es ohne Zweifel geben. Ist diese selbst eine +unmittelbare, so sind wir weitern Suchens überhoben, ist sie eine +mittelbare, so setzt sie neuerdings eine unmittelbare voraus. Und nur +die letztere ist die wahre, eigentliche Ursache; die mittelbare Ursache +ist nur die Wirkung einer andern Ursache. Gibt es aber auch nur +Ortsveränderungen in der geschaffenen Welt, und sollen sie nicht zweck- +und ziellos sein, ja sollen sie nur zu unserer Kenntniß überhaupt +gelangen, so müssen sie selbst neue Veränderungen in uns, d. i. +Vorstellungen nach sich ziehen, und dies unmittelbar, d. i. nicht wieder +durch Hilfe anderer Ortsveränderungen. Wollen wir daher nicht alles +thatsächliche Einwirken kurzweg abläugnen, wollen wir nicht dem gesunden +Menschenverstande zum Trotz behaupten, es herrsche in der gesammten +Schöpfung nirgendwo ein ursächlicher Zusammenhang unter den Wesen, so +müssen wir das Vorhandensein mannigfachen unmittelbaren Einwirkens +zugestehen, weil es ohne diese kein vermitteltes und überhaupt gar kein +transeuntes Einwirken geben könnte. Vermitteltes fordert Unvermitteltes +so streng, wie das Zusammengesetzte das Einfache; jenes ohne dieses ist +nicht denkbar, geschweige =wirklich=. Dieser Satz bedarf keines +Beweises; er ist an und für sich klar. Wenn er nicht selten übersehen +und mißverstanden wird, so liegt der Grund davon vielleicht weniger in +ihm, als in gewissen Vorurtheilen, die häufig viel mehr den Gelehrten +als dem schlichten Verstande geläufig sind. So gibt es gar manche +Geometer, die mit dem einfachen Punkte nicht recht umzugehen wissen; +bald wollen sie aus zwei oder drei solchen Punkten, wenn sie dieselben +nur recht dicht an einander schieben, eine Linie (etwa die kleinste +gerade) erzeugen; bald sehen sie wohl ein, daß jede auch noch so kurze +Linie eine unendliche Menge von Pünktchen enthalten müsse, meinen aber +wieder, daß diese Menge bei Linien von einer gleichen Länge auch eine +gleiche sein müsse; Einige sagen sogar, die Linie, die Fläche, der +Körper enthielten keine unendliche Menge von Punkten, sondern nur eine +Anzahl von Punkten, die immer noch vermehrt werden könne, oder es gebe +nebst den Punkten noch etwas Anderes, was die Linie bildet, und mehr +dergleichen Ungereimtheiten. Ist es aber darum, weil wir den einfachen +Punkt nicht =wahrnehmen=, weniger gewiß, daß es solche gebe? weniger +gewiß, da es doch ein logischer Grund verlangt, weil Zusammengesetztes +ohne Einfaches überhaupt gar nicht möglich ist? Würde ein Blinder, der +eine menschliche Stimme hört, bei'm Tasten nach derselben aber nur +Tische, Stühle und Hausgeräth berührt, ein Recht haben zu vermuthen, es +sei kein =Mensch= vorhanden, obgleich er dessen Stimme vernommen, weil +er ihn bei seinem Herumtappen noch nicht berührt hat, ihn vielleicht gar +nicht berühren kann, weil dieser durch ein natürliches Hinderniß von ihm +geschieden ist? Dürfen wir demnach nicht einer Folgerung, welche sich +mit Nothwendigkeit aus einem als wahr anerkannten Satz ergibt, +ungeachtet wir sie durch die Sinne nicht zu verificiren im Stande sind, +mehr und mit größerer Sicherheit Glauben schenken, als der Beschränkung +nicht nur unserer äußeren Sinnesorgane, sondern auch unserer inneren, +der Phantasie, der Einbildungskraft, die von äußern Eindrücken der +Sinnenwelt geweckt und genährt, auch nur diesen ähnliche wieder +hervorzubringen vermag? Die =Erkenntniß= aus =Begriffen= ist wohl auch +abhängig von den Täuschungen unserer, von den Sinnen geleiteten +Urtheilskraft, von den Irrthümern und Täuschungen unsers menschlichen +Erkennens, allein die Abfolge einzelner Wahrheiten unter einander, ihr +innerer objectiver Zusammenhang, ist vollkommen unabhängig von dem +Gedacht- oder Erkanntwerden desselben. So setzt der Begriff des +Zusammengesetzten an und für sich den Begriff des Einfachen voraus, weil +dieser in ihm als Bestandtheil erscheint, ohne welchen er selbst nicht +sein würde, was er ist. Eben so verlangt der Satz, welcher das Dasein +des Zusammengesetzten ausspricht, als unabweisliche Forderung jenen, der +das Dasein des Einfachen ausspricht. Ist der eine wahr, so muß es auch +der andere sein. An dem Dasein zusammengesetzter Dinge, Körper u. a. +zweifelt aber Niemand. + +Der Satz: Wo es Vermitteltes gibt, muß es Unvermitteltes geben, ist, wie +man leicht sieht, nur eine Variation des =Leibnitz='schen Haupt- und +Fundamentalsatzes: Wo es Zusammengesetztes gibt, muß es Einfaches geben. +Den letztern hat =Leibnitz= mit sieghafter Klarheit vertheidigt und +durchgefochten, und sich mit dessen Hilfe vom cartesianischen Dualismus +emancipirt. Was mochte es gewesen sein, das ihn verhinderte, sich der +zweiten folgereichen Anwendbarkeit desselben Satzes bewußt zu werden? +Er, welcher das Dasein einfacher Wesen mit so tiefer Ueberzeugung +anerkannte, hatte den Einwand nicht zu fürchten, daß man unmittelbare +Wirkungen nicht zu »denken« vermöge, was hier nichts anders hieße, als: +man sei nicht im Stande, sich ein sinnliches Bild, etwa wie von den +materiellen Theilchen des physischen Einflusses, von denselben zu +entwerfen. Scheute er sich vor der Lücke, welche das Denken hier übrig +zu lassen schien, indem es sich auf ein, nicht weiter erklärbares, +Unvermitteltes berief? Konnte es ihm, nachdem er das Dasein des +moralischen Uebels als eine unausweichliche, in der Natur der Sache und +einer vernünftigen Weltregierung begründete, und deshalb keineswegs mit +Schmerz oder Unwillen zu ertragende Nothwendigkeit geschildert hatte, +entgehen, daß hier eine gleiche in der =Natur der Sache=, nicht auf der +Schwäche unsers Erkenntnißvermögens beruhende Nothwendigkeit stattfinde? +Konnte ihn dies bewegen, den Versuch weiterer Erklärung aufzugeben? +Schreckte es ihn, der mit der Fackel der Philosophie in so viele +verborgene dunkle Tiefen geleuchtet, an diesem entscheidenden Punkt +gestehen zu sollen, er stehe an den verschlossenen Pforten eines +»Geheimnisses?« + +Dieses Wort ist so schwer verpönt von der Philosophie, die es sich zur +Aufgabe macht, Alles ergründen und Alles erklären zu können, und wird so +häufig angewendet, daß es die Mühe lohnt zu untersuchen, was man dabei +eigentlich denke. Ein Geheimniß bedeutet immer etwas Unerklärliches, +Unzugängliches, Verborgenes; aber schon diese Worte weisen darauf hin, +es betreffe nur das Verhältniß irgend einer =Sache=, einer Wahrheit, +eines Ereignisses zu unserer Erkenntniß oder zu unserem Wahrnehmen und +Begehren. Nur weil die Statue zu =Sais= wirklich vorhanden, aber für +jeden Beschauer verschleiert war, hieß sie ein Geheimniß. Daher kann ein +Geheimniß sich lösen, verschwinden, wenn unsere Erkenntnißkräfte steigen +oder günstige Umstände hinzukommen. Wo aber Nichts vorhanden ist, da ist +auch von keinem Geheimniß die Rede. Ein solches hat nur dann statt, wo +ein Erkennen oder ein Erklären an sich möglich ist, und nur uns durch +unsre mangelhafte Erkenntnißkraft oder durch Schuld ungünstiger Umstände +unmöglich gemacht wird. Nicht das Nichtwissen überhaupt, sondern nur das +Nichtwissen Desjenigen, was an sich wißbar ist, ist ein =Geheimniß=. + +Bei den unmittelbaren Wirkungen findet in der That kein Nichtwissen des +an sich Wißbaren statt. Sie sind an und für sich ihrer Natur nach nicht +weiter erklärbar, und ein jeder Versuch, sie auf einfachere Vorgänge +zurückzuführen, müßte eine Ungereimtheit zu Tage fördern. Sie sind weder +ein Geheimniß noch eine Fiction, noch ein logisches Unding; sie sind, +sobald einmal Wirkungen überhaupt angenommen werden, eine +unbestreitbare, durch die Beschaffenheit des Begriffs der Wirkung +geforderte und gegebene Thatsache, an der selbst für ein allwissendes +Wesen Nichts zu erklären erübrigt. + +Es mögen außer den genannten noch Gründe anderer Art gewesen sein, die +=Leibnitz= bewogen, den diesem so nahe liegenden Ausweg gerade +entgegengesetzten, den Weg der prästabilirten Harmonie einzuschlagen, +und mit soviel Scharfsinn und Beredsamkeit durchzuführen. Bei näherer +Betrachtung ergibt es sich, daß wenigstens einige derselben in dem nahen +Zusammenhang des Problems der transeunten Wirksamkeit mit den im Raum- +und Zeitbegriffe auftauchenden Verwicklungen und Schwierigkeiten gelegen +haben mögen. + +Die oben gegebene Auflösung wäre völlig befriedigend, wenn es die +Annahme wäre, daß es in allseitig stetig erfülltem Raume Punkte gebe, +welche einander die =nächsten=, und deren erfüllende Substanzen einander +ebenfalls die nächsten sind. Die unmittelbare Wirkung, die in diesem +Falle zwischen nächsten Substanzen stattfindet, wäre dann im +eigentlichen Sinne zwar eine _actio transiens_, aber keine _actio in +distans_, weil keine Distanz zwischen den Substanzen, die im nächsten +Raumpunkten sich befinden, eingeschoben werden kann. Das +Nebeneinanderliegen der nächsten Raumpunkte hätte etwa nach Art des +=Herbart='schen reinen =Aneinander= statt; während dieser aber die +wechselseitige vollkommene Durchdringung und das völlige Ineinandersein +der einfachen Wesen zur unerläßlichen Bedingung des entstehenden +wirklichen Geschehens macht, geht in unserm angenommenen Falle eine +wahrhaft unmittelbare übergehende Wirksamkeit von der einen zu der außer +ihr, aber zunächst befindlichen Substanz vor. + +Allein unglücklicher Weise ist die Annahme nächster, d. i. solcher +Raumpunkte, zwischen welchen ein dritter weder möglich noch wirklich +ist, eben so unrichtig, wie die Annahme einander zunächst und +unmittelbar =an= einander befindlichen Substanzen. + +Beide Annahmen sind nicht gleich bedeutend. Man könnte zugegeben haben, +wie es jeder Geometer thut, der die Stetigkeit des Raumes nicht läugnet, +daß es keine nächsten Raumpunkte gebe, die unmittelbaren Wirkungen +sonach nicht solche seien, welche von Substanzen ausgeübt werden, die +sich in nächsten Raumpunkten befinden: dennoch könnte man behaupten +wollen, es ließen sich Substanzen aufweisen, die zwischen sich nur +=leeren= Raum und keine mittleren Substanzen haben. Im ersten Fall fände +blos eine _actio transiens_, im letztern eine eigentliche _actio in +distans_ statt, und jene Substanzen wirkten unmittelbar aufeinander, +zwischen welchen es keine gibt, die einer von beiden näher wäre, als sie +es selbst einander sind. Dies hieße aber so viel, es gebe leeren Raum, +der Raum sei nicht stetig erfüllt. Wir wollen versuchen, zu zeigen, daß +die eine Annahme so irrig sei, wie die andere. + +Da mit diesen beiden Sätzen das ganze frühere Raisonnement zu fallen +scheint, so ist es nöthig, sie ausführlich zu prüfen. Was den erstern +betrifft, der sich auf die Voraussetzung stützt, es gebe im Raum nächste +Punkte, so vergleichen wir, was =Herbart='s Synechologie darüber +enthält. Diese betrachtet die Linie anfangs so gut wie der Geometer als +Continuum und stößt auf den Satz, der auch der Antinomie der Materie zu +Grunde liegt: die Linie ist unendlich (ohne Ende) theilbar, und: sie ist +nicht unendlich theilbar. Beide Sätze sind in einem gewissen Sinne, der +aber bei jedem ein anderer ist, wahr, wäre dieser Sinn nicht bei jedem +ein anderer, so müßte einer der beiden Sätze nothwendig falsch sein. +Versuchen wir z. B. die Linie _A B_ durch Anwendung gewisser, immer +kleiner anzunehmender Maßeinheiten zu theilen, so gelangen wir =niemals= +an's Ende. Andrerseits wissen wir, die Linie sei ein Zusammengesetztes; +ein solches könne aber nicht bestehen ohne einfache Theile; dergleichen +muß daher auch die Linie besitzen, zu welchen wir jedoch durch +fortgesetzte Theilung niemals gelangen. Warum? weil wir das Einfache +überhaupt nur zu denken, aber weder =anzuschauen= und empirisch zu +erreichen, noch im Bilde =festzuhalten= vermögen. Soll die Linie daher +einfache letzte Theile wirklich enthalten, dabei aber dennoch unendlich +theilbar heißen, so kann dies letztere nur in Bezug auf die von uns +wirklich versuchte und fortgesetzte Theilung der Fall sein. Eine solche +=wirkliche= Theilung kann aber nur etwa bei materiellen Linien +stattfinden. Bei diesen jedoch gelangen wir sehr bald an's Ende, weil +uns keine Mittel weiter zu Gebote stehen, die Theilung fortzusetzen. +Dagegen hat jede Linie, unabhängig von uns und unserer wirklichen +Theilung an und für sich einfache, für uns unerreichbare letzte Theile, +schon deshalb, weil sie ihrer Erklärung nach ein Ausgedehntes, also +Zusammengesetztes sein muß und jeder ihrer Punkte, anzufangen von einer +gewissen Entfernung für alle kleineren abwärts, gewisse Nachbarn hat, +woraus die unendliche Menge ihrer Punkte von selbst folgt. + +Es frägt sich, von welcher Art sind nun diese einfachen letzten, selbst +theillosen Theile? Noch immer wiederholen einige Geometer den Satz: die +Linie sei in's Unendliche aus Linien zusammengesetzt. Dieser ist nur +richtig, wenn man ihn so versteht, daß es zu jeder auch noch so großen +Anzahl von Linien, aus denen wir uns jede Linie, so klein sie wäre, +zusammengesetzt denken, noch eine größere gibt. Unrichtig aber ist er, +wenn er entweder so viel heißt, die Linie habe keine einfachen Theile, +oder ihre einfachen Theile seien wieder Linien. Es ist wahr, daß wir +durch fortgesetzte Theilung der Linie immer nur wieder zu Linien +gelangen; es ist aber auch eben so wahr, daß jede Linie einfache Theile +haben müsse, weil sie ein Zusammengesetztes ist. Diese einfachen Theile +können nun selbst nicht wieder Linien sein, weil sie sonst selbst +Ausgedehnte wären und aufhörten, ihre Bezeichnung zu verdienen. Sie sind +eben nichts als einfache Theile und führen als solche den Namen: Punkte. + +Es frägt sich ferner, ob es dieser Punkte in jeder (begrenzten oder +unbegrenzten) Linie eine endliche oder unendliche Menge gebe? Sind ihrer +nur endlich viele, so tritt der Satz der alten Metaphysik in sein Recht: +_extensio linearum pendet a numero punctorum_. Dennoch ist eine Linie +schon größer als eine andere, sobald sie nur um einen einzigen Punkt +mehr besitzt, als diese. Allein eine Linie hat eine gewisse Ausdehnung; +ein Punkt als einfacher Raumtheil hat keine Ausdehnung. Wird nun eine +Ausdehnung, die um eine Null der Ausdehnung vermehrt worden, wohl größer +heißen dürfen, als sie früher war? Den citirten Satz =Wolff='s und +=Baumgarten='s erklärt auch =Herbart=, freilich blos in Bezug auf die +»starre Linie,« für den seinigen und nimmt an, die Linie im +intelligiblen Raum bestehe aus einer blos endlichen Anzahl reiner +Aneinander. Und =Fischer= behauptet geradezu, zwei Punkte, deren +Entfernung = 0, müßten nicht =in= einander, sondern könnten ganz wohl +=an= einander gedacht werden. Denn nur für die Anschauung seien zwei +Punkte, deren Entfernung = 0, =ein= Punkt, also =in= einander. Daß sie +aber auch =an= einander gedacht werden könnten, und in manchen Fällen +müssen, lasse sich außer Zweifel setzen(120). Daß sie so =gedacht= +werden können, bewies der Verf. selbst, indem er die Stelle +niederschrieb, damit mußte er aber noch keineswegs etwas =Wahres= +gedacht haben(121). Es läßt sich vielmehr ganz streng beweisen, daß zwei +Punkte einander nie und nirgendwo so nahe sein können, daß nicht noch +ein dritter zwischen ihnen Raum fände. + + (120) Versuch einer logischen Analyse des Begriffs vom Unendlichen. + (Vgl. =Hartenst.= Met. S. 298.) Wahrscheinlich hat der Verf. die + Berührung krummer Linien mittels ihrer Tangenten im Sinne, die so + innig sein soll, daß kein dritter Punkt zwischen dem berührenden und + berührten liegt. Wäre aber die Berührung nicht viel inniger, wenn der + berührende und der berührte Punkt ein und derselbe, der Tangente und + der krummen Linie gemeinschaftliche, Punkt wären? + + (121) Vgl. =Trendelenburg=: logische Untersuch. I. S. 157. + +Besteht aber die Linie nicht aus einer =endlichen= Anzahl von Punkten, +so kann sie nur aus einer =unendlichen= bestehen. Jede begrenzte Linie, +z. B. _A B_, die eine bestimmte endliche Länge, etwa die eines Zolles +hat, erscheint daher in einer Hinsicht =endlich=, in einer andern +=unendlich=; jenes in Bezug auf den Abstand ihrer Grenzpunkte von +einander, dieses in Bezug auf die Anzahl der Punkte, welche sie enthält. +Denkt man sich vollends den Raum stetig erfüllt, so nimmt jede in noch +so enge Grenzen eingeschlossene Linie eine unendliche Menge von +einfachen Wesen auf, weil keiner ihrer unendlich vielen Punkte unbesetzt +bleiben darf. Um die hier sich häufenden scheinbaren Schwierigkeiten auf +einen klaren Ausdruck zu bringen, betrachten wir nachstehendes Problem: + +Nehmen wir ein Dreieck _A B C_, dessen Scheitel in _B_, dessen Basis +_A C_ sei, und ziehen in demselben in beliebiger Entfernung die +Parallele zur Grundlinie _D E_. Nun enthält sowohl die Grundlinie als +die Parallele nach dem Frühern unendlich viele Punkte. Verbinden wir +ferner jeden Punkt der _A C_ durch eine Gerade mit dem Scheitel _B_, so +haben alle diese Geraden einen Punkt mit der _D E_ gemein, ohne mit +einander zusammenzufallen, da sie nicht mehr als den Scheitelpunkt _B_ +mit einander gemein haben dürfen. Nehmen wir endlich _A C_ so erfüllt +an, daß sich in jedem ihrer Punkte ein einfaches Wesen befinde, und +übertragen wir die im Punkte _A_ vorhandene Monas nach _D_, die in _C_ +befindliche nach _E_, und die in jedem beliebigen zwischen _A_ und _C_ +gelegenen Punkt α ruhende Monas nach dem Durchschnittspunkt β der Linie +_B_ α mit der _D E_, so müssen =alle= in _A C_ gewesenen Monaden auch in +der kleineren _D E_ Raum haben, und da nicht zwei Monaden in einem +Raumpunkte sein können, weil ihn schon Eine vollständig =erfüllt=, so +scheint zu folgen, daß die _D E_ eben so viel Punkte enthalten müsse wie +die _A C_. + +Nichtsdestoweniger wenn wir vom Punkte _E_ eine Parallele _E F_ zur +_D A_ ziehen, schneidet diese auf der Basis _A C_ ein _D E_ gleiches +Stück _A F_ ab, in welchem sich abermals jeder Punkt mit einem +entsprechenden der _D E_ verbunden denken läßt, so daß auch _A F_ gleich +viel Punkte wie _D E_ zu haben scheint. Nun ist _A C_ offenbar = _A F_ + +_F C_ > _D E_ und das Stück _F C_ für sich betrachtet, enthält +gleichfalls eine unendliche Menge von Punkten, so daß wir erhalten + + ∞ + ∞ = ∞, + +was uns offenbar nöthigt, verschiedene Größen der Unendlichkeiten +anzunehmen. Da wir nun die Basis so groß denken können, als wir nur +wollen, die Parallele _D E_ aber dem Scheitel so nahe rücken, und +folglich so klein machen können, als wir nur wollen, so muß es zuletzt +dahin kommen, daß dieselbe Menge einfacher Wesen, die vorher die Basis +erfüllte, sich von der beträchtlich kleineren Parallele in der Nähe des +Scheitels aufnehmen lassen muß, ohne daß jemals zwei einfache Wesen in +denselben Punkt zusammenfallen. Diese scheinbar sich immer steigernde +Widersinnigkeit bewog =Herbart=, zu Fictionen seine Zuflucht zu nehmen. +Um Etwas, das höchstens paradox klingt, d. h. nur scheinbar +widersprechend ist, weil es sich sinnlich nicht vorstellen, sondern nur +mit dem Verstande erkennen läßt, nicht annehmen zu müssen, nahm er an, +was ein offenbarer Widerspruch ist. Das Untheilbare Aneinander soll in +ein Halbes-, Drittel- und Viertelaneinander zerlegt gedacht werden, um +den sich anhäufenden Wesen Platz zu machen. Indem er so die Theilung +über die von ihm festgesetzte Grenze hinaus, wenigstens in Gedanken +fortsetzt, gibt er stillschweigend zu, daß die Annahme »nächster +Punkte,« wie sie seine starre Linie ausmachen, zur Lösung dieser und +ähnlicher Schwierigkeiten nicht hinreiche(122). Es bleibt daher +unverwehrt, zu versuchen, ob es mit dem Gegentheil dieser Annahme besser +gelingen werde. Gibt es in der That keine nächsten Punkte, sondern +enthalten je zwei auch noch so nahe an einander gerückte Punkte noch +einen dritten zwischen sich, so enthält auch jede noch so kleine +räumliche Entfernung noch eine schrankenlose Unendlichkeit von +Raumpunkten. Wollten wir statt dessen behaupten, beide Linien, sowohl +die größere _A C_ als die kleinere _D E_, enthielten eine gleiche +Unendlichkeit von Punkten, so würden wir eine ganz unberechtigte +Behauptung aufstellen, weil wir blos aus dem Umstande, daß zwei Mengen +in einem solchen Verhältniß stehen, daß wir verfahrend nach einer +gewissen Regel mit jedem Gliede der Einen ein und nur eines der Andern +und mit jedem Gliede der Andern ein und nur eines der Erstern zu einem +Paare vereinigen können, mit dem Erfolge, daß kein Glied der einen oder +der andern Menge mehrmal genommen, auch keines übersprungen wird -- weil +wir aus diesem Umstande noch gar nicht =berechtigt= sind zu behaupten, +daß beide Mengen einander gleich seien, sobald sie unendlich sind. Ein +deutliches Beispiel davon liefern die Reihen der natürlichen Zahlen und +der nach denselben fortlaufenden Potenzen von der Zahl 10. Wir würden +daher in dieselbe Ungereimtheit verfallen, zu welcher, wie wir sahen, +der Satz: _extensio linearum pendet a numero punctorum_, verleiten +konnte. Vorsichtiger dürfen wir uns nur folgendermaßen ausdrücken: für +jeden Punkt in der _A C_ gibt es einen entsprechenden in der _D E_. +Dawider läßt sich nichts einwenden, weil zwischen je zwei Punkten eine +unendliche Menge anderer noch eingeschoben werden kann. Jede Linie +daher, welche man zu theilen und deren letzte Theile man zu erreichen +strebt, läßt sich mit der Reihe der natürlichen Zahlen vergleichen, von +denen je zwei zwischen sich eine unendliche Reihe von Brüchen haben. +Jedes Paar der zunächst stehenden Brüche wird unter sich wieder durch +eine unendliche Reihe von Brüchen getrennt, so daß das Ganze das Ansehen +eines Fächersystems ineinander geschobener Unendlichkeiten gewinnt, in +welchem das nachfolgende und aufwickelnde Denken zuletzt den Faden +verlieren zu müssen glaubt. Allein welcher Anhänger der starren Linie +würde sich nicht sträuben gegen die Annahme: daß durch Herausnahme eines +einzigen Punktes _c_ aus der Mitte der begrenzten Linie _a b_, diese in +zwei Stücke getheilt wird, deren jedes jetzt auf der Seite gegen _c_ hin +=unbegrenzt= ist, und sich dem Orte dieses _c_ in's Unendliche nähert? +Abgesehen davon, daß er schon die Einschließung unendlich vieler +Raumpunkte in endliche Grenzen nicht zugesteht, und eine Linie nicht +glaubt summiren zu können, bevor er sie nicht durch endliche +Wiederholung des reinen Aneinander construirt hat, abgesehen davon, +würde er nicht den Kopf schütteln über die Behauptung, die Linie _a b_, +deren Grenzpunkte ich hinweggenommen, sei nun unbegrenzt und auf beiden +Seiten unendlich? Er würde sich kaum von der Vorstellung losmachen +können, daß nach Hinwegnahme der Grenzpunkte _a_ und _b_ die beiden +nächsten Punkte z. B. _c_ und _d_ neue Grenzpunkte werden, sowie wenn +man von einer Reihe Soldaten die beiden Flügelmänner wegnimmt, ihre +nächsten Nebenmänner an ihre Stelle treten. + + (122) Dies erkennt auch =Trendelenburg= an: Log. Unt. I. S. 167. + +Da es in allen diesen Fällen beinahe ausschließlich darauf ankommt, ob +man den Satz, es gebe nächste Raumpunkte, zwischen welchen kein dritter +sei, annehme oder verwerfe: so wollen wir es jetzt versuchen, den Beweis +für das Gegentheil desselben zu führen. Denn je schwieriger es dem +Vorstellen wird, Unendlichkeiten, und vollends vervielfältigte +Unendlichkeiten, einfache (letzte) und =unendlich= zahlreiche Punkte zu +sondern und festzuhalten; je mehr wir geneigt sind, unsrer +sinnlich-endlichen, bildergewöhnten Einbildungs- und Fassungskraft +ausschließlich zu folgen und zu vertrauen: um desto wichtiger ist es, +sich der apriorischen Gründe bewußt zu werden, auf welchen ein Satz, den +unsre nur Endliches umfassende Vorstellungskraft beständig zu widerlegen +scheint, gefestigt ruht. Sind diese unwidersprechlich, so vermögen wir +fortan, dort wenigstens wo es begreifliche Erkenntniß und +strengwissenschaftliche Schärfe gilt, uns von falschen Vorspieglungen +und Folgerungen, zu welchen uns fehlerhafte Einbildungen verleiten +könnten, zu verwahren. Im gemeinen Leben allerdings können wir nicht +verhindern, daß uns gewöhnlich Bilder unserer Phantasie mehr leiten als +scharfumrissene Begriffe und daß wir, wie =Leibnitz= sagt, zu drei +Viertheilen unsers Selbst Empiristen sind; »wir erwarten,« fährt er +treffend fort, »jeden Tag, daß die Sonne aufgehen werde, weil es bisher +so geschehen, aber nur der Astronom kennt die vernünftigen Gründe +davon.« + +Bevor wir aber zu unserer Darstellung des Beweises übergehen, bedarf es +zunächst einer näheren Betrachtung des Begriffs der =Aehnlichkeit=. +Aehnliche Dinge heißen im Allgemeinen und im täglichen Leben solche, die +theilweise gleich, theilweise verschieden, und dabei von solcher +Beschaffenheit sind, daß man sie leicht mit einander verwechselt. Der +Mathematiker jedoch und also auch der Geometer bedient sich dieses Worts +in einer engern Bedeutung, und bestimmt die Beschaffenheiten selbst +genauer, die Dingen gemeinschaftlich sein müssen, um in seinem Sinne +ähnlich zu heißen. Bloß äußerliche, zufällig übereinstimmende +Beschaffenheiten reichen dazu nicht hin. Ein Dreieck und Viereck, die +beide zwei Quadratzoll Flächenraum haben, werden darum noch nicht leicht +verwechselt werden können. Dagegen werden zwei Dreiecke, deren Seiten +beiderseits unter einander ein Verhältniß wie 3 : 4 : 5 haben, mit Recht +schon ähnlich heißen dürfen, wenn auch die Seiten des Einen 3, 4 und 5 +Zoll, die des Andern nur 9, 12 und 15 Linien lang sind. Denn das +Verhältniß der Seiten unter einander, das mit ihrer Maßeinheit nichts zu +thun hat, ist dasselbe geblieben. Von dieser Maßeinheit, sei sie nun +Metre, Zoll, Linie oder was immer sonst, ist es ganz unmöglich, Jemand +einen Begriff beizubringen, wenn ich sie ihm nicht aufzeige, sie ihn +=anschauen= lasse, ihm einen wirklichen Maßgegenstand, eine Elle etwa +oder etwas der Art, vorweise. Hat er aber einmal die Anschauung der +Maßeinheit, so läßt sich das Verhältniß einer gegebenen Länge zu +derselben, ohne weitere =Hinweisung= auf einen bestimmten Gegenstand, +durch bloße =Worte= bezeichnen. Ich sage: diese Stange ist fünf Fuß +lang, und er hat die Anschauung eines Fußes bereits gehabt, so weiß er, +was er sich bei fünf Fuß Länge vorzustellen habe. Die letztere +Eigenschaft, sich durch bloße Worte begreiflich machen zu lassen, ohne +der Anschauung eines bestimmten Einzelgegenstandes zu bedürfen, ist das +untrügliche Kennzeichen solcher Beschaffenheiten, die sich durch =reine +Begriffe= auffassen lassen. Haben nun mehrere Gegenstände alle innern, +durch bloße Begriffe ohne irgend eine Anschauung, ausdrückbare +Beschaffenheiten gemein, wie oben die Dreiecke das Verhältniß ihrer +Seiten unter einander, so heißen sie mathematisch-ähnliche Gegenstände. + +Ist dies richtig, so heißt es auch soviel: Sobald zwei Gegenstände im +mathematischen Sinn, in welchem wir für jetzt das Wort fortwährend +gebrauchen wollen, ähnlich sind, müssen alle innern, durch Begriffe +(ohne Zuziehung einer Anschauung) auffaßbare Beschaffenheiten bei beiden +dieselben sein, und sie lassen sich nur durch unmittelbare =Anschauung= +oder durch ihre =äußern= Beschaffenheiten, d. i. durch ihre Verhältnisse +zu bestimmten äußern durch Anschauung gegebenen Gegenständen, von +einander unterscheiden. + +Der Sinn, in welchem hier die Worte Anschauung und Begriff genommen +werden, tritt wohl schon aus den angeführten Beispielen hinlänglich +hervor, dennoch wird es nicht überflüssig sein, besonders über das +Erstere, welches seit =Kant= in so vielfacher Bedeutung Anwendung +gefunden hat, etwas beizufügen. Die Art, wie man das Wort Anschauung +gewöhnlich gebraucht, wenn man Vorstellungen, wie: diese Rose, dieses +Haus u. dgl. dadurch bezeichnet, läßt eine dreifache Auslegung zu; man +kann bald nur das Wort: dieses, bald: Rose, Haus &c., bald beide +zusammen genommen hervorgehoben wissen wollen. Die zweite Auslegung +bezeichnet, wie Jedermann zugibt, keine =bloße Anschauung= eines +einzelnen individuellen Gegenstandes, sondern in der That einen +=Gemeinbegriff=, der viele Gegenstände, die Rosen, Häuser u. s. w. sind, +umfaßt. Von diesen vielen Gegenständen, die unter denselben Begriff +fallen, wollen wir aber zuweilen Einen ausscheiden, indem wir sagen, daß +wir ihn anschauen; dazu bedienen wir uns des Demonstrativs: =diese= Rose +(und keine andere), =dieses= Haus, u. s. w. Nach dieser (der ersten) +Auslegung wollen wir mit den beigefügten Worten: Rose, Baum, Haus nur +andeuten, daß =dieser= Gegenstand, den wir so eben anschauen, unter den +=Begriff=: Rose, Baum u. s. w. gehört. Der Accent ruht daher auf dem +=Dies=, welches den angeschauten Gegenstand von allen übrigen +ausscheidet und als Gegenstand der Anschauung bezeichnet, gleichviel ob +er Rose oder Baum oder etwas Anderes ist. Angeschaut wird daher nur das +reine =Dies=, der einzelne Gegenstand. Die Vorstellung dieses Dies +selbst ist eine =einfache= Vorstellung, in welcher sich weiter keine +Theile unterscheiden lassen, ungeachtet ihr Gegenstand sehr +zusammengesetzt sein mag. Denn es ist keineswegs nothwendig, daß die +Theile des Gegenstands auch durch Theilvorstellungen in der Vorstellung +desselben repräsentirt werden. So ist die Vorstellung: Uhr gewiß nicht +aus den Vorstellungen der Theile einer Uhr zusammengesetzt, da diese +letzteren bei verschiedenen (z. B. Wand-, Taschen-, Sonnen-, Sanduhren) +sehr verschieden sind. Fände es in der That statt, so müßten auch +=einfache= Gegenstände immer nur durch =einfache= Begriffe vorgestellt +werden. Davon macht aber schon die Vorstellung der Gottheit eine +Ausnahme. Diese als Gegenstand ist eine einfache Substanz, ihr Begriff +als das Wesen, welches keinen Grund seines Daseins hat, ist +=zusammengesetzt=. Was wir daher Anschauung nennen, ist in der That eine +=einfache Einzelvorstellung=. Daraus folgt schon, daß nicht zwei +Anschauungen einige Theile gemein, andere verschiedenartig besitzen +können, daß mithin je zwei Anschauungen, entweder ein und dieselbe, oder +in Folge verschiedener subjectiver Auffassung völlig disparat sein +müssen; daß ferner die Zusätze: Rose, Baum u. s. w. nur hinzugefügt +werden, um die =Gattung= zu bezeichnen, welcher der Gegenstand des +»Dies« angehört, und ein Dies vom andern für die Mittheilung =möglichst= +zu unterscheiden. Denn ein einzelnes Dies läßt sich, genau so wie es +vorgestellt worden, gar nicht mittheilen, außer durch Hinweisung auf den +Gegenstand selbst, durch welchen es erzeugt worden, und sogar die +Anschauungen desselben Gegenstandes werden, in verschiedenen Seelen und +unter verschiedenen Umständen empfangen, einander nicht völlig gleich +sein. Daher die Verschiedenheit der sogenannten sinnlichen Begriffe, +eigentlich der in verschiedenen Individuen aus der Erscheinung +abstrahirten sinnlichen Bilder; die Erfahrung, daß verschiedene Menschen +bei denselben Worten Verschiedenes denken u. dgl. m. + +Anschauungen heißen sonach einfache Einzelvorstellungen, welche unter +der Form: =Dies= auftreten. Beide Merkmale sind nothwendig, denn es gibt +einfache Vorstellungen, die nicht Einzelvorstellungen sind, und +Einzelvorstellungen, die nicht einfach sind. Von der ersten Art sind +z.B. die Begriffe: Grund, Folge, Ursache, Wirkung u. A. die einfach +sind, welchen aber viele, theils wirkliche Gegenstände, theils bloße +Sätze an sich unterstehen. Von der letztern Art ist, wie schon erwähnt, +der Begriff der unbedingten, grundlosen Substanz, welche nur einen +einzigen Gegenstand -- die Gottheit -- hat. Weder eine Vorstellung der +erstern noch der letztern Art ist eine Anschauung, sondern sie sind +=Begriffe=. Begriffe heißen im Allgemeinen alle unsere Vorstellungen, +welche nicht Anschauungen, also alle, welche zusammengesetzt sind oder +mehrere Gegenstände haben. Nach den Bestandtheilen, aus welchen sie +zusammengesetzt sind, zerfallen sie selbst wieder in =gemischte= und in +=reine= Begriffe. Erstere sind solche, welche in ihren nähern oder +entferntern Bestandtheilen Anschauungen enthalten; letztere solche, +welche entweder =einfach= oder doch aus durchgehends =reinen= Begriffen +zusammengesetzt sind. Von der letzten Art sind die meisten +mathematischen. Um daher einen reinen Begriff zu erklären, bedarf es +durchaus keiner Hinweisung auf eine Anschauung, oder überhaupt auf +Etwas, welches sich nicht mittels bloßer Worte, ohne Vorzeigung eines +bestimmten Gegenstandes, mittheilen und begreiflich machen ließe. Sätze, +die aus reinen Begriffen zusammengesetzt sind, führen den Namen: +Begriffssätze; alle jene, in welchen als näherer oder entfernterer +Bestandtheil eine Anschauung Platz greift, gehören zu den +Erfahrungssätzen. Unter den Begriffssätzen kann es nun, wie begreiflich, +auch solche geben, die aus durchgehends einfachen Begriffen +zusammengesetzt sind. Diese, als die einfachsten, werden sich am besten +zu Grundsätzen und Anfangssätzen eines wissenschaftlichen Lehrgebäudes +eignen; in welchem es ohnedies der wissenschaftliche Gang erfordert, vom +Einfachen zum Zusammengesetzten fortzuschreiten. Wie folgenreich diese +Begriffsbestimmungen auch für die Geometrie sind, davon gibt ihre +Anwendung auf den Begriff der Aehnlichkeit, und dessen hinwieder auf den +vorliegenden Fall, ein Beispiel, das anschaulich genug ist. + +Es ist von selbst klar, daß reine Begriffe und reine Anschauungen völlig +incommensurabel sind, und weder jene aus diesen, noch diese aus jenen +sich bilden können. Daraus folgt, daß Wahrheiten, welche aus bloßen +reinen Begriffen zusammengesetzt sind, nur wieder aus eben solchen +Wahrheiten objectiv abgeleitet werden können, und eben so, daß sich in +Folgerungen aus gemischten, d. i. aus Anschauungen und Begriffen +bestehenden Sätzen wieder Anschauungen vorfinden müssen. + +Wenden wir dies auf das Verhältniß zwischen den =zeitlichen= und +=räumlichen= Bestimmungen der Dinge an. Beide verhalten sich zu einander +wie Grund und Folge, so daß jene die Bedingung abgeben, daß in diesen +eine Veränderung eintrete, weil eine jede Veränderung Zeit bedarf. Man +kann daher die letztern aus den erstern ableiten, und aus dem +unmittelbar Vorhergehenden folgt, daß sobald sich in den zeitlichen +Bestimmungen (dem Grunde) etwas vorfindet, was nicht durch reine +Begriffe, sondern nur durch Anschauungen im vorerwähnten Sinn +ausgedrückt werden kann, diesem ähnliche, nur durch Anschauungen +bestimmbare Umstände in der vollständigen räumlichen Folge entsprechen +müssen. Eine solche ausschließlich durch reine Begriffe nicht +darstellbare Zeitbestimmung ist z. B. die Bestimmung eines einzelnen +Zeitpunktes. Sie läßt sich nicht anders erreichen, als durch Angabe +eines in diesem Zeitmomente eben vorhandenen Zustandes, d. i. durch +Angabe eines Dies, einer Anschauung. Nicht weniger unbestimmbar durch +reine Begriffe ist auch die absolute Entfernung zweier Raumpunkte von +einander. Eine solche ist nur durch Vergleichung mit einer einmal als +gegeben angenommenen, z. B. der Dauer des Pendelschwungs einer +Secundenuhr möglich. Die Dauer eines Pendelschlags aber wird nur durch +Anschauung gegeben. Die Angabe der Entfernung jedoch, die irgend ein +Zeitpunkt von einem als fix gegebenen hat, würde noch nicht hinreichen, +denselben vollständig zu bestimmen. Denn da die Zeit Ausdehnung besitzt, +so würde es jederzeit zwei Punkte auf den entgegengesetzten Seiten des +fixen geben, welche von dem letztern gleiche Entfernung hätten. Um auch +diese Zweideutigkeit aufzuheben, muß die Angabe noch hinzukommen, ob der +zu bestimmende Zeitpunkt früher oder später als der fixe zu suchen sei. +Auch dieser Umstand läßt sich nicht anders, als durch Anschauung +bestimmen, etwa dadurch, daß wir in dem Momente, da wir die Vorstellung +_a_ haben, uns erinnern, auch die ähnliche α schon gehabt zu haben, was +daher nothwendig in einem vorhergehenden Zeitpunkte geschehen sein muß. +Die genannten drei Angaben reichen jedoch hin, jeden beliebigen Punkt in +der Zeit vollständig zu bestimmen. Den Beweis davon liefert die +Chronologie, die mittels der Anschauung, z. B. der Geburt des Heilands, +einen fixen Punkt bestimmt; durch die Anschauung z. B. des scheinbaren +Sonnen- und wahren Erdenlaufs die Zeitdauer eines Jahres mißt, und nun +jeden andern Punkt in der Zeit durch das Verhältniß seiner Entfernung +von dem fixen Punkt zu der Länge eines Jahres und durch den Umstand +bestimmt, ob dieser Zeitpunkt früher oder später als der Zeitpunkt der +Geburt Christi falle. + +Verhalten sich nun die Raumbestimmungen zu den Zeitbestimmungen wie +Folgen, so muß es auch in ihnen Umstände geben, die sich nur mittels +Anschauungen bestimmen lassen; es können ihrer aber zugleich auch nicht +mehrere sein, als die Zeitbestimmungen enthalten. Dennoch reichen bei +ihnen nicht =ein= fixer Punkt, =eine= gegebene Entfernung und das +Früher- oder Spätersein des Punktes zu, sondern es müssen, um jeden +beliebigen Punkt durch Hilfe reiner Begriffe seiner Lage nach +vollständig festzustellen, wenigstens vier Punkte im Raum durch +Anschauung gegeben sein. Denn da Raumbestimmungen erst dann eintreten, +wenn ein Verändertwerden oder Verändern der Substanzen vorausgesetzt +wird, dazu aber wenigstens zwei Substanzen, also auch zwei Orte +erfordert werden, so haben wir statt des =einen= fixen Zeitpunkts gleich +ein =System zweier= Punkte, von denen jeder sich eben so wenig wie ein +einzelner Zeitpunkt anders als durch die =Anschauung=, die sich auf die +gerade in demselben vorhandenen Substanzen bezieht, bestimmen läßt. +Daraus folgt sogleich, daß alle Systeme zweier Punkte, weil sie nur +durch Anschauung gegeben, also nur durch solche unterscheidbar sind, +daher alle innern durch reine Begriffe darstellbaren Beschaffenheiten +gemein haben müssen, einander =ähnlich= sein werden. + +Die beiden fernern begrifflichen Unbestimmtheiten in der Zeit führen +eben so viele weitere im Raume herbei. Soll aus dem Wirken der beiden +Substanzen irgend eine Veränderung, z. B. Ortsveränderung, hervorgehen, +so ist dazu wenigstens noch ein Ort erforderlich, der zu den beiden +ersten hinzukommt. Der durch Begriffe nicht bestimmbaren Entfernung +zwischen zwei Zeitpunkten entspricht daher die begriffliche +Unbestimmbarkeit =dreier= Orte im Raum. An die Stelle der dritten +Unbestimmtheit in der Zeit, des Früher- oder Späterseins, tritt im Raum +noch die Annahme eines =vierten= Ortes, dessen Lage gegen die drei +andern nicht durch reine Begriffe bestimmt werden kann. Sind diese vier +Punkte, welche den Coordinaten des Punktes nach den drei Dimensionen des +Raumes entsprechen, durch Anschauung gegeben, so läßt sich, wie bekannt, +jeder andere Punkt im Raume durch seine bloßen Verhältnisse zu den +gegebenen Stücken vollständig bestimmen. + +Mit Hilfe des Vorhergehenden reducirt sich unsere Aufgabe, die +Unmöglichkeit nächster Raumpunkte zu erweisen, auf einen ganz speciellen +Fall. Gelingt es nur von irgend einem bestimmten System zweier +Raumpunkte mittels reiner Begriffe nachzuweisen, daß beide einen dritten +zwischen sich haben, so gilt das Gleiche von allen Systemen zweier +Punkte, weil alle einander ähnlich sind und dieselben =innern= +Beschaffenheiten besitzen. Es handelt sich sonach nur darum, nichts +einzumengen, was nicht durch reine Begriffe ausdrückbar ist, natürlich +mit Ausnahme der vier aus der Natur der räumlichen Bestimmungen +folgenden Unbestimmtheiten. Wenn wir uns daher in der folgenden +Deduction der Buchstaben zur Bezeichnung gewisser Punkte bedienen, so +geschieht dies nur der Abkürzung wegen. Es sind keineswegs innerlich +verschiedene, sondern Punkte und Entfernungen von der Art, daß ihnen +auch beliebige andere substituirt werden können, sobald sie nur dasselbe +Verhältniß unter einander haben. + +Nehmen wir daher von einem beliebigen Punkte _O_ zwei Richtungen +ausgehend an in solcher Weise, daß zwei in denselben liegende +(beliebige) von einander verschiedene Punkte _M_ und _N_ eine Entfernung +von einander haben, welche der Summe ihrer Entfernungen vom +gemeinschaftlichen Ausgangspunkte _O_ der Richtungen gleich ist, so daß + + _M O_ + _O N_ = _M N_, + +so heißen die =Richtungen= _O M_ und _O N_ entgegengesetzt, und die +Punkte _M_ und _N_ selbst auf entgegengesetzten Seiten des Punktes _O_ +liegend. Ein Punkt aber, der so gelegen ist, daß man ausgehend von ihm +nach zwei entgegengesetzten Richtungen, in der einen derselben zum +Punkte _M_, in der andern zum Punkte _N_ gelangt, heißt =zwischen= +diesen Punkten _M_ und _N_ gelegen. + +Wir haben daher sogleich an dem eben construirten System der beiden +Punkte _M_ und _N_ ein System zweier Punkte, welche einen dritten +zwischen sich besitzen. Und da nach dem Vorhergehenden jedes System +zweier Punkte jedem andern eben solchen ähnlich ist, so folgt, daß die +Beschaffenheit, welche sich mittels reiner Begriffe ausdrücken läßt, wie +folgt: »Jedes System zweier Punkte besitzt einen dritten so gelegenen, +daß man in zwei von demselben ausgehenden entgegengesetzten Richtungen +fortschreitend, in der einen nach dem einen, in der andern nach dem +zweiten Punkte gelangt,« =jedem= System zweier Punkte zukomme, oder daß +je zwei Punkte einen dritten zwischen sich haben, oder daß nicht zwei +Punkte einander die nächsten sein können. + +Dieser Beweisführung läßt sich wenigstens nicht vorwerfen, was die +Gegner gern thun, daß der Begriff einer jedesmaligen Entfernung je +zweier Raumpunkte unter einander, der erst erwiesen werden soll, +stillschweigend schon vorausgesetzt werde. Denn bei der Annahme des +Systems zweier Punkte ist von der =Entfernung= derselben unter einander +noch gar keine Erwähnung geschehen. Die Unbestimmbarkeit eines solchen +Systems durch reine Begriffe, wovon einzig die Rede war, ergibt sich aus +andern Gründen, und zwar unmittelbar aus der Unbestimmbarkeit des +einfachen =Zeittheils= durch reine Begriffe. Wir gerathen daher gar +nicht in die Nothwendigkeit, ein reines Aneinander, eine Null der +Entfernung erst hinwegzuräumen, weil wir die Frage nach der Entfernung +völlig bei Seite liegen lassen. Die Kraft des Beweises stützt sich +vielmehr lediglich auf den Begriff der Aehnlichkeit, mit dessen Hilfe, +was von einem System zweier Punkte durch den Augenschein als giltig +erwiesen worden, auf alle Systeme dieser Art ausgedehnt wird. Als +directe =Folgerungen= fließen hieraus die Sätze: daß zwischen zwei +Punkten eine Entfernung statthaben müsse, weil je zwei einen mittlern +zwischen sich besitzen, und eben so: daß alle Entfernungen einander +ähnlich sein müssen, weil es sämmtlich Systeme zweier Punkte sind, zu +deren =innern= Beschaffenheiten die Entfernung gehört. + +Nicht so streng direct, wie der eben angeführte, aber doch mit +hinreichender Gewißheit, läßt sich behufs der Widerlegung der zweiten +Auslegungsweise unmittelbarer Wirkungen als Wirkungen nächster +Substanzen, zwischen welchen sich =leerer= Raum befindet, der Beweis für +die stetige Erfüllung des Raumes führen. Allerdings würde diese +unmittelbar eine Folge der Existenz des allervollkommensten Wesens sein, +dessen Eigenschaften es verlangen, daß es, um dem obersten Sittengesetze +zu genügen, so viele Wesen zur Glückseligkeit geschaffen habe, als nur +überhaupt an sich möglich war. Ihre Möglichkeiten zu existiren, sind die +Orte, an welchen sie existiren. Bliebe einer derselben unerfüllt, so +ginge auch die Möglichkeit eines der Glückseligkeit fähigen Wesens nicht +in Wirklichkeit über. + +Wenn man diesen Beweis vermeiden will, weil er sich, wie man glauben +könnte, auf theoretisch nicht streng genug erweisbare Sätze stützt, so +liefert uns derselbe Begriff der Aehnlichkeit, der in der Geometrie von +der folgenreichsten Verwendbarkeit ist, sogleich Mittel zu einem andern. +Nach dem oben Erwähnten besitzt jedes System zweier Punkte eine +Entfernung und sind =alle= Entfernungen einander ähnlich. Sind aber alle +Systeme zweier Punkte einander ähnlich, so sind es auch alle einzelnen +=Punkte= des Raums. Denn wären diese es nicht, so wäre die innere +Verschiedenheit der Punkte, aus welchen das System besteht, auch eine +innere Verschiedenheit der =Systeme= zweier Punkte selbst, und daher +keineswegs die letztern sämmtlich unter einander ähnlich. + +Die Aehnlichkeit aller einfachen Raumpunkte hat zur Folge, daß sich kein +innerer, in dem Wesen irgend eines Punkts liegender Grund auffinden +läßt, warum er weniger als ein anderer geeignet sein sollte, zum Ort +eines einfachen Wesens zu dienen. Es läßt sich daher durchaus kein Grund +aus reinen Begriffen namhaft machen, warum, wenn gewisse Punkte erfüllt +sind, nicht =alle= erfüllt sein sollen. Daß aber wenigstens einige +Punkte erfüllt seien, daran können wir um so weniger zweifeln, als ja +wenigstens unser eigenes Ich, unsre eigene Seele irgend einen Ort im +Raume einnimmt(123). Dem Gegner der stetigen Raumerfüllung bleibt die +Last des Beweises vorbehalten, daß es einen Grund gebe, um deswillen +nicht alle Orte des Raumes gleichgut zur Aufnahme einfacher Substanzen +geschickt sein sollen. Die Auffindung eines solchen dürfte um so +schwieriger sein, da die Möglichkeit des allseitigen Erfülltseins des +Raumes eine absolute, eine aus theoretischen Wahrheiten abfolgende ist, +und auch praktische oder moralische Gründe nicht dagegen, wohl aber +unter Voraussetzung eines vernünftigen Welturhebers, sehr nachdrücklich +dafür sprechen. So sehr wir daher auch der Meinung sind, daß sich für +die Existenz des vollkommensten Wesens, welche in der frühern Fassung +des Beweises vorausgesetzt wurde, die entscheidendsten Beweise angeben +lassen; so sollte der letztangeführte Grund selbst dem Atheisten +genügen, da er einsehen muß, daß die Möglichkeit allseitiger +Raumerfüllung eine an sich absolut vorhandene, und nicht erst durch die +Voraussetzung eines weisen Welturhebers bedingte ist. Da aber eine +Möglichkeit in ihr selbst oder außer ihr liegende Gründe verlangt, warum +sie nicht zur Wirklichkeit gelangt, so hat Jeder, der die stetige +Raumerfüllung bestreitet, die Verpflichtung auf sich dergleichen +nachzuweisen. So lange dies nicht geschehen, haben wir von unserer Seite +keinen Grund, von der Annahme der allseitigen Erfüllung des Raumes +abzugehen. Kann die letztere daher auch nicht für eine direct bewiesene +gelten, so gründet sie sich doch auf als wahr anerkannte, rein +apriorische Sätze, die widerlegt sein wollen, eh' sie selbst verworfen +werden kann. + + (123) =Kant= in den Träumen eines Geistersehers (S. W. v. + =Rosenkranz= VII.) läugnet zwar, daß ein geistiges Wesen einen Raum zu + erfüllen vermöge, gibt aber zu, daß materielle einfache Wesen einen + Punkt im Raume erfüllen. »Wesen (S. 38), welche die Eigenschaft der + Undurchdringlichkeit nicht an sich haben, werden, so viel man deren + vereinigt, niemals ein solides Ganze ausmachen .... es sind + immaterielle Wesen, und wenn sie Vernunft haben, Geister. Denn,« fährt + er fort, »eine Masse, die einen Kubikfuß ausfüllt, wird Niemand einen + Geist, sondern Materie nennen. Füge ich nun einen Geist hinzu, so muß + entweder ein einfaches Theilchen jener Masse austreten, damit der + Geist Platz habe, oder der Letztere darf gar keinen Raum darin + einnehmen. Im erstern Fall muß bei Hinzuthat eines zweiten Geistes ein + zweites Massentheilchen den Raum verlassen, ein drittes eben so, und + so geht es fort, bis zuletzt ein Klumpen von Geistern da ist, eben so + undurchdringlich, wie vorher die Materie, und daher von ihr ganz und + gar nicht verschieden, was man kaum zugeben wird. Bedarf der Geist + aber keinen Platz, so ist er auch immateriell und erfüllt keinen + Raum.« Ob übrigens Wesen letzterer Art möglich seien, läßt =Kant= + dahingestellt. Wenn aber der Satz richtig ist, daß zwei Punkte + einander niemals die nächsten sein können, so ist das obige + Raisonnement schon deshalb außer Giltigkeit, weil gar keine + Nothwendigkeit vorhanden ist, daß wo der Geist eintritt, ein einfaches + materielles Wesen deshalb hinaus müßte, selbst wenn der Geist einen + Ort, wie ein materielles Wesen ausfüllte. Dies Ausfüllen ist aber doch + sowohl vom Geiste, als von der materiellen Einheit, welcher letztern + es =Kant= selbst zugesteht, nur =bildlich= zu verstehen. Gewöhnlich + braucht man dieses Wort, um damit das Erfüllen eines Raumes + anzudeuten, der bereits eine gewisse Ausdehnung hat. Ein einfacher + Raumtheil, dergleichen der Ort der »materiellen Einheit« so gut, wie + der des Geistes sein muß, hat keine Ausdehnung. Er ist nichts, als der + Grund, welcher zur Erklärung dient, warum ein einfaches veränderliches + Wesen binnen gewisser Zeit gerade diese und keine andern Veränderungen + theils erleidet, theils ausübt. Ein Grund dieser Art muß sowohl bei + der materiellen Einheit als beim Geiste vorhanden sein, denn beide + sind veränderliche Wesen. Oder wäre der Geist als Immaterielles dies + nicht? Dann müßte er unveränderlich, also unendlich, also die Gottheit + selbst sein. Das sind wenigstens Geister von der Gattung unseres Ich + nicht. Warum sollte daher der Geist keinen Ort einnehmen können? Ja + warum soll er nicht eben so gut seinen Ort =allein= einnehmen können, + wie die »materielle Einheit« thun soll? Warum soll endlich einem + »Klumpen von Geistern,« vorausgesetzt, daß er aus einer unendlichen + Menge von Geistern besteht, deren jeder nach dem Vorhergegangenen + seinen einfachen Ort als veränderliches Wesen einnimmt, nicht + Ausdehnung, Massenhaftigkeit, kurz jede der Eigenschaften zukommen, + welche man gewöhnlich der Materie beilegt, ohne daß dadurch die + einfachen Geister, die ihn ausmachen, genöthigt werden, selbst + ausgedehnt, massenhaft, etwa gar zusammengesetzt u. s. w. zu sein? + Können einem Ganzen nicht Eigenschaften zukommen, die den Theilen + fremd sind? Wir brauchen dabei blos an sich neutralisirende chemische + Verbindungen zu erinnern. =Tafel= in der kleinen Schrift über =Kant='s + Verhältnis zu =Swedenborg= (Tübingen 1845) hat diese Ansichten + =Kant='s über die Immaterialität und Unräumlichkeit der Seele erst + neuerlich wieder aufgenommen. Auch er fürchtet, daß die Erkenntniß der + Gleichartigkeit zwischen Geistern und »materiellen Einheiten,« die ja + doch auch nichts weiter sein können, als einfache Substanzen zum + »Materialismus« führe. Richtiger wäre es vielleicht: zum + =Spiritualismus=, denn sie vergeistigt auch die Elemente der Materie, + statt die Geister zur Materie herabzusetzen. Zwischen geistigen + und materiellen Einheiten kann keine andere als eine bloße + Gradverschiedenheit statthaben. Die Annahme eines specifischen + Unterschieds Beider in Betreff ihrer innern Beschaffenheit sowohl als + ihrer räumlichen Verhältnisse führt auf so seltsame Annahmen, wie + =Tafel='s (nach =Herbart='s Vorgang) gemachte Voraussetzung eines + doppelten Raumes. Die immateriellen Wesen sollen außerhalb des Raumes + sein, und doch in Verhältnissen, die unter sich »Figuren, Gestalten« + und »räumliche Formen« bilden. Sie befinden sich in einem Analogon des + Raumes, der keiner ist, und doch wie ein solcher aussieht. Wie dadurch + Raum und Zeit zu bloßen, die Dinge selbst nichts angehenden Denkformen + werden, haben wir oben schon in dem Abschnitt über die Selbsterhaltung + zu zeigen versucht. + +Stehen nun die zwei Sätze: je zwei Punkte haben einen dritten zwischen +sich, und: der Raum ist allseitig stetig erfüllt, apriorisch fest; so +beruht auf ihnen auch die Lösung der vorangeführten Schwierigkeiten. Es +darf nicht mehr befremden, daß wir durch wirkliche Theilung nimmermehr +zu Punkten gelangen, welche so beschaffen wären, daß wir die Linie durch +deren Aneinanderlegung (!) zu construiren vermöchten, weil solche +nächste Punkte an sich unmöglich sind. Wir dürfen nicht mehr daran +zweifeln, daß dieselben Atome, die bisher in unendlicher Menge und +stetigem Zusammenhang einen weiter ausgedehnten Raum erfüllten, auch in +einem viel enger begrenzten Raume Platz finden können, welchen sie +gleichfalls stetig erfüllen. In allen diesen Fällen ist es der Umstand, +daß zwischen je zwei Raumpunkten noch ein dritter und dies fortgesetzt, +eine ganze unendliche Menge von Orten liege, der unsere Bedenklichkeiten +behebt; aber aufgeben müssen wir es desungeachtet aus demselben Grunde, +zusammengesetzte Raumdinge und den Raum selbst etwa auf ähnliche Weise +aus ihren einfachen Bestandtheilen Stück für Stück zusammensetzen und +construiren zu wollen, wie man Sandkörner zu einem Haufen zusammenträgt. + +Um dieses Construiren handelt es sich aber auch gar nicht, sondern um +die Erkenntniß und den Beweis gewisser Wahrheiten. Sind diese einmal +außer Zweifel gesetzt, welches bei Erfahrungssätzen durch die Erfahrung +selbst und den Augenschein, bei Begriffssätzen aber wieder nur durch +bereits anerkannte Begriffswahrheiten möglich ist; widersprechen sie +also keiner reinen Begriffswahrheit, sondern folgen vielmehr aus einer +oder mehreren solchen: so besitzen auch ihre Gegenstände die +Beschaffenheiten, welche sie von ihnen aussagen, mit Nothwendigkeit, und +wir können dessen gewiß sein, selbst wenn wir sie an den Dingen nicht +empirisch nachzuweisen vermögen. Eine ganz andere Frage ist es, ob wir +von diesen Beschaffenheiten der Dinge uns mittels unserer +Einbildungskraft ein wie immer vollständiges »Bild« zu entwerfen im +Stande seien, und diese wird sich in sehr vielen Fällen verneinen +lassen. Vom Einfachen, vom Unendlichen vermag sich das Denken wohl einen +Begriff, die Einbildungskraft aber kein Bild zu machen. Darum wäre es +gleichwohl irrig, zu sagen, daß wir die Begriffe des Einfachen und +Unendlichen nicht hätten. Haben wir sie nicht, indem wir davon sprechen? +Sagen wir nicht sogar von den Gegenständen, den einfachen sowohl als den +unendlichen, manche unbezweifelte Beschaffenheit aus, ohne sie sinnlich +wahrnehmen zu können, z. B. gleich, daß wir uns von den erstern kein +Bild zu machen im Stande sind, oder daß wir mit der Zählung des letztern +niemals fertig werden u. s. w.? Sagt man also wohl mit Recht, man könne +diese Begriffe nicht =denken=, und die Schwierigkeiten der +Raumconstruction seien deshalb unauflöslich und die Stetigkeit des +Raumes, die sich aus streng apriorischen Gründen darthun läßt, selbst +verwerflich, weil ihr die construirende Einbildungskraft nicht zu folgen +vermag? Gesteht doch selbst =Fischer=, obgleich er für seine Person +nicht weniger dagegen handelt: »Diejenigen, deren wissenschaftliche +Beschäftigung ganz im Gebiete der Anschaulichkeit liegt, glauben Mangel +an Deutlichkeit und Befriedigung des Verstandes zu finden, wo sie die +Anschaulichkeit vermissen. Aber Deutlichkeit ist Sache des Verstandes, +nicht des Anschauungsvermögens, und das, was blos gedacht, aber nicht +angeschaut wird, ist vollkommen deutlich, wenn es mit vollem Bewußtsein +gedacht wird und nach den Gesetzen des Denkens nicht anders gedacht +werden kann(124).« Dasselbe ist hier der Fall. Zwei unumstößliche +Lehrsätze, die sich streng erweisen lassen, zwingen uns den Raum stetig +zusammenhängend und stetig erfüllt zu denken; das Widerstreben unsers +Vorstellens entsteht aus natürlicher Beschränktheit unsrer +Einbildungskraft, die das begrifflich Gedachte auch bildlich anschauen +will, was bei einfachen Punkten und unendlicher Anzahl nicht gelingen +kann. Während die Einführung der reinen Aneinander offenbar der +erwiesenen Begriffswahrheit, daß sich je zwei Punkte nur entweder im +Ineinander, wo sie derselbe Punkt sind, oder im Auseinander, wo dann ein +=Zwischen= nothwendig wird, befinden können, geradezu widerstreitet, und +auf diese Weise richtige Raumvorstellungen aus einer erweislich falschen +abgeleitet werden sollen: tritt unsre begriffliche Erkenntniß nur mit +der fehlerhaften Angewöhnung unsrer Phantasie in Widerspruch, an die +Stelle des begrifflich Erfaßten ein sinnliches Schema schieben, das +Unendliche verendlichen, das Nieanschaubare anschauen zu wollen. Diese +sinnlich erreichbar und construirbar sein sollende ist die wahre +»schlechte« Unendlichkeit, für welche die Dialektik mit so viel Unrecht +den Proceß _in infinitum_ überhaupt und die unendliche Zahlenreihe +ausgegeben hat. Das Unendliche einer Zahlenreihe, die unendliche einen +Körper oder ein Raumding erfüllende Menge von Punkten ist darum weder +=unbestimmt= noch =unbegrenzt=. Sagen wir z. B. »die Reihe aller +Primzahlen,« so ist dadurch jedes Glied, das in diese Reihe gehört, +genau =bestimmt=, und jedes Ungehörige eben so ausgeschlossen, wenn wir +auch weder jedes einzelne Glied mit Namen, noch ihrer aller Summe +anzugeben wissen. Spreche ich von dem Inbegriff sämmtlicher innerhalb +des Umfangs des Dreieckes _A B C_ in derselben Fläche gelegenen Punkte, +so habe ich damit nicht nur alle außerhalb dieses Umfangs vorhandenen, +sondern auch die Punkte des Umfangs selbst ausgeschlossen, und dadurch +die unendliche Menge der innern Punkte so genau =bestimmt=, daß kein +Zweifel mehr entstehen kann, ob irgend ein wo immer belegener Punkt zu +den innern oder den äußern, oder den Punkten des Umfangs gehöre. Auf +gleiche Weise bestimmt sich die unendliche Menge der Punkte, welche die +Linie _a b_ oder den Körper _A B C D_ ausmachen. Daraus erhellt, daß gar +kein Widerspruch in dem Umstande liegt, daß z. B. die Linie _a b_ +=zugleich=, aber in =verschiedener= Hinsicht, =endlich= und =unendlich=; +die Summe einer unendlichen Reihe z. B. sämmtlicher zwischen den +natürlichen Zahlen 1 und 2 gelegener Brüche -- einer endlichen Größe: +der =Einheit= gleich sei, daß somit ein Unendliches nicht nur +=begrenzt=, sondern auch =genau bestimmt= sein könne. + + (124) Abhandlungen zur Atomenlehre (Berl. Ak. d. W. 1828, S. 88). + +Die erwähnten Schwierigkeiten, die dem Raumbegriffe und der Erklärung +des Unendlichen angehören, mögen einen Theil von jenen ausgemacht haben, +die nicht nur =Leibnitz=, sondern auch manchen Andern abschrecken +konnten, den von uns im Sinne seiner Grundsätze angedeuteten Ausweg +einzuschlagen. In der That, ist unsere, in Uebereinstimmung mit den +größten Denkern, wie =Plato=, =Aristoteles=, =Zeno=, =Euklides=, +=Archimedes=, St. =Augustin=, =Thomas von Aquin=, =Scotus=, =Occam=, +=Newton=, =Leibnitz=, =Boscowich= u. m. a. dem einzigen Epikur und +einigen Neuen gegenüber vertheidigte Behauptung richtig: so ist die +bisher versuchte Erklärung des äußern Einflusses, mittels Berufung auf +unmittelbare d. i. wie man sich einbildete, zwischen =nächsten= +Raumpunkten oder zwischen =nächsten= Substanzen stattfindende Wirkungen, +in einer wesentlichen Rücksicht falsch und bedarf der Verbesserung. Das +Sinnenfällige, welches dieselbe dadurch erhielt, daß man sich beim +unmittelbaren Einfluß die wirkende und leidende Substanz in nächster +Nähe, in unmittelbar aneinander anstoßenden Orten, in einer kleinsten +Entfernung dachte, so daß die _actio_ wohl eine _transiens_, wohl gar +_in distans_, aber nur in der kleinsten Entfernung, nämlich in der des +reinen Aneinander war, müssen wir völlig aufgeben. Denn sowohl die +Annahme, es gebe nächste Raumpunkte, als jene, es gebe einfache +Substanzen, zwischen welchen sich leerer Raum befinde, verlangt eine +Unmöglichkeit und steht mit wahren Begriffserkenntnissen im Widerspruch. +Niemals kann die Distanz, auf welche die unmittelbare Wirkung sich +erstreckt, eine kleinste werden, weil, so nahe wir uns auch zwei Punkte +gerückt denken mögen, immer noch eine ganze Unendlichkeit zwischen +beiden liegt; in keinem Fall kann ein Atom den andern berühren, weil sie +weder in demselben noch in zwei unmittelbar aneinander stehenden Orten +befindlich sein können(125), nimmermehr kann eine Durchdringung +statthaben, weil zwei einfache Wesen nicht in einem einzigen Orte sein +können. Eben so wenig stichhältig ist auch die Supposition, die wir +bisher gemacht, daß die Einwirkung immer in der geraden Linie erfolgen +müsse, oder durch eine dazwischen liegende Substanz aufgehoben würde. +Bleiben wir bei dem dort angeführten Beispiel von dem Stoße dicht +aneinander aufgehangener Kugeln, so ist es klar, daß die Einwirkung der +Ersten auf die Letzte nicht durch die mittlere vermittelt werden muß, +sondern eben so gut durch eine Seitenbewegung der ersten Kugel in +halbkreisförmiger Schwingung erfolgen könne. Auch der Stoß der Kugel auf +der Fläche mittels des Rückpralls von einer elastischen Wand kann +dasselbe beweisen. + + (125) Vgl. die Anmerk. S. 149. + +Ist dem also, so scheint es fast, als sei damit das ganze mühsam +gewonnene Resultat einer möglichen =äußeren= (unmittelbaren und folglich +auch mittelbaren) Einwirkung der einfachen Substanzen unter einander, +völlig über den Haufen geworfen. Wir müssen alle von sinnlichen +Wahrnehmungen und Vorstellungsweisen hergenommenen Gedanken fallen +lassen; weder Uebergang materieller Theilchen, noch kleinste Distanz, +weder Berührung noch Durchdringung sind zulässig, wenn es gilt, den +äußern Einfluß zu erklären; es bleibt uns, wenn wir nicht die +Möglichkeit der äußern Einwirkung als solche vernichten wollen, nichts +übrig, als der Begriff der =unmittelbaren Wirkungen= allein ohne jeden +weitern Zusatz. + +Alles was wir von jetzt an von der Vorstellung des unmittelbaren +Einflusses fern halten müssen, waren nur Versuche, diesen widerhaarigen +Begriff auf irgend eine Weise für unsere Einbildungskraft zurecht zu +machen. Eine Wirkung in die Ferne bei der =kleinsten= Distanz =dünkt= +uns eher begreiflich, als eine, bei welcher die Entfernung nur auf die +Größe des Erfolgs Einfluß hat. Dabei vergessen wir in der Regel, daß da +alle Entfernungen einander ähnlich sind, es für den Eintritt der Wirkung +selbst ganz gleichgiltig sein muß, ob sie in größerer oder geringerer +Entfernung erfolgt. Die Größe der Entfernung ist ein rein zufälliger +Umstand. Denn da sie selbst nicht durch reine Begriffe, sondern nur +durch Vergleichung mit gewissen Anschauungen bestimmt werden kann, so +kann es auch keine reine Begriffswahrheit geben, die untersagte, daß in +einer Entfernung von dieser oder jener Größe noch eine unmittelbare +Wirkung stattfinde. Ein Satz, der dies Verbot in Bezug auf eine +bestimmte Entfernung enthielte, wäre kein reiner Begriffssatz mehr, weil +=diese= bestimmte Entfernung eine Anschauung in denselben hineintrüge. +Was aber nicht durch eine reine Begriffswahrheit verboten wird, was +nicht mit einer solchen im Widerspruche steht, das ist =an sich +möglich=, und bedarf eines hindernden Grundes, warum es nicht =wirklich= +werden solle oder werden könne. So das Stattfinden äußerer Einwirkung in +jeder beliebigen Entfernung. + +Transeunte Action durch =Berührung= sagt unserer an möglichste +Nahebringung und Verdrängung körperlicher Gegenstände gewöhnten +Phantasie =mehr= zu, als äußerer Einfluß ohne dieselbe. Allein was +denken wir uns unter Berührung? In der Regel erklärt man, dieselbe finde +statt, wenn gewisse Theile zweier oder mehrerer Körper sich in demselben +Raumtheile befinden. Allein dies ist schlechterdings unmöglich, weil +nicht zwei (wenn auch einfache) Wesen an demselben Orte sein können. +Legt man aber die Berührung zweier Körper so aus, daß zwischen ihnen +kein Raum mehr ist, so widerspricht dies dem erwiesenen Lehrsatze, daß +zwei Punkte sich niemals die nächsten sein können. Im gewöhnlichen Leben +wird unter Berührung zweier Körper meist nur verstanden, daß sich +zwischen denselben nur mehr Luft oder Wasser, oder eine andere ihnen +ungleichartige und sehr wenig dichte Masse in sehr dünnen Schichten +befinde. Aber man mag unter Berührung dies oder was man sonst immer +will, verstehen, so sieht man, immer müsse auch bei dem Einwirken zweier +Körper auf einander, bei sogenannter Berührung, irgend ein unmittelbares +Einwirken einer oder mehrerer Substanzen des Einen auf eine oder mehrere +des Andern, und somit eine _actio in distans_ stattfinden, weil es sonst +nie zu einer vermittelten Einwirkung käme. + +Mit dem Grundsatze: zwei Wesen, einfach oder zusammengesetzt, können +sich nicht in demselben einfachen oder zusammengesetzten Raume befinden, +ist eigentlich auch schon die Hypothese der =Durchdringung= der Körper +und Atome abgewiesen. Wir glauben sie dort wahrzunehmen, wo im Grunde +nur die Erscheinungen der Porosität in feinerer Gestalt vor sich gehen. +Bei unserer Ansicht von stetig erfülltem Raume erstreckt sich die +Porosität viel weiter, weil es niemals zwei Punkte gibt, die nicht +zwischen sich das Eintreten eines dritten duldeten. Wenn sich aber die +Vertheidiger jener Hypothese auf das Zeugniß der Chemie berufen, so +spricht diese oder vielmehr die atomistische Theorie in derselben ihnen +gerade entgegen. Diese erkennt überall nicht Mischung sondern =Mengung=, +kein Ineinandersein; und die »Durchdringung« erscheint als blos an +zusammengesetzten Körpern vor sich gehendes Phänomen in Folge der +Porosität. Dabei fällt es der Chemie nicht ein, die Zahl der Atome, die +einen Körper constituiren, absolut angeben zu wollen, wie denn +überhaupt, was sie Atome nennt, nicht als ein absolut einfacher Theil +(eine Monade), sondern als ein aus mehreren (im Grunde unendlich vielen +einfachen Theilen) zusammengesetztes Körperchen angesehen werden soll. +Sie begnügt sich vielmehr mit Angabe des Verhältnisses, in welchem sich +Atome verschiedener Gattung in Bezug auf einen als Maßstab angenommenen +Stoff miteinander verbinden. + +Alles dieses, wozu noch die Vorstellung der Geradlinigkeit der äußern +Einwirkung kommt, wie man sie aus den sichtbaren Erscheinungen des +Stosses, des Schusses u. dgl. abstrahirt, alles dies soll uns helfen, +ein Bild der unmittelbaren Einwirkung zur Veranschaulichung zu +entwerfen; alles dies soll mit dazu beitragen, eine Erklärung des =Wie=, +der Art und Weise, wie dieselbe vor sich geht, zu liefern, während es +gerade das Wesen der unmittelbaren Wirkung ist, gar kein »Wie« +zuzulassen. Eine Wirkung, von welcher sich ein »Wie« angeben ließe, wäre +eine vermittelte, der Erklärung fähige, eine solche, welche sich +zerlegen läßt, also eine zusammengesetzte, die selbst wieder fähig sein +müßte, auf einfache, unvermittelte zurückgeführt zu werden. + +Unternehmen wir es daher, die unmittelbaren Wirkungen zu erklären, so +versuchen wir etwas, das ihrem Begriffe widerspricht; etwas, welches =an +und für sich unmöglich= ist. Mißlingt uns daher die Erklärung, führt sie +Widersprüche, Irrthümer und Unrichtigkeiten herbei, so ist dies nur eine +Folge unsrer ungereimten Forderung: das Unerklärbare solle sich erklären +lassen. Keineswegs aber darf uns dies Mißlingen an der Wahrheit des +Satzes selbst, es gebe unmittelbare Wirkungen, irre werden lassen, so +wenig als das Mißlingen aller Versuche, den reinen Sauerstoff zu +zerlegen, uns zweifeln machen darf, ob ein solcher Stoff wirklich +vorhanden sei, vielmehr gerade zur vollkommensten Bestätigung dient, es +existire ein solcher, und zwar als einfacher Stoff. + +Lassen wir daher von jetzt an alle aus dem Streben, das begrifflich +Gedachte auch möglichst sinnlich zu vergegenwärtigen, hervorgegangene +Erklärungsversuche bei Seite, und halten wir uns streng an den Begriff +der unmittelbaren Wirkungen selbst. Zuvörderst ergibt sich, daß jede +unmittelbare Wirkung eine _actio transiens et in distans_, und zwar in +was immer für eine endliche Entfernung sein müsse. + +Betrachten wir neuerdings den Stoß zweier Kugeln. Es ist klar, daß der +stoßende Körper nicht früher in den Ort des gestossenen eindringen kann, +als bis dieser denselben verlassen hat. Wann wird dieser aber anfangen, +denselben zu verlassen? Sobald der Erstere auf ihn einwirkt. Wie +geschieht das? Sobald er ihn =berührt=, sagt die =sinnliche= +Wahrnehmung, d. h. sobald beide einen Punkt gemein haben, wie z. B. die +Tangente und ihre krumme Linie. Diese =sinnliche= Betrachtungsweise +müssen wir jetzt fernhalten. Denn lagen nicht die Körper noch vor dem +Stosse ganz auseinander, und jetzt sollen sie einen gemeinschaftlichen +Punkt besitzen? Sie müßten sich also wohl durchdringen? Allein wäre dann +noch ein Grund vorhanden, daß die gestossene Kugel von der Stelle +weiche, sobald die stossende sich völlig in dieselbe eindrängen kann? +Folglich durchdringen sie einander nicht, weder ganz noch theilweise, +haben keinen Punkt gemein, liegen also gänzlich auseinander. Gleichwohl +weicht die Eine, ehe die Andere sie berührt, vom Platze, erleidet daher +eine Wirkung aus der Ferne. Wie groß darf die Entfernung sein, damit +noch eine Wirkung erfolge? Läßt sich ein =innerer= Grund angeben, warum +in einer gewissen Entfernung dieselbe noch erfolgen könne, in einer +andern nicht mehr, (natürlich abgesehen von den dieselbe schwächenden +äußeren Einflüssen, welche sie vielleicht unserer Wahrnehmung entziehen, +dennoch aber nicht vernichten und auf Null bringen können)? Keineswegs; +alle Entfernungen sind einander ähnlich. Müssen wir daher zugeben, daß +eine Substanz auf eine andere einwirken könne in einer gewissen +Entfernung, sei sie auch noch so klein: so besteht diese Möglichkeit des +Einwirkens auch in jeder andern noch so großen Entfernung, nur der +=Grad= der Einwirkung wird sich nach Maßgabe dieser Entfernung ändern +müssen. Es enthält daher nichts Widersinniges, zu behaupten, daß jede +Substanz, die nur überhaupt nach außen wirkt, auch bis in die +größtmögliche Entfernung hinaus unmittelbar zu wirken im Stande sei. + +Dies ist aber auch Alles, was wir über das Wesen unmittelbarer Wirkungen +ihrer Natur nach zu sagen vermögen. Sie weiter erklären und auseinander +setzen wollen, hieße sie in vermittelte, nicht mehr einfache und +unvermittelte Wirkungen umwandeln. Die unmittelbare Wirkung ist ein +einfacher, theilloser Act, dessen Dasein nothwendig wird durch das +factische Vorhandensein zusammengesetzter und theilbarer Acte, und +dessen weitere Auseinandersetzung seiner einfachen Natur entgegen ist. +Sie ist aber der einzig mögliche und denkbare Ausweg, unser +metaphysisches Denken mit dem Augenschein der sinnlichen Erfahrung in +Uebereinstimmung zu bringen. Dies könnte gering scheinen; vielleicht +könnte Jemand gerade darum Mißtrauen gegen sie hegen, weil sie sich mit +der Erfahrung zu harmoniren bemüht, weil sie sich auf den Augenschein +beruft, und auf diese Weise nicht auf reinen Begriffswahrheiten, sondern +auf bloßen Erfahrungs- und Wahrscheinlichkeitssätzen zu beruhen scheint. +Selbst wenn dies der Fall wäre, würde sie durch einen Vergleich mit den +Hypothesen anderer Systeme noch nichts verlieren. Abgesehen davon, daß +diese meist geradezu der Erfahrung, dem Augenschein, der +Wahrscheinlichkeit widerstreiten: haben wir auch nachzuweisen gesucht, +daß sie gewissen unbestreitbaren Begriffswahrheiten zuwider sind, +während die unsere nicht nur als an sich =möglich=, weil sie der +Erfahrung entspricht, als =wahrscheinlich=, sondern als =wirklich= und +=nothwendig= anerkannt werden muß. Wirft man ihr dagegen vor, sie sei +=undenkbar=; denn sie verlange etwas Einfaches, Unbegreifbares, +Unerfaßliches zu erfassen, so erinnere man sich, ob es wohl leichter +sei, die intellectuelle Anschauung, die pantheistische Substanz, die +logische Idee, das Absolute klar und anschaulich zu denken. Kann bei den +letztern von einem klaren, deutlichen Denken nur überhaupt die Rede +sein, wo die erste Forderung damit beginnt, so heterogene Dinge, wie +Denken und Sein, zu identificiren, oder eine unendliche Vielheit, +Individualität und Mannigfaltigkeit in eine unbegreifliche Einheit zu +verschmelzen? Kein unbefangener Verstand sträubt sich gegen den von +selbst klaren Satz: daß es Veränderungen gebe, von welchem aus wir auf +dem natürlichsten Wege durch Anwendung eben so unzweifelhafter reiner +Begriffswahrheiten: Wo es Zusammengesetztes gibt, müsse es Einfaches; Wo +es Vermitteltes gibt, Unvermitteltes geben, zu der Annahme +unmittelbarer, an und für sich (ihrem Wesen nach) nicht weiter +erklärbarer, Wirkungen gelangten: aber jedes gesunde Denken empört sich +gegen jede Identification des Begriffs mit seinem Gegenstande, weil sie +der unmittelbarsten Erfahrung und dem schlichtesten Verstandesurtheil +widerstreitet und lächerlich wird, sobald sie sich nur in die +entfernteste Nähe des wirklichen Lebens wagt(126). Dawider war freilich +kein anderes Mittel übrig, als indem man den Verstand selbst seiner +unbestrittensten Rechte entsetzte, und im =Widerspruch= die Wahrheit +fand, womit man jedoch die Henne todtschlug, welche die goldenen Eier +legte. Nicht genug läßt sich im schroffen Gegensatz zu dieser kühnen, +auf innerlich widersprechenden Grundlagen beruhenden Hypothesenbauerei +der modernen Weltweisheit der Tiefsinn, Ernst und wahrhaft tief +eindringende Forschergeist =Herbart='s hervorheben. Wenn desungeachtet +auch er wie in so manchen Punkten, so besonders in jenem wichtigen +Theile der Metaphysik, dessen Darstellung uns in diesem Augenblick +beschäftigt, nicht jede Anforderung zu befriedigen vermag, so liegt die +Schuld weniger darin, daß er Schwierigkeiten leichtfertig übersprungen, +oder oberflächliche dialektische Brücken darüber geschlagen hätte: +sondern vielmehr in der allzu großen Gewissenhaftigkeit, mit welcher er +Hindernisse und Widersprüche auch dort zu erblicken meinte, wo für +Andere, die nicht weniger als er nach besonnener Gründlichkeit streben, +keine vorhanden zu sein scheinen. Die einfache Qualität, das reine +Aneinander machten ihm eine Vermittlung, wie die unsrige, unmöglich. +Dennoch ist er es, dessen gewichtiges Zeugniß uns zur erfreulichen +Bestätigung unseres Schlusses von den in der Erfahrung stattfindenden +vermittelten Wirkungen auf die unvermittelten nicht mehr wahrnehmbaren, +zwischen den einfachen Wesen, dienen kann. + + (126) Vgl. =Exner=: Psychol. der =Hegel='schen Schule a. m. a. + +Der hauptsächlichste Einwand nämlich, der sich gegen unsere ganze +bisherige Deduction der unmittelbaren Wirkungen erheben ließe, dürfte +der sein: daß wir bei unsrem Beweise von der Erfahrung ausgehen, die uns +das Dasein wenigstens mittelbarer Wirkungen darbietet, und daß daher +unsere ganze Schlußfolge statt auf reinen erweislichen Begriffssätzen, +auf bloßen mehr oder weniger gewissen Wahrscheinlichkeitsurtheilen +beruht. Dabei liegt die Ansicht zu Grunde, daß von allen jenen Sätzen, +die von einem Gegenstand der Erscheinungswelt etwas aussagen, keiner +unmittelbare Gewißheit habe. Die Skepsis weist nach, daß wir nicht +selten ganz falsche Wahrscheinlichkeitsurtheile fällen, daß wir dem +Augenscheine trauend Dinge zu erblicken oder zu hören meinen, deren +Vorstellungen blos in der krankhaften Beschaffenheit unserer Organe +ihren Grund haben. Die Sinnestäuschungen sind oft unwidersprechlich. +Daraus zieht sie den Schluß, daß dem Zeugniß der Sinne überhaupt nicht +zu vertrauen sei, daß Wahrnehmungsurtheile nur durch eine häufige, +völlig gleichlautende Wiederholung einen Grad von Wahrscheinlichkeit zu +ersteigen im Stande sind, welchen wir ohne merklichen Nachtheil an die +Stelle der Gewißheit setzen dürfen. Ferner folgert sie, daß aus blos +wahrscheinlichen Sätzen selbst mit Zuziehung anderer zweifellos wahrer +Sätze keine andere als wieder nur wahrscheinliche Schlußsätze folgen +können, und daß daher jeder Schlußsatz, unter dessen Prämissen sich auch +nur Ein aus bloßer Wahrnehmung geschöpfter Satz befindet, niemals mehr +als einen gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit ersteigen, d. h. niemals +mehr als eine mehr oder minder plausible Hypothese werden könne. + +Gegen diesen Einwand läßt sich für den ersten Anschein nichts einwenden. +Es ist ganz und gar kein Zweifel, daß aus wahrscheinlichen Prämissen +auch nur ein wahrscheinlicher Schlußsatz folgen könne. Wenn daher in +unserm Schlusse der Obersatz folgendergestalt lautet: Sobald es +vermittelte Wirkungen gibt, muß es unvermittelte Wirkungen, die sich +nicht weiter erklären lassen, geben; so ist dies ein reiner und +unumstößlicher, in allen Fällen wahrer Begriffssatz. Es gibt vermittelte +Wirkungen, behaupten unsere Gegner -- hat nur Wahrscheinlichkeit, weil +er nur aus der Erfahrung geschöpft ist. Es ist ja möglich, daß wir +diesen Begriff und Zusammenhang erst selbst in die Erscheinung +hineinlegen; daß in Wahrheit gar nichts geschieht, weder Vermitteltes +noch Unvermitteltes; wenigstens sind wir nicht im Stande, ein solches +Geschehen nachzuweisen, ohne Gefahr, uns in einer Sinnestäuschung, einem +optischen Betruge zu verfangen, der unsre ganze Erfahrungserkenntniß +annihilirt. + +Allein dies eben scheint uns zu viel behauptet. Wir besitzen in der That +die unmittelbar gewisse unzweifelhafte Erkenntniß eines wirklichen, +nicht blos scheinbaren Geschehens, welches einen äußern Einfluß zwischen +Substanzen mit Nothwendigkeit fordert. + +Der oben angeführte Einwand wäre schlagend, wenn es die Voraussetzung +wäre, =daß alle Erfahrungssätze=, d. i. solche, die in ihren +Bestandtheilen, nähern oder entferntern, die Anschauung irgend eines +bestimmten individuellen Gegenstandes enthalten, _eo ipso_ auch bloße +Wahrscheinlichkeitssätze seien. Dem ist unsrer Meinung nach aber nicht +so, es gibt vielmehr welche darunter, denen =unmittelbare Gewißheit= +zukommt. + +Betrachten wir die Erfahrungssätze in der kurz zuvor gesetzten Bedeutung +als solche, die auf irgend eine Weise Anschauungen unter ihren +Bestandtheilen enthalten, so finden wir, daß sich nicht alle in dieselbe +Classe werfen lassen. Einige darunter sagen nichts weiter, als das +Dasein einer gewissen Vorstellung, einer Empfindung, eines Begriffs, +einer Anschauung =in uns selbst= aus, andere enthalten die Aussage des +Vorhandenseins des Gegenstandes, welchen wir als =Ursache= jener in uns +daseienden Vorstellung ansehen. Urtheile letzterer Form, z. B. =dies=, +was ich jetzt wahrnehme, ist ein Baum, haben nur Wahrscheinlichkeit. Es +könnte ja auch blos das Bild eines Baumes, ja es könnte vielleicht gar +kein, außerhalb unsres Leibes vorhandener Gegenstand und nur eine +Affection meines Auges sein, die in mir die Vorstellung eines Baumes +erzeugt. Wenn ich in die Ferne ausschauend Etwas gewahre, was wie eine +menschliche Figur aussieht, und ich urtheile: es sei in der That ein +Mensch, so kann ich mich irren, es könnte vielleicht nur eine Bildsäule +sein. Dagegen kann ich mich nicht irren, indem ich sage: ich habe in +diesem Augenblick die Vorstellung eines in der Ferne befindlichen +Menschen. Diese habe ich ja in der That, indem ich von ihr spreche. Das +Dasein dieser Vorstellung in mir ist mir =unmittelbar gewiß=, nur nicht +das Dasein dieses oder jenes oder überhaupt eines sie hervorbringenden +außerhalb unsres Leibes selbst befindlichen Gegenstandes. + +Alle Erfahrungsurtheile von der Form: Ich habe die Vorstellung _a_, +haben unmittelbare Gewißheit, sind selbst unmittelbare, nicht weiter +vermittelte Urtheile; Erfahrungssätze dagegen der Form: Der Gegenstand, +der die Anschauung _a_ in mir hervorbringt, hat diese oder jene +Beschaffenheit; er ist namentlich derselbe, der auch die andern +Anschauungen _b_, _c_, welche ich gleichzeitig habe, in mir +hervorbringt, kommen jederzeit nur durch Vermittlung, oft durch sehr +vielfache Vermittlung zu Stande. Nicht die Vorstellung: Rose, empfange +ich unmittelbar von außen, wenn ich das Urtheil fälle: =Dies= ist eine +Rose, sondern zunächst nur die Empfindungen des Roths, des Wohlgeruchs +u. s. w. Kehren diese Empfindungen, (deren Vorstellungen =Anschauungen= +oder =Diesse= sind) mehrmals und stets gleichzeitig wieder, so schließe +ich endlich, daß derselbe Gegenstand, der Ursache der Anschauung: +=Dieses= Roth, ist, auch Ursache der Anschauung: =Dieser= Wohlgeruch +u. s. w. sei, und so oft ich diese Anschauungen vereinigt vor mir habe, +auch derselbe Gegenstand: eine Rose, vorhanden sein mag. Das Urtheil: +Dieser Gegenstand ist eine Rose, sollte, deutlicher ausgedrückt, so +lauten: Der Gegenstand, welcher die in mir eben vorhandenen +Anschauungen: Röthe, Wohlgeruch u. s. w. hervorbringt ist ein solcher, +der wenn noch gewisse andere Umstände hinzukommen, z. B. wenn ich den +Stengel desselben mit meinen Fingern drücke, die Empfindung eines +Schmerzes hervorbringt u. s. w. Ein solches Urtheil ist daher, so häufig +es auch für das Gegentheil genommen wird, ein sehr vielfach +vermitteltes. Unter seinen Prämissen befinden sich nicht nur unmittelbar +gewisse Wahrnehmungsurtheile von der Form: Ich habe die Vorstellung +=dieses= Wohlgeruchs, ich habe die Vorstellung =dieses= Roths u. s. w., +sondern auch reine Begriffssätze, z. B. die Veränderung muß eine Ursache +haben u. a. Die wichtigste Rolle unter denselben aber spielt in den +meisten Fällen die =Gleichzeitigkeit= der Anschauungen: =Dies= Roth, +=Dieser= Wohlgeruch u. s. w. Diese, in einigen Fällen wahrgenommen, wird +hierauf durch die Induction auf alle Fälle ausgedehnt, und das Resultat +dadurch ein nur wahrscheinliches. + +Von dieser Art sind jedoch keineswegs die Erfahrungsurtheile, auf welche +wir unsre Beweisführung stützen und deren Gebrauch uns die Gegner zum +Vorwurf machen. Diese sind =durchgehends= vielmehr =unmittelbar gewisse +Wahrnehmungsurtheile= von der Form: Ich habe die Vorstellung _a_. + +Mit Hilfe dieser =unmittelbar gewissen=, nicht blos wahrscheinlichen +Erfahrungsurtheile vermögen wir mit apriorischer Gewißheit wenigstens so +viel nachzuweisen, daß es außer unserm eigenen, dem vorstellenden Ich, +Dinge geben müsse, welche auf dasselbe einwirken, gleichviel ob +unmittelbar oder mittelbar. Mit unmittelbarer Gewißheit erkennen wir +zunächst, daß wir =Vorstellungen= haben, daß in uns =Zustände= vorhanden +sind, welche sich =ändern=, entstehen und vergehen. Das letztere folgt +daraus, weil es unter ihnen welche gibt, deren Inhalt von der Art ist, +daß sie sich einander ausschließen. Diese können nicht gleichzeitig in +uns vorhanden gewesen sein, wir müssen uns also verändert, die eine +Vorstellung muß der andern den Platz geräumt haben. Dieser Vorgang kann +nicht ohne einen Grund vor sich gegangen sein, welcher nur entweder in +oder außer unserm eigenen Ich gelegen sein kann. Die alte Vorstellung +kann nicht verdrängt werden, die neue nicht in's Bewußtsein treten ohne +in oder außer uns befindliche Ursache. + +Wo kann nun diese Ursache liegen? + +Nicht in unserm eigenen Ich, denn sonst müßte dieses eine _causa sui_ +enthalten. Der Begriff einer _causa sui_ aber, wie man ihn bisher immer +verstanden und auch nicht anders verstehen kann, ist schlechthin +widersprechend. Denn ist es der richtige Begriff von Ursache und +Wirkung, daß ein wirkliches _A_ nur in jenem Falle die vollständige +Ursache des wirklichen _B_ genannt zu werden verdiene, wenn die +Wahrheit: »_A_ ist,« den objectiven Grund der Wahrheit: »_B_ ist,« +enthält, so ist die Forderung eines Wirklichen, das _causa sui_ sei, +identisch mit der Forderung einer Wahrheit: »_A_ ist,« die ihr eigener +Grund, d. i. der Grund der Wahrheit: »_A_ ist,« sei. Nun kann aber eine +Wahrheit wohl =ohne= Grund, ein Axiom, eine Grundwahrheit sein, +keineswegs aber ihr eigener Grund, d. i. Grund und Folge zugleich. + +Vielmehr folgt sowohl aus rein apriorischen Gründen, als aus +natürlichen, unwidersprechlichen Thatsachen des Bewußtseins, daß die +Ursache der Veränderungen in unserm Vorstellungskreise zum Theile +wenigstens =außerhalb= unser selbst, und nur teilweise, bei den +Anschauungen z. B. nur zu sehr geringen Theilen, =in uns= gelegen sein +müsse. + +Denn betrachten wir ganz allgemein unser Ich als veränderliche Substanz, +deren Vorstellungen entstehen und vergehen, deren Kräfte also der +Zunahme und Abnahme fähig sind: so ist es klar, daß sie zu keiner Zeit +=alle= Kräfte, und noch weniger alle in dem =größten Maße=, in welchem +sie neben einander möglich sind, besitze, d. i. daß sie nicht vollkommen +ist. Wenn nichts anders, so muß doch Jeder von sich zugestehen, daß er +nicht =alle= Wahrheiten erkenne, die es überhaupt gibt, daß er deren von +Tag zu Tag mehrere zu erkennen im Stande sei, daß also wenigstens seine +Erkenntnißkraft eine im Wachsen begriffene, unvollendete sei. Der Grund +aber, daß er nicht =alle= Wahrheiten erkennt, kann doch unmöglich in den +Wahrheiten selbst liegen. Von diesen kann keine der andern +widersprechen, sonst hörte eine oder die andere auf, eine Wahrheit zu +sein. Es liegt daher in der Beschränktheit unserer Erkenntnißkraft. +Wodurch wird aber die Erkenntnißkraft selbst beschränkt? Warum ist sie +nicht vorhanden in dem zur Allvollkommenheit erforderlichen Grade? Liegt +der Grund davon in dem Wesen, d. i. in seinen übrigen Kräften? Dies wäre +nur dann möglich, wenn die übrigen Kräfte, welche das Wesen besitzt, mit +demjenigen Grade der Erkenntnißkraft, welcher zur Allvollkommenheit des +Wesens verlangt wird, im Widerspruche ständen. Die übrigen Kräfte sind +jedoch keineswegs von der Art, daß sie das Dasein des zur +Allvollkommenheit nothwendigen Grades der Erkenntnißkraft verbieten. +Kann daher der Grund, weshalb ein Wesen nicht vollkommen ist, nicht in +den Kräften desselben liegen, so liegt er in dem Wesen überhaupt nicht; +denn wo sollte er sonst liegen? Er muß sich folglich in einem anderen +Wesen, das nicht anders als außerhalb des Veränderlichen sein kann, +befinden. Das Veränderliche muß daher fähig sein, Einwirkungen von außen +zu empfangen, oder, was dasselbe ist, es muß außerhalb unsers eigenen +Ich Dinge geben, welche nach außen zu wirken im Stande sind. + +Von welcher Beschaffenheit diese außer uns befindlichen Dinge sind, +darüber sagt diese Untersuchung noch nichts. Sie spricht es nicht aus, +ob die in uns vorgehenden Veränderungen von eben so unvollkommenen +Substanzen, wie die unsre ist, erfolgen; ob sie theilweise, oder wie +=Leibnitz= und =Descartes= gemeint zu haben scheinen, wenn man sie so +auslegen darf, gänzlich von dem vollkommensten Wesen herrühren; sie +bestätigt aber neuerdings, was wir schon bei =Leibnitz= angedeutet, daß, +sobald einmal zugegeben sei, es gebe veränderliche und folglich endliche +Wesen, auch nach einem außerhalb liegenden Grunde dieser Veränderungen +geforscht und folglich die Möglichkeit des Einwirkens von außen +angenommen werden müsse. + +Noch viel entschiedener aber, besonders für Jene, welche gewohnt sind, +den Anfangspunkt des philosophischen Denkens, wie seine Bestätigung, in +dem denkenden Subjecte selbst zu suchen, sprechen für unsere Behauptung +einer Einwirkung von und nach außen, gewisse Classen von Vorstellungen, +welche wir in unserm Bewußtsein antreffen, und die wir schon mehrmals +als =Anschauungen= bezeichnet haben. Es sind einfache Vorstellungen, die +nur einen einzigen Gegenstand haben. Unter diesen gibt es mitunter +mehrere, welche so beschaffen sind, daß wir es unmittelbar, also auch +mit voller Gewißheit erkennen, daß sie von etwas außer uns Befindlichem +in unserm Innern erzeugt werden. Dies gilt nicht von allen. Auch +Gegenstände, die sicher nicht außerhalb meiner sind, z. B. meine eigenen +Seelenzustände, kann ich anschauen, d. i. ich kann mir eine Vorstellung +davon bilden, die einfach ist, und einen einzigen Gegenstand hat. Von +der letztern Art sind die Vorstellungen, welche wir in den unmittelbar +gewissen Wahrnehmungsurtheilen anwenden, durch welche wir das Dasein +einer in =uns= befindlichen Vorstellung aussagen, z. B.: =ich= habe die +Vorstellung: =Dies= Roth. Der Bestandtheil dieses Satzes ist nicht die +Anschauung: Dies Roth, sondern die Vorstellung dieser Anschauung. Die +Anschauung selbst sowohl, als die Anschauung dieser Anschauung sind =in +mir=. + +Von der oben zuerst erwähnten Art sind dagegen die Anschauungen: +=Dieser= Wohlgeruch, =dieser= Schall, =dieses= Grün u. s. w. Diese +weisen unmittelbar auf etwas außerhalb unseres Ich Befindliches hin, +durch welches sie angeregt werden. Dieses braucht eben nicht ein +außerhalb meines Leibes Existirendes zu sein. Recht gut können diese +Anschauungen in meinem Ich auch blos durch Zustände meines Leibes, +krankhafte Affectionen meiner Sinnesorgane veranlaßt werden; +desungeachtet bleibt ihre Ursache eine äußere für mein erkennendes Ich, +und bringt durch seine Thätigkeit in diesem eine Veränderung hervor. Nur +erst wenn wir über den Gegenstand selbst, der sie in uns hervorbringt, +etwas aussagen wollen, gerathen wir in Gefahr, zu irren. Welch +anderweitige Beschaffenheiten er habe, das erkennen wir meist durch +Wahrscheinlichkeitsschlüsse, die häufig trügen, uns z. B. eine Rose +vermuthen lassen, wo statt ihrer nur eine Anhäufung gewisser Stoffe in +unserem Gehirn existirt, die jene Vorstellung hervorruft u. s. w. +Unmittelbar erkennen wir nur: Es gibt Wirkliches außer uns, durch dessen +Einwirkung Anschauungen dieser Art in uns erzeugt werden. + +Daß Urtheile, wie das letzte, von uns in der That gefällt werden, gibt +gewiß Jedermann zu; ebenso, daß sie nicht von der Form sind, die wir +kurz zuvor für das bloße Wahrscheinlichkeitsurtheil aufstellten: +derselbe Gegenstand, der die Anschauung _a_ in mir bewirkt, ist +(wahrscheinlich) auch Ursache der Anschauung _b_, oder hat die +Beschaffenheit, daß er auch die Anschauungen _m_, _n_ hervorbringen +würde, wenn noch gewisse andere Umstände einträten. Dieses Urtheil ist +offenbar sehr vermittelt und zwar durch Vordersätze, die ihrer Natur +nach einen bloß wahrscheinlichen Schlußsatz gewähren, weil einer unter +ihnen von der Form sein muß: =Wenn= gewisse Erscheinungen _a_, _b_ .... +mehrmals gleichzeitig sind u. s. w. Dagegen wird in einem der +obenerwähnten Urtheile über die Beschaffenheit des erzeugenden +Gegenstandes nicht mehr ausgesagt, als daß derselbe ein Wirkliches sei; +ob dasselbe oder verschiedene Wirkliche? fordert eine ganz andere +Untersuchung. Dieses Urtheil reicht sonach über jede Möglichkeit des +Irrthums hinaus, es ist ein unmittelbar gewisses Factum des Bewußtseins. +Wer kann es läugnen, daß er Dinge außer sich voraussetze; daß er +urtheile, daß dergleichen Dinge da sind, daß sie auf ihn einwirken; daß +er diese Urtheile auf Nöthigungen des äußern Sinnes fälle, auf den Grund +von Vorstellungen hin, von denen es sonst keinen Grund gäbe, wenn er +nicht außerhalb des Vorstellenden selbst gelegen wäre? Wer kann ferner +anders, als höchstens mit dem Munde läugnen, daß er sehe, höre, rieche, +und daß er deshalb Gegenstände setze, welche er zu sehen, zu hören und +zu riechen meine? Zwang nicht dieses unwiderstehliche Hinweisen der +Vorstellungen des äußern Seins auf außen befindliche Gegenstände sogar +den strengen Idealismus, gewisse unbegreifliche Schranken und Gesetze +des Ich in »der untern bewußtlosen Sphäre unserer Subjectivität« +anzuerkennen, in welchen sich das Ich nachher als in gewissen +Bestimmungen d. i. Empfindungen und Vorstellungen befangen wahrnimmt? +Und =Kant= erklärte ausdrücklich, die Empfindungen seien von außenher +empfangener Stoff, und unsre ganze Kenntniß von der Außenwelt beschränke +sich auf den Satz: Wären keine Dinge außer uns, so wären auch keine +Erscheinungen in uns. Nun sind diese, also müssen auch jene sein. + +Ja während man bei =Leibnitz=, dem schon =Bayle= vorrückte, daß im Falle +vollkommener Spontaneität der Seele in Betreff ihrer Vorstellungen gar +kein Grund vorhanden sei, mehr als =eine= Monade anzunehmen, mit Recht +fragen darf, woher er denn von den mehreren Monaden, die er voraussetze, +mit einem Wort, von der Außenwelt, selbst von dem allervollkommensten +Wesen etwas wissen könnte, wenn in aller Strenge durchaus kein äußerer +Einfluß stattfinden dürfe: waren Denker, wie =Locke= und =Herbart=, so +durchdrungen von dem Gefühle der Abhängigkeit unsers Vorstellens von der +Außenwelt, daß sie selbst so weit gingen, zu behaupten: =alle= unsere +Vorstellungen ohne Ausnahme würden von außenher erzeugt, was wir +unsrerseits nur von =einem Theile der Anschauungen= zu behaupten wagten. +Denn obgleich es wahr ist, daß keine unsrer Vorstellungen ohne irgend +eine von außen gebotene =Veranlassung= in uns entsteht, so ist doch die +Art, wie die Außenwelt hiebei thätig ist, bei verschiedenen Classen von +Vorstellungen eine verschiedene, und zwar werden jene Anschauungen, +welche eine so stringente Hinweisung auf die Außenwelt enthalten, durch +wirkliche, außer uns befindliche Gegenstände erzeugt; sobald aber auch +nur zwei derselben durch das Wörtchen »=und=« verbunden werden sollen, +tritt dieser einfache =Begriff= hinzu, der offenbar nicht wie jene durch +einen äußern Gegenstand, sondern durch die eigene Thätigkeit der Seele +auf Veranlassung und bei Gelegenheit jener Anschauungen erzeugt worden +ist. Ueberhaupt darf der Ausdruck: =von außen erzeugt= nicht so +verstanden werden, als wäre hiebei unsre Seele selbst völlig unthätig. +Dies ist nicht einmal bei jenen Anschauungen, die von außen herkommen, +der Fall, und es ist deshalb nicht völlig richtig, wenn man sie, wie +häufig geschieht, als unwillkürliche, uns ohne und häufig wider Willen +aufgedrungene Vorstellungen bezeichnet. Denn gegen viele, ja die +meisten, steht es gänzlich in unsrer Macht, uns zu verschließen. +Schließe ich die Augen, so werde ich die Rose nicht sehen, und daher +auch die Anschauung: =Dies= Roth, nicht empfangen. Ziehe ich, um auch +ein Beispiel der Anschauung eines innern Gegenstandes zu gebrauchen, +meine Aufmerksamkeit von der Vorstellung √−1 oder dem Urtheil, daß z. B. +√−1 imaginär sei, ab, so gelangen diese Gedanken nicht zur Anschauung. +Auf alle unsre Anschauungen hat daher unser Wille wenigstens mittelbaren +Einfluß. + +Aber auch wenn dies nicht der Fall wäre, so bliebe doch soviel erreicht, +als wir hier erreichen wollen: wir finden unter den Anschauungen in der +That Zustände, welche mit unmittelbarer Gewißheit auf Einwirkung von +außenher schließen lassen. Zu entscheiden, welche Anschauungen diese +Nöthigung wirklich ausüben, weil wohl jede einen Gegenstand hat, dieser +aber, wie schon gesagt, nicht jedesmal ein äußerer sein =muß=, sondern +wohl auch ein innerer, ein Seelenzustand u. s. f. sein =kann=; denn ich +vermag auch meine eigenen Vorstellungen, Urtheile, Empfindungen, Wünsche +u. s. w. anzuschauen, und mir Anschauungen von Anschauungen zu +verschaffen; zu prüfen, ob das Eine oder das Andere stattfinde, ob das, +was ich eben jetzt anschaue, etwas in mir oder nicht in mir +Befindliches, sondern von außen auf mich Einwirkendes sei: dies vermögen +wir und urtheilen wirklich darüber. Dieses Urtheil fällen wir sogar +nicht mit bloßer Wahrscheinlichkeit, sondern mit unmittelbarer +Gewißheit, sofern wir uns nur nichts Mehreres erlauben, als zu +behaupten, daß wir hier etwas anschauen, was ein außer uns Wirkliches +ist, nicht aber, von welchen weiteren Beschaffenheiten es sei, ob eine +Rose, oder ein Blatt Papier u. s. w. Die Urtheile, mittels welcher wir +dies behaupten, sind unmittelbar gewisse Erfahrungsurtheile von der +Form: =Dies=, was ich jetzt eben anschaue, ist die Wirkung eines auf +mich einwirkenden Wirklichen. In diesem Urtheil erscheint aber als +Subjectvorstellung nicht die Anschauung selbst, von welcher wir dies +aussagen, sondern eine Anschauung von dieser Anschauung. Diese +Subjectvorstellung ist daher selbst etwas in mir Vorhandenes und stellt +etwas in mir Vorhandenes vor; dieses Letztere aber ist selbst die +Anschauung eines außer mir Befindlichen, nämlich des einwirkenden äußern +Gegenstandes. Obgleich hier also Gegenstand der Vorstellung und diese +selbst beides Vorstellungen sind, dürfen sie dennoch nicht mit einander +verwechselt werden. Die Vorstellung, welche den Gegenstand der andern +ausmacht, tritt dadurch zu dieser ganz in dasselbe Verhältniß, wie ein +wirklicher sinnlicher Gegenstand zu seiner Vorstellung. Die Vorstellung +der =wirklichen= gedachten Vorstellung: =Dies Haus=, ist von ihr nicht +weniger verschieden, als die Vorstellung: =dies= Haus von dem +=wirklichen Hause= selbst. Durch die Verwechslung beider Dinge, des +Gegenstandes der Vorstellung mit dieser selbst, sind vielfache Irrthümer +entstanden, wie es nicht anders geschehen kann, wenn man zwei völlig +verschiedenen Dingen dieselben Eigenschaften beilegt. Auf ihr beruht +hauptsächlich der reine Idealismus, und noch greller der +transcendentale, bis die Verwirrung in der völligen Identificirung des +Denkens und Seins den Gipfelpunkt erreicht. Denn wo soll dann ein klares +Denken noch herkommen, wenn der Begriff eben so gut die Sache, als die +Sache der Begriff sein soll, wenn Sein und Nichts und wieder Sein und +Denken identisch sind. + +Auf diese Weise wäre das Vorhandensein einer Einwirkung von außen, +wenigstens auf eine einfache Substanz, wie unser (des Denkenden) eigenes +Ich, durch eine unwidersprechliche, unmittelbar gewisse =Thatsache des +Bewußtseins= erwiesen. Auf dieses Wort hin ist schon so viel gesündiget +worden, daß man fast fürchten muß, durch seine Anwendung Mißtrauen zu +erregen. Es scheint sehr bequem und kann es auch in der That sein, »wo +die Begriffe fehlen,« sich mit Berufung auf innere Thatsachen +auszuhelfen, die Einer eben so gut läugnen als der Andere zugeben kann. +Hat man doch sogar die transcendentale Freiheit für eine Thatsache des +Bewußtseins ausgegeben! Ein Anders ist es aber mit jenen Urtheilen, die +wir als unmittelbare Erkenntniß durch innere Erfahrung angesehen wissen +wollen. Niemand kann es, er müßte denn sich selbst Lügen strafen wollen, +verneinen, daß er Urtheile, wie: ich werde afficirt, ich empfinde +Einwirkungen auf mich, wirklich fälle. Selbst Denker, welche, wie +=Leibnitz=, die Möglichkeit der Einwirkung nicht anerkannten, vermochten +sich im Leben dieses Urtheils kaum zu enthalten. Sie zweifelten am +Schreibtisch, weil ihnen vorkam, daß der Satz gewissen anerkannten +Begriffswahrheiten widerstreite, aber sie würden sich kaum so +angelegenheitlich bemüht haben, denselben mit den scheinbarsten +Argumentationen zu bestreiten, wenn er sich ihnen nicht so nachdrücklich +von jeder Seite her aufgedrängt hätte. Wenigstens das Urtheil, daß sie +fortwährend so afficirt werden, als ob auf sie von außen gewirkt werde, +würden sie mit allen Andern zuzugestehen sicher bereit gewesen sein. Und +mehr bedürfen wir nicht. In dieser unmittelbar gewissen Erkenntniß, daß +wir von außen afficirt werden, liegt auch schon die Bürgschaft, daß dies +wirklich geschehe; von wem und wie? darauf vermögen wir hier noch keine +Antwort zu geben. + +Wenn man gegen diesen Beweis, der zwar auf Erfahrungssätzen, aber auf +=unmittelbar= gewissen beruht, einwenden wollte: jegliches Urtheil, +welches wir fällen, z. B. Ich denke, sei eine bloße Sache der Erfahrung, +und rein apriorisch sei ein Beweis nur dann, wenn er auch nicht einmal +eine =solche= Erfahrung enthalte: so hört damit die Möglichkeit +überhaupt auf, irgend einen Beweis zu führen, ja nur irgend eine +richtige Erkenntniß zu erlangen. Denn ohne zu urtheilen vermag man auch +nichts zu erkennen. Will man aber die letztere Möglichkeit nicht +gänzlich aufgeben, so muß man zugestehen, daß eine Deduction, welche +sich auf keine andere, als unmittelbar gewisse Wahrnehmungsurtheile +stützt, wenigstens mehr als Wahrscheinlichkeit zu liefern im Stande sei. + +Ist einmal nur soviel außer Zweifel, daß wenigstens wir selbst (das +denkende Subject) Einwirkungen von etwas Wirklichem, das außer uns und +von uns selbst verschieden ist, erfahren, so sind die weiteren Fragen +nach dem Woher? und Wie? des Einwirkens nicht länger unbeantwortlich. + +Das außer uns befindliche Wirkliche kann, als solches, nur ein +zweifaches sein, entweder ein solches, das noch an einem andern sich +befindet, oder ein solches, bei welchem dies nicht mehr der Fall ist. +Ein weiterer Fall ist nicht denkbar. Im erstern Falle wollen wir es mit +einem alten Namen: =Adhärenz=, im letztern =Substanz= nennen. Wenn nun +gleich Dasjenige, was zunächst auf uns einwirkt, in den meisten Fällen +selbst nur eine Adhärenz sein mag, die sich vielleicht wieder an einer +Adhärenz befindet u. s. f., so kann dies doch nicht ins Unendliche +hinaus sich erstrecken. Denn eine endlose Reihe von Dingen, welche an +andern sind, ohne ein solches, welches nicht mehr an andern ist, eine +endlose Reihe von Getragenen ohne Träger ist ein klarer Widerspruch. +Zuletzt muß es dennoch irgend ein Selbständiges geben, eine Substanz, +von welcher wir, durch Vermittlung ihrer Adhärenzen, die Einwirkung von +außenher erleiden. Eine weitere Frage, deren Beantwortung uns jedoch +hier zu weit führen würde, ist es dann, ob es dieser außer uns +befindlichen Substanzen eine oder mehrere, vielleicht sogar unendlich +viele gebe, ob sich unter diesen eine vollkommene befinde, ob wir sowohl +von dieser als von den unvollkommneren Einwirkungen erleiden u. s. w. +Alle diese Sätze, wie noch mehr andere, z. B. daß es Wirkliches +überhaupt gebe, daß jedes Wirkliche wirke, daß keine Substanz zur selben +Zeit widerstreitende Beschaffenheiten besitzen könne, daß sie daher, +wenn sich dergleichen an ihr aufzeigen lassen, zu verschiedenen Zeiten +existirt haben muß u. v. d. A., bestehen aus so einfachen Begriffen, daß +sie theils unmittelbar, theils nach sehr kurzer Betrachtung jedem +unbefangenen Verstand einleuchten müssen, selbst ohne daß er sich der +Gründe, auf welchen sie beruhen, deutlich bewußt geworden. Ja das +Letztere ist sogar häufig äußerst schwierig, wovon sogleich der Satz von +der äußern Einwirkung der Substanzen das treffendste Beispiel liefert; +und darum wird es dem Denken, sobald es einmal den Gründen dieser +scheinbar so einfachen Wahrheiten nachgeht, gar nicht schwer, dieselben +mit dem Munde zu läugnen und allmälig ganz zu verwerfen, weil es die +Gründe für dieselben nicht aufzufinden vermag. Zum Theil aber haben +diese Wahrheiten in der That gar keine Gründe, sondern sind +=Grundwahrheiten=, zum Theil liegen diese ganz anderswo, als wo sie +gewöhnlich gesucht zu werden pflegen. So viel ist jedenfalls gewiß, daß +das unverdorbene Denken nicht erst die Beweise des Denkers erwartet, um +diese Wahrheiten als solche anzuerkennen, und der Vorzug des +=Vernünftigen= besteht eben darin, dergleichen Wahrheiten, wie er sie +nur vernimmt, mit Beifall anzunehmen. Des Denkers Aufgabe ist es viel +weniger, diesen Sätzen allgemeine Anerkennung zu verschaffen, als +vielmehr die falschen und scheinbaren Gegengründe und Vorurtheile, die +man gegen dieselben vorgebracht hat, hinwegzuräumen. + +Dies hielten wir auch bei dem Satze von der =äußern Einwirkung der +Substanzen=, einer Wahrheit, an welcher im gemeinen Leben ohnedies +Niemand zweifelt, für unsere vornehmste Aufgabe. Die Vorurtheile und +irrigen Vorstellungen, denen namentlich das Wie? dieser äußern +Einwirkung ausgesetzt war, vermochten wir nicht kürzer zu beseitigen, +als indem wir zu zeigen suchten, daß diese Frage selbst schon =an sich= +eine nichtige, ein _non-sens_ sei, weil sie etwas Ansichunmögliches zu +wissen verlangt. Wir vermögen auch hier, wo wir bereits erwiesen haben, +daß wir Einwirkungen von außen, und zwar von wirklichen Substanzen außer +uns erfahren, über die Art und Weise dieser Einwirkung nichts anders zu +sagen. Sie ist ihrer Natur nach =unmittelbar=, oder wenn sie vermittelt +ist, läßt sie sich wenigstens auf unmittelbare Einwirkungen +zurückführen, und diese Zurückführung ist schon ihre ganze Erklärung. +Alle Fragen nach ihrer fernern Beschaffenheit, nach Berührung, +Durchdringung, materiellem Uebergang, Selbsterhaltung u. s. w. müssen +wir demnach als =nicht zur Sache gehörig= ohne weiters abweisen. Unser +Satz lautet einfach so: Wir nehmen Veränderungen in uns wahr; unter +diesen solche, die unmittelbar auf außerhalb unseres Ich befindliche +Wirkliche hinweisen, von welchen sie als Wirkungen in uns hervorgebracht +werden; diese Wirklichen selbst müssen (zum Theil wenigstens, d. h. mit +Ausschluß der Adhärenzen) Substanzen sein; die Einwirkungen aber +geschehen entweder unmittelbar oder sie lassen sich doch auf +unmittelbare zurückführen. + +Nachdem wir soviel erreicht, dies von einer einzigen einfachen Substanz, +jener, welche unser eigenes (des Denkenden) Ich ausmacht, zu erweisen, +erübrigt die Frage: ob diese Fähigkeit, Einwirkungen von außen zu +erleiden und also umgekehrt auch auszuüben, =allen= Substanzen zukomme +oder nicht. Darüber würde kein Zweifel herrschen können, wenn es +ausgemacht wäre, ob zwischen sämmtlichen Substanzen höhern und niedern +Ranges nur eine Grad- oder wirklich specifische Verschiedenheit (d. h. +solche, die sich nicht auf eine blos graduelle zurückführen läßt) +stattfinde. Wenn einige Substanzen die Fähigkeit nach außen zu wirken +und von außen zu leiden besäßen, andere nicht, so wäre dies allerdings +eine specifische Verschiedenheit unter denselben. In der That waren +viele Denker dieser Meinung und besonders die Schriften des =Cartesius=, +seiner Anhänger und Zeitgenossen liefern reichliche Beispiele von +widersinnigen Behauptungen, zu welchen die Annahme specifischer +Verschiedenheit unter den Substanzen verführt hat. Besonders war es der +Streit um die Thierseelen, welcher die Gemüther beschäftigte und häufig +bis zur Parteiwuth entzündete. Während die Einen den Thieren alle und +jede Seelenfähigkeit, ja die Seele selbst absprachen, geriethen Andere +ins entgegengesetzte Extrem, die Thierseele sogar über die Menschenseele +zu erheben, und sie für weit begabtere Wesen als die letztern anzusehen. +=Leibnitz= dagegen nahm sich der wesentlichen Gleichheit aller +Substanzen auf das eifrigste an und hatte, wie die bekannte Anekdote im +Schlosse zu Charlottenburg zeigte, gar nichts dawider, daß auch aus den +Atomen, die in dem Kaffee, den er eben trank, enthalten sein mochten, +sich mit der Zeit Wesen höherer, sogar menschlicher Art entwickeln +können. Selbst =Herbart=, dem man unter den Neuern am nachdrücklichsten +den Vorwurf gemacht, er betrachte z. B. die Thiere als bloße Maschinen, +erscheint als Vertheidiger der wesentlichen Gleichheit aller +Substanzen(127). Er gibt zu, es sei keinem einzigen einfachen Realen +wesentlich, Substanz zu sein -- welches bei ihm nichts anderes heißt, +als in Causalzusammenhang mit andern Realen zu treten, in Folge dessen +Selbsterhaltungen d. i. Vorstellungen in dem Ersten entstehen; und diese +Eigenschaft könne unter Hinzutritt gewisser Umstände einem jeden ohne +Unterschied zukommen. Vor allem aber gibt uns die Erfahrung Belege genug +an die Hand, daß sich das Charakteristische der Seele, ihre innern +Zustände, wenn auch in verschiedenem Grade an allen einfachen Substanzen +vorfinden, und diese generisch durchgehends verwandt sind. Fast an allen +organischen Wesen trifft man Organe und Thätigkeiten an, welche den +menschlichen analog sind, und in den unorganischen läßt sich zum +wenigsten keine sichere Grenze festsetzen, über welche hinaus sie +aufhörten, noch organisch zu sein, so daß wir zuletzt genöthigt werden, +auch in ihnen Organismen, wenn auch von minderer Vollkommenheit, +anzuerkennen. Von Vorstellungen aber haben wir eben gar keinen andern +Begriff, als daß es solche Veränderungen seien, welche im Innern +einfacher Substanzen vorgehen. =Leibnitz= erklärt sie mit klaren Worten +für das Einzige, was im Innern einfacher Substanzen vor sich gehen kann, +und worin alle innern Thätigkeiten der Monaden bestehen(128). Da nun +alle Substanzen, mit Ausnahme der allvollkommenen, unvollkommene, also +veränderliche sind, mithin Veränderungen mit ihnen vorgehen, die nach +dem eben Gesagten keine andern als Vorstellungen (im weitesten Sinn) +sein können, so folgt, daß alle Substanzen Vorstellungen haben und ohne +Ausnahme Vorstellungskraft besitzen, und daher generisch nicht unter +einander verschieden sind. Allerdings darf man bei dem Wort +Vorstellungen nicht an solche denken, die wir gemeiniglich mit diesem +Namen bezeichnen, und die meist schon »bewußte« d. i. solche +Vorstellungen sind, von denen wir =wissen, daß wir sie haben=. Diese +Vorstellungen werden vielmehr =alle=, oder doch dem größten Theil nach +=dunkle=, unbewußte Eindrücke sein können, bloße Perceptionen nicht +Apperceptionen; unbestimmte Empfindungen, aber doch Veränderungen im +Innern der Substanzen, aus welchen sich im Laufe der Zeit =klare= und +=deutliche= entwickeln. Sind aber alle Substanzen vorstellende und +veränderliche Wesen, so werden sich bei jeder einzelnen die Fragen nach +einem =Grund= ihrer Veränderungen, welcher nicht in ihr selbst liegen +kann, wiederholen, und in jeder werden sich höchst wahrscheinlicher +Weise Vorstellungen von ähnlicher Art wie unsere Anschauungen oder +=Diesse= vorfinden, welche eben so unmittelbar wie diese auf ein +außenbefindliches, einwirkendes Wirkliche hinweisen. Zum wenigsten ist +gar kein Grund vorhanden, warum es nicht der Fall sein sollte, da im +Gegentheil eben die Anschauungen diejenigen Vorstellungen sind, welche +dem größten Theile nach gar nicht zu unserm Bewußtsein gelangen. + + (127) d. h. in ihren letzten Gründen. Der Abstand von einem Tartuffe + zu einem Newton würde noch immer groß genug bleiben. + + (128) _Monad._ §. 17. + +Indeß möge dies oder jenes der Fall sein, so gilt der bisher zu erweisen +versuchte Satz, wenn nicht von allen, doch wenigstens von denjenigen +Wesen, welchen auch der Dualismus die Vorstellungs- und Seelenfähigkeit +nicht abspricht. Erweitert umfaßt daher unser Satz von nun an =alle= +endlichen vorstellenden Substanzen, weil sich um ihrer wesentlichen +Gleichheit willen kein Grund angeben läßt, warum das Vermögen nach außen +zu wirken und von außen zu leiden auf einige derselben sich erstrecken +solle, auf andere nicht. Denn wissen wir einmal, daß alle endlichen und +vorstellenden Substanzen eben deshalb auch veränderlich, und des +Wachstums ihrer Kräfte fähig sind, so dürfen wir auch schließen, daß der +Zweck ihrer Erschaffung kein anderer war, als sich dieser Zunahme ihrer +Fähigkeiten zu freuen und darin Glückseligkeit zu genießen. Und wenn +einige, namentlich alle diejenigen, welche auf =uns= einwirken, und +deren Dasein wir eben nur aus diesen ihren Wirkungen auf uns erfahren, +d. i. sämmtliche Erdengeschöpfe nicht weniger als die uns bisher +bekannten Himmelskörper, die Kraft auf andere zu wirken, und +Rückwirkungen von ihnen zu erfahren besitzen: reicht dies nicht hin, zu +schließen, daß ähnliche Kräfte =allen= zukommen, weil sie sonst zwecklos +da wären, wenigstens des Guten nicht so viel genießen und in andern +befördern könnten, als sie auf diese Weise vermögen? + +Ist aber dies einmal außer Zweifel, so kann es auch keinem Anstand mehr +unterliegen, daß diese Einwirkung unter den Substanzen eine +=wechselseitige= sein müsse. Denn jede Veränderung in dem Veränderten +setzt eine Veränderung in dem =Verändernden=, von welchem die thätige +Kraft ausgeht, voraus. Es gab eine Zeit, in welcher die Veränderung im +Veränderten noch nicht da war, das Verändernde sie also noch nicht +bewirkt hatte. Indem das letztere dieselbe früher noch nicht bewirkte +und jetzt bewirkt, hat es an sich selbst eine Veränderung erfahren, die +es nicht erfahren haben würde, wenn es nicht jene Veränderung im andern +hervorgebracht hätte. Ohne die letztere wäre es daher selbst ein anderes +geblieben. Insofern daher das Veränderte da sein muß, um eine +Veränderung vom andern zu erfahren, welche ihrerseits wieder eine solche +im Verändernden, das aus dem Zustande der Unthätigkeit in jenen der +Thätigkeit übergehen muß, erfordert: kann es selbst wieder als reciproke +Ursache dieser Aenderung im Verändernden angesehen werden. Darin liegt +nichts Widersprechendes; denn die Veränderung _x_ im veränderten Dinge +_A_ ist eine andere als jene _y_ im verändernden Dinge _B_. Das Ding _A_ +ist also Ursache der Veränderung _y_ in _B_, und das Ding _B_ Ursache +der von _y_ verschiedenen Veränderung _x_ an dem _A_. Der Widerspruch +würde nur dann stattfinden, wenn _A_ Ursache derselben Veränderung in +_B_ wäre, welche _B_ in _A_ bewirkt, wenn z. B. das _A_ Ursache des +=Seins= von _B_ und _B_ umgekehrt Ursache des Seins von _A_ sein sollte. +In =derselben= Beziehung kann ein Ding nicht zugleich Ursache und +Wirkung sein, wohl aber in =verschiedener= Beziehung. Wenn daher =Lotze= +der Wechselwirkung vorwirft, die Ursache bedinge in ihr nicht nur die +Wirkung, sondern die Wirkung zugleich die Ursache, und es werde daher +unter Wirkung nicht das Resultat des Processes, sondern das Object +verstanden, an welchem dieses erzielt wird, indem z. B. der Geschlagene +den Schlagenden und dieser jenen bedinge: so verwechselt er die +Vorstellung des gemeinen Lebens, welches hier, wie häufig, eine bloße +=Theilursache=: den Geschlagenen, statt der ganzen Ursache heraushebt, +mit der ausdrücklichen Erklärung, daß dasjenige, was in einem Sinne +Wirkung, in einem ganz =andern Sinn= Ursache sei; weil beides +andernfalls in der That widersprechende Bestimmungen desselben Dings +sein würden. Trifft z. B. die bewegte Kugel _a_ auf die ruhende _b_, so +gibt sie einen Theil ihrer Geschwindigkeit an diese ab, so daß sie +selbst sich langsamer bewegt als früher, die zweite aber sich bewegt, +die vordem geruht hat. Die =Abnahme= der Geschwindigkeit der ersten ist +daher Ursache der =Zunahme= der letztern, und die =Zunahme= der +Geschwindigkeit der letztern die Ursache der Abnahme der Geschwindigkeit +der erstern. Auch =Hegels=(129) Einsprache gegen diesen Satz gründet +sich auf die unrichtige Voraussetzung, daß die Wirkung in =derselben= +Beziehung, in welcher sie dies ist, auch wieder Ursache sein solle. +Allein um das obige Beispiel beizubehalten, ohne Zweifel ist die +Veränderung, welche in dem Geschlagenen vorgeht, eine andere, als jene, +welche der Schlagende erfährt, der Geschlagene daher in einer ganz +andern Beziehung Grund einer Veränderung im Schlagenden, als jene ist, +in welcher er zugleich eine Wirkung durch den Schlagenden erleidet. + + (129) Encyclop. I. S. 306. + +Das Ergebniß der ganzen bisherigen Untersuchung ist daher in wenig +Worten Folgendes: Jede (endliche, veränderliche) Substanz wirkt auf jede +andere und zwar =unmittelbar= in jeder Entfernung, in mancherlei Weise, +anziehend, abstoßend, verändernd; sie wirkt aber auch =mittelbar=, indem +sie dadurch, daß sie auf irgend eine Substanz unmittelbar wirkt, Einfluß +auf jene Veränderungen nimmt, welche diese selbst wieder ihrerseits +unmittelbar in anderen Substanzen bewirkt; jede Substanz =erfährt= eben +so von jeder andern mittelbarer oder unmittelbarer Weise Einwirkungen +mannigfacher Art; sie erfährt dergleichen nicht nur von den endlichen +Substanzen, auf welche sie selbst einen mittelbaren oder unmittelbaren +Einfluß ausübt, sondern auch von der allvollkommenen, in welcher sie, +weil diese unveränderlich ist, ihrerseits keinerlei Wirkung +hervorzubringen vermag. In Bezug auf die allvollkommene Substanz ist +daher die Thätigkeit jeder endlichen Substanz einseitig, nicht +wechselseitig. Denn nur von der ungeschaffenen auf die geschaffenen kann +eine Einwirkung bestehen, nicht aber umgekehrt, weil die =ungeschaffene= +auch =unveränderlich= ist. + +Man könnte hiebei den Grund vermissen, auf welchen sich das +Vorhandensein der nach außen wirkenden Kraft in der allvollkommenen +Substanz stützt. Allein wenn wir die Kraft nach außen zu wirken bereits +jeder unvollkommenen Substanz beilegen, welchen Grund gäbe es wohl, sie +der =vollkommensten= abzusprechen? Dies könnte nur der Fall sein, wenn +sie irgend einer ihrer übrigen Kräfte widerstreiten möchte. Das findet +jedoch keineswegs statt, ja ihr Vorhandensein wird sogar aufs +entschiedenste gefordert, wenn die Gottheit wirklich das +allervollkommenste Wesen sein soll, weil sonst den unvollkommenen +Substanzen ein Vermögen zukommen würde, das der allvollkommenen mangelt, +und weil ohne diese die Gottheit aufhören müßte, =Schöpfungs=kraft zu +besitzen. Es genügt schon zu bemerken, daß das Vorhandensein einer +solchen Kraft in Gott mit keiner seiner übrigen Kräfte in Widerspruch +stehen könne, weil wir denselben analoge in uns selbst vereinigt +antreffen. + +Der Weg, auf welchem wir zu diesem, von den Ansichten Anderer bedeutend +abweichenden Resultat gelangt sind, beruht im Wesentlichen auf +Leibnitzisch-monadistischen Fundamenten. Entscheidende Wendepunkte sind +jedoch für denselben die Begriffe: unmittelbare Wirkungen, Stetigkeit +und allseitige Erfüllung des Raums, und die unmittelbar gewissen +Erfahrungsurtheile. Wer uns vorwerfen will, daß wir uns hiebei auf ein +»Geheimniß,« beim zweiten Punkt auf ein »im Denken nicht Erreichbares,« +beim dritten auf ein »schlechthin Gewisses« berufen, und die Deduction +deshalb für oberflächlich und unzureichend erklärt: dem können wir +nichts Anderes entgegenhalten, als was wir schon im Laufe der +Untersuchung am rechten Orte eingeschaltet, und worin, wie wir glauben, +eine genügende Vertheidigung liegt. Nicht die Nichterklärbarkeit eines +=an sich= nicht Erklärbaren, wie es die unmittelbaren Wirkungen sind, +scheint uns den Namen eines Geheimnisses zu verdienen; dieser ist +vielmehr dort am Platze, wo es Etwas zu erkennen =gibt=, welches wir +bisher aus was immer für Gründen noch nicht erkannt haben, aber +mindestens bei fortgeschrittener Vervollkommnung und günstigen Umständen +einst zu erkennen und erklären hoffen dürfen. Dies ist aber bei +unmittelbaren Wirkungen keineswegs der Fall; diese werden und können wir +niemals zerlegen und erklären, weil ihre Natur es verbietet. + +Eben so wenig dünkt uns die Unmöglichkeit, einen gewissen Begriff »im +Denken zu erreichen,« d. h. sich eine =anschauliche= Vorstellung von +demselben zu entwerfen, schon ein Recht zu geben, diesen Begriff +überhaupt für ungereimt und widersprechend zu erklären. Der Umstand, daß +wir zu einfachen Punkten weder durch wirkliche Theilung gelangen, noch +durch fortgesetzte Zählung eine unendliche Menge einzelner Einheiten +zusammen addiren können, bietet keine hinreichende Bürgschaft weder +dafür, daß es keine einfachen Punkte in der That gebe, noch dafür, daß +sie in keinem endlich begrenzten Raume in unendlicher Anzahl vorhanden +seien. Vielmehr belehren uns Schlüsse aus reinen Begriffen auf das +nachdrücklichste von dem Gegentheil. + +Noch weniger aber können wir von der Annahme »unmittelbar gewisser +Erfahrungsurtheile« ablassen, sobald unter denselben keine andere, als +Urtheile von der Form: Ich habe die Vorstellung _a_, verstanden werden. +Denn um dieses Urtheil zu fällen, muß ich die Vorstellung _a_ wirklich +besitzen und nicht nur sie allein, sondern sogar noch eine Vorstellung +von ihr selbst, welche als Bestandtheil in meinem Urtheile erscheint. +Ihr Dasein ist daher so gewiß, als ich dieses Urtheil wirklich fälle; +mein Urtheil hat daher =unmittelbare= Gewißheit. Das Auffallende in +dieser Behauptung verursacht nur das geringe Gewicht, das man =bisher= +auf dieselbe gelegt hat, und die Verwechslung solcher Urtheile mit den +nur =wahrscheinlichen= Erfahrungssätzen von der Form: »Derselbe +Gegenstand, welcher Ursache der Anschauung _a_ in mir ist, ist auch +zugleich Ursache der Anschauung _b_,« welche sie sich gefallen lassen +mußte. Urtheile dieser letztern Art aber begnügen sich nicht damit, das +=Dasein= einer Vorstellung in uns auszusprechen, sie maßen sich an, +Etwas über den =Gegenstand= auszusagen, von welchem diese Vorstellung +herrühren soll, und gerathen auf diese Weise in Gefahr des Irrthums. + +Obgleich daher unser Satz zuletzt aus Erfahrungsurtheilen der ersten +Form entspringt, so können wir doch nicht zulassen, daß er um deswillen +nur Wahrscheinlichkeit besitzen solle. Seine Prämissen, Erfahrungs- wie +reine Begriffssätze, haben objective Gewißheit, denn theils lassen sie +sich durch andere unwidersprechlich darthun, theils sind sie unmittelbar +gewiß, und leisten dann, auch wenn sie Erfahrungssätze sind, denselben +Dienst, wie reine unangefochtene Begriffswahrheiten. Die einzige Art von +Wahrscheinlichkeit (besser: Gefahr zu irren), die hier, wie bei jedem +Schließen und Folgern unterläuft, ist die leider nur allzu häufige +Möglichkeit, durch =Verwechslung= eines im Schließen gewonnenen Satzes +mit einem andern blos ähnlichen, oder auf =sonst eine Weise= irgendwo +einen Irrthum im Schließen, eine Art Rechnungsfehler, begangen zu haben. +Aber diese Wahrscheinlichkeit ist nicht wenig verschieden von +derjenigen, welche bei Feststellung irgend eines Factums in der +Naturbeschreibung, Experimentalphysik, Geschichte u. s. w. (z. B., ob +die Iliade in der That von =Homer= herrühre u. dgl. m.), in's Spiel +kommt. In der letztern folgern wir aus Vordersätzen, die selbst schon +von der Form sind: Wenn, α, β =wahr= sind, so sind _u_, _v_ ... +=wahrscheinlich=. Bei der erstgenannten subjectiven Wahrscheinlichkeit +jedoch liegt der Grund der bloßen Wahrscheinlichkeit nur in der +Möglichkeit des Irrthums im Denken. Die =Abfolge= der Sätze selbst ist +von diesem Denken völlig unabhängig; sie sind, gleichviel ob mittelbare +Erfahrungs- oder reine Begriffssätze, von der Form: Wenn _a_, _b_ =wahr= +sind, so sind auch _m_, _n_ ... =wahr=. Hier herrscht daher in den +Sätzen selbst keine bloße Wahrscheinlichkeit. Um diese aber auch im +Gedachtwerden der objectiven Schlußfolgen möglichst zu beseitigen und +unsere Zuversicht zu unsrer Erkenntniß zu erhöhen, bedarf es nur der +Erfahrung, daß mehrere Menschen oder wir selbst zu verschiedenen Zeiten +und unter verschiedenen Umständen diese Reihe von Schlüssen geprüft und +richtig befunden haben. + +Von einer Prüfung =dieser= Art hat daher jeder neue Versuch, einen Theil +unsres Gedankenschatzes zum deutlicheren Bewußtsein zu erheben, sein +Urtheil, seine Bestätigung oder Verwerfung zu erwarten. Einer solchen +sieht auch der vorstehende entgegen. Wenn wir gleich recht gut fühlen, +wie Viele uns einwenden werden, mit der Zurückführung auf unerklärbare +Thatsachen sei eben nichts erklärt, und ein Beweis, welcher +Schwierigkeiten negire, statt sie zu lösen, entbehre des +wissenschaftlichen Ernstes, so hoffen wir desungeachtet, eine +unbefangene Prüfung, über die Mängel der Darstellung eines ersten +Versuches hinweg sehend, werde hie und da Ansichten entdeckt haben, +welche näherer Betrachtung nicht unwerth sind. Der Schreiber dieses +wenigstens hat aus ihnen die Ueberzeugung gewonnen, sowohl daß es eine +Ungereimtheit genannt zu werden verdient, dort wo =an sich= nichts +weiter zu erklären oder zu vermitteln ist, eine weitere Erklärung zu +verlangen, als auch daß es unmöglich ist, den Quellen unserer +empirischen Erkenntniß nachgehend nicht endlich zu solchen Urtheilen und +Vorstellungen zu gelangen, welche, die erstern unmittelbar unumstößlich +und gewiß, die letztern ihrer Natur nach durch Einwirkung außerhalb der +Seele, wenn auch nicht immer des Leibes, befindlicher Gegenstände +erzeugt sein müssen. Mit Hilfe dieses und einiger der andern hier +dargelegten Begriffe däucht es uns nicht unmöglich, ohne an =Leibnitz=' +Grundsätzen etwas Wesentliches (etwa mit Ausnahme der Raumbegriffe, die +bei ihm ziemlich unklar sind) zu vergeben, vielmehr nur durch +consequente Festhaltung seines eigenen Hauptprincips, der odiosen +Annahme der prästabilirten Harmonie auszuweichen und eine +befriedigendere Ansicht zu gewinnen, für welche nicht nur die +Naturwissenschaften, sondern auch die Astronomie mit ihrer Gravitation +und Aequilibrirung der Himmelskörper zu sprechen scheinen. Jene +Grundsätze =Leibnitz=', also die Fundamente monadistischer Metaphysik +selbst zu untersuchen, war hier nicht der Ort und lag nicht in unserer +Absicht, denn dies würde beinah eine Prüfung der gesammten Metaphysik +erfordern. Noch erfreut sich dieselbe, zahlreicher genialer Versuche +ungeachtet, in den wenigsten Lehren einer allgemeinen Uebereinstimmung, +und im Ganzen erstreckt sich das zweifellose Wissen der Denker noch +wenig über =Descartes=' berühmtes: _cogito, ergo sum_ hinaus. Während +die Naturwissenschaften von Stunde zu Stunde mehr Boden gewinnen und +überraschende Fortschritte machen, stockt die =reine Begriffswissenschaft=, +welche ihnen die feste Grundlage, auf der sie fußen können, +erst geben sollte, noch immer bei den zuerst sich darbietenden +Problemen. Manchmal der Auflösung sich ganz nahe glaubend, +gewahrt sie sich kurz darauf weiter als je davon zurückgeworfen. Das +letztere vielleicht gerade deshalb, weil sie, besonders in neuester +Zeit, Gefallen daran gefunden zu haben scheint, gerade der zunächst +liegenden, und ihr nur um deswillen trivial dünkenden Lösung, weil sie +dem gesunden Menschenverstand am meisten zusagend ist, immerdar aus dem +Wege zu gehen, und das Wort des Räthsels auf geheimen, nur für +Auserwählte gangbaren Wegen, die nicht immer jene des Lichtes sind, zu +suchen. Wenn daher die Frage nahe liegt, warum die Vorsehung es zulassen +möge, daß das Denken, die eingeschlagene gerade Bahn verlassend, oft +erst nach den seltsamsten und weitesten Umwegen zu derselben +zurückzukehren genöthigt werde, während es nur eines glücklichen +Griffes, eines offenen Blickes bedurft hätte, um die Wahrheit auf dem +kürzesten Wege zu finden: so mag vielleicht einer der Gründe der sein, +daß sie uns das unschätzbare Gut des schlichten geraden Verstandes durch +die eigene Verwirrung am herbsten und eindringlichsten fühlen lassen +will. Auf dem Umwege waren vielleicht manche andere glückliche +Entdeckungen zu machen, zu welchen wir ohne denselben nie gelangt sein +würden, und wenn nichts Anderes, so macht das Gefühl, alle Möglichkeiten +des Irrens erschöpft zu haben, unsern Glauben an die endlich errungene +Wahrheit zuversichtlicher und fester haftend. =Lessing='s Ausspruch, er +wolle lieber das redliche Streben nach der Wahrheit, als die fertig +zugerichtete (wenn man sie nicht mit =Liebe= erfaßt), findet hier seine +Geltung. Durch den langen Umschweif, welchen das Denken seit =Leibnitz= +durch die mannigfaltigsten Gebiete genommen, um endlich doch zu der +Ueberzeugung zurückzukehren, daß ohne Wirksamkeit keine Welt, daß die +lebendige Wechselthätigkeit einfacher Wesen die _conditio sine qua non_ +sei, wenn wir nicht in todten Mechanismus und starren Indifferentismus +verfallen sollen, dem durch extramundane wirkungslose Bevormundung nicht +abgeholfen werden kann, wird es hoffentlich anschaulich genug geworden +sein, die =Wechselwirkung= allein sei der passende Ausweg, den Glauben +des Herzens und die Zweifel des Verstandes zu versöhnen, und der täglich +gebieterisch sich vordrängenden Erfahrung auf metaphysischem Wege die +Hand zu reichen. Durch das Wirken erst erhält das Sein Leben, wie die +elektrische Spannung der Luft erst zum Vorschein kommt, wenn sie +leuchtet und zündet. Ein Sein, das nicht wirkt, ist ein todtes Sein, +also gar kein Sein, und ein Sein, das nicht auf Andere wirkt, ein +nutzloses Sein; denn kein Wesen ist um seinetwillen, sondern um des +Ganzen, wie ein Factor um des Productes willen da. Nur einer kurzen +Beharrlichkeit hätte es vielleicht bedurft, um den Monaden =Leibnitz=' +diesen weltbürgerlichen Sinn einzuhauchen; allein so schnell sollte die +Forschung nicht fortschreiten, damit der Einzelne nicht übermüthig +werde, und um zehn Irrthümer ist die Wahrheit nicht zu theuer erkauft. +So mußte die Monadologie als Betrachtung des Weltganzen den Platz +räumen, um ihn dem Idealismus der einzelnen Monade zu überlassen; so +mußte =Leibnitz=' genialer rhapsodischer Dogmatismus geläutert werden +durch eine scharfe Prüfung unsrer Erkenntnißkräfte und erst, nachdem +trotz =Kant='s Gegenrede dem denkenden Geiste durch lange Beobachtung +gewiß geworden, er vermöge wenigstens einige synthetische, oder besser +reine Begriffswahrheiten, die synthetischer Natur sind, und nicht minder +Erfahrungsurtheile einer gewissen Gattung mit zweifelloser Gewißheit zu +erkennen, ohne sie durch irgend eine Art »reine« Anschauung vermitteln +zu müssen: jetzt erst dürfen wir uns ruhig und unbesorgt dem Zuge +unserer Gedanken überlassen, und wenn er uns zum Monadismus zurückführt, +darin einen Beweis für die innere Nothwendigkeit dieses Gedankenweges +sehen. Daraus folgt aber keineswegs, daß das Denken genau die Form des +=Leibnitz='schen behalten müsse, obgleich auch der wichtigste, für die +Brauchbarkeit eines metaphysischen Systems entscheidende Gedanke darin, +wie wir zu zeigen suchten, schon im Keime lag. Welche Form es auch immer +annehmen möge, daß es =Leibnitz=' Grundsätzen wenigstens in den +Hauptzügen ähnlich sich gestalten werde, dafür finden wir nicht nur in +=Herbart='s Beispiel, sondern auch in der merkwürdigen Erscheinung, daß +das Denken, welches so lange auf den abenteuerlichsten Bahnen schweifte, +zu ihm als seinem Anfangspunkte neuerdings zurückgekehrt, die sichere +und erfreuliche Bürgschaft. + + + + +Verbesserungen. + + +S. 4 Z. 4 v. u. Vergleichung. -- 7. 4 v. u. _Actis_. -- 23. 19 v. u. +abzugeben. -- 26. 13 v. o. =sich= vorstellt. -- 47. 1 v. u. =das Citat +zu löschen=. -- 55. 13 v. u. Idealismus. -- 62. 5 v. o. Seelen. -- 65. +10 v. o. kommt. -- 74. 1 v. o. =einem= marmornen Rumpf =einen=. -- 79. +11 v. o. in die Dinge. -- 94. 15 v. o. _non a_. -- 96. 17 v. o. ein +Sich-ändern. -- 115. 16 v. u. formalen. -- 118. 17 v. u. den Wesen. -- +132. 9 v. u. welche =die Ursache= erst. -- 138. 7 v. o. zwecksetzendes. +-- 144. 17 v. o. Veränderung der Realen bei diesem Geschehen. -- 166. 2 +v. o. =betrachtet= zu streichen. -- 181. 17 v. u. Stelle. -- 182. 15 +v. u. welchen. + + + + +Inhalt. + + + Einleitung 1 + + ~Leibnitz' Monadologie.~ (_La monadologie_; _Monadologia seu + principia philosophiae in gratiam principis Eugenii conscripta_) 9 + + ~Ueber Leibnitz' und Herbart's Theorieen des wirklichen + Geschehens.~ Eine Abhandlung zur Geschichte des Monadismus 33 + + 1. Die prästabilirte Harmonie: =Leibnitz= 37 + + 2. Die Causalität als Kategorie: =Kant= 75 + + 3. Die Theorie der Selbsterhaltungen: =Herbart= 79 + + 4. Modificationen dieser Ansichten 122 + + a) Modification der Theorie der Selbsterhaltungen: =Drobisch= -- + + b) Modification der prästabilirten Harmonie: =Lotze= 130 + + 5. Die Wechselwirkung 145 + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + werden verdient, auch wenn dieser noch von Niemanden erkannt wird, weil + werden verdient, auch wenn dieser noch von Niemandem erkannt wird, weil + + oder Entelechie hin, und die Bezeichnung: Seele (_ame_) solle für + oder Entelechie hin, und die Bezeichnung: Seele (_âme_) solle für + + necessaires et leur opposé est impossible, et celles de fait sont + nécessaires et leur opposé est impossible, et celles de fait sont + + (14) _cest-à-dire, la plupart_ fehlt in den lat. Ausgaben. + (14) _c'est-à-dire, la plupart_ fehlt in den lat. Ausgaben. + + préctablie_) zusammen, weil sie beide Darstellungen desselben Universums + preétablie_) zusammen, weil sie beide Darstellungen desselben Universums + + sie das Universum vorstellen. + sie das Universum vorstellen.« + + zwischen beiden, oder als hätte Gott beständig seine Hand im Spiel(28). + zwischen beiden, oder als hätte Gott beständig seine Hand im Spiel(28).« + + carent (per. def), in monadibus etiam derivativis nullae partes + carent (per. def.), in monadibus etiam derivativis nullae partes + + interius monadis creatae physice influere possit (per theor. praec.), + interius monadis creatae physice influere possit (per. theor. praec.), + + Gegenstände vielleicht nicht ändert. Jedoch beschränken sich alle + Gegenstände sich vielleicht nicht ändert. Jedoch beschränken sich alle + + Autarkeia wegen allen Monaden zukommt (ἐχοῦσι τὸ ἐντελές), jene, deren + Autarkeia wegen allen Monaden zukommt (ἔχουσι τὸ ἐντελές), jene, deren + + =Ehrenberg= u. A. so reich angebauten Felder unterstützten! Während er + =Ehrenberg= u. A. so reich angebauten Felde unterstützten! Während er + + (55) _Nouv. syst._ S 127. + (55) _Nouv. syst._ S. 127. + + (58) _Lettre à l'auteur de l'histoire des ouvrages des savans, + (58) _»Lettre à l'auteur de l'histoire des ouvrages des savans, + + Substanzen des Uebergangs ma erieller Theilchen aus einer in die andere + Substanzen des Uebergangs materieller Theilchen aus einer in die andere + + deren Art und Weise des stattfindens zwischen den realen Wesen selbst + deren Art und Weise des Stattfindens zwischen den realen Wesen selbst + + =Schelling='s aus disparaten oder gar entgegensetzten Bestimmungen + =Schelling='s aus disparaten oder gar entgegengesetzten Bestimmungen + + zufällig, sie ist eine blos zufällige Ansicht von demselben(73). Jedem + zufällig, sie ist eine blos zufällige Ansicht von demselben(73). Jedes + + Erweiterung erfahren. Nicht das, was eben wirkt, sodern auch dasjenige, + Erweiterung erfahren. Nicht das, was eben wirkt, sondern auch dasjenige, + + (80) Allg. Metaph. II. S. 150 + (80) Allg. Metaph. II. S. 150. + + abnehmen. Von jenem Satze: Bei allem Wechsel der Erscheinung beharrt + abnehmen.« Von jenem Satze: Bei allem Wechsel der Erscheinung beharrt + + Körper, eine Selbstbewegung, ein κινο͂υν ἀκἰνητον auf dasjenige, was + Körper, eine Selbstbewegung, ein κινοῦν ἀκίνητον auf dasjenige, was + + es factisch stattfindet in den einfachen Empfingungen Roth und Blau oder + es factisch stattfindet in den einfachen Empfindungen Roth und Blau oder + + (88) Man vergl. die Note über =Canz=., S. 97. + (88) Man vergl. die Note über =Canz=, S. 69. + + einen eigenthümlichen Charakter habe, welcher aber nur im Gebirte des + einen eigenthümlichen Charakter habe, welcher aber nur im Gebiete des + + metaphysische Geltung haben, sondern sogar das Einzige sein solsen, was + metaphysische Geltung haben, sondern sogar das Einzige sein sollen, was + + fortbewegendem Begriff, indem es außer den Zerstört- auch noch ein + fortbewegendem Begriff, indem es außer dem Zerstört- auch noch ein + + (96) Vgl. =Herbart=: Lehrb. z. Psych. 2. Aufl. S. 200. ff. Encykl. + (96) Vgl. =Herbart=: Lehrb. z. Psych. 2. Aufl. S. 200 ff. Encykl. + + (97) =Hartenst.= Met. 263. ff. + (97) =Hartenst.= Met. S. 263 ff. + + aus den einen in den andern Zustand überzugehen? Wo liegt dieser Grund? + aus dem einen in den andern Zustand überzugehen? Wo liegt dieser Grund? + + irrational sein; es fehlt die Bedindung der Causalität, des Zusammen, + irrational sein; es fehlt die Bedingung der Causalität, des Zusammen, + + scheinbares gibt, wie es ein wahres Sein gebe müsse, weil sonst auch + scheinbares gibt, wie es ein wahres Sein geben müsse, weil sonst auch + + urspünglichem Zusammen befindlich gewesen, deutet auf eine innere + ursprünglichem Zusammen befindlich gewesen, deutet auf eine innere + + Gedachtes oder Ungedachtes, und das wir S. 71 f. f. auch den sogenannten + Gedachtes oder Ungedachtes, und das wir S. 71 ff. auch den sogenannten + + =wirklicher= Gegenstand entspicht, den letzten nicht so, daß dessen + =wirklicher= Gegenstand entspricht, den letzten nicht so, daß dessen + + Möglicheit eines Einflusses derselben auf einander überhaupt noch nicht + Möglichkeit eines Einflusses derselben auf einander überhaupt noch nicht + + Schwäche unsers Ernißvermögens beruhende Nothwendigkeit stattfinde? + Schwäche unsers Erkenntnißvermögens beruhende Nothwendigkeit stattfinde? + + Porosität viel weiter, weil es niemal zwei Punkte gibt, die nicht + Porosität viel weiter, weil es niemals zwei Punkte gibt, die nicht + + zusammengetzten Körpern vor sich gehendes Phänomen in Folge der + zusammengesetzten Körpern vor sich gehendes Phänomen in Folge der + + Wesens verlangt wird, im Widerspruche standen. Die übrigen Kräfte sind + Wesens verlangt wird, im Widerspruche ständen. Die übrigen Kräfte sind + + außenher schließen lassen. Zu entscheiden, welche An-Anschauungen diese + außenher schließen lassen. Zu entscheiden, welche Anschauungen diese + + Durchdringung, materiellen Uebergang, Selbsterhaltung u. s. w. müssen + Durchdringung, materiellem Uebergang, Selbsterhaltung u. s. w. müssen + + ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Leibnitz' Monadologie, by Gottfried Wilhelm Leibniz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEIBNITZ' MONADOLOGIE *** + +***** This file should be named 39441-0.txt or 39441-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/4/4/39441/ + +Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
