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- Boccaccio
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-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost
-no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
-under the terms of the Project Gutenberg License included with this
-eBook or online at http://www.gutenberg.org/license.
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-Title: Boccaccio
-Author: Hesse, Hermann
-Release Date: February 26, 2013 [EBook #42213]
-Language: German
-Character set encoding: US-ASCII
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOCCACCIO ***
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-Produced by Jana Srna, Enrico Segre, and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net.
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- DIE DICHTUNG BD. VII
- _BOCCACCIO VON_
- _HERMANN HESSE_
-
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- _DIE DICHTUNG_
- *EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*
- HERAUSGEGEBEN VON _PAUL REMER_
- BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER
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- Bisher sind erschienen:
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- Band I. Henrik Ibsen von Paul Ernst
- Band II. Anzengruber von J. J. David
- Band III. Victor Hugo von H. v. Hofmannsthal
- Band IV. Liliencron von Paul Remer
- Band V. Leo Tolstoj von Julius Hart
- Band VI. Hoelderlin von Hans Bethge
- Band VII. Boccaccio von Hermann Hesse
- Band VIII. Cervantes von Paul Scheerbart
- Band IX. Gottfried Keller von Ricarda Huch
-
- In Vorbereitung:
-
- Ebner-Eschenbach von Gabriele Reuter
- Klaus Groth von Timm Kroeger
- Kleist von Wilhelm Hegeler
- Oscar Wilde von Hedwig Lachmann
- Eduard Moerike von Gustav Kuehl
- Paul Verlaine von Stefan Zweig
- Theodor Fontane von Franz Servaes
- Lenau von Leo Greiner
- Hebbel von Wilhelm von Scholz
- Richard Dehmel von Gustav Kuehl
- Theodor Storm von Paul Remer
- Wilhelm Raabe von Hans Hoffmann
-
- ----------------------------------------------------------------
- _Jeder Band elegant kartoniert M. 1.50_
- _Jeder Band in echt Leder geb. M. 2.50_
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- _DIE DICHTUNG_
- *EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*
- HERAUSGEGEBEN VON _PAUL REMER_
- BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER
- ----------------------------------------------------------------
-
- In Vorbereitung:
-
- Goethe von Otto Erich Hartleben
- Shakespeare von Franz Servaes
- Heine von Wilhelm Holzamer
- Grillparzer von Wilhelm Hegeler
- Maeterlinck von Anselma Heine
- Schiller von Fritz Lienhard
- Richard Wagner von Hans von Wolzogen
- Jens Peter Jacobsen von Hans Bethge
- Ricarda Huch von Hedwig Bleuler-Waser
- Swinburne von John Henry Mackay
- Eichendorff von Gustav Falke
- Turgenjeff von Carl Hauptmann
- Alfred de Musset von Rudolph Lothar
- E. T. A. Hoffmann von Richard Schaukal
- Franz von Assisi von Hermann Hesse
- Gerh. Hauptmann von Hermann Stehr
- Conr. Ferd. Meyer von Wilhelm Holzamer
- Novalis von Willy Pastor
- Wilhelm Busch von Richard Schaukal
-
- Die Sammlung wird fortgesetzt.
-
- Es sind einhundert Baende vorgesehen.
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- ----------------------------------------------------------------
- _Jeder Band elegant kartoniert M. 1.50_
- _Jeder Band in echt Leder geb. M. 2.50_
- ----------------------------------------------------------------
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- FUeR BUeCHERLIEBHABER
- WURDEN DIE ERSTEN ZWANZIG
- EXEMPLARE DIESES BUCHES
- AUF ECHTES BUeTTENPAPIER
- GEDRUCKT UND HANDSCHRIFTLICH
- NUMERIERT. DER PREIS DIESER
- IN ORIGINAL-COLLIN-LEDER
- GEBUNDENEN LUXUS-AUSGABE
- BETRAeGT 10 MARK. SIE IST
- DURCH ALLE BUCHHANDLUNGEN
- ZU BEZIEHEN
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-
- ALLE RECHTE VORBEHALTEN
-
- BOCCACCIO
-
- VON
-
- HERMANN HESSE
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- ZWEITES TAUSEND
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-
- VERLEGT BEI SCHUSTER & LOEFFLER
- BERLIN UND LEIPZIG
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-
- DER SIGNORA MARIA IN
- ERINNERUNG AN UNSERN
- SPAZIERGANG IM MUGNONETAL
- IN VEREHRUNG
- ZUGEEIGNET!
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- ... conciossiecosache le buone novelle sempre possan giovare,
- con attento animo son da ricogliere, chi che d'esse sia il
- dicitore.
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- Decamerone, giornata prima.
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-[Illustration: FLORENZ. Nach einem alten Holzschnitt]
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-Verehrte Herrschaften und vor allem Ihr, schoene und angebetete Damen!
-Es ist ueblich, dass demjenigen, der ein schoenes Geschenk oder Kleinod
-ueberbringt, ein guter Dank und Lohn zuteil wird; und so werdet auch
-Ihr, wenn ich Euch einen reichen Schatz ohne allen Anspruch auf Gewinn
-oder Lohn uebergebe und anpreise, es freundlich aufnehmen und mir im
-stillen Dank dafuer wissen. Dies tue ich aber, indem ich Euch das Buch
-meines Freundes Giovanni Boccaccio aus Florenz in die Haende lege; denn
-Ihr werdet, sofern Ihr es verstaendig leset, in demselben eine solche
-Fuelle von schoenen, klugen, erfreulichen, ruehrenden und laecherlichen
-Geschichten entdecken, wie sie vielleicht ausserdem kein anderes Buch
-irgend eines Dichters enthaelt.
-
-Seid Ihr nie an einem schoenen, warmen Tage im Fruehsommer an einem
-fremden Garten vorueber gegangen? Ihr waret allein und verdrossen, und
-aus dem Garten brachte der Wind den Geruch von Rosen und Orangeblueten,
-das Silbergetoen einer plaetschernden Fontaene, die Klaenge einer
-Guitarre und das von Gelaechter unterbrochene Plaudern froehlicher
-junger Leute zu Euch heraus. Da ergriff Euch Traurigkeit und eine
-maechtige Sehnsucht, hinein zu gehen, die staubige Landstrasse mit
-gruenem Rasen und Blumenbeeten zu vertauschen, die Lieder der Saenger
-und die frohen Gespraeche der Gluecklichen anzuhoeren und Eure Sehnsucht
-an all der Heiterkeit und Freude nach Herzenslust zu ersaettigen.
-
-Wohlan, Ihr werten Leute, hier ist das Tor des Gartens: es ist
-geoeffnet, und aus den Bueschen dringt Bluetenduft, Gelaechter,
-Liedergesang und Saitenspiel. Tretet ein, nehmet Platz, saettiget Euer
-Verlangen! Hoeret Ihr gerne schoene Lieder an? Oder habt Ihr Lust, Euch
-eine traurige Liebesmaere erzaehlen zu lassen? Oder freut es Euch, einen
-Witz, eine Posse, eine kraeftige Anekdote zu vernehmen? Oder von
-Beispielen des Edelsinns und hoechster Tugend zu hoeren? Traget Ihr
-Verlangen nach vielfaeltigen und unerhoerten Abenteuern, oder mehr nach
-galanten Historien, bei welchen die Damen erroeten und sich, der guten
-Sitte halber, ein wenig entruestet stellen?
-
-Ihr alle moeget eintreten, und jeder wird finden, wonach er sich sehnte.
-Denn die hundert Geschichten des edlen Herrn Boccaccio sind so
-beschaffen, dass sie die Juenglinge zum Entzuecken, die Maedchen zum
-Erroeten oder zur Ruehrung, die Maenner zum Lachen, die Weisen zum
-Nachdenken noetigen. Man findet in diesen Geschichten die verschiedenen
-Arten der menschlichen Natur und Temperamente, der Liebe und
-Freundschaft, der Schicksale in Leben und Sterben, alles auf eine
-anmutige und wahrhaftige Art erzaehlt und dargestellt. Fuer Kinder von
-zartem und unerfahrenem Alter sind sie nicht geeignet, auch nicht fuer
-bloed gewordene Greise, auch nicht fuer Leute von feindseliger,
-kleinlicher und muerrischer Sinnesart. Ausser diesen aber moegen sie von
-Jungen und Alten jeder Art mit grossem Vergnuegen und gewiss auch nicht
-ohne Nutzen gelesen werden.
-
-Ehe ich weiter von diesem merkwuerdigen Buche mit Euch rede, will ich
-aber erzaehlen, wer eigentlich jener Herr Boccaccio war (denn er ist
-leider schon seit laengeren Zeiten verstorben), und wie er das Dekameron
-geschrieben hat.
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-Wer jemals auch nur die kleinste Novelle von ihm gelesen hat, der kann
-nicht daran zweifeln, dass jener ein echter Florentiner war. Denn wenn
-es auch einem Fremden vielleicht moeglich gewesen waere, die schoene und
-glaenzende florentinische Sprache so vollkommen zu erlernen, so wuerde
-ihm doch immer noch der bewegliche, kecke und witzige Geist des
-geborenen Florentiners mangeln, den man nicht lernen kann. Denn wohl
-haben in spaeteren Zeiten auch manche weichliche Neapolitaner,
-leichtsinnige Mailaender, traege Venetianer und plumpe Sienesen huebsche
-Novellen geschrieben; allein diese alle hatten den Boccaccio zum
-Lehrmeister, welcher der Vater und Urheber dieser Kunst gewesen ist.
-
-Wenn man nun bedenkt, in welcher Zeit das Buch Dekameron verfasst wurde,
-so begreift man leicht, weshalb die Stadt Florenz seine Heimat sein
-musste. Diese reiche und praechtige Stadt, welche auch heute noch eine
-der schoensten auf Erden ist, befand sich eben zu jener Zeit zwar in
-mancherlei Kaempfen und politischen Noeten, jedoch begann sie schon
-sichtbar nach jener unvergleichlichen Bluete hinzustreben, welche sie
-hundert Jahre spaeter erreichte. So erfreute sie sich einer emsigen und
-gluecklichen Taetigkeit auf allen Gebieten und nahm nicht weniger im
-Handel als in den Kuensten taeglich an Ruhm und Gluecke zu, waehrend das
-maechtige Rom klaeglich darnieder lag, indem der Papst samt seinem
-ganzen Hofhalte sich nach Avignon in der Provence verzogen hatte. Es war
-von Florenz sowohl der beruehmte Petrarca als der grosse Dichter Dante
-gebuertig, obwohl dieser in der Verbannung gestorben war, wie denn auch
-infolge bestaendiger Buergerkriege des Petrarca Familie vertrieben war
-und in Arezzo lebte. Und was die Florentiner an jenem goettlichen
-Dichter gesuendigt hatten, suchten sie desto eifriger zu suehnen, indem
-sie damals und noch lange nachher eine grosse Zahl von Gelehrten,
-Dichtern, Kuenstlern und anderen Maennern beherbergten, deren Ruhm ihrer
-Stadt zur Ehre gereichte und sie gewuerdigt hat, bis auf diesen Tag die
-eigentliche Geburtsstaette des rinascimento zu heissen. Zugleich
-unterhielten die Kaufleute einen grossen Verkehr nach allen Laendern der
-Welt, und es lebten viele Florentiner Buerger als Haendler und
-Geldwechsler in Rom, Neapel, Mailand, Paris, Byzanz, London, Flandern,
-auf Sizilien, Malta, Kreta, Cypern und anderwaerts, von wo nicht nur
-Geld und Wohlstand, sondern auch mannigfaltige Nachricht und Kunde
-fremder Gegenden, Sitten und Begebenheiten taeglich in die Stadt kamen.
-
-Aus einer so beschaffenen Zeit und Stadt entstammte also der Verfasser
-des Dekameron. Aber dennoch ist er nicht in Florenz oder in dem
-benachbarten Certaldo, von wo sein Geschlecht herkam, geboren. Vielmehr
-fuegte es das Schicksal, das ja stets der groesste Dichter gewesen ist,
-dass das Leben dieses weitbekannten Novellenerzaehlers in einiger
-Dunkelheit und nicht anders als eine Abenteuernovelle begann.
-
-Hoeret denn, Ihr lieben Herren und Damen, das Wenige, was man vom Leben
-dieses herrlichen Dichters heute noch weiss, denn leider ist es lange
-nicht so viel, als man wuenschen moechte!
-
-Aus dem Staedtchen Certaldo im Elsatal gebuertig, lebte zu Florenz ein
-Kaufmann namens Boccaccio. Er war ein fleissiger und kluger, allein auch
-geldgieriger und leichtfertiger Mensch, welcher zahlreiche Handelsreisen
-teils fuer fremde, teils fuer eigene Rechnung unternahm, wobei er ebenso
-sehr fuer seinen Vorteil wie fuer sein Vergnuegen zu sorgen verstand,
-jedoch nach Art der Kaufleute auch oefteren Zufaellen und
-Glueckswechseln ausgesetzt war. Laengere Zeit war er an dem grossen
-Bankgeschaefte des altberuehmten Hauses der Bardi beteiligt, welches
-auch in Paris, wie in anderen Staedten, eine Filiale besass und hohes
-Ansehen genoss. Diesem Pariser Hause hat unser Kaufmann eine Zeitlang
-vorgestanden, und wenn er dabei sich als einen tuechtigen Handelsmann
-erwies, so liess er doch in dieser grossen und ueppigen Hauptstadt auch
-sein Vergnuegen nicht ausser Augen.
-
-[Illustration: Jugendbildnis BOCCACCIOS]
-
-Wenigstens sah er daselbst eines Tages eine junge und sehr huebsche
-Witwe, welche ihm ueberaus wohlgefiel und deren Gunst er sogleich zu
-erwerben sich bemuehte. Dies tat er denn auch, als ein gewiegter Mann,
-auf jede Weise, indem er sich fuer einen Edelmann ausgab, was ihm bei
-seiner huebschen Gestalt sehr wohl gelang. Er spielte den Feinen und
-trat nicht anders auf, als wenn er der Sohn des vornehmsten Hauses
-gewesen waere, obwohl er im Grunde wenig mehr als ein baeuerisch
-gebildeter Geldwechsler war. Bald hatte er die Augen der schoenen Witwe
-auf sich gelenkt und sie seinen ehrerbietigen Bitten zugaenglich
-gemacht, und da er ihr mit vielen Schwueren die Ehe versprach, sah er
-sich in kurzem am aeussersten Ziel seiner Wuensche angelangt. Zu
-beiderseitigem Vergnuegen erfreuten sie sich laengere Zeit ihrer Liebe
-ohne Hindernisse, und gewiss haette der Florentiner noch lange nicht an
-die Rueckkehr nach seiner Heimat gedacht, waere nicht infolge dieser
-Liebschaft jene Witwe nach Jahresfrist mit einem huebschen Knaeblein
-niedergekommen. Dieses passte keineswegs in die Plaene des
-leichtsinnigen Italieners, und da die Dame ausser ihrer Schoenheit keine
-Reichtuemer besass, verliess er, ohne sich seiner Schwuere mehr zu
-erinnern, sie und die Stadt Paris in aller Stille und begab sich als ein
-lediger Mann nach Florenz zurueck, wie es stets die Art solcher Leute
-war, sich um eine leere Flasche und um eine schwanger gewordene Geliebte
-mit keinem Blicke mehr zu bekuemmern.
-
-Das Knaeblein aber, das die arme Frau im Jahre 1313 gebar, war Giovanni
-Boccaccio.
-
-Von Schmerz und Sorge entkraeftet, lebte die unglueckliche Dame nur noch
-wenige Jahre, und nach ihrem Tode ward Giovanni in zartem Knabenalter
-nach Florenz zu seinem Vater gebracht. Dort besuchte er eine gute
-Schule, erwarb sich einige Kenntnis der lateinischen Sprache und waere
-am liebsten bei den Buechern sitzen geblieben, um sich ganz den Studien
-hinzugeben. Aber kaum war er etwa dreizehn Jahr alt, so nahm ihn der
-Vater zu sich, lehrte ihn die notwendigsten Handgriffe und Rechenkuenste
-der Handelsleute und uebergab ihn sodann einem Geldwechsler, damit er
-bei diesem die Kaufmannschaft erlernen sollte. Sechs Jahre blieb er denn
-bei diesem Gewerbe, ohne jedoch etwas Erkleckliches zu lernen oder gar
-den Handel lieb zu gewinnen. Vielmehr lief er ueberall hin, wo er Verse
-singen oder vortragen hoeren konnte, und lernte viele Stuecke aus den
-grossen Gedichten des Dante und des Virgil auswendig, welche ihn
-hoechlich begeisterten und mit einer unausloeschlichen Liebe zur Poesie
-erfuellten.
-
-Am Ende dieser sechs Jahre sah jedermann deutlich, dass Giovanni in die
-Handelschaft passte wie der Fisch aufs Trockene. Dies sah auch der Vater
-wohl ein und beschloss daher, seinen Sohn den Studien an Universitaeten
-zu widmen, und zwar waehlte er fuer ihn das Studium des kanonischen
-Rechts, indem es ihm als einem klugen Manne schien, es sei mit diesem
-Handwerk nicht wenig Geld zu verdienen, wenn einer es ordentlich
-verstehe. Weil aber Giovanni um diese Zeit sich eben in Neapel befand,
-schien es dem Vater am wohlfeilsten, dass er dort seine Studien abmache,
-ohne dass er geahnt haette, welcherlei Kenntnisse derselbe sich dort
-erwerben wuerde.
-
-Es war naemlich Neapel zu jener Zeit gewiss die allerueppigste Stadt in
-ganz Italien, zumal da gerade unter dem Koenige Robert die Einwohner
-eines laengeren Friedens genossen, woran sie nur schlecht gewoehnt
-waren. Von dem Leben bei Hofe brauche ich wenig zu sagen, indem
-jedermann die Namen der sechs Neffen des Koenigs, sowie seiner
-Schwaegerin, der sogenannten Kaiserin von Konstantinopel, und seiner
-Enkeltochter Johanna kennt, welche saemtlich durch alle Welt einen
-boesen Leumund hatten. Vorab jene Johanna fuehrte ein ueberaus freches
-und tadelnswertes Leben, hatte ihres Gatten Bruder zum Buhlen und nahm
-ihn spaeter, nachdem sie sich des andern durch Mord entledigt hatte,
-ohne paepstlichen Dispens zum Gemahl. Auch sonst war in der Stadt, zumal
-unter den Edelleuten, ein vergnuegliches Schlemmen, auch Hader und
-kleinere Mordtaten im Schwang, und bei Hofe war laengst zwischen echten
-Kindern und Bastarden weder von den Vaetern, noch von anderen mehr zu
-unterscheiden. An diesem Hofe, wo er noch zu Lebzeiten des Koenigs von
-seinem jungen Landsmanne Niccolo Acciajuoli eingefuehrt wurde, ging nun
-das Studentlein ab und zu. Daselbst war mit Festen, Mahlzeiten, Ball,
-Tanz und Maskenscherzen ein verschwenderisches Leben, und gewiss hat
-Boccaccio niemals irgend eine ueppige oder luesterne Geschichte
-erzaehlt, welche er nicht in Neapel viel toller und gruendlicher selbst
-mitangesehen hatte. Dass er auf dem Gebiete der gelehrten Studien (das
-Latein ausgenommen) etwas Erhebliches geleistet oder den Grad eines
-Doctoris juris canonici erlangt haette, wird nirgends berichtet. Statt
-dessen legte er damals den Grund zu seiner tiefen Kenntnis der
-menschlichen Leidenschaften, da er von hervorragenden Beispielen der
-Verschwendung und Habgier, des Aberglaubens, der Wollust, der
-Gefraessigkeit, Mordgier, Verschlagenheit und Eitelkeit rings umgeben
-war. Am gruendlichsten jedoch unterzog er sich dem Studium der Liebe,
-deren Leiden und Freuden er bis zur Neige an sich selber erfuhr.
-
-Eines Tages naemlich, um die Zeit der Ostern, vermutlich im Jahre 1334,
-erblickte er in einer Kirche zu Neapel die Dame, welche sein Herz zu
-Lust und Pein von da an jahrelang gefangen hielt. Diese war Donna Maria,
-die natuerliche Tochter des Koenigs Robert, welche fuer eine Tochter des
-Grafen von Aquino galt und mit einem angesehenen Edelmann vermaehlt war.
-Die schoene und vornehme Dame betrachtete bald auch von ihrer Seite den
-huebschen jungen Florentiner mit Teilnahme und ist eine lange Zeit,
-nicht ohne Gewissensbisse und Furcht vor ihrem Eheherrn, seine Geliebte
-gewesen. So genoss, wie in der schoensten Abenteuernovelle, der Bastard
-eines kleinen Kaufmanns die Tochter eines grossen Koenigs.
-
-Ueber alledem liess Boccaccio das kanonische Recht unbehelligt in den
-Pergamentrollen schlummern und vom Lehrstuhl ertoenen. Er trieb nach
-seiner Neigung Latein und Astrologie, im uebrigen wandte er sich der
-heiteren Seite des Lebens zu und ward nach Kraeften seiner Jugend froh.
-Er verfasste in diesen Jahren, zumeist fuer seine Geliebte, eine
-unglaubliche Menge von Gedichten und mehrere Romane, von welchen heute
-niemand mehr redet. In diesen legte er seiner Dame den Namen Fiammetta
-bei, und noch manche Jahre spaeter hat er in wehmuetiger
-Liebeserinnerung diesen Namen einer von den Damen des Dekameron gegeben.
-Ohne Zweifel ist jene Zeit die heiterste und gluecklichste in seinem
-Leben gewesen. Allein wie wir sehen, dass auch den goldensten Tagen zu
-frueh die Sonne sinkt, so nahm auch diese Lust zu ihrer Zeit ein Ende.
-
-Im Jahre 1341 befahl der Vater seinem Sohne, nach Florenz
-zurueckzukehren, und nach laengerem Zoegern machte dieser sich unmutig
-auf den Heimweg. Der Alte, fuer den Giovanni ohnehin keine allzu starke
-Zaertlichkeit empfand, hatte inzwischen auch noch eine gewisse Monna
-Bice Bostichi geheiratet, worueber der heimkehrende Sohn nicht eben
-erfreut war. Es geschahen jedoch weit schlimmere und wichtigere Dinge,
-ueber welchen er diese kleineren Sorgen vergass. Es war die Zeit, in
-welcher der in Florenz so uebel beleumdete Herr Gautier von Brienne,
-genannt Herzog von Athen, sich fuer eine kurze Zeit zum Tyrannen der
-Stadt emporschwang. Dieser war ein frecher Abenteurer und hatte im Solde
-der Republik gegen Pisa gedient, warf sich nun aber mit Hilfe des
-niedrigsten Poebels zum Herrscher auf und schluerfte die Monate seiner
-Herrlichkeit zuegellos wie ein Trunkener den letzten Becher. Die Stadt
-und das ganze Staatswesen drohten in Truemmer zu gehen.
-
-Boccaccio, ein unbestechlicher Republikaner, hat das Schicksal des
-Herzogs von Athen, der mit Schimpf von der Buergerschaft vertrieben
-wurde, in einer Abhandlung beschrieben. Nun schienen ihm allmaehlich die
-Zustaende in Florenz und im vaeterlichen Hause so wenig ertraeglich,
-dass er schon im Jahre 1344 von neuem nach Neapel ging. Die
-Rechtsgelehrtheit hatte er schon frueher aufgegeben. Und so genau er
-auch im Dekameron die Pest in Florenz geschildert hat, ist er zurzeit
-derselben doch nicht daselbst gewesen, sondern in Neapel, wo freilich
-der schwarze Tod nicht weniger grauenhaft wuetete. Es starb damals auch
-seine Geliebte Maria, und er widmete ihrem Tode zwar einige trauernde
-Verse, jedoch war seine urspruenglich so heftige Leidenschaft mit den
-Jahren erloschen. Es scheint ausserdem, als habe Donna Maria ihn schon
-frueher wieder fahren lassen, obwohl er in seiner Erzaehlung "Fiammetta"
-das Gegenteil darstellt. Nicht lange darauf starb auch sein Vater, und
-er musste wieder nach Florenz zurueckkehren.
-
-Von da an erblicken wir sein Bild veraendert; sein Leben verlief ohne
-heftige Erschuetterungen, und er alterte als ein tuechtiger und
-angesehener Buerger. Im Alter von ungefaehr 40 Jahren schrieb er sein
-unsterbliches Dekameron, und man koennte glauben, er habe alle seine
-Schalkhaftigkeit und froehlich lachende Untugend darin liegen lassen.
-Nur noch einmal widerfuhr ihm eine bittere Liebesgeschichte. Er
-verliebte sich heftig in eine vornehme Witwe, welche ihm aber einen
-boesen Possen spielte. Naemlich sie stellte sich, als waere sie geneigt,
-die Wuensche des Dichters zu erfuellen, und benutzte alsdann die erste
-Gelegenheit, ihm eine Nase zu drehen und ihn unter dem Hohngelaechter
-all ihrer Bekannten und Freunde klaeglich heimzuschicken. Das war
-Boccaccios letzte Liebe.
-
-Im uebrigen, da der Vater ihm eine kleine Erbschaft hinterlassen hatte,
-lebte er als ein stillgewordener Mann und widmete sich allerlei
-gelehrten Studien. Den Griechen Leontius Pilatus hatte er, um seine
-Sprache zu lernen, ueber zwei Jahre lang bei sich im Hause. Oefters
-uebernahm er im Dienste der Stadt politische Auftraege und Ambassaden,
-unter anderem besuchte er dreimal als Gesandter den Papsthof zu Avignon.
-Mit grossem Eifer forschte er dem Leben und den Schriften des Dante
-nach, den er ungemein verehrte. Mit dem etwas aelteren Petrarca, welcher
-damals von sich selber und von jedermann fuer den groessten lebenden
-Dichter gehalten wurde, pflegte er eine edle und herzliche Freundschaft
-und war untroestlich, als dieser im Jahre 1374 starb.
-
-Aber das Leben dieses merkwuerdigen Mannes, dessen Anfang ein Abenteuer
-und dessen erste Haelfte ein Hymnus der Liebe zu sein scheinen,
-verwandelte sich zum Schlusse noch in eine fromme Posse. Noch als ein
-ruestiger Mann hatte er das Dekameron geschrieben, welches bald auf
-schalkhafte, bald auf leidenschaftliche Art dem Dienste schoener Frauen
-huldigt und ueber Moenche und Priester unerschoepflichen Hohn ergiesst.
-Nicht gar viel spaeter aber gelang es einem schwindelhaften Moenche,
-namens Ciani, ihn zu bekehren, und zwar vermittelst einer nicht einmal
-sehr durchtriebenen Bauernfaengerei, und von da an hoerte man ihn seine
-schoensten Werke nie anders denn als verwerfliche Jugendsuenden und
-Verirrungen bezeichnen. Noch viel schlimmer aber und laecherlicher ist
-es, dass der vormalige Schalk und Weiberfreund in seinen aelteren Tagen
-zu einem argen Frauenveraechter ward und ein Buch mit dem Titel
-Corbaccio geschrieben hat, in welchem man, wenn man Lust hat, hunderte
-von schimpflichen, grausamen, hasserfuellten und anklagenden Reden ueber
-die Weiber finden kann -- dazu in einer Redeweise, welche an
-Unflaetigkeit auch die kuehnsten Stellen seiner frueheren Werke zehnmal
-uebertrifft. Das sollte seine Rache an jener grausamen Witwe sein;
-allein der Dichter tat damit, wie wir es oft sich ereignen sehen, nur
-einen Schnitt ins eigene Fleisch.
-
-Eine spaete Ehre ward ihm zuteil, indem er nach mannigfachen Studien und
-Reisen im Jahre 1373 zum oeffentlichen Ausleger der goettlichen Komoedie
-des Dante zu Florenz ernannt wurde, wofuer er jaehrlich hundert
-Goldgulden bezog. Diese Vorlesungen hielt er unter grossem Zulaufe in
-der Kirche Santo Stefano bis kurz vor seinem Tode. Er starb am 21.
-Dezember 1375, zweiundsechzig Jahre alt, und wurde ehrenvoll bestattet.
-Die Liebe zu der grossen Dichtung des Dante verlieh seinen spaeteren
-Tagen, trotz des boesen Corbaccio, noch eine gewisse ehrwuerdige Glorie.
-Fuer die nachfolgenden Jahrhunderte aber ist er wieder der
-Geschichtenerzaehler mit der Schelmenmiene geworden, und dem heutigen
-Geschlecht ist an einem einzigen Witz aus einer seiner Novellen mehr
-gelegen als an der ganzen Gelehrsamkeit und Ehrbarkeit seines
-ehrenvollen Alters.
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-
-Ueber die Dichtergroesse des Boccaccio, welchen man gerne den dritten
-unter den grossen italienischen Poeten nennt, steht in vielen Buechern
-viel geschrieben, was alles zu wiederholen nicht vonnoeten ist. Er war
-unter denen, welche jemals kunstgerechte Novellen verfasst haben, nicht
-nur der Erste, sondern indem er diese scheinbar geringe Kunst frueher
-als irgend ein anderer betrieben, ja eigentlich erfunden hat, uebte er
-sie sogleich mit einer solchen Vollendung aus, dass er von keinem seiner
-unzaehligen Nachfolger uebertroffen oder auch nur erreicht werden
-konnte. Nicht weniger gross ist aber sein Verdienst um die italienische
-Sprache, welche er nicht etwa nur verschoenert und ausgeschmueckt,
-sondern in gewissem Sinne eigentlich neu geschaffen hat. Denn obwohl
-schon lange vor ihm der Florentiner Dante das groesste und schoenste
-italienische Gedicht verfasst hat, war doch das Gebiet der Erzaehlung
-und die Prosasprache ueberhaupt noch von keinem mit einiger Kunst
-gepflegt worden, indem die Gelehrten haeufig lateinisch geschrieben
-hatten. Die muendliche Sprache des Volks, welche in Florenz mit
-besonderer Schoenheit und Reinheit gebraucht wird, hat Boccaccio als der
-Erste in seinen Erzaehlungen mit ihrer natuerlichen Anmut und
-Mannigfaltigkeit verwendet und zugleich mit so grosser Kunst gepflegt,
-dass sie in seinen Haenden sich in etwas ganz neues und herrliches
-verwandelte.
-
-In den Buechern des Dekameron zu lesen, ist fuer einen, welcher seine
-Lust an einer schoenen und lebendigen Sprache hat, nicht anders als ein
-Wandeln unter bluehenden Baeumen und als ein Baden in einem reinen
-Gewaesser. Die Worte klingen so frisch, als waeren sie soeben erschaffen
-und vorher noch in keinem Munde gewesen; in jedem kleinen Satze springen
-klare, lachende Quellen auf, und die Saetze tanzen bald leicht und
-zierlich, bald rollen sie toenend und wohllaut hin. Vielen will es
-scheinen, es habe Boccaccio zuweilen seiner Sprache Gewalt angetan, und
-es mag ein wenig Wahrheit daran sein. Waehrend er die Worte aus der
-Sprache des Volkes von Gassen und Maerkten nahm, bildete er hinwieder
-den Bau seiner Perioden vornehmlich nach dem Muster der roemischen
-Redner und Autoren, zumal des Cicero, den er ungemein verehrte.
-
-Dadurch mag vielen, auch wenn sie der heutigen italienischen Sprache
-maechtig sind, das Lesen des Dekameron ein schweres und muehsames Werk
-erscheinen. Allein es ist nicht nur der Anfang dieses Buches der langen
-Perioden wegen schwieriger zu lesen als die Folge, sondern es pflegen
-ohnehin nach einigen Versuchen die meisten an dieser Sprache ein solches
-Gefallen zu finden, dass sie schnell einige Uebung darin erlangen. Und
-vornehmlich darf derjenige, welchem etwa das Lesen des Dante zu
-schwerster Muehsal gereichte, so dass er ermuedet davon abliess,
-durchaus nicht fuerchten, hier auf dieselben Schwierigkeiten zu stossen.
-Kurzum, wer einigermassen italienisch versteht, moege sich nicht
-scheuen, das Dekameron im originalen Texte zu lesen.* Sobald er nur
-einige Uebung erlangt hat, wird ihm ueber den Seiten dieses Buches sein,
-als hoere er Voegel zwitschern, Kinder lachen und Wasser rauschen, eine
-solche innere Kraft und freudige Lebensfuelle ist in dieser Sprache
-verborgen.
-
- [*] Wodurch aber niemand von der Lektuere einer Uebersetzung
- abgeschreckt werden soll! Vor den zahlreichen verkuerzten und
- verstuemmelten Ausgaben aber sei dringend gewarnt! Das Dekameron
- muss notwendig unverkuerzt gelesen werden. Zur Zeit ist die
- einzige vollstaendige, uebrigens ganz vortreffliche deutsche
- Uebersetzung die von Schaum, deren neue Ausgabe in drei Baenden
- 1903 im Insel-Verlag in Leipzig erschienen ist.
-
-Was das Dekameron als Dichtung anbelangt, so ist es ueberaus merkwuerdig
-zu sehen, wie alle Kraefte und Vorzuege des Dichters, welcher ja auch
-eine nicht geringe Zahl von anderen Werken geschrieben hat, in diesem
-einen Hauptwerke sich schoen und harmonisch vereinigen. Die frueheren,
-allmeist in Neapel entstandenen Dichtungen des Meisters handeln fast
-ohne eine einzige Ausnahme von der Liebe, und die Erzaehlung "Fiammetta"
-ist bei weitem die schoenste unter ihnen. Jedoch weiss in allen diesen
-Dichtungen Boccaccio nichts anderes darzustellen als seine eigenen
-Gefuehle und Liebesgedanken, ohne genuegende Mannigfaltigkeit, und die
-Verse, soweit es sich um solche handelt, sind mit grossem Fleisse, aber
-geringer Erfindungskraft dem Muster des Petrarca nachgeformt, wie denn
-stets die jungen Poeten solche Beruehmtere nachzuahmen bestrebt waren.
-Von diesen Dichtungen erwecken mehrere eine Ahnung von seinem spaeteren
-Werke, als habe die Idee desselben ihm schon laengere Jahre am Herzen
-gelegen.
-
-[Illustration: BOCCACCIOS Handschrift]
-
-Aber wie ein frischer und tuechtiger Mann erst in den Jahren der
-voelligen Reife die schwere Kunst des Lebens lernt, die darin besteht,
-dass der einzelne Mensch seine Schicksale und Gefuehle gleich der Welle
-im Meer ansehen und mit heiterer Bescheidenheit im groesseren Leben der
-Gesamtheit verbergen kann, so besann sich auch dieser Boccaccio erst in
-spaeteren Jahren, als schon die Leidenschaft seiner Jugendzeit
-verglommen war, auf alle seine Kraefte. Was er von Kind auf, aus seiner
-Bastardkindschaft her, und alsdann in Florenz und Neapel und auf manchen
-Reisen erfahren hatte, wurde nun zu ploetzlicher Klarheit erhoben und im
-stillen entbunden. Nicht weniger die Leiden und die Wollust der
-Frauenliebe als der Zauber des Reisens und Schauens, die Erlebnisse und
-Sitten der Studenten ebenso wie die Sorgen und Plagen der Kaufleute, die
-Gebraeuche, Tugenden und Laster derer, die bei Hofe und die in der
-Wechselbank und die auf den Maerkten oder zu Schiffe leben und ihr Brot
-zu erwerben suchen, die Eigenschaften der Narren wie der Weisen, die
-Lebensart der Priester, der Richter, der Soldaten, der Seefahrer, der
-Frauen, der Dirnen sowie alles Ernste, Schoene, Seltsame, Laecherliche
-und Traurige des menschlichen Lebens, soweit nur jemals ein Mensch es
-erfahren und beobachtet hat -- dieses alles zog er nun aus seinem
-Gedaechtnisse hervor.
-
-Gewisslich sind von den hundert Erzaehlungen des Buches Dekameron nur
-sehr wenige von Boccaccio selbst erfunden worden. Vielmehr hatte er die
-einen erzaehlen hoeren, die anderen selbst erlebt oder sich zutragen
-sehen, andere auch aus alten Sagen und Liedern und Fabeln genommen. Nur
-ein Tor moechte wuenschen, er haette sie alle selbst sich ausgedacht. Im
-Gegenteil ist es einer der groessten Vorzuege des Dekameron, dass es
-gleich einem Speicher oder Juwelenschrank die Erfahrungen und Schicksale
-unzaehliger Menschen und Zeiten in sich beschlossen haelt. Viele von den
-Geschichten kamen aus dem Morgenlande, aus Griechenland und aus
-Frankreich, Spanien und Germanien her, viele sind schon sehr alt
-gewesen, andere wieder erst von gestern. Dass aber ein einzelner Mann
-diese zahllosen kleinen Stuecke in seinem Gedaechtnis gesammelt, alsdann
-geordnet und verbessert und am Ende zu einem grossen, wundervollen
-Ganzen zusammengesetzt hat, dazu in einer von ihm selbst geschaffenen,
-vollkommenen Sprache -- und das Ganze so ebenmaessig, rein und klar und
-in sich selber einig, als waere alles am selben Tag und aus demselben
-Geist entstanden -- dieses ist, so oft man es auch betrachte, ein fast
-unbegreifliches Wunder. Begebenheiten und Lehren, Spaesse und weise
-Erfahrungen, die eine uralt, die andere frisch von der Gasse, die eine
-von Hofe, die andre aus dem Bettelvolk, die eine arabischen, die andre
-deutschen, die dritte franzoesischen Ursprungs, lustige und klaegliche,
-edle und gemeine, diese alle zusammen zu einem einzigen praechtigen Werk
-vereinigt, aneinander gefuegt und wie die Steine eines Geschmeides jede
-die Nachbarin hebend und verzierend, und dennoch jede einzelne bis in
-die geringsten Teile mit aller Kunst und Sorgfalt ausgebaut und zur
-Vollkommenheit gebracht! Wahrlich, wenn Boccaccio in seinem Leben eine
-grosse Torheit und Suende begangen hat, so war es, als er sein
-unsterbliches Werk selber als eine muessige und leichtfertige
-Jugendarbeit und Verirrung verleumdete.
-
-Allerdings genoss er zu seinen Lebzeiten den meisten Ruhm nicht um der
-Novellen, sondern um seiner gelehrten Werke willen, von welchen heute
-nur noch die Vita di Dante einigen Wert hat. Dennoch zaehlte er zu den
-unterrichtetsten Maennern seiner Zeit, und indem er einen schoenen
-lateinischen Stil schrieb, sich sehr um die alten Autoren bemuehte und
-auch die damals nur wenig gepflegte Kenntnis des Griechischen
-auszubreiten bestrebt war, hat er ebenso wie Petrarca einen ruhmvollen
-Anteil an der Begruendung des italienischen rinascimento.
-
-Von der Beschaffenheit, Einrichtung und Konstruktion des Dekameron will
-ich spaeter sprechen. Ueber das Schicksal desselben ist wenig zu sagen,
-als dass es -- unendlichen Anklagen und Verleumdungen zum
-Trotze -- schon nach kurzer Zeit ueber mehrere Laender verbreitet war,
-auch seither in vielen Uebersetzungen und hunderten von Ausgaben immer
-wieder gedruckt worden ist. Ungluecklicherweise ist keine Handschrift
-der Novellen von der eigenen Hand des Boccaccio erhalten geblieben, und
-lange Zeit wurde mit dem Texte so nach Willkuer umgesprungen, dass es
-erst spaeter fleissigen Gelehrten gelang, ihn so ziemlich wieder auf den
-status quo ante zu bringen.
-
-Das Dekameron hat haeufige Wiedergeburten im Geiste anderer grosser
-Dichter und Kuenstler gefeiert. Gleichwie in dem Schauspiel "Nathan der
-Weise" die dritte Novelle, von den drei Ringen, eine neue Gestalt annahm
-und wieder Tausende erfreute, so haben frueher und spaeter viele andere,
-vor allem Shakespeare, aus dem Schatze des Florentiners geschoepft,
-dessen Spuren in zahlreichen Dichtungen aller Voelker zu finden sind.
-Nicht weniger haben die Zeichner und Maler sich an ihm vergnuegt und
-viele seiner Novellen in Bildern dargestellt; und noch im Jahre 1849 hat
-der britische Malermeister Millais aus der Novelle vom Basilikumtopf
-(Tag 4, Novelle 5) eine Szene in einem beruehmten Gemaelde abgebildet.
-
-Der vielen anstoessigen Stellen wegen hat man schon frueher des oefteren
-sogenannte verbesserte und purgierte Ausgaben veranstaltet. Was in
-solchen Faellen, zumeist von geistlichen Herren, am Text verballhornt
-und geschaendet worden ist, laesst sich leicht denken. Dabei kuemmerte
-man sich uebrigens wenig um die derben und heiklen Stellen, sondern vor
-allem um jene, in welchen Boccaccio der Geistlichkeit unliebsame
-Wahrheiten gesagt hat. Einmal, ums Jahr 1570, wurden zu Florenz vier
-Herren ernannt zu der Aufgabe, das Dekameron endgueltig von allen gegen
-die Satzungen der Kirche verstossenden Stellen zu saeubern. Da wurden,
-wo immer es noetig schien, aus den Moenchen Buerger und Ritter, aus den
-Nonnen Edeldamen gemacht, zwei von den Novellen wurden zu einem
-mysterioesen Unsinn verbessert, und als nach langer Muehe die Ausgabe
-vollendet war, zeigte es sich, dass den Herren eine der heitersten
-Geschichten durch die Finger geschluepft war, und jenes Dekameron hatte
-statt hundert nur neunundneunzig Novellen. Ausserdem ist das Buch
-haeufige Male "fuer die Jugend" ediert worden und wird es in Italien
-"per giovani modesti" heute noch.
-
-Besonders schlimm erging es ihm mehr als hundert Jahre nach seines
-Verfassers Tod, zur Zeit des wohlbekannten oder uebelbekannten
-Savonarola. Dieser wuetende und vermutlich geisteskranke Moench, welcher
-nach Kraeften dazu beitrug, Florenz und Italien dem Untergang naeher zu
-bringen, hat ausser einer Menge von anderen schoenen Dingen auch sehr
-viele Exemplare des Dekameron oeffentlich verbrennen lassen.
-
-Wo jedoch eine kraeftige Quelle aus der Erde gebrochen ist, hat das
-Verbauen und das Exorzieren niemals viel geholfen, und es ist schwerer,
-etwas geistig Lebendiges zu ertoeten, als etwas Totes wieder zum Leben
-zu bringen. So hat denn auch Boccaccio manche Zeitgenossen und
-Nachfolger gehabt, deren erloschenen Ruhm die Gelehrten mit unsaeglichen
-Muehen bis auf heute herueber geschleppt haben, indessen er selber
-inmitten aller Keulenschlaege am Leben blieb und heute noch den gleichen
-Glanz und Zauber hat wie seinerzeit.
-
-Indem ich dieses schreibe, traeumt mir von einem Cypressenbaum am
-Huegelabhang zwischen Vincigliata und Settignano, wo ich vor Zeiten zum
-erstenmal, im Grase liegend, das koestliche Buch genoss. Es lief ein
-lauer Wind talab, mit Bluetenduft von Limonen und Mandeln beladen, es
-lag ein suesses Licht ueber Florenz und allen Bergen, und es sang aus
-einem fernen Garten eine welsche Laute herueber, allein ich sah es nicht
-und hoerte es nicht; ein suesserer Duft und ein viel koestlicherer Klang
-stieg mir aus den gelben Blaettern des alten Buches zu Haeupten.
-
-
-
-
-
-
-Das Buch Dekameron ist auf eine solche Art eingerichtet, dass seine
-hundert Novellen an zehn Tagen von zehn jungen und edlen Leuten erzaehlt
-werden, und darunter sind sieben Maedchen und drei Juenglinge. Auf diese
-Weise kommt daher jede Novelle nicht aus unbestimmter Ferne, sondern
-frisch aus dem Munde eines jungen Erzaehlenden zu uns her geklungen. Und
-ueberdies ist also diese Zahl von hundert Geschichten und Schwaenken von
-einer lebendigen Erzaehlung umflochten, hat auch jeder von den zehn
-Tagen seine besondere Art und Faerbung.
-
-Die Erfindung des Boccaccio ist diese: Zur Zeit des schwarzen Todes,
-welcher die Stadt Florenz im Jahre 1348 heimsuchte, waren in dieser
-Stadt alle frueheren Ordnungen und Gewohnheiten vollkommen aufgeloest.
-Es lagen in den Haeusern, auf den Treppen und vor den Tueren, ja in
-allen Gassen da und dort teils Tote, teils Todkranke umher, und die
-Gefahr der Ansteckung war so gross, dass Eltern und Kinder, Brueder und
-Schwestern einander flohen und die Erkrankten einsam und ohne Pflege
-dahinsterben liessen, welche Zustaende Herr Boccaccio im Beginn seines
-Buches mit der groessten Genauigkeit und Sichtbarkeit uns schildert. Bei
-solcher grausamen Verwirrung und Schrecknis trafen sich eines Morgens
-sieben junge Damen in der herrlichen Kirche Santa Maria Novella, welche
-zwar damals noch der beruehmten Wandmalereien des Ghirlandajo entbehrte,
-aber auch schon zu jener Zeit eine der schoensten Kirchen von Florenz
-gewesen ist.
-
-Diese Sieben, da sie sich unter gemeldeten Umstaenden nicht allein in
-bestaendiger Todesgefahr, sondern auch jeglicher Freude und Lustbarkeit
-durchaus beraubt sahen, beschlossen auf den Rat der Pampinea, welche die
-Aelteste von ihnen war, sich in Gesellschaft auf das Land zu begeben und
-dort einige Zeit in Ruhe und heiteren Gespraechen zu verweilen, wobei
-sie die gegenwaertige Trauer und Bangnis ein wenig vergessen koennten.
-Und siehe, waehrend sie noch ueber einige etwa passende Begleiter und
-ueber den Ort ihres Aufenthaltes beratschlagten, traten drei edle
-Juenglinge in dieselbe Kirche, von welchen jeder in eine unter diesen
-Damen verliebt war. Ihnen eroeffnete Pampinea, welche mit einem
-derselben verwandt war, ihr Vorhaben und forderte sie auf, als Fuehrer
-und Kavaliere mit ihnen zu kommen; und sogleich waren die jungen Herren,
-wie man sich denken kann, von Herzen gern dazu bereit. Auch diejenigen
-von den Maedchen, welche anfaenglich einige Scheu gehabt hatten, freuten
-sich nun darueber, denn es war sogleich vereinbart worden, dass Sitte
-und Ehrbarkeit in jeder Weise gewahrt blieben.
-
-Also begab sich diese huebsche und froehliche Gesellschaft edler junger
-Leute aus der Stadt und hatte die Wahl des Aufenthaltes zwischen gar
-vielen Landsitzen, denn infolge der Pest stand auch auf dem Lande alles
-leer und verlassen. Nur zwei Meilen weit vor den Toren fand sie denn
-auch auf einem Huegel gelegen einen Palast in der schoensten Umgebung,
-von Blumenmatten, wohlriechenden Gebueschen und Baeumen und fliessendem
-Wasser umkraenzt, mit Garten, Hof und Brunnen; auch waren Saele, Kammern
-und Keller wohl versehen. Hier liessen sie sich mit grossem Vergnuegen
-samt ihrer mitgebrachten Dienerschaft nieder, und der Juengling Dioneus
-war der Erste, welcher allen vorschlug, die Sorgen in der Stadt dahinten
-zu lassen und sich, so lange es ihnen gefiele, heitere Tage zu machen.
-
-Alsbald schien es ihnen, auf den Rat der Pampinea, gut, dass an jedem
-Tage einer aus der Gesellschaft zum Koenige ernannt wuerde, welcher die
-uebrigen samt der Dienerschaft zu beherrschen und alles zum Wohlbehagen
-und zu guter Unterhaltung dienliche anzuordnen habe. Und es wurde fuer
-diesen ersten Tag als Koenigin die Pampinea gewaehlt. Diese wieder
-bestimmte einen aus der Dienerschaft zum Seneschall, andere zum
-Aufwarten, zum Kochen und zu sonstigen Diensten, wie in einem
-wohleingerichteten Hofstaat. Hierauf begab sich jedermann, wohin er
-wollte, und betrachtete die schoenen Gaerten, Saele, Lauben, Wiesen,
-Brunnen und Quellen, bis es Zeit zu Tische war. Die Tafel war voll von
-trefflichen Speisen und ganz mit Ginsterblueten bestreut, es fehlte
-nicht an blanken Glaesern noch an Handwasser und weissem Linnengedeck.
-Nach der Mahlzeit aber suchte jeder sich einen Ort zur Ruhe und schlief
-eine Weile, bis die Koenigin aufs neue alle zusammen berief und auf
-einen schattigen Rasenanger fuehrte. Nachdem sie ein wenig getanzt und
-gesungen hatten, standen wohl Schach- und Damenbretter und genug andere
-Spiele bereit, allein der Koenigin und auch allen anderen schien es
-unterhaltsamer und erfreulicher, dass jeder eine Geschichte, die er
-wisse, vortrage. So erzaehlte also jeder eine nach seinem Belieben, und
-am Ende der zehn Novellen war es Abend geworden, und sie beschlossen
-diesen ersten Tag damit, dass Emilia eine schoene Canzone sang, waehrend
-Lauretta einen Tanz dazu auffuehrte, von Musikinstrumenten begleitet.
-
-Darauf uebertrug die Koenigin ihr Regiment an Philomena, und diese
-huebsche und kluge junge Dame ordnete an, es sollten am Tage ihrer
-Regierung solche Geschichten erzaehlt werden, in welchen einer aus
-grossem Unheil unerwartet doch noch entrinnt und ein glueckliches Ziel
-erreicht. In einer aehnlichen Weise verliefen alle zehn Tage und zwar in
-dieser Ordnung:
-
-Erster Tag: Unter der Koenigin Pampinea erzaehlt ein jeder, was ihm
-beliebt und einfaellt.
-
-Zweiter Tag: Unter der Koenigin Philomena werden die Schicksale solcher
-vorgetragen, welche unerwartet aus grossem Unheil zu neuem Gluecke
-hervorgingen.
-
-Dritter Tag: Unter der Koenigin Neiphile spricht man davon, wie einer
-durch Scharfsinn ein ersehntes Ziel erreichte oder etwas Verlorenes
-zurueck gewann.
-
-Vierter Tag: Unter dem Koenig Philostratus redet man von Verliebten,
-deren Liebe ein tragisches Ende nahm.
-
-Fuenfter Tag: Unter der Koenigin Fiammetta werden Geschichten erzaehlt,
-in welchen Liebende nach allerlei Hindernissen und Unfaellen doch noch
-zum Gluecke gelangen.
-
-Sechster Tag: Unter der Koenigin Elisa ist die Rede von schnellen und
-witzigen Ausspruechen, Antworten und Neckereien.
-
-Siebenter Tag: Unter dem Koenige Dioneus werden Streiche erzaehlt,
-welche Ehemaennern von ihren Weibern gespielt wurden.
-
-Achter Tag: Unter der Koenigin Lauretta spricht man von Streichen und
-Possen, welche so wohl Eheleute wie beliebige andere Personen einander
-gespielt haben.
-
-Neunter Tag: Unter der Koenigin Emilia traegt ein jeder vor, was ihm
-behagt.
-
-Zehnter Tag: Unter dem Koenig Pamphilus ist die Rede ausschliesslich von
-Taten des Edelmutes und der Hochherzigkeit.
-
-Ausserdem dass jede dieser hundert Novellen durch die Art und Person
-dessen, der sie erzaehlt, einen besonderen Ton und eine eigene Art von
-Anmut gewinnt, sind die Erzaehlungen unter einander noch auf vielfache
-und zierliche Weise verbunden. Denn indem zumeist ueber die soeben
-vorgetragene Novelle sich ein kuerzeres oder laengeres Gespraech in der
-Gesellschaft entspinnt, knuepft alsdann der nachfolgende Erzaehler fast
-immer an dieselbe an und bringt eine Historie zum Vortrag, welche das
-angeschlagene Thema von einer neuen Seite beleuchtet und deutlicher
-macht, jedoch ohne dass hierdurch jemals der Anschein der Eintoenigkeit
-erweckt wuerde. Denn bei mancher Aehnlichkeit des Themas ist dennoch
-jede von diesen Novellen von allen anderen scharf unterschieden, und es
-gibt keine zwei darunter, die man so leicht mit einander verwechseln
-koennte. Naechstdem aber ist jeder Schatten von Gleichfoermigkeit auch
-noch durch andere feine Kuenste vermieden worden, indem z. B. Dioneus,
-welcher der Hauptspassvogel der Gesellschaft ist, stets mit voellig
-unerwarteten neuen Einfaellen dazwischen tritt, auch allerlei
-Anspielungen und Neckereien zwischen den Erzaehlenden vorfallen.
-
-[Illustration: DIE KIRCHE SAN STEFANO IN FLORENZ]
-
-Dazu kommt, dass jeder von den zehn Tagen seine eigene Geschichte hat,
-mit allerlei kleinen Zwischenfaellen, so dass wir ausser den taeglich
-erzaehlten zehn Geschichten auch die uebrigen Beschaeftigungen und
-Lustbarkeiten der Gesellschaft erfahren. Daneben ist der Ort, an welchem
-sie sich aufhaelt und welchen sie zwischenein auch wechselt, mit Hainen,
-Teichen, Baechen, Blumen, Wild und Fischen stets auf das Anmutigste und
-Lebhafteste geschildert, wodurch im Gemuet des Lesenden teils ein
-fortwaehrendes Behagen, teils auch eine milde, angenehme Sehnsucht nach
-solchen auserlesen koestlichen Gegenden erregt wird. Denn der Dichter
-hat dieselben zwar einigen Oertern aehnlich gebildet, welche man in der
-Naehe von Florenz und namentlich im Tal des Mugnone antrifft, allein
-dennoch hat er sie in solcher Art geschmueckt und dargestellt, wie es
-nur ein wahrer Kuenstler vermag, so dass sie alle etwas Verschoentes und
-wahrhaft Paradiesisches an sich tragen.
-
-So ist denn unter den zahlreichen Buechern, in welchen ein Einzelner
-viele verstreute Erzaehlungen gesammelt hat, in aller Welt kein
-einziges, welches irgendwie an Schoenheit und Kunst dem Dekameron
-vergleichbar waere. Der es seinerzeit geschrieben hat, tat es zum Trost
-der ungluecklichen Liebenden und vornehmlich zur Erfreuung der Frauen,
-welchen denn auch das ganze Werk in einem vortrefflichen Prologe
-zugeeignet ist.
-
-
-
-
-
-
-
-Man hoert gar haeufig sagen, das Dekameron sei ein unanstaendiges und
-verwerfliches Buch. Und diejenigen, welche dies sagen und gerne
-predigen, sagen es zum Teil nach dem blossen Hoerensagen, zum Teil aber
-kennen sie das verwerfliche Buch sehr gut und lesen es in der Stille
-haeufig. Was nun die Unanstaendigkeit betrifft, welche stets in Buechern
-viel heftiger als im Leben bekaempft wird, so kann und mag ich sie
-keineswegs leugnen. Als ich einstmals in demselben Tal des Mugnone, wo
-es seinen Schauplatz hat, das Dekameron in einem schoenen
-Fruehlingsmonat ganz durchlas, pflegte ich der Waerme wegen frische
-Limonen dazu zu speisen. Und nun hatte ich die Gewohnheit, dass ich bei
-jeder Novelle, die mir unanstaendig erschien, einen Limonenkern in meine
-Tasche steckte, und als ich ganz zu Ende gelesen hatte, zaehlte ich
-neununddreissig solche Kerne. Hiernach waere denn etwas mehr als ein
-Dritteil des Dekameron von unanstaendiger Beschaffenheit.
-
-Obwohl ich glaube, dass gerade diese neununddreissig Novellen zu den
-schoensten und ergoetzlichsten gehoeren, will ich doch den Inhalt
-derselben nicht zu verteidigen unternehmen. Es ist eine Ordnung der
-Natur, dass die Menschen gleich anderen lebenden Geschoepfen ihre Art
-nicht (wie manche Pflanzen tun) sich durch Knollen fortsetzen, sondern
-in zwei Geschlechter zerfallen, woraus beiden Teilen ebenso wohl viel
-Vergnuegen als haeufiger Kummer entsteht. Und es ist eine andere Ordnung
-(diese jedoch nicht von der Natur), dass die meisten wohlgesitteten
-Menschen diese natuerlichen Dinge zwar billigen und ihren Gesetzen
-folgen, aber durchaus nicht davon gesprochen wissen wollen. Und auch
-noch viele, welche muendlich nicht selten davon zu sprechen und zu
-hoeren pflegen, sehen es doch in gedruckten Buechern nicht gerne.
-
-Unser Novellenbuch hat das Bestreben und die Eigenschaft, ein Spiegel
-des wirklichen Lebens zu sein. Wie ich fuer sicher glaube, hat wohl an
-der Haelfte aller wichtigen menschlichen Begebnisse, Leidenschaften,
-Schicksale, Freuden und Leiden das Verhaeltnis der Geschlechter grossen
-Anteil. Wenn nun das Geschichtenbuch des Boccaccio nur zu einem Dritteil
-von solchen Stoffen handelt, ist es also doch immer noch um ein
-Erkleckliches anstaendiger und schamhafter als das Leben selber.
-Ausserdem sind diese Stoffe von den Erzaehlern teils so zart und mit
-guten Nutzanwendungen vorgetragen, teils so fein und erheiternd mit Witz
-und Wortspiel verziert, teils auch so burlesk und drollig, dass ihnen
-die natuerliche Gemeinheit zum guten Teil genommen ist und dass sie bei
-gesunden und vernuenftigen Lesern gewiss keinen Schaden anzurichten
-vermoegen. Dazu kommt, dass neben diesen anderen so viele Geschichten
-voll Reinheit und Edelsinn stehen, ja auch unter denen, welche
-ausschliesslich von der Liebe handeln, finden sich nicht wenige
-Beispiele von seltener Keuschheit, Treue und Ehrbarkeit. Ueberdies war
-der Meister ehrlich genug, jeder Geschichte ihren kurzen Inhalt in
-Ueberschriften voranzustellen, so dass, wer gewisse Dinge verabscheut,
-die davon handelnden Novellen ungelesen ueberschlagen kann.
-
-Ein besonderer Vorwurf wird ungerechter Weise dem Dekameron darueber
-gemacht, dass die einzelnen Geschichten von Erzaehlern beiderlei
-Geschlechts berichtet werden und dass die jungen Damen nicht nur manche
-derbe Posse mit anhoeren, sondern auch selbst solche erzaehlen. Mir ist
-zwar nicht bekannt, weshalb die Frauen so viel mehr als die Maenner vor
-jenen Dingen Scheu haben sollten, auch kann man jeden Tag sehen, dass
-dem in Wirklichkeit nicht so ist; dennoch hat auch hierfuer der Meister
-sich fein und deutlich entschuldigt, indem fast jede Novelle im Beginn
-oder am Schlusse einleuchtend erklaert, warum und in welcher Absicht sie
-erzaehlt sei. Die Einfuehrung der Erzaehlungen heiklen Inhalts hat
-Boccaccio auf eine ungemein heitere und kluge Weise gegeben. Unter den
-drei Juenglingen der Gesellschaft befindet sich einer namens Dioneus,
-ein Witzemacher, Spoetter und Schalk vom reinsten Wasser. Dieser nun ist
-der erste, welcher am ersten Tage es wagt, eine sogenannte saftige
-Geschichte vorzutragen, und er behaelt sich das Recht vor, ohne Zwang
-jedesmal gerade das zu erzaehlen, was er im Augenblick besonders
-unterhaltend faende. Dieser Dioneus faehrt denn auch stets, ohne sich
-sonderlich an das vorgeschlagene Thema zu halten, in der begonnenen Art
-fort, und unter den zehn von ihm erzaehlten Novellen sind nur zwei, die
-nicht anstoessig waeren, und auch von diesen beiden ist noch die eine,
-obwohl frei von Liebesabenteuern, voll von anderen kraeftigen Scherzen
-und Spoettereien.
-
-Die erste von Dioneus erzaehlte Posse, worin ein Moench sich in die
-Liebe einer Dirne mit dem Abte teilt, erregt bei den Damen Erroeten und
-Schelten. Allmaehlich wagen es nun auch die beiden anderen Juenglinge,
-Aehnliches vorzutragen, bei den Maedchen ueberwiegt bald das Gelaechter
-den Unwillen, und nach und nach entschluepft auch ihnen da und dort eine
-derbe Historie, bis am Ende die Scheu ganz ueberwunden ist und alle
-ihren natuerlichen Eingebungen folgen, so dass zuletzt auch von den
-Damen jede wenigstens eine oder zwei derartige Anekdoten zum Besten
-gegeben hat. Dioneus freilich bleibt hierin obenan, nicht nur was die
-Anzahl, sondern auch was die Staerke seiner Possen betrifft. Welcher
-Novelle in dieser schlimmen Hinsicht der Vorrang gebuehre, mag jeder
-fuer sich entscheiden. Aber auch davon abgesehen, dass alle diese von
-der sinnlichen Liebe handelnden Stoffe mit vieler Schoenheit und Kunst
-vorgetragen werden, sind Reden und Benehmen der zehn jungen Leute im
-uebrigen so ehrbar und tadelfrei, dass man wohl sehen kann, wie Reden
-und Tun zweierlei Dinge sind und wie Freimuetigkeit sich mit guter Sitte
-sehr wohl vertraegt. Darin koennte sogar mancher von den Erzaehlern der
-hundert Novellen viel Nuetzliches lernen.
-
-Im Ernst moechte ich keinem klugen Leser raten, die unanstaendigeren
-Novellen des Dekameron voellig zu ueberschlagen. Wer selbst von guter
-und reinlicher Natur ist, wird gewiss das wirklich Unsaeuberliche von
-selber liegen lassen. Davon abgesehen, offenbart sich aber gerade in
-einigen der derberen Geschichten die Art des Boccaccio am besten, so
-dass man in ihnen ebenso die grosse Anschaulichkeit und Wahrheit der
-Darstellung wie die Lebendigkeit der Sprache bewundern muss. Es sind von
-Alters her die Florentiner in Witzworten, Anspielungen und schalkhaften
-Wendungen der Rede sehr geuebt gewesen und sind es auch heute noch in
-hohem Grade. Da nun Boccaccio in jenen Anekdoten und Possen durchaus
-dieselbe Sprache redet wie das florentinische Volk auf der Gasse, zeigen
-dieselben ihrem Inhalte zum Trotz haeufig eine Anmut und Natuerlichkeit,
-welche fast nie von anderen Schriftstellern erreicht wurde.
-
-Wer noch weiteres zur Verteidigung des armen Giovanni gegen fromme
-Vorwuerfe fuer notwendig haelt, moege seine eigenen Rechtfertigungen
-lesen, welche am ausfuehrlichsten in der Einleitung, sowie in der
-Vorrede zum vierten Tage und im Epilog sich finden. Wohl dem, der dessen
-nicht bedarf und sich frohen Herzens des dargebotenen reichen Genusses
-erfreut!
-
-[Illustration: BOCCACCIO nach einem Gemaelde von Andrea del Castagno]
-
-Uebrigens sind die Novellen des Boccaccio vor Zeiten keineswegs
-vornehmlich deshalb so getadelt worden, weil sie oefters in freimuetiger
-Weise von den Vergnuegungen der Liebe handeln; denn von diesen Dingen
-wurde in jenen Zeiten viel natuerlicher und freier gesprochen, als es
-heute Sitte ist, wo man zwar in allen Verderbtheiten grosse Uebung hat,
-aber davon zu reden sich gewaltig scheut. Auch ist sowohl die deutsche
-wie die englische Literatur der aelteren Zeit reich an Unflaetereien,
-neben welchen die boesesten Stellen des Boccaccio noch wie Gebete
-klingen.
-
-Vielmehr zielten die vielen Anklagen damaliger Zensoren fast
-ausschliesslich darauf, dass im Dekameron haeufig, wie man meinte, die
-heilige Religion und Kirche angetastet und verhoehnt werde. In dieser
-Hinsicht ist nun freilich die heutige Zeit weniger eilig zum Verdammen
-geneigt.
-
-In Wirklichkeit findet man in dem ganzen Werke keine noch so kleine
-Stelle, welche wider die Religion gerichtet waere oder die Absicht
-haette, sie zu verspotten. Im Gegenteil ist oefters von goettlichen
-Gesetzen und vom christlichen Glauben in den aufrichtigsten und
-glaeubigsten Ausdruecken die Rede. So wird auch von der Gesellschaft der
-Zehne jedesmal der Freitag und Samstag mit Strenge gefeiert, und an
-diesen Tagen hoeren wir weder von Geschichtenerzaehlen noch von
-sonstigen Lustbarkeiten. Was aber uns heute billig und gerecht
-erscheint, damals jedoch zu grosser Verdammung gereichte, das ist der
-Umstand, dass Boccaccio bei jeder Gelegenheit von Priestern, Moenchen
-und Nonnen, auch von Aebten, Bischoefen, Prioren und hohen geistlichen
-Herren mit der kuehnsten Freimuetigkeit gesprochen hat. Er tat dieses
-teils, indem er die unanstaendigen und lasterhaften Handlungen, wenn er
-solche berichtet, fast immer solchen Klerikern in die Schuhe schob,
-teils redete er aber auch unverhuellt in den strengsten und heftigsten
-Ausdruecken ueber Priester und Moenche. Von diesen sagt er, ausser an
-vielen anderen Orten, in der siebenten Novelle des dritten Tages:
-
-"Sie schreien ueber die Ueppigkeit gegen die Maenner, damit, wenn sie
-diese sich vom Halse geschafft haben, die Weiber fuer die Schreier
-zurueckbleiben. Sie verdammen den Wucher, damit sie, wenn der Suender
-durch ihre Haende den ungerechten Gewinst zurueckerstattet, sich vorher
-daraus die weitesten Kutten machen lassen und Bistuemer und Praelaturen
-kaufen koennen. Sie predigen lauter Gutes -- aber warum? Damit sie
-selbst das tun koennen, was, wenn sie es den Weltlichen nicht verboeten,
-sie nicht tun koennten! Wenn du den Weibern nachlaeufst, so kann der
-Frater nicht bei ihnen ankommen. Wenn du nicht geduldig bist und
-Beleidigungen vergibst, so darf der Frater es nicht wagen, dir in's Haus
-zu dringen und deine Familie zu beschmutzen. Ich habe in meinem Leben
-tausende von ihnen gesehen, welche nicht allein weltliche Frauen,
-sondern auch solche aus den Kloestern liebten, verfuehrten und
-besuchten, und das waren jene, die den meisten Laerm auf den Kanzeln
-machten."
-
-Von den allerhoechsten Kirchenfuersten aber handelt die von Neiphile
-erzaehlte zweite Novelle des ersten Tages. Naemlich einem reichen und
-redlichen juedischen Kaufmann zu Paris, namens Abraham, liegt sein
-Herzensfreund dringlich an, er moechte doch die Taufe nehmen und Christ
-werden, um nicht der ewigen Seligkeit dereinst ledig zu bleiben. Der
-Jude, als ein sehr verstaendiger Mann, sieht dessen Richtigkeit wohl ein
-und beschliesst, nach Rom zu reisen und daselbst des Papstes und der
-Kardinale Art und Sitten wohl zu beobachten, ob sie wirklich als die
-Hueter und Verkuendiger eines so erhabenen Glaubens zu schaetzen seien.
-Vergebens sucht der erschrockene Freund, welcher allzuwohl weiss, wie es
-in Rom aussieht und zugeht, ihn abzuhalten. Abraham besteht auf seinem
-Entschluss und zieht nach Rom, und was er dort zu sehen bekommt, ist
-Laster ueber Laster, Habgier, Herrschsucht, Neid, Wollust, Unflat und
-derlei mehr. Allein der kluge Jude, da er endlich wieder nach Paris
-heimkehrte, laesst sich zum unendlichen Erstaunen seines Freundes
-trotzdem taufen. Denn, sagt er, wenn der Papst und alle seine Oberhirten
-und Unterhirten seit langer Zeit alle statt Gotte dem Teufel dienen und
-sich Muehe geben, Christi Lehre in den Kot zu treten, diese aber dennoch
-besteht und lebt und sich ausbreitet, so muss sie wahrlich von Gott
-sein, sonst waere sie laengst ertoetet und von der Erde verschwunden.
-
-Ich weiss nicht, ob diese Anekdote jemals dem Doktor Luther zu seiner
-Zeit bekannt worden ist. Wenn er sie aber gehoert hat, so weiss ich
-gewiss, dass er seine grosse Lust daran gehabt hat.
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-Zum Schoensten und Holdesten, was im Dekameron, ja ueberhaupt bei irgend
-einem beruehmten Dichter zu finden ist, zaehlen jene Novellen, in
-welchen die Schicksale tragischer Liebe, und jene, in welchen Taten des
-Edelsinns und der Seelengroesse berichtet werden. Schon Petrarca,
-welcher im uebrigen kein grosser Bewunderer des Dekameron war, hat an
-einer derselben (es ist die letzte Novelle, die zehnte des zehnten
-Tages) ein solches Gefallen gefunden, dass er sie nicht bloss jedermann
-und immer wieder erzaehlte, sondern sie auch, zum Zwecke weiterer
-Verbreitung, mit eigener Muehe ins Lateinische uebersetzt hat. Nicht
-minder schoen und ruehrend ist jene schon erwaehnte Erzaehlung vom
-Basilikumtopfe, handelnd von der Liebe und dem Tode zweier unschuldiger
-junger Leute, welche nicht nur jenes Bild des Malers Millais, sondern
-auch eine schoene Dichtung, verfasst von dem Englaender Keats,
-veranlasst hat.
-
-Vielleicht das Zarteste und Edelste aber, das man sich nur ersinnen
-kann, ist die Geschichte, welche am fuenften Tage Fiammetta erzaehlt,
-von dem jungen Edelmanne Federigo Alberighi und seinem Falken. Es wuerde
-mir eine Suende scheinen, diese Novelle anders als mit des Boccaccio
-eigenen Worten wieder zu erzaehlen, wozu hier nicht der Ort ist. Diese
-Erzaehlung stellt, ohne ein einziges ueberfluessiges Wort, eine edle und
-treue Liebe dar, welcher kein Opfer je zu gross ist, und ist mit einer
-so feinen, wehmuetigen Einfalt erzaehlt, dass es schwerlich sonst je
-einem Dichter gelungen ist, mit so bescheidenen Worten das Herz des
-Zuhoerers so maechtig zu ergreifen.
-
-[Illustration: Mittelfeld des Titelblatts der 1492 zu Venedig
-erschienenen Druckausgabe des Dekameron.]
-
-[Illustration: BOCCACCIOS Standbild von Passaglia in Certaldo]
-
-Ungemein lieblich erscheint mir auch der kleine Traum eines Liebenden,
-welchen in der sechsten Novelle des vierten Tages Gabriotto traeumte.
-Ihm war im Traum, als wandle er mit seiner Geliebten irgendwo im Freien
-umher, und diese friedvolle Lust erschien ihm in einem merkwuerdigen
-Bilde, wie er erzaehlt: "Es kam mir vor, als befaende ich mich in einem
-schoenen und reizenden Walde, in welchem ich jagte und eine so schoene,
-liebliche Hindin gefangen hatte, wie man nur je eine gesehen hat; es
-schien mir, als waere sie weisser wie Schnee und mir in kurzer Zeit so
-zahm geworden, dass sie sich gar nicht von mir trennte. Dagegen kam es
-mir vor, als waere sie mir auch so lieb geworden, dass, ob sie gleich
-nicht von mir ging, sie ein goldenes Halsband um den Hals zu tragen
-schien, das ich an einer goldenen Kette in den Haenden hielt." -- In
-eben derselben Erzaehlung ist es ueberaus schoen und ruehrend zu lesen,
-wie ein Maedchen ihren toten Geliebten auf ein feines Tuch aus Seide
-legt, ihm einen Kranz von Rosen um die Stirne flicht und auch den ganzen
-Leichnam ueber und ueber mit Rosen zudeckt.
-
-Neben solchen Schoenheiten findet man aber auch eine Menge von
-merkwuerdigen Schilderungen sowohl aus der Natur, wie aus dem Leben der
-Menschen. Ueber die Verpflichtungen und Gewohnheiten der Kaufleute in
-fremden Seestaedten, wie sie ihre Ware im Hafenmagazin unterbringen und
-versichern, berichtet die Einleitung der Novelle von Salabaetto (achter
-Tag, zehnte Novelle). In derselben Geschichte erfaehrt man auch einiges
-ueber das Leben und Gebahren der schlauen und betruegerischen Dirnen von
-Palermo. Von dem so sehr beruehmten Maler Giotto kommt eine Anekdote in
-der fuenften Novelle des sechsten Tages vor. Von einem Pfleger und
-Kenner reiner toskanischer Weine, welche auch heute noch so koestlich
-munden, hoeren wir am selben Tage in der zweiten Novelle. Eine
-praechtige Beschreibung koestlicher Tafelfreuden im Freien, wobei die
-noetigen Fische unter den Augen der Gaeste im Gartenteich von schoenen
-Maedchen mit der Hand gefangen werden, findet man in der sechsten
-Novelle des zehnten Tages.
-
-Auch von Zauber- und Schlafmitteln, Arzneien und Kuren, sowie von
-Schwarzkuenstlern und Taschenspielern ist hier und dort die Rede, nicht
-weniger von Reise und Schiffahrt, von Bettlern, von Kuenstlern, von
-Spassmachern und Schmarotzern bei Hofe, von Jagd und Tanz, vom Verlieben
-durch Hoerensagen, von Hochzeiten und Festen, von Richtern und Henkern.
-Wenn einer ueber die Beschaeftigungen und Lebensweise der
-verschiedensten Menschen und Staende zu jener Zeit Genaues erfahren
-will, der wird in den saemtlichen Werken der Gelehrten nicht so viel
-finden und lernen wie in diesem Buche, welches das Treiben und Gebahren
-der Menschen von damals treuer und deutlicher als ein Spiegel vor unsre
-Augen stellt. Dazu gehoert auch seine Schilderung der schrecklichen
-Pest, welche mit Recht als ein Meisterstueck angesehen wird. Der
-beruehmte Herr Machiavelli, da er am Ende des zweiten Buches seiner
-Istorie Fiorentine dieser Schreckenszeit, gedenkt, enthaelt sich einer
-weiteren Beschreibung und redet nur von "der Pest, welche Messer
-Boccaccio mit so herrlicher Beredsamkeit geschildert hat und durch
-welche die Stadt mehr als 96000 Einwohner verlor." Und sicherlich hat
-selten ein so entsetzliches Unglueck eine so koestliche Frucht getragen
-wie die grosse Pest von Florenz, zu deren Andenken das Dekameron
-geschrieben worden ist.
-
-
-
-
-
-
-
-Nachdem wir betrachtet haben, in welcher Weise Boccaccio von der Liebe,
-von der Religion, von edlen Taten und vom taeglichen Leben aller Staende
-redet, bleibt uebrig, zu einem froehlichen Schlusse auch noch der
-Schelmenstuecke, Witzworte und Possen des Zehntagebuches zu gedenken.
-Was diese betrifft, so kann man sagen, dass in den Schwaenken des
-Dekameron der witzige Florentiner Geist sich selber uebertroffen habe.
-Denn wenn schon ohnehin die Florentiner jederzeit Freunde von
-Schalkspossen als auch wahre Muster im Erzaehlen derselben und in
-sonstigen Witzen gewesen sind, so hat Boccaccio diese muntere Kunst
-wahrhaft unuebertrefflich verstanden. Unter denjenigen seiner
-Nachfolger, welche ihm mit dem groessten Gluecke nacheiferten und es ihm
-in manchem gleichzutun schienen, hat kein einziger in so hohem Masse
-diese Gabe besessen, komische Dinge in wenigen Worten mit Grazie und
-feinem Humor vorzutragen.
-
-Auf diesem Gebiete hat es dem Dichter gewiss noch weniger als auf
-anderen an Stoff gemangelt, denn an Witzbolden, Schelmen, Schalksnarren
-und ihren Stuecklein ist die Stadt Florenz schon von fruehen Zeiten her
-unglaublich reich gewesen, und auch jetzt noch hoert man in ganz Italien
-nirgends so viele drollige oder bissige Scherzworte, Schimpfnamen,
-Spottreden und Wortspiele wie in Florenz, und es ist gut, dass die
-Fremden sie nicht alle verstehen. Von zahllosen Beamten, Malern,
-Gelehrten, Baumeistern, Goldschmieden, Bildhauern und andern
-hochberuehmten Florentinern sind uns aus allen Jahrhunderten eine Menge
-von Streichen und lustigen Anekdoten ueberliefert. Man braucht sich nur
-etwa an Brunelleschi, den Erbauer der Domkuppel, zu erinnern, der die
-fabelhafte Ulkerei mit dem dicken Tischler anstellte, oder an den
-grossen Lorenzo dei Medici, genannt il Magnifico, welcher zu seinen
-Zeiten einer der beruehmtesten Fuersten der ganzen Welt gewesen ist und
-doch noch Zeit und Laune genug hatte, um mit groesster Ueberlegung dem
-Arzt Manente einen hoechst durchtriebenen und gruendlichen Streich zu
-spielen, wie es uns Herr Antonio Francesco Grazzini, beigenannt il
-Lasca, erzaehlt hat.
-
-So gab es auch zu Boccaccios Zeiten manche Streichemacher in seiner
-Vaterstadt, und unter ihnen standen, neben dem lustigen Witzbold Michele
-Skalza, obenan die beiden Maler Bruno und Buffalmacco, samt ihrem
-Freunde Maso del Saggio. Diese haben teils ihrem sehr einfaeltigen
-Freunde Calandrino, der gleichfalls ein Maler war, teils dem Arzte
-Simone, teils anderen, eine Menge Schabernack angetan. Denn kaum hat am
-achten Tage des Dekameron das Fraeulein Elisa ein Stuecklein von ihnen
-erzaehlt, so fallen sogleich mehreren Zuhoerern andere solche Streiche
-der beiden ein, welche sie unter vielem Gelaechter mitteilen. Diesen
-Kameraden Bruno und Buffalmacco gelang es einst, dem guten Calandrino
-ein fettes Schwein zu stehlen, ihm weis zu machen, er haette es sich
-selber gestohlen, und sich von ihm noch dafuer bezahlen zu lassen, dass
-sie reinen Mund hielten. Damit nicht genug, machten sie ihn ein andermal
-in eine Dirne verliebt, knoepften ihm Geschenke fuer dieselbe ab und
-holten dann, als er endlich sich seiner Liebe erfreuen wollte, im
-fatalsten Augenblick seine wuetende Frau herbei. Was soll man aber dazu
-sagen, dass sie bei einer anderen Gelegenheit es verstanden, diesem
-selben Calandrino einzubilden, er sei schwanger, und ihn, nicht ohne ein
-ordentliches Entgelt dafuer zu nehmen, nach einigen Tagen durch eine
-Schuessel Haferschleim vor der Niederkunft bewahrten?
-
-Ewig unvergesslich und laecherlich aber ist des famosen Dioneus Historie
-von Bruder Zippolla, die er am sechsten Tag erzaehlt. Dies Stuecklein
-spielt in Certaldo, der Heimat des Hauses Boccaccio. Der Bruder Zippolla
-ist, um die guten Einwohner wieder einmal ordentlich zu schroepfen, zum
-Almosensammeln nach Certaldo gekommen und hat den Bauern versprochen, er
-werde ihnen in der Kirche eine wunderbare Reliquie zeigen, naemlich eine
-Feder des Engels Gabriel. Indes er aber die Messe liest, entwenden ihm
-einige Spassvoegel die mitgebrachte Papageienfeder und legen statt
-derselben ein paar Kohlen in sein Kaestchen. Alsdann haelt er eine
-herrliche Predigt zum Preise des Engels Gabriel, wie er aber die Feder
-nehmen und vorzeigen will, findet er sein Reliquienkaestchen voller
-Kohlen. Sogleich beginnt er eine neue Rede, worin er eine schwindelhafte
-Reise durch allerlei Schlaraffenlaender erzaehlt, wobei er bis zum
-Patriarchen von Jerusalem gelangt. Dann faehrt er fort:
-
-"Der Patriarch zeigte mir so viele heilige Reliquien, dass ich sie
-unmoeglich alle herzaehlen kann. Doch um Euch nicht ganz trostlos zu
-lassen, will ich wenigstens von einigen sagen. Er zeigte mir zuerst die
-Zehe des heiligen Geistes, so ganz und unversehrt, wie sie nur je
-gewesen ist, und den Haarbueschel des Seraph, der dem heiligen
-Franziskus erschien, und einen der Fingernaegel der Cherubim, und eine
-der Rippen des beilaeufig zu Fleisch gewordenen Verbum, und etliche der
-Kleider des allein selig machenden Glaubens, und einige von den Strahlen
-des Sternes, der den drei Weisen aus Morgenland erschien, und ein
-Flaeschlein voll Schweiss von dem heiligen Michael, als er mit dem
-Teufel stritt, und noch anderes mehr. Und weil ich ihm einen Gefallen
-tat, schenkte er mir einen von den Zaehnen des heiligen Kreuzes, und in
-einer kleinen Flasche etwas von dem Tone der Glocken im Tempel
-Salomonis, die Feder des Engels Gabriel, ausserdem aber gab er mir noch
-einige Kohlen von denen, auf welchen der allerheiligste Maertyrer Sankt
-Laurentius gebraten wurde."
-
-Und so noch lange weiter. Dann zeigt er den ergriffenen Landleuten statt
-der Papageienfeder die Kohlen und erntet reiche Gaben. Die Leute
-draengen sich inbruenstig gegen den Altar, um die Reliquie nahe zu
-sehen, und Bruder Zippolla malt jedem ein grosses, fettes Kohlenkreuz
-aufs schoene Sonntagskleid.
-
-Weltberuehmt ist ja auch der Einfall jenes Kochs, welcher in der Kueche
-das eine Bein eines gebratenen Kranichs wegnimmt, was sein Herr bei
-Tische mit Zorn bemerkt. Der Koch in seiner Angst behauptet, es sei eine
-Eigenschaft der Kraniche, dass sie nur ein Bein haetten. Nachher geht
-der Herr mit ihm ins Freie, wo sie bald einige Kraniche erblicken, die
-alle auf einem Beine stehen. "Seht Ihr wohl?" sagt der Koch freudig. Da
-klatscht der Herr in die Haende, so dass die Voegel fluechten und dabei
-ihre beiden Beine zeigen. "Schau, dass Du gelogen hast!" ruft er zornig
-und will den Koch zuechtigen. Der sagt jedoch: "Herr, es ist Euer
-Fehler. Haettet Ihr vorher bei Tische auch so geklatscht, gewiss haette
-dann auch jener Kranich ein zweites Bein herausgestreckt." Der Herr muss
-lachen und kann nicht umhin, ihm zu verzeihen.
-
-Es nimmt kein Ende. Da ist die wunderliche Geschichte von der
-Priesterhose (Tag IX, Nov. 2), des Skalza Witz von den "Baranci" (Tag
-VI, Nov. 6), die tolle Nachtherberge im Mugnone-Tal (Tag IX, Nov. 6) und
-eine Menge anderer. Wenn man sie liest und sein unendliches Vergnuegen
-daran hat, koennte man wohl zuweilen meinen, es passierten heutzutage
-niemals mehr so drollige und gepfefferte Geschichten. Aber dem ist
-freilich nicht so, sondern diese Sorte von Abenteuern ist unsterblich,
-und ich selber koennte Euch mancherlei von dieser Art, was ich selber
-erlebt und gesehen habe, erzaehlen, wenn ich von der herrlichen Kunst
-und Gabe des grossen Giovanni Boccaccio auch nur den zehnten Teil
-besaesse.
-
-
-
-
-[Illustration: HERM. HESSES SCHRIFTEN]
-
-ROMANTISCHE LIEDER.
- Bei E. Pierson, Dresden 1898
-
-
-HERMANN LAUSCHER.
- Bei R. Reich, Basel 1901
-
-
-GEDICHTE.
- Bei G. Grote, Berlin 1902
-
-
-PETER CAMENZIND.
- Bei S. Fischer, Berlin 1904
-
-
-
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- *Insel-Verlag -- Leipzig -- Lindenstrasse 20.*
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- Das Decameron des Giovanni di Boccaccio
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- Neue, vollstaendige Taschenausgabe in drei Baenden unter
- Zugrundelegung der _Schaum_schen Uebertragung von 1823;
- durchgesehen und vielfach ergaenzt von _D. Carl Mehring_.
- Zweifarbiger Titelrahmen und Einbandzeichnung von _Walter
- Tiemann_. Gewoehnliche Ausgabe auf feinem duennem englischen
- Papier. Preis brosch. M. 10.--, in drei braune Lederbaende
- gebunden M. 15.--.
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- Diese, von berufenster Hand durchgesehene und vielfach ergaenzte
- neue Ausgabe ist die einzig vollstaendige im Handel befindliche.
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- eine Freude sein fuer jeden, der ein Buecherherz hat.
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- *EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*
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- Bd. I. Der grosse Schroeder von Prf. B. Litzmann
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- *EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*
- HERAUSG. VON FRANZ HERMANN MEISSNER
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-
- Bisher erschienen:
-
- Band I. ARNOLD BOeCKLIN
- Band II. MAX KLINGER
- Band III. FRANZ STUCK
- Band IV. HANS THOMA
- Band V. FRITZ VON UHDE
- Band VI. FRANZ VON DEFREGGER
- Band VII. G. FRED. WATTS
- Band VIII. ADOLPH V. MENZEL
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-Band I-VI und VIII sind von Franz Hermann _Meissner_, Band VII von Jarno
-_Jessen_
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- Diese Sammlung wird fortgesetzt
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- Jeder Band ist reich illustriert
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- _Jeder Band gebunden in Einband von Hans Thoma M. 3.--_
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-
- *Herrose & Ziemsen, Wittenberg.*
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Das aus dem Dekameron (aus der Einfuehrung zur neunten Novelle des
-ersten Tages) stammende Zitat am Anfang des hier vorliegenden Werkes ist
-ungenau: conciossiecosache sollte gewoehnlichen Ausgaben zufolge _con
-cio sia cosa che_ zitiert werden. (Der wesentlich Fehler liegt in der
-Buchstabenfolge _sie_ in der Mitte des Wortes.) Im selbigen Zitat
-fuegte Hesse das aus dem vorangehenden, nicht zitierten Satzteil
-stammende Wort novelle zur Herstellung des Kontextes ein.
-
-Hesses Schreibweise einiger Namen von Figuren des Dekameron weicht vom
-italienischen Original ab und ist hier wie von Hesse gewaehlt belassen
-worden. In der folgenden Liste wird die italienische
-Originalschreibweise in Klammern aufgefuehrt: Michele Skalza [*Scalza*],
-Bruder Zippolla [*frate Cipolla*], Baranci [*Baronci*].
-
-Der folgende Druckfehler wurde korrigiert:
-
- - *Seite 38, Zeile 12:* _schon fruehe des oefteren_ ----> schon
- frueher des oefteren
-
-
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-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOCCACCIO ***
-
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-Foundation web page at http://www.pglaf.org .
-
-
- Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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-
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
-of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
-Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is
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-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official page
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-
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