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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Kreuz und Quer, Erster Band - Neue gesammelte Erzählungen - -Author: Friedrich Gerstäcker - -Release Date: April 16, 2017 [EBook #54555] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, ERSTER BAND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - - -[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ] - - - - - Kreuz und Quer. - - Neue gesammelte Erzählungen - von - Friedrich Gerstäcker. - - Erster Band. - - Leipzig, - Arnoldische Buchhandlung. - 1869. - - - - -Inhaltsverzeichniß. - - - Seite - - 1. Den Teufel an die Wand malen 1 - - 2. Booby-island 176 - - 3. Zacharias Hasenmeier's Abenteuer 225 - - 4. Das Hospital auf der Mission Dolores 280 - - 5. Eine Polizeistreife in Cincinnati 330 - - - - -Den Teufel an die Wand malen. - - - - -Erstes Kapitel. - -Das Wandgemälde. - - -In seinem kleinen Atelier, drei Treppen hoch in der Osterstraße, stand der -junge Maler Ernst Tautenau auf einer Art von Treppenleiter, die Kohle in -der Hand, und entwarf auf der weiß getünchten Seitenwand eine groteske -Figur in übermenschlicher Größe. - -Es schien eine Art von Faun zu sein -- ein nicht unschöner Kopf, aber mit -gierig lüsternem Blick, und breiten, sinnlichen Kinnbacken -- der nackt, -nur mit einem breiten Gürtel von Weinlaub und -- sonderbarer Weise -Spielkarten um die Hüften, trotzdem ein paar große Epauletten auf den -bloßen Schultern trug, aber in der Hand ein großes Herz hielt, wie man -sie wohl von Pfefferkuchen macht, und eben im Begriff stand dasselbe -auseinander zu brechen. - -Er war noch eifrig mit der Ausführung der Figur beschäftigt, als sich, ohne -vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenüber liegende Thür öffnete, und -ein junger Mann mit breitrandigem schwarzen Filzhut, den Zipfel des langen -blauen Mantels über die linke Schulter geschlagen, dabei mit vollem weichen -braunen Bart und ein paar großen ehrlichen Augen, lachend auf der Schwelle -stehen blieb, und das neu erstehende Werk des Freundes betrachtete. - -»Alle Wetter Ernst,« rief er dabei, »was malst Du denn da? ich glaube gar -»den Teufel an die Wand.« Was fällt Dir denn ein?« - -»Du könntest am Ende Recht haben, Frank,« sagte der Angeredete, der kaum -den Kopf nach dem Eintretenden wandte, und sich auch in seiner Arbeit nicht -stören ließ. »Der Bursche ist in der That mehr Teufel als Faun und eine -kleine Aenderung kann da nachhelfen.« Noch während er sprach wuchsen der -Gestalt an der Wand ein paar kurz aufsteigende spitze Hörner und zwischen -den Kartenblättern und dem Weinlaub krümmte sich ein, mit einem dicken -Haarbüschel versehener Schweif heraus. - -»Hahaha,« lachte Frank, »der Teufel mit Epauletten -- gewissermaßen in -Generals-Uniform bei großer Gala -- die Idee ist nicht schlecht. Aber, -Menschenkind, was soll die Spielerei? oder arbeitest Du im Auftrag irgend -eines Ministeriums, um vielleicht Frescobilder für einen Ständesaal zu -entwerfen?« - -»Und kennst Du den Burschen nicht?« - -»Wen? Seine höllische Majestät mit dem Pfefferkuchen-Herz in der Hand? -- -Das muß gut zu dem Schwefel schmecken?« - -»Ich meine das Gesicht.« - -»Hm, in dem Gesicht liegt in der That etwas Bekanntes,« sagte Frank, es -jetzt aufmerksamer betrachtend. »Also es ist keine Phantasie?« - -»Nein.« - -»Portrait?« - -»Vielleicht -- Du kennst das Original jedenfalls.« - -»Zum Teufel auch, die Epauletten bringen mich darauf -- der Major von -Reuhenfels, wie?« - -Ernst nickte stumm vor sich hin -- »Allerdings,« sagte er endlich, »der -Herr Major von Reuhenfels, den ich mir hier zu meinem besonderen Vergnügen -abconterfeit habe.« - -»Und liebst Du den so sehr, daß Du sein Bild immer vor Augen haben willst?« - -»Ja,« sagte Ernst finster und mit fest zusammengebissenen Zähnen, »so -innig, daß ich -- aber zum Teufel auch, ich will mir den schönen Tag nicht -verderben und habe mir nur den Spaß gemacht die Fratze hier an die Wand zu -zeichnen.« - -»Aber Du hast karrikirt -- der Major ist wirklich was man einen schönen, -stattlichen Mann nennt.« - -»Ein Fleischklumpen mit einem paar Unterkiefern, wie eine Kuh.« - -»Das spricht für seine gastronomischen Leistungen,« lachte Frank. - -»Und mit einem paar Lippen wie ein Faun -- selbst der Schnurrbart kann den -widerlichen Zug derselben nicht verbergen.« - -»Aber sage mir nur, weshalb Du eine solche Wuth auf den armen Teufel hast. -Hat er Dir denn je etwas zu Leide gethan?« - -»Ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen.« - -»Also gefällt Dir blos sein Gesicht nicht.« - -»Du setzest die Worte falsch -- mir gefällt sein Gesicht nicht bloß, er -sollte einen Schleier darüber tragen, wie der Prophet von Khorassan und ich -glaube bei Gott, er hat in seinem Charakter Aehnlichkeit mit dem.« - -Frank lachte, warf den Mantel und Hut auf den nächsten Sessel, sich selber -in einen, der Staffelei schräg gegenüber stehenden Lehnstuhl und sagte -dann, indem sein Blick an dem auf der Staffelei befindlichen und noch nicht -vollendeten Bild haftete: - -»Du hast etwas auf dem Herzen, Ernst, herunter damit, ich bin gerade in -der Stimmung Dir als »älterer Freund« -- denn Dein Geburtstag fällt auf den -25sten, meiner aber schon auf den 14ten Juni, einen guten und väterlichen -Rath zu ertheilen. -- Aber vorher sage mir erst einmal, was Du aus dem Bild -da machen willst. Ich werde nicht daraus klug, und Du mußt es ja auch in -den letzten zwei Tagen, wo ich Dich nicht gesehen, nur so auf die Leinwand -geworfen haben.« - -Das Bild stellte eine wilde Alpenlandschaft vor, mit rechts einer -sogenannten »Lanne,« einem grünbewachsenen, ziemlich schräg abfallenden -Bergabhang, an welchem ein paar einzelne Lärchen-Tannen wuchsen. An der -einen stand eine Mädchengestalt, mit im Winde flatternden Locken, und -den Baum, wie Schutz suchend, umklammernd. Oben an der, von der Lanne -emporstrebenden Bergwand, setzte ein Rudel Gemsen in voller Flucht hinüber --- die Thiere waren wenigstens flüchtig angedeutet. - -»Was soll denn das vorstellen?« -- fuhr er nach einer kleinen Weile fort --- »willst Du noch irgendwo einen Räuberhauptmann anbringen, der die junge -Dame überfällt? Sie umfaßt ja den Baum als ob sie ihn im Leben nicht wieder -los lassen wollte.« - -Trautenau hatte seine Arbeit indessen keinen Augenblick unterbrochen, und -die Gestalt an der Wand nur noch immer mehr ausgeführt. Er verschönerte -aber die Figur keineswegs, und schien fast Gefallen daran zu finden, den -Ausdruck aller bösen Leidenschaften in das Gesicht hinein zu legen. Jetzt -drehte er sich um, stieg herunter, warf die Kohle auf den Tisch, wusch sich -die Hände in einem daneben stehenden Becken und sagte: - -»Du sollst die Geschichte hören, Frank -- wenn auch nur in ihren flüchtigen -Umrissen -- ich wollte es Dir schon lange erzählen, und Dich um Deinen -Rath fragen. Aber wir müssen dazu ungestört sein, denn wenn ich einmal -unterbrochen werde, weiß ich nicht, ob ich den Muth haben werde, zum -zweiten Male zu beginnen.« - -Damit ging er zur Thür, riegelte sie zu, warf noch einen festen Blick -über das unvollendete Bild auf der Staffelei und begann dann, indem er mit -untergeschlagenen Armen im Zimmer auf- und abging: - -»Ich war im vorigen Herbst, wie Du weißt, in Tyrol, jene Gegend ist aus -einem der dortigen Thäler; ich wanderte mit meiner Mappe durch den wilden -Grund, als ich plötzlich einen gellenden Hülferuf höre, und aufschauend, -gar nicht so weit über mir eine weibliche Gestalt in einem lichten Kleide -und jener Stellung, wie Du sie hier auf dem Bilde findest, den Baum -umklammern sehe. Nirgend weiter war mehr ein menschliches Wesen zu -entdecken, und obgleich ich mir nicht denken konnte, weshalb die Dame -schrie, denn eine Gefahr gab es ringsum nicht, säumte ich doch nicht, so -rasch mich meine Füße trugen, dort hinauf zu eilen, was auch mit keinen -großen Schwierigkeiten verbunden war.« - -»Ich fand ein Mädchen -- erlaß mir die Beschreibung -- Du kennst sie auch -wahrscheinlich selber, denn sie wohnt seit vorigem Winter mit ihrem Vater -hier in M--« - -»Und wie heißt sie?« - -»Den Namen nachher. -- Es war ein Wesen, so zart und duftig, als ob es -dieser Erde gar nicht angehöre -- eine Bergelfe, die ihre Zeit verpaßt, und -am hellen Tag aus ihrem Schlupfwinkel herausgekommen war, um sich --« - -»An einen Baum anzuklammern und zu schreien,« sagte Frank trocken. - -»Du hast sie nicht gesehen und verstehst mich deshalb nicht,« erwiderte, -verdrießlich über den prosaischen Einwurf, der Freund. »Was wußte das arme -Kind von den Bergen. Muthwillig, in kindlichem Uebermuth war sie ihrer -Gesellschaft davon gelaufen, um hier über den grünen Wiesenhang hin ein -Stück vom Weg abzuschneiden, bis sie die Lanne steiler fand, als sie -Anfangs geglaubt und nun schwindlich wurde und Angst bekam. Kaum erreichte -sie noch den Baum, als sie ihn auch umfaßte, um sich daran zu halten, und -nun durch ihr Rufen die übrige Gesellschaft herbei zu ziehen suchte.« - -»Und Du warst der Glückliche, der sie fand.« - -»Ja -- ich sprach ihr Trost ein, ergriff ihre Hand, während sie sich fest -und schüchtern an meinen Arm anklammerte, und führte sie den übrigen Theil -der hier allerdings ziemlich steilen Lanne bis auf den durch das Thal -laufenden Pfad hinab, wo wir auch gleich darauf ihre Gesellschaft -bemerkten, die denselben nicht verlassen hatte, und nun etwas später -eintraf.« - -»Und wie heißt Deine Schöne?« - -»Damals erfuhr ich nur ihren Vornamen: Clemence, wollte mich aber der -Gesellschaft nicht aufdringen und zog mich bald darauf zurück, weil ich sie -den Abend schon wieder in dem nächsten Gasthof zu finden hoffte. Ich hatte -mich getäuscht -- sie waren weiter gegangen -- ich folgte ihnen, umsonst; -auf der Landstraße endlich verlor ich ihre Spur, bis ich ihr hier, vor -vierzehn Tagen etwa -- Du kannst Dir meine Freude denken, in M-- begegne.« - -»Und hast Du schon um sie angehalten?« - -»Du kannst Deinen Spott nicht lassen. Ich liebe sie aus voller, reiner -Seele, aber -- sie ist die Tochter des steinreichen Joulard und meine Liebe -deshalb hoffnungslos.« - -»Und was hat Dich vermocht, jenen Teufel dort an die Wand zu malen, und -in welcher Beziehung steht er mit Deiner ganzen Erzählung, denn etwas -Derartiges muß ich doch vermuthen.« - -»Die Sache ist sehr einfach,« sagte Ernst ruhig. »Vor drei Tagen war -ich zum ersten Male in dem Hause, ich könnte wohl sagen im Palais des -Banquiers, denn er bewohnt in der That ein solches. Die Treppen sind mit -schweren Teppichen belegt und mit Marmorstatuen verziert; die Vorsäle -selbst haben getäfelte Wände und riesige Spiegel. Im Inneren der Räume war -ich nicht; aus dem einen Zimmer trat der Major von Reuhenfels heraus, sein -widerliches Gesicht strahlte in Seligkeit. Als ich einen der Diener -frug, wer der Herr wäre, lautete die Antwort: »Der Verlobte des gnädigen -Fräuleins Clemence.« - -»Aha -- deshalb!« meinte Frank still vor sich hinlächelnd. »Nun und weiter? -Du wolltest meinen Rath.« - -»Ja, ich weiß es,« sagte Ernst seufzend, »aber -- er wird kaum mehr nöthig -sein, denn ich sehe nicht ein, wie mir noch ein Mensch helfen oder rathen -kann. Es bleibt mir ja doch Nichts weiter übrig, als eben einfach zu -entsagen und jede Hoffnung auf ein dereinstiges Glück fallen zu lassen. -- -Sie sind verlobt.« - -»Nun,« meinte Frank, »was das beträfe, so ist verlobt noch nicht immer -verheirathet, und ich könnte Dir verschiedene Beispiele nennen, wo solche -Verlobungen wieder rückgängig wurden, wenn Dir dadurch die geringste -Aussicht auf einen Erfolg Deiner Werbung bliebe -- aber Du bist doch wohl -nicht wahnsinnig genug zu glauben, daß Dir der reiche Joulard seine einzige -Tochter geben wird? Ich begreife sogar nicht, daß er dem einfach adligen -Major eine solche Gnade zu Theil werden läßt; denn bis jetzt hieß es in der -Stadt, daß er sich einen Herzog oder Prinz für sie ausgesucht.« - -»Und weißt Du, was dieser Major für ein Charakter ist?« - -»Ich kenne ihn gar nicht -- kaum dem Namen nach und nur von Ansehen.« - -»Aber ich habe mich desto sorgfältiger in den letzten Tagen nach ihm -erkundigt. Ein berüchtigter Spieler und Roué, der mehr Schulden als Haare -auf dem Kopfe hat, und das arme, engelgleiche Wesen elend machen wird.« - -»Und was geht das Dich an?« - -»Was das mich angeht? -- Mensch, Du kannst mich mit Deinen kalten Fragen -zur Verzweiflung treiben. Hab' ich Dir nicht gesagt, daß ich zum Tollwerden -verliebt in das Mädchen bin?« - -»In die Braut des Majors? Nun, Ernst, Du hast mich um meinen Rath gebeten -und den will ich Dir nicht vorenthalten. Wenn Du dem also folgen willst, -so bekümmerst Du Dich um die ganze Familie von diesem Augenblick an nicht -weiter, als daß Du Dein »Ideal« meinetwegen aus der Ferne anbetest, und den -Major, wenn es Dir Spaß macht, als Teufel oder sonst was an die Wand malst. -Darin bleibst Du vollkommen harmlos, und kein Mensch kann es Dir verwehren -oder wird dadurch geschädigt. Mische Dich aber um Gottes Willen nicht in -fremde Familienangelegenheiten, in denen Dir nicht das entfernteste Recht -zusteht, denn daß Du dadurch etwas zu Deinen Gunsten erreichen könntest, -wirst Du selber nicht glauben, um andere Menschen -- kümmere Dich aber -nicht, wie sich Andere auch nicht um Dich bekümmern.« - -»Aber wenn Clemence in der Verbindung mit jenem Menschen elend wird --« - -»Wenn sie wieder schreit und Du bist in der Nähe, so komm ihr wie damals -zur Hülfe -- aber früher nicht.« - -»Aber dann ist es zu spät. Soll ich sie denn rettungslos zu Grunde gehen -sehen?« - -»Lieber Freund,« erwiederte der junge Maler, »ihr Vater ist Banquier und -Du wirst mir Recht geben, wenn ich Dir sage, daß alle derartigen Leute die -Augen gewöhnlich offen halten. Thun sie es nicht, so ist es ihr eigener -Schade und kein Mensch weiter hat sich darum zu quälen.« - -»Und Clemence?« - -Frank schwieg ein paar Augenblicke und sah sinnend vor sich nieder, endlich -sagte er: - -»Du wirst aller Wahrscheinlichkeit nach wüthend werden, wenn ich Dir irgend -etwas gegen Dein »Ideal« einwerfe, aber es geht eben nicht anders. Was ich -auf dem Herzen habe muß heraus, so sollst Du denn auch meine Meinung über -Deine Auserwählte hören, die allerdings nicht so günstig lautet, als Du Dir -vielleicht wünschen könntest.« - -»Kennst Du sie?« - -»Zufällig habe ich in einem Hause Zutritt, wo sie aus und ein geht, und ich -gestehe Dir zu, daß sie ein bildhübsches, ja man könnte sogar sagen schönes -Mädchen ist, mit edlen, wenn auch etwas stolzen Zügen, aber --« - -»Aber? --« - -»Sie ist dabei die ärgste Kokette, die mir im ganzen Leben vorgekommen, und -herzlos bis zum Aeußersten.« - -»Und woher willst Du das wissen?« - -»Das kann ich Dir sagen. Als sie eines Tages jenes Haus verlassen wollte, -und ihre Equipage hielt vor der Thür -- ich ging hinter ihr die Treppe -hinunter -- wurde ein armes junges Nähmädchen, die irgend eine Arbeit -dort hinauf gebracht hatte, ohnmächtig und fiel gleich neben dem gnädigen -Fräulein, ja so dicht bei ihr, daß sie ihr wohl etwas an der Robe mußte -beschädigt haben, auf der Flur nieder. Hätte sie ein weiches Herz im Busen, -so würde sie sich der Armen angenommen und sie in ihrem eigenen Wagen -fortgeschafft haben, so warf sie ihr nur einen Blick voll Abscheu und Ekel -zu, sah nach ihrem Kleid und eilte dann so rasch sie konnte in den schon -für sie geöffneten Schlag des Wagens, der dann gleich nachher mit ihr davon -rollte.« - -»Es giebt Menschen, die keinen Kranken, besonders Ohnmächtigen, sehen -können,« sagte Ernst, »es geht mir selber so -- ich muß mich dazu zwingen --- das ist kein Beweis gegen sie.« - -»Wenn Du einen Beweis wolltest, wäre der genügend,« meinte Frank, »aber in -dem Fall wird Dich auch das Andere, was ich Dir noch sagen könnte, nicht -überzeugen.« - -»Und das wäre --« - -»Daß sie die ganze Zeit, in welcher ich mit ihr dort oben im Salon zusammen -war, sich so gesetzt hatte, daß sie sich fortwährend in dem Spiegel sehen -konnte, und die Gelegenheit auch auf das Eifrigste benutzte.« - -Ernst lachte. »Daß sich also ein junges hübsches Mädchen gern selber sieht -und ein wenig eitel ist, rechnest Du ihr zum Verbrechen an, -- und findest -Du eine unter Allen, die davon frei wäre?« - -»Gut! wir wollen uns auch darüber nicht streiten, denn die Sache hat keinen -Zweck. Dir wird Fräulein Clemence kaum gefährlich werden können, denn -wenn sie wirklich mit dem Major verlobt ist, werden wir auch wohl in -allernächster Zeit von ihrer Verbindung hören. Solltest Du aber wahnsinnig -genug sein, Einspruch thun zu wollen -- was ich Dir aber nicht zutraue, -denn eine Geistesstörung habe ich bisher noch nicht an Dir bemerkt, so -bedenke wohl, daß Dir jedes Recht dazu fehlt. Was Du auch über den Major -weißt, können nur Gerüchte sein, für die Du nie wirkliche Beweise bringen -würdest, außer vielleicht für die Schulden, und was schadet es dem reichen -Joulard, wenn sein Schwiegersohn ein paar tausend Thaler negatives Vermögen -hat? Er wird sie eben bezahlen, und die Sache ist abgemacht. Aber wie -ist's? Hast Du Lust einen Spaziergang zu machen? Ich komme eigentlich her, -um Dich abzuholen.« - -»Ich danke Dir -- ich bin es jetzt nicht im Stande,« sagte Ernst, »nicht in -der Stimmung -- es geht mir zu viel, zu Schweres im Kopfe herum -- ich muß -allein sein -- muß mich erst sammeln -- aber wenn Du zurückkehrst, sprich -wieder bei mir vor.« - -»Also sammele Dich,« rief ihm Frank zu, »und ich bin überzeugt, Du wirst -in die richtige Bahn hinein kommen. -- Ich frage dann wieder vor und hoffe -Dich gegen Abend ruhig und vernünftig zu finden. Ueberdieß haben wir heute -Künstlerverein, und Du darfst da nicht fehlen.« - -Mit diesen Worten warf er seinen Mantel wieder um, setzte seinen Hut auf -und verließ das Zimmer. Sein Freund blieb aber in einer trüben, ja fast -verzweifelten Stimmung zurück, denn er konnte sich nicht verhehlen, daß -Frank in manchen -- ja in vielen Stücken Recht hatte und da mit der kalten -Vernunft eintrat, wo bei ihm nur Alles Feuer und Leidenschaft war. Was -wußte der Vernunftmensch aber auch von Liebe -- einer Liebe, die ihm -selber das Herz zu verzehren drohte, und der er sich mit aller Zähigkeit -hingegeben hatte, mit welcher wir manchmal in der Jugend einen Schmerz -pflegen, nur um uns unglücklich zu wissen. - -Unglückliche Liebe! Wer von uns Allen hat nicht schon das selige Bewußtsein -gehabt unglücklich zu lieben und sich mit Stolz und Heroismus demselben -hingegeben. Wir sind auch vielleicht wirklich unglücklich in dem Augenblick --- wir verachten das Leben, das für uns nicht den geringsten Reiz mehr hat, -begehen aber dabei den Fehler, daß wir uns gewöhnlich für »ewig verloren« -halten -- wie denn die Jugend mit dem Worte »ewig« einen argen Mißbrauch -treibt. So hält sie auch ihren Schmerz für ewig, und weiß doch noch -gar nicht was wirklicher Schmerz ist, bis das Leben selber ernst an sie -herantritt. Aber dann ist auch ihre Kraft gestählt, und sie trägt und -besiegt das Schwerste, wo sie früher unter dem Leichteren zusammenzubrechen -drohte. - -Ernst Trautenau war aber überhaupt gar keine schmachtende oder weiche -Natur. Er rang dem Leben kräftig seine Existenz ab, und wenn ihn auch auf -kurze Zeit vielleicht das romantische Gefühl seines Leidens bewältigen -konnte, lange war es wenigstens nicht im Stand ihn niederzudrücken, denn -der Haß gegen das ihm im Wege stehende Hinderniß gewann die Oberhand. - -Wieder und wieder fiel sein Blick auf die Figur an der Wand. Die -Kohlenzeichnung genügte ihm nicht mehr, und er beschloß das Bild =al -fresco= in Farben auszuführen. Rasch ging er auch an's Werk -- es war eine -grimme Genugthuung für ihn, an dem verhaßten und glücklichen Nebenbuhler in -solcher Weise seine Rache auszuüben, und kaum zwei Stunden später hatte er -das Portrait eines gelbbraunen Satans, mit allen Insignien der Hölle, und -noch einer Menge irdischer Zuthaten, in den grellsten Farben prangend, an -der Wand vollendet. - - - - -Zweites Kapitel. - -Der Besuch. - - -Am nächsten Morgen um elf Uhr saß Trautenau wieder an seiner -Staffelei, aber er hatte das Bild, das er am vorigen Tag darauf gehabt, -heruntergeworfen und die Leinwand zu einem neuen Gemälde aufgespannt. Mußte -er Frank nicht Recht geben? -- War es nicht Wahnsinn, da noch eine Hoffnung -zu nähren, wo jede Aussicht schon in sich selber zusammenschwand? Ja, sah -er auch nur selbst die Möglichkeit voraus, sich der Geliebten zu nahen? -denn unter welchem Vorwand konnte er sich bei ihr melden lassen? -- Als -Retter in den Alpen? Wenn er die Sache ruhig überdachte, so war nicht mehr -Gefahr dabei gewesen, als wenn er die fremde Dame über eine gewöhnliche -Wiese hinüber geführt hätte -- und gab ihm das überhaupt ein Recht sich -bei ihr einzuführen? -- Wahrlich nicht, ja er mußte erwarten, daß er als -zudringlicher Fremder abgewiesen wurde; und eine solche Demüthigung wäre -nur verdiente Strafe für seinen Uebermuth gewesen. - -Was ging ihn des reichen Mannes Tochter an -- sie war ihm so »unerreichbar -wie die Sterne« und er mochte sich wohl an ihrem Glanz erfreuen, aber -durfte auch weiter nicht die Hand nach ihr ausstrecken. - -Er hatte sich heute Morgen eine recht prosaische Arbeit hervorgesucht. Es -war das Portrait eines benachbarten Gewürzkrämers, der das Bild seiner -neu verlobten Tochter als Hochzeitsgeschenk bestimmt hatte. Das Original -erfreute sich dabei eines nicht allein alltäglichen, sondern sogar gemeinen -Gesichts, mit einer rothen Nase und niederer, von struppigen Haaren -eingedämmten Stirn, eines Paars dünner Lippen und sogar noch Blatternarben. -Das war eine Physiognomie, wie der Maler sie jetzt brauchte, und er -beschloß deshalb auch ganz besonderen Fleiß auf die mit großen unächten -Steinen besetzte Tuchnadel, auf die goldene Kette und das gestickte -Vorhemdchen zu wenden. - -Aber die Staffelei stand so, daß er, wenn er nur zwei Schritte davon -zurücktrat, gerade darüber hin den Kopf des teuflischen Majors erkennen -konnte, der fast wie höhnisch, und jedenfalls mit einem ganz abscheulichen -Ausdruck nach ihm herüber grinste, und der arme Gewürzkrämer kam dabei -am Schlimmsten weg. Unwillkürlich arbeitete ihm Ernst mit ein paar -Pinselstrichen auch im Gesicht herum, so daß er der Carrikatur dahinter -täuschend ähnlich wurde. - -Noch war er damit beschäftigt und schon auf dem besten Weg das vor ihm -stehende Bild total zu verderben, als man plötzlich ziemlich herzhaft -an die Thür pochte und Trautenau, der gerade wieder von seinem Portrait -zurückgetreten war, um einen besseren Ueberblick zu gewinnen, sah, daß -sich auf sein barsches »Herein« die Thür öffnete und ein Officier -- sein -eigenes Wandgemälde, wie es leibte und lebte, nur in etwas anderem Costüm, -auf der Schwelle stand. -- - -»Habe ich das Vergnügen Herrn Portraitmaler Trautenau zu sprechen?« sagte -der Fremde artig. - -»Mein Name ist Trautenau,« erwiederte der junge Mann, in dem Moment doch -etwas verlegen, denn er hatte keine Ahnung gehabt, daß sich das Original -seines Teufels so bald einstellen würde. - -»Mein Name ist von Reuhenfels,« erwiderte der Officier, -- »Major, und Sie -sind mir als ein so vortrefflicher Portraitmaler in der Stadt genannt, daß -ich Sie ersuchen möchte, das Bild einer Dame in Lebensgröße zu übernehmen.« - -»Einer Dame?« fragte Ernst, dem bei den Worten alles Blut in seinen Adern -zum Herzen zurückströmte. - -»Ja, mein Herr. Würden Sie vielleicht im Stande sein, ein solches Gemälde -rasch in Angriff zu nehmen, und sobald als möglich fördern zu können? Es -ist das Bild meiner Braut.« - -Ernst wollte antworten, brachte jedoch kein Wort über die Lippen; die Kehle -war ihm wie zugeschnürt. Aber er fühlte auch, daß er, gerade vor diesem -Menschen, nicht wie ein Schulknabe dastehen dürfe, und sich gewaltsam -zusammenraffend, sagte er endlich: - -»Ich denke wohl, Herr Major -- wie heißt die Dame?« - -»Fräulein Joulard -- Sie werden sie wohl kaum kennen -- Sie ist ein -reizender Vorwurf für ein Bild -- eine imposante, prachtvolle Gestalt -- -ein wahres Meisterstück der Schöpfung. Und wann können Sie damit beginnen? -Meine Braut hat sich bereit erklärt, von morgen an dem Bild sitzen zu -wollen, und zwar täglich eine Stunde von 12-1 Uhr, acht Tage lang. Wären -Sie im Stande das Gemälde in der Zeit zu vollenden?« - -»Zu untermalen jedenfalls; ich würde aber dann später noch um einige -Sitzungen bitten müssen.« - -»Hm, das wird schwer halten; sie hat einen kleinen Trotzkopf, so schön -er ist, und wenn sie sich da einmal etwas hineinsetzt -- alle Teufel,« -unterbrach er sich aber plötzlich lachend, als sein im Atelier -umherschweifender Blick auf das riesige diabolische Bild fiel -- »Sie haben -sich ja da im wahren Sinn des Wortes den Teufel an die Wand gemalt -- famos --- ganz ausgezeichnet -- Hahahahaha.« - -Trautenau fühlte wie er über und über roth im Gesicht wurde, und doch auch -hatte die Sache wieder etwas unendlich Komisches, daß sich der Major über -sein eigenes Bild amüsirte, ohne anscheinend eine Ahnung zu haben, daß es -eben sein eigenes sein sollte. - -»Verfluchte Idee,« lachte der Major aber noch immer weiter -- »und ein -Schurz von Wein- und Kartenblättern -- famos allegorisch -- ja wohl sind -das die Attribute des Teufels, lieber Freund, und das Herz, das er mit den -Krallen zerbricht, ergänzt die dritte Kraft im Bunde. Ganz ausgezeichnete -Idee das -- ganz ausgezeichnet. Sie haben Phantasie, mein junger Künstler, -und der Teufel dort ist ein wahres Meisterstück.« - -»Sie sind zu gütig, Herr Major,« entgegnete Trautenau, bei dem das -Humoristische der Situation die Oberhand gewann, »also er gefällt Ihnen -wirklich?« - -»Ausgezeichnet, sage ich Ihnen -- und die Epauletten -- höhere Charge -natürlich in seiner Beelzebubschen Majestät Armee; wundervoll! -- Aber ich -muß fort. Also bitte sich morgen früh um zwölf Uhr im Joulardschen Hôtel -- -wissen Sie wo Joulard wohnt?« - -»Ja wohl.« - -»Gut -- also dort mit Allem was Sie brauchen, einzufinden. Ein kleines -Atelier werden Sie auch da antreffen, indem die junge Dame selber viel Sinn -für die Kunst hat, und auch zuweilen malt. Und dann noch eins -- der Preis --- ich glaube, daß Sie sich später darüber mit Herrn Joulard in für Sie -sehr befriedigender Weise verständigen werden. Sie laufen dabei keine -Gefahr. Also Sie kommen?« - -»Ich werde mich pünktlich einfinden.« - -»Und noch eine Bitte, bester Freund -- könnten Sie nicht für mich eine -kleine Skizze -- und wenn es nur Aquarell ist -- von diesem famosen Teufel -machen -- aber eine ganz treue Copie, wie? Sie würden mich unendlich -verbinden.« - -Trautenau sah ihn erstaunt an. War denn der Mann wirklich im Ernst und so -ganz verblendet, daß er nicht einmal sein eigenes Portrait erkannte? Aber -unwillkürlich lachte er doch auch über die merkwürdige Bitte desselben, und -in einem Anfall von wildem Humor rief er aus: - -»Sie sollen eine Copie bekommen, Herr Major, verlassen Sie sich darauf -- -eine treue Copie -- und vielleicht schon in nächster Zeit.« - -»Sie sind unendlich liebenswürdig, Herr Trautenau,« versicherte der -Officier -- »also unser Geschäft wäre soweit abgemacht -- habe die Ehre,« -und militairisch grüßend verließ er das Zimmer, während Trautenau wie -in einem wachen Traum mitten in dem kleinen Gemach stehen blieb und ihm -nachstarrte. - -Konnte denn das auch Wirklichkeit sein? Der Major -- sein Major, den er -dort als diabolisches Eigenthum an der Wand besaß, war zu ihm gekommen, -hatte das Bild betrachtet und sich darüber gefreut, und ihn selber zu -Clemence, zu der Geliebten bestellt, um diese zu malen, um ihr Stunden lang -in die guten, seelenvollen Augen zu sehen und ihrer zauberholden Stimme zu -lauschen? Er vermochte das Riesige des Gedankens und der Consequenzen noch -nicht zu fassen, und starrte noch immer, wie in einer Verzückung nach der -Thür, als sich diese wieder rasch öffnete und Frank eintrat. - -»Weißt Du wer eben hier im Hause war?« -- rief er -- »ich begegnete ihm -unten in der Thür« -- - -»Der Teufel!« sagte Ernst. - -»Er war doch nicht bei Dir?« fragte Frank rasch. - -»Allerdings, und hat sich eine Copie von dem Wandgemälde bestellt.« - -»Du willst mich zum Besten haben.« - -»Ja, mehr als das -- ich soll Clemence malen.« - -»Und dazu hat Dich der Major aufgefordert?« - -»Allerdings.« - -»Und er hat wirklich das Wandgemälde dort gesehen?« - -»Gewiß hat er, und war entzückt davon.« - -»Ohne die Aehnlichkeit zu bemerken?« - -»Er hat sich wenigstens Nichts merken lassen, mich jedoch wahrhaftig um -eine Copie gebeten, die ich ihm auch versprochen.« - -»Du willst dem Major eine Copie von dem Teufel da machen?« - -»Gewiß will ich -- und weshalb nicht?« - -»Nun, mir kann's recht sein,« sagte der junge Maler, »wenn es ihn eben -freut. Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt, -- und gute Freunde -werden ihn schon darauf aufmerksam machen, -- wird er wüthend werden.« - -»Und was weiter?« fragte Ernst trotzig. »Wenn er glaubt, daß ich ihm auch -nur den Raum eines Schrittes weiche, so irrt er sich gewaltig.« - -Frank lachte. »Wenn ich nur in dem Moment, wo er hinter die Aehnlichkeit -kommt, bei ihm sein könnte, -- was für ein prachtvoll dummes Gesicht er -dann machen wird. Aber zu solchen Aufführungen bekommt man nie ein Billet. -Uebrigens kam ich eben her, um Dir zu sagen, daß ich mich selber noch -gestern und heute nach dem Major erkundigt und allerdings alles Das -bestätigt gehört habe, was Du über ihn gesagt. Er scheint selbst bei seinem -Regiment sehr schlecht angeschrieben, obgleich die Officiere natürlich -nichts Nachtheiliges über ihn äußern werden.« - -»Siehst Du, daß ich recht hatte.« - -»Aber das ändert deshalb an der Sache nichts. Du selber stehst dabei der -jungen Dame so fern als je, und wenn Du wirklich aufgefordert bist, sie -zu malen, Ernst, so weisest Du, wenn Du auf meinen Rath nur das geringste -Gewicht legst, den Auftrag rund ab.« - -»Ich habe schon zugesagt.« - -»Eine Ausrede läßt sich finden. Du brauchst den Verdienst auch nicht so -nothwendig, denn was Du zum Leben bedarfst, werfen Dir eben so leicht -andere Arbeiten ab.« - -»Und sogar ihrem Begegnen soll ich feige ausweichen?« fragte Ernst trotzig, --- »glaubst Du, daß ich mich vor der Dame fürchte?« - -»Ich fürchte nur, daß Du einen dummen Streich machst, und um Dir die Folgen -desselben zu ersparen, habe ich Dich gebeten, ihr auszuweichen.« - -»Ich bin kein Kind mehr.« - -»Nein, Du wärst alt genug, um selber zu wissen, was Du zu thun hast, aber --- nimm mir's nicht übel, Ernst, -- schon diese tolle Liebe, oder vielmehr -der Glaube, daß Du sie liebst, denn Du kannst dies nach einem so flüchtigen -Begegnen noch gar nicht wissen, spricht für Dein -- kindliches Gemüth. In -Dir steckt weit mehr Romantik, als Dir gut und zuträglich ist, und ohne daß -Du es selber merkst, geht Dir einmal das Herz mit dem Verstand durch und -läßt Dich dann in irgend einer unangenehmen Situation rettungslos sitzen. -Denk' an mich.« - -»Du hättest Schulmeister werden sollen, Frank,« sagte Trautenau lächelnd, -»denn Du sprichst wirklich wie ein Buch, und wenn ich Dich nicht so genau -kennte, würde ich Dich jetzt für einen furchtbaren Philister halten.« - -»Ich gestehe Dir zu, daß ich jetzt vernünftiger spreche, als ich gewöhnlich -denke,« erwiderte Frank -- »ich setze mich auch selbst in Erstaunen, aber -sei überzeugt, daß es mir nicht an praktischem Sinn fehlt, und nur -die Sorge, Dich in eine peinliche -- und doppelt peinliche, weil -selbstverschuldete Lage gebracht zu sehen, läßt mich so zu Dir reden. Malst -Du das junge bildhübsche Mädchen, in das Du bis über die Ohren verliebt zu -sein selbst eingestehst, so läuft die Sache auch nicht so glatt ab, und ich -fürchte, Du -- ruinirst Dir ein groß Stück Leinwand um gar Nichts.« - -»Ich kann nicht mehr ablehnen, was ich einmal angenommen habe.« - -»Bah, wenn Du ernstlich wolltest, wäre Nichts leichter als das. -- Ich will -Dir einen Vorschlag machen: Wir wollen tauschen -- ich habe das lebensgroße -Bild des Grafen Stirnheld zu malen bekommen, und zwar nur durch Protection, -denn meinen bescheidenen Verdiensten kann ich das kaum zumessen. Uebernimm -Du die Arbeit. Was wir für beide Bilder bekommen legen wir dann zusammen -und theilen.« - -»Du bist ein Thor -- durch das Bild des Grafen erhältst Du, wenn es Dir -gelingt, Zutritt in alle aristokratischen Cirkel der Stadt.« - -»Ich möchte Dich aus Joulard's Haus entfernt halten.« - -»Ich danke Dir, Frank,« rief Trautenau, indem er ihm die Hand reichte und -die seine herzlich schüttelte -- »ich wußte vorher, daß Du es wirklich gut -mit mir meinst, und Du hast mir dadurch einen neuen Beweis Deiner Liebe -und Treue gegeben, aber -- es bleibt dabei. Ich male Clemence und werde -Dir zeigen, daß ich kein kindischer Thor mehr bin, der irgend einen -unüberlegten Streich ausführt, ohne die Folgen zu bedenken. Liebt Clemence -wirklich den Major, gut, so habe ich kein Recht, zwischen ein paar Seelen -zu treten, die sich einander angehören wollen.« - -»Und wie willst Du erfahren, ob sie ihn oder ob sie ihn nicht liebt, wenn -sie Dir täglich ein oder zwei Stunden, und dann doch auch jedenfalls in -Gesellschaft irgend einer Begleiterin sitzt?« - -»Das überlaß mir,« meinte Ernst, »die Liebe sieht scharf und einen Plan -habe ich mir überhaupt nicht entworfen, kann es auch gar nicht. Der -Augenblick muß das bestimmen, aber ich verspreche Dir, mein kaltes Blut zu -wahren -- mehr kann ich nicht thun.« - -»Gut, Du willst einmal Deinem Kopf folgen, und und ich kann Dir da nicht -weiter helfen. Aber was hast Du denn da für eine Carrikatur auf der -Staffelei. Der alte Spießbürger sieht ja ebenfalls genau so aus wie Dein -Teufel da an der Wand. Ist die Aehnlichkeit zufällig?« - -»Ich weiß es nicht,« antwortete Ernst, indem er die beiden Bilder mit -einander verglich -- »wahrhaftig Du hast Recht. Ich glaube aber fast, ich -habe meinem wackeren Gewürzhändler da Unrecht gethan. Nun er kommt morgen -Nachmittag zu mir, und da werde ich wohl wieder in seine normalen Züge -hineinfallen. Heute mag er sich so behelfen. Was ich Dich noch fragen -wollte: Kennst Du Clemencens Vater persönlich?« - -»Den Herrn Joulard? vom Ansehen ja -- weiter nicht. Vorhin begegnete er -mir auf der Straße und rannte mich fast über den Haufen, so in Gedanken -vertieft war er. Der hat immer den Kopf voll von Speculationen -- eine -reine Rechenmaschine.« - -»Ich denke, er ist sehr reich. Speculirt er denn da noch immer?« - -»Das können die Börsenleute ebensowenig lassen, wie wir das Malen; es -ist ihre zweite Natur geworden, und ich glaube sie würden sich zu Tode -langweilen wenn sie sich nicht alle Tage wenigstens einmal eine Stunde -über das Fallen oder Steigen ihrer Papiere ängstigen müßten. Das läßt uns -ruhiger, nicht wahr Ernst?« - -»Du magst Recht haben -- ich wenigstens kenne, außer einer Banknote, kein -einziges Werthpapier von Angesicht zu Angesicht. Schadet auch Nichts. Mit -dem Geld kommen die Sorgen, und so lange wir haben was wir brauchen, sind -wir am zufriedensten.« - -»Was willst Du aber mit dem Carton machen?« - -»Mit dem Blatt hier? Nun die Copie für den Major.« - -»Bist Du denn wirklich des Teufels?« - -»Laß mir doch meinen Spaß -- ich habe mich jetzt einmal in das verhaßte -Gesicht hineingelebt und fürchte fast, daß ich morgen Clemence denselben -Ausdruck gebe -- es wäre ein verwünschter Spaß.« - -Frank lachte. »Mit Deinem Starrkopf ist doch Nichts anzufangen, so habe -Deinen Willen. Uebrigens bin ich wirklich neugierig was der Major dazu -sagt« -- und dem Freund die Hand drückend, stieg er wieder die Treppe hinab -um seinen eigenen Geschäften nachzugehen. - - - - -Drittes Kapitel. - -Die erste Sitzung. - - -Ernst konnte die ganze Nacht kein Auge schließen, denn in seinem Herzen war -ein Verdacht rege geworden, daß Clemence selber die Aufforderung an ihn, -ihres Vaters Haus zu besuchen, veranlaßt haben müsse. Die Möglichkeit lag -doch nicht soweit ab, daß sie ihn erkannt haben konnte. Sie war vielleicht -an ihm vorüber gefahren, ohne daß er sie bemerkte, denn er achtete nie auf -Equipagen, und leicht genug konnte sie dann von der Dienerschaft seinen -Namen erfahren haben. Welche Seligkeit erfüllte ihn aber, wenn er die -Möglichkeit -- ja die Wahrscheinlichkeit eines solchen Glückes überdachte, -denn wie wäre dieser Major gerade auf ihn gefallen, da es doch viele ältere -und berühmtere Portraitmaler in der Stadt gab; es ließ sich nicht anders -denken. Vielleicht hatte ihn Clemence doch noch nicht ganz vergessen, trug -nur ungeduldig den ihr auferlegten Zwang und suchte Mittel und Wege ihm -selber eine Annäherung zu ermöglichen. Frauen sind schlau; er durfte sich -ruhig auf sie verlassen, sie würde es schon einzurichten wissen. - -Und was dann? wenn er nun wirklich fand, daß die Verbindung mit dem Major -eine erzwungene gewesen wäre, wenn sie sich dagegen sträubte? -- Aber das -Alles konnte er nicht jetzt überdenken, nicht in einem Augenblick, wo ihm -das Blut wie Feuer durch die Adern rollte. Das mußte auch erst der Moment -bringen, in welchem sich seine Träume zu wirklichem Leben gestalteten. Das -allein konnte entscheiden wie er zu handeln habe, und was dann kam, ei dem -wollte er auch keck und muthig die Stirn bieten. Nur dem Muthigen lächelt -ja das Glück. - -Mit diesem Vorsatz schlief er ein, erwachte aber am nächsten Morgen -in einer ganz anderen, und viel ruhigeren Stimmung, denn es ist eine -allbekannte Thatsache, daß Abends unsere Nerven viel aufgeregter und -wir gewöhnlich geneigt sind, Schwierigkeiten, besonders in -Herzensangelegenheiten, gar nicht anzuerkennen, während der Morgen die -kaltblütige Ueberlegung und gewöhnlich ganz andere Resultate mit sich -bringt. - -Das Herz pochte ihm allerdings lebhaft, als er jetzt an das Zusammentreffen -mit Clemence dachte, aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht zu -betrachten. Die Aufforderung des Majors konnte allerdings recht gut ein -Zufall sein, und das junge Mädchen? -- wie flüchtig -- wie kurze Zeit nur -hatte sie ihn damals in den Alpen gesehen, und war es denkbar, daß sie sich -seiner Züge da noch erinnern sollte? hatte sie nicht vielleicht die ganze -unbedeutende Begegnung mit ihm schon lange vergessen? - -Er war wieder recht verzagt geworden, hatte aber auch nicht die geringste -Lust zum Arbeiten und beschloß deshalb, langsam und in aller Ruhe seine -Vorbereitungen zu der heutigen Sitzung zu treffen. Für diesmal brauchte -er ja doch nur ein kleines Stück Leinwand, auf dem er die Skizze entwerfen -konnte, um vor der Hand einmal die Stellung festzuhalten. Die Größe des -Bildes mußte erst besprochen und festgestellt werden und manches Andere -blieb dabei zu thun. Die Zeit verflog ihm dabei ungemein rasch, und es war -elf Uhr geworden, bis er alles Nöthige -- oder wenigstens was er für nöthig -hielt, beendet hatte. Dann zog er sich an, rief einen Packträger von der -Straße herauf, um ihn mit den nöthigen Utensilien zu begleiten und -schritt nun fest und entschlossen, aber doch mit starkem Herzklopfen, -dem Joulard'schen Palais entgegen, als ob er nicht beordert wäre nur ein -Portrait zu beginnen, sondern als ob sein eigenes Schicksal sich gleich -endgültig entscheiden müsse. - -Er hatte das Joulard'sche Haus bald erreicht, aber hier beengte ihn -der Glanz und die Pracht, die ihn umgab. Die Halle schon war mit Marmor -ausgelegt -- prächtige Statuen verzierten sie, kostbare Topfgewächse -standen auf der mit einem reichen Teppich belegten Treppe und galonnirte -Diener schlenderten müssig auf und ab. - -Trautenau fühlte sich beklommen, als er, durch einen der Lakaien, der -dem Träger seine Last abnahm, geleitet, die Treppe hinaufstieg, und das -besserte sich nicht, als er in ein kleines reizendes Boudoir geführt und -dort allein gelassen wurde. - -Hier athmete Clemence; wie lieb, wie wunderbar reizend das Alles aussah, -aber auch wie reich, wie ausgesucht, fast übertrieben prachtvoll. Wäre er -ruhig und unbefangen gewesen, so würde das Gemach eher einen unangenehmen -als günstigen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn es war von Gegenständen -überladen, die eine Zimmerzierde sein sollen, aber nie eine Zimmerlast -werden dürfen. Die breiten goldenen Rahmen an den Wänden standen in keinem -Verhältniß zu der Größe der Bilder, welche sie umschlossen, und das war mit -allem Uebrigen der Fall. Marmor- und Bronze-Statuen und Statuetten drängten -sich einander. Die schweren, mit Spitzen überwallten Seidengardinen wurden -von goldenen Troddeln entstellt, prachtvoll eingelegte Möbeln rückten zu -nahe aneinander und brachten eher ein Gefühl der Beengung als des Behagens -hervor; der mit den seltensten Pflanzen gezierte Blumentisch war sogar so -gestellt, daß er keine freie Bewegung in dem Raum gestattete. Sonderbarer -Weise hing dazwischen auch eine Anzahl vergoldeter Bauer mit unseren -heimischen Sängern herab, mit Finken, Nachtigallen und anderen, und auf -einem gestickten Polster lag ein kleines silberweißes Wachtelhündchen und -knurrte leise vor sich hin, als Trautenau das Heiligthum betrat, hielt es -aber sonst nicht der Mühe werth, sich auch nur zu rühren. - -Trautenau überflog das Ganze mit einem Blick, aber er sah auch, daß dieses -Boudoir zugleich das kleine Atelier der jungen Dame bildete, denn ein -mächtiges, mit einer einzigen großen Scheibe versehenes Fenster sah nach -Norden hinaus und neben dem Blumentisch stand noch, von zwei Stühlen -gehalten, eine Mahagoni-Staffelei, von der unser junger Freund allerdings -nicht recht begriff, wie es möglich sein würde, sie hier in dem engen Raum -aufzustellen. - -Ehe er aber darüber ganz mit sich im Reinen war, hörte er plötzlich -ein seidenes Kleid rauschen, die eine Thür wurde nur durch einen -purpurdamastenen Vorhang verdeckt, dieser schob sich zurück, und wie er -sich rasch dorthin wandte, stand er einem Wesen gegenüber, das ihm mehr dem -Himmel als der Erde anzugehören schien. - -Es war Clemence, -- aber nicht mehr das junge schüchterne Mädchen aus den -Alpen, das sich, Hülfe und Schutz suchend, an seinen Arm schmiegte. Wie -eine Prinzessin schwebte sie herein, ein weißes Seidenkleid vom schwersten -Stoff und mit Goldfäden durchwirkt, umschloß ihre schlanke, junonische -Gestalt. Voll und schwer hingen ihr die dunklen Locken an den Schläfen -nieder, ihren weißen Hals deckte ein Collier blitzender Brillanten, aber -ihre beiden Augensterne überstrahlten sie alle, und wie sie mit königlichem -Anstand vor dem jungen Manne stehen blieb und ihn mit diesen Augen ansah, -war es, als ob ihr Feuer bis in seine innerste Seele drang. Er wurde -über und über roth und stand so verlegen vor der Jungfrau, daß diese ein -leichtes Lächeln kaum unterdrücken konnte. Aber sie schien nicht böse über -den Eindruck, den sie auf ihn hervorbrachte, und sagte freundlich: - -»Herr Trautenau, Sie haben Ihre Zeit pünktlich eingehalten und ich möchte -Sie jetzt bitten Ihre Anordnungen hier in meinem kleinen Atelier zu treffen --- Künstler folgen dabei am Liebsten ihrer eigenen Neigung. Das Licht -ist, wie Sie sehen vortrefflich, und nur der Raum vielleicht ein wenig -beschränkt, doch werden wir uns ja wohl einrichten.« - -Trautenau bemerkte jetzt erst, daß eine andere Dame der Tochter des Hauses -gefolgt war, von dieser freilich, in ihrem ganzen Wesen so verschieden wie -Tag und Nacht -- wie Sonnenstrahl und Kerzenschein. - -Die Begleiterin entwickelte sich als eine kleine dicke Person mit einem -Kropf, in einem schwarzseidenen, aber schon lange getragenen Kleid, und mit -einer wunderlichen Coiffüre von grellrothen und gelben Blumen auf dem Kopf. -Trautenau warf einen erstaunten Blick nach ihr hinüber, konnte aber nicht -klug aus ihr werden, was sie vorstelle. Clemencens Mutter, Madame Joulard? --- Diese war, so viel er gehört schon vor längerer Zeit gestorben. -- Eine -Gesellschafterin? Clemence würde sich sicherlich eine andere Persönlichkeit -dazu ausgesucht haben, und eine Gouvernante brauchte sie ebenfalls -nicht mehr. Vielleicht eine Duenna? Aber es blieb ihm keine Zeit, der -Persönlichkeit eine weitere Aufmerksamkeit zu schenken, denn Clemence -selber verlangte diese, und er ärgerte sich auch, daß er ihr gar so -schülerhaft gegenüber stand. - -»Wenn Sie mir erlauben, mein gnädiges Fräulein,« sagte er zu Clemence, »so -will ich die Staffelei hier herüber stellen -- an diesem Platz werden wir, -glaub' ich, das beste Licht haben.« - -»Wie Sie es für gut halten.« - -»Aber die Symmetrie wird gestört, wenn der Blumentisch dort hinüber kommt,« -bemerkte die Dame mit dem Kropf. - -»Die Symmetrie wird durch Manches gestört, gnädige Frau,« entgegnete -Trautenau, durch den albernen Einwurf geärgert, »was sich im Leben nun -einmal nicht ändern läßt.« - -Clemence lächelte verstohlen vor sich hin, drückte aber auch zu gleicher -Zeit auf die auf ihrem Schreibtisch stehende Klingel, und bedeutete dann -gleich den eintretenden Bedienten, die gewünschte Aenderung vorzunehmen. - -Es war das rasch gemacht; Ernst half selber dabei, der Staffelei die -richtige Stellung zu geben und zugleich einen passenden Platz für Clemence -zu haben, wo das Licht voll auf sie fiel und ihre schlanke Gestalt gut -beleuchtet wurde. - -Jetzt erst bekam er Zeit, das junge Mädchen aufmerksam zu betrachten, -und ach wie schön war sie -- wie himmlisch schön. Die dunklen, vollen -castanienbraunen Locken stachen wunderbar gegen den weißen Nacken ab, auf -dem sie ruhten und diese Augen mit den Wimpern, -- diese Lippen, die Zähne, -wie Perlen an einander gereiht. So voll und aufmerksam, und sich selbst -dabei vergessend, ruhte, ja haftete sein Blick an der verführerischen -Gestalt, daß Clemence endlich erröthete und lächelnd sagte: - -»Wie wünschen Sie, daß ich mich stellen soll?« - -»Wie Sie wollen,« rief Trautenau begeistert; »es giebt immer ein -prachtvolles Bild, aber -- es wird matt gegen das Original werden, fürchte -ich --« - -»Mein Vater wünscht ein ähnliches Bild,« sagte Clemence, und ihre, noch -eben lächelnden Züge nahmen einen weit strengeren Ausdruck an. »Sie werden -also mit Ihren Farben wohl vollständig ausreichen. Dürfte ich Sie bitten, -meine Stellung zu bestimmen.« - -»Ich würde Sie ersuchen, sich diese selber zu wählen,« erwiderte der -Maler, der die Zurechtweisung recht gut fühlte und leicht erröthete -- »so -natürlich und ungezwungen wie möglich, wenn ich bitten darf. Vielleicht -dürfen wir zu der Stellung eine jener Vasen benutzen, und den großen -Trumeau als Hintergrund.« - -»Nein, das ist zu gesucht,« meinte Clemence »und macht Ihnen außerdem -doppelte Arbeit -- die Vase, ja. -- Ich werde ein kleines Blumenbouquet -in die Hand nehmen, bitte Sie aber, die Blumen nicht auszuführen, da ich -Alpenblumen -- Edelweiß, Alpenrosen und Genziane -- dazu benutzen möchte.« - -Trautenau fühlte, wie ihm das Herz lauter schlug. -- Also auch sie -erinnerte sich noch jener schönen Berge und schien sogar die Erinnerung -daran zu lieben -- hatte sie ihn aber ganz vergessen? Aber um ihr jene -Scene in's Gedächtniß zurückzurufen, bedurfte er einer ruhigeren Zeit, als -den Beginn der Sitzung -- die mußte er abwarten. - -Die Stellung der Dame nahm jetzt auch in der That seine ganze -Aufmerksamkeit in Anspruch, und wie ein electrischer Strom lief es durch -seinen ganzen Körper, als er leise und ehrfurchtsvoll selbst ihren Arm -berührte, um denselben etwas zu heben. - -»Mademoiselle,« rief Clemence, als diese Vorbereitungen beendet waren, -»bitte klingeln Sie einmal -- ich lasse meinen Vater ersuchen, einen -Augenblick herüber zu kommen, um zu sehen, ob ihm meine Stellung gefällt.« - -Der Befehl wurde rasch ausgeführt. -- Also eine Mademoiselle war die Dame -mit dem dicken Hals -- Wirthschafterin jedenfalls, oder gar eine Art von -Duenna -- und abschreckend genug sah sie für den letzteren Beruf aus. - -Es dauerte übrigens nicht lange, so betrat Herr Joulard das Zimmer. -Trautenau hatte ihn noch nie gesehen und er machte allerdings bei seinem -ersten Erscheinen keinen besonders günstigen Eindruck. Es war eine kleine -etwas schwammige Gestalt, dieser Millionair, mit halb zugekniffenen Augen -und ziemlich rastlosem und unstätem Blick. Er hatte eine Glatze, aber -eine hohe Stirn, die beiden Hände dabei in den Hosentaschen und dabei die -Angewohnheit, sich mit dem Kinn in die schwarze Halsbinde hineinzuarbeiten. -Uebrigens ging er einfach gekleidet und nur eine dicke schwere Goldkette -hing ihm, als einziger Schmuck, über die braunseidene Weste. - -Er trat in das Zimmer, ohne aber die Hände aus den Taschen zu ziehen und -den jungen Maler auch kaum mehr als durch ein leichtes Kopfnicken grüßend, -und in der Mitte des Boudoirs stehen bleibend, betrachtete er sich die -Gestalt des jungen Mädchens ein paar Augenblicke wohlgefällig. - -»Sehr schön mein Herz,« sagte er endlich -- »sehr schön -- allerliebst, -wird sich recht gut machen. -- Aber weshalb hast Du Dein Diadem nicht -aufgesetzt? Das fehlt noch --« - -»Ich möchte nicht mit dem Diadem gemalt werden, Papa,« sagte Clemence -- -»es sieht zu anspruchsvoll aus.« - -»Zu anspruchsvoll! Unsinn,« rief lachend der alte Herr, »was Du für Ideen -hast -- Joulard's einziges Kind zu anspruchsvoll!« - -»Es paßt mir auch nicht zu meiner Kleidung; ich werde ein Bouquet von -Alpenblumen in die Hand nehmen.« - -»Zur Erinnerung an das ewige Bergsteigen und die erbärmlichen -Wirthshäuser,« meinte Herr Joulard -- »Dein chinesischer Fächer würde sich -viel besser machen.« - -»Bitte laß mich das selber arrangiren,« entgegnete Clemence ziemlich -bestimmt, »ich hatte Dich nur rufen lassen, um mir zu sagen, ob Dir meine -Stellung so gefällt.« - -»Nichts daran auszusetzen,« wiederholte der Vater, schon gewohnt, daß seine -Tochter ihren eigenen Willen hatte -- »wird sich ganz gut machen. Und weiß -der Herr schon die Größe des Bildes?« - -»Nein.« - -»Gut; führe ihn nachher durch den Salon, daß er sich dort selber das Maaß -nach dem Bild Deiner seligen Mutter nimmt. Es soll genau so groß werden.« -Und sich dann abwendend, als ob gar keine weiteren Personen im Zimmer -wären, verschwand er wieder durch die Thür. - -Ernst ging jetzt rasch daran, die Skizze zu entwerfen, und die Dame in dem -schwarzseidenen Kleid hatte es sich indessen in einem breiten Lehnstuhl, -den sie aber so rückte, daß sie die Staffelei im Auge behielt, bequem -gemacht. Sie war augenscheinlich nur dazu da, um der jungen Dame als -Ehrenwache zu dienen. - -Er arbeitete außerordentlich rasch; die gegebene Stunde war ihm aber doch -nur zu bald entflogen und mit dem Glockenschlag Eins winkte ihm Clemence -freundlich mit der Hand und sagte: - -»Meine Zeit ist für heute um -- ich hoffe, Sie morgen pünktlich wieder hier -zu sehen, und jetzt bitte ich Sie nur noch, mir durch den Saal zu folgen, -damit Sie den Rahmen zu Ihrer Leinwand bestellen können.« - -Sie wartete auch gar keine Antwort ab, sondern schritt ihm voran durch das -nächste Gemach hindurch in den eigentlichen Salon, in welchem Trautenau -wieder alle erdenkliche Pracht verschwendet sah. Es fand sich aber hier der -nämliche Uebelstand, wie in dem Boudoir. - -Der Raum war mit kostbaren Verzierungen überfüllt und genug davon -aufeinander gehäuft, um zwei solche Säle fürstlich auszustatten. Man -sah bei jedem Schritt, daß man sich nicht in der Wohnung eines wirklich -vornehmen Mannes, sondern in dem Hause eines Parvenus befand, der diese -Räume nicht deshalb so reich ausgestattet hatte, um sich selber wohl und -behaglich darin zu fühlen, sondern nur um damit zu prunken und seinen -Reichthum zu zeigen. - -Das Maaß von dem sehr großen Bilde, für welches Herr Joulard schon vorher -eine Treppenleiter hatte herbeischaffen lassen, war bald genommen. -Clemence wartete das aber nicht ab. Sich mit einer leichten Verbeugung -verabschiedend, schritt sie in ihr eigenes Zimmer zurück und überließ es -ihrer Begleiterin, dem fremden Künstler so lange Gesellschaft zu leisten, -bis er fertig sein würde und ihm dann den Ausgang zu zeigen. - - - - -Viertes Capitel. - -Das Bild. - - -Sechs Tage hatte Trautenau jetzt an seinem Bild gearbeitet und sich dabei -mit immer wachsender Leidenschaft in die tadellos schönen Züge und Formen -des jungen Mädchens versenkt, ohne es aber zu wagen, ihr die frühere -Begegnung in's Gedächtniß zurückzurufen. Clemence war allerdings immer -freundlich gegen ihn, aber nur mit jener höflichen Freundlichkeit, die wohl -zuvorkommend erscheint, aber zugleich jedes vertrauliche Entgegenkommen mit -einem kalten Lächeln zurückweist und dadurch unnahbar wird. - -Auch ihren Vater hatte er in der ganzen Zeit nicht wieder gesehen und -nicht ein einziges Mal den Major, der jedenfalls andere Besuchstunden haben -mußte. Einmal wurde er allerdings gemeldet, während Trautenau arbeitete, -Clemence ließ ihm aber, ohne sich nur im Mindesten aus ihrer Stellung zu -rühren, sagen, sie bedaure sehr, jetzt keine Zeit zu haben, und bäte den -Major, um halb zwei Uhr wieder vorzusprechen. - -Das Bild war jetzt soweit in seiner Anlage und besonders in der Ausführung -des Kopfes vorgerückt, daß man schon recht gut ein Urtheil darüber fällen -konnte. - -Der Dame in dem alten schwarzseidenen Kleid fing aber nachgerade die -Geschichte an langweilig zu werden. Sie wußte, daß sie eigentlich nur -Anstands halber da saß und benutzte gelegentlich die Zeit, um einen kleinen -Morgenschlaf zu halten, in dem sie dann auch Niemand störte. Sie selber -genirte das aber am meisten, sie schämte sich, wenn sie wieder aufwachte -und es war in den letzten Tagen schon einige Male vorgekommen, daß sie -aufstand, das Zimmer verließ und dann wahrscheinlich irgendwo ein wenig auf -und ab ging, nur um wieder munter zu werden. - -Clemence hielt dabei nicht mehr so pünktlich ihre Stunde ein; es mochte ihr -wohl selber daran liegen, das Bild fertig zu bekommen und es wurde jetzt -immer, sehr zum Leidwesen der Mademoiselle, ein Viertel nach Eins, auch -wohl halb zwei Uhr, ehe sie das Zeichen zum Aufhören gab. - -Heute war Clemence in einer kleinen Pause vor die Staffelei getreten, -um selber dem Untermalen des Bouquets zuzusehen. Man hatte allerdings in -dieser Jahreszeit keine wirklichen Alpenrosen beschaffen können, aber -dafür künstlich gemachte von Paris verschrieben und die Farben zeigten sich -lebendig genug. - -»Lieben Sie die Alpenblumen, gnädiges Fräulein,« begann Trautenau, der -jetzt nicht mehr länger schweigen konnte, denn die Gelegenheit bot sich ihm -zu günstig dar. - -»Gewiß liebe ich sie,« erwiederte Clemence, »sie haben freilich keinen -Duft, aber so wunderbar schöne Farben. Wie herrlich ist allein das Laub der -Alpenrosen.« - -»Und erinnern Sie sich noch gern jener Zeit, in welcher Sie in den freien -Bergen umherstreiften?« - -»Sehr gern.« - -»Aber Sie haben sich doch ein Bischen vor den steilen Wegen gefürchtet?« - -»Wohl nicht mehr als jeder andere Bewohner des flachen Landes,« entgegnete -Clemence ruhig. - -»Auch nicht an der einen steilen Graslanne?« fuhr Trautenau, ohne die Augen -von seinem Bild zu nehmen, still vor sich hinlächelnd, fort. - -»An der Graslanne? -- was wissen Sie davon?« rief Clemence, ihn verwundert -ansehend. - -»Und kennen Sie mich nicht mehr?« - -»Ich? -- Sie? -- und doch,« setzte sie plötzlich tief erröthend hinzu, »es --- es wäre wirklich möglich -- Waren Sie jener junge Fremde?« - -»Ich war wirklich jener Glückliche, der Ihnen damals den kleinen, leider -nur zu unbedeutenden Dienst leisten durfte.« - -»Damals habe ich mich allerdings recht ungeschickt benommen, und Sie werden -oft über mich gelacht haben,« flüsterte Clemence, während sie wirklich -blutroth wurde. »Es war zu thöricht, aber ich weiß nicht, ich wurde auf -einmal schwindelig und hielt den Abhang auch für viel steiler, als er sich -später zeigte.« - -»Jene Lannen sind gar nicht so leicht zu begehen,« bemerkte Trautenau -entschuldigend, »besonders nicht für Damen, die bei ihren langen Kleidern -nicht genau sehen können, wohin sie den Fuß setzen und außerdem viel zu -leichtes und glattes Schuhzeug tragen. -- Ich hoffte damals Sie später -in den Bergen wieder zu treffen, aber Sie waren so rasch und plötzlich -verschwunden, daß ich selbst auf der breiten Heerstraße Ihre Spur verlor.« - -»Ja -- mein Vater eilte etwas, um nach Hause zurückzukehren,« erwiederte -das junge Mädchen, während ihr Blick die Züge des Malers streifte, als ob -sie den Sinn der eben gesprochenen Worte daraus lesen wolle. - -Dieser hörte indessen, wie ihm sein Herz in der Brust schlug, die -Mademoiselle schlief sanft -- seine Hand zitterte so, daß er mit dem Malen -inne halten mußte. - -»Seit der Zeit,« fuhr er leise und bewegt fort, »ist es immer mein -sehnlichster Wunsch gewesen, Ihnen wieder einmal nahen zu dürfen.« - -»Der Wunsch war so bescheiden,« meinte Clemence lächelnd, »daß der Himmel -ihn erfüllt hat. Nicht wahr, Mademoiselle,« setzte sie mit lauterer Stimme -hinzu. - -»Ja wohl -- ja wohl -- gewiß,« erwiederte die sanft ruhende Dame, aus ihrem -Schlummer emporfahrend, »nur ein Bischen zu weiß ist das Kleid.« - -»Wir sprachen gestern darüber, ehe Sie kamen,« fuhr Clemence fort, »finden -Sie nicht auch, daß das Kleid ein wenig zu weiß ist? Mir kommt es vor, als -ob das meinige einen mehr gelblichen Schimmer hat.« - -»Es ist das Licht jenes gelben Vorhanges, der, wenn Sie hier stehen, darauf -fällt,« antwortete Trautenau, und fühlte recht gut, daß sie absichtlich -und fast gewaltsam dem Gespräch eine andere Richtung gegeben hatte; -Mademoiselle war auch jetzt vollständig munter geworden und an eine -Wiederaufnahme desselben nicht zu denken. Clemence brach aber gleich darauf -die Sitzung ab. Sie hatte Kopfschmerzen bekommen, wie sie sagte, und wollte -lieber morgen eine Viertelstunde nachholen. - -Damit ging der Maler, er hatte keinen Vorwand mehr zu bleiben, aber er trug -das beunruhigende Gefühl mit sich fort, weiter von seinem Ziele zu sein, -als je, denn war es nicht augenscheinlich, daß Clemence beinahe ängstlich -gesucht hatte die Unterredung abzubrechen? Fürchtete sie etwa deren -Fortsetzung? dann wäre ihm noch eine Hoffnung geblieben. Oder war das -Gespräch ihr nur lästig geworden? dann freilich durfte er Alles verloren -geben. - -In den nächsten Tagen zeigte sich auch nicht die geringste Gelegenheit das -Gespräch wieder aufzunehmen. Clemence vermied jede Möglichkeit, um einer -derartigen Unterhaltung den kleinsten Anknüpfungspunkt zu geben und -Mademoiselle hielt ihre sonst so schläfrigen Augen fast krampfhaft offen. --- Dann kam eine lange Pause -- Ernst hatte das noch nicht beendete Bild -nach Hause geschickt bekommen, um es, so weit es ohne das Original möglich -war, auszuführen, und sich dann nur noch zwei Sitzungen erbeten, um es -vollständig zu beenden. - -Darüber waren mehre Wochen vergangen und in dieser Zeit durchliefen -wunderliche Gerüchte über den Major die Stadt, die aber sein Verhältniß im -Hause des reichen Joulard nicht zu stören schienen. - -Von einer Seite wurde nämlich ausgesprengt, daß er eine sehr bedeutende -Erbschaft gemacht habe -- Thatsache war nur, daß er in den letzten Wochen -viel mehr verausgabte, als seine monatliche Gage ausmachte -- von anderer -Seite hieß es, daß er seinen Abschied nehmen wolle -- weshalb? wußte -freilich Niemand zu sagen und die natürlichste Erklärung blieb dann immer, -daß er, mit eigenem Vermögen und als Schwiegersohn des reichsten Mannes -in der Stadt, die ewigen Scherereien des Dienstes satt bekommen und ein -unabhängiger Mann zu werden wünschte. Es wäre jedenfalls thöricht gewesen, -da noch länger Soldat zu bleiben. -- Einige wollten aber behaupten, er -müsse den Abschied nehmen, und es gab in der That eine Menge Leute in der -Stadt, die da wissen wollten: der Major sei ein von Grund aus ruinirter -Patron, der sich nur noch durch seinen altadeligen Namen halte, und -nächstens einmal mit seinem ganzen Lug- und Truggewebe zusammenbrechen -müsse. Diese begriffen dann freilich nicht, wie ein Mann wie Joulard ihm -die Hand seines einzigen Kindes geben könne. Hatte er aber wirklich so -viel Schulden, als einzelne behaupten wollten, so zahlte natürlich Joulard -Alles, und des Majors Credit in der Stadt blieb deshalb auch, trotz aller -Gerüchte, ein völlig unbeschränkter. - -Trautenau allein vielleicht quälte sich um die Braut. Er fühlte selber, daß -die Hoffnung, sie für sich zu gewinnen, eine wahnsinnige sei, aber er hielt -es für seine Pflicht, vor ihr das nicht als ein Geheimniß zu bewahren, was -die Stadt erfüllte, und was sie selbst als die künftige Gattin jenes Mannes -am nächsten betraf. Er hatte es jetzt noch in seiner Hand, mit ihr zu -reden, und hätte sich später die bittersten Vorwürfe machen müssen, wenn er -da geschwiegen hätte, wo er durch eine freundliche Warnung vielleicht Elend -und Jammer von einem theuren Haupt abwenden konnte. - -Das Bild stand wieder im Boudoir von Clemence; er hatte noch höchstens zwei -Tage zu malen, um es zu vollenden; aber der erste verging, ohne daß er im -Stand gewesen wäre, seine Absicht auszuführen. Immer, wenn ihm schon das -Wort auf den Lippen schwebte, fehlte ihm der Muth, und dann kam der Vater -mit einem Paar alter Damen zu ihnen, um mit diesen das beinahe fertige -Bild, das sich wirklich als vortrefflich gelungen zeigte, zu bewundern. -Eine vertrauliche Unterhaltung war deshalb unmöglich geworden. - -»Aber Sie haben ja noch etwas vergessen,« sagte da der alte Herr, indem -er mit fast zugekniffenen Augen vor dem Gemälde stand, »daneben, auf dem -Ofenschirm, fehlt ja noch der Chinese -- das sieht zu leer aus. Soll der -nicht hinein?« - -»Doch,« entgegnete Trautenau, »aber erst morgen. Ich möchte heute das Bild -soweit beenden, daß ich morgen das gnädige Fräulein gar nicht mehr, oder -doch nur sehr wenig zu bemühen brauche. Die Herrschaften entschuldigen mich -wohl, wenn ich wieder an meine Arbeit gehe -- die Farben werden mir sonst -trocken.« - -Der Besuch war ihm lästig geworden und er suchte ihn zu entfernen, denn -es war doch sehr zweifelhaft, ob er morgen, am letzten Tage, eine bessere -Gelegenheit haben würde, mit Clemence zu sprechen. Aber es gelang ihm -nicht. Den beiden alten Damen war es etwas Neues, einen Maler arbeiten -zu sehen und sie wichen hartnäckig nicht von der Stelle bis die Zeit -verstrichen war. Dann rauschten sie fort und Clemence verließ mit ihnen das -Gemach. - -Der nächste Tag kam; Trautenau hatte die ganze Nacht gekämpft und der -Morgen fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts von seinem -Plan abschrecken zu lassen und selbst in Gegenwart der schrecklichen -Mademoiselle, wenn es denn nicht anders geschehen konnte, mit Clemence -über seine Besorgnisse zu sprechen. Er mußte die Last von seinem Gemüth -herunterwälzen -- mußte mit sich selber ins Klare kommen, und das geschah -am besten, wenn er sah, wie sich Clemence bei dem, was sie über ihren -Verlobten hörte, benehmen würde. Erschrak sie -- wurde sie bleich -- aber -was half es, sich jetzt schon darüber einen Plan zu machen. Das mußte der -Augenblick bringen und dem Augenblick überließ er darum Alles. - -Uebrigens fand er zu seinem Schrecken, als er dieses letzte Mal das Boudoir -der jungen Dame betrat, diese nicht, wie er erwartet hatte und wie es bis -jetzt immer der Fall gewesen, mit ihrer Begleiterin allein, sondern schon -eine kleine Gesellschaft um das so gut wie beendete Bild versammelt. In -dieser aber bemerkte er auch den Major, den er seit jenem Morgen nicht -wiedergesehen hatte und der ihn jetzt mit Lobeserhebungen überschüttete. Er -konnte gar nicht aufhören, die Aehnlichkeit sowohl, wie die künstlerische -Auffassung des Bildes zu preisen. - -»Aber wissen Sie wohl, mein verehrter Herr,« brach er plötzlich ab, »daß -Sie noch in meiner Schuld sind? Der versprochenen Copie wegen, mein' ich -nämlich. -- Denken Sie sich, lieber Joulard, denken Sie sich, meine Damen, -der Herr hat in seinem eigenen Atelier daheim den Teufel an die Wand -gemalt, und einen so pompösen, humoristischen Teufel, wie ich ihn in meinem -ganzen Leben nicht gesehen habe.« - -Eine alte Generalin schüttelte darüber sehr bedenklich den Kopf und -bemerkte sehr ernsthaft: - -»Das ist sündhaft, mein lieber Herr, nehmen Sie mir das nicht übel. Das -heißt Gott versuchen und den Bösen locken, denn wenn Sie ihm eine solche -Einladungskarte geben, kommt er, darauf können Sie sich fest verlassen -- -er kommt gewiß.« - -»Er hat mich auch schon besucht,« erwiderte der Maler lächelnd, »aber seien -Sie versichert, gnädige Frau, der wirkliche Teufel ist nicht so schlimm, -wie er gewöhnlich geschildert wird, und schon der Umstand, daß er sich nur -das schlechteste Gesindel auf der Welt aussucht, um es für sich zu holen, -zeugt von seiner Bescheidenheit.« - -Herr Joulard und der Major lachten laut auf; die alte würdige Dame aber, -die wahrscheinlich keinen Sonntag die Kirche versäumte und jedenfalls eine -heilsame und pflichtgetreue Furcht vor dem Teufel hatte, schlug entsetzt -die Hände zusammen und rief: - -»Das ist ja eine Gotteslästerung.« - -»Doch nicht, wenn er den _Teufel_ lobt,« sagte lachend Herr Joulard, -»Excellenz irren sich, und ich bin ganz Herrn Trautenau's Meinung. Wenn -der Teufel wirklich so schwarz wäre wie er gemalt wird, würde ihn der -liebe Gott gar nicht auf der Erde dulden. Aber meine Damen, wir müssen dem -Künstler Platz machen, daß er an seine Staffelei treten kann. Vergessen Sie -nur den Chinesen nicht.« - -»Und meine Copie,« rief der Major. - -»Vielleicht läßt sich Beides vereinigen,« versetzte der Maler in einer -tollen Laune, »wollen die Herrschaften einen Augenblick Platz nehmen? -Vielleicht kann ich Ihren beiderseitigen Wunsch zugleich erfüllen,« und die -Palette aufnehmend, die er indessen in Stand gesetzt hatte, ging er daran, -mit keckem Pinsel seine Teufelsfigur aus dem Atelier auf den Ofenschirm zu -malen, wohin die Zeichnung, da der Schirm doch im Hintergrund und halb im -Schatten stand, also nicht zu sehr hervortrat, vortrefflich paßte. - -»Aber um Gottes Willen, Kind,« rief die alte Dame, die Herr Joulard -»Excellenz« genannt hatte, wie sie nur merkte, welche Gestalt aus dem -Ofenschirm herauswuchs. »Du willst doch nicht neben Deinem eigenen -Conterfey den lebendigen Satan abmalen lassen?« - -»Das wird, soviel ich bis jetzt sehe,« sagte Clemence, »kein Teufel, -sondern ein Faun, wenn auch mit etwas wunderlicher Ausschmückung und -- -ganz absonderlichen Zügen,« setzte sie langsam und mit einem forschenden -Seitenblick auf ihren Bräutigam hinzu, »aber irgend ein phantastisches Bild -paßt an einen solchen Platz, und ich sehe nicht die geringste Gefahr für -mich darin.« - -»Es wird ja aber wahrhaftig der helle Satan mit Hörnern und Schweif,« rief -die alte Dame entsetzt, während der Major neben dem jungen, eifrig malenden -Künstler stand und einmal über das andere »Bravo, ganz vortrefflich!« rief. -Er amüsirte sich ausgezeichnet und schien keine Ahnung zu haben, daß eben -dieser belobte Teufel seine eigenen, fast sprechend ähnlichen Züge trug. -Sonderbarer Weise fiel es auch, wie man das ja so oft hat, keinem Anderen -der Anwesenden augenblicklich auf, denn das Gesicht war doch immer -carrikirt. Nur Clemence verglich still, aber desto aufmerksamer das Antlitz -des Officiers mit der Carrikatur, und ihr Blick suchte dabei einmal dem -des Malers zu begegnen. Trautenau, obgleich er es merkte, wich ihr aber -absichtlich aus -- er wollte sich nicht vor der Zeit verrathen, und malte -so emsig weiter, daß in kaum einer halben Stunde das kleine Bild vollendet -war. Als aber von keiner Seite weiter Einspruch gegen das Sacrilegium -geschah, wurde es der alten Excellenz zu eng im Raum. Sie mahnte zum -Aufbruch und die Uebrigen folgten jetzt ebenfalls, um dem Maler den Platz -zu überlassen, denn dieser hatte Clemence gebeten, ihm heute noch höchstens -eine viertel Stunde zu sitzen, damit er den Kopf bis auf die letzten -Kleinigkeiten vollende. Das Uebrige konnte er dann mit leichter Mühe im -eigenen Hause fertig machen. - -Mademoiselle hatte wieder ihren gewöhnlichen Platz im Lehnstuhl eingenommen --- da sagte Clemence plötzlich: - -»Ach, Mademoiselle, wenn ich Sie bitten dürfte, im blauen Zimmer, wo meine -kleine Bibliothek steht, finden Sie das Buch der Lieder von Heine; dürfte -ich Sie ersuchen, es mir zu holen. Es muß im dritten oder vierten Fach -stehen.« - -Mademoiselle seufzte; sie hatte fast den ganzen Morgen gestanden und sich -eben erst recht bequem hingesetzt. Jetzt mußte sie wieder in die Höhe, -aber es half Nichts: sie konnte den Dienst nicht verweigern, da keiner der -Diener das Buch gefunden hätte. - -Des Malers Herz klopfte heftig. Hatte Clemence selber die lästige Zeugin -entfernt, um mit ihm allein zu sein? dann durfte er auch nicht blöde den -günstigen Moment versäumen, er konnte nie wiederkehren, denn heute war -seine Arbeit hier im Hause beendet. -- Aber sein Entschluß sollte ihm -erleichtert werden, denn kaum hatte sich die Thür hinter den Davongehenden -geschlossen, als das junge Mädchen zu der Staffelei trat und den jungen -Maler fest anblickend auf die Figur des Ofenschirms deutete und fragte: - -»Wessen Portrait ist das, mein Herr?« - -»Und muß es ein Portrait sein, mein gnädiges Fräulein,« rief Trautenau über -den entschiedenen, fast harten Ton der Stimme frappirt. - -»Sie leugnen also eine absichtliche Aehnlichkeit?« - -»Nein,« sagte der Maler, denn er fühlte, daß der entscheidende Moment -gekommen sei. »Wenn auch keine Aehnlichkeit, wollte ich doch eine -Charakteristik geben.« - -»Eine Charakteristik,« sagte Clemence erstaunt --, »wie verstehe ich das?« - -»Ich will deutlich reden, denn nicht die Minuten, nein die Secunden sind -mir zugezählt. Fräulein, von dem ersten Moment an, wo ich Sie sah, zog mich -ein Etwas zu Ihnen hin, dem ich keinen Namen geben konnte.« - -»Mein Herr!« rief Clemence, einen Schritt zurücktretend. - -»Fürchten Sie keine Belästigung,« fuhr Trautenau fort, »lassen Sie mich -ruhig ausreden, denn ich werde mich sehr kurz fassen, und es ist sogar -nöthig, daß Sie es erfahren.« - -»Sie sprechen in Räthseln,« erwiederte Clemence, während hohes Roth ihre -Züge färbte. - -»Die Ihnen augenblicklich klar werden sollen. Sie sind im Begriff sich mit -dem Major von Reuhenfels zu vermählen.« - -»Allerdings.« - -»Wissen Sie was man in der Stadt von ihm spricht?« - -»Von dem Major?« - -»Von demselben: Daß er ein arger Spieler und Schuldenmacher, ja mehr als -das, daß er ein schlechter Mensch sei.« - -»Mein Herr, Sie sprechen von meinem künftigen Gatten!« - -»Ich weiß es« rief Trautenau bewegt und weich -- »und nur um Unglück von -Ihrem theueren Haupt abzuwenden, wage ich etwas, wozu sonst nur ein Freund --- kein Fremder, das Recht beanspruchen durfte -- wage ich Sie zu warnen.« - -»Zu warnen?« - -»Ja, Clemence,« flüsterte Trautenau, der vor innerer Bewegung kaum die -Worte über die Lippen brachte. -- »Glauben Sie mir nur, daß mich allein die -Sorge -- die -- Theilnahme für Sie bewegt, Ihnen das zu sagen. Uebereilen -Sie den Schritt nicht, den Sie im Begriff sind zu thun, denn eine -lebenslange Reue könnte ihn bestrafen. Sie sollen mir nicht glauben -- kein -Wort von dem, was ich Ihnen sage, ohne vorher Alles genau geprüft zu haben; -aber prüfen Sie es wenigstens. Das Urtheil der Stadt über Ihren künftigen -Gatten ist ein schweres, und Ihr Vater wenigstens muß wissen, was man ihm -zur Last legt. Die Enttäuschung später wäre nachher zu furchtbar.« - -»Haben Sie geendet?« fragte das junge Mädchen kalt. - -Trautenau schwieg und sah sie erstaunt an. - -»Dann ersuche ich Sie,« fuhr Clemence fort, »sich in Zukunft mit Anklagen, -die meinen Bräutigam betreffen, an diesen selber zu wenden. Ich und mein -Vater wissen, was in der Stadt aus Bosheit und besonders aus Neid gegen den -Herrn böswillig geklatscht und verbreitet wird. Ich will annehmen,« setzte -sie freundlicher hinzu, als sie die heftige Bewegung bemerkte, mit welcher -der Maler emporfahren wollte, »daß Ihnen solche Gehässigkeiten fremd sind. -Sie meinen es wahrscheinlich ehrlich und ich danke Ihnen dafür. Damit muß -aber auch die Sache und zwar für immer, abgemacht sein. Ich selber wünsche -wenigstens nicht weiter damit behelligt zu werden und nun bitte, beenden -Sie Ihre Arbeit, denn meine Zeit ist beschränkt.« - -»Wie Sie befehlen,« erwiederte Trautenau kalt, denn er fühlte diese -Zurückweisung doppelt scharf. -- »Vielleicht wünschen Sie nun auch, daß ich -die Aehnlichkeit in dem Bilde des Ofenschirmes ändern soll.« - -Clemence zögerte einen Augenblick mit der Antwort: endlich flog ein -leichtes, fast neckisches Lächeln über ihre Züge. - -»Nein,« sagte sie -- »lassen Sie es so. Haben Sie dies nämliche Bild an -Ihre Wand gemalt?« - -»Ja, mein gnädiges Fräulein.« - -Clemence erwiederte Nichts weiter; sie nahm ihre frühere Stellung wieder -ein und in demselben Augenblick öffnete sich auch die Thür, in welcher -Mademoiselle mit den Worten erschien, daß sie den ganzen Bücherschrank -von oben bis unten durchgesucht habe, ohne das bezeichnete Buch darin zu -finden. - -»Ich danke Ihnen, vielleicht hat es mein Vater herausgenommen. Ich brauche -es auch nicht mehr -- wir sind gleich zu Ende,« sagte Clemence in einem -gleichgültigen Ton. - -Trautenau beeilte sich jetzt wirklich mit der unbedeutenden Arbeit, die -er rasch vollendete und erst als sich Clemence bereit zeigte das Zimmer zu -verlassen, sagte er herzlich und einfach: - -»Mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, ob ich jetzt, da ich das Letzte an -dem Bild in meinem eigenen Atelier beenden muß, noch einmal die Ehre haben -werde, Sie vor Ihrer Verheirathung zu sehen. Lassen Sie mich, der ich so -manche glückliche Stunde hier verlebte, nicht so kalt und förmlich von -Ihnen Abschied nehmen. Reichen Sie mir Ihre Hand.« - -Er streckte ihr die seine treuherzig entgegen, und während die Mademoiselle -über dieses sonderbare und außergewöhnliche Verlangen große Augen machte, -zögerte Clemence, der Bitte zu willfahren. Aber sie mochte es auch nicht -verweigern; schüchtern reichte sie ihm die äußersten Fingerspitzen. Der -Maler nahm sie, hob sie leicht an die Lippen und flüsterte dann: »Gott -gebe, daß diese Hand sich nur zum Glück in die eines Mannes lege. Seien Sie -glücklich --« und seinen Hut aufgreifend, ohne die Mademoiselle weiter zu -beachten, verließ er rasch das Zimmer. - - - - -Fünftes Capitel. - -Zerronnen. - - -Ernst Trautenau war in einer recht trüben Stimmung nach Hause gekommen -und diese wurde nicht gebessert als sein Auge auf das karrikirte Bild des -Majors fiel, dessen grinsende Züge sich über ihn lustig zu machen schienen. -Eine ganze Weile ging er auch mit verschränkten Armen in seinem Zimmer -auf und ab, und in Trotz und Aerger fuhr sein Blick wohl manchmal nach -der verhaßten Gestalt hinüber, ja es war als ob er mit einem finsteren -Entschluß ringe. Aber was konnte, was durfte er Anderes thun als der Sache -eben ihren Lauf lassen? Er hatte ja mit Clemence gesprochen und sie gewarnt -und sie ihn auch genau genug verstanden, aber auch höflich zwar, doch kalt -abgewiesen. Damit schien Alles erschöpft was ihn hätte veranlassen können -weiter vorzugehen, ja des jungen Mädchens ganzes Benehmen zeigte deutlich, -daß sie glaubte, er sei schon zu weit gegangen. - -Und was sollte er jetzt thun? Er hätte sich gern mit Frank ausgesprochen, -denn er wußte, daß der es treu mit ihm meine, Frank war aber seit einigen -Tagen verreist und wurde in der nächsten Zeit nicht wieder zurück erwartet; -so blieb ihm Nichts übrig, als Alles was ihn quälte, in der eigenen Brust -zu verschließen. - -Er war dadurch fast menschenscheu geworden, und als er Clemencens Bild, um -es jetzt in seinem eigenen Atelier zu beenden, wieder in das Haus geschickt -bekam, schloß er sich volle acht Tage damit ein, verkehrte mit Niemandem, -antwortete auf kein Klopfen, und grub sich den Pfeil, diesem geliebten -Zeugen gegenüber nur noch immer tiefer in die Brust. Ja er fand einen süßen -Schmerz für sich darin, eine kleine Copie davon zurückzubehalten, er hätte -sich ja sonst nicht von dem Bilde trennen können. - -Endlich hatte er es fertig und es war abgeliefert worden. In der ganzen -Zeit hörte er auch nichts von Joulard -- er wollte nichts hören, bis er -eines Morgens ein Schreiben des alten Herrn selber erhielt, in welchem -dieser ihm mit wenigen Worten für das »sehr gelungene Gemälde« dankte, -und ein Honorar beifügte, das Trautenau nie gewagt haben würde, so hoch zu -fordern. Aus dem Couvert fiel aber auch noch eine kleine Karte zu Boden, -die er vorher nicht bemerkt hatte. Er hob sie auf, es standen mit äußerst -feiner zierlicher Schrift nur die beiden Namen darauf: - - Major Kuno von Reuhenfels zu Berg, - Clemence von Reuhenfels zu Berg, - née Joulard. - -Es war geschehen, die Hochzeit hatte, ohne daß er in seiner -Abgeschlossenheit etwas davon gehört, stattgefunden und Clemence selber -seine Warnung verachtet. Die Folgen kamen jetzt über sie. - -Nun litt es ihn aber auch nicht mehr in der Stadt, er mußte fort. Um der -Form zu genügen, schrieb er ein paar Zeilen an Herrn Joulard, worin er -ihm den richtigen Empfang des Honorars dankend anzeigte und zugleich seine -Glückwünsche für das jung verehelichte Paar beilegte. Dann ließ er noch -einen Brief für Frank zurück, wenn dieser etwa wiederkehren sollte, packte -seinen kleinen Koffer und seine Malergeräthschaften zusammen und verließ -M--, um sich nach dem Süden -- nach Italien, dem Paradies der Künstler, zu -wenden. - -Dort blieb er weit über zwei Jahre und vertiefte sich so vollkommen in -seine Arbeiten, daß er von Deutschland wenig oder gar nichts hörte. Ja, er -mied es sogar, Kunde von dort zu erhalten. Nur die Erinnerung wachte und -bohrte noch in ihm. Clemencens Bild verließ ihn keinen Augenblick und ihre -lieben Züge gab er manchem seiner Bilder, wie er denn auch die Züge des -Majors nicht vergessen hatte. - -Eines seiner Gemälde machte Aufsehen. Es war eine Scene aus der früheren -italienischen Geschichte, wo Seeräuber von der afrikanischen Küste sich -manchmal keck an die Ufer dieses Landes wagten, ihre Schaaren an den Strand -warfen und von Menschen und Gütern raubten, an was sie in aller Schnelle -die Hand legen konnten. Das Bild stellte den Moment vor, wie die Räuber -wieder, während ein Theil von ihnen das andringende Landvolk zurücktreibt, -mit der gemachten Beute fliehen, und den Mittelpunkt desselben bildete -eine, mit furchtbarer Wahrheit ausgeführte Gruppe, in welcher der Capitain -der Räuber ein junges bildschönes Mädchen, das sich aber in rasender -Leidenschaft gegen ihn sträubt, zu dem nur noch wenige Schritte entfernt -liegenden Boot hinunter schleppt. - -Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß die Geraubte Clemencens Züge -trug, während der Capitain dem verhaßten Major glich. - -Gerade durch dies Gemälde aber, und daß er sich so lebendig wieder mit -den alten besser begrabenen Erinnerungen beschäftigte, erwachte in ihm die -Sehnsucht nach der Heimath stärker als je. -- Clemence? -- er wußte recht -gut, daß er mit keiner Faser seines Herzens mehr an sie denken durfte, -aber er wollte doch wenigstens in ihre Nähe zurückkehren. Er mußte sie noch -einmal sehen, er mußte hören, daß es ihr gut gehe, daß sie sich glücklich -fühle, und dann? Ei, dann hatte er weite Reisepläne vor. Er war noch jung, -und die Welt lag vor ihm mit all ihren ungemessenen Schätzen. - -Einmal mit dem Entschluß erst im Reinen, führte er ihn auch bald aus. Seine -Gemälde hatte er fast alle auf Bestellung gemacht; für das letzte wurde ihm -ein bedeutender Preis geboten; er nahm ihn an, und schon in der nächsten -Woche trat er den Rückweg nach Deutschland an. - -Als er M-- erreichte, fuhr er vom Bahnhof in einer offenen Droschke durch -die Stadt nach einem dem Kutscher bezeichneten Hôtel. Er wußte, daß er -auf dem Weg Joulard's Palais passiren mußte und wenn er sich auch keine -Hoffnung machte, Clemence dort zu sehen, wollte er doch wenigstens einen -Blick nach ihren Fenstern werfen. - -Dort lag das stattliche Gebäude vor ihm, aber er schrak fast zusammen, -als er die Veränderung bemerkte, die mit demselben in der kurzen Zeit -vorgegangen war. - -Das war nicht mehr das Haus eines reichen Privatmannes, denn die Industrie -hatte sich seiner bemächtigt, und große Schilder beklebten, entstellten es -von oben bis unten. Die Parterrelokale waren parcellirt und zu eleganten -Verkaufsräumen hergerichtet worden -- in der ersten Etage hatte sich ein -großes Spitzenlager von Aaron Hamburger etablirt, dessen riesiger Name -fast die ganze Front einnahm, und oben war in der zweiten Etage eine Thür -ausgebrochen und ein Krahnbalken eingeschoben worden, um dorthin Waaren -gleich von der Straße aus, hinaufzuwinden. - -»Hat denn Herr Joulard dies Haus verkauft?« frug Trautenau unwillkürlich -den Kutscher; dieser zuckte aber mit den Achseln und erwiederte: - -»Kann ich nicht sagen, ich bin erst seit einem halben Jahre in M-- und weiß -gar nicht, wem das Haus früher gehörte. Jetzt ist's der Stadt und die Läden -werden vom Stadtrath selber vermiethet, denn ich weiß, mein Herr hätte gern -die schönen Ställe da drin gehabt, aber sie forderten einen zu bärenmäßigen -Zins dafür. Da war's denn Nichts.« - -Nicht lange darauf hielt die Droschke vor dem bezeichneten Hôtel, und -Trautenau's erste Frage, nachdem er sein Zimmer angewiesen bekommen, war -nach dem Joulard'schen Hause. Der Kellner zuckte ebenfalls die Achseln. - -»Das war eine faule Geschichte,« sagte er, »sind nun fast zwei Jahre, da -brach der Schwindel zusammen. Die ganze Stadt hatte den Herrn Joulard für -einen Millionär gehalten -- ja wohl, eine halbe Million Schulden kam fast -zusammen, es ging hoch in die Hunderttausende und auf einmal war er weg, -wie Schnee im April, und kein Mensch weiß noch bis zu dieser Stunde, was -aus ihm geworden ist.« - -Trautenau schnürte es fast das Herz zusammen, aber er wagte nicht, den -kurzjackigen, wohlfrisirten Menschen weiter zu fragen. Von diesen Lippen -wollte er das Schicksal Clemences nicht erfahren. Er mußte sehn, ob er -Frank nicht in M-- traf. - -Er zog sich rasch um und ging in dessen alte Wohnung, dort aber war er -nicht mehr zu finden. Jedoch sollte er in der Stadt sein, wo er sich aber -jetzt eingemiethet habe, würde Herr Trautenau wohl auf der Polizei am -sichersten erfahren. - -Dorthin ging er und hörte, daß Franz Rauling, Maler, sein eigenes altes -Atelier bewohnte, wohin er sich denn natürlich augenblicklich begab. - -Das Wiedersehen der beiden Freunde war herzlich. Wie viel hatten sie sich -auch zu sagen und zu erzählen, und doch scheuten sich Beide eine lange -Weile den einen Punkt zu berühren, der jedenfalls auf Beider Lippen lag und -dem doch Keiner von ihnen zuerst Worte geben mochte. - -Trautenau saß in einem alten lederüberzogenen Lehnstuhl, den Kopf in die -rechte Hand gestützt, das linke Bein über das rechte geschlagen, und sein -Blick hing, während er mit dem Freund sprach, fest und unverwandt an seinem -eigenen Teufelsbild, das heute noch wie damals die Mauer zierte -- oder -entstellte. - -»Und was ist aus dem da geworden?« brach er endlich durch alle Schranken -durch, denn er mußte ja doch wissen, was mit Clemence geschehen. - -»Aus dem da?« antwortete Frank und warf den Blick über die Schulter nach -dem Wandgemälde -- »weißt Du schon, was aus dem alten Joulard geworden -ist?« - -»Sein Haus hat er verkauft.« - -»Er? -- nein -- aber seine Gläubiger haben es gethan. Das war einer der -größten Schwindler, die je existirt. Und wie hat er unsere gute Stadt -selber angezapft. Mit einer Frechheit ist er dabei aufgetreten, die gar -nichts zu wünschen übrig ließ. Er verstand wie Keiner, den Leuten Sand -in die Augen zu streuen und besaß dadurch einen ganz enormen Credit. Den -benutzte er, so lange es anging, aber ewig konnte das natürlich nicht -dauern -- plötzlich und bald nachdem Du M-- verlassen, brach es zusammen, -und wie nur die erste drohende Wolke am Horizont aufstieg, ballte sich -auch in wenigen Tagen, ja man könnte sagen in Stunden ein so furchtbares -Gewitter über seinem Haupt zusammen, daß er es für gerathen fand demselben -auszuweichen. Er verschwand und hat auch keine Spur hinterlassen, was aus -ihm geworden. Einige wollten behaupten, daß er freiwillig den Tod gesucht, -aber ich glaube es nicht -- sein Leichnam ist nirgends gefunden worden -und außerdem traue ich dem berechnenden Burschen eine solche That der -Verzweiflung gar nicht zu, da er durch die Katastrophe ja nicht überrascht -werden konnte. Er mußte vom ersten Augenblick an wissen, daß sie ihn früher -oder später ereilen würde. Sie konnte nicht ausbleiben.« - -»Und Clemence?« fragte Trautenau leise -- »ist sie hier?« - -Frank zögerte mit der Antwort. -- »Nein« sagte er endlich, »aber ich sehe -auch nicht ein, weshalb ich Dir etwas vorenthalten soll, was Dir doch hier -in M-- kein Geheimniß bleiben kann, denn die Sperlinge auf den Dächern -haben fast ein Jahr lang davon geschwatzt. Jetzt ist es ruhiger geworden, -denn das Publikum findet immer wieder etwas Neues, was die alten -Geschichten vergessen läßt!« - -»So ist etwas mit dem Major vorgegangen?« - -»Allerdings, und zwar kurz vorher, ehe der Bankerott des Alten ausbrach. -Wärest Du nur acht Wochen länger in M-- geblieben, so hättest Du die ganze -Sache mit erlebt.« - -»Und was war es?« - -»Du weißt, welche Gerüchte schon früher über ihn umliefen, und -unbegreiflich ist es, daß Joulard selber Nichts davon gehört haben sollte.« - -»Ich selber habe Clemence gewarnt.« - -»Du?« - -»Gewiß, wie ich sie das letzte Mal sah, aber sie wies mich kalt und stolz -zurück.« - -»Dann steckt auch mehr dahinter und dies bestätigt einen Verdacht, den ich -schon lange gefaßt, daß nämlich der Major sowohl, als der alte Joulard ihre -gegenseitigen Verhältnisse genau kannten. Uebrigens wurde später behauptet, -daß Clemence gar nicht Joulards Tochter gewesen sei.« - -»Und wessen sonst?« - -Frank zuckte mit den Achseln. »Es würde schwer sein, das festzustellen, -und käme auch Nichts mehr darauf an, denn er ist fort aus M-- und wird wohl -schwerlich hierher zurückkehren.« - -»Und was ist sonst vorgefallen? Sage mir Alles.« - -»Es ist mit kurzen Worten erzählt. Es kamen Dinge zur Sprache, die den -Major auf das Aeußerste compromittirten. Er mußte seinen Abschied nehmen. -Wechsel waren gefälscht worden, Cassengelder unterschlagen. Man sprach von -falschem Spiel und einigen anderen Betrügereien und ging, mit Rücksicht auf -den Schwiegervater und den adeligen Namen des Burschen, wohl schlaffer mit -der Anklage gegen ihn vor, als man gegen einen Menschen aus niederem Stande -vorgeschritten wäre. Auf einmal war der Major verschwunden.« - -»Mit seiner Frau?« - -»Mit seiner Frau, und als nun Joulard die Wechsel zahlen sollte, brach eben -das ganze Kartenhaus zusammen.« - -»Und wurde der Major nicht verfolgt?« - -»Nein, man erzählte sich, oder wußte vielmehr, daß er bei Prinz Y-- sehr -gut angeschrieben stand, es gingen darüber allerlei tolle Gerüchte, die -natürlich wenig ehrenhaft für den Major waren. Der Prinz zahlte, wenn auch -seufzend, aber er zahlte doch, und die Klage gegen den Major, da sich die -Gläubiger gern mit 50% abfinden ließen, wo sie schon gefürchtet hatten gar -nichts zu bekommen, wurde niedergeschlagen.« - -»Und wo hält er sich jetzt auf?« - -»Kein Mensch weiß es. Ein Bekannter von mir wollte ihn neulich in Paris -gesehen haben, schien seiner Sache aber doch nicht ganz gewiß. Unmöglich -wär's freilich nicht, denn wenn er auch nicht in Deutschland mehr verfolgt -wird, dürfte er es doch nicht wagen, sich in anständiger Gesellschaft -blicken zu lassen, und ein solcher Zustand würde ihm bald unerträglich -werden.« - -»Und Clemence ist bei ihm?« - -»Wenigstens mit ihm von hier fortgegangen.« - -»Armes, unglückliches Geschöpf -- wie furchtbar elend muß sie sich jetzt -fühlen.« - -Frank schwieg und sah still vor sich nieder. Es schien fast, als ob er -noch etwas sagen wollte; Trautenau aber war zu sehr mit seinen eigenen -schmerzlichen Gedanken beschäftigt, um es zu bemerken. Manche Gerüchte über -Clemence hatten nämlich ebenfalls die Stadt durchlaufen, aber was konnte es -nützen, dem Freund durch Wiederholung derselben wehe zu thun. Bewiesen war -doch keins von allen worden, und ob Clemence nun Mitschuldige oder rein von -jedem Fehl sei, was kümmerte das den Stadtklatsch, der überall seine Opfer -suchte und dabei wahrlich nicht wählerisch in seinen Mitteln war. - -»Und weißt Du nicht, was aus ihrem Bild geworden ist?« fragte der Andere -nach einer längeren Pause. -- »Sind denn auch selbst die Familienbilder -unter den Hammer des Actionators gekommen?« - -»Alles,« lautete Frank's Antwort, »Dein Bild soll übrigens ziemlich hoch -von einem Engländer erstanden sein, der sich, Gott weiß, aus welchem -Grunde, dafür interessirte. Ich glaube, der Ofenschirm hat ihm in die Augen -gestochen. Das war doch eine verwünschte Idee von Dir, Ernst, den Bräutigam -als Carricatur neben die Braut zu stellen, und ich begreife nur nicht, daß -Clemence selber blind gegen die wirklich frappante Aehnlichkeit blieb.« - -»Sie hat sie damals entdeckt.« - -»Was? und den Schirm nicht übermalen lassen?« - -»Ich erbot mich, es selber zu thun, aber sie wies es zurück.« - -»Das ist in der That sehr sonderbar und zeugt wohl von einem ganz -eigenthümlichen Humor der jungen Dame, aber nicht besonders von ihrer -Verehrung für den Bräutigam.« - -»Sie hat sich doch keinenfalls etwas Böses dabei gedacht.« - -»Wer kann wissen, was sich so ein Mädchenkopf denkt -- das ist -unergründlich wie der Ocean. Aber was gedenkst Du jetzt zu thun? Bleibst Du -hier in M--?« - -»Ich weiß es nicht -- weiß auch nicht, ob ich überhaupt in der nächsten -Zeit Ruhe zum Arbeiten haben werde.« - -»Aber Du hast gewiß eine Mappe voll prächtiger Studien mitgebracht.« - -»Das allerdings, aber die können warten. Meine Casse ist ziemlich gefüllt -und ich mache vielleicht noch, ehe ich den Pinsel wieder in die Hand nehme, -vorher eine kurze Reise durch Deutschland. Ich habe eine Sehnsucht nach dem -Rhein.« - -»Höre, Ernst, mach' keinen dummen Streich,« sagte Frank, der ihn -mißtrauisch ansah -- »Du hast doch nicht etwa den tollen, abenteuerlichen -Plan, Deiner früheren Flamme nach Paris zu folgen?« - -Trautenau schüttelte leise den Kopf. »Nein, Frank,« erwiderte er, »meine -Seele denkt nicht daran. Clemence ist jetzt das Weib des Majors und kann -für mich natürlich von da an nur eine Fremde sein. Ja, ich würde sogar die -Stadt, in der sie wohnt, meiden, um ihr nicht wieder zu begegnen. Weshalb -auch? es hieße nur alte Wunden aufreißen, um sie frisch bluten zu sehen.« - -»Ist das Dein voller Ernst?« - -»Hier meine Hand darauf und mein Wort.« - -»Gott sei Dank,« rief Frank, »denn ich fürchtete schon, daß die Nachricht -ihres Unglücks jene alte hoffnungslose Liebe wieder anfachen könne.« - -»Wenn ich sie verlassen und im Elend wüßte -- ja -- nicht an der Seite -eines Gatten.« - -»Dann will ich Dir etwas sagen, Ernst,« rief Frank lebendig. »Ich habe -gerade verschiedene Arbeiten beendet -- bin überhaupt das letzte Jahr -merkwürdig fleißig gewesen, und hatte mir schon fest vorgenommen, diesen -Sommer eine kleine Erholungsreise zu machen. Wenn Du jetzt noch zwei oder -höchstens drei Tage auf mich warten kannst, begleite ich Dich, was meinst -Du dazu, und wir kreuzen dann eine Weile am Rhein umher.« - -»Der glücklichste Gedanke, den Du fassen konntest!« rief Ernst erfreut aus --- »ich warte auf Dich und wenn Du eine volle Woche brauchst, um fertig -zu werden. Oder kann ich Dir vielleicht helfen? Mir geschieht ein Gefallen -damit, denn selbstständig kann ich doch noch Nichts arbeiten und möchte -nicht die Zeit über ganz müssig liegen.« - -»Desto rascher werden wir fertig,« entgegnete Frank lachend, »also dankbar -angenommen, und hier in Deinem alten Atelier wird es Dir doppelt heimisch -sein.« - - - - -Sechstes Kapitel. - -In Wiesbaden. - - -Die beiden jungen Leute gingen jetzt, dabei mit einander plaudernd und -erzählend, frisch an die Arbeit, um einige Kleinigkeiten, die Frank noch -versprochen hatte abzuliefern, in den nächsten Tagen zu beenden. Das -wurde auch rascher erledigt, als sie selber geglaubt, denn in der -gemeinschaftlichen Thätigkeit flogen ihnen die Stunden nur so dahin. Am -dritten Abend waren sie auch schon zur Abreise fertig gerüstet, und um auch -keinen Moment mehr zu versäumen, benutzten sie selbst den Nachtzug, daß -der sie dem flachen Lande entführe, und nur erst einmal hinein in die Berge -bringe. - -Am anderen Abend schon wanderten sie Arm in Arm den wunderbar schönen Rhein -entlang, und das Herz floß ihnen in lautem Jubel und fröhlichem Gesang -über. Giebt es ja doch nur einen einzigen solchen Strom in der ganzen -weiten Welt, und wem das Herz an diesen Ufern nicht aufgeht und wärmer, -freudiger schlägt bei den Wundern, die sich dort seinem Blick öffnen -- ei, -der mag ruhig fortgehen und sich in der lüneburger Haide oder im berliner -Sande begraben lassen -- auf Erden ist er doch zu Nichts mehr nütze. - -Das war eine frohe, glückliche Zeit, die sie dort verlebten, und selbst -Ernst, der sonst mehr zur Schwermuth neigte und sich nie wohler fühlte, -als wenn er allein und einsam seine Bahn wandelte, lebte neu auf in der -wunderbar schönen Natur und der Gesellschaft des stets fröhlichen und -heiteren Frank. - -Mit ihren Mappen wanderten sie von Bingen zuerst durch die Berge hinüber -bis Bacharach, in dessen Nachbarschaft sie sich eine Zeitlang aufhielten, -dann kreuzten sie hinüber nach dem Lurleifelsen und nach St. Goarshausen, -bis sie sich in St. Goar eine Zeitlang festsetzten, und dann langsam -sich wieder am rechten Rheinufer bis zu der reizenden Mündung der Lahn -hinunterzogen. Es war ein vollkommen zielloses Umherstreifen, aber deshalb -gerade so anziehend, weil es ihnen auch keine Stunde im Tag einen Zwang -auferlegte, und ihre Mappen und Skizzenbücher bereicherten sie dabei -ungemein. - -So hatten sie vier volle Wochen glücklich verlebt, als Frank zuerst an den -Heimweg dachte, da er nach M-- zurückkehren mußte, um einige versprochene -Arbeiten in Angriff zu nehmen. Trautenau beabsichtigte noch nach Köln -hinunter zu gehen und sich dort einige Zeit aufzuhalten. Er wollte sich -aber wenigstens nicht so lange von dem Freund trennen, als dieser noch -den Rhein bereiste und beschloß, ihn deshalb bis Mainz oder Castell zu -begleiten und dann die schöne Fahrt wieder stromab bis Köln zu machen. - -Aber auch diese Rückfahrt übereilten sie nicht, denn auf eine Woche kam -es dabei nicht an, und manchen hübschen Punkt, den sie auf der Niederfahrt -übergangen, berührten sie jetzt und holten das damals Versäumte ein. - -So kamen sie auch nach Bieberich, und Frank, der noch nie eine Spielbank -gesehen hatte, zeigte Lust einmal auf ein paar Stunden nach Wiesbaden -hinüber zu fahren. Ernst natürlich schloß sich ihm an und da der Abend -schon dämmerte, beschlossen sie, die Nacht dort zu bleiben und dann mit dem -Frühzug, der Eine wieder in das innere Land zurück zu kehren, der Andere -seine Reise nach Köln fortzusetzen. - -Das war ein reges Leben in dem Ort, denn Wiesbaden kann wohl als das -Paradies der Spielhöllen betrachtet werden. Die Promenaden waren dicht -gedrängt voll geputzter Menschen und in den prachtvollen Spielsalons preßte -sich um die grünen Tische Kopf an Kopf, so daß man nicht einmal in ihre -Nähe gelangen konnte. - -Allerdings standen dort auch eine Menge von Neugierigen umher, die nur eben -sehen wollten was gesetzt wurde und wer es gewann. Die Meisten ließen sich -aber doch -- hier und da durch einen augenblicklichen Erfolg einzelner -Spieler angelockt -- verleiten, kleine Summen da oder dorthin zu setzen -und erst wenn die erbarmungslosen Krücken der Croupiers das Geld, das sie -vielleicht Gott weiß wie nothwendig für sich und ihre Familien gebraucht -hätten, einstrichen, zogen sie sich leise und beschämt zurück und suchten -sich unter die Menge zu verlieren. Aber Niemand achtete auf sie; das waren -ja doch nur Eintagsfliegen, Motten, die um das Licht flatterten und -sobald sie sich einmal die Flügel leicht versengt, untauglich für weiteren -Gebrauch wurden. - -Die hartnäckigeren Spieler, Stammgäste, wie man sie nennen könnte, hatten -ihren Platz am Tische selbst, auf weich gepolsterten Stühlen, mit kleinen -Täfelchen neben sich, auf denen sie die verschiedenen Chancen des Spiels -notirten und sich dabei so gleichgültig als irgend möglich gegen Gewinn -oder Verlust zu zeigen suchten. - -Die beiden jungen Leute verstanden das Spiel gar nicht, und sie dachten -noch weniger daran, »ihr Glück« zu versuchen, wie man das gewöhnlich nennt, -wie es aber besser heißen sollte »ihr Geld dem grünen Tisch zu opfern.« Nur -beobachten wollten sie, und dazu bekamen sie vortreffliche Gelegenheit in -den verschiedenen Physiognomien der bei dem Spiel interessirten Menschen. - -Wie sie noch so langsam, bald hier, bald dort umherschlenderten und sich -leise ihre Bemerkungen mittheilten, fiel plötzlich in einem der anderen -Säle ein Schuß, und was nicht unmittelbar an dem nächsten Tisch interessirt -war, zog sich augenblicklich davon zurück, um zu sehen, was vorgegangen -sei. Es kommt ja allerdings gar nicht so selten vor, daß ein armer Commis, -der Geld für seinen Principal eincassirt, und hier in wenigen Stunden -- -vielleicht Minuten, Alles verloren hat, mit einer Kugel oder auf sonstiger -Weise seinem Leben ein Ende macht. Aber es geschieht doch nicht oft, daß -er einen solchen verzweifelten Entschluß gleich an Ort und Stelle ausführt, -und ist sicher für die Bankhalter immer ein sehr unangenehmer Fall, da -nachher zu viel darüber gesprochen und geschrieben wird. - -Um so mehr wollten die Meisten aber auch Zeugen einer solchen Scene sein, -und nur die wirklichen und leidenschaftlichen Spieler berührte es nicht. -Was war es auch -- ein werthloses Menschenleben, was hier eben, inmitten -von Pracht und Haufen Goldes, geendet hatte -- ein ekelhafter, unangenehmer -Leichnam, den die Aufwärter nun so rasch als möglich entfernen, und -das Blut vom Parket wegwaschen mußten. In zehn Minuten konnte das Alles -beseitigt sein und es dauerte wirklich kaum so lange. - -Die beiden jungen Freunde zogen sich ebenfalls und unwillkürlich jener -Stelle zu, wo wieder einmal dieser »Fluch des Rheins«, das höllische -Spiel, ein Opfer gefordert hatte. Aber es war nicht möglich rasch dahin zu -gelangen, denn durch die von den Tischen plötzlich zurückpressenden Leute -wurde der Raum für kurze Zeit vollkommen angefüllt. Langsam rückten sie -aber trotzdem am Tische hin und wollten eben links abbiegen um eine -freiere Stelle zu gewinnen, als Frank plötzlich seinen Arm fast krampfhaft -festgehalten fühlte, und als er sich erstaunt nach der Seite umdrehte, sah -er des Freundes Augen, dessen Antlitz aschenbleich geworden war, an einem -Punkt des noch immer besetzten Tisches haften. - -Da er gar nicht wußte, was er aus dem Benehmen Trautenau's machen sollte, -folgte er seinem Blick, konnte aber nicht das geringste Auffällige -entdecken. An dem Tische saßen die gewöhnlichen Gestalten, Herren und -»Damen« -- wenigstens elegant angezogene Frauenzimmer, sehr decolletirt und -in oft höchst unnöthigem Putz für diese Gesellschaft, dabei meist ältliche -Herren mit verlebten, aber leidenschaftlich erregten Gesichtern, mit -aufgestellten Rollen von Gold und Silber vor sich, von denen sie dann -und wann kleine Haufen, ohne sie zu zählen und nur nach dem Gefühl -herunternahmen und auf irgend einen Punkt setzten, oder auch gewonnene -Summen wieder sorgfältig neben die anderen häuften. Diese Leute hatte der -Schuß im anderen Zimmer auch nicht gestört; was kümmerte sie irgend -ein fremder, alberner Mensch, der nicht einmal Tact genug besaß, sein -unbedeutendes Leben außerhalb der Spielsäle abzuschütteln. Es wäre nicht -der Mühe werth gewesen, auch nur den Kopf nach ihm umzudrehen, viel weniger -das »=jeu=« seinethalben zu vernachlässigen. - -»Aber was hast Du nur?« flüsterte Frank jetzt dem Freund zu, »Du drückst -mir ja blaue Flecke in den Arm.« - -»Kennst Du den Herrn, der dort unten an dem Tisch sitzt, gleich hinter -jener Dame, die den Kopf von uns abdreht?« - -»Hinter jener Dame im weißen Kleid?« - -»Ja.« - -»Nein, den kenne ich nicht -- kann mich wenigstens nicht auf das Gesicht -besinnen.« - -»Und hast es in Deinem eigenen Arbeitszimmer an der Wand?« - -»Der Major? Unsinn -- Du träumst.« - -»Lehre mich das Gesicht kennen, das ich unzählige Male gezeichnet habe --- jeder Zug desselben steht mir so fest im Gedächtniß, daß ich es mit -geschlossenen Augen mit Kohle an die Wand malen könnte. Er ist es, beim -ewigen Gott.« - -»Und jene Dame?« - -»Das kann nicht Clemence sein, es ist nicht möglich. Sie würde sich doch -nicht zwischen diese Gesellschaft an den grünen Tisch setzen. Nein, sie -scheint zu dem jungen Herrn zu gehören, der hinter ihrem Stuhl steht und -fortwährend mit ihr flüstert. Beide pointiren wahrscheinlich zusammen.« - -»Du mußt Dich irren, Ernst.« - -»Glaube mir, eine Täuschung ist dieser Gestalt gegenüber nicht möglich. -Ich habe mir nicht den Teufel an die Wand gemalt, daß ich ihn nicht -wiedererkennen sollte, wo auch immer. Findest Du ihn denn noch nicht in den -Zügen?« - -»Er hat allerdings Aehnlichkeit mit dem Major,« sagte Frank, der ihn -indessen aufmerksamer betrachtet hatte. »Er trägt nur den Bart ganz anders -als früher und mehr in französischer Art; ich habe ihn auch anfangs für -einen Franzosen gehalten. Du könntest wirklich Recht haben -- doch was -liegt daran. Er ist wahrscheinlich mit anderem Gesindel von Frankreich -herüber gekommen und treibt sich hier eine Zeitlang in den Bädern herum. -Laß ihn und komm -- was interessirt uns der Mensch.« - -»Wenn ich nur wenigstens einmal das Profil der Dame, die neben ihm sitzt, -sehen könnte,« entgegnete Ernst, der noch immer zögerte, dem Freund zu -folgen. - -»So laß uns an die andere Seite hinüber gehen.« - -»Ich möchte nicht von ihnen gesehen werden -- wenigstens jetzt noch nicht --- nicht bis ich mich näher überzeugt habe.« - -Das Publikum fing schon wieder an zu dem Tisch zurückzukehren, so rasch -hatte man da drüben, in dem anderen Zimmer, den Leichnam wie die letzten -Spuren der fatalen Angelegenheit beseitigt. Das Spiel durfte unter keiner -Bedingung gestört werden. Kein Mensch sprach mehr über den Selbstmord des -Unglücklichen, wie denn überhaupt eine laute Unterhaltung im Heiligthum der -grünen Tische gar nicht mehr geduldet wurde. Alles verkehrte in Flüstern -mit einander. - -Dadurch gruppirten sich die Zuschauer wieder fester um die eigentlichen -Spieler, und Trautenau wie Frank konnten auch, unter deren Schutz, etwas -näher an den entdeckten Major hinanrücken. Uebrigens war kaum Gefahr da, -daß er sie bemerken würde, denn seine Augen wanderten für keinen Moment von -dem Tisch selbst und dem darauf stehenden Golde ab. Was kümmert sich der -Spieler um die Zuschauer. - -Frank verstand allerdings das Spiel gar nicht, Trautenau dagegen hatte auf -seinen verschiedenen Reisen schon öfter Gelegenheit gehabt es zu beobachten -und zu verfolgen, und es konnte ihm bald nicht mehr entgehen, daß der Major -ziemlich hoch und zwar nach einem bestimmten Plan spiele, während die Dame -an seiner Seite, die aber noch immer den Kopf abgedreht hielt, bald da, -bald dort pointirte und den hinter ihr stehenden jungen Mann dabei oft um -Rath frug. Die Gestalt konnte aber nicht die Clemences sein. Sie schien -allerdings von hoher, stattlicher Figur, kam Ernst aber weit stärker vor, -als Clemence gewesen -- auch die Contur der Wangen war voller als er sie -gekannt. Nur das Haar glich dem ihrigen vollkommen und man hätte kaum -glauben sollen, daß zwei Personen eine so ähnliche und wahrhaft prachtvolle -Lockenfülle haben könnten. Aber sie war es trotzdem nicht; es ließ sich -ja auch nicht denken, daß Clemence, das stolze, schöne Mädchen, so weit -gesunken sein könne, um hier am grünen Tisch -- - -In dem Moment drehte sie den Kopf zur Seite -- der bis jetzt hinter ihr -stehende junge Herr hatte sie einen Augenblick verlassen, um zu einem -anderen Spieler hinüber zu treten. Sie schien ihn zu suchen und ihr Blick -streifte selbst Trautenau's Gestalt -- wenn auch vollkommen gleichgültig, -denn er trug nicht die bestimmten Formen, denen sie folgte. - -»Beim ewigen Gott, sie ist es,« stöhnte da Ernst, indem er scheu und -erschrocken einen Schritt zurücktrat -- »Clemence!« - -»Wahrhaftig? das ist allerdings merkwürdig,« sagte Frank, »und hier der -Tisch wäre der letzte, hinter dem ich sie gesucht hätte. Sie scheint aber -stärker geworden zu sein. Ah, da tritt auch ihr Courmacher wieder hinter -ihren Stuhl. -- Komm Ernst; ich glaube, wir haben genug gesehen, um nicht -nach Weiterem zu verlangen. Die Dame scheint sich in ihrem neuem Beruf -außerordentlich wohl zu fühlen.« - -Trautenau erwiederte kein Wort; es schnürte ihm das Herz zusammen, der -Athem wurde ihm schwer, und er drängte selber jetzt hinaus in's Freie, weil -er den Anblick nicht länger ertragen konnte. - -Das Interesse für die früher Geliebte war aber doch zu frisch und gewaltig -geweckt worden, um es so rasch wieder abschütteln zu können, und da selbst -Frank neugierig geworden war, zu erfahren, unter welchen Verhältnissen -sich die beiden Gatten hier aufhielten, so ließen sie sich, in ihrem -Hôtel angelangt, vor allen Dingen die Kurliste geben, um dort die Namen -aufzusuchen und dadurch ihren Wohnort herauszubekommen. - -Es dauerte allerdings einige Zeit, bis sie das alphabetisch geordnete und -etwas voluminöse Actenstück durchstudirt hatten, aber den Namen Reuhenfels -fanden sie nirgends angegeben -- nicht in der alphabetischen Ordnung, nicht -unter den einzelnen Hôtels. War er etwa hier in Wiesbaden ansässig? dann -kam er allerdings nicht in die Kurliste. Aber auch im Adreßbuch stand er -nicht. Da fiel, als Trautenau noch einmal die Kurliste aufschlug, sein Auge -zufällig auf den Namen »Zu Berg« -- Reuhenfels hatte ja -- soviel erinnerte -er sich, den Namen »zu Berg« bei dem eigenen. -- Das mußte er jedenfalls -sein und als Wohnung des »Baron und Gemahlin nebst Bedienung« war Hôtel -Kompelt angegeben. - -Also er reiste, wenn auch nicht unter falschem, doch jedenfalls verstellten -Namen, und das schien erklärlich, denn er mochte Ursache haben, sich der -Vergangenheit zu schämen. Auch der verschnittene Bart sprach dafür, der -ihn allerdings so entstellte, daß ihn selbst Frank niemals unter demselben -aufgefunden hätte. - -Die beiden jungen Leute waren aber doch neugierig geworden, etwas mehr von -den alten Bekannten zu hören. Besonders Frank, der recht gut wußte, daß -man sich dafür in M-- außerordentlich interessiren würde -- und beschlossen -deßhalb jedenfalls noch bis zum nächsten Mittag in Wiesbaden zu bleiben -und Nachforschungen anzustellen, denn heute Abend war es dazu allerdings zu -spät geworden. - -Ernst aber konnte Clemences Bild, wie er sie an dem Spieltisch gesehen, -nicht wieder aus dem Gedächtniß bringen. Wie hatten sie die wenigen Jahre -verändert -- wie gänzlich umgestaltet. Vermögenlos konnte sie allerdings -nicht sein, denn sie prangte noch immer im höchsten Staat -- aber wohin war -der gute, liebe Ausdruck in ihren Zügen gekommen? wohin jene schüchterne -Jungfräulichkeit, die er sonst darin zu finden geglaubt. Sie war wohl noch -schön -- oh so wunderbar schön wie je; aber mochte die Umgebung dabei die -Schuld tragen, genug ihm machte es den Eindruck, als ob sie jene holde -Weiblichkeit verloren habe, die gerade so bezaubernd auf das Männerherz -wirkt und es fesselt. Auch ihr Blick, wenn sie ihn im Saal umherwarf, -schien weit mehr keck und herausfordernd gewesen zu sein als er es -gewünscht, und an dem Spieltisch sich wie zu Hause zu fühlen. Ja, er -erinnerte sich jetzt sogar, daß sie eine kleine Geldkrücke in der Hand -geführt und ein Blatt zum Controliren des Spiels neben sich gehabt, -- ganz -wie es alte Spieler gewöhnlich thun. Sie konnte doch nicht in den wenigen -Jahren schon so tief gesunken sein. - -Wie ihn die Gedanken quälten -- und er grübelte und sorgte sich darüber, -bis endlich die Müdigkeit seine Augen schloß. - -Am andern Morgen war Ernst früh auf. In einem Badeort giebt es überhaupt -wenig Langschläfer, denn schon die Kur erfordert viel Bewegung und die -Damen wissen, daß sie in ihrem einfachen Morgenanzug oft ebenso hübsch, -gewöhnlich aber in Wirklichkeit noch viel hübscher aussehen, als -Nachmittags in allem Glanz einer Gesellschaftstoilette. Vor dem Kurhaus um -den blitzenden Teich herum, in dem die Fontainen sprangen, ergingen sich -denn auch schon eine Menge Damen, die, ihr Glas in der Hand, gewissenhaft -ihre Promenade machten und dabei gar nicht so aussahen, als ob sie irgend -wie nöthig hätten, ihrer Gesundheit wegen solch nichtswürdiges Wasser zu -trinken. Aber die Form mußte beobachtet werden. Wenn sie auch nur ihres -Vergnügens wegen, unter dem Vorwand von Nervenleiden, hierhergekommen -waren und das eigentlich blos den Zweck hatte, eine reiche, dazu besonders -angefertigte Garderobe zur Schau zu tragen, so durften sie sich doch der -Kur nicht entziehen. Es hätte sonst der schmerzliche Fall eintreten können, -daß ihnen der Gatte in der nächsten Saison die nothwendigen Reisespesen -vorenthielt, und der Gedanke schon war furchtbar. Nein, da lieber Brunnen -trinken. - -Frank war zu Hause geblieben, um ein paar nothwendige Briefe zu schreiben, -die, bei jetzt fest bestimmter Abreise seine Rückkunft daheim anzeigen -sollten. Ernst dagegen machte vor allen Dingen einen Spaziergang nach dem -Kurhaus, um dort erst einmal zu sehen, ob er Clemence nicht wieder begegnen -könne. Die Musik spielte eben den unvermeidlichen Choral, um unmittelbar -von demselben auf einen lustigen Schottischen überzuspringen; aber er -suchte unter den dort auf und ab wandelnden Badegästen nach den lieben, -bekannten Zügen der jungen Frau vergebens. Er konnte sie nirgends bemerken. -Es gab allerdings in Wiesbaden auch noch andere Stellen, wo Brunnen -getrunken, und zahllose, wo gebadet wurde, -- möglicher Weise, daß sie -sich dort irgendwo befand, aber dort hinaus konnte er sie in jeder Straße -verfehlen, und er beschloß deshalb, ohne Weiteres in das von der Kurliste -bezeichnete Hôtel zu gehen, um da womöglich einiges Nähere über das Ehepaar -zu erfahren. - -Clemence befand sich übrigens diesen Morgen nicht in dem gewöhnlichen -Gedräng der Kurgäste, weder hier noch in einem anderen Theil der Stadt, -sondern schritt nicht weit von der Stelle, wo das Grabmal der verstorbenen -Herzogin steht, am Arm eines jungen, sehr elegant gekleideten Herrn -- -desselben, der gestern Abend hinter ihrem Stuhl am Spieltisch gestanden, --- langsam durch das Gehölz. Beide schienen auch in ernster und eifriger -Unterhaltung begriffen, in welche sie aber doch nicht genug vertieft waren, -um nicht dann und wann wie scheu den Blick nach rechts und links zu werfen, -als ob sie fürchteten beobachtet zu werden. - -»Ich halte es beim Himmel nicht mehr aus, Armand,« sagte da die junge Frau. --- »Er wird mit jedem Tage roher und unerträglicher -- ein wahrer Teufel. -Ach, jener Maler hatte Recht, der ihn in der Gestalt mit auf mein Bild -brachte.« - -»Nur noch eine kurze Zeit, Clemence, um meinetwillen,« bat da Armand. »Du -weißt ja, daß ich meine Schwester hier nicht verlassen kann, und in acht -Tagen spätestens, vielleicht schon früher, kommt ihr Gatte zurück. Dann -sinnen wir auf Mittel und Wege, wie wir unsere Flucht bewerkstelligen.« - -»Dann ist es zu spät,« sagte Clemence düster, »denn gestern Abend noch hat -er mir erklärt, daß wir in den nächsten Tagen Wiesbaden verlassen werden.« - -»Und wohin will er sich wenden?« - -»Er weiß es noch nicht, oder würde es mir auch nie sagen, weil er unser -Einverständniß ahnt, oder doch wenigstens Verdacht geschöpft hat. Er -scheint auch nur von hier fortzugehen, um uns zu trennen.« - -»So bald schon,« rief Armand erschreckt aus -- »oh, ich kann Dich nicht -verlieren, Clemence, ich würde elend mein ganzes Leben werden.« - -»Aber, was läßt sich, was kann ich thun, um es zu verhindern? Ach, Alles -Dir zu Liebe, Armand, sag' mir nur wie?« - -»Du kannst mir schreiben wohin Ihr Euch gewandt, und ich folge Dir dann in -wenigen Tagen nach.« - -»Ich fürchte, ich fürchte,« stöhnte die arme Frau, »daß er beabsichtigt, -mich weit hinweg zu führen. Irgend ein Vergehen muß ihn drücken -- irgend -etwas muß in der letzten Zeit geschehen sein, wovon ich keine Ahnung habe, -denn verschiedene Anzeigen sprechen dafür. Nicht umsonst trägt er seinen -Bart jetzt so, daß er ein ganz anderes Aussehen gewonnen hat. Dann fährt er -oft, mitten in der Nacht, von schweren Träumen geschreckt, empor. Auch ein -Revolver liegt fortwährend über seinem Kopfkissen, geladen im Bett, als ob -er fürchte überfallen zu werden. Irgend etwas ist jedenfalls geschehen und -er hat auch seitdem nirgends Ruhe mehr. Kaum sind wir acht Tage in einem -Ort, so treibt es ihn wieder hinweg und in der letzten Zeit sprach er sogar -manchmal von England und Amerika. Wenn er mich dort hinüber führt, bleibt -mir ja Nichts übrig, als meinem elenden Leben in den Wellen ein Ende zu -machen.« - -»Clemence,« bat sie Armand. - -»Wahrlich Armand, ich thäte es,« rief die junge leidenschaftliche Frau -- -»aber noch ist es nicht nöthig -- noch bleibt mir ein Ausweg, wenn ich mich -fest auf Dich verlassen kann.« - -»Und zweifelst Du daran, Clemence?« - -»Nein -- dann bestimme mir nur einen Ort, wo ich Dich erwarten kann und -ich reise morgen früh allein dahin ab. Ich gehe ja jeden Morgen, wie Kuno -glaubt, zum Brunnentrinken. Die Bahn führt mich rasch fort von hier und -dann --« - -»Aber auf wen anders fiele dann sein Verdacht, als auf mich?« rief Armand, -»und er würde mich nicht mehr aus den Augen lassen. Wie kannst Du auch -allein reisen -- es geht nicht.« - -»Glaubst Du, daß ich mich fürchte?« - -»Nein, aber die Spur einer einzelnen Dame, die überall auffällt, ist -leicht verfolgt und wie gesagt, er hat hier so viele Späher, daß er mich -augenblicklich würde beobachten lassen, und folgte ich Dir dann, so wäre -unsere Flucht verrathen. Hast Du denn Niemanden hier, den Du genauer kennst --- dem Du Dich anvertrauen könntest, um Reuhenfels wenigstens auf eine -falsche Spur zu bringen? -- Wir müssen sicher gehen oder Alles ist -verloren!« - -»Ich habe Niemanden,« sagte Clemence eintönig, »Niemanden, als jene frechen -Spielgenossen Kuno's, die wohl zu einem Abenteuer geneigt wären, aber -niemals einer armen unglücklichen Frau Schutz verleihen würden. Du kennst -sie ja selber.« - -»So will ich sehen, daß ich Jemanden finde,« sagte Armand nach einer kurzen -Pause -- »es muß sein -- es muß, denn ich selber ertrüge dieses Leben -nicht, wenn ich Dich in der Gewalt jenes Elenden länger wissen sollte.« - -»Aber die Zeit drängt -- denke Dir Armand, daß es vielleicht schon morgen -zu spät ist.« - -»Wo kann ich Dich heute Abend noch einen Augenblick sprechen?« - -»An der zweiten Urne, wo wir uns im vorigen Jahr zum ersten Mal trafen,« -sagte Clemence nach kurzem Bedenken -- »wenn Kuno heute Abend in das -Kurhaus geht, werde ich unter irgend einem Vorwand zurückbleiben. Es wird -ihm nicht auffallen, denn ich habe es schon öfters gethan, weil mir der zu -lange Aufenthalt unter den Gasflammen häufig Kopfschmerzen macht. Ich folge -ihm dann gewöhnlich um acht Uhr -- Du aber darfst im Saale nicht fehlen -- -halb acht Uhr nur suche einen Augenblick abzukommen; pünktlich zu der Zeit -bin ich an der Urne, und werde auch heute Abend noch Alles packen, um jeden -Augenblick bereit zu sein.« - -»Ich danke es Dir mein ganzes Leben, Clemence,« sagte Armand herzlich -- -»doch noch eine Frage. Hast Du lange Nichts von Deinem Vater gehört? Zu -ihm müssen wir, damit er das Band, das Dich an den rohen Burschen knüpft, -wieder löse. Du sagtest mir ja selber, daß er mit Reuhenfels gebrochen -habe.« - -»Ja, sie haben sich, so eng sie früher auch befreundet schienen, -veruneinigt. Was da vorgefallen ist, weiß ich nicht, aber harte Worte -fielen zwischen Beiden, und ich durfte, als wir fortreisten, nicht -einmal von dem Vater Abschied nehmen. Neuerdings schien sich wieder ein -Verständniß anzubahnen. Wir waren bei ihm in Paris und Reuhenfels verkehrte -viel geheim mit ihm, bis mein Vater eines Tages, ohne mir selber vorher ein -Wort davon zu sagen, eine Reise machte. Er sandte mir nur durch Reuhenfels -Botschaft, daß er vielleicht acht oder vierzehn Tage könne ferngehalten -werden, und da mein Mann nicht so lange warten wollte, fuhren wir an -den Rhein in die Bäder -- zuerst nach Ems, dann nach Baden-Baden, jetzt -hierher.« - -»Aber Dein Vater ist jetzt doch jedenfalls wieder in Paris?« - -»Ich weiß es nicht -- ich habe seit der Zeit keine Nachricht bekommen, -obgleich ich selber dreimal an ihn schrieb. Wir wechselten aber den -Aufenthaltsort zu rasch, und ein Brief kann recht gut verloren gegangen -sein. Ha! dort kommen Leute -- verlaß mich jetzt Armand, wir dürfen nicht -zusammen gesehen werden.« - -»Also heute Abend halb acht Uhr.« - -»An der zweiten Urne -- oh, wenn der morgende Tag nur erst vorüber wäre,« -seufzte sie. - -Armand hatte sie an sich gezogen und drückte einen Kuß auf ihre bleiche -Wange, aber sie entwand sich ihm rasch und eilte den Pfad entlang, während -Armand in die nächsten Büsche glitt, und von dort ab einen andern Weg -erreichte, auf dem er allein in die Stadt zurückkehren konnte. - -In derselben Zeit, oder etwas später, suchte Trautenau das Hôtel Kompelt -auf. Er konnte ja dort eine Tasse Caffee trinken und die Zeitung lesen, -dabei gab es dann vielleicht eine Gelegenheit, um mit einem der Kellner -ein Gespräch anzuknüpfen. Waren doch die untern Räume des Hôtels um diese -Tageszeit fast immer menschenleer. - -Der Oberkellner, der am Fenster stand und mit Nichts in Gottes Welt zu -thun, hinaus auf die Straße sah, ging auch willig auf eine Unterhaltung mit -dem einzelnen Gast ein. Irgend etwas, um die Zeit todt zu schlagen, schien -ihm selber erwünscht. Trautenau steuerte indessen nicht direct auf sein -Ziel los, sondern erkundigte sich erst nach der Saison im Allgemeinen, -frug dann ob das Hôtel voll besetzt wäre, und blätterte in der Kurliste die -Namen der dafür verzeichneten Gäste auf. - -»Ah, zu Berg,« sagte er plötzlich -- »die Familie ist mir bekannt, ich -möchte wohl wissen, welcher Zweig derselben es ist. Können Sie mir darüber -Auskunft geben, Herr Oberkellner?« - -»Ein Herr und eine Dame« sagte dieser, »mit Kammerfrau -- einer ganz -allerliebsten kleinen Französin -- zum Anbeißen sage ich Ihnen.« - -»Noch jung?« - -»Kaum achtzehn Jahr höchstens.« - -»Nein, ich meine das Ehepaar.« - -»Ach so, ich dachte, Sie frügen nach der Kammerfrau. Nun der Herr mag -etwa in den vierzigern sein. Die Dame -- auch eine sehr schöne, vornehm -aussehende Frau, kann höchstens zweiundzwanzig sein. -- Aber eine -unglückliche Ehe.« - -»Wirklich?« - -»Ewig Streit und Skandal, wenn sie zu Hause sind. Der Herr Gemahl scheint -etwas eifersüchtiger Natur, und hat auch vielleicht Ursache. Lieber Gott, -in Badeorten fällt ja so Manches vor, und man darf sich eigentlich gar -nicht darum bekümmern.« - -Der Kellner wurde abgerufen und Trautenau blieb in tiefes Nachdenken -versenkt, allein zurück. Still nickte er dabei vor sich hin mit dem Kopf -- -waren ihm doch nur eben seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden --- Arme Clemence! Wie Recht hatte er gehabt, als er sie vor dem Menschen -warnte, aber sie wollte ja nicht hören, und jetzt war sie vielleicht -unglücklich für ihr ganzes Leben lang. Aber was konnte er dabei thun? Ihm -stand kein Recht zu, sich in die Familienangelegenheiten ihm völlig fremder -Menschen zu mischen. Daß er sie geliebt -- daß er sie noch liebte? wie -kam das in Betracht. Er stand auf -- was sollte er auch länger hier in -Wiesbaden, wo ihn nur der Schmerz, die Theilnahme um die Verlorene jede -Stunde verbittert hätte. Er wollte noch an dem Mittag fort. Es war das -Beste was er thun konnte. - -Mit diesem Entschluß nahm er seinen Hut, und trat in die Thür, als er -heftige Stimmen auf dem Vorsaal hörte. Es war ein Herr und eine Dame, -die sich auf eine sehr lebhafte Art in französischer Sprache mit einander -unterhielten, und er verstand eben nur noch die letzten Worte der Dame, die -deutlich sagte: - -»Du bist wie ein Thier, und ich schwöre es Dir zu, daß ich von diesem -Augenblick an --« Sie schwieg plötzlich, denn sie gewahrte den Fremden. -- -Es war Clemence und zwar mit zornesbleichem Gesicht, das aber rasch Farbe -bekam, als ihr Blick auf den, im Moment erkannten jungen Maler fiel. - -Ernst konnte nicht gut umkehren, und obgleich er es lieber vermieden hätte, -Clemence zu begegnen, blieb ihm doch jetzt keine andere Wahl, als eben -gerade aus, und an den beiden Gatten vorüber zu gehen. Er mußte sogar -grüßen, denn der jungen Frau Blick haftete starr, ja fast wie ersteckt auf -ihm. Er zog den Hut. Auch der Major schien ihn wieder erkannt zu haben, -wenn er sich auch vielleicht nicht gleich genau auf ihn besinnen mochte. -Nur unwillkürlich griff er ebenfalls nach seinem Hut, sah sich noch einmal -nach ihm um und sprang dann rasch die Stufen der Treppe hinauf, der Dame -voran. - -Clemence folgte ihm, aber auch sie warf noch einmal den Blick nach ihm -zurück. Sie stieg auch die Stufen langsam hinauf und Trautenau sah, daß sie -dabei den einen Handschuh auszog. Jetzt blieb sie stehen und wieder drehte -sie den Kopf, und als sie fand, daß Trautenau's Blick noch immer, wie -gebannt, an ihr haftete, bemerkte der junge Maler, daß etwas Weißes, an -ihrem Kleid nieder, auf die Stufen fiel, wo es liegen blieb. Aber sie -bückte sich nicht danach, und folgte jetzt, rascher als vorher dem Gatten. - -Was war das? -- ein Zeichen für ihn? Trautenau konnte es sich nicht -erklären, denn schien es denkbar, daß Clemence Joulard ihm ein solches -hinterlassen würde? Aber er wußte wenigstens daß dort etwas liegen -geblieben war. Vielleicht hatte sie irgend etwas nur zufällig verloren, und -er konnte es ihr dann durch den Kellner hinauf schicken. - -Der Major wie Clemence waren schon oben im Gang verschwunden, und mit -wenigen Sätzen sprang Ernst die Stufen hinauf und fand dort einen weißen, -noch warmen Handschuh -- mit einer Visitenkarte darin, auf welcher, in kaum -lesbar feiner Schrift der Name Clemence zu Berg =née= de Joulard stand. -Aber sonderbar -- die Karte war oben am Rand sechsmal eingerissen. - -Unten trat der Kellner in die Thür, Ernst barg seine Beute rasch in -der Hand und wollte das Hôtel verlassen, denn zuerst mußte er mit Frank -sprechen, wie er hier zu handeln habe, das Alles war so rasch gekommen, daß -er kaum einen Gedanken fassen konnte. - -»Das waren sie,« flüsterte der Kellner, als er an ihm vorüberschritt, indem -er mit dem Daumen über seine Schulter zeigte. »Famose Person, heh?« -Damit blinzelte er den jungen Fremden verschmitzt an, drückte sich seine -Serviette unter den Arm und verschwand damit in der Küche. - -Ernst schritt rasch der eigenen Wohnung zu, aber er begegnete dem Freund -schon unterwegs, der eben seine Briefe zur Post gegeben hatte. Er nahm auch -ohne Weiteres seinen Arm, und erzählte ihm, während er mit ihm die Straße -hinabschritt, das Begebniß der letzten Stunde sowohl, wie das, was er von -dem Kellner über die beiden Gatten gehört. - -»Hm, zeig' mir einmal die Karte. Clemence de Joulard -- eine kleine -Eitelkeit -- und sechs Risse darin.« - -»Sie können zufällig hinein gekommen sein.« - -»Sie können, ja -- aber ich glaube es nicht. Frau von Reuhenfels sieht mir -nicht so aus, als ob sie etwas zufällig thut.« - -»Aber was können sie bedeuten?« - -»Wenn irgend etwas, natürlich nur eine Zahl -- also sechs, und das kann -wieder nur sechs Uhr sein. Sie wünscht ein Rendezvous mit Dir.« - -»Das ist nicht denkbar.« - -»Bah, was ist bei einer jungen, intriguanten Frau nicht denkbar, noch dazu -wenn sie einen Tyrannen zum Gemahl hat.« - -»Die wenigen Jahre können sie nicht so verdorben haben, oder ihr Mann müßte -mehr als ein Teufel sein.« - -»Erstlich hast Du sie früher gar nicht so genau gekannt, und nur =par -distance= angebetet, und dann weiß man auch in der That nicht, was Alles in -der Zeit kann vorgefallen sein.« - -»Vielleicht verlangt sie in irgend etwas meine Hülfe.« - -»Höre Ernst, wenn Du meinem Rath folgst, so gehst Du der Dame entschieden -aus dem Weg. Wir wissen jetzt, was wir von dem Paare wissen wollten, und -wahrscheinlich auch Alles, was wir überhaupt erfahren werden. Hat sie -Streitigkeit, oder lebt sie in Unfrieden mit ihrem Gatten, so kann und darf -sich da natürlich kein Fremder hineinmischen -- ich wenigstens möchte dafür -danken. Und dann, was könntest Du ihr auch helfen? Also folge mir, alter -Freund. Heute Nachmittag halb drei oder drei Uhr -- ich weiß es nicht -genau, gehen fast zu gleicher Zeit die beiden entgegengesetzten Züge nach -Frankfurt und nach Köln ab. Ich werde jedenfalls den einen benutzen, setze -Du Dich in den anderen, und laß die gnädige Frau nur ruhig allein ausessen, -was sie sich dazumal eingebrockt.« - -»Meine arme Clemence.« - -»Werde nicht langweilig oder gar sentimental,« sagte Frank, »denn Du hast -gar keine Ahnung davon, in welche höchst unangenehmen Verwickelungen Dich -ein solcher Wahnsinn bringen könnte.« - -»Und Du willst wirklich heute Mittag fort?« - -»Ich muß jetzt. Ich habe meine Ankunft in M-- fest auf übermorgen angezeigt -und reichlich noch einen halben Tag, vielleicht sogar mehr, in Frankfurt zu -thun. Ich kann nicht länger bleiben.« - -Ernst schritt eine ganze Weile in tiefem Nachdenken neben dem Freund her. -Er war unschlüssig, was er thun, wie er handeln solle. Seine Vernunft sagte -ihm wohl, daß Frank vollkommen Recht habe, aber sein Herz drängte ihn doch -immer wieder, der zu dienen, die lange Jahre hindurch nicht allein sein -Ideal von Schönheit, sondern auch aller weiblichen Tugenden gewesen war. -Er konnte sich den Glauben an sie wenigstens nicht so rasch erschüttern -lassen. - -»Und gehst Du heute mit dem Mittagszug nach Köln?« - -»Ich weiß es nicht,« erwiederte Ernst zerstreut. »Ich weiß es wahrhaftig -noch nicht, Frank.« - -»Du irrst Dich, wenn Du glaubst, der Dame durch Dein Bleiben einen Gefallen -zu erzeigen.« - -»Ich werde ihr wahrscheinlich gar nicht wieder begegnen. Nur aus der Ferne -möchte ich sie noch einen Tag beobachten. Ihr Benehmen dann soll nachher -maßgebend für mich sein.« - -»Ich will Dir etwas sagen, mein Junge,« bemerkte da Frank, »es ist ein -ganz altes, ehrwürdiges Sprüchwort: Wer nicht hören will muß fühlen, und -Du scheinst mir auf dem besten Weg dazu. Komm,« setzte er herzlich hinzu, -»mach' den kleinen Umweg über Frankfurt und gehe mit mir. Ich gebe Dir mein -Wort, ich lasse Dich hier nur mit recht schwerem Herzen zurück, und wollte -zu Gott, wir hätten dies verdammte Wiesbaden im Leben nicht gesehen.« - -»Ich bin ja doch kein Kind, Frank, daß ich tolle Streiche machen würde. -Du darfst mir mehr zutrauen.« Frank seufzte, aber es ließ sich eben an der -Sache nichts mehr ändern, Ernst mußte in der That wissen, was er selber -zu thun hatte, und Beide schritten jetzt zu ihrer Wohnung zurück, um -wenigstens die letzten Stunden noch zusammen zu verbringen. Frank redete -dem Freund allerdings selbst noch auf dem kurzen Weg nach dem Bahnhof -ernstlich zu, wenigstens das Haus des Herrn von Reuhenfels zu vermeiden -und sich auf neutralem Boden zu halten. Ernst war aber recht einsylbig -geworden, denn die bezeichnete Visitenkarte ging ihm im Kopf herum. Wenn -Clemence nun wirklich nach ihm verlangte? -- Wohl mußte er sich dabei -sagen, daß er ihr gar Nichts helfen oder nützen könne -- er wollte ja auch -nur Gewißheit darüber haben, daß sie sich nicht unglücklich fühle -- daß -seine Befürchtungen ungegründet seien, und dann wieder kam das Bild der -Frau dazwischen, wie er sie gestern Abend am Spieltisch gesehen, und wenn -er sie dann dachte, wie er sie früher gekannt und geliebt hatte! Am Ende -war es das Beste, er folgte Frank's Rath. Hätte er nur seine Sachen bei -sich gehabt, er würde ihn selbst jetzt begleitet haben, aber dazu hatte er -keine Zeit mehr. - -»Hab' keine Angst um mich, Frank,« flüsterte er ihm aber noch in das Coupé -hinein, »ich werde gewiß vernünftig handeln. Ich sehe ein, daß die jetzige -Wirklichkeit nicht mehr mit meinem Ideal zusammenpaßt, ich werde mir eine -noch bitterere Täuschung ersparen, und die Dame nicht besuchen, sondern den -Handschuh einfach unten im Hotel abgeben.« - -»Und versprichst Du mir das wirklich?« - -»Hier hast Du meine Hand darauf.« - -»Jetzt bin ich zufrieden und dann thu' mir nur noch die Liebe und mach' daß -Du so rasch als möglich nach Köln hinunter kommst.« - -Die Locomotive gab ihren schrillen Pfiff, der Zug that den ersten Ruck -- -Ernst reichte dem Freund noch einmal rasch seine Hand, dann zog sich die -lange Kastenreihe am Perron hin, immer rascher rollten die Räder, und -wenige Minuten später zeigte nur noch in weiter Ferne eine dichte weiße -Dampfwolke, welche Richtung der davonbrausende Zug genommen. - -Ernst schritt langsam nach der Stadt zurück, aber es litt ihn jetzt nicht -zwischen den Häuserreihen. Er wollte hinaus in's Grüne, um dort noch -ein paar Stunden zu verbringen. Diesen Abend spät ging noch ein Zug -nach Bieberich, den konnte er benutzen, dann blieb er dort die Nacht im -Rheinischen Hof, und fuhr am nächsten Morgen mit dem ersten oder zweiten -Boot den schönen Strom hinab. - -Allerdings dachte er wohl daran, gleich im Vorbeigehen den gefundenen -Handschuh im Hotel abzugeben, und nur die Karte zum Andenken zu behalten, -aber das hatte ja auch noch Zeit. Er mochte es sich freilich selber nicht -eingestehen, doch zögerte er damit bis zur sechsten Stunde. Er war dabei -fest entschlossen, Clemence nicht aufzusuchen, er hatte es ja auch dem -Freunde versprochen, aber -- er wollte doch einmal sehen, ob die sechsmal -eingerissene Karte wirklich eine Bedeutung gehabt, oder nur durch einen -harmlosen -- wenn freilich wunderlichen Zufall, ihm in die Hand gespielt -sei. - -Es mußte und konnte ja auch nur ein Zufall gewesen sein. Je mehr er darüber -nachdachte, desto mehr fühlte er sich davon überzeugt. Ein Zeichen? -- Wie -wäre die Frau nur im Stand gewesen so rasch einen Entschluß zu fassen, oder -gar gleich danach zu handeln, denn das Ganze, von dem Augenblick an wo -sie ihn erkannte, bis zu dem Moment wo der Handschuh auf die Treppe -fiel, konnte kaum zwei Minuten Zeit in Anspruch genommen haben. Nein, so -durchtrieben war Clemence nicht, und wäre er jetzt selber zu ihr gegangen, -um ihr den Handschuh zurückzubringen, sie würde jedenfalls über ihn -gelacht, oder sich auch vielleicht gar beleidigt gefühlt haben, daß er -sie, einer solchen Kleinigkeit wegen, belästige; dem durfte er sich nicht -aussetzen. Hätte er Frank auch das Versprechen nicht gegeben, war er doch -jetzt fest entschlossen, die Rückgabe des Handschuhs durch einen Kellner zu -erledigen. - -Sonderbar nur, daß er sich auf dem ganzen Spaziergang immer und -ausschließlich mit Clemence beschäftigte. Er passirte einige Punkte von -denen man eine reizende Aussicht über die Stadt und das Thal hatte, aber -er bemerkte sie gar nicht. Sein Auge blieb allein auf den Weg geheftet, und -fast, ohne sich der Richtung die er nahm, klar bewußt zu sein, lenkte er -doch immer wieder in einem größeren Bogen zu der Stadt zurück, um eben die -sechste Stunde im Hotel nicht zu versäumen. - - - - -Achtes Kapitel. - -Das Wiedersehen. - - -Er erreichte den Platz, an welchem das Hotel lag, wirklich pünktlich. -Die Uhren schlugen gerade an, als er schräg über denselben hin, dem Hause -zuschritt. Er beobachtete auch genau dabei die Fenster, ob er vielleicht -irgend eine weibliche Gestalt an einem derselben entdecken könne -- aber -vergebens. Es zeigte sich Niemand und nur in der ersten Etage waren in -einer Stube die Gardinen herunter gelassen, so daß er von unten natürlich -nicht bemerken konnte, ob irgend Jemand dahinter stand. Doch was kümmerte -das auch ihn -- Frank hatte sein Wort, und er wollte nicht einmal im -Hause nachfragen, in welcher Etage die Herrschaft wohne, um den gefundenen -Handschuh abzugeben, -- weiter Nichts, und das war ja in wenigen Secunden -geschehen. Dann ginge er nach Hause, packte seinen Koffer und verließ -Wiesbaden auf Nimmerwiedersehen. - -Wie er das Hôtel betrat, kam ein junges Mädchen die Treppe herunter, das -in großer Eile zu sein schien. Ernst beachtete sie aber nicht. Er trug den -leichten Handschuh zwischen den Fingern und wollte sich eben damit rechts -gegen den Speisesaal wenden, als ihm das Mädchen den Weg dorthin abschnitt, -oder vielmehr direct auf ihn zukam und freundlich mit etwas fremdartigem -Dialect sagte: - -»Haben Sie vielleicht den Handschuh, den Sie da tragen, hier im Haus -gefunden, mein Herr?« - -»Allerdings, mein Fräulein,« erwiederte Ernst, »ich war auch eben im -Begriff ihn wieder abzuliefern. Kennen Sie ihn?« - -»Ja gewiß,« antwortete das junge Mädchen, das ihn nahm und betrachtete, »er -gehört meiner gnädigen Frau.« - -»Dann bitte empfehlen Sie mich der Dame, und sagen Sie ihr, daß ich -mich --« - -»Aber wollen Sie ihn nicht selber hinauftragen? No. 5. in der ersten Etage. -Sie brauchen nur anzuklopfen.« - -»Ich darf nicht wagen die Dame, einer solchen Kleinigkeit wegen zu stören,« -meinte Ernst und wollte sich abwenden. - -»Aber sie hat mich ja selber heruntergeschickt,« erwiderte fast ärgerlich -die junge und wie es schien ziemlich gewandte Person. »Wenn ich Ihnen sage, -daß sie sich freuen wird Sie zu sehen, so können Sie doch getrost -hinauf gehen. Sie sind ein echter Deutscher, Monsieur. Einer von meinen -Landsleuten wäre schon lange die Treppe hinauf.« - -Ernst war blutroth geworden, denn jetzt blieb ja kein Zweifel mehr, daß -die Einrisse in der Karte ein absichtliches Zeichen gewesen. Aber konnte -er eine directe Einladung ausschlagen? Er hatte Frank freilich sein Wort -gegeben, Clemence nicht wieder aufzusuchen, aber that er denn das jetzt? -nein, die Dame selber ließ ihn durch ihr Kammermädchen bitten, den -Handschuh zu ihr hinauf zu bringen, und es wäre ungezogen gewesen, dem -nicht Folge zu leisten. -- - -»No. 5?« fragte er. - -»Ja! gleich links im Gang über der ersten Treppe -- die dritte Thür. Sie -können gar nicht fehlen.« - -Er war mit wenigen Sätzen hinauf, und vor dem bezeichneten Zimmer. -- Wie -ihm das Herz schlug. Kaum aber hatte er angeklopft, als auch schon ein -nicht lautes, aber deutliches »Herein« ertönte, und wie er die Thür -öffnete, stand Clemence mitten im Zimmer, und streckte ihm zum Gruß die -Hand entgegen. - -»Das ist sehr lieb von Ihnen,« sagte sie freundlich, »daß Sie alte Freunde -nicht vergessen haben.« - -»Gnädige Frau,« stammelte Ernst verlegen, denn er wußte sich die Anrede -nicht zu erklären, da er im Joulard'schen Hause wenigstens nie wie ein -Freund, sondern immer nur wie ein fremder Künstler behandelt worden. Er -nahm aber die dargereichte Hand, zog sie ehrfurchtsvoll an die Lippen und -sagte dann befangen: »vor allen Dingen erlauben Sie mir Ihnen Ihr Eigenthum -zurückzuerstatten, das ich heute Morgen hier im Haus zufällig fand. Ich -hätte auch nicht gewagt selber --« - -Clemence winkte ihm mit der Hand. - -»Herr Trautenau,« sagte sie ernst, aber mit tiefem Gefühl -- »lassen Sie -alle Entschuldigungen; uns bleibt keine Zeit dazu, denn selbst die Minuten -sind mir zugemessen. Nur mit zwei Worten will und muß ich auf eine -frühere -- glückliche Zeit zurückkommen -- ich war Ihnen früher nicht -gleichgültig.« - -»Clemence!« rief Trautenau bewegt. - -»Sagen Sie Nichts darüber,« wehrte Clemence ab -- »ich fühlte es, aber es -war zu spät und mein Schicksal schon besiegelt. Ich mußte Sie streng in die -Grenzen kalter Gleichgültigkeit zurückweisen -- mich selber darin halten. -Aber ich habe es Ihnen nicht vergessen, daß Sie damals der einzige Freund -waren, der es wagte mich zu warnen, -- wenn ich auch der Warnung nicht mehr -folgen konnte.« - -»Ach wären Sie ihr gefolgt,« seufzte Trautenau. - -»Wär' ich --« flüsterte leise Clemence, »doch jetzt ist es zu spät,« fuhr -sie lebendiger fort, -- »zu spät wenigstens, um das Geschehene wieder gut -zu machen, wenn auch nicht zu spät um weiterem Unheil -- um dem Schlimmsten -vorzubeugen, und Sie sind der einzige Freund, den ich hier habe. Wollen Sie -mir helfen?« - -»Oh wenn es in meinen Kräften steht, wie gern,« rief der junge Mann, der -in dem Augenblick Frank's sämmtliche Warnungen und Ermahnungen vergessen -hatte. »Sagen Sie mir nur wie -- was ich thun soll.« - -»Reuhenfels, mein Gemahl, der mich wie eine Sclavin behandelt,« fuhr -Clemence fort, »hat die Absicht mich nach England und von da nach Amerika -zu schleppen. Dort wäre ich ganz verloren und in seinen Händen, denn ich -habe da keinen Freund mehr, der mich selbst vor seinen rohen Mißhandlungen -schützen könnte.« - -»Aber er wagt es doch nicht?« rief Ernst entsetzt. - -»Er hat es gewagt,« sagte Clemence düster, »und nur eine Rettung giebt es -für mich -- Flucht!« - -»Aber wohin? -- zu wem?« rief Trautenau erschreckt, denn in dem Augenblick -wäre er in der größten Verlegenheit gewesen, wenn er hätte sagen sollen -wohin er selbst die Geliebte entführen könnte, obgleich ihm schon der -Gedanke das Herz mit Seligkeit füllte. - -»Sorgen Sie sich nicht,« beruhigte sie ihn aber -- »ich habe Mittel genug -zu unserer Flucht und auch ein Ziel -- ich will zu meinem Vater zurück, der -in Paris wohnt. Er allein kann und wird mich schützen, aber ich darf nicht -allein in die Welt hinaus -- ein armes schwaches Weib; ich brauche die -Stütze eines starken Armes, und wenn Sie je der armen Clemence nur ein -klein wenig gut gewesen sind,« setzte sie weich hinzu »oh so helfen Sie ihr -zur Rettung aus diesem furchtbaren Elend --« - -»Sagen Sie mir was ich thun soll,« rief der junge Maler, seiner Sinne kaum -mehr mächtig bei den verführerischen Tönen, »was es auch ist -- ich stehe -Ihnen mit Leib und Seele zu Diensten.« - -»Ich wußte es,« erwiederte Clemence, indem sie seine Hand wieder ergriff -und ihn mit einer Thräne im Auge ansah, »und Dank -- tausend Dank -dafür, lieber, theurer Freund. Aber nun auch rasch zur That,« setzte sie -lebendiger hinzu -- »denn alles Weitere besprechen wir unterwegs. Sind Sie -zur Abreise gerüstet?« - -»Jeden Augenblick.« - -»Gut -- heute Abend ist es nicht mehr möglich. Ich muß jetzt in das Kurhaus -oder Reuhenfels würde mich vermissen und augenblicklich nach mir suchen. -- -Morgen früh um sechs Uhr geht ein Zug nach Bieberich ab -- Reuhenfels steht -nie vor sieben Uhr auf und weiß mich dann jedesmal beim Brunnentrinken. -Er wird vor acht Uhr, wo ich gewöhnlich zum Frühstück zurück bin, keinen -Verdacht schöpfen.« - -»Und wohin wenden wir uns von Bieberich?« - -»Das bespreche ich mit Ihnen morgen unterwegs -- jetzt fort, daß um -Gotteswillen Niemand Verdacht schöpft oder Alles ist verloren. Sie -begleiten mich nur bis zur französischen Grenze, oder wenn Sie sich mir -soweit opfern wollen, bis nach Paris in die Arme meines Vaters. -- Und noch -eins -- besuchen Sie heute Abend das Kurhaus nicht -- mein Mann hat Sie -erkannt. -- Nicht gleich als wir Ihnen begegneten, wenn ihm auch Ihr -Gesicht bekannt vorkam, aber er besann sich oben im Zimmer darauf, und er -schwur, daß er Sie das Bild wollte entgelten lassen.« - -»Er weiß jetzt, wer es sein soll?« lächelte Trautenau. - -»Mehr als das,« erwiderte Clemence, »er behauptete sogar, daß Sie nur -in eifersüchtigem Neid eine solche unwürdige Rache an ihm genommen, und -bedauerte, die Bosheit nicht früher entdeckt zu haben, um Sie dafür zur -Rechenschaft zu ziehen.« - -»Bah, was kann er thun?« - -»Er hat Sie heute schon im Kurhaus gesucht und wollte sogar nach Ihrer -Wohnung gehen, nach der er sich auf der Polizei erkundigte -- aber -glücklicher Weise kam etwas dazwischen und seine Spielzeit versäumt er -nie. Morgen früh würde er aber jedenfalls hartnäckig die Verfolgung wieder -aufnehmen, und er ist furchtbar in seiner Rache.« - -»Ich fürchte ihn nicht, Clemence,« sagte Trautenau ruhig, »und wenn es -nicht Ihretwegen wäre, möchte ich ihn wirklich lieber erwarten.« - -»Und mich wollten Sie dadurch elend machen und zu Grunde richten?« - -»Nein, Clemence -- nein!« rief Trautenau rasch, »Sie haben mein Wort, und -beim ewigen Gott, ich halte treu zu Ihnen, so lange Sie meiner bedürfen.« - -»Sie sind ein edler, braver Mann,« sagte das junge schöne Weib gerührt und -weich, -- »ich vertraue Ihnen ganz -- Sie werden mich nicht verlassen. Aber -nun auch fort -- ich habe schon zu lange gezögert, denn wenn Reuhenfels nur -im Geringsten mißtrauisch werden sollte, ist jede Hoffnung verloren. Gehen -Sie, lieber Freund, gehen Sie und halten Sie morgen früh, ehe der Zug -abgeht, drei Billette nach Bieberich bereit -- ich nehme meine Kammerfrau -mit mir. Lassen Sie uns bis dort erster Classe fahren, wir sind darin -weniger der Gefahr ausgesetzt, Gesellschaft zu finden.« - -Nochmals reichte sie ihm die Hand zum Abschied, die er rasch an seine -Lippen drückte -- dann drängte sie ihn selber freundlich der Thür zu und -Ernst fühlte, als er das Hôtel verließ, kaum den Boden unter seinen Füßen. - -In seiner Wohnung angekommen, machte aber doch dies erste Gefühl der -Aufregung und des Entzückens einem etwas ruhigeren Ueberlegen Platz, und er -konnte sich nicht gut verhehlen, daß er im Begriff sei, einen nicht allein -außergewöhnlichen, sondern auch ziemlich tollen Streich zu begehen. Er -wollte eine Frau ihrem eigenen Manne entführen, und wenn er auch Muth genug -besaß, die Rache des Betrogenen nicht zu fürchten, so konnte er doch -auch nicht gut umhin, die möglichen Folgen eines solchen Schrittes zu -überdenken. - -Daß er Clemence noch immer mit derselben Gluth als früher liebe, das fühlte -er jetzt klar und deutlich. Er glaubte jene Leidenschaft in den letzten -Jahren bekämpft zu haben, aber sie hatte nur geschlummert, und heute, wie -er dem holden Wesen auf's Neue gegenüber stand und ihre Blicke so lieb und -gut auf ihm hafteten, wie sie es nie gethan, loderte die alte Leidenschaft -frisch und gewaltig auf's Neue in seinem Herzen empor. -- Aber sie war -nicht mehr frei -- sie war vermählt, und ließ es sich denken, daß -der Major, durch die Flucht der Gattin auf das Schwerste gekränkt und -beleidigt, je selber und freiwillig das Band lösen würde, das sie an ihn -fesselte -- und was dann? - -Daß er sich selber einen Hausstand gründen und eine Frau ernähren könne, -wußte er; daß er an Clemence's Seite den Himmel auf Erden finden würde, -davon fühlte er sich fest und innig überzeugt, und wenn sie auch in Glanz -erzogen und dabei verwöhnt sein mochte, die Liebe zu ihm würde sie alles -leicht überwinden lassen. -- Und Clemences Vater? -- Nur der Gedanke an -diesen blieb ihm peinlich, denn sein Bankerott damals war, nach Allem, was -er darüber von vorurtheilsfreien Männern gehört, eine zu offenkundige und -freche Schwindelei gewesen, um sich darüber auch nur noch im Entferntesten -einer Täuschung hinzugeben, und mit dem sollte er jetzt in nähere -Verwandschaft treten? -- Aber was konnte Clemence dafür? Trug sie die -Schuld des Verbrechens? wahrlich nicht, und von dem gestohlenen Gelde -wollte und brauchte er Nichts, wenn er die Kraft in sich fühlte, frei und -unabhängig von irgend Jemandem sich seinen Lebensunterhalt auch selber zu -erwerben. - -Aber was zerbrach er sich jetzt über alle diese Dinge den Kopf, wo es ja -vor Allem galt, die Geliebte aus den Händen eines rohen und tyrannischen -Gatten zu befreien. Alles Andere fand sich später von selber. Lieber Gott, -er wollte sie ja nur glücklich wissen, und wenn er dann auch noch Jahrelang -auf ihren Besitz harren, oder wenn es nicht anders möglich war, selbst die -Heimath verlassen mußte, um in einem fernen Welttheil das Glück zu suchen, -das ihm hier starre Formen und Gesetze verweigerten. - -Während er sich so in Gedanken um das Wohl der Geliebten absorgte, schritt -Clemence zu dem Kurhaus hinüber, aber nicht auf dem direkten Weg, sondern -auf einer etwas weiteren Bahn. Sie war, von ihrer Kammerfrau begleitet, -in voller Toilette, aber sie schien eilig, denn es dunkelte schon, und sie -hatte nicht viel Zeit mehr zu versäumen. Eben schlugen drinnen in der Stadt -die Uhren die für das Rendezvous bestimmte Stunde. - -Armand war eben so pünktlich gewesen als sie. Um jedoch auf der noch immer -sehr belebten Promenade keinen Verdacht zu erregen, grüßte er sehr förmlich -und achtungsvoll, und schritt dann, während sich die Kammerfrau tactvoll -einige Schritte zurückzog, neben ihr her. - -»Glückliche Nachricht,« flüsterte er ihr, wie das unbeachtet geschehen -konnte, zu, »eben habe ich einen Brief bekommen, daß übermorgen, vielleicht -schon morgen Abend mein Schwager eintrifft, und nun, da die Zwischenzeit so -kurz ist, haben wir auch keine Gefahr weiter zu fürchten. Benutze jetzt die -erste Gelegenheit, Geliebte, und erwarte mich dann in St. Goarshausen im -goldenen Roß. Hinterlaß' für Reuhenfels aber einen Brief, worin Du ihn auf -eine falsche Fährte schickst, und überlaß mir das Weitere. Natürlich -folgt er Dir augenblicklich, aber er muß durch die Nachforschungen, die er -genöthigt ist anzustellen, aufgehalten werden und ich bin dann vielleicht -schon den nächsten Tag bei Dir. Nie im Leben wird er auch daran denken, in -einem so kleinen abgelegenen Nest nach Dir zu suchen und es bleibt uns dort -Zeit und Muße genug, unsere weiteren Pläne zu besprechen.« - -»Ich habe einen Begleiter gefunden,« sagte Clemence rasch. - -»Wen?« frug der junge Mann erstaunt. - -»Einen alten Bekannten aus M--, einen braven jungen Künstler, der früher -einmal für mich geschwärmt hat,« fuhr sie lächelnd fort. »Er ist treu und -ehrlich und fühlt sich glücklich mir einen Dienst erweisen zu können.« - -»Aber es ist jetzt kaum mehr nöthig,« meinte Armand, dem der Gedanke, einen -früheren Anbeter mit seiner Geliebten reisen zu lassen, vielleicht nicht so -ganz angenehm war. - -»Aber auch unmöglich, es jetzt noch zu ändern,« erwiderte sie. »Er erwartet -mich morgen früh um sechs Uhr am Bahnhof.« - -»So früh willst Du fort?« - -»Es ist die höchste Zeit, denn Reuhenfels hat mich heute Nachmittag -aufgefordert, meine Koffer zu packen und jeden Augenblick zur Abreise -bereit zu sein.« - -»Dann kann es freilich Nichts mehr helfen. Dein Begleiter ist ein -Deutscher?« - -»Gewiß!« - -»Und heißt?« - -»Trautenau -- ein Maler.« - -»Derselbe, der Dein Bild gemalt, mit dem Major als Teufel auf dem -Ofenschirm.« - -»Derselbe.« - -»Gut!« rief Armand lachend. »Wenn man das nur Deinem Gatten beibringen -könnte --« - -»Ich werde es ihm in dem Brief, den ich ihm zurücklasse, schreiben. Er -hat Trautenau gestern selber gesehen und war schon früher eifersüchtig auf -ihn.« - -»Desto besser, dann folgt er jedenfalls einer ganz falschen Fährte und -Richtung und wir sind vollkommen sicher.« - -»Dort ist das Kurhaus -- Du mußt mich jetzt verlassen! Reuhenfels wird -schon zürnen, daß ich so lange fortgeblieben bin, und Dich auch vermissen.« - -»Ich stand kurz vorher noch hinter seinem Stuhl und schlenderte dann -langsam nach dem anderen Tisch hinüber; er weiß, daß ich nie bestimmt -setze.« - -»Also auf Wiedersehen, Armand -- o wie mir das Herz klopft, wenn ich an die -Zeit denke.« - -»Und Du vergißt den Ort nicht?« - -»St. Goarshausen -- im goldenen Rosse.« - -»Die Bahn geht von Bieberich den Rhein abwärts.« - -»Ich weiß es,« und sich fest in ihren Burnus hüllend, eilte sie jetzt, so -rasch sie konnte, dem ganz nahen Kurhaus und den Spielsälen zu, während -ihr die Kammerfrau noch ein paar Schritt folgte und dann umdrehte, um nach -Hause zurückzukehren. Sie hatte für morgen früh noch entsetzlich viel zu -besorgen. - - - - -Neuntes Kapitel. - -Verfolgend und verfolgt. - - -Der nächste Morgen kam, und in demselben Moment, als vor dem Kurhaus wieder -(eine ganz merkwürdige Melodie für ein, zu Spielhöllen benutztes Gebäude) -der Choral begann, läutete draußen am Bahnhof die Glocke, die Locomotive -pfiff und in einem Coupé erster Classe saßen, glücklich entkommen, unsere -drei Flüchtigen und dampften, unmittelbar an dem schönen Strom hinab, der -Freiheit entgegen. - -Von Reuhenfels lag indessen noch in seinem Bett und schlief sanft, denn er -war gestern sehr lange mit Freunden auf und beisammen, und vielleicht etwas -schärfer hinter der Flasche gewesen, als gewöhnlich. Es mochte halb acht -Uhr sein, als er endlich aufstand, denn die in sein Zimmer fallenden -Sonnenstrahlen genirten ihn. Er wusch sich und zog sich an, stopfte sich -dann eine Pfeife, zündete sie an und lehnte sich damit zum Fenster hinaus, -um die wundervolle Morgenluft zu genießen -- aber er bekam Appetit nach dem -Caffee und draußen schlug es schon acht Uhr. Wo blieb nur Clemence heute? - -Er war nicht besonders guter Laune, denn er hatte gestern Abend wieder -ein paar hundert Thaler verloren und doch gerade auf Glück gehofft, auch -schmeckte ihm, nach der halb durchschwärmten Nacht, der Taback heute -Morgen nicht besonders. Er wurde endlich ärgerlich, daß die Frau noch nicht -zurückkam, und klingelte nach dem Caffee. Bis er kam, schritt er langsam -und mit finster zusammengezogenen Brauen in dem kleinen, aber freundlichen -Gemach auf und ab, als sein Blick zufällig auf den runden, in der Ecke -stehenden Tisch fiel und er dort einen noch geschlossenen Brief bemerkte. -Er nahm ihn und las die Adresse, aber das Herz stand ihm still dabei, denn -die Aufschrift lautete nicht, wie er jetzt alle seine Briefe erhielt -- -Dem Herrn Baron zu Berg, sondern: Dem Major von Reuhenfels, und das war die -Handschrift seiner Frau. - -Mit zitternden Händen riß er das zierlich gefaltete Blatt auseinander -und las, während seine Augen Feuer sprühten und seine Zähne sich fest -zusammenbissen: - - »Herr Major! Wenn diese Zeilen in Ihre Hände fallen, bin ich frei von - einer verhaßten und unerträglich gewordenen Verbindung. Versuchen - Sie nicht, mir zu folgen; es wäre nutzlos. Ich habe den Freund - wiedergefunden, für den das Herz der Jungfrau in erster Liebe schlug - -- ich werde nie wieder von seiner Seite weichen. Meine Mutter wird das - Geschäftliche mit Ihnen besorgen und die Verbindung lösen, die ich in - unseliger Verblendung eingegangen. Leben Sie wohl. - - Clemence Joulard.« - -Einen Moment stand Reuhenfels sprachlos vor Wuth und Schreck und Staunen -über das noch Unbegreifliche -- aber das dauerte nicht lange. Er war -wahrlich nicht der Mann, etwas derartiges ruhig und geduldig über sich -ergehen zu lassen, und wie er nur erst wieder denken und überlegen konnte, -fuhr er auch wild und entschlossen empor. - -»Versuchen Sie nicht mir zu folgen?« rief er höhnisch vor sich hin -- -»hoho Madame. Sie haben sich in mir geirrt, wenn Sie glaubten, daß Sie -mir entgehen könnten, und nur leichtsinnig und unüberlegt war es von Ihnen -gehandelt, mir den Schurken zu bezeichnen, der es gewagt hat, in -meine Rechte einzugreifen. Ich kenne ihn, diesen gemeinen tückischen -Farbenschmierer der -- aber alle Teufel!« unterbrach er sich plötzlich -rasch, indem ein neuer Gedanke sein Hirn kreuzte. »Sollte Clemence? -- Sie -ist bei Gott schlau genug, um ihr etwas Derartiges zuzutrauen.« -- - -Rasch stellte er die, überhaupt schon lange ausgegangene Pfeife in die -Ecke und beendete in Hast seine Toilette. Zugleich klingelte er nach dem -Stubenmädchen, um zu erfahren, ob die Kammerfrau auf ihrem Zimmer wäre. Das -Mädchen kam nach wenigen Minuten zurück und meldete, das Fräulein sei -heute Morgen mit der gnädigen Frau nach dem Bahnhof gefahren und noch nicht -zurückgekehrt. - -»Es ist gut!« brummte Reuhenfels zwischen den Zähnen durch und war wenige -Minuten später zum Ausgehen gerüstet. Aber nicht nach dem Bahnhof eilte er -hinüber, sondern nach Armands Wohnung, zu dessen Zimmer er ohne Weiteres -hinaufsprang. - -Dort klopfte er an; aber Niemand antwortete. Die Thür war verschlossen und -fast zitternd vor Wuth flog er wieder zu dem Portier hinab. - -»Wann ist Monsieur Armand heute Morgen abgereist?« rief er hier mit -heiserer Stimme. - -»So viel ich weiß, gar nicht,« erwiederte der höfliche Portier. »Monsieur -kamen etwas spät nach Haus und schlafen wahrscheinlich noch. Der Schlüssel -ist wenigstens nicht unten.« - -»Ich habe an der Thür gepocht; es hat mir Niemand geantwortet.« - -»Monsieur hätten ein wenig stärker pochen sollen.« - -»Er ist nicht oben.« - -»Wir wollen gleich noch einmal nachsehen. Ich müßte ja doch sonst den -Schlüssel hier haben, wenn der Herr ausgegangen wäre.« - -Beide stürzten wieder die Treppe hinauf und wiederholten ihr Pochen, als -von drinnen eine Stimme antwortete: - -»Wer ist da?« - -»Machen Sie auf, Armand.« - -»Es ist nicht verschlossen -- kommen Sie doch herein.« - -Reuhenfels drückte auf die Klinke; die Thür öffnete sich in der That und -der Major fand den jungen Franzosen noch im Bett und augenscheinlich erst -aus festem Schlaf erwacht. - -Der Portier zog sich mit einem Lächeln, das etwa sagen sollte: »Sehen Sie -wohl, daß ich Recht gehabt?« zurück und Reuhenfels betrat das Zimmer, in -welchem die Rouleaux noch niedergelassen waren. Er fand sich aber jetzt -wirklich in einiger Verlegenheit, wie er seinen frühen Besuch entschuldigen -sollte, denn was vorgefallen, mochte er gerade diesem Mann nicht -eingestehen. - -»Hallo, zu Berg!« rief Armand, sich in seinem Bett emporrichtend, »was zum -Henker führt Sie denn mit Tagesgrauen zu mir?« - -»Tagesgrauen -- es ist fast neun Uhr.« - -»So spät? Ich habe unverzeihlich lange geschlafen, aber das letzte Glas -Grog, das wir gestern Abend zusammen tranken, hat mir den Rest gegeben. Und -womit kann ich dienen?« - -»Ich -- wollte Sie fragen, ob Sie hier in Wiesbaden einen deutschen Maler -Namens Trautenau kennen.« - -»Einen deutschen Maler? nein. Wollen Sie sich heute in aller Frühe ein Bild -bei ihm bestellen?« - -»Ich wollte, ich könnte ihn finden,« rief Reuhenfels, und er mußte sich in -der That Mühe geben, die furchtbare Aufregung, in welcher er sich befand, -zu verbergen. »Entschuldigen Sie, Armand, daß ich Sie gestört habe, aber da -ich gerade hier vorbei ging, fiel es mir ein, Sie zu fragen.« - -»Wenn Sie ein paar Minuten unten im Gastzimmer warten,« sagte Armand, -»so komme ich hinunter und begleite Sie. Ich mache meine Toilette in -unglaublich kurzer Zeit und muß doch zu Ihnen, denn ich habe Ihrer Frau -Gemahlin gestern Abend versprochen, ihr heute Morgen eine Photographie von -Salzburg zu bringen, die sie sich gewünscht.« - -»Das eilt nicht,« entgegnete Reuhenfels kurz, »meine Frau ist -- überdies -wieder mit einer Freundin spazieren gegangen, und Sie würden sie jetzt -nicht einmal treffen. Also auf Wiedersehen, Armand,« -- und ohne sich in -eine weitere Unterhandlung einzulassen, eilte er rasch nach Hause, raffte, -was er zu einer kurzen Fahrt brauchte, zusammen, überlieferte seine -Schlüssel dem Wirth und lief dann mehr als er ging auf den Bahnhof hinaus, -um dort nur eine Spur von der Flüchtigen zu bekommen. - -Hier half es ihm freilich Nichts, Erkundigungen einzuziehen, denn die eine -Bahn führte nur nach Bieberich, von wo dann zwei verschiedene Geleise -- -eines stromauf, eines stromab -- auszweigten. Wie aber sollte er sich dort, -in dem Gewirr von Fremden, nach der Flüchtigen erkundigen -- von wem -sollte er Auskunft erlangen? Den einen Cassirer am Schalter nach Mainz und -Frankfurt kannte er freilich und dort war Hoffnung, denn dieser kannte -auch seine Frau und konnte ihm wenigstens sagen, ob er sie an dem Morgen -im Bahnhof irgendwo gesehen habe. Er hielt sich deshalb auch gar nicht in -Wiesbaden selber mit Fragen auf, sondern bestieg augenblicklich den gleich -abgehenden Zug, um nur wenigstens erst einmal Bieberich zu erreichen. -Der kleine Handkoffer, den er bei sich führte, enthielt auch ein paar -vortreffliche Duell-Pistolen und er war fest entschlossen, Gebrauch von -ihnen zu machen, wo er den Entführer antreffen mochte. Hegte er ja doch -jetzt einen doppelten Haß gegen ihn, und seiner Rache sollte er wahrlich -nicht entgehen. - -In Bieberich angekommen, eilte er augenblicklich an die Casse und seine -erste Frage war: - -»Hat meine Frau hier heute Morgen den Zug benutzt?« - -»Jawohl, Herr zu Berg,« sagte der alte Mann freundlich. »Frau Gemahlin -waren da, -- drei Billette genommen, glaub' ich -- zwei oder drei: ich weiß -es jetzt wahrhaftig nicht mehr genau. Lieber Gott, das ist jeden Morgen -solch ein Gedränge -- waren aber selber an der Casse.« - -»Und wer war bei ihr?« - -»Bin ich nicht im Stande zu sagen,« erwiederte der Mann achselzuckend; -»das wimmelte nur so heute Morgen, aber die gnädige Frau erkannte ich den -Augenblick wieder.« - -»Sie wissen wohl nicht mehr, wohin sie sich hat einschreiben lassen?« - -»Haben wohl die Frau Gemahlin verfehlt? -- nach Mainz nahm sie Billette. -Ich weiß es noch genau, ich mußte ihr einen Napoleonsd'or wechseln.« - -»Ich danke Ihnen, -- ja wir hatten uns verabredet, eine Vergnügungstour zu -machen. Wann geht der Zug nach Mainz ab?« - -»Wird kaum noch zehn Minuten dauern, -- sobald der nach Coblenz gehende -hereinkommt, und signalisirt ist er schon.« - -»Gut, -- bitte um ein Billet zweiter Classe Mainz.« - -Reuhenfels nahm sein Billet und schritt indessen, bis die Abfahrt des Zuges -angezeigt werden würde, mit verschränkten Armen und ganz seinen düsteren -Gedanken nachhängend, auf dem Perron auf und ab, als er plötzlich seinen -Namen hörte. - -»Hallo, zu Berg! auch einmal nach Bieberich gekommen? Ja, die Saison geht -jetzt zur Neige und da ziehen unsere Schwalben wieder fort!« - -Reuhenfels sah auf und bemerkte einen Herrn von Plauen, dessen flüchtige -Bekanntschaft er in Wiesbaden gemacht und der auf ihn zukam und ihm die -Hand entgegenstreckte. Er war allerdings jetzt nicht in der Stimmung, sich -mit irgend einem Fremden zu unterhalten, mochte aber auch nicht unhöflich -sein und sagte nur ausweichend: - -»Ja -- aber nicht ganz -- nur eine kleine Vergnügungstour.« - -»Aha, mit Frau Gemahlin,« meinte der andere Herr, »habe sie heute Morgen -schon gesehen.« - -Reuhenfels biß sich auf die Lippen, aber er durfte den Fremden den wahren -Stand der Sache nicht ahnen lassen, und sagte deshalb so gleichgültig, als -es ihm irgend möglich war: - -»Ja -- wahrscheinlich. Sie ist nur nach Mainz vorausgefahren.« - -»Nach Mainz? -- ih bewahre,« rief Herr von Plauen, »sie saß ja im Coblenzer -Zug.« - -»Im Coblenzer Zug?« fragte Reuhenfels bestürzt, »das ist ja gar nicht -möglich. Sie hat Billete nach Mainz genommen.« - -»Dann ist sie in den falschen Zug gerathen,« sagte Herr von Plauen, »aber -ich weiß es zu gewiß, denn in dem nämlichen Coupée in welchem sie mit -einem Herrn und noch einer Dame saß, befand sich auch eine mir befreundete -Familie, der Assessor Hörich mit seiner jungen Frau, dem ich noch, ein paar -Secunden vorher ehe der Zug abging, die Hand in den Waggon reichte.« - -»Und meine Frau war darin?« - -»Gewiß! Ich bin der gnädigen Frau zwar nie vorgestellt worden, und ich weiß -nicht einmal, ob sie mich kennt -- bezweifle es sogar, aber die Dame ist -nicht zu verkennen. Sie macht durch ihre Schönheit ja überall Aufsehen. Sie -sah wieder reizend heute Morgen aus.« - -»Und Sie haben keine Ahnung wohin sie gefahren sein kann?« - -»Ja mein Himmel, wer soll das wissen, denn es giebt zahllose -Zwischenstationen -- aber sie wird jedenfalls auf dem ersten Halteplatz -wieder ausgestiegen sein, sobald sie nur merkt, daß sie in den falschen Zug -gerathen ist.« - -»Jedenfalls -- jedenfalls« sagte Reuhenfels zerstreut -- »aber -- was ich -Sie gleich noch fragen wollte -- Passagiere für eine bestimmte Station -werden gewöhnlich zusammen in ein Coupée gethan. Wohin fuhr jener Herr -- -der Assessor sagten Sie, glaub' ich -- heute Morgen?« - -»Der Assessor? oh nicht weit, nur nach St. Goarshausen. Sie haben dort -Verwandte, die sie erst auf einen Tag besuchen wollen.« - -»So? ich danke Ihnen. Merkwürdig!« - -»Ach solche Verwechselungen sind schon häufig vorgefallen,« meinte Herr von -Plauen, der den Ausruf ganz anders verstand, »und auf unseren Rheinischen -Bahnen hat es eben Nichts zu sagen, denn es gehen zu viele Züge, mit denen -man sich immer rasch wieder helfen kann. Wenn Sie hier eine Stunde warten, -kommt sie jedenfalls mit dem nächsten Zug wieder zurück.« - -»Ich werde ihr lieber entgegen fahren, sie findet sich sonst am Ende nicht -zurecht.« - -»Ja, Damen sollte man nie allein reisen lassen, sie haben ein merkwürdiges -Geschick darin, sich irgendwo festzufahren. Es war ganz das nämliche im -vorigen Jahr mit meiner Frau, wo wir auch eine Tour nach --« - -»Sie entschuldigen mich,« sagte Reuhenfels -- »da kommt schon der Zug nach -Coblenz und ich muß mir erst noch ein Billet lösen.« - -»Oh Sie haben überflüssig Zeit,« war die Antwort -- »jetzt wird erst der -Zug nach Mainz expedirt und der Coblenzer hält wenigstens zehn Minuten an.« - -»Ich will mich doch fertig machen, denn ich muß auch erst mein Gepäck -hier unterbringen. -- Guten Morgen lieber Plauen; herzlichen Dank für die -Nachricht.« - -»Bitte -- bitte -- sehr gern geschehen. Freut mich nur der gnädigen -Frau wegen, daß ich Sie hier getroffen habe. Bitte mich gehorsamst zu -empfehlen.« - -Reuhenfels winkte ihm nur noch mit der Hand zu und eilte dann rasch an die -Casse, um dort ein Billet für St. Goarshausen zu lösen. Hatte sich der alte -Cassirer für den Mainzer Zug geirrt? Aber das blieb sich jetzt gleich -- an -einen Irrthum seiner Frau glaubte er nicht, und seine einzige Hoffnung war -jetzt nur, die Flüchtige entweder unterwegs an den Zwischenstationen oder -in St. Goarshausen zu erfragen. - -Reuhenfels hatte übrigens an dem Morgen kaum mit dem Zug Wiesbaden -verlassen, als drei sehr anständig gekleidete Herren in Civil, mit einem -etwas militairischen Anstrich, unten im Hôtel Kompelt nach ihm frugen, -und von dem Kellner bedeutet wurden, daß der Herr Baron heute Morgen einen -Ausflug -- aller Wahrscheinlichkeit nach bis Frankfurt gemacht habe. - -»Und glauben Sie, daß er heute Abend zurückkehren wird?« - -Der Oberkellner zuckte die Achseln. - -»Ein Theil seiner Sachen ist allerdings noch da,« sagte er, »aber -die gnädige Frau hat ihren Koffer und anderes Handgepäck schon vor -Sonnenaufgang hinunterschaffen lassen, was allerdings auf einen längeren -Ausflug deutet.« - -»Sind sie Ihnen noch etwas schuldig?« - -»Sehr unbedeutend -- die Herrschaften zahlen hier im Hôtel immer jede -Woche ihre Rechnungen, und der Herr Baron hat die seinige erst gestern -berichtigt. Uebrigens kommt er jedenfalls zurück, denn er hat noch eine -Menge von Sachen oben.« - -Die fremden Herren erwiederten nichts weiter, sondern schritten zusammen -auf den Platz hinaus, unterhielten sich aber dabei sehr angelegentlich in -französischer Sprache miteinander. - -»Der Vogel ist ausgeflogen,« sagte der Eine, als sie sich außer Hörweite -des Kellners wußten -- »daß wir auch nicht ein paar Stunden früher hier -eintreffen konnten. Was nun?« - -»Jedenfalls ist er mit der Eisenbahn fort, dabei brauchen wir aber nichts -zu beeilen,« meinte der Andere, »denn der nächste Zug geht erst in zwei -Stunden. Wie aber der Kellner sagt, hat er hier noch seine Sachen stehn, -und es wäre der Mühe werth, die indessen zu untersuchen. Vor allen Dingen -müssen wir nach den verschiedenen Stationen abtelegraphiren -- vielleicht -erhalten wir eine günstige Rückantwort, und dann visitiren wir das Nest da -oben.« - -Damit schienen die Anderen einverstanden und trennten sich jetzt erst -wieder in der Stadt, um nachher aufs Neue hier zusammenzutreffen. Hinter -den grünen Vorhängen der Fenster hatte sie aber der Oberkellner aufmerksam -beobachtet, und rieb sich sehr bedenklich die Hände: - -»Alle Teufel,« murmelte er dabei, »das ist, hol mich Dieser und Jener, -Polizei; den Einen kenne ich; das ist der geheime französische Agent, der -sich hier immer in Wiesbaden aufhält, und genau so thut, als ob er sich -um keinen Menschen auf Gottes Welt bekümmerte -- und ob der Halunke nicht -Alles weiß was vorgeht -- Einer mußte ein Fremder sein, aber der dritte -war ja unser liebenswürdiger Meier -- die rechte Hand vom Polizeidirector. -Sollten die denn hinter dem Baron her sein? -- wäre nicht übel, so ein -vornehmer Herr. Wenn man ihm nur wenigstens einen Wink geben könnte, aber -weiß der Henker wo der jetzt steckt. -- Oder hat er vielleicht gar selber -Wind bekommen? -- Na dann können sie schnüffeln, denn der ist von klein auf -in der Welt gewesen und weiß Bescheid.« -- Und mit diesen Gedanken ging -er, sich wieder vergnügt die Hände reibend, an seine gewöhnliche -Morgenbeschäftigung -- d. h. er setzte sich vor das große Hauptbuch und -kratzte sich hinter den Ohren. - - - - -Zehntes Kapitel. - -Die Entführung. - - -So ängstlich sich Clemence gezeigt, als sie an dem Morgen den Gatten -verließ, so daß sie nur zitternd auf den Bahnhof eilte und dort der -furchtbaren Aufregung, in welcher sie sich befand, kaum Herr werden konnte, -so plötzlich war jede, auch die letzte Angst von ihr genommen, als sich -der Zug in Bewegung setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für -sicher. Trotzdem versäumte sie keine nur irgend mögliche Vorsicht, und da -sie recht gut wußte, daß man sie in Bieberich, besonders an dem Mainzer -Schalter kannte, ging sie selber dorthin um Billete zu lösen, während -Trautenau die wirklichen Billete nach St. Goarshausen nahm. Die List wäre -auch vollständig geglückt, wenn eben nicht Reuhenfels zufälliger Weise den -Herrn von Plauen auf dem Bahnhof angetroffen hätte, der ihn freilich, ohne -es zu wissen, auf die rechte Fährte setzte. - -Indessen verfolgten die Flüchtigen ahnungslos ihren Weg, und erreichten -nach einer kurzen aber reizenden Fahrt das ziemlich große Dorf -St. Goarshausen, einen der schönsten Punkte am ganzen Rhein. - -Trautenau war selig; er durfte neben der Geliebten sitzen, ihre Hand -halten, ihr in die guten Augen sehen und ihrer silberreinen Stimme -lauschen, ja da noch zwei Fremde, ein Herr und eine junge Dame im Coupé -wenn auch an der anderen Seite saßen, wehte ihn sogar, als sie sich -flüsternd zu ihm überbog, ihr warmer Athem an. Er hörte auch kaum was sie -sprach; es war ihm genug in ihrer Nähe zu sein. Aber wie das Alles enden -würde! Wie hätte er in diesem seligen Augenblick der Gegenwart nur an die -Zukunft denken mögen oder können. Er war auch mit Allem einverstanden, -was sie ihm vorschlug, daß sie jetzt erst einmal in St. Goarshausen, -einem kleinen unbedeutenden Ort, ein paar Tage still liegen wollten, um -Reuhenfels, der jedenfalls schon auf der Verfolgung begriffen sei, von -ihrer Spur abzubringen. Gewiß suchte er sie auf den größeren Stationen, -und hatte auch wohl Freunde veranlaßt, ihn dabei zu unterstützen, damit er -sowohl den Norden als Süden im Auge behalten konnte. Waren aber erst einmal -ein paar Tage vergangen, so mußte er sie natürlich fern glauben, und -dann gelang es ihnen leicht, mit irgend einem Nachtzug von hier aus die -französische Grenze zu erreichen. - -Clemence schien auch in St. Goarshausen bekannt, denn sie beorderte -augenblicklich, wie sie nun dort anhielten, ein paar Träger, um ihre Sachen -in das goldene Roß hinauf zu schaffen. Es war das auch keines der ersten -Hôtels dicht am Rhein, wo allerdings ein reger Fremdenverkehr statt fand, -sondern lag etwas abseits vom Strom mitten in der Stadt und schien in -früherer Zeit -- gerade dem Gemeindehaus gegenüber, den behäbigen Bewohnern -des kleinen Orts zum Mittelpunkt ihrer Versammlungen und Casinos gedient -zu haben. Jetzt freilich, wo der Verkehr einen ganz anderen Aufschwung -genommen und von verwöhnten Fremden weit größere Ansprüche gemacht -wurden, hatten sich neue sogenannte Hôtels, fast nur mit englischen Namen, -unmittelbar an's Ufer des Rheines gesetzt, und im goldenen Roß kehrten nur -noch die alten spießbürgerlichen Honoratioren ein, denen die Fremden ein -Dorn im Auge waren, und die ungestört von ausländischem »Kauderwälsch« -einen »guten« Schoppen trinken wollten. - -Für ihren Zweck lag der Platz aber in der That vortrefflich, denn hierher -kam so leicht Niemand der Durchreisenden und wenn sie sich nicht draußen -zeigten, hätten sie vielleicht einen Monat lang still und unbeachtet dort -leben können. - -Clemence übernahm aber hier ohne Weiteres die Leitung ihrer inneren -Angelegenheiten. Sie bestellte zwei Zimmer, eins für sich und Jeannette, -ihre Kammerfrau, eins für den Herrn, und befahl dem aufwartenden Mädchen --- denn einen Kellner schien es im goldenen Roß gar nicht zu geben -- ihnen -das Frühstück heraufzubringen, das sie gemeinschaftlich verzehren wollten. - -Trautenau war damit nicht ganz einverstanden; er hätte so gerne einmal eine -Unterredung mit Clemence unter vier Augen gehabt -- so Vieles war es ja, -was sie noch besprechen mußten. Aber Clemence schien das gerade vermeiden -zu wollen, und so freundlich, ja herzlich sie sich gegen ihn zeigte, wich -sie, für jetzt wenigstens, geschickt einer solchen aus. Trautenau selber -entschuldigte sie aber darin -- es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie -sich anders gezeigt -- unweiblich wenigstens, wo ihr die Neuheit dieser -Situation doch noch immer die Seele beklemmen mußte. Morgen, wo sie eine -Nacht Zeit gehabt, um ruhiger darüber nachzudenken, würde das anders -- -besser werden, und er beschloß deshalb auch, sie in dieser Zeit ganz sich -selber zu überlassen. - -Jeannette war dabei das wahre Muster einer Kammerzofe und arrangirte alles -Nöthige so leicht und schnell, daß sich die Damen wenigstens in unglaublich -kurzer Zeit vollständig eingerichtet hatten. Das Frühstück verlief ziemlich -ruhig und einsylbig, denn Jeder war noch zu sehr mit seinen eigenen -Gedanken beschäftigt, und der ernste, fast verzweifelte Schritt, den sie -gethan, rechtfertigte das auch vollkommen. Trautenau war allerdings fest -entschlossen, Clemence bis nach Paris und zu ihrem Vater zu begleiten, -wie aber sollte er dort dem Mann, den er überdieß nicht achten konnte, -als Entführer seiner Tochter und zugleich als Bewerber um ihre Hand -entgegentreten? Der Gedanke peinigte ihn, wenn auch nicht in Clemencens -Gegenwart, denn sobald er die lieben, so wunderbar schönen Züge der -verführerischen Frau sah, und in diese Augen blickte, die manchmal ihn -fast traurig anschauten und nur scheu den Boden suchten, wenn er ihnen -begegnete, vergaß er alles Andere -- vergaß er sich selbst. Aber als er -wieder allein auf seinem Zimmer war, gingen ihm diese Dinge -- und noch -viele andere -- wieder und wieder durch den Kopf, die er denn nicht so -leicht abschütteln konnte. - -Er konnte das Bild nicht aus seiner Erinnerung zwingen, wie er Clemence zum -ersten Mal in Wiesbaden gesehen: an jenem grünen Tisch in der Spielhölle, -den hübschen schlankgewachsenen Franzosen hinter ihrem Stuhl. -- Er konnte -den Blick nicht vergessen, den sie ihm einmal -- gerade als sein Auge -zufällig auf ihr haftete, zugeworfen -- aber wenn ihr Mann sie nun -gezwungen hätte, dem Spiel beizuwohnen? und es gab eigentlich nichts -Natürlicheres, denn er konnte die junge Frau in einem solchen Badeort doch -nicht den ganzen Abend allein, und sich selber überlassen. -- Aber der -Blick -- dieser eine Blick. -- Doch wie ungerecht war sein Verdacht, denn -wenn sie zu jenem auch nur in der geringsten freundlichen Beziehung stand, -so hätte sie doch wahrlich auch ihn um seinen Beistand bei ihrer Flucht -gebeten, und sich nicht an den vollkommen Fremden gewandt. -- Fremden? -- -nein, sie hielt ihn nicht für fremd -- sie wußte ja ihren eigenen lieben -Worten nach -- wie lange er sie schon im Herzen getragen, und da sie das -wußte und gerade ihn zu ihrer Hülfe wählte, mußte sie ihm doch auch ein -klein wenig gut sein, oder sie würde es nicht gethan haben. Wie gern hätte -er sich auch mit ihr ausgesprochen; aber die verwünschte Kammerzofe -ging ihr nicht von der Seite. Und was für ein durchtriebenes kokettes -Frauenzimmer das war. Bildhübsch in der That, mit einem kleinen kecken -Stumpfnäschen und großen klugen und dunklen Augen; die aber hatte sie auch -eben überall, und weshalb flüsterte sie nur immer so viel und geheimnißvoll -mit Clemence? -- Die Person hatte sie doch hoffentlich nicht zu ihrer -Vertrauten gemacht? -- es war ihm das ein peinlicher Gedanke. Aber er sah -auch recht gut ein, daß sie eine weibliche Begleitung haben mußte und für -die kurze Zeit mochte es denn ja auch gehen. - -Der Aufenthalt in dem engen dumpfen und noch recht altväterlich gebauten -Hause wurde ihm zuletzt drückend, und er beschloß, einen Spaziergang -nach der Ruine hinauf zu machen. Gar zu gern hätte er Clemence um ihre -Begleitung gebeten; aber er wagte es nicht. Es war heute der erste Tag, -und er mußte ihr den ungestört lassen, um sich vollkommen auszuruhen. Sie -blieben ja auch jedenfalls morgen noch hier, und dann erfüllte sie gewiß -seinen Wunsch. Dann konnte er Alles, Alles mit ihr besprechen, was ihm -auf dem Herzen lag und es war vielleicht sogar besser, daß das erst morgen -geschah; er fühlte sich dann auch selber mehr mit sich im Reinen. Der -morgende Tag sollte deshalb sein Schicksal entscheiden. Er that es auch -wirklich. - -Langsam stieg er den ziemlich steilen Pfad empor, der hinauf zu der alten -prachtvollen Ruine führte -- aber er traf zu viel Menschen unterwegs --- Kinder aller Nationen, die hier zusammenkamen, um an den Wundern des -Rheines zu schwelgen und den vortrefflichen Wein dazu zu trinken. Er fühlte -sich heute wahrlich nicht in der Stimmung, unter ihnen zu verkehren und -schlug sich seitab in die Büsche, wo er einen Platz suchte, auf dem er -ungestört ausruhen und mit dem Rhein und der alten Ruine Rheinfels vor sich -das prachtvolle Bild in voller Ruhe genießen konnte. - -So lag er lange und träumend dicht versteckt im Gehölz, und wenn manchmal -einzelne Gruppen von Spaziergängern in dem weiter oben hinlaufenden Pfad -stehen blieben um die Aussicht zu genießen, so konnte er deutlich hören, -was sie mit einander sprachen, ohne von ihnen dabei gesehen zu werden. Aber -was interessirten ihn diese Unterhaltungen. Die Leute sprachen sich mit -schaalen Phrasen über die Schönheit der Gegend aus oder zeigten sich von da -oben aus die Stellen, wo guter Wein zu haben war. Einmal erzählten sie auch -von der Eisenbahn, daß der letzte, von Mainz kommende Zug entgleist und -dicht vor Rüdesheim liegen geblieben sei, so daß die Bahn verstopft wäre -und man nicht wisse, ob sie heute noch wieder frei würde -- dann gingen -sie weiter und bedauerten noch dabei, daß sie nun wahrscheinlich das -»Frankfurter Journal« nicht erhielten. - -Der Zug entgleist? -- aber was kümmerte ihn das? Es konnte höchstens nur zu -ihren Gunsten sein, da dadurch die Verbindung mit den südlicher gelegenen -Uferplätzen, wenn auch nicht abgeschnitten, doch jedenfalls erschwert -wurde. -- Aber die Zeit verging, er wußte gar nicht wie lange er schon -gelegen und die Sonne neigte sich wieder den Bergen zu. Durfte er denn auch -seine Schützlinge so lang allein lassen? Konnte er wissen, was indessen -da unten vorfiel? Wenn nun der Zufall sein Spiel doch hatte. Er sprang, -erschreckt von dem Gedanken, auf, und eilte, so rasch er konnte, in die -Stadt zurück, um sich wenigstens darüber erst einmal zu beruhigen. Aber die -Befürchtung war glücklicherweise grundlos gewesen, denn er fand dort Alles -noch gerade so, wie er es verlassen hatte, nur, daß die Damen, wie es -schien, mit dem Essen auf ihn gewartet hatten. - -»Aber Monsieur,« rief ihn die Kammerzofe an, die ihm auf der Treppe -begegnete -- »wo bleiben Sie so lange? Wir haben gewartet und gewartet und -Monsieur vielleicht indessen in aller Ruhe oben in der Stadt dinirt. Wir -sind so hungrig, daß wir es kaum noch aushalten können.« - -»Das bedaure ich in der That unendlich« rief Trautenau bestürzt, aber doch -auch im Stillen erfreut, daß Clemence seinetwegen gewartet hatte. »Hätte -ich eine Ahnung davon gehabt, ich wäre gewiß eine Stunde früher gekommen. -Haben Sie das Essen schon bestellt?« - -»Gewiß, das Mädchen hat Ordre es sofort zu bringen, sowie wir die Nachricht -Ihrer Ankunft erhielten. Ich werde sie gleich rufen. Bitte gehn Sie nur -hinauf zur gnädigen Frau.« - -Am liebsten hätte er das freilich gethan, aber er mußte doch erst -hinüber in sein Zimmer, um sich von der Hitze und dem Staub seines langen -Spazierganges zu säubern, und als er das beendet, fand er Jeannette schon -wieder bei ihrer Herrin, und das dralle Mädchen aus dem Wirthshaus eben -emsig beschäftigt die bestellten Speisen aufzutragen. Wie er sich aber -nun gegen Clemence seines langen Ausbleibens wegen entschuldigen wollte, -unterbrach sie ihn freundlich und lächelte: - -»Aber Sie sollen ja doch nicht unser Sclave sein, lieber Trautenau, -wenn wir Sie zu unserm Ritter ausgewählt haben. Wir haben hier Nichts zu -versäumen und der Abend bleibt uns ja so noch immer, um hier am offenen -Fenster ein paar Stunden zu plaudern, oder vielleicht auch einen kleinen -Spaziergang im Mondenschein am Rhein zu machen. -- Aber bitte, wollen Sie -nicht Platz nehmen?« - -Trautenau's Augen leuchteten. So herzlich hatte Clemence noch nie zu -ihm gesprochen, selbst nicht als sie ihn um seine Hülfe bat -- aber die -Kammerjungfer war ihm im Weg; er hätte ihr so gern eben so geantwortet; -in deren Gegenwart ging das nicht, denn wenn sie sich auch hie und da im -Zimmer zu thun machte, wußte er doch recht gut, daß sie trotzdem jedes Wort -bewachte, auf jeden Blick selbst paßte. Vielleicht erhielt er aber am Abend -bei dem versprochenen Spaziergang Gelegenheit ihr zu sagen, wie glücklich -sie ihn dadurch gemacht, und jetzt deshalb nur mit ein paar höflichen -Worten erwidernd, setzte er sich mit den Damen zu Tisch. - -Es war in der That spät geworden und die Sonne selbst schon untergegangen. -Trautenau mußte aber während des Essens von seinem Spaziergang erzählen und -that das in so lebendiger Weise, daß Clemence ihm gespannt und aufmerksam -lauschte. - -Da klopfte Jemand draußen laut und deutlich zwei Mal an die Thür und -Jeannette fuhr entsetzt von ihrem Stuhl empor -- Niemand antwortete -- noch -einmal klopfte es, als Trautenau, der sich den augenscheinlichen Schrecken -auch in Clemencens Zügen nicht erklären konnte, ärgerlich über die -Störung »Herein« rief. In dem Augenblick öffnete sich die Thür und in dem -Dämmerlicht des Abends erkannte die kleine Gesellschaft den Major, der -höhnisch lächelnd, mit triumphirendem Blick die überraschte Gruppe mit den -Augen überflog. - -»Ich störe doch nicht?« sagte er endlich mit seiner trockenen, aber -unheimlich klingenden Stimme, denn die erregte Leidenschaft lauerte -dahinter -- »sollte mir wirklich leid thun Madame -- =et Monsieur aussi= -- -da finde ich ja die ganze kleine Gesellschaft gemüthlich bei einander.« - -»Herr von Reuhenfels,« stammelte Trautenau, der entsetzt von seinem Stuhl -aufgesprungen war. - -»Kuno!« hauchte Clemence und war bleich auf ihren Stuhl zurückgesunken. -Selbst Jeannette wechselte die Farbe, obgleich sie für sich selber -wenig oder nichts zu fürchten hatte. Reuhenfels schien sich aber an dem -Schrecken, den seine Erscheinung unter den Flüchtigen verbreitete, mit fast -teuflischer Schadenfreude zu weiden und selbst in der Ueberraschung des -Augenblicks drängte sich Trautenau der Gedanke auf, daß der Major noch -nie im Leben dem Bilde, das er an jener Wand entworfen, so ähnlich gewesen -wäre, wie in diesem Augenblick. - -Aber die Stille dauerte nicht lange. Haß und Rache, die in des betrogenen -Gatten Augen blitzten, mußten endlich zum Ausbruch kommen und mit vor Wuth -heiserer Stimme sagte er endlich: - -»Also dahin ist es mit Ihnen gekommen, Madame, und mein Verdacht, den ich -als gutmüthiger Thor selber einzuschläfern suchte, war doch begründet? Aber -Sie sollen diesen nichtswürdigen Undank bereuen -- bitter bereuen, darauf -gebe ich Ihnen mein Wort, und daß ich mein Wort halte, wissen Sie, sollte -ich denken -- gut genug. Und nun zu Ihnen mein Herr, der Sie es gewagt -haben, in das Heiligthum einer glücklichen Ehe die frevle Hand zu stecken. -Ich weiß nicht, ob Sie ein Mann von Ehre sind -- was ich bis jetzt davon -gesehen habe, spricht wenigstens nicht dafür -- wenn dem so ist, so folgen -Sie mir in ein anderes Zimmer, daß wir das Nöthige dort besprechen können.« - -»Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Major,« rief Trautenau, dessen Antlitz -bei den beleidigenden Worten alles Blut verlassen hatte -- »wo und wann -Sie wollen und werde Ihnen beweisen, daß Sie gerade der Letzte sein dürfen, -einen rechtschaffenen Mann an seine Ehre zu mahnen. Weitere Worte, glaube -ich, werden wohl fortan unnöthig sein.« - -»Ich glaube es auch,« zischte der Major in Haß und Bosheit, denn die -Anspielung des jungen Mannes auf sein vergangenes Leben war zu deutlich -gewesen um sie mißzuverstehen. »Folgen Sie mir, und Sie, Madame, werden -dies Zimmer nicht verlassen, bis ich zurückkehre, um Ihnen meine weiteren -Befehle kund zu thun.« - -»Mein Herr!« rief jetzt Clemence erzürnt von ihrem Stuhl emporfahrend -- -Reuhenfels würdigte sie aber keines weiteren Blicks. »Ich weiß, daß Sie -gehorchen werden,« sagte er tückisch und verließ das Zimmer, während -Trautenau seinen Hut ergriff, um ihm zu folgen. So aber und ohne ein Wort -des Abschieds konnte er Clemence nicht verlassen. Bewegt und zitternd vor -Aufregung schritt er auf sie zu und ergriff ihre Hand. - -»Fürchten Sie Nichts, Clemence,« sagte er leise und rasch -- »so lange ich -lebe haben Sie einen Freund, der Sie nicht verlassen soll.« - -»Er wird Sie tödten,« hauchte Clemence -- »er trifft mit der Pistole eine -Schwalbe im Flug.« - -»Ich selber bin nicht ungeübt darin,« erwiederte Trautenau trotzig, »ich -schieße rasch und sicher. Noch ist es möglich, Ihnen Ihre volle Freiheit -wieder zu geben.« - -»Und für mich wollen Sie in den Tod gehen,« bat das junge schöne Weib, -jetzt wirklich furchtbar ergriffen, »ach, ich habe es nicht um Sie -verdient!« und Thränen glänzten dabei in ihren Augen. - -»Jetzt komme was da wolle!« rief Trautenau jubelnd aus, denn diese Thränen -waren ihm der erste Beweis ihrer Liebe -- »Du weinst um mich, Clemence, und -so möcht' ich sterben. Aber es lebt ein Gott! er wird mir nicht die höchste -Seligkeit des Lebens zeigen, um mich dann nur verzweifelnd von der Erde zu -nehmen. Lebe wohl, auf baldiges frohes Wiedersehen.« -- Sie stürmisch in -die Arme pressend, drückte er den ersten Kuß auf ihre Lippen, und wie -er jetzt zur Thür hinauseilte, wäre er dem Bajonnetangriff eines ganzen -Bataillons mit nackter Brust jauchzend entgegen gerannt. - -Draußen empfing ihn der Major mit eisiger Kälte. - -»Ist es gefällig?« sagte er, und öffnete eine Thür, die in einen jetzt -leer stehenden düsteren Saal hineinführte. »Es ist allerdings schon etwas -dunkel, aber zu dem, was wir zu reden haben, brauchen wir wohl kein Licht.« - -Trautenau folgte ihm, und die Thür hinter sich zudrückend, fuhr der Major -mit halblauter und jetzt vollkommen leidenschaftloser Stimme fort: - -»Ich habe diesen Augenblick lange herbeigesehnt, denn von dem Moment an, wo -ich entdeckte, welchen frechen Scherz Sie sich mit mir erlaubt, schwor ich -es mir zu, daß unser erstes Begegnen auch unser letztes sein sollte. In -Wiesbaden entschlüpften Sie mir freilich. -- Sie wissen selber am Besten -wie, jetzt hoffe ich aber, daß wir unser Geschäft mit einander erledigen, -ehe wir uns trennen, denn ich möchte Ihnen doch gern eine Erläuterung dazu -geben, was es heißt, »den Teufel an die Wand malen.« - -»Ich sehe dieser Erläuterung mit großer Ruhe entgegen, Herr Major,« -erwiderte Trautenau kalt. »Ich werde Ihnen dann auch beweisen können, daß -ich Ihnen in Wiesbaden nicht »entschlüpft« bin, wie Sie sich auszudrücken -belieben, sondern nur, um eine Frau von der teuflischen Tyrannei --« - -»Halten Sie ein, mein Herr,« unterbrach ihn gebieterisch der Major, »wir -wollen nicht mit Worten, sondern mit Waffen fechten. Heute Abend ist es -freilich dafür zu dunkel -- ich konnte leider nicht früher eintreffen, da -der Zug entgleiste und ich das nächste Dampfboot benutzen mußte, um heute -Abend noch den Ort hier zu erreichen. Da auch kein Zug vor morgen früh neun -Uhr von hier wieder stromauf gehen kann, bleibt es sich gleich, und wir -können das Tageslicht abwarten, um unsern -- wie ich jetzt vermuthen muß -- -beiderseitigen Wunsch zu erfüllen. Sind Sie am anderen Ufer bekannt?« - -»So ziemlich, ich war erst vor wenigen Wochen längere Zeit dort. Aber -weshalb?« - -»Weil ich auf nassauisches Gebiet zurückkehren muß, möchte ich unser -Geschäft im Preußischen erledigt sehen. Kennen Sie den hinteren Thurm an -der Ruine Rheinfels? Gleich darunter ist ein kleiner offener Platz.« - -»Ich erinnere mich.« - -»Gut -- sein Sie dort morgen früh eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, -Waffen bringe ich mit. Haben Sie einen Secundanten?« - -»Nein -- ich kenne Niemanden hier.« - -»Ich habe viele Officiere heute Abend in St. Goarshausen gesehen. Sie -werden leicht einen der Herrn dazu bewegen können.« - -»Ich denke ja.« - -»Gut -- weiteres ist nicht nöthig. Es bleibt Ihnen der ganze Abend dazu, da -Ihre weitere Anwesenheit im Hôtel,« setzte er höhnisch hinzu, »doch nicht -mehr verlangt wird. Für Madame werde ich selber sorgen. Sie kommen gewiß?« - -»Schon die Frage ist eine unwürdige Beleidigung,« sagte Trautenau finster, -»ich hoffe der Erste auf dem Platz zu sein.« - -»Gut, mein Herr Maler,« erwiderte Reuhenfels sarkastisch, »ich werde Sie -nicht lange warten lassen.« - - - - -Elftes Capitel. - -Die Entscheidung. - - -Trautenau verließ das Hôtel, um an den Rhein hinab zu gehen. Wenn er aber -auch sonst friedlicher, fast sanfter Natur war, und sein Pistolenschießen -nur als eine interessante Uebung betrieben hatte, von der er nie im Leben -einen ernstlichen Gebrauch erwartete, so konnte er jetzt kaum den anderen -Morgen erwarten, wo er Dem gegenüberstehen sollte, den er nun als seinen -ärgsten Feind kannte und haßte. Clemencens Kuß brannte ihm ja noch auf den -Lippen, und er fühlte, daß Einer von ihnen Beiden -- Reuhenfels oder er, -die Erde räumen müsse -- es war nicht Platz darauf für Beide. - -Mit diesen Gedanken schritt er rasch den Rhein hinab, und es dauerte nicht -lange bis er zwei nassauische Officiere traf, die Arm in Arm am Rhein -spazieren gingen, und denen er ohne Weiteres sein Anliegen vortrug. Er war -vollkommen fremd hier und hatte morgen früh, zum Schutz einer Dame, eine -Ehrensache auszumachen -- ob ihn Einer der beiden Herren dabei unterstützen -wolle? - -»Wie ist Ihr Name?« frug der Eine der Officiere. - -»Trautenau -- ich bin Maler, und nur zum Besuch an den Rhein gekommen.« - -»Und wo ist das Rendezvous?« - -»Dort drüben gleich hinter der Ruine; ich werde hier morgen früh etwas -vor Sonnenaufgang ein Boot bereit halten, da wir eine halbe Stunde nach -Sonnenaufgang an Ort und Stelle sein müssen.« - -»Ich werde Sie begleiten,« lautete die Antwort -- »mein Name ist von -Klingen -- haben Sie Waffen?« - -»Mein Gegner wollte sie besorgen.« - -»Pistolen oder Säbel?« - -»Pistolen.« - -»Gut -- ich werde zur Vorsorge noch meine eigenen mitbringen, die Herren -können dann wählen -- aber dann muß ich gleich nach Hause, um Alles in -Stand zu setzen.« - -Die jungen Leute drückten sich die Hand und Trautenau wanderte noch -schweigend und seinen Gedanken nachhängend in die Nacht hinaus. - -Er dachte an Frank und was der zu dem Allen sagen würde, wenn er es erfuhr. -Der hatte ihn wohl genug gewarnt, aber konnte er denn anders handeln, -als er es gethan? und würde sich Frank, an seiner Stelle, nicht genau so -benommen haben? Arme Clemence! was wurde aus ihr, wenn er in dem morgenden -Zweikampf fiel? war sie dann nicht elend für ihr ganzes Leben? Doch ihr -Schicksal lag ja in Gottes Hand, und dem wollte er vertrauen, daß er noch -Alles zum Besten führe. Wozu sich jetzt auch unnöthige Sorgen machen, die -ihn nur weich stimmten und entmannten. Mit kaltem, ruhigen Blut mußte er an -die Arbeit gehen, denn nur dann konnte er hoffen zu siegen. - -Am nächsten Morgen war er lange vor Tag auf und in seinen Kleidern. Einen -Schiffer hatte er sich noch am vorigen Abend bestellt, der auch schon mit -seinem Boot wartete; der Officier fand sich ebenfalls pünktlich ein, und -schon näherten sie sich dem anderen Ufer, als die ersten Strahlen der -Morgensonne die höchsten Thürme der alten Ruine vergoldeten. Sie durften -sich fest überzeugt halten, daß sie pünktlich und auch noch vor dem -Gegenpart das Rendezvous erreichen würden, denn daß dieser schon vor ihnen -aufgebrochen sei, ließ sich nicht gut denken. - -Der Morgen war frisch, aber wunderbar schön und klar, und der Thau blitzte -von allen Zweigen und Grashalmen funkelnd wieder. Aber Trautenau war -nicht in der Stimmung, das heute zu beachten, denn er ging einen ernsten, -schweren Weg, und wer wußte denn, ob nicht sein Blut bald häßliche Flecken -auf diese Gräser werfen würde, wenn sie ihn, schwer verwundet oder todt -wieder zurück zum Ufer trugen. -- Doch gewaltsam schüttelte er alle diese -Gedanken ab -- er durfte sich ihnen nicht hingeben und sein einziger Wunsch -war, jetzt den Gegner schon auf dem Platz zu finden, um -- was sie zu -erledigen hatten, so rasch als möglich abzumachen. - -Aber der Platz, als sie ihn erreichten, war noch leer: nur die Vögel -zwitscherten in den benachbarten Büschen und ein Zug Krähen strich -krächzend von dem einen alten Thurm ab, hinüber dem Walde zu. - -»Wir sind die Ersten,« begann der Officier, als er den Platz überschaute. - -»Ich hoffe, wir werden nicht lange zu warten haben,« erwiederte Trautenau, -»er versprach, pünktlich auf dem Platz zu sein.« - -»Ich glaube, wir sind noch etwas vor unserer Zeit, aber desto besser; -es ist immer ein unangenehmes Gefühl, den Gegner schon uns erwartend zu -finden.« - -Trautenau nickte schweigend mit dem Kopf und schritt, die Arme verschränkt, -auf dem kleinen offenen Raum auf und ab, -- aber Reuhenfels ließ lange -auf sich warten, -- höher und höher stieg die Sonne, und als der Secundant -wieder und wieder auf seine Uhr sah, rief er endlich aus: - -»Aber zum Teufel auch, der Herr ist jetzt wenigstens schon drei Viertel -Stunden hinter seiner Zeit. Sind Sie auch gewiß, daß er überhaupt kommt?« - -»Ich habe nicht den geringsten Grund, daran zu zweifeln, und begreife es -selber nicht. Ob er am Ende kein Boot bekommen hat?« - -»Zehne für eins, wenn er sie haben wollte. Zwischen den beiden Orten -wechseln ja die Boote fortwährend herüber und hinüber. Das kann ihn nicht -zurückgehalten haben. Welche Zeit hatte er Ihnen bestimmt?« - -»Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang.« - -»Die Sonne ist jetzt fast anderthalb Stunden hoch. Wir wollen noch eine -halbe Stunde warten, dann sind wir aber an Nichts mehr gebunden. Sie wären -jetzt schon völlig berechtigt, den Platz wieder zu verlassen.« - -»Lassen Sie uns noch warten,« bat Trautenau, und wieder schritten die -beiden Männer eine Zeitlang schweigend auf und ab, aber es erschien -Niemand, ja noch kurz vor der gestellten Frist hörten sie sogar lautes -Lachen und schwatzende Leute, eine Gesellschaft von Reisenden, die auf die -Ruine gestiegen waren und jetzt wahrscheinlich einen Spaziergang in der -Nachbarschaft machen wollten. - -»Mein lieber Herr Trautenau,« sagte der Officier, indem er seinen kleinen -Pistolenkasten unter den Arm nahm, »ich kann Ihnen bezeugen, daß Sie Ihre -übernommene Pflicht auf das Vollständigste erfüllt und jedem Gesetz der -Ehre genügt haben. Ihr Gegner ist -- aus welchem Grunde auch immer -- -ausgeblieben. Lassen Sie uns zurückkehren und zusammen frühstücken, denn -ich fange an hungrig zu werden.« - -Zwischen den Büschen wurden in der That schon die hellen Gestalten der -Spaziergänger sichtbar; sie durften hier gar nicht länger bleiben, wenn -sie nicht auffallen wollten und Trautenau selber schritt jetzt an seines -Begleiters Seite um die Ruine herum, damit sie den Fremden nicht mit dem -Pistolenkasten in den Weg kamen. Unterwegs begegneten sie auch Reuhenfels -nicht und Trautenau begriff nicht, was ihn abgehalten haben konnte; -denn wie auch immer sein Charakter sein mochte, für feige hielt er ihn -nimmermehr. - -Unten in St. Goar angelangt, bestellten sie rasch ein Boot und setzten sich -indessen in eines der nächsten Weinhäuser, um etwas zu frühstücken, denn -der Magen verlangte sein Recht. Trautenau, von Ungeduld gepeinigt, wäre -allerdings am liebsten gleich nach St. Goarshausen zurückgekehrt, aber der -Officier ließ ihn nicht los und er konnte ihm die Gefälligkeit, noch eine -Viertelstunde bei ihm auszuhalten, nach der ihm geleisteten nicht versagen. - -Jetzt lag das Boot bereit und brachte sie wieder über den Strom hinüber, -ihrem Ziel entgegen, und Trautenau eilte nun, so rasch ihn seine Füße -trugen, in das goldene Roß hinüber, um dort den Major seines Wortbruchs -wegen zur Rede zu stellen. - -Im goldenen Roß hatte sich indessen eine andere Scene zugetragen, die -allerdings das Ausbleiben des Herrn von Reuhenfels, soweit es seinen -persönlichen Muth betraf, vollkommen entschuldigte. - -Der genannte Herr war ebenfalls lange vor Tag aufgestanden und fertig zum -Aufbruch, sah seine Pistolen noch einmal nach, ob auch Alles in tüchtigem -Stand wäre, füllte das kleine Pulverhorn, das er in die Tasche schieben -konnte, aus einem größeren, und hatte die Uhr dabei vor sich auf dem Tisch -liegen, damit er den richtigen Moment nicht versäume. - -Der Hausknecht stand unten im Flur und putzte die Stiefeln der -verschiedenen Gäste, als die Hausthür geöffnet wurde und ein Fremder -- zu -so früher Stunde allerdings etwas Ungewohntes, darin erschien. - -»Sagen Sie mir, lieber Freund,« redete er den Hausknecht an, »ist gestern -Abend oder in der Nacht, wohl noch ein Fremder hier im goldenen Roß -angekommen, der zu einem paar Damen gehört?« - -»Heute Nacht nicht, aber gestern Abend,« sagte der Mann -- »No. 11«. - -»In der That? Wie sah er aus, wenn ich fragen darf?« - -»Na, wie soll er aussehn -- wie andere Fremde auch.« - -»Trägt er einen Bart?« - -»Ja, einen Backenbart glaub' ich -- ein Bischen breit.« - -»Aber keinen Schnurrbart?« - -»Ich glaube nicht, aber da müssen Sie seinen Barbier fragen.« - -Der Fremde drückte dem Hausknecht ein Guldenstück in die Hand, was dieser -mit äußerstem Erstaunen betrachtete. - -»Hollo?« rief er, »so früh Morgens? -- der Tag fängt gut an.« - -»Es war noch ein anderer Herr bei den Damen, wie?« frug der Fremde weiter. - -Der Hausknecht nickte -- »Ja und die Beiden haben sich mit einander -gezankt,« erzählte er, denn der Gulden hatte ihn gesprächig gemacht, -- -»sie waren zusammen im großen Saal allein, und wie ich den fremden Herrn -heute Morgen weckte, und ihm Licht ansteckte, hatte er einen offenen -Pistolenkasten vor seinem Bett auf dem Stuhl stehen!« - -»So? -- das war der Letztgekommene?« - -»Ja.« - -»Und ist er noch auf seinem Zimmer?« - -»Gewiß, aber lange wird er nicht mehr bleiben, denn sonst hätte ich ihn -nicht vor Tag zu wecken brauchen.« - -»Da kommt Jemand die Treppe herunter.« - -Der Hausknecht sah hinauf, schüttelte aber mit dem Kopf, -- »ne, das ist -der Andere.« - -Der Fremde zog sich in den Schatten des Geländers zurück, bis Trautenau -das Haus verlassen hatte; dann folgte er ihm langsam bis zur Thür und -blieb dort wohl noch zehn Minuten stehen. Endlich pfiff er leise auf einem -kleinen Instrument und es dauerte nicht lange, so traten auch vier andere -Männer in die Flur, von denen der Eine die Uniform der Landes-Polizei trug. - -»Ich denke wir haben den Burschen,« meinte der Fremde jetzt, zu diesem -gewandt, »denn was ich eben von dem Hausknecht gehört, läßt kaum noch einen -Zweifel. Unser Extrazug wird sich wahrscheinlich bezahlt machen.« - -»Daß wir nur keinen Verkehrten fassen,« entgegnete der Polizeibeamte, -- -»kennen Sie ihn persönlich?« - -»Allerdings, -- Herr von Reuhenfels, der sich in Wiesbaden »zu Berg« -nannte, ist eine zu allbekannte Persönlichkeit, und war jeden Abend in der -Spielbank zu treffen -- ebenso wie seine schöne Frau.« - -»Und was wird mit der Dame?« - -»Es ist keine Anklage gegen die Dame erhoben; wir werden sie nicht -belästigen.« - -Oben wurde in diesem Augenblick geklingelt. - -»Das ist auf No. 11,« rief der Hausknecht, -- »ich soll ihm den Kasten -hinunter zum Wasser tragen.« - -»Gut -- gehen Sie hinauf,« sagte der Polizeibeamte. »Wir sind hier um -den Herrn zu verhaften. -- Sollte er Widerstand leisten, so sind Sie -verpflichtet, uns beizustehen. Sie haben mich doch verstanden?« - -»Ja wohl -- gewiß.« - -»Und wenn Sie ein Wort oben äußern, könnten Sie in die schlimmste Lage -kommen, lieber Freund.« - -»Werde mich hüten,« brummte der Hausknecht; der Herr da oben schien aber -ungeduldig, denn eben klingelte es zum zweiten Mal, und bedeutend stärker -als vorher. - -»Ja, ja, komme schon,« knurrte der Hausknecht, in eben nicht besonderer -Laune, »na ja,« murmelte er dabei -- »hier unten einen Gulden gekriegt -und da oben das Trinkgeld verloren; wo bleibt da der Profit.« -- Als guter -Deutscher hatte er aber viel zu großen Respect vor der Polizei, um irgend -einen anderen Gedanken, als den unbedingten Gehorsams zu hegen. Was ging -ihn auch der Fremde auf No. 11 an, daß er sich seinetwegen hätte in böse -Händel verwickeln lassen. Helfen konnte er ihm doch nichts. Er ging in das -Zimmer und ließ die Thür angelehnt. - -»Hier mein Bursche,« begann Reuhenfels, »nimm einmal den Kasten und komme -mit mir zum Flußufer hinunter. Ist der andere Herr schon fort?« - -»Oh wohl schon vor zehn Minuten.« - -»So? Dann habe ich keinen Augenblick Zeit mehr zu versäumen -- komm rasch.« - -»Sie werden wohl noch einen Augenblick entschuldigen müssen, Herr Major -von Reuhenfels,« sagte in diesem Moment die tiefe, ernste Stimme des -französischen Polizei-Agenten, dessen Gesicht sich Reuhenfels erinnerte oft -in Wiesbaden gesehen zu haben, wenn er auch wohl nie eine Ahnung von seiner -Function hatte. Aber er erbleichte, denn hinter diesem traten noch vier -andere Männer ins Zimmer und füllten den kleinen Raum, während sich der -Hausknecht vor das Fenster zurückgezogen hatte, um eine Flucht dort hinaus -zu verhindern. - -»Was wollen Sie von mir?« rief Reuhenfels, und sein scheuer Blick verrieth -deutlich genug, daß er kein reines Gewissen hatte. »Halten Sie mich nicht -auf -- ich habe eine Ehrensache abzumachen.« - -»Weshalb wir kommen, mein Herr,« sagte der Beamte mit schneidender Kälte, -»betrifft keine Ehrensache, sondern einen Bubenstreich -- ja vielleicht -eine Kette von solchen, und die Erledigung derselben muß diesmal der -Ehrensache vorgehen. Sie sind mein Gefangener.« - -»In wessen Namen?« fuhr Reuhenfels auf. - -»Im Namen Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen wegen Anklage auf Mord und -Raub, wie anderer geringfügiger Vergehen.« - -»Das ist eine schändliche Lüge!« rief der Verbrecher, aber Todtenblässe -deckte seine Züge und der scheue Blick umher suchte nach Hülfe, vielleicht -nach einer Waffe. Die Pistolen im Kasten waren aber nicht geladen und -dieser auch verschlossen. Ueberhaupt gaben ihm die Polizeibeamten keine -Zeit mehr, sich lange zu bedenken. Ehe er ernstlichen Widerstand wagen oder -nur beschließen konnte, hatten sie sich auf ihn geworfen, und obgleich er -sich jetzt wie ein Verzweifelter wehrte, fand er sich doch machtlos in -der Hand der fünf baumstarken und gewandten Männer. Seine Kraft war auch -gebrochen. Der Schlag hatte ihn zu rasch und plötzlich getroffen und -zähneknirschend ergab er sich endlich in sein Schicksal. - -Ehe man ihn abführte, verlangte er allerdings noch einmal seine Frau -zu sprechen, der Beamte erklärte aber strengen Befehl zu haben, keine -Unterredung weiter mit irgend wem gestatten zu dürfen. Er wußte überdies, -daß ihm die Dame entflohen sei, und also keine Gefühlsrichtung diesen -Wunsch hervorgerufen hatte. Der Gefangene wurde ohne Weiteres, mit Allem -was man bei ihm fand (seine in Wiesbaden befindlichen Sachen waren schon -mit Beschlag belegt) in Gewahrsam gebracht, bis der nächste Zug ging und -dann fort transportirt, ohne daß die Leute im Haus weiter erfuhren, was mit -ihm geschah. - -Zwei Stunden später etwa kehrte Trautenau vom anderen Ufer zurück. Schon -unten in der Hausflur erzählte ihm aber der Wirth, den er dort antraf, die -Gefangennahme des fremden, gestern Abend angekommenen Herrn, der jedenfalls -ein großes Verbrechen begangen haben müsse, denn als man ihn auf die Bahn -gebracht, habe er Handschellen angehabt. - -»Und die Damen?« - -»Die Eine ist noch oben,« erwiederte der Wirth, »und wartet, glaube ich, -auf den nächsten Zug, oder das nächste Boot -- die andere ist mit einem -jungen Herrn, einem Franzosen, gleich nachdem der Herr fortgeschafft wurde, -oder etwa eine Stunde später, an Bord des zu Thal gehenden Bootes -gefahren. Der Dampfer konnte ja kaum die Landung verlassen haben, als Sie -heraufkamen.« - -Trautenau war es, als ob das Haus mit ihm im Kreise herum ging. -- Eine der -Damen hatte das Hôtel mit einem jungen Franzosen verlassen -- aber es war -doch nicht möglich -- nicht denkbar, daß Clemence -- - -Er drehte sich langsam ab und stieg die Stufen hinauf, die zu der oberen -Etage führten. Dort lag das Zimmer, in welchem Clemence wohnte -- Er -klopfte leise an. - -»=Entrez!=« lautete der ziemlich lebhaft gegebene Ruf, und als er die Thür -öffnete, bemerkte er Jeannette, eben im Begriff, ihren Koffer zu packen, -wie sie mitten in der Stube stand. - -»Ah Monsieur Trautenau!« rief das junge Mädchen, indem sie auf ihn zuflog -und seine Hand ergriff -- »Sie sind zurückgekehrt? Ah das ist schön, das -ist brav von Ihnen.« - -»Mein liebes Fräulein,« erwiederte Trautenau, der das Alles noch gar nicht -fassen konnte, »wollen Sie mir freundlichst sagen, was hier vorgegangen -ist, denn der Wirth unten scheint mir verrückt -- die ganze Welt muß -wahnsinnig geworden sein, oder ich bin es am Ende selber.« - -»Nein, Monsieur,« rief Jeannette lebhaft aber unter Thränen aus -- »man hat -Ihnen die Wahrheit gesagt. Das Unerhörteste ist geschehen.« - -»Clemence ist wirklich fort?« - -»Heute Morgen, mit Monsieur Armand.« - -»Mit dem Franzosen?« - -»Dem ich gestern noch in der Nacht mit Lebensgefahr, denn der gnädige Herr -hätte mich umgebracht, wenn er es erfuhr -- telegraphiren mußte. Solch' ein -Undank ist noch gar nicht dagewesen.« - -»Sie haben ihm telegraphirt?« - -»Jawohl -- für die gnädige Frau, und heute Morgen, wie er ankommt, entläßt -sie mich aus ihrem Dienst und reist allein mit ihm ab.« - -»Clemence?« - -»Nun versteht sich -- mit dem ersten Boot, das stromab kam, sind sie fort. -Ich habe sie selber an's Ufer begleitet.« - -»Und kannte Madame jenen Monsieur Armand schon früher?« - -»Ah gewiß,« rief Jeannette in Aerger über die erlittene Unbill. »Das Ganze -war eine abgekartete Sache, und Monsieur Armand hat uns ja selber dies -Hôtel bestimmt, um auf ihn zu warten.« - -»So?« sagte Trautenau und es war ihm zu Muthe, als ob ihn Jemand mit -eiskalter Hand sein Herz gefaßt und zerdrückt hätte -- »also eine -abgekartete Sache -- und ich selber --?« - -»Ah Monsieur, diese Dame ist eine durchtriebene, gefährliche Kokette. Sie -wären verloren gewesen, wenn Sie vollständig in ihr Netz fielen.« - -»Wahrhaftig?« - -»Was ich Ihnen sage -- diesen Armand liebt sie wie rasend. Mit Ihnen hat -sie nur ihr Spiel getrieben, weil sie Jemanden brauchte, der den Verdacht -ihres Gatten ablenkte.« - -»In der That?« - -»Und mich -- die mit solcher Treue und Aufopferung an ihr hing, jetzt mit -so schmählichem Undank zu lohnen; oh es ist schändlich! abscheulich!« - -Trautenau wandte sich langsam ab und wollte das Zimmer verlassen, als ihn -Jeannette zurückhielt. - -»Und was gedenken Monsieur jetzt zu thun?« - -»Ich? -- oh, Nichts, ich darf Madame natürlich nicht mehr belästigen, und -denke auch gar nicht daran. Ich werde in meine Heimath zurückkehren.« - -»Und was wird aus mir?« rief Jeannette, indem sie ihn bittend ansah -- -»wollen Sie mich, ein armes, unbeschütztes Mädchen hier allein in dem -fremden Land zurücklassen?« - -»Hat Sie Madame auch um Ihren -- Lohn betrogen?« - -»Nein das nicht -- Monsieur Armand ist reich; er war generös.« - -»Und was verlangen Sie noch von mir?« - -»Ist es Sitte in Deutschland, daß man unbeschützte Frauen allein reisen -läßt?« - -»Mein liebes Fräulein,« antwortete Trautenau, dem diese kaum versteckte -Zumuthung doch ein wenig zu stark schien, -- »Sie haben der gnädigen Frau -getreu geholfen und beigestanden -- es war an ihr, Sie dafür zu belohnen. -Sie werden von mir hoffentlich nicht verlangen, daß ich mich zum Cavalier -ihrer Kammerfrau aufwerfe, da sie selber es vorgezogen, einen anderen -Schutz zu suchen. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise --« und sich -abwendend schritt er aus der Thür und hörte nur noch den Ausruf der -Empörung Jeannettens: »Oh diese Deutschen -- diese Menschen von Holz!« -- -Aber er war geheilt -- vollständig geheilt von seiner tollen Leidenschaft, -und als er etwa drei Wochen später nach M-- zurückkehrte, konnte er Frank -sein Abenteuer -- oder vielmehr seine Kette von Abenteuern mit lachendem -Munde erzählen. - -Drei Monat später druckte ein deutsches Blatt in M-- einen Artikel -aus einer französischen Zeitung ab -- einen Criminalfall, der für M-- -besonderes Interesse hatte. Es war die Verurtheilung eines Deutschen, eines -Herrn von Reuhenfels, der beschuldigt und überführt worden war, seinen -Schwiegervater, einen geborenen Franzosen Monsieur Joulard, mit dem er -früher Wechselfälschungen und anderen Betrug getrieben, in Paris -ermordet, und in einem Keller vergraben zu haben. Er hatte das Verbrechen -eingestanden und war, da ein vorbedachter Mord nicht nachgewiesen werden -konnte, zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurtheilt worden. - -Von Clemence hörten sie Nichts wieder. Möglich, daß sie als Madame Armand -irgendwo in Frankreich lebte. Trautenau dachte nicht mehr an sie -- er -hatte ihr Bild, die Copie, die er damals behalten, gleich nachdem er nach -M-- zurückkehrte, zerstört, aber mit desto größerer Vorliebe zeichnete und -malte er sich in seinem neuen Atelier den Major in der alten Staffage an -die Wand, und wo ihm einmal wieder das Herz mit dem Verstand durchgehen -wollte, bedurfte es nur eines Blickes auf das Bild, um all die alten, fast -begrabenen Erinnerungen wieder wach zu rufen. Damit war denn auch jede -Gefahr beseitigt, denn er hatte sich den Teufel als Schutzengel an die Wand -gemalt. - - - - -Booby-island. - -Australische Skizze. - - -Wenn der Leser die Karte von Australien in die Hand nimmt, so sieht er, -daß im Norden dieses Welttheils, zwischen Australien und der großen Insel -Neu-Guinea, eine schmale Meerenge hindurchführt, die noch außerdem -mit zahlreichen Punkten -- nichts als bösartige Klippen -- gesprenkelt -erscheint. In der That füllen eine Menge von Korallenriffen und Sandinseln -diesen schmalen Meeresarm aus, und nur einzelne Passagen mit kaum fünf -oder sechs Faden tiefem Fahrwasser ziehen sich hindurch und müssen von den -Schiffen sorgfältig eingehalten werden. Da diese aber, wenn sie aus dem -Stillen in den Indischen Ocean wollen, durch die Meerenge ein tüchtig -Stück Weg abschneiden, so benutzen sie doch häufig den Weg, und bei ruhigem -Wetter und einiger Vorsicht ist auch nicht eben viel Gefahr dabei. - -Anders stellt sich freilich die Sache, wenn gerade an der Einfahrt, -besonders von Osten her, wo die Passage nicht so leicht zu finden ist, -stürmisches Wetter einsetzt. Manches arme Schiff ist dann schon an jenen -sogenannten =barrier-reefs= (Riffbarrière) gescheitert, und die Mannschaft -hat sich, wenn sie nicht gar an einer zu bösen Stelle strandete, in ihren -Booten retten müssen. - -Einmal erst in der Meerenge -- welche die Torresstraße genannt wird -- und -die Boote haben auch in der That Nichts mehr von den selbst stürmischen -Wogen des Oceans zu fürchten, da diese Korallenriffe die schwere Dünung -vollständig abhalten. Sie befinden sich in der Meerenge selber in ruhigem -glatten Wasser, und eine Menge Inseln liegen dort überall, auf denen sie -selbst landen können. Freilich bieten diese Inseln auch gar Nichts weiter -als eben Land, und nur einige der größten haben dürftige Quellen. Zu -gewissen Jahreszeiten wachsen aber auch auf den meisten sehr delikate, -dattelähnliche Früchte, die wie unsere deutschen Pflaumen aussehen, und -mit denen und den zahlreichen Fischen im seichten Wasser könnten sich -Schiffbrüchige eine Zeitlang das Leben fristen. - -Stranden sie freilich zu einer Zeit, wo diese Früchte nicht reif sind, und -haben sie -- wenn sie rasch von Bord flüchten mußten -- keine Gewehre bei -sich, um von den dort häufig vorkommenden Tauben zu erlegen, so sind sie -sehr übel daran, und ihre einzige Aussicht bleibt, »Booby-island« so bald -als möglich zu erreichen. - -Alle diese Inseln -- selbst Mount Adolphus, die größte von ihnen mit -tüchtigen Hügelrücken, sind unbewohnt, und nur in gewissen Zeiten kommen -einzelne australische Familien oder Stämme vom Continent herüber, um -hier zu fischen. Selbst aus dem ostindischen Archipel, von Timor-laut und -anderen kleineren Inseln segeln mit dem günstigen Monsuhn (temporären Wind) -die Malayen herüber, um hier dem Fischfang obzuliegen, und kehren -erst, wenn diese, regelmäßig fünf Monate wehende Luftströmung nach der -entgegengesetzten Himmelsrichtung umspringt, in ihre Heimath zurück. - -Die ganze Torresstraße ist derart mit kleinen Inseln angefüllt, und die -westlichste davon, die schon eine ziemliche Strecke draußen im indischen -Ocean und von sehr tiefem Wasser umgeben liegt, ist Booby-island, nach den -von den Engländern =boobies= genannten großen Seemöven so getauft. - -Sie besteht allerdings nur aus kahlem Felsgestein, mit immergrünen -Rankgewächsen überwuchert, zwischen denen nur einige niedere, kaum -sechs Fuß hohe Büsche hervorragen. Kein Baum giebt dort Schutz gegen die -brennenden Strahlen der Sonne, keine Quelle entspringt dem dürren Boden, -keine Frucht wächst darauf, kein Fischfang ist selbst in dem tiefen Wasser -möglich, und da die Insel noch dazu weit ab vom festen Lande und den -übrigen Inselgruppen liegt, so fanden weder australische Eingeborene noch -die in der Nähe vorbeifahrenden Malayen je eine Veranlassung, dort zu -landen und den Platz näher zu untersuchen. - -Englische Seefahrer hatten das aber schon längst gethan und eine besondere -Eigenthümlichkeit dieses kleinen Eilands entdeckt, nämlich eine tief in -den Fels hineingehende, sehr geräumige Höhle, die aber durch vorspringende -Zacken ziemlich versteckt lag. Längst schon hatte man dabei das Bedürfniß -gefühlt, in einer Gegend, wo Schiffbrüche gar nicht zu den Seltenheiten -gehörten und wenigstens kein Jahr verging, daß nicht ein oder das andere -Fahrzeug auf oder zwischen den Korallen scheiterte, irgendwo ein -Depot anzulegen, in welchem die gerettete Mannschaft Wasser und einige -Provisionen finden konnte. - -Dazu erwies sich eben dies Booby-island ganz vortrefflich, und die -praktischen Engländer ergriffen den hier gebotenen Vortheil auch ohne -Weiteres. In den englischen Zeitungen wurde bekannt gemacht, daß jene Insel -für diesen Zweck benutzt werden solle, und dieselbe dem Schutz und der -Pflege englischer Seeleute empfohlen. Vorbeilaufende Schiffe legten dann -dort bei und schafften Fässer mit Wasser und Schiffszwieback, gesalzenes -Fleisch, trockenes Obst und verschiedene andere Lebensmittel in die -Höhle. Selbst eine kleine Anzahl Flaschen spirituoser Getränke wurde nicht -vergessen, wie etwas Tabak für schiffbrüchige Seeleute. Oben auf dem Felsen -befestigte man dann noch eine kleine Flagge und etablirte eine »Postoffice« --- freilich ohne irgend einen Beamten oder Aufseher. - -Es stand dort oben nämlich ein, nur durch ein einfaches Bretterdach -gegen den Regen geschützter Kasten -- eine der gewöhnlichen starken -und angestrichenen Seekisten, wie sie Matrosen statt Koffer gebrauchen. -Darinnen lag etwas Papier, Bleistifte, Oblaten, Couverte etc., und ein -Schild daneben deklarirte den Platz als »Postoffice«, und deutete an, daß -an der Süd-Ostseite der Insel in einer Höhle Provisionen lägen -- falls -dort landende Schiffbrüchige sie nicht schon vorher gefunden hatten. - -Fahrzeuge, welche die Torresstraße, von Osten kommend, passirt hatten, -legten nun hier bei, sandten ein Boot an Land und hinterließen in diesem -merkwürdigen Postbureau Namen und Zeit ihrer Durchfahrt, und das nächste -nach Sydney durchgehende Schiff fand dann den Brief, nahm ihn mit und -brachte dadurch die Nachricht nach dem Port viel rascher, als dies auf eine -andere Weise möglich gewesen wäre. - -So bestand diese Einrichtung viele lange Jahre, und noch im Jahre 58 hatte -kein australischer Wilder den Platz betreten oder, wenn so, die ziemlich -versteckte Höhle entdeckt. Die dort eingelegten Provisionen blieben -wenigstens unberührt, und wenn auch einzelne der dort aufgehäuften Sachen, -z. B. manche Fässer mit gepökeltem Fleisch in dem heißen Clima verdarben, -so wurden sie doch immer wieder von Zeit zu Zeit durch andere frische -ersetzt, und manche Bootsmannschaft, die sich bis hierher gerettet, segnete -die wackeren Geber, die mitten im Ocean einen Tisch für sie gedeckt und -ihren Hunger und Durst in einer Wüste gestillt hatten. - -Es war im November des Jahres 59, daß zuerst ein Canoe der Australier -dorthin, vielleicht auf einer Entdeckungsreise kam. Möglich, daß sie -untersuchen wollten, ob dies kleine Eiland doch vielleicht irgend eine Art -Frucht trage -- denn auf den anderen Inseln waren die Früchte in dem Jahr -nicht gerathen, möglich, daß sie nur Möveneier sammeln oder den Versuch -machen wollten, in der dortigen Gegend zu fischen, kurz sie landeten, und -ein englisches, gerade vorbeikommendes Fahrzeug sah die dunklen Gestalten -kaum oben auf dem kahlen Felsen, als es auch näher heran hielt, einen -seiner kleinen Böller löste und zwei Boote absandte, um die Wilden -zu vertreiben. Es bedurfte aber der Boote nicht einmal; schon bei dem -abgefeuerten Schuß hatten sich die erschrockenen Eingeborenen Hals über -Kopf den Felsen hinunter geworfen, sprangen in ihr Canoe und ruderten -in wilder Hast dem Festlande zu. Die Boote folgten ihnen wohl noch eine -Strecke, aber das Canoe konnten sie nicht einholen; wie ein Pfeil glitt -es über's Wasser, und da sie sich auch nicht zu weit von ihrem Schiff -entfernen durften, kehrten sie auf die Insel zurück, um zu untersuchen, ob -die schwarze, diebische Bande dort schon Schaden angerichtet habe. - -Den Kasten oben _mußten_ sie gefunden haben, denn das kleine ihn umgebende -Mauerwerk mit dem Bretterdach darauf wie der Fahnenstange daneben -- an -der der Wind freilich nur noch ein paar dünne verbleichte Lappen gelassen -hatte, war zu deutlich erkennbar; aber sie konnten ihn nicht berührt haben, -denn Alles fand sich noch in vollständiger Ordnung wie vorher, und die -Höhle hatten sie gar nicht entdeckt. - -Möglicherweise daß sie den Kasten oben für irgend eine Begräbnißhütte der -»bleichen Männer« gehalten, für irgend einen Zauber auch vielleicht, denn -oben im Sand waren die Spuren ihrer nackten Füße überall zu erkennen, nur -nicht unmittelbar an der »Postoffice«, die sie, wie man deutlich sehen -konnte, scheu umkreist hatten, ohne ihr näher als zehn oder zwölf Schritte -zu kommen. - -Die Höhle unten konnten sie aber keinenfalls gefunden haben, denn dort -hätten sie sich schwerlich gescheut, zuzulangen, da sie in dieser Art sonst -gar nicht blöde sind. Die Gefahr war deshalb noch für dießmal abgewandt und -_dies_ Canoe kehrte sicher nicht so rasch dahin zurück -- und andere? -- -Man mußte der Sache eben ihren Lauf lassen, denn es gab keinen Schutz für -die dort deponirten Provisionen, als eben die öde und entfernte Lage der -Insel selber. Die Boote fuhren deßhalb noch einmal zum Schiff, brachten ein -Faß frisches Wasser herüber und gingen dann an Bord, um noch vor Nacht -den günstigen Wind zu benutzen und ein Stück in den indischen Ocean -hineinzukommen. Oben in den Kasten hatte der Steuermann aber für -nachkommende Schiffe die Notiz aufgeschrieben, daß er australische Wilde -auf der Insel gefunden und sie davon verjagt habe. Andere Fahrzeuge wurden -gebeten, ein wachsames Auge auf die Canoe's zu halten. - -Ende November und Anfang December legten dort noch vier oder fünf fremde -Schiffe bei und notirten, daß sie Alles in Ordnung und keine Spur von -Indianern gefunden hätten. - -Ende December, und die letzte günstige Zeit benutzend, von Ost nach Westen -die Straße zu passiren, lief ein kleiner englischer Schooner gegen die -Barrierreefs auf, als es gegen Abend tüchtig zu wehen anfing und eins der -hier sehr häufigen und starken Gewitter von Süden herüber zog. Der Kapitän -hoffte noch Raines Einfahrt zu erreichen, aber die Nacht brach an, ehe er -den auf Raines Eiland errichteten hölzernen Thurm erkennen konnte. Nur die -Brandung an den Riffen selber war deutlich sichtbar und das dumpfe Brausen -der sich überstürzenden Wogen drang klar und deutlich herüber. Nach seiner -Mittags genommenen Observation mußte er sich aber etwa auf der Höhe der -Einfahrt oder wenigstens dicht davor befinden, und um nicht durch das -Wetter zu weit nach Norden aufgetrieben zu werden, hielt er ein wenig von -den Korallenriffen ab und legte dann bei, denn zum Ankern ist die See dort -viel zu tief. - -Nicht lange dauerte es, so fegte der Sturm über das Meer, wühlte die Wogen -auf und jagte die Kämme derselben wie dünnen Wasserstaub über die kochende -Fläche. Blitze zischten dabei, der Donner rollte und es wurde eine -bitterböse Nacht, so daß das kleine, außerdem leicht geladene Fahrzeug, nur -vor seinem Vorstengenstagsegel liegend, kaum die Nase den immer wilderen -Sturzseen entgegenhalten konnte. Gegen Mitternacht drehte sich der Wind -nach Süd-Ost und dann fast nach Ost herum, und der Steuermann rieth -jetzt, ernstlich abzufallen, um lieber aus ihrem Cours zu treiben, als der -dringenden Gefahr ausgesetzt zu sein, an die Riffe geworfen zu werden; der -Kapitän sträubte sich dagegen und da er selber von zwölf bis vier Uhr die -Wacht hatte, bedeutete er seinem Offizier, er würde sehen wie sich das -Wetter mache, und wenn es noch eine Stunde so anhalte, die Mannschaft an -Deck rufen lassen. - -Der Sturm ließ in dieser Zeit allerdings etwas nach und der Himmel zeigte -schon an einigen Punkten wieder Sterne, aber der Wogengang hatte sich -indessen auch geändert und drängte das kleine, tanzende Fahrzeug mehr und -mehr nach Lee herüber und den gefährlichen Barrier-reefs zu. - -Gegen zwei Uhr sprang der Steuermann an Deck; er hatte nicht schlafen -können und das Toben der gar nicht mehr so fernen Brandung unten in seiner, -sogar vom Lande abliegenden Coje gehört. - -»Kapitän, um Gottes willen, ich glaube, wir treiben auf die Riffe!« - -»Noch nicht, Mr. Brown, aber ich denke selber, daß es Zeit wird, -abzufallen; der Wind hat etwas nachgelassen und wir dürfen ein wenig -Leinwand zeigen. Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.« - -Die Wacht kam, schlaftrunken nach der kurzen Rast, langsam -herausgeklettert; der Bug fuhr, dem Steuer rasch gehorchend, herum, und die -Leute hingen eben an den Fallen, um die Gaffel des schweren Schoonersegels -aufzuhissen, als es von Osten her mit erneuter Wuth über die See brauste. - -Es war »eine frische Hand am Blasbalg«, wie die Seeleute sagen, und in -der Dunkelheit hatten sich die dort schon lange aufquellenden Wolkenmassen -nicht erkennen lassen. Wohl versuchten jetzt trotzdem die Leute ihr -Aeußerstes, das Segel zu setzen, aber die Flanke dem Sturm zugedreht, -war es der überdieß schwachen Bemannung nicht möglich, mit so furchtbarer -Gewalt legte sich riesenschwer der Wind hinein. Aufdrehen konnten sie auch -nicht mehr dagegen, und abfallen vor dem Sturm, den Riffen gerade entgegen? --- und doch blieb nichts Anderes übrig; der Versuch mußte wenigstens -gemacht werden. - -Zu spät! »Brandung voraus!« schrie einer der Leute, der nach oben gelaufen -war, um eins der Falle klar zu machen, und »Brandung in Lee!« tönte der -Schreckensruf dazwischen. Die Leute ließen die Taue los, während sich der -Sturm in dem nur etwas aufgehißten Segel fing -- der Kapitän sprang selber -zum Rad, um den Versuch zu machen, das seinem Geschick verfallene Fahrzeug -von der gefährlichen Küste abzudrehen -- _zu spät!_ Die Wogen hatten -es gefaßt und jagten es mehr und mehr dem schon deutlich und unheimlich -leuchtenden Gürtel der Brandungswellen zu; der Bug gehorchte zwar noch -einmal dem Steuer, aber ein anderer Windstoß schlug das Segel zurück. Der -Kapitän schrie seine Befehle über Deck, aber Niemand verstand ihn in dem -Aufruhr der Elemente, in dem furchtbaren Toben der Brandung. -- -Willenlos setzte das Fahrzeug nach Lee zu und jetzt -- eine einzige wilde -Brandungswoge jagte über Deck, der Schooner wurde wie von einer Riesenfaust -emporgehoben, im nächsten Augenblick krachten Masten und Balken -- -ein dumpfer Stoß folgte, und der Steuermann, der das Gangspill in dem -entscheidenden Moment umklammert hatte, fühlte plötzlich, daß das _Wrack_ -in ruhigem Wasser lag und dieselbe Brandungswoge, die eben noch über ihr -Deck gestürzt, das gescheiterte Fahrzeug nicht mehr erreichen konnte. - -Wie es geschehen war, wer hätte es sagen können; möglich schien es, daß -die Woge, die den Schooner zertrümmern wollte, ihn selber über eines der -niedern Riffe hinübergehoben und dadurch, für den Augenblick wenigstens, in -Sicherheit gebracht hatte; möglich auch daß der Kiel zufällig eine Lücke in -den Korallen getroffen und hindurchgeschoben war. Jedenfalls saßen sie fest -in die Riffe eingekeilt, und an ein Wiederhinauskommen in tiefes Wasser mit -dem verkrüppelten Fahrzeug durfte nicht gedacht werden. - -Jetzt sammelte sich die Mannschaft auf dem etwas höher liegenden -Quarterdeck, denn wie sich nachher zeigte, war der Bug zertrümmert und -das Wasser schon in den innern Raum eingestürzt -- zwei Mann fehlten; die -Brandungswelle mußte sie über Bord gewaschen haben, und dann war freilich -an Rettung nicht zu denken; der Kapitän hatte sich, von der Fluth -emporgehoben, noch in der einen »Want« gefangen und dort angeklammert; die -Meisten schienen nur wie durch ein Wunder dem sicheren Verderben entgangen. - -Vorderhand ließ sich indessen gar Nichts thun, es war stockfinster, der -Sturm heulte, und das einzige Licht, was einen matten Dämmerschein über -Deck warf, kam von dem leuchtenden Kamm der Brandungswelle herüber. Den Tag -mußten sie jedenfalls abwarten, und nur darüber suchten sie sich vorderhand -zu vergewissern, ob sie noch der Gefahr des Sinkens ausgesetzt seien. -Dem schien aber nicht so; das Hintertheil des Schooners saß fest auf den -Klippen, ja sogar in einer Korallenspalte drin, denn kaum zwei Fuß -unter dem Wasserspiegel fühlten sie mit dem ausgeworfenen Loth an der -Starbordseite Grund, während der Top des großen umgestürzten Mastes auf -einer hohen Sandklippe lag, so daß man dieselbe auf diesem hin recht gut -hätte erreichen können. - -Erschöpft und aufgerieben warfen sich die Leute jetzt an Deck, um den nicht -mehr so fernen Tag zu erwarten; der Wind heulte noch, der Donner rollte -und ein prasselnder Regen schlug nieder. Was that's -- eines der Segel -schnitten sie von dem Mast herunter, um sich dadurch nur etwas gegen den -Regen zu schützen, und sanken dann bald in einen unruhigen, kurzen Schlaf. - -Und der Morgen kam endlich, schien aber keineswegs eine Erleichterung zu -bringen, sondern ließ sie nun erst das Trostlose ihrer Lage vollständig -übersehen. - -Der große Mast hatte in seinem Sturz die auf Deck befestigte Barkasse -vollständig zerschmettert, so daß an eine Reparatur derselben nicht gedacht -werden konnte; das ganze Hintertheil derselben war abgedrückt, und es blieb -ihnen nur zur Rettung die kleine Kapitäns-Jölle, die hinten am Heck hing -und sich noch glücklicherweise in brauchbarem Zustande befand -- aber wie -diese in offenes Wasser bringen? -- Nach See zu war es ganz unmöglich, denn -keine Lücke selbst ließ sich in der wälzenden Brandungswoge erkennen, die -jetzt für einen Moment von den zackigen Klippen zurückwich, um im -nächsten mit neugeschaffener Gewalt wieder darüber hinzustürzen. Nach dem -Binnenwasser der Riffe zu lagen hingegen ganze Reihen starrer Felsen, -hie und da von grünem, und oft von blauem, also sehr tiefem Wasser -unterbrochen; welche Gefahren es aber barg, ließ sich noch nicht einmal -erkennen, da es vom heftigen Winde gekräußt gehalten wurde. -- Und -sollten sie hier an Bord bleiben? Es wäre nutzlos gewesen, denn selbst ein -vorbeisegelndes Schiff hätte ihnen durch diese Brandung hin keine Hülfe -bringen können; sie mußten sich selber helfen. - -Vor allen Dingen war es nöthig, den inneren Raum zu untersuchen, ob sie -noch möglicherweise Provisionen: Wasser und Zwieback bekommen konnten. Der -Koch und der Schiffsjunge -- der Stewards-Dienste versah -- wurden zu dem -Zweck beordert, nachzusehen, während der Kapitän in seiner eigenen -Kajüte die Schiffspapiere und sonstige Werthsachen zu bergen suchte. -Glücklicherweise fand sich ein Korb mit Zwieback, aber von eingeschlagenem -Seewasser ganz aufgeweicht; es war aber immer besser als Nichts. Doch -zum Wasser konnten sie nicht kommen, denn die zwei Fässer, die an Deck -geschnürt gelegen hatten, waren mit der Kambüse und dem ganzen Vordertheil -durch die eine Sturzsee rein über Bord gewaschen worden. Gegen zehn Uhr -fiel aber wieder ein kleiner Regenschauer und das eine Segel wurde jetzt -aufgespannt, um so viel als möglich davon aufzufangen -- es genügte -freilich noch immer nicht. Dann packte der Kapitän ein, was er an -Blechbüchsen für den Kajütstisch oben in seiner Coje hatte, und brachte -doch so viel zusammen, um für kurze Zeit gegen den _Hunger_ geschützt zu -sein. Vielleicht half ihnen dann der Himmel mit einem frischen Regenschauer -weiter. - -So lange der Sturm wüthete, ließ sich nichts unternehmen, obgleich sie im -Binnenwasser keine unruhige See zu fürchten hatten. Gegen Mittag -klärte sich aber der Himmel auf; der Wind ließ nach, und etwa vier Uhr -Nachmittags, während die See noch da draußen unruhig wogte und bäumte, -regte sich schon kein Lüftchen mehr und das Binnenwasser war spiegelglatt. - -Jetzt gingen sie an die Arbeit, um das kleine Boot flott zu machen und ihre -Ladung wenigstens erst einmal auf die Sandbank hinüber zu schaffen. Das -ging verhältnißmäßig rasch; auch über den Sand weg konnten die Leute das -leichte Boot tragen und ziehen und auf der andern Seite in's Wasser lassen. -Weit schwieriger war es aber, über die nächste Reihe von Korallenklippen -hinüberzukommen, die mit ihren schlüpfrigen und spitzen Zacken keinen -festen Fußhalt gestatteten, und da sie hier ihre Fracht nicht ausladen -konnten, sahen sie sich genöthigt, eine lange Strecke daran hin zu fahren, -bis sie endlich zu einer Stelle kamen, wo sie im Stande waren, sich -hindurchzuzwingen. - -Jetzt hatten sie etwa fünfzig Schritt breit glattes Wasser und dann wieder -einen Korallengürtel, der aber gefährlicher aussah als er war. Er bestand -nur aus neben einander liegenden Klippen und bot zahlreiche Durchfahrten, -und die kleine Bootsmannschaft, die aus neun Personen bestand, ruderte nun -bei gänzlicher Windstille auf eine hohe Sandbank zu, die sie für das feste -Land hielten. Glücklicherweise war es nur eine etwa hundert Schritt breite -Barre, und dahinter, als der Steuermann hinauflief, um sich von oben aus -umzusehen, entdeckte er das offene Wasser der Binnenriffe, von einzelnen -Inseln und Sandbänken nur überstreut. - -Hier blieb ihnen allerdings noch eine tüchtige Arbeit, das Boot und dessen -Ladung hinüberzuschaffen, und es war dunkle Nacht, ehe sie damit fertig -wurden, aber dann stand ihrer weiteren Fahrt auch kein Hinderniß mehr im -Wege. Die Nacht lagerten sie auf der Sandbank, und der nächste Morgen fand -sie schon beim ersten Schimmer des anbrechenden Tages unterwegs, um vor -allen Dingen erst einmal in das Fahrwasser der Schiffe zu kommen und -die Möglichkeit zu haben, von einem oder dem anderen vorübersegelnden -aufgenommen zu werden. - -Instrumente und Compaß hatte der Kapitän gerettet, und die Karte der Straße -ebenfalls, da diese schon zum Gebrauch bereit hinter dem Spiegel in der -oberen Kajüte stak. Außerdem fehlte ihnen aber jeder Leitfaden, denn Keiner -der Leute war je diesen Weg gekommen. Nur der Koch wollte einmal eine Fahrt -durch die Torresstraße gemacht haben, da er sich aber nicht um die Führung -des Schiffes zu bekümmern brauchte, wußte er auch sehr wenig darüber -anzugeben. Nur auf das erinnerte er sich, daß Booby-island draußen vor den -Klippen im freien Wasser lag, und daß sie damals dort beigelegt und ein Faß -Wasser, ein Faß Zwieback und ein halb Faß gepökeltes Schweinfleisch an Land -geschickt hätten. Im Boot war er aber selber nicht mit gewesen und wußte -deßhalb auch nichts über die eigentliche Beschaffenheit der Insel zu sagen. -Seiner Aussage nach sollte es nur ein großer Felsklumpen sein, um welchen -eine Unmasse großer schwarzer Möven herumschwärmte; das war Alles. -Uebrigens behauptete er, ihn augenblicklich wieder zu erkennen, sobald er -ihn nur sehen würde. - -Der Kapitän hatte indessen auch nicht versäumt, die Schiffs_waffen_ -mitzunehmen, da die australischen Eingeborenen in einem wohlverdienten -schlechten Ruf standen und man gar nicht wissen konnte, in welcher Art -man mit ihnen zusammentraf. Uebrigens gedachte er nicht, sie muthwillig -aufzusuchen, und an eine Insel zu landen, von welcher man sich nicht vorher -sorgfältig überzeugt hatte, daß keine Eingeborenen an Land oder wenigstens -in unmittelbarer Nähe wären. Er hatte zu viel über ihre hinterlistige -Schlauheit und Grausamkeit gehört, um sie nicht zu fürchten und jeden -Zusammenstoß mit ihnen ängstlich zu vermeiden. - -Die Aussagen des Kochs, der als einzige Autorität in diesem Meere galt, -dienten ebenfalls nicht dazu, ihn zuversichtlicher zu stimmen, denn -der Bursche -- nach Art solcher Leute, die alles Gehörte entsetzlich -übertreiben und wo möglich noch ihren Theil dazu erfinden -- wußte -nicht genug von den Scheußlichkeiten zu berichten, mit welchen sie -Schiffbrüchige, die in ihre Händen fielen, behandelten. Daß sie dieselben -schließlich auffraßen, war noch das Wenigste. - -Zu Mittag legten sie an einer nackten Sandbank an und der Kapitän nahm hier -erst einmal seine Observation, die ihm zeigte, daß sie sich nördlich von -der eigentlichen Einfahrt befänden und deßhalb mehr nach Süden hinunter -halten mußten. Sie sahen auch selber, daß dies kein Kanal für größere -Schiffe sein konnte, denn mehrmals hatten sie Plätze passirt, in denen sie -die Korallen so dicht und deutlich unter sich erkannten, daß man glauben -mußte, man könne sie mit der Hand ergreifen. Allerdings waren da noch immer -zwei bis drei Faden Wasser, aber oft trafen sie auch Klippen, die bis unter -die Oberfläche reichten und zwischen denen sie sich selbst mit dem schmalen -Boot kaum hindurchwinden konnten. - -Erst gegen Abend erreichten sie eine der wirklichen Passagen und blieben -die Nacht auf einer kleinen, nur mit niederen Büschen bewachsenen Insel, wo -sie wenigstens nichts von feindlichen Indianerstämmen zu fürchten hatten -- -aber kein Regen fiel und ihr spärlicher Wasservorrath ging zu Ende. - -Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch ruderten sie weiter und setzten auch -das mitgenommene Segel, aber die Brise war sehr schwach und trieb sie, -allerdings mit günstiger Strömung, nur langsam vorwärts. Wieder kamen sie -aber hier, irregeführt durch die verschiedenen Inseln und Sandbänke, -in einen falschen Kanal und erreichten erst lange nach Dunkelwerden die -größere Insel Mount Adolphus, wo sie wenigstens Wasser zu finden hofften, -denn das vom Regen aufgefangene war in der glühenden Hitze vollständig -ausgetrunken. - -Allerdings befinden sich dort dicht am Ufer in dem einen Felsen ein paar -kleine Süßwasserquellen, wie sie aber den Platz erreichten, war hohe Fluth, -und weiter in das Land wagten sie sich nicht hinein, da sie in den schmalen -Thälern in einen Hinterhalt zu fallen fürchteten. - -Einige Früchte hatten sie allerdings auf mehreren der kleinen -Zwischeninseln aufgelesen, auch Eier gefunden, welche die Möven in den -heißen Sand legen, um sie dort von der Sonne ausbrüten zu lassen -- sonst -nichts. Tauben, eine weiße prächtige Art mit dunkelbrauner Abzeichnung, -sahen sie genug und schossen auch ein paar Mal danach, aber ohne irgend -welchen Erfolg, denn ihre Munition bestand nur in Rehposten, nicht in -Schroth, und die alten Musketen schossen nicht so sicher, daß sie einen -so kleinen Gegenstand wie eine Taube damit aus den hohen Bäumen hätten -herausholen können. - -Auf Mount Adolphus, wo sie aber nur beilegten und sich nicht einmal -getrauten das Boot zu verlassen, blieben sie aber wieder nur auf den Rest -ihrer mitgenommenen Vorräthe angewiesen, und ihre einzige Hoffnung lag -jetzt darin, jenes Booby-island zu erreichen und von den dort befindlichen -Provisionen so lange zu zehren, bis sie eben ein durch die Torresstraße -kommendes Schiff anrufen und mit diesem Batavia oder Singapore erreichen -konnten. - -Der Kapitän wußte übrigens von hier aus, da er die genaue Beschreibung und -sogar Zeichnung der Conturen dieser Insel auf der Karte fand, genau die -Richtung, die sie zu nehmen hatten. Schon um vier Uhr Morgens setzten sie -auch mit einer günstigen Brise in dem hier ziemlich breiten Kanal aus, und -Nachmittags um vier Uhr endlich, von brennendem Durst fast zur Verzweiflung -getrieben, sichteten sie gerade im Westen den einzelnen Felsen im Meer, der -nach jeder Berechnung das angegebene Booby-island sein mußte. - -Der Koch wollte freilich nichts davon wissen; er behauptete, Booby-island -sei ein ganz spitzer kleiner Felskegel, und das hier lag breit und flach -auf dem Wasser; der Kapitän ließ sich aber nicht irre machen, denn seiner -Karte und Berechnung nach stimmte es und er hielt gerade darauf zu. - -Die Leute selber hatten sich bis jetzt ziemlich gut gehalten, nur der -Zimmermann, der aber auch auf dem Fahrzeug Matrosendienste versah, jammerte -und klagte über Durst und schöpfte mit der Hand das Seewasser, um seine -Lippen zu kühlen. Damit machte er freilich das Uebel nur noch ärger, denn -wenn es auch für den kurzen Augenblick etwas Erfrischendes haben mochte, -der salzige Geschmack hintennach reizte und trocknete nur um so viel mehr, -und er wimmerte leise vor sich hin. - -»Geduld, Mann, Geduld,« sagte der Steuermann zu ihm, indem er ihn auf die -Schulter klopfte, »da vorn liegt Wasser; in zwei oder drei Stunden können -wir dort sein, und so lange werdet Ihr's doch bei Gott wohl aushalten. -Schämt Euch doch vor dem Jungen, denn der hat noch nicht einmal geklagt.« - -»Was weiß auch so ein Junge von Durst, Steuermann,« sagte der Angeredete -mürrisch, »der kommt erst mit den Jahren. S'ist gerade so, als ob mir die -Zunge im Hals springen und bersten müßte -- und wer weiß denn, ob auch nur -ein Tropfen Wasser auf dem blutigen Felsen zu finden ist. Kahl genug sieht -er aus.« - -»Darüber tröstet Euch, Zimmermann,« sagte der Kapitän. »=The Yorkshire -lady=«, die vierzehn Tage vor uns ausgesegelt ist, hat dort angelegt und -von Sydney besonders Wasser und Zwieback für den Zweck mitgenommen, um es -dort zu lassen. Finden wir aber nicht genug, um eine Zeitlang liegen zu -bleiben, nun so nehmen wir, was wir für den nächsten Tag brauchen, und -laufen damit zu einer der Inseln im indischen Archipel hinauf. So weit ist -die Fahrt ja nicht, und hohe See haben wir dort auch nicht zu fürchten.« - -»Geb's Gott,« sagte der Zimmermann resignirt, und von jetzt ab wurde kein -Wort weiter gesprochen, während sich die Leute nur schärfer in ihre Ruder -legten, um den verheißenen Platz desto rascher zu erreichen. - -Die Brise wurde lebhafter, sie konnten das Segel setzen, die Strömung half -ebenfalls nach und das Boot glitt verhältnißmäßig rasch über das glatte -Wasser seinem Ziel entgegen. Die ersehnte Insel, die bis jetzt nur wie ein -kurzer Streifen auf dem Horizont gelegen und dadurch weit entfernter -schien als sie wirklich lag, hob sich mehr und mehr, bis sie die Form eines -Topfkuchens annahm und man jetzt deutlich schon den Fuß derselben, gegen -den die Strömung wusch, erkennen konnte. - -Die Brise, die hier mehr stoßweise kam, lullte nach einiger Zeit wieder -ein, und vier von den Leuten hatten deßhalb die Ruder wieder aufgegriffen, -die Uebrigen lagen, so gut es eben ging, ausgestreckt im kleinen Boot, -und nur der Kapitän saß, das Gesicht dem Lande zugedreht, am Tiller und -betrachtete sich das nicht mehr so ferne Eiland. Plötzlich richtete er sich -etwas empor und schützte die Augen mit der flachen Hand gegen die schon -im Westen stehende Sonne, die ihn auch überdieß durch das Blitzen auf -dem Wasser blendete; dann ohne ein Wort zu sagen, nahm er das neben ihm -liegende Telescop auf und hob es an's Auge. Kaum aber hatte er einen Blick -hindurch geworfen, als er wirklich erschreckt ausrief: - -»=Damnation!= Die Schwarzen haben Booby-island besetzt!« - -»Was?« schrie der Zimmermann voller Entsetzen -- »oh du grundgütiger Himmel --- dann sind wir verloren.« - -»Verloren?« brummte der Steuermann, mit einem wilden Fluch durch die -Lippen, »hat sich was von verloren -- Wie viele sind's, Kapitän?« - -»Der Strand schwärmt von ihnen, und oben drauf tanzt auch etwa ein Dutzend -herum -- aber ich sehe keine Canoe's.« - -»Die liegen jedenfalls hinter der Insel in ruhigem Wasser. Also haben die -schwarzen Bestien den Platz endlich richtig gefunden!« - -»Und was nun?« sagte der Kapitän. - -»Was nun? Ei, wir müssen ihn wieder erobern.« - -»Gegen den Schwarm?« - -»Geben Sie mir einmal das Glas, Kapitän, daß ich einen Ueberblick kriege --- immer zu, Jungen, laßt die Ruder nicht schleppen, hier können wir doch -nicht liegen bleiben.« - -»Wenn wir landen, fressen sie uns mit Haut und Haar!« klagte der Koch, der -sich bestürzt emporgerichtet hatte und nach dem jetzt gefürchteten Land -hinüberstarrte. - -»Was fressen,« knurrte der Steuermann ärgerlich, während er durch das Glas -sah -- »erst müssen sie uns haben. Alle Wetter! es ist eine hübsche Portion -und wir sind auch jedenfalls schon bemerkt worden, denn wie die Ameisen -klettern sie da an den lichten Felsen in die Höh'. Jungens, Jungens, und -wie werden sie den Vorräthen mitgespielt haben!« - -»Wie viele sind's, Steuermann?« - -»Ich zähle siebenundzwanzig, groß und klein,« erwiderte dieser, »aber da -links heraus kommen noch mehr aus dem Felsen, das ist jedenfalls die -Höhle -- da sind noch drei, vier, fünf, sechs, sieben -- es ist ein ganzer -Schwarm, und wir werden Teufelsarbeit bekommen.« - -»Wie viel Gewehre haben wir eigentlich im Boot?« frug der Kapitän, nachdem -er selber das Glas genommen und durchgeschaut; sie waren der Insel aber -indessen so nahe gekommen, daß sie die schwarzen nackten Gestalten schon -mit bloßen Augen erkennen konnten. - -»Es sollen sechs sein,« sagte der Steuermann, »aber an dem einen ist der -Hahn abgebrochen -- und dann Ihre Doppelflinte.« - -»Und Pistolen?« - -»Vier; aber noch ein halb Dutzend Lanzen.« - -»So nahe dürfen wir den Halunken nicht kommen,« sagte der Kapitän -kopfschüttelnd, »daß wir die gebrauchen könnten, sonst spicken sie _uns_ -mit ihren verdammten Wurfspeeren, mit denen sie vortrefflich umzugehen -wissen.« - -»Wenn wir aber zu kanoniren anfangen,« sagte der Steuermann trocken, »und -mit den alten, von Rost halbzerfressenen Schießprügeln nichts treffen, so -machen wir sie erst recht übermüthig, und wer dann unverrichteter Sache -abziehen muß, sind wir.« - -»Den ersten Schuß,« rief der Kapitän, »müssen wir jedenfalls über ihre -Köpfe feuern, denn ich möchte die armen Teufel nicht todtschießen, wenn ich -es irgend umgehen kann. Ich denke aber auch, das wird genügend sein, denn -wenn sie nur den Knall eines Gewehres _hören_, laufen sie schon was -sie laufen können. Schußwaffen fürchten sie mehr als ihren sogenannten -Devil-Devil.« - -»Ich will's wünschen,« brummte der Mate oder Steuermann, »ich habe nur -so eine Ahnung, daß ihnen unser kleines Boot keinen besondern Respekt -einflößen wird. Ja wenn wir mit dem Schooner angesegelt kämen und einen -der kleinen Böller hätten lösen können, dann wär's vielleicht 'was Anderes, -denn die machen mehr Spektakel, und so ein Schuß klingt als ob er von allen -Seiten auf einmal käme.« - -Es wurde jetzt kein Wort weiter gesprochen, denn das Boot näherte sich -rasch dem Lande, und die gerettete Mannschaft nahm zu viel Interesse an -dem, was sie dort erwartete, um sich nicht selber durch den Augenschein von -der Zahl der Feinde zu überzeugen. Selbst die Rudernden drehten die Köpfe -über die Schulter zurück, und deutlich konnte man auch jetzt den Schwarm -erkennen, der mit wildem Jauchzen auf der Insel herumsprang, während -eine Anzahl von ihnen grüne Zweige von den Büschen brach und damit -hinüberwinkte. Fast Alle aber, wie der Kapitän deutlich durch sein Glas -erkennen konnte, trugen ihre Lanzen in den Händen, und legten sie erst -zwischen den Steinen nieder, als sie vielleicht glaubten, daß man sie vom -Boot aus mit bloßen Augen erkennen könne. - -»Ach Kapitän,« sagte der Zimmermann, »die thun uns ja nichts, die schwingen -grüne Büsche; das ist immer ein Zeichen bei den wilden Hallunken, daß sie's -gut meinen -- Einen Tropfen Wasser geben sie uns gewiß.« - -»Ja trau' Du denen,« knurrte der Koch -- »mit denselben Zweigen braten sie -Dich nachher.« - -Dem Kapitän gefiel übrigens das Winken mit den Zweigen auch nicht. Durch -sein gutes Glas sah er deutlich, wie eine Anzahl der Schwarzen, die -wieder zum Strand hinabgeklettert waren, ihre Lanzen in eine Vertiefung --- wahrscheinlich den Rand der Höhle -- stellten, aber dicht dabei stehen -blieben und dann aus Leibeskräften mit den grünen Büschen wehten, als ein -Zeichen, daß das Boot dort landen solle. Er änderte seinen Cours nicht, -sondern hielt vielmehr noch etwas nach rechts hinüber, um die nördliche -Spitze der Insel anzulaufen, und die Wilden, wie er deutlich erkennen -konnte, griffen jetzt ihre Waffen wieder auf und verschwanden hinter der -Insel, um vorn nicht damit gesehen zu werden. - -Das Alles deutete auf Hinterlist, und daß die Eingeborenen dieser Küsten -Alles daran setzen, um in den Besitz eines guten europäischen Bootes zu -kommen, wußte er schon zur Genüge aus den Erzählungen anderer Kapitäne. -Geld hat für sie nicht den geringsten Werth. Kleidungsstücke beachten -sie nicht, und selbst von Eisenwerk können sie nichts gebrauchen, als -vielleicht ein Beil oder Messer, da ihre Lanzen aus den harten und schweren -Hölzern bestehen, welche ihnen die Wildniß in Masse liefert, aber ein -sicheres Boot war für sie von unschätzbarem Werth, denn damit konnten sie -das Meer in jeder Jahreszeit befahren, und daß sie _kein_ Mittel scheuen -würden, um sich in den Besitz eines solchen zu setzen, ließ sich denken. - -Wie viel Wilde befanden sich aber überhaupt auf der Insel und hatten sie -auch schon Alle gesehen? -- wohl schwerlich, denn von dem Augenblick an, wo -sie nahe genug gekommen, um die Eingeborenen mit bloßen Augen zu erkennen, -waren höchstens noch acht oder zehn sichtbar, die sich aber dafür durch das -Schwingen von grünen Büschen um so bemerkbarer zu machen suchten. Wo waren -die Anderen? Jedenfalls irgendwo hinter den Steinen oder in der Höhle -versteckt, und hatten sie wirklich friedliche Absichten, so würden sie sich -ungescheut gezeigt haben -- daß _ihnen_ die Weißen nichts nehmen konnten, -wußten sie ohnedieß. Das Wichtigste also war: einen ungefähren Ueberblick -über ihre Zahl zu bekommen, und das konnte nur dadurch geschehen, daß sie -in Sicht der Canoe's kamen. Die Insel war auch gar nicht so groß, um das -nicht leicht zu bewerkstelligen, und der Kapitän, der auf die Nordspitze -zugesteuert hatte, änderte plötzlich seinen Cours, hielt wieder vom Ufer -etwas ab und ruderte nun, seine Distance vom Land auf ungefähr hundert -Schritte haltend, um das kleine Eiland herum zur Westküste, wo er -allerdings einen ganzen Trupp nackter schwarzer Gestalten überraschte, die -nicht schnell genug den kahlen Hang hinan kommen konnten und sich nun, so -gut das gehen mochte, hinter Korallenbänken und Steinen niederkauerten. - -Außerdem entdeckten die Seeleute hier auch eine kleine Flotte von elf -Canoe's, die nebeneinander auf den Sand gezogen waren, und stärker an -Mannschaft wäre es ihnen jetzt ein Leichtes gewesen, die schwarzen Diebe -festzuhalten und zu züchtigen. Aber sie durften ihnen nicht das einzige -Mittel, sich zu entfernen, selber abschneiden, denn an Zahl waren sie -ihnen doch zu weit überlegen und das Schlimmste von Allem, nur Wenige -der Seeleute wußten wirklich mit Feuerwaffen umzugehen, und verstanden -besonders nicht, ein einmal abgeschossenes Gewehr auch rasch und ruhig -wieder zu laden. - -Der Kapitän behielt aber indessen seinen Cours bei; er wußte jetzt genau, -daß er es mit einer verrätherischen Bande zu thun hatte, und war nicht -gewillt, dieser auch nur den geringsten Vortheil über sich einzuräumen. Das -Boot glitt dabei, immer noch in der sicheren Entfernung, um die Insel hinum -der Südküste zu, wo sie die wieder überraschten, die vorher an der Höhle -Posto gefaßt hatten. - -»Sind die Gewehre alle geladen?« frug er ruhig. - -»Ja, Sir,« sagte der Steuermann. - -»Setzt frische Zündhütchen auf; die alten könnten die Nacht über feucht -geworden sein.« - -Das geschah lautlos. - -»Wollen wir hier landen, Kapitän?« frug der Steuermann; »ich glaube es wäre -besser, wenn wir das so dicht als möglich bei der Höhle thäten.« - -»Sie haben Recht, Mr. Brown,« nickte ihm sein Vorgesetzter zu, »wir müssen -ihnen Gelegenheit zur Flucht geben, sonst wehren sie sich um ihr Leben -- -Alle Teufel, was ist das da oben?« Er deutete zugleich mit dem Arm hinauf, -und seine Leute erkannten dort auf einer eben in Sicht kommenden Felsspitze -eine allerdings wunderliche Gestalt, die sich von den Uebrigen wesentlich -unterschied. - -Alle anderen Indianer waren vollkommen nackt und trugen nicht einmal, wie -doch die meisten wilden Stämme, einen Schurz um die Lenden. Der da oben -aber -- oder war es ein Frauenzimmer? hatte einen weißen, wehenden Talar -an, der in der Sonne schimmerte und bis über die Kniee hinabreichte; nur -die Arme schauten nackt daraus hervor. Dort wo er stand, als man ihn -zuerst entdeckte, war er auch durch den höheren und mit Büschen bewachsenen -Hügelrücken gegen den jetzt wieder frischer wehenden Wind geschützt -gewesen. Nun aber, als er sich bemerkt sah, sprang er die wenigen Schritte -hinauf und stand im nächsten Augenblick in der Brise, und das Zeug, was er -anhatte, knitterte und knatterte dabei. - -»Gott straf' mich, das ist Papier!« rief der Steuermann aus, und in -demselben Augenblick riß sich ein Stück der Kleidung los und flatterte, ehe -es der danach greifende Wilde erhaschen konnte, aus in See, nach dem Boot -hinüber, von dem es nicht weit entfernt auf das Wasser niederfiel. - -Es war in der That ein Bogen weißes Schreibpapier, und jetzt kein Zweifel -mehr, daß die Eingeborenen dort oben die Postoffice gefunden und geplündert -hatten; welche Verwendung sie für das Papier fanden, zeigte sich dabei. Die -Umfahrt um die Insel hatte den Seeleuten die Versicherung gegeben, daß sie -es hier mit einer großen Anzahl gutbewaffneter Schwarzen zu thun bekämen, -und wären sie nur wenigstens mit Wasser versorgt gewesen, so würde der -Kapitän kaum daran gedacht haben, einen so ungleichen Kampf zu wagen. -Mußten sie doch sogar jedes Handgemenge auf festem Land vermeiden, blieben -immer noch der Gefahr ausgesetzt, daß die Wilden, erst einmal gereizt -und zur Rache angetrieben, vielleicht sogar mit ihren Canoe's einen -verzweifelten Angriff auf ihr Boot machten. - -Aber was blieb ihnen Anderes übrig? Zurück gegen Wind und Strömung nach -Mount Adolphus _konnten_ sie nicht wieder, noch dazu, da sie im Inneren -jener Insel vielleicht gerade so gut auf Eingeborene trafen und dann erst -recht, bei Theilung der Mannschaft, ihr Boot und sich selber in Gefahr -brachten; Wasser aber _mußten_ sie haben, und das war hier noch zu -bekommen, dort draußen im Westen lag dagegen eine weite See vor ihnen, die -sie ohne dies nöthige Lebensbedürfniß nicht durchschiffen konnten, also -blieb ihnen schon nichts weiter übrig, als sich ihren Weg zu erzwingen, im -schlimmsten Fall mit Waffengewalt, und wenn die Schwarzen dabei zu Schaden -kamen, hatten sie es sich selber zuzuschreiben. - -Das Boot umruderte indessen das Südwestende der Insel und näherte sich der -Südost-Ecke, wo, wie der Kapitän von anderen Collegen erfahren, die Höhle -liegen sollte. Dort standen auch immer noch Eingeborene und winkten wieder, -als das Boot in Sicht kam, mit den abgebrochenen Büschen. - -»Wenn wir's nun einmal versuchten, Kapitän,« sagte da der Steuermann, »ob -sie uns im Guten in die Höhle ließen? Der Eingang muß dicht am Wasser sein, -und wir könnten ihn mit unseren Musketen recht gut frei halten.« - -»Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Brown,« meinte aber der Kapitän; »die -Möglichkeit ist allerdings da, daß wir _hinein_ kommen, aber schwerlich -wieder heraus, denn die Kanaillen spielen da drin Versteckens. -Auf Freundschaft ist mit ihnen nicht zu rechnen, und ich will die -Verantwortlichkeit nicht auf mich laden, auch nur zwei von Euch an ein -Experiment gewagt zu haben. Halten Sie Ihre Gewehre bereit; wissen die -Leute, welche sie halten, auch ordentlich mit denselben umzugehen?« - -»Die Meisten, Sir -- mit einer Pistole verstehen sie es besser.« - -»Die Pistolen helfen uns nichts,« sagte der Kapitän trocken, »und sind in -dem engen Boot hier gefährlicher für uns selbst, als für die Schwarzen -- -ha, dort ist die Höhle -- sehen Sie den dunklen Strich im Felsen?« -- Er -hatte sein Telescop wieder aufgenommen und sah hindurch. - -»Ist das der Platz, Sir?« - -»Ja -- ich kann dort im Inneren schon aufgeschichtete Fässer erkennen. Sie -wissen doch zu schießen?« - -»Ay, ay Sir!« - -»Gut, dann seien Sie so gut und halten Sie einmal, wenn wir noch ein klein -Stück voraus sind und den Eingang breit haben, mitten in die Höhle hinein --- aber hoch -- verwunden Sie noch keinen; möglich doch, daß wir sie mit -einem einzelnen Schuß in die Flucht treiben.« - -Der Steuermann nahm sein Gewehr an den Backen und zielte mitten in die -Höhle hinein -- jetzt waren sie gerad vor dem Eingang, etwa noch hundert -Schritte vom Land entfernt. - -»Feuer!« rief der Kapitän, und in dem Moment krachte auch der Schuß, dessen -Echo sich wohl in der gewölbten Höhlung noch tüchtig brechen mochte, denn -mit Blitzesschnelle sprangen plötzlich zehn oder zwölf schwarze Gestalten, -ihre Lanzen und Midlas[1] in den Händen, aus dem dunklen Grund der Höhle -hervor und kletterten wie Katzen an den Felsen hinauf nach oben. An -Widerstand schienen sie in der That nicht zu denken. - - [1]: Die Midla ist ein kurzer, etwa dritthalb Fuß langer Hebel, der mit - einem kleinen Widerhaken versehen hinten in die Wurflanze eingreift - und sie beim Schleudern mit vermehrter Kraft vorwärts treibt. Mit Hülfe - dieser Midla ist der australischen Wilde im Stande, seinen einfach - hölzernen Speer auf sechzig bis achtzig Schritte -- ja vielleicht - noch etwas weiter -- mit großer Sicherheit zu werfen, so daß er selbst - kleineres Wild, wie die Känguru-Ratte, damit trifft und tödtet. - -»Aha,« lachte der Steuermann, der von der alten Muskete einen Stoß bekam, -daß er beinah hinten übergestürzt wäre -- »das hat richtig geholfen; die -haben wir hinausgeräuchert, und meinen Hals wollt' ich darauf verwetten, -daß keine von den Canaillen mehr da drinnen steckt. Was nun, Kapitän? Ich -denke, die Luft ist rein, und ich dächte, das Beste wäre, wir benutzten den -ersten Schreck und räumten was wir brauchen aus, indeß Sie uns hier mit ein -paar von den Leuten die Luft rein halten.« - -»Ich denke auch, Mr. Brown,« sagte der Kapitän, der seinem Steuermann -indessen das Gewehr abgenommen hatte und rasch wieder mit einer Patrone lud --- »Nehmen Sie sich drei Mann mit -- wieder zu euern Rudern, meine Jungens, -und nun scharf an Land -- und sehen Sie besonders zu, daß Sie ein Faß mit -Wasser finden -- Zwieback soll genug dort liegen, packen Sie auf was Sie -fortbringen können, der Junge soll Sie mit dem Provisionskorb begleiten -- -aber um Ihr Leben, halten Sie sich nicht länger auf als nöthig ist. Daß Sie -indessen Keiner da drinnen stört, dafür wollen wir schon mit den Gewehren -sorgen.« - -»Also ganz ohne Waffen --« - -»Jeder von euch nimmt eine Lanze mit -- drinnen könnt Ihr vielleicht das -Faß gleich auf die Schäfte legen und damit herauslaufen -- aber daß ihr -kein _faules_ Wasser bringt, denn einzelne sollen schon viele Jahre dorten -liegen.« - -»Aber wer zum Henker kann sie erst lange untersuchen,« meinte der -Steuermann verlegen, »denn flink muß die Geschichte gehen, sonst ist's -gefehlt, und wenn sie die schwarzen Halunken zerschlagen haben, sind wir -ganz verloren, denn was wissen die Bestien davon, wie man mit einem Faß -umgehen muß.« - -»Lange können sie noch nicht da sein,« entgegnete der Kapitän, der die -Natur dieser wilden Stämme besser kannte als sein weit jüngerer Steuermann, -»sonst hätten sie die Canoe's schon beladen und wären fortgerudert. Daß -sie sich hier vor unseren Schiffen nicht sicher fühlen, ist gewiß, und das -beweist auch, wie treffliche Wacht sie gehalten haben müssen, denn unser -kleines Boot war ja kaum in Sicht, als sie es augenscheinlich schon bemerkt -hatten. Aber da sind wir -- jetzt an's Werk, das Reden hilft nichts -- ehe -sie nur wissen, was wir eigentlich wollen, müssen wir's haben. Vorwärts, -Steuermann -- Ihr, Bill, Ned und John, eure Lanzen -- das ist recht, mein -Junge, den Korb packst du voll Zwieback -- liegt ein Faß bei der Hand, so -rollt's nur gleich hier herunter: wenn's auch an den Steinen zerbricht, -werfen wir in's Boot, was wir brauchen. Vorwärts!« - -Die Seeleute bedurften keiner weiteren Mahnung, denn jeder Einzelne von -ihnen begriff recht gut, was von ihm verlangt wurde, während an der raschen -Ausführung desselben sein eigenes Leben hing. Von den Wilden schienen sie -in der That nichts weiter zu fürchten zu haben, und es war fast, als ob -der eine, blind gefeuerte Schuß vollkommen genügt habe, sie zu Paaren zu -treiben. Nur einzelne schwarze Köpfe schauten noch vorsichtig einen Moment -über die Felsen nieder und verschwanden eben so rasch wie sie gekommen. -Hatten sie sich in ihre Canoe's geflüchtet und die Insel bei Annäherung der -gefürchteten Weißen verlassen? -- Alle freilich noch nicht, denn Einzelne -kamen immer dann und wann wieder zum Vorschein. Aber es blieb jetzt keine -Zeit, nach ihnen auszusehen, denn wie nur der scharfe, eisenbeschlagene Bug -des Bootes den Korallensand berührte, sprangen die bezeichneten Seeleute, -lauter kräftige Burschen und jeder seine Lanze fest in der Hand gepackt, -hinaus an Land und waren auch mit wenigen Sätzen in der Höhle verschwunden. -Die Zurückgebliebenen aber, jeder seine Muskete im Anschlag, behielten mit -ängstlicher Spannung die benachbarten Felsen im Auge, ob nicht von dort aus -ein versteckter Feind seine Speere auf sie hinabschleudern könnte, und kein -Wort wurde mehr gesprochen. - -»Da kommen sie!« schrie plötzlich des Kochs ängstliche Stimme; und als der -Kapitän, der bis dahin eine oben in den Büschen lauernde Gestalt im Auge -behalten, rasch den Kopf ihm zuwandte, sah er nach rechts hinüber vier oder -fünf Canoe's um die Inselspitze kommen, und fast zu gleicher Zeit drückte -der feige Bursche auch sein Gewehr blind in die Luft hinein ab. - -»Holzkopf!« schrie der Kapitän und riß ihm die Muskete aus der Hand, »wenn -ich wüßte, daß sie _Dich_ brieten, wollte ich ihnen selber ein Feuer dazu -anzünden.« - -»Oh bester Kapitän,« jammerte der Mann, »es ging mir ja von selber los!« - -»Ruhe da und aufgepaßt!« rief aber der alte Seemann, indem er das Gewehr -rasch wieder lud. Er sah dabei, wie die Rudernden einen Moment innegehalten -hatten, als ob sie selber erst sehen wollten, ob der Schuß einen von ihnen -getroffen. Jetzt stießen sie plötzlich ein wildes Jubelgeschrei aus, und -fast zu gleicher Zeit rief auch der Zimmermann: - -»Habt Acht, bester Kapitän -- von drüben herüber kommen sie auch. Jetzt -haben sie uns fest.« - -In demselben Augenblick schien es aber, als ob die Felsen selber belebt -würden. Unmittelbar über der Höhle konnte allerdings Keiner niederklettern, -denn die Steine ragten dort schroff und steil empor; aber rechts und links -davon sprangen sie herab, und sechs, acht Speere wurden zu gleicher Zeit in -das Boot hinabgeschleudert, von denen einer dem Kapitän den Hut vom Kopfe -riß, während ein anderer dem Koch durch den Arm fuhr und diesen laut -aufheulen machte. - -Kapitän Powel warf den Blick umher, und dem Koch erst einmal mit dem Kolben -seines Gewehrs einen Stoß in den Nacken gebend, der ihn vornüber sandte, -rief er dem Zimmermann zu: - -»Jetzt dürfen wir nicht mehr schonen -- haltet in den dicksten Klumpen -hinein, sobald sie näher kommen. In den schwanken Canoe's können sie -mit ihren Lanzen doch nicht ordentlich treffen -- Du, Peter, nimmst die -Anderen, ziel' ruhig, Mann -- wenn Du fehlst, sind wir verloren.« -Zu gleicher Zeit hatte er sein eigenes, mit groben Posten geladenes -Doppelgewehr angelegt und einen riesigen Schwarzen, der an der Höhle -niederglitt, auf's Korn nehmend, feuerte er ihm den Schuß gerade in den -Leib, daß er wie ein Sack herunterstürzte. Aber er sah nicht einmal nach -ihm hin, denn die Feinde links nahmen seine Aufmerksamkeit ebensogut in -Anspruch, während jetzt von den beiden Seeleuten ein eben so wirksamer, -aber noch viel mehr Schaden anrichtender Schuß in die Canoe's hinein -gefeuert wurde. Die Rehposten gingen in der größeren Entfernung mehr -auseinander, und der Zimmermann besonders schien so gut gezielt zu haben, -daß sich die fünf Canoe's nicht gleich weiter wagten oder auch vielleicht -von den Verwundeten behindert wurden. - -Zwei von den anderen dagegen kamen, so rasch sie die Fahrzeuge vorwärts -treiben konnten, an, und alle trugen aus dem eisenharten Holz der äußeren -Palmenrinde gefertigte Ruder. Diese aber, schwer und an den Kanten -scharf geschnitten, können ebensogut als Keule dienen und sind dann eine -furchtbare Waffe in der Hand eines starken Mannes. - -»Noch einen Schuß, Zimmermann,« rief der Kapitän, während er in aller Hast -sein eigenes Doppelgewehr wieder lud, »nehmt die geladene Muskete da neben -Euch, aber zielt gut -- der erste war vortrefflich.« - -Wieder der Knall über das Wasser und dießmal hatte der Matrose nur das -erste Boot voll auf's Korn genommen, in dem er aber eine arge Verwüstung -anrichtete. Zwei der nach links überschlagenden Schwarzen drückten es sogar -auf der Seite unter Wasser und es füllte. Wohl kamen die anderen Canoe's -jetzt auch in vollem Lauf wieder näher, aber sie hatten ihre richtige Zeit -versäumt. Kapitän Powel feuerte zuerst eine Ladung Rehposten zwischen einen -Trupp hinein, der sich wieder an den Felsen zeigte, und schickte dann die -andere Ladung mitten in die Canoe's, die jetzt dicht neben dem Boot an's -Ufer liefen und wahrscheinlich einen Angriff zu Land versuchen wollten, -da sie in den schwanken Fahrzeugen _ihre_ Waffen nicht gebrauchen konnten. -Kaum aber schoß der hohe Bug des ersten auf den Sand hinauf, als der -Steuermann mit seinen drei Matrosen, die auf den Augenblick nur schienen -gewartet zu haben, aus der Höhle sprangen und jetzt ihrerseits mit den -Lanzen auf die Feinde einstürmten. Der Angriff kam aber zu plötzlich und -aus zu unmittelbarer Nähe, und ohne sich nur zu besinnen sprang die ganze -Mannschaft der Canoe's über Bord und tauchte unter. Wie durch Zauberei -waren sie verschwunden. - -In dem Moment schien es fast, als ob sämmtliche Schwarze von der Insel -verschwunden wären; aber der Kapitän traute ihnen nicht und benutzte die -ihm vergönnte kurze Zeit, um rasch die abgeschossenen Gewehre wieder zu -laden, während die Seeleute indessen in aller Hast das schon bis an den -Eingang gewälzte Faß Wasser jetzt aufhoben und heraustrugen. Allem Anschein -nach war es das letzt hierhergeschaffte, denn es trug den Brand der -=Yorkshire lady=. Auch der Junge war nicht müssig gewesen und mit einem -gehäuften Korb von Zwieback angekommen, den er ohne Weiteres in's Boot -schüttete und dann zurück in die Höhle sprang, um noch eine zweite Ladung -zu holen. Den Zwieback mußten die Wilden nämlich zuerst entdeckt haben, -denn das eine große Faß war auseinandergebrochen und der Inhalt über den -ganzen Boden der Höhle zerstreut. - -Ihr Boot wurde übrigens durch den neuen Proviant, besonders durch das -Faß Wasser bedenklich tief geladen. In der Straße selber wäre das bei dem -spiegelglatten Wasser gegangen, jetzt aber, wo sie in den indischen -Ocean einlaufen wollten, mußten sie wenigstens darauf vorbereitet sein, -unruhigere See zu bekommen -- aber der Steuermann wußte Rath. - -»Schafft das Canoe herbei, Jungens!« rief er, einen Blick umherwerfend, -»das nehmen wir in's Schlepptau, bis wir draußen in See erst Alles richtig -weggestaut und geordnet haben, und ein paar von Euch können damit nebenher -fahren. Das Ding ist breit genug, Euch zu tragen -- dort liegen auch -Ruder.« - -Es war im Nu geschehen; die Leute sprangen zu, schoben das Canoe in -tieferes Wasser zurück und brachten es langseit. Die ganze Sache dauerte -keine fünf Minuten. Trotzdem waren sie von den Wilden dabei beobachtet -worden, denn wieder flogen vier oder fünf Speere nach ihnen herunter, aber -zu kurz, denn die Schwarzen trauten sich nicht mehr in den Bereich der -Schußwaffe. - -»Fertig Alles?« rief der Kapitän. - -»Alles klar, Sir,« lautete die Antwort. - -»An Bord denn und fort -- die Sonne ist gleich unter und nach Dunkelwerden -möchte ich nicht mehr in der Nähe der schwarzen Halunken sein. Sie holten -dann jedenfalls ein, was sie jetzt unterlassen haben -- aus mit dem Boot!« - -Der Befehl wurde fast so rasch ausgeführt, wie er gegeben worden, denn sie -waren mit steigender Fluth gelandet und das Wasser mochte in der Zeit fünf -bis sechs Zoll gewachsen sein. Die Leute sprangen alle in die Fluth, um -es zurückzuschieben. Zwei von ihnen nahmen dann das Canoe und den eben mit -einem anderen Korb Zwieback zurückkommenden Jungen ein, und wenige Minuten -später stießen sie von der Küste ab -- aber der Kapitän hielt noch nicht in -See hinaus. - -»Eine Lektion müssen wir den Burschen noch geben,« sagte er finster, »daß -sie später das Eigenthum der Weißen mehr respektiren lernen oder wenigstens -in einer heilsamen Furcht gehalten werden -- Zimmermann, nehmt einmal Euer -Beil und bearbeitet das Canoe dort drüben ein wenig.« - -Der Zimmermann that dies mit Vergnügen und das Fahrzeug war im Nu -unbrauchbar gemacht; dann nahmen sie ihren Cours um die Insel herum, um die -übrigen ebenfalls abzuschneiden und die Schwarzen dadurch auf der Insel zu -halten, bis ein größeres Schiff dort landete, das eher die Macht hatte, sie -zu züchtigen. Die Eingeborenen schienen es aber vorgezogen zu haben, etwas -Derartiges nicht abzuwarten, denn wie sie an den anderen Rand der Insel -kamen, sahen sie die kleine Flotte von neun Canoe's schon unterwegs, und -zwar in voller Flucht gen Süden, dem nächsten Festland zu haltend. Daß -sie von dem schwergeladenen Boot der Weißen nicht verfolgt werden konnten, -wußten sie gut genug, aber sie schienen auch gar nicht die Absicht zu -haben, weit zu fliehen, denn draußen ein Stück in See lagen sie jetzt -plötzlich auf ihren Rudern, um dort erst einmal abzuwarten, was die Feinde -beginnen würden. - -Der Kapitän war überzeugt, daß sie, sobald das Boot nur außer Sicht wäre, -augenblicklich nach der Insel zurückkehren würden, nicht allein um ihre -Todten abzuholen, sondern auch die begonnene Plünderung zu beenden. Das -Alles ließ sich aber nicht mehr ändern. Der für den Seemann so wichtige -Platz war einmal verrathen; die Schwarzen hatten das Geheimniß der Höhle -entdeckt, und es durfte wohl schwerlich mehr an eine weitere Niederlage -dort von Wasser und Provisionen für verunglückte Seeleute gedacht werden. -Jenes diebische Gesindel revidirte jetzt gewiß regelmäßig die Höhle, um -Alles mitzuführen, was sie fanden. - -Das Boot -- nachdem sich die Leute an dem erbeuteten Wasser gelabt -- hielt -eine nordwestliche Richtung bei, um irgend eine der Inseln des ostindischen -Archipels anzulaufen, schon am zweiten Tag aber sichteten sie eine -portugiesische Brigg, die, von Europa kommend, nach der portugiesischen -Besitzung in Timor bestimmt war. Von dieser wurden sie an Bord genommen und -gingen später mit einem holländischen Schiff nach Singapore, von wo aus sie -leicht in ihre Heimath zurückkehren konnten. - -Der Kapitän machte allerdings in Singapore die Anzeige des zerstörten -Depots auf Booby-island, und ein nach Australien bestimmtes Kriegsschiff -bekam auch Auftrag, dort anzulaufen; als es aber mit dem nächsten -Monsuhn Booby-island berührte, fand es in der Höhle nur noch einen Haufen -verdorbenes Fleisch, den die Schwarzen verschmäht hatten -- alles Uebrige -war ausgeräumt und selbst die »Postoffice« wahrscheinlich nach dem Festland -geschafft worden. - - - - -Zacharias Hasenmeier's Abenteuer. - - - - -Erstes Kapitel. - -Die Matrosenkneipe. - - -Da lebte einmal vor langen Jahren ein Handwerksbursch, und den freute die -Welt nicht mehr, denn anders wurde es wohl mit der Zeit, wohin er auch kam, -aber nie und nimmer besser. - -Früher ja, da ließ sich's aushalten, da marschirte so ein armer -Handwerksbursch nach Herzenslust im lieben deutschen Vaterland herum, -Chaussee auf und ab, ging in den Dörfern fechten, schlief Nachts auf der -Streu oder in einem Heuschober, setzte sich, wenn er unterwegs müde wurde, -auf einer vorbeirollenden Extrapost hinten auf und dachte gar nicht daran, -die Beine je lang unter einen Arbeitstisch zu strecken. Das ließ schon die -Wanderlust nicht zu, und geschah es je einmal ausnahmsweise, so erfaßte -ihn rasch die unbezwingbare Sehnsucht nach einer Pappelallee, der er nicht -widerstehen konnte und wollte. - -Da erfanden böse und hinterlistige Menschen, aus reiner Bosheit gegen die -armen Handwerksburschen, die _Eisenbahn_, und mit dem lustigen Marsch auf -der Landstraße war's vorbei. Extraposten und Lohnkutschen -- wo bekam -man sie noch zu sehen? der Dampf hatte die Zügel ergriffen und bei einem -davonbrausenden Bahnzug -- mit _den_ groben Condukteuren -- war kein -Gedanke mehr hinten aufzusitzen. - -Das macht zuletzt den besten Menschen verdrießlich und so war denn auch -Zacharias Hasenmeier, ein »wasserdichter Hutmachergesell,« endlich zu dem -verzweifelten Entschluß gekommen -- nicht etwa seinem Leben ein Ende zu -machen, nein -- dazu besaß er zu viel Religion und zu wenig Courage -- -aber auszuwandern und sich irgend einen Platz auf der Welt zu suchen, wo es -erstlich einmal keine Eisenbahnen gab, und wo ein reisender Handwerksbursch -auch noch leben konnte, »wie sich's gehört und gebührt,« d. h. wo er ein -Terrain zum fechten und hinten aufsitzen fand. - -Mit dem Entschluß erst einmal im Reinen, hielt er sich denn auch nicht -lange bei der Vorrede auf, packte seinen Tornister, mit ein paar neuen -Stiefeln oben d'rauf, daß die blinkenden weißen Sohlen rechts und links -unter der Klappe vorschauten, ließ sich eine neue Zwinge an seinen dicken -Knotenstock machen, und ging danach auf die Polizei, um sein Wanderbuch -visirt zu bekommen. Ordnung muß nämlich sein, und ob er nun zu den Chinesen -oder Menschenfressern kam, sein Wanderbuch wollte er in Ordnung haben, denn -den Chinesischen Gensdarmen traute er gerade so wenig wie den Deutschen. - -Die Behörde besorgte ihm das auch. Gegen seine Auswanderung hatte sie, -merkwürdiger Weise Nichts einzuwenden, und visirte ihm sein Wanderbuch, auf -seine Anweisung, daß er nach Amerika, Australien und sonst wohin wollte, -gewissenhaft und wörtlich: - - »Nach Australien und weiter!« - -wonach er dann lustig und wohlgemuth in die Welt hinaus wanderte. - -Er hatte, als er die Stadt verließ, in der er zuletzt gearbeitet, den Hut -keck auf die eine Seite gerückt, was andeuten sollte, daß er sich aus ganz -Europa Nichts mehr mache, und mit dem buntgestickten Tabaksbeutel vorn im -Knopfloch baumelnd (einen Orden besaß er nicht, den er hätte hinein thun -können, und etwas _muß_ der Mensch doch im Knopfloch haben) mit außerdem -zehn Thaler siebenzehn und einen halben Silbergroschen in der Tasche, -meinte er, daß er nun die Welt durchwandern könne. -- Was weiß so ein -wasserdichter Hutmacher überhaupt von der Welt! - -Natürlich ging er gerade in einem Strich auf Hamburg zu, weil er gehört -hatte, daß von dort ab fast täglich Schiffe nach aller Herren Ländern -ausliefen, und man von diesem Hafen aus mit derselben Bequemlichkeit zu -den Botokuden wie zu den afrikanischen Baumaffen kommen könne. Wohin? blieb -sich aber vollständig gleich -- Hüte brauchten Alle oder konnten ihnen doch -wenigstens angepaßt werden, und er war von sich selber überzeugt, daß er -sein Fortkommen in irgend einem Land der Welt finden würde -- er müsse nur -erst einmal dort sein. - -»Der liebe Gott verläßt keinen Deutschen,« sagte er sich und mit dem -schönen Liedchen: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus -- Städtle -hinaus,« ließ er sich wahrlich kein Gras unter die Sohlen wachsen, und -wanderte, jede Eisenbahn von Grund seines gekränkten »wasserdichten -Hutmacherherzens« aus verachtend, zu Fuß bis in die ferngelegene -Hafenstadt, um sich dort nach einer womöglich wüsten Insel einzuschiffen. - -Er fluchte allerdings jedesmal still vor sich hin, wenn ein Bahnzug -vorüberrasselte, und die Leute darin aus den offenen Fenstern hinaussahen, -und über den wunderlichen Menschen lachten, der zu Fuß hinterd'rein -keuchte, während er doch hätte, für ein paar Groschen, so bequem darin -fahren können; aber Zacharias setzte den Hut bei solchen Gelegenheiten nur -noch immer schiefer, um seine Verachtung bildlich auszudrücken und wanderte -trotzig seines Weges, ohne auch nur einmal nach ihnen umzuschauen. - -Es ist überhaupt erstaunlich, mit welcher Genauigkeit sich menschliche -Gemüthsbewegungen und Charaktere nur allein durch die verschiedene Stellung -des Hutes ausdrücken lassen. - -»In den Augen liegt das Herz,« lautet ein altes, wunderschönes Lied, -aber es ist durchaus nicht wahr. Im _Hute_ liegt es, und der aufmerksame -Beobachter kann manchem Menschen nur allein durch den Hut direkt in's Herz -sehen. - -Wer z. B. den Hut recht gerade und steif auf hat, daß er ihm senkrecht -auf dem Wirbel des Kopfes sitzt, das _mag_ ein sehr guter rechtschaffener -Mensch sein, aber er ist jedenfalls nach _einer_ Richtung hin Pedant und -geht unausweichlich, vielleicht praktisch, doch unter jeder Bedingung steif -und trocken durchs Leben mit nicht einer Spur von Poesie. Ich gebe zu, daß -er ein ausgezeichneter Beamter und vortrefflicher Geschäftsmann sein kann, -aber ein guter _Gesellschafter_ ist er keinesfalls. - -Ein _klein wenig_ geneigt -- nach rechts oder links bleibt sich gleich -- -und welch' einem fabelhaften Unterschied begegnen wir hier. -- _Das_ sind -die besten und interessantesten Menschen, mit gerade genug leichtem Sinn, -um liebenswürdig zu sein und über das Nützliche einer Sache auch nicht das -Angenehme zu vergessen -- aber ja nicht zu viel -- den Hut zu viel auf -eine Seite bedeutet sehr großen Leichtsinn -- ein keckes Herausfordern -der Menschheit, um das sich gewöhnlich Niemand kümmert, Rauflust und -verschiedene andere schlimme Leidenschaften. Solche Menschen werden auf die -Länge der Zeit im Umgang unerträglich. - -Der Hut weit hinten verräth Sorglosigkeit, aber auch Behaglichkeit, mit -einer kleineren oder größeren Mischung von Eigendünkel. Leichtsinnige -Schuldenmacher und Speculanten sind geneigt den Hut in solcher Weise zu -tragen, und je weiter er nach hinten gerückt wird, desto gefährdeter ist -ihre Position. - -Dagegen deutet es Schwermuth und Niedergeschlagenheit, wenn der Hut, im -entgegengesetzten Fall, weit in die Stirn gezogen wird: düsteren Groll, ein -gepreßtes Herz oder gedrückte Lebensverhältnisse -- auch unsaubere Wünsche; -kurz der Hut zeigt den Menschen wie er wirklich _ist_, und Zacharias -Hasenmeier, der leichtsinnigste »wasserdichte Hutmachergesell,« der diese -Straße je passirt war, strafte mit seinem Hut keck auf dem linken Ohr diese -Theorie wahrlich nicht Lügen. - -Zacharias machte sich auch wirklich _keine_ Sorgen, und erst nur einmal mit -seinem Entschluß im Reinen hielt er alles Andere, was ihn möglicher Weise -betreffen, oder ihm hindernd in den Weg treten könne, für Nebensache -- und -doch hatte er gerade da, wo er die Hauptschwierigkeit fand, keine erwartet. - -Seine Begriffe von Reisespesen waren nämlich sehr unvollkommener Art, denn -wenn er sonst von einer Stadt zur anderen wanderte -- mochte sie auch noch -so weit entlegen sein -- so brachte er dorthin doch gewöhnlich noch immer -ein paar Groschen mehr mit, als er von Hause aus mit genommen, denn er -verstand die Kunst des Fechtens aus dem Grunde und wenig Familien, die er -ansprach, konnten sich rühmen ihn unbeschenkt entlassen zu haben. Darnach -berechnete er also auch die etwa zu zahlende Passage nach einem fremden -Welttheil, und fand sich hier in Hamburg sehr enttäuscht, als die Kapitäne -dort liegender segelfertiger Schiffe eine weit größere Quantität der -landesüblichen Münzsorte verlangten, um ihn als _Passagier_ aufzunehmen, -als er im Stande war aufzuzeigen -- selbst wenn er gewillt gewesen wäre, -sich zu diesem Zweck von seinem ganzen Capital zu trennen. - -Wo er an Bord kam, schüttelten die alten Seeleute mit dem Kopf und meinten, -das reiche nicht, und unnützes Volk könne man nicht Monate lang umsonst -an Bord füttern. Von dem Seedienst verstand er aber gar Nichts, Hutmacher -wurden nicht unterwegs gebraucht, und so blieb das Resultat auf allen -Schiffen dasselbe, so daß Zacharias, am Abend des zweiten Tages, den er -auf solche Weise verwandt, mit in die Stirn gezogenem Hut -- so keck er ihn -auch noch an dem Morgen auf dem einen Ohr getragen, in sein Wirthshaus nahe -am Hafen zurückkehrte, und sich mürrisch und der ganzen See grollend hinter -ein Glas etwas dünnes Bier setzte. - -Es war das eine der sogenannten Matrosenkneipen, in der fast nur Seeleute, -oder mit der Schiffahrt zusammenhängende Personen, wie Segelmacher, -Reepschläger etc. einkehrten, und es läßt sich denken, daß ein -Handwerksbursch mit Tornister und Knotenstock und einer richtigen -»Landschraube« auf dem Kopf nicht unbemerkt passiren konnte. Es war etwa -gerade so, als ob ein ausgespannter Stier hinaus in den Wald ging, und sich -einem Rudel Hirsche beigesellte, und die Matrosen steckten dann auch -bald die Köpfe zusammen, und flüsterten und lachten über den wunderlichen -Gesellen. Nachdem sie indeß ihren Spaß eine Weile gehabt, ohne daß er -weiter Notiz von ihnen genommen, wollten sie ihn auch aufziehen, aber -Zacharias war nicht auf den Kopf gefallen, und antwortete ihnen bald so -scharf und treffend, daß sie jetzt selber Vergnügen daran fanden, sich mit -ihm zu unterhalten -- doch freilich nicht bei einem Glas Dünnbier, dem sich -ihre ganze Lebensweise nicht zuneigte. - -Grog wurde bestellt, und da Zacharias nicht den geringsten Grund sah, -seine Absichten, die ihn hierher geführt, zu verheimlichen, so erfuhr die -Gesellschaft bald, daß er aus dem inneren Land käme und auswandern wolle, -aber kein Schiff finden könne, weil es ihm gerade am Besten fehle. - -Die Matrosen, meist immer gutmüthig gegen Fremde, sobald sie keine -Gelegenheit mehr finden sich über sie lustig zu machen, schlugen jetzt bald -das, bald jenes Schiff vor, das knapp an Mannschaft, vielleicht doch hätte -bewogen werden können, ihn mitzunehmen -- Zacharias schüttelte aber immer -mit dem Kopf, denn auf fast allen war er schon selber gewesen, und wenn -auch noch ein oder das andere da lag, auf dem er noch nicht nachgefragt, so -konnte er sich doch ziemlich genau denken, welche Antwort er dort bekommen -würde. -- Es war nicht der Mühe werth, es auch nur zu versuchen. - -»Sag' einmal Landsmann,« frug der Wirth, ein breitschultriger, -blatternarbiger Gesell, mit einer blauen, goldgestickten, aber entsetzlich -schmutzigen Mütze auf den scharf gekräußten braunen Haaren und dabei mit -ein paar kleinen verschmitzten Augen -- »wo willst Du denn eigentlich hin?« - -»Fort -- hinaus in die Welt,« erwiederte der wasserdichte Hutmacher -- -»wohin, ist mir vollkommen gleich, zu den Menschenfressern oder Kannibalen --- nur die Welt möcht ich sehen, und die verfluchten Eisenbahnen los -werden.« - -»So?« sagte der Wirth, »na, hast Du es denn da schon auf einem -Wallfischfänger versucht?« - -»Auf einem Wallfischfänger?« frug Zacharias erstaunt, »was ist das?« - -»Nun ein Schiff, das hinaus in die Südsee fährt und Fische fängt, und dabei -an allen Inseln anlegt, die es erreichen kann.« - -»=Damn it!=« rief da Einer der Matrosen, »da liegt gerade die »Seeschlange« -draußen im Fahrwasser, vor einem Anker und will morgen früh mit der Ebbe in -See gehen -- die braucht noch Leute, und nimmt was sie kriegen kann.« - -»Aber ich kann gar nicht angeln,« sagte Zacharias. - -»Angeln -- =hell=!« rief der Wirth, »zu angeln brauchst Du auch nicht, -und die nehmen Dich mit Kußhand, denn an Bord von einem Wallfischfänger -brauchen sie Leute zu allerhand und wenn's auch nur wäre, um einen -Schleifstein oder Schiemannsgarn zu drehen und Feuer unter den Kesseln zu -halten.« - -Die anderen Matrosen stimmten dem Wirth bei. Wallfischfänger waren in der -That die einzigen Schiffe, die Jeden annahmen, der sich auf ihnen verdingen -wollte, und dabei am Weitesten in der Welt herumkamen. An alle Inseln, -die sie nur erreichen konnten, fuhren sie hinan und segelten jetzt an der -Japanischen Küste -- dann wieder im Eismeer, und vier, fünf Monate später -zwischen den Corallen-Inseln der Südsee herum. Das aber war gerade -was Zacharias wollte, denn hätte er sich an _einer_ bestimmten Stelle -niedergelassen, so wäre ihm doch zuletzt nichts Anderes übrig geblieben, -als wieder zu arbeiten, und zu diesem _letzten_ verzweifelten Mittel, sich -eine Existenz zu sichern, wurde er noch immer zeitig genug getrieben. - -Einer oder der andere von den Leuten am Tisch hatte aber auch schon eine -Fahrt mit einem Wallfischfänger gemacht, und erzählte dann Wunderdinge, -was er da draußen gesehen: von den Meerweibchen und See-Greisen und den -Corallenhäusern, die sie in der See hätten, von fliegenden Fischen -und Palmen, die mit den langen Blättern in der Luft herum föchten, von -Schildkrötenjagd und dann dem lustigen Wallfischfahrerleben selber, wie sie -in Booten hinter den großen Fischen herruderten, ihnen die Harpune in -den Leib warfen und sie dann endlich todtstachen und einkochten, und den -ausgekochten Speck für ein enormes Geld verkauften. - -Zacharias saß mit offenem Mund daneben, und so gut wie ihm der Grog -mundete, gerade so gefielen ihm auch die wunderbaren Schilderungen dieses -fabelhaften Lebens, das die Matrosen -- einer solchen Landratte gegenüber --- denn auch noch tüchtig auszumalen wußten. Einer erzählte immer tollere -Geschichten als der andere, und als sie endlich fort wollten, ließ sie -Zacharias nicht und bestellte frischen Grog, nur um noch immer mehr zu -hören, und jetzt konnte er schon die Zeit nicht erwarten, daß es wieder Tag -würde, um sich auf einem solchen merkwürdigen Fahrzeug einzuschiffen, und -all das Wunderbare selbst mit zu erleben. - -Ein alter Segelmacher, der den tollen Erzählungen gelauscht, schüttelte -zwar mit dem Kopf, denn es that ihm leid, daß sie den armen Teufel mit -seinen verworrenen Ideen nur noch verrückter machten, und er meinte einmal: - -»Kamerad, nimm Dich in Acht. Wenn das wahr ist, was _ich_ von -Wallfischfängern gehört habe, so ist verdammt wenig Vergnügen und -heidenmäßige Arbeit dabei, und kriegst Du Einen von den Burschen zum -Kapitän, wie sie hie und da auf den Schiffen stecken, so wollte ich lieber -an Land irgendwo als Kettenhund in Condition treten, ehe ich mich an Bord -eines solchen Schiffes verdingte.« - -»Ach Unsinn, Mate,« lachte aber ein Anderer, »wenn das bischen Arbeit nicht -wäre, machte Einen ja die Langeweile auf der langen Reise todt.« - -»Na, wenn ihn weiter nichts todt macht, als die Langeweile,« nickte der -Segelmacher vor sich hin, »so kann er zufrieden sein -- mit Deckwaschen, -Garnspinnen, Theerstreichen, Kettenklopfen, Thran einschneiden und -auskochen und wie die angenehmen Beschäftigungen alle heißen, wird ihn die -nicht viel plagen. Aber meinetwegen Kinder,« sagte er, von seinem Stuhl -aufstehend und sein Glas zurückschiebend, »wer nicht hören will, -muß fühlen, und wenn er's denn nicht anders haben mag, wird ihm eine -dreijährige Lehrzeit auf einem solchen blutigen Kasten auch gerade Nichts -schaden -- viel Glück Mate und einen guten Fang --« und damit stieg er -langsam zur Thüre hinaus. - -Zacharias war wirklich ein wenig stutzig geworden, aber das Lachen und -Erzählen der Anderen trieb bald jeden solchen Gedanken aus seinem Hirn. -_Das_ war eine Landratte, die überhaupt nicht mehr auf's Wasser hinaus -mochte, und von dem lustigen Leben draußen wenig wußte. Nur _ein_ Bedenken -kam ihm noch -- er konnte nicht schwimmen, und wenn er nun einmal aus -dem Schiff herausfiel! Er theilte es dem neben ihm Sitzenden, der sich -überhaupt am Meisten seiner angenommen hatte, mit, der aber lachte gerade -hinaus: »Schwimmen?« rief er, »glaubst Du, Kamerad, daß Einer von uns -Allen, die wir zur See gehen, schwimmen kann? fällt uns gar nicht ein. Daß -wir uns etwa lange quälen müßten, wenn die Geschichte einmal schief geht, -nicht wahr? -- denken gar nicht daran. Fällt Einer über Bord, dann geht der -Steuermann in seine Cajüte und schreibt's in's Logbuch, und damit ist's -zu Ende -- lustig gelebt und fröhlich gestorben, das hat dem Teufel die -Rechnung verdorben,« und jubelnd stießen die wilden Burschen wieder mit -ihren Gläsern an, und immer neuen Stoff mußte der Wirth herbeischaffen. - -Endlich fingen sie an zu singen -- ganz schrecklich lange Balladen, die mit -ihren zahllosen Versen gar kein Ende nehmen wollten, und Zacharias -wurde schläfrig und wäre richtig eingenickt, wenn sich nicht eines der -Schenkmädchen, die bis dahin mit den Matrosen gelacht und getrunken, zu ihm -gesetzt und mit ihm geplaudert hätte. Die erzählte ihm jetzt aber auch, daß -der eine Wallfischfänger, der im Hafen läge -- und es war in der That nicht -der einzige -- nur auf Tageslicht und Ebbe warte, um die Elbe hinunter und -hinaus in See zu fahren, und wenn er die Zeit verpasse, könne er nicht mit -und müsse hier bleiben. - -Das machte ihn geschwind wieder munter, denn die Gelegenheit durfte er -nicht ungenutzt vorüber lassen; sie bot sich vielleicht so bald nicht -wieder. Das Mädchen wollte ihm noch einmal zu trinken geben, aber er -fühlte, daß er genug hatte, denn da draußen dämmerte schon wieder der Tag --- so lange geschwärmt zu haben erinnerte er sich gar nicht, verlangte -aber jetzt noch eine Tasse Kaffee, nahm sich dann ein reines Hemd aus dem -Tornister, um anständig vor dem Kapitän zu erscheinen, und ging, als es -vollständig hell geworden war, mit einem der Matrosen, der ihn begleitete, -zu dem bezeichneten Schiff. - - - - -Zweites Kapitel. - -Zacharias Hasenmeier hält es nicht an Bord aus. - - -Hatte er aber früher Angst gehabt, daß es ihm hier wie auf den anderen -Fahrzeugen gehen und der Kapitän ihn abweisen würde, so fand er sich -angenehm getäuscht, denn der brauchte allerdings Leute, und wenn er -zuerst auch genau so ein Gesicht schnitt, wie die Uebrigen, als er den -Handwerksburschen mit seinem Tornister und Knotenstock sah, so schien er es -doch wenigstens für möglich zu halten, einen Matrosen aus ihm zu machen. -Er sagte, er wolle es jedenfalls versuchen. Zacharias wurde sein Platz -angewiesen, wo er schlafen konnte, und mit dem Bewußtsein, jetzt endlich -sein Ziel erreicht zu haben, und einem neuen Leben entgegen zu gehen, hing -er dort seinen Rock an einen Nagel, hakte den Tornister darüber und -- war -eingezogen. - -Aber es schien auch die höchste Zeit für ihn gewesen zu sein, an Bord -zu kommen, denn in demselben Augenblick schon fast wurden die Segel -ausgespannt, und das Schiff fuhr den Strom hinunter und in die See hinaus. --- Wie das aber tanzte und schwankte und der arme Hutmachergesell, der -schon so viel von der Seekrankheit gehört, sich aber noch nie eine richtige -Idee davon gemacht hatte, sollte jetzt erfahren, wie das thue. - -Die ganze Welt schien sich mit ihm zu drehen; Alles wirbelte im Kreis herum --- er wußte nicht mehr was oben oder unten war, ob er auf dem Kopf oder auf -den Füßen stand. -- Er warf sich auf Deck nieder und breitete die Arme und -Beine aus, um nicht noch tiefer zu fallen, kurz, er befand sich in einem -Zustand, der sich wohl bedauern, aber nie im Leben beschreiben läßt. - -Wie lange er so gelegen, wußte er gar nicht, und nur das einzige Bewußtsein -war ihm dabei geblieben: der Wunsch zu sterben, um dieser Höllenpein, -diesem qualvollen und unerträglichen Zustand ein Ende zu machen. -- -- -Aber auch das ging zuletzt vorüber, das Schiff lag ruhiger, oder er fühlte -vielleicht auch die Bewegung nicht mehr so stark, und als er eigentlich -erst wieder ordentlich zu sich kam, befanden sie sich schon so weit draußen -in See, daß er, wohin er auch blickte, kein Land mehr erkennen konnte. Er -hatte seine Reise angetreten und ein Rückschritt war nicht mehr möglich. - -Aber ob er sich eine Seefahrt anders gedacht haben mochte; er fühlte -sich keineswegs behaglich und sehnte sich fortwährend danach, das ewig -schwankende Schiff nur erst einmal wieder unter den Füßen los zu werden, -und festen, sicheren Boden zu betreten. Reisen -- war _das_ Reisen, wo man -in einemfort, wie ein Sack, hin- und hergeworfen wurde, und den einen Fuß -nie vom Boden heben konnte, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, auf die -Nase zu fallen? Da marschirte sich's anders in seinen festen soliden -Pappelalleen und er bekam wieder das alte Heimweh nach seinem früheren -Leben. - -Und wenn sie ihn jetzt noch wenigstens zufrieden gelassen hätten, daß er -sich ordentlich ausruhen und das häßliche schwindliche Gefühl überwinden -konnte -- aber Gott bewahre; kaum machte er die Augen wieder auf, so -kam auch schon der Steuermann und stellte ihn an die Arbeit, und keine -Entschuldigung half, daß er noch hundeelend sei. - -Jetzt erfuhr er, daß der alte Segelmacher Recht gehabt, der ihm ganz genau -prophezeiht hatte, was ihn hier erwartete. Wo er schon außerdem schwindlich -war, mußte er noch eine große Schiemannsgarn-Winde oder gar einen schweren -Schleifstein drehen, daß ihm der Kopf immer mit dabei herum ging -- und -dazu sollte er fetten Speck essen und harten Schiffszwieback kauen -- so -ein Leben -- der Böse hätt's holen können, wenn es ihm recht gewesen wäre, -aber es war ihm nicht recht. - -_Arbeiten_ -- nun ja, er hatte in seinem Leben schon oft gearbeitet, und -einen Hut zu walken und zu bügeln thaten ihm vielleicht Wenige gleich, -aber was half ihm das _hier_? Statt des Bügeleisens bekam er einen alten -schmutzigen Sandstein in die Hände und mußte damit das Verdeck abschleifen, -und wenn das Deck nur wenigstens ruhig gelegen hätte, aber Gott bewahre; -auf und nieder gings und im Kreis herum mit ihm und dann kam auch noch der -Steuermann und hieb ihm mit einem Ende Tau eins hinten über, wenn er nicht -rasch genug kratzte, daß er die dicken Striemen fühlen konnte. - -O wie sehnsüchtig sah er jetzt über Bord, ob er nicht irgendwo Land -erkennen und aussteigen könne, denn _die_ Vergnügungstour hatte er schon -bis oben hin satt; aber nichts war zu entdecken als Himmel und Wasser und -immer weiter fuhren sie dabei in den großen Ocean hinein. - -Wenn er dabei auch geglaubt hatte, er würde sich mit der Zeit an die -Seereise gewöhnen, so fand er doch bald, daß er sich da schmählich geirrt. -Je länger er fuhr, je schlechter wurde es ihm zu Muthe, der Kopf brannte -ihm, als ob Feuer drinnen wäre, sein Magen revoltirte gänzlich gegen den -ekelhaften Speck und er hielt sich um so mehr für schlecht und nichtswürdig -behandelt, als es ausdrücklich in seinem Paß stand, daß alle Civil- -und Militärbehörden unterwegs ersucht wurden, ihn frei und ungehindert -passiren, auch ihm nöthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen -- und hier -sollte er sich behandeln lassen wie einen Hund? - -Er ging jetzt direkt zum Kapitän und verlangte wieder an Land gesetzt zu -werden, aber der sagte weiter nichts als: »geh zum Teufel!« und drehte ihm -den Rücken, und die Matrosen verhöhnten ihn und lachten ihn aus. - -Und jetzt begann der Sturm wieder zu toben; die Segel mußten eingenommen -werden, und das Schiff fing an zu tanzen, daß Zacharias manchmal meinte, es -müsse sich überschlagen, so hoch hob es sich vorn in die Höhe und fuhr dann -wieder in die Tiefe hinab, bis ihm ordentlich der Athem ausging und er Luft -schnappen mußte. - -Er wollte sich jetzt in sein Bett legen, denn auf den Füßen konnte er sich -doch nicht mehr halten, aber was half es ihm? Kaum war er hineingekrochen -und machte die Augen zu, so schlenkerte das Schiff nach der andern Seite -hinüber, und warf ihn wie ein Bündel alte Kleider an die andere Wand, daß -ihn alle Rippen im Leibe schmerzten. Wieder kletterte er hinein, hatte sich -aber noch nicht einmal ordentlich fest gelegt, als er noch unsanfter als -vorher hinaus geschleudert wurde, und jetzt bekam er's satt. - -»Nein,« schrie er, »so ein Hundeleben soll ja der Teufel holen -- ich thu' -nicht mehr mit,« und zugleich fuhr er in seine Kleider, zog sich fertig an -und nahm dann auch seinen Tornister vom Nagel, um ihn zu packen. - -Die alten Matrosen, die ganz gemüthlich in ihrer Hängematte schaukelten, -lachten, und frugen ihn, ob er an Land wolle und auch tüchtig lange -Wasserstiefeln habe -- aber er antwortete ihnen gar nicht, schnallte seinen -Tornister, mit den noch unbenutzten hellglänzenden Stiefelsohlen oben, -fest, knöpfte sich seinen Rock bis oben hin zu, setzte seinen Hut auf und -zog ihn sich vorn tief in die Stirn, holte seinen Knotenstock vor und -hing ihn sich mit dem Lederriemen an's rechte Handgelenk, sagte »adjes -miteinander« und stieg an Deck. - -Gegen Alles, was ihn nach Außen umgab, schien er völlig blind geworden, -nur an sich selber dachte er und die ihm hier gewordene nichtswürdige -Behandlung, und so schritt er denn auch fest und entschlossen auf den -Kapitän zu, der in seinen wasserdichten Kleidern auf dem Quarterdeck auf- -und abging, und die Augen auf das kleine Segel gerichtet hielt, das sie in -dem Wetter noch führen konnten. - -»Herr Kapitän, ich wollte Ihnen man blos Adjes sagen,« bemerkte hier -Zacharias, indem er seinen Hut abnahm und eine Verbeugung machte. - -»Junge,« rief der Kapitän, »wie siehst Du denn aus? Bist Du verrückt -geworden?« - -»Bitte,« sagte Zacharias, »wollte nur fragen, ob Sie sonst noch etwas zu -bestellen hätten.« - -»Aber wo willst Du denn hin? -- gehst Du etwa so schlafen?« lachte der -Seemann. - -»Auf die Wanderschaft will ich,« erwiederte aber Zacharias Hasenmeier, -indem er seinen Hut jetzt wieder keck auf ein Ohr stülpte, »also Adjes -Kapitain, leben Sie recht wohl, denn _die_ Wirthschaft hier hätt' ich -satt,« und damit drehte er sich um, der See zu, wo gerade eine riesige Woge -heraufgestiegen kam, daß sie mit dem hohen Hinterdeck vollkommen gleich -lief. Dort trat er auch ganz ruhig, als ob er ein festes Stück Grund und -Boden unter sich gehabt, auf das Wasser hinaus, und sank natürlich in -demselben Augenblick, wo er die Welle nur berührte, mit ihr in die Tiefe. - -Er wollte jetzt schreien, aber das ging nicht mehr -- oben hörte er nur -noch den wildverstörten Ruf: Mann über Bord, und wußte jetzt, daß der -Steuermann nun in seine Coje gehen und in sein Tagebuch schreiben werde: -Mittwoch den 13. August Nachmittags halb vier -- soviel Grad Länge, soviel -Grad Breite, Mann über Bord gegangen -- Zacharias Hasenmeier -- das war -seine Grabschrift und damit fuhr er ab -- tiefer und immer tiefer. - - - - -Drittes Capitel. - -Wie Hasenmeier den ersten Seegreis trifft. - - -Eigentlich war er selber sehr überrascht worden, als er hinaus aus dem -Schiff trat, dort erst merkte, daß er auf gar nichts mehr stand und zu -gleicher Zeit fühlte, wie ihm das Wasser nicht allein in die Stiefeln, -nein auch schon in die Halsbinde lief, und gleich darauf über seinem Kopf -zusammenschlug. - -»Du meine Güte,« dachte er, »das ist doch hier eine verzweifelte -Einrichtung mit den Chausseen, und wenn ich nach Hause komme« -- weiter -dachte er aber nichts, denn so rasch schoß er in die Tiefe, daß ihm -Luft und Gedanken ausgingen, während er umsonst versuchte, sich irgendwo -festzuhalten. Nicht einmal der bekannte Strohhalm war bei der Hand, -nach welchem sonst ein Ertrinkender gewöhnlich greifen soll, und er kam -eigentlich erst wieder zur Besinnung, als er sich gar nicht mehr besinnen -konnte, wo er sei und was mit ihm vorging. - -Da er aber keinen festliegenden Gegenstand mehr um sich her erkennen -konnte, fühlte er auch nicht mehr, daß er sank, und die ganze Welt kam ihm -nur in dem Augenblick wie eine riesige, grüne Glasflasche vor, in welcher -er eingestöpselt herumschwamm. -- Er wollte dabei Athem holen, aber das -ging nicht, denn sobald er den Mund aufmachte, lief ihm das Salzwasser -hinein, und trotzdem befand er sich wohl dabei, und es beschlich ihn eine -Empfindung, als ob er kaum so viel wiegen könne, wie ein Schneidergeselle -gleichen Alters. - -Wenn ihn aber während dieser Zeit nicht eine -- wie bisher irrthümlich -berichtete -- purpurfarbene, sondern weit eher Bouteillenglasfarbene -Finsterniß umgeben hatte, so bemerkte er jetzt zu seinem Erstaunen, daß -sich die Dämmerung augenscheinlich lichtete, Gegenstände umher wurden -sichtbar -- hie und da begegnete er einem riesigen Seeungeheuer, das sich -faul in seinem Element herumwälzte, und keine Ahnung von der Nähe eines -fremden Hutmachergesellen zu haben schien -- unangenehme Quallen und Blasen -trieben sich dort umher, und Fische sah er hier und dorthin schießen -- ob -_die_ aber _aufwärts_ fuhren, oder er _ab_wärts, war er nicht im Stand zu -sagen, denn seine ganze Aufmerksamkeit blieb in diesem Augenblick auf den, -unter ihm befindlichen Raum gerichtet, der mit jeder Secunde mehr aus der -dichten Finsterniß heraustrat, und mit einem ganz eigenthümlichen Licht -übergossen schien. - -So mußte es einem Menschen zu Muthe sein, der aus hoher Luft in einem -Ballon zur Erde niedersank, so daß unter ihm, je tiefer er kam, das weite -Land heller und klarer sichtbar wurde, bis sich endlich die einzelnen -Baumgruppen und Ortschaften und zuletzt Häuser und Menschen klar und genau -erkennen ließen. - -Dort lagen weiße, zackige Flächen, aus denen er nicht klug werden konnte, -denn sie sahen aus wie beschneit -- dort breiteten sich weite grüne Ebenen, -mit Thieren auf der Weide, dort standen Häuser, die in jenem wunderbaren -Licht funkelten und blitzten und in rasender Schnelle zu wachsen schienen. -Ehe Zacharias aber nur einen Ueberblick über das Ganze gewinnen konnte, -fuhr er plötzlich bis über die Kniee in weichen Sand hinein, blieb aber -nicht darin sitzen, sondern wurde wie von selber wieder herausgehoben. -- -Und was das für eine curiose Gegend war, in der er sich befand! - -»Jetzt -- wenn ich nicht auf Reisen wäre,« brummte er leise vor sich hin, -»sollt' ich meiner Seel' denken, _die_ Pappelallee führte nach Halle hinein --- aber puh, wo liegt Halle!« - -Er befand sich in der That in einer langen, schnurgeraden Allee, die -freilich aus den wunderbarsten Bäumen bestand. Sie sahen wohl so aus wie -Pappeln, hatten aber gar keine Blätter, sondern nur dünne elastische und -sich fortwährend bewegende Zweige. Gar nicht weit voraus aber lag ein -Haus -- er konnte das Dach im Lichte blitzen sehen und ohne sich lange -zu besinnen, marschirte er darauf zu. -- Aber sein Blick fiel dabei -unwillkürlich auf den Weg, in dem er auch nicht die Spur von einem -Wagengleis bemerkte -- mit den Extraposten sah es jedenfalls windig aus. - -Zu solchen Betrachtungen blieb ihm jedoch keine lange Zeit, denn viel -rascher als er gedacht, erreichte er das Haus. Und wie sonderbar leicht -sich das hier ging; den Tornister fühlte er fast nicht auf den Schultern, -die Füße nicht auf dem Boden, und der schwere Knotenstock hob sich bei -jedem Schritt immer ganz von selber wieder. - -Und da lag das Haus: es war aus rauhen Korallenblöcken aufgeführt, aber mit -den herrlichsten Perlmutterschalen gedeckt, und hatte Thüren und Fenster, -wie die Häuser an der Oberwelt -- die Fenster bestanden aber nicht aus -Glas, sondern aus Hausenblase und der Thürgriff war aus Bernstein, wie der -Thürklingelgriff aus einem Zahn des Spermacetiwals gemacht. - -Aber nur einen Blick warf er auf diese äußeren Baulichkeiten, denn zu -seinem Erstaunen bemerkte er jetzt, daß vor dem Haus, auf einer dort -angebrachten Austerbank, ganz gemüthlich ein menschenähnliches Individuum -saß, das ihn, anscheinend eben so überrascht, betrachtete. - -Es war eine kleine dicke Gestalt mit einer runden Schuppenmütze auf, aber -sonst wohl ganz kahlem Kopf und einem Gesicht, das weit eher einem Karpfen, -als einem menschlichen Wesen glich. Uebrigens hatte es Arme und Beine, nur -daß der untere Theil derselben an den Seiten Flossen zeigte, auch trug es -eine Art Schlafrock aus irgend einer Seegrasart geflochten, der um den Leib -mit einem Korallengürtel festgebunden war. - -»Gu'n Morgen,« sagte der Fischschwänzige ruhig, und Zacharias erschrak -ordentlich über die deutsche Anrede, aber alte Gewohnheit ließ vor der -Hand kein anderes Gefühl in ihm aufkommen, und seinen Hut schnell -herunterreißend, erwiederte er höflich: - -»Armer reisender Handwerksbursch; seit drei Tagen keinen warmen Löffel im -Leibe gehabt.« - -»Jemine Junge,« lachte da der kleine Dicke vergnügt, ohne aber in -die Tasche zu greifen, »das ist eine lange Zeit, seit ich keinen -Handwerksburschen hier gesehen habe. Wo kommst Du denn her? Bist Du erst -kürzlich ersoffen?« - -»Bitte,« sagte Zacharias, »so viel ich mich erinnere, noch gar nicht -- -ich habe meinen ordentlichen Paß bei mir, und wollte nur einmal sehen wie's -hier unten ausschaut -- sehr hübsche Gegend.« - -»So?« sagte der Kleine, aber dabei ungläubig mit dem Kopf schüttelnd, -»also Du bist _nicht_ ersoffen -- das ist doch eigentlich merkwürdig. Woher -kannst denn Du das Wasser vertragen?« - -»Entschuldigen Sie,« sagte Zacharias, der die Möglichkeit eines Geschenkes -noch nicht aufgab, und deshalb seine Höflichkeit bewahrte, »ich bin -wasserdichter Hutmachergesell und da --« - -»Ja so, das ist was Anderes,« nickte der Kleine, »aber Du bist noch nicht -lang hier, wie? -- gefällt's Dir hier bei uns?« - -»Muß schon sagen, daß mir's gefällt,« meinte der Hutmacher, »nur ein -Bischen feucht kommt mir die Gegend vor.« - -»Aber man gewöhnt's,« meinte der Kleine wieder, »ich wohne nun jetzt schon -etwas über zweitausend Jahr hier und befinde mich ganz wohl --« - -»Donnerwetter, das ist eine schöne Zeit,« rief Zacharias, »und darf man -fragen, was Sie eigentlich für ein Geschäft hier treiben, und wo Sie so gut -deutsch gelernt haben?« - -»Geschäft,« sagte der Kleine, »gar keins, ich bin Seegreis und beziehe -meine jährliche Pension, und Deutsch hab ich von meinen neuen Nachbarn -gelernt, die gar nicht weit von hier wohnen.« - -»Deutsche?« rief Zacharias erstaunt aus. - -»Ja wohl,« nickte Jener, »vor etwa fünfzig Jahren versank grad' über uns -ein großes Schiff mit lauter Deutschen, die nach Amerika hinüber wollten, -und die kamen denn grad herunter und siedelten sich da an. Wollen wir -einmal hinüber gehen?« - -Zacharias hätte gar nichts Erwünschteres angeboten werden können, denn der -kleine komische Kauz hatte ihm noch nicht einmal einen Schluck Branntwein -angeboten und er wußte, daß er bei Landsleuten jedenfalls besser behandelt -würde. Der Kleine stand aber indessen auf, schwamm in's Haus hinein, kam -aber gleich darauf wieder heraus und hatte, zu Zacharias' unbegrenztem -Erstaunen einen _Regenschirm_ unter der einen Flosse, den er dann -aufspannte und sagte: - -»So, nun kann's losgehen.« - -»Aber entschuldigen Sie,« meinte der Hutmacher, »brauchen Sie denn hier im -Wasser einen Regenschirm?« - -»_Regenschirm?_« sagte sein Begleiter, »einen _Schirm_ gewiß. Es fahren -hier jetzt in letzter Zeit so eine Menge Schiffe drüber weg und die Leute -darauf kehren sich den Henker darum, was sie über Bord werfen, so daß man -nie sicher ist einmal unterwegs einen zerbrochenen Teller, oder sonstige -Porzellan- und Glasscherben, alte Nägel und Gott weiß was, auf den Kopf zu -bekommen. Ich gehe deshalb nie ohne Schirm aus.« Und damit schwamm er ganz -behaglich die Allee entlang. - -»Was sind denn das nur für komische Bäume,« sagte Zacharias, der -nebenherkeuchte und kaum mitkommen konnte, »solche hab ich doch mein Lebtag -noch nicht gesehen.« - -»Bäume?« sagte der Seegreis, »da drüben stehen Bäume -- Korallenbäume -- -andere haben wir hier unten nicht. Das hier sind Polypen, die in Reihen -gepflanzt werden, weil's hübscher aussieht.« - -»Polypen -- 's ist die Möglichkeit,« rief Zacharias erstaunt aus, »wenn ich -wieder nach Hause komme, glauben sie mir's gar nicht.« - -»Nach Hause kommen,« sagte der Seegreis mit dem Kopf schüttelnd, »ich lebe -nun hier unten über zweitausend Jahr, kann mich aber nicht besinnen, daß -jemals irgend wer, der uns hier besuchte, wieder nach Hause gekommen wäre.« - -»Das ist bei uns gerade so,« rief Hasenmeier, »die ältesten Leute in einem -Orte wissen sich nie auf etwas zu besinnen -- aber entschuldigen Sie, -verehrter Seegreis, was ist denn das da drüben -- das sind ja komische -Thiere.« - -Rechts, wohin er zeigte, dehnte sich eine weite grüne Seegraswiese aus und -Hasenmeier bemerkte jetzt zu seinem Erstaunen, daß dort ein paar Hundert -große Schildkröten auf der Weide herumgingen, während der Hirt, oder die -Hirtin vielmehr, ein junges allerliebstes Seenixchen, wie er sie schon oft -hatte abgemalt gesehen, mit einem Seehund neben sich, sie überwachte. - -»Das ist ja ein allerliebstes Mädel,« fuhr der galante Hutmachergesell -fort, der sie schmunzelnd betrachtete, denn sie gefiel ihm ausnehmend, -»können wir nicht einmal dort vorüber gehen.« - -»Warum nicht?« erwiederte der Seegreis gefällig, »wenn wir nachher schräg -durch den Korallenwald halten, schneiden wir sogar ein tüchtiges Stück -Weges ab, denn die Colonie liegt gerade dort hinüber,« und ohne Weiteres -bog er rechts durch die Grasebene ein und hielt auf die kleine Nixe zu, die -neugierig aufschaute, als sie den komischen, wunderlichen Fremden bemerkte. - -Es läßt sich nicht leugnen, sie war eigentlich unanständig einfach -gekleidet, und trug nichts als ihre langen grünen mit Meerrosen -durchflochtenen Haare, aber die klugen großen Augen funkelten wie ein paar -Sterne, und der Arm, den sie ihnen entgegenstreckte, war weiß und zart wie -Elfenbein. Zacharias Hasenmeier fühlte auch, daß er hier die Gesetze der -Höflichkeit nicht außer Acht lassen dürfe. Er nahm also den Hut ab, und das -ihm schon aus alter Gewohnheit und mit der Bewegung zusammenhängende und -auf den Lippen schwebende »Armer reisender Handwerksbursch« gewaltsam -hinunter schluckend, sagte er mit größter Artigkeit: - -»Mein schönes Fräulein, äußerst angenehm ihre werthe Bekanntschaft zu -machen.« - -Die kleine Nixe sah ihn lächelnd an, was ihm Muth zu einer größeren -Freiheit machte: er hob also den Arm und wollte ihr mit dem Finger unter -das Kinn greifen, zog aber die Hand blitzschnell zurück, denn das kleine -Hirtennixchen, dessen Augen plötzlich einen grünen Schein annahmen, -schnappte danach mit den Zähnen und der Seehund knurrte und fuhr ihm auch -zu gleicher Zeit nach den Beinen. - -»Donnerwetter,« rief Hasenmeier zurückspringend, und hatte eben noch Zeit, -seinen Stock vorzuhalten, um wenigstens von dem Hund frei zu kommen. - -»Ja, die beißt,« lachte der Seegreis, »Du darfst ihr nicht zu nahe kommen.« - -»Das ist aber doch hier ganz anders als bei uns,« sagte Hasenmeier -bestürzt, »bei uns beißen die Mädels nicht.« - -»Ländlich, sittlich,« bemerkte der Seegreis, »aber laß uns weiter gehen, -siehst Du, dort fängt schon der Wald an.« - -Zacharias war nicht böse darüber, denn die kleine Nixe hatte auf einmal -alle Reize für ihn verloren, und er warf nur noch einen Blick auf die -wunderliche Heerde von Schildkröten, die auf ihren platten Bäuchen im -Seegras herumkrochen und unter Obhut der kleinen bissigen Hexe standen. -Vergebens sah er sich aber nach einem Wald um, denn das, worauf sie jetzt -zuschritten, glich weit eher einer überzuckerten Hecke, als was er sich bis -jetzt unter einem Wald gedacht. Als er aber hinein kam, sah er doch, daß es -große stämmige Korallenbäume waren, die ihre zackigen laublosen Aeste nach -allen Seiten hinausstreckten, so daß man kaum seine Bahn hindurch finden -konnte. - -Da blieb der Alte plötzlich unter einem der Bäume halten und zankte hinauf -und als Zacharias erstaunt dorthin sah, bemerkte er oben in den Zweigen ein -paar kleine Jungen, die sehr verdutzt zu sein schienen und sich hinter den -Aesten zu verstecken suchten. - -»Nichtsnutziges Gesindel,« schimpfte aber der Seegreis, »Ihr glaubt wohl, -ich seh Euch nicht? Wollt Ihr machen, daß Ihr herunter kommt, und wenn ich -Euch noch einmal dabei erwische, häng ich Euch bei den Flossen auf und -laß Euch eine Woche zappeln,« -- und rechts und links glitten die scheuen -Bengel jetzt, wie blitzende Fische, durch die Wipfel hinaus, in deren -Gewirr sie bald verschwanden. - -»Aber was haben denn die da oben gemacht?« sagte Zacharias erstaunt. - -»Was sie gemacht haben?« rief der Alte, »die Nester der fliegenden Fische -nehmen sie aus und saufen die Eier aus -- aber wartet, ich passe Euch auf -den Dienst, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Jetzt sind wir übrigens gleich -durch den Wald, -- siehst Du, dort drüben stehen schon die Häuser Deiner -Landsleute, und denen wollen wir nun einmal einen Besuch abstatten. -- Die -werden sich freuen, wenn sie Einen aus ihrem Lande zu sehen bekommen.« - -Der kleine Korallenwald wurde hier schon lichter und bald betraten sie -wieder eine offene Ebene, in der auf einem flachen Hügel, ganz nahe bei dem -Wald, die Ansiedelung der damals gescheiterten deutschen Auswanderer lag. -Daß sie aber zu Deutschen kamen sah Zacharias augenblicklich, denn die Wege -waren hier nicht allein vortrefflich in Ordnung gehalten, sondern er kam -auch bald darauf zu einem weiß und grün angestrichenen Wegweiser, dessen -Arm gerade nach dem Dorf hinüberdeutete, und auf dem die Worte standen: - - »Nach Seeburg, eine halbe Pfeife Tabak« - -was die Entfernung andeutete, in welcher sie sich von dem Ort noch -befanden. Hasenmeier mußte freilich die Beine tüchtig unter den Arm nehmen, -um mit dem Seegreis Schritt zu halten, der trotz seiner zweitausend Jahre -noch vortrefflich auf den Füßen schien, sie rückten dadurch aber auch rasch -näher, und nach kaum einer halben Stunde, nachdem sie den Wald verlassen, -erreichten sie die äußeren Einfriedigungen des Dorfes, das mit seinen -reinlichen Straßen vor ihnen lag. - -Allerdings hatten sie unterwegs noch ein paar Heerden von Seekühen mit -ihren Kälbern und auch Schildkröten getroffen, die ebenfalls von kleinen -allerliebsten Nixen gehütet wurden; der Hutmachergesell schien aber jede -Lust verloren zu haben mit ihnen anzubinden, und es drängte ihn jetzt -selber, wieder in »gesittete Gesellschaft« zu kommen. - - - - -Viertes Kapitel. - -Der Kampf mit der Seeschlange. - - -Was unseren Handwerksburschen wunderte, war, daß er noch gar keinen -Menschen auf der Straße sehen konnte, und er wollte sich eben deßhalb gegen -seinen Begleiter aussprechen, als hinter einer Korallenhecke, die hier -zum Einfassen der Gärten benutzt zu werden schien, plötzlich ein Gendarm -hervortrat, und den Handwerksburschen mit barscher Stimme nach seinem -Wanderbuch frug. - -»Herr, du meine Güte,« rief Hasenmeier überrascht aus, »haben sie denn hier -unten auch Gendarmen?« - -»Hast Du schon ein deutsches Dorf gesehen, mein Bursche,« rief aber der -Mann des Gesetzes trotzig, »wo _keine_ gewesen wären?« -- und in der That -konnten sich weder der zweitausendjährige Seegreis noch der Hutmachergesell -auf eins in der Geschwindigkeit besinnen -- »also mach' rasch, denn ich -habe keine lange Zeit.« - -»Das ist merkwürdig,« murmelte der Handwerksbursch erstaunt vor sich hin; -aber nicht gewohnt einer solchen Persönlichkeit gegenüber irgend eine -Widersetzlichkeit zu zeigen, warf er seinen Tornister ab, schnallte ihn auf -und suchte das Buch. - -»Ei du mein Herrgottchen,« rief er dabei, »Alles klatsche naß -- wenn hier -nur ein Platz wäre, wo man sein Zeug ein Bischen trocknen könnte.« - -»Trocknen?« sagte der Seegreis erstaunt, während der Gendarm es unter -seiner Würde hielt, mit dem reisenden Handwerksburschen ein Gespräch -anzuknüpfen, ehe sich dieser nicht vollständig legitimirt hatte -- »was ist -denn das?« - -»Was trocknen ist?« rief Zacharias, »das nehmen Sie mir aber nicht übel --« - -»Na wird's bald!« rief der Gendarm. - -»Entschuldigen Sie gütigst,« meinte der Handwerksbursch, »hat ihm schon --- hier verehrter Herr Gerichtsbehörde ist mein Paß -- Alles in Ordnung -- -Civil- und Militärbehörden werden ersucht, mich gefälligst --« - -»Schon gut,« unterbrach ihn der Mann des Gesetzes, indem er das Papier -wieder zusammenfaltete und seinem Eigenthümer zurückgab, »können sich hier -aufhalten, müssen den Paß aber beim Bürgermeister vorher visiren lassen.« - -»Beim Herrn Bürgermeister, haben Sie denn hier auch einen Bürgermeister?« - -»Ist das wieder eine dumme Frage,« brummte der Gendarm, »wo sechs Deutsche -zusammen wohnen, brauchen sie doch auch eine Obrigkeit; wofür sollte man -denn sonst nur Steuern erheben? -- Alles hier wie oben -- Alles genau so!« - -»O du lieber Himmel,« seufzte Hasenmeier, aber ganz im Stillen, denn was -er _jetzt_ dachte, durfte er nicht laut werden lassen, »und deshalb die -schreckliche Seereise gemacht.« - -»Hutmachergesell?« frug der Gendarm lakonisch. - -»Wasserdichter,« bestätigte Hasenmeier ebenso. - -»Gut -- können einmal meinen alten Filz wieder aufbügeln -- ist ein wenig -lappig geworden hier unten.« - -Zacharias warf einen prüfenden Blick auf den besagten Toilette-Gegenstand -und bemerkte allerdings, daß die Krempen des alten dreieckigen Filzhutes, -der einmal mit silbernen Borden besetzt gewesen, eine sehr trübselige Form -angenommen hatten. - -»Wird mir eine Ehre sein,« erwiederte er höflich, »aber wo finde ich den -Herrn Bürgermeister?« - -»Ist gerade auf der Jagd,« sagte der Gendarm, »können so lange in's -Wirthshaus gehen -- zum goldenen Haifisch.« - -»Wirthshaus?« rief Hasenmeier rasch, »alle Wetter, ist hier auch ein -Wirthshaus im Ort?« - -»Na, wenn ein Bürgermeister da ist, wird doch auch ein Wirthshaus da -sein,« sagte der Gendarm, »gleich dort neben der Kirche -- dem Haus mit dem -kleinen Thurm.« - -Hasenmeier schulterte vergnügt seinen Ranzen wieder und faßte seinen -Knotenstock fester, denn jetzt fing ihn sein Leben an zu freuen. Das Eine -nur genirte ihn, daß der Seegreis fortwährend um ihn herum schwamm, und ihn -dabei immer über die Achsel ansah. Was sollte denn das eigentlich heißen? -ob er sich vielleicht über ihn lustig machte, weil er sich hatte von dem -Gendarmen so anfahren lassen? Bah, was verstand so ein Seegreis davon; wie -Gendarmen behandelt sein wollten, das wußte _er_ besser, und sich an den -Alten gar nicht mehr kehrend, wanderte er vergnügt der bezeichneten Stelle -zu. - -Rechts und links standen Häuser, alle aus Korallenblöcken aufgebaut, und -mit breiten Muscheln, wie mit Schindeln gedeckt. Auch Trottoirs hatte -das Dorf, gar künstlich von Austernschalen gelegt, und an einer großen -Oekonomie kam er ebenfalls vorüber, wo in einem mächtig breiten Stall eine -Menge Seekühe mit ihren Kälbern standen, aber keinen einzigen Menschen -konnte er entdecken -- nirgends die Spur von Leben oder Thätigkeit, und das -Ganze fing schon an ihm unheimlich vorzukommen. War das Dorf ausgestorben, -und der Gendarm ganz allein zurückgeblieben? - -Jetzt hatte er das Wirthshaus erreicht -- fehlen konnte er's nicht, denn -ein großes Schild mit einem goldenen Haifisch verrieth den Platz schon von -Weitem, und rasch schritt er darauf zu, blieb aber ganz erstaunt in der -Thür stehen, als er das ganze Gebäude, das etwa noch einmal so groß wie die -gegenüberliegende Kirche sein mochte, gedrängt voll fröhlicher zechender -Menschen sah. - -»Ja, alle Wetter!« rief er erstaunt aus, »da wundert's mich freilich nicht -mehr, daß ich Niemanden in den Häusern gesehen habe, wenn sie Alle im -Wirthshaus sitzen.« - -»Mach' die Thür zu!« rief ihn aber der Wirth an -- eine große -breitschultrige Gestalt mit Pockennarben, dessen Gesicht ihm merkwürdig -bekannt vorkam -- »Donnerwetter das ganze Wasser läuft ja herein.« - -Hasenmeier zog rasch die Thür hinter sich zu und den Hut vom Kopf. - -»Armer reisender Handwerksbursch,« sagte er dabei mit kläglicher Stimme, -»bittet allerseits um ein kleines Geschenk.« - -»Hurrah, ein Handwerksbursch!« lachten und schrien aber die Gäste -durcheinander, und ein Toben entstand jetzt, wie es auf der Oberfläche der -Erde nicht natürlicher hätte aufgeführt werden können. - -Hasenmeier sah auch hier zu seinem Erstaunen, wie reichlich mit Getränken -und Speisewaaren versehen die Bewohner dieser unterseeischen Station sein -mußten, denn rings an den Wänden waren Massen von Fässern, mit allen nur -denkbaren köstlichen Weinen und Spirituosen aufgeschichtet, während neben -an, ein anderes weites Lokal die Speisekammer zu sein schien. Lange Zeit -ließen ihm aber die Insassen nicht zum Umschauen, denn von allen Seiten -wurden ihm Krüge und Gläser entgegengehalten, und Hasenmeier wußte gar -nicht, wo er zuerst zulangen sollte. - -»Wo habt Ihr nur alle die guten Sachen her?« rief er dabei, »Ihr lebt ja -hier wahrhaftig, wie der liebe Gott in Frankreich.« - -»Woher?« lachte der Wirth, »glaubst Du denn mein Bursch, daß alle die -guten Sachen verloren gehen, die uns die Schiffe herunter schütteln -- -Ladungsweise bekommen wir sie, daß wir manchmal gar nicht wissen wohin -damit -- aber jetzt trink aus, denn wir müssen fort.« - -»Fort? wohin?« frug der Handwerksbursch, der gar nicht daran dachte, sobald -wieder fortzugehen, »hier ist's doch hübsch genug.« - -»Ja es wird Zeit,« riefen aber auch die Anderen und holten jetzt aus Ecken -und Winkeln alle nur erdenkbare Arten von Mordwaffen, Lanzen, Spieße, -Flinten, Säbel, Pistolen und wer weiß was hervor. - -»Aber was ist denn nur los?« rief Hasenmeier, »wollt Ihr in den Krieg? -- -Donnerwetter, halten Sie mir die Flinte nicht so auf den Leib; das Ding -kann losgehen.« - -»Was los ist, Kamerad,« sagte der Wirth, »das sollst Du gleich wissen. Hier -ganz in der Nähe läßt sich nämlich seit einigen Monaten die _Seeschlange_ -blicken, und holt uns unsere Kühe und Kälber von der Weide, ja, hat neulich -sogar ein kleines Nixchen, das mit einer Muschel nach ihr warf, mit Haut -und Haaren aufgefressen.« - -»Und hat denn das der Gendarm gelitten?« frug Hasenmeier. - -»Ja, _die_ kehrt sich wohl an einen Gendarm,« lachte der Wirth, »nein, -wo wirklich etwas los ist, da müssen wir immer selber hinaus und uns Ruhe -schaffen, denn solche Bestien giebt's leider nur zu häufig in unserer -Gegend. Der Bürgermeister ist auch schon heut Morgen in aller Früh mit -seinen Hunden ausgegangen, um einmal abzuspüren und wenn wir dann wissen, -wo sie sich versteckt hält, wollen wir sie nachher schon kriegen.« - -»Na, dann will ich derweile ein Bischen hier bleiben und mich ausruhen,« -sagte Hasenmeier, dem Nichts ferner lag, als hier unten mit einer -Seeschlange anzubinden, da diese allen früher gelesenen Beschreibungen nach -ja ein ganz entsetzliches Beest sein sollte. - -»Möchtest Du wohl,« meinte der Wirth lachend, »ne mein Bursche, wenn Du -hier unten bei uns leben willst, gehörst Du auch mit zur Landwehr und mußt -ausrücken.« - -»Aber ich bin militärfrei,« rief Zacharias, »der Doctor hat mich untersucht -und erklärt, ich hielte die dreijährige Dienstzeit nicht aus -- und dann -bin ich auch auf dem linken Ohr taub.« - -»Papperlapapp!« riefen aber die Anderen, »das macht hier Alles Nichts -- -gebt ihm einmal eine Lanze oder sonst was und nun vorwärts, sonst schimpft -der Herr Bürgermeister.« - -Alle weiteren Gegenvorstellungen, daß er sich eine Blase unter den rechten -Fuß gelaufen, und den Rheumatismus im Knie hätte, halfen ihm in der That -Nichts. Sie schnallten ihm einen furchtbar großen Säbel um, der wohl einen -Fuß hinten nach schleifte und ihm, wenn er sich umdrehen wollte, zwischen -die Beine kam, und dann brach die ganze Gesellschaft auf, sammelte sich -draußen auf der Straße und marschirte nun in Reih und Glied, während ein -paar Jungen vorneweg auf Muscheln bließen, zum Dorf hinaus. - -Hasenmeier war bei der Sache nicht recht wohl. - -»Wenn ich _das_ gewußt hätte,« dachte er bei sich, »so wäre ich lieber -noch einen Tag an Bord geblieben,« aber es nützte ihm Nichts. Als -Vaterlandsvertheidiger mußte er mit in Reih und Glied marschiren, und dabei -auch noch vergnügt aussehen, wenn er nicht von seinen Nebenmännern verhöhnt -sein wollte. - -So zog der kleine Trupp, etwa vierzig Mann stark, durch die stillen Straßen -der Stadt, und Hasenmeier bemerkte wohl, daß hie und da verstohlen ein -Frauenkopf an die Fenster kam, um nach einem oder dem anderen der jungen -Lieutenants hinunter zu schielen; aber es blieb ihm auch nicht viel Zeit -zu solchen Betrachtungen, denn schon öffnete sich vor ihnen das weite Feld, -eine mit hohem Seegras bewachsene Wiese, in der ihnen jeden Augenblick die -gefürchtete Seeschlange unter den Füßen herausfahren konnte. - -Dort draußen bewegte sich jetzt eine menschliche Gestalt, die ihnen -zuzuwinken schien -- das mußte der Bürgermeister sein und die Muschelbläser -vorn wurden bedeutet, ruhig zu sein, denn man konnte ja nicht wissen, wie -nahe die Bestie versteckt lag. - -So rückten sie leise und geräuschlos vor, aber das Seegras war hier so -tief und verwachsen, daß Hasenmeier kaum darin fortkonnte und immer ärger -stöhnte und schwitzte. - -Der Herr Bürgermeister, der seine Flinte in der Hand hielt, suchte indessen -das nächste Feld ab und hielt plötzlich still und sah vorsichtig voraus. -Zacharias bemerkte jetzt, daß er ein paar große Seehunde bei sich hatte, -und der eine stand -- der Bürgermeister winkte, daß sie sich ruhig -verhalten sollten, und schritt leise vor. Der eine Seehund zog vortrefflich -an -- plötzlich fuhr ein Volk fliegender Fische aus dem Gras heraus und der -Bürgermeister machte eine famose Doublette nach rechts und links, während -die beiden Seehunde vorsprangen und jeder seinen Fisch apportirte. - -Hasenmeier, von dem ermüdenden Marsch durch das Seegras vollständig -erschöpft, war froh genug, einen, wenn auch nur kurzen Ruhepunkt zu -gewinnen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich dann auf -einen der nahebei befindlichen Korallenblöcke, die hier überall aus dem -Gras hervorschauten. Mit einem lauten Aufschrei sprang er aber auch schon -in demselben Moment wieder in die Höh', denn er hatte sich den Platz, auf -den er sich niederlassen wollte, vorher nicht genau angesehen, und sich -dabei mitten auf einen Meerigel gesetzt, der dort zusammengerollt lag. - -Die Anderen lachten, aber es war jetzt doch keine Zeit zur Kurzweil mehr, -denn der Bürgermeister kam heran und theilte den Leuten mit, daß er das -Versteck des Meerungeheuers aufgespürt habe. Es sollte zusammengeknäult -in einem kleinen Dickicht von Algen und Korallenbäumen liegen, die etwa -tausend Schritt von dort entfernt standen und deutlich von hier aus zu -erkennen waren. - -»Wer ist der Neue da,« sagte der Bürgermeister plötzlich und streng, als -sein Blick auf Hasenmeier fiel, »wo kommt er her?« - -»Bitte um Entschuldigung, Herr Bürgermeister, ich wollte nur --« stammelte -der Handwerksbursch. - -»Paß in Ordnung?« fragte der Beamte. - -»Alles -- wenn Sie erlauben --« - -»Nachher -- jetzt ist keine Zeit dazu,« wehrte aber der Bürgermeister -ab, der übrigens wie ein ganz gewöhnlicher Mensch aussah, nur daß er -Schwimmhäute zwischen den Fingern trug -- und Hasenmeier überzeugte sich -jetzt, daß dies bei allen Uebrigen ebenso der Fall war. Der Bürgermeister -aber fuhr fort: »Wir müssen das Dickicht umzingeln und dann zwei Mann -hineinschicken -- denn meine Hunde wollen nicht dran und ich mag sie auch -nicht riskiren. -- Zwei Mann, die das Beest aufstören und hinaus in's -Freie treiben -- und nun vorwärts marsch, damit wir nicht zu spät zum Essen -kommen.« - -Er hatte dabei sein Gewehr wieder auf eine ganz eigenthümlich rasche Art -geladen und fort ging's auf's Neue, gerade auf das furchtbare Dickicht -zu, dem Hasenmeier viel lieber, so weit er nur irgend gekonnt hätte, -ausgewichen wäre. Es lag ihm auch jetzt gar Nichts daran, daß sie so rasch -vorrückten, aber all diese verzweifelten Seemenschen schienen auf einmal -eine ganz entsetzliche Eile zu haben, und ehe eine Viertelstunde verging, -befanden sie sich dicht vor der Dickung, in welcher das Ungeheuer seinen -Mittagsschlaf halten sollte. - -Da winkte der Bürgermeister mit der Hand, denn die Seehunde drückten sich -scheu zwischen seine Füße -- ein sicheres Zeichen, daß die Bestie in der -Nähe sei. - -»Kameraden,« redete er die kleine Schaar an, »wir sind am Ziel. Da drinnen -liegt das Ungeheuer, das unsere Heerden und Hirten frißt, und nächstens -auch vielleicht einmal nach Seeburg hinein kommt, um Einen von uns zu -holen. Das müssen wir verhüten, denn ein solcher Satan respektirt nicht -einmal die Obrigkeit, also zieht Euch jetzt um das Dickicht herum und -thut Eure Pflicht, wenn der richtige Moment naht. -- Vorher aber zwei -Freiwillige vor, die kühn in das Dickicht hineinbrechen und den tückischen -Feind zum Weichen bringen -- dann läuft er uns nachher von selber in die -Hände. -- Also habt Ihr mich verstanden? -- _zwei Freiwillige_ vor!« - -Niemand rührte sich. - -»Na?« rief da Bürgermeister entrüstet, und fuhr Hasenmeier an, »Hast Du es -nicht gehört, Du Lump! Freiwillige vor! warum kommst Du nicht? soll ich Dir -etwa erst Beine machen?« - -»Aber bester Herr Bürgermeister,« rief Hasenmeier erschrocken, »als -wasserdichter Hutmachergeselle --« - -»Wirst Du Dein Maul halten und freiwillig vortreten oder nicht!« schnauzte -ihn da noch einmal der Schreckliche an und Hasenmeier sah eben keinen -anderen Ausweg als sich für das allgemeine Wohl zu opfern. Nur erst einmal -im Dickicht drin, wollte er aber schon Sorge tragen, daß er dem Seeungethüm -nicht zu nahe käme, denn es muthwillig aufzustören und böse zu machen, -daran dachte seine Seele nicht. -- Aber auch hierin sollte er sich -getäuscht sehen, da sich der Wirth selber als _zweiter_ Freiwilliger -meldete, und jetzt, dem Hutmacher auf die Schultern klopfend rief: - -»Und nun komm, Kamerad -- es ist Zeit. Donnerwetter, Du hast Dich doch -jetzt genug ausgeruht und die Seeschlange geht Dir sonst meiner Seel' -durch!« - -»Das wär' ein Unglück,« dachte Hasenmeier, aber was half's, vorwärts mußte -er, und sich den Hut verzweifelnd in die Stirn rückend, sagte er: - -»Na denn man zu, aber wenn das eine Behandlung ist für eine Civil- und -Militärbehörde, so will ich Schulze heißen« -- und mit den Worten sprang er -so rasch in das Dickicht hinein, daß ihm der Wirth kaum folgen konnte. -- -Am meisten störte ihn aber dabei der lange Schleppsäbel, der bald in den -Algen hängen blieb, bald zwischen seine Füße hineinkam, daß er darüber -hinstürzen mußte. Aber er achtete das Alles nicht -- vorwärts -- weiter -hatte er in diesem Augenblick gar keinen Gedanken, und ehe er nur recht -wußte, wie er dahin gekommen, stak er mitten im Dickicht drin und in einem -wahren Gewirr von Korallen und ekelhaften Seegewächsen. - -Da raschelte etwas vor ihm, deutlich konnte er sehen, wie sich die langen -grünen schleimigen Blätter bewegten, und in den Korallenästen krachte und -brach es, daß die bröcklichen Zweige herumstoben. Der Wirth, der dicht -hinter ihm war, faßte ihn jetzt an der Schulter und schrie ihm in's Ohr: - -»Auf! auf! Hutmacher. Zieh den Degen! sie kommt!« - -Hasenmeier wollte seinen Degen aus der Scheide reißen, aber es ging nicht --- die verwünschte Klinge war in dem Seewasser fest eingerostet. - -»Herr, du meine Güte!« schrie er, »das hat noch gefehlt.« - -Vor ihm hob sich ein furchtbares Ungethüm aus dem Gebüsch und sperrte -gierig den weiten, mit ganz entsetzlichen Zähnen bewehrten Rachen gegen ihn -auf -- heißer Dampf schoß daraus hervor, die kleinen grünen Augen blitzten -ihn mit funkelnder Wuth an, und schienen das ausersehene Opfer schon voraus -zu durchbohren. - -Nur den Säbel jetzt heraus, daß er sich gegen das Scheusal wehren konnte -- -mit der Linken hatte er die Scheide gefaßt, mit der Rechten riß er an dem -Griff, daß es ihm die Stirnader zu sprengen drohte -- der Säbel saß fest -- -noch einmal -- jetzt brach der Griff ab, als ob er von Glas gewesen wäre, -und mit einem jähen Sprung warf sich das Ungeheuer auf ihn und faßte ihn -mit den Zähnen. - -»Hülfe! Hülfe!« brüllte Hasenmeier und hörte nur noch wie der Wirth ganz -ruhig sagte: - -»Aber was schreist Du denn so, Hutmacher -- Donnerwetter, Mensch, Du -alarmirst mir ja das ganze Haus.« - -»Ja -- ja -- wo ist -- wo ist denn die Seeschlange?« rief Hasenmeier und -richtete sich erschreckt empor. - -»Die Seeschlange?« lachte der Wirth, »die soll wohl auf _Dich_ warten, die -ist mit der Ebbe ausgesegelt und schon aus Sicht.« - -»Die Seeschlange? -- aber Du meine Güte -- wo bin ich denn?« rief der arme -Teufel sich erschreckt die Augen reibend, »wo ist denn der Bürgermeister -und -- ich war doch? --« - -»Der Bürgermeister?« sagte der Wirth schmunzelnd, »von Civil- und -Militärbehörden hast Du genug gefaselt, aber jetzt wach' einmal ordentlich -auf -- es ist bald Mittag und das Mädchen will die Stube rein machen.« - -Hasenmeier saß in seinem Bett, aber im Kopf ging's ihm wie ein Mühlrad -herum -- da stand der Wirth aus dem goldenen Haifisch, und hier lag er in -einer fremden Stube im Bett, und von Seeschlangen, Algen und Korallen keine -Spur -- nicht einmal den Säbel hatte er umgeschnallt. - -»Aber wo bin ich denn, Herr Wirth,« rief er mit kläglicher Stimme, »was ist -denn nur mit mir vorgegangen?« - -»Was mit Dir vorgegangen ist, mein Bursche?« meinte der Blatternarbige, -»nichts Besonderes -- einen höllischen Rausch hast Du Dir gestern Abend -angetrunken und geschlafen wie ein Ratz und das tollste Zeug dabei -geschwatzt. -- Jetzt mach aber, daß Du heraus kommst, denn das Zimmer soll -gelüftet werden.« - -Zacharias Hasenmeier war wie vor den Kopf geschlagen. Die Erinnerung an -den gestrigen Abend stieg wohl dämmernd in ihm auf, aber Seegreise, Nixen, -Schildkröten und Seeschlangen schwammen dazwischen herum, und seine Reise -selbst -- war denn das Alles nur ein Traum gewesen? -- Angezogen wie er -gestern in das Wirthshaus gekommen, lag er überdieß im Bett -- nur die -Stiefeln hatten sie ihm ausgezogen -- nicht etwa _seiner_ Bequemlichkeit, -sondern des Bettes wegen und fast mechanisch griff er in die Tasche nach -seinem Geld. -- Herr du meine Güte, das war fort und -- das machte ihn -munter. - -Wie der Blitz sprang er auf und visitirte bestürzt alle Taschen -- nicht -die Spur davon war mehr zu finden. - -»Na was suchst Du Schatz?« sagte der Wirth, der ihn kopfschüttelnd -betrachtet hatte, »Deine Brieftasche?« - -»Nein, die ist da,« rief der Hutmachergesell -- »aber mein Geld -- zehn -Thaler 17½ Silbergroschen.« - -»So?« lachte der Blatternarbige, »einen ganzen Abend zechen und die -Gesellschaft traktiren und den Mädels Geld schenken und dann soll am -anderen Morgen auch noch die Baarschaft vollständig beisammen sein -- wäre -nicht übel. Einen solchen Geldbeutel wünschte ich mir auch.« - -»Ja aber,« stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn Alles bezahlt?« - -»Soweit es reichte, ja,« lautete die Antwort, »drei Mark zehn Schilling -bist Du aber noch schuldig, mein Bursch, und wenn Du die nicht zahlen -kannst, werde ich indessen Deine neuen Stiefeln als Pfand behalten.« - -Zacharias Hasenmeier saß, die Hände gefaltet, auf dem Bettrand und starrte -wie verloren vor sich hin. Fortwährend schüttelte er dazu mit dem Kopf, und -so wenig er im Anfang begriffen haben mochte, wie Alles zusammenhing, -kam er doch jetzt endlich zu der Ueberzeugung, daß er der unglückseligste -wasserdichte Hutmachergesell wäre, der je einer Pappelallee Fährten -eingedrückt. Er machte allerdings einen Versuch seinen Unwillen und sogar -einen Verdacht zu äußern, daß vielleicht nicht Alles mit rechten Dingen -zugegangen sei, aber der Wirth wurde, nur bei der geringsten Andeutung -dahin, so furchtbar grob, daß er das bald in Verzweiflung aufgab. - -Und jetzt? -- der Wallfischfänger, die »Seeschlange« war allerdings schon -an dem Morgen ausgesegelt; wäre er aber auch noch vor Anker gelegen, -Hasenmeier hatte, mit der Erinnerung an das Ausgestandene, alle Lust zur -Seefahrt und zu fremden Ländern verloren und dankte sogar noch Gott, als -er später in Hamburg selber Arbeit fand, um zuerst seine Stiefeln wieder -auszulösen und dann neues Reisegeld zu verdienen. Von Schiffen wollte er -aber Nichts mehr wissen und hütete sich von da an ganz besonders keiner -Matrosenkneipe wieder zu nahe zu kommen. - - - - -Das Hospital auf der Mission Dolores. - -Californische Skizze. - - -Es ist eine allbekannte Thatsache, daß viele Kirchen und Klöster, die nur -gebaut wurden, um Gott darin anzubeten, ihrem ersten, frommen Zweck nicht -immer erhalten werden konnten und die verschiedenste, oft nichts weniger -als heilige Verwendung fanden. Besonders in Kriegszeiten geschah -das häufig, wo die festen Mauern der Gotteshäuser wie die steinernen -Einfassungen der Kirchhöfe als Festungen und Verschanzungen benutzt wurden; -aber auch selbst im vollen Frieden trifft man hier und da Tempel und -Kapellen, zu denen kein Küster oder Sakristan mehr die Schlüssel führt, -sondern ein Markthelfer, weil man sie eben in Lagerhäuser oder Keller -umwandelte. - -Bei Buenos-Ayres besuchte ich einst, noch zu _Rosa's_ Zeiten, ein in der -unmittelbaren Nähe der Stadt gelegenes altes Kloster, das der Dictator -einem Stamm der Pampas-Indianer zum Wohnort und zugleich zu einem halben -Gefängniß angewiesen hatte, und in der Kapelle selbst lagerten die wilden, -halbnackten Gestalten der braunen Krieger, während der Altar noch die -Ueberreste einer, wohl zerrissenen und in Fetzen niederhängenden, aber -reich gestickten Decke trug. Das Außerordentlichste in dieser Art fand aber -doch wohl mit der dicht bei San-Francisco gelegenen californischen Mission -Dolores statt; denn so urplötzlich wurde nach der Entdeckung des Goldes das -Land von Einwanderern überschwemmt, und so rasend schnell folgte Schiff auf -Schiff, daß die Anlangenden gar nicht gleich untergebracht werden konnten -und alle Winkel und Räume schon vorhandener Gebäude füllten. - -Das alte Missionsgebäude, das bis dahin still und einsam in wenig mehr -als einer Wüste, und etwa drei englische Meilen von San-Francisco, der -Hauptstadt des Landes, ab gelegen, entging denn auch dieser Umwandlung -nicht. - -Es war ein mächtiges Gebäude, aus ungebrannten Backsteinen aufgebaut und -mehrere Stockwerke hoch, einen großen geräumigen Hof umschließend, während -in der Front nach der Bai zu die Kirche selber lag. Das ganze übrige -kasernenartige Haus hatten aber bis dahin nur eigentlich drei Menschen -bewohnt: der Geistliche, dessen alte Haushälterin, und eine Art Factotum -des katholischen Pfarrers, ein Deutscher -- und welche Veränderung brachten -da wenige Monate zu Stande! - -Kaum war das Gold entdeckt und die Nachricht von jenen fabelhaften Schätzen -zu gleicher Zeit fast über alle Welttheile verbreitet worden, als die -Einwanderung begann, und das benachbarte Mexico und die Vereinigten -Staaten zuerst ihre Schaaren hinüber sandten. Dann folgten die Bewohner der -Westküste und Sandwich-Insulaner, dann Australier und Europäer, und selbst -die Chinesen schwärmten herüber, um ihren Theil von dem Gold zu holen, und -reiche Leute zu werden. - -In San-Francisco sammelte sich natürlich Alles, aber nicht Jeder -führte Zelt oder Wohnung mit, und nun mußte die Nachbarschaft ebenfalls -unterbringen, was sie unterbringen konnte, da die einsetzenden Regen ein -Lagern im Freien nicht mehr gestatteten. -- Was wurde da aus dem alten -Missionsgebäude! - -Unten in einem der Flügel errichtete ein Deutscher eine Brauerei, mauerte -einen Kessel ein und fing an zu kochen. In der vorderen Flanke, -zunächst der Kirche, setzte sich ein Amerikaner fest und etablirte eine -Restauration, wobei er es bald zweckmäßig fand, eines der alten, großen und -öden Zimmer zu einem Tanzsalon umzuwandeln, in dem dann allwöchentlich ein -paar Fandangos gehalten wurden. - -Hierauf folgte ein Sohn der »grünen Insel« -- ein Ire, der an die andere -Seite noch eine gewöhnliche Branntweinkneipe setzte, und der Priester mußte -es sogar geschehen sehen, daß eine chilenische alte Señora mit fünf jungen -Damen, aber keinen Nonnen, in das alte Kloster einzog und nicht wieder zu -vertreiben war. - -Aber _noch_ nicht genug. Von Buenos-Ayres war ein portugiesischer Arzt nach -Californien gekommen, der in San-Francisco ein Hospital gründen wollte, -dort aber keinen Platz fand und sich nun ebenfalls auf die Mission -angewiesen sah. - -Er ritt hinaus, um mit dem Priester eine Verabredung zu treffen, fand -ihn aber nicht mehr, denn dem würdigen Herrn war der Lärm doch zu bunt -geworden, da sich in den letzten Tagen auf der einen Seite ein Schwarm -Indianer, und dicht unter seiner eigenen Wohnung auch noch eine Rotte von -Mexikanern eingenistet, die des draußen niederstürzenden Regens wegen gar -nicht mehr fortzubringen waren. - -Anfangs hatte er, um sich die Lästigen aus seinem eigenen Hause zu halten, -und nicht im Stande Gewalt anzuwenden, eine Anzahl Processe angestrengt, -aber nur zu bald sollte er die traurigen Folgen derselben kennen lernen, -denn er fiel dadurch einer ganzen Schaar von Geiern in die Hände, die alle -Zahlung von _ihm_ wollten, ohne daß sie das Geringste für ihn ausgerichtet -hätten. Da wurde ihm der alte Platz zu warm, und eines Morgens war er -spurlos verschwunden. - -Der portugiesische Doctor aber sah das als kein Hinderniß an. Da er -Niemanden fand, der ihm ein Quartier _vermiethen_ konnte, nahm er das -Gebäude selber in Augenschein, fand die Bodenräume zu einer Aufstellung von -Betten passend und quartierte sich dabei ganz ungenirt in der verlassenen -Priesterwohnung ein. Er war ein praktischer Mann, der recht gut wußte, daß -das Recht des _Besitzenden_ in diesem Land schwer anzutasten blieb. Schon -am nächsten Tag trafen auch eine Anzahl von Maulthieren mit Matratzen und -wollenen Decken ein, während mit höchster Fluth ein paar Wallfischboote, -mit einer Anzahl eiserner Bettgestelle befrachtet, den schmalen Canal, -der die Mission mit der Bai von San-Francisco verband, hinauf fuhren. Als -Aushülfe hatte sich der Doctor dabei die müßig im Haus liegenden Mexikaner -und Indianer gemiethet, und noch vor Sonnenuntergang standen zwanzig Betten -dort oben, unmittelbar unter dem schrägen, an vielen Stellen defecten -Ziegeldach auf dem offenen Boden, durch den der oft stürmische Wind nach -allen Richtungen hin seinen Durchzug hatte. -- Das war das _Hospital_, das -jetzt seiner unglücklichen Bewohner harrte. - -Die bisherigen Insassen des alten Gebäudes sahen allerdings mit nicht -geringem Erstaunen diese Vorbereitungen und schüttelten auch wohl den Kopf, -wenn die Vermuthung ausgesprochen wurde, daß dort hinauf _Kranke_ geschafft -werden sollten -- noch dazu mitten in der Regenzeit, wo man da oben und in -dem kalten Wetter nicht einmal ein Feuer anzünden konnte. Aber was war in -damaliger Zeit in Californien nicht möglich, noch dazu mit armen Teufeln, -die sich selber nicht mehr helfen konnten! - -Schon am zweiten Tag traf der erste Kranke ein, -- ein junger Matrose, -bewußtlos und todtenbleich, der von vier Leuten die steilen Treppen -hinaufgeschafft und in ein Bett gelegt wurde, Nr. 1. An dem nämlichen Abend -langte noch ein kranker Portugiese an und wurde in No. 2 des Amerikaners -Nachbar, und ehe eine Woche verging, waren von den zwanzig Betten schon -siebenzehn mit solchen Unglücklichen gefüllt, die in diesem »Hospital« kaum -besser als auf offener Straße lagen. - -Die Bewohner des Missionsgebäudes wollten jetzt allerdings gegen eine -solche Einquartierung protestiren, denn sie fürchteten nicht mit Unrecht -durch irgend eine gefährliche und ansteckende Krankheit selber bedroht zu -werden; aber es half ihnen Nichts. Das nämliche Recht, in dem alten Gebäude -zu wohnen, das die Gesunden für sich geltend machten, mußte auch den -Kranken werden, und welchen Ausgang gerichtliche Klagen in Californien -nahmen, hatten sie nur zu deutlich an dem eigentlichen Besitzer -der Mission, an dem katholischen Priester, gesehen, der durch die -_Gerechtigkeit_ des Landes von Haus und Hof getrieben worden war. - -Welch ein entsetzlicher Aufenthalt war es aber für die unglücklichen -Kranken selber, wenn der Regen auf die unmittelbar über ihren Köpfen -befindlichen Ziegel schlug und oft sogar auf ihre Kissen tropfte, und der -Wind dann durch all die tausend Ritzen und Spalten heulte und pfiff, -denn nirgends war der Ort, an dem sie sich befanden, auch nur durch eine -Bretterwand abgegrenzt, ja selber nach unten, zu der Brauerei führte nur -die vollkommen offene Bodentreppe, und von dort her stieg, wenn da unten -gebraut wurde und Feuer unter dem Kessel brannte, der dicke Qualm empor, -und sammelte sich da oben zu solchen Schwaden, daß man kaum seine Hand vor -Augen sehen konnte. - -Der Doctor wollte diesem Uebelstand allerdings abgeholfen haben und -beschwerte sich darüber bei den Brauern; aber was nützte ihm das? Die -Brauerei hatte dort früher bestanden als das Hospital, und Niemand ihn -gezwungen, seine Patienten dort unterzubringen. Allerdings schien sich -die Brauerei verpflichtet zu haben, ihre Abtheilung des Bodens, wenn es -je verlangt werden sollte, von der andern abzutrennen, aber es war nicht -bestimmt, durch was, und so zogen die Eigenthümer, da eine feste Wand gar -nicht zu bezahlen gewesen wäre, einfach dünnen Kattun querüber, und -durch den ließ sich der Qualm natürlich nicht abhalten; er drang überall -hindurch. - -So vergingen Monate. Viele, viele Unglückliche waren in diesen -entsetzlichen Aufenthalt geliefert, und nur sehr wenige gesund daraus -entlassen worden; oft und oft aber kletterten Morgens mit Tagesanbruch vier -oder sechs Männer, einen in eine Decke gewickelten Leichnam zwischen -sich tragend, die steile und schmale Holztreppe hinab und legten den -Verstorbenen unten auf dem kleinen Kirchhof, den die darüber hängende -Dachtraufe in der Regenzeit zu kaum mehr als einem Sumpf wandelte, in sein -kaltes, feuchtes Grab -- nicht einmal einen Sarg bekam er mit; der hätte zu -viel Geld gekostet. - -Und immer wilderes Leben füllte die weiten, trostlosen Räume des alten -Klosters, dessen Zimmer mehr Ställen und Kellern, als menschlichen -Wohnungen glichen. Die Brauerei war allerdings indessen aufgegeben, aber -an einen anderen Brauer verkauft, der nur noch nicht Besitz davon -ergriffen hatte, und noch zwei neue Schenkstände wurden, der eine von einem -Mexikaner, der andere von einem Amerikaner, eröffnet. - -Zu dem Amerikaner hatten sich die chilenischen Mädchen gezogen, und hielten -dort wilde Fandangos, zu welchen nicht selten das rohe Männervolk aus der -Umgegend gezogen kam, während die dort in der Nachbarschaft ansässigen -Californier mit ihren Frauen und Töchtern das Lokal des Mexikaners -benutzten; denn sie haßten die Amerikaner, die ihnen ihr Land genommen -und verkehrten nur wenig mit ihnen. Ohne Tanz konnten sie aber ebensowenig -bestehen, denn auf der Mission wohnten doch wenigstens zehn oder zwölf -californische Familien mit einer Anzahl erwachsener Töchter, und ganz -allerliebste Mädchen unter ihnen, denen die kleinen Füße schon zuckten, -wenn sie nur Musik hörten. - -Eine der hübschesten unter ihnen, und dabei unstreitig die beste, -zierlichste Tänzerin, war aber die Señorita Marequita, die Tochter eines -dort ansässigen und ziemlich wohlhabenden Viehzüchters, und sobald sie bei -einem der Fandangos zum Tanze antrat, wurden ihr nicht nur jubelnde Bravos -zugerufen, sondern es flog sogar, nach californischer Sitte, mancher -Silberdollar, ja manches Goldstück zu ihren Füßen nieder. - -Es konnte auch in der That nichts Lieblicheres geben, als dies junge, -bildhübsche Wesen den Fandango oder einen jener anderen spanischen Tänze -auszuführen zu sehen. Da bemerkte man freilich Nichts von dem unanständigen -Beinewerfen nachgemachter Spanierinnen, die sich bei uns produciren -- jede -Bewegung war züchtig, aber auch eben so graciös, und wie eine Elfe glitt -sie herüber und hinüber. Die Schönheit und Liebenswürdigkeit der jungen -Californierin war auch schon bis nach San-Francisco gedrungen, und häufig -kamen die Amerikaner heraus, um sie zu bewundern, ja selbst von den in -der Bai ankernden amerikanischen Kriegsschiffen trafen zu Zeiten einzelne -Officiere ein, und man erzählte sich, daß Einer von Diesen schon sogar um -ihre Hand angehalten habe. Aber er mußte mit einem Korb abgezogen sein, -denn er ließ sich seit jener Zeit nicht mehr auf der Mission blicken, und -die Californier selber zeigten sich danach nur noch soviel stolzer auf ihre -Landsmännin, daß sie in keine Verbindung mit dem verhaßten amerikanischen -Stamm gewilligt hatte. - -Marequita wußte aber auch noch einen anderen Grund, weßhalb sie den -freundlichen Worten des jungen Officiers nicht gelauscht, denn ihr Herz -war schon seit Monden nicht mehr frei, und sie erröthete tiefer und tanzte -befangener, wenn ein junger Franzose, Jerome -- wie er von den Kameraden -genannt wurde, den Tanzsaal betrat, und ihr in der ersten Zeit nur mit -schüchterner Zurückhaltung die Hand zum Gruße bot. Nach und nach schien er -aber doch dreister geworden zu sein, denn er besuchte die Mission häufiger, -und jetzt auch sogar das Haus in dem Marequita's Vater wohnte, und faßte -zuletzt sogar Muth genug, Diesen um die Hand seiner Tochter zu bitten, -was der Californier vor allen Dingen mit einer Frage nach seinen -Vermögensverhältnissen beantwortete. - -Mit diesen stand es freilich nicht -- wenigstens nach californischen -Ansprüchen so, daß beide Theile hätten damit zufrieden sein können. Der -junge Franzose besaß allerdings ein paar hundert Thaler Geld, aber -Du lieber Gott! was wollte das in einem Lande sagen, wo man manchmal -ebensoviel zu einem Souper verbrauchte, und das Resultat lautete denn auch -demzufolge: der Vater würde gegen eine Verbindung des jungen Mannes mit -seiner Tochter nicht das Geringste einzuwenden haben, wenn -- Don Jerome -nur erst einmal nachzuweisen vermöge, daß er im Stande wäre einen eigenen -Hausstand zu beginnen und eine Frau zu ernähren. Das sah Don Jerome denn -auch ein, nahm zärtlichen Abschied von dem lieben, unter Thränen zu ihm -auflächelnden Kind, kaufte sich Handwerkszeug und schiffte sich frohen -Herzens nach Sacramento ein, um oben in den nördlichen Minen sein Glück -zu versuchen und so rasch als irgend möglich ein reicher Mann zu werden. -Aehnliche Beispiele kamen ja alle Tage vor, und weßhalb sollte _ihm_ das -Glück nicht ebenso günstig sein als tausend Anderen, die es noch dazu nicht -einmal verdienten oder zu benutzen verstanden, weil sie fast regelmäßig -auch das Gewonnene gleich wieder an Ort und Stelle vertranken oder -verspielten. - -So vergingen wieder mehrere Monate. Der Sommer war vorüber, und die -Regenzeit setzte aufs Neue ein, ohne daß Briefe von Jerome gekommen wären, -und er hatte doch so fest versprochen dann und wann zu schreiben und -Nachricht über sich und seine Erfolge zu geben. Aber das junge Mädchen -fühlte sich dadurch eben nicht sehr beunruhigt, denn die Postverbindung -zwischen San-Francisco und den Minen war eine noch so unvollkommene, und -ruhte außerdem fast ganz in Privathänden, daß man auf den richtigen Empfang -eines abgesandten Briefes nie rechnen konnte. Es kam sogar grade in dieser -Zeit sehr häufig vor, daß derartige Leute, die übernommen hatten Briefe und -Geldsendungen zu besorgen, entweder unterwegs überfallen und todtgeschlagen -oder beraubt wurden, oder auch selber mit den ihnen anvertrauten Geldern zu -Schiff und durchgingen. - -Ja sogar in San-Francisco lag das Postwesen noch derart im Argen, daß -irgend ein Fremder, wenn er vorgab beauftragt zu sein, Briefe abzuholen, -auf dem Bureau sich aussuchen und mitnehmen durfte, was er wollte, -- waren -doch die Beamten nur froh, dadurch wieder ein Packet unbestellbarer und -ihnen lästig werdender Briefe aus ihren Fächern zu bekommen. Ob die Briefe -je an ihre Adressen befördert wurden, was kümmerte es sie, sobald sie nur -das Porto dafür erhielten. - -Auf der Mission hatte sich indessen Manches in sofern geändert, als die -Verbindung mit San-Francisco eine weit bessere und leichtere geworden war. -Früher mußte man die drei Meilen durch knöcheltiefen Sand Hügel auf und ab -waten oder reiten, während Fuhrwerke nur mit Mühe und Noth ihren Weg durch -den schweren Boden verfolgen konnten, und jetzt hatten die unternehmenden, -thätigen Yankees eine breite, ebene, mit Planken durchaus belegte Straße -gebaut, auf der das Fuhrwerk dahinrollte, wie auf einer Eisenbahn. Ueberall -auf dem Weg ließen sich dabei Ansiedler nieder, theils auf den späteren -Werth der Grundstücke speculirend, theils um gleich jetzt Wirthshäuser und -Branntweinschenken zu errichten. - -Auch mit der Mission selber war eine Veränderung vorgegangen, indem -sich dort einige amerikanische Ackerbauer niedergelassen hatten und zum -erstenmale den Pflug in den Boden brachten. Das Land erwies sich auch in -der That viel fruchtbarer als man geglaubt, und es zeigte sich später als -eine ganz vortreffliche Speculation, das Getreide, das man bis dahin mit -schwerem Geld hatte in weit entfernten Hafenplätzen kaufen müssen, hier -gleich an Ort und Stelle selbst zu bauen. - -Dabei waren auch, um die Mission herum eine Menge von neuen Häusern -theils schon entstanden, theils noch im Bau begriffen und ein reges -Leben herrschte auf dem sonst so stillen und einsamen Platz. Nur das alte -Missionsgebäude mit seiner buntgemischten, wunderlichen Bevölkerung lag -noch wie früher träumend unter seinem defecten Ziegeldach, und wenn es auch -seine Bewohner zeitweilig wechselte, blieb die _Art_ des Verkehrs darin -doch noch für lange Zeit die nämliche. - -Der Besuch des Hospitals war allerdings ein geringerer geworden, weil man -indessen in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt ein anderes und besseres -gebaut hatte. Da übrigens der Doktor von seinen bis dahin enormen Preisen -herunterging und billigere Bedingungen stellte, so wurden ihm doch noch von -Zeit zu Zeit einzelne Patienten ausgeliefert, deren Mittel entweder -nicht ausreichten, oder für welche Andere zu sorgen hatten, wobei sie die -Vorsicht nicht versäumten, so wenig als möglich Auslagen zu haben. - -In den Minen waren auch grade außergewöhnlich viel Krankheiten vorgekommen, -denn so gesund das californische Klima an und für sich sein mochte, so -trug doch die wilde, unregelmäßige Lebensart, wie die schwere, für Tausende -ungewohnte Arbeit viel dazu bei, besonders hitzige Fieber zum Ausbruch zu -bringen, die für die davon Betroffenen nur zu häufig aus Mangel an Pflege -und ärztlicher Behandlung einen schlimmen und tödtlichen Ausgang nahmen. - -Wie mancher arme Teufel, der mit goldenen Hoffnungen und Träumen in das -Land gekommen, erhielt dort oben Nichts als sechs Fuß Erde und einen -Steinring um das enge Grab, auch wohl noch ein rohes Kreuz mit dem Beil -in den nächsten Baum eingehauen -- das war Alles. Und daheim seine Lieben -sorgten und ängstigten sich vielleicht noch Jahre lang um den Geschiedenen, -mit sehnenden Herzen seiner Rückkehr harrend, und schrieben und frugen an -bei Behörden und Regierung. Umsonst -- wer kannte die Namen der Todten, die -überall zerstreut unter den Eichbäumen des weiten Landes lagen -- wer hatte -je nach ihnen gefragt! - -Glücklich waren noch Solche zu schätzen, welche Krankheit nicht allein -und einsam in der Wildniß traf, und welche Freunde fanden, um sie aus den -Bergen und Schluchten hinaus wieder in den Bereich der Civilisation und -ordentlicher Pflege zu bringen. Allen aber half das freilich auch nicht; -Viele starben schon unterwegs, Andere lebten gerade lange genug, um den -Hospitalkirchhof zu erreichen, und Wenige, o wie entsetzlich Wenige von -alle den armen hülflosen und gebrochenen Menschen konnten wieder soweit -gebracht werden, mit gekräftigtem Körper ihre Arbeit auf's Neue zu -beginnen! - -Eins aber büßten _Alle_ ein: das mitgebrachte Gold -- denn eben nur mit -Gold wurden in damaliger Zeit Arzneien aufgewogen und ein tüchtiger -Arzt hatte seine beste und einträglichste Mine in den Krankheiten seiner -Patienten. Was lag den Kranken auch an dem ausgewaschenen und erbeuteten -Gold? -- wo sie das gefunden, gab es mehr, und wenn ihr Körper nur seine -alte Kraft wieder erlangte, alles Andere war nicht der Rede werth. - -Draußen am langen Werft hatte auch heute wieder das von Sacramento kommende -Dampfboot angelegt, und nachdem die Passagiere das Schiff verlassen, -schafften die Matrosen noch ein paar schwer kranke Miner an's Land, oder -vielmehr auf die Spitze des über eine halbe Meile langen Werftes hinaus, -legten sie dort, in eine wollene Decke gewickelt, auf die Planken und -kehrten dann an Bord zu ihrer Arbeit zurück. Die Freunde oder Kameraden der -Leidenden mochten jetzt sehen, wie sie allein mit ihnen fertig wurden. - -Zwei der Unglücklichen waren Amerikaner und ihr Kamerad lief das Werft -entlang, um irgendwo eine Karre aufzutreiben, auf der er sie in ein -Kosthaus, oder auch vielleicht in das Hospital schaffen konnte. Der Dritte -schien ein Fremder, -- sein Begleiter, der sich zu ihm überbog und einige -Fragen an den halb Bewußtlosen richtete, sprach französisch mit ihm. Ein -paar Yankee's, die auf dem Werft herumschlenderten, blieben neben den -Beiden stehen und frugen endlich theilnehmend, was dem Armen fehle. - -»O Gentlemen,« sagte der Franzose in sehr gebrochenem Englisch, »Fieber --- schweres Fieber -- Phantasieen, viel Phantasieen. Hab' ihn gefragt -- -Landsmann von mir -- wohin er gebracht sein will -- bin selber fremd hier --- vor einem Jahr nur zwei Stunden in San-Francisco gewesen -- Er sagt -Nichts -- nur Mission Dolores -- weiter kein Wort.« - -»Ist es Dein Kamerad?« - -»Nein -- habe ihn gefunden auf Dampfboot krank -- sehr krank -- weiß nicht, -wie er heißt -- aber Landsmann --« - -»Also Mission Dolores sagt er?« frug der andere Amerikaner. - -»=Toujours= -- =ever= -- kein anderes Wort.« - -»Dann will er auch in das Hospital auf der Mission geschafft sein,« sagt -der Andere -- »dort ist ein Hospital, das ein Fremder hält, ich weiß nicht, -ein Spanier oder Franzose -- er spricht jedenfalls französisch und hat -Viele von Euren Landsleuten oben.« - -»Und wo liegt die Mission?« - -»Gleich dort drüben, um die Landspitze herum -- rechts hinein geht ein -schmaler Kanal, in den Ihr bei Fluthzeit einfahren könnt. Wenn ihr ein -Boot miethet, bringt Euch das ganz bequem bis ziemlich dicht an's -Missionsgebäude, und dort fragt nur nach dem Hospital -- jedes Kind zeigt -Euch den Weg dahin.« - -»Dank' Euch -- dank' Euch vielmals,« nickte der Franzose, der sich des -armen todtkranken Landsmanns in der That erst unterwegs angenommen hatte, -weil er sah, daß sich Niemand sonst um ihn bekümmerte. Keine Seele an Bord -wußte auch, wie es schien, etwas von ihm. Er war allein und allerdings -schon krank auf den Dampfer gekommen und hatte sich, nachdem er seine -Passage bezahlt, in seinen Mantel gewickelt, auf Deck niedergeworfen; dort -mußte das hitzige Fieber erst in ihm ausgebrochen sein, und von da ab war -er auch nicht recht wieder zur Besinnung gekommen, um Rechenschaft über -sich zu geben. - -Sein Landsmann aber ließ ihn nicht im Stich, wie denn überhaupt die -Franzosen in fremden Welttheilen besonders treu zu einander halten und uns -Deutschen dabei mit einem -- freilich selten beherzigten -- guten Beispiel -vorangehen. Er miethete ohne Weiteres eines der dort am Werft liegenden -Boote, und da es gerade die günstige Zeit war, um die Mission Dolores zu -Wasser zu erreichen -- fast die höchste Fluth, -- so hoben sie den -Kranken in das Boot hinab und ruderten ihn, von der Strömung noch außerdem -begünstigt, rasch die Bai hinauf, um Rincons Point hinum und in den -schmalen Kanal hinein, dessen Landungsplatz kaum mehr als zweihundert -Schritt von der Mission selber entfernt lag. - -Der Franzose wußte sich hier, da er keine Seele am Ufer fand, auch nicht -anders zu helfen, als daß er den Kranken noch unten im Boot ließ und -indessen selber hinauf zum Arzt ging, um mit Diesem Rücksprache zu nehmen. - -»Konnte der Kranke für seine Pflege und ärztliche Behandlung zahlen?« -war die erste, vorsichtige Frage Desselben, die der Franzose dahin -beantwortete, daß er an dem Gürtel seines Landsmannes, unter der Blouse, -einen Lederbeutel mit Gold gefühlt habe. Der Mann kam aus den Minen und -führte jedenfalls das dort Erworbene bei sich. Das genügte. Der fremde Arzt -wußte recht gut, daß er sich im Fall einer mißlungenen Kur selbst bezahlt -machen konnte, und hatte in solchen Fällen schon die Erbschaft von -verschiedenen Kranken angetreten, deren Familien nicht ausfindig gemacht -werden konnten -- wenigstens nicht ausfindig gemacht _wurden_. Er sandte -auch augenblicklich seine Krankenwärter hinunter, die den Patienten herauf -holen mußten, und der junge Franzose begleitete den Armen dann noch die -Treppe hinauf bis an sein Bett und schauderte freilich, als er den elenden -Aufenthalt entdeckte, der dem Armen von jetzt ab Heilung geben sollte. - -Das Hospital hatte sich auch in der That nicht -- seit der Errichtung -desselben -- zu seinem Vortheil verändert, denn damals waren die Betten -doch noch wenigstens neu und reinlich gewesen -- und wie sahen die jetzt -aus! - -Es war vorgekommen, daß einzelne Kranke, die noch die Kräfte besaßen, -wieder die Treppe hinunter schwankten und dann erklärten, lieber wollten -sie auf Gottes freiem Erdboden, als dort oben in jenem entsetzlichen -Aufenthaltsort liegen bleiben -- aber das geschah doch nur im Verhältniß -sehr selten und da Eines von diesen verwöhnten Subjekten eines Abends -wirklich den Platz verließ und noch ein Stück den Hang hinan unter einen -einzeln stehenden Baum kroch und dort in der Nacht starb, so wurde -dieses Beispiel später etwa Widerspenstigen immer mit dem besten Erfolg -vorgehalten. - -Der junge kranke Franzose sah Nichts von seiner ganzen Umgebung; er wurde -bewußtlos die Treppe hinan- und auf ein Bett getragen, dort genau von dem -Doktor untersucht und dann zugedeckt. Der oben auf Wache befindliche Wärter -bekam hierauf die Ordre, den Doktor augenblicklich zu rufen, sobald der -letztgekommene Patient -- Nr. 14, wie er nach seinem Bette genannt wurde --- erwache; aber der Doktor brauchte nicht wieder an dem Tage gestört zu -werden, denn Nr. 14 kam nicht zur Besinnung, phantasirte nur stark und -schwatzte eine Menge tollen Zeuges, rief auch ein paarmal einen spanischen -Frauennamen, und lag dann Stunden lang regungslos mit geschlossenen Augen -da. Ein furchtbares Fieber schüttelte seine Glieder, und der Kopf glühte -ihm, daß es fast seine Stirnadern zu sprengen drohte. - -Am nächsten Tag erwachte er allerdings, zeigte sich aber als ein sehr -unruhiger und auch unbequemer Gast, denn sein Geist schien zu wandern und -er wollte auf und davon. Die Wärter hielten ihn zurück und der Doktor wurde -gerufen; er verordnete, daß man den Patienten an sein Bett festbinden und -ihm kalte Umschläge machen solle. Er wehrte sich dabei wie rasend, aber -es half ihm Nichts; es wurde weitere Hülfe herbeigeholt, und kaum eine -Viertelstunde später lag er, an Händen und Füßen festgeschnürt, auf seinem -Schmerzenslager, während ihm einer der Wärter, mit einem Stalleimer voll -Wasser neben sich, nach der Verordnung des Arztes nasse Tücher um den Kopf -legte. - -Der Gebundene lag eine Zeitlang still; die kühlen Umschläge schienen ihm -gut zu thun -- aber das dauerte nicht lange. Sobald er sich nur wieder -einmal regte und die ihn haltenden Bande fühlte, so brach auch seine Wuth -von Neuem aus. Er tobte und wand sich umher und schrie dabei, daß man es -weit über die ganze Mission hören konnte, und die Frauen und Kinder -sich davor fürchteten. Dieser Zustand dauerte viele Tage und Wochen -und Jedermann dort wußte und erzählte sich, daß ein sehr bösartiger -Geisteskranker oben im Hospital untergebracht sei und dem Doktor viel -zu schaffen mache. Wo er herstamme und wer er sei, darum kümmerte sich -Niemand; wer hätte auch all die Leute kennen wollen, die von Ost und -West und Süd und Nord nach Californien geströmt waren, um dem Boden seine -Schätze zu entreißen? Es war eben ein »Fremder«, und das Wort entsprach -in damaliger Zeit allen Bedürfnissen, die man sonst vielleicht empfunden -hätte, nach Namen und Stand zu forschen. - -Auf das eigentliche tolle Leben in der Mission hatte dieser unheimliche -Gast jedoch nicht den geringsten Einfluß. In beiden Flügeln des großen -Gebäudes wurde ruhig fort musicirt und getanzt, und wenn auch einmal in -einen ihrer Fandangos ein wilder, gellender Schrei hineintönte, so schraken -die jungen Mädchen wohl zusammen und sahen sich scheu einander an, aber die -Instrumente fielen dann nur um so rauschender und tönender ein und der Tanz -verlangte sein Recht. Was hätte es auch dem armen Kranken da oben geholfen, -wenn sie ihre Lust unterbrechen wollten? Dort wo er lag, konnte er nicht -einmal die Musik hören, keinenfalls aber dadurch gestört werden. - -Marequita hatte sich indessen in der ersten Zeit, nachdem Jerome sie -verlassen, ziemlich fern von den sonst so häufig besuchten Fandangos -gehalten. Sie kam wohl dann und wann hinüber und tanzte ein- oder zweimal, -ließ sich aber nie verleiten länger zu bleiben, und verließ selbst ihr Haus -nur selten. -- Aber wie monoton war das Leben auf der Mission, wenn man -sich auch noch die so spärlichen Vergnügungen versagen wollte, die von Zeit -zu Zeit ein unschuldiger Tanz bot. Jerome ließ gar Nichts von sich hören; -er hätte doch gewiß einmal schreiben können, wie es ihm ging, und ob er -Hoffnung habe, bald zurückzukehren. Von allen Minen trafen außerdem Händler -oder Goldwäscher in San Francisco ein, und wie leicht wäre es ihm gewesen, -Einen von Diesen zu bewegen, ihnen Nachricht zu bringen. Aber Niemand ließ -sich sehen -- Niemand, und der Vater Marequita's frug _viele_ Menschen aus -den verschiedensten Distrikten; Keiner von alle Diesen wußte freilich etwas -von einem Franzosen Jerome, oder hatte je von ihm gehört; war es denn -ein Wunder, daß ihr zuletzt die Zeit lang wurde und sie den Bitten -ihrer Freunde und besonders des jungen tanzlustigen Volkes nicht mehr so -hartnäckig widerstand? Und wie jubelten ihre Landsleute nicht allein, nein, -auch die Fremden, wenn sie sich wieder im »Saale« zeigte! Welche Triumphe -feierte sie! und manchen Abend mußte sie die ihr geworfenen Dollarstücke -sogar in der Mantille nach Hause tragen, weil sie das viele Geld gar nicht -mehr in den Händen halten konnte. - -Heute war der Vater wieder in San-Francisco gewesen und hatte dort, -zum ersten Mal, so oft er sich auch schon erkundigt, einen Franzosen -gesprochen, der Jerome genau kannte und sogar mit ihm gearbeitet hatte. Der -aber behauptete, Jerome sei glücklich in den Minen gewesen und schon vor -langen Wochen nach San-Francisco zurückgekehrt, wo er, wie er ihm erzählt, -heirathen und ein kleines Hotel gründen wollte. Seit dem Tage aber habe er -ihn natürlich nicht mehr gesehen, und wenn er sich jetzt nicht in der Stadt -befinde, müsse ihm doch am Ende ein Unglück zugestoßen sein. - -»Aber welches?« - -Du lieber Gott! aus den Minen zurückkehrende Goldwäscher wurden aber gar -nicht etwa so selten von nichtsnutzigem Gesindel angefallen, todtgeschlagen -und beraubt; Dampfbootkessel waren außerdem geplatzt, Boote zusammengerannt -und gesunken. Er konnte auch San-Francisco glücklich erreicht und dort sein -ganzes gewonnenes Gold am ersten Abend verspielt haben -- wie oft geschah -das! -- und dann stak er jetzt vielleicht schon wieder oben in den Bergen, -um sein Glück von Neuem zu erzwingen. Das Letztere schien auch in der That -das Wahrscheinlichste, denn leicht gewonnenes Geld wird selten geachtet, -und verschwindet oft rascher als es erlangt wurde, und die also Betrogenen -schämen sich dann stets, ihren Leichtsinn einzugestehen. - -Marequita weinte, als ihr der Vater die Kunde brachte -- also das wäre die -Liebe gewesen, die ihr Jerome geschworen, daß er das schon in den Händen -gehaltene Glück auf trügerische Karten setzte, und ihr nicht einmal Kunde -von seiner Rückkehr gab? Dann aber brauchte sie sich auch nicht mehr um den -leichtsinnigen Menschen zu grämen, oder ihm gar ihre Jugend zum Opfer zu -bringen. -- Heute Abend war großer Fandango -- die Offiziere eines in der -Bai ankernden spanischen Kriegsschiffes hatten zugesagt, die Mission zu -besuchen -- lag es doch auch gerade dem Kanal gegenüber, und das junge -Mädchen beschloß, sich heute Abend dem Tanz wieder mit der alten, -unermüdeten Lust hinzugeben wie vordem. - -Allerdings machte der Wirth auch die größten und ganz außergewöhnliche -Anstalten, um die einst weiß gewesenen, trostlos nackten Wände seines -Lokals für das Fest so freundlich als möglich zu decoriren, und ein Dutzend -Indianer waren schon seit Tagesanbruch beschäftigt gewesen, grüne Büsche -jenes lorbeerartigen Baumes, der in Masse an den nächsten Hängen wuchs, -herbeizuschleppen, und den ganzen Raum in eine Laube zu verwandeln. -Ueberall wurde gehämmert und gebohrt und recht unheimlich drang zu diesen -Vorbereitungen einer frohen Lust manchmal das Geheul des Wahnsinnigen -herunter, so daß sich der Wirth noch für den Abend eine große Trommel -und zwei Trompeter extra bestellte, um mit der rauschenden Musik die -unglückseligen Laute zu übertäuben. Er hätte das aber nicht nöthig gehabt, -denn schon gegen elf Uhr schwiegen die Aufschreie -- kein Ton wurde mehr -gehört und bald brachte auch ein Krankenwärter die Nachricht herunter, der -Unglückliche, der ihnen die letzten Wochen so viel zu schaffen gemacht, sei -vor etwa einer halben Stunde plötzlich auf sein Lager zurückgefallen und -gestorben. - -»=Grazias a Dios!=« rief der Wirth, »Gott sei seiner armen Seele gnädig -und gebe ihr den ewigen Frieden, aber ich bin froh, daß wir ihn los sind, -=amigo=, denn das Geschrei war kaum noch zum Aushalten und ich selber schon -im Begriff, den sonst so bequemen Platz zu verlassen, um mich wo anders -anzusiedeln. Jetzt stört er uns auch heute Abend die fremden Gäste nicht, -und die jungen Damen besonders werden dem Himmel danken, daß sie sich nicht -mehr vor dem Tollen zu fürchten brauchen.« - -Das war auch in der That ein reges Leben heute auf der Mission, und -noch dazu Sonntag und prachtvolles Wetter, so daß ganze Schwärme von -Lustwandelnden und Reitern und Wagen aus San-Francisco herüber kamen, um -den Nachmittag hier draußen zuzubringen. - -Und wie stolz betrachtete sich indessen der Wirth seinen so stattlich -herausgeputzten Ballsaal, in welchem höchstens die Mittel zur Beleuchtung -etwas zu wünschen übrig ließen. Aber Gas gab es freilich nicht, und -Stearinkerzen, auf Leuchter mit Reflectoren von weißem Blech gesetzt, -mußten da aushelfen. - -Uebrigens dachte das tanzlustige Volk gar nicht daran, den Abend zu -erwarten, um die Lustbarkeit zu beginnen; wozu sollten sie den ganzen -schönen Tag versäumen? und der Wirth hatte wirklich Mühe, sie nur so lange -zurückzuhalten, bis er seine nöthigsten Arbeiten im Innern beendet hatte, -denn daß er nachher keinen Moment Zeit dafür behielt, wußte er gut genug. - -Es war vier Uhr Nachmittags, als zwei Jöllen mit Offizieren von dem -spanischen Kriegsschiffe abstießen und dem Lande zuruderten, und zugleich -begannen auch die Musici als Introduction einen lustigen Marsch zu spielen, -um die willkommenen Gäste damit zu empfangen. -- In derselben Zeit drückte -der Arzt da oben dem Todten die Augen zu und die Krankenwärter lösten ihm -die bis jetzt noch immer gefesselten Arme und falteten ihm die Hände auf -der stillen Brust, wuschen ihn auch und kämmten sein volles, lockiges Haar, -das ihm bis jetzt wirr und wild um die Schläfe gehangen hatte. Dann -wurden die Wärter hinunter auf den Kirchhof gesandt, um ein Grab für den -Unglücklichen auszuwerfen. Heute war es schon zu spät geworden, aber morgen -mit dem Frühesten sollte er beerdigt werden, denn länger konnte man ihn -unmöglich dort oben zwischen den Lebenden lassen. - -Draußen schaufelten, unmittelbar neben dem alten Missionsgebäude, die -Männer das schmale Grab aus, und inwendig spielten mit Trommeln und -Trompeten die Musici den lustigen Marsch und plauderten und lachten die -jungen Mädchen mit einander, sich des schönen Tages freuend. Auch zu ihnen -war wohl die Kunde gedrungen, daß der Wahnsinnige gestorben sei, aber auch -sie freuten sich darüber, denn lange genug hatte er sie fürchten gemacht -und auch wohl bös erschreckt, wenn manchmal mitten in der Nacht sein -gellender Aufschrei zu ihnen herübertönte. Das war jetzt vorbei -- aber -es dachte Keine von ihnen länger als einen flüchtigen Augenblick an den -Unglücklichen; andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, denn dort kamen -die fremden Offiziere in ihren prächtigen Uniformen schon über den niederen -Küstenhang vom Ufer herauf, und der Tanz nahm ihre ganze Aufmerksamkeit -vollständig in Anspruch. - -Indessen sammelte sich das »Volk« vor dem alten Missionsgebäude, und es -war in der That wunderlich anzusehen, welche bunte Mischung von Stämmen -und Trachten sich hier zusammen gefunden hatte. Das schienen auch nicht die -Bewohner einer einzigen Stadt, die sich hier an einem Sonntag Nachmittag -versammelten, das glich weit eher einem Carneval, der die Repräsentanten -aller Zonen und Welttheile für kurze Zeit vereinigte, und _alle_ Zonen, -- -mit Ausnahme vielleicht der kalten -- waren wirklich vertreten. - -Hier stand eine Gruppe von Yankees, in dem unvermeidlichen schwarzen Frack, -den hohen Cylinderhut weit nach hinten auf den Kopf gedrückt, die Hände in -den Taschen und goldene Uhrketten, Tuchnadeln, Hemdknöpfchen und Berloques -eingehakt. Dazwischen drängte sich ein kleiner Schwarm von Chinesen herum, -in ihren blauen Kattunjacken und weiten weißen Hosen, die langen Zöpfe -wohl geflochten und gepflegt. Südsee-Insulaner waren da, die scheu und -verwundert auf dem fremden Boden umhergingen, und oft nur in ihrer -eigenen Sprache zusammen plauderten und lachten, wenn ihnen etwas gar zu -Absonderliches in die Augen sprang -- Mexikaner mit den, an der Seite bis -oben hin aufgeschlitzten und mit silbernen Knöpfen besetzten Sammethosen -und den kurzen, ebenfalls so garnirten Jacken, den breitrandigen -Wachstuchhut auf dem Kopf; Californier mit ihrem langen, in den -prachtvollsten Farben gewebten Ponchos, die ihnen fast bis auf die Knöchel -hinabreichten und die ganze Gestalt verhüllten. Deutsche, Engländer, -Franzosen, Irländer, Backwoodsmen in ihren ledernen Jagdhemden, die -lange Büchse noch auf der Schulter, wie sie gerade über die Felsengebirge -gekommen waren; Chilenen in den kurzen Ponchos, Neger und Mulatten in allen -Schattirungen, und dazwischen die aus den Minen oft mit schweren Beuteln -voll Gold zurückgekehrten Goldwäscher in den phantastischsten Costümen, -die sich nur denken lassen -- abgerissen in ihren Kleidern auf das -Entsetzlichste, mit geflickten Hosen und Jacken, mit zerrissenen Stiefeln, -und Hüten, die Monate lang am Tag der Sonne und dem Regen getrotzt und -Nachts dann als Kopfkissen gedient hatten. Und in kleinen Gruppen standen -dabei die Eingebornen des Landes, die eigentlichen, rechtmäßigen Herren des -Bodens, und doch vielleicht die einzigen, vollständig Besitzlosen in der -ganzen Masse, die ihr Leben jetzt durch Tagelohn kärglich fristen mußten. - -Welch bunte Völkermischung trieb sich auf dem engen Platz umher, und dieser -schlossen sich nun auch noch die spanischen Marine-Offiziere in ihren -blitzenden, goldgestickten Uniformen an und vollendeten eigentlich erst das -bunte, wunderliche Bild. Aber die rauschende Musik zog sich auch bald zu -dem eigentlichen Knotenpunkt des Vergnügens hin, und so öde der Platz da -drinnen sonst gewöhnlich aussah, so freundlich schien er ihnen heute nicht -allein durch das frische Grün der Zweige, das die Wände deckte, nein auch -durch die vielen, lieben Mädchengestalten, die sich hier versammelt hatten -und jetzt nun verschämt und doch auch wieder mit vor Vergnügen blitzenden -Augen des Tanzes harrten. - -Wo alle Theile so willig waren, dauerte es aber auch nicht lange, bis er -begann, und wie nur die kriegerischen Töne des Marsches schwiegen und in -die allbeliebte muntere Weise des Fandango übergingen, hatten sich -rasch einige gleichgesinnte Paare gefunden, die zusammen antraten -- und -Marequita war unter ihnen und ihr Tänzer einer der jungen Offiziere. - -Es gab allerdings damals noch wenig Frauen in Californien, denn das wilde -Leben im ganzen Lande bot noch keinen rechten Grund und Boden für eine -Familie. Was deshalb von Amerika oder Europa an weiblichen Wesen herüber -gekommen war, gehörte nur den Klassen an, die sich darin wohl fühlen -konnten, und dazu hatte Chile die größte Zahl gestellt. Die Fremden, wenn -sie wirklich anständige Damengesellschaft suchten, blieben deshalb allein -auf die hier ansässigen Californierinnen angewiesen. - -Zu _diesem_ Fandango hatte übrigens auch die weite Nachbarschaft ihre -schönen Gesandtinnen hergeschickt. Die Mission selber stellte fünf -allerliebste Mädchen, und nicht allein befand sich gerade ein Besuch von -Pueblo San-José hier, der drei reizende junge Damen aufweisen konnte, es -waren auch noch flinke und hübsche Tänzerinnen theils vom Präsidio, theils -von Sanchez Rancho angekommen. Ja selbst von der Mission San-Rafael hatten -sich zwei junge Damen eingefunden. - -Allerdings wären wohl noch immer am heutigen Tage auf eine Tänzerin mehr -als zwanzig Tänzer gekommen, wenn sich Alle hätten dabei betheiligen -können, aber die »Fremden« verstanden ja nicht den Fandango und seine -verwickelten und doch so graziösen Touren, und nur die Chilenen, deren -Sambacueca die größte Aehnlichkeit damit hat, durften es wagen, Theil daran -zu nehmen. Sonst blieb der Boden, mit Ausnahme einiger Franzosen, die sich -rasch hineingefunden, den Spaniern, Californiern und Mexikanern, und -da stellte sich denn doch kein so bedeutendes Mißverhältniß in der Zahl -heraus. - -Kopf an Kopf gedrängt standen aber die Zuschauer wenigstens auf der einen -Seite des Saals und im hinteren Theil desselben, nur eben genügend Raum -für die Paare lassend, während die andere Seite, an welcher sich auch die -Musici befanden, der einen Thür wegen, frei bleiben mußte, da der Wirth -nur durch diese aus- und eingehen konnte. Seine durstigen Gäste verlangten -Erfrischungen, denn die Hitze im Saal war fast erstickend. Wie aber die -Nacht einbrach, änderte sich das, denn die meisten heutigen Besucher -der Mission kehrten in ihre Wohnungen nach San-Francisco zurück, und die -Yankees besonders bekamen es auch satt, allein ruhige Zuschauer bei einem -Tanz abzugeben, den sie nicht einmal verstanden und deshalb auch nicht -schön finden konnten. Dies ruhige Herüber- und Hinüberschweben gefiel ihnen -nicht; es war, so anmuthig die Damen es auch ausführen mochten, doch viel -zu monoton für sie und sie vermochten nicht einmal dem Takt zu folgen -- ja -wenn es ein tüchtiger »Reel« oder eine »Hornpipe« gewesen wäre, der hätten -sie mit Hacken und Fußspitze schon Nachdruck geben wollen! - -Die Miner und das übrige Volk hielten ebenfalls nicht viel länger aus, -denn es gab keine Spielzelte auf der Mission, keinen Platz, auf dem sie -ihr Glück versuchen, und das mühsam ausgegrabene Gold in leichter Weise -verdoppeln -- oder auch verlieren konnten, und sie verließen einzeln -oder in Trupps die Mission wieder, um zu den Spielhöllen der Plaza -zurückzukehren und sich der Aufregung des Monte hinzugeben. Viele Mexikaner -thaten das Nämliche, aber die Chilenen, obschon dem Hazardspiel ebenso -ergeben, hielten aus, auch die Offiziere der spanischen Fregatte wichen -nicht vom Platze, ebensowenig die dort ansässigen oder benachbarten -Californier, und der Raum blieb immer noch gefüllt, wenn er auch nicht mehr -wie den Nachmittag über, gedrängt war. - -Je mehr dabei die spanischen Gäste mit den jungen californischen Damen -bekannt wurden, desto lebendiger gestaltete sich der Tanz, und Alles schien -zu wetteifern, um neue und piquante Touren zu erfinden. Die Königin des -Festes blieb aber, trotz vieler bildhübschen Rivalinnen, Marequita, der -ihr Tänzer fast nicht mehr von der Seite wich, und bald war sie die -Ausgelassenste und Lebendigste von Allen, und übertraf sich selber. Aber -die spanischen Offiziere sollten sie heute Abend nicht blos tanzen sehen, -sie sollten auch noch einige von den californischen Sitten und Gebräuchen -kennen lernen, und Marequita flüsterte deshalb ihrem Bruder zu, rasch nach -Hause zu springen und eine Anzahl von ausgeblasenen Eiern, die zu dem Zweck -schon immer vorräthig gehalten wurden, in der bekannten Art zu füllen -- -galt es doch eine Ueberraschung. - - * * * * * - -Oben im Hospital des Missionsgebäudes herrschte tiefe Dunkelheit. Das -Wetter war den ganzen Tag über schön und klar gewesen, und noch jetzt -funkelten die Sterne in heller Pracht vom Himmel nieder, aber der Wind -hatte sich erhoben, der über die niederen Küstenberge fast unablässig mit -solcher Gewalt herüberweht, daß die dort einzeln wachsenden Bäume ihr Laub -alle nach der entgegengesetzten Seite hinüber gedrückt tragen, und auch -selber dorthin neigen, als ob sie den steten Stürmen entfliehen wollten und -sich von ihnen abwendeten. - -Wie das da oben auf dem dunklen Boden pfiff und zog! Die alten, -moosbewachsenen Ziegel klapperten ordentlich dumpf und klanglos zusammen, -und nur das Stöhnen und Aechzen der unglücklichen Fieberkranken mischte -sich mit dem unheimlichen Laut. - -Und dazwischen lag der Tod. Kalt und starr auf seinem Schmerzenslager -ausgestreckt, ruhte der »Wahnsinnige«, wie er überhaupt seit den letzten -Monaten von den Krankenwärtern nur genannt worden. Man hatte ihm eins von -seinen neuen rothen Hemden und ein paar weiße Beinkleider angezogen -- denn -die Decke war augenblicklich zum Waschen gegeben, um wieder verwandt zu -werden -- und mit gefalteten Händen träumte er der Ewigkeit entgegen. - -Träumte er? -- die Betten rechts von ihm (denn man hatte ihn zunächst -der Treppe gelegt, um ihn so fern als möglich von den übrigen Kranken zu -halten, die er bis jetzt durch sein wildes Schreien nur zu oft gestört und -erschreckt) standen leer. Das Hospital barg jetzt nicht so viele Patienten, -um nicht Raum genug für die Anwesenden zu finden. Der arme Doktor hatte in -dem Stadthospital Concurrenz bekommen, und sich doch so viele Mühe gegeben, -_seine_ Kranken behaglich unterzubringen. - -Und wie still das heute Abend dort oben war! Ein paar Leidende wimmerten -allerdings leise vor sich hin, aber sonst hörte man Nichts, als das dumpfe -Rauschen und Pfeifen des Windes und gelegentlich mit dem Luftzug, die von -unten herauf schallenden munteren Weisen der Trompeten und Violinen, -wie zuweilen das dumpfe Hämmern der großen Trommel, die ein Mulatte mit -unendlicher Ausdauer bearbeitete. Da unten herrschte Jubel und frische -Lebenshoffnung -- hier oben kauerte der _Tod_ und zählte die ihm -verfallenen Opfer. - -Die alte Missionsglocke schlug die zehnte Stunde, und kein Wärter ließ sich -sehen, obgleich der eine Fieberkranke schon lange nach einem Trunk Wasser -gewimmert hatte. Wer konnte es ihnen auch verdenken, daß sie nicht da oben -zwischen Jammer und Elend blieben, wo nur ein paar hölzerne Stufen sie -mitten unter Lust und Freude brachten? Es war Fandango auf der Mission -und ein paar Gläser =agua ardiente= (Branntwein) konnten ihnen gewiß nicht -schaden, um den Körper zu erwärmen, und die lange mühselige Nachtwache -nachher auszuhalten. Außerdem war der »Doctor« gerade heute nach der Stadt -geritten, und sie brauchten deshalb nicht zu fürchten, daß er sie bei einer -Vernachlässigung ihrer Pflicht ertappe, über welche sie sich selber wenig -genug Gewissensbisse machten. Hatten sie doch seit Wochen fast den oberen -Raum nicht verlassen dürfen, so lange der »Wahnsinnige« dort tobte und an -seinen Banden riß. Heute war der _erste_ freie Abend, den sie bekamen, und -den wollten sie denn auch nach besten Kräften nutzen. - -Hei, wie das durch die Ziegel pfiff! und drüben in der Lorbeerwaldung, -die in der Richtung nach San-Francisco zu lag, hatten dazu die Wölfe ihr -Abendconcert begonnen, die großen, braunen californischen Wölfe, und die -Cayotas, das kleine Steppengesindel, das mit seinen feinen Stimmen den -Diskant zu dem Grundbaß der ersteren heulte. Und wie deutlich konnte man -das hier oben hören, da der Luftzug die Laute gerade herübertrug, und wie -sonderbar das zu der Musik und dem Pfeifen des Sturmwinds klang! - -Die Glocke draußen hatte eben ausgeschlagen, als ein heftiges Zittern den -Körper des »Todten« überflog. Der Nachtwind wehte auch kalt genug, und dem -von Krankheit abgeschwächten Körper fehlte die schützende Decke, die ihn -sonst wenigstens warm gehalten. - -Der Kranke hob staunend den Kopf und horchte den fremden, wunderlichen -Lauten, die zu ihm herüberdrangen. Hatte er in einem Starrkrampf gelegen, -der bis dahin seine Glieder gefesselt hielt? Er fuhr sich mit der Hand -nach der Stirne -- auch die Hand war nicht mehr gebunden -- er hob sich vom -Lager und fühlte seinen Körper frei und unbehindert -- aber dunkle Nacht -umgab ihn -- er war nicht im Stande zu _sehen_, wo er sich befand, noch -hatte er eine Ahnung, an welcher Stelle das sein könnte. - -Wie schwach er auch geworden war! -- als er zum ersten Mal wieder auf den -Füßen stand, vermochten ihn seine Kniee kaum zu tragen, und er mußte sich -zurück auf das Bett setzen, um nicht umzusinken. -- Und wie das in seinem -Kopfe hämmerte, und pochte, und mit wilden, unheimlichen Gedanken herüber- -und hinüberzuckte! Aber die Musik da unten? -- er horchte hoch auf -- was -war das? wohin hatte ihn das Schicksal geführt? - -Er versuchte noch einmal aufzustehen, und als er herumtappte, trafen -seine Finger auf einen dünnen Kattunvorhang, hinter welchem er ein festes -Geländer fühlte. Er hob den Vorhang auf und glitt darunter durch; wie er -aber vorsichtig weiter tappte, trat sein Fuß ins Leere und er merkte bald, -daß er an einer Treppe stand. Einen Augenblick überlegte er, aber munterer -als vorher ertönten in diesem Moment wieder die Instrumente von unten -herauf, und ohne sich länger zu besinnen, stieg er hinab. - - * * * * * - -Wie das da unten lachte und jubelte und seiner unschuldigen Lust und Freude -folgte! Die Eier waren angekommen, und Marequita's Tänzer erschrak nicht -wenig, als ihm seine Tänzerin plötzlich, mitten im Fandango, die Mütze ein -wenig zurückschob, und er gleich darauf einen wahren Schauer von Eau de -Cologne an sich niederrieseln fühlte. - -»=Caramba, Señorita=« rief er aus, indem er erschreckt zurücksprang, »was -ist das?« -- Aber lautes Jubeln und Lachen beantwortete seine bestürzte -Frage und Marequita's Bruder hatte jetzt wirklich Mühe, nur noch -einen Theil seiner sorgfältig präparirten Eier für die Schwester -zurückzubehalten, denn von allen Seiten stürmten die jungen Mädchen auf -ihn ein, um ihm ein paar abzubetteln, oder auch, wenn das nicht ging, durch -List oder Gewalt zu entreißen, und jetzt brach der Muthwillen der jungen -Damen voll und entfesselt los. - -Und wie schön Marequita in dieser ungezwungenen Fröhlichkeit war -- wie -bildschön! Der arme Marineoffizier, der Jahre lang draußen auf öder See -herumgeschwommen, und hier zum ersten Mal wieder dem Reiz weiblicher -Liebenswürdigkeit begegnete und von dessen Zauber umsponnen wurde, war ganz -hingerissen. - -Der Tanz hatte einen Moment aufgehört, und jetzt begann ein neuer Fandango, -noch lebendiger als der vorige. - -»Marequita,« flüsterte er, indem er seinen Arm um ihre Taille legte, und -sie leise an sich zog, -- »Du bist eine Sirene, Mädchen, und ich könnte -verrückt werden, wenn ich mir nur die Möglichkeit denken müßte, Dich je -wieder zu verlieren -- von Dir vergessen zu sein. Sei mein, Marequita -- -in kurzer Zeit kehre ich zurück, und dann folgst Du mir in mein schönes -Vaterland!« - -Marequita sah zu ihm auf, ihre Blicke begegneten sich, aber in dem ihrigen -lag vielmehr Schelmerei als Liebe -- sie hob ihre Hand, und im nächsten -Moment fühlte er, wie sie sich aus seinen Armen wand, zugleich aber -auch seine Mütze ergriff, sich aufsetzte, und damit einem andern Tänzer -entgegenhuschte, mit dem sie im nächsten Augenblick den Fandango begann. -Der junge Offizier wollte ihr nach, ein alter Californier aber, der schon -den ganzen Abend die rauschende Musik mit seiner kaum hörbaren Guitarre -begleitet hatte, hielt ihn zurück und rief aus: - -»=Caramba, Señor=, das geht nicht -- das ist ein Recht der californischen -Señioritas beim Fandango, und wenn Ihr die Mütze wieder haben wollt, müßt -Ihr sie auslösen.« - -»O, wie gern!« rief der junge Mann, indem er einen Ring vom Finger zog und -jetzt die Zeit nicht erwarten konnte, wo die Geliebte einen Augenblick vom -Tanz zurücktrat. - -Marequita hatte aber nur das Zeichen zu dem neuen Scherz gegeben, denn die -andern jungen Damen folgten bald ihrem Beispiel, und allerliebst sahen sie -in der That in den kecken Seemannsmützen aus. - -Jetzt hielt Marequita dicht an der Thür, die in das Innere des Hauses -führte, und der junge Galan war im Nu an ihrer Seite. - -»Meine theure Marequita,« flüsterte er ihr zu, »wie glücklich machen Sie -mich, daß Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen ein Andenken zurücklassen -zu dürfen -- wollen Sie es tragen?« -- Und dabei schob er ihr leise den -kleinen goldenen, mit einem Brillant gezierten Reif an den Finger; »darf -ich, Marequita?« - -Hinter Marequita trat ein Mann in einem rothwollenen Hemd in die Thür. Das -braungelockte Haar hing ihm aber über eine alabasterweiße Stirn -- sein -Antlitz selber sah todtenfahl aus, und nur die großen dunklen Augen -überflogen erstaunt den sich vor ihm öffnenden, buntgeschmückten und -hellerleuchteten Raum. Da traf der letzt geflüsterte Name sein Ohr, und -rasch und wie erschreckt schaute er auf das vor ihm stehende junge Paar. - -Marequita erröthete tief, als sie den Ring an ihrem Finger führte, und -flüsterte leise: - -»Tausend Dank, Señor, -- ich -- werde ihn tragen,« und der junge Mann, in -der Erregung des Augenblicks selbst die Umgebung vergessend, zog sie an -sich und preßte einen heißen Kuß auf ihren Nacken. - -»Marequita,« sagte eine hohle, tonlose Stimme, und das junge Mädchen wandte -bestürzt den Kopf. Da fiel ihr Blick auf die bleiche Gestalt und begegnete -den stieren, entsetzlichen Augen, die glühend und wie verzehrend auf ihr -hafteten. - -»=Ave Maria Purisima!=« schrie da eine entsetzliche Stimme; es war einer -der Krankenwärter, der sich in den Saal geschlichen, um hier zuzusehen: -»der Wahnsinnige -- der todte Wahnsinnige!« - -»Jerome!« stöhnte Marequita und schlug, ehe der Offizier nur zuspringen -konnte, um sie aufzufangen, schwerfällig und bewußtlos zu Boden nieder. - -»Der Wahnsinnige!« von Mund zu Mund lief der Schreckensschrei, und entsetzt -drängten die Mädchen von der Stelle hinweg, dem hinteren Theil des Zimmers -zu. - -Ob Jerome begriff, was hier geschah? Einen Moment stand er selber -regungslos, und wie scheu und erstaunt flog sein Blick über den inneren -Raum -- über die wild vor ihm fliehenden Gestalten der Mädchen. Da schrie -der Wärter wieder: - -»Haltet ihn, um der Mutter Gottes willen laßt ihn nicht fort!« und als ob -nur der Ton dieser Stimme ihn zum Leben zurückgerufen hätte, so zuckte der -Unglückliche empor. Sein Auge glühte, seine ganze Gestalt hob sich -- fast -unwillkürlich öffnete er dabei den Mund und zeigte seine beiden Reihen -blinkender Zähne, daß selbst die ihm nächsten Offiziere scheu davor -zurückwichen. - -»Haltet ihn! haltet ihn!« schrieen jetzt auch Andere, und drängten vor --- nur der junge Offizier kniete, gar nicht auf den unheimlichen Fremden -achtend, an der Seite der ohnmächtigen Geliebten und suchte sie zum Leben -zu erwecken. - -»Haltet ihn?« kreischte da Jerome, dessen ganze Wildheit bei dem Rufen -auf's Neue erwachte -- »haltet ihn?« und ehe ihn Jemand daran verhindern -konnte, riß er den kurzen Schiffsdolch, den der spanische Seeoffizier an -der Seite trug, aus seiner Scheide; »haltet ihn?« gellte er noch einmal, -die Waffe mit einem entsetzlichen Lachen schwingend -- »Raum da vorn!« und -zum Stoß ausholend, warf er sich mit wildem Muth mitten auf den dichtesten -Schwarm, der kaum so rasch zur Seite konnte, um ihm Bahn zu machen. - -Wohl streckten sich hie und da Arme nach ihm aus, um ihn zu halten, aber -nach rechts und links hinüber -- unbekümmert, wen er traf, stieß der -scharfe Stahl -- nach rechts und links stürzten die Männer übereinander, -zwei oder drei von ihnen schwer verwundet -- wer hätte sich ihm -entgegenwerfen wollen? und jetzt war er draußen im Freien, in der dunkelen -Nacht. - -»Marequita!« schrie seine gellende Stimme -- »Marequita!« und sein Fuß -berührte kaum den Boden, als er, die blutige Waffe noch immer in der Faust, -an der Mission hin dem Ufer der Bai entgegenflog. - -Einzelne der Tänzer und Zuschauer folgten ihm allerdings, oder thaten -wenigstens so, als ob sie ihm folgen wollten, aber es holte ihn Niemand -ein, und wenige Minuten später war er in der da draußen lagernden -Finsterniß verschwunden. - -Die Verwirrung, die jetzt in dem bis dahin noch so belebten Raum entstand, -war nicht zu beschreiben, und an eine Fortsetzung des Tanzes kein Gedanke -mehr. Zitternd und nur unter hinreichender Begleitung suchten die Mädchen -ihre Wohnungen zu erreichen, und Fackeln wurden dann angezündet, um den -entflohenen Kranken, bei dem es ein Räthsel blieb, wie er wieder vom Tode -erwacht sei, doch noch vielleicht aufzufinden -- aber vergebens. Der Boden -war zu sehr von Menschen zertreten, um irgend einer bestimmten Spur folgen -zu können, und unverrichteter Dinge kehrten die Männer erst spät in der -Nacht zu der Mission zurück. Auch die Offiziere der spanischen Fregatte -waren indessen wieder an Bord gerudert. - -Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch begannen die Bewohner der Mission alle -ihre Nachforschungen von Neuem und jetzt mit besserem Muth, denn es blieb -immer ein unbehagliches Gefühl, in Nacht und Nebel einem bewaffneten -Wahnsinnigen hinaus in die Dunkelheit zu folgen -- war auch wohl Keinem von -ihnen am letzten Abend rechter Ernst gewesen. Jetzt aber gestaltete sich -die Sache anders; mit Sonnenlicht war wenigstens die Gefahr beseitigt, daß -der entsetzliche Mensch im Finstern auf sie einspringen könne, und auf und -ab durchsuchten sie die Nachbarschaft und selbst den sandigen Waldrand, wo -sich die Fährten leicht erkennen ließen. Sogar nach San-Francisco wurden -Boten gesandt, um das Geschehene zu melden und dort nach dem Flüchtling zu -forschen. - -Sie hätten nicht nöthig gehabt, so weit nach ihm zu suchen. Als die Fluth -ablief, fanden Fischer seinen Leichnam auf dem Schlamm unmittelbar am Ufer -in der See und zwar genau in der Richtung, die er gestern Abend auf seiner -Flucht genommen, als er aus der Thüre des Missionsgebäudes sprang. Es war -auch damals gerade Fluth gewesen und ob er im Dunkeln von dem steilen Ufer -hinab in die See gestürzt, ob er absichtlich den Tod dort gesucht -- wer -hätte es sagen können? - -Er wurde still in das schon für ihn ausgeworfene Grab gelegt, und drei -Tage später verließ auch die spanische Fregatte die Bai von San-Francisco -wieder, um einer nur ihrem Kapitän bekannten Richtung zuzusteuern. - -Der junge Lieutenant war allerdings noch zweimal an Land und in dem Hause -von Marequita's Eltern gewesen, wo er das arme Mädchen bleich und in -Thränen fand. - -Und wann kehrte er wieder? -- Wer konnte es sagen; denn sein Weg ging durch -eine weite Strecke -- aber mit den heißesten Schwüren betheuerte er der -Jungfrau seine Liebe, und als er sie endlich verlassen mußte, barg sie laut -schluchzend ihr Antlitz an der Brust des Vaters. -- Es war zu viel für das -arme Kind gewesen; zu rasch war Schlag auf Schlag gefolgt. Von dem Tage -an -- tanzte sie nicht mehr, vier volle Wochen lang. Als ich aber -- etwas -nach dieser Zeit -- Californien verließ, blüheten ihre Wangen wieder wie -vordem, und sie war unstreitig das schönste Mädchen und die beste Tänzerin -auf der Mission Dolores. - - - - -Eine Polizeistreife in Cincinnati. - - -Eine so friedliche und geschäftige Stadt das halb von Deutschen bewohnte -Cincinnati ist, so hat sie doch trotzdem ihr »schlechtes Viertel,« und da -sich mir die Gelegenheit bot, es eines Abends zu besuchen, so versäumte ich -sie nicht. - -In den Hauptstraßen der Stadt und im ganzen übrigen Theil derselben -herrscht nämlich volle Sicherheit und man kann dort zu jeder Stunde der -Nacht ungefährdet passiren; dieses Viertel aber dürfte von einem anständig -gekleideten Menschen doch lieber zu vermeiden sein, denn der Auswurf der -Bevölkerung hat dort seinen Wohnsitz aufgeschlagen, und wer sich dahinein -mischt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben. Ermordungen fallen dort -wenigstens gar nicht so selten vor, und noch am letzten Abend war ein -Bootsmann in einer dieser Winkelgassen erstochen worden, ohne daß man bis -jetzt im Stande gewesen wäre, den Thäter zu ermitteln. - -Ein Fremder, der sich dort allein hineinwagte, würde außerdem nichts weiter -zu sehen bekommen, als die der Straße zunächst gelegenen Trinklokale, und -man ihm nie gestatten, weiter in diese Höhlenwirthschaft einzudringen. -Dazu aber hat die Polizei das volle Recht und macht denn auch davon zu -unregelmäßigen Zeiten Gebrauch, um hie und da einmal einem dort vielleicht -versteckten Verbrecher auf die Spur zu kommen, oder die Insassen der -verschiedenen, ihnen wohlbekannten Cabachen zu revidiren. - -Einem solchen Streifzug, den zwei Polizeilieutenants (der Eine von ihnen -ein Deutscher) unternahmen, schloß ich mich mit einem Freunde an, und etwa -um acht Uhr Abends trafen wir uns auf der einen Polizeistation, die an sich -schon manches Interessante bot. - -Es sind das nämlich die Plätze, wo aufgegriffene Vagabonden oder auch -Verbrecher festgehalten werden, bis ihre Untersuchung eingeleitet und ihre -Strafe bestimmt werden kann, und die Art, wie man sie dort unterbringt, -ist so eigenthümlich wie praktisch. Man sperrt sie nämlich keineswegs in -kleine, aus dicken Mauern bestehende Zellen, mit eisenbeschlagenen Thüren -und Schlössern und sorgfältig verwahrten Oefen, durch welche sie aber noch -trotzdem manchmal ihren Weg zur Flucht suchen, sondern in einem großen -Saal, am Tag durch Fenster, Nachts durch Gas erleuchtet, stehen vier -oder fünf große viereckige, eiserne Käfige, aus starken Eisenblechbändern -zusammengenietet und ebenfalls mit einem eisernen Boden versehen, -zerstreut, und in ihnen befinden sich die verschiedenen Gefangenen. Die -Zwischenräume zwischen den Eisenblechstreifen sind aber so weit, daß man -überall leicht einen Arm durchstrecken kann, und gewähren dadurch über -das Innere einen durch nichts gehemmten Blick. Polizeileute gehen außerdem -fortwährend zwischen den verschiedenen Käfigen hin und her, und keiner -der Insassen kann sich auch nur bewegen, ohne daß es bemerkt wird. An ein -Ausbrechen ist deßhalb nicht zu denken, und ebensowenig können sie durch -Feuer Unheil anrichten -- das Eisen brennt nicht. - -Eines der Zimmer übrigens mit eben solchen, aber nicht verschlossenen -Käfigen ist für Obdachlose bestimmt, die selber bei der Polizei Schutz -gesucht haben, und gerade an dem Abend hatten sich zwei Frauen mit kleinen -Kindern da eingefunden, um hier die Nacht zuzubringen -- ja vielleicht auch -den andern Tag. Du lieber Gott, es war doch immer ein Schutz gegen Wind -und Wetter und wer weiß, welches unsagbare Leid die armen Frauen erst -durchgemacht, ehe sie diese letzte Hülfe in der Noth benützten. - -Wir hielten uns übrigens nicht sehr lange bei der Besichtigung dieser -verschiedenen Gruppen auf, sondern traten unseren Marsch an, der uns in die -östlich gelegenen Distrikte der Stadt, oder in das sogenannte Negerviertel -führte. - -Zuerst besuchten wir hier eine Negerkirche, die sich, wenn auch an einem -Wochentage, ziemlich stark besucht zeigte. Besonders ragten die »farbigen« -Ladies durch bunten Putz und Schmuck hervor, und es sollte mich gar nicht -wundern, wenn sie es schon den »weißen« Ladies abgesehen hätten, nur -deßhalb nämlich das Gotteshaus zu besuchen, um dort ihren bunten Plunder -zur Schau zu tragen. - -Der Geistliche -- ein dunkler Mulatte, hielt eine schale, nichtssagende -Predigt voll lauter Phrasen und dabei ohne jede Begeisterung oder Wärme und -etwa mit einer Betonung auf jedem Wort, als ob er immer hätte sagen wollen: -»Nun, hab' ich nicht recht? -- ist die ganze Sache nicht sonnenklar, -und kann irgend ein vernünftiger Mensch irgend etwas dagegen einzuwenden -haben?« -- Er blieb dabei auf der sehr breiten Kanzel auch nicht etwa -stehen, sondern lief darauf hin und her, sich bald an diesen, bald an jenen -Theil seiner Zuhörer wendend. Große Ruhe schien aber nicht beobachtet zu -werden, denn fortwährend kamen und gingen Leute, und machten oft Lärmen -genug dabei. - -Uebrigens stand diese Kirche genau an der Grenze des berüchtigten Viertels, -und von dort an begannen schon die einzelnen Buden und Trinklokale, aus -denen hie und da der Ton einer einsamen Violine heraustönte. Es herrschte -auch jetzt gerade kein rechtes Leben zwischen dieser Menschenklasse, denn -der Fluß war zu niedrig, die Dampfboote konnten nicht fahren, und gerade -die farbigen Dampfbootleute sind es, die hier ihre Orgien feiern und den -schmutzigen Strudel in Bewegung halten. - -Wir betraten jetzt einige der Plätze, in denen unten, bei der Beleuchtung -eines einzelnen Talglichts, oder einer Petroleumlampe, schnöder Whisky -und grauenvolle Cigarren feil gehalten wurden, und nicht einmal mehr -geschminkte weiße und schwarze Dirnen, durcheinander gemischt, ihr Glas -tranken und ihre Cigarre rauchten. Die Herren von der Polizei hielten -sich aber nicht lange in diesen vorderen Räumen auf, denn was hier weilte, -brauchte das Licht -- wenigstens dieser Nachbarschaft -- nicht zu scheuen. -Sie wußten auch überall schon genau Bescheid, wohin sie sich zu wenden -hatten; bald krochen sie, unmittelbar hinter dem Schenkstand, eine steile -Treppe empor, die eher einer Leiter glich, bald wandten sie sich der -Hinterthür zu, schritten über einen engen, stockfinsteren Hofraum und -überraschten dadurch die Bewohner eines baufälligen, halbverfallenen -Hinterhauses. - -Wir folgten ihnen natürlich auf dem Fuß und: »Jammer, von keiner -Menschenseele zu fassen!« hätte ich manchmal ausrufen mögen, wenn wir -einzelne dieser höhlenartigen Wohnungen betraten. - -Dort, unter Lumpen, lag auf einer schmutzigen Strohmatratze eine -menschliche Gestalt zusammengekauert. - -»Wer ist das?« - -»Meine Schwester,« sagte eine alte, in der Ecke kauernde Frau, die man -natürlich keines Grußes gewürdigt hatte, »sie ist krank.« - -Auf dem Tisch flackerte ein fast niedergebranntes Talglicht seinen -düsteren, unbestimmten Schein durch das Gemach, blies doch der kalte -Nachtwind durch drei oder vier losgefaulte Planken in der Wand, aber der -amerikanische Polizeilieutenant begnügte sich nicht mit der Antwort -- war -es doch ein zu gewöhnlicher Kniff dieser Art Leute, irgend Jemanden, den -sie verstecken wollten, für einen Kranken auszugeben. Er zog ziemlich -unsanft die Decke fort, und scheu und erschreckt schaute ein hohläugiges, -bleiches Antlitz zu ihm auf. Es war in der That die kranke Schwester. - -»Holla, Betsy, seit wann seid Ihr wieder nach Cincinnati gekommen?« - -Die Kranke konnte nicht antworten und zog die Glieder fröstelnd zusammen, -so daß der Lieutenant ihr die Decke wieder überwarf. Die Schwester -antwortete für sie. - -»Ihr Mann hat sie so mißhandelt und die wenigen Cents, die sie verdient, -auch noch vertrunken, ohne ihr je nur einen Laib Brod in's Haus zu tragen. -Da hat sie sich hier herunter geschleppt, um hier zu sterben.« - -Es war ein Bild des Jammers, nicht des Verbrechens und doch lehnte daneben -auf einer alten Schiffskiste ein halbtrunkenes schwarzes Mädchen, das -nur noch genug Besinnung hatte, um die zerfetzten Oberkleider ein wenig -zusammen zu raffen. - -Wir gingen weiter. Aus diesem Hintergebäude gleich in ein anderes -hinübersteigend -- und der Weg war nicht angenehm, denn man sah gar nicht, -wohin man den Fuß setzte, -- erreichten wir ein niederes, schmales Haus, -in welchem oben, in zwei verschiedenen Fenstern Licht brannte. Ohne Zögern -stiegen wir die eine, durch die offenstehende, obere Thür matt beleuchtete -Treppe hinan und fanden oben in dem Gemach Gesellschaft. Zwei junge, weiße -Damen lebten hier in dem ärmlichen Raum, und auf einem dreibeinigen -Stuhl saß ein Neger-Elegant, seinen Filzhut etwas verlegen in der Hand -herumdrehend. - -Der eine Polizeilieutenant trat, ohne die Gruppe mehr als eines flüchtigen -Blickes zu würdigen, in das nächste Zimmer und leuchtete hinein -- aber -es war leer. Eines der beiden Mädchen wohnte wahrscheinlich darin, und war -hier auch wohl weiter nichts Verdächtiges zu finden -- nichts wenigstens, -gegen was die Gesetze des Staates hätten einschreiten können. - -Als wir die Straße wieder erreichten, hörten wir in einer der nächsten -Negerspelunken Musik und fanden den Raum gedrängt voll Menschen. Ein -paar von diesen drückten sich nun wohl ab, als sie die Polizeiuniformen -erkannten, denn es giebt Konstitutionen, denen dieselben antipathisch sind; -die meisten hielten aber wacker Stand, und wir fanden jetzt im Inneren -einen alten Neger, beide Hände auf das Widerlichste verkrüppelt, der mit -den Stumpfen eine Art von Banjo spielte und mit dicker, schwerer Stimme ein -paar amerikanische Gassenhauer in seinem Negerdialekt sang. - -Der eine Polizeilieutenant wünschte mir gern den Genuß eines Negertanzes zu -machen, aber die Damen schienen sich zu geniren; es wollte keine den Anfang -machen, bis er sich eine aus dem Schwarm herausfing und ihr ein Stück -Papiergeld vorhielt, das sie haben sollte, wenn sie eine Jig tanzte. Sie -schien allerdings, trotz dem Geld, keine besondere Lust dazu zu haben, sah -aber auch, daß sie nicht wieder fortkonnte, denn er hielt sie fest, und -griff deßhalb nach dem Gelde. Es war eine kleine dicke, wie es schien, -unbehülfliche Gestalt, warf aber jetzt die Füße nach dem Takt der von dem -alten Neger gespielten Musik mit außerordentlicher Geschicklichkeit um -sich, daß sie mit Hacken und Zehen selbst die Zweiunddreißigstel zu den -Achtelnoten schlug. Wie wir aber nun glaubten, daß sie jetzt selber warm in -dem Tanz geworden wäre, machte sie plötzlich einen Seitensprung und tauchte -mitten zwischen die laut auflachende Zuschauermasse unter, aus der sie -natürlich nicht wieder herausgefischt werden konnte. - -Das genügte übrigens auch vollständig für eine Probe, und wir schritten -über die Straße nach einem anderen Gebäude hinüber, dem die Polizisten -nicht recht zu trauen schienen. Dort fanden wir in einem Raum, den ein -einzelner Mann fast beanspruchen würde, wenn er bequem leben sollte, -eine ganze Kolonie von Familien, und zwar zwei Negerfamilien und -- -eine deutsche in Schmutz und Unrath dabei, den es nicht möglich wäre zu -beschreiben. Ich konnte mir auch nicht helfen und frug den Deutschen, -wie er nur im Stande sei, es in einer solchen Pesthöhle mit den Seinen -auszuhalten, aber er zuckte die Achseln und meinte: »es wäre ihm hier in -Amerika nicht besonders gut gegangen, und die Neger seien nicht so schlimm, -als sie gemacht würden; es ließe sich recht gut mit ihnen leben.« - -Der deutsche Polizeilieutenant sagte mir übrigens nachher, daß nicht etwa -die Noth deutsche Familien in einen solchen Zufluchtsort dränge, sondern -daß sich derartiges Volk wahrscheinlich schon daheim in ähnlicher Umgebung -herumgetrieben habe, oder hier durch lüderliches Leben dazu gebracht -sei. Uebrigens wären die Fälle gar nicht etwa so selten, und ich könnte -verschiedene »deutsche Familien« in »ähnlicher Art« gehaust finden. - -Wieder in die Straße hinüberkreuzend, betraten wir ein anderes Schenklokal, -in welchem drei Neger Karten mitsammen spielten. - -»Wo habt ihr denn den Einsatz?« frug sie der Polizeimann, und sie wußten -recht gut, daß sie nicht um Geld spielen durften. - -»O, Mister,« sagte der eine Neger grinsend, »wissen wohl, wir sind viel zu -arm, als daß wir um Geld spielen könnten -- spielen nur darum, wer von uns -nächstes Jahr Präsident wird.« - -Der Polizeilieutenant lachte und ging der Hinterthür zu. - -»=For Gods sake Massa!=« sagte der eine Neger aufspringend, und mit -ziemlich lauter Stimme: »Nehmen Sie sich in Acht, ist ein großes Loch im -Hof.« - -»Schon gut, mein Bursch,« rief aber der Polizeimann ärgerlich, »kümmere -Du Dich um Dich; ich kenne den Platz vielleicht so gut wie Du« -- und ohne -sich weiter irre machen zu lassen, stieg er im Hof rasch einige in den -Grund gestochene Stufen -- die bei Regenwetter völlig unpassirbar sein -mußten -- hinauf und verschwand dann in dem oberen Haus oder vielmehr -in der Dunkelheit. Ich muß jedoch gestehen, daß wir Anderen ihm viel -vorsichtiger folgten, denn die Warnung mit dem tiefen Loch war an uns -nicht so spurlos vorübergegangen. Wir erreichten jedoch glücklich das obere -Gebäude, ohne freilich etwas Verdächtiges dort zu finden. Hatte sich irgend -Jemand da versteckt gehabt, so war es ihm auch ein Leichtes gewesen, sich -aus dem Staub zu machen, denn er brauchte nur über eine der nächsten, -niederen Planken zu steigen, um damit schon vollständig aus Sicht und -Bereich zu kommen. - -In der nächsten Bude fanden wir, neben anderen weiblichen Gästen, eine -junge, aber sehr leidend aussehende Frau, die nichtsdestoweniger ein Glas -mit Whisky vor sich stehen hatte. - -»Und bist Du wirklich hier wieder zurück in das Viertel gekommen, Margot?« -sagte der Amerikaner, »hast Du nicht fest versprochen, daß wir Dich hier -nicht wieder finden sollten?« - -»Ich halte auch mein Versprechen,« sagte die junge Frau finster und leerte -dabei das Glas auf einen Zug; »habt keine Furcht, daß Ihr mich hier -wieder trefft, denn zum zweiten Mal möchte ich das nicht durchmachen. -Nur hereingekommen bin ich, um meine Kiste abzuholen, aber vor einer -Viertelstunde kam der Mann erst mit seinem Pferd nach Haus, und jetzt muß -ich hier schon noch einmal die Nacht schlafen. Heute bringt er sie mir -nicht mehr fort, und wenn ich ihm einen Dollar dafür böte.« - -Es war überall das Nämliche: Jammer und Elend, aber nirgends Rauferei -oder wüster Lärm, eine sichere Folge der schweren Zeiten. Bei nur geringem -Verdienst konnten die Leute die fabelhaft hohen Whiskypreise nicht mehr -erschwingen, denn wo sie sonst die Flasche um zehn Cents gehabt, sollten -sie jetzt einen Dollar dafür bezahlen -- deßhalb auch dieser anscheinend -moralische Frieden in dem »schlechten Viertel.« - -Auf dem Rückweg nach dem bessern Theil der Stadt sprachen wir noch, der -Merkwürdigkeit wegen, in einem echten Negerbillardsaal vor, denn die -schwarzen, neugebackenen »Gentlemen« haben sich jetzt eifrig diesem Spiele -zugewendet. Der Besitzer desselben schien indessen ebenfalls unter den -»schlechten Zeiten« zu leiden, denn wir fanden keinen einzigen Gast mehr in -dem elegant genug ausgestatteten Raum, der, eine Treppe hoch gelegen, ein -großes, hübsches Billard und einen reich ausgestatteten Schenkstand zeigte. -Wir tranken auch dort einmal und ließen uns einige Cigarren geben und -fanden beides, Getränk und Tabak, gut und preiswürdig. - -Am nächsten Morgen wohnte ich auch einer Gerichtssitzung bei, wo die über -Nacht aufgebrachten Vagabonden abgeurtheilt und verschiedene andere -Dinge verhandelt wurden. Es war aber die alte, sich ewig wiederholende -Geschichte: Trunkene, die in ihrem Rausch Prügeleien angefangen, Frauen, -die von ihren Männern mißhandelt worden, und in ihrer Verzweiflung bei den -Gerichten Schutz suchten, nichtsnutzige Dirnen, die einander in die Haare -gerathen, und würdige dicke Damen, die Hüte mit allen möglichen seidenen -Bändern und Blumen besteckt, die bezüchtigt waren, ein lüderliches Haus -zu halten, das durch seinen ewigen Lärm die Nachbarschaft ununterbrochen -störte. Es that Einem dann ordentlich in der Seele wohl, die gerechte -Entrüstung zu sehen, mit welcher sie eine solche Verdächtigung von sich -wiesen, und die Resignation zugleich, mit der sie sich zu fünfzig Dollars -Strafe oder auch sechs Monat Gefängniß verurtheilen ließen. Ueberhaupt fiel -mir auf, daß die Strafen von einem alten, sehr ruhigen Herrn, besonders für -Straßenunfug, außerordentlich streng und unerbittlich diktirt wurden. Sechs -bis zehn Monat Arbeitshaus kamen in den paar Stunden für gewöhnlichen Unfug -mehrere Male vor, aber es mag auch unumgänglich nöthig sein, denn wenn man -nur in die von Verbrechen und allen bösen Leidenschaften gefurchten Züge -dieser Menschenklasse schaut, so kann man sich nicht verhehlen, daß sie -eine leichte Strafe nur verspotten würden. Selbst diese kann sie nicht -heilen, sondern entzieht sie nur für kurze Zeit ihrem lüderlichen und -wüsten Leben, das sie, wenn wieder freigegeben, doch augenblicklich von -Neuem beginnen. - -Ein höchst interessanter Fall kam an dem Morgen vor, leider aber nicht zur -Entscheidung, und zwar ein junges, der Brandstiftung beschuldigtes Mädchen. -In der Nachbarschaft waren, bald hintereinander in unerklärlicher Weise, -mehrere Brände ausgebrochen, und das halbe Kind, denn sie konnte kaum -dreizehn Jahre zählen, wurde beschuldigt, das Feuer an allen diesen Stellen -angelegt, ja es sogar gegen Einen der Zeugen gestanden zu haben. Aber -keiner von Allen klagte sie an, die That böswillig verübt zu haben, denn -dazu lag nicht der geringste Grund vor, der dagegen in einer Art von -Wahnsinn, in einer Krankheit, gesucht werden sollte, die sie zwang, überall -Feuer anzulegen, um sich nachher an der Gluth zu freuen. - -Sie selber saß gebückt auf der Anklagebank, und das große Bonnet, das sie -trug, beschattete ihre, nur selten sichtbaren Züge. Ihr Advokat saß an -ihrer Seite, flüsterte nur manchmal mit ihr, und behauptete ihre Unschuld. -Sie selber sprach fast gar nicht, nur wenn er sich mit einer Frage leise -an sie wandte, schien sie mit ein paar ganz kurzen Worten zu erwiedern. Die -gegen sie vorgebrachten Verdachtgründe reichten indessen noch lange nicht -hin, sie zu verurtheilen -- wirkliche Beweise waren gar nicht vorhanden, -und der Fall mußte deshalb auf einige Zeit hinausgeschoben werden, um -beiden Theilen Gelegenheit zu geben, sich zu Anklage wie Vertheidigung zu -rüsten. - -Leider verließ ich schon vor der Zeit Cincinnati. - - -Leipzig, - -Druck von Giesecke & Devrient. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -In "Den Teufel an die Wand malen" fehlen Kennzeichnung und Überschrift des -siebten Kapitels. - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= -hervorgehoben. - -Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert, sowie -gegebenenfalls "«," geändert in ",«". - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Billette" -- "Billete", -"Cajüte" -- "Kajüte", "Compaß" -- "Kompaß", "erwiderte" -- "erwiederte", -"Hôtel" -- "Hotel", "müssig" -- "müßig", "Paar" -- "paar", "weshalb" -- -"weßhalb", - -mit folgenden Ausnahmen, - - Seite 1: - "hiel" geändert in "hielt" - (in der Hand ein großes Herz hielt) - - Seite 1: - "," entfernt hinter "sie" - (wie man sie wohl von Pfefferkuchen macht) - - Seite 1: - "," eingefügt - (ohne vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenüber) - - Seite 5: - "." eingefügt - (einen guten und väterlichen Rath zu ertheilen.) - - Seite 5: - "grünbebewachsenen" geändert in "grünbewachsenen" - (einem grünbewachsenen, ziemlich schräg abfallenden) - - Seite 5: - "irgend wo" geändert in "irgendwo" - (noch irgendwo einen Räuberhauptmann anbringen) - - Seite 13: - "." geändert in "?" - (»Und woher willst Du das wissen?«) - - Seite 25: - "So bald" geändert in "Sobald" - (Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt) - - Seite 28: - "meist" geändert in "meinst" - (daß Du es wirklich gut mit mir meinst) - - Seite 30: - "," eingefügt - (und fürchte fast, daß ich morgen) - - Seite 33: - "," eingefügt - (aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht) - - Seite 33: - "," eingefügt - (und beschloß deshalb, langsam und in aller Ruhe) - - Seite 34: - "ab" geändert in "ob" - (sondern als ob sein eigenes Schicksal) - - Seite 40: - "ein" geändert in "eine" - (Also eine Mademoiselle war die Dame) - - Seite 42: - "," eingefügt - (Papa,« sagte Clemence) - - Seite 42: - "," eingefügt - (Unsinn,« rief lachend der alte Herr) - - Seite 42: - "." geändert in "," - (»Nichts daran auszusetzen,« wiederholte der Vater) - - Seite 47: - "Wären" geändert in "Waren" - (Waren Sie jener junge Fremde?) - - Seite 53: - "," eingefügt - (fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts) - - Seite 62: - "Sie" geändert in "sie" - (»Nein,« sagte sie) - - Seite 62: - "Sie" geändert in "sie" - (setzte sie freundlicher hinzu) - - Seite 74: - "." geändert in "?" - (»Und wo hält er sich jetzt auf?«) - - Seite 76: - "du" geändert in "Du" - (Bleibst Du hier in M--?) - - Seite 118: - "Biberich" geändert in "Bieberich" - (»Und wohin wenden wir uns von Bieberich?«) - - Seite 122: - "hatt" geändert in "hatte" - (und sie hatte nicht viel Zeit) - - Seite 123: - "," eingefügt - (»Ich habe einen Begleiter gefunden,« sagte Clemence) - - Seite 136: - "vorrigen" geändert in "vorigen" - (ganz das nämliche im vorigen Jahr) - - Seite 140: - vertauschte "," und "." korrigiert - (setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für sicher.) - - Seite 144: - "so bald" geändert in "sobald" - (denn sobald er die lieben) - - Seite 159: - "Trautena" geändert in "Trautenau" - (Aber Trautenau war nicht in der Stimmung) - - Seite 160: - "," eingefügt - (»Wir sind die Ersten,« begann der Officier) - - Seite 165: - "Hauskecht" geändert in "Hausknecht" - (was ich eben von dem Hausknecht gehört) - - Seite 182: - "den" geändert in "denn" - (denn auf den anderen Inseln waren die Früchte) - - Seite 184: - "Kapitan" geändert in "Kapitän" - (Der Kapitän hoffte noch) - - Seite 186: - "ihre" geändert in "Ihre" - (Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.) - - Seite 189: - "," hinter "dem" entfernt - (fühlten sie mit dem ausgeworfenen Loth) - - Seite 201: - "?" geändert in "!" - (Die Schwarzen haben Booby-island besetzt!) - - Seite 214: - "," eingefügt - (Steuermann -- Ihr, Bill) - - Seite 222: - "Zimmermannn" geändert in "Zimmermann" - (Der Zimmermann that dies mit Vergnügen) - - Seite 227: - "ihm" geändert in "im" - (Tabaksbeutel vorn im Knopfloch baumelnd) - - Seite 238: - "mußte" geändert in "wußte" - (von dem lustigen Leben draußen wenig wußte) - - Seite 252: - ";" geändert in ":" - (seinen Hut schnell herunterreißend, erwiederte er höflich:) - - Seite 263: - "keinen" geändert in "kleinen" - (dem Haus mit dem kleinen Thurm) - - Seite 265: - "ihn" geändert in "ihm" - (Lange Zeit ließen ihm aber die Insassen nicht) - - Seite 273: - "." eingefügt - (Und nun komm, Kamerad -- es ist Zeit.) - - Seite 276: - "," eingefügt - (von Seeschlangen, Algen und Korallen keine Spur) - - Seite 278: - "." geändert in "?" - (stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn Alles bezahlt?«) - - Seite 278: - "," eingefügt - (bist Du aber noch schuldig, mein Bursch) - - Seite 300: - "Aufenthalsort" geändert in "Aufenthaltsort" - (in jenem entsetzlichen Aufenthaltsort liegen bleiben)] - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Erster Band, by -Friedrich Gerstäcker - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, ERSTER BAND *** - -***** This file should be named 54555-8.txt or 54555-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/5/5/54555/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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