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-Project Gutenberg's Kreuz und Quer, Erster Band, by Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Kreuz und Quer, Erster Band
- Neue gesammelte Erzählungen
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Release Date: April 16, 2017 [EBook #54555]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, ERSTER BAND ***
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]
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- Kreuz und Quer.
-
- Neue gesammelte Erzählungen
- von
- Friedrich Gerstäcker.
-
- Erster Band.
-
- Leipzig,
- Arnoldische Buchhandlung.
- 1869.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichniß.
-
-
- Seite
-
- 1. Den Teufel an die Wand malen 1
-
- 2. Booby-island 176
-
- 3. Zacharias Hasenmeier's Abenteuer 225
-
- 4. Das Hospital auf der Mission Dolores 280
-
- 5. Eine Polizeistreife in Cincinnati 330
-
-
-
-
-Den Teufel an die Wand malen.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Das Wandgemälde.
-
-
-In seinem kleinen Atelier, drei Treppen hoch in der Osterstraße, stand der
-junge Maler Ernst Tautenau auf einer Art von Treppenleiter, die Kohle in
-der Hand, und entwarf auf der weiß getünchten Seitenwand eine groteske
-Figur in übermenschlicher Größe.
-
-Es schien eine Art von Faun zu sein -- ein nicht unschöner Kopf, aber mit
-gierig lüsternem Blick, und breiten, sinnlichen Kinnbacken -- der nackt,
-nur mit einem breiten Gürtel von Weinlaub und -- sonderbarer Weise
-Spielkarten um die Hüften, trotzdem ein paar große Epauletten auf den
-bloßen Schultern trug, aber in der Hand ein großes Herz hielt, wie man
-sie wohl von Pfefferkuchen macht, und eben im Begriff stand dasselbe
-auseinander zu brechen.
-
-Er war noch eifrig mit der Ausführung der Figur beschäftigt, als sich, ohne
-vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenüber liegende Thür öffnete, und
-ein junger Mann mit breitrandigem schwarzen Filzhut, den Zipfel des langen
-blauen Mantels über die linke Schulter geschlagen, dabei mit vollem weichen
-braunen Bart und ein paar großen ehrlichen Augen, lachend auf der Schwelle
-stehen blieb, und das neu erstehende Werk des Freundes betrachtete.
-
-»Alle Wetter Ernst,« rief er dabei, »was malst Du denn da? ich glaube gar
-»den Teufel an die Wand.« Was fällt Dir denn ein?«
-
-»Du könntest am Ende Recht haben, Frank,« sagte der Angeredete, der kaum
-den Kopf nach dem Eintretenden wandte, und sich auch in seiner Arbeit nicht
-stören ließ. »Der Bursche ist in der That mehr Teufel als Faun und eine
-kleine Aenderung kann da nachhelfen.« Noch während er sprach wuchsen der
-Gestalt an der Wand ein paar kurz aufsteigende spitze Hörner und zwischen
-den Kartenblättern und dem Weinlaub krümmte sich ein, mit einem dicken
-Haarbüschel versehener Schweif heraus.
-
-»Hahaha,« lachte Frank, »der Teufel mit Epauletten -- gewissermaßen in
-Generals-Uniform bei großer Gala -- die Idee ist nicht schlecht. Aber,
-Menschenkind, was soll die Spielerei? oder arbeitest Du im Auftrag irgend
-eines Ministeriums, um vielleicht Frescobilder für einen Ständesaal zu
-entwerfen?«
-
-»Und kennst Du den Burschen nicht?«
-
-»Wen? Seine höllische Majestät mit dem Pfefferkuchen-Herz in der Hand? --
-Das muß gut zu dem Schwefel schmecken?«
-
-»Ich meine das Gesicht.«
-
-»Hm, in dem Gesicht liegt in der That etwas Bekanntes,« sagte Frank, es
-jetzt aufmerksamer betrachtend. »Also es ist keine Phantasie?«
-
-»Nein.«
-
-»Portrait?«
-
-»Vielleicht -- Du kennst das Original jedenfalls.«
-
-»Zum Teufel auch, die Epauletten bringen mich darauf -- der Major von
-Reuhenfels, wie?«
-
-Ernst nickte stumm vor sich hin -- »Allerdings,« sagte er endlich, »der
-Herr Major von Reuhenfels, den ich mir hier zu meinem besonderen Vergnügen
-abconterfeit habe.«
-
-»Und liebst Du den so sehr, daß Du sein Bild immer vor Augen haben willst?«
-
-»Ja,« sagte Ernst finster und mit fest zusammengebissenen Zähnen, »so
-innig, daß ich -- aber zum Teufel auch, ich will mir den schönen Tag nicht
-verderben und habe mir nur den Spaß gemacht die Fratze hier an die Wand zu
-zeichnen.«
-
-»Aber Du hast karrikirt -- der Major ist wirklich was man einen schönen,
-stattlichen Mann nennt.«
-
-»Ein Fleischklumpen mit einem paar Unterkiefern, wie eine Kuh.«
-
-»Das spricht für seine gastronomischen Leistungen,« lachte Frank.
-
-»Und mit einem paar Lippen wie ein Faun -- selbst der Schnurrbart kann den
-widerlichen Zug derselben nicht verbergen.«
-
-»Aber sage mir nur, weshalb Du eine solche Wuth auf den armen Teufel hast.
-Hat er Dir denn je etwas zu Leide gethan?«
-
-»Ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen.«
-
-»Also gefällt Dir blos sein Gesicht nicht.«
-
-»Du setzest die Worte falsch -- mir gefällt sein Gesicht nicht bloß, er
-sollte einen Schleier darüber tragen, wie der Prophet von Khorassan und ich
-glaube bei Gott, er hat in seinem Charakter Aehnlichkeit mit dem.«
-
-Frank lachte, warf den Mantel und Hut auf den nächsten Sessel, sich selber
-in einen, der Staffelei schräg gegenüber stehenden Lehnstuhl und sagte
-dann, indem sein Blick an dem auf der Staffelei befindlichen und noch nicht
-vollendeten Bild haftete:
-
-»Du hast etwas auf dem Herzen, Ernst, herunter damit, ich bin gerade in
-der Stimmung Dir als »älterer Freund« -- denn Dein Geburtstag fällt auf den
-25sten, meiner aber schon auf den 14ten Juni, einen guten und väterlichen
-Rath zu ertheilen. -- Aber vorher sage mir erst einmal, was Du aus dem Bild
-da machen willst. Ich werde nicht daraus klug, und Du mußt es ja auch in
-den letzten zwei Tagen, wo ich Dich nicht gesehen, nur so auf die Leinwand
-geworfen haben.«
-
-Das Bild stellte eine wilde Alpenlandschaft vor, mit rechts einer
-sogenannten »Lanne,« einem grünbewachsenen, ziemlich schräg abfallenden
-Bergabhang, an welchem ein paar einzelne Lärchen-Tannen wuchsen. An der
-einen stand eine Mädchengestalt, mit im Winde flatternden Locken, und
-den Baum, wie Schutz suchend, umklammernd. Oben an der, von der Lanne
-emporstrebenden Bergwand, setzte ein Rudel Gemsen in voller Flucht hinüber
--- die Thiere waren wenigstens flüchtig angedeutet.
-
-»Was soll denn das vorstellen?« -- fuhr er nach einer kleinen Weile fort
--- »willst Du noch irgendwo einen Räuberhauptmann anbringen, der die junge
-Dame überfällt? Sie umfaßt ja den Baum als ob sie ihn im Leben nicht wieder
-los lassen wollte.«
-
-Trautenau hatte seine Arbeit indessen keinen Augenblick unterbrochen, und
-die Gestalt an der Wand nur noch immer mehr ausgeführt. Er verschönerte
-aber die Figur keineswegs, und schien fast Gefallen daran zu finden, den
-Ausdruck aller bösen Leidenschaften in das Gesicht hinein zu legen. Jetzt
-drehte er sich um, stieg herunter, warf die Kohle auf den Tisch, wusch sich
-die Hände in einem daneben stehenden Becken und sagte:
-
-»Du sollst die Geschichte hören, Frank -- wenn auch nur in ihren flüchtigen
-Umrissen -- ich wollte es Dir schon lange erzählen, und Dich um Deinen
-Rath fragen. Aber wir müssen dazu ungestört sein, denn wenn ich einmal
-unterbrochen werde, weiß ich nicht, ob ich den Muth haben werde, zum
-zweiten Male zu beginnen.«
-
-Damit ging er zur Thür, riegelte sie zu, warf noch einen festen Blick
-über das unvollendete Bild auf der Staffelei und begann dann, indem er mit
-untergeschlagenen Armen im Zimmer auf- und abging:
-
-»Ich war im vorigen Herbst, wie Du weißt, in Tyrol, jene Gegend ist aus
-einem der dortigen Thäler; ich wanderte mit meiner Mappe durch den wilden
-Grund, als ich plötzlich einen gellenden Hülferuf höre, und aufschauend,
-gar nicht so weit über mir eine weibliche Gestalt in einem lichten Kleide
-und jener Stellung, wie Du sie hier auf dem Bilde findest, den Baum
-umklammern sehe. Nirgend weiter war mehr ein menschliches Wesen zu
-entdecken, und obgleich ich mir nicht denken konnte, weshalb die Dame
-schrie, denn eine Gefahr gab es ringsum nicht, säumte ich doch nicht, so
-rasch mich meine Füße trugen, dort hinauf zu eilen, was auch mit keinen
-großen Schwierigkeiten verbunden war.«
-
-»Ich fand ein Mädchen -- erlaß mir die Beschreibung -- Du kennst sie auch
-wahrscheinlich selber, denn sie wohnt seit vorigem Winter mit ihrem Vater
-hier in M--«
-
-»Und wie heißt sie?«
-
-»Den Namen nachher. -- Es war ein Wesen, so zart und duftig, als ob es
-dieser Erde gar nicht angehöre -- eine Bergelfe, die ihre Zeit verpaßt, und
-am hellen Tag aus ihrem Schlupfwinkel herausgekommen war, um sich --«
-
-»An einen Baum anzuklammern und zu schreien,« sagte Frank trocken.
-
-»Du hast sie nicht gesehen und verstehst mich deshalb nicht,« erwiderte,
-verdrießlich über den prosaischen Einwurf, der Freund. »Was wußte das arme
-Kind von den Bergen. Muthwillig, in kindlichem Uebermuth war sie ihrer
-Gesellschaft davon gelaufen, um hier über den grünen Wiesenhang hin ein
-Stück vom Weg abzuschneiden, bis sie die Lanne steiler fand, als sie
-Anfangs geglaubt und nun schwindlich wurde und Angst bekam. Kaum erreichte
-sie noch den Baum, als sie ihn auch umfaßte, um sich daran zu halten, und
-nun durch ihr Rufen die übrige Gesellschaft herbei zu ziehen suchte.«
-
-»Und Du warst der Glückliche, der sie fand.«
-
-»Ja -- ich sprach ihr Trost ein, ergriff ihre Hand, während sie sich fest
-und schüchtern an meinen Arm anklammerte, und führte sie den übrigen Theil
-der hier allerdings ziemlich steilen Lanne bis auf den durch das Thal
-laufenden Pfad hinab, wo wir auch gleich darauf ihre Gesellschaft
-bemerkten, die denselben nicht verlassen hatte, und nun etwas später
-eintraf.«
-
-»Und wie heißt Deine Schöne?«
-
-»Damals erfuhr ich nur ihren Vornamen: Clemence, wollte mich aber der
-Gesellschaft nicht aufdringen und zog mich bald darauf zurück, weil ich sie
-den Abend schon wieder in dem nächsten Gasthof zu finden hoffte. Ich hatte
-mich getäuscht -- sie waren weiter gegangen -- ich folgte ihnen, umsonst;
-auf der Landstraße endlich verlor ich ihre Spur, bis ich ihr hier, vor
-vierzehn Tagen etwa -- Du kannst Dir meine Freude denken, in M-- begegne.«
-
-»Und hast Du schon um sie angehalten?«
-
-»Du kannst Deinen Spott nicht lassen. Ich liebe sie aus voller, reiner
-Seele, aber -- sie ist die Tochter des steinreichen Joulard und meine Liebe
-deshalb hoffnungslos.«
-
-»Und was hat Dich vermocht, jenen Teufel dort an die Wand zu malen, und
-in welcher Beziehung steht er mit Deiner ganzen Erzählung, denn etwas
-Derartiges muß ich doch vermuthen.«
-
-»Die Sache ist sehr einfach,« sagte Ernst ruhig. »Vor drei Tagen war
-ich zum ersten Male in dem Hause, ich könnte wohl sagen im Palais des
-Banquiers, denn er bewohnt in der That ein solches. Die Treppen sind mit
-schweren Teppichen belegt und mit Marmorstatuen verziert; die Vorsäle
-selbst haben getäfelte Wände und riesige Spiegel. Im Inneren der Räume war
-ich nicht; aus dem einen Zimmer trat der Major von Reuhenfels heraus, sein
-widerliches Gesicht strahlte in Seligkeit. Als ich einen der Diener
-frug, wer der Herr wäre, lautete die Antwort: »Der Verlobte des gnädigen
-Fräuleins Clemence.«
-
-»Aha -- deshalb!« meinte Frank still vor sich hinlächelnd. »Nun und weiter?
-Du wolltest meinen Rath.«
-
-»Ja, ich weiß es,« sagte Ernst seufzend, »aber -- er wird kaum mehr nöthig
-sein, denn ich sehe nicht ein, wie mir noch ein Mensch helfen oder rathen
-kann. Es bleibt mir ja doch Nichts weiter übrig, als eben einfach zu
-entsagen und jede Hoffnung auf ein dereinstiges Glück fallen zu lassen. --
-Sie sind verlobt.«
-
-»Nun,« meinte Frank, »was das beträfe, so ist verlobt noch nicht immer
-verheirathet, und ich könnte Dir verschiedene Beispiele nennen, wo solche
-Verlobungen wieder rückgängig wurden, wenn Dir dadurch die geringste
-Aussicht auf einen Erfolg Deiner Werbung bliebe -- aber Du bist doch wohl
-nicht wahnsinnig genug zu glauben, daß Dir der reiche Joulard seine einzige
-Tochter geben wird? Ich begreife sogar nicht, daß er dem einfach adligen
-Major eine solche Gnade zu Theil werden läßt; denn bis jetzt hieß es in der
-Stadt, daß er sich einen Herzog oder Prinz für sie ausgesucht.«
-
-»Und weißt Du, was dieser Major für ein Charakter ist?«
-
-»Ich kenne ihn gar nicht -- kaum dem Namen nach und nur von Ansehen.«
-
-»Aber ich habe mich desto sorgfältiger in den letzten Tagen nach ihm
-erkundigt. Ein berüchtigter Spieler und Roué, der mehr Schulden als Haare
-auf dem Kopfe hat, und das arme, engelgleiche Wesen elend machen wird.«
-
-»Und was geht das Dich an?«
-
-»Was das mich angeht? -- Mensch, Du kannst mich mit Deinen kalten Fragen
-zur Verzweiflung treiben. Hab' ich Dir nicht gesagt, daß ich zum Tollwerden
-verliebt in das Mädchen bin?«
-
-»In die Braut des Majors? Nun, Ernst, Du hast mich um meinen Rath gebeten
-und den will ich Dir nicht vorenthalten. Wenn Du dem also folgen willst,
-so bekümmerst Du Dich um die ganze Familie von diesem Augenblick an nicht
-weiter, als daß Du Dein »Ideal« meinetwegen aus der Ferne anbetest, und den
-Major, wenn es Dir Spaß macht, als Teufel oder sonst was an die Wand malst.
-Darin bleibst Du vollkommen harmlos, und kein Mensch kann es Dir verwehren
-oder wird dadurch geschädigt. Mische Dich aber um Gottes Willen nicht in
-fremde Familienangelegenheiten, in denen Dir nicht das entfernteste Recht
-zusteht, denn daß Du dadurch etwas zu Deinen Gunsten erreichen könntest,
-wirst Du selber nicht glauben, um andere Menschen -- kümmere Dich aber
-nicht, wie sich Andere auch nicht um Dich bekümmern.«
-
-»Aber wenn Clemence in der Verbindung mit jenem Menschen elend wird --«
-
-»Wenn sie wieder schreit und Du bist in der Nähe, so komm ihr wie damals
-zur Hülfe -- aber früher nicht.«
-
-»Aber dann ist es zu spät. Soll ich sie denn rettungslos zu Grunde gehen
-sehen?«
-
-»Lieber Freund,« erwiederte der junge Maler, »ihr Vater ist Banquier und
-Du wirst mir Recht geben, wenn ich Dir sage, daß alle derartigen Leute die
-Augen gewöhnlich offen halten. Thun sie es nicht, so ist es ihr eigener
-Schade und kein Mensch weiter hat sich darum zu quälen.«
-
-»Und Clemence?«
-
-Frank schwieg ein paar Augenblicke und sah sinnend vor sich nieder, endlich
-sagte er:
-
-»Du wirst aller Wahrscheinlichkeit nach wüthend werden, wenn ich Dir irgend
-etwas gegen Dein »Ideal« einwerfe, aber es geht eben nicht anders. Was ich
-auf dem Herzen habe muß heraus, so sollst Du denn auch meine Meinung über
-Deine Auserwählte hören, die allerdings nicht so günstig lautet, als Du Dir
-vielleicht wünschen könntest.«
-
-»Kennst Du sie?«
-
-»Zufällig habe ich in einem Hause Zutritt, wo sie aus und ein geht, und ich
-gestehe Dir zu, daß sie ein bildhübsches, ja man könnte sogar sagen schönes
-Mädchen ist, mit edlen, wenn auch etwas stolzen Zügen, aber --«
-
-»Aber? --«
-
-»Sie ist dabei die ärgste Kokette, die mir im ganzen Leben vorgekommen, und
-herzlos bis zum Aeußersten.«
-
-»Und woher willst Du das wissen?«
-
-»Das kann ich Dir sagen. Als sie eines Tages jenes Haus verlassen wollte,
-und ihre Equipage hielt vor der Thür -- ich ging hinter ihr die Treppe
-hinunter -- wurde ein armes junges Nähmädchen, die irgend eine Arbeit
-dort hinauf gebracht hatte, ohnmächtig und fiel gleich neben dem gnädigen
-Fräulein, ja so dicht bei ihr, daß sie ihr wohl etwas an der Robe mußte
-beschädigt haben, auf der Flur nieder. Hätte sie ein weiches Herz im Busen,
-so würde sie sich der Armen angenommen und sie in ihrem eigenen Wagen
-fortgeschafft haben, so warf sie ihr nur einen Blick voll Abscheu und Ekel
-zu, sah nach ihrem Kleid und eilte dann so rasch sie konnte in den schon
-für sie geöffneten Schlag des Wagens, der dann gleich nachher mit ihr davon
-rollte.«
-
-»Es giebt Menschen, die keinen Kranken, besonders Ohnmächtigen, sehen
-können,« sagte Ernst, »es geht mir selber so -- ich muß mich dazu zwingen
--- das ist kein Beweis gegen sie.«
-
-»Wenn Du einen Beweis wolltest, wäre der genügend,« meinte Frank, »aber in
-dem Fall wird Dich auch das Andere, was ich Dir noch sagen könnte, nicht
-überzeugen.«
-
-»Und das wäre --«
-
-»Daß sie die ganze Zeit, in welcher ich mit ihr dort oben im Salon zusammen
-war, sich so gesetzt hatte, daß sie sich fortwährend in dem Spiegel sehen
-konnte, und die Gelegenheit auch auf das Eifrigste benutzte.«
-
-Ernst lachte. »Daß sich also ein junges hübsches Mädchen gern selber sieht
-und ein wenig eitel ist, rechnest Du ihr zum Verbrechen an, -- und findest
-Du eine unter Allen, die davon frei wäre?«
-
-»Gut! wir wollen uns auch darüber nicht streiten, denn die Sache hat keinen
-Zweck. Dir wird Fräulein Clemence kaum gefährlich werden können, denn
-wenn sie wirklich mit dem Major verlobt ist, werden wir auch wohl in
-allernächster Zeit von ihrer Verbindung hören. Solltest Du aber wahnsinnig
-genug sein, Einspruch thun zu wollen -- was ich Dir aber nicht zutraue,
-denn eine Geistesstörung habe ich bisher noch nicht an Dir bemerkt, so
-bedenke wohl, daß Dir jedes Recht dazu fehlt. Was Du auch über den Major
-weißt, können nur Gerüchte sein, für die Du nie wirkliche Beweise bringen
-würdest, außer vielleicht für die Schulden, und was schadet es dem reichen
-Joulard, wenn sein Schwiegersohn ein paar tausend Thaler negatives Vermögen
-hat? Er wird sie eben bezahlen, und die Sache ist abgemacht. Aber wie
-ist's? Hast Du Lust einen Spaziergang zu machen? Ich komme eigentlich her,
-um Dich abzuholen.«
-
-»Ich danke Dir -- ich bin es jetzt nicht im Stande,« sagte Ernst, »nicht in
-der Stimmung -- es geht mir zu viel, zu Schweres im Kopfe herum -- ich muß
-allein sein -- muß mich erst sammeln -- aber wenn Du zurückkehrst, sprich
-wieder bei mir vor.«
-
-»Also sammele Dich,« rief ihm Frank zu, »und ich bin überzeugt, Du wirst
-in die richtige Bahn hinein kommen. -- Ich frage dann wieder vor und hoffe
-Dich gegen Abend ruhig und vernünftig zu finden. Ueberdieß haben wir heute
-Künstlerverein, und Du darfst da nicht fehlen.«
-
-Mit diesen Worten warf er seinen Mantel wieder um, setzte seinen Hut auf
-und verließ das Zimmer. Sein Freund blieb aber in einer trüben, ja fast
-verzweifelten Stimmung zurück, denn er konnte sich nicht verhehlen, daß
-Frank in manchen -- ja in vielen Stücken Recht hatte und da mit der kalten
-Vernunft eintrat, wo bei ihm nur Alles Feuer und Leidenschaft war. Was
-wußte der Vernunftmensch aber auch von Liebe -- einer Liebe, die ihm
-selber das Herz zu verzehren drohte, und der er sich mit aller Zähigkeit
-hingegeben hatte, mit welcher wir manchmal in der Jugend einen Schmerz
-pflegen, nur um uns unglücklich zu wissen.
-
-Unglückliche Liebe! Wer von uns Allen hat nicht schon das selige Bewußtsein
-gehabt unglücklich zu lieben und sich mit Stolz und Heroismus demselben
-hingegeben. Wir sind auch vielleicht wirklich unglücklich in dem Augenblick
--- wir verachten das Leben, das für uns nicht den geringsten Reiz mehr hat,
-begehen aber dabei den Fehler, daß wir uns gewöhnlich für »ewig verloren«
-halten -- wie denn die Jugend mit dem Worte »ewig« einen argen Mißbrauch
-treibt. So hält sie auch ihren Schmerz für ewig, und weiß doch noch
-gar nicht was wirklicher Schmerz ist, bis das Leben selber ernst an sie
-herantritt. Aber dann ist auch ihre Kraft gestählt, und sie trägt und
-besiegt das Schwerste, wo sie früher unter dem Leichteren zusammenzubrechen
-drohte.
-
-Ernst Trautenau war aber überhaupt gar keine schmachtende oder weiche
-Natur. Er rang dem Leben kräftig seine Existenz ab, und wenn ihn auch auf
-kurze Zeit vielleicht das romantische Gefühl seines Leidens bewältigen
-konnte, lange war es wenigstens nicht im Stand ihn niederzudrücken, denn
-der Haß gegen das ihm im Wege stehende Hinderniß gewann die Oberhand.
-
-Wieder und wieder fiel sein Blick auf die Figur an der Wand. Die
-Kohlenzeichnung genügte ihm nicht mehr, und er beschloß das Bild =al
-fresco= in Farben auszuführen. Rasch ging er auch an's Werk -- es war eine
-grimme Genugthuung für ihn, an dem verhaßten und glücklichen Nebenbuhler in
-solcher Weise seine Rache auszuüben, und kaum zwei Stunden später hatte er
-das Portrait eines gelbbraunen Satans, mit allen Insignien der Hölle, und
-noch einer Menge irdischer Zuthaten, in den grellsten Farben prangend, an
-der Wand vollendet.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Der Besuch.
-
-
-Am nächsten Morgen um elf Uhr saß Trautenau wieder an seiner
-Staffelei, aber er hatte das Bild, das er am vorigen Tag darauf gehabt,
-heruntergeworfen und die Leinwand zu einem neuen Gemälde aufgespannt. Mußte
-er Frank nicht Recht geben? -- War es nicht Wahnsinn, da noch eine Hoffnung
-zu nähren, wo jede Aussicht schon in sich selber zusammenschwand? Ja, sah
-er auch nur selbst die Möglichkeit voraus, sich der Geliebten zu nahen?
-denn unter welchem Vorwand konnte er sich bei ihr melden lassen? -- Als
-Retter in den Alpen? Wenn er die Sache ruhig überdachte, so war nicht mehr
-Gefahr dabei gewesen, als wenn er die fremde Dame über eine gewöhnliche
-Wiese hinüber geführt hätte -- und gab ihm das überhaupt ein Recht sich
-bei ihr einzuführen? -- Wahrlich nicht, ja er mußte erwarten, daß er als
-zudringlicher Fremder abgewiesen wurde; und eine solche Demüthigung wäre
-nur verdiente Strafe für seinen Uebermuth gewesen.
-
-Was ging ihn des reichen Mannes Tochter an -- sie war ihm so »unerreichbar
-wie die Sterne« und er mochte sich wohl an ihrem Glanz erfreuen, aber
-durfte auch weiter nicht die Hand nach ihr ausstrecken.
-
-Er hatte sich heute Morgen eine recht prosaische Arbeit hervorgesucht. Es
-war das Portrait eines benachbarten Gewürzkrämers, der das Bild seiner
-neu verlobten Tochter als Hochzeitsgeschenk bestimmt hatte. Das Original
-erfreute sich dabei eines nicht allein alltäglichen, sondern sogar gemeinen
-Gesichts, mit einer rothen Nase und niederer, von struppigen Haaren
-eingedämmten Stirn, eines Paars dünner Lippen und sogar noch Blatternarben.
-Das war eine Physiognomie, wie der Maler sie jetzt brauchte, und er
-beschloß deshalb auch ganz besonderen Fleiß auf die mit großen unächten
-Steinen besetzte Tuchnadel, auf die goldene Kette und das gestickte
-Vorhemdchen zu wenden.
-
-Aber die Staffelei stand so, daß er, wenn er nur zwei Schritte davon
-zurücktrat, gerade darüber hin den Kopf des teuflischen Majors erkennen
-konnte, der fast wie höhnisch, und jedenfalls mit einem ganz abscheulichen
-Ausdruck nach ihm herüber grinste, und der arme Gewürzkrämer kam dabei
-am Schlimmsten weg. Unwillkürlich arbeitete ihm Ernst mit ein paar
-Pinselstrichen auch im Gesicht herum, so daß er der Carrikatur dahinter
-täuschend ähnlich wurde.
-
-Noch war er damit beschäftigt und schon auf dem besten Weg das vor ihm
-stehende Bild total zu verderben, als man plötzlich ziemlich herzhaft
-an die Thür pochte und Trautenau, der gerade wieder von seinem Portrait
-zurückgetreten war, um einen besseren Ueberblick zu gewinnen, sah, daß
-sich auf sein barsches »Herein« die Thür öffnete und ein Officier -- sein
-eigenes Wandgemälde, wie es leibte und lebte, nur in etwas anderem Costüm,
-auf der Schwelle stand. --
-
-»Habe ich das Vergnügen Herrn Portraitmaler Trautenau zu sprechen?« sagte
-der Fremde artig.
-
-»Mein Name ist Trautenau,« erwiederte der junge Mann, in dem Moment doch
-etwas verlegen, denn er hatte keine Ahnung gehabt, daß sich das Original
-seines Teufels so bald einstellen würde.
-
-»Mein Name ist von Reuhenfels,« erwiderte der Officier, -- »Major, und Sie
-sind mir als ein so vortrefflicher Portraitmaler in der Stadt genannt, daß
-ich Sie ersuchen möchte, das Bild einer Dame in Lebensgröße zu übernehmen.«
-
-»Einer Dame?« fragte Ernst, dem bei den Worten alles Blut in seinen Adern
-zum Herzen zurückströmte.
-
-»Ja, mein Herr. Würden Sie vielleicht im Stande sein, ein solches Gemälde
-rasch in Angriff zu nehmen, und sobald als möglich fördern zu können? Es
-ist das Bild meiner Braut.«
-
-Ernst wollte antworten, brachte jedoch kein Wort über die Lippen; die Kehle
-war ihm wie zugeschnürt. Aber er fühlte auch, daß er, gerade vor diesem
-Menschen, nicht wie ein Schulknabe dastehen dürfe, und sich gewaltsam
-zusammenraffend, sagte er endlich:
-
-»Ich denke wohl, Herr Major -- wie heißt die Dame?«
-
-»Fräulein Joulard -- Sie werden sie wohl kaum kennen -- Sie ist ein
-reizender Vorwurf für ein Bild -- eine imposante, prachtvolle Gestalt --
-ein wahres Meisterstück der Schöpfung. Und wann können Sie damit beginnen?
-Meine Braut hat sich bereit erklärt, von morgen an dem Bild sitzen zu
-wollen, und zwar täglich eine Stunde von 12-1 Uhr, acht Tage lang. Wären
-Sie im Stande das Gemälde in der Zeit zu vollenden?«
-
-»Zu untermalen jedenfalls; ich würde aber dann später noch um einige
-Sitzungen bitten müssen.«
-
-»Hm, das wird schwer halten; sie hat einen kleinen Trotzkopf, so schön
-er ist, und wenn sie sich da einmal etwas hineinsetzt -- alle Teufel,«
-unterbrach er sich aber plötzlich lachend, als sein im Atelier
-umherschweifender Blick auf das riesige diabolische Bild fiel -- »Sie haben
-sich ja da im wahren Sinn des Wortes den Teufel an die Wand gemalt -- famos
--- ganz ausgezeichnet -- Hahahahaha.«
-
-Trautenau fühlte wie er über und über roth im Gesicht wurde, und doch auch
-hatte die Sache wieder etwas unendlich Komisches, daß sich der Major über
-sein eigenes Bild amüsirte, ohne anscheinend eine Ahnung zu haben, daß es
-eben sein eigenes sein sollte.
-
-»Verfluchte Idee,« lachte der Major aber noch immer weiter -- »und ein
-Schurz von Wein- und Kartenblättern -- famos allegorisch -- ja wohl sind
-das die Attribute des Teufels, lieber Freund, und das Herz, das er mit den
-Krallen zerbricht, ergänzt die dritte Kraft im Bunde. Ganz ausgezeichnete
-Idee das -- ganz ausgezeichnet. Sie haben Phantasie, mein junger Künstler,
-und der Teufel dort ist ein wahres Meisterstück.«
-
-»Sie sind zu gütig, Herr Major,« entgegnete Trautenau, bei dem das
-Humoristische der Situation die Oberhand gewann, »also er gefällt Ihnen
-wirklich?«
-
-»Ausgezeichnet, sage ich Ihnen -- und die Epauletten -- höhere Charge
-natürlich in seiner Beelzebubschen Majestät Armee; wundervoll! -- Aber ich
-muß fort. Also bitte sich morgen früh um zwölf Uhr im Joulardschen Hôtel --
-wissen Sie wo Joulard wohnt?«
-
-»Ja wohl.«
-
-»Gut -- also dort mit Allem was Sie brauchen, einzufinden. Ein kleines
-Atelier werden Sie auch da antreffen, indem die junge Dame selber viel Sinn
-für die Kunst hat, und auch zuweilen malt. Und dann noch eins -- der Preis
--- ich glaube, daß Sie sich später darüber mit Herrn Joulard in für Sie
-sehr befriedigender Weise verständigen werden. Sie laufen dabei keine
-Gefahr. Also Sie kommen?«
-
-»Ich werde mich pünktlich einfinden.«
-
-»Und noch eine Bitte, bester Freund -- könnten Sie nicht für mich eine
-kleine Skizze -- und wenn es nur Aquarell ist -- von diesem famosen Teufel
-machen -- aber eine ganz treue Copie, wie? Sie würden mich unendlich
-verbinden.«
-
-Trautenau sah ihn erstaunt an. War denn der Mann wirklich im Ernst und so
-ganz verblendet, daß er nicht einmal sein eigenes Portrait erkannte? Aber
-unwillkürlich lachte er doch auch über die merkwürdige Bitte desselben, und
-in einem Anfall von wildem Humor rief er aus:
-
-»Sie sollen eine Copie bekommen, Herr Major, verlassen Sie sich darauf --
-eine treue Copie -- und vielleicht schon in nächster Zeit.«
-
-»Sie sind unendlich liebenswürdig, Herr Trautenau,« versicherte der
-Officier -- »also unser Geschäft wäre soweit abgemacht -- habe die Ehre,«
-und militairisch grüßend verließ er das Zimmer, während Trautenau wie
-in einem wachen Traum mitten in dem kleinen Gemach stehen blieb und ihm
-nachstarrte.
-
-Konnte denn das auch Wirklichkeit sein? Der Major -- sein Major, den er
-dort als diabolisches Eigenthum an der Wand besaß, war zu ihm gekommen,
-hatte das Bild betrachtet und sich darüber gefreut, und ihn selber zu
-Clemence, zu der Geliebten bestellt, um diese zu malen, um ihr Stunden lang
-in die guten, seelenvollen Augen zu sehen und ihrer zauberholden Stimme zu
-lauschen? Er vermochte das Riesige des Gedankens und der Consequenzen noch
-nicht zu fassen, und starrte noch immer, wie in einer Verzückung nach der
-Thür, als sich diese wieder rasch öffnete und Frank eintrat.
-
-»Weißt Du wer eben hier im Hause war?« -- rief er -- »ich begegnete ihm
-unten in der Thür« --
-
-»Der Teufel!« sagte Ernst.
-
-»Er war doch nicht bei Dir?« fragte Frank rasch.
-
-»Allerdings, und hat sich eine Copie von dem Wandgemälde bestellt.«
-
-»Du willst mich zum Besten haben.«
-
-»Ja, mehr als das -- ich soll Clemence malen.«
-
-»Und dazu hat Dich der Major aufgefordert?«
-
-»Allerdings.«
-
-»Und er hat wirklich das Wandgemälde dort gesehen?«
-
-»Gewiß hat er, und war entzückt davon.«
-
-»Ohne die Aehnlichkeit zu bemerken?«
-
-»Er hat sich wenigstens Nichts merken lassen, mich jedoch wahrhaftig um
-eine Copie gebeten, die ich ihm auch versprochen.«
-
-»Du willst dem Major eine Copie von dem Teufel da machen?«
-
-»Gewiß will ich -- und weshalb nicht?«
-
-»Nun, mir kann's recht sein,« sagte der junge Maler, »wenn es ihn eben
-freut. Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt, -- und gute Freunde
-werden ihn schon darauf aufmerksam machen, -- wird er wüthend werden.«
-
-»Und was weiter?« fragte Ernst trotzig. »Wenn er glaubt, daß ich ihm auch
-nur den Raum eines Schrittes weiche, so irrt er sich gewaltig.«
-
-Frank lachte. »Wenn ich nur in dem Moment, wo er hinter die Aehnlichkeit
-kommt, bei ihm sein könnte, -- was für ein prachtvoll dummes Gesicht er
-dann machen wird. Aber zu solchen Aufführungen bekommt man nie ein Billet.
-Uebrigens kam ich eben her, um Dir zu sagen, daß ich mich selber noch
-gestern und heute nach dem Major erkundigt und allerdings alles Das
-bestätigt gehört habe, was Du über ihn gesagt. Er scheint selbst bei seinem
-Regiment sehr schlecht angeschrieben, obgleich die Officiere natürlich
-nichts Nachtheiliges über ihn äußern werden.«
-
-»Siehst Du, daß ich recht hatte.«
-
-»Aber das ändert deshalb an der Sache nichts. Du selber stehst dabei der
-jungen Dame so fern als je, und wenn Du wirklich aufgefordert bist, sie
-zu malen, Ernst, so weisest Du, wenn Du auf meinen Rath nur das geringste
-Gewicht legst, den Auftrag rund ab.«
-
-»Ich habe schon zugesagt.«
-
-»Eine Ausrede läßt sich finden. Du brauchst den Verdienst auch nicht so
-nothwendig, denn was Du zum Leben bedarfst, werfen Dir eben so leicht
-andere Arbeiten ab.«
-
-»Und sogar ihrem Begegnen soll ich feige ausweichen?« fragte Ernst trotzig,
--- »glaubst Du, daß ich mich vor der Dame fürchte?«
-
-»Ich fürchte nur, daß Du einen dummen Streich machst, und um Dir die Folgen
-desselben zu ersparen, habe ich Dich gebeten, ihr auszuweichen.«
-
-»Ich bin kein Kind mehr.«
-
-»Nein, Du wärst alt genug, um selber zu wissen, was Du zu thun hast, aber
--- nimm mir's nicht übel, Ernst, -- schon diese tolle Liebe, oder vielmehr
-der Glaube, daß Du sie liebst, denn Du kannst dies nach einem so flüchtigen
-Begegnen noch gar nicht wissen, spricht für Dein -- kindliches Gemüth. In
-Dir steckt weit mehr Romantik, als Dir gut und zuträglich ist, und ohne daß
-Du es selber merkst, geht Dir einmal das Herz mit dem Verstand durch und
-läßt Dich dann in irgend einer unangenehmen Situation rettungslos sitzen.
-Denk' an mich.«
-
-»Du hättest Schulmeister werden sollen, Frank,« sagte Trautenau lächelnd,
-»denn Du sprichst wirklich wie ein Buch, und wenn ich Dich nicht so genau
-kennte, würde ich Dich jetzt für einen furchtbaren Philister halten.«
-
-»Ich gestehe Dir zu, daß ich jetzt vernünftiger spreche, als ich gewöhnlich
-denke,« erwiderte Frank -- »ich setze mich auch selbst in Erstaunen, aber
-sei überzeugt, daß es mir nicht an praktischem Sinn fehlt, und nur
-die Sorge, Dich in eine peinliche -- und doppelt peinliche, weil
-selbstverschuldete Lage gebracht zu sehen, läßt mich so zu Dir reden. Malst
-Du das junge bildhübsche Mädchen, in das Du bis über die Ohren verliebt zu
-sein selbst eingestehst, so läuft die Sache auch nicht so glatt ab, und ich
-fürchte, Du -- ruinirst Dir ein groß Stück Leinwand um gar Nichts.«
-
-»Ich kann nicht mehr ablehnen, was ich einmal angenommen habe.«
-
-»Bah, wenn Du ernstlich wolltest, wäre Nichts leichter als das. -- Ich will
-Dir einen Vorschlag machen: Wir wollen tauschen -- ich habe das lebensgroße
-Bild des Grafen Stirnheld zu malen bekommen, und zwar nur durch Protection,
-denn meinen bescheidenen Verdiensten kann ich das kaum zumessen. Uebernimm
-Du die Arbeit. Was wir für beide Bilder bekommen legen wir dann zusammen
-und theilen.«
-
-»Du bist ein Thor -- durch das Bild des Grafen erhältst Du, wenn es Dir
-gelingt, Zutritt in alle aristokratischen Cirkel der Stadt.«
-
-»Ich möchte Dich aus Joulard's Haus entfernt halten.«
-
-»Ich danke Dir, Frank,« rief Trautenau, indem er ihm die Hand reichte und
-die seine herzlich schüttelte -- »ich wußte vorher, daß Du es wirklich gut
-mit mir meinst, und Du hast mir dadurch einen neuen Beweis Deiner Liebe
-und Treue gegeben, aber -- es bleibt dabei. Ich male Clemence und werde
-Dir zeigen, daß ich kein kindischer Thor mehr bin, der irgend einen
-unüberlegten Streich ausführt, ohne die Folgen zu bedenken. Liebt Clemence
-wirklich den Major, gut, so habe ich kein Recht, zwischen ein paar Seelen
-zu treten, die sich einander angehören wollen.«
-
-»Und wie willst Du erfahren, ob sie ihn oder ob sie ihn nicht liebt, wenn
-sie Dir täglich ein oder zwei Stunden, und dann doch auch jedenfalls in
-Gesellschaft irgend einer Begleiterin sitzt?«
-
-»Das überlaß mir,« meinte Ernst, »die Liebe sieht scharf und einen Plan
-habe ich mir überhaupt nicht entworfen, kann es auch gar nicht. Der
-Augenblick muß das bestimmen, aber ich verspreche Dir, mein kaltes Blut zu
-wahren -- mehr kann ich nicht thun.«
-
-»Gut, Du willst einmal Deinem Kopf folgen, und und ich kann Dir da nicht
-weiter helfen. Aber was hast Du denn da für eine Carrikatur auf der
-Staffelei. Der alte Spießbürger sieht ja ebenfalls genau so aus wie Dein
-Teufel da an der Wand. Ist die Aehnlichkeit zufällig?«
-
-»Ich weiß es nicht,« antwortete Ernst, indem er die beiden Bilder mit
-einander verglich -- »wahrhaftig Du hast Recht. Ich glaube aber fast, ich
-habe meinem wackeren Gewürzhändler da Unrecht gethan. Nun er kommt morgen
-Nachmittag zu mir, und da werde ich wohl wieder in seine normalen Züge
-hineinfallen. Heute mag er sich so behelfen. Was ich Dich noch fragen
-wollte: Kennst Du Clemencens Vater persönlich?«
-
-»Den Herrn Joulard? vom Ansehen ja -- weiter nicht. Vorhin begegnete er
-mir auf der Straße und rannte mich fast über den Haufen, so in Gedanken
-vertieft war er. Der hat immer den Kopf voll von Speculationen -- eine
-reine Rechenmaschine.«
-
-»Ich denke, er ist sehr reich. Speculirt er denn da noch immer?«
-
-»Das können die Börsenleute ebensowenig lassen, wie wir das Malen; es
-ist ihre zweite Natur geworden, und ich glaube sie würden sich zu Tode
-langweilen wenn sie sich nicht alle Tage wenigstens einmal eine Stunde
-über das Fallen oder Steigen ihrer Papiere ängstigen müßten. Das läßt uns
-ruhiger, nicht wahr Ernst?«
-
-»Du magst Recht haben -- ich wenigstens kenne, außer einer Banknote, kein
-einziges Werthpapier von Angesicht zu Angesicht. Schadet auch Nichts. Mit
-dem Geld kommen die Sorgen, und so lange wir haben was wir brauchen, sind
-wir am zufriedensten.«
-
-»Was willst Du aber mit dem Carton machen?«
-
-»Mit dem Blatt hier? Nun die Copie für den Major.«
-
-»Bist Du denn wirklich des Teufels?«
-
-»Laß mir doch meinen Spaß -- ich habe mich jetzt einmal in das verhaßte
-Gesicht hineingelebt und fürchte fast, daß ich morgen Clemence denselben
-Ausdruck gebe -- es wäre ein verwünschter Spaß.«
-
-Frank lachte. »Mit Deinem Starrkopf ist doch Nichts anzufangen, so habe
-Deinen Willen. Uebrigens bin ich wirklich neugierig was der Major dazu
-sagt« -- und dem Freund die Hand drückend, stieg er wieder die Treppe hinab
-um seinen eigenen Geschäften nachzugehen.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Die erste Sitzung.
-
-
-Ernst konnte die ganze Nacht kein Auge schließen, denn in seinem Herzen war
-ein Verdacht rege geworden, daß Clemence selber die Aufforderung an ihn,
-ihres Vaters Haus zu besuchen, veranlaßt haben müsse. Die Möglichkeit lag
-doch nicht soweit ab, daß sie ihn erkannt haben konnte. Sie war vielleicht
-an ihm vorüber gefahren, ohne daß er sie bemerkte, denn er achtete nie auf
-Equipagen, und leicht genug konnte sie dann von der Dienerschaft seinen
-Namen erfahren haben. Welche Seligkeit erfüllte ihn aber, wenn er die
-Möglichkeit -- ja die Wahrscheinlichkeit eines solchen Glückes überdachte,
-denn wie wäre dieser Major gerade auf ihn gefallen, da es doch viele ältere
-und berühmtere Portraitmaler in der Stadt gab; es ließ sich nicht anders
-denken. Vielleicht hatte ihn Clemence doch noch nicht ganz vergessen, trug
-nur ungeduldig den ihr auferlegten Zwang und suchte Mittel und Wege ihm
-selber eine Annäherung zu ermöglichen. Frauen sind schlau; er durfte sich
-ruhig auf sie verlassen, sie würde es schon einzurichten wissen.
-
-Und was dann? wenn er nun wirklich fand, daß die Verbindung mit dem Major
-eine erzwungene gewesen wäre, wenn sie sich dagegen sträubte? -- Aber das
-Alles konnte er nicht jetzt überdenken, nicht in einem Augenblick, wo ihm
-das Blut wie Feuer durch die Adern rollte. Das mußte auch erst der Moment
-bringen, in welchem sich seine Träume zu wirklichem Leben gestalteten. Das
-allein konnte entscheiden wie er zu handeln habe, und was dann kam, ei dem
-wollte er auch keck und muthig die Stirn bieten. Nur dem Muthigen lächelt
-ja das Glück.
-
-Mit diesem Vorsatz schlief er ein, erwachte aber am nächsten Morgen
-in einer ganz anderen, und viel ruhigeren Stimmung, denn es ist eine
-allbekannte Thatsache, daß Abends unsere Nerven viel aufgeregter und
-wir gewöhnlich geneigt sind, Schwierigkeiten, besonders in
-Herzensangelegenheiten, gar nicht anzuerkennen, während der Morgen die
-kaltblütige Ueberlegung und gewöhnlich ganz andere Resultate mit sich
-bringt.
-
-Das Herz pochte ihm allerdings lebhaft, als er jetzt an das Zusammentreffen
-mit Clemence dachte, aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht zu
-betrachten. Die Aufforderung des Majors konnte allerdings recht gut ein
-Zufall sein, und das junge Mädchen? -- wie flüchtig -- wie kurze Zeit nur
-hatte sie ihn damals in den Alpen gesehen, und war es denkbar, daß sie sich
-seiner Züge da noch erinnern sollte? hatte sie nicht vielleicht die ganze
-unbedeutende Begegnung mit ihm schon lange vergessen?
-
-Er war wieder recht verzagt geworden, hatte aber auch nicht die geringste
-Lust zum Arbeiten und beschloß deshalb, langsam und in aller Ruhe seine
-Vorbereitungen zu der heutigen Sitzung zu treffen. Für diesmal brauchte
-er ja doch nur ein kleines Stück Leinwand, auf dem er die Skizze entwerfen
-konnte, um vor der Hand einmal die Stellung festzuhalten. Die Größe des
-Bildes mußte erst besprochen und festgestellt werden und manches Andere
-blieb dabei zu thun. Die Zeit verflog ihm dabei ungemein rasch, und es war
-elf Uhr geworden, bis er alles Nöthige -- oder wenigstens was er für nöthig
-hielt, beendet hatte. Dann zog er sich an, rief einen Packträger von der
-Straße herauf, um ihn mit den nöthigen Utensilien zu begleiten und
-schritt nun fest und entschlossen, aber doch mit starkem Herzklopfen,
-dem Joulard'schen Palais entgegen, als ob er nicht beordert wäre nur ein
-Portrait zu beginnen, sondern als ob sein eigenes Schicksal sich gleich
-endgültig entscheiden müsse.
-
-Er hatte das Joulard'sche Haus bald erreicht, aber hier beengte ihn
-der Glanz und die Pracht, die ihn umgab. Die Halle schon war mit Marmor
-ausgelegt -- prächtige Statuen verzierten sie, kostbare Topfgewächse
-standen auf der mit einem reichen Teppich belegten Treppe und galonnirte
-Diener schlenderten müssig auf und ab.
-
-Trautenau fühlte sich beklommen, als er, durch einen der Lakaien, der
-dem Träger seine Last abnahm, geleitet, die Treppe hinaufstieg, und das
-besserte sich nicht, als er in ein kleines reizendes Boudoir geführt und
-dort allein gelassen wurde.
-
-Hier athmete Clemence; wie lieb, wie wunderbar reizend das Alles aussah,
-aber auch wie reich, wie ausgesucht, fast übertrieben prachtvoll. Wäre er
-ruhig und unbefangen gewesen, so würde das Gemach eher einen unangenehmen
-als günstigen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn es war von Gegenständen
-überladen, die eine Zimmerzierde sein sollen, aber nie eine Zimmerlast
-werden dürfen. Die breiten goldenen Rahmen an den Wänden standen in keinem
-Verhältniß zu der Größe der Bilder, welche sie umschlossen, und das war mit
-allem Uebrigen der Fall. Marmor- und Bronze-Statuen und Statuetten drängten
-sich einander. Die schweren, mit Spitzen überwallten Seidengardinen wurden
-von goldenen Troddeln entstellt, prachtvoll eingelegte Möbeln rückten zu
-nahe aneinander und brachten eher ein Gefühl der Beengung als des Behagens
-hervor; der mit den seltensten Pflanzen gezierte Blumentisch war sogar so
-gestellt, daß er keine freie Bewegung in dem Raum gestattete. Sonderbarer
-Weise hing dazwischen auch eine Anzahl vergoldeter Bauer mit unseren
-heimischen Sängern herab, mit Finken, Nachtigallen und anderen, und auf
-einem gestickten Polster lag ein kleines silberweißes Wachtelhündchen und
-knurrte leise vor sich hin, als Trautenau das Heiligthum betrat, hielt es
-aber sonst nicht der Mühe werth, sich auch nur zu rühren.
-
-Trautenau überflog das Ganze mit einem Blick, aber er sah auch, daß dieses
-Boudoir zugleich das kleine Atelier der jungen Dame bildete, denn ein
-mächtiges, mit einer einzigen großen Scheibe versehenes Fenster sah nach
-Norden hinaus und neben dem Blumentisch stand noch, von zwei Stühlen
-gehalten, eine Mahagoni-Staffelei, von der unser junger Freund allerdings
-nicht recht begriff, wie es möglich sein würde, sie hier in dem engen Raum
-aufzustellen.
-
-Ehe er aber darüber ganz mit sich im Reinen war, hörte er plötzlich
-ein seidenes Kleid rauschen, die eine Thür wurde nur durch einen
-purpurdamastenen Vorhang verdeckt, dieser schob sich zurück, und wie er
-sich rasch dorthin wandte, stand er einem Wesen gegenüber, das ihm mehr dem
-Himmel als der Erde anzugehören schien.
-
-Es war Clemence, -- aber nicht mehr das junge schüchterne Mädchen aus den
-Alpen, das sich, Hülfe und Schutz suchend, an seinen Arm schmiegte. Wie
-eine Prinzessin schwebte sie herein, ein weißes Seidenkleid vom schwersten
-Stoff und mit Goldfäden durchwirkt, umschloß ihre schlanke, junonische
-Gestalt. Voll und schwer hingen ihr die dunklen Locken an den Schläfen
-nieder, ihren weißen Hals deckte ein Collier blitzender Brillanten, aber
-ihre beiden Augensterne überstrahlten sie alle, und wie sie mit königlichem
-Anstand vor dem jungen Manne stehen blieb und ihn mit diesen Augen ansah,
-war es, als ob ihr Feuer bis in seine innerste Seele drang. Er wurde
-über und über roth und stand so verlegen vor der Jungfrau, daß diese ein
-leichtes Lächeln kaum unterdrücken konnte. Aber sie schien nicht böse über
-den Eindruck, den sie auf ihn hervorbrachte, und sagte freundlich:
-
-»Herr Trautenau, Sie haben Ihre Zeit pünktlich eingehalten und ich möchte
-Sie jetzt bitten Ihre Anordnungen hier in meinem kleinen Atelier zu treffen
--- Künstler folgen dabei am Liebsten ihrer eigenen Neigung. Das Licht
-ist, wie Sie sehen vortrefflich, und nur der Raum vielleicht ein wenig
-beschränkt, doch werden wir uns ja wohl einrichten.«
-
-Trautenau bemerkte jetzt erst, daß eine andere Dame der Tochter des Hauses
-gefolgt war, von dieser freilich, in ihrem ganzen Wesen so verschieden wie
-Tag und Nacht -- wie Sonnenstrahl und Kerzenschein.
-
-Die Begleiterin entwickelte sich als eine kleine dicke Person mit einem
-Kropf, in einem schwarzseidenen, aber schon lange getragenen Kleid, und mit
-einer wunderlichen Coiffüre von grellrothen und gelben Blumen auf dem Kopf.
-Trautenau warf einen erstaunten Blick nach ihr hinüber, konnte aber nicht
-klug aus ihr werden, was sie vorstelle. Clemencens Mutter, Madame Joulard?
--- Diese war, so viel er gehört schon vor längerer Zeit gestorben. -- Eine
-Gesellschafterin? Clemence würde sich sicherlich eine andere Persönlichkeit
-dazu ausgesucht haben, und eine Gouvernante brauchte sie ebenfalls
-nicht mehr. Vielleicht eine Duenna? Aber es blieb ihm keine Zeit, der
-Persönlichkeit eine weitere Aufmerksamkeit zu schenken, denn Clemence
-selber verlangte diese, und er ärgerte sich auch, daß er ihr gar so
-schülerhaft gegenüber stand.
-
-»Wenn Sie mir erlauben, mein gnädiges Fräulein,« sagte er zu Clemence, »so
-will ich die Staffelei hier herüber stellen -- an diesem Platz werden wir,
-glaub' ich, das beste Licht haben.«
-
-»Wie Sie es für gut halten.«
-
-»Aber die Symmetrie wird gestört, wenn der Blumentisch dort hinüber kommt,«
-bemerkte die Dame mit dem Kropf.
-
-»Die Symmetrie wird durch Manches gestört, gnädige Frau,« entgegnete
-Trautenau, durch den albernen Einwurf geärgert, »was sich im Leben nun
-einmal nicht ändern läßt.«
-
-Clemence lächelte verstohlen vor sich hin, drückte aber auch zu gleicher
-Zeit auf die auf ihrem Schreibtisch stehende Klingel, und bedeutete dann
-gleich den eintretenden Bedienten, die gewünschte Aenderung vorzunehmen.
-
-Es war das rasch gemacht; Ernst half selber dabei, der Staffelei die
-richtige Stellung zu geben und zugleich einen passenden Platz für Clemence
-zu haben, wo das Licht voll auf sie fiel und ihre schlanke Gestalt gut
-beleuchtet wurde.
-
-Jetzt erst bekam er Zeit, das junge Mädchen aufmerksam zu betrachten,
-und ach wie schön war sie -- wie himmlisch schön. Die dunklen, vollen
-castanienbraunen Locken stachen wunderbar gegen den weißen Nacken ab, auf
-dem sie ruhten und diese Augen mit den Wimpern, -- diese Lippen, die Zähne,
-wie Perlen an einander gereiht. So voll und aufmerksam, und sich selbst
-dabei vergessend, ruhte, ja haftete sein Blick an der verführerischen
-Gestalt, daß Clemence endlich erröthete und lächelnd sagte:
-
-»Wie wünschen Sie, daß ich mich stellen soll?«
-
-»Wie Sie wollen,« rief Trautenau begeistert; »es giebt immer ein
-prachtvolles Bild, aber -- es wird matt gegen das Original werden, fürchte
-ich --«
-
-»Mein Vater wünscht ein ähnliches Bild,« sagte Clemence, und ihre, noch
-eben lächelnden Züge nahmen einen weit strengeren Ausdruck an. »Sie werden
-also mit Ihren Farben wohl vollständig ausreichen. Dürfte ich Sie bitten,
-meine Stellung zu bestimmen.«
-
-»Ich würde Sie ersuchen, sich diese selber zu wählen,« erwiderte der
-Maler, der die Zurechtweisung recht gut fühlte und leicht erröthete -- »so
-natürlich und ungezwungen wie möglich, wenn ich bitten darf. Vielleicht
-dürfen wir zu der Stellung eine jener Vasen benutzen, und den großen
-Trumeau als Hintergrund.«
-
-»Nein, das ist zu gesucht,« meinte Clemence »und macht Ihnen außerdem
-doppelte Arbeit -- die Vase, ja. -- Ich werde ein kleines Blumenbouquet
-in die Hand nehmen, bitte Sie aber, die Blumen nicht auszuführen, da ich
-Alpenblumen -- Edelweiß, Alpenrosen und Genziane -- dazu benutzen möchte.«
-
-Trautenau fühlte, wie ihm das Herz lauter schlug. -- Also auch sie
-erinnerte sich noch jener schönen Berge und schien sogar die Erinnerung
-daran zu lieben -- hatte sie ihn aber ganz vergessen? Aber um ihr jene
-Scene in's Gedächtniß zurückzurufen, bedurfte er einer ruhigeren Zeit, als
-den Beginn der Sitzung -- die mußte er abwarten.
-
-Die Stellung der Dame nahm jetzt auch in der That seine ganze
-Aufmerksamkeit in Anspruch, und wie ein electrischer Strom lief es durch
-seinen ganzen Körper, als er leise und ehrfurchtsvoll selbst ihren Arm
-berührte, um denselben etwas zu heben.
-
-»Mademoiselle,« rief Clemence, als diese Vorbereitungen beendet waren,
-»bitte klingeln Sie einmal -- ich lasse meinen Vater ersuchen, einen
-Augenblick herüber zu kommen, um zu sehen, ob ihm meine Stellung gefällt.«
-
-Der Befehl wurde rasch ausgeführt. -- Also eine Mademoiselle war die Dame
-mit dem dicken Hals -- Wirthschafterin jedenfalls, oder gar eine Art von
-Duenna -- und abschreckend genug sah sie für den letzteren Beruf aus.
-
-Es dauerte übrigens nicht lange, so betrat Herr Joulard das Zimmer.
-Trautenau hatte ihn noch nie gesehen und er machte allerdings bei seinem
-ersten Erscheinen keinen besonders günstigen Eindruck. Es war eine kleine
-etwas schwammige Gestalt, dieser Millionair, mit halb zugekniffenen Augen
-und ziemlich rastlosem und unstätem Blick. Er hatte eine Glatze, aber
-eine hohe Stirn, die beiden Hände dabei in den Hosentaschen und dabei die
-Angewohnheit, sich mit dem Kinn in die schwarze Halsbinde hineinzuarbeiten.
-Uebrigens ging er einfach gekleidet und nur eine dicke schwere Goldkette
-hing ihm, als einziger Schmuck, über die braunseidene Weste.
-
-Er trat in das Zimmer, ohne aber die Hände aus den Taschen zu ziehen und
-den jungen Maler auch kaum mehr als durch ein leichtes Kopfnicken grüßend,
-und in der Mitte des Boudoirs stehen bleibend, betrachtete er sich die
-Gestalt des jungen Mädchens ein paar Augenblicke wohlgefällig.
-
-»Sehr schön mein Herz,« sagte er endlich -- »sehr schön -- allerliebst,
-wird sich recht gut machen. -- Aber weshalb hast Du Dein Diadem nicht
-aufgesetzt? Das fehlt noch --«
-
-»Ich möchte nicht mit dem Diadem gemalt werden, Papa,« sagte Clemence --
-»es sieht zu anspruchsvoll aus.«
-
-»Zu anspruchsvoll! Unsinn,« rief lachend der alte Herr, »was Du für Ideen
-hast -- Joulard's einziges Kind zu anspruchsvoll!«
-
-»Es paßt mir auch nicht zu meiner Kleidung; ich werde ein Bouquet von
-Alpenblumen in die Hand nehmen.«
-
-»Zur Erinnerung an das ewige Bergsteigen und die erbärmlichen
-Wirthshäuser,« meinte Herr Joulard -- »Dein chinesischer Fächer würde sich
-viel besser machen.«
-
-»Bitte laß mich das selber arrangiren,« entgegnete Clemence ziemlich
-bestimmt, »ich hatte Dich nur rufen lassen, um mir zu sagen, ob Dir meine
-Stellung so gefällt.«
-
-»Nichts daran auszusetzen,« wiederholte der Vater, schon gewohnt, daß seine
-Tochter ihren eigenen Willen hatte -- »wird sich ganz gut machen. Und weiß
-der Herr schon die Größe des Bildes?«
-
-»Nein.«
-
-»Gut; führe ihn nachher durch den Salon, daß er sich dort selber das Maaß
-nach dem Bild Deiner seligen Mutter nimmt. Es soll genau so groß werden.«
-Und sich dann abwendend, als ob gar keine weiteren Personen im Zimmer
-wären, verschwand er wieder durch die Thür.
-
-Ernst ging jetzt rasch daran, die Skizze zu entwerfen, und die Dame in dem
-schwarzseidenen Kleid hatte es sich indessen in einem breiten Lehnstuhl,
-den sie aber so rückte, daß sie die Staffelei im Auge behielt, bequem
-gemacht. Sie war augenscheinlich nur dazu da, um der jungen Dame als
-Ehrenwache zu dienen.
-
-Er arbeitete außerordentlich rasch; die gegebene Stunde war ihm aber doch
-nur zu bald entflogen und mit dem Glockenschlag Eins winkte ihm Clemence
-freundlich mit der Hand und sagte:
-
-»Meine Zeit ist für heute um -- ich hoffe, Sie morgen pünktlich wieder hier
-zu sehen, und jetzt bitte ich Sie nur noch, mir durch den Saal zu folgen,
-damit Sie den Rahmen zu Ihrer Leinwand bestellen können.«
-
-Sie wartete auch gar keine Antwort ab, sondern schritt ihm voran durch das
-nächste Gemach hindurch in den eigentlichen Salon, in welchem Trautenau
-wieder alle erdenkliche Pracht verschwendet sah. Es fand sich aber hier der
-nämliche Uebelstand, wie in dem Boudoir.
-
-Der Raum war mit kostbaren Verzierungen überfüllt und genug davon
-aufeinander gehäuft, um zwei solche Säle fürstlich auszustatten. Man
-sah bei jedem Schritt, daß man sich nicht in der Wohnung eines wirklich
-vornehmen Mannes, sondern in dem Hause eines Parvenus befand, der diese
-Räume nicht deshalb so reich ausgestattet hatte, um sich selber wohl und
-behaglich darin zu fühlen, sondern nur um damit zu prunken und seinen
-Reichthum zu zeigen.
-
-Das Maaß von dem sehr großen Bilde, für welches Herr Joulard schon vorher
-eine Treppenleiter hatte herbeischaffen lassen, war bald genommen.
-Clemence wartete das aber nicht ab. Sich mit einer leichten Verbeugung
-verabschiedend, schritt sie in ihr eigenes Zimmer zurück und überließ es
-ihrer Begleiterin, dem fremden Künstler so lange Gesellschaft zu leisten,
-bis er fertig sein würde und ihm dann den Ausgang zu zeigen.
-
-
-
-
-Viertes Capitel.
-
-Das Bild.
-
-
-Sechs Tage hatte Trautenau jetzt an seinem Bild gearbeitet und sich dabei
-mit immer wachsender Leidenschaft in die tadellos schönen Züge und Formen
-des jungen Mädchens versenkt, ohne es aber zu wagen, ihr die frühere
-Begegnung in's Gedächtniß zurückzurufen. Clemence war allerdings immer
-freundlich gegen ihn, aber nur mit jener höflichen Freundlichkeit, die wohl
-zuvorkommend erscheint, aber zugleich jedes vertrauliche Entgegenkommen mit
-einem kalten Lächeln zurückweist und dadurch unnahbar wird.
-
-Auch ihren Vater hatte er in der ganzen Zeit nicht wieder gesehen und
-nicht ein einziges Mal den Major, der jedenfalls andere Besuchstunden haben
-mußte. Einmal wurde er allerdings gemeldet, während Trautenau arbeitete,
-Clemence ließ ihm aber, ohne sich nur im Mindesten aus ihrer Stellung zu
-rühren, sagen, sie bedaure sehr, jetzt keine Zeit zu haben, und bäte den
-Major, um halb zwei Uhr wieder vorzusprechen.
-
-Das Bild war jetzt soweit in seiner Anlage und besonders in der Ausführung
-des Kopfes vorgerückt, daß man schon recht gut ein Urtheil darüber fällen
-konnte.
-
-Der Dame in dem alten schwarzseidenen Kleid fing aber nachgerade die
-Geschichte an langweilig zu werden. Sie wußte, daß sie eigentlich nur
-Anstands halber da saß und benutzte gelegentlich die Zeit, um einen kleinen
-Morgenschlaf zu halten, in dem sie dann auch Niemand störte. Sie selber
-genirte das aber am meisten, sie schämte sich, wenn sie wieder aufwachte
-und es war in den letzten Tagen schon einige Male vorgekommen, daß sie
-aufstand, das Zimmer verließ und dann wahrscheinlich irgendwo ein wenig auf
-und ab ging, nur um wieder munter zu werden.
-
-Clemence hielt dabei nicht mehr so pünktlich ihre Stunde ein; es mochte ihr
-wohl selber daran liegen, das Bild fertig zu bekommen und es wurde jetzt
-immer, sehr zum Leidwesen der Mademoiselle, ein Viertel nach Eins, auch
-wohl halb zwei Uhr, ehe sie das Zeichen zum Aufhören gab.
-
-Heute war Clemence in einer kleinen Pause vor die Staffelei getreten,
-um selber dem Untermalen des Bouquets zuzusehen. Man hatte allerdings in
-dieser Jahreszeit keine wirklichen Alpenrosen beschaffen können, aber
-dafür künstlich gemachte von Paris verschrieben und die Farben zeigten sich
-lebendig genug.
-
-»Lieben Sie die Alpenblumen, gnädiges Fräulein,« begann Trautenau, der
-jetzt nicht mehr länger schweigen konnte, denn die Gelegenheit bot sich ihm
-zu günstig dar.
-
-»Gewiß liebe ich sie,« erwiederte Clemence, »sie haben freilich keinen
-Duft, aber so wunderbar schöne Farben. Wie herrlich ist allein das Laub der
-Alpenrosen.«
-
-»Und erinnern Sie sich noch gern jener Zeit, in welcher Sie in den freien
-Bergen umherstreiften?«
-
-»Sehr gern.«
-
-»Aber Sie haben sich doch ein Bischen vor den steilen Wegen gefürchtet?«
-
-»Wohl nicht mehr als jeder andere Bewohner des flachen Landes,« entgegnete
-Clemence ruhig.
-
-»Auch nicht an der einen steilen Graslanne?« fuhr Trautenau, ohne die Augen
-von seinem Bild zu nehmen, still vor sich hinlächelnd, fort.
-
-»An der Graslanne? -- was wissen Sie davon?« rief Clemence, ihn verwundert
-ansehend.
-
-»Und kennen Sie mich nicht mehr?«
-
-»Ich? -- Sie? -- und doch,« setzte sie plötzlich tief erröthend hinzu, »es
--- es wäre wirklich möglich -- Waren Sie jener junge Fremde?«
-
-»Ich war wirklich jener Glückliche, der Ihnen damals den kleinen, leider
-nur zu unbedeutenden Dienst leisten durfte.«
-
-»Damals habe ich mich allerdings recht ungeschickt benommen, und Sie werden
-oft über mich gelacht haben,« flüsterte Clemence, während sie wirklich
-blutroth wurde. »Es war zu thöricht, aber ich weiß nicht, ich wurde auf
-einmal schwindelig und hielt den Abhang auch für viel steiler, als er sich
-später zeigte.«
-
-»Jene Lannen sind gar nicht so leicht zu begehen,« bemerkte Trautenau
-entschuldigend, »besonders nicht für Damen, die bei ihren langen Kleidern
-nicht genau sehen können, wohin sie den Fuß setzen und außerdem viel zu
-leichtes und glattes Schuhzeug tragen. -- Ich hoffte damals Sie später
-in den Bergen wieder zu treffen, aber Sie waren so rasch und plötzlich
-verschwunden, daß ich selbst auf der breiten Heerstraße Ihre Spur verlor.«
-
-»Ja -- mein Vater eilte etwas, um nach Hause zurückzukehren,« erwiederte
-das junge Mädchen, während ihr Blick die Züge des Malers streifte, als ob
-sie den Sinn der eben gesprochenen Worte daraus lesen wolle.
-
-Dieser hörte indessen, wie ihm sein Herz in der Brust schlug, die
-Mademoiselle schlief sanft -- seine Hand zitterte so, daß er mit dem Malen
-inne halten mußte.
-
-»Seit der Zeit,« fuhr er leise und bewegt fort, »ist es immer mein
-sehnlichster Wunsch gewesen, Ihnen wieder einmal nahen zu dürfen.«
-
-»Der Wunsch war so bescheiden,« meinte Clemence lächelnd, »daß der Himmel
-ihn erfüllt hat. Nicht wahr, Mademoiselle,« setzte sie mit lauterer Stimme
-hinzu.
-
-»Ja wohl -- ja wohl -- gewiß,« erwiederte die sanft ruhende Dame, aus ihrem
-Schlummer emporfahrend, »nur ein Bischen zu weiß ist das Kleid.«
-
-»Wir sprachen gestern darüber, ehe Sie kamen,« fuhr Clemence fort, »finden
-Sie nicht auch, daß das Kleid ein wenig zu weiß ist? Mir kommt es vor, als
-ob das meinige einen mehr gelblichen Schimmer hat.«
-
-»Es ist das Licht jenes gelben Vorhanges, der, wenn Sie hier stehen, darauf
-fällt,« antwortete Trautenau, und fühlte recht gut, daß sie absichtlich
-und fast gewaltsam dem Gespräch eine andere Richtung gegeben hatte;
-Mademoiselle war auch jetzt vollständig munter geworden und an eine
-Wiederaufnahme desselben nicht zu denken. Clemence brach aber gleich darauf
-die Sitzung ab. Sie hatte Kopfschmerzen bekommen, wie sie sagte, und wollte
-lieber morgen eine Viertelstunde nachholen.
-
-Damit ging der Maler, er hatte keinen Vorwand mehr zu bleiben, aber er trug
-das beunruhigende Gefühl mit sich fort, weiter von seinem Ziele zu sein,
-als je, denn war es nicht augenscheinlich, daß Clemence beinahe ängstlich
-gesucht hatte die Unterredung abzubrechen? Fürchtete sie etwa deren
-Fortsetzung? dann wäre ihm noch eine Hoffnung geblieben. Oder war das
-Gespräch ihr nur lästig geworden? dann freilich durfte er Alles verloren
-geben.
-
-In den nächsten Tagen zeigte sich auch nicht die geringste Gelegenheit das
-Gespräch wieder aufzunehmen. Clemence vermied jede Möglichkeit, um einer
-derartigen Unterhaltung den kleinsten Anknüpfungspunkt zu geben und
-Mademoiselle hielt ihre sonst so schläfrigen Augen fast krampfhaft offen.
--- Dann kam eine lange Pause -- Ernst hatte das noch nicht beendete Bild
-nach Hause geschickt bekommen, um es, so weit es ohne das Original möglich
-war, auszuführen, und sich dann nur noch zwei Sitzungen erbeten, um es
-vollständig zu beenden.
-
-Darüber waren mehre Wochen vergangen und in dieser Zeit durchliefen
-wunderliche Gerüchte über den Major die Stadt, die aber sein Verhältniß im
-Hause des reichen Joulard nicht zu stören schienen.
-
-Von einer Seite wurde nämlich ausgesprengt, daß er eine sehr bedeutende
-Erbschaft gemacht habe -- Thatsache war nur, daß er in den letzten Wochen
-viel mehr verausgabte, als seine monatliche Gage ausmachte -- von anderer
-Seite hieß es, daß er seinen Abschied nehmen wolle -- weshalb? wußte
-freilich Niemand zu sagen und die natürlichste Erklärung blieb dann immer,
-daß er, mit eigenem Vermögen und als Schwiegersohn des reichsten Mannes
-in der Stadt, die ewigen Scherereien des Dienstes satt bekommen und ein
-unabhängiger Mann zu werden wünschte. Es wäre jedenfalls thöricht gewesen,
-da noch länger Soldat zu bleiben. -- Einige wollten aber behaupten, er
-müsse den Abschied nehmen, und es gab in der That eine Menge Leute in der
-Stadt, die da wissen wollten: der Major sei ein von Grund aus ruinirter
-Patron, der sich nur noch durch seinen altadeligen Namen halte, und
-nächstens einmal mit seinem ganzen Lug- und Truggewebe zusammenbrechen
-müsse. Diese begriffen dann freilich nicht, wie ein Mann wie Joulard ihm
-die Hand seines einzigen Kindes geben könne. Hatte er aber wirklich so
-viel Schulden, als einzelne behaupten wollten, so zahlte natürlich Joulard
-Alles, und des Majors Credit in der Stadt blieb deshalb auch, trotz aller
-Gerüchte, ein völlig unbeschränkter.
-
-Trautenau allein vielleicht quälte sich um die Braut. Er fühlte selber, daß
-die Hoffnung, sie für sich zu gewinnen, eine wahnsinnige sei, aber er hielt
-es für seine Pflicht, vor ihr das nicht als ein Geheimniß zu bewahren, was
-die Stadt erfüllte, und was sie selbst als die künftige Gattin jenes Mannes
-am nächsten betraf. Er hatte es jetzt noch in seiner Hand, mit ihr zu
-reden, und hätte sich später die bittersten Vorwürfe machen müssen, wenn er
-da geschwiegen hätte, wo er durch eine freundliche Warnung vielleicht Elend
-und Jammer von einem theuren Haupt abwenden konnte.
-
-Das Bild stand wieder im Boudoir von Clemence; er hatte noch höchstens zwei
-Tage zu malen, um es zu vollenden; aber der erste verging, ohne daß er im
-Stand gewesen wäre, seine Absicht auszuführen. Immer, wenn ihm schon das
-Wort auf den Lippen schwebte, fehlte ihm der Muth, und dann kam der Vater
-mit einem Paar alter Damen zu ihnen, um mit diesen das beinahe fertige
-Bild, das sich wirklich als vortrefflich gelungen zeigte, zu bewundern.
-Eine vertrauliche Unterhaltung war deshalb unmöglich geworden.
-
-»Aber Sie haben ja noch etwas vergessen,« sagte da der alte Herr, indem
-er mit fast zugekniffenen Augen vor dem Gemälde stand, »daneben, auf dem
-Ofenschirm, fehlt ja noch der Chinese -- das sieht zu leer aus. Soll der
-nicht hinein?«
-
-»Doch,« entgegnete Trautenau, »aber erst morgen. Ich möchte heute das Bild
-soweit beenden, daß ich morgen das gnädige Fräulein gar nicht mehr, oder
-doch nur sehr wenig zu bemühen brauche. Die Herrschaften entschuldigen mich
-wohl, wenn ich wieder an meine Arbeit gehe -- die Farben werden mir sonst
-trocken.«
-
-Der Besuch war ihm lästig geworden und er suchte ihn zu entfernen, denn
-es war doch sehr zweifelhaft, ob er morgen, am letzten Tage, eine bessere
-Gelegenheit haben würde, mit Clemence zu sprechen. Aber es gelang ihm
-nicht. Den beiden alten Damen war es etwas Neues, einen Maler arbeiten
-zu sehen und sie wichen hartnäckig nicht von der Stelle bis die Zeit
-verstrichen war. Dann rauschten sie fort und Clemence verließ mit ihnen das
-Gemach.
-
-Der nächste Tag kam; Trautenau hatte die ganze Nacht gekämpft und der
-Morgen fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts von seinem
-Plan abschrecken zu lassen und selbst in Gegenwart der schrecklichen
-Mademoiselle, wenn es denn nicht anders geschehen konnte, mit Clemence
-über seine Besorgnisse zu sprechen. Er mußte die Last von seinem Gemüth
-herunterwälzen -- mußte mit sich selber ins Klare kommen, und das geschah
-am besten, wenn er sah, wie sich Clemence bei dem, was sie über ihren
-Verlobten hörte, benehmen würde. Erschrak sie -- wurde sie bleich -- aber
-was half es, sich jetzt schon darüber einen Plan zu machen. Das mußte der
-Augenblick bringen und dem Augenblick überließ er darum Alles.
-
-Uebrigens fand er zu seinem Schrecken, als er dieses letzte Mal das Boudoir
-der jungen Dame betrat, diese nicht, wie er erwartet hatte und wie es bis
-jetzt immer der Fall gewesen, mit ihrer Begleiterin allein, sondern schon
-eine kleine Gesellschaft um das so gut wie beendete Bild versammelt. In
-dieser aber bemerkte er auch den Major, den er seit jenem Morgen nicht
-wiedergesehen hatte und der ihn jetzt mit Lobeserhebungen überschüttete. Er
-konnte gar nicht aufhören, die Aehnlichkeit sowohl, wie die künstlerische
-Auffassung des Bildes zu preisen.
-
-»Aber wissen Sie wohl, mein verehrter Herr,« brach er plötzlich ab, »daß
-Sie noch in meiner Schuld sind? Der versprochenen Copie wegen, mein' ich
-nämlich. -- Denken Sie sich, lieber Joulard, denken Sie sich, meine Damen,
-der Herr hat in seinem eigenen Atelier daheim den Teufel an die Wand
-gemalt, und einen so pompösen, humoristischen Teufel, wie ich ihn in meinem
-ganzen Leben nicht gesehen habe.«
-
-Eine alte Generalin schüttelte darüber sehr bedenklich den Kopf und
-bemerkte sehr ernsthaft:
-
-»Das ist sündhaft, mein lieber Herr, nehmen Sie mir das nicht übel. Das
-heißt Gott versuchen und den Bösen locken, denn wenn Sie ihm eine solche
-Einladungskarte geben, kommt er, darauf können Sie sich fest verlassen --
-er kommt gewiß.«
-
-»Er hat mich auch schon besucht,« erwiderte der Maler lächelnd, »aber seien
-Sie versichert, gnädige Frau, der wirkliche Teufel ist nicht so schlimm,
-wie er gewöhnlich geschildert wird, und schon der Umstand, daß er sich nur
-das schlechteste Gesindel auf der Welt aussucht, um es für sich zu holen,
-zeugt von seiner Bescheidenheit.«
-
-Herr Joulard und der Major lachten laut auf; die alte würdige Dame aber,
-die wahrscheinlich keinen Sonntag die Kirche versäumte und jedenfalls eine
-heilsame und pflichtgetreue Furcht vor dem Teufel hatte, schlug entsetzt
-die Hände zusammen und rief:
-
-»Das ist ja eine Gotteslästerung.«
-
-»Doch nicht, wenn er den _Teufel_ lobt,« sagte lachend Herr Joulard,
-»Excellenz irren sich, und ich bin ganz Herrn Trautenau's Meinung. Wenn
-der Teufel wirklich so schwarz wäre wie er gemalt wird, würde ihn der
-liebe Gott gar nicht auf der Erde dulden. Aber meine Damen, wir müssen dem
-Künstler Platz machen, daß er an seine Staffelei treten kann. Vergessen Sie
-nur den Chinesen nicht.«
-
-»Und meine Copie,« rief der Major.
-
-»Vielleicht läßt sich Beides vereinigen,« versetzte der Maler in einer
-tollen Laune, »wollen die Herrschaften einen Augenblick Platz nehmen?
-Vielleicht kann ich Ihren beiderseitigen Wunsch zugleich erfüllen,« und die
-Palette aufnehmend, die er indessen in Stand gesetzt hatte, ging er daran,
-mit keckem Pinsel seine Teufelsfigur aus dem Atelier auf den Ofenschirm zu
-malen, wohin die Zeichnung, da der Schirm doch im Hintergrund und halb im
-Schatten stand, also nicht zu sehr hervortrat, vortrefflich paßte.
-
-»Aber um Gottes Willen, Kind,« rief die alte Dame, die Herr Joulard
-»Excellenz« genannt hatte, wie sie nur merkte, welche Gestalt aus dem
-Ofenschirm herauswuchs. »Du willst doch nicht neben Deinem eigenen
-Conterfey den lebendigen Satan abmalen lassen?«
-
-»Das wird, soviel ich bis jetzt sehe,« sagte Clemence, »kein Teufel,
-sondern ein Faun, wenn auch mit etwas wunderlicher Ausschmückung und --
-ganz absonderlichen Zügen,« setzte sie langsam und mit einem forschenden
-Seitenblick auf ihren Bräutigam hinzu, »aber irgend ein phantastisches Bild
-paßt an einen solchen Platz, und ich sehe nicht die geringste Gefahr für
-mich darin.«
-
-»Es wird ja aber wahrhaftig der helle Satan mit Hörnern und Schweif,« rief
-die alte Dame entsetzt, während der Major neben dem jungen, eifrig malenden
-Künstler stand und einmal über das andere »Bravo, ganz vortrefflich!« rief.
-Er amüsirte sich ausgezeichnet und schien keine Ahnung zu haben, daß eben
-dieser belobte Teufel seine eigenen, fast sprechend ähnlichen Züge trug.
-Sonderbarer Weise fiel es auch, wie man das ja so oft hat, keinem Anderen
-der Anwesenden augenblicklich auf, denn das Gesicht war doch immer
-carrikirt. Nur Clemence verglich still, aber desto aufmerksamer das Antlitz
-des Officiers mit der Carrikatur, und ihr Blick suchte dabei einmal dem
-des Malers zu begegnen. Trautenau, obgleich er es merkte, wich ihr aber
-absichtlich aus -- er wollte sich nicht vor der Zeit verrathen, und malte
-so emsig weiter, daß in kaum einer halben Stunde das kleine Bild vollendet
-war. Als aber von keiner Seite weiter Einspruch gegen das Sacrilegium
-geschah, wurde es der alten Excellenz zu eng im Raum. Sie mahnte zum
-Aufbruch und die Uebrigen folgten jetzt ebenfalls, um dem Maler den Platz
-zu überlassen, denn dieser hatte Clemence gebeten, ihm heute noch höchstens
-eine viertel Stunde zu sitzen, damit er den Kopf bis auf die letzten
-Kleinigkeiten vollende. Das Uebrige konnte er dann mit leichter Mühe im
-eigenen Hause fertig machen.
-
-Mademoiselle hatte wieder ihren gewöhnlichen Platz im Lehnstuhl eingenommen
--- da sagte Clemence plötzlich:
-
-»Ach, Mademoiselle, wenn ich Sie bitten dürfte, im blauen Zimmer, wo meine
-kleine Bibliothek steht, finden Sie das Buch der Lieder von Heine; dürfte
-ich Sie ersuchen, es mir zu holen. Es muß im dritten oder vierten Fach
-stehen.«
-
-Mademoiselle seufzte; sie hatte fast den ganzen Morgen gestanden und sich
-eben erst recht bequem hingesetzt. Jetzt mußte sie wieder in die Höhe,
-aber es half Nichts: sie konnte den Dienst nicht verweigern, da keiner der
-Diener das Buch gefunden hätte.
-
-Des Malers Herz klopfte heftig. Hatte Clemence selber die lästige Zeugin
-entfernt, um mit ihm allein zu sein? dann durfte er auch nicht blöde den
-günstigen Moment versäumen, er konnte nie wiederkehren, denn heute war
-seine Arbeit hier im Hause beendet. -- Aber sein Entschluß sollte ihm
-erleichtert werden, denn kaum hatte sich die Thür hinter den Davongehenden
-geschlossen, als das junge Mädchen zu der Staffelei trat und den jungen
-Maler fest anblickend auf die Figur des Ofenschirms deutete und fragte:
-
-»Wessen Portrait ist das, mein Herr?«
-
-»Und muß es ein Portrait sein, mein gnädiges Fräulein,« rief Trautenau über
-den entschiedenen, fast harten Ton der Stimme frappirt.
-
-»Sie leugnen also eine absichtliche Aehnlichkeit?«
-
-»Nein,« sagte der Maler, denn er fühlte, daß der entscheidende Moment
-gekommen sei. »Wenn auch keine Aehnlichkeit, wollte ich doch eine
-Charakteristik geben.«
-
-»Eine Charakteristik,« sagte Clemence erstaunt --, »wie verstehe ich das?«
-
-»Ich will deutlich reden, denn nicht die Minuten, nein die Secunden sind
-mir zugezählt. Fräulein, von dem ersten Moment an, wo ich Sie sah, zog mich
-ein Etwas zu Ihnen hin, dem ich keinen Namen geben konnte.«
-
-»Mein Herr!« rief Clemence, einen Schritt zurücktretend.
-
-»Fürchten Sie keine Belästigung,« fuhr Trautenau fort, »lassen Sie mich
-ruhig ausreden, denn ich werde mich sehr kurz fassen, und es ist sogar
-nöthig, daß Sie es erfahren.«
-
-»Sie sprechen in Räthseln,« erwiederte Clemence, während hohes Roth ihre
-Züge färbte.
-
-»Die Ihnen augenblicklich klar werden sollen. Sie sind im Begriff sich mit
-dem Major von Reuhenfels zu vermählen.«
-
-»Allerdings.«
-
-»Wissen Sie was man in der Stadt von ihm spricht?«
-
-»Von dem Major?«
-
-»Von demselben: Daß er ein arger Spieler und Schuldenmacher, ja mehr als
-das, daß er ein schlechter Mensch sei.«
-
-»Mein Herr, Sie sprechen von meinem künftigen Gatten!«
-
-»Ich weiß es« rief Trautenau bewegt und weich -- »und nur um Unglück von
-Ihrem theueren Haupt abzuwenden, wage ich etwas, wozu sonst nur ein Freund
--- kein Fremder, das Recht beanspruchen durfte -- wage ich Sie zu warnen.«
-
-»Zu warnen?«
-
-»Ja, Clemence,« flüsterte Trautenau, der vor innerer Bewegung kaum die
-Worte über die Lippen brachte. -- »Glauben Sie mir nur, daß mich allein die
-Sorge -- die -- Theilnahme für Sie bewegt, Ihnen das zu sagen. Uebereilen
-Sie den Schritt nicht, den Sie im Begriff sind zu thun, denn eine
-lebenslange Reue könnte ihn bestrafen. Sie sollen mir nicht glauben -- kein
-Wort von dem, was ich Ihnen sage, ohne vorher Alles genau geprüft zu haben;
-aber prüfen Sie es wenigstens. Das Urtheil der Stadt über Ihren künftigen
-Gatten ist ein schweres, und Ihr Vater wenigstens muß wissen, was man ihm
-zur Last legt. Die Enttäuschung später wäre nachher zu furchtbar.«
-
-»Haben Sie geendet?« fragte das junge Mädchen kalt.
-
-Trautenau schwieg und sah sie erstaunt an.
-
-»Dann ersuche ich Sie,« fuhr Clemence fort, »sich in Zukunft mit Anklagen,
-die meinen Bräutigam betreffen, an diesen selber zu wenden. Ich und mein
-Vater wissen, was in der Stadt aus Bosheit und besonders aus Neid gegen den
-Herrn böswillig geklatscht und verbreitet wird. Ich will annehmen,« setzte
-sie freundlicher hinzu, als sie die heftige Bewegung bemerkte, mit welcher
-der Maler emporfahren wollte, »daß Ihnen solche Gehässigkeiten fremd sind.
-Sie meinen es wahrscheinlich ehrlich und ich danke Ihnen dafür. Damit muß
-aber auch die Sache und zwar für immer, abgemacht sein. Ich selber wünsche
-wenigstens nicht weiter damit behelligt zu werden und nun bitte, beenden
-Sie Ihre Arbeit, denn meine Zeit ist beschränkt.«
-
-»Wie Sie befehlen,« erwiederte Trautenau kalt, denn er fühlte diese
-Zurückweisung doppelt scharf. -- »Vielleicht wünschen Sie nun auch, daß ich
-die Aehnlichkeit in dem Bilde des Ofenschirmes ändern soll.«
-
-Clemence zögerte einen Augenblick mit der Antwort: endlich flog ein
-leichtes, fast neckisches Lächeln über ihre Züge.
-
-»Nein,« sagte sie -- »lassen Sie es so. Haben Sie dies nämliche Bild an
-Ihre Wand gemalt?«
-
-»Ja, mein gnädiges Fräulein.«
-
-Clemence erwiederte Nichts weiter; sie nahm ihre frühere Stellung wieder
-ein und in demselben Augenblick öffnete sich auch die Thür, in welcher
-Mademoiselle mit den Worten erschien, daß sie den ganzen Bücherschrank
-von oben bis unten durchgesucht habe, ohne das bezeichnete Buch darin zu
-finden.
-
-»Ich danke Ihnen, vielleicht hat es mein Vater herausgenommen. Ich brauche
-es auch nicht mehr -- wir sind gleich zu Ende,« sagte Clemence in einem
-gleichgültigen Ton.
-
-Trautenau beeilte sich jetzt wirklich mit der unbedeutenden Arbeit, die
-er rasch vollendete und erst als sich Clemence bereit zeigte das Zimmer zu
-verlassen, sagte er herzlich und einfach:
-
-»Mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, ob ich jetzt, da ich das Letzte an
-dem Bild in meinem eigenen Atelier beenden muß, noch einmal die Ehre haben
-werde, Sie vor Ihrer Verheirathung zu sehen. Lassen Sie mich, der ich so
-manche glückliche Stunde hier verlebte, nicht so kalt und förmlich von
-Ihnen Abschied nehmen. Reichen Sie mir Ihre Hand.«
-
-Er streckte ihr die seine treuherzig entgegen, und während die Mademoiselle
-über dieses sonderbare und außergewöhnliche Verlangen große Augen machte,
-zögerte Clemence, der Bitte zu willfahren. Aber sie mochte es auch nicht
-verweigern; schüchtern reichte sie ihm die äußersten Fingerspitzen. Der
-Maler nahm sie, hob sie leicht an die Lippen und flüsterte dann: »Gott
-gebe, daß diese Hand sich nur zum Glück in die eines Mannes lege. Seien Sie
-glücklich --« und seinen Hut aufgreifend, ohne die Mademoiselle weiter zu
-beachten, verließ er rasch das Zimmer.
-
-
-
-
-Fünftes Capitel.
-
-Zerronnen.
-
-
-Ernst Trautenau war in einer recht trüben Stimmung nach Hause gekommen
-und diese wurde nicht gebessert als sein Auge auf das karrikirte Bild des
-Majors fiel, dessen grinsende Züge sich über ihn lustig zu machen schienen.
-Eine ganze Weile ging er auch mit verschränkten Armen in seinem Zimmer
-auf und ab, und in Trotz und Aerger fuhr sein Blick wohl manchmal nach
-der verhaßten Gestalt hinüber, ja es war als ob er mit einem finsteren
-Entschluß ringe. Aber was konnte, was durfte er Anderes thun als der Sache
-eben ihren Lauf lassen? Er hatte ja mit Clemence gesprochen und sie gewarnt
-und sie ihn auch genau genug verstanden, aber auch höflich zwar, doch kalt
-abgewiesen. Damit schien Alles erschöpft was ihn hätte veranlassen können
-weiter vorzugehen, ja des jungen Mädchens ganzes Benehmen zeigte deutlich,
-daß sie glaubte, er sei schon zu weit gegangen.
-
-Und was sollte er jetzt thun? Er hätte sich gern mit Frank ausgesprochen,
-denn er wußte, daß der es treu mit ihm meine, Frank war aber seit einigen
-Tagen verreist und wurde in der nächsten Zeit nicht wieder zurück erwartet;
-so blieb ihm Nichts übrig, als Alles was ihn quälte, in der eigenen Brust
-zu verschließen.
-
-Er war dadurch fast menschenscheu geworden, und als er Clemencens Bild, um
-es jetzt in seinem eigenen Atelier zu beenden, wieder in das Haus geschickt
-bekam, schloß er sich volle acht Tage damit ein, verkehrte mit Niemandem,
-antwortete auf kein Klopfen, und grub sich den Pfeil, diesem geliebten
-Zeugen gegenüber nur noch immer tiefer in die Brust. Ja er fand einen süßen
-Schmerz für sich darin, eine kleine Copie davon zurückzubehalten, er hätte
-sich ja sonst nicht von dem Bilde trennen können.
-
-Endlich hatte er es fertig und es war abgeliefert worden. In der ganzen
-Zeit hörte er auch nichts von Joulard -- er wollte nichts hören, bis er
-eines Morgens ein Schreiben des alten Herrn selber erhielt, in welchem
-dieser ihm mit wenigen Worten für das »sehr gelungene Gemälde« dankte,
-und ein Honorar beifügte, das Trautenau nie gewagt haben würde, so hoch zu
-fordern. Aus dem Couvert fiel aber auch noch eine kleine Karte zu Boden,
-die er vorher nicht bemerkt hatte. Er hob sie auf, es standen mit äußerst
-feiner zierlicher Schrift nur die beiden Namen darauf:
-
- Major Kuno von Reuhenfels zu Berg,
- Clemence von Reuhenfels zu Berg,
- née Joulard.
-
-Es war geschehen, die Hochzeit hatte, ohne daß er in seiner
-Abgeschlossenheit etwas davon gehört, stattgefunden und Clemence selber
-seine Warnung verachtet. Die Folgen kamen jetzt über sie.
-
-Nun litt es ihn aber auch nicht mehr in der Stadt, er mußte fort. Um der
-Form zu genügen, schrieb er ein paar Zeilen an Herrn Joulard, worin er
-ihm den richtigen Empfang des Honorars dankend anzeigte und zugleich seine
-Glückwünsche für das jung verehelichte Paar beilegte. Dann ließ er noch
-einen Brief für Frank zurück, wenn dieser etwa wiederkehren sollte, packte
-seinen kleinen Koffer und seine Malergeräthschaften zusammen und verließ
-M--, um sich nach dem Süden -- nach Italien, dem Paradies der Künstler, zu
-wenden.
-
-Dort blieb er weit über zwei Jahre und vertiefte sich so vollkommen in
-seine Arbeiten, daß er von Deutschland wenig oder gar nichts hörte. Ja, er
-mied es sogar, Kunde von dort zu erhalten. Nur die Erinnerung wachte und
-bohrte noch in ihm. Clemencens Bild verließ ihn keinen Augenblick und ihre
-lieben Züge gab er manchem seiner Bilder, wie er denn auch die Züge des
-Majors nicht vergessen hatte.
-
-Eines seiner Gemälde machte Aufsehen. Es war eine Scene aus der früheren
-italienischen Geschichte, wo Seeräuber von der afrikanischen Küste sich
-manchmal keck an die Ufer dieses Landes wagten, ihre Schaaren an den Strand
-warfen und von Menschen und Gütern raubten, an was sie in aller Schnelle
-die Hand legen konnten. Das Bild stellte den Moment vor, wie die Räuber
-wieder, während ein Theil von ihnen das andringende Landvolk zurücktreibt,
-mit der gemachten Beute fliehen, und den Mittelpunkt desselben bildete
-eine, mit furchtbarer Wahrheit ausgeführte Gruppe, in welcher der Capitain
-der Räuber ein junges bildschönes Mädchen, das sich aber in rasender
-Leidenschaft gegen ihn sträubt, zu dem nur noch wenige Schritte entfernt
-liegenden Boot hinunter schleppt.
-
-Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß die Geraubte Clemencens Züge
-trug, während der Capitain dem verhaßten Major glich.
-
-Gerade durch dies Gemälde aber, und daß er sich so lebendig wieder mit
-den alten besser begrabenen Erinnerungen beschäftigte, erwachte in ihm die
-Sehnsucht nach der Heimath stärker als je. -- Clemence? -- er wußte recht
-gut, daß er mit keiner Faser seines Herzens mehr an sie denken durfte,
-aber er wollte doch wenigstens in ihre Nähe zurückkehren. Er mußte sie noch
-einmal sehen, er mußte hören, daß es ihr gut gehe, daß sie sich glücklich
-fühle, und dann? Ei, dann hatte er weite Reisepläne vor. Er war noch jung,
-und die Welt lag vor ihm mit all ihren ungemessenen Schätzen.
-
-Einmal mit dem Entschluß erst im Reinen, führte er ihn auch bald aus. Seine
-Gemälde hatte er fast alle auf Bestellung gemacht; für das letzte wurde ihm
-ein bedeutender Preis geboten; er nahm ihn an, und schon in der nächsten
-Woche trat er den Rückweg nach Deutschland an.
-
-Als er M-- erreichte, fuhr er vom Bahnhof in einer offenen Droschke durch
-die Stadt nach einem dem Kutscher bezeichneten Hôtel. Er wußte, daß er
-auf dem Weg Joulard's Palais passiren mußte und wenn er sich auch keine
-Hoffnung machte, Clemence dort zu sehen, wollte er doch wenigstens einen
-Blick nach ihren Fenstern werfen.
-
-Dort lag das stattliche Gebäude vor ihm, aber er schrak fast zusammen,
-als er die Veränderung bemerkte, die mit demselben in der kurzen Zeit
-vorgegangen war.
-
-Das war nicht mehr das Haus eines reichen Privatmannes, denn die Industrie
-hatte sich seiner bemächtigt, und große Schilder beklebten, entstellten es
-von oben bis unten. Die Parterrelokale waren parcellirt und zu eleganten
-Verkaufsräumen hergerichtet worden -- in der ersten Etage hatte sich ein
-großes Spitzenlager von Aaron Hamburger etablirt, dessen riesiger Name
-fast die ganze Front einnahm, und oben war in der zweiten Etage eine Thür
-ausgebrochen und ein Krahnbalken eingeschoben worden, um dorthin Waaren
-gleich von der Straße aus, hinaufzuwinden.
-
-»Hat denn Herr Joulard dies Haus verkauft?« frug Trautenau unwillkürlich
-den Kutscher; dieser zuckte aber mit den Achseln und erwiederte:
-
-»Kann ich nicht sagen, ich bin erst seit einem halben Jahre in M-- und weiß
-gar nicht, wem das Haus früher gehörte. Jetzt ist's der Stadt und die Läden
-werden vom Stadtrath selber vermiethet, denn ich weiß, mein Herr hätte gern
-die schönen Ställe da drin gehabt, aber sie forderten einen zu bärenmäßigen
-Zins dafür. Da war's denn Nichts.«
-
-Nicht lange darauf hielt die Droschke vor dem bezeichneten Hôtel, und
-Trautenau's erste Frage, nachdem er sein Zimmer angewiesen bekommen, war
-nach dem Joulard'schen Hause. Der Kellner zuckte ebenfalls die Achseln.
-
-»Das war eine faule Geschichte,« sagte er, »sind nun fast zwei Jahre, da
-brach der Schwindel zusammen. Die ganze Stadt hatte den Herrn Joulard für
-einen Millionär gehalten -- ja wohl, eine halbe Million Schulden kam fast
-zusammen, es ging hoch in die Hunderttausende und auf einmal war er weg,
-wie Schnee im April, und kein Mensch weiß noch bis zu dieser Stunde, was
-aus ihm geworden ist.«
-
-Trautenau schnürte es fast das Herz zusammen, aber er wagte nicht, den
-kurzjackigen, wohlfrisirten Menschen weiter zu fragen. Von diesen Lippen
-wollte er das Schicksal Clemences nicht erfahren. Er mußte sehn, ob er
-Frank nicht in M-- traf.
-
-Er zog sich rasch um und ging in dessen alte Wohnung, dort aber war er
-nicht mehr zu finden. Jedoch sollte er in der Stadt sein, wo er sich aber
-jetzt eingemiethet habe, würde Herr Trautenau wohl auf der Polizei am
-sichersten erfahren.
-
-Dorthin ging er und hörte, daß Franz Rauling, Maler, sein eigenes altes
-Atelier bewohnte, wohin er sich denn natürlich augenblicklich begab.
-
-Das Wiedersehen der beiden Freunde war herzlich. Wie viel hatten sie sich
-auch zu sagen und zu erzählen, und doch scheuten sich Beide eine lange
-Weile den einen Punkt zu berühren, der jedenfalls auf Beider Lippen lag und
-dem doch Keiner von ihnen zuerst Worte geben mochte.
-
-Trautenau saß in einem alten lederüberzogenen Lehnstuhl, den Kopf in die
-rechte Hand gestützt, das linke Bein über das rechte geschlagen, und sein
-Blick hing, während er mit dem Freund sprach, fest und unverwandt an seinem
-eigenen Teufelsbild, das heute noch wie damals die Mauer zierte -- oder
-entstellte.
-
-»Und was ist aus dem da geworden?« brach er endlich durch alle Schranken
-durch, denn er mußte ja doch wissen, was mit Clemence geschehen.
-
-»Aus dem da?« antwortete Frank und warf den Blick über die Schulter nach
-dem Wandgemälde -- »weißt Du schon, was aus dem alten Joulard geworden
-ist?«
-
-»Sein Haus hat er verkauft.«
-
-»Er? -- nein -- aber seine Gläubiger haben es gethan. Das war einer der
-größten Schwindler, die je existirt. Und wie hat er unsere gute Stadt
-selber angezapft. Mit einer Frechheit ist er dabei aufgetreten, die gar
-nichts zu wünschen übrig ließ. Er verstand wie Keiner, den Leuten Sand
-in die Augen zu streuen und besaß dadurch einen ganz enormen Credit. Den
-benutzte er, so lange es anging, aber ewig konnte das natürlich nicht
-dauern -- plötzlich und bald nachdem Du M-- verlassen, brach es zusammen,
-und wie nur die erste drohende Wolke am Horizont aufstieg, ballte sich
-auch in wenigen Tagen, ja man könnte sagen in Stunden ein so furchtbares
-Gewitter über seinem Haupt zusammen, daß er es für gerathen fand demselben
-auszuweichen. Er verschwand und hat auch keine Spur hinterlassen, was aus
-ihm geworden. Einige wollten behaupten, daß er freiwillig den Tod gesucht,
-aber ich glaube es nicht -- sein Leichnam ist nirgends gefunden worden
-und außerdem traue ich dem berechnenden Burschen eine solche That der
-Verzweiflung gar nicht zu, da er durch die Katastrophe ja nicht überrascht
-werden konnte. Er mußte vom ersten Augenblick an wissen, daß sie ihn früher
-oder später ereilen würde. Sie konnte nicht ausbleiben.«
-
-»Und Clemence?« fragte Trautenau leise -- »ist sie hier?«
-
-Frank zögerte mit der Antwort. -- »Nein« sagte er endlich, »aber ich sehe
-auch nicht ein, weshalb ich Dir etwas vorenthalten soll, was Dir doch hier
-in M-- kein Geheimniß bleiben kann, denn die Sperlinge auf den Dächern
-haben fast ein Jahr lang davon geschwatzt. Jetzt ist es ruhiger geworden,
-denn das Publikum findet immer wieder etwas Neues, was die alten
-Geschichten vergessen läßt!«
-
-»So ist etwas mit dem Major vorgegangen?«
-
-»Allerdings, und zwar kurz vorher, ehe der Bankerott des Alten ausbrach.
-Wärest Du nur acht Wochen länger in M-- geblieben, so hättest Du die ganze
-Sache mit erlebt.«
-
-»Und was war es?«
-
-»Du weißt, welche Gerüchte schon früher über ihn umliefen, und
-unbegreiflich ist es, daß Joulard selber Nichts davon gehört haben sollte.«
-
-»Ich selber habe Clemence gewarnt.«
-
-»Du?«
-
-»Gewiß, wie ich sie das letzte Mal sah, aber sie wies mich kalt und stolz
-zurück.«
-
-»Dann steckt auch mehr dahinter und dies bestätigt einen Verdacht, den ich
-schon lange gefaßt, daß nämlich der Major sowohl, als der alte Joulard ihre
-gegenseitigen Verhältnisse genau kannten. Uebrigens wurde später behauptet,
-daß Clemence gar nicht Joulards Tochter gewesen sei.«
-
-»Und wessen sonst?«
-
-Frank zuckte mit den Achseln. »Es würde schwer sein, das festzustellen,
-und käme auch Nichts mehr darauf an, denn er ist fort aus M-- und wird wohl
-schwerlich hierher zurückkehren.«
-
-»Und was ist sonst vorgefallen? Sage mir Alles.«
-
-»Es ist mit kurzen Worten erzählt. Es kamen Dinge zur Sprache, die den
-Major auf das Aeußerste compromittirten. Er mußte seinen Abschied nehmen.
-Wechsel waren gefälscht worden, Cassengelder unterschlagen. Man sprach von
-falschem Spiel und einigen anderen Betrügereien und ging, mit Rücksicht auf
-den Schwiegervater und den adeligen Namen des Burschen, wohl schlaffer mit
-der Anklage gegen ihn vor, als man gegen einen Menschen aus niederem Stande
-vorgeschritten wäre. Auf einmal war der Major verschwunden.«
-
-»Mit seiner Frau?«
-
-»Mit seiner Frau, und als nun Joulard die Wechsel zahlen sollte, brach eben
-das ganze Kartenhaus zusammen.«
-
-»Und wurde der Major nicht verfolgt?«
-
-»Nein, man erzählte sich, oder wußte vielmehr, daß er bei Prinz Y-- sehr
-gut angeschrieben stand, es gingen darüber allerlei tolle Gerüchte, die
-natürlich wenig ehrenhaft für den Major waren. Der Prinz zahlte, wenn auch
-seufzend, aber er zahlte doch, und die Klage gegen den Major, da sich die
-Gläubiger gern mit 50% abfinden ließen, wo sie schon gefürchtet hatten gar
-nichts zu bekommen, wurde niedergeschlagen.«
-
-»Und wo hält er sich jetzt auf?«
-
-»Kein Mensch weiß es. Ein Bekannter von mir wollte ihn neulich in Paris
-gesehen haben, schien seiner Sache aber doch nicht ganz gewiß. Unmöglich
-wär's freilich nicht, denn wenn er auch nicht in Deutschland mehr verfolgt
-wird, dürfte er es doch nicht wagen, sich in anständiger Gesellschaft
-blicken zu lassen, und ein solcher Zustand würde ihm bald unerträglich
-werden.«
-
-»Und Clemence ist bei ihm?«
-
-»Wenigstens mit ihm von hier fortgegangen.«
-
-»Armes, unglückliches Geschöpf -- wie furchtbar elend muß sie sich jetzt
-fühlen.«
-
-Frank schwieg und sah still vor sich nieder. Es schien fast, als ob er
-noch etwas sagen wollte; Trautenau aber war zu sehr mit seinen eigenen
-schmerzlichen Gedanken beschäftigt, um es zu bemerken. Manche Gerüchte über
-Clemence hatten nämlich ebenfalls die Stadt durchlaufen, aber was konnte es
-nützen, dem Freund durch Wiederholung derselben wehe zu thun. Bewiesen war
-doch keins von allen worden, und ob Clemence nun Mitschuldige oder rein von
-jedem Fehl sei, was kümmerte das den Stadtklatsch, der überall seine Opfer
-suchte und dabei wahrlich nicht wählerisch in seinen Mitteln war.
-
-»Und weißt Du nicht, was aus ihrem Bild geworden ist?« fragte der Andere
-nach einer längeren Pause. -- »Sind denn auch selbst die Familienbilder
-unter den Hammer des Actionators gekommen?«
-
-»Alles,« lautete Frank's Antwort, »Dein Bild soll übrigens ziemlich hoch
-von einem Engländer erstanden sein, der sich, Gott weiß, aus welchem
-Grunde, dafür interessirte. Ich glaube, der Ofenschirm hat ihm in die Augen
-gestochen. Das war doch eine verwünschte Idee von Dir, Ernst, den Bräutigam
-als Carricatur neben die Braut zu stellen, und ich begreife nur nicht, daß
-Clemence selber blind gegen die wirklich frappante Aehnlichkeit blieb.«
-
-»Sie hat sie damals entdeckt.«
-
-»Was? und den Schirm nicht übermalen lassen?«
-
-»Ich erbot mich, es selber zu thun, aber sie wies es zurück.«
-
-»Das ist in der That sehr sonderbar und zeugt wohl von einem ganz
-eigenthümlichen Humor der jungen Dame, aber nicht besonders von ihrer
-Verehrung für den Bräutigam.«
-
-»Sie hat sich doch keinenfalls etwas Böses dabei gedacht.«
-
-»Wer kann wissen, was sich so ein Mädchenkopf denkt -- das ist
-unergründlich wie der Ocean. Aber was gedenkst Du jetzt zu thun? Bleibst Du
-hier in M--?«
-
-»Ich weiß es nicht -- weiß auch nicht, ob ich überhaupt in der nächsten
-Zeit Ruhe zum Arbeiten haben werde.«
-
-»Aber Du hast gewiß eine Mappe voll prächtiger Studien mitgebracht.«
-
-»Das allerdings, aber die können warten. Meine Casse ist ziemlich gefüllt
-und ich mache vielleicht noch, ehe ich den Pinsel wieder in die Hand nehme,
-vorher eine kurze Reise durch Deutschland. Ich habe eine Sehnsucht nach dem
-Rhein.«
-
-»Höre, Ernst, mach' keinen dummen Streich,« sagte Frank, der ihn
-mißtrauisch ansah -- »Du hast doch nicht etwa den tollen, abenteuerlichen
-Plan, Deiner früheren Flamme nach Paris zu folgen?«
-
-Trautenau schüttelte leise den Kopf. »Nein, Frank,« erwiderte er, »meine
-Seele denkt nicht daran. Clemence ist jetzt das Weib des Majors und kann
-für mich natürlich von da an nur eine Fremde sein. Ja, ich würde sogar die
-Stadt, in der sie wohnt, meiden, um ihr nicht wieder zu begegnen. Weshalb
-auch? es hieße nur alte Wunden aufreißen, um sie frisch bluten zu sehen.«
-
-»Ist das Dein voller Ernst?«
-
-»Hier meine Hand darauf und mein Wort.«
-
-»Gott sei Dank,« rief Frank, »denn ich fürchtete schon, daß die Nachricht
-ihres Unglücks jene alte hoffnungslose Liebe wieder anfachen könne.«
-
-»Wenn ich sie verlassen und im Elend wüßte -- ja -- nicht an der Seite
-eines Gatten.«
-
-»Dann will ich Dir etwas sagen, Ernst,« rief Frank lebendig. »Ich habe
-gerade verschiedene Arbeiten beendet -- bin überhaupt das letzte Jahr
-merkwürdig fleißig gewesen, und hatte mir schon fest vorgenommen, diesen
-Sommer eine kleine Erholungsreise zu machen. Wenn Du jetzt noch zwei oder
-höchstens drei Tage auf mich warten kannst, begleite ich Dich, was meinst
-Du dazu, und wir kreuzen dann eine Weile am Rhein umher.«
-
-»Der glücklichste Gedanke, den Du fassen konntest!« rief Ernst erfreut aus
--- »ich warte auf Dich und wenn Du eine volle Woche brauchst, um fertig
-zu werden. Oder kann ich Dir vielleicht helfen? Mir geschieht ein Gefallen
-damit, denn selbstständig kann ich doch noch Nichts arbeiten und möchte
-nicht die Zeit über ganz müssig liegen.«
-
-»Desto rascher werden wir fertig,« entgegnete Frank lachend, »also dankbar
-angenommen, und hier in Deinem alten Atelier wird es Dir doppelt heimisch
-sein.«
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-In Wiesbaden.
-
-
-Die beiden jungen Leute gingen jetzt, dabei mit einander plaudernd und
-erzählend, frisch an die Arbeit, um einige Kleinigkeiten, die Frank noch
-versprochen hatte abzuliefern, in den nächsten Tagen zu beenden. Das
-wurde auch rascher erledigt, als sie selber geglaubt, denn in der
-gemeinschaftlichen Thätigkeit flogen ihnen die Stunden nur so dahin. Am
-dritten Abend waren sie auch schon zur Abreise fertig gerüstet, und um auch
-keinen Moment mehr zu versäumen, benutzten sie selbst den Nachtzug, daß
-der sie dem flachen Lande entführe, und nur erst einmal hinein in die Berge
-bringe.
-
-Am anderen Abend schon wanderten sie Arm in Arm den wunderbar schönen Rhein
-entlang, und das Herz floß ihnen in lautem Jubel und fröhlichem Gesang
-über. Giebt es ja doch nur einen einzigen solchen Strom in der ganzen
-weiten Welt, und wem das Herz an diesen Ufern nicht aufgeht und wärmer,
-freudiger schlägt bei den Wundern, die sich dort seinem Blick öffnen -- ei,
-der mag ruhig fortgehen und sich in der lüneburger Haide oder im berliner
-Sande begraben lassen -- auf Erden ist er doch zu Nichts mehr nütze.
-
-Das war eine frohe, glückliche Zeit, die sie dort verlebten, und selbst
-Ernst, der sonst mehr zur Schwermuth neigte und sich nie wohler fühlte,
-als wenn er allein und einsam seine Bahn wandelte, lebte neu auf in der
-wunderbar schönen Natur und der Gesellschaft des stets fröhlichen und
-heiteren Frank.
-
-Mit ihren Mappen wanderten sie von Bingen zuerst durch die Berge hinüber
-bis Bacharach, in dessen Nachbarschaft sie sich eine Zeitlang aufhielten,
-dann kreuzten sie hinüber nach dem Lurleifelsen und nach St. Goarshausen,
-bis sie sich in St. Goar eine Zeitlang festsetzten, und dann langsam
-sich wieder am rechten Rheinufer bis zu der reizenden Mündung der Lahn
-hinunterzogen. Es war ein vollkommen zielloses Umherstreifen, aber deshalb
-gerade so anziehend, weil es ihnen auch keine Stunde im Tag einen Zwang
-auferlegte, und ihre Mappen und Skizzenbücher bereicherten sie dabei
-ungemein.
-
-So hatten sie vier volle Wochen glücklich verlebt, als Frank zuerst an den
-Heimweg dachte, da er nach M-- zurückkehren mußte, um einige versprochene
-Arbeiten in Angriff zu nehmen. Trautenau beabsichtigte noch nach Köln
-hinunter zu gehen und sich dort einige Zeit aufzuhalten. Er wollte sich
-aber wenigstens nicht so lange von dem Freund trennen, als dieser noch
-den Rhein bereiste und beschloß, ihn deshalb bis Mainz oder Castell zu
-begleiten und dann die schöne Fahrt wieder stromab bis Köln zu machen.
-
-Aber auch diese Rückfahrt übereilten sie nicht, denn auf eine Woche kam
-es dabei nicht an, und manchen hübschen Punkt, den sie auf der Niederfahrt
-übergangen, berührten sie jetzt und holten das damals Versäumte ein.
-
-So kamen sie auch nach Bieberich, und Frank, der noch nie eine Spielbank
-gesehen hatte, zeigte Lust einmal auf ein paar Stunden nach Wiesbaden
-hinüber zu fahren. Ernst natürlich schloß sich ihm an und da der Abend
-schon dämmerte, beschlossen sie, die Nacht dort zu bleiben und dann mit dem
-Frühzug, der Eine wieder in das innere Land zurück zu kehren, der Andere
-seine Reise nach Köln fortzusetzen.
-
-Das war ein reges Leben in dem Ort, denn Wiesbaden kann wohl als das
-Paradies der Spielhöllen betrachtet werden. Die Promenaden waren dicht
-gedrängt voll geputzter Menschen und in den prachtvollen Spielsalons preßte
-sich um die grünen Tische Kopf an Kopf, so daß man nicht einmal in ihre
-Nähe gelangen konnte.
-
-Allerdings standen dort auch eine Menge von Neugierigen umher, die nur eben
-sehen wollten was gesetzt wurde und wer es gewann. Die Meisten ließen sich
-aber doch -- hier und da durch einen augenblicklichen Erfolg einzelner
-Spieler angelockt -- verleiten, kleine Summen da oder dorthin zu setzen
-und erst wenn die erbarmungslosen Krücken der Croupiers das Geld, das sie
-vielleicht Gott weiß wie nothwendig für sich und ihre Familien gebraucht
-hätten, einstrichen, zogen sie sich leise und beschämt zurück und suchten
-sich unter die Menge zu verlieren. Aber Niemand achtete auf sie; das waren
-ja doch nur Eintagsfliegen, Motten, die um das Licht flatterten und
-sobald sie sich einmal die Flügel leicht versengt, untauglich für weiteren
-Gebrauch wurden.
-
-Die hartnäckigeren Spieler, Stammgäste, wie man sie nennen könnte, hatten
-ihren Platz am Tische selbst, auf weich gepolsterten Stühlen, mit kleinen
-Täfelchen neben sich, auf denen sie die verschiedenen Chancen des Spiels
-notirten und sich dabei so gleichgültig als irgend möglich gegen Gewinn
-oder Verlust zu zeigen suchten.
-
-Die beiden jungen Leute verstanden das Spiel gar nicht, und sie dachten
-noch weniger daran, »ihr Glück« zu versuchen, wie man das gewöhnlich nennt,
-wie es aber besser heißen sollte »ihr Geld dem grünen Tisch zu opfern.« Nur
-beobachten wollten sie, und dazu bekamen sie vortreffliche Gelegenheit in
-den verschiedenen Physiognomien der bei dem Spiel interessirten Menschen.
-
-Wie sie noch so langsam, bald hier, bald dort umherschlenderten und sich
-leise ihre Bemerkungen mittheilten, fiel plötzlich in einem der anderen
-Säle ein Schuß, und was nicht unmittelbar an dem nächsten Tisch interessirt
-war, zog sich augenblicklich davon zurück, um zu sehen, was vorgegangen
-sei. Es kommt ja allerdings gar nicht so selten vor, daß ein armer Commis,
-der Geld für seinen Principal eincassirt, und hier in wenigen Stunden --
-vielleicht Minuten, Alles verloren hat, mit einer Kugel oder auf sonstiger
-Weise seinem Leben ein Ende macht. Aber es geschieht doch nicht oft, daß
-er einen solchen verzweifelten Entschluß gleich an Ort und Stelle ausführt,
-und ist sicher für die Bankhalter immer ein sehr unangenehmer Fall, da
-nachher zu viel darüber gesprochen und geschrieben wird.
-
-Um so mehr wollten die Meisten aber auch Zeugen einer solchen Scene sein,
-und nur die wirklichen und leidenschaftlichen Spieler berührte es nicht.
-Was war es auch -- ein werthloses Menschenleben, was hier eben, inmitten
-von Pracht und Haufen Goldes, geendet hatte -- ein ekelhafter, unangenehmer
-Leichnam, den die Aufwärter nun so rasch als möglich entfernen, und
-das Blut vom Parket wegwaschen mußten. In zehn Minuten konnte das Alles
-beseitigt sein und es dauerte wirklich kaum so lange.
-
-Die beiden jungen Freunde zogen sich ebenfalls und unwillkürlich jener
-Stelle zu, wo wieder einmal dieser »Fluch des Rheins«, das höllische
-Spiel, ein Opfer gefordert hatte. Aber es war nicht möglich rasch dahin zu
-gelangen, denn durch die von den Tischen plötzlich zurückpressenden Leute
-wurde der Raum für kurze Zeit vollkommen angefüllt. Langsam rückten sie
-aber trotzdem am Tische hin und wollten eben links abbiegen um eine
-freiere Stelle zu gewinnen, als Frank plötzlich seinen Arm fast krampfhaft
-festgehalten fühlte, und als er sich erstaunt nach der Seite umdrehte, sah
-er des Freundes Augen, dessen Antlitz aschenbleich geworden war, an einem
-Punkt des noch immer besetzten Tisches haften.
-
-Da er gar nicht wußte, was er aus dem Benehmen Trautenau's machen sollte,
-folgte er seinem Blick, konnte aber nicht das geringste Auffällige
-entdecken. An dem Tische saßen die gewöhnlichen Gestalten, Herren und
-»Damen« -- wenigstens elegant angezogene Frauenzimmer, sehr decolletirt und
-in oft höchst unnöthigem Putz für diese Gesellschaft, dabei meist ältliche
-Herren mit verlebten, aber leidenschaftlich erregten Gesichtern, mit
-aufgestellten Rollen von Gold und Silber vor sich, von denen sie dann
-und wann kleine Haufen, ohne sie zu zählen und nur nach dem Gefühl
-herunternahmen und auf irgend einen Punkt setzten, oder auch gewonnene
-Summen wieder sorgfältig neben die anderen häuften. Diese Leute hatte der
-Schuß im anderen Zimmer auch nicht gestört; was kümmerte sie irgend
-ein fremder, alberner Mensch, der nicht einmal Tact genug besaß, sein
-unbedeutendes Leben außerhalb der Spielsäle abzuschütteln. Es wäre nicht
-der Mühe werth gewesen, auch nur den Kopf nach ihm umzudrehen, viel weniger
-das »=jeu=« seinethalben zu vernachlässigen.
-
-»Aber was hast Du nur?« flüsterte Frank jetzt dem Freund zu, »Du drückst
-mir ja blaue Flecke in den Arm.«
-
-»Kennst Du den Herrn, der dort unten an dem Tisch sitzt, gleich hinter
-jener Dame, die den Kopf von uns abdreht?«
-
-»Hinter jener Dame im weißen Kleid?«
-
-»Ja.«
-
-»Nein, den kenne ich nicht -- kann mich wenigstens nicht auf das Gesicht
-besinnen.«
-
-»Und hast es in Deinem eigenen Arbeitszimmer an der Wand?«
-
-»Der Major? Unsinn -- Du träumst.«
-
-»Lehre mich das Gesicht kennen, das ich unzählige Male gezeichnet habe
--- jeder Zug desselben steht mir so fest im Gedächtniß, daß ich es mit
-geschlossenen Augen mit Kohle an die Wand malen könnte. Er ist es, beim
-ewigen Gott.«
-
-»Und jene Dame?«
-
-»Das kann nicht Clemence sein, es ist nicht möglich. Sie würde sich doch
-nicht zwischen diese Gesellschaft an den grünen Tisch setzen. Nein, sie
-scheint zu dem jungen Herrn zu gehören, der hinter ihrem Stuhl steht und
-fortwährend mit ihr flüstert. Beide pointiren wahrscheinlich zusammen.«
-
-»Du mußt Dich irren, Ernst.«
-
-»Glaube mir, eine Täuschung ist dieser Gestalt gegenüber nicht möglich.
-Ich habe mir nicht den Teufel an die Wand gemalt, daß ich ihn nicht
-wiedererkennen sollte, wo auch immer. Findest Du ihn denn noch nicht in den
-Zügen?«
-
-»Er hat allerdings Aehnlichkeit mit dem Major,« sagte Frank, der ihn
-indessen aufmerksamer betrachtet hatte. »Er trägt nur den Bart ganz anders
-als früher und mehr in französischer Art; ich habe ihn auch anfangs für
-einen Franzosen gehalten. Du könntest wirklich Recht haben -- doch was
-liegt daran. Er ist wahrscheinlich mit anderem Gesindel von Frankreich
-herüber gekommen und treibt sich hier eine Zeitlang in den Bädern herum.
-Laß ihn und komm -- was interessirt uns der Mensch.«
-
-»Wenn ich nur wenigstens einmal das Profil der Dame, die neben ihm sitzt,
-sehen könnte,« entgegnete Ernst, der noch immer zögerte, dem Freund zu
-folgen.
-
-»So laß uns an die andere Seite hinüber gehen.«
-
-»Ich möchte nicht von ihnen gesehen werden -- wenigstens jetzt noch nicht
--- nicht bis ich mich näher überzeugt habe.«
-
-Das Publikum fing schon wieder an zu dem Tisch zurückzukehren, so rasch
-hatte man da drüben, in dem anderen Zimmer, den Leichnam wie die letzten
-Spuren der fatalen Angelegenheit beseitigt. Das Spiel durfte unter keiner
-Bedingung gestört werden. Kein Mensch sprach mehr über den Selbstmord des
-Unglücklichen, wie denn überhaupt eine laute Unterhaltung im Heiligthum der
-grünen Tische gar nicht mehr geduldet wurde. Alles verkehrte in Flüstern
-mit einander.
-
-Dadurch gruppirten sich die Zuschauer wieder fester um die eigentlichen
-Spieler, und Trautenau wie Frank konnten auch, unter deren Schutz, etwas
-näher an den entdeckten Major hinanrücken. Uebrigens war kaum Gefahr da,
-daß er sie bemerken würde, denn seine Augen wanderten für keinen Moment von
-dem Tisch selbst und dem darauf stehenden Golde ab. Was kümmert sich der
-Spieler um die Zuschauer.
-
-Frank verstand allerdings das Spiel gar nicht, Trautenau dagegen hatte auf
-seinen verschiedenen Reisen schon öfter Gelegenheit gehabt es zu beobachten
-und zu verfolgen, und es konnte ihm bald nicht mehr entgehen, daß der Major
-ziemlich hoch und zwar nach einem bestimmten Plan spiele, während die Dame
-an seiner Seite, die aber noch immer den Kopf abgedreht hielt, bald da,
-bald dort pointirte und den hinter ihr stehenden jungen Mann dabei oft um
-Rath frug. Die Gestalt konnte aber nicht die Clemences sein. Sie schien
-allerdings von hoher, stattlicher Figur, kam Ernst aber weit stärker vor,
-als Clemence gewesen -- auch die Contur der Wangen war voller als er sie
-gekannt. Nur das Haar glich dem ihrigen vollkommen und man hätte kaum
-glauben sollen, daß zwei Personen eine so ähnliche und wahrhaft prachtvolle
-Lockenfülle haben könnten. Aber sie war es trotzdem nicht; es ließ sich
-ja auch nicht denken, daß Clemence, das stolze, schöne Mädchen, so weit
-gesunken sein könne, um hier am grünen Tisch --
-
-In dem Moment drehte sie den Kopf zur Seite -- der bis jetzt hinter ihr
-stehende junge Herr hatte sie einen Augenblick verlassen, um zu einem
-anderen Spieler hinüber zu treten. Sie schien ihn zu suchen und ihr Blick
-streifte selbst Trautenau's Gestalt -- wenn auch vollkommen gleichgültig,
-denn er trug nicht die bestimmten Formen, denen sie folgte.
-
-»Beim ewigen Gott, sie ist es,« stöhnte da Ernst, indem er scheu und
-erschrocken einen Schritt zurücktrat -- »Clemence!«
-
-»Wahrhaftig? das ist allerdings merkwürdig,« sagte Frank, »und hier der
-Tisch wäre der letzte, hinter dem ich sie gesucht hätte. Sie scheint aber
-stärker geworden zu sein. Ah, da tritt auch ihr Courmacher wieder hinter
-ihren Stuhl. -- Komm Ernst; ich glaube, wir haben genug gesehen, um nicht
-nach Weiterem zu verlangen. Die Dame scheint sich in ihrem neuem Beruf
-außerordentlich wohl zu fühlen.«
-
-Trautenau erwiederte kein Wort; es schnürte ihm das Herz zusammen, der
-Athem wurde ihm schwer, und er drängte selber jetzt hinaus in's Freie, weil
-er den Anblick nicht länger ertragen konnte.
-
-Das Interesse für die früher Geliebte war aber doch zu frisch und gewaltig
-geweckt worden, um es so rasch wieder abschütteln zu können, und da selbst
-Frank neugierig geworden war, zu erfahren, unter welchen Verhältnissen
-sich die beiden Gatten hier aufhielten, so ließen sie sich, in ihrem
-Hôtel angelangt, vor allen Dingen die Kurliste geben, um dort die Namen
-aufzusuchen und dadurch ihren Wohnort herauszubekommen.
-
-Es dauerte allerdings einige Zeit, bis sie das alphabetisch geordnete und
-etwas voluminöse Actenstück durchstudirt hatten, aber den Namen Reuhenfels
-fanden sie nirgends angegeben -- nicht in der alphabetischen Ordnung, nicht
-unter den einzelnen Hôtels. War er etwa hier in Wiesbaden ansässig? dann
-kam er allerdings nicht in die Kurliste. Aber auch im Adreßbuch stand er
-nicht. Da fiel, als Trautenau noch einmal die Kurliste aufschlug, sein Auge
-zufällig auf den Namen »Zu Berg« -- Reuhenfels hatte ja -- soviel erinnerte
-er sich, den Namen »zu Berg« bei dem eigenen. -- Das mußte er jedenfalls
-sein und als Wohnung des »Baron und Gemahlin nebst Bedienung« war Hôtel
-Kompelt angegeben.
-
-Also er reiste, wenn auch nicht unter falschem, doch jedenfalls verstellten
-Namen, und das schien erklärlich, denn er mochte Ursache haben, sich der
-Vergangenheit zu schämen. Auch der verschnittene Bart sprach dafür, der
-ihn allerdings so entstellte, daß ihn selbst Frank niemals unter demselben
-aufgefunden hätte.
-
-Die beiden jungen Leute waren aber doch neugierig geworden, etwas mehr von
-den alten Bekannten zu hören. Besonders Frank, der recht gut wußte, daß
-man sich dafür in M-- außerordentlich interessiren würde -- und beschlossen
-deßhalb jedenfalls noch bis zum nächsten Mittag in Wiesbaden zu bleiben
-und Nachforschungen anzustellen, denn heute Abend war es dazu allerdings zu
-spät geworden.
-
-Ernst aber konnte Clemences Bild, wie er sie an dem Spieltisch gesehen,
-nicht wieder aus dem Gedächtniß bringen. Wie hatten sie die wenigen Jahre
-verändert -- wie gänzlich umgestaltet. Vermögenlos konnte sie allerdings
-nicht sein, denn sie prangte noch immer im höchsten Staat -- aber wohin war
-der gute, liebe Ausdruck in ihren Zügen gekommen? wohin jene schüchterne
-Jungfräulichkeit, die er sonst darin zu finden geglaubt. Sie war wohl noch
-schön -- oh so wunderbar schön wie je; aber mochte die Umgebung dabei die
-Schuld tragen, genug ihm machte es den Eindruck, als ob sie jene holde
-Weiblichkeit verloren habe, die gerade so bezaubernd auf das Männerherz
-wirkt und es fesselt. Auch ihr Blick, wenn sie ihn im Saal umherwarf,
-schien weit mehr keck und herausfordernd gewesen zu sein als er es
-gewünscht, und an dem Spieltisch sich wie zu Hause zu fühlen. Ja, er
-erinnerte sich jetzt sogar, daß sie eine kleine Geldkrücke in der Hand
-geführt und ein Blatt zum Controliren des Spiels neben sich gehabt, -- ganz
-wie es alte Spieler gewöhnlich thun. Sie konnte doch nicht in den wenigen
-Jahren schon so tief gesunken sein.
-
-Wie ihn die Gedanken quälten -- und er grübelte und sorgte sich darüber,
-bis endlich die Müdigkeit seine Augen schloß.
-
-Am andern Morgen war Ernst früh auf. In einem Badeort giebt es überhaupt
-wenig Langschläfer, denn schon die Kur erfordert viel Bewegung und die
-Damen wissen, daß sie in ihrem einfachen Morgenanzug oft ebenso hübsch,
-gewöhnlich aber in Wirklichkeit noch viel hübscher aussehen, als
-Nachmittags in allem Glanz einer Gesellschaftstoilette. Vor dem Kurhaus um
-den blitzenden Teich herum, in dem die Fontainen sprangen, ergingen sich
-denn auch schon eine Menge Damen, die, ihr Glas in der Hand, gewissenhaft
-ihre Promenade machten und dabei gar nicht so aussahen, als ob sie irgend
-wie nöthig hätten, ihrer Gesundheit wegen solch nichtswürdiges Wasser zu
-trinken. Aber die Form mußte beobachtet werden. Wenn sie auch nur ihres
-Vergnügens wegen, unter dem Vorwand von Nervenleiden, hierhergekommen
-waren und das eigentlich blos den Zweck hatte, eine reiche, dazu besonders
-angefertigte Garderobe zur Schau zu tragen, so durften sie sich doch der
-Kur nicht entziehen. Es hätte sonst der schmerzliche Fall eintreten können,
-daß ihnen der Gatte in der nächsten Saison die nothwendigen Reisespesen
-vorenthielt, und der Gedanke schon war furchtbar. Nein, da lieber Brunnen
-trinken.
-
-Frank war zu Hause geblieben, um ein paar nothwendige Briefe zu schreiben,
-die, bei jetzt fest bestimmter Abreise seine Rückkunft daheim anzeigen
-sollten. Ernst dagegen machte vor allen Dingen einen Spaziergang nach dem
-Kurhaus, um dort erst einmal zu sehen, ob er Clemence nicht wieder begegnen
-könne. Die Musik spielte eben den unvermeidlichen Choral, um unmittelbar
-von demselben auf einen lustigen Schottischen überzuspringen; aber er
-suchte unter den dort auf und ab wandelnden Badegästen nach den lieben,
-bekannten Zügen der jungen Frau vergebens. Er konnte sie nirgends bemerken.
-Es gab allerdings in Wiesbaden auch noch andere Stellen, wo Brunnen
-getrunken, und zahllose, wo gebadet wurde, -- möglicher Weise, daß sie
-sich dort irgendwo befand, aber dort hinaus konnte er sie in jeder Straße
-verfehlen, und er beschloß deshalb, ohne Weiteres in das von der Kurliste
-bezeichnete Hôtel zu gehen, um da womöglich einiges Nähere über das Ehepaar
-zu erfahren.
-
-Clemence befand sich übrigens diesen Morgen nicht in dem gewöhnlichen
-Gedräng der Kurgäste, weder hier noch in einem anderen Theil der Stadt,
-sondern schritt nicht weit von der Stelle, wo das Grabmal der verstorbenen
-Herzogin steht, am Arm eines jungen, sehr elegant gekleideten Herrn --
-desselben, der gestern Abend hinter ihrem Stuhl am Spieltisch gestanden,
--- langsam durch das Gehölz. Beide schienen auch in ernster und eifriger
-Unterhaltung begriffen, in welche sie aber doch nicht genug vertieft waren,
-um nicht dann und wann wie scheu den Blick nach rechts und links zu werfen,
-als ob sie fürchteten beobachtet zu werden.
-
-»Ich halte es beim Himmel nicht mehr aus, Armand,« sagte da die junge Frau.
--- »Er wird mit jedem Tage roher und unerträglicher -- ein wahrer Teufel.
-Ach, jener Maler hatte Recht, der ihn in der Gestalt mit auf mein Bild
-brachte.«
-
-»Nur noch eine kurze Zeit, Clemence, um meinetwillen,« bat da Armand. »Du
-weißt ja, daß ich meine Schwester hier nicht verlassen kann, und in acht
-Tagen spätestens, vielleicht schon früher, kommt ihr Gatte zurück. Dann
-sinnen wir auf Mittel und Wege, wie wir unsere Flucht bewerkstelligen.«
-
-»Dann ist es zu spät,« sagte Clemence düster, »denn gestern Abend noch hat
-er mir erklärt, daß wir in den nächsten Tagen Wiesbaden verlassen werden.«
-
-»Und wohin will er sich wenden?«
-
-»Er weiß es noch nicht, oder würde es mir auch nie sagen, weil er unser
-Einverständniß ahnt, oder doch wenigstens Verdacht geschöpft hat. Er
-scheint auch nur von hier fortzugehen, um uns zu trennen.«
-
-»So bald schon,« rief Armand erschreckt aus -- »oh, ich kann Dich nicht
-verlieren, Clemence, ich würde elend mein ganzes Leben werden.«
-
-»Aber, was läßt sich, was kann ich thun, um es zu verhindern? Ach, Alles
-Dir zu Liebe, Armand, sag' mir nur wie?«
-
-»Du kannst mir schreiben wohin Ihr Euch gewandt, und ich folge Dir dann in
-wenigen Tagen nach.«
-
-»Ich fürchte, ich fürchte,« stöhnte die arme Frau, »daß er beabsichtigt,
-mich weit hinweg zu führen. Irgend ein Vergehen muß ihn drücken -- irgend
-etwas muß in der letzten Zeit geschehen sein, wovon ich keine Ahnung habe,
-denn verschiedene Anzeigen sprechen dafür. Nicht umsonst trägt er seinen
-Bart jetzt so, daß er ein ganz anderes Aussehen gewonnen hat. Dann fährt er
-oft, mitten in der Nacht, von schweren Träumen geschreckt, empor. Auch ein
-Revolver liegt fortwährend über seinem Kopfkissen, geladen im Bett, als ob
-er fürchte überfallen zu werden. Irgend etwas ist jedenfalls geschehen und
-er hat auch seitdem nirgends Ruhe mehr. Kaum sind wir acht Tage in einem
-Ort, so treibt es ihn wieder hinweg und in der letzten Zeit sprach er sogar
-manchmal von England und Amerika. Wenn er mich dort hinüber führt, bleibt
-mir ja Nichts übrig, als meinem elenden Leben in den Wellen ein Ende zu
-machen.«
-
-»Clemence,« bat sie Armand.
-
-»Wahrlich Armand, ich thäte es,« rief die junge leidenschaftliche Frau --
-»aber noch ist es nicht nöthig -- noch bleibt mir ein Ausweg, wenn ich mich
-fest auf Dich verlassen kann.«
-
-»Und zweifelst Du daran, Clemence?«
-
-»Nein -- dann bestimme mir nur einen Ort, wo ich Dich erwarten kann und
-ich reise morgen früh allein dahin ab. Ich gehe ja jeden Morgen, wie Kuno
-glaubt, zum Brunnentrinken. Die Bahn führt mich rasch fort von hier und
-dann --«
-
-»Aber auf wen anders fiele dann sein Verdacht, als auf mich?« rief Armand,
-»und er würde mich nicht mehr aus den Augen lassen. Wie kannst Du auch
-allein reisen -- es geht nicht.«
-
-»Glaubst Du, daß ich mich fürchte?«
-
-»Nein, aber die Spur einer einzelnen Dame, die überall auffällt, ist
-leicht verfolgt und wie gesagt, er hat hier so viele Späher, daß er mich
-augenblicklich würde beobachten lassen, und folgte ich Dir dann, so wäre
-unsere Flucht verrathen. Hast Du denn Niemanden hier, den Du genauer kennst
--- dem Du Dich anvertrauen könntest, um Reuhenfels wenigstens auf eine
-falsche Spur zu bringen? -- Wir müssen sicher gehen oder Alles ist
-verloren!«
-
-»Ich habe Niemanden,« sagte Clemence eintönig, »Niemanden, als jene frechen
-Spielgenossen Kuno's, die wohl zu einem Abenteuer geneigt wären, aber
-niemals einer armen unglücklichen Frau Schutz verleihen würden. Du kennst
-sie ja selber.«
-
-»So will ich sehen, daß ich Jemanden finde,« sagte Armand nach einer kurzen
-Pause -- »es muß sein -- es muß, denn ich selber ertrüge dieses Leben
-nicht, wenn ich Dich in der Gewalt jenes Elenden länger wissen sollte.«
-
-»Aber die Zeit drängt -- denke Dir Armand, daß es vielleicht schon morgen
-zu spät ist.«
-
-»Wo kann ich Dich heute Abend noch einen Augenblick sprechen?«
-
-»An der zweiten Urne, wo wir uns im vorigen Jahr zum ersten Mal trafen,«
-sagte Clemence nach kurzem Bedenken -- »wenn Kuno heute Abend in das
-Kurhaus geht, werde ich unter irgend einem Vorwand zurückbleiben. Es wird
-ihm nicht auffallen, denn ich habe es schon öfters gethan, weil mir der zu
-lange Aufenthalt unter den Gasflammen häufig Kopfschmerzen macht. Ich folge
-ihm dann gewöhnlich um acht Uhr -- Du aber darfst im Saale nicht fehlen --
-halb acht Uhr nur suche einen Augenblick abzukommen; pünktlich zu der Zeit
-bin ich an der Urne, und werde auch heute Abend noch Alles packen, um jeden
-Augenblick bereit zu sein.«
-
-»Ich danke es Dir mein ganzes Leben, Clemence,« sagte Armand herzlich --
-»doch noch eine Frage. Hast Du lange Nichts von Deinem Vater gehört? Zu
-ihm müssen wir, damit er das Band, das Dich an den rohen Burschen knüpft,
-wieder löse. Du sagtest mir ja selber, daß er mit Reuhenfels gebrochen
-habe.«
-
-»Ja, sie haben sich, so eng sie früher auch befreundet schienen,
-veruneinigt. Was da vorgefallen ist, weiß ich nicht, aber harte Worte
-fielen zwischen Beiden, und ich durfte, als wir fortreisten, nicht
-einmal von dem Vater Abschied nehmen. Neuerdings schien sich wieder ein
-Verständniß anzubahnen. Wir waren bei ihm in Paris und Reuhenfels verkehrte
-viel geheim mit ihm, bis mein Vater eines Tages, ohne mir selber vorher ein
-Wort davon zu sagen, eine Reise machte. Er sandte mir nur durch Reuhenfels
-Botschaft, daß er vielleicht acht oder vierzehn Tage könne ferngehalten
-werden, und da mein Mann nicht so lange warten wollte, fuhren wir an
-den Rhein in die Bäder -- zuerst nach Ems, dann nach Baden-Baden, jetzt
-hierher.«
-
-»Aber Dein Vater ist jetzt doch jedenfalls wieder in Paris?«
-
-»Ich weiß es nicht -- ich habe seit der Zeit keine Nachricht bekommen,
-obgleich ich selber dreimal an ihn schrieb. Wir wechselten aber den
-Aufenthaltsort zu rasch, und ein Brief kann recht gut verloren gegangen
-sein. Ha! dort kommen Leute -- verlaß mich jetzt Armand, wir dürfen nicht
-zusammen gesehen werden.«
-
-»Also heute Abend halb acht Uhr.«
-
-»An der zweiten Urne -- oh, wenn der morgende Tag nur erst vorüber wäre,«
-seufzte sie.
-
-Armand hatte sie an sich gezogen und drückte einen Kuß auf ihre bleiche
-Wange, aber sie entwand sich ihm rasch und eilte den Pfad entlang, während
-Armand in die nächsten Büsche glitt, und von dort ab einen andern Weg
-erreichte, auf dem er allein in die Stadt zurückkehren konnte.
-
-In derselben Zeit, oder etwas später, suchte Trautenau das Hôtel Kompelt
-auf. Er konnte ja dort eine Tasse Caffee trinken und die Zeitung lesen,
-dabei gab es dann vielleicht eine Gelegenheit, um mit einem der Kellner
-ein Gespräch anzuknüpfen. Waren doch die untern Räume des Hôtels um diese
-Tageszeit fast immer menschenleer.
-
-Der Oberkellner, der am Fenster stand und mit Nichts in Gottes Welt zu
-thun, hinaus auf die Straße sah, ging auch willig auf eine Unterhaltung mit
-dem einzelnen Gast ein. Irgend etwas, um die Zeit todt zu schlagen, schien
-ihm selber erwünscht. Trautenau steuerte indessen nicht direct auf sein
-Ziel los, sondern erkundigte sich erst nach der Saison im Allgemeinen,
-frug dann ob das Hôtel voll besetzt wäre, und blätterte in der Kurliste die
-Namen der dafür verzeichneten Gäste auf.
-
-»Ah, zu Berg,« sagte er plötzlich -- »die Familie ist mir bekannt, ich
-möchte wohl wissen, welcher Zweig derselben es ist. Können Sie mir darüber
-Auskunft geben, Herr Oberkellner?«
-
-»Ein Herr und eine Dame« sagte dieser, »mit Kammerfrau -- einer ganz
-allerliebsten kleinen Französin -- zum Anbeißen sage ich Ihnen.«
-
-»Noch jung?«
-
-»Kaum achtzehn Jahr höchstens.«
-
-»Nein, ich meine das Ehepaar.«
-
-»Ach so, ich dachte, Sie frügen nach der Kammerfrau. Nun der Herr mag
-etwa in den vierzigern sein. Die Dame -- auch eine sehr schöne, vornehm
-aussehende Frau, kann höchstens zweiundzwanzig sein. -- Aber eine
-unglückliche Ehe.«
-
-»Wirklich?«
-
-»Ewig Streit und Skandal, wenn sie zu Hause sind. Der Herr Gemahl scheint
-etwas eifersüchtiger Natur, und hat auch vielleicht Ursache. Lieber Gott,
-in Badeorten fällt ja so Manches vor, und man darf sich eigentlich gar
-nicht darum bekümmern.«
-
-Der Kellner wurde abgerufen und Trautenau blieb in tiefes Nachdenken
-versenkt, allein zurück. Still nickte er dabei vor sich hin mit dem Kopf --
-waren ihm doch nur eben seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden
--- Arme Clemence! Wie Recht hatte er gehabt, als er sie vor dem Menschen
-warnte, aber sie wollte ja nicht hören, und jetzt war sie vielleicht
-unglücklich für ihr ganzes Leben lang. Aber was konnte er dabei thun? Ihm
-stand kein Recht zu, sich in die Familienangelegenheiten ihm völlig fremder
-Menschen zu mischen. Daß er sie geliebt -- daß er sie noch liebte? wie
-kam das in Betracht. Er stand auf -- was sollte er auch länger hier in
-Wiesbaden, wo ihn nur der Schmerz, die Theilnahme um die Verlorene jede
-Stunde verbittert hätte. Er wollte noch an dem Mittag fort. Es war das
-Beste was er thun konnte.
-
-Mit diesem Entschluß nahm er seinen Hut, und trat in die Thür, als er
-heftige Stimmen auf dem Vorsaal hörte. Es war ein Herr und eine Dame,
-die sich auf eine sehr lebhafte Art in französischer Sprache mit einander
-unterhielten, und er verstand eben nur noch die letzten Worte der Dame, die
-deutlich sagte:
-
-»Du bist wie ein Thier, und ich schwöre es Dir zu, daß ich von diesem
-Augenblick an --« Sie schwieg plötzlich, denn sie gewahrte den Fremden. --
-Es war Clemence und zwar mit zornesbleichem Gesicht, das aber rasch Farbe
-bekam, als ihr Blick auf den, im Moment erkannten jungen Maler fiel.
-
-Ernst konnte nicht gut umkehren, und obgleich er es lieber vermieden hätte,
-Clemence zu begegnen, blieb ihm doch jetzt keine andere Wahl, als eben
-gerade aus, und an den beiden Gatten vorüber zu gehen. Er mußte sogar
-grüßen, denn der jungen Frau Blick haftete starr, ja fast wie ersteckt auf
-ihm. Er zog den Hut. Auch der Major schien ihn wieder erkannt zu haben,
-wenn er sich auch vielleicht nicht gleich genau auf ihn besinnen mochte.
-Nur unwillkürlich griff er ebenfalls nach seinem Hut, sah sich noch einmal
-nach ihm um und sprang dann rasch die Stufen der Treppe hinauf, der Dame
-voran.
-
-Clemence folgte ihm, aber auch sie warf noch einmal den Blick nach ihm
-zurück. Sie stieg auch die Stufen langsam hinauf und Trautenau sah, daß sie
-dabei den einen Handschuh auszog. Jetzt blieb sie stehen und wieder drehte
-sie den Kopf, und als sie fand, daß Trautenau's Blick noch immer, wie
-gebannt, an ihr haftete, bemerkte der junge Maler, daß etwas Weißes, an
-ihrem Kleid nieder, auf die Stufen fiel, wo es liegen blieb. Aber sie
-bückte sich nicht danach, und folgte jetzt, rascher als vorher dem Gatten.
-
-Was war das? -- ein Zeichen für ihn? Trautenau konnte es sich nicht
-erklären, denn schien es denkbar, daß Clemence Joulard ihm ein solches
-hinterlassen würde? Aber er wußte wenigstens daß dort etwas liegen
-geblieben war. Vielleicht hatte sie irgend etwas nur zufällig verloren, und
-er konnte es ihr dann durch den Kellner hinauf schicken.
-
-Der Major wie Clemence waren schon oben im Gang verschwunden, und mit
-wenigen Sätzen sprang Ernst die Stufen hinauf und fand dort einen weißen,
-noch warmen Handschuh -- mit einer Visitenkarte darin, auf welcher, in kaum
-lesbar feiner Schrift der Name Clemence zu Berg =née= de Joulard stand.
-Aber sonderbar -- die Karte war oben am Rand sechsmal eingerissen.
-
-Unten trat der Kellner in die Thür, Ernst barg seine Beute rasch in
-der Hand und wollte das Hôtel verlassen, denn zuerst mußte er mit Frank
-sprechen, wie er hier zu handeln habe, das Alles war so rasch gekommen, daß
-er kaum einen Gedanken fassen konnte.
-
-»Das waren sie,« flüsterte der Kellner, als er an ihm vorüberschritt, indem
-er mit dem Daumen über seine Schulter zeigte. »Famose Person, heh?«
-Damit blinzelte er den jungen Fremden verschmitzt an, drückte sich seine
-Serviette unter den Arm und verschwand damit in der Küche.
-
-Ernst schritt rasch der eigenen Wohnung zu, aber er begegnete dem Freund
-schon unterwegs, der eben seine Briefe zur Post gegeben hatte. Er nahm auch
-ohne Weiteres seinen Arm, und erzählte ihm, während er mit ihm die Straße
-hinabschritt, das Begebniß der letzten Stunde sowohl, wie das, was er von
-dem Kellner über die beiden Gatten gehört.
-
-»Hm, zeig' mir einmal die Karte. Clemence de Joulard -- eine kleine
-Eitelkeit -- und sechs Risse darin.«
-
-»Sie können zufällig hinein gekommen sein.«
-
-»Sie können, ja -- aber ich glaube es nicht. Frau von Reuhenfels sieht mir
-nicht so aus, als ob sie etwas zufällig thut.«
-
-»Aber was können sie bedeuten?«
-
-»Wenn irgend etwas, natürlich nur eine Zahl -- also sechs, und das kann
-wieder nur sechs Uhr sein. Sie wünscht ein Rendezvous mit Dir.«
-
-»Das ist nicht denkbar.«
-
-»Bah, was ist bei einer jungen, intriguanten Frau nicht denkbar, noch dazu
-wenn sie einen Tyrannen zum Gemahl hat.«
-
-»Die wenigen Jahre können sie nicht so verdorben haben, oder ihr Mann müßte
-mehr als ein Teufel sein.«
-
-»Erstlich hast Du sie früher gar nicht so genau gekannt, und nur =par
-distance= angebetet, und dann weiß man auch in der That nicht, was Alles in
-der Zeit kann vorgefallen sein.«
-
-»Vielleicht verlangt sie in irgend etwas meine Hülfe.«
-
-»Höre Ernst, wenn Du meinem Rath folgst, so gehst Du der Dame entschieden
-aus dem Weg. Wir wissen jetzt, was wir von dem Paare wissen wollten, und
-wahrscheinlich auch Alles, was wir überhaupt erfahren werden. Hat sie
-Streitigkeit, oder lebt sie in Unfrieden mit ihrem Gatten, so kann und darf
-sich da natürlich kein Fremder hineinmischen -- ich wenigstens möchte dafür
-danken. Und dann, was könntest Du ihr auch helfen? Also folge mir, alter
-Freund. Heute Nachmittag halb drei oder drei Uhr -- ich weiß es nicht
-genau, gehen fast zu gleicher Zeit die beiden entgegengesetzten Züge nach
-Frankfurt und nach Köln ab. Ich werde jedenfalls den einen benutzen, setze
-Du Dich in den anderen, und laß die gnädige Frau nur ruhig allein ausessen,
-was sie sich dazumal eingebrockt.«
-
-»Meine arme Clemence.«
-
-»Werde nicht langweilig oder gar sentimental,« sagte Frank, »denn Du hast
-gar keine Ahnung davon, in welche höchst unangenehmen Verwickelungen Dich
-ein solcher Wahnsinn bringen könnte.«
-
-»Und Du willst wirklich heute Mittag fort?«
-
-»Ich muß jetzt. Ich habe meine Ankunft in M-- fest auf übermorgen angezeigt
-und reichlich noch einen halben Tag, vielleicht sogar mehr, in Frankfurt zu
-thun. Ich kann nicht länger bleiben.«
-
-Ernst schritt eine ganze Weile in tiefem Nachdenken neben dem Freund her.
-Er war unschlüssig, was er thun, wie er handeln solle. Seine Vernunft sagte
-ihm wohl, daß Frank vollkommen Recht habe, aber sein Herz drängte ihn doch
-immer wieder, der zu dienen, die lange Jahre hindurch nicht allein sein
-Ideal von Schönheit, sondern auch aller weiblichen Tugenden gewesen war.
-Er konnte sich den Glauben an sie wenigstens nicht so rasch erschüttern
-lassen.
-
-»Und gehst Du heute mit dem Mittagszug nach Köln?«
-
-»Ich weiß es nicht,« erwiederte Ernst zerstreut. »Ich weiß es wahrhaftig
-noch nicht, Frank.«
-
-»Du irrst Dich, wenn Du glaubst, der Dame durch Dein Bleiben einen Gefallen
-zu erzeigen.«
-
-»Ich werde ihr wahrscheinlich gar nicht wieder begegnen. Nur aus der Ferne
-möchte ich sie noch einen Tag beobachten. Ihr Benehmen dann soll nachher
-maßgebend für mich sein.«
-
-»Ich will Dir etwas sagen, mein Junge,« bemerkte da Frank, »es ist ein
-ganz altes, ehrwürdiges Sprüchwort: Wer nicht hören will muß fühlen, und
-Du scheinst mir auf dem besten Weg dazu. Komm,« setzte er herzlich hinzu,
-»mach' den kleinen Umweg über Frankfurt und gehe mit mir. Ich gebe Dir mein
-Wort, ich lasse Dich hier nur mit recht schwerem Herzen zurück, und wollte
-zu Gott, wir hätten dies verdammte Wiesbaden im Leben nicht gesehen.«
-
-»Ich bin ja doch kein Kind, Frank, daß ich tolle Streiche machen würde.
-Du darfst mir mehr zutrauen.« Frank seufzte, aber es ließ sich eben an der
-Sache nichts mehr ändern, Ernst mußte in der That wissen, was er selber
-zu thun hatte, und Beide schritten jetzt zu ihrer Wohnung zurück, um
-wenigstens die letzten Stunden noch zusammen zu verbringen. Frank redete
-dem Freund allerdings selbst noch auf dem kurzen Weg nach dem Bahnhof
-ernstlich zu, wenigstens das Haus des Herrn von Reuhenfels zu vermeiden
-und sich auf neutralem Boden zu halten. Ernst war aber recht einsylbig
-geworden, denn die bezeichnete Visitenkarte ging ihm im Kopf herum. Wenn
-Clemence nun wirklich nach ihm verlangte? -- Wohl mußte er sich dabei
-sagen, daß er ihr gar Nichts helfen oder nützen könne -- er wollte ja auch
-nur Gewißheit darüber haben, daß sie sich nicht unglücklich fühle -- daß
-seine Befürchtungen ungegründet seien, und dann wieder kam das Bild der
-Frau dazwischen, wie er sie gestern Abend am Spieltisch gesehen, und wenn
-er sie dann dachte, wie er sie früher gekannt und geliebt hatte! Am Ende
-war es das Beste, er folgte Frank's Rath. Hätte er nur seine Sachen bei
-sich gehabt, er würde ihn selbst jetzt begleitet haben, aber dazu hatte er
-keine Zeit mehr.
-
-»Hab' keine Angst um mich, Frank,« flüsterte er ihm aber noch in das Coupé
-hinein, »ich werde gewiß vernünftig handeln. Ich sehe ein, daß die jetzige
-Wirklichkeit nicht mehr mit meinem Ideal zusammenpaßt, ich werde mir eine
-noch bitterere Täuschung ersparen, und die Dame nicht besuchen, sondern den
-Handschuh einfach unten im Hotel abgeben.«
-
-»Und versprichst Du mir das wirklich?«
-
-»Hier hast Du meine Hand darauf.«
-
-»Jetzt bin ich zufrieden und dann thu' mir nur noch die Liebe und mach' daß
-Du so rasch als möglich nach Köln hinunter kommst.«
-
-Die Locomotive gab ihren schrillen Pfiff, der Zug that den ersten Ruck --
-Ernst reichte dem Freund noch einmal rasch seine Hand, dann zog sich die
-lange Kastenreihe am Perron hin, immer rascher rollten die Räder, und
-wenige Minuten später zeigte nur noch in weiter Ferne eine dichte weiße
-Dampfwolke, welche Richtung der davonbrausende Zug genommen.
-
-Ernst schritt langsam nach der Stadt zurück, aber es litt ihn jetzt nicht
-zwischen den Häuserreihen. Er wollte hinaus in's Grüne, um dort noch
-ein paar Stunden zu verbringen. Diesen Abend spät ging noch ein Zug
-nach Bieberich, den konnte er benutzen, dann blieb er dort die Nacht im
-Rheinischen Hof, und fuhr am nächsten Morgen mit dem ersten oder zweiten
-Boot den schönen Strom hinab.
-
-Allerdings dachte er wohl daran, gleich im Vorbeigehen den gefundenen
-Handschuh im Hotel abzugeben, und nur die Karte zum Andenken zu behalten,
-aber das hatte ja auch noch Zeit. Er mochte es sich freilich selber nicht
-eingestehen, doch zögerte er damit bis zur sechsten Stunde. Er war dabei
-fest entschlossen, Clemence nicht aufzusuchen, er hatte es ja auch dem
-Freunde versprochen, aber -- er wollte doch einmal sehen, ob die sechsmal
-eingerissene Karte wirklich eine Bedeutung gehabt, oder nur durch einen
-harmlosen -- wenn freilich wunderlichen Zufall, ihm in die Hand gespielt
-sei.
-
-Es mußte und konnte ja auch nur ein Zufall gewesen sein. Je mehr er darüber
-nachdachte, desto mehr fühlte er sich davon überzeugt. Ein Zeichen? -- Wie
-wäre die Frau nur im Stand gewesen so rasch einen Entschluß zu fassen, oder
-gar gleich danach zu handeln, denn das Ganze, von dem Augenblick an wo
-sie ihn erkannte, bis zu dem Moment wo der Handschuh auf die Treppe
-fiel, konnte kaum zwei Minuten Zeit in Anspruch genommen haben. Nein, so
-durchtrieben war Clemence nicht, und wäre er jetzt selber zu ihr gegangen,
-um ihr den Handschuh zurückzubringen, sie würde jedenfalls über ihn
-gelacht, oder sich auch vielleicht gar beleidigt gefühlt haben, daß er
-sie, einer solchen Kleinigkeit wegen, belästige; dem durfte er sich nicht
-aussetzen. Hätte er Frank auch das Versprechen nicht gegeben, war er doch
-jetzt fest entschlossen, die Rückgabe des Handschuhs durch einen Kellner zu
-erledigen.
-
-Sonderbar nur, daß er sich auf dem ganzen Spaziergang immer und
-ausschließlich mit Clemence beschäftigte. Er passirte einige Punkte von
-denen man eine reizende Aussicht über die Stadt und das Thal hatte, aber
-er bemerkte sie gar nicht. Sein Auge blieb allein auf den Weg geheftet, und
-fast, ohne sich der Richtung die er nahm, klar bewußt zu sein, lenkte er
-doch immer wieder in einem größeren Bogen zu der Stadt zurück, um eben die
-sechste Stunde im Hotel nicht zu versäumen.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Das Wiedersehen.
-
-
-Er erreichte den Platz, an welchem das Hotel lag, wirklich pünktlich.
-Die Uhren schlugen gerade an, als er schräg über denselben hin, dem Hause
-zuschritt. Er beobachtete auch genau dabei die Fenster, ob er vielleicht
-irgend eine weibliche Gestalt an einem derselben entdecken könne -- aber
-vergebens. Es zeigte sich Niemand und nur in der ersten Etage waren in
-einer Stube die Gardinen herunter gelassen, so daß er von unten natürlich
-nicht bemerken konnte, ob irgend Jemand dahinter stand. Doch was kümmerte
-das auch ihn -- Frank hatte sein Wort, und er wollte nicht einmal im
-Hause nachfragen, in welcher Etage die Herrschaft wohne, um den gefundenen
-Handschuh abzugeben, -- weiter Nichts, und das war ja in wenigen Secunden
-geschehen. Dann ginge er nach Hause, packte seinen Koffer und verließ
-Wiesbaden auf Nimmerwiedersehen.
-
-Wie er das Hôtel betrat, kam ein junges Mädchen die Treppe herunter, das
-in großer Eile zu sein schien. Ernst beachtete sie aber nicht. Er trug den
-leichten Handschuh zwischen den Fingern und wollte sich eben damit rechts
-gegen den Speisesaal wenden, als ihm das Mädchen den Weg dorthin abschnitt,
-oder vielmehr direct auf ihn zukam und freundlich mit etwas fremdartigem
-Dialect sagte:
-
-»Haben Sie vielleicht den Handschuh, den Sie da tragen, hier im Haus
-gefunden, mein Herr?«
-
-»Allerdings, mein Fräulein,« erwiederte Ernst, »ich war auch eben im
-Begriff ihn wieder abzuliefern. Kennen Sie ihn?«
-
-»Ja gewiß,« antwortete das junge Mädchen, das ihn nahm und betrachtete, »er
-gehört meiner gnädigen Frau.«
-
-»Dann bitte empfehlen Sie mich der Dame, und sagen Sie ihr, daß ich
-mich --«
-
-»Aber wollen Sie ihn nicht selber hinauftragen? No. 5. in der ersten Etage.
-Sie brauchen nur anzuklopfen.«
-
-»Ich darf nicht wagen die Dame, einer solchen Kleinigkeit wegen zu stören,«
-meinte Ernst und wollte sich abwenden.
-
-»Aber sie hat mich ja selber heruntergeschickt,« erwiderte fast ärgerlich
-die junge und wie es schien ziemlich gewandte Person. »Wenn ich Ihnen sage,
-daß sie sich freuen wird Sie zu sehen, so können Sie doch getrost
-hinauf gehen. Sie sind ein echter Deutscher, Monsieur. Einer von meinen
-Landsleuten wäre schon lange die Treppe hinauf.«
-
-Ernst war blutroth geworden, denn jetzt blieb ja kein Zweifel mehr, daß
-die Einrisse in der Karte ein absichtliches Zeichen gewesen. Aber konnte
-er eine directe Einladung ausschlagen? Er hatte Frank freilich sein Wort
-gegeben, Clemence nicht wieder aufzusuchen, aber that er denn das jetzt?
-nein, die Dame selber ließ ihn durch ihr Kammermädchen bitten, den
-Handschuh zu ihr hinauf zu bringen, und es wäre ungezogen gewesen, dem
-nicht Folge zu leisten. --
-
-»No. 5?« fragte er.
-
-»Ja! gleich links im Gang über der ersten Treppe -- die dritte Thür. Sie
-können gar nicht fehlen.«
-
-Er war mit wenigen Sätzen hinauf, und vor dem bezeichneten Zimmer. -- Wie
-ihm das Herz schlug. Kaum aber hatte er angeklopft, als auch schon ein
-nicht lautes, aber deutliches »Herein« ertönte, und wie er die Thür
-öffnete, stand Clemence mitten im Zimmer, und streckte ihm zum Gruß die
-Hand entgegen.
-
-»Das ist sehr lieb von Ihnen,« sagte sie freundlich, »daß Sie alte Freunde
-nicht vergessen haben.«
-
-»Gnädige Frau,« stammelte Ernst verlegen, denn er wußte sich die Anrede
-nicht zu erklären, da er im Joulard'schen Hause wenigstens nie wie ein
-Freund, sondern immer nur wie ein fremder Künstler behandelt worden. Er
-nahm aber die dargereichte Hand, zog sie ehrfurchtsvoll an die Lippen und
-sagte dann befangen: »vor allen Dingen erlauben Sie mir Ihnen Ihr Eigenthum
-zurückzuerstatten, das ich heute Morgen hier im Haus zufällig fand. Ich
-hätte auch nicht gewagt selber --«
-
-Clemence winkte ihm mit der Hand.
-
-»Herr Trautenau,« sagte sie ernst, aber mit tiefem Gefühl -- »lassen Sie
-alle Entschuldigungen; uns bleibt keine Zeit dazu, denn selbst die Minuten
-sind mir zugemessen. Nur mit zwei Worten will und muß ich auf eine
-frühere -- glückliche Zeit zurückkommen -- ich war Ihnen früher nicht
-gleichgültig.«
-
-»Clemence!« rief Trautenau bewegt.
-
-»Sagen Sie Nichts darüber,« wehrte Clemence ab -- »ich fühlte es, aber es
-war zu spät und mein Schicksal schon besiegelt. Ich mußte Sie streng in die
-Grenzen kalter Gleichgültigkeit zurückweisen -- mich selber darin halten.
-Aber ich habe es Ihnen nicht vergessen, daß Sie damals der einzige Freund
-waren, der es wagte mich zu warnen, -- wenn ich auch der Warnung nicht mehr
-folgen konnte.«
-
-»Ach wären Sie ihr gefolgt,« seufzte Trautenau.
-
-»Wär' ich --« flüsterte leise Clemence, »doch jetzt ist es zu spät,« fuhr
-sie lebendiger fort, -- »zu spät wenigstens, um das Geschehene wieder gut
-zu machen, wenn auch nicht zu spät um weiterem Unheil -- um dem Schlimmsten
-vorzubeugen, und Sie sind der einzige Freund, den ich hier habe. Wollen Sie
-mir helfen?«
-
-»Oh wenn es in meinen Kräften steht, wie gern,« rief der junge Mann, der
-in dem Augenblick Frank's sämmtliche Warnungen und Ermahnungen vergessen
-hatte. »Sagen Sie mir nur wie -- was ich thun soll.«
-
-»Reuhenfels, mein Gemahl, der mich wie eine Sclavin behandelt,« fuhr
-Clemence fort, »hat die Absicht mich nach England und von da nach Amerika
-zu schleppen. Dort wäre ich ganz verloren und in seinen Händen, denn ich
-habe da keinen Freund mehr, der mich selbst vor seinen rohen Mißhandlungen
-schützen könnte.«
-
-»Aber er wagt es doch nicht?« rief Ernst entsetzt.
-
-»Er hat es gewagt,« sagte Clemence düster, »und nur eine Rettung giebt es
-für mich -- Flucht!«
-
-»Aber wohin? -- zu wem?« rief Trautenau erschreckt, denn in dem Augenblick
-wäre er in der größten Verlegenheit gewesen, wenn er hätte sagen sollen
-wohin er selbst die Geliebte entführen könnte, obgleich ihm schon der
-Gedanke das Herz mit Seligkeit füllte.
-
-»Sorgen Sie sich nicht,« beruhigte sie ihn aber -- »ich habe Mittel genug
-zu unserer Flucht und auch ein Ziel -- ich will zu meinem Vater zurück, der
-in Paris wohnt. Er allein kann und wird mich schützen, aber ich darf nicht
-allein in die Welt hinaus -- ein armes schwaches Weib; ich brauche die
-Stütze eines starken Armes, und wenn Sie je der armen Clemence nur ein
-klein wenig gut gewesen sind,« setzte sie weich hinzu »oh so helfen Sie ihr
-zur Rettung aus diesem furchtbaren Elend --«
-
-»Sagen Sie mir was ich thun soll,« rief der junge Maler, seiner Sinne kaum
-mehr mächtig bei den verführerischen Tönen, »was es auch ist -- ich stehe
-Ihnen mit Leib und Seele zu Diensten.«
-
-»Ich wußte es,« erwiederte Clemence, indem sie seine Hand wieder ergriff
-und ihn mit einer Thräne im Auge ansah, »und Dank -- tausend Dank
-dafür, lieber, theurer Freund. Aber nun auch rasch zur That,« setzte sie
-lebendiger hinzu -- »denn alles Weitere besprechen wir unterwegs. Sind Sie
-zur Abreise gerüstet?«
-
-»Jeden Augenblick.«
-
-»Gut -- heute Abend ist es nicht mehr möglich. Ich muß jetzt in das Kurhaus
-oder Reuhenfels würde mich vermissen und augenblicklich nach mir suchen. --
-Morgen früh um sechs Uhr geht ein Zug nach Bieberich ab -- Reuhenfels steht
-nie vor sieben Uhr auf und weiß mich dann jedesmal beim Brunnentrinken.
-Er wird vor acht Uhr, wo ich gewöhnlich zum Frühstück zurück bin, keinen
-Verdacht schöpfen.«
-
-»Und wohin wenden wir uns von Bieberich?«
-
-»Das bespreche ich mit Ihnen morgen unterwegs -- jetzt fort, daß um
-Gotteswillen Niemand Verdacht schöpft oder Alles ist verloren. Sie
-begleiten mich nur bis zur französischen Grenze, oder wenn Sie sich mir
-soweit opfern wollen, bis nach Paris in die Arme meines Vaters. -- Und noch
-eins -- besuchen Sie heute Abend das Kurhaus nicht -- mein Mann hat Sie
-erkannt. -- Nicht gleich als wir Ihnen begegneten, wenn ihm auch Ihr
-Gesicht bekannt vorkam, aber er besann sich oben im Zimmer darauf, und er
-schwur, daß er Sie das Bild wollte entgelten lassen.«
-
-»Er weiß jetzt, wer es sein soll?« lächelte Trautenau.
-
-»Mehr als das,« erwiderte Clemence, »er behauptete sogar, daß Sie nur
-in eifersüchtigem Neid eine solche unwürdige Rache an ihm genommen, und
-bedauerte, die Bosheit nicht früher entdeckt zu haben, um Sie dafür zur
-Rechenschaft zu ziehen.«
-
-»Bah, was kann er thun?«
-
-»Er hat Sie heute schon im Kurhaus gesucht und wollte sogar nach Ihrer
-Wohnung gehen, nach der er sich auf der Polizei erkundigte -- aber
-glücklicher Weise kam etwas dazwischen und seine Spielzeit versäumt er
-nie. Morgen früh würde er aber jedenfalls hartnäckig die Verfolgung wieder
-aufnehmen, und er ist furchtbar in seiner Rache.«
-
-»Ich fürchte ihn nicht, Clemence,« sagte Trautenau ruhig, »und wenn es
-nicht Ihretwegen wäre, möchte ich ihn wirklich lieber erwarten.«
-
-»Und mich wollten Sie dadurch elend machen und zu Grunde richten?«
-
-»Nein, Clemence -- nein!« rief Trautenau rasch, »Sie haben mein Wort, und
-beim ewigen Gott, ich halte treu zu Ihnen, so lange Sie meiner bedürfen.«
-
-»Sie sind ein edler, braver Mann,« sagte das junge schöne Weib gerührt und
-weich, -- »ich vertraue Ihnen ganz -- Sie werden mich nicht verlassen. Aber
-nun auch fort -- ich habe schon zu lange gezögert, denn wenn Reuhenfels nur
-im Geringsten mißtrauisch werden sollte, ist jede Hoffnung verloren. Gehen
-Sie, lieber Freund, gehen Sie und halten Sie morgen früh, ehe der Zug
-abgeht, drei Billette nach Bieberich bereit -- ich nehme meine Kammerfrau
-mit mir. Lassen Sie uns bis dort erster Classe fahren, wir sind darin
-weniger der Gefahr ausgesetzt, Gesellschaft zu finden.«
-
-Nochmals reichte sie ihm die Hand zum Abschied, die er rasch an seine
-Lippen drückte -- dann drängte sie ihn selber freundlich der Thür zu und
-Ernst fühlte, als er das Hôtel verließ, kaum den Boden unter seinen Füßen.
-
-In seiner Wohnung angekommen, machte aber doch dies erste Gefühl der
-Aufregung und des Entzückens einem etwas ruhigeren Ueberlegen Platz, und er
-konnte sich nicht gut verhehlen, daß er im Begriff sei, einen nicht allein
-außergewöhnlichen, sondern auch ziemlich tollen Streich zu begehen. Er
-wollte eine Frau ihrem eigenen Manne entführen, und wenn er auch Muth genug
-besaß, die Rache des Betrogenen nicht zu fürchten, so konnte er doch
-auch nicht gut umhin, die möglichen Folgen eines solchen Schrittes zu
-überdenken.
-
-Daß er Clemence noch immer mit derselben Gluth als früher liebe, das fühlte
-er jetzt klar und deutlich. Er glaubte jene Leidenschaft in den letzten
-Jahren bekämpft zu haben, aber sie hatte nur geschlummert, und heute, wie
-er dem holden Wesen auf's Neue gegenüber stand und ihre Blicke so lieb und
-gut auf ihm hafteten, wie sie es nie gethan, loderte die alte Leidenschaft
-frisch und gewaltig auf's Neue in seinem Herzen empor. -- Aber sie war
-nicht mehr frei -- sie war vermählt, und ließ es sich denken, daß
-der Major, durch die Flucht der Gattin auf das Schwerste gekränkt und
-beleidigt, je selber und freiwillig das Band lösen würde, das sie an ihn
-fesselte -- und was dann?
-
-Daß er sich selber einen Hausstand gründen und eine Frau ernähren könne,
-wußte er; daß er an Clemence's Seite den Himmel auf Erden finden würde,
-davon fühlte er sich fest und innig überzeugt, und wenn sie auch in Glanz
-erzogen und dabei verwöhnt sein mochte, die Liebe zu ihm würde sie alles
-leicht überwinden lassen. -- Und Clemences Vater? -- Nur der Gedanke an
-diesen blieb ihm peinlich, denn sein Bankerott damals war, nach Allem, was
-er darüber von vorurtheilsfreien Männern gehört, eine zu offenkundige und
-freche Schwindelei gewesen, um sich darüber auch nur noch im Entferntesten
-einer Täuschung hinzugeben, und mit dem sollte er jetzt in nähere
-Verwandschaft treten? -- Aber was konnte Clemence dafür? Trug sie die
-Schuld des Verbrechens? wahrlich nicht, und von dem gestohlenen Gelde
-wollte und brauchte er Nichts, wenn er die Kraft in sich fühlte, frei und
-unabhängig von irgend Jemandem sich seinen Lebensunterhalt auch selber zu
-erwerben.
-
-Aber was zerbrach er sich jetzt über alle diese Dinge den Kopf, wo es ja
-vor Allem galt, die Geliebte aus den Händen eines rohen und tyrannischen
-Gatten zu befreien. Alles Andere fand sich später von selber. Lieber Gott,
-er wollte sie ja nur glücklich wissen, und wenn er dann auch noch Jahrelang
-auf ihren Besitz harren, oder wenn es nicht anders möglich war, selbst die
-Heimath verlassen mußte, um in einem fernen Welttheil das Glück zu suchen,
-das ihm hier starre Formen und Gesetze verweigerten.
-
-Während er sich so in Gedanken um das Wohl der Geliebten absorgte, schritt
-Clemence zu dem Kurhaus hinüber, aber nicht auf dem direkten Weg, sondern
-auf einer etwas weiteren Bahn. Sie war, von ihrer Kammerfrau begleitet,
-in voller Toilette, aber sie schien eilig, denn es dunkelte schon, und sie
-hatte nicht viel Zeit mehr zu versäumen. Eben schlugen drinnen in der Stadt
-die Uhren die für das Rendezvous bestimmte Stunde.
-
-Armand war eben so pünktlich gewesen als sie. Um jedoch auf der noch immer
-sehr belebten Promenade keinen Verdacht zu erregen, grüßte er sehr förmlich
-und achtungsvoll, und schritt dann, während sich die Kammerfrau tactvoll
-einige Schritte zurückzog, neben ihr her.
-
-»Glückliche Nachricht,« flüsterte er ihr, wie das unbeachtet geschehen
-konnte, zu, »eben habe ich einen Brief bekommen, daß übermorgen, vielleicht
-schon morgen Abend mein Schwager eintrifft, und nun, da die Zwischenzeit so
-kurz ist, haben wir auch keine Gefahr weiter zu fürchten. Benutze jetzt die
-erste Gelegenheit, Geliebte, und erwarte mich dann in St. Goarshausen im
-goldenen Roß. Hinterlaß' für Reuhenfels aber einen Brief, worin Du ihn auf
-eine falsche Fährte schickst, und überlaß mir das Weitere. Natürlich
-folgt er Dir augenblicklich, aber er muß durch die Nachforschungen, die er
-genöthigt ist anzustellen, aufgehalten werden und ich bin dann vielleicht
-schon den nächsten Tag bei Dir. Nie im Leben wird er auch daran denken, in
-einem so kleinen abgelegenen Nest nach Dir zu suchen und es bleibt uns dort
-Zeit und Muße genug, unsere weiteren Pläne zu besprechen.«
-
-»Ich habe einen Begleiter gefunden,« sagte Clemence rasch.
-
-»Wen?« frug der junge Mann erstaunt.
-
-»Einen alten Bekannten aus M--, einen braven jungen Künstler, der früher
-einmal für mich geschwärmt hat,« fuhr sie lächelnd fort. »Er ist treu und
-ehrlich und fühlt sich glücklich mir einen Dienst erweisen zu können.«
-
-»Aber es ist jetzt kaum mehr nöthig,« meinte Armand, dem der Gedanke, einen
-früheren Anbeter mit seiner Geliebten reisen zu lassen, vielleicht nicht so
-ganz angenehm war.
-
-»Aber auch unmöglich, es jetzt noch zu ändern,« erwiderte sie. »Er erwartet
-mich morgen früh um sechs Uhr am Bahnhof.«
-
-»So früh willst Du fort?«
-
-»Es ist die höchste Zeit, denn Reuhenfels hat mich heute Nachmittag
-aufgefordert, meine Koffer zu packen und jeden Augenblick zur Abreise
-bereit zu sein.«
-
-»Dann kann es freilich Nichts mehr helfen. Dein Begleiter ist ein
-Deutscher?«
-
-»Gewiß!«
-
-»Und heißt?«
-
-»Trautenau -- ein Maler.«
-
-»Derselbe, der Dein Bild gemalt, mit dem Major als Teufel auf dem
-Ofenschirm.«
-
-»Derselbe.«
-
-»Gut!« rief Armand lachend. »Wenn man das nur Deinem Gatten beibringen
-könnte --«
-
-»Ich werde es ihm in dem Brief, den ich ihm zurücklasse, schreiben. Er
-hat Trautenau gestern selber gesehen und war schon früher eifersüchtig auf
-ihn.«
-
-»Desto besser, dann folgt er jedenfalls einer ganz falschen Fährte und
-Richtung und wir sind vollkommen sicher.«
-
-»Dort ist das Kurhaus -- Du mußt mich jetzt verlassen! Reuhenfels wird
-schon zürnen, daß ich so lange fortgeblieben bin, und Dich auch vermissen.«
-
-»Ich stand kurz vorher noch hinter seinem Stuhl und schlenderte dann
-langsam nach dem anderen Tisch hinüber; er weiß, daß ich nie bestimmt
-setze.«
-
-»Also auf Wiedersehen, Armand -- o wie mir das Herz klopft, wenn ich an die
-Zeit denke.«
-
-»Und Du vergißt den Ort nicht?«
-
-»St. Goarshausen -- im goldenen Rosse.«
-
-»Die Bahn geht von Bieberich den Rhein abwärts.«
-
-»Ich weiß es,« und sich fest in ihren Burnus hüllend, eilte sie jetzt, so
-rasch sie konnte, dem ganz nahen Kurhaus und den Spielsälen zu, während
-ihr die Kammerfrau noch ein paar Schritt folgte und dann umdrehte, um nach
-Hause zurückzukehren. Sie hatte für morgen früh noch entsetzlich viel zu
-besorgen.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Verfolgend und verfolgt.
-
-
-Der nächste Morgen kam, und in demselben Moment, als vor dem Kurhaus wieder
-(eine ganz merkwürdige Melodie für ein, zu Spielhöllen benutztes Gebäude)
-der Choral begann, läutete draußen am Bahnhof die Glocke, die Locomotive
-pfiff und in einem Coupé erster Classe saßen, glücklich entkommen, unsere
-drei Flüchtigen und dampften, unmittelbar an dem schönen Strom hinab, der
-Freiheit entgegen.
-
-Von Reuhenfels lag indessen noch in seinem Bett und schlief sanft, denn er
-war gestern sehr lange mit Freunden auf und beisammen, und vielleicht etwas
-schärfer hinter der Flasche gewesen, als gewöhnlich. Es mochte halb acht
-Uhr sein, als er endlich aufstand, denn die in sein Zimmer fallenden
-Sonnenstrahlen genirten ihn. Er wusch sich und zog sich an, stopfte sich
-dann eine Pfeife, zündete sie an und lehnte sich damit zum Fenster hinaus,
-um die wundervolle Morgenluft zu genießen -- aber er bekam Appetit nach dem
-Caffee und draußen schlug es schon acht Uhr. Wo blieb nur Clemence heute?
-
-Er war nicht besonders guter Laune, denn er hatte gestern Abend wieder
-ein paar hundert Thaler verloren und doch gerade auf Glück gehofft, auch
-schmeckte ihm, nach der halb durchschwärmten Nacht, der Taback heute
-Morgen nicht besonders. Er wurde endlich ärgerlich, daß die Frau noch nicht
-zurückkam, und klingelte nach dem Caffee. Bis er kam, schritt er langsam
-und mit finster zusammengezogenen Brauen in dem kleinen, aber freundlichen
-Gemach auf und ab, als sein Blick zufällig auf den runden, in der Ecke
-stehenden Tisch fiel und er dort einen noch geschlossenen Brief bemerkte.
-Er nahm ihn und las die Adresse, aber das Herz stand ihm still dabei, denn
-die Aufschrift lautete nicht, wie er jetzt alle seine Briefe erhielt --
-Dem Herrn Baron zu Berg, sondern: Dem Major von Reuhenfels, und das war die
-Handschrift seiner Frau.
-
-Mit zitternden Händen riß er das zierlich gefaltete Blatt auseinander
-und las, während seine Augen Feuer sprühten und seine Zähne sich fest
-zusammenbissen:
-
- »Herr Major! Wenn diese Zeilen in Ihre Hände fallen, bin ich frei von
- einer verhaßten und unerträglich gewordenen Verbindung. Versuchen
- Sie nicht, mir zu folgen; es wäre nutzlos. Ich habe den Freund
- wiedergefunden, für den das Herz der Jungfrau in erster Liebe schlug
- -- ich werde nie wieder von seiner Seite weichen. Meine Mutter wird das
- Geschäftliche mit Ihnen besorgen und die Verbindung lösen, die ich in
- unseliger Verblendung eingegangen. Leben Sie wohl.
-
- Clemence Joulard.«
-
-Einen Moment stand Reuhenfels sprachlos vor Wuth und Schreck und Staunen
-über das noch Unbegreifliche -- aber das dauerte nicht lange. Er war
-wahrlich nicht der Mann, etwas derartiges ruhig und geduldig über sich
-ergehen zu lassen, und wie er nur erst wieder denken und überlegen konnte,
-fuhr er auch wild und entschlossen empor.
-
-»Versuchen Sie nicht mir zu folgen?« rief er höhnisch vor sich hin --
-»hoho Madame. Sie haben sich in mir geirrt, wenn Sie glaubten, daß Sie
-mir entgehen könnten, und nur leichtsinnig und unüberlegt war es von Ihnen
-gehandelt, mir den Schurken zu bezeichnen, der es gewagt hat, in
-meine Rechte einzugreifen. Ich kenne ihn, diesen gemeinen tückischen
-Farbenschmierer der -- aber alle Teufel!« unterbrach er sich plötzlich
-rasch, indem ein neuer Gedanke sein Hirn kreuzte. »Sollte Clemence? -- Sie
-ist bei Gott schlau genug, um ihr etwas Derartiges zuzutrauen.« --
-
-Rasch stellte er die, überhaupt schon lange ausgegangene Pfeife in die
-Ecke und beendete in Hast seine Toilette. Zugleich klingelte er nach dem
-Stubenmädchen, um zu erfahren, ob die Kammerfrau auf ihrem Zimmer wäre. Das
-Mädchen kam nach wenigen Minuten zurück und meldete, das Fräulein sei
-heute Morgen mit der gnädigen Frau nach dem Bahnhof gefahren und noch nicht
-zurückgekehrt.
-
-»Es ist gut!« brummte Reuhenfels zwischen den Zähnen durch und war wenige
-Minuten später zum Ausgehen gerüstet. Aber nicht nach dem Bahnhof eilte er
-hinüber, sondern nach Armands Wohnung, zu dessen Zimmer er ohne Weiteres
-hinaufsprang.
-
-Dort klopfte er an; aber Niemand antwortete. Die Thür war verschlossen und
-fast zitternd vor Wuth flog er wieder zu dem Portier hinab.
-
-»Wann ist Monsieur Armand heute Morgen abgereist?« rief er hier mit
-heiserer Stimme.
-
-»So viel ich weiß, gar nicht,« erwiederte der höfliche Portier. »Monsieur
-kamen etwas spät nach Haus und schlafen wahrscheinlich noch. Der Schlüssel
-ist wenigstens nicht unten.«
-
-»Ich habe an der Thür gepocht; es hat mir Niemand geantwortet.«
-
-»Monsieur hätten ein wenig stärker pochen sollen.«
-
-»Er ist nicht oben.«
-
-»Wir wollen gleich noch einmal nachsehen. Ich müßte ja doch sonst den
-Schlüssel hier haben, wenn der Herr ausgegangen wäre.«
-
-Beide stürzten wieder die Treppe hinauf und wiederholten ihr Pochen, als
-von drinnen eine Stimme antwortete:
-
-»Wer ist da?«
-
-»Machen Sie auf, Armand.«
-
-»Es ist nicht verschlossen -- kommen Sie doch herein.«
-
-Reuhenfels drückte auf die Klinke; die Thür öffnete sich in der That und
-der Major fand den jungen Franzosen noch im Bett und augenscheinlich erst
-aus festem Schlaf erwacht.
-
-Der Portier zog sich mit einem Lächeln, das etwa sagen sollte: »Sehen Sie
-wohl, daß ich Recht gehabt?« zurück und Reuhenfels betrat das Zimmer, in
-welchem die Rouleaux noch niedergelassen waren. Er fand sich aber jetzt
-wirklich in einiger Verlegenheit, wie er seinen frühen Besuch entschuldigen
-sollte, denn was vorgefallen, mochte er gerade diesem Mann nicht
-eingestehen.
-
-»Hallo, zu Berg!« rief Armand, sich in seinem Bett emporrichtend, »was zum
-Henker führt Sie denn mit Tagesgrauen zu mir?«
-
-»Tagesgrauen -- es ist fast neun Uhr.«
-
-»So spät? Ich habe unverzeihlich lange geschlafen, aber das letzte Glas
-Grog, das wir gestern Abend zusammen tranken, hat mir den Rest gegeben. Und
-womit kann ich dienen?«
-
-»Ich -- wollte Sie fragen, ob Sie hier in Wiesbaden einen deutschen Maler
-Namens Trautenau kennen.«
-
-»Einen deutschen Maler? nein. Wollen Sie sich heute in aller Frühe ein Bild
-bei ihm bestellen?«
-
-»Ich wollte, ich könnte ihn finden,« rief Reuhenfels, und er mußte sich in
-der That Mühe geben, die furchtbare Aufregung, in welcher er sich befand,
-zu verbergen. »Entschuldigen Sie, Armand, daß ich Sie gestört habe, aber da
-ich gerade hier vorbei ging, fiel es mir ein, Sie zu fragen.«
-
-»Wenn Sie ein paar Minuten unten im Gastzimmer warten,« sagte Armand,
-»so komme ich hinunter und begleite Sie. Ich mache meine Toilette in
-unglaublich kurzer Zeit und muß doch zu Ihnen, denn ich habe Ihrer Frau
-Gemahlin gestern Abend versprochen, ihr heute Morgen eine Photographie von
-Salzburg zu bringen, die sie sich gewünscht.«
-
-»Das eilt nicht,« entgegnete Reuhenfels kurz, »meine Frau ist -- überdies
-wieder mit einer Freundin spazieren gegangen, und Sie würden sie jetzt
-nicht einmal treffen. Also auf Wiedersehen, Armand,« -- und ohne sich in
-eine weitere Unterhandlung einzulassen, eilte er rasch nach Hause, raffte,
-was er zu einer kurzen Fahrt brauchte, zusammen, überlieferte seine
-Schlüssel dem Wirth und lief dann mehr als er ging auf den Bahnhof hinaus,
-um dort nur eine Spur von der Flüchtigen zu bekommen.
-
-Hier half es ihm freilich Nichts, Erkundigungen einzuziehen, denn die eine
-Bahn führte nur nach Bieberich, von wo dann zwei verschiedene Geleise --
-eines stromauf, eines stromab -- auszweigten. Wie aber sollte er sich dort,
-in dem Gewirr von Fremden, nach der Flüchtigen erkundigen -- von wem
-sollte er Auskunft erlangen? Den einen Cassirer am Schalter nach Mainz und
-Frankfurt kannte er freilich und dort war Hoffnung, denn dieser kannte
-auch seine Frau und konnte ihm wenigstens sagen, ob er sie an dem Morgen
-im Bahnhof irgendwo gesehen habe. Er hielt sich deshalb auch gar nicht in
-Wiesbaden selber mit Fragen auf, sondern bestieg augenblicklich den gleich
-abgehenden Zug, um nur wenigstens erst einmal Bieberich zu erreichen.
-Der kleine Handkoffer, den er bei sich führte, enthielt auch ein paar
-vortreffliche Duell-Pistolen und er war fest entschlossen, Gebrauch von
-ihnen zu machen, wo er den Entführer antreffen mochte. Hegte er ja doch
-jetzt einen doppelten Haß gegen ihn, und seiner Rache sollte er wahrlich
-nicht entgehen.
-
-In Bieberich angekommen, eilte er augenblicklich an die Casse und seine
-erste Frage war:
-
-»Hat meine Frau hier heute Morgen den Zug benutzt?«
-
-»Jawohl, Herr zu Berg,« sagte der alte Mann freundlich. »Frau Gemahlin
-waren da, -- drei Billette genommen, glaub' ich -- zwei oder drei: ich weiß
-es jetzt wahrhaftig nicht mehr genau. Lieber Gott, das ist jeden Morgen
-solch ein Gedränge -- waren aber selber an der Casse.«
-
-»Und wer war bei ihr?«
-
-»Bin ich nicht im Stande zu sagen,« erwiederte der Mann achselzuckend;
-»das wimmelte nur so heute Morgen, aber die gnädige Frau erkannte ich den
-Augenblick wieder.«
-
-»Sie wissen wohl nicht mehr, wohin sie sich hat einschreiben lassen?«
-
-»Haben wohl die Frau Gemahlin verfehlt? -- nach Mainz nahm sie Billette.
-Ich weiß es noch genau, ich mußte ihr einen Napoleonsd'or wechseln.«
-
-»Ich danke Ihnen, -- ja wir hatten uns verabredet, eine Vergnügungstour zu
-machen. Wann geht der Zug nach Mainz ab?«
-
-»Wird kaum noch zehn Minuten dauern, -- sobald der nach Coblenz gehende
-hereinkommt, und signalisirt ist er schon.«
-
-»Gut, -- bitte um ein Billet zweiter Classe Mainz.«
-
-Reuhenfels nahm sein Billet und schritt indessen, bis die Abfahrt des Zuges
-angezeigt werden würde, mit verschränkten Armen und ganz seinen düsteren
-Gedanken nachhängend, auf dem Perron auf und ab, als er plötzlich seinen
-Namen hörte.
-
-»Hallo, zu Berg! auch einmal nach Bieberich gekommen? Ja, die Saison geht
-jetzt zur Neige und da ziehen unsere Schwalben wieder fort!«
-
-Reuhenfels sah auf und bemerkte einen Herrn von Plauen, dessen flüchtige
-Bekanntschaft er in Wiesbaden gemacht und der auf ihn zukam und ihm die
-Hand entgegenstreckte. Er war allerdings jetzt nicht in der Stimmung, sich
-mit irgend einem Fremden zu unterhalten, mochte aber auch nicht unhöflich
-sein und sagte nur ausweichend:
-
-»Ja -- aber nicht ganz -- nur eine kleine Vergnügungstour.«
-
-»Aha, mit Frau Gemahlin,« meinte der andere Herr, »habe sie heute Morgen
-schon gesehen.«
-
-Reuhenfels biß sich auf die Lippen, aber er durfte den Fremden den wahren
-Stand der Sache nicht ahnen lassen, und sagte deshalb so gleichgültig, als
-es ihm irgend möglich war:
-
-»Ja -- wahrscheinlich. Sie ist nur nach Mainz vorausgefahren.«
-
-»Nach Mainz? -- ih bewahre,« rief Herr von Plauen, »sie saß ja im Coblenzer
-Zug.«
-
-»Im Coblenzer Zug?« fragte Reuhenfels bestürzt, »das ist ja gar nicht
-möglich. Sie hat Billete nach Mainz genommen.«
-
-»Dann ist sie in den falschen Zug gerathen,« sagte Herr von Plauen, »aber
-ich weiß es zu gewiß, denn in dem nämlichen Coupée in welchem sie mit
-einem Herrn und noch einer Dame saß, befand sich auch eine mir befreundete
-Familie, der Assessor Hörich mit seiner jungen Frau, dem ich noch, ein paar
-Secunden vorher ehe der Zug abging, die Hand in den Waggon reichte.«
-
-»Und meine Frau war darin?«
-
-»Gewiß! Ich bin der gnädigen Frau zwar nie vorgestellt worden, und ich weiß
-nicht einmal, ob sie mich kennt -- bezweifle es sogar, aber die Dame ist
-nicht zu verkennen. Sie macht durch ihre Schönheit ja überall Aufsehen. Sie
-sah wieder reizend heute Morgen aus.«
-
-»Und Sie haben keine Ahnung wohin sie gefahren sein kann?«
-
-»Ja mein Himmel, wer soll das wissen, denn es giebt zahllose
-Zwischenstationen -- aber sie wird jedenfalls auf dem ersten Halteplatz
-wieder ausgestiegen sein, sobald sie nur merkt, daß sie in den falschen Zug
-gerathen ist.«
-
-»Jedenfalls -- jedenfalls« sagte Reuhenfels zerstreut -- »aber -- was ich
-Sie gleich noch fragen wollte -- Passagiere für eine bestimmte Station
-werden gewöhnlich zusammen in ein Coupée gethan. Wohin fuhr jener Herr --
-der Assessor sagten Sie, glaub' ich -- heute Morgen?«
-
-»Der Assessor? oh nicht weit, nur nach St. Goarshausen. Sie haben dort
-Verwandte, die sie erst auf einen Tag besuchen wollen.«
-
-»So? ich danke Ihnen. Merkwürdig!«
-
-»Ach solche Verwechselungen sind schon häufig vorgefallen,« meinte Herr von
-Plauen, der den Ausruf ganz anders verstand, »und auf unseren Rheinischen
-Bahnen hat es eben Nichts zu sagen, denn es gehen zu viele Züge, mit denen
-man sich immer rasch wieder helfen kann. Wenn Sie hier eine Stunde warten,
-kommt sie jedenfalls mit dem nächsten Zug wieder zurück.«
-
-»Ich werde ihr lieber entgegen fahren, sie findet sich sonst am Ende nicht
-zurecht.«
-
-»Ja, Damen sollte man nie allein reisen lassen, sie haben ein merkwürdiges
-Geschick darin, sich irgendwo festzufahren. Es war ganz das nämliche im
-vorigen Jahr mit meiner Frau, wo wir auch eine Tour nach --«
-
-»Sie entschuldigen mich,« sagte Reuhenfels -- »da kommt schon der Zug nach
-Coblenz und ich muß mir erst noch ein Billet lösen.«
-
-»Oh Sie haben überflüssig Zeit,« war die Antwort -- »jetzt wird erst der
-Zug nach Mainz expedirt und der Coblenzer hält wenigstens zehn Minuten an.«
-
-»Ich will mich doch fertig machen, denn ich muß auch erst mein Gepäck
-hier unterbringen. -- Guten Morgen lieber Plauen; herzlichen Dank für die
-Nachricht.«
-
-»Bitte -- bitte -- sehr gern geschehen. Freut mich nur der gnädigen
-Frau wegen, daß ich Sie hier getroffen habe. Bitte mich gehorsamst zu
-empfehlen.«
-
-Reuhenfels winkte ihm nur noch mit der Hand zu und eilte dann rasch an die
-Casse, um dort ein Billet für St. Goarshausen zu lösen. Hatte sich der alte
-Cassirer für den Mainzer Zug geirrt? Aber das blieb sich jetzt gleich -- an
-einen Irrthum seiner Frau glaubte er nicht, und seine einzige Hoffnung war
-jetzt nur, die Flüchtige entweder unterwegs an den Zwischenstationen oder
-in St. Goarshausen zu erfragen.
-
-Reuhenfels hatte übrigens an dem Morgen kaum mit dem Zug Wiesbaden
-verlassen, als drei sehr anständig gekleidete Herren in Civil, mit einem
-etwas militairischen Anstrich, unten im Hôtel Kompelt nach ihm frugen,
-und von dem Kellner bedeutet wurden, daß der Herr Baron heute Morgen einen
-Ausflug -- aller Wahrscheinlichkeit nach bis Frankfurt gemacht habe.
-
-»Und glauben Sie, daß er heute Abend zurückkehren wird?«
-
-Der Oberkellner zuckte die Achseln.
-
-»Ein Theil seiner Sachen ist allerdings noch da,« sagte er, »aber
-die gnädige Frau hat ihren Koffer und anderes Handgepäck schon vor
-Sonnenaufgang hinunterschaffen lassen, was allerdings auf einen längeren
-Ausflug deutet.«
-
-»Sind sie Ihnen noch etwas schuldig?«
-
-»Sehr unbedeutend -- die Herrschaften zahlen hier im Hôtel immer jede
-Woche ihre Rechnungen, und der Herr Baron hat die seinige erst gestern
-berichtigt. Uebrigens kommt er jedenfalls zurück, denn er hat noch eine
-Menge von Sachen oben.«
-
-Die fremden Herren erwiederten nichts weiter, sondern schritten zusammen
-auf den Platz hinaus, unterhielten sich aber dabei sehr angelegentlich in
-französischer Sprache miteinander.
-
-»Der Vogel ist ausgeflogen,« sagte der Eine, als sie sich außer Hörweite
-des Kellners wußten -- »daß wir auch nicht ein paar Stunden früher hier
-eintreffen konnten. Was nun?«
-
-»Jedenfalls ist er mit der Eisenbahn fort, dabei brauchen wir aber nichts
-zu beeilen,« meinte der Andere, »denn der nächste Zug geht erst in zwei
-Stunden. Wie aber der Kellner sagt, hat er hier noch seine Sachen stehn,
-und es wäre der Mühe werth, die indessen zu untersuchen. Vor allen Dingen
-müssen wir nach den verschiedenen Stationen abtelegraphiren -- vielleicht
-erhalten wir eine günstige Rückantwort, und dann visitiren wir das Nest da
-oben.«
-
-Damit schienen die Anderen einverstanden und trennten sich jetzt erst
-wieder in der Stadt, um nachher aufs Neue hier zusammenzutreffen. Hinter
-den grünen Vorhängen der Fenster hatte sie aber der Oberkellner aufmerksam
-beobachtet, und rieb sich sehr bedenklich die Hände:
-
-»Alle Teufel,« murmelte er dabei, »das ist, hol mich Dieser und Jener,
-Polizei; den Einen kenne ich; das ist der geheime französische Agent, der
-sich hier immer in Wiesbaden aufhält, und genau so thut, als ob er sich
-um keinen Menschen auf Gottes Welt bekümmerte -- und ob der Halunke nicht
-Alles weiß was vorgeht -- Einer mußte ein Fremder sein, aber der dritte
-war ja unser liebenswürdiger Meier -- die rechte Hand vom Polizeidirector.
-Sollten die denn hinter dem Baron her sein? -- wäre nicht übel, so ein
-vornehmer Herr. Wenn man ihm nur wenigstens einen Wink geben könnte, aber
-weiß der Henker wo der jetzt steckt. -- Oder hat er vielleicht gar selber
-Wind bekommen? -- Na dann können sie schnüffeln, denn der ist von klein auf
-in der Welt gewesen und weiß Bescheid.« -- Und mit diesen Gedanken ging
-er, sich wieder vergnügt die Hände reibend, an seine gewöhnliche
-Morgenbeschäftigung -- d. h. er setzte sich vor das große Hauptbuch und
-kratzte sich hinter den Ohren.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Die Entführung.
-
-
-So ängstlich sich Clemence gezeigt, als sie an dem Morgen den Gatten
-verließ, so daß sie nur zitternd auf den Bahnhof eilte und dort der
-furchtbaren Aufregung, in welcher sie sich befand, kaum Herr werden konnte,
-so plötzlich war jede, auch die letzte Angst von ihr genommen, als sich
-der Zug in Bewegung setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für
-sicher. Trotzdem versäumte sie keine nur irgend mögliche Vorsicht, und da
-sie recht gut wußte, daß man sie in Bieberich, besonders an dem Mainzer
-Schalter kannte, ging sie selber dorthin um Billete zu lösen, während
-Trautenau die wirklichen Billete nach St. Goarshausen nahm. Die List wäre
-auch vollständig geglückt, wenn eben nicht Reuhenfels zufälliger Weise den
-Herrn von Plauen auf dem Bahnhof angetroffen hätte, der ihn freilich, ohne
-es zu wissen, auf die rechte Fährte setzte.
-
-Indessen verfolgten die Flüchtigen ahnungslos ihren Weg, und erreichten
-nach einer kurzen aber reizenden Fahrt das ziemlich große Dorf
-St. Goarshausen, einen der schönsten Punkte am ganzen Rhein.
-
-Trautenau war selig; er durfte neben der Geliebten sitzen, ihre Hand
-halten, ihr in die guten Augen sehen und ihrer silberreinen Stimme
-lauschen, ja da noch zwei Fremde, ein Herr und eine junge Dame im Coupé
-wenn auch an der anderen Seite saßen, wehte ihn sogar, als sie sich
-flüsternd zu ihm überbog, ihr warmer Athem an. Er hörte auch kaum was sie
-sprach; es war ihm genug in ihrer Nähe zu sein. Aber wie das Alles enden
-würde! Wie hätte er in diesem seligen Augenblick der Gegenwart nur an die
-Zukunft denken mögen oder können. Er war auch mit Allem einverstanden,
-was sie ihm vorschlug, daß sie jetzt erst einmal in St. Goarshausen,
-einem kleinen unbedeutenden Ort, ein paar Tage still liegen wollten, um
-Reuhenfels, der jedenfalls schon auf der Verfolgung begriffen sei, von
-ihrer Spur abzubringen. Gewiß suchte er sie auf den größeren Stationen,
-und hatte auch wohl Freunde veranlaßt, ihn dabei zu unterstützen, damit er
-sowohl den Norden als Süden im Auge behalten konnte. Waren aber erst einmal
-ein paar Tage vergangen, so mußte er sie natürlich fern glauben, und
-dann gelang es ihnen leicht, mit irgend einem Nachtzug von hier aus die
-französische Grenze zu erreichen.
-
-Clemence schien auch in St. Goarshausen bekannt, denn sie beorderte
-augenblicklich, wie sie nun dort anhielten, ein paar Träger, um ihre Sachen
-in das goldene Roß hinauf zu schaffen. Es war das auch keines der ersten
-Hôtels dicht am Rhein, wo allerdings ein reger Fremdenverkehr statt fand,
-sondern lag etwas abseits vom Strom mitten in der Stadt und schien in
-früherer Zeit -- gerade dem Gemeindehaus gegenüber, den behäbigen Bewohnern
-des kleinen Orts zum Mittelpunkt ihrer Versammlungen und Casinos gedient
-zu haben. Jetzt freilich, wo der Verkehr einen ganz anderen Aufschwung
-genommen und von verwöhnten Fremden weit größere Ansprüche gemacht
-wurden, hatten sich neue sogenannte Hôtels, fast nur mit englischen Namen,
-unmittelbar an's Ufer des Rheines gesetzt, und im goldenen Roß kehrten nur
-noch die alten spießbürgerlichen Honoratioren ein, denen die Fremden ein
-Dorn im Auge waren, und die ungestört von ausländischem »Kauderwälsch«
-einen »guten« Schoppen trinken wollten.
-
-Für ihren Zweck lag der Platz aber in der That vortrefflich, denn hierher
-kam so leicht Niemand der Durchreisenden und wenn sie sich nicht draußen
-zeigten, hätten sie vielleicht einen Monat lang still und unbeachtet dort
-leben können.
-
-Clemence übernahm aber hier ohne Weiteres die Leitung ihrer inneren
-Angelegenheiten. Sie bestellte zwei Zimmer, eins für sich und Jeannette,
-ihre Kammerfrau, eins für den Herrn, und befahl dem aufwartenden Mädchen
--- denn einen Kellner schien es im goldenen Roß gar nicht zu geben -- ihnen
-das Frühstück heraufzubringen, das sie gemeinschaftlich verzehren wollten.
-
-Trautenau war damit nicht ganz einverstanden; er hätte so gerne einmal eine
-Unterredung mit Clemence unter vier Augen gehabt -- so Vieles war es ja,
-was sie noch besprechen mußten. Aber Clemence schien das gerade vermeiden
-zu wollen, und so freundlich, ja herzlich sie sich gegen ihn zeigte, wich
-sie, für jetzt wenigstens, geschickt einer solchen aus. Trautenau selber
-entschuldigte sie aber darin -- es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie
-sich anders gezeigt -- unweiblich wenigstens, wo ihr die Neuheit dieser
-Situation doch noch immer die Seele beklemmen mußte. Morgen, wo sie eine
-Nacht Zeit gehabt, um ruhiger darüber nachzudenken, würde das anders --
-besser werden, und er beschloß deshalb auch, sie in dieser Zeit ganz sich
-selber zu überlassen.
-
-Jeannette war dabei das wahre Muster einer Kammerzofe und arrangirte alles
-Nöthige so leicht und schnell, daß sich die Damen wenigstens in unglaublich
-kurzer Zeit vollständig eingerichtet hatten. Das Frühstück verlief ziemlich
-ruhig und einsylbig, denn Jeder war noch zu sehr mit seinen eigenen
-Gedanken beschäftigt, und der ernste, fast verzweifelte Schritt, den sie
-gethan, rechtfertigte das auch vollkommen. Trautenau war allerdings fest
-entschlossen, Clemence bis nach Paris und zu ihrem Vater zu begleiten,
-wie aber sollte er dort dem Mann, den er überdieß nicht achten konnte,
-als Entführer seiner Tochter und zugleich als Bewerber um ihre Hand
-entgegentreten? Der Gedanke peinigte ihn, wenn auch nicht in Clemencens
-Gegenwart, denn sobald er die lieben, so wunderbar schönen Züge der
-verführerischen Frau sah, und in diese Augen blickte, die manchmal ihn
-fast traurig anschauten und nur scheu den Boden suchten, wenn er ihnen
-begegnete, vergaß er alles Andere -- vergaß er sich selbst. Aber als er
-wieder allein auf seinem Zimmer war, gingen ihm diese Dinge -- und noch
-viele andere -- wieder und wieder durch den Kopf, die er denn nicht so
-leicht abschütteln konnte.
-
-Er konnte das Bild nicht aus seiner Erinnerung zwingen, wie er Clemence zum
-ersten Mal in Wiesbaden gesehen: an jenem grünen Tisch in der Spielhölle,
-den hübschen schlankgewachsenen Franzosen hinter ihrem Stuhl. -- Er konnte
-den Blick nicht vergessen, den sie ihm einmal -- gerade als sein Auge
-zufällig auf ihr haftete, zugeworfen -- aber wenn ihr Mann sie nun
-gezwungen hätte, dem Spiel beizuwohnen? und es gab eigentlich nichts
-Natürlicheres, denn er konnte die junge Frau in einem solchen Badeort doch
-nicht den ganzen Abend allein, und sich selber überlassen. -- Aber der
-Blick -- dieser eine Blick. -- Doch wie ungerecht war sein Verdacht, denn
-wenn sie zu jenem auch nur in der geringsten freundlichen Beziehung stand,
-so hätte sie doch wahrlich auch ihn um seinen Beistand bei ihrer Flucht
-gebeten, und sich nicht an den vollkommen Fremden gewandt. -- Fremden? --
-nein, sie hielt ihn nicht für fremd -- sie wußte ja ihren eigenen lieben
-Worten nach -- wie lange er sie schon im Herzen getragen, und da sie das
-wußte und gerade ihn zu ihrer Hülfe wählte, mußte sie ihm doch auch ein
-klein wenig gut sein, oder sie würde es nicht gethan haben. Wie gern hätte
-er sich auch mit ihr ausgesprochen; aber die verwünschte Kammerzofe
-ging ihr nicht von der Seite. Und was für ein durchtriebenes kokettes
-Frauenzimmer das war. Bildhübsch in der That, mit einem kleinen kecken
-Stumpfnäschen und großen klugen und dunklen Augen; die aber hatte sie auch
-eben überall, und weshalb flüsterte sie nur immer so viel und geheimnißvoll
-mit Clemence? -- Die Person hatte sie doch hoffentlich nicht zu ihrer
-Vertrauten gemacht? -- es war ihm das ein peinlicher Gedanke. Aber er sah
-auch recht gut ein, daß sie eine weibliche Begleitung haben mußte und für
-die kurze Zeit mochte es denn ja auch gehen.
-
-Der Aufenthalt in dem engen dumpfen und noch recht altväterlich gebauten
-Hause wurde ihm zuletzt drückend, und er beschloß, einen Spaziergang
-nach der Ruine hinauf zu machen. Gar zu gern hätte er Clemence um ihre
-Begleitung gebeten; aber er wagte es nicht. Es war heute der erste Tag,
-und er mußte ihr den ungestört lassen, um sich vollkommen auszuruhen. Sie
-blieben ja auch jedenfalls morgen noch hier, und dann erfüllte sie gewiß
-seinen Wunsch. Dann konnte er Alles, Alles mit ihr besprechen, was ihm
-auf dem Herzen lag und es war vielleicht sogar besser, daß das erst morgen
-geschah; er fühlte sich dann auch selber mehr mit sich im Reinen. Der
-morgende Tag sollte deshalb sein Schicksal entscheiden. Er that es auch
-wirklich.
-
-Langsam stieg er den ziemlich steilen Pfad empor, der hinauf zu der alten
-prachtvollen Ruine führte -- aber er traf zu viel Menschen unterwegs
--- Kinder aller Nationen, die hier zusammenkamen, um an den Wundern des
-Rheines zu schwelgen und den vortrefflichen Wein dazu zu trinken. Er fühlte
-sich heute wahrlich nicht in der Stimmung, unter ihnen zu verkehren und
-schlug sich seitab in die Büsche, wo er einen Platz suchte, auf dem er
-ungestört ausruhen und mit dem Rhein und der alten Ruine Rheinfels vor sich
-das prachtvolle Bild in voller Ruhe genießen konnte.
-
-So lag er lange und träumend dicht versteckt im Gehölz, und wenn manchmal
-einzelne Gruppen von Spaziergängern in dem weiter oben hinlaufenden Pfad
-stehen blieben um die Aussicht zu genießen, so konnte er deutlich hören,
-was sie mit einander sprachen, ohne von ihnen dabei gesehen zu werden. Aber
-was interessirten ihn diese Unterhaltungen. Die Leute sprachen sich mit
-schaalen Phrasen über die Schönheit der Gegend aus oder zeigten sich von da
-oben aus die Stellen, wo guter Wein zu haben war. Einmal erzählten sie auch
-von der Eisenbahn, daß der letzte, von Mainz kommende Zug entgleist und
-dicht vor Rüdesheim liegen geblieben sei, so daß die Bahn verstopft wäre
-und man nicht wisse, ob sie heute noch wieder frei würde -- dann gingen
-sie weiter und bedauerten noch dabei, daß sie nun wahrscheinlich das
-»Frankfurter Journal« nicht erhielten.
-
-Der Zug entgleist? -- aber was kümmerte ihn das? Es konnte höchstens nur zu
-ihren Gunsten sein, da dadurch die Verbindung mit den südlicher gelegenen
-Uferplätzen, wenn auch nicht abgeschnitten, doch jedenfalls erschwert
-wurde. -- Aber die Zeit verging, er wußte gar nicht wie lange er schon
-gelegen und die Sonne neigte sich wieder den Bergen zu. Durfte er denn auch
-seine Schützlinge so lang allein lassen? Konnte er wissen, was indessen
-da unten vorfiel? Wenn nun der Zufall sein Spiel doch hatte. Er sprang,
-erschreckt von dem Gedanken, auf, und eilte, so rasch er konnte, in die
-Stadt zurück, um sich wenigstens darüber erst einmal zu beruhigen. Aber die
-Befürchtung war glücklicherweise grundlos gewesen, denn er fand dort Alles
-noch gerade so, wie er es verlassen hatte, nur, daß die Damen, wie es
-schien, mit dem Essen auf ihn gewartet hatten.
-
-»Aber Monsieur,« rief ihn die Kammerzofe an, die ihm auf der Treppe
-begegnete -- »wo bleiben Sie so lange? Wir haben gewartet und gewartet und
-Monsieur vielleicht indessen in aller Ruhe oben in der Stadt dinirt. Wir
-sind so hungrig, daß wir es kaum noch aushalten können.«
-
-»Das bedaure ich in der That unendlich« rief Trautenau bestürzt, aber doch
-auch im Stillen erfreut, daß Clemence seinetwegen gewartet hatte. »Hätte
-ich eine Ahnung davon gehabt, ich wäre gewiß eine Stunde früher gekommen.
-Haben Sie das Essen schon bestellt?«
-
-»Gewiß, das Mädchen hat Ordre es sofort zu bringen, sowie wir die Nachricht
-Ihrer Ankunft erhielten. Ich werde sie gleich rufen. Bitte gehn Sie nur
-hinauf zur gnädigen Frau.«
-
-Am liebsten hätte er das freilich gethan, aber er mußte doch erst
-hinüber in sein Zimmer, um sich von der Hitze und dem Staub seines langen
-Spazierganges zu säubern, und als er das beendet, fand er Jeannette schon
-wieder bei ihrer Herrin, und das dralle Mädchen aus dem Wirthshaus eben
-emsig beschäftigt die bestellten Speisen aufzutragen. Wie er sich aber
-nun gegen Clemence seines langen Ausbleibens wegen entschuldigen wollte,
-unterbrach sie ihn freundlich und lächelte:
-
-»Aber Sie sollen ja doch nicht unser Sclave sein, lieber Trautenau,
-wenn wir Sie zu unserm Ritter ausgewählt haben. Wir haben hier Nichts zu
-versäumen und der Abend bleibt uns ja so noch immer, um hier am offenen
-Fenster ein paar Stunden zu plaudern, oder vielleicht auch einen kleinen
-Spaziergang im Mondenschein am Rhein zu machen. -- Aber bitte, wollen Sie
-nicht Platz nehmen?«
-
-Trautenau's Augen leuchteten. So herzlich hatte Clemence noch nie zu
-ihm gesprochen, selbst nicht als sie ihn um seine Hülfe bat -- aber die
-Kammerjungfer war ihm im Weg; er hätte ihr so gern eben so geantwortet;
-in deren Gegenwart ging das nicht, denn wenn sie sich auch hie und da im
-Zimmer zu thun machte, wußte er doch recht gut, daß sie trotzdem jedes Wort
-bewachte, auf jeden Blick selbst paßte. Vielleicht erhielt er aber am Abend
-bei dem versprochenen Spaziergang Gelegenheit ihr zu sagen, wie glücklich
-sie ihn dadurch gemacht, und jetzt deshalb nur mit ein paar höflichen
-Worten erwidernd, setzte er sich mit den Damen zu Tisch.
-
-Es war in der That spät geworden und die Sonne selbst schon untergegangen.
-Trautenau mußte aber während des Essens von seinem Spaziergang erzählen und
-that das in so lebendiger Weise, daß Clemence ihm gespannt und aufmerksam
-lauschte.
-
-Da klopfte Jemand draußen laut und deutlich zwei Mal an die Thür und
-Jeannette fuhr entsetzt von ihrem Stuhl empor -- Niemand antwortete -- noch
-einmal klopfte es, als Trautenau, der sich den augenscheinlichen Schrecken
-auch in Clemencens Zügen nicht erklären konnte, ärgerlich über die
-Störung »Herein« rief. In dem Augenblick öffnete sich die Thür und in dem
-Dämmerlicht des Abends erkannte die kleine Gesellschaft den Major, der
-höhnisch lächelnd, mit triumphirendem Blick die überraschte Gruppe mit den
-Augen überflog.
-
-»Ich störe doch nicht?« sagte er endlich mit seiner trockenen, aber
-unheimlich klingenden Stimme, denn die erregte Leidenschaft lauerte
-dahinter -- »sollte mir wirklich leid thun Madame -- =et Monsieur aussi= --
-da finde ich ja die ganze kleine Gesellschaft gemüthlich bei einander.«
-
-»Herr von Reuhenfels,« stammelte Trautenau, der entsetzt von seinem Stuhl
-aufgesprungen war.
-
-»Kuno!« hauchte Clemence und war bleich auf ihren Stuhl zurückgesunken.
-Selbst Jeannette wechselte die Farbe, obgleich sie für sich selber
-wenig oder nichts zu fürchten hatte. Reuhenfels schien sich aber an dem
-Schrecken, den seine Erscheinung unter den Flüchtigen verbreitete, mit fast
-teuflischer Schadenfreude zu weiden und selbst in der Ueberraschung des
-Augenblicks drängte sich Trautenau der Gedanke auf, daß der Major noch
-nie im Leben dem Bilde, das er an jener Wand entworfen, so ähnlich gewesen
-wäre, wie in diesem Augenblick.
-
-Aber die Stille dauerte nicht lange. Haß und Rache, die in des betrogenen
-Gatten Augen blitzten, mußten endlich zum Ausbruch kommen und mit vor Wuth
-heiserer Stimme sagte er endlich:
-
-»Also dahin ist es mit Ihnen gekommen, Madame, und mein Verdacht, den ich
-als gutmüthiger Thor selber einzuschläfern suchte, war doch begründet? Aber
-Sie sollen diesen nichtswürdigen Undank bereuen -- bitter bereuen, darauf
-gebe ich Ihnen mein Wort, und daß ich mein Wort halte, wissen Sie, sollte
-ich denken -- gut genug. Und nun zu Ihnen mein Herr, der Sie es gewagt
-haben, in das Heiligthum einer glücklichen Ehe die frevle Hand zu stecken.
-Ich weiß nicht, ob Sie ein Mann von Ehre sind -- was ich bis jetzt davon
-gesehen habe, spricht wenigstens nicht dafür -- wenn dem so ist, so folgen
-Sie mir in ein anderes Zimmer, daß wir das Nöthige dort besprechen können.«
-
-»Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Major,« rief Trautenau, dessen Antlitz
-bei den beleidigenden Worten alles Blut verlassen hatte -- »wo und wann
-Sie wollen und werde Ihnen beweisen, daß Sie gerade der Letzte sein dürfen,
-einen rechtschaffenen Mann an seine Ehre zu mahnen. Weitere Worte, glaube
-ich, werden wohl fortan unnöthig sein.«
-
-»Ich glaube es auch,« zischte der Major in Haß und Bosheit, denn die
-Anspielung des jungen Mannes auf sein vergangenes Leben war zu deutlich
-gewesen um sie mißzuverstehen. »Folgen Sie mir, und Sie, Madame, werden
-dies Zimmer nicht verlassen, bis ich zurückkehre, um Ihnen meine weiteren
-Befehle kund zu thun.«
-
-»Mein Herr!« rief jetzt Clemence erzürnt von ihrem Stuhl emporfahrend --
-Reuhenfels würdigte sie aber keines weiteren Blicks. »Ich weiß, daß Sie
-gehorchen werden,« sagte er tückisch und verließ das Zimmer, während
-Trautenau seinen Hut ergriff, um ihm zu folgen. So aber und ohne ein Wort
-des Abschieds konnte er Clemence nicht verlassen. Bewegt und zitternd vor
-Aufregung schritt er auf sie zu und ergriff ihre Hand.
-
-»Fürchten Sie Nichts, Clemence,« sagte er leise und rasch -- »so lange ich
-lebe haben Sie einen Freund, der Sie nicht verlassen soll.«
-
-»Er wird Sie tödten,« hauchte Clemence -- »er trifft mit der Pistole eine
-Schwalbe im Flug.«
-
-»Ich selber bin nicht ungeübt darin,« erwiederte Trautenau trotzig, »ich
-schieße rasch und sicher. Noch ist es möglich, Ihnen Ihre volle Freiheit
-wieder zu geben.«
-
-»Und für mich wollen Sie in den Tod gehen,« bat das junge schöne Weib,
-jetzt wirklich furchtbar ergriffen, »ach, ich habe es nicht um Sie
-verdient!« und Thränen glänzten dabei in ihren Augen.
-
-»Jetzt komme was da wolle!« rief Trautenau jubelnd aus, denn diese Thränen
-waren ihm der erste Beweis ihrer Liebe -- »Du weinst um mich, Clemence, und
-so möcht' ich sterben. Aber es lebt ein Gott! er wird mir nicht die höchste
-Seligkeit des Lebens zeigen, um mich dann nur verzweifelnd von der Erde zu
-nehmen. Lebe wohl, auf baldiges frohes Wiedersehen.« -- Sie stürmisch in
-die Arme pressend, drückte er den ersten Kuß auf ihre Lippen, und wie
-er jetzt zur Thür hinauseilte, wäre er dem Bajonnetangriff eines ganzen
-Bataillons mit nackter Brust jauchzend entgegen gerannt.
-
-Draußen empfing ihn der Major mit eisiger Kälte.
-
-»Ist es gefällig?« sagte er, und öffnete eine Thür, die in einen jetzt
-leer stehenden düsteren Saal hineinführte. »Es ist allerdings schon etwas
-dunkel, aber zu dem, was wir zu reden haben, brauchen wir wohl kein Licht.«
-
-Trautenau folgte ihm, und die Thür hinter sich zudrückend, fuhr der Major
-mit halblauter und jetzt vollkommen leidenschaftloser Stimme fort:
-
-»Ich habe diesen Augenblick lange herbeigesehnt, denn von dem Moment an, wo
-ich entdeckte, welchen frechen Scherz Sie sich mit mir erlaubt, schwor ich
-es mir zu, daß unser erstes Begegnen auch unser letztes sein sollte. In
-Wiesbaden entschlüpften Sie mir freilich. -- Sie wissen selber am Besten
-wie, jetzt hoffe ich aber, daß wir unser Geschäft mit einander erledigen,
-ehe wir uns trennen, denn ich möchte Ihnen doch gern eine Erläuterung dazu
-geben, was es heißt, »den Teufel an die Wand malen.«
-
-»Ich sehe dieser Erläuterung mit großer Ruhe entgegen, Herr Major,«
-erwiderte Trautenau kalt. »Ich werde Ihnen dann auch beweisen können, daß
-ich Ihnen in Wiesbaden nicht »entschlüpft« bin, wie Sie sich auszudrücken
-belieben, sondern nur, um eine Frau von der teuflischen Tyrannei --«
-
-»Halten Sie ein, mein Herr,« unterbrach ihn gebieterisch der Major, »wir
-wollen nicht mit Worten, sondern mit Waffen fechten. Heute Abend ist es
-freilich dafür zu dunkel -- ich konnte leider nicht früher eintreffen, da
-der Zug entgleiste und ich das nächste Dampfboot benutzen mußte, um heute
-Abend noch den Ort hier zu erreichen. Da auch kein Zug vor morgen früh neun
-Uhr von hier wieder stromauf gehen kann, bleibt es sich gleich, und wir
-können das Tageslicht abwarten, um unsern -- wie ich jetzt vermuthen muß --
-beiderseitigen Wunsch zu erfüllen. Sind Sie am anderen Ufer bekannt?«
-
-»So ziemlich, ich war erst vor wenigen Wochen längere Zeit dort. Aber
-weshalb?«
-
-»Weil ich auf nassauisches Gebiet zurückkehren muß, möchte ich unser
-Geschäft im Preußischen erledigt sehen. Kennen Sie den hinteren Thurm an
-der Ruine Rheinfels? Gleich darunter ist ein kleiner offener Platz.«
-
-»Ich erinnere mich.«
-
-»Gut -- sein Sie dort morgen früh eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang,
-Waffen bringe ich mit. Haben Sie einen Secundanten?«
-
-»Nein -- ich kenne Niemanden hier.«
-
-»Ich habe viele Officiere heute Abend in St. Goarshausen gesehen. Sie
-werden leicht einen der Herrn dazu bewegen können.«
-
-»Ich denke ja.«
-
-»Gut -- weiteres ist nicht nöthig. Es bleibt Ihnen der ganze Abend dazu, da
-Ihre weitere Anwesenheit im Hôtel,« setzte er höhnisch hinzu, »doch nicht
-mehr verlangt wird. Für Madame werde ich selber sorgen. Sie kommen gewiß?«
-
-»Schon die Frage ist eine unwürdige Beleidigung,« sagte Trautenau finster,
-»ich hoffe der Erste auf dem Platz zu sein.«
-
-»Gut, mein Herr Maler,« erwiderte Reuhenfels sarkastisch, »ich werde Sie
-nicht lange warten lassen.«
-
-
-
-
-Elftes Capitel.
-
-Die Entscheidung.
-
-
-Trautenau verließ das Hôtel, um an den Rhein hinab zu gehen. Wenn er aber
-auch sonst friedlicher, fast sanfter Natur war, und sein Pistolenschießen
-nur als eine interessante Uebung betrieben hatte, von der er nie im Leben
-einen ernstlichen Gebrauch erwartete, so konnte er jetzt kaum den anderen
-Morgen erwarten, wo er Dem gegenüberstehen sollte, den er nun als seinen
-ärgsten Feind kannte und haßte. Clemencens Kuß brannte ihm ja noch auf den
-Lippen, und er fühlte, daß Einer von ihnen Beiden -- Reuhenfels oder er,
-die Erde räumen müsse -- es war nicht Platz darauf für Beide.
-
-Mit diesen Gedanken schritt er rasch den Rhein hinab, und es dauerte nicht
-lange bis er zwei nassauische Officiere traf, die Arm in Arm am Rhein
-spazieren gingen, und denen er ohne Weiteres sein Anliegen vortrug. Er war
-vollkommen fremd hier und hatte morgen früh, zum Schutz einer Dame, eine
-Ehrensache auszumachen -- ob ihn Einer der beiden Herren dabei unterstützen
-wolle?
-
-»Wie ist Ihr Name?« frug der Eine der Officiere.
-
-»Trautenau -- ich bin Maler, und nur zum Besuch an den Rhein gekommen.«
-
-»Und wo ist das Rendezvous?«
-
-»Dort drüben gleich hinter der Ruine; ich werde hier morgen früh etwas
-vor Sonnenaufgang ein Boot bereit halten, da wir eine halbe Stunde nach
-Sonnenaufgang an Ort und Stelle sein müssen.«
-
-»Ich werde Sie begleiten,« lautete die Antwort -- »mein Name ist von
-Klingen -- haben Sie Waffen?«
-
-»Mein Gegner wollte sie besorgen.«
-
-»Pistolen oder Säbel?«
-
-»Pistolen.«
-
-»Gut -- ich werde zur Vorsorge noch meine eigenen mitbringen, die Herren
-können dann wählen -- aber dann muß ich gleich nach Hause, um Alles in
-Stand zu setzen.«
-
-Die jungen Leute drückten sich die Hand und Trautenau wanderte noch
-schweigend und seinen Gedanken nachhängend in die Nacht hinaus.
-
-Er dachte an Frank und was der zu dem Allen sagen würde, wenn er es erfuhr.
-Der hatte ihn wohl genug gewarnt, aber konnte er denn anders handeln,
-als er es gethan? und würde sich Frank, an seiner Stelle, nicht genau so
-benommen haben? Arme Clemence! was wurde aus ihr, wenn er in dem morgenden
-Zweikampf fiel? war sie dann nicht elend für ihr ganzes Leben? Doch ihr
-Schicksal lag ja in Gottes Hand, und dem wollte er vertrauen, daß er noch
-Alles zum Besten führe. Wozu sich jetzt auch unnöthige Sorgen machen, die
-ihn nur weich stimmten und entmannten. Mit kaltem, ruhigen Blut mußte er an
-die Arbeit gehen, denn nur dann konnte er hoffen zu siegen.
-
-Am nächsten Morgen war er lange vor Tag auf und in seinen Kleidern. Einen
-Schiffer hatte er sich noch am vorigen Abend bestellt, der auch schon mit
-seinem Boot wartete; der Officier fand sich ebenfalls pünktlich ein, und
-schon näherten sie sich dem anderen Ufer, als die ersten Strahlen der
-Morgensonne die höchsten Thürme der alten Ruine vergoldeten. Sie durften
-sich fest überzeugt halten, daß sie pünktlich und auch noch vor dem
-Gegenpart das Rendezvous erreichen würden, denn daß dieser schon vor ihnen
-aufgebrochen sei, ließ sich nicht gut denken.
-
-Der Morgen war frisch, aber wunderbar schön und klar, und der Thau blitzte
-von allen Zweigen und Grashalmen funkelnd wieder. Aber Trautenau war
-nicht in der Stimmung, das heute zu beachten, denn er ging einen ernsten,
-schweren Weg, und wer wußte denn, ob nicht sein Blut bald häßliche Flecken
-auf diese Gräser werfen würde, wenn sie ihn, schwer verwundet oder todt
-wieder zurück zum Ufer trugen. -- Doch gewaltsam schüttelte er alle diese
-Gedanken ab -- er durfte sich ihnen nicht hingeben und sein einziger Wunsch
-war, jetzt den Gegner schon auf dem Platz zu finden, um -- was sie zu
-erledigen hatten, so rasch als möglich abzumachen.
-
-Aber der Platz, als sie ihn erreichten, war noch leer: nur die Vögel
-zwitscherten in den benachbarten Büschen und ein Zug Krähen strich
-krächzend von dem einen alten Thurm ab, hinüber dem Walde zu.
-
-»Wir sind die Ersten,« begann der Officier, als er den Platz überschaute.
-
-»Ich hoffe, wir werden nicht lange zu warten haben,« erwiederte Trautenau,
-»er versprach, pünktlich auf dem Platz zu sein.«
-
-»Ich glaube, wir sind noch etwas vor unserer Zeit, aber desto besser;
-es ist immer ein unangenehmes Gefühl, den Gegner schon uns erwartend zu
-finden.«
-
-Trautenau nickte schweigend mit dem Kopf und schritt, die Arme verschränkt,
-auf dem kleinen offenen Raum auf und ab, -- aber Reuhenfels ließ lange
-auf sich warten, -- höher und höher stieg die Sonne, und als der Secundant
-wieder und wieder auf seine Uhr sah, rief er endlich aus:
-
-»Aber zum Teufel auch, der Herr ist jetzt wenigstens schon drei Viertel
-Stunden hinter seiner Zeit. Sind Sie auch gewiß, daß er überhaupt kommt?«
-
-»Ich habe nicht den geringsten Grund, daran zu zweifeln, und begreife es
-selber nicht. Ob er am Ende kein Boot bekommen hat?«
-
-»Zehne für eins, wenn er sie haben wollte. Zwischen den beiden Orten
-wechseln ja die Boote fortwährend herüber und hinüber. Das kann ihn nicht
-zurückgehalten haben. Welche Zeit hatte er Ihnen bestimmt?«
-
-»Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang.«
-
-»Die Sonne ist jetzt fast anderthalb Stunden hoch. Wir wollen noch eine
-halbe Stunde warten, dann sind wir aber an Nichts mehr gebunden. Sie wären
-jetzt schon völlig berechtigt, den Platz wieder zu verlassen.«
-
-»Lassen Sie uns noch warten,« bat Trautenau, und wieder schritten die
-beiden Männer eine Zeitlang schweigend auf und ab, aber es erschien
-Niemand, ja noch kurz vor der gestellten Frist hörten sie sogar lautes
-Lachen und schwatzende Leute, eine Gesellschaft von Reisenden, die auf die
-Ruine gestiegen waren und jetzt wahrscheinlich einen Spaziergang in der
-Nachbarschaft machen wollten.
-
-»Mein lieber Herr Trautenau,« sagte der Officier, indem er seinen kleinen
-Pistolenkasten unter den Arm nahm, »ich kann Ihnen bezeugen, daß Sie Ihre
-übernommene Pflicht auf das Vollständigste erfüllt und jedem Gesetz der
-Ehre genügt haben. Ihr Gegner ist -- aus welchem Grunde auch immer --
-ausgeblieben. Lassen Sie uns zurückkehren und zusammen frühstücken, denn
-ich fange an hungrig zu werden.«
-
-Zwischen den Büschen wurden in der That schon die hellen Gestalten der
-Spaziergänger sichtbar; sie durften hier gar nicht länger bleiben, wenn
-sie nicht auffallen wollten und Trautenau selber schritt jetzt an seines
-Begleiters Seite um die Ruine herum, damit sie den Fremden nicht mit dem
-Pistolenkasten in den Weg kamen. Unterwegs begegneten sie auch Reuhenfels
-nicht und Trautenau begriff nicht, was ihn abgehalten haben konnte;
-denn wie auch immer sein Charakter sein mochte, für feige hielt er ihn
-nimmermehr.
-
-Unten in St. Goar angelangt, bestellten sie rasch ein Boot und setzten sich
-indessen in eines der nächsten Weinhäuser, um etwas zu frühstücken, denn
-der Magen verlangte sein Recht. Trautenau, von Ungeduld gepeinigt, wäre
-allerdings am liebsten gleich nach St. Goarshausen zurückgekehrt, aber der
-Officier ließ ihn nicht los und er konnte ihm die Gefälligkeit, noch eine
-Viertelstunde bei ihm auszuhalten, nach der ihm geleisteten nicht versagen.
-
-Jetzt lag das Boot bereit und brachte sie wieder über den Strom hinüber,
-ihrem Ziel entgegen, und Trautenau eilte nun, so rasch ihn seine Füße
-trugen, in das goldene Roß hinüber, um dort den Major seines Wortbruchs
-wegen zur Rede zu stellen.
-
-Im goldenen Roß hatte sich indessen eine andere Scene zugetragen, die
-allerdings das Ausbleiben des Herrn von Reuhenfels, soweit es seinen
-persönlichen Muth betraf, vollkommen entschuldigte.
-
-Der genannte Herr war ebenfalls lange vor Tag aufgestanden und fertig zum
-Aufbruch, sah seine Pistolen noch einmal nach, ob auch Alles in tüchtigem
-Stand wäre, füllte das kleine Pulverhorn, das er in die Tasche schieben
-konnte, aus einem größeren, und hatte die Uhr dabei vor sich auf dem Tisch
-liegen, damit er den richtigen Moment nicht versäume.
-
-Der Hausknecht stand unten im Flur und putzte die Stiefeln der
-verschiedenen Gäste, als die Hausthür geöffnet wurde und ein Fremder -- zu
-so früher Stunde allerdings etwas Ungewohntes, darin erschien.
-
-»Sagen Sie mir, lieber Freund,« redete er den Hausknecht an, »ist gestern
-Abend oder in der Nacht, wohl noch ein Fremder hier im goldenen Roß
-angekommen, der zu einem paar Damen gehört?«
-
-»Heute Nacht nicht, aber gestern Abend,« sagte der Mann -- »No. 11«.
-
-»In der That? Wie sah er aus, wenn ich fragen darf?«
-
-»Na, wie soll er aussehn -- wie andere Fremde auch.«
-
-»Trägt er einen Bart?«
-
-»Ja, einen Backenbart glaub' ich -- ein Bischen breit.«
-
-»Aber keinen Schnurrbart?«
-
-»Ich glaube nicht, aber da müssen Sie seinen Barbier fragen.«
-
-Der Fremde drückte dem Hausknecht ein Guldenstück in die Hand, was dieser
-mit äußerstem Erstaunen betrachtete.
-
-»Hollo?« rief er, »so früh Morgens? -- der Tag fängt gut an.«
-
-»Es war noch ein anderer Herr bei den Damen, wie?« frug der Fremde weiter.
-
-Der Hausknecht nickte -- »Ja und die Beiden haben sich mit einander
-gezankt,« erzählte er, denn der Gulden hatte ihn gesprächig gemacht, --
-»sie waren zusammen im großen Saal allein, und wie ich den fremden Herrn
-heute Morgen weckte, und ihm Licht ansteckte, hatte er einen offenen
-Pistolenkasten vor seinem Bett auf dem Stuhl stehen!«
-
-»So? -- das war der Letztgekommene?«
-
-»Ja.«
-
-»Und ist er noch auf seinem Zimmer?«
-
-»Gewiß, aber lange wird er nicht mehr bleiben, denn sonst hätte ich ihn
-nicht vor Tag zu wecken brauchen.«
-
-»Da kommt Jemand die Treppe herunter.«
-
-Der Hausknecht sah hinauf, schüttelte aber mit dem Kopf, -- »ne, das ist
-der Andere.«
-
-Der Fremde zog sich in den Schatten des Geländers zurück, bis Trautenau
-das Haus verlassen hatte; dann folgte er ihm langsam bis zur Thür und
-blieb dort wohl noch zehn Minuten stehen. Endlich pfiff er leise auf einem
-kleinen Instrument und es dauerte nicht lange, so traten auch vier andere
-Männer in die Flur, von denen der Eine die Uniform der Landes-Polizei trug.
-
-»Ich denke wir haben den Burschen,« meinte der Fremde jetzt, zu diesem
-gewandt, »denn was ich eben von dem Hausknecht gehört, läßt kaum noch einen
-Zweifel. Unser Extrazug wird sich wahrscheinlich bezahlt machen.«
-
-»Daß wir nur keinen Verkehrten fassen,« entgegnete der Polizeibeamte, --
-»kennen Sie ihn persönlich?«
-
-»Allerdings, -- Herr von Reuhenfels, der sich in Wiesbaden »zu Berg«
-nannte, ist eine zu allbekannte Persönlichkeit, und war jeden Abend in der
-Spielbank zu treffen -- ebenso wie seine schöne Frau.«
-
-»Und was wird mit der Dame?«
-
-»Es ist keine Anklage gegen die Dame erhoben; wir werden sie nicht
-belästigen.«
-
-Oben wurde in diesem Augenblick geklingelt.
-
-»Das ist auf No. 11,« rief der Hausknecht, -- »ich soll ihm den Kasten
-hinunter zum Wasser tragen.«
-
-»Gut -- gehen Sie hinauf,« sagte der Polizeibeamte. »Wir sind hier um
-den Herrn zu verhaften. -- Sollte er Widerstand leisten, so sind Sie
-verpflichtet, uns beizustehen. Sie haben mich doch verstanden?«
-
-»Ja wohl -- gewiß.«
-
-»Und wenn Sie ein Wort oben äußern, könnten Sie in die schlimmste Lage
-kommen, lieber Freund.«
-
-»Werde mich hüten,« brummte der Hausknecht; der Herr da oben schien aber
-ungeduldig, denn eben klingelte es zum zweiten Mal, und bedeutend stärker
-als vorher.
-
-»Ja, ja, komme schon,« knurrte der Hausknecht, in eben nicht besonderer
-Laune, »na ja,« murmelte er dabei -- »hier unten einen Gulden gekriegt
-und da oben das Trinkgeld verloren; wo bleibt da der Profit.« -- Als guter
-Deutscher hatte er aber viel zu großen Respect vor der Polizei, um irgend
-einen anderen Gedanken, als den unbedingten Gehorsams zu hegen. Was ging
-ihn auch der Fremde auf No. 11 an, daß er sich seinetwegen hätte in böse
-Händel verwickeln lassen. Helfen konnte er ihm doch nichts. Er ging in das
-Zimmer und ließ die Thür angelehnt.
-
-»Hier mein Bursche,« begann Reuhenfels, »nimm einmal den Kasten und komme
-mit mir zum Flußufer hinunter. Ist der andere Herr schon fort?«
-
-»Oh wohl schon vor zehn Minuten.«
-
-»So? Dann habe ich keinen Augenblick Zeit mehr zu versäumen -- komm rasch.«
-
-»Sie werden wohl noch einen Augenblick entschuldigen müssen, Herr Major
-von Reuhenfels,« sagte in diesem Moment die tiefe, ernste Stimme des
-französischen Polizei-Agenten, dessen Gesicht sich Reuhenfels erinnerte oft
-in Wiesbaden gesehen zu haben, wenn er auch wohl nie eine Ahnung von seiner
-Function hatte. Aber er erbleichte, denn hinter diesem traten noch vier
-andere Männer ins Zimmer und füllten den kleinen Raum, während sich der
-Hausknecht vor das Fenster zurückgezogen hatte, um eine Flucht dort hinaus
-zu verhindern.
-
-»Was wollen Sie von mir?« rief Reuhenfels, und sein scheuer Blick verrieth
-deutlich genug, daß er kein reines Gewissen hatte. »Halten Sie mich nicht
-auf -- ich habe eine Ehrensache abzumachen.«
-
-»Weshalb wir kommen, mein Herr,« sagte der Beamte mit schneidender Kälte,
-»betrifft keine Ehrensache, sondern einen Bubenstreich -- ja vielleicht
-eine Kette von solchen, und die Erledigung derselben muß diesmal der
-Ehrensache vorgehen. Sie sind mein Gefangener.«
-
-»In wessen Namen?« fuhr Reuhenfels auf.
-
-»Im Namen Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen wegen Anklage auf Mord und
-Raub, wie anderer geringfügiger Vergehen.«
-
-»Das ist eine schändliche Lüge!« rief der Verbrecher, aber Todtenblässe
-deckte seine Züge und der scheue Blick umher suchte nach Hülfe, vielleicht
-nach einer Waffe. Die Pistolen im Kasten waren aber nicht geladen und
-dieser auch verschlossen. Ueberhaupt gaben ihm die Polizeibeamten keine
-Zeit mehr, sich lange zu bedenken. Ehe er ernstlichen Widerstand wagen oder
-nur beschließen konnte, hatten sie sich auf ihn geworfen, und obgleich er
-sich jetzt wie ein Verzweifelter wehrte, fand er sich doch machtlos in
-der Hand der fünf baumstarken und gewandten Männer. Seine Kraft war auch
-gebrochen. Der Schlag hatte ihn zu rasch und plötzlich getroffen und
-zähneknirschend ergab er sich endlich in sein Schicksal.
-
-Ehe man ihn abführte, verlangte er allerdings noch einmal seine Frau
-zu sprechen, der Beamte erklärte aber strengen Befehl zu haben, keine
-Unterredung weiter mit irgend wem gestatten zu dürfen. Er wußte überdies,
-daß ihm die Dame entflohen sei, und also keine Gefühlsrichtung diesen
-Wunsch hervorgerufen hatte. Der Gefangene wurde ohne Weiteres, mit Allem
-was man bei ihm fand (seine in Wiesbaden befindlichen Sachen waren schon
-mit Beschlag belegt) in Gewahrsam gebracht, bis der nächste Zug ging und
-dann fort transportirt, ohne daß die Leute im Haus weiter erfuhren, was mit
-ihm geschah.
-
-Zwei Stunden später etwa kehrte Trautenau vom anderen Ufer zurück. Schon
-unten in der Hausflur erzählte ihm aber der Wirth, den er dort antraf, die
-Gefangennahme des fremden, gestern Abend angekommenen Herrn, der jedenfalls
-ein großes Verbrechen begangen haben müsse, denn als man ihn auf die Bahn
-gebracht, habe er Handschellen angehabt.
-
-»Und die Damen?«
-
-»Die Eine ist noch oben,« erwiederte der Wirth, »und wartet, glaube ich,
-auf den nächsten Zug, oder das nächste Boot -- die andere ist mit einem
-jungen Herrn, einem Franzosen, gleich nachdem der Herr fortgeschafft wurde,
-oder etwa eine Stunde später, an Bord des zu Thal gehenden Bootes
-gefahren. Der Dampfer konnte ja kaum die Landung verlassen haben, als Sie
-heraufkamen.«
-
-Trautenau war es, als ob das Haus mit ihm im Kreise herum ging. -- Eine der
-Damen hatte das Hôtel mit einem jungen Franzosen verlassen -- aber es war
-doch nicht möglich -- nicht denkbar, daß Clemence --
-
-Er drehte sich langsam ab und stieg die Stufen hinauf, die zu der oberen
-Etage führten. Dort lag das Zimmer, in welchem Clemence wohnte -- Er
-klopfte leise an.
-
-»=Entrez!=« lautete der ziemlich lebhaft gegebene Ruf, und als er die Thür
-öffnete, bemerkte er Jeannette, eben im Begriff, ihren Koffer zu packen,
-wie sie mitten in der Stube stand.
-
-»Ah Monsieur Trautenau!« rief das junge Mädchen, indem sie auf ihn zuflog
-und seine Hand ergriff -- »Sie sind zurückgekehrt? Ah das ist schön, das
-ist brav von Ihnen.«
-
-»Mein liebes Fräulein,« erwiederte Trautenau, der das Alles noch gar nicht
-fassen konnte, »wollen Sie mir freundlichst sagen, was hier vorgegangen
-ist, denn der Wirth unten scheint mir verrückt -- die ganze Welt muß
-wahnsinnig geworden sein, oder ich bin es am Ende selber.«
-
-»Nein, Monsieur,« rief Jeannette lebhaft aber unter Thränen aus -- »man hat
-Ihnen die Wahrheit gesagt. Das Unerhörteste ist geschehen.«
-
-»Clemence ist wirklich fort?«
-
-»Heute Morgen, mit Monsieur Armand.«
-
-»Mit dem Franzosen?«
-
-»Dem ich gestern noch in der Nacht mit Lebensgefahr, denn der gnädige Herr
-hätte mich umgebracht, wenn er es erfuhr -- telegraphiren mußte. Solch' ein
-Undank ist noch gar nicht dagewesen.«
-
-»Sie haben ihm telegraphirt?«
-
-»Jawohl -- für die gnädige Frau, und heute Morgen, wie er ankommt, entläßt
-sie mich aus ihrem Dienst und reist allein mit ihm ab.«
-
-»Clemence?«
-
-»Nun versteht sich -- mit dem ersten Boot, das stromab kam, sind sie fort.
-Ich habe sie selber an's Ufer begleitet.«
-
-»Und kannte Madame jenen Monsieur Armand schon früher?«
-
-»Ah gewiß,« rief Jeannette in Aerger über die erlittene Unbill. »Das Ganze
-war eine abgekartete Sache, und Monsieur Armand hat uns ja selber dies
-Hôtel bestimmt, um auf ihn zu warten.«
-
-»So?« sagte Trautenau und es war ihm zu Muthe, als ob ihn Jemand mit
-eiskalter Hand sein Herz gefaßt und zerdrückt hätte -- »also eine
-abgekartete Sache -- und ich selber --?«
-
-»Ah Monsieur, diese Dame ist eine durchtriebene, gefährliche Kokette. Sie
-wären verloren gewesen, wenn Sie vollständig in ihr Netz fielen.«
-
-»Wahrhaftig?«
-
-»Was ich Ihnen sage -- diesen Armand liebt sie wie rasend. Mit Ihnen hat
-sie nur ihr Spiel getrieben, weil sie Jemanden brauchte, der den Verdacht
-ihres Gatten ablenkte.«
-
-»In der That?«
-
-»Und mich -- die mit solcher Treue und Aufopferung an ihr hing, jetzt mit
-so schmählichem Undank zu lohnen; oh es ist schändlich! abscheulich!«
-
-Trautenau wandte sich langsam ab und wollte das Zimmer verlassen, als ihn
-Jeannette zurückhielt.
-
-»Und was gedenken Monsieur jetzt zu thun?«
-
-»Ich? -- oh, Nichts, ich darf Madame natürlich nicht mehr belästigen, und
-denke auch gar nicht daran. Ich werde in meine Heimath zurückkehren.«
-
-»Und was wird aus mir?« rief Jeannette, indem sie ihn bittend ansah --
-»wollen Sie mich, ein armes, unbeschütztes Mädchen hier allein in dem
-fremden Land zurücklassen?«
-
-»Hat Sie Madame auch um Ihren -- Lohn betrogen?«
-
-»Nein das nicht -- Monsieur Armand ist reich; er war generös.«
-
-»Und was verlangen Sie noch von mir?«
-
-»Ist es Sitte in Deutschland, daß man unbeschützte Frauen allein reisen
-läßt?«
-
-»Mein liebes Fräulein,« antwortete Trautenau, dem diese kaum versteckte
-Zumuthung doch ein wenig zu stark schien, -- »Sie haben der gnädigen Frau
-getreu geholfen und beigestanden -- es war an ihr, Sie dafür zu belohnen.
-Sie werden von mir hoffentlich nicht verlangen, daß ich mich zum Cavalier
-ihrer Kammerfrau aufwerfe, da sie selber es vorgezogen, einen anderen
-Schutz zu suchen. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise --« und sich
-abwendend schritt er aus der Thür und hörte nur noch den Ausruf der
-Empörung Jeannettens: »Oh diese Deutschen -- diese Menschen von Holz!« --
-Aber er war geheilt -- vollständig geheilt von seiner tollen Leidenschaft,
-und als er etwa drei Wochen später nach M-- zurückkehrte, konnte er Frank
-sein Abenteuer -- oder vielmehr seine Kette von Abenteuern mit lachendem
-Munde erzählen.
-
-Drei Monat später druckte ein deutsches Blatt in M-- einen Artikel
-aus einer französischen Zeitung ab -- einen Criminalfall, der für M--
-besonderes Interesse hatte. Es war die Verurtheilung eines Deutschen, eines
-Herrn von Reuhenfels, der beschuldigt und überführt worden war, seinen
-Schwiegervater, einen geborenen Franzosen Monsieur Joulard, mit dem er
-früher Wechselfälschungen und anderen Betrug getrieben, in Paris
-ermordet, und in einem Keller vergraben zu haben. Er hatte das Verbrechen
-eingestanden und war, da ein vorbedachter Mord nicht nachgewiesen werden
-konnte, zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurtheilt worden.
-
-Von Clemence hörten sie Nichts wieder. Möglich, daß sie als Madame Armand
-irgendwo in Frankreich lebte. Trautenau dachte nicht mehr an sie -- er
-hatte ihr Bild, die Copie, die er damals behalten, gleich nachdem er nach
-M-- zurückkehrte, zerstört, aber mit desto größerer Vorliebe zeichnete und
-malte er sich in seinem neuen Atelier den Major in der alten Staffage an
-die Wand, und wo ihm einmal wieder das Herz mit dem Verstand durchgehen
-wollte, bedurfte es nur eines Blickes auf das Bild, um all die alten, fast
-begrabenen Erinnerungen wieder wach zu rufen. Damit war denn auch jede
-Gefahr beseitigt, denn er hatte sich den Teufel als Schutzengel an die Wand
-gemalt.
-
-
-
-
-Booby-island.
-
-Australische Skizze.
-
-
-Wenn der Leser die Karte von Australien in die Hand nimmt, so sieht er,
-daß im Norden dieses Welttheils, zwischen Australien und der großen Insel
-Neu-Guinea, eine schmale Meerenge hindurchführt, die noch außerdem
-mit zahlreichen Punkten -- nichts als bösartige Klippen -- gesprenkelt
-erscheint. In der That füllen eine Menge von Korallenriffen und Sandinseln
-diesen schmalen Meeresarm aus, und nur einzelne Passagen mit kaum fünf
-oder sechs Faden tiefem Fahrwasser ziehen sich hindurch und müssen von den
-Schiffen sorgfältig eingehalten werden. Da diese aber, wenn sie aus dem
-Stillen in den Indischen Ocean wollen, durch die Meerenge ein tüchtig
-Stück Weg abschneiden, so benutzen sie doch häufig den Weg, und bei ruhigem
-Wetter und einiger Vorsicht ist auch nicht eben viel Gefahr dabei.
-
-Anders stellt sich freilich die Sache, wenn gerade an der Einfahrt,
-besonders von Osten her, wo die Passage nicht so leicht zu finden ist,
-stürmisches Wetter einsetzt. Manches arme Schiff ist dann schon an jenen
-sogenannten =barrier-reefs= (Riffbarrière) gescheitert, und die Mannschaft
-hat sich, wenn sie nicht gar an einer zu bösen Stelle strandete, in ihren
-Booten retten müssen.
-
-Einmal erst in der Meerenge -- welche die Torresstraße genannt wird -- und
-die Boote haben auch in der That Nichts mehr von den selbst stürmischen
-Wogen des Oceans zu fürchten, da diese Korallenriffe die schwere Dünung
-vollständig abhalten. Sie befinden sich in der Meerenge selber in ruhigem
-glatten Wasser, und eine Menge Inseln liegen dort überall, auf denen sie
-selbst landen können. Freilich bieten diese Inseln auch gar Nichts weiter
-als eben Land, und nur einige der größten haben dürftige Quellen. Zu
-gewissen Jahreszeiten wachsen aber auch auf den meisten sehr delikate,
-dattelähnliche Früchte, die wie unsere deutschen Pflaumen aussehen, und
-mit denen und den zahlreichen Fischen im seichten Wasser könnten sich
-Schiffbrüchige eine Zeitlang das Leben fristen.
-
-Stranden sie freilich zu einer Zeit, wo diese Früchte nicht reif sind, und
-haben sie -- wenn sie rasch von Bord flüchten mußten -- keine Gewehre bei
-sich, um von den dort häufig vorkommenden Tauben zu erlegen, so sind sie
-sehr übel daran, und ihre einzige Aussicht bleibt, »Booby-island« so bald
-als möglich zu erreichen.
-
-Alle diese Inseln -- selbst Mount Adolphus, die größte von ihnen mit
-tüchtigen Hügelrücken, sind unbewohnt, und nur in gewissen Zeiten kommen
-einzelne australische Familien oder Stämme vom Continent herüber, um
-hier zu fischen. Selbst aus dem ostindischen Archipel, von Timor-laut und
-anderen kleineren Inseln segeln mit dem günstigen Monsuhn (temporären Wind)
-die Malayen herüber, um hier dem Fischfang obzuliegen, und kehren
-erst, wenn diese, regelmäßig fünf Monate wehende Luftströmung nach der
-entgegengesetzten Himmelsrichtung umspringt, in ihre Heimath zurück.
-
-Die ganze Torresstraße ist derart mit kleinen Inseln angefüllt, und die
-westlichste davon, die schon eine ziemliche Strecke draußen im indischen
-Ocean und von sehr tiefem Wasser umgeben liegt, ist Booby-island, nach den
-von den Engländern =boobies= genannten großen Seemöven so getauft.
-
-Sie besteht allerdings nur aus kahlem Felsgestein, mit immergrünen
-Rankgewächsen überwuchert, zwischen denen nur einige niedere, kaum
-sechs Fuß hohe Büsche hervorragen. Kein Baum giebt dort Schutz gegen die
-brennenden Strahlen der Sonne, keine Quelle entspringt dem dürren Boden,
-keine Frucht wächst darauf, kein Fischfang ist selbst in dem tiefen Wasser
-möglich, und da die Insel noch dazu weit ab vom festen Lande und den
-übrigen Inselgruppen liegt, so fanden weder australische Eingeborene noch
-die in der Nähe vorbeifahrenden Malayen je eine Veranlassung, dort zu
-landen und den Platz näher zu untersuchen.
-
-Englische Seefahrer hatten das aber schon längst gethan und eine besondere
-Eigenthümlichkeit dieses kleinen Eilands entdeckt, nämlich eine tief in
-den Fels hineingehende, sehr geräumige Höhle, die aber durch vorspringende
-Zacken ziemlich versteckt lag. Längst schon hatte man dabei das Bedürfniß
-gefühlt, in einer Gegend, wo Schiffbrüche gar nicht zu den Seltenheiten
-gehörten und wenigstens kein Jahr verging, daß nicht ein oder das andere
-Fahrzeug auf oder zwischen den Korallen scheiterte, irgendwo ein
-Depot anzulegen, in welchem die gerettete Mannschaft Wasser und einige
-Provisionen finden konnte.
-
-Dazu erwies sich eben dies Booby-island ganz vortrefflich, und die
-praktischen Engländer ergriffen den hier gebotenen Vortheil auch ohne
-Weiteres. In den englischen Zeitungen wurde bekannt gemacht, daß jene Insel
-für diesen Zweck benutzt werden solle, und dieselbe dem Schutz und der
-Pflege englischer Seeleute empfohlen. Vorbeilaufende Schiffe legten dann
-dort bei und schafften Fässer mit Wasser und Schiffszwieback, gesalzenes
-Fleisch, trockenes Obst und verschiedene andere Lebensmittel in die
-Höhle. Selbst eine kleine Anzahl Flaschen spirituoser Getränke wurde nicht
-vergessen, wie etwas Tabak für schiffbrüchige Seeleute. Oben auf dem Felsen
-befestigte man dann noch eine kleine Flagge und etablirte eine »Postoffice«
--- freilich ohne irgend einen Beamten oder Aufseher.
-
-Es stand dort oben nämlich ein, nur durch ein einfaches Bretterdach
-gegen den Regen geschützter Kasten -- eine der gewöhnlichen starken
-und angestrichenen Seekisten, wie sie Matrosen statt Koffer gebrauchen.
-Darinnen lag etwas Papier, Bleistifte, Oblaten, Couverte etc., und ein
-Schild daneben deklarirte den Platz als »Postoffice«, und deutete an, daß
-an der Süd-Ostseite der Insel in einer Höhle Provisionen lägen -- falls
-dort landende Schiffbrüchige sie nicht schon vorher gefunden hatten.
-
-Fahrzeuge, welche die Torresstraße, von Osten kommend, passirt hatten,
-legten nun hier bei, sandten ein Boot an Land und hinterließen in diesem
-merkwürdigen Postbureau Namen und Zeit ihrer Durchfahrt, und das nächste
-nach Sydney durchgehende Schiff fand dann den Brief, nahm ihn mit und
-brachte dadurch die Nachricht nach dem Port viel rascher, als dies auf eine
-andere Weise möglich gewesen wäre.
-
-So bestand diese Einrichtung viele lange Jahre, und noch im Jahre 58 hatte
-kein australischer Wilder den Platz betreten oder, wenn so, die ziemlich
-versteckte Höhle entdeckt. Die dort eingelegten Provisionen blieben
-wenigstens unberührt, und wenn auch einzelne der dort aufgehäuften Sachen,
-z. B. manche Fässer mit gepökeltem Fleisch in dem heißen Clima verdarben,
-so wurden sie doch immer wieder von Zeit zu Zeit durch andere frische
-ersetzt, und manche Bootsmannschaft, die sich bis hierher gerettet, segnete
-die wackeren Geber, die mitten im Ocean einen Tisch für sie gedeckt und
-ihren Hunger und Durst in einer Wüste gestillt hatten.
-
-Es war im November des Jahres 59, daß zuerst ein Canoe der Australier
-dorthin, vielleicht auf einer Entdeckungsreise kam. Möglich, daß sie
-untersuchen wollten, ob dies kleine Eiland doch vielleicht irgend eine Art
-Frucht trage -- denn auf den anderen Inseln waren die Früchte in dem Jahr
-nicht gerathen, möglich, daß sie nur Möveneier sammeln oder den Versuch
-machen wollten, in der dortigen Gegend zu fischen, kurz sie landeten, und
-ein englisches, gerade vorbeikommendes Fahrzeug sah die dunklen Gestalten
-kaum oben auf dem kahlen Felsen, als es auch näher heran hielt, einen
-seiner kleinen Böller löste und zwei Boote absandte, um die Wilden
-zu vertreiben. Es bedurfte aber der Boote nicht einmal; schon bei dem
-abgefeuerten Schuß hatten sich die erschrockenen Eingeborenen Hals über
-Kopf den Felsen hinunter geworfen, sprangen in ihr Canoe und ruderten
-in wilder Hast dem Festlande zu. Die Boote folgten ihnen wohl noch eine
-Strecke, aber das Canoe konnten sie nicht einholen; wie ein Pfeil glitt
-es über's Wasser, und da sie sich auch nicht zu weit von ihrem Schiff
-entfernen durften, kehrten sie auf die Insel zurück, um zu untersuchen, ob
-die schwarze, diebische Bande dort schon Schaden angerichtet habe.
-
-Den Kasten oben _mußten_ sie gefunden haben, denn das kleine ihn umgebende
-Mauerwerk mit dem Bretterdach darauf wie der Fahnenstange daneben -- an
-der der Wind freilich nur noch ein paar dünne verbleichte Lappen gelassen
-hatte, war zu deutlich erkennbar; aber sie konnten ihn nicht berührt haben,
-denn Alles fand sich noch in vollständiger Ordnung wie vorher, und die
-Höhle hatten sie gar nicht entdeckt.
-
-Möglicherweise daß sie den Kasten oben für irgend eine Begräbnißhütte der
-»bleichen Männer« gehalten, für irgend einen Zauber auch vielleicht, denn
-oben im Sand waren die Spuren ihrer nackten Füße überall zu erkennen, nur
-nicht unmittelbar an der »Postoffice«, die sie, wie man deutlich sehen
-konnte, scheu umkreist hatten, ohne ihr näher als zehn oder zwölf Schritte
-zu kommen.
-
-Die Höhle unten konnten sie aber keinenfalls gefunden haben, denn dort
-hätten sie sich schwerlich gescheut, zuzulangen, da sie in dieser Art sonst
-gar nicht blöde sind. Die Gefahr war deshalb noch für dießmal abgewandt und
-_dies_ Canoe kehrte sicher nicht so rasch dahin zurück -- und andere? --
-Man mußte der Sache eben ihren Lauf lassen, denn es gab keinen Schutz für
-die dort deponirten Provisionen, als eben die öde und entfernte Lage der
-Insel selber. Die Boote fuhren deßhalb noch einmal zum Schiff, brachten ein
-Faß frisches Wasser herüber und gingen dann an Bord, um noch vor Nacht
-den günstigen Wind zu benutzen und ein Stück in den indischen Ocean
-hineinzukommen. Oben in den Kasten hatte der Steuermann aber für
-nachkommende Schiffe die Notiz aufgeschrieben, daß er australische Wilde
-auf der Insel gefunden und sie davon verjagt habe. Andere Fahrzeuge wurden
-gebeten, ein wachsames Auge auf die Canoe's zu halten.
-
-Ende November und Anfang December legten dort noch vier oder fünf fremde
-Schiffe bei und notirten, daß sie Alles in Ordnung und keine Spur von
-Indianern gefunden hätten.
-
-Ende December, und die letzte günstige Zeit benutzend, von Ost nach Westen
-die Straße zu passiren, lief ein kleiner englischer Schooner gegen die
-Barrierreefs auf, als es gegen Abend tüchtig zu wehen anfing und eins der
-hier sehr häufigen und starken Gewitter von Süden herüber zog. Der Kapitän
-hoffte noch Raines Einfahrt zu erreichen, aber die Nacht brach an, ehe er
-den auf Raines Eiland errichteten hölzernen Thurm erkennen konnte. Nur die
-Brandung an den Riffen selber war deutlich sichtbar und das dumpfe Brausen
-der sich überstürzenden Wogen drang klar und deutlich herüber. Nach seiner
-Mittags genommenen Observation mußte er sich aber etwa auf der Höhe der
-Einfahrt oder wenigstens dicht davor befinden, und um nicht durch das
-Wetter zu weit nach Norden aufgetrieben zu werden, hielt er ein wenig von
-den Korallenriffen ab und legte dann bei, denn zum Ankern ist die See dort
-viel zu tief.
-
-Nicht lange dauerte es, so fegte der Sturm über das Meer, wühlte die Wogen
-auf und jagte die Kämme derselben wie dünnen Wasserstaub über die kochende
-Fläche. Blitze zischten dabei, der Donner rollte und es wurde eine
-bitterböse Nacht, so daß das kleine, außerdem leicht geladene Fahrzeug, nur
-vor seinem Vorstengenstagsegel liegend, kaum die Nase den immer wilderen
-Sturzseen entgegenhalten konnte. Gegen Mitternacht drehte sich der Wind
-nach Süd-Ost und dann fast nach Ost herum, und der Steuermann rieth
-jetzt, ernstlich abzufallen, um lieber aus ihrem Cours zu treiben, als der
-dringenden Gefahr ausgesetzt zu sein, an die Riffe geworfen zu werden; der
-Kapitän sträubte sich dagegen und da er selber von zwölf bis vier Uhr die
-Wacht hatte, bedeutete er seinem Offizier, er würde sehen wie sich das
-Wetter mache, und wenn es noch eine Stunde so anhalte, die Mannschaft an
-Deck rufen lassen.
-
-Der Sturm ließ in dieser Zeit allerdings etwas nach und der Himmel zeigte
-schon an einigen Punkten wieder Sterne, aber der Wogengang hatte sich
-indessen auch geändert und drängte das kleine, tanzende Fahrzeug mehr und
-mehr nach Lee herüber und den gefährlichen Barrier-reefs zu.
-
-Gegen zwei Uhr sprang der Steuermann an Deck; er hatte nicht schlafen
-können und das Toben der gar nicht mehr so fernen Brandung unten in seiner,
-sogar vom Lande abliegenden Coje gehört.
-
-»Kapitän, um Gottes willen, ich glaube, wir treiben auf die Riffe!«
-
-»Noch nicht, Mr. Brown, aber ich denke selber, daß es Zeit wird,
-abzufallen; der Wind hat etwas nachgelassen und wir dürfen ein wenig
-Leinwand zeigen. Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.«
-
-Die Wacht kam, schlaftrunken nach der kurzen Rast, langsam
-herausgeklettert; der Bug fuhr, dem Steuer rasch gehorchend, herum, und die
-Leute hingen eben an den Fallen, um die Gaffel des schweren Schoonersegels
-aufzuhissen, als es von Osten her mit erneuter Wuth über die See brauste.
-
-Es war »eine frische Hand am Blasbalg«, wie die Seeleute sagen, und in
-der Dunkelheit hatten sich die dort schon lange aufquellenden Wolkenmassen
-nicht erkennen lassen. Wohl versuchten jetzt trotzdem die Leute ihr
-Aeußerstes, das Segel zu setzen, aber die Flanke dem Sturm zugedreht,
-war es der überdieß schwachen Bemannung nicht möglich, mit so furchtbarer
-Gewalt legte sich riesenschwer der Wind hinein. Aufdrehen konnten sie auch
-nicht mehr dagegen, und abfallen vor dem Sturm, den Riffen gerade entgegen?
--- und doch blieb nichts Anderes übrig; der Versuch mußte wenigstens
-gemacht werden.
-
-Zu spät! »Brandung voraus!« schrie einer der Leute, der nach oben gelaufen
-war, um eins der Falle klar zu machen, und »Brandung in Lee!« tönte der
-Schreckensruf dazwischen. Die Leute ließen die Taue los, während sich der
-Sturm in dem nur etwas aufgehißten Segel fing -- der Kapitän sprang selber
-zum Rad, um den Versuch zu machen, das seinem Geschick verfallene Fahrzeug
-von der gefährlichen Küste abzudrehen -- _zu spät!_ Die Wogen hatten
-es gefaßt und jagten es mehr und mehr dem schon deutlich und unheimlich
-leuchtenden Gürtel der Brandungswellen zu; der Bug gehorchte zwar noch
-einmal dem Steuer, aber ein anderer Windstoß schlug das Segel zurück. Der
-Kapitän schrie seine Befehle über Deck, aber Niemand verstand ihn in dem
-Aufruhr der Elemente, in dem furchtbaren Toben der Brandung. --
-Willenlos setzte das Fahrzeug nach Lee zu und jetzt -- eine einzige wilde
-Brandungswoge jagte über Deck, der Schooner wurde wie von einer Riesenfaust
-emporgehoben, im nächsten Augenblick krachten Masten und Balken --
-ein dumpfer Stoß folgte, und der Steuermann, der das Gangspill in dem
-entscheidenden Moment umklammert hatte, fühlte plötzlich, daß das _Wrack_
-in ruhigem Wasser lag und dieselbe Brandungswoge, die eben noch über ihr
-Deck gestürzt, das gescheiterte Fahrzeug nicht mehr erreichen konnte.
-
-Wie es geschehen war, wer hätte es sagen können; möglich schien es, daß
-die Woge, die den Schooner zertrümmern wollte, ihn selber über eines der
-niedern Riffe hinübergehoben und dadurch, für den Augenblick wenigstens, in
-Sicherheit gebracht hatte; möglich auch daß der Kiel zufällig eine Lücke in
-den Korallen getroffen und hindurchgeschoben war. Jedenfalls saßen sie fest
-in die Riffe eingekeilt, und an ein Wiederhinauskommen in tiefes Wasser mit
-dem verkrüppelten Fahrzeug durfte nicht gedacht werden.
-
-Jetzt sammelte sich die Mannschaft auf dem etwas höher liegenden
-Quarterdeck, denn wie sich nachher zeigte, war der Bug zertrümmert und
-das Wasser schon in den innern Raum eingestürzt -- zwei Mann fehlten; die
-Brandungswelle mußte sie über Bord gewaschen haben, und dann war freilich
-an Rettung nicht zu denken; der Kapitän hatte sich, von der Fluth
-emporgehoben, noch in der einen »Want« gefangen und dort angeklammert; die
-Meisten schienen nur wie durch ein Wunder dem sicheren Verderben entgangen.
-
-Vorderhand ließ sich indessen gar Nichts thun, es war stockfinster, der
-Sturm heulte, und das einzige Licht, was einen matten Dämmerschein über
-Deck warf, kam von dem leuchtenden Kamm der Brandungswelle herüber. Den Tag
-mußten sie jedenfalls abwarten, und nur darüber suchten sie sich vorderhand
-zu vergewissern, ob sie noch der Gefahr des Sinkens ausgesetzt seien.
-Dem schien aber nicht so; das Hintertheil des Schooners saß fest auf den
-Klippen, ja sogar in einer Korallenspalte drin, denn kaum zwei Fuß
-unter dem Wasserspiegel fühlten sie mit dem ausgeworfenen Loth an der
-Starbordseite Grund, während der Top des großen umgestürzten Mastes auf
-einer hohen Sandklippe lag, so daß man dieselbe auf diesem hin recht gut
-hätte erreichen können.
-
-Erschöpft und aufgerieben warfen sich die Leute jetzt an Deck, um den nicht
-mehr so fernen Tag zu erwarten; der Wind heulte noch, der Donner rollte
-und ein prasselnder Regen schlug nieder. Was that's -- eines der Segel
-schnitten sie von dem Mast herunter, um sich dadurch nur etwas gegen den
-Regen zu schützen, und sanken dann bald in einen unruhigen, kurzen Schlaf.
-
-Und der Morgen kam endlich, schien aber keineswegs eine Erleichterung zu
-bringen, sondern ließ sie nun erst das Trostlose ihrer Lage vollständig
-übersehen.
-
-Der große Mast hatte in seinem Sturz die auf Deck befestigte Barkasse
-vollständig zerschmettert, so daß an eine Reparatur derselben nicht gedacht
-werden konnte; das ganze Hintertheil derselben war abgedrückt, und es blieb
-ihnen nur zur Rettung die kleine Kapitäns-Jölle, die hinten am Heck hing
-und sich noch glücklicherweise in brauchbarem Zustande befand -- aber wie
-diese in offenes Wasser bringen? -- Nach See zu war es ganz unmöglich, denn
-keine Lücke selbst ließ sich in der wälzenden Brandungswoge erkennen, die
-jetzt für einen Moment von den zackigen Klippen zurückwich, um im
-nächsten mit neugeschaffener Gewalt wieder darüber hinzustürzen. Nach dem
-Binnenwasser der Riffe zu lagen hingegen ganze Reihen starrer Felsen,
-hie und da von grünem, und oft von blauem, also sehr tiefem Wasser
-unterbrochen; welche Gefahren es aber barg, ließ sich noch nicht einmal
-erkennen, da es vom heftigen Winde gekräußt gehalten wurde. -- Und
-sollten sie hier an Bord bleiben? Es wäre nutzlos gewesen, denn selbst ein
-vorbeisegelndes Schiff hätte ihnen durch diese Brandung hin keine Hülfe
-bringen können; sie mußten sich selber helfen.
-
-Vor allen Dingen war es nöthig, den inneren Raum zu untersuchen, ob sie
-noch möglicherweise Provisionen: Wasser und Zwieback bekommen konnten. Der
-Koch und der Schiffsjunge -- der Stewards-Dienste versah -- wurden zu dem
-Zweck beordert, nachzusehen, während der Kapitän in seiner eigenen
-Kajüte die Schiffspapiere und sonstige Werthsachen zu bergen suchte.
-Glücklicherweise fand sich ein Korb mit Zwieback, aber von eingeschlagenem
-Seewasser ganz aufgeweicht; es war aber immer besser als Nichts. Doch
-zum Wasser konnten sie nicht kommen, denn die zwei Fässer, die an Deck
-geschnürt gelegen hatten, waren mit der Kambüse und dem ganzen Vordertheil
-durch die eine Sturzsee rein über Bord gewaschen worden. Gegen zehn Uhr
-fiel aber wieder ein kleiner Regenschauer und das eine Segel wurde jetzt
-aufgespannt, um so viel als möglich davon aufzufangen -- es genügte
-freilich noch immer nicht. Dann packte der Kapitän ein, was er an
-Blechbüchsen für den Kajütstisch oben in seiner Coje hatte, und brachte
-doch so viel zusammen, um für kurze Zeit gegen den _Hunger_ geschützt zu
-sein. Vielleicht half ihnen dann der Himmel mit einem frischen Regenschauer
-weiter.
-
-So lange der Sturm wüthete, ließ sich nichts unternehmen, obgleich sie im
-Binnenwasser keine unruhige See zu fürchten hatten. Gegen Mittag
-klärte sich aber der Himmel auf; der Wind ließ nach, und etwa vier Uhr
-Nachmittags, während die See noch da draußen unruhig wogte und bäumte,
-regte sich schon kein Lüftchen mehr und das Binnenwasser war spiegelglatt.
-
-Jetzt gingen sie an die Arbeit, um das kleine Boot flott zu machen und ihre
-Ladung wenigstens erst einmal auf die Sandbank hinüber zu schaffen. Das
-ging verhältnißmäßig rasch; auch über den Sand weg konnten die Leute das
-leichte Boot tragen und ziehen und auf der andern Seite in's Wasser lassen.
-Weit schwieriger war es aber, über die nächste Reihe von Korallenklippen
-hinüberzukommen, die mit ihren schlüpfrigen und spitzen Zacken keinen
-festen Fußhalt gestatteten, und da sie hier ihre Fracht nicht ausladen
-konnten, sahen sie sich genöthigt, eine lange Strecke daran hin zu fahren,
-bis sie endlich zu einer Stelle kamen, wo sie im Stande waren, sich
-hindurchzuzwingen.
-
-Jetzt hatten sie etwa fünfzig Schritt breit glattes Wasser und dann wieder
-einen Korallengürtel, der aber gefährlicher aussah als er war. Er bestand
-nur aus neben einander liegenden Klippen und bot zahlreiche Durchfahrten,
-und die kleine Bootsmannschaft, die aus neun Personen bestand, ruderte nun
-bei gänzlicher Windstille auf eine hohe Sandbank zu, die sie für das feste
-Land hielten. Glücklicherweise war es nur eine etwa hundert Schritt breite
-Barre, und dahinter, als der Steuermann hinauflief, um sich von oben aus
-umzusehen, entdeckte er das offene Wasser der Binnenriffe, von einzelnen
-Inseln und Sandbänken nur überstreut.
-
-Hier blieb ihnen allerdings noch eine tüchtige Arbeit, das Boot und dessen
-Ladung hinüberzuschaffen, und es war dunkle Nacht, ehe sie damit fertig
-wurden, aber dann stand ihrer weiteren Fahrt auch kein Hinderniß mehr im
-Wege. Die Nacht lagerten sie auf der Sandbank, und der nächste Morgen fand
-sie schon beim ersten Schimmer des anbrechenden Tages unterwegs, um vor
-allen Dingen erst einmal in das Fahrwasser der Schiffe zu kommen und
-die Möglichkeit zu haben, von einem oder dem anderen vorübersegelnden
-aufgenommen zu werden.
-
-Instrumente und Compaß hatte der Kapitän gerettet, und die Karte der Straße
-ebenfalls, da diese schon zum Gebrauch bereit hinter dem Spiegel in der
-oberen Kajüte stak. Außerdem fehlte ihnen aber jeder Leitfaden, denn Keiner
-der Leute war je diesen Weg gekommen. Nur der Koch wollte einmal eine Fahrt
-durch die Torresstraße gemacht haben, da er sich aber nicht um die Führung
-des Schiffes zu bekümmern brauchte, wußte er auch sehr wenig darüber
-anzugeben. Nur auf das erinnerte er sich, daß Booby-island draußen vor den
-Klippen im freien Wasser lag, und daß sie damals dort beigelegt und ein Faß
-Wasser, ein Faß Zwieback und ein halb Faß gepökeltes Schweinfleisch an Land
-geschickt hätten. Im Boot war er aber selber nicht mit gewesen und wußte
-deßhalb auch nichts über die eigentliche Beschaffenheit der Insel zu sagen.
-Seiner Aussage nach sollte es nur ein großer Felsklumpen sein, um welchen
-eine Unmasse großer schwarzer Möven herumschwärmte; das war Alles.
-Uebrigens behauptete er, ihn augenblicklich wieder zu erkennen, sobald er
-ihn nur sehen würde.
-
-Der Kapitän hatte indessen auch nicht versäumt, die Schiffs_waffen_
-mitzunehmen, da die australischen Eingeborenen in einem wohlverdienten
-schlechten Ruf standen und man gar nicht wissen konnte, in welcher Art
-man mit ihnen zusammentraf. Uebrigens gedachte er nicht, sie muthwillig
-aufzusuchen, und an eine Insel zu landen, von welcher man sich nicht vorher
-sorgfältig überzeugt hatte, daß keine Eingeborenen an Land oder wenigstens
-in unmittelbarer Nähe wären. Er hatte zu viel über ihre hinterlistige
-Schlauheit und Grausamkeit gehört, um sie nicht zu fürchten und jeden
-Zusammenstoß mit ihnen ängstlich zu vermeiden.
-
-Die Aussagen des Kochs, der als einzige Autorität in diesem Meere galt,
-dienten ebenfalls nicht dazu, ihn zuversichtlicher zu stimmen, denn
-der Bursche -- nach Art solcher Leute, die alles Gehörte entsetzlich
-übertreiben und wo möglich noch ihren Theil dazu erfinden -- wußte
-nicht genug von den Scheußlichkeiten zu berichten, mit welchen sie
-Schiffbrüchige, die in ihre Händen fielen, behandelten. Daß sie dieselben
-schließlich auffraßen, war noch das Wenigste.
-
-Zu Mittag legten sie an einer nackten Sandbank an und der Kapitän nahm hier
-erst einmal seine Observation, die ihm zeigte, daß sie sich nördlich von
-der eigentlichen Einfahrt befänden und deßhalb mehr nach Süden hinunter
-halten mußten. Sie sahen auch selber, daß dies kein Kanal für größere
-Schiffe sein konnte, denn mehrmals hatten sie Plätze passirt, in denen sie
-die Korallen so dicht und deutlich unter sich erkannten, daß man glauben
-mußte, man könne sie mit der Hand ergreifen. Allerdings waren da noch immer
-zwei bis drei Faden Wasser, aber oft trafen sie auch Klippen, die bis unter
-die Oberfläche reichten und zwischen denen sie sich selbst mit dem schmalen
-Boot kaum hindurchwinden konnten.
-
-Erst gegen Abend erreichten sie eine der wirklichen Passagen und blieben
-die Nacht auf einer kleinen, nur mit niederen Büschen bewachsenen Insel, wo
-sie wenigstens nichts von feindlichen Indianerstämmen zu fürchten hatten --
-aber kein Regen fiel und ihr spärlicher Wasservorrath ging zu Ende.
-
-Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch ruderten sie weiter und setzten auch
-das mitgenommene Segel, aber die Brise war sehr schwach und trieb sie,
-allerdings mit günstiger Strömung, nur langsam vorwärts. Wieder kamen sie
-aber hier, irregeführt durch die verschiedenen Inseln und Sandbänke,
-in einen falschen Kanal und erreichten erst lange nach Dunkelwerden die
-größere Insel Mount Adolphus, wo sie wenigstens Wasser zu finden hofften,
-denn das vom Regen aufgefangene war in der glühenden Hitze vollständig
-ausgetrunken.
-
-Allerdings befinden sich dort dicht am Ufer in dem einen Felsen ein paar
-kleine Süßwasserquellen, wie sie aber den Platz erreichten, war hohe Fluth,
-und weiter in das Land wagten sie sich nicht hinein, da sie in den schmalen
-Thälern in einen Hinterhalt zu fallen fürchteten.
-
-Einige Früchte hatten sie allerdings auf mehreren der kleinen
-Zwischeninseln aufgelesen, auch Eier gefunden, welche die Möven in den
-heißen Sand legen, um sie dort von der Sonne ausbrüten zu lassen -- sonst
-nichts. Tauben, eine weiße prächtige Art mit dunkelbrauner Abzeichnung,
-sahen sie genug und schossen auch ein paar Mal danach, aber ohne irgend
-welchen Erfolg, denn ihre Munition bestand nur in Rehposten, nicht in
-Schroth, und die alten Musketen schossen nicht so sicher, daß sie einen
-so kleinen Gegenstand wie eine Taube damit aus den hohen Bäumen hätten
-herausholen können.
-
-Auf Mount Adolphus, wo sie aber nur beilegten und sich nicht einmal
-getrauten das Boot zu verlassen, blieben sie aber wieder nur auf den Rest
-ihrer mitgenommenen Vorräthe angewiesen, und ihre einzige Hoffnung lag
-jetzt darin, jenes Booby-island zu erreichen und von den dort befindlichen
-Provisionen so lange zu zehren, bis sie eben ein durch die Torresstraße
-kommendes Schiff anrufen und mit diesem Batavia oder Singapore erreichen
-konnten.
-
-Der Kapitän wußte übrigens von hier aus, da er die genaue Beschreibung und
-sogar Zeichnung der Conturen dieser Insel auf der Karte fand, genau die
-Richtung, die sie zu nehmen hatten. Schon um vier Uhr Morgens setzten sie
-auch mit einer günstigen Brise in dem hier ziemlich breiten Kanal aus, und
-Nachmittags um vier Uhr endlich, von brennendem Durst fast zur Verzweiflung
-getrieben, sichteten sie gerade im Westen den einzelnen Felsen im Meer, der
-nach jeder Berechnung das angegebene Booby-island sein mußte.
-
-Der Koch wollte freilich nichts davon wissen; er behauptete, Booby-island
-sei ein ganz spitzer kleiner Felskegel, und das hier lag breit und flach
-auf dem Wasser; der Kapitän ließ sich aber nicht irre machen, denn seiner
-Karte und Berechnung nach stimmte es und er hielt gerade darauf zu.
-
-Die Leute selber hatten sich bis jetzt ziemlich gut gehalten, nur der
-Zimmermann, der aber auch auf dem Fahrzeug Matrosendienste versah, jammerte
-und klagte über Durst und schöpfte mit der Hand das Seewasser, um seine
-Lippen zu kühlen. Damit machte er freilich das Uebel nur noch ärger, denn
-wenn es auch für den kurzen Augenblick etwas Erfrischendes haben mochte,
-der salzige Geschmack hintennach reizte und trocknete nur um so viel mehr,
-und er wimmerte leise vor sich hin.
-
-»Geduld, Mann, Geduld,« sagte der Steuermann zu ihm, indem er ihn auf die
-Schulter klopfte, »da vorn liegt Wasser; in zwei oder drei Stunden können
-wir dort sein, und so lange werdet Ihr's doch bei Gott wohl aushalten.
-Schämt Euch doch vor dem Jungen, denn der hat noch nicht einmal geklagt.«
-
-»Was weiß auch so ein Junge von Durst, Steuermann,« sagte der Angeredete
-mürrisch, »der kommt erst mit den Jahren. S'ist gerade so, als ob mir die
-Zunge im Hals springen und bersten müßte -- und wer weiß denn, ob auch nur
-ein Tropfen Wasser auf dem blutigen Felsen zu finden ist. Kahl genug sieht
-er aus.«
-
-»Darüber tröstet Euch, Zimmermann,« sagte der Kapitän. »=The Yorkshire
-lady=«, die vierzehn Tage vor uns ausgesegelt ist, hat dort angelegt und
-von Sydney besonders Wasser und Zwieback für den Zweck mitgenommen, um es
-dort zu lassen. Finden wir aber nicht genug, um eine Zeitlang liegen zu
-bleiben, nun so nehmen wir, was wir für den nächsten Tag brauchen, und
-laufen damit zu einer der Inseln im indischen Archipel hinauf. So weit ist
-die Fahrt ja nicht, und hohe See haben wir dort auch nicht zu fürchten.«
-
-»Geb's Gott,« sagte der Zimmermann resignirt, und von jetzt ab wurde kein
-Wort weiter gesprochen, während sich die Leute nur schärfer in ihre Ruder
-legten, um den verheißenen Platz desto rascher zu erreichen.
-
-Die Brise wurde lebhafter, sie konnten das Segel setzen, die Strömung half
-ebenfalls nach und das Boot glitt verhältnißmäßig rasch über das glatte
-Wasser seinem Ziel entgegen. Die ersehnte Insel, die bis jetzt nur wie ein
-kurzer Streifen auf dem Horizont gelegen und dadurch weit entfernter
-schien als sie wirklich lag, hob sich mehr und mehr, bis sie die Form eines
-Topfkuchens annahm und man jetzt deutlich schon den Fuß derselben, gegen
-den die Strömung wusch, erkennen konnte.
-
-Die Brise, die hier mehr stoßweise kam, lullte nach einiger Zeit wieder
-ein, und vier von den Leuten hatten deßhalb die Ruder wieder aufgegriffen,
-die Uebrigen lagen, so gut es eben ging, ausgestreckt im kleinen Boot,
-und nur der Kapitän saß, das Gesicht dem Lande zugedreht, am Tiller und
-betrachtete sich das nicht mehr so ferne Eiland. Plötzlich richtete er sich
-etwas empor und schützte die Augen mit der flachen Hand gegen die schon
-im Westen stehende Sonne, die ihn auch überdieß durch das Blitzen auf
-dem Wasser blendete; dann ohne ein Wort zu sagen, nahm er das neben ihm
-liegende Telescop auf und hob es an's Auge. Kaum aber hatte er einen Blick
-hindurch geworfen, als er wirklich erschreckt ausrief:
-
-»=Damnation!= Die Schwarzen haben Booby-island besetzt!«
-
-»Was?« schrie der Zimmermann voller Entsetzen -- »oh du grundgütiger Himmel
--- dann sind wir verloren.«
-
-»Verloren?« brummte der Steuermann, mit einem wilden Fluch durch die
-Lippen, »hat sich was von verloren -- Wie viele sind's, Kapitän?«
-
-»Der Strand schwärmt von ihnen, und oben drauf tanzt auch etwa ein Dutzend
-herum -- aber ich sehe keine Canoe's.«
-
-»Die liegen jedenfalls hinter der Insel in ruhigem Wasser. Also haben die
-schwarzen Bestien den Platz endlich richtig gefunden!«
-
-»Und was nun?« sagte der Kapitän.
-
-»Was nun? Ei, wir müssen ihn wieder erobern.«
-
-»Gegen den Schwarm?«
-
-»Geben Sie mir einmal das Glas, Kapitän, daß ich einen Ueberblick kriege
--- immer zu, Jungen, laßt die Ruder nicht schleppen, hier können wir doch
-nicht liegen bleiben.«
-
-»Wenn wir landen, fressen sie uns mit Haut und Haar!« klagte der Koch, der
-sich bestürzt emporgerichtet hatte und nach dem jetzt gefürchteten Land
-hinüberstarrte.
-
-»Was fressen,« knurrte der Steuermann ärgerlich, während er durch das Glas
-sah -- »erst müssen sie uns haben. Alle Wetter! es ist eine hübsche Portion
-und wir sind auch jedenfalls schon bemerkt worden, denn wie die Ameisen
-klettern sie da an den lichten Felsen in die Höh'. Jungens, Jungens, und
-wie werden sie den Vorräthen mitgespielt haben!«
-
-»Wie viele sind's, Steuermann?«
-
-»Ich zähle siebenundzwanzig, groß und klein,« erwiderte dieser, »aber da
-links heraus kommen noch mehr aus dem Felsen, das ist jedenfalls die
-Höhle -- da sind noch drei, vier, fünf, sechs, sieben -- es ist ein ganzer
-Schwarm, und wir werden Teufelsarbeit bekommen.«
-
-»Wie viel Gewehre haben wir eigentlich im Boot?« frug der Kapitän, nachdem
-er selber das Glas genommen und durchgeschaut; sie waren der Insel aber
-indessen so nahe gekommen, daß sie die schwarzen nackten Gestalten schon
-mit bloßen Augen erkennen konnten.
-
-»Es sollen sechs sein,« sagte der Steuermann, »aber an dem einen ist der
-Hahn abgebrochen -- und dann Ihre Doppelflinte.«
-
-»Und Pistolen?«
-
-»Vier; aber noch ein halb Dutzend Lanzen.«
-
-»So nahe dürfen wir den Halunken nicht kommen,« sagte der Kapitän
-kopfschüttelnd, »daß wir die gebrauchen könnten, sonst spicken sie _uns_
-mit ihren verdammten Wurfspeeren, mit denen sie vortrefflich umzugehen
-wissen.«
-
-»Wenn wir aber zu kanoniren anfangen,« sagte der Steuermann trocken, »und
-mit den alten, von Rost halbzerfressenen Schießprügeln nichts treffen, so
-machen wir sie erst recht übermüthig, und wer dann unverrichteter Sache
-abziehen muß, sind wir.«
-
-»Den ersten Schuß,« rief der Kapitän, »müssen wir jedenfalls über ihre
-Köpfe feuern, denn ich möchte die armen Teufel nicht todtschießen, wenn ich
-es irgend umgehen kann. Ich denke aber auch, das wird genügend sein, denn
-wenn sie nur den Knall eines Gewehres _hören_, laufen sie schon was
-sie laufen können. Schußwaffen fürchten sie mehr als ihren sogenannten
-Devil-Devil.«
-
-»Ich will's wünschen,« brummte der Mate oder Steuermann, »ich habe nur
-so eine Ahnung, daß ihnen unser kleines Boot keinen besondern Respekt
-einflößen wird. Ja wenn wir mit dem Schooner angesegelt kämen und einen
-der kleinen Böller hätten lösen können, dann wär's vielleicht 'was Anderes,
-denn die machen mehr Spektakel, und so ein Schuß klingt als ob er von allen
-Seiten auf einmal käme.«
-
-Es wurde jetzt kein Wort weiter gesprochen, denn das Boot näherte sich
-rasch dem Lande, und die gerettete Mannschaft nahm zu viel Interesse an
-dem, was sie dort erwartete, um sich nicht selber durch den Augenschein von
-der Zahl der Feinde zu überzeugen. Selbst die Rudernden drehten die Köpfe
-über die Schulter zurück, und deutlich konnte man auch jetzt den Schwarm
-erkennen, der mit wildem Jauchzen auf der Insel herumsprang, während
-eine Anzahl von ihnen grüne Zweige von den Büschen brach und damit
-hinüberwinkte. Fast Alle aber, wie der Kapitän deutlich durch sein Glas
-erkennen konnte, trugen ihre Lanzen in den Händen, und legten sie erst
-zwischen den Steinen nieder, als sie vielleicht glaubten, daß man sie vom
-Boot aus mit bloßen Augen erkennen könne.
-
-»Ach Kapitän,« sagte der Zimmermann, »die thun uns ja nichts, die schwingen
-grüne Büsche; das ist immer ein Zeichen bei den wilden Hallunken, daß sie's
-gut meinen -- Einen Tropfen Wasser geben sie uns gewiß.«
-
-»Ja trau' Du denen,« knurrte der Koch -- »mit denselben Zweigen braten sie
-Dich nachher.«
-
-Dem Kapitän gefiel übrigens das Winken mit den Zweigen auch nicht. Durch
-sein gutes Glas sah er deutlich, wie eine Anzahl der Schwarzen, die
-wieder zum Strand hinabgeklettert waren, ihre Lanzen in eine Vertiefung
--- wahrscheinlich den Rand der Höhle -- stellten, aber dicht dabei stehen
-blieben und dann aus Leibeskräften mit den grünen Büschen wehten, als ein
-Zeichen, daß das Boot dort landen solle. Er änderte seinen Cours nicht,
-sondern hielt vielmehr noch etwas nach rechts hinüber, um die nördliche
-Spitze der Insel anzulaufen, und die Wilden, wie er deutlich erkennen
-konnte, griffen jetzt ihre Waffen wieder auf und verschwanden hinter der
-Insel, um vorn nicht damit gesehen zu werden.
-
-Das Alles deutete auf Hinterlist, und daß die Eingeborenen dieser Küsten
-Alles daran setzen, um in den Besitz eines guten europäischen Bootes zu
-kommen, wußte er schon zur Genüge aus den Erzählungen anderer Kapitäne.
-Geld hat für sie nicht den geringsten Werth. Kleidungsstücke beachten
-sie nicht, und selbst von Eisenwerk können sie nichts gebrauchen, als
-vielleicht ein Beil oder Messer, da ihre Lanzen aus den harten und schweren
-Hölzern bestehen, welche ihnen die Wildniß in Masse liefert, aber ein
-sicheres Boot war für sie von unschätzbarem Werth, denn damit konnten sie
-das Meer in jeder Jahreszeit befahren, und daß sie _kein_ Mittel scheuen
-würden, um sich in den Besitz eines solchen zu setzen, ließ sich denken.
-
-Wie viel Wilde befanden sich aber überhaupt auf der Insel und hatten sie
-auch schon Alle gesehen? -- wohl schwerlich, denn von dem Augenblick an, wo
-sie nahe genug gekommen, um die Eingeborenen mit bloßen Augen zu erkennen,
-waren höchstens noch acht oder zehn sichtbar, die sich aber dafür durch das
-Schwingen von grünen Büschen um so bemerkbarer zu machen suchten. Wo waren
-die Anderen? Jedenfalls irgendwo hinter den Steinen oder in der Höhle
-versteckt, und hatten sie wirklich friedliche Absichten, so würden sie sich
-ungescheut gezeigt haben -- daß _ihnen_ die Weißen nichts nehmen konnten,
-wußten sie ohnedieß. Das Wichtigste also war: einen ungefähren Ueberblick
-über ihre Zahl zu bekommen, und das konnte nur dadurch geschehen, daß sie
-in Sicht der Canoe's kamen. Die Insel war auch gar nicht so groß, um das
-nicht leicht zu bewerkstelligen, und der Kapitän, der auf die Nordspitze
-zugesteuert hatte, änderte plötzlich seinen Cours, hielt wieder vom Ufer
-etwas ab und ruderte nun, seine Distance vom Land auf ungefähr hundert
-Schritte haltend, um das kleine Eiland herum zur Westküste, wo er
-allerdings einen ganzen Trupp nackter schwarzer Gestalten überraschte, die
-nicht schnell genug den kahlen Hang hinan kommen konnten und sich nun, so
-gut das gehen mochte, hinter Korallenbänken und Steinen niederkauerten.
-
-Außerdem entdeckten die Seeleute hier auch eine kleine Flotte von elf
-Canoe's, die nebeneinander auf den Sand gezogen waren, und stärker an
-Mannschaft wäre es ihnen jetzt ein Leichtes gewesen, die schwarzen Diebe
-festzuhalten und zu züchtigen. Aber sie durften ihnen nicht das einzige
-Mittel, sich zu entfernen, selber abschneiden, denn an Zahl waren sie
-ihnen doch zu weit überlegen und das Schlimmste von Allem, nur Wenige
-der Seeleute wußten wirklich mit Feuerwaffen umzugehen, und verstanden
-besonders nicht, ein einmal abgeschossenes Gewehr auch rasch und ruhig
-wieder zu laden.
-
-Der Kapitän behielt aber indessen seinen Cours bei; er wußte jetzt genau,
-daß er es mit einer verrätherischen Bande zu thun hatte, und war nicht
-gewillt, dieser auch nur den geringsten Vortheil über sich einzuräumen. Das
-Boot glitt dabei, immer noch in der sicheren Entfernung, um die Insel hinum
-der Südküste zu, wo sie die wieder überraschten, die vorher an der Höhle
-Posto gefaßt hatten.
-
-»Sind die Gewehre alle geladen?« frug er ruhig.
-
-»Ja, Sir,« sagte der Steuermann.
-
-»Setzt frische Zündhütchen auf; die alten könnten die Nacht über feucht
-geworden sein.«
-
-Das geschah lautlos.
-
-»Wollen wir hier landen, Kapitän?« frug der Steuermann; »ich glaube es wäre
-besser, wenn wir das so dicht als möglich bei der Höhle thäten.«
-
-»Sie haben Recht, Mr. Brown,« nickte ihm sein Vorgesetzter zu, »wir müssen
-ihnen Gelegenheit zur Flucht geben, sonst wehren sie sich um ihr Leben --
-Alle Teufel, was ist das da oben?« Er deutete zugleich mit dem Arm hinauf,
-und seine Leute erkannten dort auf einer eben in Sicht kommenden Felsspitze
-eine allerdings wunderliche Gestalt, die sich von den Uebrigen wesentlich
-unterschied.
-
-Alle anderen Indianer waren vollkommen nackt und trugen nicht einmal, wie
-doch die meisten wilden Stämme, einen Schurz um die Lenden. Der da oben
-aber -- oder war es ein Frauenzimmer? hatte einen weißen, wehenden Talar
-an, der in der Sonne schimmerte und bis über die Kniee hinabreichte; nur
-die Arme schauten nackt daraus hervor. Dort wo er stand, als man ihn
-zuerst entdeckte, war er auch durch den höheren und mit Büschen bewachsenen
-Hügelrücken gegen den jetzt wieder frischer wehenden Wind geschützt
-gewesen. Nun aber, als er sich bemerkt sah, sprang er die wenigen Schritte
-hinauf und stand im nächsten Augenblick in der Brise, und das Zeug, was er
-anhatte, knitterte und knatterte dabei.
-
-»Gott straf' mich, das ist Papier!« rief der Steuermann aus, und in
-demselben Augenblick riß sich ein Stück der Kleidung los und flatterte, ehe
-es der danach greifende Wilde erhaschen konnte, aus in See, nach dem Boot
-hinüber, von dem es nicht weit entfernt auf das Wasser niederfiel.
-
-Es war in der That ein Bogen weißes Schreibpapier, und jetzt kein Zweifel
-mehr, daß die Eingeborenen dort oben die Postoffice gefunden und geplündert
-hatten; welche Verwendung sie für das Papier fanden, zeigte sich dabei. Die
-Umfahrt um die Insel hatte den Seeleuten die Versicherung gegeben, daß sie
-es hier mit einer großen Anzahl gutbewaffneter Schwarzen zu thun bekämen,
-und wären sie nur wenigstens mit Wasser versorgt gewesen, so würde der
-Kapitän kaum daran gedacht haben, einen so ungleichen Kampf zu wagen.
-Mußten sie doch sogar jedes Handgemenge auf festem Land vermeiden, blieben
-immer noch der Gefahr ausgesetzt, daß die Wilden, erst einmal gereizt
-und zur Rache angetrieben, vielleicht sogar mit ihren Canoe's einen
-verzweifelten Angriff auf ihr Boot machten.
-
-Aber was blieb ihnen Anderes übrig? Zurück gegen Wind und Strömung nach
-Mount Adolphus _konnten_ sie nicht wieder, noch dazu, da sie im Inneren
-jener Insel vielleicht gerade so gut auf Eingeborene trafen und dann erst
-recht, bei Theilung der Mannschaft, ihr Boot und sich selber in Gefahr
-brachten; Wasser aber _mußten_ sie haben, und das war hier noch zu
-bekommen, dort draußen im Westen lag dagegen eine weite See vor ihnen, die
-sie ohne dies nöthige Lebensbedürfniß nicht durchschiffen konnten, also
-blieb ihnen schon nichts weiter übrig, als sich ihren Weg zu erzwingen, im
-schlimmsten Fall mit Waffengewalt, und wenn die Schwarzen dabei zu Schaden
-kamen, hatten sie es sich selber zuzuschreiben.
-
-Das Boot umruderte indessen das Südwestende der Insel und näherte sich der
-Südost-Ecke, wo, wie der Kapitän von anderen Collegen erfahren, die Höhle
-liegen sollte. Dort standen auch immer noch Eingeborene und winkten wieder,
-als das Boot in Sicht kam, mit den abgebrochenen Büschen.
-
-»Wenn wir's nun einmal versuchten, Kapitän,« sagte da der Steuermann, »ob
-sie uns im Guten in die Höhle ließen? Der Eingang muß dicht am Wasser sein,
-und wir könnten ihn mit unseren Musketen recht gut frei halten.«
-
-»Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Brown,« meinte aber der Kapitän; »die
-Möglichkeit ist allerdings da, daß wir _hinein_ kommen, aber schwerlich
-wieder heraus, denn die Kanaillen spielen da drin Versteckens.
-Auf Freundschaft ist mit ihnen nicht zu rechnen, und ich will die
-Verantwortlichkeit nicht auf mich laden, auch nur zwei von Euch an ein
-Experiment gewagt zu haben. Halten Sie Ihre Gewehre bereit; wissen die
-Leute, welche sie halten, auch ordentlich mit denselben umzugehen?«
-
-»Die Meisten, Sir -- mit einer Pistole verstehen sie es besser.«
-
-»Die Pistolen helfen uns nichts,« sagte der Kapitän trocken, »und sind in
-dem engen Boot hier gefährlicher für uns selbst, als für die Schwarzen --
-ha, dort ist die Höhle -- sehen Sie den dunklen Strich im Felsen?« -- Er
-hatte sein Telescop wieder aufgenommen und sah hindurch.
-
-»Ist das der Platz, Sir?«
-
-»Ja -- ich kann dort im Inneren schon aufgeschichtete Fässer erkennen. Sie
-wissen doch zu schießen?«
-
-»Ay, ay Sir!«
-
-»Gut, dann seien Sie so gut und halten Sie einmal, wenn wir noch ein klein
-Stück voraus sind und den Eingang breit haben, mitten in die Höhle hinein
--- aber hoch -- verwunden Sie noch keinen; möglich doch, daß wir sie mit
-einem einzelnen Schuß in die Flucht treiben.«
-
-Der Steuermann nahm sein Gewehr an den Backen und zielte mitten in die
-Höhle hinein -- jetzt waren sie gerad vor dem Eingang, etwa noch hundert
-Schritte vom Land entfernt.
-
-»Feuer!« rief der Kapitän, und in dem Moment krachte auch der Schuß, dessen
-Echo sich wohl in der gewölbten Höhlung noch tüchtig brechen mochte, denn
-mit Blitzesschnelle sprangen plötzlich zehn oder zwölf schwarze Gestalten,
-ihre Lanzen und Midlas[1] in den Händen, aus dem dunklen Grund der Höhle
-hervor und kletterten wie Katzen an den Felsen hinauf nach oben. An
-Widerstand schienen sie in der That nicht zu denken.
-
- [1]: Die Midla ist ein kurzer, etwa dritthalb Fuß langer Hebel, der mit
- einem kleinen Widerhaken versehen hinten in die Wurflanze eingreift
- und sie beim Schleudern mit vermehrter Kraft vorwärts treibt. Mit Hülfe
- dieser Midla ist der australischen Wilde im Stande, seinen einfach
- hölzernen Speer auf sechzig bis achtzig Schritte -- ja vielleicht
- noch etwas weiter -- mit großer Sicherheit zu werfen, so daß er selbst
- kleineres Wild, wie die Känguru-Ratte, damit trifft und tödtet.
-
-»Aha,« lachte der Steuermann, der von der alten Muskete einen Stoß bekam,
-daß er beinah hinten übergestürzt wäre -- »das hat richtig geholfen; die
-haben wir hinausgeräuchert, und meinen Hals wollt' ich darauf verwetten,
-daß keine von den Canaillen mehr da drinnen steckt. Was nun, Kapitän? Ich
-denke, die Luft ist rein, und ich dächte, das Beste wäre, wir benutzten den
-ersten Schreck und räumten was wir brauchen aus, indeß Sie uns hier mit ein
-paar von den Leuten die Luft rein halten.«
-
-»Ich denke auch, Mr. Brown,« sagte der Kapitän, der seinem Steuermann
-indessen das Gewehr abgenommen hatte und rasch wieder mit einer Patrone lud
--- »Nehmen Sie sich drei Mann mit -- wieder zu euern Rudern, meine Jungens,
-und nun scharf an Land -- und sehen Sie besonders zu, daß Sie ein Faß mit
-Wasser finden -- Zwieback soll genug dort liegen, packen Sie auf was Sie
-fortbringen können, der Junge soll Sie mit dem Provisionskorb begleiten --
-aber um Ihr Leben, halten Sie sich nicht länger auf als nöthig ist. Daß Sie
-indessen Keiner da drinnen stört, dafür wollen wir schon mit den Gewehren
-sorgen.«
-
-»Also ganz ohne Waffen --«
-
-»Jeder von euch nimmt eine Lanze mit -- drinnen könnt Ihr vielleicht das
-Faß gleich auf die Schäfte legen und damit herauslaufen -- aber daß ihr
-kein _faules_ Wasser bringt, denn einzelne sollen schon viele Jahre dorten
-liegen.«
-
-»Aber wer zum Henker kann sie erst lange untersuchen,« meinte der
-Steuermann verlegen, »denn flink muß die Geschichte gehen, sonst ist's
-gefehlt, und wenn sie die schwarzen Halunken zerschlagen haben, sind wir
-ganz verloren, denn was wissen die Bestien davon, wie man mit einem Faß
-umgehen muß.«
-
-»Lange können sie noch nicht da sein,« entgegnete der Kapitän, der die
-Natur dieser wilden Stämme besser kannte als sein weit jüngerer Steuermann,
-»sonst hätten sie die Canoe's schon beladen und wären fortgerudert. Daß
-sie sich hier vor unseren Schiffen nicht sicher fühlen, ist gewiß, und das
-beweist auch, wie treffliche Wacht sie gehalten haben müssen, denn unser
-kleines Boot war ja kaum in Sicht, als sie es augenscheinlich schon bemerkt
-hatten. Aber da sind wir -- jetzt an's Werk, das Reden hilft nichts -- ehe
-sie nur wissen, was wir eigentlich wollen, müssen wir's haben. Vorwärts,
-Steuermann -- Ihr, Bill, Ned und John, eure Lanzen -- das ist recht, mein
-Junge, den Korb packst du voll Zwieback -- liegt ein Faß bei der Hand, so
-rollt's nur gleich hier herunter: wenn's auch an den Steinen zerbricht,
-werfen wir in's Boot, was wir brauchen. Vorwärts!«
-
-Die Seeleute bedurften keiner weiteren Mahnung, denn jeder Einzelne von
-ihnen begriff recht gut, was von ihm verlangt wurde, während an der raschen
-Ausführung desselben sein eigenes Leben hing. Von den Wilden schienen sie
-in der That nichts weiter zu fürchten zu haben, und es war fast, als ob
-der eine, blind gefeuerte Schuß vollkommen genügt habe, sie zu Paaren zu
-treiben. Nur einzelne schwarze Köpfe schauten noch vorsichtig einen Moment
-über die Felsen nieder und verschwanden eben so rasch wie sie gekommen.
-Hatten sie sich in ihre Canoe's geflüchtet und die Insel bei Annäherung der
-gefürchteten Weißen verlassen? -- Alle freilich noch nicht, denn Einzelne
-kamen immer dann und wann wieder zum Vorschein. Aber es blieb jetzt keine
-Zeit, nach ihnen auszusehen, denn wie nur der scharfe, eisenbeschlagene Bug
-des Bootes den Korallensand berührte, sprangen die bezeichneten Seeleute,
-lauter kräftige Burschen und jeder seine Lanze fest in der Hand gepackt,
-hinaus an Land und waren auch mit wenigen Sätzen in der Höhle verschwunden.
-Die Zurückgebliebenen aber, jeder seine Muskete im Anschlag, behielten mit
-ängstlicher Spannung die benachbarten Felsen im Auge, ob nicht von dort aus
-ein versteckter Feind seine Speere auf sie hinabschleudern könnte, und kein
-Wort wurde mehr gesprochen.
-
-»Da kommen sie!« schrie plötzlich des Kochs ängstliche Stimme; und als der
-Kapitän, der bis dahin eine oben in den Büschen lauernde Gestalt im Auge
-behalten, rasch den Kopf ihm zuwandte, sah er nach rechts hinüber vier oder
-fünf Canoe's um die Inselspitze kommen, und fast zu gleicher Zeit drückte
-der feige Bursche auch sein Gewehr blind in die Luft hinein ab.
-
-»Holzkopf!« schrie der Kapitän und riß ihm die Muskete aus der Hand, »wenn
-ich wüßte, daß sie _Dich_ brieten, wollte ich ihnen selber ein Feuer dazu
-anzünden.«
-
-»Oh bester Kapitän,« jammerte der Mann, »es ging mir ja von selber los!«
-
-»Ruhe da und aufgepaßt!« rief aber der alte Seemann, indem er das Gewehr
-rasch wieder lud. Er sah dabei, wie die Rudernden einen Moment innegehalten
-hatten, als ob sie selber erst sehen wollten, ob der Schuß einen von ihnen
-getroffen. Jetzt stießen sie plötzlich ein wildes Jubelgeschrei aus, und
-fast zu gleicher Zeit rief auch der Zimmermann:
-
-»Habt Acht, bester Kapitän -- von drüben herüber kommen sie auch. Jetzt
-haben sie uns fest.«
-
-In demselben Augenblick schien es aber, als ob die Felsen selber belebt
-würden. Unmittelbar über der Höhle konnte allerdings Keiner niederklettern,
-denn die Steine ragten dort schroff und steil empor; aber rechts und links
-davon sprangen sie herab, und sechs, acht Speere wurden zu gleicher Zeit in
-das Boot hinabgeschleudert, von denen einer dem Kapitän den Hut vom Kopfe
-riß, während ein anderer dem Koch durch den Arm fuhr und diesen laut
-aufheulen machte.
-
-Kapitän Powel warf den Blick umher, und dem Koch erst einmal mit dem Kolben
-seines Gewehrs einen Stoß in den Nacken gebend, der ihn vornüber sandte,
-rief er dem Zimmermann zu:
-
-»Jetzt dürfen wir nicht mehr schonen -- haltet in den dicksten Klumpen
-hinein, sobald sie näher kommen. In den schwanken Canoe's können sie
-mit ihren Lanzen doch nicht ordentlich treffen -- Du, Peter, nimmst die
-Anderen, ziel' ruhig, Mann -- wenn Du fehlst, sind wir verloren.«
-Zu gleicher Zeit hatte er sein eigenes, mit groben Posten geladenes
-Doppelgewehr angelegt und einen riesigen Schwarzen, der an der Höhle
-niederglitt, auf's Korn nehmend, feuerte er ihm den Schuß gerade in den
-Leib, daß er wie ein Sack herunterstürzte. Aber er sah nicht einmal nach
-ihm hin, denn die Feinde links nahmen seine Aufmerksamkeit ebensogut in
-Anspruch, während jetzt von den beiden Seeleuten ein eben so wirksamer,
-aber noch viel mehr Schaden anrichtender Schuß in die Canoe's hinein
-gefeuert wurde. Die Rehposten gingen in der größeren Entfernung mehr
-auseinander, und der Zimmermann besonders schien so gut gezielt zu haben,
-daß sich die fünf Canoe's nicht gleich weiter wagten oder auch vielleicht
-von den Verwundeten behindert wurden.
-
-Zwei von den anderen dagegen kamen, so rasch sie die Fahrzeuge vorwärts
-treiben konnten, an, und alle trugen aus dem eisenharten Holz der äußeren
-Palmenrinde gefertigte Ruder. Diese aber, schwer und an den Kanten
-scharf geschnitten, können ebensogut als Keule dienen und sind dann eine
-furchtbare Waffe in der Hand eines starken Mannes.
-
-»Noch einen Schuß, Zimmermann,« rief der Kapitän, während er in aller Hast
-sein eigenes Doppelgewehr wieder lud, »nehmt die geladene Muskete da neben
-Euch, aber zielt gut -- der erste war vortrefflich.«
-
-Wieder der Knall über das Wasser und dießmal hatte der Matrose nur das
-erste Boot voll auf's Korn genommen, in dem er aber eine arge Verwüstung
-anrichtete. Zwei der nach links überschlagenden Schwarzen drückten es sogar
-auf der Seite unter Wasser und es füllte. Wohl kamen die anderen Canoe's
-jetzt auch in vollem Lauf wieder näher, aber sie hatten ihre richtige Zeit
-versäumt. Kapitän Powel feuerte zuerst eine Ladung Rehposten zwischen einen
-Trupp hinein, der sich wieder an den Felsen zeigte, und schickte dann die
-andere Ladung mitten in die Canoe's, die jetzt dicht neben dem Boot an's
-Ufer liefen und wahrscheinlich einen Angriff zu Land versuchen wollten,
-da sie in den schwanken Fahrzeugen _ihre_ Waffen nicht gebrauchen konnten.
-Kaum aber schoß der hohe Bug des ersten auf den Sand hinauf, als der
-Steuermann mit seinen drei Matrosen, die auf den Augenblick nur schienen
-gewartet zu haben, aus der Höhle sprangen und jetzt ihrerseits mit den
-Lanzen auf die Feinde einstürmten. Der Angriff kam aber zu plötzlich und
-aus zu unmittelbarer Nähe, und ohne sich nur zu besinnen sprang die ganze
-Mannschaft der Canoe's über Bord und tauchte unter. Wie durch Zauberei
-waren sie verschwunden.
-
-In dem Moment schien es fast, als ob sämmtliche Schwarze von der Insel
-verschwunden wären; aber der Kapitän traute ihnen nicht und benutzte die
-ihm vergönnte kurze Zeit, um rasch die abgeschossenen Gewehre wieder zu
-laden, während die Seeleute indessen in aller Hast das schon bis an den
-Eingang gewälzte Faß Wasser jetzt aufhoben und heraustrugen. Allem Anschein
-nach war es das letzt hierhergeschaffte, denn es trug den Brand der
-=Yorkshire lady=. Auch der Junge war nicht müssig gewesen und mit einem
-gehäuften Korb von Zwieback angekommen, den er ohne Weiteres in's Boot
-schüttete und dann zurück in die Höhle sprang, um noch eine zweite Ladung
-zu holen. Den Zwieback mußten die Wilden nämlich zuerst entdeckt haben,
-denn das eine große Faß war auseinandergebrochen und der Inhalt über den
-ganzen Boden der Höhle zerstreut.
-
-Ihr Boot wurde übrigens durch den neuen Proviant, besonders durch das
-Faß Wasser bedenklich tief geladen. In der Straße selber wäre das bei dem
-spiegelglatten Wasser gegangen, jetzt aber, wo sie in den indischen
-Ocean einlaufen wollten, mußten sie wenigstens darauf vorbereitet sein,
-unruhigere See zu bekommen -- aber der Steuermann wußte Rath.
-
-»Schafft das Canoe herbei, Jungens!« rief er, einen Blick umherwerfend,
-»das nehmen wir in's Schlepptau, bis wir draußen in See erst Alles richtig
-weggestaut und geordnet haben, und ein paar von Euch können damit nebenher
-fahren. Das Ding ist breit genug, Euch zu tragen -- dort liegen auch
-Ruder.«
-
-Es war im Nu geschehen; die Leute sprangen zu, schoben das Canoe in
-tieferes Wasser zurück und brachten es langseit. Die ganze Sache dauerte
-keine fünf Minuten. Trotzdem waren sie von den Wilden dabei beobachtet
-worden, denn wieder flogen vier oder fünf Speere nach ihnen herunter, aber
-zu kurz, denn die Schwarzen trauten sich nicht mehr in den Bereich der
-Schußwaffe.
-
-»Fertig Alles?« rief der Kapitän.
-
-»Alles klar, Sir,« lautete die Antwort.
-
-»An Bord denn und fort -- die Sonne ist gleich unter und nach Dunkelwerden
-möchte ich nicht mehr in der Nähe der schwarzen Halunken sein. Sie holten
-dann jedenfalls ein, was sie jetzt unterlassen haben -- aus mit dem Boot!«
-
-Der Befehl wurde fast so rasch ausgeführt, wie er gegeben worden, denn sie
-waren mit steigender Fluth gelandet und das Wasser mochte in der Zeit fünf
-bis sechs Zoll gewachsen sein. Die Leute sprangen alle in die Fluth, um
-es zurückzuschieben. Zwei von ihnen nahmen dann das Canoe und den eben mit
-einem anderen Korb Zwieback zurückkommenden Jungen ein, und wenige Minuten
-später stießen sie von der Küste ab -- aber der Kapitän hielt noch nicht in
-See hinaus.
-
-»Eine Lektion müssen wir den Burschen noch geben,« sagte er finster, »daß
-sie später das Eigenthum der Weißen mehr respektiren lernen oder wenigstens
-in einer heilsamen Furcht gehalten werden -- Zimmermann, nehmt einmal Euer
-Beil und bearbeitet das Canoe dort drüben ein wenig.«
-
-Der Zimmermann that dies mit Vergnügen und das Fahrzeug war im Nu
-unbrauchbar gemacht; dann nahmen sie ihren Cours um die Insel herum, um die
-übrigen ebenfalls abzuschneiden und die Schwarzen dadurch auf der Insel zu
-halten, bis ein größeres Schiff dort landete, das eher die Macht hatte, sie
-zu züchtigen. Die Eingeborenen schienen es aber vorgezogen zu haben, etwas
-Derartiges nicht abzuwarten, denn wie sie an den anderen Rand der Insel
-kamen, sahen sie die kleine Flotte von neun Canoe's schon unterwegs, und
-zwar in voller Flucht gen Süden, dem nächsten Festland zu haltend. Daß
-sie von dem schwergeladenen Boot der Weißen nicht verfolgt werden konnten,
-wußten sie gut genug, aber sie schienen auch gar nicht die Absicht zu
-haben, weit zu fliehen, denn draußen ein Stück in See lagen sie jetzt
-plötzlich auf ihren Rudern, um dort erst einmal abzuwarten, was die Feinde
-beginnen würden.
-
-Der Kapitän war überzeugt, daß sie, sobald das Boot nur außer Sicht wäre,
-augenblicklich nach der Insel zurückkehren würden, nicht allein um ihre
-Todten abzuholen, sondern auch die begonnene Plünderung zu beenden. Das
-Alles ließ sich aber nicht mehr ändern. Der für den Seemann so wichtige
-Platz war einmal verrathen; die Schwarzen hatten das Geheimniß der Höhle
-entdeckt, und es durfte wohl schwerlich mehr an eine weitere Niederlage
-dort von Wasser und Provisionen für verunglückte Seeleute gedacht werden.
-Jenes diebische Gesindel revidirte jetzt gewiß regelmäßig die Höhle, um
-Alles mitzuführen, was sie fanden.
-
-Das Boot -- nachdem sich die Leute an dem erbeuteten Wasser gelabt -- hielt
-eine nordwestliche Richtung bei, um irgend eine der Inseln des ostindischen
-Archipels anzulaufen, schon am zweiten Tag aber sichteten sie eine
-portugiesische Brigg, die, von Europa kommend, nach der portugiesischen
-Besitzung in Timor bestimmt war. Von dieser wurden sie an Bord genommen und
-gingen später mit einem holländischen Schiff nach Singapore, von wo aus sie
-leicht in ihre Heimath zurückkehren konnten.
-
-Der Kapitän machte allerdings in Singapore die Anzeige des zerstörten
-Depots auf Booby-island, und ein nach Australien bestimmtes Kriegsschiff
-bekam auch Auftrag, dort anzulaufen; als es aber mit dem nächsten
-Monsuhn Booby-island berührte, fand es in der Höhle nur noch einen Haufen
-verdorbenes Fleisch, den die Schwarzen verschmäht hatten -- alles Uebrige
-war ausgeräumt und selbst die »Postoffice« wahrscheinlich nach dem Festland
-geschafft worden.
-
-
-
-
-Zacharias Hasenmeier's Abenteuer.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Die Matrosenkneipe.
-
-
-Da lebte einmal vor langen Jahren ein Handwerksbursch, und den freute die
-Welt nicht mehr, denn anders wurde es wohl mit der Zeit, wohin er auch kam,
-aber nie und nimmer besser.
-
-Früher ja, da ließ sich's aushalten, da marschirte so ein armer
-Handwerksbursch nach Herzenslust im lieben deutschen Vaterland herum,
-Chaussee auf und ab, ging in den Dörfern fechten, schlief Nachts auf der
-Streu oder in einem Heuschober, setzte sich, wenn er unterwegs müde wurde,
-auf einer vorbeirollenden Extrapost hinten auf und dachte gar nicht daran,
-die Beine je lang unter einen Arbeitstisch zu strecken. Das ließ schon die
-Wanderlust nicht zu, und geschah es je einmal ausnahmsweise, so erfaßte
-ihn rasch die unbezwingbare Sehnsucht nach einer Pappelallee, der er nicht
-widerstehen konnte und wollte.
-
-Da erfanden böse und hinterlistige Menschen, aus reiner Bosheit gegen die
-armen Handwerksburschen, die _Eisenbahn_, und mit dem lustigen Marsch auf
-der Landstraße war's vorbei. Extraposten und Lohnkutschen -- wo bekam
-man sie noch zu sehen? der Dampf hatte die Zügel ergriffen und bei einem
-davonbrausenden Bahnzug -- mit _den_ groben Condukteuren -- war kein
-Gedanke mehr hinten aufzusitzen.
-
-Das macht zuletzt den besten Menschen verdrießlich und so war denn auch
-Zacharias Hasenmeier, ein »wasserdichter Hutmachergesell,« endlich zu dem
-verzweifelten Entschluß gekommen -- nicht etwa seinem Leben ein Ende zu
-machen, nein -- dazu besaß er zu viel Religion und zu wenig Courage --
-aber auszuwandern und sich irgend einen Platz auf der Welt zu suchen, wo es
-erstlich einmal keine Eisenbahnen gab, und wo ein reisender Handwerksbursch
-auch noch leben konnte, »wie sich's gehört und gebührt,« d. h. wo er ein
-Terrain zum fechten und hinten aufsitzen fand.
-
-Mit dem Entschluß erst einmal im Reinen, hielt er sich denn auch nicht
-lange bei der Vorrede auf, packte seinen Tornister, mit ein paar neuen
-Stiefeln oben d'rauf, daß die blinkenden weißen Sohlen rechts und links
-unter der Klappe vorschauten, ließ sich eine neue Zwinge an seinen dicken
-Knotenstock machen, und ging danach auf die Polizei, um sein Wanderbuch
-visirt zu bekommen. Ordnung muß nämlich sein, und ob er nun zu den Chinesen
-oder Menschenfressern kam, sein Wanderbuch wollte er in Ordnung haben, denn
-den Chinesischen Gensdarmen traute er gerade so wenig wie den Deutschen.
-
-Die Behörde besorgte ihm das auch. Gegen seine Auswanderung hatte sie,
-merkwürdiger Weise Nichts einzuwenden, und visirte ihm sein Wanderbuch, auf
-seine Anweisung, daß er nach Amerika, Australien und sonst wohin wollte,
-gewissenhaft und wörtlich:
-
- »Nach Australien und weiter!«
-
-wonach er dann lustig und wohlgemuth in die Welt hinaus wanderte.
-
-Er hatte, als er die Stadt verließ, in der er zuletzt gearbeitet, den Hut
-keck auf die eine Seite gerückt, was andeuten sollte, daß er sich aus ganz
-Europa Nichts mehr mache, und mit dem buntgestickten Tabaksbeutel vorn im
-Knopfloch baumelnd (einen Orden besaß er nicht, den er hätte hinein thun
-können, und etwas _muß_ der Mensch doch im Knopfloch haben) mit außerdem
-zehn Thaler siebenzehn und einen halben Silbergroschen in der Tasche,
-meinte er, daß er nun die Welt durchwandern könne. -- Was weiß so ein
-wasserdichter Hutmacher überhaupt von der Welt!
-
-Natürlich ging er gerade in einem Strich auf Hamburg zu, weil er gehört
-hatte, daß von dort ab fast täglich Schiffe nach aller Herren Ländern
-ausliefen, und man von diesem Hafen aus mit derselben Bequemlichkeit zu
-den Botokuden wie zu den afrikanischen Baumaffen kommen könne. Wohin? blieb
-sich aber vollständig gleich -- Hüte brauchten Alle oder konnten ihnen doch
-wenigstens angepaßt werden, und er war von sich selber überzeugt, daß er
-sein Fortkommen in irgend einem Land der Welt finden würde -- er müsse nur
-erst einmal dort sein.
-
-»Der liebe Gott verläßt keinen Deutschen,« sagte er sich und mit dem
-schönen Liedchen: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus -- Städtle
-hinaus,« ließ er sich wahrlich kein Gras unter die Sohlen wachsen, und
-wanderte, jede Eisenbahn von Grund seines gekränkten »wasserdichten
-Hutmacherherzens« aus verachtend, zu Fuß bis in die ferngelegene
-Hafenstadt, um sich dort nach einer womöglich wüsten Insel einzuschiffen.
-
-Er fluchte allerdings jedesmal still vor sich hin, wenn ein Bahnzug
-vorüberrasselte, und die Leute darin aus den offenen Fenstern hinaussahen,
-und über den wunderlichen Menschen lachten, der zu Fuß hinterd'rein
-keuchte, während er doch hätte, für ein paar Groschen, so bequem darin
-fahren können; aber Zacharias setzte den Hut bei solchen Gelegenheiten nur
-noch immer schiefer, um seine Verachtung bildlich auszudrücken und wanderte
-trotzig seines Weges, ohne auch nur einmal nach ihnen umzuschauen.
-
-Es ist überhaupt erstaunlich, mit welcher Genauigkeit sich menschliche
-Gemüthsbewegungen und Charaktere nur allein durch die verschiedene Stellung
-des Hutes ausdrücken lassen.
-
-»In den Augen liegt das Herz,« lautet ein altes, wunderschönes Lied,
-aber es ist durchaus nicht wahr. Im _Hute_ liegt es, und der aufmerksame
-Beobachter kann manchem Menschen nur allein durch den Hut direkt in's Herz
-sehen.
-
-Wer z. B. den Hut recht gerade und steif auf hat, daß er ihm senkrecht
-auf dem Wirbel des Kopfes sitzt, das _mag_ ein sehr guter rechtschaffener
-Mensch sein, aber er ist jedenfalls nach _einer_ Richtung hin Pedant und
-geht unausweichlich, vielleicht praktisch, doch unter jeder Bedingung steif
-und trocken durchs Leben mit nicht einer Spur von Poesie. Ich gebe zu, daß
-er ein ausgezeichneter Beamter und vortrefflicher Geschäftsmann sein kann,
-aber ein guter _Gesellschafter_ ist er keinesfalls.
-
-Ein _klein wenig_ geneigt -- nach rechts oder links bleibt sich gleich --
-und welch' einem fabelhaften Unterschied begegnen wir hier. -- _Das_ sind
-die besten und interessantesten Menschen, mit gerade genug leichtem Sinn,
-um liebenswürdig zu sein und über das Nützliche einer Sache auch nicht das
-Angenehme zu vergessen -- aber ja nicht zu viel -- den Hut zu viel auf
-eine Seite bedeutet sehr großen Leichtsinn -- ein keckes Herausfordern
-der Menschheit, um das sich gewöhnlich Niemand kümmert, Rauflust und
-verschiedene andere schlimme Leidenschaften. Solche Menschen werden auf die
-Länge der Zeit im Umgang unerträglich.
-
-Der Hut weit hinten verräth Sorglosigkeit, aber auch Behaglichkeit, mit
-einer kleineren oder größeren Mischung von Eigendünkel. Leichtsinnige
-Schuldenmacher und Speculanten sind geneigt den Hut in solcher Weise zu
-tragen, und je weiter er nach hinten gerückt wird, desto gefährdeter ist
-ihre Position.
-
-Dagegen deutet es Schwermuth und Niedergeschlagenheit, wenn der Hut, im
-entgegengesetzten Fall, weit in die Stirn gezogen wird: düsteren Groll, ein
-gepreßtes Herz oder gedrückte Lebensverhältnisse -- auch unsaubere Wünsche;
-kurz der Hut zeigt den Menschen wie er wirklich _ist_, und Zacharias
-Hasenmeier, der leichtsinnigste »wasserdichte Hutmachergesell,« der diese
-Straße je passirt war, strafte mit seinem Hut keck auf dem linken Ohr diese
-Theorie wahrlich nicht Lügen.
-
-Zacharias machte sich auch wirklich _keine_ Sorgen, und erst nur einmal mit
-seinem Entschluß im Reinen hielt er alles Andere, was ihn möglicher Weise
-betreffen, oder ihm hindernd in den Weg treten könne, für Nebensache -- und
-doch hatte er gerade da, wo er die Hauptschwierigkeit fand, keine erwartet.
-
-Seine Begriffe von Reisespesen waren nämlich sehr unvollkommener Art, denn
-wenn er sonst von einer Stadt zur anderen wanderte -- mochte sie auch noch
-so weit entlegen sein -- so brachte er dorthin doch gewöhnlich noch immer
-ein paar Groschen mehr mit, als er von Hause aus mit genommen, denn er
-verstand die Kunst des Fechtens aus dem Grunde und wenig Familien, die er
-ansprach, konnten sich rühmen ihn unbeschenkt entlassen zu haben. Darnach
-berechnete er also auch die etwa zu zahlende Passage nach einem fremden
-Welttheil, und fand sich hier in Hamburg sehr enttäuscht, als die Kapitäne
-dort liegender segelfertiger Schiffe eine weit größere Quantität der
-landesüblichen Münzsorte verlangten, um ihn als _Passagier_ aufzunehmen,
-als er im Stande war aufzuzeigen -- selbst wenn er gewillt gewesen wäre,
-sich zu diesem Zweck von seinem ganzen Capital zu trennen.
-
-Wo er an Bord kam, schüttelten die alten Seeleute mit dem Kopf und meinten,
-das reiche nicht, und unnützes Volk könne man nicht Monate lang umsonst
-an Bord füttern. Von dem Seedienst verstand er aber gar Nichts, Hutmacher
-wurden nicht unterwegs gebraucht, und so blieb das Resultat auf allen
-Schiffen dasselbe, so daß Zacharias, am Abend des zweiten Tages, den er
-auf solche Weise verwandt, mit in die Stirn gezogenem Hut -- so keck er ihn
-auch noch an dem Morgen auf dem einen Ohr getragen, in sein Wirthshaus nahe
-am Hafen zurückkehrte, und sich mürrisch und der ganzen See grollend hinter
-ein Glas etwas dünnes Bier setzte.
-
-Es war das eine der sogenannten Matrosenkneipen, in der fast nur Seeleute,
-oder mit der Schiffahrt zusammenhängende Personen, wie Segelmacher,
-Reepschläger etc. einkehrten, und es läßt sich denken, daß ein
-Handwerksbursch mit Tornister und Knotenstock und einer richtigen
-»Landschraube« auf dem Kopf nicht unbemerkt passiren konnte. Es war etwa
-gerade so, als ob ein ausgespannter Stier hinaus in den Wald ging, und sich
-einem Rudel Hirsche beigesellte, und die Matrosen steckten dann auch
-bald die Köpfe zusammen, und flüsterten und lachten über den wunderlichen
-Gesellen. Nachdem sie indeß ihren Spaß eine Weile gehabt, ohne daß er
-weiter Notiz von ihnen genommen, wollten sie ihn auch aufziehen, aber
-Zacharias war nicht auf den Kopf gefallen, und antwortete ihnen bald so
-scharf und treffend, daß sie jetzt selber Vergnügen daran fanden, sich mit
-ihm zu unterhalten -- doch freilich nicht bei einem Glas Dünnbier, dem sich
-ihre ganze Lebensweise nicht zuneigte.
-
-Grog wurde bestellt, und da Zacharias nicht den geringsten Grund sah,
-seine Absichten, die ihn hierher geführt, zu verheimlichen, so erfuhr die
-Gesellschaft bald, daß er aus dem inneren Land käme und auswandern wolle,
-aber kein Schiff finden könne, weil es ihm gerade am Besten fehle.
-
-Die Matrosen, meist immer gutmüthig gegen Fremde, sobald sie keine
-Gelegenheit mehr finden sich über sie lustig zu machen, schlugen jetzt bald
-das, bald jenes Schiff vor, das knapp an Mannschaft, vielleicht doch hätte
-bewogen werden können, ihn mitzunehmen -- Zacharias schüttelte aber immer
-mit dem Kopf, denn auf fast allen war er schon selber gewesen, und wenn
-auch noch ein oder das andere da lag, auf dem er noch nicht nachgefragt, so
-konnte er sich doch ziemlich genau denken, welche Antwort er dort bekommen
-würde. -- Es war nicht der Mühe werth, es auch nur zu versuchen.
-
-»Sag' einmal Landsmann,« frug der Wirth, ein breitschultriger,
-blatternarbiger Gesell, mit einer blauen, goldgestickten, aber entsetzlich
-schmutzigen Mütze auf den scharf gekräußten braunen Haaren und dabei mit
-ein paar kleinen verschmitzten Augen -- »wo willst Du denn eigentlich hin?«
-
-»Fort -- hinaus in die Welt,« erwiederte der wasserdichte Hutmacher --
-»wohin, ist mir vollkommen gleich, zu den Menschenfressern oder Kannibalen
--- nur die Welt möcht ich sehen, und die verfluchten Eisenbahnen los
-werden.«
-
-»So?« sagte der Wirth, »na, hast Du es denn da schon auf einem
-Wallfischfänger versucht?«
-
-»Auf einem Wallfischfänger?« frug Zacharias erstaunt, »was ist das?«
-
-»Nun ein Schiff, das hinaus in die Südsee fährt und Fische fängt, und dabei
-an allen Inseln anlegt, die es erreichen kann.«
-
-»=Damn it!=« rief da Einer der Matrosen, »da liegt gerade die »Seeschlange«
-draußen im Fahrwasser, vor einem Anker und will morgen früh mit der Ebbe in
-See gehen -- die braucht noch Leute, und nimmt was sie kriegen kann.«
-
-»Aber ich kann gar nicht angeln,« sagte Zacharias.
-
-»Angeln -- =hell=!« rief der Wirth, »zu angeln brauchst Du auch nicht,
-und die nehmen Dich mit Kußhand, denn an Bord von einem Wallfischfänger
-brauchen sie Leute zu allerhand und wenn's auch nur wäre, um einen
-Schleifstein oder Schiemannsgarn zu drehen und Feuer unter den Kesseln zu
-halten.«
-
-Die anderen Matrosen stimmten dem Wirth bei. Wallfischfänger waren in der
-That die einzigen Schiffe, die Jeden annahmen, der sich auf ihnen verdingen
-wollte, und dabei am Weitesten in der Welt herumkamen. An alle Inseln,
-die sie nur erreichen konnten, fuhren sie hinan und segelten jetzt an der
-Japanischen Küste -- dann wieder im Eismeer, und vier, fünf Monate später
-zwischen den Corallen-Inseln der Südsee herum. Das aber war gerade
-was Zacharias wollte, denn hätte er sich an _einer_ bestimmten Stelle
-niedergelassen, so wäre ihm doch zuletzt nichts Anderes übrig geblieben,
-als wieder zu arbeiten, und zu diesem _letzten_ verzweifelten Mittel, sich
-eine Existenz zu sichern, wurde er noch immer zeitig genug getrieben.
-
-Einer oder der andere von den Leuten am Tisch hatte aber auch schon eine
-Fahrt mit einem Wallfischfänger gemacht, und erzählte dann Wunderdinge,
-was er da draußen gesehen: von den Meerweibchen und See-Greisen und den
-Corallenhäusern, die sie in der See hätten, von fliegenden Fischen
-und Palmen, die mit den langen Blättern in der Luft herum föchten, von
-Schildkrötenjagd und dann dem lustigen Wallfischfahrerleben selber, wie sie
-in Booten hinter den großen Fischen herruderten, ihnen die Harpune in
-den Leib warfen und sie dann endlich todtstachen und einkochten, und den
-ausgekochten Speck für ein enormes Geld verkauften.
-
-Zacharias saß mit offenem Mund daneben, und so gut wie ihm der Grog
-mundete, gerade so gefielen ihm auch die wunderbaren Schilderungen dieses
-fabelhaften Lebens, das die Matrosen -- einer solchen Landratte gegenüber
--- denn auch noch tüchtig auszumalen wußten. Einer erzählte immer tollere
-Geschichten als der andere, und als sie endlich fort wollten, ließ sie
-Zacharias nicht und bestellte frischen Grog, nur um noch immer mehr zu
-hören, und jetzt konnte er schon die Zeit nicht erwarten, daß es wieder Tag
-würde, um sich auf einem solchen merkwürdigen Fahrzeug einzuschiffen, und
-all das Wunderbare selbst mit zu erleben.
-
-Ein alter Segelmacher, der den tollen Erzählungen gelauscht, schüttelte
-zwar mit dem Kopf, denn es that ihm leid, daß sie den armen Teufel mit
-seinen verworrenen Ideen nur noch verrückter machten, und er meinte einmal:
-
-»Kamerad, nimm Dich in Acht. Wenn das wahr ist, was _ich_ von
-Wallfischfängern gehört habe, so ist verdammt wenig Vergnügen und
-heidenmäßige Arbeit dabei, und kriegst Du Einen von den Burschen zum
-Kapitän, wie sie hie und da auf den Schiffen stecken, so wollte ich lieber
-an Land irgendwo als Kettenhund in Condition treten, ehe ich mich an Bord
-eines solchen Schiffes verdingte.«
-
-»Ach Unsinn, Mate,« lachte aber ein Anderer, »wenn das bischen Arbeit nicht
-wäre, machte Einen ja die Langeweile auf der langen Reise todt.«
-
-»Na, wenn ihn weiter nichts todt macht, als die Langeweile,« nickte der
-Segelmacher vor sich hin, »so kann er zufrieden sein -- mit Deckwaschen,
-Garnspinnen, Theerstreichen, Kettenklopfen, Thran einschneiden und
-auskochen und wie die angenehmen Beschäftigungen alle heißen, wird ihn die
-nicht viel plagen. Aber meinetwegen Kinder,« sagte er, von seinem Stuhl
-aufstehend und sein Glas zurückschiebend, »wer nicht hören will,
-muß fühlen, und wenn er's denn nicht anders haben mag, wird ihm eine
-dreijährige Lehrzeit auf einem solchen blutigen Kasten auch gerade Nichts
-schaden -- viel Glück Mate und einen guten Fang --« und damit stieg er
-langsam zur Thüre hinaus.
-
-Zacharias war wirklich ein wenig stutzig geworden, aber das Lachen und
-Erzählen der Anderen trieb bald jeden solchen Gedanken aus seinem Hirn.
-_Das_ war eine Landratte, die überhaupt nicht mehr auf's Wasser hinaus
-mochte, und von dem lustigen Leben draußen wenig wußte. Nur _ein_ Bedenken
-kam ihm noch -- er konnte nicht schwimmen, und wenn er nun einmal aus
-dem Schiff herausfiel! Er theilte es dem neben ihm Sitzenden, der sich
-überhaupt am Meisten seiner angenommen hatte, mit, der aber lachte gerade
-hinaus: »Schwimmen?« rief er, »glaubst Du, Kamerad, daß Einer von uns
-Allen, die wir zur See gehen, schwimmen kann? fällt uns gar nicht ein. Daß
-wir uns etwa lange quälen müßten, wenn die Geschichte einmal schief geht,
-nicht wahr? -- denken gar nicht daran. Fällt Einer über Bord, dann geht der
-Steuermann in seine Cajüte und schreibt's in's Logbuch, und damit ist's
-zu Ende -- lustig gelebt und fröhlich gestorben, das hat dem Teufel die
-Rechnung verdorben,« und jubelnd stießen die wilden Burschen wieder mit
-ihren Gläsern an, und immer neuen Stoff mußte der Wirth herbeischaffen.
-
-Endlich fingen sie an zu singen -- ganz schrecklich lange Balladen, die mit
-ihren zahllosen Versen gar kein Ende nehmen wollten, und Zacharias
-wurde schläfrig und wäre richtig eingenickt, wenn sich nicht eines der
-Schenkmädchen, die bis dahin mit den Matrosen gelacht und getrunken, zu ihm
-gesetzt und mit ihm geplaudert hätte. Die erzählte ihm jetzt aber auch, daß
-der eine Wallfischfänger, der im Hafen läge -- und es war in der That nicht
-der einzige -- nur auf Tageslicht und Ebbe warte, um die Elbe hinunter und
-hinaus in See zu fahren, und wenn er die Zeit verpasse, könne er nicht mit
-und müsse hier bleiben.
-
-Das machte ihn geschwind wieder munter, denn die Gelegenheit durfte er
-nicht ungenutzt vorüber lassen; sie bot sich vielleicht so bald nicht
-wieder. Das Mädchen wollte ihm noch einmal zu trinken geben, aber er
-fühlte, daß er genug hatte, denn da draußen dämmerte schon wieder der Tag
--- so lange geschwärmt zu haben erinnerte er sich gar nicht, verlangte
-aber jetzt noch eine Tasse Kaffee, nahm sich dann ein reines Hemd aus dem
-Tornister, um anständig vor dem Kapitän zu erscheinen, und ging, als es
-vollständig hell geworden war, mit einem der Matrosen, der ihn begleitete,
-zu dem bezeichneten Schiff.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Zacharias Hasenmeier hält es nicht an Bord aus.
-
-
-Hatte er aber früher Angst gehabt, daß es ihm hier wie auf den anderen
-Fahrzeugen gehen und der Kapitän ihn abweisen würde, so fand er sich
-angenehm getäuscht, denn der brauchte allerdings Leute, und wenn er
-zuerst auch genau so ein Gesicht schnitt, wie die Uebrigen, als er den
-Handwerksburschen mit seinem Tornister und Knotenstock sah, so schien er es
-doch wenigstens für möglich zu halten, einen Matrosen aus ihm zu machen.
-Er sagte, er wolle es jedenfalls versuchen. Zacharias wurde sein Platz
-angewiesen, wo er schlafen konnte, und mit dem Bewußtsein, jetzt endlich
-sein Ziel erreicht zu haben, und einem neuen Leben entgegen zu gehen, hing
-er dort seinen Rock an einen Nagel, hakte den Tornister darüber und -- war
-eingezogen.
-
-Aber es schien auch die höchste Zeit für ihn gewesen zu sein, an Bord
-zu kommen, denn in demselben Augenblick schon fast wurden die Segel
-ausgespannt, und das Schiff fuhr den Strom hinunter und in die See hinaus.
--- Wie das aber tanzte und schwankte und der arme Hutmachergesell, der
-schon so viel von der Seekrankheit gehört, sich aber noch nie eine richtige
-Idee davon gemacht hatte, sollte jetzt erfahren, wie das thue.
-
-Die ganze Welt schien sich mit ihm zu drehen; Alles wirbelte im Kreis herum
--- er wußte nicht mehr was oben oder unten war, ob er auf dem Kopf oder auf
-den Füßen stand. -- Er warf sich auf Deck nieder und breitete die Arme und
-Beine aus, um nicht noch tiefer zu fallen, kurz, er befand sich in einem
-Zustand, der sich wohl bedauern, aber nie im Leben beschreiben läßt.
-
-Wie lange er so gelegen, wußte er gar nicht, und nur das einzige Bewußtsein
-war ihm dabei geblieben: der Wunsch zu sterben, um dieser Höllenpein,
-diesem qualvollen und unerträglichen Zustand ein Ende zu machen. -- --
-Aber auch das ging zuletzt vorüber, das Schiff lag ruhiger, oder er fühlte
-vielleicht auch die Bewegung nicht mehr so stark, und als er eigentlich
-erst wieder ordentlich zu sich kam, befanden sie sich schon so weit draußen
-in See, daß er, wohin er auch blickte, kein Land mehr erkennen konnte. Er
-hatte seine Reise angetreten und ein Rückschritt war nicht mehr möglich.
-
-Aber ob er sich eine Seefahrt anders gedacht haben mochte; er fühlte
-sich keineswegs behaglich und sehnte sich fortwährend danach, das ewig
-schwankende Schiff nur erst einmal wieder unter den Füßen los zu werden,
-und festen, sicheren Boden zu betreten. Reisen -- war _das_ Reisen, wo man
-in einemfort, wie ein Sack, hin- und hergeworfen wurde, und den einen Fuß
-nie vom Boden heben konnte, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, auf die
-Nase zu fallen? Da marschirte sich's anders in seinen festen soliden
-Pappelalleen und er bekam wieder das alte Heimweh nach seinem früheren
-Leben.
-
-Und wenn sie ihn jetzt noch wenigstens zufrieden gelassen hätten, daß er
-sich ordentlich ausruhen und das häßliche schwindliche Gefühl überwinden
-konnte -- aber Gott bewahre; kaum machte er die Augen wieder auf, so
-kam auch schon der Steuermann und stellte ihn an die Arbeit, und keine
-Entschuldigung half, daß er noch hundeelend sei.
-
-Jetzt erfuhr er, daß der alte Segelmacher Recht gehabt, der ihm ganz genau
-prophezeiht hatte, was ihn hier erwartete. Wo er schon außerdem schwindlich
-war, mußte er noch eine große Schiemannsgarn-Winde oder gar einen schweren
-Schleifstein drehen, daß ihm der Kopf immer mit dabei herum ging -- und
-dazu sollte er fetten Speck essen und harten Schiffszwieback kauen -- so
-ein Leben -- der Böse hätt's holen können, wenn es ihm recht gewesen wäre,
-aber es war ihm nicht recht.
-
-_Arbeiten_ -- nun ja, er hatte in seinem Leben schon oft gearbeitet, und
-einen Hut zu walken und zu bügeln thaten ihm vielleicht Wenige gleich,
-aber was half ihm das _hier_? Statt des Bügeleisens bekam er einen alten
-schmutzigen Sandstein in die Hände und mußte damit das Verdeck abschleifen,
-und wenn das Deck nur wenigstens ruhig gelegen hätte, aber Gott bewahre;
-auf und nieder gings und im Kreis herum mit ihm und dann kam auch noch der
-Steuermann und hieb ihm mit einem Ende Tau eins hinten über, wenn er nicht
-rasch genug kratzte, daß er die dicken Striemen fühlen konnte.
-
-O wie sehnsüchtig sah er jetzt über Bord, ob er nicht irgendwo Land
-erkennen und aussteigen könne, denn _die_ Vergnügungstour hatte er schon
-bis oben hin satt; aber nichts war zu entdecken als Himmel und Wasser und
-immer weiter fuhren sie dabei in den großen Ocean hinein.
-
-Wenn er dabei auch geglaubt hatte, er würde sich mit der Zeit an die
-Seereise gewöhnen, so fand er doch bald, daß er sich da schmählich geirrt.
-Je länger er fuhr, je schlechter wurde es ihm zu Muthe, der Kopf brannte
-ihm, als ob Feuer drinnen wäre, sein Magen revoltirte gänzlich gegen den
-ekelhaften Speck und er hielt sich um so mehr für schlecht und nichtswürdig
-behandelt, als es ausdrücklich in seinem Paß stand, daß alle Civil-
-und Militärbehörden unterwegs ersucht wurden, ihn frei und ungehindert
-passiren, auch ihm nöthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen -- und hier
-sollte er sich behandeln lassen wie einen Hund?
-
-Er ging jetzt direkt zum Kapitän und verlangte wieder an Land gesetzt zu
-werden, aber der sagte weiter nichts als: »geh zum Teufel!« und drehte ihm
-den Rücken, und die Matrosen verhöhnten ihn und lachten ihn aus.
-
-Und jetzt begann der Sturm wieder zu toben; die Segel mußten eingenommen
-werden, und das Schiff fing an zu tanzen, daß Zacharias manchmal meinte, es
-müsse sich überschlagen, so hoch hob es sich vorn in die Höhe und fuhr dann
-wieder in die Tiefe hinab, bis ihm ordentlich der Athem ausging und er Luft
-schnappen mußte.
-
-Er wollte sich jetzt in sein Bett legen, denn auf den Füßen konnte er sich
-doch nicht mehr halten, aber was half es ihm? Kaum war er hineingekrochen
-und machte die Augen zu, so schlenkerte das Schiff nach der andern Seite
-hinüber, und warf ihn wie ein Bündel alte Kleider an die andere Wand, daß
-ihn alle Rippen im Leibe schmerzten. Wieder kletterte er hinein, hatte sich
-aber noch nicht einmal ordentlich fest gelegt, als er noch unsanfter als
-vorher hinaus geschleudert wurde, und jetzt bekam er's satt.
-
-»Nein,« schrie er, »so ein Hundeleben soll ja der Teufel holen -- ich thu'
-nicht mehr mit,« und zugleich fuhr er in seine Kleider, zog sich fertig an
-und nahm dann auch seinen Tornister vom Nagel, um ihn zu packen.
-
-Die alten Matrosen, die ganz gemüthlich in ihrer Hängematte schaukelten,
-lachten, und frugen ihn, ob er an Land wolle und auch tüchtig lange
-Wasserstiefeln habe -- aber er antwortete ihnen gar nicht, schnallte seinen
-Tornister, mit den noch unbenutzten hellglänzenden Stiefelsohlen oben,
-fest, knöpfte sich seinen Rock bis oben hin zu, setzte seinen Hut auf und
-zog ihn sich vorn tief in die Stirn, holte seinen Knotenstock vor und
-hing ihn sich mit dem Lederriemen an's rechte Handgelenk, sagte »adjes
-miteinander« und stieg an Deck.
-
-Gegen Alles, was ihn nach Außen umgab, schien er völlig blind geworden,
-nur an sich selber dachte er und die ihm hier gewordene nichtswürdige
-Behandlung, und so schritt er denn auch fest und entschlossen auf den
-Kapitän zu, der in seinen wasserdichten Kleidern auf dem Quarterdeck auf-
-und abging, und die Augen auf das kleine Segel gerichtet hielt, das sie in
-dem Wetter noch führen konnten.
-
-»Herr Kapitän, ich wollte Ihnen man blos Adjes sagen,« bemerkte hier
-Zacharias, indem er seinen Hut abnahm und eine Verbeugung machte.
-
-»Junge,« rief der Kapitän, »wie siehst Du denn aus? Bist Du verrückt
-geworden?«
-
-»Bitte,« sagte Zacharias, »wollte nur fragen, ob Sie sonst noch etwas zu
-bestellen hätten.«
-
-»Aber wo willst Du denn hin? -- gehst Du etwa so schlafen?« lachte der
-Seemann.
-
-»Auf die Wanderschaft will ich,« erwiederte aber Zacharias Hasenmeier,
-indem er seinen Hut jetzt wieder keck auf ein Ohr stülpte, »also Adjes
-Kapitain, leben Sie recht wohl, denn _die_ Wirthschaft hier hätt' ich
-satt,« und damit drehte er sich um, der See zu, wo gerade eine riesige Woge
-heraufgestiegen kam, daß sie mit dem hohen Hinterdeck vollkommen gleich
-lief. Dort trat er auch ganz ruhig, als ob er ein festes Stück Grund und
-Boden unter sich gehabt, auf das Wasser hinaus, und sank natürlich in
-demselben Augenblick, wo er die Welle nur berührte, mit ihr in die Tiefe.
-
-Er wollte jetzt schreien, aber das ging nicht mehr -- oben hörte er nur
-noch den wildverstörten Ruf: Mann über Bord, und wußte jetzt, daß der
-Steuermann nun in seine Coje gehen und in sein Tagebuch schreiben werde:
-Mittwoch den 13. August Nachmittags halb vier -- soviel Grad Länge, soviel
-Grad Breite, Mann über Bord gegangen -- Zacharias Hasenmeier -- das war
-seine Grabschrift und damit fuhr er ab -- tiefer und immer tiefer.
-
-
-
-
-Drittes Capitel.
-
-Wie Hasenmeier den ersten Seegreis trifft.
-
-
-Eigentlich war er selber sehr überrascht worden, als er hinaus aus dem
-Schiff trat, dort erst merkte, daß er auf gar nichts mehr stand und zu
-gleicher Zeit fühlte, wie ihm das Wasser nicht allein in die Stiefeln,
-nein auch schon in die Halsbinde lief, und gleich darauf über seinem Kopf
-zusammenschlug.
-
-»Du meine Güte,« dachte er, »das ist doch hier eine verzweifelte
-Einrichtung mit den Chausseen, und wenn ich nach Hause komme« -- weiter
-dachte er aber nichts, denn so rasch schoß er in die Tiefe, daß ihm
-Luft und Gedanken ausgingen, während er umsonst versuchte, sich irgendwo
-festzuhalten. Nicht einmal der bekannte Strohhalm war bei der Hand,
-nach welchem sonst ein Ertrinkender gewöhnlich greifen soll, und er kam
-eigentlich erst wieder zur Besinnung, als er sich gar nicht mehr besinnen
-konnte, wo er sei und was mit ihm vorging.
-
-Da er aber keinen festliegenden Gegenstand mehr um sich her erkennen
-konnte, fühlte er auch nicht mehr, daß er sank, und die ganze Welt kam ihm
-nur in dem Augenblick wie eine riesige, grüne Glasflasche vor, in welcher
-er eingestöpselt herumschwamm. -- Er wollte dabei Athem holen, aber das
-ging nicht, denn sobald er den Mund aufmachte, lief ihm das Salzwasser
-hinein, und trotzdem befand er sich wohl dabei, und es beschlich ihn eine
-Empfindung, als ob er kaum so viel wiegen könne, wie ein Schneidergeselle
-gleichen Alters.
-
-Wenn ihn aber während dieser Zeit nicht eine -- wie bisher irrthümlich
-berichtete -- purpurfarbene, sondern weit eher Bouteillenglasfarbene
-Finsterniß umgeben hatte, so bemerkte er jetzt zu seinem Erstaunen, daß
-sich die Dämmerung augenscheinlich lichtete, Gegenstände umher wurden
-sichtbar -- hie und da begegnete er einem riesigen Seeungeheuer, das sich
-faul in seinem Element herumwälzte, und keine Ahnung von der Nähe eines
-fremden Hutmachergesellen zu haben schien -- unangenehme Quallen und Blasen
-trieben sich dort umher, und Fische sah er hier und dorthin schießen -- ob
-_die_ aber _aufwärts_ fuhren, oder er _ab_wärts, war er nicht im Stand zu
-sagen, denn seine ganze Aufmerksamkeit blieb in diesem Augenblick auf den,
-unter ihm befindlichen Raum gerichtet, der mit jeder Secunde mehr aus der
-dichten Finsterniß heraustrat, und mit einem ganz eigenthümlichen Licht
-übergossen schien.
-
-So mußte es einem Menschen zu Muthe sein, der aus hoher Luft in einem
-Ballon zur Erde niedersank, so daß unter ihm, je tiefer er kam, das weite
-Land heller und klarer sichtbar wurde, bis sich endlich die einzelnen
-Baumgruppen und Ortschaften und zuletzt Häuser und Menschen klar und genau
-erkennen ließen.
-
-Dort lagen weiße, zackige Flächen, aus denen er nicht klug werden konnte,
-denn sie sahen aus wie beschneit -- dort breiteten sich weite grüne Ebenen,
-mit Thieren auf der Weide, dort standen Häuser, die in jenem wunderbaren
-Licht funkelten und blitzten und in rasender Schnelle zu wachsen schienen.
-Ehe Zacharias aber nur einen Ueberblick über das Ganze gewinnen konnte,
-fuhr er plötzlich bis über die Kniee in weichen Sand hinein, blieb aber
-nicht darin sitzen, sondern wurde wie von selber wieder herausgehoben. --
-Und was das für eine curiose Gegend war, in der er sich befand!
-
-»Jetzt -- wenn ich nicht auf Reisen wäre,« brummte er leise vor sich hin,
-»sollt' ich meiner Seel' denken, _die_ Pappelallee führte nach Halle hinein
--- aber puh, wo liegt Halle!«
-
-Er befand sich in der That in einer langen, schnurgeraden Allee, die
-freilich aus den wunderbarsten Bäumen bestand. Sie sahen wohl so aus wie
-Pappeln, hatten aber gar keine Blätter, sondern nur dünne elastische und
-sich fortwährend bewegende Zweige. Gar nicht weit voraus aber lag ein
-Haus -- er konnte das Dach im Lichte blitzen sehen und ohne sich lange
-zu besinnen, marschirte er darauf zu. -- Aber sein Blick fiel dabei
-unwillkürlich auf den Weg, in dem er auch nicht die Spur von einem
-Wagengleis bemerkte -- mit den Extraposten sah es jedenfalls windig aus.
-
-Zu solchen Betrachtungen blieb ihm jedoch keine lange Zeit, denn viel
-rascher als er gedacht, erreichte er das Haus. Und wie sonderbar leicht
-sich das hier ging; den Tornister fühlte er fast nicht auf den Schultern,
-die Füße nicht auf dem Boden, und der schwere Knotenstock hob sich bei
-jedem Schritt immer ganz von selber wieder.
-
-Und da lag das Haus: es war aus rauhen Korallenblöcken aufgeführt, aber mit
-den herrlichsten Perlmutterschalen gedeckt, und hatte Thüren und Fenster,
-wie die Häuser an der Oberwelt -- die Fenster bestanden aber nicht aus
-Glas, sondern aus Hausenblase und der Thürgriff war aus Bernstein, wie der
-Thürklingelgriff aus einem Zahn des Spermacetiwals gemacht.
-
-Aber nur einen Blick warf er auf diese äußeren Baulichkeiten, denn zu
-seinem Erstaunen bemerkte er jetzt, daß vor dem Haus, auf einer dort
-angebrachten Austerbank, ganz gemüthlich ein menschenähnliches Individuum
-saß, das ihn, anscheinend eben so überrascht, betrachtete.
-
-Es war eine kleine dicke Gestalt mit einer runden Schuppenmütze auf, aber
-sonst wohl ganz kahlem Kopf und einem Gesicht, das weit eher einem Karpfen,
-als einem menschlichen Wesen glich. Uebrigens hatte es Arme und Beine, nur
-daß der untere Theil derselben an den Seiten Flossen zeigte, auch trug es
-eine Art Schlafrock aus irgend einer Seegrasart geflochten, der um den Leib
-mit einem Korallengürtel festgebunden war.
-
-»Gu'n Morgen,« sagte der Fischschwänzige ruhig, und Zacharias erschrak
-ordentlich über die deutsche Anrede, aber alte Gewohnheit ließ vor der
-Hand kein anderes Gefühl in ihm aufkommen, und seinen Hut schnell
-herunterreißend, erwiederte er höflich:
-
-»Armer reisender Handwerksbursch; seit drei Tagen keinen warmen Löffel im
-Leibe gehabt.«
-
-»Jemine Junge,« lachte da der kleine Dicke vergnügt, ohne aber in
-die Tasche zu greifen, »das ist eine lange Zeit, seit ich keinen
-Handwerksburschen hier gesehen habe. Wo kommst Du denn her? Bist Du erst
-kürzlich ersoffen?«
-
-»Bitte,« sagte Zacharias, »so viel ich mich erinnere, noch gar nicht --
-ich habe meinen ordentlichen Paß bei mir, und wollte nur einmal sehen wie's
-hier unten ausschaut -- sehr hübsche Gegend.«
-
-»So?« sagte der Kleine, aber dabei ungläubig mit dem Kopf schüttelnd,
-»also Du bist _nicht_ ersoffen -- das ist doch eigentlich merkwürdig. Woher
-kannst denn Du das Wasser vertragen?«
-
-»Entschuldigen Sie,« sagte Zacharias, der die Möglichkeit eines Geschenkes
-noch nicht aufgab, und deshalb seine Höflichkeit bewahrte, »ich bin
-wasserdichter Hutmachergesell und da --«
-
-»Ja so, das ist was Anderes,« nickte der Kleine, »aber Du bist noch nicht
-lang hier, wie? -- gefällt's Dir hier bei uns?«
-
-»Muß schon sagen, daß mir's gefällt,« meinte der Hutmacher, »nur ein
-Bischen feucht kommt mir die Gegend vor.«
-
-»Aber man gewöhnt's,« meinte der Kleine wieder, »ich wohne nun jetzt schon
-etwas über zweitausend Jahr hier und befinde mich ganz wohl --«
-
-»Donnerwetter, das ist eine schöne Zeit,« rief Zacharias, »und darf man
-fragen, was Sie eigentlich für ein Geschäft hier treiben, und wo Sie so gut
-deutsch gelernt haben?«
-
-»Geschäft,« sagte der Kleine, »gar keins, ich bin Seegreis und beziehe
-meine jährliche Pension, und Deutsch hab ich von meinen neuen Nachbarn
-gelernt, die gar nicht weit von hier wohnen.«
-
-»Deutsche?« rief Zacharias erstaunt aus.
-
-»Ja wohl,« nickte Jener, »vor etwa fünfzig Jahren versank grad' über uns
-ein großes Schiff mit lauter Deutschen, die nach Amerika hinüber wollten,
-und die kamen denn grad herunter und siedelten sich da an. Wollen wir
-einmal hinüber gehen?«
-
-Zacharias hätte gar nichts Erwünschteres angeboten werden können, denn der
-kleine komische Kauz hatte ihm noch nicht einmal einen Schluck Branntwein
-angeboten und er wußte, daß er bei Landsleuten jedenfalls besser behandelt
-würde. Der Kleine stand aber indessen auf, schwamm in's Haus hinein, kam
-aber gleich darauf wieder heraus und hatte, zu Zacharias' unbegrenztem
-Erstaunen einen _Regenschirm_ unter der einen Flosse, den er dann
-aufspannte und sagte:
-
-»So, nun kann's losgehen.«
-
-»Aber entschuldigen Sie,« meinte der Hutmacher, »brauchen Sie denn hier im
-Wasser einen Regenschirm?«
-
-»_Regenschirm?_« sagte sein Begleiter, »einen _Schirm_ gewiß. Es fahren
-hier jetzt in letzter Zeit so eine Menge Schiffe drüber weg und die Leute
-darauf kehren sich den Henker darum, was sie über Bord werfen, so daß man
-nie sicher ist einmal unterwegs einen zerbrochenen Teller, oder sonstige
-Porzellan- und Glasscherben, alte Nägel und Gott weiß was, auf den Kopf zu
-bekommen. Ich gehe deshalb nie ohne Schirm aus.« Und damit schwamm er ganz
-behaglich die Allee entlang.
-
-»Was sind denn das nur für komische Bäume,« sagte Zacharias, der
-nebenherkeuchte und kaum mitkommen konnte, »solche hab ich doch mein Lebtag
-noch nicht gesehen.«
-
-»Bäume?« sagte der Seegreis, »da drüben stehen Bäume -- Korallenbäume --
-andere haben wir hier unten nicht. Das hier sind Polypen, die in Reihen
-gepflanzt werden, weil's hübscher aussieht.«
-
-»Polypen -- 's ist die Möglichkeit,« rief Zacharias erstaunt aus, »wenn ich
-wieder nach Hause komme, glauben sie mir's gar nicht.«
-
-»Nach Hause kommen,« sagte der Seegreis mit dem Kopf schüttelnd, »ich lebe
-nun hier unten über zweitausend Jahr, kann mich aber nicht besinnen, daß
-jemals irgend wer, der uns hier besuchte, wieder nach Hause gekommen wäre.«
-
-»Das ist bei uns gerade so,« rief Hasenmeier, »die ältesten Leute in einem
-Orte wissen sich nie auf etwas zu besinnen -- aber entschuldigen Sie,
-verehrter Seegreis, was ist denn das da drüben -- das sind ja komische
-Thiere.«
-
-Rechts, wohin er zeigte, dehnte sich eine weite grüne Seegraswiese aus und
-Hasenmeier bemerkte jetzt zu seinem Erstaunen, daß dort ein paar Hundert
-große Schildkröten auf der Weide herumgingen, während der Hirt, oder die
-Hirtin vielmehr, ein junges allerliebstes Seenixchen, wie er sie schon oft
-hatte abgemalt gesehen, mit einem Seehund neben sich, sie überwachte.
-
-»Das ist ja ein allerliebstes Mädel,« fuhr der galante Hutmachergesell
-fort, der sie schmunzelnd betrachtete, denn sie gefiel ihm ausnehmend,
-»können wir nicht einmal dort vorüber gehen.«
-
-»Warum nicht?« erwiederte der Seegreis gefällig, »wenn wir nachher schräg
-durch den Korallenwald halten, schneiden wir sogar ein tüchtiges Stück
-Weges ab, denn die Colonie liegt gerade dort hinüber,« und ohne Weiteres
-bog er rechts durch die Grasebene ein und hielt auf die kleine Nixe zu, die
-neugierig aufschaute, als sie den komischen, wunderlichen Fremden bemerkte.
-
-Es läßt sich nicht leugnen, sie war eigentlich unanständig einfach
-gekleidet, und trug nichts als ihre langen grünen mit Meerrosen
-durchflochtenen Haare, aber die klugen großen Augen funkelten wie ein paar
-Sterne, und der Arm, den sie ihnen entgegenstreckte, war weiß und zart wie
-Elfenbein. Zacharias Hasenmeier fühlte auch, daß er hier die Gesetze der
-Höflichkeit nicht außer Acht lassen dürfe. Er nahm also den Hut ab, und das
-ihm schon aus alter Gewohnheit und mit der Bewegung zusammenhängende und
-auf den Lippen schwebende »Armer reisender Handwerksbursch« gewaltsam
-hinunter schluckend, sagte er mit größter Artigkeit:
-
-»Mein schönes Fräulein, äußerst angenehm ihre werthe Bekanntschaft zu
-machen.«
-
-Die kleine Nixe sah ihn lächelnd an, was ihm Muth zu einer größeren
-Freiheit machte: er hob also den Arm und wollte ihr mit dem Finger unter
-das Kinn greifen, zog aber die Hand blitzschnell zurück, denn das kleine
-Hirtennixchen, dessen Augen plötzlich einen grünen Schein annahmen,
-schnappte danach mit den Zähnen und der Seehund knurrte und fuhr ihm auch
-zu gleicher Zeit nach den Beinen.
-
-»Donnerwetter,« rief Hasenmeier zurückspringend, und hatte eben noch Zeit,
-seinen Stock vorzuhalten, um wenigstens von dem Hund frei zu kommen.
-
-»Ja, die beißt,« lachte der Seegreis, »Du darfst ihr nicht zu nahe kommen.«
-
-»Das ist aber doch hier ganz anders als bei uns,« sagte Hasenmeier
-bestürzt, »bei uns beißen die Mädels nicht.«
-
-»Ländlich, sittlich,« bemerkte der Seegreis, »aber laß uns weiter gehen,
-siehst Du, dort fängt schon der Wald an.«
-
-Zacharias war nicht böse darüber, denn die kleine Nixe hatte auf einmal
-alle Reize für ihn verloren, und er warf nur noch einen Blick auf die
-wunderliche Heerde von Schildkröten, die auf ihren platten Bäuchen im
-Seegras herumkrochen und unter Obhut der kleinen bissigen Hexe standen.
-Vergebens sah er sich aber nach einem Wald um, denn das, worauf sie jetzt
-zuschritten, glich weit eher einer überzuckerten Hecke, als was er sich bis
-jetzt unter einem Wald gedacht. Als er aber hinein kam, sah er doch, daß es
-große stämmige Korallenbäume waren, die ihre zackigen laublosen Aeste nach
-allen Seiten hinausstreckten, so daß man kaum seine Bahn hindurch finden
-konnte.
-
-Da blieb der Alte plötzlich unter einem der Bäume halten und zankte hinauf
-und als Zacharias erstaunt dorthin sah, bemerkte er oben in den Zweigen ein
-paar kleine Jungen, die sehr verdutzt zu sein schienen und sich hinter den
-Aesten zu verstecken suchten.
-
-»Nichtsnutziges Gesindel,« schimpfte aber der Seegreis, »Ihr glaubt wohl,
-ich seh Euch nicht? Wollt Ihr machen, daß Ihr herunter kommt, und wenn ich
-Euch noch einmal dabei erwische, häng ich Euch bei den Flossen auf und
-laß Euch eine Woche zappeln,« -- und rechts und links glitten die scheuen
-Bengel jetzt, wie blitzende Fische, durch die Wipfel hinaus, in deren
-Gewirr sie bald verschwanden.
-
-»Aber was haben denn die da oben gemacht?« sagte Zacharias erstaunt.
-
-»Was sie gemacht haben?« rief der Alte, »die Nester der fliegenden Fische
-nehmen sie aus und saufen die Eier aus -- aber wartet, ich passe Euch auf
-den Dienst, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Jetzt sind wir übrigens gleich
-durch den Wald, -- siehst Du, dort drüben stehen schon die Häuser Deiner
-Landsleute, und denen wollen wir nun einmal einen Besuch abstatten. -- Die
-werden sich freuen, wenn sie Einen aus ihrem Lande zu sehen bekommen.«
-
-Der kleine Korallenwald wurde hier schon lichter und bald betraten sie
-wieder eine offene Ebene, in der auf einem flachen Hügel, ganz nahe bei dem
-Wald, die Ansiedelung der damals gescheiterten deutschen Auswanderer lag.
-Daß sie aber zu Deutschen kamen sah Zacharias augenblicklich, denn die Wege
-waren hier nicht allein vortrefflich in Ordnung gehalten, sondern er kam
-auch bald darauf zu einem weiß und grün angestrichenen Wegweiser, dessen
-Arm gerade nach dem Dorf hinüberdeutete, und auf dem die Worte standen:
-
- »Nach Seeburg, eine halbe Pfeife Tabak«
-
-was die Entfernung andeutete, in welcher sie sich von dem Ort noch
-befanden. Hasenmeier mußte freilich die Beine tüchtig unter den Arm nehmen,
-um mit dem Seegreis Schritt zu halten, der trotz seiner zweitausend Jahre
-noch vortrefflich auf den Füßen schien, sie rückten dadurch aber auch rasch
-näher, und nach kaum einer halben Stunde, nachdem sie den Wald verlassen,
-erreichten sie die äußeren Einfriedigungen des Dorfes, das mit seinen
-reinlichen Straßen vor ihnen lag.
-
-Allerdings hatten sie unterwegs noch ein paar Heerden von Seekühen mit
-ihren Kälbern und auch Schildkröten getroffen, die ebenfalls von kleinen
-allerliebsten Nixen gehütet wurden; der Hutmachergesell schien aber jede
-Lust verloren zu haben mit ihnen anzubinden, und es drängte ihn jetzt
-selber, wieder in »gesittete Gesellschaft« zu kommen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Der Kampf mit der Seeschlange.
-
-
-Was unseren Handwerksburschen wunderte, war, daß er noch gar keinen
-Menschen auf der Straße sehen konnte, und er wollte sich eben deßhalb gegen
-seinen Begleiter aussprechen, als hinter einer Korallenhecke, die hier
-zum Einfassen der Gärten benutzt zu werden schien, plötzlich ein Gendarm
-hervortrat, und den Handwerksburschen mit barscher Stimme nach seinem
-Wanderbuch frug.
-
-»Herr, du meine Güte,« rief Hasenmeier überrascht aus, »haben sie denn hier
-unten auch Gendarmen?«
-
-»Hast Du schon ein deutsches Dorf gesehen, mein Bursche,« rief aber der
-Mann des Gesetzes trotzig, »wo _keine_ gewesen wären?« -- und in der That
-konnten sich weder der zweitausendjährige Seegreis noch der Hutmachergesell
-auf eins in der Geschwindigkeit besinnen -- »also mach' rasch, denn ich
-habe keine lange Zeit.«
-
-»Das ist merkwürdig,« murmelte der Handwerksbursch erstaunt vor sich hin;
-aber nicht gewohnt einer solchen Persönlichkeit gegenüber irgend eine
-Widersetzlichkeit zu zeigen, warf er seinen Tornister ab, schnallte ihn auf
-und suchte das Buch.
-
-»Ei du mein Herrgottchen,« rief er dabei, »Alles klatsche naß -- wenn hier
-nur ein Platz wäre, wo man sein Zeug ein Bischen trocknen könnte.«
-
-»Trocknen?« sagte der Seegreis erstaunt, während der Gendarm es unter
-seiner Würde hielt, mit dem reisenden Handwerksburschen ein Gespräch
-anzuknüpfen, ehe sich dieser nicht vollständig legitimirt hatte -- »was ist
-denn das?«
-
-»Was trocknen ist?« rief Zacharias, »das nehmen Sie mir aber nicht übel --«
-
-»Na wird's bald!« rief der Gendarm.
-
-»Entschuldigen Sie gütigst,« meinte der Handwerksbursch, »hat ihm schon
--- hier verehrter Herr Gerichtsbehörde ist mein Paß -- Alles in Ordnung --
-Civil- und Militärbehörden werden ersucht, mich gefälligst --«
-
-»Schon gut,« unterbrach ihn der Mann des Gesetzes, indem er das Papier
-wieder zusammenfaltete und seinem Eigenthümer zurückgab, »können sich hier
-aufhalten, müssen den Paß aber beim Bürgermeister vorher visiren lassen.«
-
-»Beim Herrn Bürgermeister, haben Sie denn hier auch einen Bürgermeister?«
-
-»Ist das wieder eine dumme Frage,« brummte der Gendarm, »wo sechs Deutsche
-zusammen wohnen, brauchen sie doch auch eine Obrigkeit; wofür sollte man
-denn sonst nur Steuern erheben? -- Alles hier wie oben -- Alles genau so!«
-
-»O du lieber Himmel,« seufzte Hasenmeier, aber ganz im Stillen, denn was
-er _jetzt_ dachte, durfte er nicht laut werden lassen, »und deshalb die
-schreckliche Seereise gemacht.«
-
-»Hutmachergesell?« frug der Gendarm lakonisch.
-
-»Wasserdichter,« bestätigte Hasenmeier ebenso.
-
-»Gut -- können einmal meinen alten Filz wieder aufbügeln -- ist ein wenig
-lappig geworden hier unten.«
-
-Zacharias warf einen prüfenden Blick auf den besagten Toilette-Gegenstand
-und bemerkte allerdings, daß die Krempen des alten dreieckigen Filzhutes,
-der einmal mit silbernen Borden besetzt gewesen, eine sehr trübselige Form
-angenommen hatten.
-
-»Wird mir eine Ehre sein,« erwiederte er höflich, »aber wo finde ich den
-Herrn Bürgermeister?«
-
-»Ist gerade auf der Jagd,« sagte der Gendarm, »können so lange in's
-Wirthshaus gehen -- zum goldenen Haifisch.«
-
-»Wirthshaus?« rief Hasenmeier rasch, »alle Wetter, ist hier auch ein
-Wirthshaus im Ort?«
-
-»Na, wenn ein Bürgermeister da ist, wird doch auch ein Wirthshaus da
-sein,« sagte der Gendarm, »gleich dort neben der Kirche -- dem Haus mit dem
-kleinen Thurm.«
-
-Hasenmeier schulterte vergnügt seinen Ranzen wieder und faßte seinen
-Knotenstock fester, denn jetzt fing ihn sein Leben an zu freuen. Das Eine
-nur genirte ihn, daß der Seegreis fortwährend um ihn herum schwamm, und ihn
-dabei immer über die Achsel ansah. Was sollte denn das eigentlich heißen?
-ob er sich vielleicht über ihn lustig machte, weil er sich hatte von dem
-Gendarmen so anfahren lassen? Bah, was verstand so ein Seegreis davon; wie
-Gendarmen behandelt sein wollten, das wußte _er_ besser, und sich an den
-Alten gar nicht mehr kehrend, wanderte er vergnügt der bezeichneten Stelle
-zu.
-
-Rechts und links standen Häuser, alle aus Korallenblöcken aufgebaut, und
-mit breiten Muscheln, wie mit Schindeln gedeckt. Auch Trottoirs hatte
-das Dorf, gar künstlich von Austernschalen gelegt, und an einer großen
-Oekonomie kam er ebenfalls vorüber, wo in einem mächtig breiten Stall eine
-Menge Seekühe mit ihren Kälbern standen, aber keinen einzigen Menschen
-konnte er entdecken -- nirgends die Spur von Leben oder Thätigkeit, und das
-Ganze fing schon an ihm unheimlich vorzukommen. War das Dorf ausgestorben,
-und der Gendarm ganz allein zurückgeblieben?
-
-Jetzt hatte er das Wirthshaus erreicht -- fehlen konnte er's nicht, denn
-ein großes Schild mit einem goldenen Haifisch verrieth den Platz schon von
-Weitem, und rasch schritt er darauf zu, blieb aber ganz erstaunt in der
-Thür stehen, als er das ganze Gebäude, das etwa noch einmal so groß wie die
-gegenüberliegende Kirche sein mochte, gedrängt voll fröhlicher zechender
-Menschen sah.
-
-»Ja, alle Wetter!« rief er erstaunt aus, »da wundert's mich freilich nicht
-mehr, daß ich Niemanden in den Häusern gesehen habe, wenn sie Alle im
-Wirthshaus sitzen.«
-
-»Mach' die Thür zu!« rief ihn aber der Wirth an -- eine große
-breitschultrige Gestalt mit Pockennarben, dessen Gesicht ihm merkwürdig
-bekannt vorkam -- »Donnerwetter das ganze Wasser läuft ja herein.«
-
-Hasenmeier zog rasch die Thür hinter sich zu und den Hut vom Kopf.
-
-»Armer reisender Handwerksbursch,« sagte er dabei mit kläglicher Stimme,
-»bittet allerseits um ein kleines Geschenk.«
-
-»Hurrah, ein Handwerksbursch!« lachten und schrien aber die Gäste
-durcheinander, und ein Toben entstand jetzt, wie es auf der Oberfläche der
-Erde nicht natürlicher hätte aufgeführt werden können.
-
-Hasenmeier sah auch hier zu seinem Erstaunen, wie reichlich mit Getränken
-und Speisewaaren versehen die Bewohner dieser unterseeischen Station sein
-mußten, denn rings an den Wänden waren Massen von Fässern, mit allen nur
-denkbaren köstlichen Weinen und Spirituosen aufgeschichtet, während neben
-an, ein anderes weites Lokal die Speisekammer zu sein schien. Lange Zeit
-ließen ihm aber die Insassen nicht zum Umschauen, denn von allen Seiten
-wurden ihm Krüge und Gläser entgegengehalten, und Hasenmeier wußte gar
-nicht, wo er zuerst zulangen sollte.
-
-»Wo habt Ihr nur alle die guten Sachen her?« rief er dabei, »Ihr lebt ja
-hier wahrhaftig, wie der liebe Gott in Frankreich.«
-
-»Woher?« lachte der Wirth, »glaubst Du denn mein Bursch, daß alle die
-guten Sachen verloren gehen, die uns die Schiffe herunter schütteln --
-Ladungsweise bekommen wir sie, daß wir manchmal gar nicht wissen wohin
-damit -- aber jetzt trink aus, denn wir müssen fort.«
-
-»Fort? wohin?« frug der Handwerksbursch, der gar nicht daran dachte, sobald
-wieder fortzugehen, »hier ist's doch hübsch genug.«
-
-»Ja es wird Zeit,« riefen aber auch die Anderen und holten jetzt aus Ecken
-und Winkeln alle nur erdenkbare Arten von Mordwaffen, Lanzen, Spieße,
-Flinten, Säbel, Pistolen und wer weiß was hervor.
-
-»Aber was ist denn nur los?« rief Hasenmeier, »wollt Ihr in den Krieg? --
-Donnerwetter, halten Sie mir die Flinte nicht so auf den Leib; das Ding
-kann losgehen.«
-
-»Was los ist, Kamerad,« sagte der Wirth, »das sollst Du gleich wissen. Hier
-ganz in der Nähe läßt sich nämlich seit einigen Monaten die _Seeschlange_
-blicken, und holt uns unsere Kühe und Kälber von der Weide, ja, hat neulich
-sogar ein kleines Nixchen, das mit einer Muschel nach ihr warf, mit Haut
-und Haaren aufgefressen.«
-
-»Und hat denn das der Gendarm gelitten?« frug Hasenmeier.
-
-»Ja, _die_ kehrt sich wohl an einen Gendarm,« lachte der Wirth, »nein,
-wo wirklich etwas los ist, da müssen wir immer selber hinaus und uns Ruhe
-schaffen, denn solche Bestien giebt's leider nur zu häufig in unserer
-Gegend. Der Bürgermeister ist auch schon heut Morgen in aller Früh mit
-seinen Hunden ausgegangen, um einmal abzuspüren und wenn wir dann wissen,
-wo sie sich versteckt hält, wollen wir sie nachher schon kriegen.«
-
-»Na, dann will ich derweile ein Bischen hier bleiben und mich ausruhen,«
-sagte Hasenmeier, dem Nichts ferner lag, als hier unten mit einer
-Seeschlange anzubinden, da diese allen früher gelesenen Beschreibungen nach
-ja ein ganz entsetzliches Beest sein sollte.
-
-»Möchtest Du wohl,« meinte der Wirth lachend, »ne mein Bursche, wenn Du
-hier unten bei uns leben willst, gehörst Du auch mit zur Landwehr und mußt
-ausrücken.«
-
-»Aber ich bin militärfrei,« rief Zacharias, »der Doctor hat mich untersucht
-und erklärt, ich hielte die dreijährige Dienstzeit nicht aus -- und dann
-bin ich auch auf dem linken Ohr taub.«
-
-»Papperlapapp!« riefen aber die Anderen, »das macht hier Alles Nichts --
-gebt ihm einmal eine Lanze oder sonst was und nun vorwärts, sonst schimpft
-der Herr Bürgermeister.«
-
-Alle weiteren Gegenvorstellungen, daß er sich eine Blase unter den rechten
-Fuß gelaufen, und den Rheumatismus im Knie hätte, halfen ihm in der That
-Nichts. Sie schnallten ihm einen furchtbar großen Säbel um, der wohl einen
-Fuß hinten nach schleifte und ihm, wenn er sich umdrehen wollte, zwischen
-die Beine kam, und dann brach die ganze Gesellschaft auf, sammelte sich
-draußen auf der Straße und marschirte nun in Reih und Glied, während ein
-paar Jungen vorneweg auf Muscheln bließen, zum Dorf hinaus.
-
-Hasenmeier war bei der Sache nicht recht wohl.
-
-»Wenn ich _das_ gewußt hätte,« dachte er bei sich, »so wäre ich lieber
-noch einen Tag an Bord geblieben,« aber es nützte ihm Nichts. Als
-Vaterlandsvertheidiger mußte er mit in Reih und Glied marschiren, und dabei
-auch noch vergnügt aussehen, wenn er nicht von seinen Nebenmännern verhöhnt
-sein wollte.
-
-So zog der kleine Trupp, etwa vierzig Mann stark, durch die stillen Straßen
-der Stadt, und Hasenmeier bemerkte wohl, daß hie und da verstohlen ein
-Frauenkopf an die Fenster kam, um nach einem oder dem anderen der jungen
-Lieutenants hinunter zu schielen; aber es blieb ihm auch nicht viel Zeit
-zu solchen Betrachtungen, denn schon öffnete sich vor ihnen das weite Feld,
-eine mit hohem Seegras bewachsene Wiese, in der ihnen jeden Augenblick die
-gefürchtete Seeschlange unter den Füßen herausfahren konnte.
-
-Dort draußen bewegte sich jetzt eine menschliche Gestalt, die ihnen
-zuzuwinken schien -- das mußte der Bürgermeister sein und die Muschelbläser
-vorn wurden bedeutet, ruhig zu sein, denn man konnte ja nicht wissen, wie
-nahe die Bestie versteckt lag.
-
-So rückten sie leise und geräuschlos vor, aber das Seegras war hier so
-tief und verwachsen, daß Hasenmeier kaum darin fortkonnte und immer ärger
-stöhnte und schwitzte.
-
-Der Herr Bürgermeister, der seine Flinte in der Hand hielt, suchte indessen
-das nächste Feld ab und hielt plötzlich still und sah vorsichtig voraus.
-Zacharias bemerkte jetzt, daß er ein paar große Seehunde bei sich hatte,
-und der eine stand -- der Bürgermeister winkte, daß sie sich ruhig
-verhalten sollten, und schritt leise vor. Der eine Seehund zog vortrefflich
-an -- plötzlich fuhr ein Volk fliegender Fische aus dem Gras heraus und der
-Bürgermeister machte eine famose Doublette nach rechts und links, während
-die beiden Seehunde vorsprangen und jeder seinen Fisch apportirte.
-
-Hasenmeier, von dem ermüdenden Marsch durch das Seegras vollständig
-erschöpft, war froh genug, einen, wenn auch nur kurzen Ruhepunkt zu
-gewinnen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich dann auf
-einen der nahebei befindlichen Korallenblöcke, die hier überall aus dem
-Gras hervorschauten. Mit einem lauten Aufschrei sprang er aber auch schon
-in demselben Moment wieder in die Höh', denn er hatte sich den Platz, auf
-den er sich niederlassen wollte, vorher nicht genau angesehen, und sich
-dabei mitten auf einen Meerigel gesetzt, der dort zusammengerollt lag.
-
-Die Anderen lachten, aber es war jetzt doch keine Zeit zur Kurzweil mehr,
-denn der Bürgermeister kam heran und theilte den Leuten mit, daß er das
-Versteck des Meerungeheuers aufgespürt habe. Es sollte zusammengeknäult
-in einem kleinen Dickicht von Algen und Korallenbäumen liegen, die etwa
-tausend Schritt von dort entfernt standen und deutlich von hier aus zu
-erkennen waren.
-
-»Wer ist der Neue da,« sagte der Bürgermeister plötzlich und streng, als
-sein Blick auf Hasenmeier fiel, »wo kommt er her?«
-
-»Bitte um Entschuldigung, Herr Bürgermeister, ich wollte nur --« stammelte
-der Handwerksbursch.
-
-»Paß in Ordnung?« fragte der Beamte.
-
-»Alles -- wenn Sie erlauben --«
-
-»Nachher -- jetzt ist keine Zeit dazu,« wehrte aber der Bürgermeister
-ab, der übrigens wie ein ganz gewöhnlicher Mensch aussah, nur daß er
-Schwimmhäute zwischen den Fingern trug -- und Hasenmeier überzeugte sich
-jetzt, daß dies bei allen Uebrigen ebenso der Fall war. Der Bürgermeister
-aber fuhr fort: »Wir müssen das Dickicht umzingeln und dann zwei Mann
-hineinschicken -- denn meine Hunde wollen nicht dran und ich mag sie auch
-nicht riskiren. -- Zwei Mann, die das Beest aufstören und hinaus in's
-Freie treiben -- und nun vorwärts marsch, damit wir nicht zu spät zum Essen
-kommen.«
-
-Er hatte dabei sein Gewehr wieder auf eine ganz eigenthümlich rasche Art
-geladen und fort ging's auf's Neue, gerade auf das furchtbare Dickicht
-zu, dem Hasenmeier viel lieber, so weit er nur irgend gekonnt hätte,
-ausgewichen wäre. Es lag ihm auch jetzt gar Nichts daran, daß sie so rasch
-vorrückten, aber all diese verzweifelten Seemenschen schienen auf einmal
-eine ganz entsetzliche Eile zu haben, und ehe eine Viertelstunde verging,
-befanden sie sich dicht vor der Dickung, in welcher das Ungeheuer seinen
-Mittagsschlaf halten sollte.
-
-Da winkte der Bürgermeister mit der Hand, denn die Seehunde drückten sich
-scheu zwischen seine Füße -- ein sicheres Zeichen, daß die Bestie in der
-Nähe sei.
-
-»Kameraden,« redete er die kleine Schaar an, »wir sind am Ziel. Da drinnen
-liegt das Ungeheuer, das unsere Heerden und Hirten frißt, und nächstens
-auch vielleicht einmal nach Seeburg hinein kommt, um Einen von uns zu
-holen. Das müssen wir verhüten, denn ein solcher Satan respektirt nicht
-einmal die Obrigkeit, also zieht Euch jetzt um das Dickicht herum und
-thut Eure Pflicht, wenn der richtige Moment naht. -- Vorher aber zwei
-Freiwillige vor, die kühn in das Dickicht hineinbrechen und den tückischen
-Feind zum Weichen bringen -- dann läuft er uns nachher von selber in die
-Hände. -- Also habt Ihr mich verstanden? -- _zwei Freiwillige_ vor!«
-
-Niemand rührte sich.
-
-»Na?« rief da Bürgermeister entrüstet, und fuhr Hasenmeier an, »Hast Du es
-nicht gehört, Du Lump! Freiwillige vor! warum kommst Du nicht? soll ich Dir
-etwa erst Beine machen?«
-
-»Aber bester Herr Bürgermeister,« rief Hasenmeier erschrocken, »als
-wasserdichter Hutmachergeselle --«
-
-»Wirst Du Dein Maul halten und freiwillig vortreten oder nicht!« schnauzte
-ihn da noch einmal der Schreckliche an und Hasenmeier sah eben keinen
-anderen Ausweg als sich für das allgemeine Wohl zu opfern. Nur erst einmal
-im Dickicht drin, wollte er aber schon Sorge tragen, daß er dem Seeungethüm
-nicht zu nahe käme, denn es muthwillig aufzustören und böse zu machen,
-daran dachte seine Seele nicht. -- Aber auch hierin sollte er sich
-getäuscht sehen, da sich der Wirth selber als _zweiter_ Freiwilliger
-meldete, und jetzt, dem Hutmacher auf die Schultern klopfend rief:
-
-»Und nun komm, Kamerad -- es ist Zeit. Donnerwetter, Du hast Dich doch
-jetzt genug ausgeruht und die Seeschlange geht Dir sonst meiner Seel'
-durch!«
-
-»Das wär' ein Unglück,« dachte Hasenmeier, aber was half's, vorwärts mußte
-er, und sich den Hut verzweifelnd in die Stirn rückend, sagte er:
-
-»Na denn man zu, aber wenn das eine Behandlung ist für eine Civil- und
-Militärbehörde, so will ich Schulze heißen« -- und mit den Worten sprang er
-so rasch in das Dickicht hinein, daß ihm der Wirth kaum folgen konnte. --
-Am meisten störte ihn aber dabei der lange Schleppsäbel, der bald in den
-Algen hängen blieb, bald zwischen seine Füße hineinkam, daß er darüber
-hinstürzen mußte. Aber er achtete das Alles nicht -- vorwärts -- weiter
-hatte er in diesem Augenblick gar keinen Gedanken, und ehe er nur recht
-wußte, wie er dahin gekommen, stak er mitten im Dickicht drin und in einem
-wahren Gewirr von Korallen und ekelhaften Seegewächsen.
-
-Da raschelte etwas vor ihm, deutlich konnte er sehen, wie sich die langen
-grünen schleimigen Blätter bewegten, und in den Korallenästen krachte und
-brach es, daß die bröcklichen Zweige herumstoben. Der Wirth, der dicht
-hinter ihm war, faßte ihn jetzt an der Schulter und schrie ihm in's Ohr:
-
-»Auf! auf! Hutmacher. Zieh den Degen! sie kommt!«
-
-Hasenmeier wollte seinen Degen aus der Scheide reißen, aber es ging nicht
--- die verwünschte Klinge war in dem Seewasser fest eingerostet.
-
-»Herr, du meine Güte!« schrie er, »das hat noch gefehlt.«
-
-Vor ihm hob sich ein furchtbares Ungethüm aus dem Gebüsch und sperrte
-gierig den weiten, mit ganz entsetzlichen Zähnen bewehrten Rachen gegen ihn
-auf -- heißer Dampf schoß daraus hervor, die kleinen grünen Augen blitzten
-ihn mit funkelnder Wuth an, und schienen das ausersehene Opfer schon voraus
-zu durchbohren.
-
-Nur den Säbel jetzt heraus, daß er sich gegen das Scheusal wehren konnte --
-mit der Linken hatte er die Scheide gefaßt, mit der Rechten riß er an dem
-Griff, daß es ihm die Stirnader zu sprengen drohte -- der Säbel saß fest --
-noch einmal -- jetzt brach der Griff ab, als ob er von Glas gewesen wäre,
-und mit einem jähen Sprung warf sich das Ungeheuer auf ihn und faßte ihn
-mit den Zähnen.
-
-»Hülfe! Hülfe!« brüllte Hasenmeier und hörte nur noch wie der Wirth ganz
-ruhig sagte:
-
-»Aber was schreist Du denn so, Hutmacher -- Donnerwetter, Mensch, Du
-alarmirst mir ja das ganze Haus.«
-
-»Ja -- ja -- wo ist -- wo ist denn die Seeschlange?« rief Hasenmeier und
-richtete sich erschreckt empor.
-
-»Die Seeschlange?« lachte der Wirth, »die soll wohl auf _Dich_ warten, die
-ist mit der Ebbe ausgesegelt und schon aus Sicht.«
-
-»Die Seeschlange? -- aber Du meine Güte -- wo bin ich denn?« rief der arme
-Teufel sich erschreckt die Augen reibend, »wo ist denn der Bürgermeister
-und -- ich war doch? --«
-
-»Der Bürgermeister?« sagte der Wirth schmunzelnd, »von Civil- und
-Militärbehörden hast Du genug gefaselt, aber jetzt wach' einmal ordentlich
-auf -- es ist bald Mittag und das Mädchen will die Stube rein machen.«
-
-Hasenmeier saß in seinem Bett, aber im Kopf ging's ihm wie ein Mühlrad
-herum -- da stand der Wirth aus dem goldenen Haifisch, und hier lag er in
-einer fremden Stube im Bett, und von Seeschlangen, Algen und Korallen keine
-Spur -- nicht einmal den Säbel hatte er umgeschnallt.
-
-»Aber wo bin ich denn, Herr Wirth,« rief er mit kläglicher Stimme, »was ist
-denn nur mit mir vorgegangen?«
-
-»Was mit Dir vorgegangen ist, mein Bursche?« meinte der Blatternarbige,
-»nichts Besonderes -- einen höllischen Rausch hast Du Dir gestern Abend
-angetrunken und geschlafen wie ein Ratz und das tollste Zeug dabei
-geschwatzt. -- Jetzt mach aber, daß Du heraus kommst, denn das Zimmer soll
-gelüftet werden.«
-
-Zacharias Hasenmeier war wie vor den Kopf geschlagen. Die Erinnerung an
-den gestrigen Abend stieg wohl dämmernd in ihm auf, aber Seegreise, Nixen,
-Schildkröten und Seeschlangen schwammen dazwischen herum, und seine Reise
-selbst -- war denn das Alles nur ein Traum gewesen? -- Angezogen wie er
-gestern in das Wirthshaus gekommen, lag er überdieß im Bett -- nur die
-Stiefeln hatten sie ihm ausgezogen -- nicht etwa _seiner_ Bequemlichkeit,
-sondern des Bettes wegen und fast mechanisch griff er in die Tasche nach
-seinem Geld. -- Herr du meine Güte, das war fort und -- das machte ihn
-munter.
-
-Wie der Blitz sprang er auf und visitirte bestürzt alle Taschen -- nicht
-die Spur davon war mehr zu finden.
-
-»Na was suchst Du Schatz?« sagte der Wirth, der ihn kopfschüttelnd
-betrachtet hatte, »Deine Brieftasche?«
-
-»Nein, die ist da,« rief der Hutmachergesell -- »aber mein Geld -- zehn
-Thaler 17½ Silbergroschen.«
-
-»So?« lachte der Blatternarbige, »einen ganzen Abend zechen und die
-Gesellschaft traktiren und den Mädels Geld schenken und dann soll am
-anderen Morgen auch noch die Baarschaft vollständig beisammen sein -- wäre
-nicht übel. Einen solchen Geldbeutel wünschte ich mir auch.«
-
-»Ja aber,« stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn Alles bezahlt?«
-
-»Soweit es reichte, ja,« lautete die Antwort, »drei Mark zehn Schilling
-bist Du aber noch schuldig, mein Bursch, und wenn Du die nicht zahlen
-kannst, werde ich indessen Deine neuen Stiefeln als Pfand behalten.«
-
-Zacharias Hasenmeier saß, die Hände gefaltet, auf dem Bettrand und starrte
-wie verloren vor sich hin. Fortwährend schüttelte er dazu mit dem Kopf, und
-so wenig er im Anfang begriffen haben mochte, wie Alles zusammenhing,
-kam er doch jetzt endlich zu der Ueberzeugung, daß er der unglückseligste
-wasserdichte Hutmachergesell wäre, der je einer Pappelallee Fährten
-eingedrückt. Er machte allerdings einen Versuch seinen Unwillen und sogar
-einen Verdacht zu äußern, daß vielleicht nicht Alles mit rechten Dingen
-zugegangen sei, aber der Wirth wurde, nur bei der geringsten Andeutung
-dahin, so furchtbar grob, daß er das bald in Verzweiflung aufgab.
-
-Und jetzt? -- der Wallfischfänger, die »Seeschlange« war allerdings schon
-an dem Morgen ausgesegelt; wäre er aber auch noch vor Anker gelegen,
-Hasenmeier hatte, mit der Erinnerung an das Ausgestandene, alle Lust zur
-Seefahrt und zu fremden Ländern verloren und dankte sogar noch Gott, als
-er später in Hamburg selber Arbeit fand, um zuerst seine Stiefeln wieder
-auszulösen und dann neues Reisegeld zu verdienen. Von Schiffen wollte er
-aber Nichts mehr wissen und hütete sich von da an ganz besonders keiner
-Matrosenkneipe wieder zu nahe zu kommen.
-
-
-
-
-Das Hospital auf der Mission Dolores.
-
-Californische Skizze.
-
-
-Es ist eine allbekannte Thatsache, daß viele Kirchen und Klöster, die nur
-gebaut wurden, um Gott darin anzubeten, ihrem ersten, frommen Zweck nicht
-immer erhalten werden konnten und die verschiedenste, oft nichts weniger
-als heilige Verwendung fanden. Besonders in Kriegszeiten geschah
-das häufig, wo die festen Mauern der Gotteshäuser wie die steinernen
-Einfassungen der Kirchhöfe als Festungen und Verschanzungen benutzt wurden;
-aber auch selbst im vollen Frieden trifft man hier und da Tempel und
-Kapellen, zu denen kein Küster oder Sakristan mehr die Schlüssel führt,
-sondern ein Markthelfer, weil man sie eben in Lagerhäuser oder Keller
-umwandelte.
-
-Bei Buenos-Ayres besuchte ich einst, noch zu _Rosa's_ Zeiten, ein in der
-unmittelbaren Nähe der Stadt gelegenes altes Kloster, das der Dictator
-einem Stamm der Pampas-Indianer zum Wohnort und zugleich zu einem halben
-Gefängniß angewiesen hatte, und in der Kapelle selbst lagerten die wilden,
-halbnackten Gestalten der braunen Krieger, während der Altar noch die
-Ueberreste einer, wohl zerrissenen und in Fetzen niederhängenden, aber
-reich gestickten Decke trug. Das Außerordentlichste in dieser Art fand aber
-doch wohl mit der dicht bei San-Francisco gelegenen californischen Mission
-Dolores statt; denn so urplötzlich wurde nach der Entdeckung des Goldes das
-Land von Einwanderern überschwemmt, und so rasend schnell folgte Schiff auf
-Schiff, daß die Anlangenden gar nicht gleich untergebracht werden konnten
-und alle Winkel und Räume schon vorhandener Gebäude füllten.
-
-Das alte Missionsgebäude, das bis dahin still und einsam in wenig mehr
-als einer Wüste, und etwa drei englische Meilen von San-Francisco, der
-Hauptstadt des Landes, ab gelegen, entging denn auch dieser Umwandlung
-nicht.
-
-Es war ein mächtiges Gebäude, aus ungebrannten Backsteinen aufgebaut und
-mehrere Stockwerke hoch, einen großen geräumigen Hof umschließend, während
-in der Front nach der Bai zu die Kirche selber lag. Das ganze übrige
-kasernenartige Haus hatten aber bis dahin nur eigentlich drei Menschen
-bewohnt: der Geistliche, dessen alte Haushälterin, und eine Art Factotum
-des katholischen Pfarrers, ein Deutscher -- und welche Veränderung brachten
-da wenige Monate zu Stande!
-
-Kaum war das Gold entdeckt und die Nachricht von jenen fabelhaften Schätzen
-zu gleicher Zeit fast über alle Welttheile verbreitet worden, als die
-Einwanderung begann, und das benachbarte Mexico und die Vereinigten
-Staaten zuerst ihre Schaaren hinüber sandten. Dann folgten die Bewohner der
-Westküste und Sandwich-Insulaner, dann Australier und Europäer, und selbst
-die Chinesen schwärmten herüber, um ihren Theil von dem Gold zu holen, und
-reiche Leute zu werden.
-
-In San-Francisco sammelte sich natürlich Alles, aber nicht Jeder
-führte Zelt oder Wohnung mit, und nun mußte die Nachbarschaft ebenfalls
-unterbringen, was sie unterbringen konnte, da die einsetzenden Regen ein
-Lagern im Freien nicht mehr gestatteten. -- Was wurde da aus dem alten
-Missionsgebäude!
-
-Unten in einem der Flügel errichtete ein Deutscher eine Brauerei, mauerte
-einen Kessel ein und fing an zu kochen. In der vorderen Flanke,
-zunächst der Kirche, setzte sich ein Amerikaner fest und etablirte eine
-Restauration, wobei er es bald zweckmäßig fand, eines der alten, großen und
-öden Zimmer zu einem Tanzsalon umzuwandeln, in dem dann allwöchentlich ein
-paar Fandangos gehalten wurden.
-
-Hierauf folgte ein Sohn der »grünen Insel« -- ein Ire, der an die andere
-Seite noch eine gewöhnliche Branntweinkneipe setzte, und der Priester mußte
-es sogar geschehen sehen, daß eine chilenische alte Señora mit fünf jungen
-Damen, aber keinen Nonnen, in das alte Kloster einzog und nicht wieder zu
-vertreiben war.
-
-Aber _noch_ nicht genug. Von Buenos-Ayres war ein portugiesischer Arzt nach
-Californien gekommen, der in San-Francisco ein Hospital gründen wollte,
-dort aber keinen Platz fand und sich nun ebenfalls auf die Mission
-angewiesen sah.
-
-Er ritt hinaus, um mit dem Priester eine Verabredung zu treffen, fand
-ihn aber nicht mehr, denn dem würdigen Herrn war der Lärm doch zu bunt
-geworden, da sich in den letzten Tagen auf der einen Seite ein Schwarm
-Indianer, und dicht unter seiner eigenen Wohnung auch noch eine Rotte von
-Mexikanern eingenistet, die des draußen niederstürzenden Regens wegen gar
-nicht mehr fortzubringen waren.
-
-Anfangs hatte er, um sich die Lästigen aus seinem eigenen Hause zu halten,
-und nicht im Stande Gewalt anzuwenden, eine Anzahl Processe angestrengt,
-aber nur zu bald sollte er die traurigen Folgen derselben kennen lernen,
-denn er fiel dadurch einer ganzen Schaar von Geiern in die Hände, die alle
-Zahlung von _ihm_ wollten, ohne daß sie das Geringste für ihn ausgerichtet
-hätten. Da wurde ihm der alte Platz zu warm, und eines Morgens war er
-spurlos verschwunden.
-
-Der portugiesische Doctor aber sah das als kein Hinderniß an. Da er
-Niemanden fand, der ihm ein Quartier _vermiethen_ konnte, nahm er das
-Gebäude selber in Augenschein, fand die Bodenräume zu einer Aufstellung von
-Betten passend und quartierte sich dabei ganz ungenirt in der verlassenen
-Priesterwohnung ein. Er war ein praktischer Mann, der recht gut wußte, daß
-das Recht des _Besitzenden_ in diesem Land schwer anzutasten blieb. Schon
-am nächsten Tag trafen auch eine Anzahl von Maulthieren mit Matratzen und
-wollenen Decken ein, während mit höchster Fluth ein paar Wallfischboote,
-mit einer Anzahl eiserner Bettgestelle befrachtet, den schmalen Canal,
-der die Mission mit der Bai von San-Francisco verband, hinauf fuhren. Als
-Aushülfe hatte sich der Doctor dabei die müßig im Haus liegenden Mexikaner
-und Indianer gemiethet, und noch vor Sonnenuntergang standen zwanzig Betten
-dort oben, unmittelbar unter dem schrägen, an vielen Stellen defecten
-Ziegeldach auf dem offenen Boden, durch den der oft stürmische Wind nach
-allen Richtungen hin seinen Durchzug hatte. -- Das war das _Hospital_, das
-jetzt seiner unglücklichen Bewohner harrte.
-
-Die bisherigen Insassen des alten Gebäudes sahen allerdings mit nicht
-geringem Erstaunen diese Vorbereitungen und schüttelten auch wohl den Kopf,
-wenn die Vermuthung ausgesprochen wurde, daß dort hinauf _Kranke_ geschafft
-werden sollten -- noch dazu mitten in der Regenzeit, wo man da oben und in
-dem kalten Wetter nicht einmal ein Feuer anzünden konnte. Aber was war in
-damaliger Zeit in Californien nicht möglich, noch dazu mit armen Teufeln,
-die sich selber nicht mehr helfen konnten!
-
-Schon am zweiten Tag traf der erste Kranke ein, -- ein junger Matrose,
-bewußtlos und todtenbleich, der von vier Leuten die steilen Treppen
-hinaufgeschafft und in ein Bett gelegt wurde, Nr. 1. An dem nämlichen Abend
-langte noch ein kranker Portugiese an und wurde in No. 2 des Amerikaners
-Nachbar, und ehe eine Woche verging, waren von den zwanzig Betten schon
-siebenzehn mit solchen Unglücklichen gefüllt, die in diesem »Hospital« kaum
-besser als auf offener Straße lagen.
-
-Die Bewohner des Missionsgebäudes wollten jetzt allerdings gegen eine
-solche Einquartierung protestiren, denn sie fürchteten nicht mit Unrecht
-durch irgend eine gefährliche und ansteckende Krankheit selber bedroht zu
-werden; aber es half ihnen Nichts. Das nämliche Recht, in dem alten Gebäude
-zu wohnen, das die Gesunden für sich geltend machten, mußte auch den
-Kranken werden, und welchen Ausgang gerichtliche Klagen in Californien
-nahmen, hatten sie nur zu deutlich an dem eigentlichen Besitzer
-der Mission, an dem katholischen Priester, gesehen, der durch die
-_Gerechtigkeit_ des Landes von Haus und Hof getrieben worden war.
-
-Welch ein entsetzlicher Aufenthalt war es aber für die unglücklichen
-Kranken selber, wenn der Regen auf die unmittelbar über ihren Köpfen
-befindlichen Ziegel schlug und oft sogar auf ihre Kissen tropfte, und der
-Wind dann durch all die tausend Ritzen und Spalten heulte und pfiff,
-denn nirgends war der Ort, an dem sie sich befanden, auch nur durch eine
-Bretterwand abgegrenzt, ja selber nach unten, zu der Brauerei führte nur
-die vollkommen offene Bodentreppe, und von dort her stieg, wenn da unten
-gebraut wurde und Feuer unter dem Kessel brannte, der dicke Qualm empor,
-und sammelte sich da oben zu solchen Schwaden, daß man kaum seine Hand vor
-Augen sehen konnte.
-
-Der Doctor wollte diesem Uebelstand allerdings abgeholfen haben und
-beschwerte sich darüber bei den Brauern; aber was nützte ihm das? Die
-Brauerei hatte dort früher bestanden als das Hospital, und Niemand ihn
-gezwungen, seine Patienten dort unterzubringen. Allerdings schien sich
-die Brauerei verpflichtet zu haben, ihre Abtheilung des Bodens, wenn es
-je verlangt werden sollte, von der andern abzutrennen, aber es war nicht
-bestimmt, durch was, und so zogen die Eigenthümer, da eine feste Wand gar
-nicht zu bezahlen gewesen wäre, einfach dünnen Kattun querüber, und
-durch den ließ sich der Qualm natürlich nicht abhalten; er drang überall
-hindurch.
-
-So vergingen Monate. Viele, viele Unglückliche waren in diesen
-entsetzlichen Aufenthalt geliefert, und nur sehr wenige gesund daraus
-entlassen worden; oft und oft aber kletterten Morgens mit Tagesanbruch vier
-oder sechs Männer, einen in eine Decke gewickelten Leichnam zwischen
-sich tragend, die steile und schmale Holztreppe hinab und legten den
-Verstorbenen unten auf dem kleinen Kirchhof, den die darüber hängende
-Dachtraufe in der Regenzeit zu kaum mehr als einem Sumpf wandelte, in sein
-kaltes, feuchtes Grab -- nicht einmal einen Sarg bekam er mit; der hätte zu
-viel Geld gekostet.
-
-Und immer wilderes Leben füllte die weiten, trostlosen Räume des alten
-Klosters, dessen Zimmer mehr Ställen und Kellern, als menschlichen
-Wohnungen glichen. Die Brauerei war allerdings indessen aufgegeben, aber
-an einen anderen Brauer verkauft, der nur noch nicht Besitz davon
-ergriffen hatte, und noch zwei neue Schenkstände wurden, der eine von einem
-Mexikaner, der andere von einem Amerikaner, eröffnet.
-
-Zu dem Amerikaner hatten sich die chilenischen Mädchen gezogen, und hielten
-dort wilde Fandangos, zu welchen nicht selten das rohe Männervolk aus der
-Umgegend gezogen kam, während die dort in der Nachbarschaft ansässigen
-Californier mit ihren Frauen und Töchtern das Lokal des Mexikaners
-benutzten; denn sie haßten die Amerikaner, die ihnen ihr Land genommen
-und verkehrten nur wenig mit ihnen. Ohne Tanz konnten sie aber ebensowenig
-bestehen, denn auf der Mission wohnten doch wenigstens zehn oder zwölf
-californische Familien mit einer Anzahl erwachsener Töchter, und ganz
-allerliebste Mädchen unter ihnen, denen die kleinen Füße schon zuckten,
-wenn sie nur Musik hörten.
-
-Eine der hübschesten unter ihnen, und dabei unstreitig die beste,
-zierlichste Tänzerin, war aber die Señorita Marequita, die Tochter eines
-dort ansässigen und ziemlich wohlhabenden Viehzüchters, und sobald sie bei
-einem der Fandangos zum Tanze antrat, wurden ihr nicht nur jubelnde Bravos
-zugerufen, sondern es flog sogar, nach californischer Sitte, mancher
-Silberdollar, ja manches Goldstück zu ihren Füßen nieder.
-
-Es konnte auch in der That nichts Lieblicheres geben, als dies junge,
-bildhübsche Wesen den Fandango oder einen jener anderen spanischen Tänze
-auszuführen zu sehen. Da bemerkte man freilich Nichts von dem unanständigen
-Beinewerfen nachgemachter Spanierinnen, die sich bei uns produciren -- jede
-Bewegung war züchtig, aber auch eben so graciös, und wie eine Elfe glitt
-sie herüber und hinüber. Die Schönheit und Liebenswürdigkeit der jungen
-Californierin war auch schon bis nach San-Francisco gedrungen, und häufig
-kamen die Amerikaner heraus, um sie zu bewundern, ja selbst von den in
-der Bai ankernden amerikanischen Kriegsschiffen trafen zu Zeiten einzelne
-Officiere ein, und man erzählte sich, daß Einer von Diesen schon sogar um
-ihre Hand angehalten habe. Aber er mußte mit einem Korb abgezogen sein,
-denn er ließ sich seit jener Zeit nicht mehr auf der Mission blicken, und
-die Californier selber zeigten sich danach nur noch soviel stolzer auf ihre
-Landsmännin, daß sie in keine Verbindung mit dem verhaßten amerikanischen
-Stamm gewilligt hatte.
-
-Marequita wußte aber auch noch einen anderen Grund, weßhalb sie den
-freundlichen Worten des jungen Officiers nicht gelauscht, denn ihr Herz
-war schon seit Monden nicht mehr frei, und sie erröthete tiefer und tanzte
-befangener, wenn ein junger Franzose, Jerome -- wie er von den Kameraden
-genannt wurde, den Tanzsaal betrat, und ihr in der ersten Zeit nur mit
-schüchterner Zurückhaltung die Hand zum Gruße bot. Nach und nach schien er
-aber doch dreister geworden zu sein, denn er besuchte die Mission häufiger,
-und jetzt auch sogar das Haus in dem Marequita's Vater wohnte, und faßte
-zuletzt sogar Muth genug, Diesen um die Hand seiner Tochter zu bitten,
-was der Californier vor allen Dingen mit einer Frage nach seinen
-Vermögensverhältnissen beantwortete.
-
-Mit diesen stand es freilich nicht -- wenigstens nach californischen
-Ansprüchen so, daß beide Theile hätten damit zufrieden sein können. Der
-junge Franzose besaß allerdings ein paar hundert Thaler Geld, aber
-Du lieber Gott! was wollte das in einem Lande sagen, wo man manchmal
-ebensoviel zu einem Souper verbrauchte, und das Resultat lautete denn auch
-demzufolge: der Vater würde gegen eine Verbindung des jungen Mannes mit
-seiner Tochter nicht das Geringste einzuwenden haben, wenn -- Don Jerome
-nur erst einmal nachzuweisen vermöge, daß er im Stande wäre einen eigenen
-Hausstand zu beginnen und eine Frau zu ernähren. Das sah Don Jerome denn
-auch ein, nahm zärtlichen Abschied von dem lieben, unter Thränen zu ihm
-auflächelnden Kind, kaufte sich Handwerkszeug und schiffte sich frohen
-Herzens nach Sacramento ein, um oben in den nördlichen Minen sein Glück
-zu versuchen und so rasch als irgend möglich ein reicher Mann zu werden.
-Aehnliche Beispiele kamen ja alle Tage vor, und weßhalb sollte _ihm_ das
-Glück nicht ebenso günstig sein als tausend Anderen, die es noch dazu nicht
-einmal verdienten oder zu benutzen verstanden, weil sie fast regelmäßig
-auch das Gewonnene gleich wieder an Ort und Stelle vertranken oder
-verspielten.
-
-So vergingen wieder mehrere Monate. Der Sommer war vorüber, und die
-Regenzeit setzte aufs Neue ein, ohne daß Briefe von Jerome gekommen wären,
-und er hatte doch so fest versprochen dann und wann zu schreiben und
-Nachricht über sich und seine Erfolge zu geben. Aber das junge Mädchen
-fühlte sich dadurch eben nicht sehr beunruhigt, denn die Postverbindung
-zwischen San-Francisco und den Minen war eine noch so unvollkommene, und
-ruhte außerdem fast ganz in Privathänden, daß man auf den richtigen Empfang
-eines abgesandten Briefes nie rechnen konnte. Es kam sogar grade in dieser
-Zeit sehr häufig vor, daß derartige Leute, die übernommen hatten Briefe und
-Geldsendungen zu besorgen, entweder unterwegs überfallen und todtgeschlagen
-oder beraubt wurden, oder auch selber mit den ihnen anvertrauten Geldern zu
-Schiff und durchgingen.
-
-Ja sogar in San-Francisco lag das Postwesen noch derart im Argen, daß
-irgend ein Fremder, wenn er vorgab beauftragt zu sein, Briefe abzuholen,
-auf dem Bureau sich aussuchen und mitnehmen durfte, was er wollte, -- waren
-doch die Beamten nur froh, dadurch wieder ein Packet unbestellbarer und
-ihnen lästig werdender Briefe aus ihren Fächern zu bekommen. Ob die Briefe
-je an ihre Adressen befördert wurden, was kümmerte es sie, sobald sie nur
-das Porto dafür erhielten.
-
-Auf der Mission hatte sich indessen Manches in sofern geändert, als die
-Verbindung mit San-Francisco eine weit bessere und leichtere geworden war.
-Früher mußte man die drei Meilen durch knöcheltiefen Sand Hügel auf und ab
-waten oder reiten, während Fuhrwerke nur mit Mühe und Noth ihren Weg durch
-den schweren Boden verfolgen konnten, und jetzt hatten die unternehmenden,
-thätigen Yankees eine breite, ebene, mit Planken durchaus belegte Straße
-gebaut, auf der das Fuhrwerk dahinrollte, wie auf einer Eisenbahn. Ueberall
-auf dem Weg ließen sich dabei Ansiedler nieder, theils auf den späteren
-Werth der Grundstücke speculirend, theils um gleich jetzt Wirthshäuser und
-Branntweinschenken zu errichten.
-
-Auch mit der Mission selber war eine Veränderung vorgegangen, indem
-sich dort einige amerikanische Ackerbauer niedergelassen hatten und zum
-erstenmale den Pflug in den Boden brachten. Das Land erwies sich auch in
-der That viel fruchtbarer als man geglaubt, und es zeigte sich später als
-eine ganz vortreffliche Speculation, das Getreide, das man bis dahin mit
-schwerem Geld hatte in weit entfernten Hafenplätzen kaufen müssen, hier
-gleich an Ort und Stelle selbst zu bauen.
-
-Dabei waren auch, um die Mission herum eine Menge von neuen Häusern
-theils schon entstanden, theils noch im Bau begriffen und ein reges
-Leben herrschte auf dem sonst so stillen und einsamen Platz. Nur das alte
-Missionsgebäude mit seiner buntgemischten, wunderlichen Bevölkerung lag
-noch wie früher träumend unter seinem defecten Ziegeldach, und wenn es auch
-seine Bewohner zeitweilig wechselte, blieb die _Art_ des Verkehrs darin
-doch noch für lange Zeit die nämliche.
-
-Der Besuch des Hospitals war allerdings ein geringerer geworden, weil man
-indessen in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt ein anderes und besseres
-gebaut hatte. Da übrigens der Doktor von seinen bis dahin enormen Preisen
-herunterging und billigere Bedingungen stellte, so wurden ihm doch noch von
-Zeit zu Zeit einzelne Patienten ausgeliefert, deren Mittel entweder
-nicht ausreichten, oder für welche Andere zu sorgen hatten, wobei sie die
-Vorsicht nicht versäumten, so wenig als möglich Auslagen zu haben.
-
-In den Minen waren auch grade außergewöhnlich viel Krankheiten vorgekommen,
-denn so gesund das californische Klima an und für sich sein mochte, so
-trug doch die wilde, unregelmäßige Lebensart, wie die schwere, für Tausende
-ungewohnte Arbeit viel dazu bei, besonders hitzige Fieber zum Ausbruch zu
-bringen, die für die davon Betroffenen nur zu häufig aus Mangel an Pflege
-und ärztlicher Behandlung einen schlimmen und tödtlichen Ausgang nahmen.
-
-Wie mancher arme Teufel, der mit goldenen Hoffnungen und Träumen in das
-Land gekommen, erhielt dort oben Nichts als sechs Fuß Erde und einen
-Steinring um das enge Grab, auch wohl noch ein rohes Kreuz mit dem Beil
-in den nächsten Baum eingehauen -- das war Alles. Und daheim seine Lieben
-sorgten und ängstigten sich vielleicht noch Jahre lang um den Geschiedenen,
-mit sehnenden Herzen seiner Rückkehr harrend, und schrieben und frugen an
-bei Behörden und Regierung. Umsonst -- wer kannte die Namen der Todten, die
-überall zerstreut unter den Eichbäumen des weiten Landes lagen -- wer hatte
-je nach ihnen gefragt!
-
-Glücklich waren noch Solche zu schätzen, welche Krankheit nicht allein
-und einsam in der Wildniß traf, und welche Freunde fanden, um sie aus den
-Bergen und Schluchten hinaus wieder in den Bereich der Civilisation und
-ordentlicher Pflege zu bringen. Allen aber half das freilich auch nicht;
-Viele starben schon unterwegs, Andere lebten gerade lange genug, um den
-Hospitalkirchhof zu erreichen, und Wenige, o wie entsetzlich Wenige von
-alle den armen hülflosen und gebrochenen Menschen konnten wieder soweit
-gebracht werden, mit gekräftigtem Körper ihre Arbeit auf's Neue zu
-beginnen!
-
-Eins aber büßten _Alle_ ein: das mitgebrachte Gold -- denn eben nur mit
-Gold wurden in damaliger Zeit Arzneien aufgewogen und ein tüchtiger
-Arzt hatte seine beste und einträglichste Mine in den Krankheiten seiner
-Patienten. Was lag den Kranken auch an dem ausgewaschenen und erbeuteten
-Gold? -- wo sie das gefunden, gab es mehr, und wenn ihr Körper nur seine
-alte Kraft wieder erlangte, alles Andere war nicht der Rede werth.
-
-Draußen am langen Werft hatte auch heute wieder das von Sacramento kommende
-Dampfboot angelegt, und nachdem die Passagiere das Schiff verlassen,
-schafften die Matrosen noch ein paar schwer kranke Miner an's Land, oder
-vielmehr auf die Spitze des über eine halbe Meile langen Werftes hinaus,
-legten sie dort, in eine wollene Decke gewickelt, auf die Planken und
-kehrten dann an Bord zu ihrer Arbeit zurück. Die Freunde oder Kameraden der
-Leidenden mochten jetzt sehen, wie sie allein mit ihnen fertig wurden.
-
-Zwei der Unglücklichen waren Amerikaner und ihr Kamerad lief das Werft
-entlang, um irgendwo eine Karre aufzutreiben, auf der er sie in ein
-Kosthaus, oder auch vielleicht in das Hospital schaffen konnte. Der Dritte
-schien ein Fremder, -- sein Begleiter, der sich zu ihm überbog und einige
-Fragen an den halb Bewußtlosen richtete, sprach französisch mit ihm. Ein
-paar Yankee's, die auf dem Werft herumschlenderten, blieben neben den
-Beiden stehen und frugen endlich theilnehmend, was dem Armen fehle.
-
-»O Gentlemen,« sagte der Franzose in sehr gebrochenem Englisch, »Fieber
--- schweres Fieber -- Phantasieen, viel Phantasieen. Hab' ihn gefragt --
-Landsmann von mir -- wohin er gebracht sein will -- bin selber fremd hier
--- vor einem Jahr nur zwei Stunden in San-Francisco gewesen -- Er sagt
-Nichts -- nur Mission Dolores -- weiter kein Wort.«
-
-»Ist es Dein Kamerad?«
-
-»Nein -- habe ihn gefunden auf Dampfboot krank -- sehr krank -- weiß nicht,
-wie er heißt -- aber Landsmann --«
-
-»Also Mission Dolores sagt er?« frug der andere Amerikaner.
-
-»=Toujours= -- =ever= -- kein anderes Wort.«
-
-»Dann will er auch in das Hospital auf der Mission geschafft sein,« sagt
-der Andere -- »dort ist ein Hospital, das ein Fremder hält, ich weiß nicht,
-ein Spanier oder Franzose -- er spricht jedenfalls französisch und hat
-Viele von Euren Landsleuten oben.«
-
-»Und wo liegt die Mission?«
-
-»Gleich dort drüben, um die Landspitze herum -- rechts hinein geht ein
-schmaler Kanal, in den Ihr bei Fluthzeit einfahren könnt. Wenn ihr ein
-Boot miethet, bringt Euch das ganz bequem bis ziemlich dicht an's
-Missionsgebäude, und dort fragt nur nach dem Hospital -- jedes Kind zeigt
-Euch den Weg dahin.«
-
-»Dank' Euch -- dank' Euch vielmals,« nickte der Franzose, der sich des
-armen todtkranken Landsmanns in der That erst unterwegs angenommen hatte,
-weil er sah, daß sich Niemand sonst um ihn bekümmerte. Keine Seele an Bord
-wußte auch, wie es schien, etwas von ihm. Er war allein und allerdings
-schon krank auf den Dampfer gekommen und hatte sich, nachdem er seine
-Passage bezahlt, in seinen Mantel gewickelt, auf Deck niedergeworfen; dort
-mußte das hitzige Fieber erst in ihm ausgebrochen sein, und von da ab war
-er auch nicht recht wieder zur Besinnung gekommen, um Rechenschaft über
-sich zu geben.
-
-Sein Landsmann aber ließ ihn nicht im Stich, wie denn überhaupt die
-Franzosen in fremden Welttheilen besonders treu zu einander halten und uns
-Deutschen dabei mit einem -- freilich selten beherzigten -- guten Beispiel
-vorangehen. Er miethete ohne Weiteres eines der dort am Werft liegenden
-Boote, und da es gerade die günstige Zeit war, um die Mission Dolores zu
-Wasser zu erreichen -- fast die höchste Fluth, -- so hoben sie den
-Kranken in das Boot hinab und ruderten ihn, von der Strömung noch außerdem
-begünstigt, rasch die Bai hinauf, um Rincons Point hinum und in den
-schmalen Kanal hinein, dessen Landungsplatz kaum mehr als zweihundert
-Schritt von der Mission selber entfernt lag.
-
-Der Franzose wußte sich hier, da er keine Seele am Ufer fand, auch nicht
-anders zu helfen, als daß er den Kranken noch unten im Boot ließ und
-indessen selber hinauf zum Arzt ging, um mit Diesem Rücksprache zu nehmen.
-
-»Konnte der Kranke für seine Pflege und ärztliche Behandlung zahlen?«
-war die erste, vorsichtige Frage Desselben, die der Franzose dahin
-beantwortete, daß er an dem Gürtel seines Landsmannes, unter der Blouse,
-einen Lederbeutel mit Gold gefühlt habe. Der Mann kam aus den Minen und
-führte jedenfalls das dort Erworbene bei sich. Das genügte. Der fremde Arzt
-wußte recht gut, daß er sich im Fall einer mißlungenen Kur selbst bezahlt
-machen konnte, und hatte in solchen Fällen schon die Erbschaft von
-verschiedenen Kranken angetreten, deren Familien nicht ausfindig gemacht
-werden konnten -- wenigstens nicht ausfindig gemacht _wurden_. Er sandte
-auch augenblicklich seine Krankenwärter hinunter, die den Patienten herauf
-holen mußten, und der junge Franzose begleitete den Armen dann noch die
-Treppe hinauf bis an sein Bett und schauderte freilich, als er den elenden
-Aufenthalt entdeckte, der dem Armen von jetzt ab Heilung geben sollte.
-
-Das Hospital hatte sich auch in der That nicht -- seit der Errichtung
-desselben -- zu seinem Vortheil verändert, denn damals waren die Betten
-doch noch wenigstens neu und reinlich gewesen -- und wie sahen die jetzt
-aus!
-
-Es war vorgekommen, daß einzelne Kranke, die noch die Kräfte besaßen,
-wieder die Treppe hinunter schwankten und dann erklärten, lieber wollten
-sie auf Gottes freiem Erdboden, als dort oben in jenem entsetzlichen
-Aufenthaltsort liegen bleiben -- aber das geschah doch nur im Verhältniß
-sehr selten und da Eines von diesen verwöhnten Subjekten eines Abends
-wirklich den Platz verließ und noch ein Stück den Hang hinan unter einen
-einzeln stehenden Baum kroch und dort in der Nacht starb, so wurde
-dieses Beispiel später etwa Widerspenstigen immer mit dem besten Erfolg
-vorgehalten.
-
-Der junge kranke Franzose sah Nichts von seiner ganzen Umgebung; er wurde
-bewußtlos die Treppe hinan- und auf ein Bett getragen, dort genau von dem
-Doktor untersucht und dann zugedeckt. Der oben auf Wache befindliche Wärter
-bekam hierauf die Ordre, den Doktor augenblicklich zu rufen, sobald der
-letztgekommene Patient -- Nr. 14, wie er nach seinem Bette genannt wurde
--- erwache; aber der Doktor brauchte nicht wieder an dem Tage gestört zu
-werden, denn Nr. 14 kam nicht zur Besinnung, phantasirte nur stark und
-schwatzte eine Menge tollen Zeuges, rief auch ein paarmal einen spanischen
-Frauennamen, und lag dann Stunden lang regungslos mit geschlossenen Augen
-da. Ein furchtbares Fieber schüttelte seine Glieder, und der Kopf glühte
-ihm, daß es fast seine Stirnadern zu sprengen drohte.
-
-Am nächsten Tag erwachte er allerdings, zeigte sich aber als ein sehr
-unruhiger und auch unbequemer Gast, denn sein Geist schien zu wandern und
-er wollte auf und davon. Die Wärter hielten ihn zurück und der Doktor wurde
-gerufen; er verordnete, daß man den Patienten an sein Bett festbinden und
-ihm kalte Umschläge machen solle. Er wehrte sich dabei wie rasend, aber
-es half ihm Nichts; es wurde weitere Hülfe herbeigeholt, und kaum eine
-Viertelstunde später lag er, an Händen und Füßen festgeschnürt, auf seinem
-Schmerzenslager, während ihm einer der Wärter, mit einem Stalleimer voll
-Wasser neben sich, nach der Verordnung des Arztes nasse Tücher um den Kopf
-legte.
-
-Der Gebundene lag eine Zeitlang still; die kühlen Umschläge schienen ihm
-gut zu thun -- aber das dauerte nicht lange. Sobald er sich nur wieder
-einmal regte und die ihn haltenden Bande fühlte, so brach auch seine Wuth
-von Neuem aus. Er tobte und wand sich umher und schrie dabei, daß man es
-weit über die ganze Mission hören konnte, und die Frauen und Kinder
-sich davor fürchteten. Dieser Zustand dauerte viele Tage und Wochen
-und Jedermann dort wußte und erzählte sich, daß ein sehr bösartiger
-Geisteskranker oben im Hospital untergebracht sei und dem Doktor viel
-zu schaffen mache. Wo er herstamme und wer er sei, darum kümmerte sich
-Niemand; wer hätte auch all die Leute kennen wollen, die von Ost und
-West und Süd und Nord nach Californien geströmt waren, um dem Boden seine
-Schätze zu entreißen? Es war eben ein »Fremder«, und das Wort entsprach
-in damaliger Zeit allen Bedürfnissen, die man sonst vielleicht empfunden
-hätte, nach Namen und Stand zu forschen.
-
-Auf das eigentliche tolle Leben in der Mission hatte dieser unheimliche
-Gast jedoch nicht den geringsten Einfluß. In beiden Flügeln des großen
-Gebäudes wurde ruhig fort musicirt und getanzt, und wenn auch einmal in
-einen ihrer Fandangos ein wilder, gellender Schrei hineintönte, so schraken
-die jungen Mädchen wohl zusammen und sahen sich scheu einander an, aber die
-Instrumente fielen dann nur um so rauschender und tönender ein und der Tanz
-verlangte sein Recht. Was hätte es auch dem armen Kranken da oben geholfen,
-wenn sie ihre Lust unterbrechen wollten? Dort wo er lag, konnte er nicht
-einmal die Musik hören, keinenfalls aber dadurch gestört werden.
-
-Marequita hatte sich indessen in der ersten Zeit, nachdem Jerome sie
-verlassen, ziemlich fern von den sonst so häufig besuchten Fandangos
-gehalten. Sie kam wohl dann und wann hinüber und tanzte ein- oder zweimal,
-ließ sich aber nie verleiten länger zu bleiben, und verließ selbst ihr Haus
-nur selten. -- Aber wie monoton war das Leben auf der Mission, wenn man
-sich auch noch die so spärlichen Vergnügungen versagen wollte, die von Zeit
-zu Zeit ein unschuldiger Tanz bot. Jerome ließ gar Nichts von sich hören;
-er hätte doch gewiß einmal schreiben können, wie es ihm ging, und ob er
-Hoffnung habe, bald zurückzukehren. Von allen Minen trafen außerdem Händler
-oder Goldwäscher in San Francisco ein, und wie leicht wäre es ihm gewesen,
-Einen von Diesen zu bewegen, ihnen Nachricht zu bringen. Aber Niemand ließ
-sich sehen -- Niemand, und der Vater Marequita's frug _viele_ Menschen aus
-den verschiedensten Distrikten; Keiner von alle Diesen wußte freilich etwas
-von einem Franzosen Jerome, oder hatte je von ihm gehört; war es denn
-ein Wunder, daß ihr zuletzt die Zeit lang wurde und sie den Bitten
-ihrer Freunde und besonders des jungen tanzlustigen Volkes nicht mehr so
-hartnäckig widerstand? Und wie jubelten ihre Landsleute nicht allein, nein,
-auch die Fremden, wenn sie sich wieder im »Saale« zeigte! Welche Triumphe
-feierte sie! und manchen Abend mußte sie die ihr geworfenen Dollarstücke
-sogar in der Mantille nach Hause tragen, weil sie das viele Geld gar nicht
-mehr in den Händen halten konnte.
-
-Heute war der Vater wieder in San-Francisco gewesen und hatte dort,
-zum ersten Mal, so oft er sich auch schon erkundigt, einen Franzosen
-gesprochen, der Jerome genau kannte und sogar mit ihm gearbeitet hatte. Der
-aber behauptete, Jerome sei glücklich in den Minen gewesen und schon vor
-langen Wochen nach San-Francisco zurückgekehrt, wo er, wie er ihm erzählt,
-heirathen und ein kleines Hotel gründen wollte. Seit dem Tage aber habe er
-ihn natürlich nicht mehr gesehen, und wenn er sich jetzt nicht in der Stadt
-befinde, müsse ihm doch am Ende ein Unglück zugestoßen sein.
-
-»Aber welches?«
-
-Du lieber Gott! aus den Minen zurückkehrende Goldwäscher wurden aber gar
-nicht etwa so selten von nichtsnutzigem Gesindel angefallen, todtgeschlagen
-und beraubt; Dampfbootkessel waren außerdem geplatzt, Boote zusammengerannt
-und gesunken. Er konnte auch San-Francisco glücklich erreicht und dort sein
-ganzes gewonnenes Gold am ersten Abend verspielt haben -- wie oft geschah
-das! -- und dann stak er jetzt vielleicht schon wieder oben in den Bergen,
-um sein Glück von Neuem zu erzwingen. Das Letztere schien auch in der That
-das Wahrscheinlichste, denn leicht gewonnenes Geld wird selten geachtet,
-und verschwindet oft rascher als es erlangt wurde, und die also Betrogenen
-schämen sich dann stets, ihren Leichtsinn einzugestehen.
-
-Marequita weinte, als ihr der Vater die Kunde brachte -- also das wäre die
-Liebe gewesen, die ihr Jerome geschworen, daß er das schon in den Händen
-gehaltene Glück auf trügerische Karten setzte, und ihr nicht einmal Kunde
-von seiner Rückkehr gab? Dann aber brauchte sie sich auch nicht mehr um den
-leichtsinnigen Menschen zu grämen, oder ihm gar ihre Jugend zum Opfer zu
-bringen. -- Heute Abend war großer Fandango -- die Offiziere eines in der
-Bai ankernden spanischen Kriegsschiffes hatten zugesagt, die Mission zu
-besuchen -- lag es doch auch gerade dem Kanal gegenüber, und das junge
-Mädchen beschloß, sich heute Abend dem Tanz wieder mit der alten,
-unermüdeten Lust hinzugeben wie vordem.
-
-Allerdings machte der Wirth auch die größten und ganz außergewöhnliche
-Anstalten, um die einst weiß gewesenen, trostlos nackten Wände seines
-Lokals für das Fest so freundlich als möglich zu decoriren, und ein Dutzend
-Indianer waren schon seit Tagesanbruch beschäftigt gewesen, grüne Büsche
-jenes lorbeerartigen Baumes, der in Masse an den nächsten Hängen wuchs,
-herbeizuschleppen, und den ganzen Raum in eine Laube zu verwandeln.
-Ueberall wurde gehämmert und gebohrt und recht unheimlich drang zu diesen
-Vorbereitungen einer frohen Lust manchmal das Geheul des Wahnsinnigen
-herunter, so daß sich der Wirth noch für den Abend eine große Trommel
-und zwei Trompeter extra bestellte, um mit der rauschenden Musik die
-unglückseligen Laute zu übertäuben. Er hätte das aber nicht nöthig gehabt,
-denn schon gegen elf Uhr schwiegen die Aufschreie -- kein Ton wurde mehr
-gehört und bald brachte auch ein Krankenwärter die Nachricht herunter, der
-Unglückliche, der ihnen die letzten Wochen so viel zu schaffen gemacht, sei
-vor etwa einer halben Stunde plötzlich auf sein Lager zurückgefallen und
-gestorben.
-
-»=Grazias a Dios!=« rief der Wirth, »Gott sei seiner armen Seele gnädig
-und gebe ihr den ewigen Frieden, aber ich bin froh, daß wir ihn los sind,
-=amigo=, denn das Geschrei war kaum noch zum Aushalten und ich selber schon
-im Begriff, den sonst so bequemen Platz zu verlassen, um mich wo anders
-anzusiedeln. Jetzt stört er uns auch heute Abend die fremden Gäste nicht,
-und die jungen Damen besonders werden dem Himmel danken, daß sie sich nicht
-mehr vor dem Tollen zu fürchten brauchen.«
-
-Das war auch in der That ein reges Leben heute auf der Mission, und
-noch dazu Sonntag und prachtvolles Wetter, so daß ganze Schwärme von
-Lustwandelnden und Reitern und Wagen aus San-Francisco herüber kamen, um
-den Nachmittag hier draußen zuzubringen.
-
-Und wie stolz betrachtete sich indessen der Wirth seinen so stattlich
-herausgeputzten Ballsaal, in welchem höchstens die Mittel zur Beleuchtung
-etwas zu wünschen übrig ließen. Aber Gas gab es freilich nicht, und
-Stearinkerzen, auf Leuchter mit Reflectoren von weißem Blech gesetzt,
-mußten da aushelfen.
-
-Uebrigens dachte das tanzlustige Volk gar nicht daran, den Abend zu
-erwarten, um die Lustbarkeit zu beginnen; wozu sollten sie den ganzen
-schönen Tag versäumen? und der Wirth hatte wirklich Mühe, sie nur so lange
-zurückzuhalten, bis er seine nöthigsten Arbeiten im Innern beendet hatte,
-denn daß er nachher keinen Moment Zeit dafür behielt, wußte er gut genug.
-
-Es war vier Uhr Nachmittags, als zwei Jöllen mit Offizieren von dem
-spanischen Kriegsschiffe abstießen und dem Lande zuruderten, und zugleich
-begannen auch die Musici als Introduction einen lustigen Marsch zu spielen,
-um die willkommenen Gäste damit zu empfangen. -- In derselben Zeit drückte
-der Arzt da oben dem Todten die Augen zu und die Krankenwärter lösten ihm
-die bis jetzt noch immer gefesselten Arme und falteten ihm die Hände auf
-der stillen Brust, wuschen ihn auch und kämmten sein volles, lockiges Haar,
-das ihm bis jetzt wirr und wild um die Schläfe gehangen hatte. Dann
-wurden die Wärter hinunter auf den Kirchhof gesandt, um ein Grab für den
-Unglücklichen auszuwerfen. Heute war es schon zu spät geworden, aber morgen
-mit dem Frühesten sollte er beerdigt werden, denn länger konnte man ihn
-unmöglich dort oben zwischen den Lebenden lassen.
-
-Draußen schaufelten, unmittelbar neben dem alten Missionsgebäude, die
-Männer das schmale Grab aus, und inwendig spielten mit Trommeln und
-Trompeten die Musici den lustigen Marsch und plauderten und lachten die
-jungen Mädchen mit einander, sich des schönen Tages freuend. Auch zu ihnen
-war wohl die Kunde gedrungen, daß der Wahnsinnige gestorben sei, aber auch
-sie freuten sich darüber, denn lange genug hatte er sie fürchten gemacht
-und auch wohl bös erschreckt, wenn manchmal mitten in der Nacht sein
-gellender Aufschrei zu ihnen herübertönte. Das war jetzt vorbei -- aber
-es dachte Keine von ihnen länger als einen flüchtigen Augenblick an den
-Unglücklichen; andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, denn dort kamen
-die fremden Offiziere in ihren prächtigen Uniformen schon über den niederen
-Küstenhang vom Ufer herauf, und der Tanz nahm ihre ganze Aufmerksamkeit
-vollständig in Anspruch.
-
-Indessen sammelte sich das »Volk« vor dem alten Missionsgebäude, und es
-war in der That wunderlich anzusehen, welche bunte Mischung von Stämmen
-und Trachten sich hier zusammen gefunden hatte. Das schienen auch nicht die
-Bewohner einer einzigen Stadt, die sich hier an einem Sonntag Nachmittag
-versammelten, das glich weit eher einem Carneval, der die Repräsentanten
-aller Zonen und Welttheile für kurze Zeit vereinigte, und _alle_ Zonen, --
-mit Ausnahme vielleicht der kalten -- waren wirklich vertreten.
-
-Hier stand eine Gruppe von Yankees, in dem unvermeidlichen schwarzen Frack,
-den hohen Cylinderhut weit nach hinten auf den Kopf gedrückt, die Hände in
-den Taschen und goldene Uhrketten, Tuchnadeln, Hemdknöpfchen und Berloques
-eingehakt. Dazwischen drängte sich ein kleiner Schwarm von Chinesen herum,
-in ihren blauen Kattunjacken und weiten weißen Hosen, die langen Zöpfe
-wohl geflochten und gepflegt. Südsee-Insulaner waren da, die scheu und
-verwundert auf dem fremden Boden umhergingen, und oft nur in ihrer
-eigenen Sprache zusammen plauderten und lachten, wenn ihnen etwas gar zu
-Absonderliches in die Augen sprang -- Mexikaner mit den, an der Seite bis
-oben hin aufgeschlitzten und mit silbernen Knöpfen besetzten Sammethosen
-und den kurzen, ebenfalls so garnirten Jacken, den breitrandigen
-Wachstuchhut auf dem Kopf; Californier mit ihrem langen, in den
-prachtvollsten Farben gewebten Ponchos, die ihnen fast bis auf die Knöchel
-hinabreichten und die ganze Gestalt verhüllten. Deutsche, Engländer,
-Franzosen, Irländer, Backwoodsmen in ihren ledernen Jagdhemden, die
-lange Büchse noch auf der Schulter, wie sie gerade über die Felsengebirge
-gekommen waren; Chilenen in den kurzen Ponchos, Neger und Mulatten in allen
-Schattirungen, und dazwischen die aus den Minen oft mit schweren Beuteln
-voll Gold zurückgekehrten Goldwäscher in den phantastischsten Costümen,
-die sich nur denken lassen -- abgerissen in ihren Kleidern auf das
-Entsetzlichste, mit geflickten Hosen und Jacken, mit zerrissenen Stiefeln,
-und Hüten, die Monate lang am Tag der Sonne und dem Regen getrotzt und
-Nachts dann als Kopfkissen gedient hatten. Und in kleinen Gruppen standen
-dabei die Eingebornen des Landes, die eigentlichen, rechtmäßigen Herren des
-Bodens, und doch vielleicht die einzigen, vollständig Besitzlosen in der
-ganzen Masse, die ihr Leben jetzt durch Tagelohn kärglich fristen mußten.
-
-Welch bunte Völkermischung trieb sich auf dem engen Platz umher, und dieser
-schlossen sich nun auch noch die spanischen Marine-Offiziere in ihren
-blitzenden, goldgestickten Uniformen an und vollendeten eigentlich erst das
-bunte, wunderliche Bild. Aber die rauschende Musik zog sich auch bald zu
-dem eigentlichen Knotenpunkt des Vergnügens hin, und so öde der Platz da
-drinnen sonst gewöhnlich aussah, so freundlich schien er ihnen heute nicht
-allein durch das frische Grün der Zweige, das die Wände deckte, nein auch
-durch die vielen, lieben Mädchengestalten, die sich hier versammelt hatten
-und jetzt nun verschämt und doch auch wieder mit vor Vergnügen blitzenden
-Augen des Tanzes harrten.
-
-Wo alle Theile so willig waren, dauerte es aber auch nicht lange, bis er
-begann, und wie nur die kriegerischen Töne des Marsches schwiegen und in
-die allbeliebte muntere Weise des Fandango übergingen, hatten sich
-rasch einige gleichgesinnte Paare gefunden, die zusammen antraten -- und
-Marequita war unter ihnen und ihr Tänzer einer der jungen Offiziere.
-
-Es gab allerdings damals noch wenig Frauen in Californien, denn das wilde
-Leben im ganzen Lande bot noch keinen rechten Grund und Boden für eine
-Familie. Was deshalb von Amerika oder Europa an weiblichen Wesen herüber
-gekommen war, gehörte nur den Klassen an, die sich darin wohl fühlen
-konnten, und dazu hatte Chile die größte Zahl gestellt. Die Fremden, wenn
-sie wirklich anständige Damengesellschaft suchten, blieben deshalb allein
-auf die hier ansässigen Californierinnen angewiesen.
-
-Zu _diesem_ Fandango hatte übrigens auch die weite Nachbarschaft ihre
-schönen Gesandtinnen hergeschickt. Die Mission selber stellte fünf
-allerliebste Mädchen, und nicht allein befand sich gerade ein Besuch von
-Pueblo San-José hier, der drei reizende junge Damen aufweisen konnte, es
-waren auch noch flinke und hübsche Tänzerinnen theils vom Präsidio, theils
-von Sanchez Rancho angekommen. Ja selbst von der Mission San-Rafael hatten
-sich zwei junge Damen eingefunden.
-
-Allerdings wären wohl noch immer am heutigen Tage auf eine Tänzerin mehr
-als zwanzig Tänzer gekommen, wenn sich Alle hätten dabei betheiligen
-können, aber die »Fremden« verstanden ja nicht den Fandango und seine
-verwickelten und doch so graziösen Touren, und nur die Chilenen, deren
-Sambacueca die größte Aehnlichkeit damit hat, durften es wagen, Theil daran
-zu nehmen. Sonst blieb der Boden, mit Ausnahme einiger Franzosen, die sich
-rasch hineingefunden, den Spaniern, Californiern und Mexikanern, und
-da stellte sich denn doch kein so bedeutendes Mißverhältniß in der Zahl
-heraus.
-
-Kopf an Kopf gedrängt standen aber die Zuschauer wenigstens auf der einen
-Seite des Saals und im hinteren Theil desselben, nur eben genügend Raum
-für die Paare lassend, während die andere Seite, an welcher sich auch die
-Musici befanden, der einen Thür wegen, frei bleiben mußte, da der Wirth
-nur durch diese aus- und eingehen konnte. Seine durstigen Gäste verlangten
-Erfrischungen, denn die Hitze im Saal war fast erstickend. Wie aber die
-Nacht einbrach, änderte sich das, denn die meisten heutigen Besucher
-der Mission kehrten in ihre Wohnungen nach San-Francisco zurück, und die
-Yankees besonders bekamen es auch satt, allein ruhige Zuschauer bei einem
-Tanz abzugeben, den sie nicht einmal verstanden und deshalb auch nicht
-schön finden konnten. Dies ruhige Herüber- und Hinüberschweben gefiel ihnen
-nicht; es war, so anmuthig die Damen es auch ausführen mochten, doch viel
-zu monoton für sie und sie vermochten nicht einmal dem Takt zu folgen -- ja
-wenn es ein tüchtiger »Reel« oder eine »Hornpipe« gewesen wäre, der hätten
-sie mit Hacken und Fußspitze schon Nachdruck geben wollen!
-
-Die Miner und das übrige Volk hielten ebenfalls nicht viel länger aus,
-denn es gab keine Spielzelte auf der Mission, keinen Platz, auf dem sie
-ihr Glück versuchen, und das mühsam ausgegrabene Gold in leichter Weise
-verdoppeln -- oder auch verlieren konnten, und sie verließen einzeln
-oder in Trupps die Mission wieder, um zu den Spielhöllen der Plaza
-zurückzukehren und sich der Aufregung des Monte hinzugeben. Viele Mexikaner
-thaten das Nämliche, aber die Chilenen, obschon dem Hazardspiel ebenso
-ergeben, hielten aus, auch die Offiziere der spanischen Fregatte wichen
-nicht vom Platze, ebensowenig die dort ansässigen oder benachbarten
-Californier, und der Raum blieb immer noch gefüllt, wenn er auch nicht mehr
-wie den Nachmittag über, gedrängt war.
-
-Je mehr dabei die spanischen Gäste mit den jungen californischen Damen
-bekannt wurden, desto lebendiger gestaltete sich der Tanz, und Alles schien
-zu wetteifern, um neue und piquante Touren zu erfinden. Die Königin des
-Festes blieb aber, trotz vieler bildhübschen Rivalinnen, Marequita, der
-ihr Tänzer fast nicht mehr von der Seite wich, und bald war sie die
-Ausgelassenste und Lebendigste von Allen, und übertraf sich selber. Aber
-die spanischen Offiziere sollten sie heute Abend nicht blos tanzen sehen,
-sie sollten auch noch einige von den californischen Sitten und Gebräuchen
-kennen lernen, und Marequita flüsterte deshalb ihrem Bruder zu, rasch nach
-Hause zu springen und eine Anzahl von ausgeblasenen Eiern, die zu dem Zweck
-schon immer vorräthig gehalten wurden, in der bekannten Art zu füllen --
-galt es doch eine Ueberraschung.
-
- * * * * *
-
-Oben im Hospital des Missionsgebäudes herrschte tiefe Dunkelheit. Das
-Wetter war den ganzen Tag über schön und klar gewesen, und noch jetzt
-funkelten die Sterne in heller Pracht vom Himmel nieder, aber der Wind
-hatte sich erhoben, der über die niederen Küstenberge fast unablässig mit
-solcher Gewalt herüberweht, daß die dort einzeln wachsenden Bäume ihr Laub
-alle nach der entgegengesetzten Seite hinüber gedrückt tragen, und auch
-selber dorthin neigen, als ob sie den steten Stürmen entfliehen wollten und
-sich von ihnen abwendeten.
-
-Wie das da oben auf dem dunklen Boden pfiff und zog! Die alten,
-moosbewachsenen Ziegel klapperten ordentlich dumpf und klanglos zusammen,
-und nur das Stöhnen und Aechzen der unglücklichen Fieberkranken mischte
-sich mit dem unheimlichen Laut.
-
-Und dazwischen lag der Tod. Kalt und starr auf seinem Schmerzenslager
-ausgestreckt, ruhte der »Wahnsinnige«, wie er überhaupt seit den letzten
-Monaten von den Krankenwärtern nur genannt worden. Man hatte ihm eins von
-seinen neuen rothen Hemden und ein paar weiße Beinkleider angezogen -- denn
-die Decke war augenblicklich zum Waschen gegeben, um wieder verwandt zu
-werden -- und mit gefalteten Händen träumte er der Ewigkeit entgegen.
-
-Träumte er? -- die Betten rechts von ihm (denn man hatte ihn zunächst
-der Treppe gelegt, um ihn so fern als möglich von den übrigen Kranken zu
-halten, die er bis jetzt durch sein wildes Schreien nur zu oft gestört und
-erschreckt) standen leer. Das Hospital barg jetzt nicht so viele Patienten,
-um nicht Raum genug für die Anwesenden zu finden. Der arme Doktor hatte in
-dem Stadthospital Concurrenz bekommen, und sich doch so viele Mühe gegeben,
-_seine_ Kranken behaglich unterzubringen.
-
-Und wie still das heute Abend dort oben war! Ein paar Leidende wimmerten
-allerdings leise vor sich hin, aber sonst hörte man Nichts, als das dumpfe
-Rauschen und Pfeifen des Windes und gelegentlich mit dem Luftzug, die von
-unten herauf schallenden munteren Weisen der Trompeten und Violinen,
-wie zuweilen das dumpfe Hämmern der großen Trommel, die ein Mulatte mit
-unendlicher Ausdauer bearbeitete. Da unten herrschte Jubel und frische
-Lebenshoffnung -- hier oben kauerte der _Tod_ und zählte die ihm
-verfallenen Opfer.
-
-Die alte Missionsglocke schlug die zehnte Stunde, und kein Wärter ließ sich
-sehen, obgleich der eine Fieberkranke schon lange nach einem Trunk Wasser
-gewimmert hatte. Wer konnte es ihnen auch verdenken, daß sie nicht da oben
-zwischen Jammer und Elend blieben, wo nur ein paar hölzerne Stufen sie
-mitten unter Lust und Freude brachten? Es war Fandango auf der Mission
-und ein paar Gläser =agua ardiente= (Branntwein) konnten ihnen gewiß nicht
-schaden, um den Körper zu erwärmen, und die lange mühselige Nachtwache
-nachher auszuhalten. Außerdem war der »Doctor« gerade heute nach der Stadt
-geritten, und sie brauchten deshalb nicht zu fürchten, daß er sie bei einer
-Vernachlässigung ihrer Pflicht ertappe, über welche sie sich selber wenig
-genug Gewissensbisse machten. Hatten sie doch seit Wochen fast den oberen
-Raum nicht verlassen dürfen, so lange der »Wahnsinnige« dort tobte und an
-seinen Banden riß. Heute war der _erste_ freie Abend, den sie bekamen, und
-den wollten sie denn auch nach besten Kräften nutzen.
-
-Hei, wie das durch die Ziegel pfiff! und drüben in der Lorbeerwaldung,
-die in der Richtung nach San-Francisco zu lag, hatten dazu die Wölfe ihr
-Abendconcert begonnen, die großen, braunen californischen Wölfe, und die
-Cayotas, das kleine Steppengesindel, das mit seinen feinen Stimmen den
-Diskant zu dem Grundbaß der ersteren heulte. Und wie deutlich konnte man
-das hier oben hören, da der Luftzug die Laute gerade herübertrug, und wie
-sonderbar das zu der Musik und dem Pfeifen des Sturmwinds klang!
-
-Die Glocke draußen hatte eben ausgeschlagen, als ein heftiges Zittern den
-Körper des »Todten« überflog. Der Nachtwind wehte auch kalt genug, und dem
-von Krankheit abgeschwächten Körper fehlte die schützende Decke, die ihn
-sonst wenigstens warm gehalten.
-
-Der Kranke hob staunend den Kopf und horchte den fremden, wunderlichen
-Lauten, die zu ihm herüberdrangen. Hatte er in einem Starrkrampf gelegen,
-der bis dahin seine Glieder gefesselt hielt? Er fuhr sich mit der Hand
-nach der Stirne -- auch die Hand war nicht mehr gebunden -- er hob sich vom
-Lager und fühlte seinen Körper frei und unbehindert -- aber dunkle Nacht
-umgab ihn -- er war nicht im Stande zu _sehen_, wo er sich befand, noch
-hatte er eine Ahnung, an welcher Stelle das sein könnte.
-
-Wie schwach er auch geworden war! -- als er zum ersten Mal wieder auf den
-Füßen stand, vermochten ihn seine Kniee kaum zu tragen, und er mußte sich
-zurück auf das Bett setzen, um nicht umzusinken. -- Und wie das in seinem
-Kopfe hämmerte, und pochte, und mit wilden, unheimlichen Gedanken herüber-
-und hinüberzuckte! Aber die Musik da unten? -- er horchte hoch auf -- was
-war das? wohin hatte ihn das Schicksal geführt?
-
-Er versuchte noch einmal aufzustehen, und als er herumtappte, trafen
-seine Finger auf einen dünnen Kattunvorhang, hinter welchem er ein festes
-Geländer fühlte. Er hob den Vorhang auf und glitt darunter durch; wie er
-aber vorsichtig weiter tappte, trat sein Fuß ins Leere und er merkte bald,
-daß er an einer Treppe stand. Einen Augenblick überlegte er, aber munterer
-als vorher ertönten in diesem Moment wieder die Instrumente von unten
-herauf, und ohne sich länger zu besinnen, stieg er hinab.
-
- * * * * *
-
-Wie das da unten lachte und jubelte und seiner unschuldigen Lust und Freude
-folgte! Die Eier waren angekommen, und Marequita's Tänzer erschrak nicht
-wenig, als ihm seine Tänzerin plötzlich, mitten im Fandango, die Mütze ein
-wenig zurückschob, und er gleich darauf einen wahren Schauer von Eau de
-Cologne an sich niederrieseln fühlte.
-
-»=Caramba, Señorita=« rief er aus, indem er erschreckt zurücksprang, »was
-ist das?« -- Aber lautes Jubeln und Lachen beantwortete seine bestürzte
-Frage und Marequita's Bruder hatte jetzt wirklich Mühe, nur noch
-einen Theil seiner sorgfältig präparirten Eier für die Schwester
-zurückzubehalten, denn von allen Seiten stürmten die jungen Mädchen auf
-ihn ein, um ihm ein paar abzubetteln, oder auch, wenn das nicht ging, durch
-List oder Gewalt zu entreißen, und jetzt brach der Muthwillen der jungen
-Damen voll und entfesselt los.
-
-Und wie schön Marequita in dieser ungezwungenen Fröhlichkeit war -- wie
-bildschön! Der arme Marineoffizier, der Jahre lang draußen auf öder See
-herumgeschwommen, und hier zum ersten Mal wieder dem Reiz weiblicher
-Liebenswürdigkeit begegnete und von dessen Zauber umsponnen wurde, war ganz
-hingerissen.
-
-Der Tanz hatte einen Moment aufgehört, und jetzt begann ein neuer Fandango,
-noch lebendiger als der vorige.
-
-»Marequita,« flüsterte er, indem er seinen Arm um ihre Taille legte, und
-sie leise an sich zog, -- »Du bist eine Sirene, Mädchen, und ich könnte
-verrückt werden, wenn ich mir nur die Möglichkeit denken müßte, Dich je
-wieder zu verlieren -- von Dir vergessen zu sein. Sei mein, Marequita --
-in kurzer Zeit kehre ich zurück, und dann folgst Du mir in mein schönes
-Vaterland!«
-
-Marequita sah zu ihm auf, ihre Blicke begegneten sich, aber in dem ihrigen
-lag vielmehr Schelmerei als Liebe -- sie hob ihre Hand, und im nächsten
-Moment fühlte er, wie sie sich aus seinen Armen wand, zugleich aber
-auch seine Mütze ergriff, sich aufsetzte, und damit einem andern Tänzer
-entgegenhuschte, mit dem sie im nächsten Augenblick den Fandango begann.
-Der junge Offizier wollte ihr nach, ein alter Californier aber, der schon
-den ganzen Abend die rauschende Musik mit seiner kaum hörbaren Guitarre
-begleitet hatte, hielt ihn zurück und rief aus:
-
-»=Caramba, Señor=, das geht nicht -- das ist ein Recht der californischen
-Señioritas beim Fandango, und wenn Ihr die Mütze wieder haben wollt, müßt
-Ihr sie auslösen.«
-
-»O, wie gern!« rief der junge Mann, indem er einen Ring vom Finger zog und
-jetzt die Zeit nicht erwarten konnte, wo die Geliebte einen Augenblick vom
-Tanz zurücktrat.
-
-Marequita hatte aber nur das Zeichen zu dem neuen Scherz gegeben, denn die
-andern jungen Damen folgten bald ihrem Beispiel, und allerliebst sahen sie
-in der That in den kecken Seemannsmützen aus.
-
-Jetzt hielt Marequita dicht an der Thür, die in das Innere des Hauses
-führte, und der junge Galan war im Nu an ihrer Seite.
-
-»Meine theure Marequita,« flüsterte er ihr zu, »wie glücklich machen Sie
-mich, daß Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen ein Andenken zurücklassen
-zu dürfen -- wollen Sie es tragen?« -- Und dabei schob er ihr leise den
-kleinen goldenen, mit einem Brillant gezierten Reif an den Finger; »darf
-ich, Marequita?«
-
-Hinter Marequita trat ein Mann in einem rothwollenen Hemd in die Thür. Das
-braungelockte Haar hing ihm aber über eine alabasterweiße Stirn -- sein
-Antlitz selber sah todtenfahl aus, und nur die großen dunklen Augen
-überflogen erstaunt den sich vor ihm öffnenden, buntgeschmückten und
-hellerleuchteten Raum. Da traf der letzt geflüsterte Name sein Ohr, und
-rasch und wie erschreckt schaute er auf das vor ihm stehende junge Paar.
-
-Marequita erröthete tief, als sie den Ring an ihrem Finger führte, und
-flüsterte leise:
-
-»Tausend Dank, Señor, -- ich -- werde ihn tragen,« und der junge Mann, in
-der Erregung des Augenblicks selbst die Umgebung vergessend, zog sie an
-sich und preßte einen heißen Kuß auf ihren Nacken.
-
-»Marequita,« sagte eine hohle, tonlose Stimme, und das junge Mädchen wandte
-bestürzt den Kopf. Da fiel ihr Blick auf die bleiche Gestalt und begegnete
-den stieren, entsetzlichen Augen, die glühend und wie verzehrend auf ihr
-hafteten.
-
-»=Ave Maria Purisima!=« schrie da eine entsetzliche Stimme; es war einer
-der Krankenwärter, der sich in den Saal geschlichen, um hier zuzusehen:
-»der Wahnsinnige -- der todte Wahnsinnige!«
-
-»Jerome!« stöhnte Marequita und schlug, ehe der Offizier nur zuspringen
-konnte, um sie aufzufangen, schwerfällig und bewußtlos zu Boden nieder.
-
-»Der Wahnsinnige!« von Mund zu Mund lief der Schreckensschrei, und entsetzt
-drängten die Mädchen von der Stelle hinweg, dem hinteren Theil des Zimmers
-zu.
-
-Ob Jerome begriff, was hier geschah? Einen Moment stand er selber
-regungslos, und wie scheu und erstaunt flog sein Blick über den inneren
-Raum -- über die wild vor ihm fliehenden Gestalten der Mädchen. Da schrie
-der Wärter wieder:
-
-»Haltet ihn, um der Mutter Gottes willen laßt ihn nicht fort!« und als ob
-nur der Ton dieser Stimme ihn zum Leben zurückgerufen hätte, so zuckte der
-Unglückliche empor. Sein Auge glühte, seine ganze Gestalt hob sich -- fast
-unwillkürlich öffnete er dabei den Mund und zeigte seine beiden Reihen
-blinkender Zähne, daß selbst die ihm nächsten Offiziere scheu davor
-zurückwichen.
-
-»Haltet ihn! haltet ihn!« schrieen jetzt auch Andere, und drängten vor
--- nur der junge Offizier kniete, gar nicht auf den unheimlichen Fremden
-achtend, an der Seite der ohnmächtigen Geliebten und suchte sie zum Leben
-zu erwecken.
-
-»Haltet ihn?« kreischte da Jerome, dessen ganze Wildheit bei dem Rufen
-auf's Neue erwachte -- »haltet ihn?« und ehe ihn Jemand daran verhindern
-konnte, riß er den kurzen Schiffsdolch, den der spanische Seeoffizier an
-der Seite trug, aus seiner Scheide; »haltet ihn?« gellte er noch einmal,
-die Waffe mit einem entsetzlichen Lachen schwingend -- »Raum da vorn!« und
-zum Stoß ausholend, warf er sich mit wildem Muth mitten auf den dichtesten
-Schwarm, der kaum so rasch zur Seite konnte, um ihm Bahn zu machen.
-
-Wohl streckten sich hie und da Arme nach ihm aus, um ihn zu halten, aber
-nach rechts und links hinüber -- unbekümmert, wen er traf, stieß der
-scharfe Stahl -- nach rechts und links stürzten die Männer übereinander,
-zwei oder drei von ihnen schwer verwundet -- wer hätte sich ihm
-entgegenwerfen wollen? und jetzt war er draußen im Freien, in der dunkelen
-Nacht.
-
-»Marequita!« schrie seine gellende Stimme -- »Marequita!« und sein Fuß
-berührte kaum den Boden, als er, die blutige Waffe noch immer in der Faust,
-an der Mission hin dem Ufer der Bai entgegenflog.
-
-Einzelne der Tänzer und Zuschauer folgten ihm allerdings, oder thaten
-wenigstens so, als ob sie ihm folgen wollten, aber es holte ihn Niemand
-ein, und wenige Minuten später war er in der da draußen lagernden
-Finsterniß verschwunden.
-
-Die Verwirrung, die jetzt in dem bis dahin noch so belebten Raum entstand,
-war nicht zu beschreiben, und an eine Fortsetzung des Tanzes kein Gedanke
-mehr. Zitternd und nur unter hinreichender Begleitung suchten die Mädchen
-ihre Wohnungen zu erreichen, und Fackeln wurden dann angezündet, um den
-entflohenen Kranken, bei dem es ein Räthsel blieb, wie er wieder vom Tode
-erwacht sei, doch noch vielleicht aufzufinden -- aber vergebens. Der Boden
-war zu sehr von Menschen zertreten, um irgend einer bestimmten Spur folgen
-zu können, und unverrichteter Dinge kehrten die Männer erst spät in der
-Nacht zu der Mission zurück. Auch die Offiziere der spanischen Fregatte
-waren indessen wieder an Bord gerudert.
-
-Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch begannen die Bewohner der Mission alle
-ihre Nachforschungen von Neuem und jetzt mit besserem Muth, denn es blieb
-immer ein unbehagliches Gefühl, in Nacht und Nebel einem bewaffneten
-Wahnsinnigen hinaus in die Dunkelheit zu folgen -- war auch wohl Keinem von
-ihnen am letzten Abend rechter Ernst gewesen. Jetzt aber gestaltete sich
-die Sache anders; mit Sonnenlicht war wenigstens die Gefahr beseitigt, daß
-der entsetzliche Mensch im Finstern auf sie einspringen könne, und auf und
-ab durchsuchten sie die Nachbarschaft und selbst den sandigen Waldrand, wo
-sich die Fährten leicht erkennen ließen. Sogar nach San-Francisco wurden
-Boten gesandt, um das Geschehene zu melden und dort nach dem Flüchtling zu
-forschen.
-
-Sie hätten nicht nöthig gehabt, so weit nach ihm zu suchen. Als die Fluth
-ablief, fanden Fischer seinen Leichnam auf dem Schlamm unmittelbar am Ufer
-in der See und zwar genau in der Richtung, die er gestern Abend auf seiner
-Flucht genommen, als er aus der Thüre des Missionsgebäudes sprang. Es war
-auch damals gerade Fluth gewesen und ob er im Dunkeln von dem steilen Ufer
-hinab in die See gestürzt, ob er absichtlich den Tod dort gesucht -- wer
-hätte es sagen können?
-
-Er wurde still in das schon für ihn ausgeworfene Grab gelegt, und drei
-Tage später verließ auch die spanische Fregatte die Bai von San-Francisco
-wieder, um einer nur ihrem Kapitän bekannten Richtung zuzusteuern.
-
-Der junge Lieutenant war allerdings noch zweimal an Land und in dem Hause
-von Marequita's Eltern gewesen, wo er das arme Mädchen bleich und in
-Thränen fand.
-
-Und wann kehrte er wieder? -- Wer konnte es sagen; denn sein Weg ging durch
-eine weite Strecke -- aber mit den heißesten Schwüren betheuerte er der
-Jungfrau seine Liebe, und als er sie endlich verlassen mußte, barg sie laut
-schluchzend ihr Antlitz an der Brust des Vaters. -- Es war zu viel für das
-arme Kind gewesen; zu rasch war Schlag auf Schlag gefolgt. Von dem Tage
-an -- tanzte sie nicht mehr, vier volle Wochen lang. Als ich aber -- etwas
-nach dieser Zeit -- Californien verließ, blüheten ihre Wangen wieder wie
-vordem, und sie war unstreitig das schönste Mädchen und die beste Tänzerin
-auf der Mission Dolores.
-
-
-
-
-Eine Polizeistreife in Cincinnati.
-
-
-Eine so friedliche und geschäftige Stadt das halb von Deutschen bewohnte
-Cincinnati ist, so hat sie doch trotzdem ihr »schlechtes Viertel,« und da
-sich mir die Gelegenheit bot, es eines Abends zu besuchen, so versäumte ich
-sie nicht.
-
-In den Hauptstraßen der Stadt und im ganzen übrigen Theil derselben
-herrscht nämlich volle Sicherheit und man kann dort zu jeder Stunde der
-Nacht ungefährdet passiren; dieses Viertel aber dürfte von einem anständig
-gekleideten Menschen doch lieber zu vermeiden sein, denn der Auswurf der
-Bevölkerung hat dort seinen Wohnsitz aufgeschlagen, und wer sich dahinein
-mischt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben. Ermordungen fallen dort
-wenigstens gar nicht so selten vor, und noch am letzten Abend war ein
-Bootsmann in einer dieser Winkelgassen erstochen worden, ohne daß man bis
-jetzt im Stande gewesen wäre, den Thäter zu ermitteln.
-
-Ein Fremder, der sich dort allein hineinwagte, würde außerdem nichts weiter
-zu sehen bekommen, als die der Straße zunächst gelegenen Trinklokale, und
-man ihm nie gestatten, weiter in diese Höhlenwirthschaft einzudringen.
-Dazu aber hat die Polizei das volle Recht und macht denn auch davon zu
-unregelmäßigen Zeiten Gebrauch, um hie und da einmal einem dort vielleicht
-versteckten Verbrecher auf die Spur zu kommen, oder die Insassen der
-verschiedenen, ihnen wohlbekannten Cabachen zu revidiren.
-
-Einem solchen Streifzug, den zwei Polizeilieutenants (der Eine von ihnen
-ein Deutscher) unternahmen, schloß ich mich mit einem Freunde an, und etwa
-um acht Uhr Abends trafen wir uns auf der einen Polizeistation, die an sich
-schon manches Interessante bot.
-
-Es sind das nämlich die Plätze, wo aufgegriffene Vagabonden oder auch
-Verbrecher festgehalten werden, bis ihre Untersuchung eingeleitet und ihre
-Strafe bestimmt werden kann, und die Art, wie man sie dort unterbringt,
-ist so eigenthümlich wie praktisch. Man sperrt sie nämlich keineswegs in
-kleine, aus dicken Mauern bestehende Zellen, mit eisenbeschlagenen Thüren
-und Schlössern und sorgfältig verwahrten Oefen, durch welche sie aber noch
-trotzdem manchmal ihren Weg zur Flucht suchen, sondern in einem großen
-Saal, am Tag durch Fenster, Nachts durch Gas erleuchtet, stehen vier
-oder fünf große viereckige, eiserne Käfige, aus starken Eisenblechbändern
-zusammengenietet und ebenfalls mit einem eisernen Boden versehen,
-zerstreut, und in ihnen befinden sich die verschiedenen Gefangenen. Die
-Zwischenräume zwischen den Eisenblechstreifen sind aber so weit, daß man
-überall leicht einen Arm durchstrecken kann, und gewähren dadurch über
-das Innere einen durch nichts gehemmten Blick. Polizeileute gehen außerdem
-fortwährend zwischen den verschiedenen Käfigen hin und her, und keiner
-der Insassen kann sich auch nur bewegen, ohne daß es bemerkt wird. An ein
-Ausbrechen ist deßhalb nicht zu denken, und ebensowenig können sie durch
-Feuer Unheil anrichten -- das Eisen brennt nicht.
-
-Eines der Zimmer übrigens mit eben solchen, aber nicht verschlossenen
-Käfigen ist für Obdachlose bestimmt, die selber bei der Polizei Schutz
-gesucht haben, und gerade an dem Abend hatten sich zwei Frauen mit kleinen
-Kindern da eingefunden, um hier die Nacht zuzubringen -- ja vielleicht auch
-den andern Tag. Du lieber Gott, es war doch immer ein Schutz gegen Wind
-und Wetter und wer weiß, welches unsagbare Leid die armen Frauen erst
-durchgemacht, ehe sie diese letzte Hülfe in der Noth benützten.
-
-Wir hielten uns übrigens nicht sehr lange bei der Besichtigung dieser
-verschiedenen Gruppen auf, sondern traten unseren Marsch an, der uns in die
-östlich gelegenen Distrikte der Stadt, oder in das sogenannte Negerviertel
-führte.
-
-Zuerst besuchten wir hier eine Negerkirche, die sich, wenn auch an einem
-Wochentage, ziemlich stark besucht zeigte. Besonders ragten die »farbigen«
-Ladies durch bunten Putz und Schmuck hervor, und es sollte mich gar nicht
-wundern, wenn sie es schon den »weißen« Ladies abgesehen hätten, nur
-deßhalb nämlich das Gotteshaus zu besuchen, um dort ihren bunten Plunder
-zur Schau zu tragen.
-
-Der Geistliche -- ein dunkler Mulatte, hielt eine schale, nichtssagende
-Predigt voll lauter Phrasen und dabei ohne jede Begeisterung oder Wärme und
-etwa mit einer Betonung auf jedem Wort, als ob er immer hätte sagen wollen:
-»Nun, hab' ich nicht recht? -- ist die ganze Sache nicht sonnenklar,
-und kann irgend ein vernünftiger Mensch irgend etwas dagegen einzuwenden
-haben?« -- Er blieb dabei auf der sehr breiten Kanzel auch nicht etwa
-stehen, sondern lief darauf hin und her, sich bald an diesen, bald an jenen
-Theil seiner Zuhörer wendend. Große Ruhe schien aber nicht beobachtet zu
-werden, denn fortwährend kamen und gingen Leute, und machten oft Lärmen
-genug dabei.
-
-Uebrigens stand diese Kirche genau an der Grenze des berüchtigten Viertels,
-und von dort an begannen schon die einzelnen Buden und Trinklokale, aus
-denen hie und da der Ton einer einsamen Violine heraustönte. Es herrschte
-auch jetzt gerade kein rechtes Leben zwischen dieser Menschenklasse, denn
-der Fluß war zu niedrig, die Dampfboote konnten nicht fahren, und gerade
-die farbigen Dampfbootleute sind es, die hier ihre Orgien feiern und den
-schmutzigen Strudel in Bewegung halten.
-
-Wir betraten jetzt einige der Plätze, in denen unten, bei der Beleuchtung
-eines einzelnen Talglichts, oder einer Petroleumlampe, schnöder Whisky
-und grauenvolle Cigarren feil gehalten wurden, und nicht einmal mehr
-geschminkte weiße und schwarze Dirnen, durcheinander gemischt, ihr Glas
-tranken und ihre Cigarre rauchten. Die Herren von der Polizei hielten
-sich aber nicht lange in diesen vorderen Räumen auf, denn was hier weilte,
-brauchte das Licht -- wenigstens dieser Nachbarschaft -- nicht zu scheuen.
-Sie wußten auch überall schon genau Bescheid, wohin sie sich zu wenden
-hatten; bald krochen sie, unmittelbar hinter dem Schenkstand, eine steile
-Treppe empor, die eher einer Leiter glich, bald wandten sie sich der
-Hinterthür zu, schritten über einen engen, stockfinsteren Hofraum und
-überraschten dadurch die Bewohner eines baufälligen, halbverfallenen
-Hinterhauses.
-
-Wir folgten ihnen natürlich auf dem Fuß und: »Jammer, von keiner
-Menschenseele zu fassen!« hätte ich manchmal ausrufen mögen, wenn wir
-einzelne dieser höhlenartigen Wohnungen betraten.
-
-Dort, unter Lumpen, lag auf einer schmutzigen Strohmatratze eine
-menschliche Gestalt zusammengekauert.
-
-»Wer ist das?«
-
-»Meine Schwester,« sagte eine alte, in der Ecke kauernde Frau, die man
-natürlich keines Grußes gewürdigt hatte, »sie ist krank.«
-
-Auf dem Tisch flackerte ein fast niedergebranntes Talglicht seinen
-düsteren, unbestimmten Schein durch das Gemach, blies doch der kalte
-Nachtwind durch drei oder vier losgefaulte Planken in der Wand, aber der
-amerikanische Polizeilieutenant begnügte sich nicht mit der Antwort -- war
-es doch ein zu gewöhnlicher Kniff dieser Art Leute, irgend Jemanden, den
-sie verstecken wollten, für einen Kranken auszugeben. Er zog ziemlich
-unsanft die Decke fort, und scheu und erschreckt schaute ein hohläugiges,
-bleiches Antlitz zu ihm auf. Es war in der That die kranke Schwester.
-
-»Holla, Betsy, seit wann seid Ihr wieder nach Cincinnati gekommen?«
-
-Die Kranke konnte nicht antworten und zog die Glieder fröstelnd zusammen,
-so daß der Lieutenant ihr die Decke wieder überwarf. Die Schwester
-antwortete für sie.
-
-»Ihr Mann hat sie so mißhandelt und die wenigen Cents, die sie verdient,
-auch noch vertrunken, ohne ihr je nur einen Laib Brod in's Haus zu tragen.
-Da hat sie sich hier herunter geschleppt, um hier zu sterben.«
-
-Es war ein Bild des Jammers, nicht des Verbrechens und doch lehnte daneben
-auf einer alten Schiffskiste ein halbtrunkenes schwarzes Mädchen, das
-nur noch genug Besinnung hatte, um die zerfetzten Oberkleider ein wenig
-zusammen zu raffen.
-
-Wir gingen weiter. Aus diesem Hintergebäude gleich in ein anderes
-hinübersteigend -- und der Weg war nicht angenehm, denn man sah gar nicht,
-wohin man den Fuß setzte, -- erreichten wir ein niederes, schmales Haus,
-in welchem oben, in zwei verschiedenen Fenstern Licht brannte. Ohne Zögern
-stiegen wir die eine, durch die offenstehende, obere Thür matt beleuchtete
-Treppe hinan und fanden oben in dem Gemach Gesellschaft. Zwei junge, weiße
-Damen lebten hier in dem ärmlichen Raum, und auf einem dreibeinigen
-Stuhl saß ein Neger-Elegant, seinen Filzhut etwas verlegen in der Hand
-herumdrehend.
-
-Der eine Polizeilieutenant trat, ohne die Gruppe mehr als eines flüchtigen
-Blickes zu würdigen, in das nächste Zimmer und leuchtete hinein -- aber
-es war leer. Eines der beiden Mädchen wohnte wahrscheinlich darin, und war
-hier auch wohl weiter nichts Verdächtiges zu finden -- nichts wenigstens,
-gegen was die Gesetze des Staates hätten einschreiten können.
-
-Als wir die Straße wieder erreichten, hörten wir in einer der nächsten
-Negerspelunken Musik und fanden den Raum gedrängt voll Menschen. Ein
-paar von diesen drückten sich nun wohl ab, als sie die Polizeiuniformen
-erkannten, denn es giebt Konstitutionen, denen dieselben antipathisch sind;
-die meisten hielten aber wacker Stand, und wir fanden jetzt im Inneren
-einen alten Neger, beide Hände auf das Widerlichste verkrüppelt, der mit
-den Stumpfen eine Art von Banjo spielte und mit dicker, schwerer Stimme ein
-paar amerikanische Gassenhauer in seinem Negerdialekt sang.
-
-Der eine Polizeilieutenant wünschte mir gern den Genuß eines Negertanzes zu
-machen, aber die Damen schienen sich zu geniren; es wollte keine den Anfang
-machen, bis er sich eine aus dem Schwarm herausfing und ihr ein Stück
-Papiergeld vorhielt, das sie haben sollte, wenn sie eine Jig tanzte. Sie
-schien allerdings, trotz dem Geld, keine besondere Lust dazu zu haben, sah
-aber auch, daß sie nicht wieder fortkonnte, denn er hielt sie fest, und
-griff deßhalb nach dem Gelde. Es war eine kleine dicke, wie es schien,
-unbehülfliche Gestalt, warf aber jetzt die Füße nach dem Takt der von dem
-alten Neger gespielten Musik mit außerordentlicher Geschicklichkeit um
-sich, daß sie mit Hacken und Zehen selbst die Zweiunddreißigstel zu den
-Achtelnoten schlug. Wie wir aber nun glaubten, daß sie jetzt selber warm in
-dem Tanz geworden wäre, machte sie plötzlich einen Seitensprung und tauchte
-mitten zwischen die laut auflachende Zuschauermasse unter, aus der sie
-natürlich nicht wieder herausgefischt werden konnte.
-
-Das genügte übrigens auch vollständig für eine Probe, und wir schritten
-über die Straße nach einem anderen Gebäude hinüber, dem die Polizisten
-nicht recht zu trauen schienen. Dort fanden wir in einem Raum, den ein
-einzelner Mann fast beanspruchen würde, wenn er bequem leben sollte,
-eine ganze Kolonie von Familien, und zwar zwei Negerfamilien und --
-eine deutsche in Schmutz und Unrath dabei, den es nicht möglich wäre zu
-beschreiben. Ich konnte mir auch nicht helfen und frug den Deutschen,
-wie er nur im Stande sei, es in einer solchen Pesthöhle mit den Seinen
-auszuhalten, aber er zuckte die Achseln und meinte: »es wäre ihm hier in
-Amerika nicht besonders gut gegangen, und die Neger seien nicht so schlimm,
-als sie gemacht würden; es ließe sich recht gut mit ihnen leben.«
-
-Der deutsche Polizeilieutenant sagte mir übrigens nachher, daß nicht etwa
-die Noth deutsche Familien in einen solchen Zufluchtsort dränge, sondern
-daß sich derartiges Volk wahrscheinlich schon daheim in ähnlicher Umgebung
-herumgetrieben habe, oder hier durch lüderliches Leben dazu gebracht
-sei. Uebrigens wären die Fälle gar nicht etwa so selten, und ich könnte
-verschiedene »deutsche Familien« in »ähnlicher Art« gehaust finden.
-
-Wieder in die Straße hinüberkreuzend, betraten wir ein anderes Schenklokal,
-in welchem drei Neger Karten mitsammen spielten.
-
-»Wo habt ihr denn den Einsatz?« frug sie der Polizeimann, und sie wußten
-recht gut, daß sie nicht um Geld spielen durften.
-
-»O, Mister,« sagte der eine Neger grinsend, »wissen wohl, wir sind viel zu
-arm, als daß wir um Geld spielen könnten -- spielen nur darum, wer von uns
-nächstes Jahr Präsident wird.«
-
-Der Polizeilieutenant lachte und ging der Hinterthür zu.
-
-»=For Gods sake Massa!=« sagte der eine Neger aufspringend, und mit
-ziemlich lauter Stimme: »Nehmen Sie sich in Acht, ist ein großes Loch im
-Hof.«
-
-»Schon gut, mein Bursch,« rief aber der Polizeimann ärgerlich, »kümmere
-Du Dich um Dich; ich kenne den Platz vielleicht so gut wie Du« -- und ohne
-sich weiter irre machen zu lassen, stieg er im Hof rasch einige in den
-Grund gestochene Stufen -- die bei Regenwetter völlig unpassirbar sein
-mußten -- hinauf und verschwand dann in dem oberen Haus oder vielmehr
-in der Dunkelheit. Ich muß jedoch gestehen, daß wir Anderen ihm viel
-vorsichtiger folgten, denn die Warnung mit dem tiefen Loch war an uns
-nicht so spurlos vorübergegangen. Wir erreichten jedoch glücklich das obere
-Gebäude, ohne freilich etwas Verdächtiges dort zu finden. Hatte sich irgend
-Jemand da versteckt gehabt, so war es ihm auch ein Leichtes gewesen, sich
-aus dem Staub zu machen, denn er brauchte nur über eine der nächsten,
-niederen Planken zu steigen, um damit schon vollständig aus Sicht und
-Bereich zu kommen.
-
-In der nächsten Bude fanden wir, neben anderen weiblichen Gästen, eine
-junge, aber sehr leidend aussehende Frau, die nichtsdestoweniger ein Glas
-mit Whisky vor sich stehen hatte.
-
-»Und bist Du wirklich hier wieder zurück in das Viertel gekommen, Margot?«
-sagte der Amerikaner, »hast Du nicht fest versprochen, daß wir Dich hier
-nicht wieder finden sollten?«
-
-»Ich halte auch mein Versprechen,« sagte die junge Frau finster und leerte
-dabei das Glas auf einen Zug; »habt keine Furcht, daß Ihr mich hier
-wieder trefft, denn zum zweiten Mal möchte ich das nicht durchmachen.
-Nur hereingekommen bin ich, um meine Kiste abzuholen, aber vor einer
-Viertelstunde kam der Mann erst mit seinem Pferd nach Haus, und jetzt muß
-ich hier schon noch einmal die Nacht schlafen. Heute bringt er sie mir
-nicht mehr fort, und wenn ich ihm einen Dollar dafür böte.«
-
-Es war überall das Nämliche: Jammer und Elend, aber nirgends Rauferei
-oder wüster Lärm, eine sichere Folge der schweren Zeiten. Bei nur geringem
-Verdienst konnten die Leute die fabelhaft hohen Whiskypreise nicht mehr
-erschwingen, denn wo sie sonst die Flasche um zehn Cents gehabt, sollten
-sie jetzt einen Dollar dafür bezahlen -- deßhalb auch dieser anscheinend
-moralische Frieden in dem »schlechten Viertel.«
-
-Auf dem Rückweg nach dem bessern Theil der Stadt sprachen wir noch, der
-Merkwürdigkeit wegen, in einem echten Negerbillardsaal vor, denn die
-schwarzen, neugebackenen »Gentlemen« haben sich jetzt eifrig diesem Spiele
-zugewendet. Der Besitzer desselben schien indessen ebenfalls unter den
-»schlechten Zeiten« zu leiden, denn wir fanden keinen einzigen Gast mehr in
-dem elegant genug ausgestatteten Raum, der, eine Treppe hoch gelegen, ein
-großes, hübsches Billard und einen reich ausgestatteten Schenkstand zeigte.
-Wir tranken auch dort einmal und ließen uns einige Cigarren geben und
-fanden beides, Getränk und Tabak, gut und preiswürdig.
-
-Am nächsten Morgen wohnte ich auch einer Gerichtssitzung bei, wo die über
-Nacht aufgebrachten Vagabonden abgeurtheilt und verschiedene andere
-Dinge verhandelt wurden. Es war aber die alte, sich ewig wiederholende
-Geschichte: Trunkene, die in ihrem Rausch Prügeleien angefangen, Frauen,
-die von ihren Männern mißhandelt worden, und in ihrer Verzweiflung bei den
-Gerichten Schutz suchten, nichtsnutzige Dirnen, die einander in die Haare
-gerathen, und würdige dicke Damen, die Hüte mit allen möglichen seidenen
-Bändern und Blumen besteckt, die bezüchtigt waren, ein lüderliches Haus
-zu halten, das durch seinen ewigen Lärm die Nachbarschaft ununterbrochen
-störte. Es that Einem dann ordentlich in der Seele wohl, die gerechte
-Entrüstung zu sehen, mit welcher sie eine solche Verdächtigung von sich
-wiesen, und die Resignation zugleich, mit der sie sich zu fünfzig Dollars
-Strafe oder auch sechs Monat Gefängniß verurtheilen ließen. Ueberhaupt fiel
-mir auf, daß die Strafen von einem alten, sehr ruhigen Herrn, besonders für
-Straßenunfug, außerordentlich streng und unerbittlich diktirt wurden. Sechs
-bis zehn Monat Arbeitshaus kamen in den paar Stunden für gewöhnlichen Unfug
-mehrere Male vor, aber es mag auch unumgänglich nöthig sein, denn wenn man
-nur in die von Verbrechen und allen bösen Leidenschaften gefurchten Züge
-dieser Menschenklasse schaut, so kann man sich nicht verhehlen, daß sie
-eine leichte Strafe nur verspotten würden. Selbst diese kann sie nicht
-heilen, sondern entzieht sie nur für kurze Zeit ihrem lüderlichen und
-wüsten Leben, das sie, wenn wieder freigegeben, doch augenblicklich von
-Neuem beginnen.
-
-Ein höchst interessanter Fall kam an dem Morgen vor, leider aber nicht zur
-Entscheidung, und zwar ein junges, der Brandstiftung beschuldigtes Mädchen.
-In der Nachbarschaft waren, bald hintereinander in unerklärlicher Weise,
-mehrere Brände ausgebrochen, und das halbe Kind, denn sie konnte kaum
-dreizehn Jahre zählen, wurde beschuldigt, das Feuer an allen diesen Stellen
-angelegt, ja es sogar gegen Einen der Zeugen gestanden zu haben. Aber
-keiner von Allen klagte sie an, die That böswillig verübt zu haben, denn
-dazu lag nicht der geringste Grund vor, der dagegen in einer Art von
-Wahnsinn, in einer Krankheit, gesucht werden sollte, die sie zwang, überall
-Feuer anzulegen, um sich nachher an der Gluth zu freuen.
-
-Sie selber saß gebückt auf der Anklagebank, und das große Bonnet, das sie
-trug, beschattete ihre, nur selten sichtbaren Züge. Ihr Advokat saß an
-ihrer Seite, flüsterte nur manchmal mit ihr, und behauptete ihre Unschuld.
-Sie selber sprach fast gar nicht, nur wenn er sich mit einer Frage leise
-an sie wandte, schien sie mit ein paar ganz kurzen Worten zu erwiedern. Die
-gegen sie vorgebrachten Verdachtgründe reichten indessen noch lange nicht
-hin, sie zu verurtheilen -- wirkliche Beweise waren gar nicht vorhanden,
-und der Fall mußte deshalb auf einige Zeit hinausgeschoben werden, um
-beiden Theilen Gelegenheit zu geben, sich zu Anklage wie Vertheidigung zu
-rüsten.
-
-Leider verließ ich schon vor der Zeit Cincinnati.
-
-
-Leipzig,
-
-Druck von Giesecke & Devrient.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-In "Den Teufel an die Wand malen" fehlen Kennzeichnung und Überschrift des
-siebten Kapitels.
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
-hervorgehoben.
-
-Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert, sowie
-gegebenenfalls "«," geändert in ",«".
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Billette" -- "Billete",
-"Cajüte" -- "Kajüte", "Compaß" -- "Kompaß", "erwiderte" -- "erwiederte",
-"Hôtel" -- "Hotel", "müssig" -- "müßig", "Paar" -- "paar", "weshalb" --
-"weßhalb",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 1:
- "hiel" geändert in "hielt"
- (in der Hand ein großes Herz hielt)
-
- Seite 1:
- "," entfernt hinter "sie"
- (wie man sie wohl von Pfefferkuchen macht)
-
- Seite 1:
- "," eingefügt
- (ohne vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenüber)
-
- Seite 5:
- "." eingefügt
- (einen guten und väterlichen Rath zu ertheilen.)
-
- Seite 5:
- "grünbebewachsenen" geändert in "grünbewachsenen"
- (einem grünbewachsenen, ziemlich schräg abfallenden)
-
- Seite 5:
- "irgend wo" geändert in "irgendwo"
- (noch irgendwo einen Räuberhauptmann anbringen)
-
- Seite 13:
- "." geändert in "?"
- (»Und woher willst Du das wissen?«)
-
- Seite 25:
- "So bald" geändert in "Sobald"
- (Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt)
-
- Seite 28:
- "meist" geändert in "meinst"
- (daß Du es wirklich gut mit mir meinst)
-
- Seite 30:
- "," eingefügt
- (und fürchte fast, daß ich morgen)
-
- Seite 33:
- "," eingefügt
- (aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht)
-
- Seite 33:
- "," eingefügt
- (und beschloß deshalb, langsam und in aller Ruhe)
-
- Seite 34:
- "ab" geändert in "ob"
- (sondern als ob sein eigenes Schicksal)
-
- Seite 40:
- "ein" geändert in "eine"
- (Also eine Mademoiselle war die Dame)
-
- Seite 42:
- "," eingefügt
- (Papa,« sagte Clemence)
-
- Seite 42:
- "," eingefügt
- (Unsinn,« rief lachend der alte Herr)
-
- Seite 42:
- "." geändert in ","
- (»Nichts daran auszusetzen,« wiederholte der Vater)
-
- Seite 47:
- "Wären" geändert in "Waren"
- (Waren Sie jener junge Fremde?)
-
- Seite 53:
- "," eingefügt
- (fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts)
-
- Seite 62:
- "Sie" geändert in "sie"
- (»Nein,« sagte sie)
-
- Seite 62:
- "Sie" geändert in "sie"
- (setzte sie freundlicher hinzu)
-
- Seite 74:
- "." geändert in "?"
- (»Und wo hält er sich jetzt auf?«)
-
- Seite 76:
- "du" geändert in "Du"
- (Bleibst Du hier in M--?)
-
- Seite 118:
- "Biberich" geändert in "Bieberich"
- (»Und wohin wenden wir uns von Bieberich?«)
-
- Seite 122:
- "hatt" geändert in "hatte"
- (und sie hatte nicht viel Zeit)
-
- Seite 123:
- "," eingefügt
- (»Ich habe einen Begleiter gefunden,« sagte Clemence)
-
- Seite 136:
- "vorrigen" geändert in "vorigen"
- (ganz das nämliche im vorigen Jahr)
-
- Seite 140:
- vertauschte "," und "." korrigiert
- (setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für sicher.)
-
- Seite 144:
- "so bald" geändert in "sobald"
- (denn sobald er die lieben)
-
- Seite 159:
- "Trautena" geändert in "Trautenau"
- (Aber Trautenau war nicht in der Stimmung)
-
- Seite 160:
- "," eingefügt
- (»Wir sind die Ersten,« begann der Officier)
-
- Seite 165:
- "Hauskecht" geändert in "Hausknecht"
- (was ich eben von dem Hausknecht gehört)
-
- Seite 182:
- "den" geändert in "denn"
- (denn auf den anderen Inseln waren die Früchte)
-
- Seite 184:
- "Kapitan" geändert in "Kapitän"
- (Der Kapitän hoffte noch)
-
- Seite 186:
- "ihre" geändert in "Ihre"
- (Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.)
-
- Seite 189:
- "," hinter "dem" entfernt
- (fühlten sie mit dem ausgeworfenen Loth)
-
- Seite 201:
- "?" geändert in "!"
- (Die Schwarzen haben Booby-island besetzt!)
-
- Seite 214:
- "," eingefügt
- (Steuermann -- Ihr, Bill)
-
- Seite 222:
- "Zimmermannn" geändert in "Zimmermann"
- (Der Zimmermann that dies mit Vergnügen)
-
- Seite 227:
- "ihm" geändert in "im"
- (Tabaksbeutel vorn im Knopfloch baumelnd)
-
- Seite 238:
- "mußte" geändert in "wußte"
- (von dem lustigen Leben draußen wenig wußte)
-
- Seite 252:
- ";" geändert in ":"
- (seinen Hut schnell herunterreißend, erwiederte er höflich:)
-
- Seite 263:
- "keinen" geändert in "kleinen"
- (dem Haus mit dem kleinen Thurm)
-
- Seite 265:
- "ihn" geändert in "ihm"
- (Lange Zeit ließen ihm aber die Insassen nicht)
-
- Seite 273:
- "." eingefügt
- (Und nun komm, Kamerad -- es ist Zeit.)
-
- Seite 276:
- "," eingefügt
- (von Seeschlangen, Algen und Korallen keine Spur)
-
- Seite 278:
- "." geändert in "?"
- (stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn Alles bezahlt?«)
-
- Seite 278:
- "," eingefügt
- (bist Du aber noch schuldig, mein Bursch)
-
- Seite 300:
- "Aufenthalsort" geändert in "Aufenthaltsort"
- (in jenem entsetzlichen Aufenthaltsort liegen bleiben)]
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Erster Band, by
-Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, ERSTER BAND ***
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