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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-05 23:23:10 -0800 |
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Band 72 + + Gedruckt bei Poeschel & Trepte, Leipzig + + + + + Johanni + + + Als sich dein Haar den Berg entlang ergoß, + Wogte das Weizenfeld in seinem gereiften Gold. + Kornblumen dunkelten, wo noch eben dein Blick geweilt. + Im silbernen Blütenstaub dämmert dein Odem hinab. + + Der Beter vorm Bildstock erfleht noch den Saaten Bestand: + Es tränke sie Tau und der Sturm erachte des Halms. + Dann schließt er auch dich in sein gilbes Gebet. + Saum deines Kleides wehet den Tannen vorbei. + + Jetzt bette ich Müdsein in deine eratmete Saat, + Erde ist kühl und dein Leib ist dem Sinne der Erde so nah. + In Küssen beschwörst du den silbernen Abend heran. + Blaß über Wimpern tanzt schon die Sichel des Monds. + + + + + Ich -- Du + + + Ich halte im Umkreis deiner Verflüchtung mich auf. + Ich weile auch ferne der grenzenden Körperlichkeit. + Ich wandle im blasseren Licht deines Heiligenscheins. + + Du stehst im Abend und verdämmerst ganz still hinaus. + Du streifst noch die Sterne und zitterst im Boden fort. + Der Schleier sind viele, sind Wolken und wehen dich hin. + + Ich nehme das Beste von dir fern atmend in mich. + Ich tränke mein Erdreich mit deinem durchgoldeten Tau. + Ich helle den Traum mit deinem vergessenen Licht. + + Du bist wie zu Hause und weißt auch nicht, wie du mich nährst. + Du senkst deinen Schatten, umwandelst dein Wurzelgerank. + Du blühst und vergehst, doch die Ferne stammelt von dir. + + Ich pflanze dein Echo auf einen verewigten Stern. + Ich rette die Strahlung des Bluts in eine bedürftige Nacht. + Ich trage den Hauch, der noch blieb, auf meinem Fittich hinauf. + + + + + Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut -- + + + Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut, + An alle Himmel verloren. + Im Kelch von tausend Blumen sammle + Ich dich ein. + + Ich werfe meine Netze weit im Meer + Der Nachthimmel aus, + Feierliche Sternbilder, worin dein Blick sich verewigt, + Sammle ich in meinen Netzen. + + Ich eile zu gehen: + Zurückholen will ich deinen Blick + Aus allen vier Winden der Rose. + Jedem deiner Gedanken reise ich nach. + + Ich behüte mit aufgestellten Windharfen, + Die mein Lied dir brausen, + Geliebte, dein waches, hellwaches Ohr. + + Ich will, daß deines Wesens + Volle Pracht in einem heißen + Kuß mich überschütte: + + O ja, Geliebte, bleibe in meiner Hand! + Schwinde nicht fort aus meinen + Verdämmernden Horizonten! + + Entferne dich nicht aus dem Goldrahmen + Meines geruhigen Tags! + Lästere nicht meinen Besitz an dir! + Habe keine fremden Götter neben mir! + + + + + Als ich im ersten Viertel des Monds -- + + + Als ich im ersten Viertel des Monds + Ausgestreckt in den Rosen des Hügels lag, + Kamst du -- ein wärmender Schatten -- heran, + Gossest auf meine Stirne die Schale des Schlafs. + + Ich eilte in rötlichen Blätterstürzen -- im Herbst + Und war deiner atmenden Nähe schon minder gewiß. + Zeitlosen rahmten die Landschaft der Traurigkeit. + Bei einer Harfe fand ich Zuflucht des Nachts. + + Winters, wenn ich den Eiskristall + In das Licht der erstorbenen Sonne hob, + Fremde, erschienest du nicht. + Regenbogen umkreisten den ewigen Kern. + Zierliche Sterne des Schnees + Schmückten das Grab meiner Seele. + + Aber im Lenz, bald schwimmt die immergrüne Insel heran. + Leidenschaftliche Sonne wühlt sich aus flimmerndem Gras. + Auftaucht, von rosiger Muschel gehoben, + Die Herbstliche, Nackte im Schaumgekräusel des Sees. + + Füllhörner schütten Farben und Blumen über dich hin. + O wer darf dir jetzt + Aus zauberischen Lüften den purpurnen, + Rosenbestickten Mantel der Schönheit reichen? + + Auf erhöhtem Wagen ziehst du einher, + An schlanke Deichsel sind goldgezäumte Rosse gespannt, + Schwebende Frauen führen die lockeren Zügel. + Weidenbüsche, die der Lufthauch deines Zuges berührt, + Tönen mit allen Zweigen, Schalmeien gleich. + Orgeln brausen inmitten des Schilfs. + Überall zieht Morgenröte herauf. + + O und dein Wagen rast über mich hin. + Um lodernde Achse rollt sprühend das Sonnenrad. + Ich bin von den Bildern blitzender Sprossen umschattet. + Silberner Wegstaub hüllt meinen Jammer ein. + + + + + Es werde Licht + + + Ich hatte diese Welt schon ganz in meinen Geist genommen + Und sah nach innen, wo im Sphärendrehn + Die düstern Bilder wechselten. -- Es war ein stetes Kommen + Von Nachtgestalten -- stetiges Vergehn. + + Von Gram gebleicht, von Last gekrümmt und mit zerquerter Stirne + So hing ich über diesem tiefsten See. + Aus Spiegelquellen wuchs mein Wolkenhaupt wie Glanz der Firne. + Die Wirbel kreisten um ein Tausend-Weh. + + Da kam der Tag. Mich rief ein Lied. Da war's, als hell im Frühen + Sich diese Welt in deine Augen schwang. + Da brach aus jedem Ding sein Kern des Lichts im Fächerblühen, + Aus allen Wipfeln brauste der Gesang. + + So werd ich diese Nacht der Welt durch deinen Himmel tragen + Und Träume sind der Möven Silberflug. + Des bangen Tags Geschehen ist ein lautlos Ruderschlagen. + Doch Güte kniet in Lämmern, sich genug. + + + + + Lied + + + Sie sind im Licht der Tagessonne + Der Leiber zwei, der Seelen zwei, + Sie streben sonder Wort und Wonne + In weiten Kreisen sich vorbei. + + Er zieht mit jedem roten Morgen + Die wachen Pfade streng hinauf; + Im Köcher ist der Pfeil geborgen, + Es ruht die Hand an Schwertes Knauf. + + Des Weibes Tag ist stiller Wandel + Der Sonne um umlaubtes Haus, + Ein ferner, süßer Duft von Sandel, + An seinem Weg ein Blütenstrauß. + + Doch mit der Sonne Lichtvergluten + Fällt beider Kreis aus ihrer Kraft + Und dunkel muß zusammenfluten, + Was tags sein Einzelsein erschafft. + + Baum, Strauch und Turm zerfließt ins Schweigen, + Der Strom verebbt im weiten Tal; + Der Himmelszeichen goldner Reigen + Geht ein in diesen Sternensaal. + + Nichts will nun beide mehr umragen, + Ein Grauen zwingt den Mann zum Weib. + Von eines Odems Maß getragen, + Durchblüht die Nacht ein Sein, ein Leib. + + + + + Liebesode + + + Dein Blick ist unsterblich in mir. + Er hat ja erst wie ein Sonnenstrahl + Mein dumpf-unseiendes Leben erweckt. + Er hat ja erst die Sehnsucht erweckt. + Dein Blick ist unsterblich in mir. + + Wir sanken, Glieder an Glieder gepreßt + Und Mund an Mund + Als Leib, lustvergessen ein Leib, ins Gras; + Und tief der Himmel mit tausend Sternen + Sank und deckte uns zu. + O Himmel der Lust! O Grab der Lust! + Aber dein Blick ist unsterblich in mir. + + Und, die du gebärst, die Kinder kreisen + Als Sonnen auf eigen-beschriebener Bahn: + Ein neues System. Ich hab es erregt. + Nein, dein Blick hat es erregt. + Und dein Blick ist unsterblich in mir. + + Unsterblicher als die Geschlechter nach mir. + In meiner Seele, wenn alles, was Staub war, + Staub wieder ist, lebt noch dein Blick, + Ihr sphärisches Sein durchleuchtend mit mildem Strahl, + Unsterblich ist dein Blick in mir. + + So wird meine Seele die Sehnsucht hegen, + Wie tief ich gestorben, nach Leben im Fleische, + Um voller zu fassen das schwebende Leben + Im Blicke von dir zu mir, + Unsterblich ist dein Blick in mir. + + + + + Im Abenddämmern zwischen den Jahren -- + + + Nun muß ich nächtelang + Vergeblich am Scheideweg der Milchstraße auf dich warten, + Im Abenddämmern zwischen den Jahren + Säumte ich drüben als der Mann im Mond. + + Früher konnte ich dich in den verzweigten Tälern + Der Erde noch suchen gehn. + Im bläulichen Frostlicht des Monds + Schliefen die Hütten, im Schatten zerstreut. + + Doch irgendwo, drinnen, dein kristallener Atem + Zeichnete Orchideen auf silberne Scheiben. + Eisblumen -- die schönsten auf gläsernen Beeten der Nacht -- + Zeigten den Weg zum wärmenden Licht deines Kusses. + + Nun weiß ich dich nirgends zu finden. + Ich suche die Träume der Jünglinge auf. + Ich weiß es, in Nächten des klirrenden Siebengestirns + Träumen sie immer nur dich, + Träumen dich mit all deinem Lächeln, farbig im stillen + Gedenken an mich. + Nur in den Träumen Verliebter finde ich nochmals zu dir zurück. + + + + + Der Kranke + + + Abends wissen wir, wenn jach das erste Viertel + Kalten Monds im Oberlichte reift, + Wenn um silberisch Gewand den Sternengürtel + Naher Abend zart mit Händen streift, + Daß der Adler nun sein Nest + Giererwacht, die Nacht auf Schwingen, + Nacht zu bringen, + Flügelgroß verläßt. + + Leises Rollen wie bei düstern Nachtgewittern + Kündet, daß der fremde Vogel naht. + Diesen Kranken dann befällt ein heftig Zittern + Und er rüstet sich zur schwersten Tat, + Atmet hart; und fast erstickt + Ruft er Hilfe, wehrt mit Händen, + Abzuwenden + Unheil, blind geschickt. + + Durch geschlossene Fenster, schmal durch Schloß und Riegel, + Sichtbar nur dem heißen Fiebertraum, + Schlägt's wie Schwefelflammen, bricht's wie Aschenflügel, + Spreitet sich wie Fächer, Krone, Baum, + Stürzt dem Kranken auf die Brust, + Krallt sich fest mit krummen Klauen, + Hell in blauen + Augen thront die Lust + Mit dem Schnabel dieses Kranken Fleisch zu spalten. + Eine Sichel bohrt sich tief hinein, + Wühlt hinab; das Herz in zuckenden Gewalten + Blutet Funken, sprüht wie Feuerstein. + Sieben Stunden währt die Not + Und den Kranken hört man stöhnen, + Gott verhöhnen + Und er liegt wie tot. + + Heiße Tränen seh ich ihn aufs Kissen weinen, + Das ihn wie ein Felsgeklüft umfängt, + Und wir andern um sein Lager, Kinder, scheinen + Steinernes Gebirg, das ihn bedrängt + Und so wie Gebirge schweigt, + Da wir ganz in Schmerz erstarrten, + Zählen, warten, + Bis der Morgen steigt. + + Unsre Blicke bohren sich ins Fensterdunkel, + Unsre Blicke suchen morgenwärts. + »Endigt, Venus, endigt nicht dein Lichtgefunkel? + Findet Ruhe endlich nicht dies Herz?« + Und ins Licht noch ganz versteckt, + Mündet Glanz der blassern Sterne. + Wolkenferne + Kühn der Tag sich reckt. + + Ragt empor als Held mit goldenem Schild und Bogen, + Ist im Sonnenkahn herbeigeschifft. + Durch den Dämmer klirrend kommt ein Pfeil geflogen, + Der durchs Fenster kühn den Vogel trifft. + Lauter Jammer ist verweht, + Selbst der Kranke atmet Wonne + Bringt dir, Sonne, + Froh sein Dankgebet. + + + + + Nacht + + + Sei zufrieden! Schon ringt sich der Abendstern aus totem Sonnenrot. + Schmale Sichel des Monds schwimmt am gotischen Fenster vorbei. + Das farbige Traumbuch des Tags entblättert im Wind. + Atem des schlafenden Kinds eilt den Sternbildern voraus. + + Siehe, ich harre der göttlichen Huld dieser Nacht, + Denn sie löst mir von Gliedern der trotzigen Ketten Geklirr + Und ich wandre im schneeigen Licht vormitternächtigen Schlafs + Lämmerumtanzt zu den äußersten Küsten der Seele. + + Überm veilchenfarbigen Segel am Fährenrand + Dehnt sich im Sternengewoge das Meer der Unendlichkeit. + Meine Harfe am schäumenden Kiel erbraust in die Nacht. + Eure Hände, Geliebten, die einst ihr wart, + Mischen sich still in atmender Saiten Geflecht. + + Nachtviolengeranke, so flicht sich der Sang um das Boot + Und mich besitzt die Gemeinschaft der Erdeentschwerten. + Aber schon dringen vom anderen Ufer Geräusche, erwacht, + Helios schirrt die blendenden Rosse zur morgigen Sonnenfahrt. + Und ich erwache zum Wissen der ärmlichsten Traurigkeit. + Langsam wachse ich wieder ins Kettengefüge des leiblichen Tags. + + + + + Ich komme aus meinen Träumen -- + + + Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist. + Ich habe meine Hände voll Glanz, + In meinen Augen ist Licht des fernsten Gestirns. + Ich will euch die Farben des Regenbogens bringen, + Denn ihr seid ja so aschengrau, + So erdgebrannten Gesichts. + Ihr säuselt an Krankenbetten als Echo der giftigen Seufzer, + Sterbet zehnmal des Tags und werdet + Mit blechernen Trauermärschen zehnmal des Tags zu Grabe gebracht. + Auswendig kennt ihr die Inschrift auf spiegelndem Marmor in Gold, + Den ewigen Grabstein schleppt ihr auf Rücken das Leben entlang. + + Ihr sitzet am Schachbrett und haltet gedrechselten Läufer, + Schwimmt auf dem Rauch des Cafés + In euer brodelndes Nichts hinab, + Gespenster, hört mich, Gebannte ins schattenzerworfene + Nachttal der Erde: + Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist, + Ich zünde nun farbige Feuer, + Lasse die Girandolen kreisen, + Eröffne das Lichtfest der Sterne, + Wehe mit farbigen Phönixflügeln heran. + + Farbige Flügel mit Federn der trunkenen Asia + Dehnen sich zwischen den Säulen im morgenrötlichen Tempel. + O ich jage euch Sonnen über die Erde hin, + Ihr sehet an blühenden Himmeln weit + Lilienhände im Spiel der klingenden Saiten; + Ihr sollt euch nach Blumen bücken, hört ihr! + Kinder emporheben in den goldenen Stromfall des Lichts. + Sehnen soll euch erfassen + Nach dem göttlichen Tod im entflammtesten Kuß! + + + + + So haben mich die Jahrtausende gesehn -- + + + So haben mich die Jahrtausende gesehn: + Hochgebäumt über brodelndem Menschen-Weh. + Ich war ein Springquell, mein Blutstrahl fiel + In die tönende Muschel der Erde hinab. + + Deingedenken doch war das Rot am Abendhimmel der Schlacht, + War im zehnfachen Tod die tastende Ewigkeit. + Komm und brich den Glanz deiner Schönheit + Lächelnd im Stromfall, wenn ich mich erdwärts ergieße! + + Denn so wird die Welt den fliehenden Augenblick schön + Und ihr Abglanz spiegelt im Antlitz der Engel sich fort. + Stürze sie ab! + Geläuterter Widerschein sind wir, der entflieht. + + + + + Fluch + + + Auf euere Neroschädel treffe dieser Fluch! + Euch war der Brudermord die beste Konjunktur, + Euch war der Börsenzettel die präzise Uhr, + Das Manometer, wo ihr grinsend -- o verrucht -- + In Ledersesseln mit umpolsterten Gesäßen + Den letzten Stand der Blut-Flut lächelnd abgelesen. + + Ach, meine neue Welt, ich weiß ja keine Qual, + So tief an tiefer Zeit, so weit an weitem Raum + Und meinen großen Fluch, o Fluch! erreicht sie kaum. + Denn schnürte ich euch auch an jeden Marterpfahl + Und bräch mein heilig Zorngefäß an euch in Scherben, + In tausend Blitzen könnt ihr doch nur einmal sterben! + + Drum seiet ihr -- ich will's! -- der Ewigkeit erwählt! + Daß immer neu die Rache in Erfüllung geht, + Sei euch der Tod die Stunde, wo ihr aufersteht + Zu einem Leben, das gleich tausend Leben zählt. + Aus jedem Euter sollt ihr euch das Sterben melken. + Mit jedem Grashalm, jedem Blatt sollt ihr verwelken! + + Ich schmeiße euern Balg in jeden Erdvulkan, + Ich warte, bis sein Ekel ihn zu Rande speit, + Ich stürz ihn neuerdings in Glut und Flammenleid, + Laß ihn hinab, zieh ihn empor wie Last am Kran + Und will mich höhnisch in ekstatischem Ergötzen + An seinen Tantalqualen tausend Jahre letzen. + + Ihr trankt der Brüder Blut aus tausendfachem Kelch, + Verspeistet auch sein Herz und wurdet fett. + Nun reiß ich's euch aus klirrendem Skelett + Und werf es weit im Schnee der Arkten vor den Elch, + Damit er's schlinge; daß im Gallenschleim es ende. + Vielleicht auch findet es den Weg der Exkremente. + + Ich denke mir die Quellenstollen tief genug; + Zehn Menschenalter sein sie finsterstes Verließ, + Worin euch meine Faust von Schacht zu Schächten stieß, + Erschaffend euch in jeder Ferne einen Trug + Von Luft, Eratmung, hellem Glanz der Tageslichter: + Doch meine Schlangen gürten eure Brüste dichter. + + Auf jedes Rad, wenn sich's im Staub der Rosse bäumt, + Sei euer morscher Leib mit Strippen festgespannt, + Aus jeder Rille, Hufesspur, dem Tritt im Sand + Aufquelle euch ein Born von Blut, das schäumt, + Und fülle eure Mäuler, peste auch in Nasen: + So will ich mit euch durch die neuen Welten rasen! + + + + + Apokalyptisches Gebet + + + Nimm doch zurück, o Gott, in deine Stadt + Von Jaspismauern, Häusern roten Golds, + In heiliges Gezelt aus schmiegsam Zedernholz, + So uns dein Grimm, o Gott, gesendet hat: + Der Kräfte, Mächte, Engel Siebenzahl, + Die auf uns geußen Schalen wilder Qual. + + Sieh, unsre Scheitel flammten auf und aschten grau! + Was je in Schmerz geboren aus dem Weib, + Wir decken ja mit blutbeströmtem Leib + Das Kraterland der Erde; Blut ist Tau, + Der alle Kelche füllt, aus Keltern träuft. + Geschlecht der Sünde ward zum Tod gehäuft. + + Wo ragt das Schloß, das du erbauen wirst + Aus Schläfenquadern: Haus der Menschheitsnot? + Auf kahlen Straßen treibt der Kärrner Tod + Den Maultierkarren, der von Schädeln birst. + O düsterer Karren Karawanenzug! + Der Krähen Volk zieht mit, die Nacht im Flug. + + In Höllengängen, wo Entsetzen Odemgift + Aus dickverknäulten Brüdermassen zeugt, + Im Rumpf des Schiffes, das dein Wehen beugt, + In Tempeln ist es, wo dein Schwertstreich trifft. + Wir finden auf der Erde, die wir groß geglaubt, + Nicht ein Versteck für dieses Dornenhaupt. + + Kein Baum, wo im Geäst nicht wehend trieb + Ein Absalon im letzten Stolz, kein Stein, + Darunter nicht im Dunkeln das Gebein + Der Mensch-Skorpione dorrte. Warum schrieb + Dein Finger eine Sichel nur ans Firmament? + Zulang die Ernte! -- Ende ohne End. + + Wie würgten Adler, Löwe ja und Stier + In uns, o Gott, und knieen vor dem Lamm, + Der weißen Wolke, die aus Nacht herfür + Die Sonne deckte am gekreuzten Stamm! + In zwanzig Zungen, Menschheit schreit zum Herrn: + Auf reiner Schale reiche uns den Morgenstern! + + + + + Altartiefe sollst du mir enthüllen -- + + + Herzschlag ist nirgends, doch Pochen der Maschine, doch + Stundenschlag. + Odem ist nirgends, doch Qualm der Fabrik, doch Giftgas. + Sklavenrücken auf Schweißspuren mürrisch geschleppter Last + Tragen den Fluch in Wüsten, ferne den Tempeln, hinaus. + + Dein Urgrund, o Mensch, ist Saatacker voll Unkraut und Moorsumpf, + Ist Kammer voll Lava, + Ist Bergwerk gestauter Nacht, + Ist Tümpel des Drachen, ist Einöde der Schlange -- + Und Herdes Dumpfheit entsendet im Rauch + Heillose Wechselgestalt des Seins. + + Sein, das in Kerkern liegt, treibt alpdrückenden Traum aus Licht. + Völkerwanderungen, Untergänge, Sturz der Babeltürme, Fluten + Geschlagener Heere auf Straßen, die Bäche des Blutes entlang: + Dumpfer Widerstreit deiner Triebe gebiert die Phantome der Schlacht. + Maschinengespenster mit hurtigem Arm: es schuf sie die Angst. + Gier stiebt auf in den Mückenschwärmen der Pest. + Aus rotem Blut hat dein Traum die Fahnen des Aufruhrs gehißt. + + Tempelwinkel der Seele aber, Altartiefe sollst du mir enthüllen, + Verlorenen Weihrauchduft und zerbrochenen Heiligenschein, + Vergessene Heimlichkeit, Kniebeugen der Sehnsucht, die Liebe, + Dein Göttliches, deine stille Morgenschönheit, deine Psalmmelodie, + Das Schneeskleid deiner Lammesgüte, den Blumenhauch, dein Herz! + + + + + Erde -- o Erde + + + Erde, o Erde, + Wer hieß uns wandeln auf Blutäckern, auf Leichengefild, + Wer hat uns zum Dünger bestellt + Für Saatfrucht des Morgen, die eigenem Samen entsprießt? + + Zackiger Flügelschlag des Drachen + Und sein Doppelstrahl aus goldenen Nüstern, + Purpurbeschlagener Rachen des Löwen und Tigersprung, + Schillernd herkriechende Schlangennähe und Ebers Zahn, + Brüllende Zorngiere gehörnter Ure, Auswurf verschmitzten Lamas + Und plattfüßig gewälzte Wucht der Bäre, + Und Stachel und Biß und Hieb und Hinterhalt, + Wurf, Stich, Überfall, Angriff -- Erde, o Erde: + So drohet die Geste, mit der du dich gegen uns Schollensöhne + erhobst, + So sengt, brennt, giftet das Kleid deiner Feindschaft, + So zündet der Glanz deines Harnischs, in Bilder der Angst zerträumt. + + Heillosestes Bild, du bist es uns -- Mensch! -- -- + Da schält uns Sonne aus Mitleidshüllen des Schlafs + Und zieht uns im Strahlglanz aufs Festland der üppigsten Schlacht. + Von Wunden löst sie das leichthin getrocknete Siegel + Und zahllos -- im Bogen gekreuzt -- + Ergießt sich heiliger Springquell des Bluts. + + Erde, o Erde, + Wo retten wir hin + Ärmliches Unsgehören des Schlafs? + O nähme Wipfel der Esche uns auf, + Daß Sterne fielen in heiter beruhigten Traum + O bettete See uns kühl, wo hoch die Glocken + Aus Türmen läuten im grünen und goldenen Strom, + O schliefen wir fort an Brüsten der seligsten Frau, + Von Kindheitsliedern unendlich gewiegt! -- + + Doch sollen wir träumens noch wissen, + Wie grimmig wir tags uns mähten + Zu Dünger -- zu Speise des Kots. + Aus Tiefen grellt auf + Funke gezückten Schwerts. + Schlachtlärm tost in der heulenden Schnecke des Ohrs + In Augen bricht nieder + Stützen von Leibern quer weg über Lanzen + Und Rücklingsbäumen von Pferden mit schmerzhaft geblecktem Gebiß. + + Erde, o Erde! + Blut ist dein Trank, + Fleisch ist hehre Speise deinem Mund. + Dein Glanz, das Weltall durchdämmernd, + Ist Glanz der Schwerter, geschwungen von Menschenhand. + Dein Brausen auf blauer Sonnenbahn + Ist Donner der niebeendeten Schlacht. + Im Säulendrehn dein goldener Himmelsrauch + Ist Opfergruß des getränkten Altars. + + + + + Warum fällt denn nicht -- + + + Warum fällt denn nicht die Sonne, Herr, aus deiner Hand? + Warum stürzen nicht im Strom der Falten + Weithin klirrend die Gestirne nieder? + Warum zittern nicht die fluchverwiesnen Erden, + Dunkeln blutbeströmt beschämte Monde nicht? + Warum welken nicht, vom Aschenatem angeweht, + Bäume, Gräser, wie vom Wurzelwurm zernagt? + Warum lodert nicht der Liebe Kuß verzehrend + Flammend auf? + Warum dorrt die Frucht im Kelch der Frauen nicht? + Warum stirbt denn nicht im Tröstermund dein Gotteswort? + + Gott der Wüsten, du bist überlistet! + Hast du nicht die sieben Farben einst ans Firmament gesetzt, + Kündend, daß die Flut nie wiederkehre! -- + Doch es war nicht ausgemacht, ob Wassers, ob des Bluts, + Und wir haben dich mit unserm Blut betrogen, Herr! + Sieh, aus Flüssen, aus Kanälen quillt's, + Aus den Ritzen des Planeten wie aus dorngekröntem Haupt! + Denn gespiegelt sieht, o Herr, dein Ebenbild + Lauernd Mensch im andern und sein Haß auf dich + Treibt verwirrten Triebes splitternd zu zerschlagen + Jenen Spiegel, fortzuscheuchen + Schreckendes Phantom. + + O er trug ja welke Last des Daseins lang auf Schultern, + Tempelschüler war er aller abgelebten Alter, + Ward gelangweilt, ach, mit deiner Götzen + Pfauenäugig bunter, ungezählter Schar, + Ward von jedem grauen Wahn in Schlangenkreisen + Tausend Jahre lang umhergenarrt. + + Hoch auf Wolken türme sich, o Gott, dein nah Gericht! + Wehe Völker recken tausend Arme + Brünstig deinem flammennahen Blitz entgegen, + Gieren Nacht und Tag um Gnade der Zerstörung, + Auszutilgen, was sich selbst mit Gram belud, + Auszurotten, was sich selbst sein Gift gebar, + Auszulöschen, was sein eignes Fleisch geschändet. + + Schall des Endes, wenn erhobene Posaunen + Aus vier Winden letzten Gang verkünden: + Töne bald und breche berstend in den Chor + Dröhnenden Gemordes, ins Gebraus + Dunklen Blutes, das an Säulen brandet + Morschen Tempels + Totgeglaubten Gotts. + + + + + Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben -- + + + Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben. + Aus einer Wolke, die sich erdwärts neigt, + Ragen die schlanken, zuckenden Rohre -- + Tausend sind es an der Zahl --. + Ihr Schall trifft lanzensteil, schwertschlank, + Die Gewänder der Bläser bauschen sich im Erzgebraus + Rund auf wie Schwanengefieder. + + Über der Erde aufgeworfenes Hügelland + Ist wimmelnd hingebreitet alles Fleisch. + Ganze Völker, Sippen, Jahrtausende reihen sich hügelan, + Schultern von Frauen glänzen rhythmisch wie Wellenkämme im Meer. + Haar stammt auf. Blicke dämmern in violettener Nacht. + + Und Schall der Posaunen nimmt sie auf stählernen Rücken, + Die Zonen der Luft sind angefüllt von sanfthinschwebenden Leibern. + Manche sind leicht, es trägt sie verschwimmendes Wolkenrot wie + Rosenblätter; + Andere hanteln an flatternden Tüchern sich hoch. + + Mütter bergen die Kinder in schützendem Arm, + Nackthineilende Frauen decken mit schattenden Händen + Die Scham. + Augen sind, in denen die Welt wie berstender Sternhimmel + ineinanderstürzt, + Augen voll Schuld und traumvergessener Angst, + Greller, tagheller Wiederkehr verjährtester Tat. + + Und keiner möchte + Der Erste sein vor dem Blitz aus der goldenen Wolke, + Männer mit Würdebärten drängen sich vor, weichen voll Zagens zurück. + Es stauen sich Völker, Mauern des Fleischs + Und Leiber sind angstvoll vermischt + Im Mantel der ungewissesten Qual. + + Jenseits aber ist Stürzen in klaffende Tiefen, + Girlanden aus wirrvoll verschlungenen Körpern + Ranken aus helleren Tiefen ins Dunkel hinab. + Sünder haben die Hände vors schreiende Antlitz geschlagen, + Knie zerbersten, Rücken zerbrechen im schwindelnden Fall. + Loderndes Haar flammt züngelnd dem Feuer entgegen. + Sie stürzen mit Köpfen voraus. + Aus Mündern dünstet die bläuliche Wolke des Fluchs. + + + + + Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen -- + + + Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen, + Als Sonnenstäubchen werde ich zum Lichtquell aufwärtsstreben. + Von feinen Händen fühl ich unter Schultern mich gefaßt, + Mich trägt ein Schwanenflügelpaar, + Der goldne Odem eines Engels überströmt mich warm. + + Noch bin ich ganz von Schollenlast betäubt, + Noch kreisen Regenbogen hinter wehgeschlossnen Lidern + Glanzlichternd gleitet noch die grüne Schlange der Verwesung + Um meinen marmorn-abgekühlten Leib. + Ein Wiegenlied -- unendlich tief, verschlafen -- + Von Äolsharfen weit aus Pappelwipfeln hergeflockt, + Träumt mir im Ohre nach. + Ich schwimme müd-gestreckt im Fluß der Sonne. + + Da fällt mich, den sein Schutzgeist trug, + Ein Nachtgespenst, ein fledermausgeflügelt Untier an. + Der Krallen Zwölfzahl -- Monde sind's, die aneinanderklirren -- + Stürzt sich gleich Sicheln in mein trübes Fleisch. + Die Nüstern qualmen stinkendes Gewölk, + Das Maul bespeit mich frech mit Eiter, Schleim und Galle; + Erschrocken sehe ich in grausem Hundsgesicht, + In Augen, die wie Licht im Wind verflackern, + Die schlankgestreckte Landschaft meiner Sünden, Frevel Süchte. + + Um mich tobt der Zweikampf. + Manchmal sinke ich hinab, es stürzt mit geiler Wucht + Des Bösen lastendes Gewicht auf mich; + Dann steige ich empor, vom guten Geist emporgerafft, + Sein silbern Flügelpaar verebbt in müder Luft. + Die müde Luft erklingt von hellem Kampf. + Um die Erstandnen rast die Schlacht entzweiter Mächte. + In sich verbissne Knäuel schweben hin. + Stürzt jetzt die Last in enger Krallenhaft zur Erde. + Schwebt sie mit ihrem Engel siegend auf? + Ich bin der Kräfte Spiel im schalldurchbrausten Meer. + + + + + Trümmer + + + Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese + Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen; + Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen, + Daß keiner käme, meine Torheit priese. + Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese + Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen. + + Mein Babelturm ließ seine Wolkenfahne + Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen. + Gewundne Treppen wollten aufwärtsweisen, + Dem wachen Hochmut seinen Himmelssteig zu bahnen. + Mein Turm des Ichs ließ seine Wolkenfahne + Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen. + + Doch fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten, + Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder + Und beugte meinen Schlaf und warf mich nieder. + In meine Träume stürzt er seine Quaderlasten. + Es fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten, + Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder. + + Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker, + Doch oben brannten Sterne in den Haaren. + Wie sollte ich mein blassres Licht bewahren? + Kein Wirbelsturm der Täler tobte ärger. + Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker, + Doch oben brannten Sterne in den Haaren. + + Da war ich's selber, der auf der Altane + Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen. + Er zückte nieder. Erker barsten, Stuben. + Zerworfner Schutt begrub die Wolkenfahne. + Da war ich's selber, der auf der Altane + Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen. + + Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese + Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen; + Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen, + Daß keiner käme, meine Torheit priese. + Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese + Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen. + + + + + Trost + + + Es sind auch nicht all, o Gott, deine Gedanken + Nur Lämmer, von gütlicher Wärme beschneite, + Und dehnen nicht all sich + Nach seligem Tanz an Hängen von Klee + In süßen Schalmeiton des schläfrigen Monds. + + In Pfauen auch denkst du + Und starrst in gespreizter Eitelkeitsgier + Aus Augen, in Fächern, + Vom Tempelteppich gewirkten Allsehens + In ewige Brunst des Lichts hinein. + + In Tigers Kraft selbst dunkelt dein Groll, + Entflammt im Zinnober des Rachens noch Gier. + In Schlangen wirft Hinterlist metallischen Schimmers + So giftigen Ring vor ein ärmer Geschöpf. + + Auch bist du ja Flamme und Lohe und Feuersbrunst, + Getümmelte Wogenherde, Zentaurenschar, Schlund, + Bist Zickzack und Blitz, Erdbeben, Vulkanausbruch, + Zusammenprall der Planeten, bist Untergang. + + Doch wie du es bist, Gott: auch ich muß es sein. + O wandle mich denn in schwindenden Formen ab! + Denn Flamme schon war ich und Lohe und Feuersbrunst, + Erd-Erbeben -- Vulkanausbruch -- Untergang. + Als Tiger der Dschungeln ich trug + + Im Nacken gefiederte Pfeile hinab, + Schweifte als Pfau an Tempelsäulen der Juno vorbei, + Lag lauernd geschmiegten Schlangenleibs + Im Schatten der lehmigen Diele zur Nacht. -- + + Gib Güte nun endlich, + Wärme des schneeigen Lämmerkleids! + Hülle mein Herz, o Gott, + In Sehnsucht der Hirtenschalmei! + + + + + Der neue Mensch + + + Aus Unform, Irrform, Wirrform, + Aus Zwitterform und Aberform der Zeit + Schreitet in banger Zuversicht der neue Mensch. + Die Brodemnebel veraschter Leichenhügel + Sind unter ihm. + Die Meere gekelterten Bluts, die Ströme, die Schaum krönt, + Sind unter ihm. + Die Babeltürme versteinter Irrtümer + Sind unter ihm. + + Er schreitet: mehr Stirne als Kinn, mehr Gott als Tier. + Im Zackengeklüfte der Felsen + Nur manchmal hört er das Echo + Verworrenen Brudermords, verjährten Totschlags. + Denn jung war er noch, als Donner verzückter Kanonen + Die alten Jahrtausende pomphaft zu Grabe geläutet. + Das war einmal: + Schwertertag und Lorbeersieg, + Klirrender Klingenkampf und Triumphglanz, + Das war einmal: + Irgendwo, fern, irgendwann. + + Er schreitet in nacktem Verzicht. + Er badet sich rein + Im weißen Quell des Gedankens. + + Er nimmt -- lächelnd, großmütig und gütig -- + Den armen Planeten in warme, umgitternde Hände + Und hebt ihn hinauf in den läuternden + Lichtstrom der Sonne, bettet ihn sanft in die kühlen + Heilenden Rosen der Morgenröte und wartet + Des dämmernden Tags. + Nicht wissen durchaus will er des Gestern. + Denn Gestern: Das ist ja gesammelter Fluch, + Geballtes Verhängnis, genetztes, tausendmaschig + Gefädeltes Schicksal. Nicht wissen will er des Gestern. + + In Schutt sieht er stürzen + Dorische Säulen, Akanthus und gotische Fenster, + Gemauerte Schreie des Gottwahns verblichener Zeiten + Er fället der Götzen glanzbäuchige Hochmut + Und glüht in den Bränden des Alten sein jugendlich Herz, + Dies Pfand der Allmacht, + Die brausende Mitte des neuen, schaffenden Seins. + + Und also weiß er zu beten: -- Nichts über mir! + Im Anfang war ich. Ich werde im Ende sein, + Bin ich doch Tempel, Gott, Beter zugleich + Und krümme den Rücken so wenig der mummenumschanzten Hoheit + Als Lasten, die fremder Wille mir auflädt. + Ich bin so berechtigt als irgend ein Mensch. + Nichts über mir! + + Frauen will ich nicht suchen gehn. Sie nahen allein! + In ihrem Lächeln der Wollust + Einschleichend wälzen sich früheste Alter der Erde + In unseren kornreifen, ausgeglätteten Sommertag. + Die List ihrer Buhlschaft reicht uns die rostigen Schwerter + Hellbrünstigen Zweikampfs. Besitzgier und Eifersüchte + Spornen in uns nichtigen Krämergeist, Hamstersorge. + Wütendes Morden des Fleischs, + Wer stiftet es anders, als die es gebar: Helena, + Die maskenschöne Mutter der irdischen Kriege? + Wer säh sich nicht vor! + + + + + Die Fahrt + + + Offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr + Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen. + Noch sind alle Segel von blutendem Abend rot; + Im Brackwasser ertrinkt in tausend Rubinen zerstäubter Komet. + Tief-Schlummernder bin ich, + Da scheucht erster Strahl den Alpdruck der engen Kabine. + Mitternächtiger Wintertraum unter Dächern des Schnees + Kleidet vergessene Spiegel mit jauchzendem Lenzgrün aus, + Tollt mit zerfetztem Haar im Glanz die Alleen entlang, + Jubelt im Birkenwipfel des Hügels ein harfenes Lied, + Sinkt als Frühtau mit kreisenden Himmeln die Kelche hinab. + + Im Golfstrom des Lichtes saust glühende Erde empor. + Mit herzhafter Kraft umgürtet die Sonne das taumelnde Rund. + Ihr Licht trinkt die haftenden Dämpfe des Blutes hinweg, + Ihr heilender Atem saugt Pestgift und Brandhauch in sich. + + Nun steig ich hinauf, + Letzte Wendeltreppen, + Schattenlabyrinthe hinauf! + Trunkener Aufstieg peitscht schon die tummelnden Wogen des Herzens + voraus. + Und ich stehe an höchstem Bord, auf fliegender Brücke am Steuerrad + Und winke die farbigen Vögel heran + Und winke Delphine heran + Und Fische mit silbernen Schuppen, mit güldenen Flossen + Und Haie und Wale und Robben und Rosse + Und alle geschäumten Wogen, die von den Polen schießen, + Und alle Sternbilder, auf schaukelnden Wassern an Bord gewiegt. + + Der neue Mensch hält auf die Sonne zu. + Sein Herz umfaßt mit dem Strahlglanz den magischen Spiegel der Welt + Und jeglicher Atem strömt in den goldenen Becher zurück. + Mit ihm wird die Erde das fährliche Kap der Nächte umschiffen, + Krieg, Krankheit, Entzweiung, Verzweiflung umschiffen + Und Ekel der Wollust + Und Blutgier + Und Brunst. + + Zermürbte Monde schon decken die Schädelstätte entfremdeter Nacht. + Träume versinken im Blachfeld der Not. + Alpdruck und Nachtmahr gurgeln im Sumpf hinab. + Denn offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr + Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen. + + All-Lebendes wandelt im Goldtau sein Herz + Und trägt es mir zu. Aus Palmenwipfeln + Wiegt sich fasanenbeschwingte Sehnsucht heran, + Aus Ranken der Beere dehnt es sich nah, + Zinnoberne Schnecken herkriechen auf silberner Spur. + + Die Fahrt ist im Gang, + Die Erde im Brausen tönt selber Triumphgesang. + Folgt alle! + Ich steure die Arche auf goldener Flut! + Schon ist die Taube auf Wegen zu Gott voraus! + + + + + Inhaltsübersicht + + + Johanni 5 + Ich -- Du 6 + Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut -- 7 + Als ich im ersten Viertel des Monds -- 9 + Es werde Licht 11 + Lied 12 + Liebesode 13 + Im Abenddämmern zwischen den Jahren -- 14 + Der Kranke 15 + Nacht 18 + Ich komme aus meinen Träumen -- 20 + So haben mich die Jahrtausende gesehn -- 22 + Fluch 23 + Apokalyptisches Gebet 25 + Altartiefe sollst du mir enthüllen -- 27 + Erde -- o Erde 29 + Warum fällt denn nicht -- 32 + Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben -- 34 + Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen -- 36 + Trümmer 38 + Trost 40 + Der neue Mensch 42 + Die Fahrt 45 + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt +(vorher/nachher): + + [S. 10]: + ... An schlanke Deichsel sind goldgezäunte Rosse gespannt, ... + ... An schlanke Deichsel sind goldgezäumte Rosse gespannt, ... + + [S. 11]: + ... So hing ich über diesem tiefstem See. ... + ... So hing ich über diesem tiefsten See. ... + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte, by Julius Maria Becker + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 52219 *** diff --git a/52219-h/52219-h.htm b/52219-h/52219-h.htm index 35471f6..17cfb96 100644 --- a/52219-h/52219-h.htm +++ b/52219-h/52219-h.htm @@ -1,1890 +1,1472 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Gedichte, by Julius Maria Becker</title>
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-The Project Gutenberg EBook of Gedichte, by Julius Maria Becker
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Gedichte
-
-Author: Julius Maria Becker
-
-Release Date: June 2, 2016 [EBook #52219]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE ***
-
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-<div class="frontmatter">
-<p class="aut">
-Julius Maria Becker
-</p>
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-<h1 class="title">
-Gedichte
-</h1>
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-<p class="pub">
-Kurt Wolff Verlag · Leipzig
-</p>
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-<div class="frontmatter">
-<p class="ser">
-Bücherei „Der jüngste Tag“. Band 72
-</p>
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-<p class="printer">
-Gedruckt bei Poeschel & Trepte, Leipzig
-</p>
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-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-<span class="line1">Johanni</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Als sich dein Haar den Berg entlang ergoß,</p>
- <p class="verse">Wogte das Weizenfeld in seinem gereiften Gold.</p>
- <p class="verse">Kornblumen dunkelten, wo noch eben dein Blick geweilt.</p>
- <p class="verse">Im silbernen Blütenstaub dämmert dein Odem hinab.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Der Beter vorm Bildstock erfleht noch den Saaten Bestand:</p>
- <p class="verse">Es tränke sie Tau und der Sturm erachte des Halms.</p>
- <p class="verse">Dann schließt er auch dich in sein gilbes Gebet.</p>
- <p class="verse">Saum deines Kleides wehet den Tannen vorbei.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Jetzt bette ich Müdsein in deine eratmete Saat,</p>
- <p class="verse">Erde ist kühl und dein Leib ist dem Sinne der Erde so nah.</p>
- <p class="verse">In Küssen beschwörst du den silbernen Abend heran.</p>
- <p class="verse">Blaß über Wimpern tanzt schon die Sichel des Monds.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-<span class="line1">Ich — Du</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich halte im Umkreis deiner Verflüchtung mich auf.</p>
- <p class="verse">Ich weile auch ferne der grenzenden Körperlichkeit.</p>
- <p class="verse">Ich wandle im blasseren Licht deines Heiligenscheins.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Du stehst im Abend und verdämmerst ganz still hinaus.</p>
- <p class="verse">Du streifst noch die Sterne und zitterst im Boden fort.</p>
- <p class="verse">Der Schleier sind viele, sind Wolken und wehen dich hin.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich nehme das Beste von dir fern atmend in mich.</p>
- <p class="verse">Ich tränke mein Erdreich mit deinem durchgoldeten Tau.</p>
- <p class="verse">Ich helle den Traum mit deinem vergessenen Licht.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Du bist wie zu Hause und weißt auch nicht, wie du mich nährst.</p>
- <p class="verse">Du senkst deinen Schatten, umwandelst dein Wurzelgerank.</p>
- <p class="verse">Du blühst und vergehst, doch die Ferne stammelt von dir.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich pflanze dein Echo auf einen verewigten Stern.</p>
- <p class="verse">Ich rette die Strahlung des Bluts in eine bedürftige Nacht.</p>
- <p class="verse">Ich trage den Hauch, der noch blieb, auf meinem Fittich hinauf.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-<span class="line1">Dein Wesen</span><br />
-<span class="line2">ist über alle Welt zerstreut —</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut,</p>
- <p class="verse">An alle Himmel verloren.</p>
- <p class="verse">Im Kelch von tausend Blumen sammle</p>
- <p class="verse">Ich dich ein.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich werfe meine Netze weit im Meer</p>
- <p class="verse">Der Nachthimmel aus,</p>
- <p class="verse">Feierliche Sternbilder, worin dein Blick sich verewigt,</p>
- <p class="verse">Sammle ich in meinen Netzen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich eile zu gehen:</p>
- <p class="verse">Zurückholen will ich deinen Blick</p>
- <p class="verse">Aus allen vier Winden der Rose.</p>
- <p class="verse">Jedem deiner Gedanken reise ich nach.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich behüte mit aufgestellten Windharfen,</p>
- <p class="verse">Die mein Lied dir brausen,</p>
- <p class="verse">Geliebte, dein waches, hellwaches Ohr.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich will, daß deines Wesens</p>
- <p class="verse">Volle Pracht in einem heißen</p>
- <p class="verse">Kuß mich überschütte:</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">O ja, Geliebte, bleibe in meiner Hand!</p>
- <p class="verse">Schwinde nicht fort aus meinen</p>
- <p class="verse">Verdämmernden Horizonten!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
- <p class="verse">Entferne dich nicht aus dem Goldrahmen</p>
- <p class="verse">Meines geruhigen Tags!</p>
- <p class="verse">Lästere nicht meinen Besitz an dir!</p>
- <p class="verse">Habe keine fremden Götter neben mir!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-<span class="line1">Als ich</span><br />
-<span class="line2">im ersten Viertel des Monds —</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Als ich im ersten Viertel des Monds</p>
- <p class="verse">Ausgestreckt in den Rosen des Hügels lag,</p>
- <p class="verse">Kamst du — ein wärmender Schatten — heran,</p>
- <p class="verse">Gossest auf meine Stirne die Schale des Schlafs.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich eilte in rötlichen Blätterstürzen — im Herbst</p>
- <p class="verse">Und war deiner atmenden Nähe schon minder gewiß.</p>
- <p class="verse">Zeitlosen rahmten die Landschaft der Traurigkeit.</p>
- <p class="verse">Bei einer Harfe fand ich Zuflucht des Nachts.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Winters, wenn ich den Eiskristall</p>
- <p class="verse">In das Licht der erstorbenen Sonne hob,</p>
- <p class="verse">Fremde, erschienest du nicht.</p>
- <p class="verse">Regenbogen umkreisten den ewigen Kern.</p>
- <p class="verse">Zierliche Sterne des Schnees</p>
- <p class="verse">Schmückten das Grab meiner Seele.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Aber im Lenz, bald schwimmt die immergrüne Insel heran.</p>
- <p class="verse">Leidenschaftliche Sonne wühlt sich aus flimmerndem Gras.</p>
- <p class="verse">Auftaucht, von rosiger Muschel gehoben,</p>
- <p class="verse">Die Herbstliche, Nackte im Schaumgekräusel des Sees.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Füllhörner schütten Farben und Blumen über dich hin.</p>
- <p class="verse">O wer darf dir jetzt</p>
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
- <p class="verse">Aus zauberischen Lüften den purpurnen,</p>
- <p class="verse">Rosenbestickten Mantel der Schönheit reichen?</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Auf erhöhtem Wagen ziehst du einher,</p>
- <p class="verse">An schlanke Deichsel sind gold<a id="corr-0"></a>gezäumte Rosse gespannt,</p>
- <p class="verse">Schwebende Frauen führen die lockeren Zügel.</p>
- <p class="verse">Weidenbüsche, die der Lufthauch deines Zuges berührt,</p>
- <p class="verse">Tönen mit allen Zweigen, Schalmeien gleich.</p>
- <p class="verse">Orgeln brausen inmitten des Schilfs.</p>
- <p class="verse">Überall zieht Morgenröte herauf.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">O und dein Wagen rast über mich hin.</p>
- <p class="verse">Um lodernde Achse rollt sprühend das Sonnenrad.</p>
- <p class="verse">Ich bin von den Bildern blitzender Sprossen umschattet.</p>
- <p class="verse">Silberner Wegstaub hüllt meinen Jammer ein.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-<span class="line1">Es werde Licht</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich hatte diese Welt schon ganz in meinen Geist genommen</p>
- <p class="verse">Und sah nach innen, wo im Sphärendrehn</p>
- <p class="verse">Die düstern Bilder wechselten. — Es war ein stetes Kommen</p>
- <p class="verse">Von Nachtgestalten — stetiges Vergehn.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Von Gram gebleicht, von Last gekrümmt und mit zerquerter Stirne</p>
- <p class="verse">So hing ich über diesem <a id="corr-2"></a>tiefsten See.</p>
- <p class="verse">Aus Spiegelquellen wuchs mein Wolkenhaupt wie Glanz der Firne.</p>
- <p class="verse">Die Wirbel kreisten um ein Tausend-Weh.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Da kam der Tag. Mich rief ein Lied. Da war’s, als hell im Frühen</p>
- <p class="verse">Sich diese Welt in deine Augen schwang.</p>
- <p class="verse">Da brach aus jedem Ding sein Kern des Lichts im Fächerblühen,</p>
- <p class="verse">Aus allen Wipfeln brauste der Gesang.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">So werd ich diese Nacht der Welt durch deinen Himmel tragen</p>
- <p class="verse">Und Träume sind der Möven Silberflug.</p>
- <p class="verse">Des bangen Tags Geschehen ist ein lautlos Ruderschlagen.</p>
- <p class="verse">Doch Güte kniet in Lämmern, sich genug.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-<span class="line1">Lied</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Sie sind im Licht der Tagessonne</p>
- <p class="verse">Der Leiber zwei, der Seelen zwei,</p>
- <p class="verse">Sie streben sonder Wort und Wonne</p>
- <p class="verse">In weiten Kreisen sich vorbei.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Er zieht mit jedem roten Morgen</p>
- <p class="verse">Die wachen Pfade streng hinauf;</p>
- <p class="verse">Im Köcher ist der Pfeil geborgen,</p>
- <p class="verse">Es ruht die Hand an Schwertes Knauf.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Des Weibes Tag ist stiller Wandel</p>
- <p class="verse">Der Sonne um umlaubtes Haus,</p>
- <p class="verse">Ein ferner, süßer Duft von Sandel,</p>
- <p class="verse">An seinem Weg ein Blütenstrauß.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Doch mit der Sonne Lichtvergluten</p>
- <p class="verse">Fällt beider Kreis aus ihrer Kraft</p>
- <p class="verse">Und dunkel muß zusammenfluten,</p>
- <p class="verse">Was tags sein Einzelsein erschafft.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Baum, Strauch und Turm zerfließt ins Schweigen,</p>
- <p class="verse">Der Strom verebbt im weiten Tal;</p>
- <p class="verse">Der Himmelszeichen goldner Reigen</p>
- <p class="verse">Geht ein in diesen Sternensaal.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nichts will nun beide mehr umragen,</p>
- <p class="verse">Ein Grauen zwingt den Mann zum Weib.</p>
- <p class="verse">Von eines Odems Maß getragen,</p>
- <p class="verse">Durchblüht die Nacht ein Sein, ein Leib.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-<span class="line1">Liebesode</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dein Blick ist unsterblich in mir.</p>
- <p class="verse">Er hat ja erst wie ein Sonnenstrahl</p>
- <p class="verse">Mein dumpf-unseiendes Leben erweckt.</p>
- <p class="verse">Er hat ja erst die Sehnsucht erweckt.</p>
- <p class="verse">Dein Blick ist unsterblich in mir.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wir sanken, Glieder an Glieder gepreßt</p>
- <p class="verse">Und Mund an Mund</p>
- <p class="verse">Als Leib, lustvergessen ein Leib, ins Gras;</p>
- <p class="verse">Und tief der Himmel mit tausend Sternen</p>
- <p class="verse">Sank und deckte uns zu.</p>
- <p class="verse">O Himmel der Lust! O Grab der Lust!</p>
- <p class="verse">Aber dein Blick ist unsterblich in mir.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und, die du gebärst, die Kinder kreisen</p>
- <p class="verse">Als Sonnen auf eigen-beschriebener Bahn:</p>
- <p class="verse">Ein neues System. Ich hab es erregt.</p>
- <p class="verse">Nein, dein Blick hat es erregt.</p>
- <p class="verse">Und dein Blick ist unsterblich in mir.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Unsterblicher als die Geschlechter nach mir.</p>
- <p class="verse">In meiner Seele, wenn alles, was Staub war,</p>
- <p class="verse">Staub wieder ist, lebt noch dein Blick,</p>
- <p class="verse">Ihr sphärisches Sein durchleuchtend mit mildem Strahl,</p>
- <p class="verse">Unsterblich ist dein Blick in mir.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">So wird meine Seele die Sehnsucht hegen,</p>
- <p class="verse">Wie tief ich gestorben, nach Leben im Fleische,</p>
- <p class="verse">Um voller zu fassen das schwebende Leben</p>
- <p class="verse">Im Blicke von dir zu mir,</p>
- <p class="verse">Unsterblich ist dein Blick in mir.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-<span class="line1">Im Abenddämmern</span><br />
-<span class="line2">zwischen den Jahren —</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nun muß ich nächtelang</p>
- <p class="verse">Vergeblich am Scheideweg der Milchstraße auf dich warten,</p>
- <p class="verse">Im Abenddämmern zwischen den Jahren</p>
- <p class="verse">Säumte ich drüben als der Mann im Mond.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Früher konnte ich dich in den verzweigten Tälern</p>
- <p class="verse">Der Erde noch suchen gehn.</p>
- <p class="verse">Im bläulichen Frostlicht des Monds</p>
- <p class="verse">Schliefen die Hütten, im Schatten zerstreut.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Doch irgendwo, drinnen, dein kristallener Atem</p>
- <p class="verse">Zeichnete Orchideen auf silberne Scheiben.</p>
- <p class="verse">Eisblumen — die schönsten auf gläsernen Beeten der Nacht —</p>
- <p class="verse">Zeigten den Weg zum wärmenden Licht deines Kusses.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nun weiß ich dich nirgends zu finden.</p>
- <p class="verse">Ich suche die Träume der Jünglinge auf.</p>
- <p class="verse">Ich weiß es, in Nächten des klirrenden Siebengestirns</p>
- <p class="verse">Träumen sie immer nur dich,</p>
- <p class="verse">Träumen dich mit all deinem Lächeln, farbig im stillen</p>
- <p class="verse">Gedenken an mich.</p>
- <p class="verse">Nur in den Träumen Verliebter finde ich nochmals zu dir zurück.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-<span class="line1">Der Kranke</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Abends wissen wir, wenn jach das erste Viertel</p>
- <p class="verse">Kalten Monds im Oberlichte reift,</p>
- <p class="verse">Wenn um silberisch Gewand den Sternengürtel</p>
- <p class="verse">Naher Abend zart mit Händen streift,</p>
- <p class="verse">Daß der Adler nun sein Nest</p>
- <p class="verse">Giererwacht, die Nacht auf Schwingen,</p>
- <p class="verse">Nacht zu bringen,</p>
- <p class="verse">Flügelgroß verläßt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Leises Rollen wie bei düstern Nachtgewittern</p>
- <p class="verse">Kündet, daß der fremde Vogel naht.</p>
- <p class="verse">Diesen Kranken dann befällt ein heftig Zittern</p>
- <p class="verse">Und er rüstet sich zur schwersten Tat,</p>
- <p class="verse">Atmet hart; und fast erstickt</p>
- <p class="verse">Ruft er Hilfe, wehrt mit Händen,</p>
- <p class="verse">Abzuwenden</p>
- <p class="verse">Unheil, blind geschickt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Durch geschlossene Fenster, schmal durch Schloß und Riegel,</p>
- <p class="verse">Sichtbar nur dem heißen Fiebertraum,</p>
- <p class="verse">Schlägt’s wie Schwefelflammen, bricht’s wie Aschenflügel,</p>
- <p class="verse">Spreitet sich wie Fächer, Krone, Baum,</p>
- <p class="verse">Stürzt dem Kranken auf die Brust,</p>
- <p class="verse">Krallt sich fest mit krummen Klauen,</p>
- <p class="verse">Hell in blauen</p>
- <p class="verse">Augen thront die Lust</p>
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
- <p class="verse">Mit dem Schnabel dieses Kranken Fleisch zu spalten.</p>
- <p class="verse">Eine Sichel bohrt sich tief hinein,</p>
- <p class="verse">Wühlt hinab; das Herz in zuckenden Gewalten</p>
- <p class="verse">Blutet Funken, sprüht wie Feuerstein.</p>
- <p class="verse">Sieben Stunden währt die Not</p>
- <p class="verse">Und den Kranken hört man stöhnen,</p>
- <p class="verse">Gott verhöhnen</p>
- <p class="verse">Und er liegt wie tot.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Heiße Tränen seh ich ihn aufs Kissen weinen,</p>
- <p class="verse">Das ihn wie ein Felsgeklüft umfängt,</p>
- <p class="verse">Und wir andern um sein Lager, Kinder, scheinen</p>
- <p class="verse">Steinernes Gebirg, das ihn bedrängt</p>
- <p class="verse">Und so wie Gebirge schweigt,</p>
- <p class="verse">Da wir ganz in Schmerz erstarrten,</p>
- <p class="verse">Zählen, warten,</p>
- <p class="verse">Bis der Morgen steigt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Unsre Blicke bohren sich ins Fensterdunkel,</p>
- <p class="verse">Unsre Blicke suchen morgenwärts.</p>
- <p class="verse">„Endigt, Venus, endigt nicht dein Lichtgefunkel?</p>
- <p class="verse">Findet Ruhe endlich nicht dies Herz?“</p>
- <p class="verse">Und ins Licht noch ganz versteckt,</p>
- <p class="verse">Mündet Glanz der blassern Sterne.</p>
- <p class="verse">Wolkenferne</p>
- <p class="verse">Kühn der Tag sich reckt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ragt empor als Held mit goldenem Schild und Bogen,</p>
- <p class="verse">Ist im Sonnenkahn herbeigeschifft.</p>
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
- <p class="verse">Durch den Dämmer klirrend kommt ein Pfeil geflogen,</p>
- <p class="verse">Der durchs Fenster kühn den Vogel trifft.</p>
- <p class="verse">Lauter Jammer ist verweht,</p>
- <p class="verse">Selbst der Kranke atmet Wonne</p>
- <p class="verse">Bringt dir, Sonne,</p>
- <p class="verse">Froh sein Dankgebet.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-<span class="line1">Nacht</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Sei zufrieden! Schon ringt sich der Abendstern aus totem Sonnenrot.</p>
- <p class="verse">Schmale Sichel des Monds schwimmt am gotischen Fenster vorbei.</p>
- <p class="verse">Das farbige Traumbuch des Tags entblättert im Wind.</p>
- <p class="verse">Atem des schlafenden Kinds eilt den Sternbildern voraus.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Siehe, ich harre der göttlichen Huld dieser Nacht,</p>
- <p class="verse">Denn sie löst mir von Gliedern der trotzigen Ketten Geklirr</p>
- <p class="verse">Und ich wandre im schneeigen Licht vormitternächtigen Schlafs</p>
- <p class="verse">Lämmerumtanzt zu den äußersten Küsten der Seele.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Überm veilchenfarbigen Segel am Fährenrand</p>
- <p class="verse">Dehnt sich im Sternengewoge das Meer der Unendlichkeit.</p>
- <p class="verse">Meine Harfe am schäumenden Kiel erbraust in die Nacht.</p>
- <p class="verse">Eure Hände, Geliebten, die einst ihr wart,</p>
- <p class="verse">Mischen sich still in atmender Saiten Geflecht.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nachtviolengeranke, so flicht sich der Sang um das Boot</p>
- <p class="verse">Und mich besitzt die Gemeinschaft der Erdeentschwerten.</p>
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
- <p class="verse">Aber schon dringen vom anderen Ufer Geräusche, erwacht,</p>
- <p class="verse">Helios schirrt die blendenden Rosse zur morgigen Sonnenfahrt.</p>
- <p class="verse">Und ich erwache zum Wissen der ärmlichsten Traurigkeit.</p>
- <p class="verse">Langsam wachse ich wieder ins Kettengefüge des leiblichen Tags.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-<span class="line1">Ich komme</span><br />
-<span class="line2">aus meinen Träumen —</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist.</p>
- <p class="verse">Ich habe meine Hände voll Glanz,</p>
- <p class="verse">In meinen Augen ist Licht des fernsten Gestirns.</p>
- <p class="verse">Ich will euch die Farben des Regenbogens bringen,</p>
- <p class="verse">Denn ihr seid ja so aschengrau,</p>
- <p class="verse">So erdgebrannten Gesichts.</p>
- <p class="verse">Ihr säuselt an Krankenbetten als Echo der giftigen Seufzer,</p>
- <p class="verse">Sterbet zehnmal des Tags und werdet</p>
- <p class="verse">Mit blechernen Trauermärschen zehnmal des Tags zu Grabe gebracht.</p>
- <p class="verse">Auswendig kennt ihr die Inschrift auf spiegelndem Marmor in Gold,</p>
- <p class="verse">Den ewigen Grabstein schleppt ihr auf Rücken das Leben entlang.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ihr sitzet am Schachbrett und haltet gedrechselten Läufer,</p>
- <p class="verse">Schwimmt auf dem Rauch des Cafés</p>
- <p class="verse">In euer brodelndes Nichts hinab,</p>
- <p class="verse">Gespenster, hört mich, Gebannte ins schattenzerworfene</p>
- <p class="verse">Nachttal der Erde:</p>
- <p class="verse">Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist,</p>
- <p class="verse">Ich zünde nun farbige Feuer,</p>
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
- <p class="verse">Lasse die Girandolen kreisen,</p>
- <p class="verse">Eröffne das Lichtfest der Sterne,</p>
- <p class="verse">Wehe mit farbigen Phönixflügeln heran.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Farbige Flügel mit Federn der trunkenen Asia</p>
- <p class="verse">Dehnen sich zwischen den Säulen im morgenrötlichen Tempel.</p>
- <p class="verse">O ich jage euch Sonnen über die Erde hin,</p>
- <p class="verse">Ihr sehet an blühenden Himmeln weit</p>
- <p class="verse">Lilienhände im Spiel der klingenden Saiten;</p>
- <p class="verse">Ihr sollt euch nach Blumen bücken, hört ihr!</p>
- <p class="verse">Kinder emporheben in den goldenen Stromfall des Lichts.</p>
- <p class="verse">Sehnen soll euch erfassen</p>
- <p class="verse">Nach dem göttlichen Tod im entflammtesten Kuß!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-<span class="line1">So haben</span><br />
-<span class="line2">mich die Jahrtausende gesehn —</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">So haben mich die Jahrtausende gesehn:</p>
- <p class="verse">Hochgebäumt über brodelndem Menschen-Weh.</p>
- <p class="verse">Ich war ein Springquell, mein Blutstrahl fiel</p>
- <p class="verse">In die tönende Muschel der Erde hinab.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Deingedenken doch war das Rot am Abendhimmel der Schlacht,</p>
- <p class="verse">War im zehnfachen Tod die tastende Ewigkeit.</p>
- <p class="verse">Komm und brich den Glanz deiner Schönheit</p>
- <p class="verse">Lächelnd im Stromfall, wenn ich mich erdwärts ergieße!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Denn so wird die Welt den fliehenden Augenblick schön</p>
- <p class="verse">Und ihr Abglanz spiegelt im Antlitz der Engel sich fort.</p>
- <p class="verse">Stürze sie ab!</p>
- <p class="verse">Geläuterter Widerschein sind wir, der entflieht.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-13">
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-<span class="line1">Fluch</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Auf euere Neroschädel treffe dieser Fluch!</p>
- <p class="verse">Euch war der Brudermord die beste Konjunktur,</p>
- <p class="verse">Euch war der Börsenzettel die präzise Uhr,</p>
- <p class="verse">Das Manometer, wo ihr grinsend — o verrucht —</p>
- <p class="verse">In Ledersesseln mit umpolsterten Gesäßen</p>
- <p class="verse">Den letzten Stand der Blut-Flut lächelnd abgelesen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ach, meine neue Welt, ich weiß ja keine Qual,</p>
- <p class="verse">So tief an tiefer Zeit, so weit an weitem Raum</p>
- <p class="verse">Und meinen großen Fluch, o Fluch! erreicht sie kaum.</p>
- <p class="verse">Denn schnürte ich euch auch an jeden Marterpfahl</p>
- <p class="verse">Und bräch mein heilig Zorngefäß an euch in Scherben,</p>
- <p class="verse">In tausend Blitzen könnt ihr doch nur einmal sterben!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Drum seiet ihr — ich will’s! — der Ewigkeit erwählt!</p>
- <p class="verse">Daß immer neu die Rache in Erfüllung geht,</p>
- <p class="verse">Sei euch der Tod die Stunde, wo ihr aufersteht</p>
- <p class="verse">Zu einem Leben, das gleich tausend Leben zählt.</p>
- <p class="verse">Aus jedem Euter sollt ihr euch das Sterben melken.</p>
- <p class="verse">Mit jedem Grashalm, jedem Blatt sollt ihr verwelken!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich schmeiße euern Balg in jeden Erdvulkan,</p>
- <p class="verse">Ich warte, bis sein Ekel ihn zu Rande speit,</p>
- <p class="verse">Ich stürz ihn neuerdings in Glut und Flammenleid,</p>
- <p class="verse">Laß ihn hinab, zieh ihn empor wie Last am Kran</p>
- <p class="verse">Und will mich höhnisch in ekstatischem Ergötzen</p>
- <p class="verse">An seinen Tantalqualen tausend Jahre letzen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
- <p class="verse">Ihr trankt der Brüder Blut aus tausendfachem Kelch,</p>
- <p class="verse">Verspeistet auch sein Herz und wurdet fett.</p>
- <p class="verse">Nun reiß ich’s euch aus klirrendem Skelett</p>
- <p class="verse">Und werf es weit im Schnee der Arkten vor den Elch,</p>
- <p class="verse">Damit er’s schlinge; daß im Gallenschleim es ende.</p>
- <p class="verse">Vielleicht auch findet es den Weg der Exkremente.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich denke mir die Quellenstollen tief genug;</p>
- <p class="verse">Zehn Menschenalter sein sie finsterstes Verließ,</p>
- <p class="verse">Worin euch meine Faust von Schacht zu Schächten stieß,</p>
- <p class="verse">Erschaffend euch in jeder Ferne einen Trug</p>
- <p class="verse">Von Luft, Eratmung, hellem Glanz der Tageslichter:</p>
- <p class="verse">Doch meine Schlangen gürten eure Brüste dichter.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Auf jedes Rad, wenn sich’s im Staub der Rosse bäumt,</p>
- <p class="verse">Sei euer morscher Leib mit Strippen festgespannt,</p>
- <p class="verse">Aus jeder Rille, Hufesspur, dem Tritt im Sand</p>
- <p class="verse">Aufquelle euch ein Born von Blut, das schäumt,</p>
- <p class="verse">Und fülle eure Mäuler, peste auch in Nasen:</p>
- <p class="verse">So will ich mit euch durch die neuen Welten rasen!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-14">
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-<span class="line1">Apokalyptisches Gebet</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nimm doch zurück, o Gott, in deine Stadt</p>
- <p class="verse">Von Jaspismauern, Häusern roten Golds,</p>
- <p class="verse">In heiliges Gezelt aus schmiegsam Zedernholz,</p>
- <p class="verse">So uns dein Grimm, o Gott, gesendet hat:</p>
- <p class="verse">Der Kräfte, Mächte, Engel Siebenzahl,</p>
- <p class="verse">Die auf uns geußen Schalen wilder Qual.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Sieh, unsre Scheitel flammten auf und aschten grau!</p>
- <p class="verse">Was je in Schmerz geboren aus dem Weib,</p>
- <p class="verse">Wir decken ja mit blutbeströmtem Leib</p>
- <p class="verse">Das Kraterland der Erde; Blut ist Tau,</p>
- <p class="verse">Der alle Kelche füllt, aus Keltern träuft.</p>
- <p class="verse">Geschlecht der Sünde ward zum Tod gehäuft.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wo ragt das Schloß, das du erbauen wirst</p>
- <p class="verse">Aus Schläfenquadern: Haus der Menschheitsnot?</p>
- <p class="verse">Auf kahlen Straßen treibt der Kärrner Tod</p>
- <p class="verse">Den Maultierkarren, der von Schädeln birst.</p>
- <p class="verse">O düsterer Karren Karawanenzug!</p>
- <p class="verse">Der Krähen Volk zieht mit, die Nacht im Flug.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">In Höllengängen, wo Entsetzen Odemgift</p>
- <p class="verse">Aus dickverknäulten Brüdermassen zeugt,</p>
- <p class="verse">Im Rumpf des Schiffes, das dein Wehen beugt,</p>
- <p class="verse">In Tempeln ist es, wo dein Schwertstreich trifft.</p>
- <p class="verse">Wir finden auf der Erde, die wir groß geglaubt,</p>
- <p class="verse">Nicht ein Versteck für dieses Dornenhaupt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
- <p class="verse">Kein Baum, wo im Geäst nicht wehend trieb</p>
- <p class="verse">Ein Absalon im letzten Stolz, kein Stein,</p>
- <p class="verse">Darunter nicht im Dunkeln das Gebein</p>
- <p class="verse">Der Mensch-Skorpione dorrte. Warum schrieb</p>
- <p class="verse">Dein Finger eine Sichel nur ans Firmament?</p>
- <p class="verse">Zulang die Ernte! — Ende ohne End.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wie würgten Adler, Löwe ja und Stier</p>
- <p class="verse">In uns, o Gott, und knieen vor dem Lamm,</p>
- <p class="verse">Der weißen Wolke, die aus Nacht herfür</p>
- <p class="verse">Die Sonne deckte am gekreuzten Stamm!</p>
- <p class="verse">In zwanzig Zungen, Menschheit schreit zum Herrn:</p>
- <p class="verse">Auf reiner Schale reiche uns den Morgenstern!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-15">
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-<span class="line1">Altartiefe</span><br />
-<span class="line2">sollst du mir enthüllen —</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Herzschlag ist nirgends, doch Pochen der Maschine, doch Stundenschlag.</p>
- <p class="verse">Odem ist nirgends, doch Qualm der Fabrik, doch Giftgas.</p>
- <p class="verse">Sklavenrücken auf Schweißspuren mürrisch geschleppter Last</p>
- <p class="verse">Tragen den Fluch in Wüsten, ferne den Tempeln, hinaus.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dein Urgrund, o Mensch, ist Saatacker voll Unkraut und Moorsumpf,</p>
- <p class="verse">Ist Kammer voll Lava,</p>
- <p class="verse">Ist Bergwerk gestauter Nacht,</p>
- <p class="verse">Ist Tümpel des Drachen, ist Einöde der Schlange —</p>
- <p class="verse">Und Herdes Dumpfheit entsendet im Rauch</p>
- <p class="verse">Heillose Wechselgestalt des Seins.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Sein, das in Kerkern liegt, treibt alpdrückenden Traum aus Licht.</p>
- <p class="verse">Völkerwanderungen, Untergänge, Sturz der Babeltürme, Fluten</p>
- <p class="verse">Geschlagener Heere auf Straßen, die Bäche des Blutes entlang:</p>
- <p class="verse">Dumpfer Widerstreit deiner Triebe gebiert die Phantome der Schlacht.</p>
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
- <p class="verse">Maschinengespenster mit hurtigem Arm: es schuf sie die Angst.</p>
- <p class="verse">Gier stiebt auf in den Mückenschwärmen der Pest.</p>
- <p class="verse">Aus rotem Blut hat dein Traum die Fahnen des Aufruhrs gehißt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Tempelwinkel der Seele aber, Altartiefe sollst du mir enthüllen,</p>
- <p class="verse">Verlorenen Weihrauchduft und zerbrochenen Heiligenschein,</p>
- <p class="verse">Vergessene Heimlichkeit, Kniebeugen der Sehnsucht, die Liebe,</p>
- <p class="verse">Dein Göttliches, deine stille Morgenschönheit, deine Psalmmelodie,</p>
- <p class="verse">Das Schneeskleid deiner Lammesgüte, den Blumenhauch, dein Herz!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-16">
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-<span class="line1">Erde — o Erde</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Erde, o Erde,</p>
- <p class="verse">Wer hieß uns wandeln auf Blutäckern, auf Leichengefild,</p>
- <p class="verse">Wer hat uns zum Dünger bestellt</p>
- <p class="verse">Für Saatfrucht des Morgen, die eigenem Samen entsprießt?</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Zackiger Flügelschlag des Drachen</p>
- <p class="verse">Und sein Doppelstrahl aus goldenen Nüstern,</p>
- <p class="verse">Purpurbeschlagener Rachen des Löwen und Tigersprung,</p>
- <p class="verse">Schillernd herkriechende Schlangennähe und Ebers Zahn,</p>
- <p class="verse">Brüllende Zorngiere gehörnter Ure, Auswurf verschmitzten Lamas</p>
- <p class="verse">Und plattfüßig gewälzte Wucht der Bäre,</p>
- <p class="verse">Und Stachel und Biß und Hieb und Hinterhalt,</p>
- <p class="verse">Wurf, Stich, Überfall, Angriff — Erde, o Erde:</p>
- <p class="verse">So drohet die Geste, mit der du dich gegen uns Schollensöhne erhobst,</p>
- <p class="verse">So sengt, brennt, giftet das Kleid deiner Feindschaft,</p>
- <p class="verse">So zündet der Glanz deines Harnischs, in Bilder der Angst zerträumt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Heillosestes Bild, du bist es uns — Mensch! — —</p>
- <p class="verse">Da schält uns Sonne aus Mitleidshüllen des Schlafs</p>
- <p class="verse">Und zieht uns im Strahlglanz aufs Festland der üppigsten Schlacht.</p>
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
- <p class="verse">Von Wunden löst sie das leichthin getrocknete Siegel</p>
- <p class="verse">Und zahllos — im Bogen gekreuzt —</p>
- <p class="verse">Ergießt sich heiliger Springquell des Bluts.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Erde, o Erde,</p>
- <p class="verse">Wo retten wir hin</p>
- <p class="verse">Ärmliches Unsgehören des Schlafs?</p>
- <p class="verse">O nähme Wipfel der Esche uns auf,</p>
- <p class="verse">Daß Sterne fielen in heiter beruhigten Traum</p>
- <p class="verse">O bettete See uns kühl, wo hoch die Glocken</p>
- <p class="verse">Aus Türmen läuten im grünen und goldenen Strom,</p>
- <p class="verse">O schliefen wir fort an Brüsten der seligsten Frau,</p>
- <p class="verse">Von Kindheitsliedern unendlich gewiegt! —</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Doch sollen wir träumens noch wissen,</p>
- <p class="verse">Wie grimmig wir tags uns mähten</p>
- <p class="verse">Zu Dünger — zu Speise des Kots.</p>
- <p class="verse">Aus Tiefen grellt auf</p>
- <p class="verse">Funke gezückten Schwerts.</p>
- <p class="verse">Schlachtlärm tost in der heulenden Schnecke des Ohrs</p>
- <p class="verse">In Augen bricht nieder</p>
- <p class="verse">Stützen von Leibern quer weg über Lanzen</p>
- <p class="verse">Und Rücklingsbäumen von Pferden mit schmerzhaft geblecktem Gebiß.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Erde, o Erde!</p>
- <p class="verse">Blut ist dein Trank,</p>
- <p class="verse">Fleisch ist hehre Speise deinem Mund.</p>
- <p class="verse">Dein Glanz, das Weltall durchdämmernd,</p>
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
- <p class="verse">Ist Glanz der Schwerter, geschwungen von Menschenhand.</p>
- <p class="verse">Dein Brausen auf blauer Sonnenbahn</p>
- <p class="verse">Ist Donner der niebeendeten Schlacht.</p>
- <p class="verse">Im Säulendrehn dein goldener Himmelsrauch</p>
- <p class="verse">Ist Opfergruß des getränkten Altars.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-17">
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-<span class="line1">Warum fällt denn nicht —</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Warum fällt denn nicht die Sonne, Herr, aus deiner Hand?</p>
- <p class="verse">Warum stürzen nicht im Strom der Falten</p>
- <p class="verse">Weithin klirrend die Gestirne nieder?</p>
- <p class="verse">Warum zittern nicht die fluchverwiesnen Erden,</p>
- <p class="verse">Dunkeln blutbeströmt beschämte Monde nicht?</p>
- <p class="verse">Warum welken nicht, vom Aschenatem angeweht,</p>
- <p class="verse">Bäume, Gräser, wie vom Wurzelwurm zernagt?</p>
- <p class="verse">Warum lodert nicht der Liebe Kuß verzehrend</p>
- <p class="verse">Flammend auf?</p>
- <p class="verse">Warum dorrt die Frucht im Kelch der Frauen nicht?</p>
- <p class="verse">Warum stirbt denn nicht im Tröstermund dein Gotteswort?</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Gott der Wüsten, du bist überlistet!</p>
- <p class="verse">Hast du nicht die sieben Farben einst ans Firmament gesetzt,</p>
- <p class="verse">Kündend, daß die Flut nie wiederkehre! —</p>
- <p class="verse">Doch es war nicht ausgemacht, ob Wassers, ob des Bluts,</p>
- <p class="verse">Und wir haben dich mit unserm Blut betrogen, Herr!</p>
- <p class="verse">Sieh, aus Flüssen, aus Kanälen quillt’s,</p>
- <p class="verse">Aus den Ritzen des Planeten wie aus dorngekröntem Haupt!</p>
- <p class="verse">Denn gespiegelt sieht, o Herr, dein Ebenbild</p>
- <p class="verse">Lauernd Mensch im andern und sein Haß auf dich</p>
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
- <p class="verse">Treibt verwirrten Triebes splitternd zu zerschlagen</p>
- <p class="verse">Jenen Spiegel, fortzuscheuchen</p>
- <p class="verse">Schreckendes Phantom.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">O er trug ja welke Last des Daseins lang auf Schultern,</p>
- <p class="verse">Tempelschüler war er aller abgelebten Alter,</p>
- <p class="verse">Ward gelangweilt, ach, mit deiner Götzen</p>
- <p class="verse">Pfauenäugig bunter, ungezählter Schar,</p>
- <p class="verse">Ward von jedem grauen Wahn in Schlangenkreisen</p>
- <p class="verse">Tausend Jahre lang umhergenarrt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Hoch auf Wolken türme sich, o Gott, dein nah Gericht!</p>
- <p class="verse">Wehe Völker recken tausend Arme</p>
- <p class="verse">Brünstig deinem flammennahen Blitz entgegen,</p>
- <p class="verse">Gieren Nacht und Tag um Gnade der Zerstörung,</p>
- <p class="verse">Auszutilgen, was sich selbst mit Gram belud,</p>
- <p class="verse">Auszurotten, was sich selbst sein Gift gebar,</p>
- <p class="verse">Auszulöschen, was sein eignes Fleisch geschändet.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Schall des Endes, wenn erhobene Posaunen</p>
- <p class="verse">Aus vier Winden letzten Gang verkünden:</p>
- <p class="verse">Töne bald und breche berstend in den Chor</p>
- <p class="verse">Dröhnenden Gemordes, ins Gebraus</p>
- <p class="verse">Dunklen Blutes, das an Säulen brandet</p>
- <p class="verse">Morschen Tempels</p>
- <p class="verse">Totgeglaubten Gotts.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-18">
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-<span class="line1">Es werden sich die</span><br />
-<span class="line2">Posaunen des Gerichts erheben —</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben.</p>
- <p class="verse">Aus einer Wolke, die sich erdwärts neigt,</p>
- <p class="verse">Ragen die schlanken, zuckenden Rohre —</p>
- <p class="verse">Tausend sind es an der Zahl —.</p>
- <p class="verse">Ihr Schall trifft lanzensteil, schwertschlank,</p>
- <p class="verse">Die Gewänder der Bläser bauschen sich im Erzgebraus</p>
- <p class="verse">Rund auf wie Schwanengefieder.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Über der Erde aufgeworfenes Hügelland</p>
- <p class="verse">Ist wimmelnd hingebreitet alles Fleisch.</p>
- <p class="verse">Ganze Völker, Sippen, Jahrtausende reihen sich hügelan,</p>
- <p class="verse">Schultern von Frauen glänzen rhythmisch wie Wellenkämme im Meer.</p>
- <p class="verse">Haar stammt auf. Blicke dämmern in violettener Nacht.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und Schall der Posaunen nimmt sie auf stählernen Rücken,</p>
- <p class="verse">Die Zonen der Luft sind angefüllt von sanfthinschwebenden Leibern.</p>
- <p class="verse">Manche sind leicht, es trägt sie verschwimmendes Wolkenrot wie Rosenblätter;</p>
- <p class="verse">Andere hanteln an flatternden Tüchern sich hoch.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
- <p class="verse">Mütter bergen die Kinder in schützendem Arm,</p>
- <p class="verse">Nackthineilende Frauen decken mit schattenden Händen</p>
- <p class="verse">Die Scham.</p>
- <p class="verse">Augen sind, in denen die Welt wie berstender Sternhimmel ineinanderstürzt,</p>
- <p class="verse">Augen voll Schuld und traumvergessener Angst,</p>
- <p class="verse">Greller, tagheller Wiederkehr verjährtester Tat.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und keiner möchte</p>
- <p class="verse">Der Erste sein vor dem Blitz aus der goldenen Wolke,</p>
- <p class="verse">Männer mit Würdebärten drängen sich vor, weichen voll Zagens zurück.</p>
- <p class="verse">Es stauen sich Völker, Mauern des Fleischs</p>
- <p class="verse">Und Leiber sind angstvoll vermischt</p>
- <p class="verse">Im Mantel der ungewissesten Qual.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Jenseits aber ist Stürzen in klaffende Tiefen,</p>
- <p class="verse">Girlanden aus wirrvoll verschlungenen Körpern</p>
- <p class="verse">Ranken aus helleren Tiefen ins Dunkel hinab.</p>
- <p class="verse">Sünder haben die Hände vors schreiende Antlitz geschlagen,</p>
- <p class="verse">Knie zerbersten, Rücken zerbrechen im schwindelnden Fall.</p>
- <p class="verse">Loderndes Haar flammt züngelnd dem Feuer entgegen.</p>
- <p class="verse">Sie stürzen mit Köpfen voraus.</p>
- <p class="verse">Aus Mündern dünstet die bläuliche Wolke des Fluchs.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-19">
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-<span class="line1">Wenn drunten</span><br />
-<span class="line2">dunkel die Posaunen brausen —</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen,</p>
- <p class="verse">Als Sonnenstäubchen werde ich zum Lichtquell aufwärtsstreben.</p>
- <p class="verse">Von feinen Händen fühl ich unter Schultern mich gefaßt,</p>
- <p class="verse">Mich trägt ein Schwanenflügelpaar,</p>
- <p class="verse">Der goldne Odem eines Engels überströmt mich warm.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Noch bin ich ganz von Schollenlast betäubt,</p>
- <p class="verse">Noch kreisen Regenbogen hinter wehgeschlossnen Lidern</p>
- <p class="verse">Glanzlichternd gleitet noch die grüne Schlange der Verwesung</p>
- <p class="verse">Um meinen marmorn-abgekühlten Leib.</p>
- <p class="verse">Ein Wiegenlied — unendlich tief, verschlafen —</p>
- <p class="verse">Von Äolsharfen weit aus Pappelwipfeln hergeflockt,</p>
- <p class="verse">Träumt mir im Ohre nach.</p>
- <p class="verse">Ich schwimme müd-gestreckt im Fluß der Sonne.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Da fällt mich, den sein Schutzgeist trug,</p>
- <p class="verse">Ein Nachtgespenst, ein fledermausgeflügelt Untier an.</p>
- <p class="verse">Der Krallen Zwölfzahl — Monde sind’s, die aneinanderklirren —</p>
- <p class="verse">Stürzt sich gleich Sicheln in mein trübes Fleisch.</p>
- <p class="verse">Die Nüstern qualmen stinkendes Gewölk,</p>
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
- <p class="verse">Das Maul bespeit mich frech mit Eiter, Schleim und Galle;</p>
- <p class="verse">Erschrocken sehe ich in grausem Hundsgesicht,</p>
- <p class="verse">In Augen, die wie Licht im Wind verflackern,</p>
- <p class="verse">Die schlankgestreckte Landschaft meiner Sünden, Frevel Süchte.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Um mich tobt der Zweikampf.</p>
- <p class="verse">Manchmal sinke ich hinab, es stürzt mit geiler Wucht</p>
- <p class="verse">Des Bösen lastendes Gewicht auf mich;</p>
- <p class="verse">Dann steige ich empor, vom guten Geist emporgerafft,</p>
- <p class="verse">Sein silbern Flügelpaar verebbt in müder Luft.</p>
- <p class="verse">Die müde Luft erklingt von hellem Kampf.</p>
- <p class="verse">Um die Erstandnen rast die Schlacht entzweiter Mächte.</p>
- <p class="verse">In sich verbissne Knäuel schweben hin.</p>
- <p class="verse">Stürzt jetzt die Last in enger Krallenhaft zur Erde.</p>
- <p class="verse">Schwebt sie mit ihrem Engel siegend auf?</p>
- <p class="verse">Ich bin der Kräfte Spiel im schalldurchbrausten Meer.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-20">
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-<span class="line1">Trümmer</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p>
- <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen;</p>
- <p class="verse">Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen,</p>
- <p class="verse">Daß keiner käme, meine Torheit priese.</p>
- <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p>
- <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Mein Babelturm ließ seine Wolkenfahne</p>
- <p class="verse">Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen.</p>
- <p class="verse">Gewundne Treppen wollten aufwärtsweisen,</p>
- <p class="verse">Dem wachen Hochmut seinen Himmelssteig zu bahnen.</p>
- <p class="verse">Mein Turm des Ichs ließ seine Wolkenfahne</p>
- <p class="verse">Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Doch fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten,</p>
- <p class="verse">Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder</p>
- <p class="verse">Und beugte meinen Schlaf und warf mich nieder.</p>
- <p class="verse">In meine Träume stürzt er seine Quaderlasten.</p>
- <p class="verse">Es fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten,</p>
- <p class="verse">Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker,</p>
- <p class="verse">Doch oben brannten Sterne in den Haaren.</p>
- <p class="verse">Wie sollte ich mein blassres Licht bewahren?</p>
- <p class="verse">Kein Wirbelsturm der Täler tobte ärger.</p>
- <p class="verse">Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker,</p>
- <p class="verse">Doch oben brannten Sterne in den Haaren.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
- <p class="verse">Da war ich’s selber, der auf der Altane</p>
- <p class="verse">Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen.</p>
- <p class="verse">Er zückte nieder. Erker barsten, Stuben.</p>
- <p class="verse">Zerworfner Schutt begrub die Wolkenfahne.</p>
- <p class="verse">Da war ich’s selber, der auf der Altane</p>
- <p class="verse">Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p>
- <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen;</p>
- <p class="verse">Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen,</p>
- <p class="verse">Daß keiner käme, meine Torheit priese.</p>
- <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p>
- <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-21">
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-<span class="line1">Trost</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Es sind auch nicht all, o Gott, deine Gedanken</p>
- <p class="verse">Nur Lämmer, von gütlicher Wärme beschneite,</p>
- <p class="verse">Und dehnen nicht all sich</p>
- <p class="verse">Nach seligem Tanz an Hängen von Klee</p>
- <p class="verse">In süßen Schalmeiton des schläfrigen Monds.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">In Pfauen auch denkst du</p>
- <p class="verse">Und starrst in gespreizter Eitelkeitsgier</p>
- <p class="verse">Aus Augen, in Fächern,</p>
- <p class="verse">Vom Tempelteppich gewirkten Allsehens</p>
- <p class="verse">In ewige Brunst des Lichts hinein.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">In Tigers Kraft selbst dunkelt dein Groll,</p>
- <p class="verse">Entflammt im Zinnober des Rachens noch Gier.</p>
- <p class="verse">In Schlangen wirft Hinterlist metallischen Schimmers</p>
- <p class="verse">So giftigen Ring vor ein ärmer Geschöpf.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Auch bist du ja Flamme und Lohe und Feuersbrunst,</p>
- <p class="verse">Getümmelte Wogenherde, Zentaurenschar, Schlund,</p>
- <p class="verse">Bist Zickzack und Blitz, Erdbeben, Vulkanausbruch,</p>
- <p class="verse">Zusammenprall der Planeten, bist Untergang.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Doch wie du es bist, Gott: auch ich muß es sein.</p>
- <p class="verse">O wandle mich denn in schwindenden Formen ab!</p>
- <p class="verse">Denn Flamme schon war ich und Lohe und Feuersbrunst,</p>
- <p class="verse">Erd-Erbeben — Vulkanausbruch — Untergang.</p>
- <p class="verse">Als Tiger der Dschungeln ich trug</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
- <p class="verse">Im Nacken gefiederte Pfeile hinab,</p>
- <p class="verse">Schweifte als Pfau an Tempelsäulen der Juno vorbei,</p>
- <p class="verse">Lag lauernd geschmiegten Schlangenleibs</p>
- <p class="verse">Im Schatten der lehmigen Diele zur Nacht. —</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Gib Güte nun endlich,</p>
- <p class="verse">Wärme des schneeigen Lämmerkleids!</p>
- <p class="verse">Hülle mein Herz, o Gott,</p>
- <p class="verse">In Sehnsucht der Hirtenschalmei!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-22">
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-<span class="line1">Der neue Mensch</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Aus Unform, Irrform, Wirrform,</p>
- <p class="verse">Aus Zwitterform und Aberform der Zeit</p>
- <p class="verse">Schreitet in banger Zuversicht der neue Mensch.</p>
- <p class="verse">Die Brodemnebel veraschter Leichenhügel</p>
- <p class="verse">Sind unter ihm.</p>
- <p class="verse">Die Meere gekelterten Bluts, die Ströme, die Schaum krönt,</p>
- <p class="verse">Sind unter ihm.</p>
- <p class="verse">Die Babeltürme versteinter Irrtümer</p>
- <p class="verse">Sind unter ihm.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Er schreitet: mehr Stirne als Kinn, mehr Gott als Tier.</p>
- <p class="verse">Im Zackengeklüfte der Felsen</p>
- <p class="verse">Nur manchmal hört er das Echo</p>
- <p class="verse">Verworrenen Brudermords, verjährten Totschlags.</p>
- <p class="verse">Denn jung war er noch, als Donner verzückter Kanonen</p>
- <p class="verse">Die alten Jahrtausende pomphaft zu Grabe geläutet.</p>
- <p class="verse">Das war einmal:</p>
- <p class="verse">Schwertertag und Lorbeersieg,</p>
- <p class="verse">Klirrender Klingenkampf und Triumphglanz,</p>
- <p class="verse">Das war einmal:</p>
- <p class="verse">Irgendwo, fern, irgendwann.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Er schreitet in nacktem Verzicht.</p>
- <p class="verse">Er badet sich rein</p>
- <p class="verse">Im weißen Quell des Gedankens.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
- <p class="verse">Er nimmt — lächelnd, großmütig und gütig —</p>
- <p class="verse">Den armen Planeten in warme, umgitternde Hände</p>
- <p class="verse">Und hebt ihn hinauf in den läuternden</p>
- <p class="verse">Lichtstrom der Sonne, bettet ihn sanft in die kühlen</p>
- <p class="verse">Heilenden Rosen der Morgenröte und wartet</p>
- <p class="verse">Des dämmernden Tags.</p>
- <p class="verse">Nicht wissen durchaus will er des Gestern.</p>
- <p class="verse">Denn Gestern: Das ist ja gesammelter Fluch,</p>
- <p class="verse">Geballtes Verhängnis, genetztes, tausendmaschig</p>
- <p class="verse">Gefädeltes Schicksal. Nicht wissen will er des Gestern.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">In Schutt sieht er stürzen</p>
- <p class="verse">Dorische Säulen, Akanthus und gotische Fenster,</p>
- <p class="verse">Gemauerte Schreie des Gottwahns verblichener Zeiten</p>
- <p class="verse">Er fället der Götzen glanzbäuchige Hochmut</p>
- <p class="verse">Und glüht in den Bränden des Alten sein jugendlich Herz,</p>
- <p class="verse">Dies Pfand der Allmacht,</p>
- <p class="verse">Die brausende Mitte des neuen, schaffenden Seins.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und also weiß er zu beten: — Nichts über mir!</p>
- <p class="verse">Im Anfang war ich. Ich werde im Ende sein,</p>
- <p class="verse">Bin ich doch Tempel, Gott, Beter zugleich</p>
- <p class="verse">Und krümme den Rücken so wenig der mummenumschanzten Hoheit</p>
- <p class="verse">Als Lasten, die fremder Wille mir auflädt.</p>
- <p class="verse">Ich bin so berechtigt als irgend ein Mensch.</p>
- <p class="verse">Nichts über mir!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
- <p class="verse">Frauen will ich nicht suchen gehn. Sie nahen allein!</p>
- <p class="verse">In ihrem Lächeln der Wollust</p>
- <p class="verse">Einschleichend wälzen sich früheste Alter der Erde</p>
- <p class="verse">In unseren kornreifen, ausgeglätteten Sommertag.</p>
- <p class="verse">Die List ihrer Buhlschaft reicht uns die rostigen Schwerter</p>
- <p class="verse">Hellbrünstigen Zweikampfs. Besitzgier und Eifersüchte</p>
- <p class="verse">Spornen in uns nichtigen Krämergeist, Hamstersorge.</p>
- <p class="verse">Wütendes Morden des Fleischs,</p>
- <p class="verse">Wer stiftet es anders, als die es gebar: Helena,</p>
- <p class="verse">Die maskenschöne Mutter der irdischen Kriege?</p>
- <p class="verse">Wer säh sich nicht vor!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-23">
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-<span class="line1">Die Fahrt</span>
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr</p>
- <p class="verse">Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen.</p>
- <p class="verse">Noch sind alle Segel von blutendem Abend rot;</p>
- <p class="verse">Im Brackwasser ertrinkt in tausend Rubinen zerstäubter Komet.</p>
- <p class="verse">Tief-Schlummernder bin ich,</p>
- <p class="verse">Da scheucht erster Strahl den Alpdruck der engen Kabine.</p>
- <p class="verse">Mitternächtiger Wintertraum unter Dächern des Schnees</p>
- <p class="verse">Kleidet vergessene Spiegel mit jauchzendem Lenzgrün aus,</p>
- <p class="verse">Tollt mit zerfetztem Haar im Glanz die Alleen entlang,</p>
- <p class="verse">Jubelt im Birkenwipfel des Hügels ein harfenes Lied,</p>
- <p class="verse">Sinkt als Frühtau mit kreisenden Himmeln die Kelche hinab.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Im Golfstrom des Lichtes saust glühende Erde empor.</p>
- <p class="verse">Mit herzhafter Kraft umgürtet die Sonne das taumelnde Rund.</p>
- <p class="verse">Ihr Licht trinkt die haftenden Dämpfe des Blutes hinweg,</p>
- <p class="verse">Ihr heilender Atem saugt Pestgift und Brandhauch in sich.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nun steig ich hinauf,</p>
- <p class="verse">Letzte Wendeltreppen,</p>
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
- <p class="verse">Schattenlabyrinthe hinauf!</p>
- <p class="verse">Trunkener Aufstieg peitscht schon die tummelnden Wogen des Herzens voraus.</p>
- <p class="verse">Und ich stehe an höchstem Bord, auf fliegender Brücke am Steuerrad</p>
- <p class="verse">Und winke die farbigen Vögel heran</p>
- <p class="verse">Und winke Delphine heran</p>
- <p class="verse">Und Fische mit silbernen Schuppen, mit güldenen Flossen</p>
- <p class="verse">Und Haie und Wale und Robben und Rosse</p>
- <p class="verse">Und alle geschäumten Wogen, die von den Polen schießen,</p>
- <p class="verse">Und alle Sternbilder, auf schaukelnden Wassern an Bord gewiegt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Der neue Mensch hält auf die Sonne zu.</p>
- <p class="verse">Sein Herz umfaßt mit dem Strahlglanz den magischen Spiegel der Welt</p>
- <p class="verse">Und jeglicher Atem strömt in den goldenen Becher zurück.</p>
- <p class="verse">Mit ihm wird die Erde das fährliche Kap der Nächte umschiffen,</p>
- <p class="verse">Krieg, Krankheit, Entzweiung, Verzweiflung umschiffen</p>
- <p class="verse">Und Ekel der Wollust</p>
- <p class="verse">Und Blutgier</p>
- <p class="verse">Und Brunst.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Zermürbte Monde schon decken die Schädelstätte entfremdeter Nacht.</p>
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
- <p class="verse">Träume versinken im Blachfeld der Not.</p>
- <p class="verse">Alpdruck und Nachtmahr gurgeln im Sumpf hinab.</p>
- <p class="verse">Denn offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr</p>
- <p class="verse">Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">All-Lebendes wandelt im Goldtau sein Herz</p>
- <p class="verse">Und trägt es mir zu. Aus Palmenwipfeln</p>
- <p class="verse">Wiegt sich fasanenbeschwingte Sehnsucht heran,</p>
- <p class="verse">Aus Ranken der Beere dehnt es sich nah,</p>
- <p class="verse">Zinnoberne Schnecken herkriechen auf silberner Spur.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Die Fahrt ist im Gang,</p>
- <p class="verse">Die Erde im Brausen tönt selber Triumphgesang.</p>
- <p class="verse">Folgt alle!</p>
- <p class="verse">Ich steure die Arche auf goldener Flut!</p>
- <p class="verse">Schon ist die Taube auf Wegen zu Gott voraus!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-24">
-<span class="line1">Inhaltsübersicht</span>
-</h2>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">Johanni</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-5">5</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Ich — Du</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-6">6</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut —</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-7">7</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Als ich im ersten Viertel des Monds —</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-9">9</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Es werde Licht</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-11">11</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Lied</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-12">12</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Liebesode</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-13">13</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Im Abenddämmern zwischen den Jahren —</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-14">14</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Kranke</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-15">15</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Nacht</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-18">18</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Ich komme aus meinen Träumen —</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-20">20</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">So haben mich die Jahrtausende gesehn —</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-22">22</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Fluch</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-23">23</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Apokalyptisches Gebet</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-25">25</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Altartiefe sollst du mir enthüllen —</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-27">27</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Erde — o Erde</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-29">29</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Warum fällt denn nicht —</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-32">32</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben —</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-34">34</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen —</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-36">36</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Trümmer</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-38">38</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Trost</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-40">40</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der neue Mensch</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-42">42</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Fahrt</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... An schlanke Deichsel sind gold<span class="underline">gezäunte</span> Rosse gespannt, ...<br />
-... An schlanke Deichsel sind gold<a href="#corr-0"><span class="underline">gezäumte</span></a> Rosse gespannt, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... So hing ich über diesem <span class="underline">tiefstem</span> See. ...<br />
-... So hing ich über diesem <a href="#corr-2"><span class="underline">tiefsten</span></a> See. ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte, by Julius Maria Becker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE ***
-
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+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Gedichte, by Julius Maria Becker</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> + <!-- TITLE="Gedichte" --> + <!-- AUTHOR="Julius Maria Becker" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Kurt Wolff, Leipzig" --> + <!-- DATE="1919" --> + <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> + +<style type='text/css'> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; } +div.logo { margin-top:1em; margin-bottom:6em; margin-right:1em; } +h1.title { text-align:center; font-weight:normal; margin-bottom:6em; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; font-size:1.5em; + margin-top:1em; margin-bottom:1em; letter-spacing:0.2em; } +.pub { text-indent:0; text-align:center; letter-spacing:0.2em; line-height:1.5em; } +.ser { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:0.5em; + font-size:0.8em; letter-spacing:0.1em; } +.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:6em; font-size:0.8em; } + +h2.chapter { text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; + page-break-before:always; } + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } + +/* poetry */ +div.poem-container { text-align:center; } +div.poem-container div.poem { display:inline-block; } +div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; } +.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } + +span.underline { text-decoration: underline; } + +/* TOC table */ +div.table { text-align:center; } +table.toc {margin-left:auto; margin-right:auto; } +table.toc td { padding-left:0em; padding-right:0em; font-size:0.8em; } +table.toc td.col1 { padding-left:2em; padding-right:2em; text-align:left; } +table.toc td.col_page { text-align:right; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-size:0.8em; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } +.trnote p { text-indent:0; margin-top:1em; } +.trnote p.handheld-only { display:none; } + +/* page numbers */ +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +.rightpic { text-align:right; text-indent:0; display:block; margin-left:auto; + margin-right:auto; } + +@media handheld { + body { margin-left:0; margin-right:0; } + div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; } + a.pagenum { display:none; } + a.pagenum:after { display:none; } + .trnote p.handheld-only { display:block; } +} + +</style> +</head> + +<body> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 52219 ***</div> + +<div class="frontmatter"> +<div class="rightpic logo" id="img-logo"> +<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> + +</div> + +<div class="frontmatter"> +<p class="aut"> +Julius Maria Becker +</p> + +<h1 class="title"> +Gedichte +</h1> + +<p class="pub"> +Kurt Wolff Verlag · Leipzig +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter"> +<p class="ser"> +Bücherei „Der jüngste Tag“. Band 72 +</p> + +<p class="printer"> +Gedruckt bei Poeschel & Trepte, Leipzig +</p> + +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +<span class="line1">Johanni</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Als sich dein Haar den Berg entlang ergoß,</p> + <p class="verse">Wogte das Weizenfeld in seinem gereiften Gold.</p> + <p class="verse">Kornblumen dunkelten, wo noch eben dein Blick geweilt.</p> + <p class="verse">Im silbernen Blütenstaub dämmert dein Odem hinab.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Der Beter vorm Bildstock erfleht noch den Saaten Bestand:</p> + <p class="verse">Es tränke sie Tau und der Sturm erachte des Halms.</p> + <p class="verse">Dann schließt er auch dich in sein gilbes Gebet.</p> + <p class="verse">Saum deines Kleides wehet den Tannen vorbei.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Jetzt bette ich Müdsein in deine eratmete Saat,</p> + <p class="verse">Erde ist kühl und dein Leib ist dem Sinne der Erde so nah.</p> + <p class="verse">In Küssen beschwörst du den silbernen Abend heran.</p> + <p class="verse">Blaß über Wimpern tanzt schon die Sichel des Monds.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> +<span class="line1">Ich — Du</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich halte im Umkreis deiner Verflüchtung mich auf.</p> + <p class="verse">Ich weile auch ferne der grenzenden Körperlichkeit.</p> + <p class="verse">Ich wandle im blasseren Licht deines Heiligenscheins.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Du stehst im Abend und verdämmerst ganz still hinaus.</p> + <p class="verse">Du streifst noch die Sterne und zitterst im Boden fort.</p> + <p class="verse">Der Schleier sind viele, sind Wolken und wehen dich hin.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich nehme das Beste von dir fern atmend in mich.</p> + <p class="verse">Ich tränke mein Erdreich mit deinem durchgoldeten Tau.</p> + <p class="verse">Ich helle den Traum mit deinem vergessenen Licht.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Du bist wie zu Hause und weißt auch nicht, wie du mich nährst.</p> + <p class="verse">Du senkst deinen Schatten, umwandelst dein Wurzelgerank.</p> + <p class="verse">Du blühst und vergehst, doch die Ferne stammelt von dir.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich pflanze dein Echo auf einen verewigten Stern.</p> + <p class="verse">Ich rette die Strahlung des Bluts in eine bedürftige Nacht.</p> + <p class="verse">Ich trage den Hauch, der noch blieb, auf meinem Fittich hinauf.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +<span class="line1">Dein Wesen</span><br /> +<span class="line2">ist über alle Welt zerstreut —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut,</p> + <p class="verse">An alle Himmel verloren.</p> + <p class="verse">Im Kelch von tausend Blumen sammle</p> + <p class="verse">Ich dich ein.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich werfe meine Netze weit im Meer</p> + <p class="verse">Der Nachthimmel aus,</p> + <p class="verse">Feierliche Sternbilder, worin dein Blick sich verewigt,</p> + <p class="verse">Sammle ich in meinen Netzen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich eile zu gehen:</p> + <p class="verse">Zurückholen will ich deinen Blick</p> + <p class="verse">Aus allen vier Winden der Rose.</p> + <p class="verse">Jedem deiner Gedanken reise ich nach.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich behüte mit aufgestellten Windharfen,</p> + <p class="verse">Die mein Lied dir brausen,</p> + <p class="verse">Geliebte, dein waches, hellwaches Ohr.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich will, daß deines Wesens</p> + <p class="verse">Volle Pracht in einem heißen</p> + <p class="verse">Kuß mich überschütte:</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">O ja, Geliebte, bleibe in meiner Hand!</p> + <p class="verse">Schwinde nicht fort aus meinen</p> + <p class="verse">Verdämmernden Horizonten!</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> + <p class="verse">Entferne dich nicht aus dem Goldrahmen</p> + <p class="verse">Meines geruhigen Tags!</p> + <p class="verse">Lästere nicht meinen Besitz an dir!</p> + <p class="verse">Habe keine fremden Götter neben mir!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +<span class="line1">Als ich</span><br /> +<span class="line2">im ersten Viertel des Monds —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Als ich im ersten Viertel des Monds</p> + <p class="verse">Ausgestreckt in den Rosen des Hügels lag,</p> + <p class="verse">Kamst du — ein wärmender Schatten — heran,</p> + <p class="verse">Gossest auf meine Stirne die Schale des Schlafs.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich eilte in rötlichen Blätterstürzen — im Herbst</p> + <p class="verse">Und war deiner atmenden Nähe schon minder gewiß.</p> + <p class="verse">Zeitlosen rahmten die Landschaft der Traurigkeit.</p> + <p class="verse">Bei einer Harfe fand ich Zuflucht des Nachts.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Winters, wenn ich den Eiskristall</p> + <p class="verse">In das Licht der erstorbenen Sonne hob,</p> + <p class="verse">Fremde, erschienest du nicht.</p> + <p class="verse">Regenbogen umkreisten den ewigen Kern.</p> + <p class="verse">Zierliche Sterne des Schnees</p> + <p class="verse">Schmückten das Grab meiner Seele.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Aber im Lenz, bald schwimmt die immergrüne Insel heran.</p> + <p class="verse">Leidenschaftliche Sonne wühlt sich aus flimmerndem Gras.</p> + <p class="verse">Auftaucht, von rosiger Muschel gehoben,</p> + <p class="verse">Die Herbstliche, Nackte im Schaumgekräusel des Sees.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Füllhörner schütten Farben und Blumen über dich hin.</p> + <p class="verse">O wer darf dir jetzt</p> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> + <p class="verse">Aus zauberischen Lüften den purpurnen,</p> + <p class="verse">Rosenbestickten Mantel der Schönheit reichen?</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Auf erhöhtem Wagen ziehst du einher,</p> + <p class="verse">An schlanke Deichsel sind gold<a id="corr-0"></a>gezäumte Rosse gespannt,</p> + <p class="verse">Schwebende Frauen führen die lockeren Zügel.</p> + <p class="verse">Weidenbüsche, die der Lufthauch deines Zuges berührt,</p> + <p class="verse">Tönen mit allen Zweigen, Schalmeien gleich.</p> + <p class="verse">Orgeln brausen inmitten des Schilfs.</p> + <p class="verse">Überall zieht Morgenröte herauf.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">O und dein Wagen rast über mich hin.</p> + <p class="verse">Um lodernde Achse rollt sprühend das Sonnenrad.</p> + <p class="verse">Ich bin von den Bildern blitzender Sprossen umschattet.</p> + <p class="verse">Silberner Wegstaub hüllt meinen Jammer ein.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +<span class="line1">Es werde Licht</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich hatte diese Welt schon ganz in meinen Geist genommen</p> + <p class="verse">Und sah nach innen, wo im Sphärendrehn</p> + <p class="verse">Die düstern Bilder wechselten. — Es war ein stetes Kommen</p> + <p class="verse">Von Nachtgestalten — stetiges Vergehn.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Von Gram gebleicht, von Last gekrümmt und mit zerquerter Stirne</p> + <p class="verse">So hing ich über diesem <a id="corr-2"></a>tiefsten See.</p> + <p class="verse">Aus Spiegelquellen wuchs mein Wolkenhaupt wie Glanz der Firne.</p> + <p class="verse">Die Wirbel kreisten um ein Tausend-Weh.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Da kam der Tag. Mich rief ein Lied. Da war’s, als hell im Frühen</p> + <p class="verse">Sich diese Welt in deine Augen schwang.</p> + <p class="verse">Da brach aus jedem Ding sein Kern des Lichts im Fächerblühen,</p> + <p class="verse">Aus allen Wipfeln brauste der Gesang.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">So werd ich diese Nacht der Welt durch deinen Himmel tragen</p> + <p class="verse">Und Träume sind der Möven Silberflug.</p> + <p class="verse">Des bangen Tags Geschehen ist ein lautlos Ruderschlagen.</p> + <p class="verse">Doch Güte kniet in Lämmern, sich genug.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +<span class="line1">Lied</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Sie sind im Licht der Tagessonne</p> + <p class="verse">Der Leiber zwei, der Seelen zwei,</p> + <p class="verse">Sie streben sonder Wort und Wonne</p> + <p class="verse">In weiten Kreisen sich vorbei.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Er zieht mit jedem roten Morgen</p> + <p class="verse">Die wachen Pfade streng hinauf;</p> + <p class="verse">Im Köcher ist der Pfeil geborgen,</p> + <p class="verse">Es ruht die Hand an Schwertes Knauf.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Des Weibes Tag ist stiller Wandel</p> + <p class="verse">Der Sonne um umlaubtes Haus,</p> + <p class="verse">Ein ferner, süßer Duft von Sandel,</p> + <p class="verse">An seinem Weg ein Blütenstrauß.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Doch mit der Sonne Lichtvergluten</p> + <p class="verse">Fällt beider Kreis aus ihrer Kraft</p> + <p class="verse">Und dunkel muß zusammenfluten,</p> + <p class="verse">Was tags sein Einzelsein erschafft.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Baum, Strauch und Turm zerfließt ins Schweigen,</p> + <p class="verse">Der Strom verebbt im weiten Tal;</p> + <p class="verse">Der Himmelszeichen goldner Reigen</p> + <p class="verse">Geht ein in diesen Sternensaal.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nichts will nun beide mehr umragen,</p> + <p class="verse">Ein Grauen zwingt den Mann zum Weib.</p> + <p class="verse">Von eines Odems Maß getragen,</p> + <p class="verse">Durchblüht die Nacht ein Sein, ein Leib.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +<span class="line1">Liebesode</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Dein Blick ist unsterblich in mir.</p> + <p class="verse">Er hat ja erst wie ein Sonnenstrahl</p> + <p class="verse">Mein dumpf-unseiendes Leben erweckt.</p> + <p class="verse">Er hat ja erst die Sehnsucht erweckt.</p> + <p class="verse">Dein Blick ist unsterblich in mir.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Wir sanken, Glieder an Glieder gepreßt</p> + <p class="verse">Und Mund an Mund</p> + <p class="verse">Als Leib, lustvergessen ein Leib, ins Gras;</p> + <p class="verse">Und tief der Himmel mit tausend Sternen</p> + <p class="verse">Sank und deckte uns zu.</p> + <p class="verse">O Himmel der Lust! O Grab der Lust!</p> + <p class="verse">Aber dein Blick ist unsterblich in mir.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und, die du gebärst, die Kinder kreisen</p> + <p class="verse">Als Sonnen auf eigen-beschriebener Bahn:</p> + <p class="verse">Ein neues System. Ich hab es erregt.</p> + <p class="verse">Nein, dein Blick hat es erregt.</p> + <p class="verse">Und dein Blick ist unsterblich in mir.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Unsterblicher als die Geschlechter nach mir.</p> + <p class="verse">In meiner Seele, wenn alles, was Staub war,</p> + <p class="verse">Staub wieder ist, lebt noch dein Blick,</p> + <p class="verse">Ihr sphärisches Sein durchleuchtend mit mildem Strahl,</p> + <p class="verse">Unsterblich ist dein Blick in mir.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">So wird meine Seele die Sehnsucht hegen,</p> + <p class="verse">Wie tief ich gestorben, nach Leben im Fleische,</p> + <p class="verse">Um voller zu fassen das schwebende Leben</p> + <p class="verse">Im Blicke von dir zu mir,</p> + <p class="verse">Unsterblich ist dein Blick in mir.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +<span class="line1">Im Abenddämmern</span><br /> +<span class="line2">zwischen den Jahren —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nun muß ich nächtelang</p> + <p class="verse">Vergeblich am Scheideweg der Milchstraße auf dich warten,</p> + <p class="verse">Im Abenddämmern zwischen den Jahren</p> + <p class="verse">Säumte ich drüben als der Mann im Mond.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Früher konnte ich dich in den verzweigten Tälern</p> + <p class="verse">Der Erde noch suchen gehn.</p> + <p class="verse">Im bläulichen Frostlicht des Monds</p> + <p class="verse">Schliefen die Hütten, im Schatten zerstreut.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Doch irgendwo, drinnen, dein kristallener Atem</p> + <p class="verse">Zeichnete Orchideen auf silberne Scheiben.</p> + <p class="verse">Eisblumen — die schönsten auf gläsernen Beeten der Nacht —</p> + <p class="verse">Zeigten den Weg zum wärmenden Licht deines Kusses.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nun weiß ich dich nirgends zu finden.</p> + <p class="verse">Ich suche die Träume der Jünglinge auf.</p> + <p class="verse">Ich weiß es, in Nächten des klirrenden Siebengestirns</p> + <p class="verse">Träumen sie immer nur dich,</p> + <p class="verse">Träumen dich mit all deinem Lächeln, farbig im stillen</p> + <p class="verse">Gedenken an mich.</p> + <p class="verse">Nur in den Träumen Verliebter finde ich nochmals zu dir zurück.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +<span class="line1">Der Kranke</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Abends wissen wir, wenn jach das erste Viertel</p> + <p class="verse">Kalten Monds im Oberlichte reift,</p> + <p class="verse">Wenn um silberisch Gewand den Sternengürtel</p> + <p class="verse">Naher Abend zart mit Händen streift,</p> + <p class="verse">Daß der Adler nun sein Nest</p> + <p class="verse">Giererwacht, die Nacht auf Schwingen,</p> + <p class="verse">Nacht zu bringen,</p> + <p class="verse">Flügelgroß verläßt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Leises Rollen wie bei düstern Nachtgewittern</p> + <p class="verse">Kündet, daß der fremde Vogel naht.</p> + <p class="verse">Diesen Kranken dann befällt ein heftig Zittern</p> + <p class="verse">Und er rüstet sich zur schwersten Tat,</p> + <p class="verse">Atmet hart; und fast erstickt</p> + <p class="verse">Ruft er Hilfe, wehrt mit Händen,</p> + <p class="verse">Abzuwenden</p> + <p class="verse">Unheil, blind geschickt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Durch geschlossene Fenster, schmal durch Schloß und Riegel,</p> + <p class="verse">Sichtbar nur dem heißen Fiebertraum,</p> + <p class="verse">Schlägt’s wie Schwefelflammen, bricht’s wie Aschenflügel,</p> + <p class="verse">Spreitet sich wie Fächer, Krone, Baum,</p> + <p class="verse">Stürzt dem Kranken auf die Brust,</p> + <p class="verse">Krallt sich fest mit krummen Klauen,</p> + <p class="verse">Hell in blauen</p> + <p class="verse">Augen thront die Lust</p> +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> + <p class="verse">Mit dem Schnabel dieses Kranken Fleisch zu spalten.</p> + <p class="verse">Eine Sichel bohrt sich tief hinein,</p> + <p class="verse">Wühlt hinab; das Herz in zuckenden Gewalten</p> + <p class="verse">Blutet Funken, sprüht wie Feuerstein.</p> + <p class="verse">Sieben Stunden währt die Not</p> + <p class="verse">Und den Kranken hört man stöhnen,</p> + <p class="verse">Gott verhöhnen</p> + <p class="verse">Und er liegt wie tot.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Heiße Tränen seh ich ihn aufs Kissen weinen,</p> + <p class="verse">Das ihn wie ein Felsgeklüft umfängt,</p> + <p class="verse">Und wir andern um sein Lager, Kinder, scheinen</p> + <p class="verse">Steinernes Gebirg, das ihn bedrängt</p> + <p class="verse">Und so wie Gebirge schweigt,</p> + <p class="verse">Da wir ganz in Schmerz erstarrten,</p> + <p class="verse">Zählen, warten,</p> + <p class="verse">Bis der Morgen steigt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Unsre Blicke bohren sich ins Fensterdunkel,</p> + <p class="verse">Unsre Blicke suchen morgenwärts.</p> + <p class="verse">„Endigt, Venus, endigt nicht dein Lichtgefunkel?</p> + <p class="verse">Findet Ruhe endlich nicht dies Herz?“</p> + <p class="verse">Und ins Licht noch ganz versteckt,</p> + <p class="verse">Mündet Glanz der blassern Sterne.</p> + <p class="verse">Wolkenferne</p> + <p class="verse">Kühn der Tag sich reckt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ragt empor als Held mit goldenem Schild und Bogen,</p> + <p class="verse">Ist im Sonnenkahn herbeigeschifft.</p> +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> + <p class="verse">Durch den Dämmer klirrend kommt ein Pfeil geflogen,</p> + <p class="verse">Der durchs Fenster kühn den Vogel trifft.</p> + <p class="verse">Lauter Jammer ist verweht,</p> + <p class="verse">Selbst der Kranke atmet Wonne</p> + <p class="verse">Bringt dir, Sonne,</p> + <p class="verse">Froh sein Dankgebet.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +<span class="line1">Nacht</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Sei zufrieden! Schon ringt sich der Abendstern aus totem Sonnenrot.</p> + <p class="verse">Schmale Sichel des Monds schwimmt am gotischen Fenster vorbei.</p> + <p class="verse">Das farbige Traumbuch des Tags entblättert im Wind.</p> + <p class="verse">Atem des schlafenden Kinds eilt den Sternbildern voraus.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Siehe, ich harre der göttlichen Huld dieser Nacht,</p> + <p class="verse">Denn sie löst mir von Gliedern der trotzigen Ketten Geklirr</p> + <p class="verse">Und ich wandre im schneeigen Licht vormitternächtigen Schlafs</p> + <p class="verse">Lämmerumtanzt zu den äußersten Küsten der Seele.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Überm veilchenfarbigen Segel am Fährenrand</p> + <p class="verse">Dehnt sich im Sternengewoge das Meer der Unendlichkeit.</p> + <p class="verse">Meine Harfe am schäumenden Kiel erbraust in die Nacht.</p> + <p class="verse">Eure Hände, Geliebten, die einst ihr wart,</p> + <p class="verse">Mischen sich still in atmender Saiten Geflecht.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nachtviolengeranke, so flicht sich der Sang um das Boot</p> + <p class="verse">Und mich besitzt die Gemeinschaft der Erdeentschwerten.</p> +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> + <p class="verse">Aber schon dringen vom anderen Ufer Geräusche, erwacht,</p> + <p class="verse">Helios schirrt die blendenden Rosse zur morgigen Sonnenfahrt.</p> + <p class="verse">Und ich erwache zum Wissen der ärmlichsten Traurigkeit.</p> + <p class="verse">Langsam wachse ich wieder ins Kettengefüge des leiblichen Tags.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +<span class="line1">Ich komme</span><br /> +<span class="line2">aus meinen Träumen —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist.</p> + <p class="verse">Ich habe meine Hände voll Glanz,</p> + <p class="verse">In meinen Augen ist Licht des fernsten Gestirns.</p> + <p class="verse">Ich will euch die Farben des Regenbogens bringen,</p> + <p class="verse">Denn ihr seid ja so aschengrau,</p> + <p class="verse">So erdgebrannten Gesichts.</p> + <p class="verse">Ihr säuselt an Krankenbetten als Echo der giftigen Seufzer,</p> + <p class="verse">Sterbet zehnmal des Tags und werdet</p> + <p class="verse">Mit blechernen Trauermärschen zehnmal des Tags zu Grabe gebracht.</p> + <p class="verse">Auswendig kennt ihr die Inschrift auf spiegelndem Marmor in Gold,</p> + <p class="verse">Den ewigen Grabstein schleppt ihr auf Rücken das Leben entlang.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ihr sitzet am Schachbrett und haltet gedrechselten Läufer,</p> + <p class="verse">Schwimmt auf dem Rauch des Cafés</p> + <p class="verse">In euer brodelndes Nichts hinab,</p> + <p class="verse">Gespenster, hört mich, Gebannte ins schattenzerworfene</p> + <p class="verse">Nachttal der Erde:</p> + <p class="verse">Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist,</p> + <p class="verse">Ich zünde nun farbige Feuer,</p> +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> + <p class="verse">Lasse die Girandolen kreisen,</p> + <p class="verse">Eröffne das Lichtfest der Sterne,</p> + <p class="verse">Wehe mit farbigen Phönixflügeln heran.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Farbige Flügel mit Federn der trunkenen Asia</p> + <p class="verse">Dehnen sich zwischen den Säulen im morgenrötlichen Tempel.</p> + <p class="verse">O ich jage euch Sonnen über die Erde hin,</p> + <p class="verse">Ihr sehet an blühenden Himmeln weit</p> + <p class="verse">Lilienhände im Spiel der klingenden Saiten;</p> + <p class="verse">Ihr sollt euch nach Blumen bücken, hört ihr!</p> + <p class="verse">Kinder emporheben in den goldenen Stromfall des Lichts.</p> + <p class="verse">Sehnen soll euch erfassen</p> + <p class="verse">Nach dem göttlichen Tod im entflammtesten Kuß!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-12"> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +<span class="line1">So haben</span><br /> +<span class="line2">mich die Jahrtausende gesehn —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">So haben mich die Jahrtausende gesehn:</p> + <p class="verse">Hochgebäumt über brodelndem Menschen-Weh.</p> + <p class="verse">Ich war ein Springquell, mein Blutstrahl fiel</p> + <p class="verse">In die tönende Muschel der Erde hinab.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Deingedenken doch war das Rot am Abendhimmel der Schlacht,</p> + <p class="verse">War im zehnfachen Tod die tastende Ewigkeit.</p> + <p class="verse">Komm und brich den Glanz deiner Schönheit</p> + <p class="verse">Lächelnd im Stromfall, wenn ich mich erdwärts ergieße!</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Denn so wird die Welt den fliehenden Augenblick schön</p> + <p class="verse">Und ihr Abglanz spiegelt im Antlitz der Engel sich fort.</p> + <p class="verse">Stürze sie ab!</p> + <p class="verse">Geläuterter Widerschein sind wir, der entflieht.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-13"> +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +<span class="line1">Fluch</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Auf euere Neroschädel treffe dieser Fluch!</p> + <p class="verse">Euch war der Brudermord die beste Konjunktur,</p> + <p class="verse">Euch war der Börsenzettel die präzise Uhr,</p> + <p class="verse">Das Manometer, wo ihr grinsend — o verrucht —</p> + <p class="verse">In Ledersesseln mit umpolsterten Gesäßen</p> + <p class="verse">Den letzten Stand der Blut-Flut lächelnd abgelesen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ach, meine neue Welt, ich weiß ja keine Qual,</p> + <p class="verse">So tief an tiefer Zeit, so weit an weitem Raum</p> + <p class="verse">Und meinen großen Fluch, o Fluch! erreicht sie kaum.</p> + <p class="verse">Denn schnürte ich euch auch an jeden Marterpfahl</p> + <p class="verse">Und bräch mein heilig Zorngefäß an euch in Scherben,</p> + <p class="verse">In tausend Blitzen könnt ihr doch nur einmal sterben!</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Drum seiet ihr — ich will’s! — der Ewigkeit erwählt!</p> + <p class="verse">Daß immer neu die Rache in Erfüllung geht,</p> + <p class="verse">Sei euch der Tod die Stunde, wo ihr aufersteht</p> + <p class="verse">Zu einem Leben, das gleich tausend Leben zählt.</p> + <p class="verse">Aus jedem Euter sollt ihr euch das Sterben melken.</p> + <p class="verse">Mit jedem Grashalm, jedem Blatt sollt ihr verwelken!</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich schmeiße euern Balg in jeden Erdvulkan,</p> + <p class="verse">Ich warte, bis sein Ekel ihn zu Rande speit,</p> + <p class="verse">Ich stürz ihn neuerdings in Glut und Flammenleid,</p> + <p class="verse">Laß ihn hinab, zieh ihn empor wie Last am Kran</p> + <p class="verse">Und will mich höhnisch in ekstatischem Ergötzen</p> + <p class="verse">An seinen Tantalqualen tausend Jahre letzen.</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> + <p class="verse">Ihr trankt der Brüder Blut aus tausendfachem Kelch,</p> + <p class="verse">Verspeistet auch sein Herz und wurdet fett.</p> + <p class="verse">Nun reiß ich’s euch aus klirrendem Skelett</p> + <p class="verse">Und werf es weit im Schnee der Arkten vor den Elch,</p> + <p class="verse">Damit er’s schlinge; daß im Gallenschleim es ende.</p> + <p class="verse">Vielleicht auch findet es den Weg der Exkremente.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich denke mir die Quellenstollen tief genug;</p> + <p class="verse">Zehn Menschenalter sein sie finsterstes Verließ,</p> + <p class="verse">Worin euch meine Faust von Schacht zu Schächten stieß,</p> + <p class="verse">Erschaffend euch in jeder Ferne einen Trug</p> + <p class="verse">Von Luft, Eratmung, hellem Glanz der Tageslichter:</p> + <p class="verse">Doch meine Schlangen gürten eure Brüste dichter.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Auf jedes Rad, wenn sich’s im Staub der Rosse bäumt,</p> + <p class="verse">Sei euer morscher Leib mit Strippen festgespannt,</p> + <p class="verse">Aus jeder Rille, Hufesspur, dem Tritt im Sand</p> + <p class="verse">Aufquelle euch ein Born von Blut, das schäumt,</p> + <p class="verse">Und fülle eure Mäuler, peste auch in Nasen:</p> + <p class="verse">So will ich mit euch durch die neuen Welten rasen!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-14"> +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +<span class="line1">Apokalyptisches Gebet</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nimm doch zurück, o Gott, in deine Stadt</p> + <p class="verse">Von Jaspismauern, Häusern roten Golds,</p> + <p class="verse">In heiliges Gezelt aus schmiegsam Zedernholz,</p> + <p class="verse">So uns dein Grimm, o Gott, gesendet hat:</p> + <p class="verse">Der Kräfte, Mächte, Engel Siebenzahl,</p> + <p class="verse">Die auf uns geußen Schalen wilder Qual.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Sieh, unsre Scheitel flammten auf und aschten grau!</p> + <p class="verse">Was je in Schmerz geboren aus dem Weib,</p> + <p class="verse">Wir decken ja mit blutbeströmtem Leib</p> + <p class="verse">Das Kraterland der Erde; Blut ist Tau,</p> + <p class="verse">Der alle Kelche füllt, aus Keltern träuft.</p> + <p class="verse">Geschlecht der Sünde ward zum Tod gehäuft.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Wo ragt das Schloß, das du erbauen wirst</p> + <p class="verse">Aus Schläfenquadern: Haus der Menschheitsnot?</p> + <p class="verse">Auf kahlen Straßen treibt der Kärrner Tod</p> + <p class="verse">Den Maultierkarren, der von Schädeln birst.</p> + <p class="verse">O düsterer Karren Karawanenzug!</p> + <p class="verse">Der Krähen Volk zieht mit, die Nacht im Flug.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">In Höllengängen, wo Entsetzen Odemgift</p> + <p class="verse">Aus dickverknäulten Brüdermassen zeugt,</p> + <p class="verse">Im Rumpf des Schiffes, das dein Wehen beugt,</p> + <p class="verse">In Tempeln ist es, wo dein Schwertstreich trifft.</p> + <p class="verse">Wir finden auf der Erde, die wir groß geglaubt,</p> + <p class="verse">Nicht ein Versteck für dieses Dornenhaupt.</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> + <p class="verse">Kein Baum, wo im Geäst nicht wehend trieb</p> + <p class="verse">Ein Absalon im letzten Stolz, kein Stein,</p> + <p class="verse">Darunter nicht im Dunkeln das Gebein</p> + <p class="verse">Der Mensch-Skorpione dorrte. Warum schrieb</p> + <p class="verse">Dein Finger eine Sichel nur ans Firmament?</p> + <p class="verse">Zulang die Ernte! — Ende ohne End.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Wie würgten Adler, Löwe ja und Stier</p> + <p class="verse">In uns, o Gott, und knieen vor dem Lamm,</p> + <p class="verse">Der weißen Wolke, die aus Nacht herfür</p> + <p class="verse">Die Sonne deckte am gekreuzten Stamm!</p> + <p class="verse">In zwanzig Zungen, Menschheit schreit zum Herrn:</p> + <p class="verse">Auf reiner Schale reiche uns den Morgenstern!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-15"> +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +<span class="line1">Altartiefe</span><br /> +<span class="line2">sollst du mir enthüllen —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Herzschlag ist nirgends, doch Pochen der Maschine, doch Stundenschlag.</p> + <p class="verse">Odem ist nirgends, doch Qualm der Fabrik, doch Giftgas.</p> + <p class="verse">Sklavenrücken auf Schweißspuren mürrisch geschleppter Last</p> + <p class="verse">Tragen den Fluch in Wüsten, ferne den Tempeln, hinaus.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Dein Urgrund, o Mensch, ist Saatacker voll Unkraut und Moorsumpf,</p> + <p class="verse">Ist Kammer voll Lava,</p> + <p class="verse">Ist Bergwerk gestauter Nacht,</p> + <p class="verse">Ist Tümpel des Drachen, ist Einöde der Schlange —</p> + <p class="verse">Und Herdes Dumpfheit entsendet im Rauch</p> + <p class="verse">Heillose Wechselgestalt des Seins.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Sein, das in Kerkern liegt, treibt alpdrückenden Traum aus Licht.</p> + <p class="verse">Völkerwanderungen, Untergänge, Sturz der Babeltürme, Fluten</p> + <p class="verse">Geschlagener Heere auf Straßen, die Bäche des Blutes entlang:</p> + <p class="verse">Dumpfer Widerstreit deiner Triebe gebiert die Phantome der Schlacht.</p> +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> + <p class="verse">Maschinengespenster mit hurtigem Arm: es schuf sie die Angst.</p> + <p class="verse">Gier stiebt auf in den Mückenschwärmen der Pest.</p> + <p class="verse">Aus rotem Blut hat dein Traum die Fahnen des Aufruhrs gehißt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Tempelwinkel der Seele aber, Altartiefe sollst du mir enthüllen,</p> + <p class="verse">Verlorenen Weihrauchduft und zerbrochenen Heiligenschein,</p> + <p class="verse">Vergessene Heimlichkeit, Kniebeugen der Sehnsucht, die Liebe,</p> + <p class="verse">Dein Göttliches, deine stille Morgenschönheit, deine Psalmmelodie,</p> + <p class="verse">Das Schneeskleid deiner Lammesgüte, den Blumenhauch, dein Herz!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-16"> +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +<span class="line1">Erde — o Erde</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Erde, o Erde,</p> + <p class="verse">Wer hieß uns wandeln auf Blutäckern, auf Leichengefild,</p> + <p class="verse">Wer hat uns zum Dünger bestellt</p> + <p class="verse">Für Saatfrucht des Morgen, die eigenem Samen entsprießt?</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Zackiger Flügelschlag des Drachen</p> + <p class="verse">Und sein Doppelstrahl aus goldenen Nüstern,</p> + <p class="verse">Purpurbeschlagener Rachen des Löwen und Tigersprung,</p> + <p class="verse">Schillernd herkriechende Schlangennähe und Ebers Zahn,</p> + <p class="verse">Brüllende Zorngiere gehörnter Ure, Auswurf verschmitzten Lamas</p> + <p class="verse">Und plattfüßig gewälzte Wucht der Bäre,</p> + <p class="verse">Und Stachel und Biß und Hieb und Hinterhalt,</p> + <p class="verse">Wurf, Stich, Überfall, Angriff — Erde, o Erde:</p> + <p class="verse">So drohet die Geste, mit der du dich gegen uns Schollensöhne erhobst,</p> + <p class="verse">So sengt, brennt, giftet das Kleid deiner Feindschaft,</p> + <p class="verse">So zündet der Glanz deines Harnischs, in Bilder der Angst zerträumt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Heillosestes Bild, du bist es uns — Mensch! — —</p> + <p class="verse">Da schält uns Sonne aus Mitleidshüllen des Schlafs</p> + <p class="verse">Und zieht uns im Strahlglanz aufs Festland der üppigsten Schlacht.</p> +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> + <p class="verse">Von Wunden löst sie das leichthin getrocknete Siegel</p> + <p class="verse">Und zahllos — im Bogen gekreuzt —</p> + <p class="verse">Ergießt sich heiliger Springquell des Bluts.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Erde, o Erde,</p> + <p class="verse">Wo retten wir hin</p> + <p class="verse">Ärmliches Unsgehören des Schlafs?</p> + <p class="verse">O nähme Wipfel der Esche uns auf,</p> + <p class="verse">Daß Sterne fielen in heiter beruhigten Traum</p> + <p class="verse">O bettete See uns kühl, wo hoch die Glocken</p> + <p class="verse">Aus Türmen läuten im grünen und goldenen Strom,</p> + <p class="verse">O schliefen wir fort an Brüsten der seligsten Frau,</p> + <p class="verse">Von Kindheitsliedern unendlich gewiegt! —</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Doch sollen wir träumens noch wissen,</p> + <p class="verse">Wie grimmig wir tags uns mähten</p> + <p class="verse">Zu Dünger — zu Speise des Kots.</p> + <p class="verse">Aus Tiefen grellt auf</p> + <p class="verse">Funke gezückten Schwerts.</p> + <p class="verse">Schlachtlärm tost in der heulenden Schnecke des Ohrs</p> + <p class="verse">In Augen bricht nieder</p> + <p class="verse">Stützen von Leibern quer weg über Lanzen</p> + <p class="verse">Und Rücklingsbäumen von Pferden mit schmerzhaft geblecktem Gebiß.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Erde, o Erde!</p> + <p class="verse">Blut ist dein Trank,</p> + <p class="verse">Fleisch ist hehre Speise deinem Mund.</p> + <p class="verse">Dein Glanz, das Weltall durchdämmernd,</p> +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> + <p class="verse">Ist Glanz der Schwerter, geschwungen von Menschenhand.</p> + <p class="verse">Dein Brausen auf blauer Sonnenbahn</p> + <p class="verse">Ist Donner der niebeendeten Schlacht.</p> + <p class="verse">Im Säulendrehn dein goldener Himmelsrauch</p> + <p class="verse">Ist Opfergruß des getränkten Altars.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-17"> +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +<span class="line1">Warum fällt denn nicht —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Warum fällt denn nicht die Sonne, Herr, aus deiner Hand?</p> + <p class="verse">Warum stürzen nicht im Strom der Falten</p> + <p class="verse">Weithin klirrend die Gestirne nieder?</p> + <p class="verse">Warum zittern nicht die fluchverwiesnen Erden,</p> + <p class="verse">Dunkeln blutbeströmt beschämte Monde nicht?</p> + <p class="verse">Warum welken nicht, vom Aschenatem angeweht,</p> + <p class="verse">Bäume, Gräser, wie vom Wurzelwurm zernagt?</p> + <p class="verse">Warum lodert nicht der Liebe Kuß verzehrend</p> + <p class="verse">Flammend auf?</p> + <p class="verse">Warum dorrt die Frucht im Kelch der Frauen nicht?</p> + <p class="verse">Warum stirbt denn nicht im Tröstermund dein Gotteswort?</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Gott der Wüsten, du bist überlistet!</p> + <p class="verse">Hast du nicht die sieben Farben einst ans Firmament gesetzt,</p> + <p class="verse">Kündend, daß die Flut nie wiederkehre! —</p> + <p class="verse">Doch es war nicht ausgemacht, ob Wassers, ob des Bluts,</p> + <p class="verse">Und wir haben dich mit unserm Blut betrogen, Herr!</p> + <p class="verse">Sieh, aus Flüssen, aus Kanälen quillt’s,</p> + <p class="verse">Aus den Ritzen des Planeten wie aus dorngekröntem Haupt!</p> + <p class="verse">Denn gespiegelt sieht, o Herr, dein Ebenbild</p> + <p class="verse">Lauernd Mensch im andern und sein Haß auf dich</p> +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> + <p class="verse">Treibt verwirrten Triebes splitternd zu zerschlagen</p> + <p class="verse">Jenen Spiegel, fortzuscheuchen</p> + <p class="verse">Schreckendes Phantom.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">O er trug ja welke Last des Daseins lang auf Schultern,</p> + <p class="verse">Tempelschüler war er aller abgelebten Alter,</p> + <p class="verse">Ward gelangweilt, ach, mit deiner Götzen</p> + <p class="verse">Pfauenäugig bunter, ungezählter Schar,</p> + <p class="verse">Ward von jedem grauen Wahn in Schlangenkreisen</p> + <p class="verse">Tausend Jahre lang umhergenarrt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Hoch auf Wolken türme sich, o Gott, dein nah Gericht!</p> + <p class="verse">Wehe Völker recken tausend Arme</p> + <p class="verse">Brünstig deinem flammennahen Blitz entgegen,</p> + <p class="verse">Gieren Nacht und Tag um Gnade der Zerstörung,</p> + <p class="verse">Auszutilgen, was sich selbst mit Gram belud,</p> + <p class="verse">Auszurotten, was sich selbst sein Gift gebar,</p> + <p class="verse">Auszulöschen, was sein eignes Fleisch geschändet.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Schall des Endes, wenn erhobene Posaunen</p> + <p class="verse">Aus vier Winden letzten Gang verkünden:</p> + <p class="verse">Töne bald und breche berstend in den Chor</p> + <p class="verse">Dröhnenden Gemordes, ins Gebraus</p> + <p class="verse">Dunklen Blutes, das an Säulen brandet</p> + <p class="verse">Morschen Tempels</p> + <p class="verse">Totgeglaubten Gotts.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-18"> +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +<span class="line1">Es werden sich die</span><br /> +<span class="line2">Posaunen des Gerichts erheben —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben.</p> + <p class="verse">Aus einer Wolke, die sich erdwärts neigt,</p> + <p class="verse">Ragen die schlanken, zuckenden Rohre —</p> + <p class="verse">Tausend sind es an der Zahl —.</p> + <p class="verse">Ihr Schall trifft lanzensteil, schwertschlank,</p> + <p class="verse">Die Gewänder der Bläser bauschen sich im Erzgebraus</p> + <p class="verse">Rund auf wie Schwanengefieder.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Über der Erde aufgeworfenes Hügelland</p> + <p class="verse">Ist wimmelnd hingebreitet alles Fleisch.</p> + <p class="verse">Ganze Völker, Sippen, Jahrtausende reihen sich hügelan,</p> + <p class="verse">Schultern von Frauen glänzen rhythmisch wie Wellenkämme im Meer.</p> + <p class="verse">Haar stammt auf. Blicke dämmern in violettener Nacht.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und Schall der Posaunen nimmt sie auf stählernen Rücken,</p> + <p class="verse">Die Zonen der Luft sind angefüllt von sanfthinschwebenden Leibern.</p> + <p class="verse">Manche sind leicht, es trägt sie verschwimmendes Wolkenrot wie Rosenblätter;</p> + <p class="verse">Andere hanteln an flatternden Tüchern sich hoch.</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> + <p class="verse">Mütter bergen die Kinder in schützendem Arm,</p> + <p class="verse">Nackthineilende Frauen decken mit schattenden Händen</p> + <p class="verse">Die Scham.</p> + <p class="verse">Augen sind, in denen die Welt wie berstender Sternhimmel ineinanderstürzt,</p> + <p class="verse">Augen voll Schuld und traumvergessener Angst,</p> + <p class="verse">Greller, tagheller Wiederkehr verjährtester Tat.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und keiner möchte</p> + <p class="verse">Der Erste sein vor dem Blitz aus der goldenen Wolke,</p> + <p class="verse">Männer mit Würdebärten drängen sich vor, weichen voll Zagens zurück.</p> + <p class="verse">Es stauen sich Völker, Mauern des Fleischs</p> + <p class="verse">Und Leiber sind angstvoll vermischt</p> + <p class="verse">Im Mantel der ungewissesten Qual.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Jenseits aber ist Stürzen in klaffende Tiefen,</p> + <p class="verse">Girlanden aus wirrvoll verschlungenen Körpern</p> + <p class="verse">Ranken aus helleren Tiefen ins Dunkel hinab.</p> + <p class="verse">Sünder haben die Hände vors schreiende Antlitz geschlagen,</p> + <p class="verse">Knie zerbersten, Rücken zerbrechen im schwindelnden Fall.</p> + <p class="verse">Loderndes Haar flammt züngelnd dem Feuer entgegen.</p> + <p class="verse">Sie stürzen mit Köpfen voraus.</p> + <p class="verse">Aus Mündern dünstet die bläuliche Wolke des Fluchs.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-19"> +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +<span class="line1">Wenn drunten</span><br /> +<span class="line2">dunkel die Posaunen brausen —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen,</p> + <p class="verse">Als Sonnenstäubchen werde ich zum Lichtquell aufwärtsstreben.</p> + <p class="verse">Von feinen Händen fühl ich unter Schultern mich gefaßt,</p> + <p class="verse">Mich trägt ein Schwanenflügelpaar,</p> + <p class="verse">Der goldne Odem eines Engels überströmt mich warm.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Noch bin ich ganz von Schollenlast betäubt,</p> + <p class="verse">Noch kreisen Regenbogen hinter wehgeschlossnen Lidern</p> + <p class="verse">Glanzlichternd gleitet noch die grüne Schlange der Verwesung</p> + <p class="verse">Um meinen marmorn-abgekühlten Leib.</p> + <p class="verse">Ein Wiegenlied — unendlich tief, verschlafen —</p> + <p class="verse">Von Äolsharfen weit aus Pappelwipfeln hergeflockt,</p> + <p class="verse">Träumt mir im Ohre nach.</p> + <p class="verse">Ich schwimme müd-gestreckt im Fluß der Sonne.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Da fällt mich, den sein Schutzgeist trug,</p> + <p class="verse">Ein Nachtgespenst, ein fledermausgeflügelt Untier an.</p> + <p class="verse">Der Krallen Zwölfzahl — Monde sind’s, die aneinanderklirren —</p> + <p class="verse">Stürzt sich gleich Sicheln in mein trübes Fleisch.</p> + <p class="verse">Die Nüstern qualmen stinkendes Gewölk,</p> +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> + <p class="verse">Das Maul bespeit mich frech mit Eiter, Schleim und Galle;</p> + <p class="verse">Erschrocken sehe ich in grausem Hundsgesicht,</p> + <p class="verse">In Augen, die wie Licht im Wind verflackern,</p> + <p class="verse">Die schlankgestreckte Landschaft meiner Sünden, Frevel Süchte.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Um mich tobt der Zweikampf.</p> + <p class="verse">Manchmal sinke ich hinab, es stürzt mit geiler Wucht</p> + <p class="verse">Des Bösen lastendes Gewicht auf mich;</p> + <p class="verse">Dann steige ich empor, vom guten Geist emporgerafft,</p> + <p class="verse">Sein silbern Flügelpaar verebbt in müder Luft.</p> + <p class="verse">Die müde Luft erklingt von hellem Kampf.</p> + <p class="verse">Um die Erstandnen rast die Schlacht entzweiter Mächte.</p> + <p class="verse">In sich verbissne Knäuel schweben hin.</p> + <p class="verse">Stürzt jetzt die Last in enger Krallenhaft zur Erde.</p> + <p class="verse">Schwebt sie mit ihrem Engel siegend auf?</p> + <p class="verse">Ich bin der Kräfte Spiel im schalldurchbrausten Meer.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-20"> +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +<span class="line1">Trümmer</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p> + <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen;</p> + <p class="verse">Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen,</p> + <p class="verse">Daß keiner käme, meine Torheit priese.</p> + <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p> + <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Mein Babelturm ließ seine Wolkenfahne</p> + <p class="verse">Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen.</p> + <p class="verse">Gewundne Treppen wollten aufwärtsweisen,</p> + <p class="verse">Dem wachen Hochmut seinen Himmelssteig zu bahnen.</p> + <p class="verse">Mein Turm des Ichs ließ seine Wolkenfahne</p> + <p class="verse">Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Doch fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten,</p> + <p class="verse">Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder</p> + <p class="verse">Und beugte meinen Schlaf und warf mich nieder.</p> + <p class="verse">In meine Träume stürzt er seine Quaderlasten.</p> + <p class="verse">Es fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten,</p> + <p class="verse">Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker,</p> + <p class="verse">Doch oben brannten Sterne in den Haaren.</p> + <p class="verse">Wie sollte ich mein blassres Licht bewahren?</p> + <p class="verse">Kein Wirbelsturm der Täler tobte ärger.</p> + <p class="verse">Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker,</p> + <p class="verse">Doch oben brannten Sterne in den Haaren.</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> + <p class="verse">Da war ich’s selber, der auf der Altane</p> + <p class="verse">Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen.</p> + <p class="verse">Er zückte nieder. Erker barsten, Stuben.</p> + <p class="verse">Zerworfner Schutt begrub die Wolkenfahne.</p> + <p class="verse">Da war ich’s selber, der auf der Altane</p> + <p class="verse">Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p> + <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen;</p> + <p class="verse">Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen,</p> + <p class="verse">Daß keiner käme, meine Torheit priese.</p> + <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p> + <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-21"> +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +<span class="line1">Trost</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Es sind auch nicht all, o Gott, deine Gedanken</p> + <p class="verse">Nur Lämmer, von gütlicher Wärme beschneite,</p> + <p class="verse">Und dehnen nicht all sich</p> + <p class="verse">Nach seligem Tanz an Hängen von Klee</p> + <p class="verse">In süßen Schalmeiton des schläfrigen Monds.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">In Pfauen auch denkst du</p> + <p class="verse">Und starrst in gespreizter Eitelkeitsgier</p> + <p class="verse">Aus Augen, in Fächern,</p> + <p class="verse">Vom Tempelteppich gewirkten Allsehens</p> + <p class="verse">In ewige Brunst des Lichts hinein.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">In Tigers Kraft selbst dunkelt dein Groll,</p> + <p class="verse">Entflammt im Zinnober des Rachens noch Gier.</p> + <p class="verse">In Schlangen wirft Hinterlist metallischen Schimmers</p> + <p class="verse">So giftigen Ring vor ein ärmer Geschöpf.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Auch bist du ja Flamme und Lohe und Feuersbrunst,</p> + <p class="verse">Getümmelte Wogenherde, Zentaurenschar, Schlund,</p> + <p class="verse">Bist Zickzack und Blitz, Erdbeben, Vulkanausbruch,</p> + <p class="verse">Zusammenprall der Planeten, bist Untergang.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Doch wie du es bist, Gott: auch ich muß es sein.</p> + <p class="verse">O wandle mich denn in schwindenden Formen ab!</p> + <p class="verse">Denn Flamme schon war ich und Lohe und Feuersbrunst,</p> + <p class="verse">Erd-Erbeben — Vulkanausbruch — Untergang.</p> + <p class="verse">Als Tiger der Dschungeln ich trug</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> + <p class="verse">Im Nacken gefiederte Pfeile hinab,</p> + <p class="verse">Schweifte als Pfau an Tempelsäulen der Juno vorbei,</p> + <p class="verse">Lag lauernd geschmiegten Schlangenleibs</p> + <p class="verse">Im Schatten der lehmigen Diele zur Nacht. —</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Gib Güte nun endlich,</p> + <p class="verse">Wärme des schneeigen Lämmerkleids!</p> + <p class="verse">Hülle mein Herz, o Gott,</p> + <p class="verse">In Sehnsucht der Hirtenschalmei!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-22"> +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +<span class="line1">Der neue Mensch</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Aus Unform, Irrform, Wirrform,</p> + <p class="verse">Aus Zwitterform und Aberform der Zeit</p> + <p class="verse">Schreitet in banger Zuversicht der neue Mensch.</p> + <p class="verse">Die Brodemnebel veraschter Leichenhügel</p> + <p class="verse">Sind unter ihm.</p> + <p class="verse">Die Meere gekelterten Bluts, die Ströme, die Schaum krönt,</p> + <p class="verse">Sind unter ihm.</p> + <p class="verse">Die Babeltürme versteinter Irrtümer</p> + <p class="verse">Sind unter ihm.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Er schreitet: mehr Stirne als Kinn, mehr Gott als Tier.</p> + <p class="verse">Im Zackengeklüfte der Felsen</p> + <p class="verse">Nur manchmal hört er das Echo</p> + <p class="verse">Verworrenen Brudermords, verjährten Totschlags.</p> + <p class="verse">Denn jung war er noch, als Donner verzückter Kanonen</p> + <p class="verse">Die alten Jahrtausende pomphaft zu Grabe geläutet.</p> + <p class="verse">Das war einmal:</p> + <p class="verse">Schwertertag und Lorbeersieg,</p> + <p class="verse">Klirrender Klingenkampf und Triumphglanz,</p> + <p class="verse">Das war einmal:</p> + <p class="verse">Irgendwo, fern, irgendwann.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Er schreitet in nacktem Verzicht.</p> + <p class="verse">Er badet sich rein</p> + <p class="verse">Im weißen Quell des Gedankens.</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> + <p class="verse">Er nimmt — lächelnd, großmütig und gütig —</p> + <p class="verse">Den armen Planeten in warme, umgitternde Hände</p> + <p class="verse">Und hebt ihn hinauf in den läuternden</p> + <p class="verse">Lichtstrom der Sonne, bettet ihn sanft in die kühlen</p> + <p class="verse">Heilenden Rosen der Morgenröte und wartet</p> + <p class="verse">Des dämmernden Tags.</p> + <p class="verse">Nicht wissen durchaus will er des Gestern.</p> + <p class="verse">Denn Gestern: Das ist ja gesammelter Fluch,</p> + <p class="verse">Geballtes Verhängnis, genetztes, tausendmaschig</p> + <p class="verse">Gefädeltes Schicksal. Nicht wissen will er des Gestern.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">In Schutt sieht er stürzen</p> + <p class="verse">Dorische Säulen, Akanthus und gotische Fenster,</p> + <p class="verse">Gemauerte Schreie des Gottwahns verblichener Zeiten</p> + <p class="verse">Er fället der Götzen glanzbäuchige Hochmut</p> + <p class="verse">Und glüht in den Bränden des Alten sein jugendlich Herz,</p> + <p class="verse">Dies Pfand der Allmacht,</p> + <p class="verse">Die brausende Mitte des neuen, schaffenden Seins.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und also weiß er zu beten: — Nichts über mir!</p> + <p class="verse">Im Anfang war ich. Ich werde im Ende sein,</p> + <p class="verse">Bin ich doch Tempel, Gott, Beter zugleich</p> + <p class="verse">Und krümme den Rücken so wenig der mummenumschanzten Hoheit</p> + <p class="verse">Als Lasten, die fremder Wille mir auflädt.</p> + <p class="verse">Ich bin so berechtigt als irgend ein Mensch.</p> + <p class="verse">Nichts über mir!</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> + <p class="verse">Frauen will ich nicht suchen gehn. Sie nahen allein!</p> + <p class="verse">In ihrem Lächeln der Wollust</p> + <p class="verse">Einschleichend wälzen sich früheste Alter der Erde</p> + <p class="verse">In unseren kornreifen, ausgeglätteten Sommertag.</p> + <p class="verse">Die List ihrer Buhlschaft reicht uns die rostigen Schwerter</p> + <p class="verse">Hellbrünstigen Zweikampfs. Besitzgier und Eifersüchte</p> + <p class="verse">Spornen in uns nichtigen Krämergeist, Hamstersorge.</p> + <p class="verse">Wütendes Morden des Fleischs,</p> + <p class="verse">Wer stiftet es anders, als die es gebar: Helena,</p> + <p class="verse">Die maskenschöne Mutter der irdischen Kriege?</p> + <p class="verse">Wer säh sich nicht vor!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-23"> +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +<span class="line1">Die Fahrt</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr</p> + <p class="verse">Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen.</p> + <p class="verse">Noch sind alle Segel von blutendem Abend rot;</p> + <p class="verse">Im Brackwasser ertrinkt in tausend Rubinen zerstäubter Komet.</p> + <p class="verse">Tief-Schlummernder bin ich,</p> + <p class="verse">Da scheucht erster Strahl den Alpdruck der engen Kabine.</p> + <p class="verse">Mitternächtiger Wintertraum unter Dächern des Schnees</p> + <p class="verse">Kleidet vergessene Spiegel mit jauchzendem Lenzgrün aus,</p> + <p class="verse">Tollt mit zerfetztem Haar im Glanz die Alleen entlang,</p> + <p class="verse">Jubelt im Birkenwipfel des Hügels ein harfenes Lied,</p> + <p class="verse">Sinkt als Frühtau mit kreisenden Himmeln die Kelche hinab.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Im Golfstrom des Lichtes saust glühende Erde empor.</p> + <p class="verse">Mit herzhafter Kraft umgürtet die Sonne das taumelnde Rund.</p> + <p class="verse">Ihr Licht trinkt die haftenden Dämpfe des Blutes hinweg,</p> + <p class="verse">Ihr heilender Atem saugt Pestgift und Brandhauch in sich.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nun steig ich hinauf,</p> + <p class="verse">Letzte Wendeltreppen,</p> +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> + <p class="verse">Schattenlabyrinthe hinauf!</p> + <p class="verse">Trunkener Aufstieg peitscht schon die tummelnden Wogen des Herzens voraus.</p> + <p class="verse">Und ich stehe an höchstem Bord, auf fliegender Brücke am Steuerrad</p> + <p class="verse">Und winke die farbigen Vögel heran</p> + <p class="verse">Und winke Delphine heran</p> + <p class="verse">Und Fische mit silbernen Schuppen, mit güldenen Flossen</p> + <p class="verse">Und Haie und Wale und Robben und Rosse</p> + <p class="verse">Und alle geschäumten Wogen, die von den Polen schießen,</p> + <p class="verse">Und alle Sternbilder, auf schaukelnden Wassern an Bord gewiegt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Der neue Mensch hält auf die Sonne zu.</p> + <p class="verse">Sein Herz umfaßt mit dem Strahlglanz den magischen Spiegel der Welt</p> + <p class="verse">Und jeglicher Atem strömt in den goldenen Becher zurück.</p> + <p class="verse">Mit ihm wird die Erde das fährliche Kap der Nächte umschiffen,</p> + <p class="verse">Krieg, Krankheit, Entzweiung, Verzweiflung umschiffen</p> + <p class="verse">Und Ekel der Wollust</p> + <p class="verse">Und Blutgier</p> + <p class="verse">Und Brunst.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Zermürbte Monde schon decken die Schädelstätte entfremdeter Nacht.</p> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> + <p class="verse">Träume versinken im Blachfeld der Not.</p> + <p class="verse">Alpdruck und Nachtmahr gurgeln im Sumpf hinab.</p> + <p class="verse">Denn offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr</p> + <p class="verse">Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">All-Lebendes wandelt im Goldtau sein Herz</p> + <p class="verse">Und trägt es mir zu. Aus Palmenwipfeln</p> + <p class="verse">Wiegt sich fasanenbeschwingte Sehnsucht heran,</p> + <p class="verse">Aus Ranken der Beere dehnt es sich nah,</p> + <p class="verse">Zinnoberne Schnecken herkriechen auf silberner Spur.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Die Fahrt ist im Gang,</p> + <p class="verse">Die Erde im Brausen tönt selber Triumphgesang.</p> + <p class="verse">Folgt alle!</p> + <p class="verse">Ich steure die Arche auf goldener Flut!</p> + <p class="verse">Schon ist die Taube auf Wegen zu Gott voraus!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-24"> +<span class="line1">Inhaltsübersicht</span> +</h2> + +<div class="table"> +<table class="toc" summary="TOC"> +<tbody> + <tr> + <td class="col1">Johanni</td> + <td class="col_page"><a href="#page-5">5</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Ich — Du</td> + <td class="col_page"><a href="#page-6">6</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-7">7</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Als ich im ersten Viertel des Monds —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-9">9</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Es werde Licht</td> + <td class="col_page"><a href="#page-11">11</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Lied</td> + <td class="col_page"><a href="#page-12">12</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Liebesode</td> + <td class="col_page"><a href="#page-13">13</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Im Abenddämmern zwischen den Jahren —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-14">14</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der Kranke</td> + <td class="col_page"><a href="#page-15">15</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Nacht</td> + <td class="col_page"><a href="#page-18">18</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Ich komme aus meinen Träumen —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-20">20</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">So haben mich die Jahrtausende gesehn —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-22">22</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Fluch</td> + <td class="col_page"><a href="#page-23">23</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Apokalyptisches Gebet</td> + <td class="col_page"><a href="#page-25">25</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Altartiefe sollst du mir enthüllen —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-27">27</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Erde — o Erde</td> + <td class="col_page"><a href="#page-29">29</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Warum fällt denn nicht —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-32">32</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-34">34</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-36">36</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Trümmer</td> + <td class="col_page"><a href="#page-38">38</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Trost</td> + <td class="col_page"><a href="#page-40">40</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der neue Mensch</td> + <td class="col_page"><a href="#page-42">42</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Die Fahrt</td> + <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td> + </tr> +</tbody> +</table> +</div> + + +<div class="trnote"> +<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> + +<p> +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + +<ul> + +<li> +... An schlanke Deichsel sind gold<span class="underline">gezäunte</span> Rosse gespannt, ...<br /> +... An schlanke Deichsel sind gold<a href="#corr-0"><span class="underline">gezäumte</span></a> Rosse gespannt, ...<br /> +</li> + +<li> +... So hing ich über diesem <span class="underline">tiefstem</span> See. ...<br /> +... So hing ich über diesem <a href="#corr-2"><span class="underline">tiefsten</span></a> See. ...<br /> +</li> +</ul> +</div> + +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 52219 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/52219-8.txt b/old/52219-8.txt index 186e172..c6c6f8d 100644 --- a/52219-8.txt +++ b/old/52219-8.txt @@ -1,1449 +1,1449 @@ -The Project Gutenberg EBook of Gedichte, by Julius Maria Becker
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-
-Title: Gedichte
-
-Author: Julius Maria Becker
-
-Release Date: June 2, 2016 [EBook #52219]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE ***
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Julius Maria Becker
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- Gedichte
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- Kurt Wolff Verlag · Leipzig
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- Bücherei »Der jüngste Tag«. Band 72
-
- Gedruckt bei Poeschel & Trepte, Leipzig
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-
- Johanni
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- Als sich dein Haar den Berg entlang ergoß,
- Wogte das Weizenfeld in seinem gereiften Gold.
- Kornblumen dunkelten, wo noch eben dein Blick geweilt.
- Im silbernen Blütenstaub dämmert dein Odem hinab.
-
- Der Beter vorm Bildstock erfleht noch den Saaten Bestand:
- Es tränke sie Tau und der Sturm erachte des Halms.
- Dann schließt er auch dich in sein gilbes Gebet.
- Saum deines Kleides wehet den Tannen vorbei.
-
- Jetzt bette ich Müdsein in deine eratmete Saat,
- Erde ist kühl und dein Leib ist dem Sinne der Erde so nah.
- In Küssen beschwörst du den silbernen Abend heran.
- Blaß über Wimpern tanzt schon die Sichel des Monds.
-
-
-
-
- Ich -- Du
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- Ich halte im Umkreis deiner Verflüchtung mich auf.
- Ich weile auch ferne der grenzenden Körperlichkeit.
- Ich wandle im blasseren Licht deines Heiligenscheins.
-
- Du stehst im Abend und verdämmerst ganz still hinaus.
- Du streifst noch die Sterne und zitterst im Boden fort.
- Der Schleier sind viele, sind Wolken und wehen dich hin.
-
- Ich nehme das Beste von dir fern atmend in mich.
- Ich tränke mein Erdreich mit deinem durchgoldeten Tau.
- Ich helle den Traum mit deinem vergessenen Licht.
-
- Du bist wie zu Hause und weißt auch nicht, wie du mich nährst.
- Du senkst deinen Schatten, umwandelst dein Wurzelgerank.
- Du blühst und vergehst, doch die Ferne stammelt von dir.
-
- Ich pflanze dein Echo auf einen verewigten Stern.
- Ich rette die Strahlung des Bluts in eine bedürftige Nacht.
- Ich trage den Hauch, der noch blieb, auf meinem Fittich hinauf.
-
-
-
-
- Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut --
-
-
- Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut,
- An alle Himmel verloren.
- Im Kelch von tausend Blumen sammle
- Ich dich ein.
-
- Ich werfe meine Netze weit im Meer
- Der Nachthimmel aus,
- Feierliche Sternbilder, worin dein Blick sich verewigt,
- Sammle ich in meinen Netzen.
-
- Ich eile zu gehen:
- Zurückholen will ich deinen Blick
- Aus allen vier Winden der Rose.
- Jedem deiner Gedanken reise ich nach.
-
- Ich behüte mit aufgestellten Windharfen,
- Die mein Lied dir brausen,
- Geliebte, dein waches, hellwaches Ohr.
-
- Ich will, daß deines Wesens
- Volle Pracht in einem heißen
- Kuß mich überschütte:
-
- O ja, Geliebte, bleibe in meiner Hand!
- Schwinde nicht fort aus meinen
- Verdämmernden Horizonten!
-
- Entferne dich nicht aus dem Goldrahmen
- Meines geruhigen Tags!
- Lästere nicht meinen Besitz an dir!
- Habe keine fremden Götter neben mir!
-
-
-
-
- Als ich im ersten Viertel des Monds --
-
-
- Als ich im ersten Viertel des Monds
- Ausgestreckt in den Rosen des Hügels lag,
- Kamst du -- ein wärmender Schatten -- heran,
- Gossest auf meine Stirne die Schale des Schlafs.
-
- Ich eilte in rötlichen Blätterstürzen -- im Herbst
- Und war deiner atmenden Nähe schon minder gewiß.
- Zeitlosen rahmten die Landschaft der Traurigkeit.
- Bei einer Harfe fand ich Zuflucht des Nachts.
-
- Winters, wenn ich den Eiskristall
- In das Licht der erstorbenen Sonne hob,
- Fremde, erschienest du nicht.
- Regenbogen umkreisten den ewigen Kern.
- Zierliche Sterne des Schnees
- Schmückten das Grab meiner Seele.
-
- Aber im Lenz, bald schwimmt die immergrüne Insel heran.
- Leidenschaftliche Sonne wühlt sich aus flimmerndem Gras.
- Auftaucht, von rosiger Muschel gehoben,
- Die Herbstliche, Nackte im Schaumgekräusel des Sees.
-
- Füllhörner schütten Farben und Blumen über dich hin.
- O wer darf dir jetzt
- Aus zauberischen Lüften den purpurnen,
- Rosenbestickten Mantel der Schönheit reichen?
-
- Auf erhöhtem Wagen ziehst du einher,
- An schlanke Deichsel sind goldgezäumte Rosse gespannt,
- Schwebende Frauen führen die lockeren Zügel.
- Weidenbüsche, die der Lufthauch deines Zuges berührt,
- Tönen mit allen Zweigen, Schalmeien gleich.
- Orgeln brausen inmitten des Schilfs.
- Überall zieht Morgenröte herauf.
-
- O und dein Wagen rast über mich hin.
- Um lodernde Achse rollt sprühend das Sonnenrad.
- Ich bin von den Bildern blitzender Sprossen umschattet.
- Silberner Wegstaub hüllt meinen Jammer ein.
-
-
-
-
- Es werde Licht
-
-
- Ich hatte diese Welt schon ganz in meinen Geist genommen
- Und sah nach innen, wo im Sphärendrehn
- Die düstern Bilder wechselten. -- Es war ein stetes Kommen
- Von Nachtgestalten -- stetiges Vergehn.
-
- Von Gram gebleicht, von Last gekrümmt und mit zerquerter Stirne
- So hing ich über diesem tiefsten See.
- Aus Spiegelquellen wuchs mein Wolkenhaupt wie Glanz der Firne.
- Die Wirbel kreisten um ein Tausend-Weh.
-
- Da kam der Tag. Mich rief ein Lied. Da war's, als hell im Frühen
- Sich diese Welt in deine Augen schwang.
- Da brach aus jedem Ding sein Kern des Lichts im Fächerblühen,
- Aus allen Wipfeln brauste der Gesang.
-
- So werd ich diese Nacht der Welt durch deinen Himmel tragen
- Und Träume sind der Möven Silberflug.
- Des bangen Tags Geschehen ist ein lautlos Ruderschlagen.
- Doch Güte kniet in Lämmern, sich genug.
-
-
-
-
- Lied
-
-
- Sie sind im Licht der Tagessonne
- Der Leiber zwei, der Seelen zwei,
- Sie streben sonder Wort und Wonne
- In weiten Kreisen sich vorbei.
-
- Er zieht mit jedem roten Morgen
- Die wachen Pfade streng hinauf;
- Im Köcher ist der Pfeil geborgen,
- Es ruht die Hand an Schwertes Knauf.
-
- Des Weibes Tag ist stiller Wandel
- Der Sonne um umlaubtes Haus,
- Ein ferner, süßer Duft von Sandel,
- An seinem Weg ein Blütenstrauß.
-
- Doch mit der Sonne Lichtvergluten
- Fällt beider Kreis aus ihrer Kraft
- Und dunkel muß zusammenfluten,
- Was tags sein Einzelsein erschafft.
-
- Baum, Strauch und Turm zerfließt ins Schweigen,
- Der Strom verebbt im weiten Tal;
- Der Himmelszeichen goldner Reigen
- Geht ein in diesen Sternensaal.
-
- Nichts will nun beide mehr umragen,
- Ein Grauen zwingt den Mann zum Weib.
- Von eines Odems Maß getragen,
- Durchblüht die Nacht ein Sein, ein Leib.
-
-
-
-
- Liebesode
-
-
- Dein Blick ist unsterblich in mir.
- Er hat ja erst wie ein Sonnenstrahl
- Mein dumpf-unseiendes Leben erweckt.
- Er hat ja erst die Sehnsucht erweckt.
- Dein Blick ist unsterblich in mir.
-
- Wir sanken, Glieder an Glieder gepreßt
- Und Mund an Mund
- Als Leib, lustvergessen ein Leib, ins Gras;
- Und tief der Himmel mit tausend Sternen
- Sank und deckte uns zu.
- O Himmel der Lust! O Grab der Lust!
- Aber dein Blick ist unsterblich in mir.
-
- Und, die du gebärst, die Kinder kreisen
- Als Sonnen auf eigen-beschriebener Bahn:
- Ein neues System. Ich hab es erregt.
- Nein, dein Blick hat es erregt.
- Und dein Blick ist unsterblich in mir.
-
- Unsterblicher als die Geschlechter nach mir.
- In meiner Seele, wenn alles, was Staub war,
- Staub wieder ist, lebt noch dein Blick,
- Ihr sphärisches Sein durchleuchtend mit mildem Strahl,
- Unsterblich ist dein Blick in mir.
-
- So wird meine Seele die Sehnsucht hegen,
- Wie tief ich gestorben, nach Leben im Fleische,
- Um voller zu fassen das schwebende Leben
- Im Blicke von dir zu mir,
- Unsterblich ist dein Blick in mir.
-
-
-
-
- Im Abenddämmern zwischen den Jahren --
-
-
- Nun muß ich nächtelang
- Vergeblich am Scheideweg der Milchstraße auf dich warten,
- Im Abenddämmern zwischen den Jahren
- Säumte ich drüben als der Mann im Mond.
-
- Früher konnte ich dich in den verzweigten Tälern
- Der Erde noch suchen gehn.
- Im bläulichen Frostlicht des Monds
- Schliefen die Hütten, im Schatten zerstreut.
-
- Doch irgendwo, drinnen, dein kristallener Atem
- Zeichnete Orchideen auf silberne Scheiben.
- Eisblumen -- die schönsten auf gläsernen Beeten der Nacht --
- Zeigten den Weg zum wärmenden Licht deines Kusses.
-
- Nun weiß ich dich nirgends zu finden.
- Ich suche die Träume der Jünglinge auf.
- Ich weiß es, in Nächten des klirrenden Siebengestirns
- Träumen sie immer nur dich,
- Träumen dich mit all deinem Lächeln, farbig im stillen
- Gedenken an mich.
- Nur in den Träumen Verliebter finde ich nochmals zu dir zurück.
-
-
-
-
- Der Kranke
-
-
- Abends wissen wir, wenn jach das erste Viertel
- Kalten Monds im Oberlichte reift,
- Wenn um silberisch Gewand den Sternengürtel
- Naher Abend zart mit Händen streift,
- Daß der Adler nun sein Nest
- Giererwacht, die Nacht auf Schwingen,
- Nacht zu bringen,
- Flügelgroß verläßt.
-
- Leises Rollen wie bei düstern Nachtgewittern
- Kündet, daß der fremde Vogel naht.
- Diesen Kranken dann befällt ein heftig Zittern
- Und er rüstet sich zur schwersten Tat,
- Atmet hart; und fast erstickt
- Ruft er Hilfe, wehrt mit Händen,
- Abzuwenden
- Unheil, blind geschickt.
-
- Durch geschlossene Fenster, schmal durch Schloß und Riegel,
- Sichtbar nur dem heißen Fiebertraum,
- Schlägt's wie Schwefelflammen, bricht's wie Aschenflügel,
- Spreitet sich wie Fächer, Krone, Baum,
- Stürzt dem Kranken auf die Brust,
- Krallt sich fest mit krummen Klauen,
- Hell in blauen
- Augen thront die Lust
- Mit dem Schnabel dieses Kranken Fleisch zu spalten.
- Eine Sichel bohrt sich tief hinein,
- Wühlt hinab; das Herz in zuckenden Gewalten
- Blutet Funken, sprüht wie Feuerstein.
- Sieben Stunden währt die Not
- Und den Kranken hört man stöhnen,
- Gott verhöhnen
- Und er liegt wie tot.
-
- Heiße Tränen seh ich ihn aufs Kissen weinen,
- Das ihn wie ein Felsgeklüft umfängt,
- Und wir andern um sein Lager, Kinder, scheinen
- Steinernes Gebirg, das ihn bedrängt
- Und so wie Gebirge schweigt,
- Da wir ganz in Schmerz erstarrten,
- Zählen, warten,
- Bis der Morgen steigt.
-
- Unsre Blicke bohren sich ins Fensterdunkel,
- Unsre Blicke suchen morgenwärts.
- »Endigt, Venus, endigt nicht dein Lichtgefunkel?
- Findet Ruhe endlich nicht dies Herz?«
- Und ins Licht noch ganz versteckt,
- Mündet Glanz der blassern Sterne.
- Wolkenferne
- Kühn der Tag sich reckt.
-
- Ragt empor als Held mit goldenem Schild und Bogen,
- Ist im Sonnenkahn herbeigeschifft.
- Durch den Dämmer klirrend kommt ein Pfeil geflogen,
- Der durchs Fenster kühn den Vogel trifft.
- Lauter Jammer ist verweht,
- Selbst der Kranke atmet Wonne
- Bringt dir, Sonne,
- Froh sein Dankgebet.
-
-
-
-
- Nacht
-
-
- Sei zufrieden! Schon ringt sich der Abendstern aus totem Sonnenrot.
- Schmale Sichel des Monds schwimmt am gotischen Fenster vorbei.
- Das farbige Traumbuch des Tags entblättert im Wind.
- Atem des schlafenden Kinds eilt den Sternbildern voraus.
-
- Siehe, ich harre der göttlichen Huld dieser Nacht,
- Denn sie löst mir von Gliedern der trotzigen Ketten Geklirr
- Und ich wandre im schneeigen Licht vormitternächtigen Schlafs
- Lämmerumtanzt zu den äußersten Küsten der Seele.
-
- Überm veilchenfarbigen Segel am Fährenrand
- Dehnt sich im Sternengewoge das Meer der Unendlichkeit.
- Meine Harfe am schäumenden Kiel erbraust in die Nacht.
- Eure Hände, Geliebten, die einst ihr wart,
- Mischen sich still in atmender Saiten Geflecht.
-
- Nachtviolengeranke, so flicht sich der Sang um das Boot
- Und mich besitzt die Gemeinschaft der Erdeentschwerten.
- Aber schon dringen vom anderen Ufer Geräusche, erwacht,
- Helios schirrt die blendenden Rosse zur morgigen Sonnenfahrt.
- Und ich erwache zum Wissen der ärmlichsten Traurigkeit.
- Langsam wachse ich wieder ins Kettengefüge des leiblichen Tags.
-
-
-
-
- Ich komme aus meinen Träumen --
-
-
- Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist.
- Ich habe meine Hände voll Glanz,
- In meinen Augen ist Licht des fernsten Gestirns.
- Ich will euch die Farben des Regenbogens bringen,
- Denn ihr seid ja so aschengrau,
- So erdgebrannten Gesichts.
- Ihr säuselt an Krankenbetten als Echo der giftigen Seufzer,
- Sterbet zehnmal des Tags und werdet
- Mit blechernen Trauermärschen zehnmal des Tags zu Grabe gebracht.
- Auswendig kennt ihr die Inschrift auf spiegelndem Marmor in Gold,
- Den ewigen Grabstein schleppt ihr auf Rücken das Leben entlang.
-
- Ihr sitzet am Schachbrett und haltet gedrechselten Läufer,
- Schwimmt auf dem Rauch des Cafés
- In euer brodelndes Nichts hinab,
- Gespenster, hört mich, Gebannte ins schattenzerworfene
- Nachttal der Erde:
- Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist,
- Ich zünde nun farbige Feuer,
- Lasse die Girandolen kreisen,
- Eröffne das Lichtfest der Sterne,
- Wehe mit farbigen Phönixflügeln heran.
-
- Farbige Flügel mit Federn der trunkenen Asia
- Dehnen sich zwischen den Säulen im morgenrötlichen Tempel.
- O ich jage euch Sonnen über die Erde hin,
- Ihr sehet an blühenden Himmeln weit
- Lilienhände im Spiel der klingenden Saiten;
- Ihr sollt euch nach Blumen bücken, hört ihr!
- Kinder emporheben in den goldenen Stromfall des Lichts.
- Sehnen soll euch erfassen
- Nach dem göttlichen Tod im entflammtesten Kuß!
-
-
-
-
- So haben mich die Jahrtausende gesehn --
-
-
- So haben mich die Jahrtausende gesehn:
- Hochgebäumt über brodelndem Menschen-Weh.
- Ich war ein Springquell, mein Blutstrahl fiel
- In die tönende Muschel der Erde hinab.
-
- Deingedenken doch war das Rot am Abendhimmel der Schlacht,
- War im zehnfachen Tod die tastende Ewigkeit.
- Komm und brich den Glanz deiner Schönheit
- Lächelnd im Stromfall, wenn ich mich erdwärts ergieße!
-
- Denn so wird die Welt den fliehenden Augenblick schön
- Und ihr Abglanz spiegelt im Antlitz der Engel sich fort.
- Stürze sie ab!
- Geläuterter Widerschein sind wir, der entflieht.
-
-
-
-
- Fluch
-
-
- Auf euere Neroschädel treffe dieser Fluch!
- Euch war der Brudermord die beste Konjunktur,
- Euch war der Börsenzettel die präzise Uhr,
- Das Manometer, wo ihr grinsend -- o verrucht --
- In Ledersesseln mit umpolsterten Gesäßen
- Den letzten Stand der Blut-Flut lächelnd abgelesen.
-
- Ach, meine neue Welt, ich weiß ja keine Qual,
- So tief an tiefer Zeit, so weit an weitem Raum
- Und meinen großen Fluch, o Fluch! erreicht sie kaum.
- Denn schnürte ich euch auch an jeden Marterpfahl
- Und bräch mein heilig Zorngefäß an euch in Scherben,
- In tausend Blitzen könnt ihr doch nur einmal sterben!
-
- Drum seiet ihr -- ich will's! -- der Ewigkeit erwählt!
- Daß immer neu die Rache in Erfüllung geht,
- Sei euch der Tod die Stunde, wo ihr aufersteht
- Zu einem Leben, das gleich tausend Leben zählt.
- Aus jedem Euter sollt ihr euch das Sterben melken.
- Mit jedem Grashalm, jedem Blatt sollt ihr verwelken!
-
- Ich schmeiße euern Balg in jeden Erdvulkan,
- Ich warte, bis sein Ekel ihn zu Rande speit,
- Ich stürz ihn neuerdings in Glut und Flammenleid,
- Laß ihn hinab, zieh ihn empor wie Last am Kran
- Und will mich höhnisch in ekstatischem Ergötzen
- An seinen Tantalqualen tausend Jahre letzen.
-
- Ihr trankt der Brüder Blut aus tausendfachem Kelch,
- Verspeistet auch sein Herz und wurdet fett.
- Nun reiß ich's euch aus klirrendem Skelett
- Und werf es weit im Schnee der Arkten vor den Elch,
- Damit er's schlinge; daß im Gallenschleim es ende.
- Vielleicht auch findet es den Weg der Exkremente.
-
- Ich denke mir die Quellenstollen tief genug;
- Zehn Menschenalter sein sie finsterstes Verließ,
- Worin euch meine Faust von Schacht zu Schächten stieß,
- Erschaffend euch in jeder Ferne einen Trug
- Von Luft, Eratmung, hellem Glanz der Tageslichter:
- Doch meine Schlangen gürten eure Brüste dichter.
-
- Auf jedes Rad, wenn sich's im Staub der Rosse bäumt,
- Sei euer morscher Leib mit Strippen festgespannt,
- Aus jeder Rille, Hufesspur, dem Tritt im Sand
- Aufquelle euch ein Born von Blut, das schäumt,
- Und fülle eure Mäuler, peste auch in Nasen:
- So will ich mit euch durch die neuen Welten rasen!
-
-
-
-
- Apokalyptisches Gebet
-
-
- Nimm doch zurück, o Gott, in deine Stadt
- Von Jaspismauern, Häusern roten Golds,
- In heiliges Gezelt aus schmiegsam Zedernholz,
- So uns dein Grimm, o Gott, gesendet hat:
- Der Kräfte, Mächte, Engel Siebenzahl,
- Die auf uns geußen Schalen wilder Qual.
-
- Sieh, unsre Scheitel flammten auf und aschten grau!
- Was je in Schmerz geboren aus dem Weib,
- Wir decken ja mit blutbeströmtem Leib
- Das Kraterland der Erde; Blut ist Tau,
- Der alle Kelche füllt, aus Keltern träuft.
- Geschlecht der Sünde ward zum Tod gehäuft.
-
- Wo ragt das Schloß, das du erbauen wirst
- Aus Schläfenquadern: Haus der Menschheitsnot?
- Auf kahlen Straßen treibt der Kärrner Tod
- Den Maultierkarren, der von Schädeln birst.
- O düsterer Karren Karawanenzug!
- Der Krähen Volk zieht mit, die Nacht im Flug.
-
- In Höllengängen, wo Entsetzen Odemgift
- Aus dickverknäulten Brüdermassen zeugt,
- Im Rumpf des Schiffes, das dein Wehen beugt,
- In Tempeln ist es, wo dein Schwertstreich trifft.
- Wir finden auf der Erde, die wir groß geglaubt,
- Nicht ein Versteck für dieses Dornenhaupt.
-
- Kein Baum, wo im Geäst nicht wehend trieb
- Ein Absalon im letzten Stolz, kein Stein,
- Darunter nicht im Dunkeln das Gebein
- Der Mensch-Skorpione dorrte. Warum schrieb
- Dein Finger eine Sichel nur ans Firmament?
- Zulang die Ernte! -- Ende ohne End.
-
- Wie würgten Adler, Löwe ja und Stier
- In uns, o Gott, und knieen vor dem Lamm,
- Der weißen Wolke, die aus Nacht herfür
- Die Sonne deckte am gekreuzten Stamm!
- In zwanzig Zungen, Menschheit schreit zum Herrn:
- Auf reiner Schale reiche uns den Morgenstern!
-
-
-
-
- Altartiefe sollst du mir enthüllen --
-
-
- Herzschlag ist nirgends, doch Pochen der Maschine, doch
- Stundenschlag.
- Odem ist nirgends, doch Qualm der Fabrik, doch Giftgas.
- Sklavenrücken auf Schweißspuren mürrisch geschleppter Last
- Tragen den Fluch in Wüsten, ferne den Tempeln, hinaus.
-
- Dein Urgrund, o Mensch, ist Saatacker voll Unkraut und Moorsumpf,
- Ist Kammer voll Lava,
- Ist Bergwerk gestauter Nacht,
- Ist Tümpel des Drachen, ist Einöde der Schlange --
- Und Herdes Dumpfheit entsendet im Rauch
- Heillose Wechselgestalt des Seins.
-
- Sein, das in Kerkern liegt, treibt alpdrückenden Traum aus Licht.
- Völkerwanderungen, Untergänge, Sturz der Babeltürme, Fluten
- Geschlagener Heere auf Straßen, die Bäche des Blutes entlang:
- Dumpfer Widerstreit deiner Triebe gebiert die Phantome der Schlacht.
- Maschinengespenster mit hurtigem Arm: es schuf sie die Angst.
- Gier stiebt auf in den Mückenschwärmen der Pest.
- Aus rotem Blut hat dein Traum die Fahnen des Aufruhrs gehißt.
-
- Tempelwinkel der Seele aber, Altartiefe sollst du mir enthüllen,
- Verlorenen Weihrauchduft und zerbrochenen Heiligenschein,
- Vergessene Heimlichkeit, Kniebeugen der Sehnsucht, die Liebe,
- Dein Göttliches, deine stille Morgenschönheit, deine Psalmmelodie,
- Das Schneeskleid deiner Lammesgüte, den Blumenhauch, dein Herz!
-
-
-
-
- Erde -- o Erde
-
-
- Erde, o Erde,
- Wer hieß uns wandeln auf Blutäckern, auf Leichengefild,
- Wer hat uns zum Dünger bestellt
- Für Saatfrucht des Morgen, die eigenem Samen entsprießt?
-
- Zackiger Flügelschlag des Drachen
- Und sein Doppelstrahl aus goldenen Nüstern,
- Purpurbeschlagener Rachen des Löwen und Tigersprung,
- Schillernd herkriechende Schlangennähe und Ebers Zahn,
- Brüllende Zorngiere gehörnter Ure, Auswurf verschmitzten Lamas
- Und plattfüßig gewälzte Wucht der Bäre,
- Und Stachel und Biß und Hieb und Hinterhalt,
- Wurf, Stich, Überfall, Angriff -- Erde, o Erde:
- So drohet die Geste, mit der du dich gegen uns Schollensöhne
- erhobst,
- So sengt, brennt, giftet das Kleid deiner Feindschaft,
- So zündet der Glanz deines Harnischs, in Bilder der Angst zerträumt.
-
- Heillosestes Bild, du bist es uns -- Mensch! -- --
- Da schält uns Sonne aus Mitleidshüllen des Schlafs
- Und zieht uns im Strahlglanz aufs Festland der üppigsten Schlacht.
- Von Wunden löst sie das leichthin getrocknete Siegel
- Und zahllos -- im Bogen gekreuzt --
- Ergießt sich heiliger Springquell des Bluts.
-
- Erde, o Erde,
- Wo retten wir hin
- Ärmliches Unsgehören des Schlafs?
- O nähme Wipfel der Esche uns auf,
- Daß Sterne fielen in heiter beruhigten Traum
- O bettete See uns kühl, wo hoch die Glocken
- Aus Türmen läuten im grünen und goldenen Strom,
- O schliefen wir fort an Brüsten der seligsten Frau,
- Von Kindheitsliedern unendlich gewiegt! --
-
- Doch sollen wir träumens noch wissen,
- Wie grimmig wir tags uns mähten
- Zu Dünger -- zu Speise des Kots.
- Aus Tiefen grellt auf
- Funke gezückten Schwerts.
- Schlachtlärm tost in der heulenden Schnecke des Ohrs
- In Augen bricht nieder
- Stützen von Leibern quer weg über Lanzen
- Und Rücklingsbäumen von Pferden mit schmerzhaft geblecktem Gebiß.
-
- Erde, o Erde!
- Blut ist dein Trank,
- Fleisch ist hehre Speise deinem Mund.
- Dein Glanz, das Weltall durchdämmernd,
- Ist Glanz der Schwerter, geschwungen von Menschenhand.
- Dein Brausen auf blauer Sonnenbahn
- Ist Donner der niebeendeten Schlacht.
- Im Säulendrehn dein goldener Himmelsrauch
- Ist Opfergruß des getränkten Altars.
-
-
-
-
- Warum fällt denn nicht --
-
-
- Warum fällt denn nicht die Sonne, Herr, aus deiner Hand?
- Warum stürzen nicht im Strom der Falten
- Weithin klirrend die Gestirne nieder?
- Warum zittern nicht die fluchverwiesnen Erden,
- Dunkeln blutbeströmt beschämte Monde nicht?
- Warum welken nicht, vom Aschenatem angeweht,
- Bäume, Gräser, wie vom Wurzelwurm zernagt?
- Warum lodert nicht der Liebe Kuß verzehrend
- Flammend auf?
- Warum dorrt die Frucht im Kelch der Frauen nicht?
- Warum stirbt denn nicht im Tröstermund dein Gotteswort?
-
- Gott der Wüsten, du bist überlistet!
- Hast du nicht die sieben Farben einst ans Firmament gesetzt,
- Kündend, daß die Flut nie wiederkehre! --
- Doch es war nicht ausgemacht, ob Wassers, ob des Bluts,
- Und wir haben dich mit unserm Blut betrogen, Herr!
- Sieh, aus Flüssen, aus Kanälen quillt's,
- Aus den Ritzen des Planeten wie aus dorngekröntem Haupt!
- Denn gespiegelt sieht, o Herr, dein Ebenbild
- Lauernd Mensch im andern und sein Haß auf dich
- Treibt verwirrten Triebes splitternd zu zerschlagen
- Jenen Spiegel, fortzuscheuchen
- Schreckendes Phantom.
-
- O er trug ja welke Last des Daseins lang auf Schultern,
- Tempelschüler war er aller abgelebten Alter,
- Ward gelangweilt, ach, mit deiner Götzen
- Pfauenäugig bunter, ungezählter Schar,
- Ward von jedem grauen Wahn in Schlangenkreisen
- Tausend Jahre lang umhergenarrt.
-
- Hoch auf Wolken türme sich, o Gott, dein nah Gericht!
- Wehe Völker recken tausend Arme
- Brünstig deinem flammennahen Blitz entgegen,
- Gieren Nacht und Tag um Gnade der Zerstörung,
- Auszutilgen, was sich selbst mit Gram belud,
- Auszurotten, was sich selbst sein Gift gebar,
- Auszulöschen, was sein eignes Fleisch geschändet.
-
- Schall des Endes, wenn erhobene Posaunen
- Aus vier Winden letzten Gang verkünden:
- Töne bald und breche berstend in den Chor
- Dröhnenden Gemordes, ins Gebraus
- Dunklen Blutes, das an Säulen brandet
- Morschen Tempels
- Totgeglaubten Gotts.
-
-
-
-
- Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben --
-
-
- Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben.
- Aus einer Wolke, die sich erdwärts neigt,
- Ragen die schlanken, zuckenden Rohre --
- Tausend sind es an der Zahl --.
- Ihr Schall trifft lanzensteil, schwertschlank,
- Die Gewänder der Bläser bauschen sich im Erzgebraus
- Rund auf wie Schwanengefieder.
-
- Über der Erde aufgeworfenes Hügelland
- Ist wimmelnd hingebreitet alles Fleisch.
- Ganze Völker, Sippen, Jahrtausende reihen sich hügelan,
- Schultern von Frauen glänzen rhythmisch wie Wellenkämme im Meer.
- Haar stammt auf. Blicke dämmern in violettener Nacht.
-
- Und Schall der Posaunen nimmt sie auf stählernen Rücken,
- Die Zonen der Luft sind angefüllt von sanfthinschwebenden Leibern.
- Manche sind leicht, es trägt sie verschwimmendes Wolkenrot wie
- Rosenblätter;
- Andere hanteln an flatternden Tüchern sich hoch.
-
- Mütter bergen die Kinder in schützendem Arm,
- Nackthineilende Frauen decken mit schattenden Händen
- Die Scham.
- Augen sind, in denen die Welt wie berstender Sternhimmel
- ineinanderstürzt,
- Augen voll Schuld und traumvergessener Angst,
- Greller, tagheller Wiederkehr verjährtester Tat.
-
- Und keiner möchte
- Der Erste sein vor dem Blitz aus der goldenen Wolke,
- Männer mit Würdebärten drängen sich vor, weichen voll Zagens zurück.
- Es stauen sich Völker, Mauern des Fleischs
- Und Leiber sind angstvoll vermischt
- Im Mantel der ungewissesten Qual.
-
- Jenseits aber ist Stürzen in klaffende Tiefen,
- Girlanden aus wirrvoll verschlungenen Körpern
- Ranken aus helleren Tiefen ins Dunkel hinab.
- Sünder haben die Hände vors schreiende Antlitz geschlagen,
- Knie zerbersten, Rücken zerbrechen im schwindelnden Fall.
- Loderndes Haar flammt züngelnd dem Feuer entgegen.
- Sie stürzen mit Köpfen voraus.
- Aus Mündern dünstet die bläuliche Wolke des Fluchs.
-
-
-
-
- Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen --
-
-
- Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen,
- Als Sonnenstäubchen werde ich zum Lichtquell aufwärtsstreben.
- Von feinen Händen fühl ich unter Schultern mich gefaßt,
- Mich trägt ein Schwanenflügelpaar,
- Der goldne Odem eines Engels überströmt mich warm.
-
- Noch bin ich ganz von Schollenlast betäubt,
- Noch kreisen Regenbogen hinter wehgeschlossnen Lidern
- Glanzlichternd gleitet noch die grüne Schlange der Verwesung
- Um meinen marmorn-abgekühlten Leib.
- Ein Wiegenlied -- unendlich tief, verschlafen --
- Von Äolsharfen weit aus Pappelwipfeln hergeflockt,
- Träumt mir im Ohre nach.
- Ich schwimme müd-gestreckt im Fluß der Sonne.
-
- Da fällt mich, den sein Schutzgeist trug,
- Ein Nachtgespenst, ein fledermausgeflügelt Untier an.
- Der Krallen Zwölfzahl -- Monde sind's, die aneinanderklirren --
- Stürzt sich gleich Sicheln in mein trübes Fleisch.
- Die Nüstern qualmen stinkendes Gewölk,
- Das Maul bespeit mich frech mit Eiter, Schleim und Galle;
- Erschrocken sehe ich in grausem Hundsgesicht,
- In Augen, die wie Licht im Wind verflackern,
- Die schlankgestreckte Landschaft meiner Sünden, Frevel Süchte.
-
- Um mich tobt der Zweikampf.
- Manchmal sinke ich hinab, es stürzt mit geiler Wucht
- Des Bösen lastendes Gewicht auf mich;
- Dann steige ich empor, vom guten Geist emporgerafft,
- Sein silbern Flügelpaar verebbt in müder Luft.
- Die müde Luft erklingt von hellem Kampf.
- Um die Erstandnen rast die Schlacht entzweiter Mächte.
- In sich verbissne Knäuel schweben hin.
- Stürzt jetzt die Last in enger Krallenhaft zur Erde.
- Schwebt sie mit ihrem Engel siegend auf?
- Ich bin der Kräfte Spiel im schalldurchbrausten Meer.
-
-
-
-
- Trümmer
-
-
- Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese
- Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen;
- Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen,
- Daß keiner käme, meine Torheit priese.
- Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese
- Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen.
-
- Mein Babelturm ließ seine Wolkenfahne
- Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen.
- Gewundne Treppen wollten aufwärtsweisen,
- Dem wachen Hochmut seinen Himmelssteig zu bahnen.
- Mein Turm des Ichs ließ seine Wolkenfahne
- Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen.
-
- Doch fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten,
- Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder
- Und beugte meinen Schlaf und warf mich nieder.
- In meine Träume stürzt er seine Quaderlasten.
- Es fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten,
- Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder.
-
- Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker,
- Doch oben brannten Sterne in den Haaren.
- Wie sollte ich mein blassres Licht bewahren?
- Kein Wirbelsturm der Täler tobte ärger.
- Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker,
- Doch oben brannten Sterne in den Haaren.
-
- Da war ich's selber, der auf der Altane
- Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen.
- Er zückte nieder. Erker barsten, Stuben.
- Zerworfner Schutt begrub die Wolkenfahne.
- Da war ich's selber, der auf der Altane
- Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen.
-
- Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese
- Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen;
- Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen,
- Daß keiner käme, meine Torheit priese.
- Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese
- Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen.
-
-
-
-
- Trost
-
-
- Es sind auch nicht all, o Gott, deine Gedanken
- Nur Lämmer, von gütlicher Wärme beschneite,
- Und dehnen nicht all sich
- Nach seligem Tanz an Hängen von Klee
- In süßen Schalmeiton des schläfrigen Monds.
-
- In Pfauen auch denkst du
- Und starrst in gespreizter Eitelkeitsgier
- Aus Augen, in Fächern,
- Vom Tempelteppich gewirkten Allsehens
- In ewige Brunst des Lichts hinein.
-
- In Tigers Kraft selbst dunkelt dein Groll,
- Entflammt im Zinnober des Rachens noch Gier.
- In Schlangen wirft Hinterlist metallischen Schimmers
- So giftigen Ring vor ein ärmer Geschöpf.
-
- Auch bist du ja Flamme und Lohe und Feuersbrunst,
- Getümmelte Wogenherde, Zentaurenschar, Schlund,
- Bist Zickzack und Blitz, Erdbeben, Vulkanausbruch,
- Zusammenprall der Planeten, bist Untergang.
-
- Doch wie du es bist, Gott: auch ich muß es sein.
- O wandle mich denn in schwindenden Formen ab!
- Denn Flamme schon war ich und Lohe und Feuersbrunst,
- Erd-Erbeben -- Vulkanausbruch -- Untergang.
- Als Tiger der Dschungeln ich trug
-
- Im Nacken gefiederte Pfeile hinab,
- Schweifte als Pfau an Tempelsäulen der Juno vorbei,
- Lag lauernd geschmiegten Schlangenleibs
- Im Schatten der lehmigen Diele zur Nacht. --
-
- Gib Güte nun endlich,
- Wärme des schneeigen Lämmerkleids!
- Hülle mein Herz, o Gott,
- In Sehnsucht der Hirtenschalmei!
-
-
-
-
- Der neue Mensch
-
-
- Aus Unform, Irrform, Wirrform,
- Aus Zwitterform und Aberform der Zeit
- Schreitet in banger Zuversicht der neue Mensch.
- Die Brodemnebel veraschter Leichenhügel
- Sind unter ihm.
- Die Meere gekelterten Bluts, die Ströme, die Schaum krönt,
- Sind unter ihm.
- Die Babeltürme versteinter Irrtümer
- Sind unter ihm.
-
- Er schreitet: mehr Stirne als Kinn, mehr Gott als Tier.
- Im Zackengeklüfte der Felsen
- Nur manchmal hört er das Echo
- Verworrenen Brudermords, verjährten Totschlags.
- Denn jung war er noch, als Donner verzückter Kanonen
- Die alten Jahrtausende pomphaft zu Grabe geläutet.
- Das war einmal:
- Schwertertag und Lorbeersieg,
- Klirrender Klingenkampf und Triumphglanz,
- Das war einmal:
- Irgendwo, fern, irgendwann.
-
- Er schreitet in nacktem Verzicht.
- Er badet sich rein
- Im weißen Quell des Gedankens.
-
- Er nimmt -- lächelnd, großmütig und gütig --
- Den armen Planeten in warme, umgitternde Hände
- Und hebt ihn hinauf in den läuternden
- Lichtstrom der Sonne, bettet ihn sanft in die kühlen
- Heilenden Rosen der Morgenröte und wartet
- Des dämmernden Tags.
- Nicht wissen durchaus will er des Gestern.
- Denn Gestern: Das ist ja gesammelter Fluch,
- Geballtes Verhängnis, genetztes, tausendmaschig
- Gefädeltes Schicksal. Nicht wissen will er des Gestern.
-
- In Schutt sieht er stürzen
- Dorische Säulen, Akanthus und gotische Fenster,
- Gemauerte Schreie des Gottwahns verblichener Zeiten
- Er fället der Götzen glanzbäuchige Hochmut
- Und glüht in den Bränden des Alten sein jugendlich Herz,
- Dies Pfand der Allmacht,
- Die brausende Mitte des neuen, schaffenden Seins.
-
- Und also weiß er zu beten: -- Nichts über mir!
- Im Anfang war ich. Ich werde im Ende sein,
- Bin ich doch Tempel, Gott, Beter zugleich
- Und krümme den Rücken so wenig der mummenumschanzten Hoheit
- Als Lasten, die fremder Wille mir auflädt.
- Ich bin so berechtigt als irgend ein Mensch.
- Nichts über mir!
-
- Frauen will ich nicht suchen gehn. Sie nahen allein!
- In ihrem Lächeln der Wollust
- Einschleichend wälzen sich früheste Alter der Erde
- In unseren kornreifen, ausgeglätteten Sommertag.
- Die List ihrer Buhlschaft reicht uns die rostigen Schwerter
- Hellbrünstigen Zweikampfs. Besitzgier und Eifersüchte
- Spornen in uns nichtigen Krämergeist, Hamstersorge.
- Wütendes Morden des Fleischs,
- Wer stiftet es anders, als die es gebar: Helena,
- Die maskenschöne Mutter der irdischen Kriege?
- Wer säh sich nicht vor!
-
-
-
-
- Die Fahrt
-
-
- Offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr
- Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen.
- Noch sind alle Segel von blutendem Abend rot;
- Im Brackwasser ertrinkt in tausend Rubinen zerstäubter Komet.
- Tief-Schlummernder bin ich,
- Da scheucht erster Strahl den Alpdruck der engen Kabine.
- Mitternächtiger Wintertraum unter Dächern des Schnees
- Kleidet vergessene Spiegel mit jauchzendem Lenzgrün aus,
- Tollt mit zerfetztem Haar im Glanz die Alleen entlang,
- Jubelt im Birkenwipfel des Hügels ein harfenes Lied,
- Sinkt als Frühtau mit kreisenden Himmeln die Kelche hinab.
-
- Im Golfstrom des Lichtes saust glühende Erde empor.
- Mit herzhafter Kraft umgürtet die Sonne das taumelnde Rund.
- Ihr Licht trinkt die haftenden Dämpfe des Blutes hinweg,
- Ihr heilender Atem saugt Pestgift und Brandhauch in sich.
-
- Nun steig ich hinauf,
- Letzte Wendeltreppen,
- Schattenlabyrinthe hinauf!
- Trunkener Aufstieg peitscht schon die tummelnden Wogen des Herzens
- voraus.
- Und ich stehe an höchstem Bord, auf fliegender Brücke am Steuerrad
- Und winke die farbigen Vögel heran
- Und winke Delphine heran
- Und Fische mit silbernen Schuppen, mit güldenen Flossen
- Und Haie und Wale und Robben und Rosse
- Und alle geschäumten Wogen, die von den Polen schießen,
- Und alle Sternbilder, auf schaukelnden Wassern an Bord gewiegt.
-
- Der neue Mensch hält auf die Sonne zu.
- Sein Herz umfaßt mit dem Strahlglanz den magischen Spiegel der Welt
- Und jeglicher Atem strömt in den goldenen Becher zurück.
- Mit ihm wird die Erde das fährliche Kap der Nächte umschiffen,
- Krieg, Krankheit, Entzweiung, Verzweiflung umschiffen
- Und Ekel der Wollust
- Und Blutgier
- Und Brunst.
-
- Zermürbte Monde schon decken die Schädelstätte entfremdeter Nacht.
- Träume versinken im Blachfeld der Not.
- Alpdruck und Nachtmahr gurgeln im Sumpf hinab.
- Denn offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr
- Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen.
-
- All-Lebendes wandelt im Goldtau sein Herz
- Und trägt es mir zu. Aus Palmenwipfeln
- Wiegt sich fasanenbeschwingte Sehnsucht heran,
- Aus Ranken der Beere dehnt es sich nah,
- Zinnoberne Schnecken herkriechen auf silberner Spur.
-
- Die Fahrt ist im Gang,
- Die Erde im Brausen tönt selber Triumphgesang.
- Folgt alle!
- Ich steure die Arche auf goldener Flut!
- Schon ist die Taube auf Wegen zu Gott voraus!
-
-
-
-
- Inhaltsübersicht
-
-
- Johanni 5
- Ich -- Du 6
- Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut -- 7
- Als ich im ersten Viertel des Monds -- 9
- Es werde Licht 11
- Lied 12
- Liebesode 13
- Im Abenddämmern zwischen den Jahren -- 14
- Der Kranke 15
- Nacht 18
- Ich komme aus meinen Träumen -- 20
- So haben mich die Jahrtausende gesehn -- 22
- Fluch 23
- Apokalyptisches Gebet 25
- Altartiefe sollst du mir enthüllen -- 27
- Erde -- o Erde 29
- Warum fällt denn nicht -- 32
- Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben -- 34
- Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen -- 36
- Trümmer 38
- Trost 40
- Der neue Mensch 42
- Die Fahrt 45
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 10]:
- ... An schlanke Deichsel sind goldgezäunte Rosse gespannt, ...
- ... An schlanke Deichsel sind goldgezäumte Rosse gespannt, ...
-
- [S. 11]:
- ... So hing ich über diesem tiefstem See. ...
- ... So hing ich über diesem tiefsten See. ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte, by Julius Maria Becker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE ***
-
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+The Project Gutenberg EBook of Gedichte, by Julius Maria Becker + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most +other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of +the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Gedichte + +Author: Julius Maria Becker + +Release Date: June 2, 2016 [EBook #52219] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Julius Maria Becker + + + + + Gedichte + + + Kurt Wolff Verlag · Leipzig + + Bücherei »Der jüngste Tag«. Band 72 + + Gedruckt bei Poeschel & Trepte, Leipzig + + + + + Johanni + + + Als sich dein Haar den Berg entlang ergoß, + Wogte das Weizenfeld in seinem gereiften Gold. + Kornblumen dunkelten, wo noch eben dein Blick geweilt. + Im silbernen Blütenstaub dämmert dein Odem hinab. + + Der Beter vorm Bildstock erfleht noch den Saaten Bestand: + Es tränke sie Tau und der Sturm erachte des Halms. + Dann schließt er auch dich in sein gilbes Gebet. + Saum deines Kleides wehet den Tannen vorbei. + + Jetzt bette ich Müdsein in deine eratmete Saat, + Erde ist kühl und dein Leib ist dem Sinne der Erde so nah. + In Küssen beschwörst du den silbernen Abend heran. + Blaß über Wimpern tanzt schon die Sichel des Monds. + + + + + Ich -- Du + + + Ich halte im Umkreis deiner Verflüchtung mich auf. + Ich weile auch ferne der grenzenden Körperlichkeit. + Ich wandle im blasseren Licht deines Heiligenscheins. + + Du stehst im Abend und verdämmerst ganz still hinaus. + Du streifst noch die Sterne und zitterst im Boden fort. + Der Schleier sind viele, sind Wolken und wehen dich hin. + + Ich nehme das Beste von dir fern atmend in mich. + Ich tränke mein Erdreich mit deinem durchgoldeten Tau. + Ich helle den Traum mit deinem vergessenen Licht. + + Du bist wie zu Hause und weißt auch nicht, wie du mich nährst. + Du senkst deinen Schatten, umwandelst dein Wurzelgerank. + Du blühst und vergehst, doch die Ferne stammelt von dir. + + Ich pflanze dein Echo auf einen verewigten Stern. + Ich rette die Strahlung des Bluts in eine bedürftige Nacht. + Ich trage den Hauch, der noch blieb, auf meinem Fittich hinauf. + + + + + Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut -- + + + Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut, + An alle Himmel verloren. + Im Kelch von tausend Blumen sammle + Ich dich ein. + + Ich werfe meine Netze weit im Meer + Der Nachthimmel aus, + Feierliche Sternbilder, worin dein Blick sich verewigt, + Sammle ich in meinen Netzen. + + Ich eile zu gehen: + Zurückholen will ich deinen Blick + Aus allen vier Winden der Rose. + Jedem deiner Gedanken reise ich nach. + + Ich behüte mit aufgestellten Windharfen, + Die mein Lied dir brausen, + Geliebte, dein waches, hellwaches Ohr. + + Ich will, daß deines Wesens + Volle Pracht in einem heißen + Kuß mich überschütte: + + O ja, Geliebte, bleibe in meiner Hand! + Schwinde nicht fort aus meinen + Verdämmernden Horizonten! + + Entferne dich nicht aus dem Goldrahmen + Meines geruhigen Tags! + Lästere nicht meinen Besitz an dir! + Habe keine fremden Götter neben mir! + + + + + Als ich im ersten Viertel des Monds -- + + + Als ich im ersten Viertel des Monds + Ausgestreckt in den Rosen des Hügels lag, + Kamst du -- ein wärmender Schatten -- heran, + Gossest auf meine Stirne die Schale des Schlafs. + + Ich eilte in rötlichen Blätterstürzen -- im Herbst + Und war deiner atmenden Nähe schon minder gewiß. + Zeitlosen rahmten die Landschaft der Traurigkeit. + Bei einer Harfe fand ich Zuflucht des Nachts. + + Winters, wenn ich den Eiskristall + In das Licht der erstorbenen Sonne hob, + Fremde, erschienest du nicht. + Regenbogen umkreisten den ewigen Kern. + Zierliche Sterne des Schnees + Schmückten das Grab meiner Seele. + + Aber im Lenz, bald schwimmt die immergrüne Insel heran. + Leidenschaftliche Sonne wühlt sich aus flimmerndem Gras. + Auftaucht, von rosiger Muschel gehoben, + Die Herbstliche, Nackte im Schaumgekräusel des Sees. + + Füllhörner schütten Farben und Blumen über dich hin. + O wer darf dir jetzt + Aus zauberischen Lüften den purpurnen, + Rosenbestickten Mantel der Schönheit reichen? + + Auf erhöhtem Wagen ziehst du einher, + An schlanke Deichsel sind goldgezäumte Rosse gespannt, + Schwebende Frauen führen die lockeren Zügel. + Weidenbüsche, die der Lufthauch deines Zuges berührt, + Tönen mit allen Zweigen, Schalmeien gleich. + Orgeln brausen inmitten des Schilfs. + Überall zieht Morgenröte herauf. + + O und dein Wagen rast über mich hin. + Um lodernde Achse rollt sprühend das Sonnenrad. + Ich bin von den Bildern blitzender Sprossen umschattet. + Silberner Wegstaub hüllt meinen Jammer ein. + + + + + Es werde Licht + + + Ich hatte diese Welt schon ganz in meinen Geist genommen + Und sah nach innen, wo im Sphärendrehn + Die düstern Bilder wechselten. -- Es war ein stetes Kommen + Von Nachtgestalten -- stetiges Vergehn. + + Von Gram gebleicht, von Last gekrümmt und mit zerquerter Stirne + So hing ich über diesem tiefsten See. + Aus Spiegelquellen wuchs mein Wolkenhaupt wie Glanz der Firne. + Die Wirbel kreisten um ein Tausend-Weh. + + Da kam der Tag. Mich rief ein Lied. Da war's, als hell im Frühen + Sich diese Welt in deine Augen schwang. + Da brach aus jedem Ding sein Kern des Lichts im Fächerblühen, + Aus allen Wipfeln brauste der Gesang. + + So werd ich diese Nacht der Welt durch deinen Himmel tragen + Und Träume sind der Möven Silberflug. + Des bangen Tags Geschehen ist ein lautlos Ruderschlagen. + Doch Güte kniet in Lämmern, sich genug. + + + + + Lied + + + Sie sind im Licht der Tagessonne + Der Leiber zwei, der Seelen zwei, + Sie streben sonder Wort und Wonne + In weiten Kreisen sich vorbei. + + Er zieht mit jedem roten Morgen + Die wachen Pfade streng hinauf; + Im Köcher ist der Pfeil geborgen, + Es ruht die Hand an Schwertes Knauf. + + Des Weibes Tag ist stiller Wandel + Der Sonne um umlaubtes Haus, + Ein ferner, süßer Duft von Sandel, + An seinem Weg ein Blütenstrauß. + + Doch mit der Sonne Lichtvergluten + Fällt beider Kreis aus ihrer Kraft + Und dunkel muß zusammenfluten, + Was tags sein Einzelsein erschafft. + + Baum, Strauch und Turm zerfließt ins Schweigen, + Der Strom verebbt im weiten Tal; + Der Himmelszeichen goldner Reigen + Geht ein in diesen Sternensaal. + + Nichts will nun beide mehr umragen, + Ein Grauen zwingt den Mann zum Weib. + Von eines Odems Maß getragen, + Durchblüht die Nacht ein Sein, ein Leib. + + + + + Liebesode + + + Dein Blick ist unsterblich in mir. + Er hat ja erst wie ein Sonnenstrahl + Mein dumpf-unseiendes Leben erweckt. + Er hat ja erst die Sehnsucht erweckt. + Dein Blick ist unsterblich in mir. + + Wir sanken, Glieder an Glieder gepreßt + Und Mund an Mund + Als Leib, lustvergessen ein Leib, ins Gras; + Und tief der Himmel mit tausend Sternen + Sank und deckte uns zu. + O Himmel der Lust! O Grab der Lust! + Aber dein Blick ist unsterblich in mir. + + Und, die du gebärst, die Kinder kreisen + Als Sonnen auf eigen-beschriebener Bahn: + Ein neues System. Ich hab es erregt. + Nein, dein Blick hat es erregt. + Und dein Blick ist unsterblich in mir. + + Unsterblicher als die Geschlechter nach mir. + In meiner Seele, wenn alles, was Staub war, + Staub wieder ist, lebt noch dein Blick, + Ihr sphärisches Sein durchleuchtend mit mildem Strahl, + Unsterblich ist dein Blick in mir. + + So wird meine Seele die Sehnsucht hegen, + Wie tief ich gestorben, nach Leben im Fleische, + Um voller zu fassen das schwebende Leben + Im Blicke von dir zu mir, + Unsterblich ist dein Blick in mir. + + + + + Im Abenddämmern zwischen den Jahren -- + + + Nun muß ich nächtelang + Vergeblich am Scheideweg der Milchstraße auf dich warten, + Im Abenddämmern zwischen den Jahren + Säumte ich drüben als der Mann im Mond. + + Früher konnte ich dich in den verzweigten Tälern + Der Erde noch suchen gehn. + Im bläulichen Frostlicht des Monds + Schliefen die Hütten, im Schatten zerstreut. + + Doch irgendwo, drinnen, dein kristallener Atem + Zeichnete Orchideen auf silberne Scheiben. + Eisblumen -- die schönsten auf gläsernen Beeten der Nacht -- + Zeigten den Weg zum wärmenden Licht deines Kusses. + + Nun weiß ich dich nirgends zu finden. + Ich suche die Träume der Jünglinge auf. + Ich weiß es, in Nächten des klirrenden Siebengestirns + Träumen sie immer nur dich, + Träumen dich mit all deinem Lächeln, farbig im stillen + Gedenken an mich. + Nur in den Träumen Verliebter finde ich nochmals zu dir zurück. + + + + + Der Kranke + + + Abends wissen wir, wenn jach das erste Viertel + Kalten Monds im Oberlichte reift, + Wenn um silberisch Gewand den Sternengürtel + Naher Abend zart mit Händen streift, + Daß der Adler nun sein Nest + Giererwacht, die Nacht auf Schwingen, + Nacht zu bringen, + Flügelgroß verläßt. + + Leises Rollen wie bei düstern Nachtgewittern + Kündet, daß der fremde Vogel naht. + Diesen Kranken dann befällt ein heftig Zittern + Und er rüstet sich zur schwersten Tat, + Atmet hart; und fast erstickt + Ruft er Hilfe, wehrt mit Händen, + Abzuwenden + Unheil, blind geschickt. + + Durch geschlossene Fenster, schmal durch Schloß und Riegel, + Sichtbar nur dem heißen Fiebertraum, + Schlägt's wie Schwefelflammen, bricht's wie Aschenflügel, + Spreitet sich wie Fächer, Krone, Baum, + Stürzt dem Kranken auf die Brust, + Krallt sich fest mit krummen Klauen, + Hell in blauen + Augen thront die Lust + Mit dem Schnabel dieses Kranken Fleisch zu spalten. + Eine Sichel bohrt sich tief hinein, + Wühlt hinab; das Herz in zuckenden Gewalten + Blutet Funken, sprüht wie Feuerstein. + Sieben Stunden währt die Not + Und den Kranken hört man stöhnen, + Gott verhöhnen + Und er liegt wie tot. + + Heiße Tränen seh ich ihn aufs Kissen weinen, + Das ihn wie ein Felsgeklüft umfängt, + Und wir andern um sein Lager, Kinder, scheinen + Steinernes Gebirg, das ihn bedrängt + Und so wie Gebirge schweigt, + Da wir ganz in Schmerz erstarrten, + Zählen, warten, + Bis der Morgen steigt. + + Unsre Blicke bohren sich ins Fensterdunkel, + Unsre Blicke suchen morgenwärts. + »Endigt, Venus, endigt nicht dein Lichtgefunkel? + Findet Ruhe endlich nicht dies Herz?« + Und ins Licht noch ganz versteckt, + Mündet Glanz der blassern Sterne. + Wolkenferne + Kühn der Tag sich reckt. + + Ragt empor als Held mit goldenem Schild und Bogen, + Ist im Sonnenkahn herbeigeschifft. + Durch den Dämmer klirrend kommt ein Pfeil geflogen, + Der durchs Fenster kühn den Vogel trifft. + Lauter Jammer ist verweht, + Selbst der Kranke atmet Wonne + Bringt dir, Sonne, + Froh sein Dankgebet. + + + + + Nacht + + + Sei zufrieden! Schon ringt sich der Abendstern aus totem Sonnenrot. + Schmale Sichel des Monds schwimmt am gotischen Fenster vorbei. + Das farbige Traumbuch des Tags entblättert im Wind. + Atem des schlafenden Kinds eilt den Sternbildern voraus. + + Siehe, ich harre der göttlichen Huld dieser Nacht, + Denn sie löst mir von Gliedern der trotzigen Ketten Geklirr + Und ich wandre im schneeigen Licht vormitternächtigen Schlafs + Lämmerumtanzt zu den äußersten Küsten der Seele. + + Überm veilchenfarbigen Segel am Fährenrand + Dehnt sich im Sternengewoge das Meer der Unendlichkeit. + Meine Harfe am schäumenden Kiel erbraust in die Nacht. + Eure Hände, Geliebten, die einst ihr wart, + Mischen sich still in atmender Saiten Geflecht. + + Nachtviolengeranke, so flicht sich der Sang um das Boot + Und mich besitzt die Gemeinschaft der Erdeentschwerten. + Aber schon dringen vom anderen Ufer Geräusche, erwacht, + Helios schirrt die blendenden Rosse zur morgigen Sonnenfahrt. + Und ich erwache zum Wissen der ärmlichsten Traurigkeit. + Langsam wachse ich wieder ins Kettengefüge des leiblichen Tags. + + + + + Ich komme aus meinen Träumen -- + + + Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist. + Ich habe meine Hände voll Glanz, + In meinen Augen ist Licht des fernsten Gestirns. + Ich will euch die Farben des Regenbogens bringen, + Denn ihr seid ja so aschengrau, + So erdgebrannten Gesichts. + Ihr säuselt an Krankenbetten als Echo der giftigen Seufzer, + Sterbet zehnmal des Tags und werdet + Mit blechernen Trauermärschen zehnmal des Tags zu Grabe gebracht. + Auswendig kennt ihr die Inschrift auf spiegelndem Marmor in Gold, + Den ewigen Grabstein schleppt ihr auf Rücken das Leben entlang. + + Ihr sitzet am Schachbrett und haltet gedrechselten Läufer, + Schwimmt auf dem Rauch des Cafés + In euer brodelndes Nichts hinab, + Gespenster, hört mich, Gebannte ins schattenzerworfene + Nachttal der Erde: + Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist, + Ich zünde nun farbige Feuer, + Lasse die Girandolen kreisen, + Eröffne das Lichtfest der Sterne, + Wehe mit farbigen Phönixflügeln heran. + + Farbige Flügel mit Federn der trunkenen Asia + Dehnen sich zwischen den Säulen im morgenrötlichen Tempel. + O ich jage euch Sonnen über die Erde hin, + Ihr sehet an blühenden Himmeln weit + Lilienhände im Spiel der klingenden Saiten; + Ihr sollt euch nach Blumen bücken, hört ihr! + Kinder emporheben in den goldenen Stromfall des Lichts. + Sehnen soll euch erfassen + Nach dem göttlichen Tod im entflammtesten Kuß! + + + + + So haben mich die Jahrtausende gesehn -- + + + So haben mich die Jahrtausende gesehn: + Hochgebäumt über brodelndem Menschen-Weh. + Ich war ein Springquell, mein Blutstrahl fiel + In die tönende Muschel der Erde hinab. + + Deingedenken doch war das Rot am Abendhimmel der Schlacht, + War im zehnfachen Tod die tastende Ewigkeit. + Komm und brich den Glanz deiner Schönheit + Lächelnd im Stromfall, wenn ich mich erdwärts ergieße! + + Denn so wird die Welt den fliehenden Augenblick schön + Und ihr Abglanz spiegelt im Antlitz der Engel sich fort. + Stürze sie ab! + Geläuterter Widerschein sind wir, der entflieht. + + + + + Fluch + + + Auf euere Neroschädel treffe dieser Fluch! + Euch war der Brudermord die beste Konjunktur, + Euch war der Börsenzettel die präzise Uhr, + Das Manometer, wo ihr grinsend -- o verrucht -- + In Ledersesseln mit umpolsterten Gesäßen + Den letzten Stand der Blut-Flut lächelnd abgelesen. + + Ach, meine neue Welt, ich weiß ja keine Qual, + So tief an tiefer Zeit, so weit an weitem Raum + Und meinen großen Fluch, o Fluch! erreicht sie kaum. + Denn schnürte ich euch auch an jeden Marterpfahl + Und bräch mein heilig Zorngefäß an euch in Scherben, + In tausend Blitzen könnt ihr doch nur einmal sterben! + + Drum seiet ihr -- ich will's! -- der Ewigkeit erwählt! + Daß immer neu die Rache in Erfüllung geht, + Sei euch der Tod die Stunde, wo ihr aufersteht + Zu einem Leben, das gleich tausend Leben zählt. + Aus jedem Euter sollt ihr euch das Sterben melken. + Mit jedem Grashalm, jedem Blatt sollt ihr verwelken! + + Ich schmeiße euern Balg in jeden Erdvulkan, + Ich warte, bis sein Ekel ihn zu Rande speit, + Ich stürz ihn neuerdings in Glut und Flammenleid, + Laß ihn hinab, zieh ihn empor wie Last am Kran + Und will mich höhnisch in ekstatischem Ergötzen + An seinen Tantalqualen tausend Jahre letzen. + + Ihr trankt der Brüder Blut aus tausendfachem Kelch, + Verspeistet auch sein Herz und wurdet fett. + Nun reiß ich's euch aus klirrendem Skelett + Und werf es weit im Schnee der Arkten vor den Elch, + Damit er's schlinge; daß im Gallenschleim es ende. + Vielleicht auch findet es den Weg der Exkremente. + + Ich denke mir die Quellenstollen tief genug; + Zehn Menschenalter sein sie finsterstes Verließ, + Worin euch meine Faust von Schacht zu Schächten stieß, + Erschaffend euch in jeder Ferne einen Trug + Von Luft, Eratmung, hellem Glanz der Tageslichter: + Doch meine Schlangen gürten eure Brüste dichter. + + Auf jedes Rad, wenn sich's im Staub der Rosse bäumt, + Sei euer morscher Leib mit Strippen festgespannt, + Aus jeder Rille, Hufesspur, dem Tritt im Sand + Aufquelle euch ein Born von Blut, das schäumt, + Und fülle eure Mäuler, peste auch in Nasen: + So will ich mit euch durch die neuen Welten rasen! + + + + + Apokalyptisches Gebet + + + Nimm doch zurück, o Gott, in deine Stadt + Von Jaspismauern, Häusern roten Golds, + In heiliges Gezelt aus schmiegsam Zedernholz, + So uns dein Grimm, o Gott, gesendet hat: + Der Kräfte, Mächte, Engel Siebenzahl, + Die auf uns geußen Schalen wilder Qual. + + Sieh, unsre Scheitel flammten auf und aschten grau! + Was je in Schmerz geboren aus dem Weib, + Wir decken ja mit blutbeströmtem Leib + Das Kraterland der Erde; Blut ist Tau, + Der alle Kelche füllt, aus Keltern träuft. + Geschlecht der Sünde ward zum Tod gehäuft. + + Wo ragt das Schloß, das du erbauen wirst + Aus Schläfenquadern: Haus der Menschheitsnot? + Auf kahlen Straßen treibt der Kärrner Tod + Den Maultierkarren, der von Schädeln birst. + O düsterer Karren Karawanenzug! + Der Krähen Volk zieht mit, die Nacht im Flug. + + In Höllengängen, wo Entsetzen Odemgift + Aus dickverknäulten Brüdermassen zeugt, + Im Rumpf des Schiffes, das dein Wehen beugt, + In Tempeln ist es, wo dein Schwertstreich trifft. + Wir finden auf der Erde, die wir groß geglaubt, + Nicht ein Versteck für dieses Dornenhaupt. + + Kein Baum, wo im Geäst nicht wehend trieb + Ein Absalon im letzten Stolz, kein Stein, + Darunter nicht im Dunkeln das Gebein + Der Mensch-Skorpione dorrte. Warum schrieb + Dein Finger eine Sichel nur ans Firmament? + Zulang die Ernte! -- Ende ohne End. + + Wie würgten Adler, Löwe ja und Stier + In uns, o Gott, und knieen vor dem Lamm, + Der weißen Wolke, die aus Nacht herfür + Die Sonne deckte am gekreuzten Stamm! + In zwanzig Zungen, Menschheit schreit zum Herrn: + Auf reiner Schale reiche uns den Morgenstern! + + + + + Altartiefe sollst du mir enthüllen -- + + + Herzschlag ist nirgends, doch Pochen der Maschine, doch + Stundenschlag. + Odem ist nirgends, doch Qualm der Fabrik, doch Giftgas. + Sklavenrücken auf Schweißspuren mürrisch geschleppter Last + Tragen den Fluch in Wüsten, ferne den Tempeln, hinaus. + + Dein Urgrund, o Mensch, ist Saatacker voll Unkraut und Moorsumpf, + Ist Kammer voll Lava, + Ist Bergwerk gestauter Nacht, + Ist Tümpel des Drachen, ist Einöde der Schlange -- + Und Herdes Dumpfheit entsendet im Rauch + Heillose Wechselgestalt des Seins. + + Sein, das in Kerkern liegt, treibt alpdrückenden Traum aus Licht. + Völkerwanderungen, Untergänge, Sturz der Babeltürme, Fluten + Geschlagener Heere auf Straßen, die Bäche des Blutes entlang: + Dumpfer Widerstreit deiner Triebe gebiert die Phantome der Schlacht. + Maschinengespenster mit hurtigem Arm: es schuf sie die Angst. + Gier stiebt auf in den Mückenschwärmen der Pest. + Aus rotem Blut hat dein Traum die Fahnen des Aufruhrs gehißt. + + Tempelwinkel der Seele aber, Altartiefe sollst du mir enthüllen, + Verlorenen Weihrauchduft und zerbrochenen Heiligenschein, + Vergessene Heimlichkeit, Kniebeugen der Sehnsucht, die Liebe, + Dein Göttliches, deine stille Morgenschönheit, deine Psalmmelodie, + Das Schneeskleid deiner Lammesgüte, den Blumenhauch, dein Herz! + + + + + Erde -- o Erde + + + Erde, o Erde, + Wer hieß uns wandeln auf Blutäckern, auf Leichengefild, + Wer hat uns zum Dünger bestellt + Für Saatfrucht des Morgen, die eigenem Samen entsprießt? + + Zackiger Flügelschlag des Drachen + Und sein Doppelstrahl aus goldenen Nüstern, + Purpurbeschlagener Rachen des Löwen und Tigersprung, + Schillernd herkriechende Schlangennähe und Ebers Zahn, + Brüllende Zorngiere gehörnter Ure, Auswurf verschmitzten Lamas + Und plattfüßig gewälzte Wucht der Bäre, + Und Stachel und Biß und Hieb und Hinterhalt, + Wurf, Stich, Überfall, Angriff -- Erde, o Erde: + So drohet die Geste, mit der du dich gegen uns Schollensöhne + erhobst, + So sengt, brennt, giftet das Kleid deiner Feindschaft, + So zündet der Glanz deines Harnischs, in Bilder der Angst zerträumt. + + Heillosestes Bild, du bist es uns -- Mensch! -- -- + Da schält uns Sonne aus Mitleidshüllen des Schlafs + Und zieht uns im Strahlglanz aufs Festland der üppigsten Schlacht. + Von Wunden löst sie das leichthin getrocknete Siegel + Und zahllos -- im Bogen gekreuzt -- + Ergießt sich heiliger Springquell des Bluts. + + Erde, o Erde, + Wo retten wir hin + Ärmliches Unsgehören des Schlafs? + O nähme Wipfel der Esche uns auf, + Daß Sterne fielen in heiter beruhigten Traum + O bettete See uns kühl, wo hoch die Glocken + Aus Türmen läuten im grünen und goldenen Strom, + O schliefen wir fort an Brüsten der seligsten Frau, + Von Kindheitsliedern unendlich gewiegt! -- + + Doch sollen wir träumens noch wissen, + Wie grimmig wir tags uns mähten + Zu Dünger -- zu Speise des Kots. + Aus Tiefen grellt auf + Funke gezückten Schwerts. + Schlachtlärm tost in der heulenden Schnecke des Ohrs + In Augen bricht nieder + Stützen von Leibern quer weg über Lanzen + Und Rücklingsbäumen von Pferden mit schmerzhaft geblecktem Gebiß. + + Erde, o Erde! + Blut ist dein Trank, + Fleisch ist hehre Speise deinem Mund. + Dein Glanz, das Weltall durchdämmernd, + Ist Glanz der Schwerter, geschwungen von Menschenhand. + Dein Brausen auf blauer Sonnenbahn + Ist Donner der niebeendeten Schlacht. + Im Säulendrehn dein goldener Himmelsrauch + Ist Opfergruß des getränkten Altars. + + + + + Warum fällt denn nicht -- + + + Warum fällt denn nicht die Sonne, Herr, aus deiner Hand? + Warum stürzen nicht im Strom der Falten + Weithin klirrend die Gestirne nieder? + Warum zittern nicht die fluchverwiesnen Erden, + Dunkeln blutbeströmt beschämte Monde nicht? + Warum welken nicht, vom Aschenatem angeweht, + Bäume, Gräser, wie vom Wurzelwurm zernagt? + Warum lodert nicht der Liebe Kuß verzehrend + Flammend auf? + Warum dorrt die Frucht im Kelch der Frauen nicht? + Warum stirbt denn nicht im Tröstermund dein Gotteswort? + + Gott der Wüsten, du bist überlistet! + Hast du nicht die sieben Farben einst ans Firmament gesetzt, + Kündend, daß die Flut nie wiederkehre! -- + Doch es war nicht ausgemacht, ob Wassers, ob des Bluts, + Und wir haben dich mit unserm Blut betrogen, Herr! + Sieh, aus Flüssen, aus Kanälen quillt's, + Aus den Ritzen des Planeten wie aus dorngekröntem Haupt! + Denn gespiegelt sieht, o Herr, dein Ebenbild + Lauernd Mensch im andern und sein Haß auf dich + Treibt verwirrten Triebes splitternd zu zerschlagen + Jenen Spiegel, fortzuscheuchen + Schreckendes Phantom. + + O er trug ja welke Last des Daseins lang auf Schultern, + Tempelschüler war er aller abgelebten Alter, + Ward gelangweilt, ach, mit deiner Götzen + Pfauenäugig bunter, ungezählter Schar, + Ward von jedem grauen Wahn in Schlangenkreisen + Tausend Jahre lang umhergenarrt. + + Hoch auf Wolken türme sich, o Gott, dein nah Gericht! + Wehe Völker recken tausend Arme + Brünstig deinem flammennahen Blitz entgegen, + Gieren Nacht und Tag um Gnade der Zerstörung, + Auszutilgen, was sich selbst mit Gram belud, + Auszurotten, was sich selbst sein Gift gebar, + Auszulöschen, was sein eignes Fleisch geschändet. + + Schall des Endes, wenn erhobene Posaunen + Aus vier Winden letzten Gang verkünden: + Töne bald und breche berstend in den Chor + Dröhnenden Gemordes, ins Gebraus + Dunklen Blutes, das an Säulen brandet + Morschen Tempels + Totgeglaubten Gotts. + + + + + Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben -- + + + Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben. + Aus einer Wolke, die sich erdwärts neigt, + Ragen die schlanken, zuckenden Rohre -- + Tausend sind es an der Zahl --. + Ihr Schall trifft lanzensteil, schwertschlank, + Die Gewänder der Bläser bauschen sich im Erzgebraus + Rund auf wie Schwanengefieder. + + Über der Erde aufgeworfenes Hügelland + Ist wimmelnd hingebreitet alles Fleisch. + Ganze Völker, Sippen, Jahrtausende reihen sich hügelan, + Schultern von Frauen glänzen rhythmisch wie Wellenkämme im Meer. + Haar stammt auf. Blicke dämmern in violettener Nacht. + + Und Schall der Posaunen nimmt sie auf stählernen Rücken, + Die Zonen der Luft sind angefüllt von sanfthinschwebenden Leibern. + Manche sind leicht, es trägt sie verschwimmendes Wolkenrot wie + Rosenblätter; + Andere hanteln an flatternden Tüchern sich hoch. + + Mütter bergen die Kinder in schützendem Arm, + Nackthineilende Frauen decken mit schattenden Händen + Die Scham. + Augen sind, in denen die Welt wie berstender Sternhimmel + ineinanderstürzt, + Augen voll Schuld und traumvergessener Angst, + Greller, tagheller Wiederkehr verjährtester Tat. + + Und keiner möchte + Der Erste sein vor dem Blitz aus der goldenen Wolke, + Männer mit Würdebärten drängen sich vor, weichen voll Zagens zurück. + Es stauen sich Völker, Mauern des Fleischs + Und Leiber sind angstvoll vermischt + Im Mantel der ungewissesten Qual. + + Jenseits aber ist Stürzen in klaffende Tiefen, + Girlanden aus wirrvoll verschlungenen Körpern + Ranken aus helleren Tiefen ins Dunkel hinab. + Sünder haben die Hände vors schreiende Antlitz geschlagen, + Knie zerbersten, Rücken zerbrechen im schwindelnden Fall. + Loderndes Haar flammt züngelnd dem Feuer entgegen. + Sie stürzen mit Köpfen voraus. + Aus Mündern dünstet die bläuliche Wolke des Fluchs. + + + + + Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen -- + + + Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen, + Als Sonnenstäubchen werde ich zum Lichtquell aufwärtsstreben. + Von feinen Händen fühl ich unter Schultern mich gefaßt, + Mich trägt ein Schwanenflügelpaar, + Der goldne Odem eines Engels überströmt mich warm. + + Noch bin ich ganz von Schollenlast betäubt, + Noch kreisen Regenbogen hinter wehgeschlossnen Lidern + Glanzlichternd gleitet noch die grüne Schlange der Verwesung + Um meinen marmorn-abgekühlten Leib. + Ein Wiegenlied -- unendlich tief, verschlafen -- + Von Äolsharfen weit aus Pappelwipfeln hergeflockt, + Träumt mir im Ohre nach. + Ich schwimme müd-gestreckt im Fluß der Sonne. + + Da fällt mich, den sein Schutzgeist trug, + Ein Nachtgespenst, ein fledermausgeflügelt Untier an. + Der Krallen Zwölfzahl -- Monde sind's, die aneinanderklirren -- + Stürzt sich gleich Sicheln in mein trübes Fleisch. + Die Nüstern qualmen stinkendes Gewölk, + Das Maul bespeit mich frech mit Eiter, Schleim und Galle; + Erschrocken sehe ich in grausem Hundsgesicht, + In Augen, die wie Licht im Wind verflackern, + Die schlankgestreckte Landschaft meiner Sünden, Frevel Süchte. + + Um mich tobt der Zweikampf. + Manchmal sinke ich hinab, es stürzt mit geiler Wucht + Des Bösen lastendes Gewicht auf mich; + Dann steige ich empor, vom guten Geist emporgerafft, + Sein silbern Flügelpaar verebbt in müder Luft. + Die müde Luft erklingt von hellem Kampf. + Um die Erstandnen rast die Schlacht entzweiter Mächte. + In sich verbissne Knäuel schweben hin. + Stürzt jetzt die Last in enger Krallenhaft zur Erde. + Schwebt sie mit ihrem Engel siegend auf? + Ich bin der Kräfte Spiel im schalldurchbrausten Meer. + + + + + Trümmer + + + Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese + Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen; + Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen, + Daß keiner käme, meine Torheit priese. + Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese + Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen. + + Mein Babelturm ließ seine Wolkenfahne + Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen. + Gewundne Treppen wollten aufwärtsweisen, + Dem wachen Hochmut seinen Himmelssteig zu bahnen. + Mein Turm des Ichs ließ seine Wolkenfahne + Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen. + + Doch fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten, + Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder + Und beugte meinen Schlaf und warf mich nieder. + In meine Träume stürzt er seine Quaderlasten. + Es fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten, + Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder. + + Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker, + Doch oben brannten Sterne in den Haaren. + Wie sollte ich mein blassres Licht bewahren? + Kein Wirbelsturm der Täler tobte ärger. + Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker, + Doch oben brannten Sterne in den Haaren. + + Da war ich's selber, der auf der Altane + Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen. + Er zückte nieder. Erker barsten, Stuben. + Zerworfner Schutt begrub die Wolkenfahne. + Da war ich's selber, der auf der Altane + Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen. + + Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese + Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen; + Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen, + Daß keiner käme, meine Torheit priese. + Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese + Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen. + + + + + Trost + + + Es sind auch nicht all, o Gott, deine Gedanken + Nur Lämmer, von gütlicher Wärme beschneite, + Und dehnen nicht all sich + Nach seligem Tanz an Hängen von Klee + In süßen Schalmeiton des schläfrigen Monds. + + In Pfauen auch denkst du + Und starrst in gespreizter Eitelkeitsgier + Aus Augen, in Fächern, + Vom Tempelteppich gewirkten Allsehens + In ewige Brunst des Lichts hinein. + + In Tigers Kraft selbst dunkelt dein Groll, + Entflammt im Zinnober des Rachens noch Gier. + In Schlangen wirft Hinterlist metallischen Schimmers + So giftigen Ring vor ein ärmer Geschöpf. + + Auch bist du ja Flamme und Lohe und Feuersbrunst, + Getümmelte Wogenherde, Zentaurenschar, Schlund, + Bist Zickzack und Blitz, Erdbeben, Vulkanausbruch, + Zusammenprall der Planeten, bist Untergang. + + Doch wie du es bist, Gott: auch ich muß es sein. + O wandle mich denn in schwindenden Formen ab! + Denn Flamme schon war ich und Lohe und Feuersbrunst, + Erd-Erbeben -- Vulkanausbruch -- Untergang. + Als Tiger der Dschungeln ich trug + + Im Nacken gefiederte Pfeile hinab, + Schweifte als Pfau an Tempelsäulen der Juno vorbei, + Lag lauernd geschmiegten Schlangenleibs + Im Schatten der lehmigen Diele zur Nacht. -- + + Gib Güte nun endlich, + Wärme des schneeigen Lämmerkleids! + Hülle mein Herz, o Gott, + In Sehnsucht der Hirtenschalmei! + + + + + Der neue Mensch + + + Aus Unform, Irrform, Wirrform, + Aus Zwitterform und Aberform der Zeit + Schreitet in banger Zuversicht der neue Mensch. + Die Brodemnebel veraschter Leichenhügel + Sind unter ihm. + Die Meere gekelterten Bluts, die Ströme, die Schaum krönt, + Sind unter ihm. + Die Babeltürme versteinter Irrtümer + Sind unter ihm. + + Er schreitet: mehr Stirne als Kinn, mehr Gott als Tier. + Im Zackengeklüfte der Felsen + Nur manchmal hört er das Echo + Verworrenen Brudermords, verjährten Totschlags. + Denn jung war er noch, als Donner verzückter Kanonen + Die alten Jahrtausende pomphaft zu Grabe geläutet. + Das war einmal: + Schwertertag und Lorbeersieg, + Klirrender Klingenkampf und Triumphglanz, + Das war einmal: + Irgendwo, fern, irgendwann. + + Er schreitet in nacktem Verzicht. + Er badet sich rein + Im weißen Quell des Gedankens. + + Er nimmt -- lächelnd, großmütig und gütig -- + Den armen Planeten in warme, umgitternde Hände + Und hebt ihn hinauf in den läuternden + Lichtstrom der Sonne, bettet ihn sanft in die kühlen + Heilenden Rosen der Morgenröte und wartet + Des dämmernden Tags. + Nicht wissen durchaus will er des Gestern. + Denn Gestern: Das ist ja gesammelter Fluch, + Geballtes Verhängnis, genetztes, tausendmaschig + Gefädeltes Schicksal. Nicht wissen will er des Gestern. + + In Schutt sieht er stürzen + Dorische Säulen, Akanthus und gotische Fenster, + Gemauerte Schreie des Gottwahns verblichener Zeiten + Er fället der Götzen glanzbäuchige Hochmut + Und glüht in den Bränden des Alten sein jugendlich Herz, + Dies Pfand der Allmacht, + Die brausende Mitte des neuen, schaffenden Seins. + + Und also weiß er zu beten: -- Nichts über mir! + Im Anfang war ich. Ich werde im Ende sein, + Bin ich doch Tempel, Gott, Beter zugleich + Und krümme den Rücken so wenig der mummenumschanzten Hoheit + Als Lasten, die fremder Wille mir auflädt. + Ich bin so berechtigt als irgend ein Mensch. + Nichts über mir! + + Frauen will ich nicht suchen gehn. Sie nahen allein! + In ihrem Lächeln der Wollust + Einschleichend wälzen sich früheste Alter der Erde + In unseren kornreifen, ausgeglätteten Sommertag. + Die List ihrer Buhlschaft reicht uns die rostigen Schwerter + Hellbrünstigen Zweikampfs. Besitzgier und Eifersüchte + Spornen in uns nichtigen Krämergeist, Hamstersorge. + Wütendes Morden des Fleischs, + Wer stiftet es anders, als die es gebar: Helena, + Die maskenschöne Mutter der irdischen Kriege? + Wer säh sich nicht vor! + + + + + Die Fahrt + + + Offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr + Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen. + Noch sind alle Segel von blutendem Abend rot; + Im Brackwasser ertrinkt in tausend Rubinen zerstäubter Komet. + Tief-Schlummernder bin ich, + Da scheucht erster Strahl den Alpdruck der engen Kabine. + Mitternächtiger Wintertraum unter Dächern des Schnees + Kleidet vergessene Spiegel mit jauchzendem Lenzgrün aus, + Tollt mit zerfetztem Haar im Glanz die Alleen entlang, + Jubelt im Birkenwipfel des Hügels ein harfenes Lied, + Sinkt als Frühtau mit kreisenden Himmeln die Kelche hinab. + + Im Golfstrom des Lichtes saust glühende Erde empor. + Mit herzhafter Kraft umgürtet die Sonne das taumelnde Rund. + Ihr Licht trinkt die haftenden Dämpfe des Blutes hinweg, + Ihr heilender Atem saugt Pestgift und Brandhauch in sich. + + Nun steig ich hinauf, + Letzte Wendeltreppen, + Schattenlabyrinthe hinauf! + Trunkener Aufstieg peitscht schon die tummelnden Wogen des Herzens + voraus. + Und ich stehe an höchstem Bord, auf fliegender Brücke am Steuerrad + Und winke die farbigen Vögel heran + Und winke Delphine heran + Und Fische mit silbernen Schuppen, mit güldenen Flossen + Und Haie und Wale und Robben und Rosse + Und alle geschäumten Wogen, die von den Polen schießen, + Und alle Sternbilder, auf schaukelnden Wassern an Bord gewiegt. + + Der neue Mensch hält auf die Sonne zu. + Sein Herz umfaßt mit dem Strahlglanz den magischen Spiegel der Welt + Und jeglicher Atem strömt in den goldenen Becher zurück. + Mit ihm wird die Erde das fährliche Kap der Nächte umschiffen, + Krieg, Krankheit, Entzweiung, Verzweiflung umschiffen + Und Ekel der Wollust + Und Blutgier + Und Brunst. + + Zermürbte Monde schon decken die Schädelstätte entfremdeter Nacht. + Träume versinken im Blachfeld der Not. + Alpdruck und Nachtmahr gurgeln im Sumpf hinab. + Denn offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr + Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen. + + All-Lebendes wandelt im Goldtau sein Herz + Und trägt es mir zu. Aus Palmenwipfeln + Wiegt sich fasanenbeschwingte Sehnsucht heran, + Aus Ranken der Beere dehnt es sich nah, + Zinnoberne Schnecken herkriechen auf silberner Spur. + + Die Fahrt ist im Gang, + Die Erde im Brausen tönt selber Triumphgesang. + Folgt alle! + Ich steure die Arche auf goldener Flut! + Schon ist die Taube auf Wegen zu Gott voraus! + + + + + Inhaltsübersicht + + + Johanni 5 + Ich -- Du 6 + Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut -- 7 + Als ich im ersten Viertel des Monds -- 9 + Es werde Licht 11 + Lied 12 + Liebesode 13 + Im Abenddämmern zwischen den Jahren -- 14 + Der Kranke 15 + Nacht 18 + Ich komme aus meinen Träumen -- 20 + So haben mich die Jahrtausende gesehn -- 22 + Fluch 23 + Apokalyptisches Gebet 25 + Altartiefe sollst du mir enthüllen -- 27 + Erde -- o Erde 29 + Warum fällt denn nicht -- 32 + Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben -- 34 + Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen -- 36 + Trümmer 38 + Trost 40 + Der neue Mensch 42 + Die Fahrt 45 + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt +(vorher/nachher): + + [S. 10]: + ... An schlanke Deichsel sind goldgezäunte Rosse gespannt, ... + ... An schlanke Deichsel sind goldgezäumte Rosse gespannt, ... + + [S. 11]: + ... So hing ich über diesem tiefstem See. ... + ... So hing ich über diesem tiefsten See. ... + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte, by Julius Maria Becker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE *** + +***** This file should be named 52219-8.txt or 52219-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/5/2/2/1/52219/ + +Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/52219-8.zip b/old/52219-8.zip Binary files differindex 8c4dc55..8c4dc55 100644 --- a/52219-8.zip +++ b/old/52219-8.zip diff --git a/52219-h.zip b/old/52219-h.zip Binary files differindex 221e494..221e494 100644 --- a/52219-h.zip +++ b/old/52219-h.zip diff --git a/old/52219-h/52219-h.htm b/old/52219-h/52219-h.htm new file mode 100644 index 0000000..7362d0f --- /dev/null +++ b/old/52219-h/52219-h.htm @@ -0,0 +1,1890 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Gedichte, by Julius Maria Becker</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> + <!-- TITLE="Gedichte" --> + <!-- AUTHOR="Julius Maria Becker" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Kurt Wolff, Leipzig" --> + <!-- DATE="1919" --> + <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> + +<style type='text/css'> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; } +div.logo { margin-top:1em; margin-bottom:6em; margin-right:1em; } +h1.title { text-align:center; font-weight:normal; margin-bottom:6em; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; font-size:1.5em; + margin-top:1em; margin-bottom:1em; letter-spacing:0.2em; } +.pub { text-indent:0; text-align:center; letter-spacing:0.2em; line-height:1.5em; } +.ser { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:0.5em; + font-size:0.8em; letter-spacing:0.1em; } +.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:6em; font-size:0.8em; } + +h2.chapter { text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; + page-break-before:always; } + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } + +/* poetry */ +div.poem-container { text-align:center; } +div.poem-container div.poem { display:inline-block; } +div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; } +.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } + +span.underline { text-decoration: underline; } + +/* TOC table */ +div.table { text-align:center; } +table.toc {margin-left:auto; margin-right:auto; } +table.toc td { padding-left:0em; padding-right:0em; font-size:0.8em; } +table.toc td.col1 { padding-left:2em; padding-right:2em; text-align:left; } +table.toc td.col_page { text-align:right; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-size:0.8em; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } +.trnote p { text-indent:0; margin-top:1em; } +.trnote p.handheld-only { display:none; } + +/* page numbers */ +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +.rightpic { text-align:right; text-indent:0; display:block; margin-left:auto; + margin-right:auto; } + +@media handheld { + body { margin-left:0; margin-right:0; } + div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; } + a.pagenum { display:none; } + a.pagenum:after { display:none; } + .trnote p.handheld-only { display:block; } +} + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Gedichte, by Julius Maria Becker + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most +other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of +the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Gedichte + +Author: Julius Maria Becker + +Release Date: June 2, 2016 [EBook #52219] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div class="frontmatter"> +<div class="rightpic logo" id="img-logo"> +<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> + +</div> + +<div class="frontmatter"> +<p class="aut"> +Julius Maria Becker +</p> + +<h1 class="title"> +Gedichte +</h1> + +<p class="pub"> +Kurt Wolff Verlag · Leipzig +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter"> +<p class="ser"> +Bücherei „Der jüngste Tag“. Band 72 +</p> + +<p class="printer"> +Gedruckt bei Poeschel & Trepte, Leipzig +</p> + +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +<span class="line1">Johanni</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Als sich dein Haar den Berg entlang ergoß,</p> + <p class="verse">Wogte das Weizenfeld in seinem gereiften Gold.</p> + <p class="verse">Kornblumen dunkelten, wo noch eben dein Blick geweilt.</p> + <p class="verse">Im silbernen Blütenstaub dämmert dein Odem hinab.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Der Beter vorm Bildstock erfleht noch den Saaten Bestand:</p> + <p class="verse">Es tränke sie Tau und der Sturm erachte des Halms.</p> + <p class="verse">Dann schließt er auch dich in sein gilbes Gebet.</p> + <p class="verse">Saum deines Kleides wehet den Tannen vorbei.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Jetzt bette ich Müdsein in deine eratmete Saat,</p> + <p class="verse">Erde ist kühl und dein Leib ist dem Sinne der Erde so nah.</p> + <p class="verse">In Küssen beschwörst du den silbernen Abend heran.</p> + <p class="verse">Blaß über Wimpern tanzt schon die Sichel des Monds.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> +<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> +<span class="line1">Ich — Du</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich halte im Umkreis deiner Verflüchtung mich auf.</p> + <p class="verse">Ich weile auch ferne der grenzenden Körperlichkeit.</p> + <p class="verse">Ich wandle im blasseren Licht deines Heiligenscheins.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Du stehst im Abend und verdämmerst ganz still hinaus.</p> + <p class="verse">Du streifst noch die Sterne und zitterst im Boden fort.</p> + <p class="verse">Der Schleier sind viele, sind Wolken und wehen dich hin.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich nehme das Beste von dir fern atmend in mich.</p> + <p class="verse">Ich tränke mein Erdreich mit deinem durchgoldeten Tau.</p> + <p class="verse">Ich helle den Traum mit deinem vergessenen Licht.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Du bist wie zu Hause und weißt auch nicht, wie du mich nährst.</p> + <p class="verse">Du senkst deinen Schatten, umwandelst dein Wurzelgerank.</p> + <p class="verse">Du blühst und vergehst, doch die Ferne stammelt von dir.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich pflanze dein Echo auf einen verewigten Stern.</p> + <p class="verse">Ich rette die Strahlung des Bluts in eine bedürftige Nacht.</p> + <p class="verse">Ich trage den Hauch, der noch blieb, auf meinem Fittich hinauf.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +<span class="line1">Dein Wesen</span><br /> +<span class="line2">ist über alle Welt zerstreut —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut,</p> + <p class="verse">An alle Himmel verloren.</p> + <p class="verse">Im Kelch von tausend Blumen sammle</p> + <p class="verse">Ich dich ein.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich werfe meine Netze weit im Meer</p> + <p class="verse">Der Nachthimmel aus,</p> + <p class="verse">Feierliche Sternbilder, worin dein Blick sich verewigt,</p> + <p class="verse">Sammle ich in meinen Netzen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich eile zu gehen:</p> + <p class="verse">Zurückholen will ich deinen Blick</p> + <p class="verse">Aus allen vier Winden der Rose.</p> + <p class="verse">Jedem deiner Gedanken reise ich nach.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich behüte mit aufgestellten Windharfen,</p> + <p class="verse">Die mein Lied dir brausen,</p> + <p class="verse">Geliebte, dein waches, hellwaches Ohr.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich will, daß deines Wesens</p> + <p class="verse">Volle Pracht in einem heißen</p> + <p class="verse">Kuß mich überschütte:</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">O ja, Geliebte, bleibe in meiner Hand!</p> + <p class="verse">Schwinde nicht fort aus meinen</p> + <p class="verse">Verdämmernden Horizonten!</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> + <p class="verse">Entferne dich nicht aus dem Goldrahmen</p> + <p class="verse">Meines geruhigen Tags!</p> + <p class="verse">Lästere nicht meinen Besitz an dir!</p> + <p class="verse">Habe keine fremden Götter neben mir!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +<span class="line1">Als ich</span><br /> +<span class="line2">im ersten Viertel des Monds —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Als ich im ersten Viertel des Monds</p> + <p class="verse">Ausgestreckt in den Rosen des Hügels lag,</p> + <p class="verse">Kamst du — ein wärmender Schatten — heran,</p> + <p class="verse">Gossest auf meine Stirne die Schale des Schlafs.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich eilte in rötlichen Blätterstürzen — im Herbst</p> + <p class="verse">Und war deiner atmenden Nähe schon minder gewiß.</p> + <p class="verse">Zeitlosen rahmten die Landschaft der Traurigkeit.</p> + <p class="verse">Bei einer Harfe fand ich Zuflucht des Nachts.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Winters, wenn ich den Eiskristall</p> + <p class="verse">In das Licht der erstorbenen Sonne hob,</p> + <p class="verse">Fremde, erschienest du nicht.</p> + <p class="verse">Regenbogen umkreisten den ewigen Kern.</p> + <p class="verse">Zierliche Sterne des Schnees</p> + <p class="verse">Schmückten das Grab meiner Seele.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Aber im Lenz, bald schwimmt die immergrüne Insel heran.</p> + <p class="verse">Leidenschaftliche Sonne wühlt sich aus flimmerndem Gras.</p> + <p class="verse">Auftaucht, von rosiger Muschel gehoben,</p> + <p class="verse">Die Herbstliche, Nackte im Schaumgekräusel des Sees.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Füllhörner schütten Farben und Blumen über dich hin.</p> + <p class="verse">O wer darf dir jetzt</p> +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> + <p class="verse">Aus zauberischen Lüften den purpurnen,</p> + <p class="verse">Rosenbestickten Mantel der Schönheit reichen?</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Auf erhöhtem Wagen ziehst du einher,</p> + <p class="verse">An schlanke Deichsel sind gold<a id="corr-0"></a>gezäumte Rosse gespannt,</p> + <p class="verse">Schwebende Frauen führen die lockeren Zügel.</p> + <p class="verse">Weidenbüsche, die der Lufthauch deines Zuges berührt,</p> + <p class="verse">Tönen mit allen Zweigen, Schalmeien gleich.</p> + <p class="verse">Orgeln brausen inmitten des Schilfs.</p> + <p class="verse">Überall zieht Morgenröte herauf.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">O und dein Wagen rast über mich hin.</p> + <p class="verse">Um lodernde Achse rollt sprühend das Sonnenrad.</p> + <p class="verse">Ich bin von den Bildern blitzender Sprossen umschattet.</p> + <p class="verse">Silberner Wegstaub hüllt meinen Jammer ein.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +<span class="line1">Es werde Licht</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich hatte diese Welt schon ganz in meinen Geist genommen</p> + <p class="verse">Und sah nach innen, wo im Sphärendrehn</p> + <p class="verse">Die düstern Bilder wechselten. — Es war ein stetes Kommen</p> + <p class="verse">Von Nachtgestalten — stetiges Vergehn.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Von Gram gebleicht, von Last gekrümmt und mit zerquerter Stirne</p> + <p class="verse">So hing ich über diesem <a id="corr-2"></a>tiefsten See.</p> + <p class="verse">Aus Spiegelquellen wuchs mein Wolkenhaupt wie Glanz der Firne.</p> + <p class="verse">Die Wirbel kreisten um ein Tausend-Weh.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Da kam der Tag. Mich rief ein Lied. Da war’s, als hell im Frühen</p> + <p class="verse">Sich diese Welt in deine Augen schwang.</p> + <p class="verse">Da brach aus jedem Ding sein Kern des Lichts im Fächerblühen,</p> + <p class="verse">Aus allen Wipfeln brauste der Gesang.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">So werd ich diese Nacht der Welt durch deinen Himmel tragen</p> + <p class="verse">Und Träume sind der Möven Silberflug.</p> + <p class="verse">Des bangen Tags Geschehen ist ein lautlos Ruderschlagen.</p> + <p class="verse">Doch Güte kniet in Lämmern, sich genug.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +<span class="line1">Lied</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Sie sind im Licht der Tagessonne</p> + <p class="verse">Der Leiber zwei, der Seelen zwei,</p> + <p class="verse">Sie streben sonder Wort und Wonne</p> + <p class="verse">In weiten Kreisen sich vorbei.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Er zieht mit jedem roten Morgen</p> + <p class="verse">Die wachen Pfade streng hinauf;</p> + <p class="verse">Im Köcher ist der Pfeil geborgen,</p> + <p class="verse">Es ruht die Hand an Schwertes Knauf.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Des Weibes Tag ist stiller Wandel</p> + <p class="verse">Der Sonne um umlaubtes Haus,</p> + <p class="verse">Ein ferner, süßer Duft von Sandel,</p> + <p class="verse">An seinem Weg ein Blütenstrauß.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Doch mit der Sonne Lichtvergluten</p> + <p class="verse">Fällt beider Kreis aus ihrer Kraft</p> + <p class="verse">Und dunkel muß zusammenfluten,</p> + <p class="verse">Was tags sein Einzelsein erschafft.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Baum, Strauch und Turm zerfließt ins Schweigen,</p> + <p class="verse">Der Strom verebbt im weiten Tal;</p> + <p class="verse">Der Himmelszeichen goldner Reigen</p> + <p class="verse">Geht ein in diesen Sternensaal.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nichts will nun beide mehr umragen,</p> + <p class="verse">Ein Grauen zwingt den Mann zum Weib.</p> + <p class="verse">Von eines Odems Maß getragen,</p> + <p class="verse">Durchblüht die Nacht ein Sein, ein Leib.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +<span class="line1">Liebesode</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Dein Blick ist unsterblich in mir.</p> + <p class="verse">Er hat ja erst wie ein Sonnenstrahl</p> + <p class="verse">Mein dumpf-unseiendes Leben erweckt.</p> + <p class="verse">Er hat ja erst die Sehnsucht erweckt.</p> + <p class="verse">Dein Blick ist unsterblich in mir.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Wir sanken, Glieder an Glieder gepreßt</p> + <p class="verse">Und Mund an Mund</p> + <p class="verse">Als Leib, lustvergessen ein Leib, ins Gras;</p> + <p class="verse">Und tief der Himmel mit tausend Sternen</p> + <p class="verse">Sank und deckte uns zu.</p> + <p class="verse">O Himmel der Lust! O Grab der Lust!</p> + <p class="verse">Aber dein Blick ist unsterblich in mir.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und, die du gebärst, die Kinder kreisen</p> + <p class="verse">Als Sonnen auf eigen-beschriebener Bahn:</p> + <p class="verse">Ein neues System. Ich hab es erregt.</p> + <p class="verse">Nein, dein Blick hat es erregt.</p> + <p class="verse">Und dein Blick ist unsterblich in mir.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Unsterblicher als die Geschlechter nach mir.</p> + <p class="verse">In meiner Seele, wenn alles, was Staub war,</p> + <p class="verse">Staub wieder ist, lebt noch dein Blick,</p> + <p class="verse">Ihr sphärisches Sein durchleuchtend mit mildem Strahl,</p> + <p class="verse">Unsterblich ist dein Blick in mir.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">So wird meine Seele die Sehnsucht hegen,</p> + <p class="verse">Wie tief ich gestorben, nach Leben im Fleische,</p> + <p class="verse">Um voller zu fassen das schwebende Leben</p> + <p class="verse">Im Blicke von dir zu mir,</p> + <p class="verse">Unsterblich ist dein Blick in mir.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +<span class="line1">Im Abenddämmern</span><br /> +<span class="line2">zwischen den Jahren —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nun muß ich nächtelang</p> + <p class="verse">Vergeblich am Scheideweg der Milchstraße auf dich warten,</p> + <p class="verse">Im Abenddämmern zwischen den Jahren</p> + <p class="verse">Säumte ich drüben als der Mann im Mond.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Früher konnte ich dich in den verzweigten Tälern</p> + <p class="verse">Der Erde noch suchen gehn.</p> + <p class="verse">Im bläulichen Frostlicht des Monds</p> + <p class="verse">Schliefen die Hütten, im Schatten zerstreut.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Doch irgendwo, drinnen, dein kristallener Atem</p> + <p class="verse">Zeichnete Orchideen auf silberne Scheiben.</p> + <p class="verse">Eisblumen — die schönsten auf gläsernen Beeten der Nacht —</p> + <p class="verse">Zeigten den Weg zum wärmenden Licht deines Kusses.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nun weiß ich dich nirgends zu finden.</p> + <p class="verse">Ich suche die Träume der Jünglinge auf.</p> + <p class="verse">Ich weiß es, in Nächten des klirrenden Siebengestirns</p> + <p class="verse">Träumen sie immer nur dich,</p> + <p class="verse">Träumen dich mit all deinem Lächeln, farbig im stillen</p> + <p class="verse">Gedenken an mich.</p> + <p class="verse">Nur in den Träumen Verliebter finde ich nochmals zu dir zurück.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +<span class="line1">Der Kranke</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Abends wissen wir, wenn jach das erste Viertel</p> + <p class="verse">Kalten Monds im Oberlichte reift,</p> + <p class="verse">Wenn um silberisch Gewand den Sternengürtel</p> + <p class="verse">Naher Abend zart mit Händen streift,</p> + <p class="verse">Daß der Adler nun sein Nest</p> + <p class="verse">Giererwacht, die Nacht auf Schwingen,</p> + <p class="verse">Nacht zu bringen,</p> + <p class="verse">Flügelgroß verläßt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Leises Rollen wie bei düstern Nachtgewittern</p> + <p class="verse">Kündet, daß der fremde Vogel naht.</p> + <p class="verse">Diesen Kranken dann befällt ein heftig Zittern</p> + <p class="verse">Und er rüstet sich zur schwersten Tat,</p> + <p class="verse">Atmet hart; und fast erstickt</p> + <p class="verse">Ruft er Hilfe, wehrt mit Händen,</p> + <p class="verse">Abzuwenden</p> + <p class="verse">Unheil, blind geschickt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Durch geschlossene Fenster, schmal durch Schloß und Riegel,</p> + <p class="verse">Sichtbar nur dem heißen Fiebertraum,</p> + <p class="verse">Schlägt’s wie Schwefelflammen, bricht’s wie Aschenflügel,</p> + <p class="verse">Spreitet sich wie Fächer, Krone, Baum,</p> + <p class="verse">Stürzt dem Kranken auf die Brust,</p> + <p class="verse">Krallt sich fest mit krummen Klauen,</p> + <p class="verse">Hell in blauen</p> + <p class="verse">Augen thront die Lust</p> +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> + <p class="verse">Mit dem Schnabel dieses Kranken Fleisch zu spalten.</p> + <p class="verse">Eine Sichel bohrt sich tief hinein,</p> + <p class="verse">Wühlt hinab; das Herz in zuckenden Gewalten</p> + <p class="verse">Blutet Funken, sprüht wie Feuerstein.</p> + <p class="verse">Sieben Stunden währt die Not</p> + <p class="verse">Und den Kranken hört man stöhnen,</p> + <p class="verse">Gott verhöhnen</p> + <p class="verse">Und er liegt wie tot.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Heiße Tränen seh ich ihn aufs Kissen weinen,</p> + <p class="verse">Das ihn wie ein Felsgeklüft umfängt,</p> + <p class="verse">Und wir andern um sein Lager, Kinder, scheinen</p> + <p class="verse">Steinernes Gebirg, das ihn bedrängt</p> + <p class="verse">Und so wie Gebirge schweigt,</p> + <p class="verse">Da wir ganz in Schmerz erstarrten,</p> + <p class="verse">Zählen, warten,</p> + <p class="verse">Bis der Morgen steigt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Unsre Blicke bohren sich ins Fensterdunkel,</p> + <p class="verse">Unsre Blicke suchen morgenwärts.</p> + <p class="verse">„Endigt, Venus, endigt nicht dein Lichtgefunkel?</p> + <p class="verse">Findet Ruhe endlich nicht dies Herz?“</p> + <p class="verse">Und ins Licht noch ganz versteckt,</p> + <p class="verse">Mündet Glanz der blassern Sterne.</p> + <p class="verse">Wolkenferne</p> + <p class="verse">Kühn der Tag sich reckt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ragt empor als Held mit goldenem Schild und Bogen,</p> + <p class="verse">Ist im Sonnenkahn herbeigeschifft.</p> +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> + <p class="verse">Durch den Dämmer klirrend kommt ein Pfeil geflogen,</p> + <p class="verse">Der durchs Fenster kühn den Vogel trifft.</p> + <p class="verse">Lauter Jammer ist verweht,</p> + <p class="verse">Selbst der Kranke atmet Wonne</p> + <p class="verse">Bringt dir, Sonne,</p> + <p class="verse">Froh sein Dankgebet.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +<span class="line1">Nacht</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Sei zufrieden! Schon ringt sich der Abendstern aus totem Sonnenrot.</p> + <p class="verse">Schmale Sichel des Monds schwimmt am gotischen Fenster vorbei.</p> + <p class="verse">Das farbige Traumbuch des Tags entblättert im Wind.</p> + <p class="verse">Atem des schlafenden Kinds eilt den Sternbildern voraus.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Siehe, ich harre der göttlichen Huld dieser Nacht,</p> + <p class="verse">Denn sie löst mir von Gliedern der trotzigen Ketten Geklirr</p> + <p class="verse">Und ich wandre im schneeigen Licht vormitternächtigen Schlafs</p> + <p class="verse">Lämmerumtanzt zu den äußersten Küsten der Seele.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Überm veilchenfarbigen Segel am Fährenrand</p> + <p class="verse">Dehnt sich im Sternengewoge das Meer der Unendlichkeit.</p> + <p class="verse">Meine Harfe am schäumenden Kiel erbraust in die Nacht.</p> + <p class="verse">Eure Hände, Geliebten, die einst ihr wart,</p> + <p class="verse">Mischen sich still in atmender Saiten Geflecht.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nachtviolengeranke, so flicht sich der Sang um das Boot</p> + <p class="verse">Und mich besitzt die Gemeinschaft der Erdeentschwerten.</p> +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> + <p class="verse">Aber schon dringen vom anderen Ufer Geräusche, erwacht,</p> + <p class="verse">Helios schirrt die blendenden Rosse zur morgigen Sonnenfahrt.</p> + <p class="verse">Und ich erwache zum Wissen der ärmlichsten Traurigkeit.</p> + <p class="verse">Langsam wachse ich wieder ins Kettengefüge des leiblichen Tags.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +<span class="line1">Ich komme</span><br /> +<span class="line2">aus meinen Träumen —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist.</p> + <p class="verse">Ich habe meine Hände voll Glanz,</p> + <p class="verse">In meinen Augen ist Licht des fernsten Gestirns.</p> + <p class="verse">Ich will euch die Farben des Regenbogens bringen,</p> + <p class="verse">Denn ihr seid ja so aschengrau,</p> + <p class="verse">So erdgebrannten Gesichts.</p> + <p class="verse">Ihr säuselt an Krankenbetten als Echo der giftigen Seufzer,</p> + <p class="verse">Sterbet zehnmal des Tags und werdet</p> + <p class="verse">Mit blechernen Trauermärschen zehnmal des Tags zu Grabe gebracht.</p> + <p class="verse">Auswendig kennt ihr die Inschrift auf spiegelndem Marmor in Gold,</p> + <p class="verse">Den ewigen Grabstein schleppt ihr auf Rücken das Leben entlang.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ihr sitzet am Schachbrett und haltet gedrechselten Läufer,</p> + <p class="verse">Schwimmt auf dem Rauch des Cafés</p> + <p class="verse">In euer brodelndes Nichts hinab,</p> + <p class="verse">Gespenster, hört mich, Gebannte ins schattenzerworfene</p> + <p class="verse">Nachttal der Erde:</p> + <p class="verse">Ich komme aus meinen Träumen euch zugereist,</p> + <p class="verse">Ich zünde nun farbige Feuer,</p> +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> + <p class="verse">Lasse die Girandolen kreisen,</p> + <p class="verse">Eröffne das Lichtfest der Sterne,</p> + <p class="verse">Wehe mit farbigen Phönixflügeln heran.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Farbige Flügel mit Federn der trunkenen Asia</p> + <p class="verse">Dehnen sich zwischen den Säulen im morgenrötlichen Tempel.</p> + <p class="verse">O ich jage euch Sonnen über die Erde hin,</p> + <p class="verse">Ihr sehet an blühenden Himmeln weit</p> + <p class="verse">Lilienhände im Spiel der klingenden Saiten;</p> + <p class="verse">Ihr sollt euch nach Blumen bücken, hört ihr!</p> + <p class="verse">Kinder emporheben in den goldenen Stromfall des Lichts.</p> + <p class="verse">Sehnen soll euch erfassen</p> + <p class="verse">Nach dem göttlichen Tod im entflammtesten Kuß!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-12"> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +<span class="line1">So haben</span><br /> +<span class="line2">mich die Jahrtausende gesehn —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">So haben mich die Jahrtausende gesehn:</p> + <p class="verse">Hochgebäumt über brodelndem Menschen-Weh.</p> + <p class="verse">Ich war ein Springquell, mein Blutstrahl fiel</p> + <p class="verse">In die tönende Muschel der Erde hinab.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Deingedenken doch war das Rot am Abendhimmel der Schlacht,</p> + <p class="verse">War im zehnfachen Tod die tastende Ewigkeit.</p> + <p class="verse">Komm und brich den Glanz deiner Schönheit</p> + <p class="verse">Lächelnd im Stromfall, wenn ich mich erdwärts ergieße!</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Denn so wird die Welt den fliehenden Augenblick schön</p> + <p class="verse">Und ihr Abglanz spiegelt im Antlitz der Engel sich fort.</p> + <p class="verse">Stürze sie ab!</p> + <p class="verse">Geläuterter Widerschein sind wir, der entflieht.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-13"> +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +<span class="line1">Fluch</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Auf euere Neroschädel treffe dieser Fluch!</p> + <p class="verse">Euch war der Brudermord die beste Konjunktur,</p> + <p class="verse">Euch war der Börsenzettel die präzise Uhr,</p> + <p class="verse">Das Manometer, wo ihr grinsend — o verrucht —</p> + <p class="verse">In Ledersesseln mit umpolsterten Gesäßen</p> + <p class="verse">Den letzten Stand der Blut-Flut lächelnd abgelesen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ach, meine neue Welt, ich weiß ja keine Qual,</p> + <p class="verse">So tief an tiefer Zeit, so weit an weitem Raum</p> + <p class="verse">Und meinen großen Fluch, o Fluch! erreicht sie kaum.</p> + <p class="verse">Denn schnürte ich euch auch an jeden Marterpfahl</p> + <p class="verse">Und bräch mein heilig Zorngefäß an euch in Scherben,</p> + <p class="verse">In tausend Blitzen könnt ihr doch nur einmal sterben!</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Drum seiet ihr — ich will’s! — der Ewigkeit erwählt!</p> + <p class="verse">Daß immer neu die Rache in Erfüllung geht,</p> + <p class="verse">Sei euch der Tod die Stunde, wo ihr aufersteht</p> + <p class="verse">Zu einem Leben, das gleich tausend Leben zählt.</p> + <p class="verse">Aus jedem Euter sollt ihr euch das Sterben melken.</p> + <p class="verse">Mit jedem Grashalm, jedem Blatt sollt ihr verwelken!</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich schmeiße euern Balg in jeden Erdvulkan,</p> + <p class="verse">Ich warte, bis sein Ekel ihn zu Rande speit,</p> + <p class="verse">Ich stürz ihn neuerdings in Glut und Flammenleid,</p> + <p class="verse">Laß ihn hinab, zieh ihn empor wie Last am Kran</p> + <p class="verse">Und will mich höhnisch in ekstatischem Ergötzen</p> + <p class="verse">An seinen Tantalqualen tausend Jahre letzen.</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> + <p class="verse">Ihr trankt der Brüder Blut aus tausendfachem Kelch,</p> + <p class="verse">Verspeistet auch sein Herz und wurdet fett.</p> + <p class="verse">Nun reiß ich’s euch aus klirrendem Skelett</p> + <p class="verse">Und werf es weit im Schnee der Arkten vor den Elch,</p> + <p class="verse">Damit er’s schlinge; daß im Gallenschleim es ende.</p> + <p class="verse">Vielleicht auch findet es den Weg der Exkremente.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich denke mir die Quellenstollen tief genug;</p> + <p class="verse">Zehn Menschenalter sein sie finsterstes Verließ,</p> + <p class="verse">Worin euch meine Faust von Schacht zu Schächten stieß,</p> + <p class="verse">Erschaffend euch in jeder Ferne einen Trug</p> + <p class="verse">Von Luft, Eratmung, hellem Glanz der Tageslichter:</p> + <p class="verse">Doch meine Schlangen gürten eure Brüste dichter.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Auf jedes Rad, wenn sich’s im Staub der Rosse bäumt,</p> + <p class="verse">Sei euer morscher Leib mit Strippen festgespannt,</p> + <p class="verse">Aus jeder Rille, Hufesspur, dem Tritt im Sand</p> + <p class="verse">Aufquelle euch ein Born von Blut, das schäumt,</p> + <p class="verse">Und fülle eure Mäuler, peste auch in Nasen:</p> + <p class="verse">So will ich mit euch durch die neuen Welten rasen!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-14"> +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +<span class="line1">Apokalyptisches Gebet</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nimm doch zurück, o Gott, in deine Stadt</p> + <p class="verse">Von Jaspismauern, Häusern roten Golds,</p> + <p class="verse">In heiliges Gezelt aus schmiegsam Zedernholz,</p> + <p class="verse">So uns dein Grimm, o Gott, gesendet hat:</p> + <p class="verse">Der Kräfte, Mächte, Engel Siebenzahl,</p> + <p class="verse">Die auf uns geußen Schalen wilder Qual.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Sieh, unsre Scheitel flammten auf und aschten grau!</p> + <p class="verse">Was je in Schmerz geboren aus dem Weib,</p> + <p class="verse">Wir decken ja mit blutbeströmtem Leib</p> + <p class="verse">Das Kraterland der Erde; Blut ist Tau,</p> + <p class="verse">Der alle Kelche füllt, aus Keltern träuft.</p> + <p class="verse">Geschlecht der Sünde ward zum Tod gehäuft.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Wo ragt das Schloß, das du erbauen wirst</p> + <p class="verse">Aus Schläfenquadern: Haus der Menschheitsnot?</p> + <p class="verse">Auf kahlen Straßen treibt der Kärrner Tod</p> + <p class="verse">Den Maultierkarren, der von Schädeln birst.</p> + <p class="verse">O düsterer Karren Karawanenzug!</p> + <p class="verse">Der Krähen Volk zieht mit, die Nacht im Flug.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">In Höllengängen, wo Entsetzen Odemgift</p> + <p class="verse">Aus dickverknäulten Brüdermassen zeugt,</p> + <p class="verse">Im Rumpf des Schiffes, das dein Wehen beugt,</p> + <p class="verse">In Tempeln ist es, wo dein Schwertstreich trifft.</p> + <p class="verse">Wir finden auf der Erde, die wir groß geglaubt,</p> + <p class="verse">Nicht ein Versteck für dieses Dornenhaupt.</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> + <p class="verse">Kein Baum, wo im Geäst nicht wehend trieb</p> + <p class="verse">Ein Absalon im letzten Stolz, kein Stein,</p> + <p class="verse">Darunter nicht im Dunkeln das Gebein</p> + <p class="verse">Der Mensch-Skorpione dorrte. Warum schrieb</p> + <p class="verse">Dein Finger eine Sichel nur ans Firmament?</p> + <p class="verse">Zulang die Ernte! — Ende ohne End.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Wie würgten Adler, Löwe ja und Stier</p> + <p class="verse">In uns, o Gott, und knieen vor dem Lamm,</p> + <p class="verse">Der weißen Wolke, die aus Nacht herfür</p> + <p class="verse">Die Sonne deckte am gekreuzten Stamm!</p> + <p class="verse">In zwanzig Zungen, Menschheit schreit zum Herrn:</p> + <p class="verse">Auf reiner Schale reiche uns den Morgenstern!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-15"> +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +<span class="line1">Altartiefe</span><br /> +<span class="line2">sollst du mir enthüllen —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Herzschlag ist nirgends, doch Pochen der Maschine, doch Stundenschlag.</p> + <p class="verse">Odem ist nirgends, doch Qualm der Fabrik, doch Giftgas.</p> + <p class="verse">Sklavenrücken auf Schweißspuren mürrisch geschleppter Last</p> + <p class="verse">Tragen den Fluch in Wüsten, ferne den Tempeln, hinaus.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Dein Urgrund, o Mensch, ist Saatacker voll Unkraut und Moorsumpf,</p> + <p class="verse">Ist Kammer voll Lava,</p> + <p class="verse">Ist Bergwerk gestauter Nacht,</p> + <p class="verse">Ist Tümpel des Drachen, ist Einöde der Schlange —</p> + <p class="verse">Und Herdes Dumpfheit entsendet im Rauch</p> + <p class="verse">Heillose Wechselgestalt des Seins.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Sein, das in Kerkern liegt, treibt alpdrückenden Traum aus Licht.</p> + <p class="verse">Völkerwanderungen, Untergänge, Sturz der Babeltürme, Fluten</p> + <p class="verse">Geschlagener Heere auf Straßen, die Bäche des Blutes entlang:</p> + <p class="verse">Dumpfer Widerstreit deiner Triebe gebiert die Phantome der Schlacht.</p> +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> + <p class="verse">Maschinengespenster mit hurtigem Arm: es schuf sie die Angst.</p> + <p class="verse">Gier stiebt auf in den Mückenschwärmen der Pest.</p> + <p class="verse">Aus rotem Blut hat dein Traum die Fahnen des Aufruhrs gehißt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Tempelwinkel der Seele aber, Altartiefe sollst du mir enthüllen,</p> + <p class="verse">Verlorenen Weihrauchduft und zerbrochenen Heiligenschein,</p> + <p class="verse">Vergessene Heimlichkeit, Kniebeugen der Sehnsucht, die Liebe,</p> + <p class="verse">Dein Göttliches, deine stille Morgenschönheit, deine Psalmmelodie,</p> + <p class="verse">Das Schneeskleid deiner Lammesgüte, den Blumenhauch, dein Herz!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-16"> +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +<span class="line1">Erde — o Erde</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Erde, o Erde,</p> + <p class="verse">Wer hieß uns wandeln auf Blutäckern, auf Leichengefild,</p> + <p class="verse">Wer hat uns zum Dünger bestellt</p> + <p class="verse">Für Saatfrucht des Morgen, die eigenem Samen entsprießt?</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Zackiger Flügelschlag des Drachen</p> + <p class="verse">Und sein Doppelstrahl aus goldenen Nüstern,</p> + <p class="verse">Purpurbeschlagener Rachen des Löwen und Tigersprung,</p> + <p class="verse">Schillernd herkriechende Schlangennähe und Ebers Zahn,</p> + <p class="verse">Brüllende Zorngiere gehörnter Ure, Auswurf verschmitzten Lamas</p> + <p class="verse">Und plattfüßig gewälzte Wucht der Bäre,</p> + <p class="verse">Und Stachel und Biß und Hieb und Hinterhalt,</p> + <p class="verse">Wurf, Stich, Überfall, Angriff — Erde, o Erde:</p> + <p class="verse">So drohet die Geste, mit der du dich gegen uns Schollensöhne erhobst,</p> + <p class="verse">So sengt, brennt, giftet das Kleid deiner Feindschaft,</p> + <p class="verse">So zündet der Glanz deines Harnischs, in Bilder der Angst zerträumt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Heillosestes Bild, du bist es uns — Mensch! — —</p> + <p class="verse">Da schält uns Sonne aus Mitleidshüllen des Schlafs</p> + <p class="verse">Und zieht uns im Strahlglanz aufs Festland der üppigsten Schlacht.</p> +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> + <p class="verse">Von Wunden löst sie das leichthin getrocknete Siegel</p> + <p class="verse">Und zahllos — im Bogen gekreuzt —</p> + <p class="verse">Ergießt sich heiliger Springquell des Bluts.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Erde, o Erde,</p> + <p class="verse">Wo retten wir hin</p> + <p class="verse">Ärmliches Unsgehören des Schlafs?</p> + <p class="verse">O nähme Wipfel der Esche uns auf,</p> + <p class="verse">Daß Sterne fielen in heiter beruhigten Traum</p> + <p class="verse">O bettete See uns kühl, wo hoch die Glocken</p> + <p class="verse">Aus Türmen läuten im grünen und goldenen Strom,</p> + <p class="verse">O schliefen wir fort an Brüsten der seligsten Frau,</p> + <p class="verse">Von Kindheitsliedern unendlich gewiegt! —</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Doch sollen wir träumens noch wissen,</p> + <p class="verse">Wie grimmig wir tags uns mähten</p> + <p class="verse">Zu Dünger — zu Speise des Kots.</p> + <p class="verse">Aus Tiefen grellt auf</p> + <p class="verse">Funke gezückten Schwerts.</p> + <p class="verse">Schlachtlärm tost in der heulenden Schnecke des Ohrs</p> + <p class="verse">In Augen bricht nieder</p> + <p class="verse">Stützen von Leibern quer weg über Lanzen</p> + <p class="verse">Und Rücklingsbäumen von Pferden mit schmerzhaft geblecktem Gebiß.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Erde, o Erde!</p> + <p class="verse">Blut ist dein Trank,</p> + <p class="verse">Fleisch ist hehre Speise deinem Mund.</p> + <p class="verse">Dein Glanz, das Weltall durchdämmernd,</p> +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> + <p class="verse">Ist Glanz der Schwerter, geschwungen von Menschenhand.</p> + <p class="verse">Dein Brausen auf blauer Sonnenbahn</p> + <p class="verse">Ist Donner der niebeendeten Schlacht.</p> + <p class="verse">Im Säulendrehn dein goldener Himmelsrauch</p> + <p class="verse">Ist Opfergruß des getränkten Altars.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-17"> +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +<span class="line1">Warum fällt denn nicht —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Warum fällt denn nicht die Sonne, Herr, aus deiner Hand?</p> + <p class="verse">Warum stürzen nicht im Strom der Falten</p> + <p class="verse">Weithin klirrend die Gestirne nieder?</p> + <p class="verse">Warum zittern nicht die fluchverwiesnen Erden,</p> + <p class="verse">Dunkeln blutbeströmt beschämte Monde nicht?</p> + <p class="verse">Warum welken nicht, vom Aschenatem angeweht,</p> + <p class="verse">Bäume, Gräser, wie vom Wurzelwurm zernagt?</p> + <p class="verse">Warum lodert nicht der Liebe Kuß verzehrend</p> + <p class="verse">Flammend auf?</p> + <p class="verse">Warum dorrt die Frucht im Kelch der Frauen nicht?</p> + <p class="verse">Warum stirbt denn nicht im Tröstermund dein Gotteswort?</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Gott der Wüsten, du bist überlistet!</p> + <p class="verse">Hast du nicht die sieben Farben einst ans Firmament gesetzt,</p> + <p class="verse">Kündend, daß die Flut nie wiederkehre! —</p> + <p class="verse">Doch es war nicht ausgemacht, ob Wassers, ob des Bluts,</p> + <p class="verse">Und wir haben dich mit unserm Blut betrogen, Herr!</p> + <p class="verse">Sieh, aus Flüssen, aus Kanälen quillt’s,</p> + <p class="verse">Aus den Ritzen des Planeten wie aus dorngekröntem Haupt!</p> + <p class="verse">Denn gespiegelt sieht, o Herr, dein Ebenbild</p> + <p class="verse">Lauernd Mensch im andern und sein Haß auf dich</p> +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> + <p class="verse">Treibt verwirrten Triebes splitternd zu zerschlagen</p> + <p class="verse">Jenen Spiegel, fortzuscheuchen</p> + <p class="verse">Schreckendes Phantom.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">O er trug ja welke Last des Daseins lang auf Schultern,</p> + <p class="verse">Tempelschüler war er aller abgelebten Alter,</p> + <p class="verse">Ward gelangweilt, ach, mit deiner Götzen</p> + <p class="verse">Pfauenäugig bunter, ungezählter Schar,</p> + <p class="verse">Ward von jedem grauen Wahn in Schlangenkreisen</p> + <p class="verse">Tausend Jahre lang umhergenarrt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Hoch auf Wolken türme sich, o Gott, dein nah Gericht!</p> + <p class="verse">Wehe Völker recken tausend Arme</p> + <p class="verse">Brünstig deinem flammennahen Blitz entgegen,</p> + <p class="verse">Gieren Nacht und Tag um Gnade der Zerstörung,</p> + <p class="verse">Auszutilgen, was sich selbst mit Gram belud,</p> + <p class="verse">Auszurotten, was sich selbst sein Gift gebar,</p> + <p class="verse">Auszulöschen, was sein eignes Fleisch geschändet.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Schall des Endes, wenn erhobene Posaunen</p> + <p class="verse">Aus vier Winden letzten Gang verkünden:</p> + <p class="verse">Töne bald und breche berstend in den Chor</p> + <p class="verse">Dröhnenden Gemordes, ins Gebraus</p> + <p class="verse">Dunklen Blutes, das an Säulen brandet</p> + <p class="verse">Morschen Tempels</p> + <p class="verse">Totgeglaubten Gotts.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-18"> +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +<span class="line1">Es werden sich die</span><br /> +<span class="line2">Posaunen des Gerichts erheben —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben.</p> + <p class="verse">Aus einer Wolke, die sich erdwärts neigt,</p> + <p class="verse">Ragen die schlanken, zuckenden Rohre —</p> + <p class="verse">Tausend sind es an der Zahl —.</p> + <p class="verse">Ihr Schall trifft lanzensteil, schwertschlank,</p> + <p class="verse">Die Gewänder der Bläser bauschen sich im Erzgebraus</p> + <p class="verse">Rund auf wie Schwanengefieder.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Über der Erde aufgeworfenes Hügelland</p> + <p class="verse">Ist wimmelnd hingebreitet alles Fleisch.</p> + <p class="verse">Ganze Völker, Sippen, Jahrtausende reihen sich hügelan,</p> + <p class="verse">Schultern von Frauen glänzen rhythmisch wie Wellenkämme im Meer.</p> + <p class="verse">Haar stammt auf. Blicke dämmern in violettener Nacht.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und Schall der Posaunen nimmt sie auf stählernen Rücken,</p> + <p class="verse">Die Zonen der Luft sind angefüllt von sanfthinschwebenden Leibern.</p> + <p class="verse">Manche sind leicht, es trägt sie verschwimmendes Wolkenrot wie Rosenblätter;</p> + <p class="verse">Andere hanteln an flatternden Tüchern sich hoch.</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> + <p class="verse">Mütter bergen die Kinder in schützendem Arm,</p> + <p class="verse">Nackthineilende Frauen decken mit schattenden Händen</p> + <p class="verse">Die Scham.</p> + <p class="verse">Augen sind, in denen die Welt wie berstender Sternhimmel ineinanderstürzt,</p> + <p class="verse">Augen voll Schuld und traumvergessener Angst,</p> + <p class="verse">Greller, tagheller Wiederkehr verjährtester Tat.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und keiner möchte</p> + <p class="verse">Der Erste sein vor dem Blitz aus der goldenen Wolke,</p> + <p class="verse">Männer mit Würdebärten drängen sich vor, weichen voll Zagens zurück.</p> + <p class="verse">Es stauen sich Völker, Mauern des Fleischs</p> + <p class="verse">Und Leiber sind angstvoll vermischt</p> + <p class="verse">Im Mantel der ungewissesten Qual.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Jenseits aber ist Stürzen in klaffende Tiefen,</p> + <p class="verse">Girlanden aus wirrvoll verschlungenen Körpern</p> + <p class="verse">Ranken aus helleren Tiefen ins Dunkel hinab.</p> + <p class="verse">Sünder haben die Hände vors schreiende Antlitz geschlagen,</p> + <p class="verse">Knie zerbersten, Rücken zerbrechen im schwindelnden Fall.</p> + <p class="verse">Loderndes Haar flammt züngelnd dem Feuer entgegen.</p> + <p class="verse">Sie stürzen mit Köpfen voraus.</p> + <p class="verse">Aus Mündern dünstet die bläuliche Wolke des Fluchs.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-19"> +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +<span class="line1">Wenn drunten</span><br /> +<span class="line2">dunkel die Posaunen brausen —</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen,</p> + <p class="verse">Als Sonnenstäubchen werde ich zum Lichtquell aufwärtsstreben.</p> + <p class="verse">Von feinen Händen fühl ich unter Schultern mich gefaßt,</p> + <p class="verse">Mich trägt ein Schwanenflügelpaar,</p> + <p class="verse">Der goldne Odem eines Engels überströmt mich warm.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Noch bin ich ganz von Schollenlast betäubt,</p> + <p class="verse">Noch kreisen Regenbogen hinter wehgeschlossnen Lidern</p> + <p class="verse">Glanzlichternd gleitet noch die grüne Schlange der Verwesung</p> + <p class="verse">Um meinen marmorn-abgekühlten Leib.</p> + <p class="verse">Ein Wiegenlied — unendlich tief, verschlafen —</p> + <p class="verse">Von Äolsharfen weit aus Pappelwipfeln hergeflockt,</p> + <p class="verse">Träumt mir im Ohre nach.</p> + <p class="verse">Ich schwimme müd-gestreckt im Fluß der Sonne.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Da fällt mich, den sein Schutzgeist trug,</p> + <p class="verse">Ein Nachtgespenst, ein fledermausgeflügelt Untier an.</p> + <p class="verse">Der Krallen Zwölfzahl — Monde sind’s, die aneinanderklirren —</p> + <p class="verse">Stürzt sich gleich Sicheln in mein trübes Fleisch.</p> + <p class="verse">Die Nüstern qualmen stinkendes Gewölk,</p> +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> + <p class="verse">Das Maul bespeit mich frech mit Eiter, Schleim und Galle;</p> + <p class="verse">Erschrocken sehe ich in grausem Hundsgesicht,</p> + <p class="verse">In Augen, die wie Licht im Wind verflackern,</p> + <p class="verse">Die schlankgestreckte Landschaft meiner Sünden, Frevel Süchte.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Um mich tobt der Zweikampf.</p> + <p class="verse">Manchmal sinke ich hinab, es stürzt mit geiler Wucht</p> + <p class="verse">Des Bösen lastendes Gewicht auf mich;</p> + <p class="verse">Dann steige ich empor, vom guten Geist emporgerafft,</p> + <p class="verse">Sein silbern Flügelpaar verebbt in müder Luft.</p> + <p class="verse">Die müde Luft erklingt von hellem Kampf.</p> + <p class="verse">Um die Erstandnen rast die Schlacht entzweiter Mächte.</p> + <p class="verse">In sich verbissne Knäuel schweben hin.</p> + <p class="verse">Stürzt jetzt die Last in enger Krallenhaft zur Erde.</p> + <p class="verse">Schwebt sie mit ihrem Engel siegend auf?</p> + <p class="verse">Ich bin der Kräfte Spiel im schalldurchbrausten Meer.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-20"> +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +<span class="line1">Trümmer</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p> + <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen;</p> + <p class="verse">Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen,</p> + <p class="verse">Daß keiner käme, meine Torheit priese.</p> + <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p> + <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Mein Babelturm ließ seine Wolkenfahne</p> + <p class="verse">Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen.</p> + <p class="verse">Gewundne Treppen wollten aufwärtsweisen,</p> + <p class="verse">Dem wachen Hochmut seinen Himmelssteig zu bahnen.</p> + <p class="verse">Mein Turm des Ichs ließ seine Wolkenfahne</p> + <p class="verse">Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Doch fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten,</p> + <p class="verse">Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder</p> + <p class="verse">Und beugte meinen Schlaf und warf mich nieder.</p> + <p class="verse">In meine Träume stürzt er seine Quaderlasten.</p> + <p class="verse">Es fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten,</p> + <p class="verse">Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker,</p> + <p class="verse">Doch oben brannten Sterne in den Haaren.</p> + <p class="verse">Wie sollte ich mein blassres Licht bewahren?</p> + <p class="verse">Kein Wirbelsturm der Täler tobte ärger.</p> + <p class="verse">Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker,</p> + <p class="verse">Doch oben brannten Sterne in den Haaren.</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> + <p class="verse">Da war ich’s selber, der auf der Altane</p> + <p class="verse">Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen.</p> + <p class="verse">Er zückte nieder. Erker barsten, Stuben.</p> + <p class="verse">Zerworfner Schutt begrub die Wolkenfahne.</p> + <p class="verse">Da war ich’s selber, der auf der Altane</p> + <p class="verse">Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p> + <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen;</p> + <p class="verse">Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen,</p> + <p class="verse">Daß keiner käme, meine Torheit priese.</p> + <p class="verse">Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese</p> + <p class="verse">Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen.</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-21"> +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +<span class="line1">Trost</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Es sind auch nicht all, o Gott, deine Gedanken</p> + <p class="verse">Nur Lämmer, von gütlicher Wärme beschneite,</p> + <p class="verse">Und dehnen nicht all sich</p> + <p class="verse">Nach seligem Tanz an Hängen von Klee</p> + <p class="verse">In süßen Schalmeiton des schläfrigen Monds.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">In Pfauen auch denkst du</p> + <p class="verse">Und starrst in gespreizter Eitelkeitsgier</p> + <p class="verse">Aus Augen, in Fächern,</p> + <p class="verse">Vom Tempelteppich gewirkten Allsehens</p> + <p class="verse">In ewige Brunst des Lichts hinein.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">In Tigers Kraft selbst dunkelt dein Groll,</p> + <p class="verse">Entflammt im Zinnober des Rachens noch Gier.</p> + <p class="verse">In Schlangen wirft Hinterlist metallischen Schimmers</p> + <p class="verse">So giftigen Ring vor ein ärmer Geschöpf.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Auch bist du ja Flamme und Lohe und Feuersbrunst,</p> + <p class="verse">Getümmelte Wogenherde, Zentaurenschar, Schlund,</p> + <p class="verse">Bist Zickzack und Blitz, Erdbeben, Vulkanausbruch,</p> + <p class="verse">Zusammenprall der Planeten, bist Untergang.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Doch wie du es bist, Gott: auch ich muß es sein.</p> + <p class="verse">O wandle mich denn in schwindenden Formen ab!</p> + <p class="verse">Denn Flamme schon war ich und Lohe und Feuersbrunst,</p> + <p class="verse">Erd-Erbeben — Vulkanausbruch — Untergang.</p> + <p class="verse">Als Tiger der Dschungeln ich trug</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> + <p class="verse">Im Nacken gefiederte Pfeile hinab,</p> + <p class="verse">Schweifte als Pfau an Tempelsäulen der Juno vorbei,</p> + <p class="verse">Lag lauernd geschmiegten Schlangenleibs</p> + <p class="verse">Im Schatten der lehmigen Diele zur Nacht. —</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Gib Güte nun endlich,</p> + <p class="verse">Wärme des schneeigen Lämmerkleids!</p> + <p class="verse">Hülle mein Herz, o Gott,</p> + <p class="verse">In Sehnsucht der Hirtenschalmei!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-22"> +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +<span class="line1">Der neue Mensch</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Aus Unform, Irrform, Wirrform,</p> + <p class="verse">Aus Zwitterform und Aberform der Zeit</p> + <p class="verse">Schreitet in banger Zuversicht der neue Mensch.</p> + <p class="verse">Die Brodemnebel veraschter Leichenhügel</p> + <p class="verse">Sind unter ihm.</p> + <p class="verse">Die Meere gekelterten Bluts, die Ströme, die Schaum krönt,</p> + <p class="verse">Sind unter ihm.</p> + <p class="verse">Die Babeltürme versteinter Irrtümer</p> + <p class="verse">Sind unter ihm.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Er schreitet: mehr Stirne als Kinn, mehr Gott als Tier.</p> + <p class="verse">Im Zackengeklüfte der Felsen</p> + <p class="verse">Nur manchmal hört er das Echo</p> + <p class="verse">Verworrenen Brudermords, verjährten Totschlags.</p> + <p class="verse">Denn jung war er noch, als Donner verzückter Kanonen</p> + <p class="verse">Die alten Jahrtausende pomphaft zu Grabe geläutet.</p> + <p class="verse">Das war einmal:</p> + <p class="verse">Schwertertag und Lorbeersieg,</p> + <p class="verse">Klirrender Klingenkampf und Triumphglanz,</p> + <p class="verse">Das war einmal:</p> + <p class="verse">Irgendwo, fern, irgendwann.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Er schreitet in nacktem Verzicht.</p> + <p class="verse">Er badet sich rein</p> + <p class="verse">Im weißen Quell des Gedankens.</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> + <p class="verse">Er nimmt — lächelnd, großmütig und gütig —</p> + <p class="verse">Den armen Planeten in warme, umgitternde Hände</p> + <p class="verse">Und hebt ihn hinauf in den läuternden</p> + <p class="verse">Lichtstrom der Sonne, bettet ihn sanft in die kühlen</p> + <p class="verse">Heilenden Rosen der Morgenröte und wartet</p> + <p class="verse">Des dämmernden Tags.</p> + <p class="verse">Nicht wissen durchaus will er des Gestern.</p> + <p class="verse">Denn Gestern: Das ist ja gesammelter Fluch,</p> + <p class="verse">Geballtes Verhängnis, genetztes, tausendmaschig</p> + <p class="verse">Gefädeltes Schicksal. Nicht wissen will er des Gestern.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">In Schutt sieht er stürzen</p> + <p class="verse">Dorische Säulen, Akanthus und gotische Fenster,</p> + <p class="verse">Gemauerte Schreie des Gottwahns verblichener Zeiten</p> + <p class="verse">Er fället der Götzen glanzbäuchige Hochmut</p> + <p class="verse">Und glüht in den Bränden des Alten sein jugendlich Herz,</p> + <p class="verse">Dies Pfand der Allmacht,</p> + <p class="verse">Die brausende Mitte des neuen, schaffenden Seins.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Und also weiß er zu beten: — Nichts über mir!</p> + <p class="verse">Im Anfang war ich. Ich werde im Ende sein,</p> + <p class="verse">Bin ich doch Tempel, Gott, Beter zugleich</p> + <p class="verse">Und krümme den Rücken so wenig der mummenumschanzten Hoheit</p> + <p class="verse">Als Lasten, die fremder Wille mir auflädt.</p> + <p class="verse">Ich bin so berechtigt als irgend ein Mensch.</p> + <p class="verse">Nichts über mir!</p> + </div> + <div class="stanza"> +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> + <p class="verse">Frauen will ich nicht suchen gehn. Sie nahen allein!</p> + <p class="verse">In ihrem Lächeln der Wollust</p> + <p class="verse">Einschleichend wälzen sich früheste Alter der Erde</p> + <p class="verse">In unseren kornreifen, ausgeglätteten Sommertag.</p> + <p class="verse">Die List ihrer Buhlschaft reicht uns die rostigen Schwerter</p> + <p class="verse">Hellbrünstigen Zweikampfs. Besitzgier und Eifersüchte</p> + <p class="verse">Spornen in uns nichtigen Krämergeist, Hamstersorge.</p> + <p class="verse">Wütendes Morden des Fleischs,</p> + <p class="verse">Wer stiftet es anders, als die es gebar: Helena,</p> + <p class="verse">Die maskenschöne Mutter der irdischen Kriege?</p> + <p class="verse">Wer säh sich nicht vor!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-23"> +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +<span class="line1">Die Fahrt</span> +</h2> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr</p> + <p class="verse">Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen.</p> + <p class="verse">Noch sind alle Segel von blutendem Abend rot;</p> + <p class="verse">Im Brackwasser ertrinkt in tausend Rubinen zerstäubter Komet.</p> + <p class="verse">Tief-Schlummernder bin ich,</p> + <p class="verse">Da scheucht erster Strahl den Alpdruck der engen Kabine.</p> + <p class="verse">Mitternächtiger Wintertraum unter Dächern des Schnees</p> + <p class="verse">Kleidet vergessene Spiegel mit jauchzendem Lenzgrün aus,</p> + <p class="verse">Tollt mit zerfetztem Haar im Glanz die Alleen entlang,</p> + <p class="verse">Jubelt im Birkenwipfel des Hügels ein harfenes Lied,</p> + <p class="verse">Sinkt als Frühtau mit kreisenden Himmeln die Kelche hinab.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Im Golfstrom des Lichtes saust glühende Erde empor.</p> + <p class="verse">Mit herzhafter Kraft umgürtet die Sonne das taumelnde Rund.</p> + <p class="verse">Ihr Licht trinkt die haftenden Dämpfe des Blutes hinweg,</p> + <p class="verse">Ihr heilender Atem saugt Pestgift und Brandhauch in sich.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Nun steig ich hinauf,</p> + <p class="verse">Letzte Wendeltreppen,</p> +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> + <p class="verse">Schattenlabyrinthe hinauf!</p> + <p class="verse">Trunkener Aufstieg peitscht schon die tummelnden Wogen des Herzens voraus.</p> + <p class="verse">Und ich stehe an höchstem Bord, auf fliegender Brücke am Steuerrad</p> + <p class="verse">Und winke die farbigen Vögel heran</p> + <p class="verse">Und winke Delphine heran</p> + <p class="verse">Und Fische mit silbernen Schuppen, mit güldenen Flossen</p> + <p class="verse">Und Haie und Wale und Robben und Rosse</p> + <p class="verse">Und alle geschäumten Wogen, die von den Polen schießen,</p> + <p class="verse">Und alle Sternbilder, auf schaukelnden Wassern an Bord gewiegt.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Der neue Mensch hält auf die Sonne zu.</p> + <p class="verse">Sein Herz umfaßt mit dem Strahlglanz den magischen Spiegel der Welt</p> + <p class="verse">Und jeglicher Atem strömt in den goldenen Becher zurück.</p> + <p class="verse">Mit ihm wird die Erde das fährliche Kap der Nächte umschiffen,</p> + <p class="verse">Krieg, Krankheit, Entzweiung, Verzweiflung umschiffen</p> + <p class="verse">Und Ekel der Wollust</p> + <p class="verse">Und Blutgier</p> + <p class="verse">Und Brunst.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Zermürbte Monde schon decken die Schädelstätte entfremdeter Nacht.</p> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> + <p class="verse">Träume versinken im Blachfeld der Not.</p> + <p class="verse">Alpdruck und Nachtmahr gurgeln im Sumpf hinab.</p> + <p class="verse">Denn offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr</p> + <p class="verse">Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">All-Lebendes wandelt im Goldtau sein Herz</p> + <p class="verse">Und trägt es mir zu. Aus Palmenwipfeln</p> + <p class="verse">Wiegt sich fasanenbeschwingte Sehnsucht heran,</p> + <p class="verse">Aus Ranken der Beere dehnt es sich nah,</p> + <p class="verse">Zinnoberne Schnecken herkriechen auf silberner Spur.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Die Fahrt ist im Gang,</p> + <p class="verse">Die Erde im Brausen tönt selber Triumphgesang.</p> + <p class="verse">Folgt alle!</p> + <p class="verse">Ich steure die Arche auf goldener Flut!</p> + <p class="verse">Schon ist die Taube auf Wegen zu Gott voraus!</p> + </div> + </div> +</div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-0-24"> +<span class="line1">Inhaltsübersicht</span> +</h2> + +<div class="table"> +<table class="toc" summary="TOC"> +<tbody> + <tr> + <td class="col1">Johanni</td> + <td class="col_page"><a href="#page-5">5</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Ich — Du</td> + <td class="col_page"><a href="#page-6">6</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-7">7</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Als ich im ersten Viertel des Monds —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-9">9</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Es werde Licht</td> + <td class="col_page"><a href="#page-11">11</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Lied</td> + <td class="col_page"><a href="#page-12">12</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Liebesode</td> + <td class="col_page"><a href="#page-13">13</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Im Abenddämmern zwischen den Jahren —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-14">14</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der Kranke</td> + <td class="col_page"><a href="#page-15">15</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Nacht</td> + <td class="col_page"><a href="#page-18">18</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Ich komme aus meinen Träumen —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-20">20</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">So haben mich die Jahrtausende gesehn —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-22">22</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Fluch</td> + <td class="col_page"><a href="#page-23">23</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Apokalyptisches Gebet</td> + <td class="col_page"><a href="#page-25">25</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Altartiefe sollst du mir enthüllen —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-27">27</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Erde — o Erde</td> + <td class="col_page"><a href="#page-29">29</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Warum fällt denn nicht —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-32">32</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-34">34</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen —</td> + <td class="col_page"><a href="#page-36">36</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Trümmer</td> + <td class="col_page"><a href="#page-38">38</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Trost</td> + <td class="col_page"><a href="#page-40">40</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der neue Mensch</td> + <td class="col_page"><a href="#page-42">42</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Die Fahrt</td> + <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td> + </tr> +</tbody> +</table> +</div> + + +<div class="trnote"> +<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> + +<p> +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + +<ul> + +<li> +... An schlanke Deichsel sind gold<span class="underline">gezäunte</span> Rosse gespannt, ...<br /> +... An schlanke Deichsel sind gold<a href="#corr-0"><span class="underline">gezäumte</span></a> Rosse gespannt, ...<br /> +</li> + +<li> +... So hing ich über diesem <span class="underline">tiefstem</span> See. ...<br /> +... So hing ich über diesem <a href="#corr-2"><span class="underline">tiefsten</span></a> See. ...<br /> +</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte, by Julius Maria Becker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE *** + +***** This file should be named 52219-h.htm or 52219-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/5/2/2/1/52219/ + +Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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