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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 08:12:17 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Lebenswende - -Author: Walter von Molo - -Release Date: May 6, 2017 [EBook #54671] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSWENDE *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiqua-Schrift | - | als ~Antiqua~. | - | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | - +------------------------------------------------------------------+ - - - ~KRONEN - BÜCHER~ - - [Illustration] - - Romane erster Schriftsteller - - - - - Lebenswende - - Roman - von - Walter v. Molo - - [Illustration] - - ~RUDOLF MOSSE~ - (~KRONEN-VERLAG~) - ~BERLIN SW 68~ - - - Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten - Nachdruck verboten - ~Copyright 1918 by Rudolf Mosse, Berlin SW 19~ - - -Lebenswende - - erschien im Jahre 1908 unter dem Titel »Klaus Tiedemann, der - Kaufmann«; vorliegende Ausgabe ist vom Autor neu durchgesehen und - in mancher Hinsicht verändert worden. - - - - -»Willst du noch ein Butterbrot?« fragte zum zweitenmal Hilde Tiedemann -ihren jüngeren Bruder Leo und sah über den Frühstückstisch. - -Als wieder keine Antwort kam, stellte sie klirrend die Tasse nieder, -die sie in der Hand gehalten hatte, und trat zu dem Knaben, der mit -starren Augen vor sich niedersah. »Leo!« Sie rüttelte die schwächliche -Gestalt, daß die beinahe vornüber fiel, und strich ihm das seidenweiche -Haar aus der Stirn. »Was ist mit dir?« - -Langsam richtete sich der kränkliche Achtzehnjährige auf; er kniff -mißmutig die Brauen zusammen: »Ich mag nichts, hab' ich gesagt!« Es -klang verhaltener Aerger aus der lügenden Stimme. - -»Du hast _nichts_ gesagt,« antwortete sie und sah zu der Uhr, die über -dem Kamin in bedächtigem Gang ihr Pendel schwang. »Du solltest schon -lange in der Schule sein!« - -Leo zog ärgerlich die Schultern: »Laß das _meine_ Sorge sein und -kümmer' dich um andere!« Seine Augen gewannen an Glanz, weil er eine -Waffe gegen seine Schwester gefunden zu haben meinte: »Zum Beispiel um -deinen Hansen, der ist gewiß jetzt noch im Bett.« Er lachte, und die -Schadenfreude saß um seinen blassen Mund. - -Hilde war rot geworden und gab keine Antwort, nur mit dem Löffel -stocherte sie in der Tasse, trotzdem der Zucker schon lange vergangen -war. Dann stand sie jäh auf, mit plötzlichem Entschluß. »Stichle, -solange du willst, es ist mir gleich,« sagte sie, hochatmend holte sie -Luft, »aber das eine muß ich dir sagen, wenn du so weiter machst, Leo, -dann nimmt es ein schlechtes Ende mit dir!« - -Leo hatte sich im Sessel zurückgelehnt und sah mit einem Blick, -der unbefangen sein sollte, aber doch widerwilliges, ängstliches -Eingestehen zeigte, auf seine Schwester. Er versuchte ein verlegenes -Lächeln: »_Was_ wird ein schlechtes Ende nehmen, bei mir oder bei dir?« -sagte er. - -»_Du!_« ihr Fuß stampfte entrüstet auf, »du weißt ganz gut, was ich -meine! Sei nicht so häßlich mit mir!« Unwillig warf er die Serviette -auf den Tisch: - -»Ich bin kein kleiner Bub, der dir über alles Rechenschaft geben muß.« - -»Das will ich auch nicht, aber schonen sollst du dich und deine -Gesundheit; mußt du denn _jetzt_ schon alles mitmachen, immer dein -Erwachsenen-Spielen! Du hast doch das _ganze_ Leben vor dir? Wenn Papa -wüßte, wann du _heute_ nacht wieder nach Hause gekommen bist!« - -Erschreckt blickte er sie an. »Du wirst es doch nicht sagen?« fragte er -hastig. - -»Nein, gewiß nicht, aber du solltest Vernunft annehmen.« - -»Was heißt Vernunft annehmen! -- Das ist ein blödes Wort für euch -Mädels, für uns kann das Leben nicht früh genug anfangen.« Seine -bleichen Wangen bekamen Farbe; er erhob sich. »Erzählte Papa nicht -selbst, wie er schon als kleiner Bub alles mitgemacht hat, wie er mit -achtzehn Jahren allein in die Welt hinauszog? Und ich soll immer hinter -dem Ofen hocken?« - -»Das war ein anderes Leben, Leo, von dem Papa spricht! Das war Arbeit, -und nicht Vergnügen wie bei dir.« - -Er ließ die Hand heftig auf den Tisch fallen »Herrgott ja, aber soll -ich mich plagen, wenn ich es nicht notwendig habe? Papa war arm und -mußte arbeiten, wir aber sind, Gott sei Dank, reich.« - -»Wie du daherredest,« ihre Stimme zitterte in Erregung: »Arbeiten muß -jeder Mensch.« - -»Ja, tu' ich ja auch! Ich habe Kopfweh!« - -Sie faßte seine schmale Hand: »Wenn dir nicht gut ist, lege dich ins -Bett, aber geh nicht so viel lumpen, du bist noch zu jung!« - -Er fuhr zornig auf: »Kommst du schon wieder mit dem Alter, als ob alles -davon abhinge! Der eine ist eben früher reif, der andere später -- das -verstehst du nicht!« Er drehte ihr den Rücken zu und begann vor sich -hin zu pfeifen. Dann sagte er leichthin über die Schulter: »Görnemann -war vorhin da und suchte Fred.« - -»Wo ist Fred?« - -»Weiß ich's?« - -Sie sah wieder zur Uhr und schüttelte den Kopf: »Neun, und er ist noch -nicht auf!« - -»Aufgestanden ist er schon lange, aber er ist gleich weggefahren. -Sie probieren heute bei der Morgenarbeit den ‚Franklin’,« sagte Leo -wichtig, dessen älterer Bruder einen Rennstall hielt, und unterdrückte -ein Gähnen. - -Als Hilde keine Antwort gab, sondern den Tisch abzuräumen begann, -setzte er sich auf den Diwan und sah ihr zu: Hilde Tiedemann war -mit ihren zwanzig Jahren ein hübsches Mädchen, das gestand sich ihr -Bruder jetzt, wie schon oft, wohlgefällig zu, und sein Blick, der ihre -schlanken Formen und flinken Bewegungen verfolgte, wurde freundlicher. -»Du solltest, Hilde, nicht alles selbst tun! Wozu haben wir denn unsere -Dienstboten?« - -Hilde hielt in der Arbeit inne: - -»Warum soll ich das nicht tun? Das schadet doch nichts?« - -»Schadet nicht, aber die Leute bekommen eine falsche Meinung von uns. -Sie müssen sehen und spüren, daß wir die Herren sind.« - -»Das merken sie viel eher, wenn man aus freien Stücken mitarbeitet, als -wenn man sie, wie ihr es liebt, allein schalten und walten läßt und -dabei alles verkommt.« - -»Du bist köstlich, als ob bei uns so etwas vorkommen würde!« - -Hilde strich die letzten Brotkrumen vom Tisch und erwiderte: »Ich -kann's als Mädel nicht ändern.« - -Leo rückte unruhig herum: »Lächerlich, einfach lächerlich! Wenn es nach -dir ginge, dürfte man sich überhaupt keine Freude gönnen! Du siehst in -einem fort Gespenster! Papa, Fred und ich sind lustig und guter Dinge, -du predigst immer Gefahr. Ich möchte nur wissen, woher eine solche für -uns kommen sollte?« - -Hilde Tiedemann schüttelte den Kopf; sie sagte: »Das ist es ja, Leo, -daß ihr alle so sicher seid und mich mit meinen Sorgen auslacht! Ihr -glaubt, weil wir Geld haben, kann uns nichts geschehen. Schau, Leo,« -sie trat ganz nahe zu ihm und dämpfte, in eindringlicher Liebe, ihre -Stimme: »Du arbeitest viel zu wenig für deine Schlußprüfung, du verläßt -dich ganz auf das Schwindeln mit dem Schuldiener -- wenn's nun nicht -gelingt?« - -Er lachte selbstsicher: »Er bekommt genug Geld, es _wird_ gelingen.« - -»Du _kannst_ es nicht wissen. Und selbst, wenn es gelingt; schämst du -dich denn nicht vor deinen Mitschülern, die sich ehrlich plagen müssen? -Weißt du, ich verstehe ja nichts davon, aber ich -- wenn ich an deiner -Stelle wäre -- ich würde lieber durchfallen, aber ehrlich arbeiten, als -durch Betrug Erfolg haben zu wollen.« - -Leo bekam vor Aerger wieder rote Wangen: »Du redest so gut, wie du es -verstehst -- du bist furchtbar unpraktisch,« er nahm einen überlegenen -Ton an: »merk' dir, Hilde, was man erreichen kann, soll man erreichen, -die Mittel dazu sind gleich -- wenn man es sich bequemer machen kann, -dann soll man's erst recht tun -- alles andere ist Unsinn ...« Er hielt -inne und sah mit plötzlich belebtem Blick auf das Stubenmädchen, das -eingetreten war und meldete: »Herr Görnemann ist da!« - -Hilde ging lebhaft zur Tür; sie fragte: »Warum kommt er denn nicht -herein?« Sie rief: »Herr Görnemann! Herr Görnemann, kommen Sie doch zu -uns herein!« - -Die magere, peinlich gekleidete, lange Gestalt des Prokuristen, mit -weißem Kopf und rosigen Wangen, schob sich in die Türöffnung; sie sagte -bescheiden: - -»Guten Morgen, Fräulein Hilde, ich wollte nicht stören. Ist Herr Fred -schon da?« - -Belustigt reichte ihm Hilde die Hand. »Wie formell Sie geworden sind! -Sie wollten nicht ‚stören’? Wen denn?« - -Er hüstelte und sah hinter den weißen Wimpern scharf auf sie. »Der -junge Herr hat dem Personal verboten, in die Privatwohnung zu kommen.« - -»Das gilt aber doch nicht für _Sie_!« - -»Mein liebes Fräulein, die Zeiten ändern sich. Es ist besser, man -gewöhnt sich daran.« Er bemerkte Leo und nickte ihm freundlich zu. -»Guten Morgen, Herr Leo!« Der gab keine Antwort, so daß dem alten Mann -das Blut ins Gesicht stieg. - -»Brauchen Sie meinen Bruder notwendig, Herr Görnemann?« fragte Hilde -und nestelte mit nervösen Fingern an ihrer Bluse. - -»Ja -- es sind Briefe zu unterschreiben und Wechsel für Frau von Lecart -zu unterfertigen.« Seine Stimme war unsicher. - -»Für Clo?« - -»Ja, Ihre Frau Schwester hat schon zweimal hergeschickt, ich kann die -Wechsel aber nicht allein hinausgeben, weil die Summe zu hoch ist.« Er -machte eine rasche Wendung, als brenne plötzlich der Boden unter seinen -Füßen: »Ich werde eben noch warten und dann wieder heraufsehen,« sagte -er hastig. »Guten Morgen, Fräulein Hilde!« - -Hilde wollte den alten Mann versöhnen, darum fragte sie noch rasch. -»Wie geht es Ihnen immer, Herr Görnemann?« - -Der stand schon auf der Schwelle. »Gut, ich danke.« - -Als der Prokurist die Tür lautlos hinter sich zugezogen hatte, fragte -Hilde vorwurfsvoll ihren Bruder: »Warum hast du ihm nicht gedankt, als -er dich grüßte?« - -»Laß mich in Ruhe! Er könnt' sich 'mal auch schon angewöhnen, zu mir -_Herr Tiedemann_ zu sagen, statt mich, wie ein Kind, ewig mit dem -Vornamen anzusprechen!« - -»Gegen ihn bist du doch auch ein Kind! Du solltest ihn überhaupt zuerst -grüßen.« - -»Er ist doch nur ein Angestellter von Papa?!« - -»Seit mehr als vierzig Jahren! Er hat Papa gekannt, als der noch arm -war und hat ihm geholfen, sein Geld zu verdienen.« - -»Dafür hat er sein Gehalt bekommen.« - -Sie wollte heftig widersprechen, doch sie schwieg und horchte auf den -festen Tritt, der von dem Schlafzimmer ihres Vaters herüberkam und vor -der Tür zögerte. Dann klang die Türschnalle. »Guten Morgen, Kinder!« - -Klaus Tiedemann küßte seine Tochter auf den Mund und trat zu Leo, der -langsam aufgestanden war und lässig sagte: »Morgen, Pa!« Leo schloß -für einen Augenblick die Lider und beugte sich herab, damit ihn seines -Vaters Mund erreichen konnte. Der küßte ihn auf die Stirn: - -»Frisch beisammen und ausgeschlafen, mein Junge?« fragte Klaus -Tiedemann. - -»Ja, Pa!« Leo suchte seiner Stimme Klang zu geben. »Mir ist wieder ganz -gut.« - -»Kein Kopfweh mehr?« - -»Nein, ganz wenig.« - -»So ist's recht, und nun Hilde: meinen Tee!« Er trat zum Fenster -und sah aufs Thermometer, während Leo sich an Hilde heranmachte und -flüsterte: - -»Nichts sagen, du hast es mir versprochen!« - -Sie schüttelte unwillig den Kopf. - -Klaus Tiedemann ließ sich schwer in den gepolsterten Sessel fallen und -sah seinen Jüngsten an. »Ein wenig blaß bist du doch noch! Gehe heute -lieber nicht in die Schule!« sagte er. - -»Meinst du, Papa?« - -»Was du da drinnen versäumst, kannst du noch hundertmal einholen, -bleib' daheim!« - -»Danke, Pa!« Leo schaute triumphierend zu seiner Schwester hinüber. -»Dann lege ich mich aber noch ein wenig hin, denn ich bin recht müde; -jetzt kann ich's ja sagen!« - -»Tue das!« - -»Servus! Kommst du ein bißchen zu mir hinauf, damit wir plaudern -können?« - -»Gewiß, mein Kind!« - -Es lag väterlicher Stolz und Liebe in dem Ton der Worte und dem Blick, -den Klaus Tiedemann der hoch aufgeschossenen Gestalt seines Sohnes -nachsandte, bis sie verschwunden war. Dann meinte er zu Hilde mit -einer entschuldigenden Färbung in der Stimme: »Die Schulmeister täten -mir den Buben ganz ruinieren, wenn ich nicht hier und da einen Riegel -vorschieben würde.« - -»Ja,« antwortete sie; und ihr kamen die Worte nur schwer aus der Kehle, -weil sie an den ewigen Irrtum und die allzu große Nachsicht ihres -Vaters denken mußte, »aber Leo sollte sich auch _selbst_ mehr schonen!« - -»Das tut er so Hilde; sieh darauf, daß er immer Wein trinkt!« - -Er faltete die Zeitung auseinander; aus alter Gewohnheit begann er -zuerst mit dem rückwärtigen, volkswirtschaftlichen Teil. Dadurch schien -er an das Geschäft und mit diesem an Fred erinnert zu werden. »Ist Fred -schon dagewesen?« fragte er. - -»Nein, Papa!« Hilde wartete vergeblich auf Antwort. Nur die Zeitung -knisterte. - -Sie schüttelte den Kopf: daß er Fred so blind vertraute! Er hatte doch -eigentlich keinen Grund dazu! Der Aelteste hatte nie viel Lust für das -Werk seines Vaters empfunden und ging oft nur ins Kontor, weil ihn -sein Vater dazu zwang. Als Fred vom Militär zurückgekommen war -- am -liebsten wäre er dabei geblieben --, hatte sein Vater darauf bestanden, -daß er in die Firma eintrat. Es war ein harter Kampf gewesen, doch -Klaus Tiedemann hatte gesiegt! Da es die Sicherung seines Lebenswerkes, -seines Hauses galt, war er ein anderer als sonst: er gab nicht nach! -Fred fügte sich seufzend in sein Schicksal, um das ihn Millionen -Aufstrebender beneidet hätten. Doch von der Zeit an schien sein Vater -jede Lust zum Geschäfte verloren zu haben; er sehnte sich plötzlich -nach Ruhe: Wenn Fred schon Kaufmann sein mußte, so sollte er auch -_Chef_ sein. Als Fred Lust am Geschäft zu finden schien, trat sein -Vater zurück. Er war schließlich 70 Jahre alt, da kam die Jugend ins -Recht! - -Hilde saß mit hängenden Armen und wartete, ob der Vater etwas benötigen -sollte. - -Es vergingen stille Minuten. - -In der Ruhe, die sie umgab, schlichen ihre Gedanken wieder in die -Ferne. Sie dachte: ihre Mutter -- vor Jahresfrist war sie gestorben! -- -sie trugen noch die Trauergewänder für sie -- war eine Frau gewesen, -die sich nicht viel um die Kinder bekümmerte, die ihr halbes Leben auf -der Chaiselongue verbrachte, mit Kopfweh und Nervenzuständen. Klaus -Tiedemann mochte nicht der richtige Mann für sie gewesen sein, etwas zu -selbstherrlich und zu gewaltsam, wenigstens die ersten Jahre der Ehe. -Das schien mit der Zeit von ihm gefallen zu sein. Hilde erinnerte sich -mancher garstiger Szene zwischen den Eltern in früheren Jahren. Mama -sprach stets mit gewisser Rückhaltung von Papa, der eben aus _anderen_ -Kreisen stammte als sie, die Tochter des Konsuls. Das hörte ihr Vater -nicht gern, denn er versuchte seine Vergangenheit zu vergessen, -obgleich sie ihm aus eigener Kraft zu Ansehen und Reichtum verholfen -hatte. Schon seiner Kinder wegen wollte er nicht daran erinnert werden; -sie hatten ihn stets nur als einen reichen und -- nach Klaus Tiedemanns -Meinung -- daher vornehmen Mann gekannt, und er war ängstlich bemüht, -sie dabei zu lassen. - -Der Kinder wegen war ihm nichts zu viel, an denen hing er mit rührender -Liebe: weniger an den Töchtern, über die Frauen hatte er überhaupt -seine eigene Meinung, die auch zu seiner Ehe geführt und seine ältere -Tochter Clotilde, heute Clo Baronin Lecart, zu ihrer Wahl geleitet -hatte. Aber seine Söhne waren ihm alles; diese eleganten jungen Leute, -denen jeder Salon offen stand, konnten alles von ihm haben. Willig -ordnete er sich ihnen unter. Hilde fuhr zusammen und sah auf: Vater -hatte mit hastigem Ruck ein Blatt der Zeitung umgeschlagen. Ohne daß -sie hinblickte, wußte sie, daß es die Kunst- und Theaternachrichten -waren. Ihr Denken erhielt eine neue Richtung: Warum spielte Leo -stets auf Hansen, seinen früheren Lehrer, an, wenn er sie kränken -oder in Verlegenheit bringen wollte? Glaubte er, daß sie für den -Karikaturenzeichner Sympathie empfände? Und wenn, was ging das ihn an? -Sie bewegte trotzig den Kopf: was ging das ihn an? Vater merkte nichts, -sonst hätte er gesprochen, der hatte andere Pläne mit ihr, das wußte -Hilde! Klaus Tiedemanns Schwiegersöhne mußten Namen von Klang haben und -in der Gesellschaft etwas gelten; das war beides bei J. A. Hansen nicht -der Fall. Der hatte nur eine alte Mutter und seine freche Hand, die den -Menschen an der schwächsten Seite zu packen wußte -- an der Eitelkeit. -Das vergab ihm niemand. Hilde seufzte: Es mußte wohl so im Leben sein, -daß manchem sein Können schadete und ihm Feinde schuf! War nicht auch -Gerhard unbeliebt, trotzdem er, wie Vater selbst zugab, dem Geschäft in -einem kurzen Jahr unentbehrlich geworden war? Gerhard stammte aus ihres -Vaters _erster_ Ehe. - -Es mußten unangenehme Erinnerungen sein, die Klaus Tiedemann an diese -Zeit im Herzen trug, denn nie sprach er davon. Seine erste Frau war -früh gestorben und Gerhard war in fremden Händen aufgewachsen. Erst -nach dem Tode seiner zweiten Frau hatte sich der Vater an seinen Sohn -aus erster Ehe erinnert. Des Konsuls Tochter hätte es nicht zugegeben, -und Klaus Tiedemann hatte durch seiner Frau Widerstand einen ihm lieben -Entschuldigungsgrund gefunden, sein Kind nicht wiederzusehen. So war -Gerhard spät in seines Vaters fremdes Haus gekommen. - -Draußen schellte die Glocke und tönten Stimmen, Säbelklirren und -Sporenklang. - -Hastig faltete Klaus Tiedemann die Zeitung zusammen. »Es ist Fred,« -sagte er hochachtungsvoll. »Er bringt jemanden mit,« in sorgender Eile -überflog sein Blick den gedeckten Tisch, »nimm die Eierschalen weg -und gib die Zuckerzange her.« Er fuhr herum: die Tür ging auf, Freds -Hand wurde sichtbar, die den Flügel hielt, um dem Gast den Vortritt zu -lassen: ein Offizier; er schlug die Sporen zusammen, verneigte sich und -sagte: »Die Herrschaften verzeihen meinen Ueberfall!« - -Klaus Tiedemann hob devot die Hand. »Bitte, bitte recht sehr, doch -einzutreten.« - -»Freiherr von Olthoff« stellte sich der Gast vor und verneigte sich. -Hilde sah einen tadellosen Scheitel, der sich nach hinten im spärlichen -Haar verlor, das schwarz und fett auf dem Kopfe haftete; leises -Unbehagen beschlich sie, als er ihre Hand zum Munde führte. Sein langer -Blick überflog sie. - -»Servus, Fred,« im Vorübergehen klopfte der alte Tiedemann seinem -Sohne liebkosend auf den Arm, dann riß er die Portiere zur Seite: -»Bitte hier in den Salon!« - -»Der Dame den Vortritt.« Olthoff ließ Hilde vorangehen und musterte in -Eile die schweren eichenen Möbelstücke, die von dem sezessionistischen -Tand der übrigen Einrichtung sonderbar abstachen. »Ich sehe, man liebt -hier das Neue.« Klaus Tiedemann hörte gern das Lob seiner Bemühungen, -er war angenehm berührt von des anderen Art. - -»Man geht mit dem Fortschritt! Uebrigens das ist Freds Verdienst.« - -»Also _du_ bist der Künstler?« Olthoff wendete sich für einen -Augenblick zu Fred, der sich eine Zigarette anzündete, dann -entschuldigte er sich neuerlich: »Ich mache mir wirklich Vorwürfe, daß -ich so ohne weiteres die Herrschaften inkommodiere, aber wir waren so -lustig zusammen, weil ‚Franklin’ so gut bestanden hatte, daß ich mich -leicht überreden ließ.« - -»Mache doch keine Umstände,« Fred Tiedemann sprach mit hoher, gesucht -vertraulicher Stimme, »meine Leute freuen sich, dich kennenzulernen, -nachdem ich ihnen schon viel von dir erzählt habe!« - -»Gewiß, Herr Baron, wir sind Fred sehr verbunden, daß er uns Ihre werte -Bekanntschaft vermittelte,« sagte Klaus Tiedemann schnell. - -Olthoff verneigte sich, daß die Sporen klangen. »Sehr angenehm.« - -»Wollen Herr Baron nicht eine Erfrischung zu sich nehmen?« - -»Nein, danke, wir haben reichlich gefrühstückt.« - -»Vielleicht könntest du, Hilde, ein Glas Wein an ...« Hilde war langsam -aufgestanden, doch schon versperrte ihr Olthoff den Weg: - -»Sehr liebenswürdig, aber ich danke wirklich! Bitte doch Platz zu -behalten. Bitte!« Als sie wieder saßen, nickte er Hilde zu: »Gnädiges -Fräulein müssen die Stelle der Hausfrau vertreten?« - -Seine Reden klangen konventionell und gezwungen, ein leichter Hauch von -der Ueberlegenheit des Mannes war darin und: Oberflächlichkeit. Hilde -merkte mit scharfen Sinnen: das war einer, der ihr gegenüber die Art -ihrer Leute hatte, nun begriff sie Freds Sympathie! - -Der suchte stets Bekanntschaften, die ihm in der Gesellschaft durch -Namen oder Aehnliches nützen konnten! Sie zuckte die Achseln und sagte: -»Natürlich!« - -»Gnädiges Fräulein haben noch einen zweiten Bruder?« - -»Ja!« Klaus Tiedemann, der mit Zigarrenkistchen im Arm vorüberging, -streichelte ihr die Wangen; seine Worte kamen oft verspätet: - -»Nur nicht zu bescheiden sein, Mädel!« Hilde zuckte zusammen, ihr tat -die gutgemeinte Berührung in Gegenwart des Fremden weh. Der wendete -sich zu Klaus Tiedemann: - -»Ein herber Verlust, wenn den Kindern die Mutter entrissen wird; auch -meine Mama starb früh.« - -Klaus Tiedemann nickte. »Es ist übermorgen ein Jahr; meine arme Frau; -sie war eine Geborene _von_ Wesenheim.« - -Olthoffs verwittertes Gesicht überflog für eine Zehntelsekunde ein -Lächeln, das sein gelbes Antlitz unter dem schwarzen Schnurrbart -häßlich verzog. »Sie haben einen guten Ersatz,« er sah mit kecken Augen -auf Hilde, die befangen vor sich niederblickte. - -»Darüber ließe sich streiten,« warf Fred Tiedemann ein. - -»Nicht doch, Hilde hilft uns in vielem.« - -Fred lenkte ab, ihm mochte die Wendung des Gespräches nicht behagen: -»Also, Olthoff, sage mal, du als Kavallerist, ob ‚Franklin’ nicht -wirklich Chancen hat? -- Papa glaubt's nämlich nicht.« - -Wie elektrisiert fuhr der Angesprochene herum. »Ich sage Ihnen, nur -der, der _ihn_ schlägt, gewinnt das Rennen.« - -»Na also,« lachte Fred Tiedemann wegwerfend. - -»Mich soll es freuen, wenn du mit deinen Rennfarben gleich von Anfang -an Glück hast,« sprach bedächtig Klaus Tiedemann. - -»Uebrigens, Papa: wir haben außerdem einen anderen famosen Gaul in -Aussicht!« - -»Du willst schon wieder ein Pferd kaufen?« Des alten Tiedemanns Stimme -erhielt etwas Kleinlich-nörgelndes. »Du mußt ja schon ein Dutzend -beisammen haben?« - -»Sogar mehr!« - -Olthoff mischte sich ins Gespräch: »Ihr Herr Sohn fängt die Sache mit -Geschick an: man würde gar nicht glauben, daß er der erste ist, der in -der Familie diese Passion hat.« - -»Ich habe nie besonders dafür geschwärmt,« beeilte sich der Alte zu -sagen und faltete nervös die Hände zusammen, »doch ihr Jungen seid uns -ja heute in allem über.« - -»Du hattest keine Zeit dazu!« Hildes Stimme klang heiser und -kampfbereit: glaubte Papa wirklich, daß seine Söhne höher stünden? Fred -winkte ihr mißbilligend ab: »Warum hätte Papa keine Zeit haben sollen?« -sagte er. »Wir Kinder haben ihn nicht gehindert: und das Geschäft läuft -von selbst weiter.« - -Es klopfte jemand an die Tür. Fred rief: »Herein.« - -Eine breite, muskelkräftige Gestalt, mittelgroß, die unverkennbare -Aehnlichkeit mit dem alten Tiedemann trug, trat über die Schwelle; -eine sichere Stimme sagte kurz: »Guten Morgen.« Die Aussprache hatte -englischen Akzent. Gerhard Tiedemann ging mit schweren Schritten auf -seinen Stiefbruder zu und sagte sachlich: - -»Wir brauchen dich drunten im Kontor, zum Unterschreiben, wir können -die Sachen nicht länger liegen lassen.« - -Unwillig hatte sich Fred im Sessel herumgeworfen. Nun galt es, den Chef -zu zeigen. Er zog die Stirn in Falten. »Ich komme; so lange wird es -wohl noch Zeit haben!?« - -Gerhards energisches Gesicht blieb ruhig. »Ich habe die Sachen -mitgebracht; sie liegen nebenan.« - -Klaus Tiedemann wackelte vergeblich mit dem Kopfe, um der peinlichen -Szene -- doppelt unangenehm, weil sie vor einem Fremden stattfand -- -ein Ende zu machen. Auch in ihm war Aerger über Gerhards eigenwilliges -Benehmen. Was mußte sich Olthoff denken? - -Als Fred keine Antwort gab, klang abermals Gerhards Stimme: »Es handelt -sich vor allem um die Wechsel für Lecart, deren dieser dringend -benötigt.« - -Fred war aufgesprungen und maß den Sprecher von Kopf bis zu den Füßen, -dann ging er voraus ins Herrenzimmer. - -Klaus Tiedemann sah seinen Kindern nach, von denen er das, welches die -Art seiner eigenen Jugend trug, nicht liebte. Wie derb und gewöhnlich -war dessen Gestalt gegen die elegante Figur Freds! - -Es vergingen verlegene Minuten. - -Schnell und unvermittelt, um der Situation Herr zu werden, frug -Tiedemann: - -»Sind Herr Baron schon lange hier in Garnison?« - -Olthoff lächelte, daß kleine Fältchen um seine Augen aufsprangen: »Erst -wenige Monate; ich bin Jahre in der Provinz gewesen.« - -»Ich denke mir das Leben dort nicht so unangenehm?« - -»Es ist fad.« - -»Dafür gilt aber der Offizier dortselbst mehr als hier in der -Großstadt. Besonders bei der Damenwelt. Nicht?« - -Olthoffs Stimme wurde interessiert: »In der Provinz sind meist nur -verheiratete Damen. Die sind gewiß für uns Junggesellen _sehr_ -angenehm; aber in einer Kleinstadt läßt sich so etwas nicht ausnutzen.« - -»Ich verstehe.« Klaus Tiedemann lachte in der ihm eigenen bedächtigen -Art und sah fragend nach Hilde hinüber: ob die zimperlich sei? - -Olthoff bemerkte den Blick und sagte: »Gnädiges Fräulein verzeihen, daß -ich so sprach?« - -»Bitte!« Sie erhob sich jäh; auch er stand. »Nun habe ich lange genug -gestört.« - -»Nicht im geringsten,« sagte Klaus Tiedemann, vor Hilde tretend, »ich -werde sofort Fred rufen lassen. Ich weiß nicht, warum er so lange -fortbleibt.« - -Olthoff legte Klaus Tiedemann die Hand auf den Arm; er sagte -verbindlich »Bitte, ihn herzlich von mir zu grüßen, und nochmals -Verzeihung für mein Stören!« - -»Aber ich bitte!« - -»Sie müssen es auf Kosten Ihrer Liebenswürdigkeit setzen.« - -Klaus Tiedemann verneigte sich: »Kommen Sie recht oft und recht bald -wieder, Herr Baron!« - -»Wenn Sie gestatten, mit größtem Vergnügen!« Olthoff schlug die Hacken -zusammen. »Bitte Fred zu sagen, er soll mich antelephonieren. Er will -ein Auto kaufen, und da möchte ich ihm gern fachmännisch raten,« fügte -er erläuternd hinzu. - -»Herr Baron sind sehr liebenswürdig!« - -Olthoff sandte noch einen Blick zu Hilde, die unmerklich den Kopf -neigte. Dann ging er. Der alte Tiedemann begleitete ihn. - -Hilde stand auf und seufzte: - -Ein Tag war begonnen in alter Art. - - -Nach Tisch gab es eine erregte Szene: Fred aß nicht mit den Seinen, weil -er sich nicht, wie er sagte, bei seinen mannigfaltigen Obliegenheiten -an eine feste Eßstunde binden konnte. Heute war er jedoch auf ein paar -Minuten gekommen, um seinem Vater die letzten Abmachungen für die -morgige Eröffnung des Industriehauses mitzuteilen. Darüber war Klaus -Tiedemann in Aerger und Aufregung geraten. Er sollte den Minister mit -einer kurzen Ansprache begrüßen. Solange zu arbeiten gewesen und zu -raten, hatte man auf ihn bauen können, jetzt sollte man ihm seine Ruhe -lassen. - -»Ich tu's nicht,« sagte er mißmutig und sah ärgerlich zu Boden. - -»Du mußt; es bleibt dir nichts anderes übrig, willst du uns nicht alle -bloßstellen.« - -»Wen? Alle?« - -»Du bist Obmann des Aktionskomitees und hast als solcher die Pflicht, -zu sprechen.« - -Klaus Tiedemann gab voll Grimm keine Antwort. - -Hätte man ihn nicht hineingejagt in das Ganze, wäre alles gut; die -Geschichte mit dem Industriehaus ging jetzt schon über vier Jahre! Die -Vereinigung der Großindustriellen hatte sich nach langem Herumstreiten -zum Bau eines Vereinshauses entschlossen, und Tiedemanns verstorbene -Frau hatte es verstanden, dafür zu sorgen, daß ihr Mann dem Werke -in leitender Stelle gegenüberstand. Er hatte sich gefügt, in einer -Anwandlung befriedigten Stolzes, daß man zu ihm gekommen war. - -Die anderen Mitglieder des Ausschusses waren damit zufrieden, -ihre Namen so oft als möglich in die Zeitungen, anläßlich der -Sitzungsberichte, zu lancieren. Klaus Tiedemann hatte gestützt -auf seine reichen Erfahrungen, sich voll in den Dienst der Sache -gestellt und gearbeitet. Sein Aerger, über die Aufforderung und seine -Unfähigkeit, ihr zu entsprechen, waren desto größer, als er wußte, daß -es ihm eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes zustand, das Haus zu -eröffnen. - -Aber er war zu befangen! Woher auch in der Geschwindigkeit eine Rede -nehmen? Er war keiner von denen, die für das, was sie empfanden, gleich -die richtigen Worte fanden. - -Das sagte er Fred. - -Doch der lachte: »Sei nicht so schwerfällig -- so ein paar leere Worte -sind doch bald beisammen.« - -»Meinst du?« - -Ueber den alten Mann kam ein leises Zittern der Freude; es würde -ihn doch eigentlich freuen, wenn er den Minister begrüßen könnte. -Unverwischbar waren die Vorurteile des niederen Standes, in dem er -geboren. »Du könntest mir eigentlich ein paar Worte aufsetzen,« sagte -er gepreßt zu Fred und sah angelegentlich auf seine Fingernägel, die -breit und gewölbt waren. »Ja?« - -»Ich?« Fred Tiedemann fuhr ärgerlich auf, »was fällt dir denn ein? Ich -kann doch nicht stumm daneben stehen, wenn du _meine_ Worte redest!« - -Klaus Tiedemann hing den Kopf. - -»Fred! _Den_ Gefallen mußt du Papa tun!« sagte Hilde. - -»Was weißt denn du! Wenn Papa spricht, soll er sich die Sätze auch -selbst zusammenstellen.« - -»Du bist häßlich.« - -»Laß nur, Hilde,« ihr Vater drückte sie auf den Sessel nieder, »ich -werde es schon allein machen.« Er atmete schwer; es war ihm nicht -leicht gefallen, seinen Sohn darum zu ersuchen; er ging zur Tür hinaus. - -»Du hast Papa weh getan,« sagte Hilde vorwurfsvoll. - -Schnell war Leo in die Höhe: - -»_Ich_ werde Papas Rede aufsetzen,« rief er und lief zur Tür, »du bist -ein Esel, Fred.« - -»Wird hübsch werden«, rief ihm Fred nach. Er trommelte auf die -Tischplatte: »So ein Frechling!« - -»Ich versteh' dich nicht.« Hilde schüttelte den Kopf. »Du mußt doch -gesehen haben, Fred, wie viel Papa daran lag, daß du ihm behilflich -bist. Was hat er für dich getan!« - -»Wär' ich der Vater, so hätt' ich's auch getan.« - -Sie sah ihn mit langem Blicke bittend an[.] »Setze ihm die Rede auf, -Fred! Nachmittags lernt er sie auswendig, und alles ist recht.« - -»Nein! Ich seh' nicht ein, warum man ihn in seiner Schwäche -unterstützen soll. Er hat oft genug davon gesprochen, was er für ein -tüchtiger Kaufmann gewesen ist; er wird das auch zusammenbringen.« - -Sie gab keine Antwort. - - -In reichem Schmucke prangte das Industriehausvestibül. Die Herren im -Frack streckten die Hälse, vorsichtig balancierten sie die Zylinder. -Draußen, nur durch Glas und Eisen getrennt, klatschte der Regen auf die -breiten Granitstufen, welche das Vestibül gegen die Straße abschlossen. -Jeden Augenblick mußte der Minister vorfahren. - -Klaus Tiedemann stand mit leise murmelnden Lippen neben der gleißenden -Statue Merkurs. »... festhalten in Treue am zünftigen Beruf ...« Er -konnte sich Leos Worte nicht merken, es war zuviel jugendlicher Schwung -darin. Der Schweiß war auf seiner Stirn, polternd fiel der Zylinder -zu Boden. Er hob ihn auf und ließ das Konzept fallen. Die Umstehenden -sahen ihn an: »Das konnte gut werden!« Es waren meist Altersgenossen -Freds, mit deren Vätern er gearbeitet hatte. Sie empfanden keinen -Zusammenhang mit dem alten Mann. - -»Er kommt.« - -Ein Wagen fuhr vor, die mächtigen Torflügel öffneten sich, brausend -sprang der Wind von der Straße in die Topfpflanzen, welche des -Landesherrn Büste schmückten. - -Alles verneigte sich vor dem Minister und drängte vorwärts. - -Klaus Tiedemann fühlte sich gestoßen, in den Vordergrund geschoben; -unordentlich saß der Frack auf seiner vierschrötigen Gestalt. Jedes -Wort war ihm entfallen; die Knie zitterten. Er sah gebeugte Rücken. -Lackschuhe schliffen auf den Fließen. - -Die Vorstellung der Herren war schon im besten Gang. - -Instinktiv suchte Klaus Tiedemann einen Ausweg aus der Menge; er -drängte der Tür zu. Sein Herz hob an, in schweren Schlägen zu pochen. - -Er sah, wie sich die Köpfe nach ihm wendeten. Plötzlich war Fred an -seiner Seite. Wie ein Ertrinkender griff Klaus Tiedemann nach dessen -Arm: - -»Ich kann nicht reden.« - -»Warum?« - -Klaus Tiedemann rang nach Luft. »Mir ist nicht gut; ich glaube, mich -trifft der Schlag«, er zwängte die weißbehandschuhte Rechte in seinen -Hemdkragen. »Hilf mir!« - -»Ich will dich vertreten.« - -Die Worte waren rasch hin und her geflogen; vor beiden öffnete sich -eine Gasse. Die Herren sahen erwartungsvoll auf Klaus Tiedemann. - -Mit schnellem Schritt trat Fred vor und verneigte den wohlfrisierten -Kopf; seine Gestalt deckte die seines Vaters. »Eure Exzellenz. -Hochbeglückt sieht der Verein der Großindustriellen unseres geliebten -Heimatlandes seit langem dem heutigen Tage entgegen, der uns ein Heim -geben soll für dauernde Zeiten ...« - -In leichtem Tone flossen wohlgesetzte Worte an Klaus Tiedemanns Ohren -vorbei, daß er freudig den Kopf hob und zur Seite trat, um in Freds -Gesicht Ausblick zu gewinnen. - -»... Euerer Exzellenz Gegenwart gibt uns die frohe Zuversicht, daß -unser Bestreben von maßgebender Seite gewürdigt und unterstützt wird -...« - -Er war stolz auf seinen Sohn! - -Der sprach zu Ende: - -Er pries den Kaufmannsstand, dem die ganze Welt offen stünde, er -sprach davon, wie verfehlt es sei, wenn die Gewerbetreibenden ihre -Söhne die Mittelschule nur zu dem Zwecke besuchen ließen, um sie die -Beamtenkarriere oder einen der gelehrten Berufe ergreifen zu lassen: -»... Der Kaufmannsstand selbst bedarf tüchtiger, gebildeter Kräfte, die -ins Leben hinausziehen, den Ruhm unseres Vaterlandes zu mehren.« - -Er schloß unter allgemeinem Beifall mit einem Hoch auf die Person des -hohen Gastes ... - -Sie umdrängten Fred Tiedemann, dem der Minister die Hand schüttelte. -Dann sprach auch der ein paar Worte; seine Rede klang aus in ein Hoch -auf den Landesherrn. - -Dann begann der Rundgang. - -Klaus Tiedemann wollte seinem Sohne danken, doch er konnte ihn nicht -erreichen; vergebens sah er sich nach ihm um. Fred ging ganz vorn, an -der Spitze des Zuges. - -Tafeln hingen an den Wänden und zeigten die Zunahme des Exportes. -Steile Kurven klommen an den Mauern hinan; sie wiesen die enorme -Entwicklung einzelner Branchen. - -Durch den Festsaal und das Stenographenzimmer ging es zu den -Fremdenappartements. Dann kamen die ausgedehnten Bureaus, die Schreib- -und Lesezimmer, die ausgewählte Fachwerke enthielten über sämtliche -Handelsgebiete. Klaus Tiedemann drängte sich vor. -- Sie waren in das -Informationszimmer getreten, eine Neueinrichtung, zu der er geraten -hatte. Die Nächststehenden wehrten ihm den Ausblick; dunkle Röte stieg -in sein Gesicht. - -Er hörte, wie sein Sohn die Erklärung gab, wie er die Schemas zeigte, -nach denen die einschlägigen Adressen und sonstigen Informationen -schnell zu finden waren. Klaus Tiedemann hatte hier die Erfahrungen -seines arbeitsreichen Lebens niedergelegt. Jeder Interessent konnte -sich hier über alles Wissenswerte unterrichten; sämtliche Länder der -Erde waren vertreten. Klaus Tiedemann hörte lobende Stimmen, die seinem -Werke galten; ihn selbst beachtete niemand. Er drehte sich um; hinter -ihm stand der Architekt, der das Gebäude geschaffen hatte, der Wochen -und Monate mit ihm gearbeitet hatte, derweil die anderen sich um -nichts bekümmerten. Auch der lächelte bitter. Sie verstanden sich ... - -Der Zug ging weiter, dem nächsten Stockwerk zu; wie eine lange Schlange -wand er sich durch die Räume. - -Klaus Tiedemann senkte den Kopf; er ging als letzter. - - -Sie saßen am nächsten Tage, nach dem Abendessen beisammen. Klaus -Tiedemann hatte einen großen Bogen weißen Papiers vor sich liegen. - -»Ich bin auf jeden Fall _dagegen_!« sagte Fred und streifte die Asche -von seiner Zigarre. - -»Ich auch.« - -»Ihr wollt Görnemann diesmal nicht einladen?« Hilde sah erstaunt von -ihrer Stickerei in die Höhe. »Warum denn?« - -Klaus Tiedemann ließ seinem Sohn das Wort. Er sah ihn erwartungsvoll -und ermunternd an. Fred sprach: - -»Mit den alten Gewohnheiten muß endlich einmal gebrochen werden. Jetzt, -wo wir nach Mamas Tod das erste Souper geben, ist die beste Gelegenheit -dazu. Was soll Görnemann in dieser Umgebung? Unser Bekanntenkreis ist, -Gott sei Dank, mit der Zeit ein anderer geworden. Einen Fürsten Solt -und eine Baronin Wolny können wir nicht mit Herrn Sebastian Görnemann -zusammenbringen. Da gibt es doch gar nichts zu reden, und auch Olthoff -würde sich für eine solche Bekanntschaft bedanken.« - -Er nahm seinem Vater den Bleistift aus der Hand und zog einen dicken -Strich durch den Namen seines ersten Angestellten. - -»Ganz richtig«, sagte Leo, den es gar nichts anging. Hilde schwieg und -beugte sich tief über ihre Arbeit. - -»Es wird ihm selbst so lieber sein«, tröstete der alte Tiedemann eine -Regung in seinem Innern. Dann atmete er gleich wieder schwer: »Das ist -bei Gerhard etwas ganz anderes, der trägt unseren Namen.« - -»Du willst Gerhard bei uns haben?« Aus Freds Frage klang Ueberraschung -und Ungeduld. »Ja, sage mir nur, aus welchem Grunde?« - -»Ich denke wohl? Was würden denn die Leute sagen, wenn ich es nicht -täte; sie tratschen ohnehin genug, daß er nicht bei uns wohnt! Er ist -doch mein Sohn.« - -»Nun ja; aber eben -- aus deiner ersten Ehe!« - -Unsicher blickte der Alte um sich. Scheue und herannahender Unwille -kämpften in ihm. Er spreizte die Daumen gegeneinander und sah mit -schiefem Kopf zu Fred hinüber; in ihm war die Erinnerung an gestern: -»Laß das«, grollte es aus ihm. »Genug, daß er mein Kind ist. Er hat das -Recht, dasselbe zu verlangen wie ihr.« - -»Du sprichst doch nicht im Ernst, Papa?« - -Fred lief mit langen Schritten im Zimmer herum. - -»Setze dich her!« des alten Tiedemanns Stimme gewann Schärfe, »laß das -Räsonieren! Er ist mein Sohn und hat bis heute bei Gott noch nicht zu -viel Anspruch darauf erhoben! Ich habe ihn zwanzig Jahre nicht gesehen. -~Bon!~ Mutter hat er nicht gekannt ...« des alten Mannes Rede begann -zu hasten, »sie ist gleich nach seiner Geburt gestorben, und ich bin -herüber nach Europa und bin hier geblieben. Er hat von mir nur gewußt, -daß ich sein Vater sein muß, weil ich denselben Namen habe und ihm Geld -schicke. Er ist mir fremd, ich hab' euch lieber als ihn, aber er bleibt -mein Kind.« - -»Gut!« Fred schlug mit zynischem Lächeln die Hand auf den Tisch. »Gut, -daß Mama tot ist.« - -Die Zornesader schwoll auf des Alten Stirn. - -»Fred«, sagte Hilde mahnend, und auch Leo, der von seinem üblichen -Halbschlummer aufgewacht war, winkte dem Bruder ab. Doch der war viel -zu zornig, um es zu bemerken: - -»Da willst du Gerhard wohl auch einmal in die Firma aufnehmen, ihn -vielleicht gar zu meinem Mitchef machen?« fragte er herausfordernd. - -»Und wen würde das kümmern?« - -Für einen Augenblick zögerte Fred mit der Antwort: er kannte den Vater -von dieser Seite nicht; dann brach er los: »Nun, hörst du, Papa, das -übersteigt alles Erdenkliche! Das hätten Mama oder ihre Verwandten -erfahren sollen! Sie hätten nie eingewilligt, daß Gerhard zu uns kommt; -das sind die Folgen ...« - -Eine tiefe Falte zog sich um des alten Tiedemanns Mund. »Wer hat -die Firma Klaus Tiedemann gegründet und hochgebracht?« fragte er. -»Deine Mutter oder ich? Wer hat mir dabei geholfen? Die Wesenheims -vielleicht? Die haben mir nicht das Leben vergönnt! Wie ein Hund hätte -ich zugrunde gehen können, sie hätten nicht die Hand gerührt. Erst als -ich ihnen Stück für Stück ihren Boden entrissen hatte und der Bankerott -unausbleiblich war, dann waren sie umgestimmt. _Dann_ durfte ich sogar -die Tochter heiraten ...« Fred stand auf. - -»Papa! Kein Ehrenmann spricht so über seine Frau, am wenigsten vor -seinen Kindern. Wenn du so zu sprechen fortfährst, muß ich das Zimmer -verlassen.« - -Erschreckt und verlegen hielt sein Vater inne. War er zu weit gegangen? -Die Unsicherheit seiner niederen Geburt nahm ihn oft gefangen seinem -eigenen Kinde gegenüber. Fred kannte sich in solchen Sachen aus! Gewiß -war ihm wieder der Zorn durchgegangen; er wollte ja niemandem unrecht -tun; gerade darum hatte er ja so gesprochen! Es war ja auch nur zur -Hälfte seine Ueberzeugung, was er über Gerhard gesagt hatte, aber es -war durch Freds Widerspruch etwas in ihm aufgerührt worden, das von -seiner hart durchlebten Jugend in ihm zurückgeblieben war als eiterndes -Geschwür. Er suchte einzulenken: - -»Für diesmal müssen wir Gerhard wohl einladen. Wer weiß, ob er kommt, -und wegen dem anderen, Fred,« er blickte seinen Sohn begütigend an, -»laß dir keine grauen Haare wachsen, du kommst gewiß nicht zu kurz; -meinst du nicht selber?« - -Fred nickte, er konnte nur schwer ein befriedigtes Lächeln verbergen: - -»Machen wir weiter!« - -Schnell griff der Alte nach der Liste; er sagte: - -»Fürst Solt, den mußt du persönlich auffordern, Fred.« - -»Ich treffe ihn heute im Klub.« - -»Gut.« - -»Baronin Wolny werde ich selbst morgen einladen. Ich fahre vormittags -zu ihr, vielleicht könnte man auch bei uns am gleichen Abend über das -Wohltätigkeitsfest einig werden -- so eine kleine Komiteesitzung ~entre -nous~ wäre nicht schlecht!« - -»Und ihren Sohn soll sie auch mitbringen; vielleicht wird das ein -Verkehr für Leo!« - -»Für mich?« fragte der erstaunt. - -»Ich glaube nicht, Papa,« sagte Fred, »er ist ein hochmütiger, -überspannter Bursche. Kaum zu glauben, daß eine so natürliche Mutter -einen solchen Sohn hat.« - -Hilde mischte sich ins Gespräch: »Sie ist Kunstreiterin gewesen? Der -Gesandte, ihr verstorbener Mann, mußte mit seiner Familie brechen, als -er sie heiratete?« - -»Dummes Geschwätz,« fuhr Fred auf, »kein wahres Wort ist daran; sie ist -eine riesig gebildete, feine Frau, die in den ersten Kreisen der Stadt -verkehrt.« - -»Hilde hat's ja auch nur von Hansen gehört,« lachte Leo, »und bei dem -muß man immer nur die Hälfte glauben mit seinem frechen Maul.« - -»Leo,« in bitterer Verlegenheit preßte die Schwester die Lippen -zusammen, »du weißt wohl wieder nicht recht, was du daher redest?« - -»Oh, ganz genau,« kam in streitseliger Behaglichkeit die Antwort, »es -ist so.« - -»Apropos,« sagte Fred Tiedemann, »weil Hansen erwähnt wurde: den müssen -wir diesmal entschieden einladen!« - -»Hansen? Nein! Warum den?« Der alte Tiedemann schien dem -Karikaturenzeichner wenig Sympathie entgegenzubringen, »den kann man -doch nicht mit Solt zusammenbringen.« - -»Wir brauchen ihn für das Wohltätigkeitsfest! Laden wir ihn nicht ein, -macht er uns dann nicht den Narren -- und wir haben keinen anderen, der -so schnell arbeitet und uns die Sachen umsonst überläßt.« - -»Aber die Geschichte mit den Solts!« - -»Welche denn?« - -»Na hörst du!« - -»Ich weiß wirklich nicht.« - -»Daß du das vergessen hast!« - -»Was ist denn?« - -»Als Hansen seine Karikaturen zum erstenmal gesammelt erscheinen ließ, -rückten die Solt-Hansen doch in die Zeitung die Notiz ein ...« - -»Jetzt erinnere ich mich: daß sie mit dem Zeichner T. A. Hansen weder -verwandt noch irgendwie in Beziehung wären? Das meinst du Papa?« Fred -mußte lachen. »Grob war schon seine Antwort! Ich hätte mich allerdings -in ähnlichem Fall tödlich beleidigt gefühlt, aber: Fürst Solt verkehrt -mit den Solt-Hansen nicht, weil sie bürgerliche Frauen haben, und -er lachte über Hansens Erwiderung am nächsten Tage: ‚Der Zeichner -T. A. Hansen teilt mit, daß er mit der Familie Solt-Hansen, deren -jüngster Sohn kürzlich wegen betrügerischer Wechselschulden verurteilt -wurde, weder verwandt ist noch in irgendwelchen Beziehungen steht.’« - -»Ein ganz famoser Bursche, der Hansen,« meinte Leo nachdenklich, »der -schert sich um niemanden als um sich selbst und ...«, er zwinkerte mit -den Augen zu seiner Schwester hinüber. - -Die senkte den Kopf tief auf ihre Arbeit, während der Vater langsam, -widerwillig sagte: »Also den auch.« Und dann hörte sie, wie der -Bleistift bei Hansens Namen den Haken machte, der seine Einladung -sicherte. Sie mußte bitter lächeln, daß es gerade Fred war, der -ihn wieder zu ihnen ins Haus zog. Gerade der, der ihn am wenigsten -verstand, und dessen Art Hansen am heftigsten bekämpfte. - -Fred sah auf die Uhr und sagte: - -»In einer Viertelstunde muß ich fort, sonst treffe ich Lecart nicht -mehr im Klub.« Er griff nach der Adressenliste und durchflog die Namen. -»Der Karsten hat quittiert und ist Agent geworden, den natürlich -nicht«, er strich den Namen des ehemaligen Gardeoffiziers und las -flüchtig weiter ..., »die junge Büdener nicht, die hat einen armen -Teufel geheiratet, man sagt aus Liebe. Die kann sich kein ordentliches -Gesellschaftskleid kaufen.« Wieder kratzte der Bleistift und schied -eine junge Frau vom Hause Tiedemann ... Er las rasch: »Die anderen -stimmen so.« Er ließ das Papier fallen. »Richtig, was ich noch sagen -wollte: du mußt dir den Schneider kommen lassen, Papa, du brauchst -einen neuen Frackanzug.« Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf; doch sein -Sohn ließ ihm nicht das Wort: »Es ist die höchste Zeit für dich.« - -»Schon wieder einen neuen Frack?« Der alte Tiedemann runzelte die -Stirn. »Ich habe nur ohnehin erst voriges Jahr einen machen lassen.« - -Fred wurde ungeduldig: - -»Man hat jetzt anderen Schnitt und einen Vorstoß an der Weste. Ich habe -mich gestern im Industriehaus geschämt, wie dein Gilet saß. Du kannst -als Hausherr nicht so aussehen! Ich versteh' dich wirklich nicht, Papa, -wie du in derart primitiven Anstandssachen anders denken kannst.« -Wieder sah er auf die Uhr: »Ich werde dir morgen die neuen Muster -schicken lassen.« - -Der alte Mann fuhr sich müde über die Augen. - -»Dann soll sich Leo aber auch etwas bestellen«, sagte er. - -Der sah mit flinkem Blick auf: »Ich brauche schon lange wieder einen -Tennisanzug, Pa.« - -Fred Tiedemann knöpfte eilig den Rock zu: - -»Gute Nacht! Ich gehe. Bald hätte ich vergessen. Ich habe morgen -vormittag keine Zeit fürs Geschäft, muß zur Wolny usw. Bitte, Papa, -gehe morgen 'mal wieder hinunter. Es werden Berichte von drüben -gekommen sein, und auch Lecart hat bei uns zu tun. Sei so gut und -besprich dich mit Görnemann; aber den Gerhard laß aus dem Spiele, den -geht die Sache nichts an.« Fred schritt zur Tür. »Olthoff läßt sich dir -empfehlen, Hilde, er behauptet, noch nie ein so hübsches Mädchen als -dich gesehen zu haben, aber du seiest herb.« Er lachte. »Ist schon 'was -Wahres dran; na, das gibt sich! Addio.« - -Klaus Tiedemann erhob sich, er hielt die Lider geschlossen, als -schmerzten sie ihn. - -»Gehen wir schlafen!« sagte er. - - -Ueber den Spieltischen des Klubs hing dichter Rauch. - -Fred Tiedemann hörte mit halbem Ohr seinem Schwager zu, der -eindringlich in ihn hineinredete. Seine Augen wanderten die Reihen der -Sitzenden entlang, ob er nicht einen Bekannten darunter fände, der ihm -Grund gab, sich der Umklammerung Lecarts zu entziehen. - -Er hatte nicht Lust, jetzt von Geschäften zu sprechen; doch dem anderen -galt das heute alles: »Wenn ich meine Geschäftsinteressen euch gebe -und dafür schweres Geld zahle, so könnt ihr mir doch entgegenkommen!« -Lecart strich aufgeregt seinen pechschwarzen ~Henry quatre~ und sah -hochmütig nachdenkend vor sich nieder. »Das Bankhaus Tiedemann«, fuhr -er mit heiserer Stimme fort, »wird wohl nicht auf den Verdienst mit -seinen Verwandten angewiesen sein, und jetzt ist der richtigste Moment, -in dem ich mich rangieren und schweres Geld dabei verdienen kann.« - -»Wenn man das sicher wüßte!« - -»Erlaube,« Lecart machte eine hastige Bewegung, »ich hoffe, für das -Reelle der Unternehmung bürgt mein Name!« - -»Natürlich, selbstverständlich; aber es handelt sich um große Summen, -da habe ich die Verpflichtung, vorsichtig ans Werk zu gehen!« Fred kam -sich unendlich wichtig vor, als er so sprach, trotzdem er gerade mit -seinen Gedanken bei Frau Maja Wolny war und sich die Worte überlegte, -mit welchen er sie morgen einladen wollte. - -»Das ist mir klar. Aber die Hausse in Spiritus hält noch längere Zeit -an!« - -»Ist das sicher?« - -Lecart erwiderte mit lebhaften Worten: - -»Daran ist doch nicht zu zweifeln. Die disponible Ware ist in festen -Händen und wird nicht abgegeben, weil die Eigner sich den Sommerbedarf -sichern wollen, die Zufuhr mangelt. Nach der letzten Notierung ist«, er -griff nach dem Börsenblatt und klemmte das Monokel ein, »jetzt bereits -gegen den niedrigsten Preisstand des Vorjahres eine Steigerung von -7,80 zu verzeichnen.« Auf Lecarts bleichem hageren Gesichte begannen -zwei rote Flecken zu brennen: »Wenn ich die Mansbergschen Fabriken -übernähme; in zwei Tagen habe ich sie in vollem Betrieb, dann schmeiß' -ich in kurzer Zeit so viel Ware auf den Markt, daß sie mir, bei den -hohen Preisen, enormen Gewinn bringen muß.« - -»Du drückst dir aber dann doch selbst die Preise herunter durch -forcierte Abgaben!« - -»Bis es so weit ist, habe ich meine Sache im Trocknen.« Immer -eindringlicher und überredender wurden Lecarts Worte: »Es muß dir -doch einleuchten, daß an der ~chose~ keine Gefahr, sondern nur Gewinn -zu finden ist!« Wieder stand der abweisende Zug um seinen schmalen -Mund, während sich seine hagere Gestalt weit vorneigte und die kalten -schmalen Finger nach Freds fleischiger Hand griffen: »Schlag ein, wir -haben beide Nutzen und die anderen haben das Nachsehen; sie sollen -spüren, daß mit den Lecarts und Tiedemanns nicht leicht zu kämpfen -ist ...« Er fuhr halb in die Höhe und grüßte einen vorübergehenden -Offizier: »Mein Kompliment Durchlaucht.« - -Auch Fred war instinktiv aufgefahren und hatte sich verneigt. Dunkelrot -war er im Gesicht geworden. - -»Kennst du ihn?« war seine Frage. - -»Selbstverständlich: intim.« - -»Du mußt mich vorstellen!« - -»Gern! Schwager was ist's? Einverstanden?« - -Freds Widerstand war gebrochen, Lecart hätte ihn für seine Pläne an -keiner Stelle so leicht gewinnen können wie hier im Klub, wo Fred -Tiedemann um Gleichberechtigung rang, die ihm nur schwer seines Vaters -Geld verschaffte. Er nickte und besah die spiegelnde Spitze seines -Lackschuhes: - -»Jawohl, aber ich verlasse mich _ganz_ auf dich! Ich habe keine Zeit, -mich näher zu informieren. Du hast die Verantwortung.« - -Fred stand auf, Lecart hielt ihn fest: »Treffe ich dich morgen im -Geschäft?« - -»Nein!« Fred Tiedemann strebte den Spieltischen zu. Lecart riß aus -seinem Notizbuch einen Zettel und kratzte im flirrenden Licht, das -durch den Rauchnebel schien, ein paar Worte darauf: »Da unterschreib!« - -Mit gleichgültigen Augen überflog Fred die zwei Zeilen, durch die er -das Bankhaus Klaus Tiedemann anwies, Herrn Baron Lecart beim Ankauf -der nachgelassenen Mansbergschen Spiritusfabriken bedingungslos zu -unterstützen. Mit seiner steilen Schrift setzte er seinen Namen -darunter. »Wir müssen aber die erste Hypothek haben, damit wir sicher -gehen!« sagte er. - -»Ich bin der letzte, der euch schädigen will.« - -Fürst Solt ging vorüber mit seinen langsamen, steifen Schritten und -seinem tadellos sitzenden Salonrock. Tief bückte sich Fred Tiedemann: - -»Durchlaucht, dürfte ich um wenige Augenblicke Gehör ersuchen?« - -Solt neigte den Kopf. - -»Bitte!« - -Fürst Solt trat näher, er übersah Lecart, der, während sein Schwager -in wohlgesetzter Rede die Einladung vorbrachte, den Zettel hastig -verwahrte, der ihm wieder für ein paar Monate Luft machte und Kredit -schuf. - -Mit freudestrahlenden Augen sah Fred dem Fürsten nach: »Er hat -zugesagt, das Fest ist gesichert.« - -»Hm,« Lecart schien müde und abgespannt, »was machst du jetzt?« - -»Ich suche Olthoff und werde ein kleines Spielchen probieren.« - -»Dort ist er!« Lecart wies auf den Näherkommenden. »Nimm dich vor ihm -in acht, er steht windschief und kann eine teuere Bekanntschaft werden.« - -»Teuerer als du kann er nicht sein.« - -In Lecarts Emigrantenaugen blitzte es feindselig auf. »Ich bin der Mann -deiner Schwester.« - -»Weiß ich. Grüß' sie mir schön!« - -Fred Tiedemann eilte seinem neuesten Freunde entgegen. Lecart, mit -seinen dreißig Ahnen, lehnte sich unwillig in dem Fauteuil zurück und -sann auf Geschäfte. - -Drunten schlich durch den fallenden Regen Leo Tiedemann auf der Suche -nach Abenteuern. - - -Am nächsten Tage hatte sich der alte Tiedemann rasch angekleidet und -war mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen, bis es -Frühstückszeit war. Mehr als ein Jahr hatte er sich geflissentlich vom -Geschäft zurückgehalten, um Fred nicht zu beeinflussen. Es war ihm -nicht leicht gefallen; doch er konnte sich recht gut zurückerinnern, -wie er eine Kontrolle vertragen hätte, daher glaubte er auch, es -müßte bei seinem Sohne das gleiche sein. Wohl war es ihm manchmal -vorgekommen, als ob Fred eine Einmischung seinerseits gar nicht ungern -sähe. - -Langsam stieg er die Stufen hinunter, die er jahrelang gegangen war, in -tiefen Sorgen und Gedanken. Ein weihevolles Gefühl umfing ihn. - -Er lächelte darüber und vermochte doch nicht, es abzuschütteln. - -Er ging auf die große, eiserne Türe zu, die er versucht hatte zu -vergessen und die doch stets alte Wunden aufriß, wenn er sie sah -- es -war selten genug. Sie war vor dreißig Jahren, als er das Haus in seinen -Besitz gebracht hatte, rostig und zerschlagen gewesen. Er hatte sie -stets so gelassen. Nun glänzte sie in neuen Farben. - -Mit raschen Schritten trat er ein. - -Ein Diener kam geschäftig auf ihn zu; doch als er ihn erkannte, riß er -die Tür nach links hin auf. - -Sein Blick flog über die langen Reihen der Schreibtische; er atmete -tief. Wieder einmal lag sein Leben vor ihm, das ihm hier Tag für Tag -vorübergeschlichen war in unablässigem Mühen und Sinnen. - -Hier saßen die Buchhalter. - -Er sah unter den bekannten Gesichtern neue -- wie stets, wenn er kam -- -die erst der Nachbar aufmerksam machen mußte, wer er sei. Dann flogen -sie von den Drehstühlen in die Höhe und verneigten sich tief: »Ich habe -die Ehre, Herr von Tiedemann.« - -Er kam sich fremd vor in dem langgestreckten Bureau, das um das -Doppelte vergrößert worden war. Sein Auge musterte mit schnellem Blick -die neue Einrichtung, von der Fred so viel zu ihm gesprochen hatte. -Alles war getäfelt, mit leichten, sanften Farben bedeckt. Es machte -einen vornehmen Eindruck und stach ihm doch unangenehm in die Augen. - -Das Leben war fortgeschritten und verlangte andere Formen. Das war -stets so gewesen, und Fred stand voll in seiner Zeit: das war seine -Beruhigung. - -Nun sah er den alten Görnemann, welcher gebeugt an seinem Stehpult -arbeitete, den weißen Kopf auf die linke Hand gestützt. So hatte er ihn -jahrzehntelang gesehen; nur die Haare waren damals noch braun gewesen. - -Der Ton, mit dem er ihn anredete, war wärmer, als er eigentlich wollte: - -»Grüß Gott, Görnemann!« Der fuhr herum, als hörte er ein Gespenst: - -»Der Herr!« Er lief nach einem Sessel. »Das ist aber schön, daß -Sie wieder einmal nach uns sehen. Das ist sehr schön.« Er rieb -seine mageren Hände, daß sie knackten. Klaus Tiedemann machte eine -Kopfbewegung nach den Arbeitenden; er war verlegen, weil er nicht -gleich den richtigen Ton fand. - -»Viel neue Leute darunter?« - -»Viele«, der alte Prokurist räusperte sich. - -»Hat sich viel geändert?« - -»Oh, sehr.« - -Etwas Fremdes lag zwischen den beiden Männern, die sich ein Leben lang -gekannt hatten. Der Ton des Salons ließ sich nicht hierher verpflanzen. - -»Auf dem Platze vom Pfeiffer sitzt jetzt auch ein Junger.« - -»Der Pfeiffer ist in Pension gegangen.« Wieder hüstelte Görnemann, -um nicht sagen zu müssen, daß es den alten Mann viel Tränen gekostet -habe, bis er seinen Sessel, den er dreißig Jahre gedrückt, hatte -verlassen müssen; aber mit dem jungen Chef ging es nimmer! Der nahm ihm -die Handkasse weg und degradierte ihn zum Schreiber. Das ertrug sein -Ehrgefühl nicht. - -»Hat mein Sohn die Pensionsfrage gelöst?« - -»Nein, es wird noch immer fallweise bestimmt, was jeder bekommt.« - -»Aber er gibt jedem von meinen alten Mitarbeitern Pension?« - -Leise Angst und Besorgnis klang in der Frage. »Ja, aber es ist sehr -wenig.« - -»Das will ich nicht; da muß ich heute gleich mit Fred sprechen.« - -Görnemann trat von einem Fuß auf den anderen; er schien in großer -Aufregung; dann sagte er stockend: »Ich habe schon oft daran gedacht, -mich zurückzuziehen,« wieder ließ er seine Gelenke krachen; »man hat -doch seine 68 Jahre auf dem Rücken, und da wird einem das Arbeiten -manchmal schwer.« - -»Nichts da,« Klaus Tiedemann legte seinem ehemaligen Angestellten die -Hand auf die Schulter, »davon reden wir in ein paar Jahren, das gibt's -jetzt noch nicht.« Mit gutmütiger Barschheit suchte er dem anderen -seine Gedanken auszureden. »Ein Mann wie Sie, ohne Frau und Kind, was -soll denn der machen ohne Geschäft? Ist's _mir_ nicht leicht gefallen, -das Auf-der-faulen-Haut-liegen, was wollen denn erst _Sie_ anfangen?« - -»Ist schon wahr, Herr Tiedemann, aber ein alter Kopf kann heutzutage -oft nimmer mit.« - -»Papperlapapp, ein Kaufmann wie Sie! Wäre nicht übel.« - -Hunderte von frohen Fältchen erschienen auf des Alten faltigem Gesicht, -als er seinen Herrn so reden hörte. - -»Nein, da wird einstweilen nichts daraus!« Tiedemann schüttelte den -Kopf. Dann aber, als käme ihm ein anderer Gedanke, fügte er hinzu: -»Wenn Sie's aber einmal wirklich satt haben, Görnemann, dann lassen -Sie es _mich_ wissen. Ihre Pension soll meine Sache sein.« Er sprach -rasch weiter, um des anderen Dank zu entgehen. »Uebrigens, ich habe -Gerhard noch nicht gesehen.« - -»Der ist im Chefzimmer; er studiert die überseeischen Berichte; der -junge Herr erlaubt nicht, daß sie heraus ins Kontor kommen,« sagte -Görnemann rasch ... »und für ihr Versprechen, sich meiner anzunehmen -...« - -Er kam in seiner Dankrede nicht weiter, denn sein Herr fiel ihm ins -Wort: »Der Berichte wegen bin ich hier. Wie sind sie ausgefallen?« - -»Schlecht, sehr schlecht.« Görnemann schüttelte bedauernd den Kopf: -»Ich kann mich nicht erinnern, je so schlechte gesehen zu haben.« - -»So?« Tiedemanns Stimme klang, aus alter Gewohnheit, streng. »Wir -werden ja sehen. Wo geht es ins Privatbureau? Man kennt sich ja nimmer -aus in eurem neuen Kram.« - -»Dort, gleich die nächste Tür,« Görnemann lief dienstbeflissen voraus, -»dort, am Ende vom Gang.« - -»Was ist _das_?« Klaus Tiedemann hatte eine andere Tür geöffnet und sah -in ein Zimmer, das ebensogut als Damenboudoir hätte gelten können. »Das -sieht ja riesig mollig aus!« - -Verlegen meinte Görnemann: »Das ist des jungen Herrn -Privatempfangszimmer.« - -»So?« Der alte Tiedemann sagte weiter kein Wort, er nahm die Hand von -der Türschnalle und ging weiter. - -»Guten Morgen, Vater!« - -Gerhard Tiedemann stand hinter dem Tische auf, vor dem er gesessen -hatte, und schlug in seines Vaters Hand ein, die der ihm in plötzlicher -Wallung entgegenstreckte: »Fleißig bei der Arbeit?« - -»Solche Arbeit macht nicht viel Freude.« - -»Laß sehen!« Tiedemann schob ihn zur Seite und nahm die Papiere zur -Hand. - -Gerhard zuckte die Achseln und blickte zu Görnemann hinüber, der den -Kopf in die Schultern zog, vor dem unaufhaltsamen Entrüstungssturm, der -nach seiner Erfahrung kommen mußte. - -Mit unsicherer Stimme fragte der Alte: - -»Von wem sind die Berichte?« - -»Von Smithers Sons ...« - -Nach einer Weile fragte Tiedemann: »Warum haben wir so unsinnig viel -Baumwolle abgegeben? Nun leiden wir selber Mangel daran.« Görnemann -trat einen Schritt näher, um zu antworten, doch der Alte fuhr ihn an: -»Ich brauch' keine Erklärung.« - -Tief beugte er den Kopf herab, um seines Unwillens Herr zu werden. Fred -mußte da nicht viel nachgedacht haben, sonst wäre _dieser_ Verlust -hintanzuhalten gewesen. So ein grobes Versehen war Klaus Tiedemann -_nie_ unterlaufen. Das kam davon, wenn die jungen Leute stets zu Hause -bei Mama saßen und sich nicht in der Welt umsahen ... - -Er horchte auf, eben sagte Gerhard: - -»Das ist der Fehler bei uns; man will alles vom grünen Tische aus -regeln, ohne Erfahrung. Das muß man an Ort und Stelle beobachtet haben, -wenn man bei den Yankees nicht hineinfallen will.« Klaus Tiedemann -zwang sich zum Gegenteil: - -»Das konnte niemand voraussehen. Das nächste Mal wird die Bilanz schon -besser sein.« - -Der alte Görnemann hörte mit offenem Munde zu, Gerhard preßte die -Lippen aufeinander. Er merkte nur allzudeutlich, daß seines Vaters -Widerspruch seiner Person galt. Er warf trotzig den Kopf zurück. -Wenn die Stimmung gegen ihn anhielt, blieb er nicht länger hier. Man -wußte seine Arbeitskraft anderswo besser zu schätzen, ihm war um sein -Fortkommen nicht bange. - -Klaus Tiedemann sah noch eine Weile auf die Buchstaben und Ziffern -nieder, ohne sie zu lesen. Ihm waren seine Worte leid, und doch glaubte -er nicht anders sprechen zu dürfen, wenn er Gerhard, Fred gegenüber, -untergeordnet halten wollte. Jemand trat ein: - -»Hallo, du selbst, Schwiegerpapa?« Mit hastigen Schritten kam Lecart -auf Klaus Tiedemann zu. »Das trifft sich ja prächtig.« Sie sahen sich -in die Augen und schüttelten sich die Hände. »Clo ist draußen im Wagen, -die wird sich freuen; ich werde sie gleich holen.« - -»Aber ich bitte, Herr Baron, sich nicht zu bemühen; das werde ich -besorgen!« Görnemann eilte davon. - -Wieder wendete sich Lecart an seinen Schwiegervater: »Du wunderst dich -wohl, mich hier zu sehen?« - -Klaus Tiedemann lächelte: »Ich glaube, wir sind beide seltene Gäste -hier unten.« - -»Das wird sich bei mir ändern! Du mußt wissen, ich habe Großes vor.« -Lecart blickte zu Gerhard hinüber, unschlüssig, ob er in dessen -Gegenwart weitersprechen sollte. Er sagte zu ihm: - -»Bitte, bereiten Sie mir einstweilen mein Konto vor; hier haben Sie -eine Bescheinigung des Chefs.« - -»Ich hätte Sie ohnehin allein gelassen.« Gerhards Stimme klang in -überlegener Mißachtung: »Die Bescheinigung kann ich Herrn Görnemann -geben.« - -Er ging mit gleichgültigen Schritten ab, den Kopf etwas -vornübergeneigt, wie es auch sein Vater zu tun pflegte. - -In der Tür traf er mit Frau Clo zusammen. - -Er trat zur Seite und sah in ihr feines, blasses Gesicht, auf dem Sorge -zu liegen schien. - -»Grüß Gott, Papa!« Tiedemann drückte ihr einen Kuß auf die Stirn -und betrachtete sein schönes Kind vom Kopf bis zu den Füßen. Mit -gezwungenem Lächeln klopfte sie ihm auf die Wange: »Gut siehst du aus, -Papa!« - -»Nicht wahr?« sagte Lecart, »man sieht, er hat keine Sorgen.« - -»Gott sei dank, nein; ihr doch wohl auch nicht? Nun setzt euch aber!« - -Frau Clo setzte sich auf den Diwan und schlug die Füße übereinander, -daß der feine Knöchel ihres Fußes sichtbar wurde. »Laßt euch nur -nicht aufhalten, wenn ihr Geschäftliches zu tun habt! Ich blättere -einstweilen in der Zeitung,« sagte sie. Dann schob sie den Schleier in -die Höhe. - -Sie tat alles mit einer langsamen, eleganten Ruhe der Bewegung, die -über ihrem ganzen Wesen lag und alles Leben und unmittelbare Empfinden -verschleierte. So hatte es ihre Mutter gewollt, und so kam sie am -besten mit ihrem Manne aus. Der hatte ein fahriges Temperament und -steckte immer tief in eigenen Angelegenheiten, die ihm für sie wenig -Zeit ließen. Sie hatte sich einen Wall aus Ruhe und Takt gebildet, der -sie vor vielerlei schützte. - -Lecart rieb die Hände: - -»Ich habe jetzt furchtbar viel zu tun. Ueberall Unannehmlichkeiten. Die -Kerls streiken mir wieder zur Abwechslung. Der Betrieb in den Gruben -steht seit einer Woche still.« - -Der Alte schüttelte den Kopf. »Immer nur Forderungen und keine -Gegenleistung, das ist so recht neumodisch.« - -»Nun, nein; die Leute haben ein Stück recht, aber,« Lecarts markiertes -Gesicht belebte sich, die eingefallenen Wangen bekamen Farbe, »warum -soll man ihnen das _zugeben_, wenn man selbst nur Schaden davon hat?« - -»Wenn sie im Rechte sind, werden sie ihr Ziel erreichen«, sagte der -andere bedächtig. - -»Wir werden sehen. Einstweilen haben wir uns organisiert und sie im -ganzen Bezirk ausgesperrt; es sind schon viele in der _einen_ Woche -mürbe geworden; mehr als ich brauchen kann. Wenn sie für Weib und Kind -nichts zu fressen haben, dann kriechen sie zu Kreuze. Am Montag fange -ich wieder mit vollem Betrieb an.« - -»Du sagst doch, daß ihr sie ausgesperrt habt?« - -»Ja, aber ich brauch' doch nur so lange mitzumachen, als ich will.« - -Klaus Tiedemann schüttelte unwillig den Kopf: »Ihr müßt doch einig -sein, wenn ihr 'was erreichen wollt. Die anderen sind's auch.« - -»Hat sich was mit der Einigkeit! Die Hauptsache ist, daß man kein Geld -verliert.« - -»Hm, das weiß ich nicht.« - -»Aber ich. Bitt' dich, wohin soll denn das führen? Ich muß jetzt schon -meine ganzen Akzepte hergeben und teuer verzinsen, wenn ich Geld haben -will. Das ist ein starker Verlust für mich, wo ich so immer sehr viel -mit Rimessen arbeite.« Er schwieg, als fürchte er, zuviel gesagt zu -haben. Unsicher sah der Alte auf: - -»Gehen denn die Gruben schlecht? Du wirst doch nicht in Schwierigkeiten -kommen?« - -»Davon ist keine Rede.« Lecart nahm einen leichtfertigen Ton an. »Wo -denkst du hin: Charles Lecart in Geldverlegenheiten?« Er lachte. Es -klang häßlich und gepreßt, daß Clo einen schnellen Blick herüberwarf. -»Im Gegenteil, ich denke jetzt die Mansbergschen Fabriken an mich zu -bringen und viel Nutzen daraus zu schlagen.« - -»Das ist etwas anderes.« Erleichtert atmete Klaus Tiedemann auf. - -»Jetzt werdet ihr auch bald den Zinsfuß herabsetzen müssen?« sagte -Lecart so nebenbei. - -Der Alte schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht genau, da frage -den Görnemann, aber ich glaube nicht, denn das Geld hat nach der -amerikanischen Erdbebenkatastrophe wieder reichliche Verwendung.« - -»Das kann doch nicht so viel ausmachen.« Lecart hielt einen Augenblick -nachdenklich inne, dann fuhr er lebhaft fort: »Uebrigens, ich werde -mich gleich erkundigen, ich habe so eine Menge mit Görnemann zu -besprechen. Du bist, wie ich sehe, nicht mehr auf dem Laufenden?« - -»Ich habe mir zum Prinzip gemacht, mich von dem Augenblicke an, als -Fred an meine Stelle trat, um nichts mehr zu bekümmern.« - -»Sehr klug. Ich glaube, Fred wäre auch nicht der Mann, der sich -hineinreden ließe.« Lecart trat in gemachter Zärtlichkeit zu seiner -Frau: »Servus, Clo; dein armer Mann muß jetzt arbeiten ... Dich sehe -ich noch, Papa,« fügte er in einer Art herablassender Höflichkeit -hinzu, die er seinem Schwiegervater gegenüber öfters zur Schau trug. -»Lecart ist ein Kavalier in jeder Bewegung,« hatte Clos Mutter gesagt, -wenn sie das Widerstreben der Tochter, ihrem jetzigen Manne gegenüber, -besiegen wollte. Lecart ging; Tiedemann und Clo waren allein. - -Es blieb für einige Augenblicke still im Zimmer, als wollten die beiden -nicht an das Leben rühren, das sie selbst gezimmert hatten, dessen sie -nun nicht froh werden konnten. - -Klaus Tiedemann setzte sich an seines Kindes Seite und schlang den Arm -um sie. »Nun, wie geht es, Clo?« - -»Gut, Papa,« sie legte ihre mit Ringen bedeckte schmale Hand in die -klobige Rechte ihres Vaters und sah ihm unsicher in die Augen, die so -viel von Milde und ehemaliger Tatkraft sprachen. - -»Dann ist's recht.« Er seufzte. »Du kamst mir vorhin verstimmt vor?« - -»O nein!« - -»Doch! Jeder Mensch hat etwas zu tragen.« - -»Ich nicht.« Allzuschnell kam die Antwort. - -»Doch Kind,« er wiegte den Kopf, daß das straffe, weiße Haar darauf -zu schwanken anhub; »ist es dies oder jenes, eines ist es gewiß.« Sie -schwieg; so redete er weiter: »Mutter ist schon ein Jahr tot.« - -»Wirklich, ich bin schon bald zwei Jahre mit Charles verheiratet.« - -Wieder saßen beide schweigend. - -Dann fragte sie lebhaft: - -»Sag', Papa, hat Fred eigentlich mit dir über Charles' Absichten -gesprochen?« - -»Warum, Kind?« - -»Es wäre mir eine Beruhigung gewesen!« - -»Wenn es Wichtiges ist, so kommt Fred schon selbst. Er hängt viel zu -sehr an mir, um einen wichtigen Schritt -- wenn es eben einer wäre -- -zu verschweigen.« - -»Wirklich, Papa?« Ihre Stimme klang freier. »Wie geht es überhaupt -Fred? Hat er die neue Würde noch nicht satt?« - -»Wo denkst du hin? Gut geht es ihm in jeder Beziehung, auch im -Geschäft. Ich glaube, vor allem hilft ihm dabei sein großer -Bekanntenkreis. Keine Woche vergeht, ohne daß er nicht in ein neues -Haus eingeladen wird! -- Er ist auch ein fescher Bursch«, fügte er -wohlgefällig hinzu und lachte in befriedigtem Vaterstolz. »Seine -neueste Errungenschaft ist die Wolny.« - -»Die? So?« - -»Kennst du sie?« - -»Freilich, wir treffen sie öfters bei Behrens. Du,« sie legte die -Zeitung beiseite, »ist es wahr, daß Fred sich ankaufen und die Bank mit -der Zeit in eine Aktiengesellschaft umwandeln will?« - -Ueber Klaus Tiedemanns Gesicht lief ein Schatten; er war bleich -geworden: »Wer hat das gesagt?« - -»Ich habe es bei Behrens gehört.« - -»Dummes Geschwätz.« - -Es litt ihn nicht länger beim Sitzen; er legte die Hände auf den Rücken -und begann hin und her zu gehen mit hastigen Schritten. - -»Sogar von einem Tiedemannschen Fideikommiß oder Aehnlichem sprachen -sie.« - -Er blieb stehen und stampfte mit dem Fuße: »Da sieht man, wie die Leute -daherreden.« - -»Das habe ich mir auch gedacht. Ich weiß doch, daß du stets dagegen -warst.« - -»Deine Mutter hätte es schon gern durchgesetzt! Lassen wir das,« -unterbrach er sich; »es geschah ja auch von ihrer Seite nur aus Liebe,« -er hustete, »wenn sie auch manchmal die Mittel vergriff.« Er senkte -den Kopf und schwieg; sein Kind blickte ihn mit großen geängstigten -Augen an. - -»Sag, Papa,« fuhr sie fort, »war das nicht der Grund, daß du dich -so schnell vom Geschäft zurückgezogen hast?« Er gab keine Antwort. -»Du wolltest nicht in der Arbeit überrumpelt werden und selbst Fred -überwachen, bis er aus Gewohnheit an nichts anderes mehr dachte und -dein Erbe gutwillig antrat?« - -Er sah sie erstaunt an. - -»Du bist eine gute Beobachterin geworden.« - -»Das wird jede Frau.« - -»Mag sein, deine Mutter war es gewiß. Das hab' ich merken müssen.« Er -lachte bitter. - -»Sie war krank, Papa, und glaubte niemandem als uns Kindern trauen zu -können, sie hat uns in ihrer blinden Liebe alle überschätzt. Darum war -ja auch für uns Mädchen kein Mann recht! Wie das Leben so merkwürdig -ist.« Mit zitternden Fingern schob sie ihr Kleid zurecht. - -»Ob Fred nicht nur so daherredet bei Behrens, um den Weibern zu -imponieren?« Langsam, schier unbewußt, hatte Klaus Tiedemann die Worte -gesagt. - -»Aber, Papa, darüber sollst du gar nicht nachdenken,« sie streckte ihm -die Hand hin und lächelte, »das wird gesprochen und vergessen.« - -»Hast recht -- übrigens kommen Behrens Sonnabend zu uns.« - -»Es soll über das Wohltätigkeitsfest gesprochen werden?« - -»Gewiß! Fred hat sich die Sache ganz gut ausgedacht. Vor dem Souper ist -eine kleine Komiteesitzung, in der sich die Leute besser kennenlernen. -Er will die Wolny zur Präsidentin haben.« - -»Fred hat wirklich Geschick zu solchen Veranstaltungen: voriges Jahr -war es ein hübsches Reinerträgnis, das er erzielte.« - -»Er hat eben Glück bei den Weibern, und die sind in solchen Dingen die -Hauptsache. _Ich_ habe es nie gehabt.« Der Siebzigjährige furchte die -Brauen, als grollte er heute noch dem Schicksal seiner Jugend. - -»Uebrigens,« er lächelte schon wieder, »Leo fängt, glaube ich, auch -schon an.« - -»Aber, Papa, das ist doch viel zu früh?« - -»Das muß _er_ wissen, Kind.« - -»Aber das ist Unsinn!« - -»Das sagt Hilde auch.« - -»Aber, Papa, wirklich, da solltest du besser auf ihn achtgeben.« - -»Du sprichst wie eine kleine Mutter.« Er legte ihr liebkosend die Hand -auf die blasse Wange. »Dein Sohn möchte ich einmal nicht sein.« - -Brennendes Rot lief wie Hauch über ihr Gesicht: »Ich glaube, Papa, wir -bekommen keine Kinder.« - -»Na,« er lachte gutmütig, »abwarten ...« - -Sie stand auf in jäher Bewegung: - -»Jetzt möchte ich zu Hilde; ich habe sie eine Ewigkeit nicht mehr -gesehen.« - -»Komm, Kind, sie wird sich gewiß freuen ...« - - -Leo lag auf dem Diwan und horchte den Stimmen, die aus dem Nebenzimmer -kamen. - -Er hatte die Augen geschlossen in schwerer Mattigkeit. Der Kopf -schmerzte, und sein Puls ging schwer. Man gab ihm keine Ruhe: jetzt -mußte ihn auch Hilde bei Papa anschwärzen. Was wußte die von all dem, -was in ihm vorging? Für sie war er der Bub, der lernen sollte. Was -rechnete die mit seiner Eigenart? Schwerer Groll stieg in ihm gegen die -Schwester auf, die sein Bestes wollte. - -Er fuhr wider Willen zusammen und stellte sich schlafend. - -Die Tür war geöffnet worden. - -Er fühlte den Blick seines Vaters auf sich ruhen und regte sich nicht. - -Ein Stuhl wurde gerückt; nun mochte er sich wohl zu ihm gesetzt haben. -Da war einer Aussprache nicht mehr zu entgehen! Er wußte, daß Papa nun -warten würde, bis er aufwachte. - -Langsam, blinzelnd schlug er die Augen auf und richtete sich -verschlafen in die Höhe. - -»Bleib nur liegen, Bub!« Tiedemann betrachtete ihn mit forschenden -Blicken. »Du siehst elend aus, Leo.« Er furchte die Stirn. - -»Aber Papa, das ist nur, weil ich Kopfweh habe, und die Tapete -hierinnen macht jeden grün! Du siehst auch schlecht aus.« - -»Laß die Tapete in Ruhe und sag' mir lieber, wann du heute nach Hause -gekommen bist!« - -»Nicht spät,« Leo brachte schnell zwei Stunden in Abzug, »es wird noch -nicht zwölf gewesen sein. Ich bin von Jan Wolny direkt hierher.« - -»Ist das wahr?« - -»Ja.« Aus gepreßter Brust kam die Antwort. - -»Du lügst mich nicht an?« - -»Aber Papa!« Wieder richtete er sich heftig auf. - -»Bleib nur ruhig! Ich glaub' dir ja ...« - -Mit unsicherem Blick sah Leo auf seinen Vater. Es war Scham in ihm, daß -er die Unwahrheit gesprochen, trotzdem ihm sein Vater vertraute, und -doch sah er keinen anderen Ausweg. - -»... Es ist mir gleich, ob du gestern früh oder spät nach Hause -gekommen bist. Aber jedenfalls lumpst du zu viel. Deine Gesundheit -verträgt das nicht.« Tiedemann suchte seiner Stimme Strenge zu geben -und sich an Hildes und Clos Worte zu erinnern. »Du bist doch noch zu -jung und hast genug Zeit, später alles mitzumachen; wenn du aber jetzt -deine Nerven ruinierst, so leidest du dein ganzes Leben daran.« - -»Ja, Papa, aber ...« Leo biß sich auf die Lippen und schwieg. - -»Was ist denn? Rede, Leo; mit mir kannst du alles sprechen, wie mit -einem alten Freund!« Tiedemann drückte ihm die Hand. Leo lächelte ihm -dankbar zu. Dann sagte er mit schwerer Stimme: - -»Du mußt mich für keinen Lumpen halten! Es ist etwas anderes ... Weißt -du,« brach er mit stockendem Atem los, »was es ist? _Das Leben!_ Es ist -so groß und so reich, daß man immer nur wenig davon haben kann, wie alt -man auch wird. Papa, wenn ich so denke, bekomme ich Riesenangst,« er -ballte die Faust, »daß ich zu kurz komme und daß ich es nicht richtig -anwende, und dann weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht.« - -»Du lieber Bub.« Der alte Mann war aufgestanden und küßte ihn auf den -zuckenden Mund. »Das soll dir keine Sorge machen; das Leben wird einem -noch mehr als genug. Wenn du einmal so alt bist wie ich, dann wirst du -mir recht geben.« - -»Wirklich, Papa?« Es klang wie freudige Angst aus den Worten. - -»Gewiß, mein Kind.« - -»Hast du _auch_ mal so empfunden, wie ich? Warst du auch so -ungeschickt, Papa?« - -»Ja«, mit einem Seufzer kam die Antwort. Tiedemann nickte in Gedanken -versunken mit dem Kopfe vor sich hin. »Ich hab' auch geglaubt, jeder -Tag müßte mir ein Wunder bringen, und doch habe ich nie eines gesehen. -Die Menschen können nicht anders als gemein sein; sie können nichts -dafür. Wir sind es selber auch.« Er raffte sich zusammen ... »Das hat -jeder mehr oder weniger mitgemacht, der im Leben 'was erreichen wollte; -aber glaube mir, es gibt nur eines, was dagegen hilft, und auch nur -eines, was wirkliche Freude und Befriedigung gibt: die Arbeit.« - -Leos Augen leuchteten auf, »Das hab' ich mir auch schon gedacht, aber -ich habe ja keine,« seine Stimme schlug um; »die Schule, das ist doch -keine Arbeit, wie du sie meinst, und sonst hab' ich keine!« - -»Wird noch genug kommen.« - -»Aber _wann_, Papa? _Jetzt_ möcht' ich sie haben, damit ich etwas -bin. Ich weiß nicht einmal, was ich werden soll und bin schon bald -neunzehn.« Tiedemann sah zu Boden: - -»Ich weiß heute noch nicht, was ich geworden bin ...« - -Leo überhörte in seiner Erregung den traurigen Klang in der Stimme -seines Vaters. - -»Fred hat das Geschäft, Clo hat ihren Mann, Hilde wird auch bald einen -haben, und nur _ich_ weiß nicht, was aus mir wird -- _ich_ steh' ganz -allein.« - -»Mancher Mensch ist am glücklichsten, wenn er allein ist.« - -»Ihr anderen seid aber doch alle zufrieden?« - -»Gewiß,« der alte Mann sah auf; er beeilte sich zu antworten, »aber wir -haben dabei jeder doch auch unsere Sorgen und unsere Wünsche, die wir -gern erfüllt sehen würden. Das Leben ist mal so, daß es nie alles gibt, -und _wenn_, dann nimmt es dir gleich darauf wieder, viel _mehr_, als es -dir gegeben hat.« - -Mit großen Augen, in denen die Furcht vor dem Rätsel des Lebens stand, -sah der Knabe seinen Vater an, der als Resultat eines langen, wie es -ihn dünkte glücklichen Lebens keine anderen Worte fand. Leo benetzte -seine trockenen Lippen und fragte hastig: - -»Es muß aber doch etwas geben, das uns an der Erde festhält, sonst -würden wir uns nicht so vorm Sterben fürchten? Erinnere dich nur, als -es Mama so schlecht ging -- wenige Stunden vor ihrem Tode -- wie hat -sie da geweint, daß sie fort müßte von uns allen und daß sie ihr Leben -nicht besser genützt hätte.« Tiedemann erhob sich; er legte Leo die -Hand auf die Schulter und sah ihm tief in die Augen: - -»Der Mensch ist _feig_, Leo, das ist's.« Tiedemann strich ihm das Haar -aus der Stirn. »Darum glaubt er immer, es sei schade um ihn, wenn er -stirbt, und es sind doch so viele bessere da. Ich habe auch geglaubt, -ich sei fürs Geschäft unentbehrlich und habe manche Szene mit deiner -Mutter deswegen gehabt, weil sie wollte, daß ich Fred an meine Stelle -lasse; und schau, als ich es endlich getan hatte, da habe ich jeden -Tag auf das Unglück gewartet, das nun über unser Haus kommen würde, -- -und es ist noch immer keines gekommen -- und das Geschäft geht ruhig -und gut weiter, gerade als ob ich es noch leiten würde.« Er senkte -den Kopf, als schämte er sich seines Eingeständnisses und fuhr fort: -»Nicht, daß ich es Fred gewünscht hätte, gewiß nicht; du weißt, wie -gern ich euch alle habe -- aber,« seine Stimme wurde heiser, »deiner -Mutter hätte ich es vergönnt, weil sie stets gegen mich recht zu haben -meinte -- sie hat es bisher noch immer gehabt.« Er legte die geballte -Faust auf das Knie und vergaß, daß er zu seinem _Kinde_ redete. - -»Ich habe mich gegen eure Erziehung gesträubt, aus Leibeskräften. Ich -wollte euch einfacher haben; mehr Kinder, als »Söhne und Töchter«! Wäre -es nach mir gegangen, ihr wäret _nie_ in dem Gedanken aufgewachsen, -daß ihr reich seid. Eure Mutter hat es anders gewollt. Ich habe mich -gebangt und gesorgt um euch und ihr Vorstellungen gemacht. Sie hat mich -stets ausgelacht und gesagt: ‚Das verstehst du nicht -- und kannst es -auch nicht verstehen.’ Und sie hat _recht_ gehabt -- ich stand ja den -ganzen Tag im Geschäft.« Er schwieg und lächelte seinem Kinde hilflos, -ermunternd zu: »So ist's mal im Leben.« - -»Papa,« Leo umfing seinen Vater und küßte ihn, »es ist ja nichts -Schlechtes aus uns geworden. Es ist eben jetzt eine andere Zeit.« - -»Ja, schon recht,« hastig nahm Tiedemann seines Kindes Arm von seinem -Hals, »nur eines noch, und das merk' dir fürs Leben, weil wir gerade -darüber reden: heirate -- wenn du mal so weit bist -- nicht in eine -andere Gesellschaftsschicht hinein als in die, in welcher du geboren -bist.« - -Mit fragenden Augen sah Leo ihn an. - -»Alles läßt sich überbrücken und verwischen, nur das eine nicht! Du -hast es dann stets vor Augen, daß du ein anderer bist. Und wenn du -hundertmal das Haus erhältst und alles tust, du bleibst _doch_ immer -der Mindere. Da kommen die Verwandten und die Freunde deiner Frau und -sehen dich als weniger an -- selbst wenn sie selber Lumpen sind, du -scheinst ihnen doch minder.« - -»Clo hat doch auch in eine andere Gesellschaftsklasse geheiratet?« - -»O nein,« fuhr Tiedemann auf, »du verstehst mich falsch. Nicht -bürgerlich und adelig habe ich gemeint, sondern arm und reich. Ich bin -von armen Leuten, während deine Mutter aus vermögendem Hause stammte! -Darum paßten wir nicht zueinander. Lecart kommt aus vermögendem Hause -und Clo auch, darum werden sie nie viel Streit haben, sie haben von -Geburt dieselben Bedürfnisse. Darum muß Hilde auch so heiraten, wenn -sie vielleicht auch heute noch anders denkt.« - -»Sie hat Hansen gern.« - -»Das wird vorübergehen. Fred sagt, daß sich Olthoff für sie -interessierte; siehst du, Leo, der wäre mir als Schwiegersohn recht.« - -»Er ist aber doch ganz anders als du, Papa.« - -»Das ist gut, auch Lecart ist es!« - -»Du denkst niedrig von der Frau.« - -»Wie sie es verdient. Ich kann nicht anders reden, als wie es mich -das Leben gelehrt hat. Deine Mutter war eine feine Frau, eine Mutter, -wenigstens wollte sie stets das Beste mit euch, aber mir war sie -nichts. Oft, am Anfang unserer Ehe, kam ich zu ihr, um dies oder das zu -fragen, sie sollte mir einen Rat geben; wenn ich einen Freund brauchte, -der hätte sie mir sein sollen. Ich bin stets umsonst gekommen.« Er -atmete schwer. »Ihr war Toilette und Theater, kurz: alles wichtiger als -meine Sorgen; die sollte ich mit mir allein ausmachen.« - -»Armer Papa,« Leo streichelte seine Wange, »und Gerhards Mutter?« - -Die Brust des alten Mannes hob und senkte sich in stockenden Wellen. -»Die war anders ...« Er stand auf. »Ueber Tote rede ich nicht gern,« -sagte er barsch und vergaß im eigenen Kummer, weshalb er gekommen war, -»du,« er griff nach Leos Hand, »laß dir's gesagt sein, genieße das -Leben!« - -»Das will ich tun, Papa.« - -»Nehmt euch die Frauen, wo ihr sie findet, und macht euch keine -Gedanken, dann seid ihr glücklich; dann habt ihr keine Sorgen und seid -begehrenswert.« - -»Ja,« mit leuchtenden Augen sah Leo auf, »das will ich tun, und Fred -macht es auch so.« - -»Recht habt ihr.« Klaus Tiedemann nickte mit dem Kopfe und lachte. Mit -starren Augen stierte er auf den Boden. »Rächt mich!« - -Leo blickte nachdenklich zu ihm, dann fragte er langsam: »Hat dein -Vater auch so zu dir gesprochen, Papa?« - -»Mein Vater?« wieder lachte Klaus Tiedemann, »nein, der hat es nicht -getan.« - -»Warum nicht?« - -»Mein Vater? Der dachte nicht an so etwas. Für den gab es nur Geld und -Wut darüber, daß er keines hatte.« - -»Was war Großvater?« - -»Das ist's ja, Leo, von dem ich die ganze Zeit spreche -- er war arm -- -und ging am Trunk zugrunde.« - -»Da war er nicht gut mit dir?« - -»Nein, Junge, aber darum bin ich es mit euch; ein Vater kann gar nicht -nachsichtig und lieb genug mit seinen Kindern sein.« - -»Du Guter,« Leo küßte ihn auf den Mund, »aber schau, Papa,« sagte er -dann erinnernd, »wenn man nicht heiratet, dann hat man doch keine -richtigen Kinder, und du hast uns doch so gern?« - -»Das ist wahr.« - -»Siehst du ...« - -Es war dunkel geworden, und die Laternen warfen flackernde Lichter -durch die Fenster. Von der Straße klang gedämpft der Lärm des -Menschenstromes herauf, der sich von dem Geschäftsviertel in die -äußeren Bezirke ergoß ... - -Fred öffnete die Tür. »Aber, Papa, der Wagen steht bereits unten, und -du bist noch nicht einmal angezogen!« - -»Ich habe ganz vergessen.« Tiedemann fuhr sich über die Stirn, -»wir haben ernst zusammen gesprochen und da ist die Zeit schnell -vergangen.« Leo kam in Bewegung: - -»Mach rasch, Pa, damit wir nicht zu spät kommen, ich bin gleich fertig.« - -Er sprang davon; sein Vater drehte sich schwerfällig um, er hätte -gern noch etwas gesagt, das seinem Kinde Halt geben sollte in seinen -Kämpfen. Doch die richtigen Worte hatte er nicht gleich gefunden, und -nun war es zu spät. Daß aber auch Leo das Konzert wichtiger war! ... - -»So mach' doch weiter!« Freds Stimme hatte eine unwillige Färbung -angenommen. »Es sieht unangenehm aus, wenn man _jedesmal_ zu spät -kommt, gerade als ob man es sich so aussuchen würde, um fein zu sein. -Das haben wir nicht notwendig.« Er schob seinen Vater zur Tür hinaus -und fand nicht eher seine Ruhe wieder, als bis sie alle im Wagen saßen. -»Warum hast du keinen Schmuck genommen?« fragte er Hilde, als die -Pferde anzogen und ein vorüberfahrender Omnibus mit seinem Lichte ihm -diesen Fehler offenbarte. - -»Du weißt, daß ich Schmuck nicht gern trage.« - -Er sah unwillig zum Fenster hinaus und sagte: »Heute hättest du -_schon_ einen nehmen können, wo wir uns, seit mehr als Jahresfrist, -das erstemal wieder zeigen. Solange wir Trauer um Mama trugen, ließ -ich mir's gefallen, jetzt ist's Kaprize von dir!« Er ließ seine -prüfenden Blicke weiter wandern, die gleich darauf bei seinem Vater -eine schiefsitzende Krawatte entdeckten. Er richtete sie zurecht und -fand dabei, daß Papa noch immer das schwarze Band als Uhrkette trug. -Er griff hastig danach. »Das hättest du auch ablegen sollen; entweder -oder: wenn wir von heute ab offiziell keine Trauer mehr tragen, so -gehört sich das nicht mehr!« - -»Ich werde es morgen weg tun, laß!« Klaus Tiedemann legte die Hand auf -den Wagenschlag und blickte zu Leo: »Nicht wahr, du beherzigst, was ich -dir sagte?« - -»Ja,« mit verlorenen Augen sah Leo ihn einen Augenblick an, dann hielt -der Wagen. Ein Strom geschwätziger Menschen umgab sie. - -Mit nonchalanter Geberde nahm Fred Tiedemann seiner Schwester den -Mantel ab und warf ihn dem Diener auf den Arm: »Sie warten beim -Ausgang!« - -Der Riesensaal war voll Menschen, bis hinauf zu den schwarzen Galerien. -Auf dem Podium, das den Saal abschloß, stimmte das Orchester. Hunderte -von Armen waren in lebhafter Bewegung. - -Hilde neigte den Kopf, wie mit Blut übergossen: T. A. Hansen stand -da und hatte sie gegrüßt. Für einen kurzen Augenblick hatten seine -beweglichen Augen ruhig in den ihren geruht, dann wanderten sie weiter, -über ihre Brüder hin, mit leichtem Spott. - -Rechts und links grüßten Bekannte: - -»Ich habe die Ehre, guten Abend,« und dazu lächelten alle Gesichter, -die in wenigen Sekunden sich in ernste Falten legten, weil es die Sitte -erforderte und man so über Kunst sprach ... - -Der erste Bogenstrich! - -Ruhe überflog den Saal, mit den ersten Tönen brach Beethovens Genius -die Kleinlichkeit der Menschen und nahm sie gefangen. - -Mit eiserner Hand pochte an aller Herz der Kampf der Seele gegen -feindliche Gewalten und ließ sie zittern. - -Das Glück lächelt und winkt, und das Schicksal wirft sich dazwischen. -In wilder Gewalt brüllten die Töne und flehten und baten in heißem -Sehnen. - -Aufrichten, Hoffen, Verschwinden und Suchen waren des Menschen ewiges -Vermächtnis ... - -Klaus Tiedemann verstand nichts von Kunst und hatte auch nie darauf -Anspruch erhoben, aber als die Töne auf ihn eindrangen, kam eine -sonderbare Stimmung über ihn: Vielleicht war er heute zugänglicher, -weil er in dem Gespräche mit Leo alte Erinnerungen geweckt, die er -lange schon tot gemeint hatte! Seine Kindheit stand plötzlich vor ihm: - -Der trunkene Vater schalt sein abgehärmtes Weib, weil er das Geld nicht -geben wollte, das sie fürs Leben brauchten. Und daneben saß der Knabe, -in Lumpen, und träumte von Geld und Glück, denn ohne Geld konnte es -keines geben. Der Vater starb, der Sohn stemmte sich im wilden Trotz -dem Leben entgegen, in offenem Kampfe wollte er es bestehen; doch es -schlug ihm Wunden auf Wunden. Bald stand er allein. Dann schien Glück -zu lächeln, er fand ein Weib. Gemeinsam trugen sie die Mühen leichter. -Gerhard wurde geboren. Nun wußte er, _wofür_ er stritt ... Seine Kraft -verdoppelte sich. Erfolg kam auf Erfolg. Klaus Tiedemann stieg hoch. - -Hornruf riß ihn empor. - -Die Welt stand freudlos vor ihm, und die Instrumente schwiegen: - -Er fuhr zusammen, als täten ihm all die Hände weh, die in die Stimmung -schlugen und damit Beifall zeugten. - -Lange dröhnte der Applaus. - -Mit matter Handbewegung klatschte Fred: »Die Behrens sind vorn in der -Loge«, sagte er nachlässig zu seinem Vater. »Du mußt sie grüßen.« - -»Der erste Satz war prächtig,« Leo winkte mit dem Programm seiner -Schwester zu, »nur etwas zu langsam.« - -Hilde nickte, kaum bewußt, daß man zu ihr gesprochen. Die Stimmen -schwirrten um sie und banden sie an die Wirklichkeit. Das Orchester -setzte ein. In wildem Rasen nahm das Kunstwerk sie weiter gefangen, -alles versank hinter ihr. - -Der Taumel konnte betäuben, nicht täuschen über den Ernst! Das war es, -was sie oft empfand, daheim, wenn sich die Ihren anders gaben, als sie -waren. Bequem war es, doch es mußte sich rächen! Derbes Behagen und -Selbstzufriedenheit gaben nimmer Erfolg. Vater mußte die Fehler seiner -Söhne sehen und sich ihrer bewußt werden. - -Ihre Blicke flogen zu ihm. Seine Gedanken gingen ähnlichen Gang: - -Sollte das rastlose Suchen und Mühen nach dem Glück, das ihn zeitlebens -geleitet hatte, sein Ende finden in enger Begrenzung? So dachte er -damals, als er, zurückgekehrt auf Heimaterde, sein Werk, jetzt Freds -Werk, geschaffen hatte. Sollte er einsam bleiben, zufrieden mit dem -Besitz? Er sehnte sich wieder nach Heimat im wirbelnden Trubel des -Lebens, sein Herz verlangte Liebe, und die gab die _Familie_! Familie? -Er brauchte zu wählen. Wie klein waren die Menschen, die ihm nun ruhig -ihr Kind gaben, weil er reich geworden war! Die Kinder kamen, doch -nicht das erhoffte Glück. Als er es besessen hatte, in den wenigen, -kurzen Jahren seiner ersten Ehe, da hatte er sich nach dem lärmenden -Erfolg gesehnt; da war das Glück zerbrochen. Nun verließ ihn nicht mehr -der Erfolg, doch das Glück kam nimmer! Er wurde einsam in seiner großen -Familie. - -Mit starren Augen blickte Tiedemann vor sich nieder. Warum? ... Warum? - -Beifall hatte zweimal um ihn geklungen, er hatte sich nicht gerührt. -Seine Kinder sprachen, er gab keine Antwort: - -Freude klang aus Instrumenten und Stimmen! - -Freude war ihm nie beschieden gewesen. - -Ob sie wohl seine Kinder fanden? Was in _seinen_ Kräften stand, gab er -hinzu. Sie sollten haben, was ihm das Leben verwehrte! - -Die Instrumente jubelten, die Stimmen jauchzten. »... Deine Zauber -binden wieder, was die Mode streng geteilt ...« - -Ein Riß ging durchs menschliche Sein, den nichts überbrückte. Wer -Großes wollte, wuchs aus seinem Kreis und nahm sich so die Kraft, -die ihm bestimmt war, die stets zu wenig wurde. Tiedemanns suchender -Blick blieb auf dem hageren, bleichen Gesicht eines Geigers hängen, -einer kleinen, verkrüppelten Gestalt, an der nur die Augen lebten und -flackerten. Er war glücklich in den Tönen, um, wenn das graue Einerlei -ihn wieder umfing, noch unglücklicher zu sein. So war es auch Klaus -Tiedemann ergangen: - -Das Leben hatte ihn gehoben und ihm den Boden des Volkes geraubt, aus -dem er gewachsen war. Und nun stand er zwischen zwei Schichten und -gehörte keiner an: Sein Streben galt dem, was sein erbittertster Gegner -gewesen, solange er jung war. Er stand vor verschlossenen Türen und -wollte den Weg zurück nicht mehr gehen, weil er allzu steinig war, da -er ihn wanderte, den Blick nach der Höhe gerichtet. Und die Türen vor -ihm blieben verschlossen. Sein Leben ging zu Ende. Noch immer suchte er -dessen Rätsel zu lösen. Gab Gott den Menschen die Erde, um glücklich zu -sein? ... - -»Komm Papa! Ich möchte dich noch der Baronin Wolny vorstellen.« - -Fred Tiedemann rüttelte seinen Vater, der bewegungslos geblieben, als -das Konzert zu Ende war, der noch immer so saß im halbleeren Saal. -Tiedemann seufzte und stand auf. Eine alte Dame trocknete sich die -Augen, in welche die Erinnerung ihres Lebens Tränen getrieben hatte. -Sie gingen dem Ausgang zu. Hansen mußte schon weg sein. Hilde sah ihn -nicht mehr. »Jedes Wort, das man nachher spricht, ist Entweihung«, -hatte er einmal zu ihr gesagt. - -»Oh, die Herrschaften gehen wieder in Gesellschaft?« Eine schöne Frau -grüßte mit bezauberndem Lächeln: Brunn-Bennigsen, die Klaviervirtuosin, -hatte der Tiedemanns Fernbleiben von ihren Veranstaltungen, durch vier -leere Plätze in der ersten Reihe gut im Gedächtnis. »Aber übermorgen -kommen Sie doch in mein Konzert?« - -»Selbstverständlich.« Klaus Tiedemann verneigte sich, trotzdem sein -Inneres anders sprach. Er wendete sich an seinen Sohn: »Fred, du mußt -dich morgen gleich um Karten umsehen. Hoffentlich bekommen wir noch -welche.« - -»Ich denke schon!« - -Ein öder Abend, der ihm nichts gab, stieg vor Tiedemann auf, in dem -er Beifall klatschen mußte, weil es die anderen taten. Mechanisch -verbeugte er sich bei der Verabschiedung, während Fred mißmutig zum -Ausgang sah: - -»Nun haben wir die Wolny verpaßt.« - - -Hilde und Leo empfingen in den vorderen Räumlichkeiten die letzten -Gäste. Dann geleiteten sie diese in den Musiksalon. »Wenn es Sie -interessiert, wir wollen eben über das Wohltätigkeitsfest schlüssig -werden.« Leise Verbeugungen, diskretes Lächeln und Händedrücke ließen -die Wissenden erkennen. - -Lachen und Bravorufe klangen von der Schmalseite, wo sich die Herren -drängten. Frau Baronin Wolny stand auf, von neuerlichem Beifall -begrüßt. Sie lächelte dankend und sprach geziert: - -»Meine Herrschaften!« - -Sesselrücken ging der allgemeinen Ruhe voraus, welche knarrende Stiefel -unangenehm unterbrachen, die auf dem spiegelnden Parkett hin und her -gingen. »Wer ist das?« Ein fragendes Lächeln hinter dem Fächer, leise -Antwort: - -»Ueberbleibsel aus alter Zeit, man sagt, ein Verwandter.« - -Zwei Augenpaare nickten sich zu, über Gerhard Tiedemann hatten zwei -Damen der Gesellschaft den Stab gebrochen. - -»Meine Herrschaften! Vor allem danke ich Ihnen für ihr Vertrauen«, -sprach die Wolny. »Ich weiß nicht, ob ich es verdiene,« die rotblonde -Frau lächelte verbindlich, »aber wenn ich tatsächlich die Ehre haben -werde, dem Feste zu präsidieren, so können Sie versichert sein, daß -ich zu dessen Gelingen alles tun will, was in meinen schwachen Kräften -steht.« - -T. A. Hansen zog die Unterlippe ein, während ein Beifallssturm den -Worten der begehrenswerten Frau folgte; dann klatschte auch er in die -Hände: »Bravo!« Seine Stimme hatte sonderbare Färbung. - -»... Und noch eines möchte ich bitten, heute zu besprechen. Mit -Rücksicht auf den praktischen und humanitären Zweck müssen wir -möglichst _billig_ arbeiten. Wollen die Herrschaften also im Laufe des -heutigen Abends, der uns gewiß allen recht angenehm vergehen wird, sich -zwanglos über Gruppen, Kostüme usw. besprechen und es dann mich oder -Herrn Fred Tiedemann wissen lassen, der die Freundlichkeit hatte, in -das engere Komitee einzutreten ...« - -Sie setzte sich; Fred beugte sich leicht zu ihr hinüber, daß er den -warmen Hauch ihres Körpers atmete: »Bitte Frau Baronin, das Wort für -mich.« - -»Herr Fred Tiedemann hat das Wort.« - -»Ich möchte nur auf eines hinweisen,« der kerzengerade Fred lächelte -rundum, »wir brauchen einen gewissen Betriebsfonds, um arbeiten zu -können! Die Vorbereitungen hat wohl die gnädige Frau Baronin in -selbstlosester Weise gefördert.« - -»_Sie_ doch _auch!_« Frau Majas volle Lippen lächelten. - -»Es müssen Einladungen besorgt werden, kurz und gut,« er warf den Kopf -humoristisch hin und her, »wir brauchen Geld, wie überall auf der Welt!« - -»Der Weisheit Schluß!« - -»Kollekte veranstalten!« - -»Absammeln!« - -»Bitte,« Fürst Solt legte eine Riesennote vor Frau Maja Wolny und trat -mit einer Verbeugung zurück. Fred Tiedemann sah darauf hin und ärgerte -sich: es war mehr, als er hatte zeichnen wollen. - -Er sah fragend zu seinem Vater hinüber: - -Der hatte die Situation und den Befehl begriffen. Mit hastigen -Schritten und vor Erregung rotem Kopf, daß er nun vor so vielen -Menschen sprechen müßte, die er alle als über sich stehend ansah, trat -er vor und gab die doppelte Summe in Frau Majas Hände: »Von unserem -Hause.« - -»Meinen herzlichsten Dank, im Namen der Sache.« - -Klaus Tiedemann verneigte sich, wie er es bei dem Fürsten gesehen -hatte. »Das soll nur der Anfang sein.« - -Fürst Solt trat in die Fensternische. - -Nun kamen alle anderen, an der Spitze Lecart und Behrens. Klaus -Tiedemann sah mit scharfen Augen zu: Behrens mußte viel geben, der zog -den armen Leuten die Haut über die Ohren ... Die beiden Männer nickten -sich steif zu; sie konnten es noch immer nicht vergessen, daß sie in -der Jugend Konkurrenten gewesen waren. Und dann -- die Behrens hatten -wohl auch reichlich Geld erworben, aber ihre Art hatte sich nicht -verfeinert und war derb geblieben, wie am Anfang, da Heinz Behrens -am Getreideeck als kleiner Makler begonnen hatte! Behrens sagte zu -Tiedemann: - -»Wie soll der Schwindel heißen?« - -»Das wissen wir selbst noch nicht; ursprünglich wollten wir ein -orientalisches Fest, aber die Kostüme kommen zu teuer; das drückt den -Reingewinn.« - -»Mhm,« Heinz Behrens zog den Mund breit, »das ist wahr.« - -»Nennen Sie's doch ‚ein Wohltätigkeitsfest auf dem Mond’, meine -Herrschaften,« rief Hansens helle Stimme in das Gewisper und Geflüster, -das die rotblonde Präsidentin ratend umgab, »da kann man jedes Kostüm -brauchen.« - -Sie wandten alle die Köpfe; Hildes Augen suchten den Boden. - -Klaus Tiedemann wußte nicht recht, ob die Worte im Scherz oder im Ernst -gesprochen waren. - -»Das ist eine Idee.« - -Fred Tiedemann hatte zu Hansens Verständnis, in solchen Dingen, -unbedingtes Vertrauen: - -»Ausgezeichnet, meine Herrschaften, wenn niemand etwas dagegen hat, so -feiern wir ein Fest auf dem Mond?« - -»Bravo, famos!«, es hatte niemand etwas dagegen; nur Heinz Behrens -schüttelte den struppigen Kopf, er fand sich nicht gleich zurecht in -solchen Dingen: was sollte er auf dem Monde machen? - -»Ein großartiger Gedanke, gnädiges Fräulein«, sagte Olthoff und zog -sich ein Taburett zu Hildes Füßen. »Ist es erlaubt?« - -»Bitte.« - -Er ließ sich nieder. »Ich hätte eine große Bitte an Sie, gnädiges -Fräulein?« - -»Die wäre?« - -Er seufzte und sah sie lächelnd an: »Eine sehr, sehr große und -unverschämte Bitte.« - -»Nun?« Nervös blickte sie nach der Stelle, wo Hansen sein mußte. Er -folgte der Richtung; fragend sah er sie an: - -»Befehlen?« - -»Nichts,« sie wendete den Kopf, »Ihre Bitte?« - -»Fred und ich wollen eine Gruppe bilden.« - -»Und? ...« - -»Bitte, machen Sie mit!« - -»Wenn Papa dadurch nicht allein ist, gern.« - -»Das ist lieb von Ihnen.« Er küßte ihr die Hand und sprach eifrig -weiter: »Wir denken uns so eine nette, intime Gruppe, lauter Leute, die -sich gegenseitig sympathisch sind.« Sein Blick tauchte fragend in den -ihren, ohne daß ihm dieser die gewünschte Antwort gab. »Bis jetzt wäre -es Ihre werte Familie, die Wolnys und meine Wenigkeit -- viele werden -nimmer dazukommen, höchstens noch eine junge Dame für Jan Wolny; für -Ihren jüngeren Herrn Bruder haben wir an Fräulein Behrens gedacht.« - -Hilde gab einsilbige Antworten. - -Hansen ging vorüber, im Gespräch mit Leo; sein Blick streifte sie, -flüchtig und zufällig; es tat ihr weh. Abseits stand Fürst Solt und -redete mit Jan Wolny. Die schmale Gestalt Wolnys hing vornüber, der -kleingestutzte, schwarze Schnurrbart gab dem Gesicht einen älteren -Ausdruck. - -»Sie wollen sich jedenfalls, wie Ihr seliger Herr Papa, dem -öffentlichen Dienste widmen?« - -»Vielleicht, Durchlaucht, -- einstweilen studiere ich -Rechtswissenschaft.« - -»Und interessiert Sie Ihr Fach?« - -Jan Wolny zog die dunklen Brauen zusammen. Er antwortete langsam: - -»Gewiß, Durchlaucht, es hat für mich etwas sehr Ansprechendes, aus -erster Quelle das kennenzulernen, nach dem die gesamte Menschheit -sich richten muß. Sie fügt sich seit Jahrtausenden, und doch ist es -auch nur menschlicher Wille, vor dem sie sich beugt. Man schuf sich -eine Richtschnur, weil man sich der eigenen Schwäche bewußt war. Wer -heutzutage stärker wäre und nach eigenem Gesetz handelte, er wäre der -erste, der nach dem Mittel der Schwäche seiner Vorfahren gerichtet -würde. Das ist das Rätselhafte am menschlichen Recht und Gesetz.« - -Mit langem Blick sah ihn Fürst Solt an. - -Olthoff segelte steuerlos hin und her, um ein Gespräch dauernd im Gange -zu halten: - -»Sagen Sie, Fräulein Hilde, zu wessen Gunsten wird eigentlich das -Reinerträgnis verwendet?« - -»Für Angehörige von Säufern und für die Erziehung ihrer Kinder.« - -»Da wird Ihr Herr Schwager eifrig beisteuern müssen.« - -»Wieso?« - -»Jetzt, wo die Spiritus- und Schnapsbrennereien ihm gehören, ist er ja -einer, der am meisten mit solchen Leuten zu tun hat.« - -Sie lächelte gezwungen: »Ach so ...« - -Fred kam auf sie zu und sagte befehlend: »Olthoff führt dich zu Tisch; -neben dir ist Fürst Solt mit Clo.« - -Sie nickte gehorsam und stand auf. Sie legte ihren Arm in den Olthoffs -... - -In scharf überlegter und abgezirkelter Tischordnung saßen sie: - -Ganz unten Gerhard und Hansen; auch der alte Behrens hatte es -verstanden, sich dahin zu schmuggeln; da aß man ungenierter! Seine Frau -und Tochter sollten ruhig oben bleiben. Heinz Behrens erwog in seinem -geschäftigen Sinn eine endgültige Versöhnung der Häuser Behrens und -Tiedemann, durch Heirat ihrer Kinder. Leo war seiner Tochter Tischherr. -Dann konnte man die überseeische Filiale auflassen, die nur Geld -kostete, die, der Tiedemanns wegen, einstweilen notwendig war ... - -Frauenrecht und Kinderschutz waren das Gesprächsthema. Frau Baronin -Wolny hob ihr Glas Liebfrauenmilch und lächelte Fred Tiedemann zu: -»Mein treuer Adjutant.« Dann fragte sie nach links, seinen Vater, -der sofort mit dem Essen innehielt: »Sagen Sie, wird nicht stark -übertrieben, wenn man immer von der traurigen Lage der Arbeiterschaft -spricht?« - -»Durchaus nicht, Frau Baronin --« Tiedemann wischte sich mit der -Serviette eifrig den Mund. »Durchaus nicht, die Leute sind wirklich -gezwungen, ein Leben wie die Hunde zu führen.« - -»Also doch, das ist mir interessant zu hören!« - -Klaus Tiedemann kam in Hitze: - -»Das ist das fürchterliche, daß die meisten gar nicht wissen, wie -schlecht es ihren Arbeitern geht!« Lecart hob den Kopf. »Nicht genug -daß die Eltern verkommen und sich dem Trunk ergeben, die Kinder, für -die sonst jeder alles tut, werden krank und leiden daran ihr Leben lang -...« Er rückte zur Seite, um »Sole d'Ostende à la Joinville« servieren -zu lassen, dann fuhr er fort, die eigene Kindheit ward in ihm rege: - -»Man muß wissen, wie die Kinder untergebracht sind: mit den Eltern oft -zu fünft und noch mehr in einem kleinen, schlecht gelüfteten Raum, -der auf einen engen Lichthof mündet, in den nicht mal die elende -Großstadtluft dringen kann.« Er nickte aufgeregt mit dem Kopfe. -»Was sie da sehen und hören, wenn sie älter werden und der Vater -betrunken nach Hause kommt!! Dann wundert man sich über die moralische -Verkommenheit. Mein Gott, was man von klein auf gesehen und mitgemacht -hat, wird einem zur Gewohnheit. Ich kann darüber sprechen, denn ich -...« Fred Tiedemann sah seinen Vater fest an, dem ging stets das Herz -in solchen Dingen über, »... denn ich«, fuhr Tiedemann unsicher fort -... »habe mich stets um meine Arbeiter gekümmert.« - -Er schwieg, Lecart sagte zu Brunn-Bennigsen, seiner Nachbarin: »So arg -ist's nicht, mein Schwiegerpapa übertreibt gern.« - -Jan Wolny, der neben Clo saß, schüttelte den Kopf. »Wenn es wirklich so -ist, dann sollten wir uns schämen und, statt ein Fest zu veranstalten, -das ganze Geld den Armen geben.« - -»Es kommt ohnehin auf eins heraus.« Clo wendete ihm den Kopf zu, daß -die Brillanten farbige Pfeile schossen. »Wenn wir eine Unterhaltung -geben, so haben wir _und_ die Armen etwas davon und sonst nur die -allein.« - -Jan gab keine Antwort. - -Das Mahl ging weiter, Gang folgte auf Gang. Beim Champagner, Lecart -hatte mit Vergnügen zu seinem Gegenüber »G. H. Mumm extra dry« bemerkt, -erhob sich Fred, zu kurzer Rede: - -Er sprach auf die Präsidentin und auf das Gelingen des Festes und -fand den üblichen Beifall des Gastgebers. »Ein reizender Mensch, Ihr -Herr Sohn«, hatte Baronin Wolny zu Klaus Tiedemann gesagt; der nickte -vor sich hin. Er konnte das Lächeln des Vaterstolzes nicht verbergen. -In solchen Momenten vergaß er alles, aus Freude darüber, daß seinem -Sohne gelang, was er Zeit seines Lebens nicht erreicht hatte -- das -Wohlgefallen der Gesellschaft. - -Nach dem »Crème à la Glace« warf Olthoff, der bereits sämtliche -Manövergeschichten erschöpft hatte, abermals die Frage auf, was die -Gruppe darstellen sollte. Er dachte an Mondkavallerie in exotischem -Kostüm, die Frau Luna umschwärmt. Hilde sollte Frau Luna sein! - -»Recht verrückte Adjustierung, Löffel und Gabel in Riesendimensionen -als Waffen -- Hände und Gesicht dunkel gefärbt; das wird ein -Hauptspaß.« Er lachte. »Doch die Damen werden mit dem Färben, des -Teints wegen, nicht einverstanden sein?« - -»Das ist mir gleich, wenn es die anderen tun, mache ich es auch.« - -»Sehr liebenswürdig, wenn nur alle Damen so uneigennützig sind.« - -Fürst Solt mischte sich ins Gespräch: »Da wüßte ich ein Mittel, das -großartig wirkt.« Er legte den Handrücken nachdenklich an die Stirn. -»Nun ist mir der Name entfallen. Ich habe seinerzeit in Indien gesehen, -wie sich die Eingeborenen bei ihren Festen damit färben.« Wieder hielt -er inne. »Daß ich aber auch den Namen vergessen habe! Es war die Frucht -einer Akazienart, glaube ich.« - -»Es wird Bablah gewesen sein.« - -»Ganz richtig, gewiß.« Fürst Solt neigte dankend den Kopf nach dem -Tischende. Er schien sich mit Freuden früherer Zeiten zu erinnern. -»Sehr richtig, ich meinte Bablah; aber woher kennen Sie den Namen, wenn -ich fragen darf?« - -Gerhard Tiedemann gab kurz die Antwort: »Ich war einige Jahre im -Lande.« - -»Das trifft sich herrlich.« Der sonst so schweigsame Fürst wurde -lebhaft. »Da müssen wir darüber sprechen, alte Erinnerungen -auffrischen; da bitte ich dann um eine Plauderviertelstunde.« - -»Bitte.« - -Er wendete sich lächelnd zu Klaus Tiedemann: »Nun bin ich Ihnen für -Ihre liebenswürdige Einladung noch mehr verbunden. Ich hätte mir nie -träumen lassen, bei Ihnen heute über Indien, das Land meiner Sehnsucht, -sprechen zu können.« - -In Klaus Tiedemann regte sich abermals Vaterstolz; doch seine Umgebung -ließ ihn dessen nicht froh werden, etwas wie beleidigte Eitelkeit klang -in seiner Antwort: »Auch ich, Durchlaucht, kenne das Land, doch bin ich -nur auf kürzere Zeit hingekommen.« - -»Köstlich.« Mit leisen Worten wendete sich Fürst Solt an Hilde: »Wer -ist der Herr, der mir vorhin zu Hilfe kam?« - -Einen Augenblick zögerte sie mit der Antwort; sie schien auch von der -allgemeinen Scheu ihrer Familie, Gerhard zu ihnen rechnen zu müssen, -ergriffen; dann warf sie den Kopf unwillig zurück: »Es ist mein -Stiefbruder, Durchlaucht, meines Vaters Sohn aus erster Ehe«, sagte sie. - -»Ihr Herr Vater war zweimal verheiratet? Das wußte ich nicht.« -Interessiert sah Solt auf Gerhard. »Es ist große Aehnlichkeit zwischen -ihm und seinem Vater, viel mehr, als Sie alle mit ihm haben.« - -»Ich weiß.« - -Klaus Tiedemann hatte mit scharfen Ohren das leise geführte Gespräch -vernommen; er senkte den Kopf. Es kränkte ihn, daß seine Kinder aus -zweiter Ehe ihm so wenig ähnlich waren; das Wesenheimsche Blut war -stärker gewesen als sein eigenes. Er preßte die Zähne aufeinander; -sie hatten ihm seine Art zerbrochen und ihn zu ihrem willfährigen -Diener gemacht, der Geld verdiente. Das vergaß er ihnen nicht! Er -zwang sich zu anderem Denken: Wozu holte er dies alles wieder aus der -Vergessenheit hervor, wo ihn seine Kinder doch liebten und an ihm -hingen in Treue? Nun war doch alles gut. - -Leo strich an Hilde vorüber und flüsterte: - -»Fred läßt dir sagen, du solltest endlich die Tafel aufheben.« Fred -Tiedemann taugte das Gespräch nicht; wenn Papa und dieser Plebejer, der -sich sein Bruder nennen durfte, zu sprechen anfingen, war es besser, -Schluß zu machen; sonst konnten unangenehme Enthüllungen vorkommen. Was -ging die Leute die Geschichte Tiedemanns an? - -Hilde stand jäh auf. - -»Mahlzeit!« - -Olthoff wich nicht von ihrer Seite. Ungezwungene Gruppen bildeten sich, -Brunn-Bennigsen trat ans Klavier. Wieder legten die Gesichter sich in -ernste Falten. - -Die ersten Töne erklangen. - -In der Stille hallte Gerhards Stimme desto lauter, alle Blicke wendeten -sich zu ihm: er störte die Kunst, das war Sakrileg. Fred Tiedemann -knirschte mit den Zähnen, das hatte Papa davon! Brunn-Bennigsen tat -einen bösen Seitenblick. - -»... Bombay ist stark zurückgegangen, durch Cholera und andauernde -Mißernten ...« - -Elektrische Spannung lag in der Luft und mußte sich über Gerhard -entladen. Doch als Fürst Solt nun, von den Erinnerungen seiner Jugend -getrieben, ebenfalls laut antwortete, zerfloß alles in Wohlgefallen: -dem konnte niemand Taktlosigkeit vorwerfen! - -»... Ich glaube, auch die Bevölkerung ist stark dezimiert.« - -»Gewiß.« - -»Wo hatten Sie eigentlich Ihren Sitz?« - -»Auf Old Womans Island; im letzten Jahre gleich daneben, auf Kolaba.« - -»Das ist die Halbinsel? Nicht? ...« - -Das Fortissimo übertönte die Stimmen. - -Reicher Beifall erklang, Fred überreichte ein Rosenbukett. Dann -geleitete er die Künstlerin zu ihrem Sitz: - -»Ich war machtlos, die beiden Herren müssen sich rein vergessen haben. -Fürst Solt war dabei!« - -Sie lächelte ihm zu: »Das hat nichts auf sich ...« - -Nun durften die Herren rauchen. - -Bei den Zigarrenkistchen, in denen die Spezialitäten mit den breiten -Bauchbinden lagen, traf man sich. - -Lecart wählte mit Kennermiene; sein Blick kreuzte sich mit dem -Olthoffs. Sie verstanden sich. - -»~C'est la guerre~«, lächelte Olthoff. - -Roller, der Modemaler, nahm gleich von mehreren Sorten; er kam stets, -wenn wenig Leute bei den Rauchsachen waren, auf seine Kosten. - -Auch Leo holte sich eine schwere Havanna ... - -»Wollen wir nicht ein wenig plaudern?« fragte Hilde Tiedemann. - -»Wenn ich Ihnen nicht zu langweilig bin? ...« Hilde ließ sich in einer -lauschigen Ecke nieder; T. A. Hansen saß ihr gegenüber und sperrte ihr -den Ausblick. »Es ist lange, daß wir uns das letztemal sprachen.« - -Sie nickte: »Wie geht es Ihrer Mutter?« - -»Gut, wie es eben einer alten Frau gehen kann, die mich zum Sohn hat.« - -Hilde wurde verlegen: - -»Sie machen sich noch immer gern schlecht.« - -Er lächelte: - -»Ich bin kein Heiliger; fragen Sie nur die da hinten,« er machte eine -geringschätzige Kopfbewegung nach der übrigen Gesellschaft, »wofür mich -die halten!« Hansens überlegene Ruhe, die er sonst stets zur Schau -trug, war einer bitteren Stimmung gewichen. - -»Das kann Ihnen doch ganz gleich sein.« - -»Ja und nein; auf die Dauer wird es einem ekelhaft. Es gehört -eine verflucht gute Laune dazu, stets als das ausgestoßene Schaf -herumzulaufen.« - -»Das muß Ihnen gleichgültig sein.« Sie sah ihn mit forschenden Augen -an. »Sie sagten doch immer: ‚nie hat die Menge recht’.« - -Sein Blick wurde wärmer. »Ja, Fräulein Hilde, und doch tut es mir von -mancher Seite weh, so behandelt zu werden; ich bin für viele nur der -Lump. Ich gelte bei so manchen nur als Spötter, als minderwertiger -Charakter, weil ich mein Vergnügen daran finde, den Leuten ihre -schlechte Seite vorzuhalten, und doch hat alles andere weniger Wert.« -Er senkte den Kopf im Weitersprechen. »Was heißt charakterisieren? -Die Züge des Betreffenden sammeln und dieselben wieder vereinigen, -zu einem Gesamtbild. Wenn man das tut, so ist's Karikatur, und als -solche minderwertig; wenn man's nicht tut, wird es ein Bild ohne -Fleisch und Blut, denn nur durch karikaturenhafte Züge unterscheiden -sich gegenseitig die Menschen; so seh' ich es eben und bleib' drinnen -stecken.« Er lächelte bitter. »Mit der Zeit werden Sie schon auch noch -anders von mir denken, und Sie haben recht, wenn Sie's tun.« - -»Warum ich?« - -»Weil ich nichts leiste, weil ich heute noch immer derselbe bin, als -der ich vor fünf Jahren in Ihr Haus kam: der Vielversprechende, der -nichts hält.« - -»So dürfen Sie nicht sprechen, Hansen, nicht in meiner Gegenwart.« Er -sah auf und erschrak. In Hildes Augen standen Tränen. Gewaltsam drängte -sie diese zurück. - -»Verzeihen Sie nur!«, sagte er und streckte ihr die Hand hin, in die -sie ihre eiskalten Finger legte. »Ich habe mich gehen lassen, weil ich -mich vorhin über Leo ärgerte.« - -»Was war's?« - -»Nichts! Eigentlich nicht der Rede wert: er war heute anders mit mir -als sonst. Geschraubt und hochmütig, als wäre es eine Auszeichnung, -wenn er überhaupt mit mir spricht.« - -»Da kann Leo nichts dafür ...« Sie schwieg in heißer Verlegenheit. - -»Ich weiß,« er suchte ihr die unangenehme Antwort abzunehmen, »ich -weiß, daß er nichts dafür kann, aber trotzdem: er war einer, der -an mich glaubte, wenn er auch noch ein Kind war; es tut immer weh, -Anhänger zu verlieren, wenn man wenige hat.« Er sah ihr fest in die -Augen. »Ueberhaupt, es ist so vieles bei Ihnen anders geworden.« - -»Sie dürfen von Papa nicht schlecht denken.« - -»Das tue ich nicht, Fräulein Hilde; sonst würde ich nicht darüber -sprechen; aber leid ist mir um ihn, daß er sich so beeinflussen -läßt und nicht sieht, wohin das führt. Warum zieht er solche Leute -ins Haus,« seine Stimme klang aufgeregt, »wie den Olthoff, dem die -Spekulation auf Sie ins Gesicht geschrieben steht, die Wolny, die -stadtbekannt ist wegen ihres Lebens, und noch viele andere?« - -Sie war blutrot geworden: »Was sollen die Leute schaden, wenn nur wir -stark bleiben?« - -Er sah sie mit forschenden Blicken an: »Wenn! Wir? Wer sagt, daß Sie's -bleiben? Ihre Schwester hat Lecart geheiratet, trotzdem ich jemanden -kenne, der heute noch für sie stirbt.« Sie lenkte ab. - -»Sie verkehren noch mit Gröden?« - -»Wir sind jeden Tag beisammen; er hat Karriere gemacht und hat es noch -immer nicht vergessen, daß er Klaus Tiedemanns Schwiegersohn nicht -werden konnte, weil er ein armer Architekt war.« - -Hilde seufzte. »Daran war Mama schuld.« - -Sie schwiegen. - -Ihre Blicke hingen ineinander. - -Dann sagte Hilde: »Was macht Ihre große Arbeit?« Er senkte den Kopf -und gab keine Antwort. Sie sprach weiter: »Sie haben mir versprochen, -damals, als wir das erstemal uns näher traten: Sie wollten ein Werk -schaffen, das zeigen sollte, daß Sie mehr könnten als die anderen.« -In herber Enttäuschung schüttelte sie den Kopf. »Ich habe so darauf -gewartet, von Tag zu Tag, und nun? ...« Ihre Stimme verhallte. - -T. A. Hansen saß regungslos; dann sah er auf. In seinen grauen Augen -glimmte ein Funke. »Ich hab' nicht gewußt, daß _Sie_ darauf warten.« -Seine Stimme gewann an Festigkeit. »Sie dürfen nicht schlecht von mir -denken, Hilde, nur das nicht. Ich kann eben kein Beamter der Kunst -sein. Es wird so viel geschaffen, um das sich niemand kümmert, daß -es einem um sein Werk leid sein kann. Die Handwerker in meinem Fach -sind im Vorteil. Sie malen Porträts von reichen Leuten und leiten -davon ihr Selbstvertrauen her; sie werden dadurch »bekannt«. Ich habe -durchgekämpfte Stunden künstlerischen Zweifels, die anderen haben Geld -und Konnexionen. Was gilt in den Augen der Welt mehr?« - -»In meinen Augen -- das Ihre.« - -Er atmete aus voller Brust und bohrte den Blick in ihr erregtes -Gesicht, als müsse er sich dort Mut holen. - -Dann sagte er: »So will ich's wagen -- aber Sie dürfen mir nichts -verschweigen, Hilde, ja, nichts? Sonst ist's Verrat an mir selbst.« - -»Ich habe nichts zu verschweigen. Ich habe nur den Willen, daß Sie mit -Ihren reichen Mitteln den anderen zeigen, was Sie können, dann bin ich -belohnt.« - -Seine Hand umspannte krampfhaft die ihre; mit fester Stimme sagte er: -»Sie sollen nicht getäuscht werden, aber ich muß voll an Sie glauben -und muß von Ihnen das Recht haben, zu jeder Stunde meiner Arbeit an Sie -denken zu dürfen. Darf ich das, Hilde?« - -Sie nickte mit feuchtem Blick: »Ja, Hansen, das dürfen Sie, und ich -will's auch tun.« - -»Nun hab' ich Riesenkraft ...« - -Er sah sich um: mit unsicherem Schritt kam Roller auf sie zu; er trug -auf einer Tablette mehrere gefüllte Kognakgläser. - -»Gefällig?« - -»Danke.« - -»Ich danke«, sagte auch Hilde. - -»Bleibt mir mehr!« - -Er goß hintereinander den Inhalt mehrerer Gläser hinunter, mit stieren -Augen klopfte er wohlwollend Hansen auf die Schulter; er fühlte sich -dem Karikaturenzeichner weit überlegen: »Junger Mann, Sie haben kein -Ideal, suchen Sie sich eines, ein Künstler muß ein Ideal haben ...« - -»... Und wenig saufen«, es war Hansens unverschämtester Blick, der -dem verblüfften Modemaler ins Gesicht lächelte, »sonst wird die Hand -unsicher ...« - -»... Na Kinders, wie geht's,« Heinz Behrens klopfte sein Töchterchen -derb auf die Wange, »macht der junge Herr seine Sache gut?« - -Leo Tiedemann war wütend: daß nette Mädchen stets solche Väter haben -mußten! Er hustete und sah mißvergnügt gegen das Klavier, wo Lecart -eben Frau Brunn-Bennigsen auf den vollen Arm küßte. Klaus Tiedemann saß -müde in einer Ecke und lächelte verbindlich, wenn er angesprochen wurde. - -Er war schläfrig und sehnte sich nach Ruhe. - -Jan Wolny strich an der Nische vorüber, in der sich seine Mutter mit -Fred Tiedemann unterhielt: - -Er kannte das hungrige Lachen, er hatte es schon einmal gehört, kurz -bevor sein Vater in den Tod gegangen war. - - -Die nächsten Tage eilten vorüber. Fred Tiedemann hatte eine Unmasse zu -tun. Wenn die Wohltätigkeitsveranstaltung gelingen sollte, benötigte -sie viel Arbeit. Drei Herren im Bureau hatten die beiden letzten -Wochen nur für sie zu arbeiten, zum unaussprechlichen Aerger des alten -Görnemann. Gerhard zuckte die Achseln und dachte der Worte, die Fürst -Solt zu ihm gesprochen hatte: - -»Ich glaube, unseren meisten reichen Kaufherrensöhnen fehlt -die Erfahrung harter Arbeit. Darum sind sie nur Nutznießer des -väterlichen Erbes. Sie gehen in unseren Kreisen auf. Statt in die Welt -hinauszuziehen und sich dort ihre eigene Erfahrung zu sammeln ...« - -Klaus Tiedemann war schwer verstimmt. Er saß Stunden allein zu Hause -und grübelte vor sich hin. - -Er hatte Angst um Leo. - -Fast täglich kam der Arzt. - -Hilde war nach der Gesellschaft, die bis in den frühen Morgen gedauert -hatte, hinübergegangen in das Zimmer ihres jüngeren Bruders um ihm, wie -es ihre Art war, neue Wäsche für Sonntag herzurichten. - -Sie hatte ihn wie leblos auf dem Boden liegend gefunden. - -Wohl war er bald wieder zu sich gekommen und hatte sie gebeten, Papa -und den anderen nichts zu sagen. Doch Hilde hatte nicht nachgegeben und -darauf bestanden, daß der Arzt zu Rate gezogen würde. - -Der schüttelte den Kopf und sagte zu Klaus Tiedemann, welcher mit -ängstlichem Gesicht neben ihm stand: »Der Bursche ist rasch gewachsen -und frühreif. Von Geburt aus ist er auch nicht der Stärkste, also ist -Vorsicht am Platze. Vor allem halten Sie ihn zu Hause, und sehen Sie -darauf, daß er genug Ruhe hat. Ich glaube, er hat schon zu viel an die -Weiber gedacht.« - -Klaus Tiedemann tat einen Blick auf die Straße, auf der gerade Gerhard -in strotzender Gesundheit daherkam, und ging mit einem leichten Gefühl -des Hasses zu Leo hinüber, um ihm seine Entschlüsse mitzuteilen. - -Erstens: blieb von jetzt ab die Schlafzimmertür zu ihm offen, damit er -alles hörte, was neben ihm vorging; darauf hatte ihn Hilde gebracht! -Zweitens durfte Leo heuer nicht mehr abends ausgehen, weder in ein -Theater noch in ein Konzert; natürlich war auch das Fest nächsten -Sonnabend mit inbegriffen! Drittens: bat er ihn mit innigen Worten, -verläßlich zu sein und sich zu schonen, auch nichts hinter seinem -Rücken anzufangen, was seiner Gesundheit schaden könnte; dann gab er -ihm einen Kuß und ging, um für ihn in der Stadt eine Ueberraschung zu -kaufen. - -Hilde war nicht so schnell beruhigt, weil sie Leos Art besser kannte -und seinen wilden Trotz, der gerade das unternahm, was ihm am meisten -widerraten wurde. Vor allem suchte sie zu erfahren, ob Leo schon öfter -solche Schwächeanfälle gehabt hatte. - -Erst hatte er lebhaft widersprochen; doch als er sah, daß diesmal sein -Vater fest blieb und das Fest unwiderruflich für ihn verloren sei, gab -er zu, bereits seit Monaten ähnliche Anfälle gehabt zu haben. Er hatte -es verschwiegen, um sich seiner Freiheit nicht selbst zu berauben, -und anderseits hatte er geglaubt, es würde von selbst vorübergehen. -Sein Vater saß Stunden bei ihm, während er im Halbschlummer seiner -Nervenschwäche vor sich hin stierte. Dieses Beisammensein erfuhr -häßliche Unterbrechung, als das Schulzeugnis kam; es war mehr als -schlecht und stellte überhaupt in Frage, ob Leo zur Schulprüfung -zugelassen würde. In der kurzen Zeit bis zum Schulschluß ließ sich -nicht mehr alles einholen, und jetzt, wo Leo wirklich der Ruhe -bedurfte, war überhaupt nicht daran zu denken. Ein Jahr war lang und -Klaus Tiedemann war schwer in seinem Sohne getroffen. Auch Fred war -nicht glatt durch die Klippen des Mittelschulstudiums gekommen, aber -Leo verlor nun schon das zweite Jahr. Was sollte man den Leuten sagen -als Entschuldigung? - -Die Professoren! Leo griff nach diesem Rettungsanker. Er wußte, daß -Vater auf die Schulmeister, wie er sie nannte, nicht gut zu sprechen -war; so erzählte er denn von Scheußlichkeiten und Verbrechen, die sie -an der Jugend begangen haben sollten. Sogar erschossen hatte sich -einer seiner Mitschüler. - -Mit starren Augen hörte sein Vater zu, der seinerzeit nur die -allernotwendigste Schulbildung genossen hatte; alles andere hatte er -sich selbst im Leben angeeignet. So trug er begreifliche Mißachtung -gegen zünftiges Lehrertum. Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf und gab -seinem Sohne recht. Mein Gott, ein Jahr, was war das; wenn ihm der -Bursche nur wieder gesund wurde! - -Er griff, um sein Kind zu beruhigen, zu dem gefährlichsten Mittel, das -er für sich selbst nie und nimmer angewendet hätte: er stellte ihm vor, -daß er reich sei, einmal soundso viel Vermögen bekäme, also wirklich -keinen Grund hätte, sich zu kränken und zu härmen. - - -Es war wenige Stunden vor Beginn des Festes. Fred Tiedemann stand in -seinem Zimmer und ordnete seine Maskerade. Leo saß rittlings auf einem -Sessel und sah mißmutig auf einen Haufen in die Mitte des Zimmers -geworfener Kleider. »Zu blöde,« er schüttelte den Kopf, »daß ich nicht -mit kann!« Als Fred, der vor dem Spiegel in die Betrachtung seines -Selbst versunken war, keine Antwort gab, stieß er ihn unsanft an: »Du, -hörst du?« - -Aergerlich fuhr Fred, Kamm und Bürste in Händen, herum: »Jetzt schau' -meinen Scheitel an; nun kann ich nochmals anfangen.« - -»Du hast doch Zeit.« - -»Wieso denn?« Fred sah rasch nach der Uhr. »Ich muß auch noch Papa und -Hilde antreiben, daß sie fertig werden ...« - -»Glaubst du, daß sie Olthoff mag?« - -»Einstweilen ist's noch zum Aushalten, aber er wird sie schon kirre -machen. Er versteht, mit Weibern umzugehen.« - -Nachdenklich sah Leo zur halbdunklen Zimmerecke: »Ob sie nicht zu fest -an Hansen hängt?« - -»Der wäre der Richtige!« Fred Tiedemann lachte. »Damit wir noch so -einen in die Familie bekommen wie den Gerhard! Na,« er zog die Krawatte -zu, »das Geld würde dem schon passen, das haben ‚Künstler’ gern.« Er -lachte geringschätzig. - -Lebhaft widersprach Leo: »Nein, Fred, wenn ich alles von Hansen glaube, -darauf gibt er nichts.« - -»Na, nichts Gewisses weiß man nicht.« Fred strich den Schnurrbart. »Ich -habe gegen solche biederen Gestalten Mißtrauen ...« - -Leo schüttelte den Kopf und schwieg. -- Nach einer Weile sagte er: »Du, -Fred, beinahe hätte ich es vergessen: Gerhard war vor einer Stunde -hier, um mit Papa zu sprechen.« - -»So? Worüber? Was hat Papa gesagt?« Der andere hielt in seiner Toilette -inne und wartete gespannt auf Antwort. - -»Er hätte jetzt keine Zeit, er sollte morgen vormittag kommen.« - -»Aha,« Fred pfiff das Signal: »das Ganze halt!« vor sich hin, er -mußte es ja kennen als Reserveoffizier der Husaren, dann meinte er -nachdenklich: »Hoffentlich schmeißt ihn Papa jetzt endlich 'raus.« - -»Was hat es denn gegeben?« - -»Frech war er wieder: er redet überall hinein, wo es ihn nichts angeht! -Lecart nimmt unsere Firma jetzt stark in Anspruch, weil er in größere -Unternehmungen verwickelt ist, und das paßt dem Kerl nicht. Immer ist -er derjenige, der warnt und lieber fremden Leuten als unseren eigenen -Verwandten borgen möchte. Und es geht ihn doch wirklich nichts an!« Er -hielt inne und polierte die Nägel. »Aber ich weiß schon, hinter ihm -steckt der Görnemann, das alte Weib, das sich nichts zu unternehmen -getraut; der hetzt ihn und schickt ihn ins Vordertreffen.« - -»Warum läßt du dir's gefallen?« - -»Du hast leicht reden. Ich muß doch jemanden haben, auf den ich mich -verlassen kann: ich werde mich doch nicht selbst jeden Tag ins Geschäft -setzen, dazu bin ich mir zu gut, und verlassen kann man sich auf die -zwei, das ist ja wahr!« Fred ließ die Nagelschere auf die Marmorplatte -des Waschtisches fallen. »Ueberdies, ich kenne auch niemanden von den -Angestellten, ich bin dazu zu wenig im Bureau, so daß ich den Alten -zumindest noch ein Jahr brauche.« - -»Wenn er es nicht merkt?« - -»Das ist's eben. Auch der andere spürt, daß er der einzige mit -überseeischen Erfahrungen ist: denn Görnemann kann man heute darin -nicht mehr rechnen. Darum nimmt er sich so viel heraus.« - -»Ist er wirklich so unverschämt?« Leo dehnte sich und gähnte. »Was habt -ihr denn mitsammen gehabt?« - -Freds Stimme klang in der Erinnerung des vormittägigen Auftritts lauter -als sonst: »Er will mir vorschreiben, wem ich Pensionen zahlen soll. -Da ist so ein Skontist bei uns, seit zirka zehn Jahren; der ist jetzt -tuberkulös und soll nach dem Süden. Ja, mein Gott, wenn ich's nicht -habe, dann kann ich's halt nicht machen! Ich habe ihm einen Monat -Urlaub geben wollen. Natürlich, wenn er nicht arbeitet, bekommt er auch -kein Gehalt, das ist doch klar -- das ist überall so; dann könnte er -nicht gehen, hat er gesagt, also soll er dableiben. Kommt der Gerhard -herein und stellt mich wie ein kleines Kind zur Rede, ob ich wüßte, -was ich tue; zählt mir auf, daß der andere Weib und Kind hat, daß er -in kurzem tot ist, wenn er sich jetzt nicht schonen kann, redet von -Zusammengehörigkeitsgefühl, das Chef und Personal verbinden muß, und so -weiter,« Fred ließ die Hand schwer auf den Tisch fallen, »kurz, putzt -mich zusammen, als ob ich sein letzter Kommis wäre.« - -»Nun, und du? ...« - -»Na, ich hab's ihm gegeben,« Fred schüttelte mit befriedigter Miene -den Kopf, »so schnell kommt mir der nimmer.« Wieder übermannte ihn -der Aerger der letzten Stunden. »Weißt du, was er noch gesagt hat? -Ich würfe das Geld im großen hinaus und wolle im kleinen sparen, ich -hätte keine Ahnung von modernem Geschäftsgeist; es sei besser, einem -Skontisten, der sich für mich geplagt habe, etwas zu schenken, als das -Geld für Wohltätigkeitsschwindel auszugeben, von dem so niemand was -habe.« - -»Das mußt du Papa erzählen.« - -»Wird geschehen: es soll ihm nichts erspart werden ...« - -Fred Tiedemann machte eine rasche Wendung. »Na, wie bin ich?« Er -pflanzte sich breit vor seinem Bruder auf, als Marsritter, der zu Frau -Luna werben kam. Baronin Wolny war die Luna! - -Leo verschlang ihn mit neidischen Blicken: »Famos, warte,« er richtete -ihm eine silberne Schnalle zurecht, »nun bist du fertig.« - -»Ist es dir leid, daß du nicht mit kannst?« - -»Zu dumm.« Ernster Aerger war in dem bleichen Gesicht des Gefragten. -»Was hätte es mir schaden sollen? Papa ist kindisch, aber ich weiß -schon,« Leo ballte die Fäuste, »daran ist die Hilde schuld!« - -»Es wird heute fesch werden; ich bin sehr gespannt auf die Wolny.« - -Leo atmete schwer; er bekam rote Wangen: »Sie ist rassig.« - -»Was weißt denn du von ihr? Das kann ein anderer als ich gar nicht -beurteilen.« - -»Du hast ein Mohrenglück.« - -»Stimmt, morgen nach dem Rennen bin ich zu ihr geladen, da soll ich mir -ihre Directoire-Toilette ansehen; sie möchte sich darin photographieren -lassen, aber ihr Sohn erlaubt es nicht, weil sie zu stark dekolletiert -sein soll.« - -Leo Tiedemann schluckte: »Das ist ein fader Kerl, der Jan.« - -»Uns geniert er nicht viel.« Fred lachte; »er hockt den ganzen Tag über -den Büchern.« - -»Ich mag ihn nicht.« - -»Warum? Er ist ganz unschädlich.« - -»Und was tust du, wenn er dich mit seiner Mutter überrascht? Er ist zu -allem fähig.« - -Fred Tiedemann reckte sich: »Dann schieß' ich den Burschen wie einen -Hasen zusammen.« Leo atmete schwer; ein Schauer überlief ihn. - -»Als ich das letztemal dort war, um für heute abend abzusagen, hat er -mich von oben herab behandelt, als wäre ich ein kleines Kind«, sagte er. - -»Das sieht ihm ähnlich.« - -»Ich hätte wahrscheinlich immer still sein und mit Hochachtung auf sein -Geschwätz hören sollen, weil er um ein paar Jahre älter und nicht mehr -im Gymnasium ist wie ich; da kann er lange warten.« - -»Hast recht, er wird schon anders denken lernen.« - -»Er ist mehr als stolz.« - -»Worauf denn? Die Wolnys sind materiell nicht so gestellt, daß er ein -Recht hätte, auf dich herunterzuschauen. Er soll froh sein, wenn die -Tiedemanns mit ihm verkehren. Das laß ihn das nächstemal fühlen; dann -wird er dich anders behandeln.« - -»Da irrst du dich, Fred. Er sieht uns als nicht ebenbürtig an. Weißt -du, was er zu mir sagte? Er verstünde uns nicht, vor allem dich und -mich, daß wir nicht einsähen, daß wir als Söhne unseres Papas ernste -Pflichten der Gesamtheit gegenüber hätten. Wir sollten die Kunst, -geistige und menschliche Interessen fördern, und nicht in Schichten -eindringen wollen, die uns fremd sind. Einen Rennstall halten, er -meinte dich damit, sei keine soziale Tat: höchstens trage es dazu -bei, sein Geld zu verlieren, mit dem man anders den Armen viel Gutes -erweisen könnte. Aber er wüßte schon, warum wir es täten. Es sei die -Angst des Proletariers, voll genommen zu werden, darum sei uns kein -Opfer zu groß, um zeigen zu können, daß wir dieselben Passionen hätten -wie sie ...« - -»Hör' auf«, Fred Tiedemann stampfte den Boden, »ich habe keine Lust, -das dumme Geschwätz von dem unreifen Laffen, der uns um unser Geld -neidisch ist, anzuhören.« In großer Wut warf er die halbgerauchte -Zigarette in die Zimmerecke. »Er ist viel zu dumm, um das Leben -richtig zu verstehen.« Leo sah mit weit aufgerissenen Augen auf seinen -ärgerlichen Bruder und schüttelte nachdenklich den Kopf: - -»Es hat doch etwas für sich.« - -Fred Tiedemann fuhr schnell herum: »Du bist wohl verrückt? Auf dich -macht alles, was du noch nicht gehört hast, einen Eindruck.« - -»O nein, aber weißt du, das, was er über den Kaufmannsstand im -allgemeinen sagte, ist nicht so dumm. Er meinte, er stellte sich -deinen Beruf so schön und edel vor; in seinen Augen gäbe es nichts -Größeres, als internationaler Mittler zu sein zwischen Konsumenten und -Produzenten.« Leo legte in Sinnen verloren den rechten Zeigefinger an -die Unterlippe. Nach einer Weile, die Fred mit Räuspern und Husten -gefüllt hatte, fuhr er leise fort: - -»Es muß schon schön sein, das Ererbte zu mehren und sich seiner Mission -bewußt zu sein, die man in der modernen Kultur zu erfüllen hat. Das -habe ich mir oft selber gedacht.« - -Fred Tiedemann lachte: - -»Du bist ein überspannter Kerl. Ich möchte dir wünschen, dich mit -Gerhard herumstreiten zu müssen und auf die Börsenberichte wie auf -eine Offenbarung Gottes zu warten, du würdest bald anders von der -‚Kulturmission’ denken, wie du es nennst.« - -»Wirklich?« Es schien eine Last von Leo zu fallen. »Glaubst du, ich -hab' unrecht?« - -»Darüber gibt es doch nichts zu reden.« - -Aus Fred Tiedemanns Worten klang starkes Selbstbewußtsein. - -»Dann ist der Jan ein dummer Kerl?« - -»Da zweifelst du noch?« - -Nun lachten beide. - -»Was willst du denn den ganzen Abend allein machen?« - -Leo sah den Fragenden prüfend an: »Verrätst du mich nicht?« - -»Bin ich Hilde?« - -»Ich will auch weg.« - -Fred Tiedemann lachte von Herzen: »Das habe ich mir gedacht, du wärst -sonst nicht mein Bruder.« - -»Ja,« Leo dämpfte seine Stimme und sah scheu gegen die Tür, »ich will -auch was vom Leben haben: weiße Frauenleiber, die ein Bacchanal feiern, -aber Papa darf nichts wissen; er ist so gut mit mir!« - -»Ich verrate dich nicht, schau nur, daß du zu Hause bist, wenn wir -heimkommen.« - -»Wann glaubst du denn, daß das sein wird?« - -»Sehr spät, wahrscheinlich erst in der Frühe.« - -»Da lieg' ich schon im Bett.« Leo fuhr mit der schmalen Hand über die -weiße Stirn. »Vielleicht wird mein Kopfweh besser, wenn ich mich ein -wenig zerstreue.« Er stand matt auf und ging zur Tür. »Jetzt müssen wir -aber hinuntersehen zu den anderen.« - -»Jawohl,« antwortete Fred Tiedemann und folgte mit Sporenklirren seinem -Bruder. - - -»Immer nur hereinspaziert, meine Herrschaften, in die gute Stube.« -T. A. Hansen ließ die Schellen klingen, seine Stimme war von Stunde zu -Stunde lustiger geworden. »Wer zahlt, wird gemalt, wer nicht zahlt, -wird angemalt.« - -Lachende Menschen wogten vorüber und riefen zu ihm in der -Schalksnarrentracht Scherzworte hinauf. Jeder kannte ihn und -seine Zeichnungen, die allwöchentlich beim Erscheinen Lach- und -Aergernisausbrüche nach sich zogen. Lohgeruch war in der Luft und ließ -das Licht, das sich in tausendfältigen Strahlen brach, trübrötlich -erscheinen. - -Beim Riesenportal fuhren noch immer Wagen vor: Gäste, die erst in -Gesellschaft gewesen und nun kamen, trotzdem es draußen bereits zu -dämmern begann. - -Jan Wolny, der sich unfreiwillig komisch mit seinen ernsten Bewegungen -im Phantasiekostüm eines »Milchstraßenkehrers« ausnahm, ließ sich müde -auf einen Sessel vor Hansens Bude fallen: »Jetzt hätt' ich den Unsinn -bald genug.« - -Hansen sah prüfend über die kauflustige Menge, die sich noch immer -zwischen dem Musikpavillon und den Verkaufsständen drängte und schob. -Er schüttelte den Kopf. »Bevor die nicht alles gesehen und betastet -haben, ist an ein Ende nicht zu denken.« Er zuckte die Achseln. »Ein -Händedruck von einer Dame der Gesellschaft um teueres Geld kommt den -Leuten als überirdisch vor, das müssen Sie bedenken Herr Baron.« - -Jan Wolny seufzte. »Mir ist das alles ekelhaft.« - -Hansen sah den Sprechenden scharf an: - -»Wirklich? Dann müssen Sie mir die Hand geben ...« Hansen fuhr herum; -seine Schulter war berührt worden. Es war Hilde Tiedemann. - -»Wie geht es?« Aufrichtige Freude über die paar Minuten, die sie nun -beisammen sein konnten, sprach aus ihrem schönen Gesicht. »Was macht -Ihre Arbeit?« - -Hansen drückte die kleine Hand, welche in sein Leben eingegriffen -hatte: »Es geht vorwärts!« - -Ihre leuchtenden Blicke trafen sich ... - -Jan Wolny hatte sich diskret entfernt und war die Avenue -hinuntergebummelt, an seiner Mutter vorüber, die hier mit Fred -Tiedemann die Honneurs machte. Seitwärts stand das Mondschifflein, -auf dem Frau Luna am Festzug teilgenommen hatte. Fred Tiedemann war -der Anführer der reisigen Schar gewesen, die sie beschützte. Mit -forschendem Blicke hinter den gesenkten Wimpern beobachtete Jan seine -Mutter und den anderen, der so selbstverständlich tat. Er preßte die -Zähne aufeinander und ging weiter. Wenige Schritte später traf er Fürst -Solt. Der war im Frack, mit einem Riesenorden, welcher die ganze Brust -bedeckte, als Monddiplomat. Sie grüßten sich und sprachen ein paar -verbindliche Worte. - -Klaus Tiedemann sah Clo zu, wie sie die wenigen noch durstigen Herren -bediente; in den Zwischenräumen, wenn der Champagnerpavillon leer war, -plauderten sie. Jetzt, als sie Jan Wolny anrief, schloß er die vom -Staube entzündeten Augen, die ihn schmerzten, und lehnte sich bequem -in den Rohrsessel zurück: All die entblößten Frauenschultern, die -runden Arme und zierlichen Füßchen in durchbrochenen Strümpfen und -verschwiegenem Spitzengeräusch waren eingetreten für die Armut des -Nächsten. Gab es größere Aufopferung? Brunn-Bennigsens Mann saß zu -Hause bei den drei Kindern; den Tag über plagte er sich im Bureau. Er -war klein und häßlich; sie gingen nie gemeinsam in Gesellschaft. Klaus -Tiedemann hatte ähnliches ertragen. In ohnmächtigem Aerger hatten oft -seine Zähne aufeinandergeknirscht, wenn sein jähes Temperament Liebe -verlangte. Nicht umsonst trugen die Kinder sein heißes Blut in ihren -Adern. Es waren lange Kämpfe gewesen, bis er mit sich ins reine kam und -durch _Arbeit_ zur Ruhe zu kommen suchte. Davon war der Haß geblieben -gegen das Weib. Die Jahre ebbten alles, und die Männlichkeit schwand. -Er seufzte und hatte Sehnsucht nach Ruhe. - -Leo hatte vielleicht das beste Los unfreiwillig gezogen, der hatte -jetzt schon bald ausgeschlafen. - -Klaus Tiedemann dachte an ihn. Er lachte in Gedanken: wie warm die -kleine Behrens sich um ihn erkundigt hatte, und _die_ Enttäuschung, -als sie hörte, daß er überhaupt nicht kam! In dem alten Manne war ein -eigentümliches Gefühl gewesen, als er so sein jüngstes Kind auch schon -vollwertig eingetreten fand in die Arena der menschlichen Instinkte. Es -freute als Vater und kränkte als Mann. - -Als Hilde Tiedemann von Hansens Bude zu ihrer Schwester herübereilen -wollte, stand plötzlich Olthoff vor ihr. - -Er schien auf sie gewartet zu haben. - -Sie gingen zusammen der Fontäne zu, die in tausend Farben schillerte, --- es war mit der Zeit leer um sie geworden. - -In Hildes Seele war noch der Widerschein des anderen. - -Ihre Stimme klang freier als sonst, und ihre Augen sahen lebhafter. - -Das dünkte Olthoff ein gutes Zeichen. - -Leise zog er ihren Arm fester an sich. - -Sie widerstrebte; er sah sie an: - -»Jetzt sagen sie, Fräulein Hilde, ist das Leben nicht schön?« - -»O ja,« lächelte sie. - -»Vor wenigen Wochen haben wir uns noch gar nicht gekannt -- und nun -...«, er beugte sich herab und sah ihr tief in die Augen. - -Sie suchte den Arm zu lösen: - -»Mir ist schwül, ich möchte hinaus ins Freie,« stammelte sie und -blickte sich suchend um. Doch sie sah nur Lecart, der mit einer -Bretteldiva plänkelte. Er fragte eben, wie teuer ein Kuß sei zu so -vorgerückter Stunde, und aus Barmherzigkeit für die Armen, so konnte er -Hildes Blicke nicht sehen! - -Die laue Nachtluft strich herein und kühlte ihre heißen Schläfen. - -Olthoff preßte die Lippen zusammen. - -Sein ganzes Leben war ein Kampf gewesen, um sich über Wasser zu halten. -Er hatte stets nur verschämte Armut und diesen verwischenden Hochmut -sein eigen genannt. - -Nun winkte ihm Rettung, er fand die Gedanken seiner Erziehung: In -diesem Bürgerhause war alles, was er ersehnte -- Geld. - -Alles andere würde sich schon finden. - -An Liebe glaubte er nicht; er hatte sie selbst von klein auf vergebens -gesucht. Hilde wich seinen Blicken aus. Leise sagte er: - -»Hilde!« Sie gab keine Antwort. Die ganze Verzweiflung seiner Lage -und der Aerger über die lächerliche Komödie, die er hier zu spielen -gezwungen war, überkamen ihn. »Sagen Sie, Fräulein Hilde, merken Sie -nicht meine ehrliche Sympathie?« - -Sie schüttelte den Kopf und fand keine Antwort, nur ihr Arm schmerzte, -den Olthoff nicht freigab. - -»Nun?« Mit funkelnden Augen sah er sie an. Den ganzen Abend hatte er -auf diesen Augenblick gewartet, er mußte bald zum Ende kommen, sonst -hieß es den bunten Rock ausziehen, der ekligen Gläubiger wegen. Er war -nicht der Mann, der mit sich spaßen ließ; die anderen Tiedemanns wußte -er hinter sich. Sein Name wog viel auf. Dies schwache Geschöpf sollte -seine Pläne nicht mutwillig kreuzen. - -»Antworten Sie mir doch!« seine Stimme, wider Willen, klang roh, sein -verlebtes Gesicht bekam einen brutalen Ausdruck. »Können Sie mich denn -nicht ein wenig gern haben?« Der Inhalt der Worte stach hart ab von dem -drohenden Ton, in dem er zu ihr sprach. - -Hilde warf den Kopf zurück; sie war bleich bis in die Lippen geworden: -»Nun haben Sie ihre Art gezeigt«, sagte sie stolz. - -»Verzeihung, ich bin überreizt, und Sie taten mir bitter unrecht.« -Seine Stimme klang hastig, als wollte er kein Mittel unversucht lassen. - -Sie gab nimmer Antwort. - -»Fräulein Hilde!« Wut und Verzweiflung klangen zusammen. Sie wandte -sich ab, Jan Wolny zu: »Bitte, führen Sie mich zu meiner Schwester, -Herr Baron!« Jan Wolny verneigte sich und bot ihr wortlos den Arm. - -Olthoff blieb stehen. - -Nun war die Schlacht verloren. - -Er knirschte mit den Zähnen. - -Er hatte zu rasch geschlagen; doch seine Reserven waren erschöpft -gewesen, und Wein und Stimmung hatten den Rest verdorben. - -Er sah zu Behrens hinüber, die sich zum Aufbruch rüsteten. Vielleicht -dort?! ... - -Fahles Morgenlicht fiel durch offene Türen. - -Sie waren eben vom Feste nach Hause gekommen. - -Als Klaus Tiedemann, vor Leos Tür, keine Antwort bekam, überfiel ihn -plötzlich harte Angst -- er wußte nicht warum. Er riß die Tür auf und -blieb starr stehen: - -Leos Bett war unberührt, das Zimmer leer. Leo hatte sein Vertrauen -mißbraucht, war heimlich weg, trotzdem er wußte, wie schlecht es -ihm bekommen konnte. Vielleicht war ihm etwas zugestoßen? Die Füße -versagten dem alten Manne den Dienst. Er ließ sich auf den Sessel neben -der Tür fallen. - -So saß er eine Weile und wartete, daß seine Gedanken ruhigere Formen -annahmen. - -Er hörte Hildes Stimme nicht, die aus dem Gang zweimal seinen Namen -rief, er sah ihr Erschrecken beim Eintritt und ließ den Kopf auf die -Brust sinken. Wo war sein Kind? - -Mit zitternder Hand drängte ihn Hilde zur Tür: »Er wird schon -ausgegangen sein, Papa.« - -Hoffnungslos sah er sie an und schüttelte den Kopf: »Er hat ja gar -nicht geschlafen.« - -Sie gab keine Antwort, und dunkle Vorahnung ließ sie schaudern. - -Fred saß im Speisezimmer und aß kaltes Fleisch. »Wo steckt ihr denn so -lange?« rief er ihnen zu. »Eßt mit, und dann legen wir uns schlafen.« - -»Leo ist nicht zu Hause!« - -»So?« Er kaute den Bissen zu Ende. »Er wird nachts ausgewesen sein; er -wird gleich kommen.« - -Mit scheuem Blick, der sich noch nicht zu hoffen getraute, sah ihn sein -Vater an: - -»Meinst du?« - -»Natürlich, was soll denn sonst sein?« - -»Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist?« - -»Laß dich nicht auslachen!« - -Fred wollte dem Mädchen läuten; doch der alte Mann legte abwehrend die -Hand auf den elektrischen Taster: - -»Nicht,« bat er, »ich kann jetzt niemanden sehen.« - -Hilde zündete die Flamme unter dem Teekessel an. - -Sie warteten. - -Die Sonne stieg höher. In den Parkanlagen vor dem Hause stimmten Amseln -ihre Stimmen. - -Leute im Sonntagsstaat gingen vorüber. - -Glockengeläute schwamm über die vielen Dächer; sie läuteten die -Wandlung ein. - -»Ich werde zur Polizei fahren, meint ihr nicht?« Klaus Tiedemann war -halb aufgestanden und sah forschend auf Fred. - -»Aber laß dich nicht auslachen, Papa, daß es die Leute gleich an die -große Glocke hängen: Dem Klaus Tiedemann sein Jüngster ist heute nacht -nicht nach Hause gekommen. Warte nur ruhig; er wird schon kommen, und -dann schimpf' ihn zusammen!« Er gähnte. »Ich leg' mich jetzt schlafen.« - -Die beiden anderen blieben. - -In dem festlichen Aufzug, die verwelkten Blumen vor der Brust, -fröstelte sie. - -Jeder Laut, der von der Straße heraufklang, tat ihnen weh. - -So verging die Zeit. - -Es läutete. - -Sie fuhren zusammen und horchten. - -In scheuer Erwartung sahen sie sich nicht an. - -Es war Gerhard Tiedemann, der kam, von seinem Vater den Abschied zu -verlangen. - -Die beiden Männer standen sich gegenüber, wortlos und stumm. - -Dann brach der Jüngere das Schweigen: - -»Du weißt, Vater, warum ich hier bin?« Klaus Tiedemann nickte. »Es geht -nicht länger zusammen mit Fred. Du hast ihm die Macht gegeben. Was soll -ich? Du hast andere Kinder, die du liebst. Ich bin dir nur Pflicht. Du -schämst dich meiner. Darum laß mich gehen; man kann brieflich leichter -Vater und Sohn sein als im Leben nebeneinander.« - -Klaus Tiedemann hörte mit halben Ohren. - -Gestern hätte er noch die Antwort gewußt, jetzt schwieg er. - -»... Fred ist kein Kaufmann und schämt sich seines Berufes. Er tut -mehr für seine teuren Verwandten als für die Firma; er stärkt das -ökonomisch, was er bekämpfen sollte ...« - -Gerhard schwieg und sah auf seinen Vater, der totenblaß geworden war: - -Drunten fuhr ein Wagen vor. Er stürzte zum Fenster. »Sie bringen ihn«, -keuchte er. Er wankte zur Tür. - -Gerhard warf den Kopf zurück; er sah durchs Fenster: - -Von einer Schar Neugieriger umgeben, stand unten ein Rettungswagen. - -Sie hatten Leo auf sein Zimmer gebracht. Er war bei Bewußtsein. - -Klaus Tiedemann reichte dem Ambulanzarzt, der von der Hilfsstation -mitgekommen war, die Hand. - -»Ich danke Ihnen!« Scheu senkte er den Blick, unsicher mit sich selbst, -ob er nicht unrecht gehandelt, daß er ihm nichts anderes als seinen -Dank geboten. Er war ja gewöhnt, jeden Schritt, der für ihn geschah, zu -bezahlen! - -»Die Sache wird vorübergehen. Wie viele haben nicht schon in der -Jugend einen Blutsturz gehabt und sind heute die stärksten Leute?« -Der Arzt, der erst vor wenigen Monaten absolviert hatte und als armer -Bauernsohn froh war, sich beim Rettungskorps seine Praxis holen zu -dürfen, nickte ihm freundlich zu. »Dem Hausarzt, bitte, sagen Sie -meine Beobachtungen.« Er verbeugte sich linkisch, der reichen Umgebung -ungewohnt, und ging. Er hatte es nicht über sich gebracht, dem alten -Manne zu sagen, bei wem und in was für einem Hause er seinen Sohn -aufgefunden hatte. - -Fred Tiedemann kam mit verschlafenen Augen aus seinem Zimmer und fragte -ungehalten: »Was gibt's?« - -Sein Vater gab keine Antwort. - -Er sah an ihm vorbei zur Stiege, über welche der Hausarzt kam. - -Der untersuchte lange und gründlich, dann schüttelte er dem Vater, der -in tausend Aengsten vor der Tür gewartet hatte, die Hand: »Kopf hoch, -Herr Tiedemann, es wird wieder werden! Der Junge hätte nicht lumpen -sollen, ich habe es Ihnen ja gesagt. Er schläft jetzt, lassen Sie ihn -ruhig. Ich sehe gegen Abend wieder her.« Er wendete sich zu Hilde: -»Na, Fräulein, jetzt spielen Sie ein wenig Krankenschwester, wird -Ihnen verflucht gut stehen.« Der alte Junggeselle lachte. »Nur nicht -so verzagte Augen -- ein Lump ist er halt, der Herr Bruder. Adieu!« -Bei der Tür wendete er sich nochmals um: »Niemanden ins Zimmer lassen! -Ja? Er muß ganz ruhig liegen bleiben, eine zweite Blutung verträgt er -nicht.« - -Hilde umfing ihren Vater. - -»Ich nehme mich schon zusammen,« Tiedemann schluckte die Tränen -hinunter und sah zu Leos Zimmer, »sieh nur, daß alles in Ordnung ist!« - -»Ja, Papa ...« - -Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf. »Daß der Bub mir hat das antun -müssen!« Er stützte den Kopf in die Hand und grübelte. Er kam aus den -Sorgen nicht heraus: - -Die Frau gestorben! Von dem, was vorausgegangen, wollte er nicht -sprechen! Nun Leo, alles in einem kurzen Jahre! - -Gerhard kam ihm wieder in den Sinn. Man hatte ihn nicht richtig -behandelt. Es war zu viel für seinen alten Kopf. Er konnte die -Unterschiede seiner Kinder nicht versöhnen, die er selbst geschaffen -hatte ... - -Er seufzte. Von unten klang das Rasseln eines Automobils herauf. Hastig -schloß er die Fenster; wie leicht konnte Leo aufwachen! - -Fred trat über die Schwelle in tadellosem Salonanzug. Er zog die -Handschuhe über: - -»Gott sei Dank, Papa; Hilde erzählte mir, der Arzt sagte, es hätte -keine unmittelbare Gefahr; nur äußerste Ruhe sei notwendig?« Er sah -seinen Vater fragend an: »Ich habe doch recht verstanden?« - -Klaus Tiedemann nickte mit schiefem Kopfe: - -»Ja, wir wollen es hoffen.« - -»Adieu, Papa, ich muß weg, weil ich Roller versprochen habe, ihn -abzuholen; dafür malt er mir den ‚Franklin’, wenn er heute gewinnt.« - -»Du fährst zum Rennen,« Klaus Tiedemann sah seinem Sohne ernst in die -Augen, »wo Leo so krank ist?« - -»Du bist komisch, Papa; soll ich mich auch vor ihn hin setzen und -ihn anschauen? Reden dürfen wir mit ihm so nichts. Was soll ich also -daheim?« - -»Du hast recht.« Beinahe eilig reichte Klaus Tiedemann ihm die Hand. -»Geh und unterhalte dich gut!« - -Er schien froh, als sich die Tür hinter Fred schloß. - -Er hatte immer geglaubt, mit den Seinen ein festes Ganzes zu bilden; -nun, das erstemal, da er die Probe machte, stand er allein. - -Bitterkeit überkam ihn. - -Es gab nichts, was Menschen auf ewig verband. Es war alles Trug! Die -Ehe, die Liebe, die Freundschaft. Sie hielten nur zusammen, solange -alles glatt ging; beim leisesten Windhauch floh das eine und ließ das -andere allein. Wenn ihm sein Kind starb? Wer trug die Schuld? Die -Eltern, die es ins Leben gesetzt? Er, der er zu schwach gewesen mit -ihm? Oder niemand, und war alles nur blinder Zufall? - -Er war schon über die Fünfzig, als Leo geboren wurde. Vielleicht hatte -er ihm zu wenig Kraft gegeben? Ein hartes Leben lag hinter ihm; doch -Klaus Tiedemann hatte stets seine Kinder zu stärken gesucht. Er hatte -Individualitäten in ihnen gefunden, gleich, ob sie vorhanden gewesen -waren oder nicht. Sie ließen sich nicht künstlich züchten. Dem Weibe -hatte er die Eigenart geleugnet und gerade das schien sie zu haben: -Hilde blieb bei ihm als Gefährte der ängstlichen Stunden ... - -Sie saß ihm zur Seite und horchte mit ihm auf das kurze, schnelle Atmen -Leos, das durch die angelehnte Tür drang. - -Und wenn der Kranke sich drin bewegte, dann legte sie ihm die kühle -Hand auf und streifte mit ihren heißen Lippen seine faltige Stirn, ehe -sie nachsehen ging. - -Der Sonntagnachmittag strich vorüber, still und lang; noch immer war -Leo nicht aufgewacht. - -In leisem Gespräche saßen Vater und Tochter: - -»Dann muß er gleich nach dem Süden, auf längere Zeit, Papa! Mit dir; -das wird dir auch gut tun.« - -»Ich kann von hier nicht weg! Du mußt mit ihm gehen, Hilde.« - -»Aber Papa, was hast du denn hier zu tun?« - -Klaus Tiedemann lächelte traurig: - -»Nichts.« Er näherte seinen Mund ihrem Ohr. »Ich kann Fred nicht allein -lassen.« - -»Warum?« - -»Das weiß ich nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Mir ist angst, Hilde.« -Er legte seinen Kopf am ihre Schulter. »Ich glaube immer, nun fängt das -Unglück an. Das Leben ist auf unsere Ruhe eifersüchtig geworden -- nun -müssen wir es büßen.« - -»Was du dir für trübe Gedanken machst!« Hilde hatte für ihren Vater -noch nie einen so herzlichen Ton gefunden. »Im Gegenteil, das ist jetzt -nur eine vorübergehende Trübung, damit wir uns nachher desto mehr -freuen können.« - -»Worauf denn?« - -»Na, hörst du, Papa, auf viel! Jetzt wird Fred und später Leo dir eine -liebe Tochter ins Haus bringen, dann wirst du Großpapa und hast ganz -kleine, süße, winzige Enkelkinder.« Hilde schmiegte sich an ihren -Vater; von ihrer Rede, die sie begonnen hatte, um ihn zu zerstreuen, -floß langsam der Inhalt auf sie über und nahm sie gefangen in -ungeahnter Seligkeit. Sie legte den Kopf an ihn; er streichelte sie. - -»Du bist gut, Hilde!« Klaus Tiedemann empfand die Weihe dieser Stunde, -die ihm ein Kind zu eigen gab. - -Sie saßen eng aneinandergelehnt und schwiegen. - -Dann, als schämten sie sich ihrer Stimmung, begannen sie vom Feste zu -reden, von diesem und jenem, das ihnen aufgefallen war. Als Hansens -Name fiel, wurde sie schweigsam. Immer wieder kam Klaus Tiedemann auf -Olthoff zurück. Er erhielt nur spärliche Antworten. - -Schon dunkelte es, da klang eine schwache Stimme aus dem Nebenzimmer: -»Papa?« Etwas Fremdes griff Klaus Tiedemann nach dem Herzen. Sein Kind -verlangte nach ihm, mit dem ersten Laute des wiedererlangten Lebens. Er -ging auf den Zehenspitzen zur Tür. »Vorsicht, Papa!« Hilde hielt den -Finger auf den Mund. Er nickte und trat ein. - -Die Dämmerung lag in den Ecken des Zimmers und ließ Leos Gestalt in den -weißen Kissen undeutlich erkennen. - -»Verzeih! mir, Pa!« - -»Kind, bleib ruhig und sprich nicht viel.« - -Er küßte den Sohn auf die eiskalte Stirn, auf der Schweißtropfen -standen. - -»Nicht fortgehen, Pa!« - -»Nein, Kind, ich bleib' bei dir.« - -Er ließ sich am Fußende des Bettes nieder und nahm Leos schmale Hand. -Sie saßen minutenlang schweigend, und aus dem dunklen Fleck, den Leos -Gesicht in der beginnenden Dunkelheit gab, leuchteten in fremder Kraft -seine Augen. Dann begann er wieder: »Verzeih' mir; ich weiß, ich hab' -dich betrogen.« - -Ein Zittern lief durch seine Gestalt. - -»Laß doch, Kind!« - -»Nein, Pa, ich muß dir das noch sagen: du hast mir immer zu viel -nachgegeben, drum bin ich auf solche Gedanken gekommen. Du hast immer -auf mich Rücksicht genommen und ich gar nicht auf dich! Du bist -zu gut zu mir gewesen, du hättest mit mir nicht über alles reden -sollen. Ich habe bis heute nacht«, ein Schauer schüttelte ihn, »an -gar nichts geglaubt, vor gar nichts Achtung gehabt, -- nun«, seine -Stimme nahm hohle Färbung an, »verstehe ich das Leben.« Er suchte sich -aufzurichten: »Nur das Leben in uns hat Wert, nicht das Gefühl, gelebt -zu haben.« - -Erschöpft hielt er inne, Klaus Tiedemann regte sich nicht. In seinem -Kopfe hämmerten die Pulse. Sein Kind sprach Worte, die er vergebens -gesucht hatte ein Leben lang: Aeußerlichkeiten des Lebens, Reichtum und -Stellung waren Ereignisse untergeordneter Wichtigkeit gegen das, was -im Menschen lebte und ihn führen konnte zu innerem Glück. Das _innere_ -Glück! - -Klaus Tiedemann stand langsam auf: - -Leo war aus Ermattung wieder in Schlaf gefallen. Klaus Tiedemann -horchte: Unruhig ging Leos Atem; abgerissene Worte kamen auf seine -Lippen. Herbe Angst befiel den alten Mann; er tastete sich zur Tür: -»Man muß zum Arzt, Leo gefällt mir gar nicht, er fängt zu phantasieren -an!« - -Schon war Hilde in die Höhe. - -Klaus Tiedemann horchte wieder: - -Ein kalter Hauch lief ihm über den Rücken. - -Hatte er sich getäuscht? - -Hatte Leo geröchelt? - -Er zwängte seinen Kopf in die Türspalte. Er hörte nichts. - -Hatte er zu atmen aufgehört? - -Er machte ein paar leise Schritte vorwärts und brach in die Knie: - -Leos Gestalt hing vornüber aus dem Bette, vor dem das Blut mit dunklem -Flecke stand. Leos Augen waren glasig aufgerissen -- er war tot. - -Von unten klang die Hupe eines Automobils; Fred Tiedemann kam mißmutig -vom Rennen zurück; »Franklin« war geschlagen worden. - - -Gleich nach Leos Begräbnis hatte Klaus Tiedemann sein Landhaus bezogen. - -Es litt ihn nicht länger in der Stadt. Die vielen Menschen taten ihm -weh. - -Stundenlang saß er allein am Waldrand, von dem der Blick -hinüberschweifen konnte über Täler und Höhen nach der Stelle, wo sein -Kind ruhte. - -Ein starrer Zug stand auf seinem Gesichte, und die Augen sahen einwärts -in verzehrendem Feuer. - -Nie sprach er das in Worten aus, was in ihm vorging. Nur hier und da -nickte er aus solchen Stimmungen heraus Hilde zu. Es war ein stummes -Trostsprechen, daß er wieder anders werden wollte; man sollte ihm nur -Zeit lassen, sich zurechtzufinden. - -Dann gingen sie stumm nebeneinander durch den träumenden Wald nach -Hause. - -Das Zimmer, das Leo in den Ferien stets bewohnt hatte, betrat er nicht. - -Zu lebhaft standen noch die Erinnerungen der letzten Wochen im -Vordergrund. - -Oft preßte er die Hände an die Ohren, damit endlich daraus der Klang -der polternden Schollen weiche, die auf Leos Sarg hämmerten und seine -Ruhe störten. Noch immer hörte er Heinz Behrens' ungeschlachte Stimme: - -»Du tust mir leid, Tiedemann, du hast Unglück in deiner Familie; er -war ein lieber Mensch, und meine Kleine kann sich kaum trösten.« Dann -hatte er mit seiner groben Hand die Tränen aus den buschigen Wimpern -gewischt und war gegangen. - -Jan Wolny hatte stumm daneben gestanden mit zusammengepreßten -Lippen, den Kopf gesenkt. Nur als Hilde aufschluchzte in bitterem -Schmerze, hatte er aufgesehen, und sein Blick war zu Fred Tiedemann -hinübergeflogen, fragend und mahnend. - -Fürst Solt hatte ein paar Worte gesprochen, eckig und schlicht, wie der -Mensch so schwach sei und einen nach dem anderen fallen sehen müßte, -bis er selbst daran käme. Er war der letzte seiner Familie und ihm -traten die Tränen in die Augen. - -Ueber den Zinskasernen stand rot die untergehende Sonne, als sie -zurückfuhren in ihr stillgewordenes Heim ... - -Immer wieder zogen die Bilder an Klaus Tiedemann vorbei. - -Tief gebeugt trug er den Kopf. - -Wenn der Mond aufstieg, saß er bis in die Nacht hinein und horchte -dem Lispeln der Birken, die mit ihren langsam wandelnden Schatten -Zwiesprache hielten. - -Sternschnuppen fielen durch die Nacht. - -Wohl blieben ihm noch drei Kinder. Gerhard hatte nach Leos Tod nicht -mehr vom Weggehen gesprochen; doch die Schuld blieb auch. - -Immer wieder grübelte Klaus Tiedemann nach, ob es Bestimmung sei, die -Leo so früh abberufen, oder ob, in anderer Umgebung aufgewachsen, er zu -halten gewesen wäre. - -Hatte Hilde recht gehabt mit ihren Warnungen? - -Nichts gab Antwort! - -Hilde war ihm nähergetreten seit jenem stillen Nachmittag, an dem sie -sich in Angst um Leo fanden. - -Sie war die einzige, deren Gegenwart er ertrug. - -Sie ging stundenlang stumm neben ihm her und spann ihre eigenen -Gedanken, die von denen ihres Vaters nicht allzusehr verschieden waren. - -Sie folgte seiner gebeugten Gestalt; er schritt mit den Händen auf dem -Rücken querfeldein über die Ackerschollen; sein weißes Haar flog im -Abendwinde. - -Um sie war die Ruhe des sinkenden Tages. - -Schon saßen die Schatten in den Waldecken und färbten sie bläulich. -Langsam zog der Rauch von den Bauerngehöften. - -Er blieb stehen. - -Dann fragte er mit schweren Worten ganz unvermittelt: - -»Glaubst du, daß es Hansen ehrlich meint?« - -Ehe sie noch Antwort geben konnte, ging er weiter, den Kopf gesenkt, -als sei er sich nicht bewußt, gesprochen zu haben. - -Als sie die Höhe erreicht hatten, sah er sie fragend an: - -»Nun?« - -In seinem zermarterten Gesicht war die Sorge, die ihn zerfraß. - -»Ja, du kannst ihm vertrauen.« - -Er wiegte den Kopf hin und her: - -»Er hat so aufrichtig darein gesehen an Leos Grab. ‚Wer weiß, ob das -Leben nicht nur Vorbereitung ist auf den Tod, das wahre menschenwürdige -Sein, das dann erst beginnt; darum wollen wir ihm die Ruhe gönnen’, so -hat er gesagt, Hilde, damals. Ich weiß es Wort für Wort!« - -Er hielt inne, um seines Schmerzes Herr zu werden, der bei der -Erinnerung vorbrach. Dann begann er wieder in ferner Gedankenqual: -»Es ist so schwer, das Rechte im Leben zu treffen, jedes Wort ist -so verantwortungsvoll; ich hab' immer das Beste gewollt ...« Ein -stockender Seufzer schwellte seine Brust: »Leo ist tot, Clo muß auch -nicht glücklich sein: sie hat so geweint am Grabe und mich gebeten, ihr -beizustehen, wenn's mal so weit mit ihr ist.« Er nickte ein-, zweimal: -»So hat es kommen müssen.« - -Ueber das Wolkengrau im Westen lief ein fahler Schein. Ferner Donner -grollte über die Felder, auf denen die Grillen sangen. - -Hilde legte sich tröstend an den Mann, dem sein Lebensabend so unfroh -geworden war. - -»Hab' Vertrauen, Vater, es kommen wieder fröhliche Tage.« - -Er machte sich los und sah ihr tief in die Augen; dann fragte er: -»Liebst du Hansen?« - -Sie zuckte zusammen. - -Wie mußte es Vater aufnehmen, wenn sie ihn auch verlassen wollte? -Doch vielleicht war jetzt die richtige Stunde, seinen Widerstand zu -besiegen. Seine Augen ruhten ernst auf ihr, beinahe ängstlich, als -hoffte er auf ein Wort, das ihm wieder Glauben leihen sollte fürs -Leben. Sie sah nach dem roten Fleck jenseits der Berge, wo die Sonne -gestorben war, und richtete sich auf: - -»Ja«, sagte sie mit festem Wort. - -Eine Weile stand er regungslos. Dann sagte er heiser: »Hilde, so ein -Wort bindet auf ewig und ist doch zu leicht gesprochen. Du mußt ihn -lieber haben als dein eigenes Leben, mußt es freudig für ihn geben! -Kannst du das?« Angst redete aus seinen Worten. - -Sie nickte. - -»Du mußt nur an ihn denken! Jede seiner Sorgen ist eine doppelte für -dich. Du mußt auf alles verzichten können für ihn.« - -»Das kann ich.« - -Er sah sie an mit flackernden Blicken. In seinen Augen kämpften fremde -Gewalten. Sie gewannen die Oberhand. »Das hat noch jede gesagt,« seine -Finger griffen erregt durch die Luft, die heiß wie Brodem über die -Felder strich, »noch jede!« Er lachte, daß die Laute schneidend Hilde -ins Ohr gellten, »in Schwüren gelobt und nie gehalten. Das Weib ist -schwach und elend!« Er richtete sich auf: »Daß du mir nimmer davon -sprichst! Du bist ein töricht Kind. Das einzige, was Bestand hat, ist -Geld, und das hat Hansen nicht.« - -»Vater!« In heißer Entrüstung flammten Hildes Augen. - -»Schweig!« Klaus Tiedemann wendete den Schritt: »Das Wetter zieht -näher; wir wollen nach Hause gehen.« - - -Als der Hochsommer kam, war Klaus Tiedemann ein anderer geworden. - -Er dachte ruhiger über Leos Tod. - -Die zähe Lebenskraft hielt ihn am Leben fest. - -Fred Tiedemann kam selten; er konnte die Großstadt nicht missen mit -ihren Vergnügungen und Zerstreuungen. Oder wenn: Vor wenigen Tagen -hatte er sich verabschiedet; er gedachte zu seiner Erholung eine -längere Automobiltour zu unternehmen. Baronin Wolny würde ihn dabei -begleiten. - -Als Klaus Tiedemann darüber den Kopf schüttelte, lachte er überlegen: - -»Papa, du bist ein Philister. Das ist heute allgemein üblich, daß man -gemeinsam Reisen macht.« - -»Sie hat doch einen erwachsenen Sohn?« - -»Eben deswegen, -- der braucht sie gewiß nicht mehr. Weißt du,« fuhr -Fred fort, »wenn ein Mann den Weibern gefällt, so kann er alles mit -ihnen machen, gleich wer die Frau ist; natürlich« -- sein Blick umfaßte -seines Vaters Konturen -- »muß er tadellos gebaut sein und ruhende -Kräfte in sich tragen, sonst ist's besser, er läßt es bleiben.« - -Der Alte preßte die Lippen zusammen und gab keine Antwort. - -Fred wußte wenig Neues zu berichten: - -Klagen über Gerhard und Görnemann, die zu ängstlich wären und keinen -Geschäftsgeist besäßen. - -Es ergaben sich oft lange Pausen in der Unterhaltung. - -Fred war zweiter Vizepräsident des Automobilklubs geworden; auch in das -Renndirektorium war er gewählt worden. - -Das gab mannigfache Arbeit und viele Verpflichtungen, von denen Vater -und Schwester keine Ahnung hatten. - -Beim Fortgehen kramte er noch eine Neuigkeit aus: - -Olthoff hatte sich mit Heinz Behrens' Jüngster verlobt. Klaus Tiedemann -sah rasch und ängstlich nach Hildes Gesicht. Doch das blieb ruhig, sie -sagte: - -»Da ist mir das Mädchen leid.« - -»Mir höchstens um die Wechsel leid, die ich für ihn giriert habe! Na, -die wird sein Schwiegervater einlösen, und schließlich bin ich durch -ihn in den Rennklub gekommen.« Fred wendete sich zu seinem Vater. »Was -sagst du zu Behrens? Der alte Lümmel sucht es uns nachzumachen.« - -Klaus Tiedemann seufzte. - -Dann küßten und umarmten sie sich. Fred bat den Vater, während seiner -Abwesenheit ein wenig auf das Geschäft zu achten. Man könnte dem Alten -und Gerhard doch nicht ganz trauen. - -Nun fuhr Klaus Tiedemann jede Woche einmal zur Stadt. - -Wenn er zurückkam, war er in aufgeräumter Stimmung. - -Es drängte ihn zu sprechen. - -Er erzählte Hilde von seiner Jugendzeit, von den überseeischen Ländern, -die er kennengelernt hatte, von den Sitten der Leute. Er suchte die -alten Erinnerungen hervor, als wollte er sich die Vergangenheit wieder -ins Leben rufen, um damit die Gegenwart zu füllen. - -Er sprach davon, wie er zwei Tage nichts zu essen gehabt hatte und -an Selbstmord dachte, wie er auf der Kaimauer zu New York über den -gurgelnden Wassern gestanden, während das Schiff wieder auslief, -das ihn gebracht hatte und das nun andere holte, die auch das Glück -suchten. Schwer lag die Rußfahne des Rauchfanges auf der hochgehenden -See. - -Er wurde Kellner, um sein Leben zu fristen. Durch einen Zufall fand er -eine Stelle. - -Vom ersten Tage an legte er zurück; lieber darbte er, um die Summe -sparen zu können, die er sich vorgenommen hatte. - -Wenn die Firma sich mit Hunderttausenden beteiligte, tat er es mit -seinem Hungergeld: so waren beider Interessen eng verknüpft. - -Man wurde aufmerksam auf ihn; er verlor nie, sein scharfer Blick -behielt stets recht; seinem Wort nicht folgen war gleichbedeutend mit -Verlust. - -Er gewann schnell Einfluß; sein Name wurde bekannt. Einmal folgten sie -ihm nicht; die Firma geriet in Zahlungsschwierigkeiten. Es war der -große Tabakkrach, der ihn auf eigene Füße stellte. - -Nun ging es auf _seine_ Gefahr! - -Stets kam er den anderen zuvor. Oft war es ein wildes Wagen. Die Wangen -röteten sich, wenn er so sprach. - -So hatte Hilde ihren Vater nie gesehen. - -Von Görnemann erzählte er, und daß er selbst nie Autorität besessen -hätte; der letzte Lehrjunge war ihm so viel wie seine besten Kunden. -Damals hatte sich in ihm der Glaube befestigt, daß nur die Jugend -Fortschritt gäbe; das hob ihn über die anderen. - -Mit leisen Worten redete er davon, wie man die Mühen schnell vergesse, -wie hinter jedem Tage der vergangenen Zeit unsägliche Qual gewesen. - -Hilde sann nach, wie Schwäche und Kraft in ihrem Vater eng beisammen -standen. - -Auch an Hansen dachte sie, an dem sie Aehnliches bemerkte. - -Was mochte der treiben? Ging sein Werk vorwärts? - -Nur hier und da schrieb sie ihm ein paar Zeilen. - -Antwort erhielt sie nie: es war ihres Vaters wegen, der die Post immer -zuerst in die Hand bekam, nicht möglich. - -Auf das Gespräch an jenem Gewitterabend waren beide nicht mehr -zurückgekommen. - -Es war am Morgen eines schwülen Sommertages. - -Hilde Tiedemann ordnete den Frühstückstisch, der auf der Terrasse -stand, vor welcher der Wald lag, in dichten, grünen Beständen. - -Sie horchte dem Kuckucksruf und zählte in lächelndem Widerwillen den -Laut. - -Achtmal war er erklungen. Wenn der Volksmund recht behielt! - -Sie fuhr sich über die Augen und seufzte. - -Der Sommer ging in wenigen Wochen zu Ende, und das alte Leben begann -vom neuen. - -Ihr Vater hatte sich geändert; er war ruhiger und gerechter geworden, -wie stets, wenn er allein war, ohne fremden Einfluß. - -Hilde war sich bewußt, in der Stadt den Verlust Leos mehr zu empfinden -als hier draußen. Sie sah keinen Ausweg, ihre Familie von dem -eingeschlagenen Wege abzubringen. Dazu gehörte eine starke Hand, und -die hatte von allen nur Gerhard, der nicht zu Worte kam. - -Mit ihrem Stiefbruder mußte sich die Sache klären. Des öfteren sprach -ihr Vater nun von dessen großen Fähigkeiten. Wie würde das Fred -aufnehmen? - -So spann sie im Warten ihre Gedanken. Ihre Blicke folgten unabsichtlich -den Fliegen, die auf der weißen Wand herumeilten und dann als schwarze -Punkte unverrückbar in der Sonne festhielten, daß ihre Flügel seidig -glänzten. - -Wieder hob der Kuckuck an. - -Sie warf den Kopf herum. Die Gartenpforte hatte geklungen. - -Noch verdeckten die Büsche den Kommenden. - -Nun wurde er frei. Es war ein Mann, hager und gebeugt; mit großen, -stolpernden Schritten kam er durch den Garten direkt auf das Haus zu. - -Sie erschrak, ohne sich bewußt zu werden, warum. - -Er sah auf; es war Görnemann. An der Art, wie er den Hut zog, erkannte -sie ihn. - -Sie ging ihm über die Stufen entgegen. - -Sein faltiges Gesicht war heftig gerötet, und seine Augen sahen -unsicher; sie suchten den Boden in Aufregung und Verwirrung. - -»Wo ist ihr Herr Vater?« - -»Er ist noch im Hause; er muß jeden Augenblick kommen. Aber was ...?« - -»Ich muß ihn sofort sprechen.« Er zog ein blaugeblümtes Taschentuch und -wischte sich die Stirn. Dann stieg er rasch die Stufen hinan. - -»Es ist doch nichts Schlimmes vorgefallen?« Hilde legte in Angst die -Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie doch!« - -»Nein, nichts Schlechtes.« Er suchte sich frei zu machen. »Aber Ihren -Herrn Vater muß ich sprechen!« Er trat eilig ein, im selben Augenblick, -als Klaus Tiedemann von der anderen Seite kam: - -»Sie hier?« Tiedemann zögerte und blieb betreten stehen. - -»Ja,« Sebastian Görnemann schien in großer Verwirrung, »ich bin gleich -herausgefahren, Sie müssen es wissen.« Er sah mit halber Wendung nach -Hilde, dann sagte er mit plötzlichem Entschluß und hob den Kopf: »Herr -Tiedemann, ich muß Sie unter vier Augen sprechen.« - -»Kommen Sie,« der Angeredete öffnete die Tür ins Schlafzimmer, dessen -Fenster auf die Terrasse gingen, »hier sind wir allein.« Er wendete -sich. »Und du, Hilde, richte das Frühstück auch für Herrn Görnemann« -- -der hob abwehrend die Hand -- »wir kommen gleich.« - -Er schob dem anderen einen Sessel zurecht: - -»Was gibt es?« - -Der alte Mann keuchte, und seine Hand zitterte, als sie nach der Tasche -fuhr. Er legte ein Telegramm auf den Tisch: »Es ist ein großes Unglück -auf Herrn Lecarts Freundschaftszeche geschehen. Mehr als hundert Leute -sind verunglückt. Die Arbeiter revoltieren; Frau Clo ist in Gefahr.« - -Klaus Tiedemann riß den Zettel an sich und las mit gierigen Augen. - -Es blieb still um die beiden Männer; nur von draußen rief der Kuckuck. - -Klaus Tiedemann preßte die Lippen zusammen: auf der Stirn lag Falte an -Falte. - -Die Augen belebten sich. Er stand auf. - -»Ich fahre!« Er sah auf die Uhr. »In wenigen Minuten geht mein Zug; Sie -schicken mir sofort Gerhard nach; ich muß jemanden um mich haben, auf -den ich mich verlassen kann!« Er setzte den Hut auf. »Sie bleiben in -der Stadt, Görnemann, das Weitere telegraphiere ich.« - -Görnemann sah auf: Es war die Stimme und die Art zu sprechen, wie sie -sein Herr geübt -- vor langen Jahren. - -Klaus Tiedemann tat einen Blick durchs Fenster: - -Hilde hatte auf der Terrasse die Zeitung entfaltet und las mit -lachenden Augen. Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf. Sie las vom Bilde -T. A. Hansens, das so viel Aufsehen erregte, und das ihn in die erste -Reihe stellte; er hatte sein Wort gehalten. Es waren nur wenige Zeilen, -die ihr neues Leben gaben. »Erdgeist« hatte er sein Werk genannt. -- -- --- - -... Als der Zug in der Bergwerksstation hielt, stand Klaus Tiedemann -bereits auf dem Trittbrett des Waggons. - -Der kleine Perron war voll von Menschen, die schrien und gestikulierten. - -Es wollte Abend werden. Schon brannten die rußigen Lampen auf dem -Bahnsteig. - -Feuerwehrmänner und Knappen von anderen Gewerkschaften umgaben ihn. - -Mit starkem Arm trennte er die Menge. - -Der leichte Jagdwagen wartete. - -Neben dem Kutscher saß der Jäger, das Gewehr auf den Knien. - -»Damit die Hunde Respekt haben; die Gendarmenverstärkung kommt erst in -der Frühe.« - -Klaus Tiedemann drängte zwei halbnackte Buben auseinander, die ihm -pfeifend den Weg verstellten; der eine spuckte nach seinen Stiefeln. - -»Vorwärts!« - -Die Pferde zogen an. - -Klaus Tiedemann war im Wagen aufrecht stehen geblieben und hörte der -beiden Männer Bericht. - -Heute früh, bald nachdem die Tagschicht eingefahren, war das Unglück -geschehen. Es mußten sich giftige Gase entzündet haben. Bis vor kurzem -war an ein Einfahren der Rettungsmannschaft noch nicht zu denken -gewesen. - -Klaus Tiedemann hob den Kopf nach rechts, wo sich in der abendlichen -Dämmerung über den Getreidefeldern mächtige Rauchwolken schoben. - -»Dort?« - -»Nein, das ist die Maximilianszeche, die brennt seit 30 Jahren. Die -Zeche 2 liegt da links drüben!« - -Sie bogen in die Dorfstraße ein. - -In dichten Wolken wehte der Staub. - -Die niederen, aus Lehm gebauten Häuser schienen verlassen. - -Alt und jung mochte an der Unglücksstelle weilen. - -Ein paar Steine flogen den Pferden zwischen die Beine. - -Sie stiegen, daß sie der Kutscher kaum halten konnte. - -In rasender Eile ging es an dem Parkgitter vorbei. - -Der Mond stand bleich mit seiner Scheibe auf dem Himmel. - -Der Wagen hielt vor der Freitreppe. - -Klaus Tiedemann eilte die Stufen hinan. - -Niemand öffnete ihm; er hastete von Zimmer zu Zimmer; die Angst -beflügelte seine Schritte. - -»Mein Kind.« Er riß Clo an sich und bedeckte ihr bleiches Gesicht mit -Küssen. »Mein armes Kind.« - -Ein krampfartiges Zucken überlief sie, dann hing sie wie leblos in -seinen Armen. - -Er bettete sie vor das Fenster, durch das der kühle Abendwind strich. - -Sie gab seine Hand nicht frei. - -So saßen sie schweigend, nur der Herzschlag hämmerte durch die Stille. - -Hier und da klang vom Schacht ein Klingelsignal oder halbverwehtes -Rufen herüber. - -Mit milden Worten sprach Klaus Tiedemann seinem Kinde Mut zu. Daß sich -alles im Leben gäbe -- ganz von selbst --, was vordem unerträglich -geschienen! Man wisse nicht, wie das Unglück entstanden sei. Niemand -trage die Schuld. Es seien ja alles bisher nur Mutmaßungen. - -Mit irren Blicken sah sie im Zimmer herum; bei jedem Laut schauerte sie -zusammen: - -»Er hat seine Arbeiter betrogen, ich hab' drum gewußt.« Sie bedeckte -mit den zuckenden Händen das Gesicht und warf sich in krampfhaftem -Schluchzen in die Kissen. - -Klaus Tiedemann griff eine kalte Faust an den Rücken: - -»Weißt du, was du redest?« Er dämpfte die Stimme. »Du kannst deinen -Mann ins Zuchthaus bringen mit solchen Worten.« - -»Sei's drum.« Leidenschaftlich richtete sie sich in die Höhe. »Er hat -es hundertfach verdient; ich hasse ihn und alle seinesgleichen. Oh, wie -ich ihn hasse!« Sie glitt zu Boden und schlug schwer mit dem Kopfe auf -die Dielen. - -Mit zitternden Händen hob er sie auf. - -Nun lag sie ruhig; nur von Zeit zu Zeit erschütterte ihr Körper in -tränenlosem Schluchzen. - -Mit dem Nachtzuge kam Gerhard. - -Er sprach wenige Worte und begab sich an die Unfallstelle. - -Die paar Beamten, die Lecart hielt, durften sich nicht blicken lassen. - -Ihr Leben war in Gefahr. - -Lecart war vor wenigen Tagen zu einem seiner Freunde auf die Jagd -gereist. Der Streik war ja beendet gewesen! - -Die Arbeiter hatten wegen angeblich schlechter Ventilation der Gruben -die Einfahrt verweigert. - -Hielt dies noch ein paar Tage an, versiegten ihm die letzten -Hilfsquellen. Er wendete sich an die Bergbehörde. Er legte Pläne -und Karten vor; es war alles in Ordnung, das hätte die Untersuchung -gezeigt, sagte man den Leuten. - -Was blieb ihnen übrig? Die Ihren verlangten Brot. - -Nun war das Unglück geschehen! - -Weiber und Kinder umgaben den Schachteingang. - -Der Mond goß sein kaltes Licht über die vielköpfige Menge. - -Drohendes Murmeln lief durch die Reihen, als verlangten sie ihre Männer -von der Erde zurück, der sie so lange ungestraft ihre Kinder entrissen -hatten. - -Hier und da klang scharf eine Explosion herauf. - -Leute, die unten gewesen, erzählten, daß man helle Flammen sähe. - -Der Brand dauerte an, und damit sank die letzte Hoffnung. - -Die Rettungsmannschaft war endlich eingefahren. Man hatte auf den -Zechen Lecarts nur ungenügende Schutzapparate. - -So waren Stunden vergangen, bis sie von fremden Zechen kamen. - -Und jede Sekunde konnte über das Leben entscheiden. - -Neuer Haß war dadurch entstanden, der sich in häßlichen Ausrufen Luft -machte. - -Nur die Hoffnung, noch Lebende da unten zu finden, dämmte die -Erbitterung, welche in den Augen der Leute glimmte. - -Ein Funken konnte zünden und die Massen zu blindwütigem Vorgehen -veranlassen. - -Ein Klingelzeichen aus der Tiefe! - -Atemlos lauschen die zerlumpten Gestalten. - -Die bleichen Gesichter drängen sich an das rostige Schachtgitter. - -Es öffnete sich mit schütterndem Klirren: - -»Glück auf!« - -Zwei Leichen, verunstaltet und halb verkohlt, werden aus den Karren -gehoben. - -Tote! - -Kein Wort wird laut. - -Der Fahrstuhl verschwindet; die Grubenlichter versinken: - -»Glück auf!« - -Schluchzen erschüttert die Luft, leidenschaftliche Anklagen werden laut -und machen sich in gellenden Schreien Luft. - -Wieder kommen Tote. - -Eine reiche Ernte! Lauter stille Gestalten, oft unkenntlich, mit -verzerrten Gliedern. - -Warum ist das Schicksal so erbarmungslos? - -Warum? - -Die Menge findet die Antwort. In Haß leuchten die Augen dem Herrenhause -zu, von dem nur wenige Fenster licht scheinen. - -Schlafen sie schon, während sie hier ihre Toten beweinen? - -Ein Ton grenzenlosen Schmerzes klingt über die Fläche. - -Ein Wortführer stellt sich an die Spitze. - -Lange Zungen über das Blachfeld vorausschickend, wälzt sich die wütende -Menge gegen Lecarts festes Haus. - -Weiber und Kinder voran. - -Prügel werden geschwungen; hier und da blitzt ein Messer. - -Das Mondlicht zeichnet bleiche Schatten. - -Klaus Tiedemann hört das Toben der Menge; ein zäher Widerstand -bemächtigt sich seiner: er wird ausharren bis zum Ende. - -Mit Augen, in denen der Wahnwitz flackert, sieht sein Kind zu ihm auf: - -»Was wollen sie, Vater?« - -»Ich weiß nicht.« - -Er läßt das Haus schließen, das Parkgitter bietet Widerstand. - -Es wird zum Aeußersten kommen! - -Knurrend schnuppern die zwei riesigen Neufundländer an dem Gitter. - -»Vater!« - -»Was ist?« Er beugt sich zu ihr nieder und küßt sie auf die Stirn. »Was -willst du?« - -»Nimm mich weg,« stammeln ihre weißen Lippen, »nimm mich weg; wenn du -mich hier läßt, geh' ich zugrunde.« - -In tiefer Bewegung preßt er sie an sich: - -»Ich bin ja bei dir, Kind, es kann dir nichts geschehen.« - -Sie schüttelte den Kopf: - -»Nicht jetzt, -- die fürcht' ich nicht. Dann, wenn er wieder da ist ...« - -»Du meinst deinen Mann?« - -Ihre Finger beben. »Nimm mich fort, er ist so roh; seinen Blick ertrag' -ich nicht, Vater!« schreit sie auf und wirft sich ihm an die Brust. -»Dort hat er gesessen und vor sich hin gestiert, dann hat er's getan.« - -Der alte Mann beißt die Zähne zusammen; er kann's nicht glauben. Das -Leben kann nicht alles stürzen, was er gebaut hat. - -»Du siehst schwarz, Kind, -- deine Nerven sind übermüdet. -- Lecart hat -dich gern wie ich.« - -»Meinst du?« Sie bricht in gellendes Lachen aus. »Gern, das habt ihr -mir damals gesagt, als ich eurem Willen widerstrebte. Lieber in Armut -gestorben, als noch einmal so ein Leben! Gröden war nichts für mich, -den habe ich nicht haben dürfen, weil er nichts hatte, kein Vermögen -und keinen Namen, -- und Lecart hatte beides in euren Augen.« - -In bitterer Verzweiflung klingt ihre Stimme: »Nun habt ihr euren -Willen, habt eure Familie rein gehalten, so rein, daß der Schlechteste -da draußen zu gut für euch ist.« Ihre Worte fallen wie klingender Stahl -durch das Halbdunkel der Mondnacht, und ihr Vater beugt das Haupt, -als nun die Anklage laut wird, die er nicht zu Worte kommen lassen -wollte, aus verfehlter Liebe zu seinen Kindern. »Bei den Armen, da ist -es Berechnung eines verfehlten Lebens, wenn er nach dem Gelde greift, -ohne Liebe, bei uns ist es ein Verbrechen, wie die Sonne kein ärgeres -bescheint, wenn wir dem Herzen nicht seine Stimme lassen, sondern -schachern, noch immer nicht froh unseres Besitzes.« Ihre Hand klagt -ihren Vater an. »Du, du ganz allein hättest auftreten können, hättest -mir mein Recht wahren sollen, das einzige, das schönste, das wir -besitzen. Du hast dich gebeugt und hast geschwiegen, als meine Mutter -ihren Plänen folgte. Schritt für Schritt mit der Unermüdlichkeit -eines kranken Willens. Sie sah die Welt vom Krankenbett und in den -engen Grenzen ihrer einseitigen Erziehung. Du aber hast dich selbst -durchgerungen, bist in der Welt herumgekommen wie kaum einer, und hast -doch nicht den Mut der eigenen Ueberzeugung gehabt! Vater, Vater, du -weißt nicht, was ich gelitten!! Vom ersten Tage der Ehe an war es ein -Kampf! Ich ließ mich betören von euren Reden, ihr wolltet ja stets -keine Verantwortung übernehmen, das war euch das Wichtigste. Ich -glaubte eueren Vorstellungen, ihr spieltet ja so breit euere Erfahrung -auf, und ich war ein unerfahrenes Kind, das kaum wußte, was Liebe sei. -So bin ich euch gefolgt! Ich war meinem Manne stets nur ein Mittel -seiner Leidenschaft und seiner Berechnung. Deinem Schwiegersohne -öffneten sich viele Türen, die vordem verschlossen gewesen! Oft -hab' ich innerlich geschäumt, wenn er gegen dich den Hochgeborenen -herausdrehte und du es dir bieten ließest in deiner Schwäche. Vater, -weißt du, was es heißt, an einen Menschen gekettet sein, den man haßt?« -Ihre Augen sprühen Blitze. »Nächtelang bin ich neben ihm gelegen und -habe geflucht: ihm und mir. Vor dem Altar, als er uns auf ewig verband, -hat der Priester Gottes Worte gesprochen: ‚Wenn mich zwei Menschen -in der Liebe um etwas bitten, es soll ihnen gewährt sein.’« Wieder -schüttert ihr schrilles Lachen. »Ja, ich habe gebetet -- aber nicht um -ein Kind, nein, um unser beider Tod!« - -Sie tritt näher. Wie eine Mahnung klingen ihre Worte: - -»Du bist auf falschen Wegen mit all den Deinen! Es ist die letzte -Stunde, Vater, kehr' um, ehe es zu spät ist. Leo ist tot. Wer wird der -Nächste sein? Willst du die ungeheure Schuld tragen, mit starrem Sinn -ins Unglück rennen? Hör' nicht auf Fred, hör' auf niemanden, hör' nur -auf dich allein!« Sie faßt mit schlagenden Armen ihres Vaters Rechte. -»Laß Hilde mir nicht nachfolgen, laß es genug sein an mir!« - -Sie hebt den Kopf in atemloser Spannung. - -Die Hunde vor dem Hause schlagen an; die rauhen Stimmen zerreißen die -Stille der Nacht. - -Ihr fällt der Kopf nach rückwärts. Klaus Tiedemann horcht, sein Kind in -den Armen. - -Wüste Rufe kommen näher. - -Er sieht in Clos starre Augen, die tief in ihren Höhlen liegen. Sein -Kopf ist dumpf, ein eiserner Druck hält ihn gefangen. - -Das ist die Frucht seines Lebens! - -Tief beugt er sich herab: ihre Blicke hängen ineinander. Nicht Vater -und Kind sind es, die nun rechten, es ist Mann und Weib. - -»Höre mich!« Schwer kämpft sich Tiedemanns Stimme aus der Brust. -»Ich bin aus niederem Stande und hab' vieles erst im späten Leben -kennengelernt, was euch als Kinder schon geläufig war. Ich hab' lange -Jahre nur den Gedanken gehabt, Geld zu verdienen und dadurch etwas in -der Welt zu werden.« - -Er stockt und will schweigen, doch die lauten Rufe lösen ihm die Zunge; -sie prallen an die Wände und hallen in langen Wellen. Wer weiß, ob er -überhaupt in wenigen Minuten es noch wird sagen können? Das Geheimnis -seines Lebens! - -Mit heiserer Stimme, den Blick scheu um sich werfend, keucht er: -»Ich war auch ein Mensch von Fleisch und Blut und hab' geglaubt an -den Inhalt der Welt! Ich hab' mir ein Weib genommen aus niederem -Stande, wie ich es selbst war, drüben über dem Wasser. Sie sollte mir -beistehen, sollte mir die trüben Gedanken scheuchen, wenn ich müde nach -Hause kam. Und sie hat es getan -- ein paar Jahre lang. Da hab' ich -den Grundstein gelegt. Da hab' ich Riesenkräfte gehabt. Dann haben wir -ein Kind bekommen -- Gerhard. Nun hab' ich erst recht gewußt, wofür -ich arbeite. Wochenlang hab' ich keinen anderen Gedanken gehabt als -Geschäft und Geld! Nicht aus Habsucht, nein; für meine Familie! Ich -hab' wenig Zeit gehabt: Da hab' ich's nicht merken können -- in meinem -eigenen Haus!« - -Die Stimme überschlägt sich. Unten heulen die Hunde gegen das Gitter. - -»Sie hat mich betrogen, ist mit einem anderen davon, hat mich allein -gelassen mit meinem Kinde. Damals«, Klaus Tiedemanns Stimme hob sich, -»hab' ich den Glauben abgeschworen, hab' ich alles von mir getan. Keine -Plage war mir zu viel gewesen; jede Erniedrigung hab' ich ertragen für -mein Weib, das war mein Lohn! Mich hat es drüben nicht mehr gelitten, -ich bin herüber, hab' mein Kind im Stich gelassen und alles andere. Vom -Anfang hab' ich wieder begonnen. War es früher Ehrgeiz, der mich trieb, -so war es nun Haß! Ich bin schwindelnd gestiegen; sie sollte von mir -hören da draußen irgendwo in der Welt, sollte sich eingestehen müssen, -daß sie einen schlechten Tausch getan ... So bin ich einsam geblieben -lange Jahre; dann hat mich wieder die alte Sehnsucht gefaßt, ich wollte -Frau und Kind haben. Doch nun wollte ich der Herr sein, darum hab' ich -mir ein Weib gekauft -- deine Mutter! Es war Wahnsinn, aber Wahnsinn -aus bitterer Seelennot. Ich erwartete nichts mehr, sie gab mir nichts. -Ich wollte nur euch, auf euch hab' ich alles übertragen, was die andern -von mir nicht nehmen wollten -- meine Liebe. Ich war stets unscheinbar, -meine Geburt hing an mir mit eisernen Ketten, -- so wollte ich mir -in euch jemanden ziehen, der an mich glaubte. Ich hab' eure Mutter -unterschätzt. Sie entriß mir Stück um Stück. Da hab' ich zum Schluß in -alles gewilligt; mein Leben war im unnützen Kampfe vertan.« Mit starren -Augen sah er zur Erde. »Einst hab' ich an Liebe geglaubt, da ward' ich -betrogen; da ich anders dachte, erst recht!« Er bricht jäh ab; die Tür -fliegt auf: Gerhard steht auf der Schwelle. »Sie sind da!« - -Ein Hagel von Steinen zerschellt die Fenster. Dumpfes Geheul, das -durch die zerbrochenen Scheiben sich doppelt und dreifach verstärkt, -übertäubt das Todesgewinsel der niedergeschlagenen Hunde. - -Ein Schuß fällt aus dem unteren Stockwerk. - -»Der Jäger.« Clo Lecart zerrauft sich das Haar; ihre schrillen Schreie -erschüttern Vater und Sohn, ihre bebenden Lippen stammeln irre Laute. - -Scheiben klirren, Steine fliegen. - -»Hilfe!« Clo krallt sich in ihres Vaters Kleider. »Hilf, Vater! Dein -ist die Macht, und dein ist die Herrlichkeit, dein Wille geschehe auf -Erden, vergib uns unsere Schulden.« Ihre Augen flackern. - -Klaus Tiedemann steht regungslos und horcht dem donnernden Toben der -Menge, das näher dringt und näher. - -»Da!« Mit zitternden Händen preßt ihm sein Kind die Waffe in die -Hand. »Ich hab' sie lange getragen, ich war zu feig dazu; rette mich -Vater, rette mich! Das Leben ist so schön, und ich bin noch so jung.« -Wimmernd kriecht sie auf dem Boden und schlägt sich die Brust. »Zu uns -komme dein Reich. Unser täglich Brot gib uns heute.« - -Klaus Tiedemann hebt den Kopf. Die Waffe klirrt zu Boden. - -Gerhard reißt sie an sich. Wieder steht er regungslos. - -Sein Vater hat die Tür geöffnet und ist auf den Balkon getreten. - -Tobendes Brüllen und Geschrei empfangen ihn; Steine prasseln. - -Der Garten wimmelt von Menschen. - -»Leute!« ... - -Sie heben die Köpfe; noch zweimal wiederholt er den Ruf. - -Seine Stimme übertönt die Menge und hallt weit über die Fläche. - -Sie stoßen sich an; murrend faßt die Hand fester den Stein. - -»... Seid ihr Menschen oder seid ihr wilde Tiere? Seid ihr Vater und -Mutter, habt ihr Weib und Kind, oder seid ihr tolle Hunde? Habt ihr all -eure Vernunft vergessen, daß ihr nicht des Morgens denkt? Wollt ihr ein -Leben lang im Kerker sitzen? Seid ihr Mörder oder Arbeiter? ...« - -Mit donnerndem Prall fährt seine Stimme über die Menge. - -»... Ihr seid betrogen und belogen. Wen sucht ihr? Lecart ist nicht -hier! Ein großes Unglück ist geschehen; doch wir sind alle Menschen, -und jeder Augenblick kann uns den Tod bringen. Wenn jemand die Schuld -trägt an eurem Unglück, es soll gesühnt werden. Lecart wird seiner -Strafe nicht entgehen. Das sage ich euch, Klaus Tiedemann, der so -arm war wie ihr, der sich aus eigener Kraft herausgerungen hat, ohne -deswegen glücklicher zu werden. Jede Witwe und jede Waise, jeder, der -Einbuße an seiner Gesundheit litt, soll reichlich entschädigt werden. -Dafür habt ihr mein Wort! Wir wollen gemeinsam trauern und die Toten -begraben. Was kann der Mensch anderes tun? Was wollt ihr sonst? Wollt -ihr das Weib, das weinend drin auf dem Boden liegt und die Gemeinschaft -mit ihrem Manne verflucht? Wollt ihr meinen Sohn morden, der mit euch -die Toten bergen half, der denkt wie ihr, der mit demselben glühenden -Haß gegen mich ausgerüstet ist wie ihr? Mich?« Klaus Tiedemanns Stimme -wird leise. »Mich? Wenn ihr wollt, so tut es, mir ist nicht leid um -mein Leben; ich hab' Schweres erlitten und meine Kinder nicht glücklich -gemacht.« Wieder hebt er den Kopf; er sieht Hunderte von Augen auf sich -gerichtet, sie geben ihm alte Kraft. »Aber _eines_ müßt ihr bedenken! -Ich zahle das Geld, das euere Witwen und Waisen erhalten soll, Lecart -tut es nicht, kann es nicht! Wollt ihr die Eueren bestehlen? Was bleibt -euch? In wenigen Stunden werden die Gendarmen hier sein; schon sind sie -unterwegs. Sie werden schrecklich Gericht halten, und ihr werdet noch -mehr zu beweinen haben als jetzt. Kehrt ihr in Ruhe zurück, so soll -keinem ein Haar gekrümmt werden, ich selbst will Fürbitte einlegen. Der -Lohn soll erhöht werden. Ihr könnt euere Bitten vorbringen, von heut -ab bin ich euer Herr! Nicht vergessen will ich, daß ihr Menschen seid! -Seht nach eueren Toten! Ich komme zu euch. Ich werd' euch helfen, die -schwere Last zu tragen.« Klaus Tiedemann beugt das schneeige Haupt -hinab; sein Blick überfliegt die Reihen, die in tiefer Stille stehen; -polternd fallen ein paar Steine zu Boden. »Und glaubt mir, nicht Geld -macht glücklich; ich war es mehr, als ich arm war und als ich lebte wie -ihr. Laßt Haß und Neid beiseite, da drüben liegen die Toten! Wer weiß, -wie die jetzt reden würden ...« - -Er schweigt. - -Von unter klingt gedämpftes Flüstern und Scharren vieler Füße. - -Die Gruppen lösen sich. - -Klaus Tiedemann tritt zurück. - -Durch das ungewisse Mondlicht glänzen ihm Gerhards Augen entgegen. - - -Gleich am nächsten Tage war Clo Lecart zu ihrer Schwester gereist. Nur -weg vom Besitze Lecarts! - -Es war ein stummes Wiedersehen. - -Sie sprachen wenig. - -Hilde war erst besorgt gewesen, ihre Schwester die schrecklichen -Stunden, die sie mitgemacht hatte, vergessen zu lassen. Doch zu allen -Versuchen schüttelte Clo traurig den Kopf: - -»Laß gut sein, Hilde, das wird für mich nimmer anders.« - -Nach solchen Worten sah sie wieder mit starren Augen in das Grün des -Waldes, der sich mit herbstlichen Farben zu schmücken begann. - -In Hilde war frohe Zuversicht, seitdem sie von Hansens Werk wußte. - -Sie hoffte auf die Zukunft mit allen Nerven des liebenden Weibes. - -Auch Vater mußte nun einsehen, daß er sich in ihm getäuscht hatte, daß -seine Ansichten irrige gewesen. - -Klaus Tiedemann hatte wenig Zeit für seine Kinder. - -Es gab viel zu tun durch Lecarts Zusammenbruch. - -Als sie sich das erstemal wieder gegenüberstanden, hatte Lecart den -alten Ton versucht. Doch Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf: - -»Jetzt reden wir anders.« - -Lecart wollte nicht einsehen, daß er seine Rolle ausgespielt hatte. -Mein Gott, dachte er, die Zeche, die ließ sich wieder in Betrieb -setzen, die Geldgeber warteten schon, wenn Klaus Tiedemann hinter ihm -stand. Der würde doch nicht den Skandal vor aller Augen wollen, und -überhaupt was sagte Clo zu all diesem? - -Als er Tiedemanns Antwort erhielt, senkte er den Kopf, um eine Nuance -bleicher: - -»Das sind Ausgeburten kranker Nerven; ich verstehe dich nicht, wie du, -ein klar und nüchtern denkender Mensch, so etwas glauben kannst.« - -Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf: - -»Sie ist ein armes, durch uns beide ruiniertes Geschöpf.« - -Lecart kannte seinen Schwiegervater nur mehr in wenigen Zügen. Er war -ein anderer geworden seit jener Schreckensnacht. - -Es schien, als sei er sich seines Menschenwertes erst klar geworden, -als er allein gegen die Masse stand, und doch obsiegte. - -Nun trug er den Kopf aufrecht und brach mit manchem, das er früher -geduldet hatte. - -Ein neuer Hauch war in sein Haus eingezogen. - -Gerhard und er saßen oft bis in die Nacht hinein: sie besprachen die -Zukunft des Lecartschen Besitzes. - -Auch die Mansbergschen Fabriken standen still. - -Bei der zuständigen Bergbehörde war Anzeige gegen Lecart -erstattet worden wegen Fahrlässigkeit in den Ventilations- und -Sicherheitseinrichtungen. Es hieß, er hätte alle Vorschriften außer -acht gelassen, um nur möglichst viel aus seinen Gruben herausschlagen -zu können. - -Mehr als neunzig Menschen hatten bei dem Raubbau ihr Leben gelassen. - -Lecart lachte über die Anklagen. Gegen welchen Herrn waren die Arbeiter -nicht? Doch es war ein häßliches, gezwungenes Lachen. - -Auch über die Spiritusfabriken wußte er keine rechte Auskunft zu geben. - -Es war eben eine verunglückte Spekulation. Die Baisse war allzuschnell -gekommen; da war es klüger, man ließ den Betrieb ruhen. - -Fred Tiedemann hätte mit ein paar Worten Aufklärung geben können, -doch er kam erst in zwei Wochen zurück. Er schrieb begeisterte -Ansichtskarten von seiner Tour. Auch zum Dichten hatte er sich -aufgeschwungen: - -»Man wird ein anderer Mensch in der freien Natur, das sieht man an -jedem Bauernbua ...« - -Die Karte trug der Wolny Unterschrift. - -Fred beteiligte sich noch an einer Tourenkonkurrenz, bevor er -heimkehrte: - -Der Automobilklub des Nachbarstaates unternahm einen Besuch in die -befreundete Hauptstadt. - -Mehr als hundert Herren der ersten Gesellschaftskreise galten als -Teilnehmer. Auch ein Prinz des kaiserlichen Hauses hatte gemeldet. Da -durfte Fred Tiedemann nicht fehlen. - -In einer Nachschrift schrieb er, daß er von Lecarts Mißgeschick in -einer Zeitung gelesen hätte und daß er hoffte, daß dies Unglück weiter -keine unangenehmen Folgen haben würde. - -Mit lauten Worten sprach Hilde ihren Aerger über Freds Art aus, doch -Klaus Tiedemann riet zur Mäßigung. - -Er begann sich wieder ins Geschäft einzuleben. Keiner hielt strenger -die Arbeitsstunden ein als er. - -Vieles war zu erledigen und zu besprechen. - -Die Gläubiger Lecarts drängten auf Klärung seiner Lage, sie wollten -ihre Schritte danach einrichten. Wenn ihn sein Schwiegervater nicht -hielt, war er verloren. - -Klaus Tiedemann wollte alles möglichst rasch zu Ende bringen, schon um -Clos willen, die von Tag zu Tag nervöser wurde. - -Die Ehegatten hatten sich seit Lecarts unfreiwilliger Rückkehr nicht -gesprochen. - -Keiner der beiden Teile verlangte danach. Die Abrechnung kam ... - - -Klaus Tiedemann sah abermals zur Tür und horchte. - -»Lecart ist noch immer nicht da.« - -Gerhard saß ihm gegenüber und nickte. - -Görnemann hatte eine zweistündige Besprechung mit seinem alten Chef -gehabt. - -Es war ihm nun leichter ums Herz, er hatte sich alles Drückende von der -Seele geredet. - -Klaus Tiedemann grübelte und blätterte in den Papieren, die den Tisch -in hohem Stoß bedeckten. - -Große Summen standen auf dem Spiel: - -»Ich verstehe nicht, wieso Fred die Fabriken so stark belehnen konnte; -es ist ja mehr, als sie überhaupt wert sind!« - -»Das war stets unser Streit, Vater; ich hätte keinen Heller gegeben.« - -Klaus Tiedemann seufzte: - -»Wenn wir sie übernehmen, ist der Verdienst von ein paar Jahren hin.« - -»Und doch werden wir es tun müssen.« - -Wieder schwiegen beide. - -Gerhard hatte einen Bleistift ergriffen und rechnete auf einem Blatt -Papier herum. - -Es war ganz still; nur vom Vorraum hörte man das Klingeln des Telephons. - -Dann hob Gerhard den Blick: - -»Wir sind die Hauptgläubiger; wenn wir alles aufgeben, verlieren wir -zuviel! In ein paar Jahren kann man wieder anfangen zu verdienen; wir -haben ja manches Etablissement, das passiv ist.« - -Nachdenklich sagte sein Vater: - -»Nur sehe ich kein Mittel, wie man das Ganze wieder hoch bringen kann.« - -»Doch, Vater, du mußt bedenken, daß er alles hat verkommen lassen, daß -er von der Fabrikation nichts versteht. Er hat die Fabriken doch nur -gekauft, um seinen Gläubigern damit die Augen auszuwischen -- alles -andere war ihm gleich. Wenn man geschickt arbeitet und die Schnaps- und -Branntweinproduktion auf ein bescheidenes Maß einschränkt, so läßt sich -viel erreichen. Ich würde das Hauptgewicht auf die Spiritusfabrikation -legen. Spiritus kann heutzutage die Konkurrenz mit allen flüssigen -Brennstoffen aufnehmen. Der Nutzeffekt ist glänzend, die Herstellung -nicht allzu teuer und die Preise nicht schlecht. Da läßt sich schon -etwas machen. Als Ersatz für Benzin und Petroleum hat er große Vorzüge. -Bei unserer ausgedehnten Landwirtschaft können Spiritusmotoren als -Lokomobilen ausgezeichnete Verwendung finden. Natürlich müßte man -die Kartoffeln soviel als möglich selbst bauen. Zum Beispiel in den -Kohlenrevieren; statt daß man Getreide baut oder Wiesenland läßt, -müßte man alles in Kartoffeläcker umwandeln. Das Klima und der Boden -sind günstig die Fracht ist billig -- auf die Art könnte man beide -Unternehmungen gewissermaßen vereinigen.« - -Klaus Tiedemann nickte: - -»Hätte man das vor Jahresfrist getan, so stünde die Sache anders.« Er -trommelte mit seinen Fingern auf den Tisch und seufzte. »Na, wer weiß, -wozu die Sache gut ist! ...« - -Er sprach nicht weiter, denn Lecart trat ein: - -»Guten Tag!« - -Er sah schlechter aus als sonst. - -Als ob nichts geschehen wäre, bot er Tiedemann die Hand; Gerhard -ignorierte er in alter Gewohnheit. - -Er reichte seinem Schwiegervater das Tabatiere, das voll von Zigaretten -war: - -»Willst du dir nicht nehmen? Ich habe sie erst heute frisch bekommen!« - -Als er keine Antwort erhielt, zündete er sich selbst eine Zigarette an -und legte die Beine übereinander, daß das magere Bein im schottischen -Strumpfe sichtbar wurde. Den Rauch vor sich hin blasend, sagte er dann: - -»Also machen wir die Sache rasch ab!« - -Klaus Tiedemann nickte. - -»Ich würde am liebsten _allein_ mit dir sprechen«, sagte Lecart. - -»Gerhard bleibt!« - -»Bitte«, mit nachlässiger Bewegung warf sich Lecart in den Sessel -zurück und sah nach dem Plafond. - -Das hatte er denn doch nicht notwendig, sich von den Pfeffersäcken -etwas gefallen zu lassen! - -Es war gerade genug, daß er ihnen Rede stand! - -Tiedemann wich Gerhards Blicken aus. - -Er ordnete die Papiere und legte sie vor Lecart: - -»Hier hast du die Schuldverschreibungen und alles bezüglich der -Mansbergischen Liegenschaften.« - -Lecart tat einen kurzen Blick: - -»Das kenn' ich. Was weiter?« Er warf die Lippen auf und schob die Hand -in die Tasche. - -Aerger überkam Klaus Tiedemann über des anderen Art, doch er zwang sich -zur Ruhe: - -»Du mußt dich jedenfalls äußern, wie du dir die Zukunft denkst.« - -Lecart lachte spöttisch. »Das ist gerade so, als wenn die Henker des -Delinquenten Pläne für sein späteres Leben anhören. Die Vorschläge mußt -wohl du machen.« - -Der Alte schüttelte den Kopf: - -»Es ist dein Besitz, um den es sich handelt.« - -»Auf dem Papier!« - -»Da hast du leider recht.« Tiedemanns Stimme ward lauter. »Wäre es nach -mir gegangen, wir hätten diesen traurigen Ruhm nicht. Du mußt großen -Einfluß auf meinen Sohn ausgeübt haben, daß er dich so unterstützte.« - -Lecart lachte höhnisch: »Einfluß? -- Ich bin schließlich sein Schwager, -und«, er sah verächtlich auf die beiden vor ihm Sitzenden, »der einzige -in der Familie, der ihn versteht und ihn unterstützt, in bessere -Kreise zu kommen.« - -»Mit meinem Geld!« - -Drohend sah ihn der Alte an; überrascht wendete Lecart den Kopf: Was -war das für ein Ton? »Du sprichst, so gut du es eben verstehst,« sagte -er hochtrabend, »das entschuldigt dich.« - -Des Alten Stirn färbte sich dunkelrot: »So wirst du bei mir nichts -ausrichten; entweder du redest vernünftig mit mir, oder ich übergebe -alles deinen Gläubigern; die sollen dann machen, was sie wollen.« - -»Parbleu, das wäre das Rechte,« die Zigarette entfiel des anderen -Hand, »das ist dein Ernst doch nicht?« Er sah erschreckt auf seinen -Schwiegervater. - -»Mein _voller_ Ernst!« - -Lecart litt es nicht länger auf dem Sessel; mit langen Schritten -durchmaß er das Zimmer; sein Blick blieb auf Gerhard haften. In Haß -blitzten seine dunklen Augen: - -»Ich habe dir schon vorhin gesagt, ich spreche nur mit dir allein!« -schrie er. - -Als keine Antwort kam, wiederholte er die Worte: - -»... Hast du verstanden?« - -»Gerhard bleibt!« - -Charles Lecart stampfte den Boden: - -»Dann bringst du kein Wort aus mir heraus.« - -»Es ist nur dein Schade.« - -Sie saßen schweigend. - -Nach geraumer Weile fragte Klaus Tiedemann: - -»Kannst du nicht Clos Mitgift zur Deckung verwenden?« - -»Clos Mitgift? Die ist lange hin.« - -Klaus Tiedemann legte den Kopf in die eiskalte Hand. Jeder Nerv zuckte -an ihm; doch es galt diesen Kampf mit starkem Willen zu Ende zu führen --- seines Kindes wegen. - -Clos Mitgift war eine hohe Summe gewesen, mit deren Zinsen beide in -Ruhe hätten ihr Leben verbringen können. - -»Wie ist das zugegangen?« fragte er. - -»Wie das zugegangen ist? Sehr einfach: Wir haben vom Kapital gelebt. -Meine Frau ist nicht die billigste; sie ist mit merkwürdig hohen -Ansprüchen in die Ehe getreten. Woher sie das hat, weiß ich nicht, von -dir gewiß nicht!« - -»Alles zugegeben.« Klaus Tiedemann überhörte geflissentlich des anderen -Ausfälle. »Aber in so kurzer Zeit?« - -»Ich hab' Schulden zu bezahlen gehabt, dann die Reisen und die -Repräsentationspflichten. Sah Clo einen Schmuck, so mußte sie ihn -haben. Oft mußten wir dreifache Wohnung bezahlen; hier in der Stadt, in -irgendeiner Pension und auf dem Lande. Clo hat nichts vom Wirtschaften -verstanden; sie ist wie eine Prinzessin aufgewachsen.« - -»Clo hat gewiß nicht die Hauptschuld, du hast hoch gespielt.« - -»Wer sagt das?« - -»Ich weiß es!« - -»Hat es meine Frau gesagt?« Er bekam keine Antwort. »Natürlich weißt -du es von ihr! Ich sollte wahrscheinlich wie ein Hund leben, wenn ihr -die Herren spieltet? Bitter genug, daß ich von euch das Almosen nehmen -mußte.« - -»Vielleicht wäre es für beide Teile besser, du hättest es nicht getan.« -Klaus Tiedemann warf die Papiere durcheinander. »Lassen wir das -Streiten, wir kommen damit zu keinem Ende. Wir werden die Mansbergschen -Fabriken übernehmen und die übrigen Gläubiger befriedigen.« - -Lecart schöpfte neue Hoffnung: »Das ist gar nicht nötig«, sagte er -schnell. - -»Es ist besser so.« - -»Bitte.« - -Klaus Tiedemann neigte sich vor; er sah ihn erwartungsvoll an: »Und was -ist mit den Gruben?« - -Lecart war erstaunt: »Ja, wollt ihr mir denn alles abnehmen?« - -»Das wird sich erst zeigen.« - -»Wieso?« - -»Du weißt, daß gegen dich Anzeige erstattet ist.« - -»Was weiter?« - -Klaus Tiedemann blickte ernst: »Du mußt wissen, ob 'was Wahres daran -ist. Davon hängt alles ab.« - -Ueber Lecarts hageres Gesicht lief ein nervöses Zucken: »Was meinst du?« - -Durchdringend ruhten des alten Mannes Augen auf ihm: »Du verstehst -mich ganz gut. Ob eine Schuld deinerseits vorliegt oder nicht?« - -»Das fehlte gerade noch.« Lecart ließ die Hand auf den Tisch fallen. -»Woher hast du den Unsinn? Was soll ich für eine Schuld haben?« - -»Clo hat davon gesprochen.« - -»Clo?« Lecart lachte trocken und netzte die Lippen. »Wovon?« - -»Du sollst die Vorschriften außer acht gelassen haben.« - -»Albern; die hält nicht einer von uns genau ein.« - -»Darum handelt es sich jetzt nicht; ich muß wissen, ob ich mit -ehrlichem Gewissen für dich, das heißt für Clo, eintreten kann oder -nicht.« Klaus Tiedemann sah sinnend vor sich nieder. »Ich habe -Beziehungen, welche dir eventuell nützen könnten, um das Gerede zum -Schweigen zu bringen.« - -»Das wäre mir sehr recht.« Lecarts Stimme wurde geschmeidig. »Dafür -wäre ich dir sehr dankbar. Wer sind die Herren, die mir behilflich sein -können?« - -»Das wird sich finden.« Nachdenklich strich sich Klaus Tiedemann die -faltige Wange; die Hand, die auf der Tischplatte lag, zitterte: »Also, -ich kann dir glauben?« - -»Ja.« - -»Laß, Vater!« Gerhard Tiedemann machte eine jähe Bewegung; er hatte -bisher regungslos gesessen. Sein Blick traf Lecart: »Sie lügen!« sagte -er ruhig. - -Lecarts Augen wurden klein; sie funkelten wie die eines Raubtieres. -Auch Klaus Tiedemann war zusammengefahren, in seiner erkünstelten Ruhe -jäh gestört. Hastig, fragend flogen seine Blicke von einem zum anderen. - -»Sie werden das zu beweisen haben«, kreischte Lecart und trat einen -Schritt näher. - -»Ich spreche nichts, das ich nicht schwarz auf weiß vor mir habe.« - -Gerhard wich dem Blick des anderen nicht aus; seine grauen Augensterne -hielten ihn im Schach. Mit unsicherer Stimme, aus der verhaltene Wut -klang, fragte Lecart: »Wo sind die Beweise?« - -»Sie werden Ihnen nicht unbekannt sein.« Ein roter Fleck begann auf -Lecarts gelber Wange zu brennen. »Waren die Ventilationsschächte in -Ordnung?« - -Lecart preßte die schmalen Lippen zusammen: »Ja.« - -»Sind Sie dessen sicher?« - -»Die Kommission hat es bestätigt.« - -»Das heißt gar nichts. Sie haben als Grubenbesitzer allzuviel Einfluß -auf deren Zusammensetzung, und überdies kann sich die Kommission -getäuscht haben.« - -Lecart war bleich geworden: »Das kommt nicht vor.« - -»So sagen wir, sie ist getäuscht worden!« - -Lecart streckte den Kopf weit vor, seine Augen waren drohend -aufgerissen, die Adern am mageren Hals schwollen an unter dem -stürmischen Herzschlag: - -»Wer gibt Ihnen das Recht, so mit mir zu sprechen?« keuchte er. - -Gerhard stand auf und faltete ein Papier auseinander; er sah zu seinem -Vater hinüber: »Die Kommission hat richtig entschieden. Sie haben -recht. Auf den ihr vorgelegten Plänen und Rissen sind die Luftschächte -vollkommen entsprechend eingezeichnet, aber«, er hob die Stimme, »die -Kommission konnte nicht wissen, daß in Wirklichkeit seit Monaten der -wichtigste Luftweg verschüttet sei; so hat man sie und die Arbeiter, -die gehorchen mußten, betrogen!« - -Mit kreidebleichem Gesicht fuhr Lecart an des anderen Gurgel. »Du -sollst es büßen, mir so etwas gesagt zu haben.« - -Mit starken Händen fing Gerhard die schlagenden Arme. Er warf Lecart -zurück. Mit zuckenden Lippen sagte er: »Hier hast du, Vater, deine -Familie!« - -Der alte Mann regte kein Glied; er starrte vor sich nieder. - -Minuten vergingen. - -Lecart ordnete seine Kleider; sein hastiges Atmen klang laut durch die -Stille. Wie die Augen einer Katze, die auf der Lauer liegt, glimmten -seine Pupillen. So standen sie eine Weile sich gegenüber. - -Dann klang ein stöhnender Laut -- sie sahen nach dem alten Mann. - -Klaus Tiedemann richtete sich auf. - -Ein harter, erbarmungsloser Zug war um seinen Mund. - -»Die Gruben gehen in unseren Besitz über,« sagte er, »du hast mit allem -nichts mehr zu schaffen. Was du getan hast, trennt dich auf ewig von -mir. Einen Betrüger beherbergt meine Familie nicht.« - -Lecart wollte auffahren. Drohend trat der alte Mann vor ihn; seine -kleine Gestalt schien zu wachsen: - -»Clo wird mit sich ins reine kommen müssen. Ebenso du! Nur drängt für -dich die Zeit, du kannst nach alldem nicht verlangen, daß ich für dich -aussage. Gerhard und Clo haben von dem furchtbaren Betrug gesprochen. -Ich hab' es nicht geglaubt, trotzdem die Beweise nur allzu klar lagen. -Ich habe noch immer an einen Irrtum gedacht.« Er schüttelte den Kopf -und ballte die Faust. »Ich hätte dich gehalten, so schwer mir's -auch gewesen wäre, hättest du dein Unrecht eingestanden; du hast es -nicht getan.« Er maß Lecart von Kopf zu Füßen. »Ich bin zwar nur ein -Kaufmann, der schlichte Manieren hat; so kann ich weiter nicht raten, -aber Sie werden, Baron Lecart, Mittel und Wege finden müssen, sich vor -dem Kerker zu schützen, in den Sie gehören. Das wird Ihnen ja nicht -so schwer fallen, Sie sind stets findig gewesen.« Er wandte ihm den -Rücken. »Ich glaube, wir sind fertig.« - -Mit festen Schritten ging Klaus Tiedemann zur Tür; die Tränen standen -in seinen Augen. - - -Schon am nächsten Tage schrieb Lecart. Das Kuvert trug seiner Familie -Wappen. Er schrieb in knappen Worten, daß er nach dem, was vorgefallen -sei, es als selbstverständlich ansähe, das Haus nicht mehr zu betreten, -in welchen er derartigen Invektiven ausgesetzt sei. Er bedauerte -nur, daß ihm keine anderen Mittel als seine Verachtung zur Verfügung -stünden. Den Rechtsweg wolle er mit Rücksicht auf seine arme Frau -und die Gesellschaft nicht betreten. Zum geschäftlichen Teile seines -Briefes übergehend, teile er mit, daß er alle Angelegenheiten seinem -Rechtsfreund übergeben hätte, da der gestrige rohe Auftritt seinen -ohnehin alterierten Nerven den Rest gegeben hätte. Er zöge sich -auf unbestimmte Zeit in ein Sanatorium zurück, um seine Gesundheit -womöglich wiederherzustellen, deren schlechter Zustand ihn auch bewogen -hätte, sich auf einige Zeit seines freien Verfügungsrechtes zu begeben. -Er habe seinen Advokaten zu seinem Kurator bestellt und ersuche, sich -in allen Dingen an diesen allein zu wenden, da er nunmehr vollkommen -ausgeschaltet sei. Mit Rücksicht darauf werde auch die gegen ihn -schwebende Klage hinfällig. - -Noch am selben Nachmittag fuhr Klaus Tiedemann zu seiner Tochter. - -Es war ein schwerer Weg, und doch ging er aufrechten Hauptes durch den -hochstämmigen Laubwald, durch welchen der Weg von der Bahnstation aus -führte. - -Die Buchen rauschten um ihn, und er atmete in tiefen Zügen, als wolle -er all den Dunst und die Häßlichkeit der Stadt aus seinem Innern -vertreiben. - -Ruhe lag über dem herbstlichen Grün und senkte sich über sein Wesen mit -lindem Hauch. - -Ein alter Bauer, das Gewehr auf der Schulter, kam ihm entgegen. Ein -großer Hund trottete hinter ihm drein, sie sahen beide zufrieden aus. - -Kinderstimmen hallten zwischen den hohen Stämmen des Waldes. Sie -gehörten Ausflüglern an, die für wenige Stunden der lärmenden Großstadt -entflohen waren. - -In schwerem Fluge schwang eine Krähe sich über die Lichtung; noch lange -klang ihr rostiger Schrei. - -Bald war Tiedemann am Ziel. - -Er öffnete die Gartenpforte. - -Auf dem Vorplatz war ein Ruhesessel in die Sonne gerückt. Clo ruhte -darauf; Hilde saß daneben und las aus einem Buche vor. - -Als sie seinen Schritt auf dem Kies hörte, stand sie rasch auf; auch -Clo hob den Kopf. - -»Bleibt sitzen!« Er winkte ihnen zu und kam näher. - -Clo war bleich, ihr Gesicht trug einen leidenden Zug; trotz der warmen -Herbstsonne hatte sie eine Decke über die Knie gezogen. - -Sie sprachen von gleichgültigen Dingen, von den wenigen Neuigkeiten, -die sich in den letzten Tagen zugetragen hatten: - -Gestern nachmittag hatte es gewittert; darauf war die Temperatur -plötzlich stark gefallen. Heute früh war es kühl gewesen. Die Schwalben -sammelten sich bereits zum Flug. - -Sie sprachen mit leiser Stimme und sahen aneinander vorbei. - -Klaus Tiedemann hatte auf seinem Wege gefällte Stämme bemerkt; nun -redete er davon. - -Clo gab rasche Antwort: man baute einen Fahrweg durch den Wald zur -neuen Anstalt. - -Klaus Tiedemann fragte, welchem Zweck der Neubau dienen werde. Hilde -gab keine Antwort; sie machte hinter seinem Rücken ihrer Schwester -Zeichen, zu schweigen. Die bemerkte es nicht. - -»Für Lungenkranke im ersten Stadium.« - -Besorgt sah Hilde auf ihren Vater, sie mied jedes Wort, das ihn an Leos -frühes Ende erinnern konnte. - -Doch sie schien sich getäuscht zu haben. Mit ruhigen Worten sprach er -weiter. - -Dann legte er die schwere Hand auf die Armstütze von Clos Sessel: - -»Hat dir Lecart geschrieben?« - -»Nein«, ihre Lippen wurden schmal. - -»Da lies«, er reichte ihr den Brief und sah zu Boden, auf dem Ameisen -hin und her krochen. - -Mit leisen Schritten ging Hilde davon. - -Er nickte ihr zu, dann sah er in scheuer Erwartung zu Clo. - -Sie hatte den Mund halb geöffnet. Röte erschien auf ihren schlaffen -Wangen. - -Noch einmal überflog sie die wenigen Zeilen, dann ließ sie das Blatt -sinken: - -»Siehst du Papa? ...« - -»Ja Kind!« Er stützte den Kopf in die Hand: »Was soll nun werden?« - -Sie zuckte die Achseln. - -Ein leiser Hauch ging über die Bäume, ein paar dürre Blätter wehten -über ihre schmale Hand. - -Dann trat ein trotziger Zug um den feinen Mund: - -»Ich laufe ihm nicht nach.« - -»Nicht so!« Klaus Tiedemann rückte näher, sein eigenes Leben stand ihm -vor Augen: das ließ ihn milde Worte finden: »Du mußt gerecht sein; es -ist so viel zu gleicher Zeit auf ihn eingestürmt, daß er Nachsicht -verdient.« - -»An mich hätte er denken können.« - -»Gewiß, Kind, aber ...« - -Sie warf den Kopf zurück: - -»Nichts, Papa, glaube mir, nichts, er war stets so.« - -Wieder schwiegen beide. - -»Und sage mir, Papa: er hat nicht zu widersprechen versucht, hat nicht -den Willen gehabt, aus eigener Kraft das Unglück gutzumachen?« - -»Nein!« - -Sie richtete sich auf: »So sind wir fertig!« - -»Nicht so,« bat er mit sich selbst im Widerstreit. - -Heftig widersprach sie: - -»Was soll sonst werden? Soll ich an seiner Seite weiter leben, da er -sich in seiner ganzen Erbärmlichkeit gezeigt hat? Das kann ich nicht!« - -»Das verlangt auch niemand von dir.« - -»Und auch später nicht, nie mehr!« Ein nervöses Zucken lief über -ihr Antlitz: »Hätte er alles eingestanden und mich gebeten, -ihm beizustehen, ich hätte es getan. Nichts hätte mich davon -zurückgehalten. Aber so, da er sich feige allem entzieht, nein das kann -ich nicht! ...« - -Klaus Tiedemann senkte den Kopf. Er fand keine Widerrede. Es war sein -eigenes Denken. - -Sein Fuß zeichnete Kreise auf Kreise in den Kies. - -Tiefe Stille war um die beiden. - -Mit fliegendem Atem begann sie wieder: - -»Du kannst dich, Papa, in meine Lage nicht hineindenken; du weißt -nicht, was es mich für eine Ueberwindung kostete, ihn nicht schon -früher zu verlassen. Doch ich war feig und dachte eng. Hier draußen -ist es mir klar geworden, wie nichtig und lächerlich eigentlich alles -an ihm war, vom Anfang an. Erst flößte mir seine hochtrabende Art, mit -der er jedermann behandelte, Achtung ein, dann nahm ich sie selbst an: -warum weiß ich nicht. Es mag wohl unser Blut gewesen sein. Doch bald -kam die Ernüchterung. Aber nicht einmal mir selbst gestand ich sie zu. -Warum sollten zwei Menschen nicht auch gleichgültig nebeneinander leben -können!« - -Klaus Tiedemann nickte. - -»Wir ritten gemeinsam spazieren, wir gingen zusammen in Gesellschaften -und aßen vom selben Tisch.« Sie lachte gepreßt. »Wie viele machen es -nicht so, ihr ganzes Leben lang! Auch du und Mama lebtet ähnlich. Das -hielt ich mir stets vor Augen -- warum sollte es bei mir nicht auch so -gehen? Manchmal wollte ich ihn verlassen, nach irgendeiner Szene, von -denen es so viele gab -- doch ich schreckte zurück, aus Angst vor der -Meinung der anderen; es war mir ja so von klein auf eingeimpft worden.« -Sie hob die Hand und betrachtete die Ringe, die feine Rillen in die -Haut zogen: »Erst im Gespräch mit Hilde, erst in den letzten Tagen habe -ich anders denken gelernt. Vater,« sie neigte sich vor, in ihren Augen -war wieder das nervöse Zucken, »steh nicht wider Hilde auf, sie liebt -aus vollem Herzen, zertritt das bißchen Glück nicht, das unsere Familie -noch hat ...« - -Er gab keine Antwort, er saß mit hängenden Armen. - -Noch immer haftete Vorurteil an ihm. Ein langes Leben waren seine -Gedanken anderen Weg gegangen. Zu weit lag die Jugend zurück: - -»Wir wollen nicht von Hilde, wir wollen von dir reden«, sagte er -ausweichend. - -»Nun gut.« Sie sah mit forschenden Blicken auf ihn. »Wie denkst du dir -meine Zukunft?« - -Er seufzte: - -»Du wirst vielleicht anders denken lernen -- milder ...« - -»Glaubst du daran?« - -Er gab keine Antwort. - -»Du glaubst es selbst nicht.« Frei sahen ihre Augen. »Warum sollen wir -nicht einmal nur an uns denken und nicht an die anderen? Er hat mir die -Jugend gestohlen und dir schwere Verlegenheit bereitet. Warum sollen -wir das nicht ändern, wenn es in unserer Kraft ist?« - -Erstaunt sah er auf sein Kind. - -Sie empfand seinen Blick: - -»Ja, Papa, ich bin eine andere geworden -- Gott sei Dank! -- in letzter -Stunde. Der Mensch hat nur kurze Zeit auf Erden, jeder Tag ist ein -unersetzlicher Verlust, den er nicht lebt nach eigenem Gutdünken, und -ich soll mein ganzes Leben verlieren? Nein,« sie stand auf, »Lecart ist -für mich tot!« - -»Kind,« stammelte er, »Kind, überlege es dir gut!« - -»Da ist nichts zu überlegen! Schau, Papa!« sie faßte seine Hand. -»Was kann ein Mädchen einem Manne mehr geben, als ich getan? Freudig -hätte ich alles gelitten, hätte er nur an mich geglaubt. Du bist ja -selbst meiner Meinung,« sie legte ihren Kopf an den ihres Vaters, »du -glaubst nur, du hättest die Pflicht, mich zurückzuhalten, doch du bist -im Irrtum. Er hat unseren ehrlichen Namen gebrandmarkt, er ist nicht -besser als ein Dieb, da er dich um dein Geld betrog.« - -In schwerem Groll schloß Klaus Tiedemann die Faust: »Da hast du recht.« - -»Siehst du, Papa, willst du weiter mit ihm verkehren?« - -Verwundert sah er auf, seine Augenlider waren rot gerändert. »Ich? Ich -bin mit ihm fertig!« - -»Und ich soll mit ihm weiterleben?« - -Die alte Hilflosigkeit überkam ihn: - -»Ich wollte nur alles versuchen, weil ich eben keinen anderen Ausweg -sehe.« - -Sie küßte seine faltige Stirn. »Der Ausweg«, sie hob die Hand zu dem -blauen Himmel, auf dem weiße Wölkchen segelten, »dort ist er -- die -Freiheit!« - -Mit ängstlichen Augen sah er sie an. Eine Art Schwindel befiel ihn. -Die Ahnung fremder Welten, die er noch nicht kannte. Doch er stand am -Eingang. Er ließ den Blick rundumgehen, von einem Baum zum anderen, -vom Efeu, der sich eigenwillig emporrankte, zum Springbrunnen, dessen -Wasser in schimmernde Tropfen zerfiel: »Eine geschiedene Frau ist -Freiwild -- ihr Leben ist unstet, von den Reden der Leute vergiftet.« - -»Besser als eine morsche Ehe.« Sie faßte seinen Arm, lebhaft wurde ihr -Blick. »Heute hab' ich Gröden getroffen.« - -»Hat er dich erkannt?« - -Sie lachte: »Wir sprachen fast eine Stunde. Er fand mich sehr -verändert.« - -Klaus Tiedemann stand auf und ging der Terrasse zu. Er schüttelte den -Kopf. - -Clo war an seiner Seite; sie sprach weiter von Gröden: - -»Denk' dir, Papa, er baut hier die neue Anstalt! Ist das nicht ein -Zufall?« - -Er nickte, dann sah er sich scheu um: - -»Du hast zu Hilde nicht gesprochen?« - -Verständnislos blickte sie ihn an: - -»Wovon?« - -Er schluckte und sah zu Boden: - -»Von dem, was ich dir von meiner ersten Ehe erzählt habe, damals ...« - -»Nein; wenn du willst, sag' ich's auch niemandem.« - -»Ich bitte dich drum,« er atmete auf, »es ist mir zwar ganz gleich, -aber lieber ist's mir doch so ...« - -»Gewiß, Papa.« - -Er nickte: »Sprich weiter -- ich hätte es nur sonst vergessen!« - -»Armer Papa!« - -Er wich ihrer Hand aus. »Da ist Gröden wohl öfters hier?« sagte er. - -»Jeden dritten Tag! Das nächste Mal will er mir die Pläne zeigen; er -war ganz Feuer und Flamme darüber. Er hat die notwendigen Studien in -England gemacht.« - -»Von mir sprach er nichts?« - -»Nein, aber von Lecarts Unglück wußte er.« - -Sie standen vor dem Haus. - -Er ließ sie über die Stufen vorangehen und sah sich noch einmal um. - -Dürre Blätter fielen zu Boden, Herbstzeitlosen sproßten daraus empor. - - -Wenige Tage später kam Fred. Er hatte die Tourenfahrt vorzeitig -abbrechen müssen und war mißmutig nach Hause gefahren, da ihm kein -Preis mehr winkte: Gleich nach dem Start hatte er ein Bauernfuhrwerk -überfahren und war, einige Stunden später, derart bei einer -Straßenkrümmung an einen Baum gerannt, daß er mit Achsen- und -Federbruch ~en panne~ saß. - -Auch Baronin Wolny war mit ihm zurückgekehrt. - -Mit Clo sprach er ein paar verbindliche Worte, wie man es mit jedem -Fremden tut. Der Name Lecart war ebensoschnell aus seinem Gedächtnis -geschwunden wie der Olthoffs und vieler anderer vordem. Man lernte sich -kennen, schloß Freundschaft und vergaß sich, wenn die beiderseitigen -Interessen erschöpft waren. - -Klaus Tiedemann wußte nicht zu entscheiden, ob Fred stets so gewesen -war oder ob ihm sein Wesen jetzt nur mehr auffiel. Nie war ihm seines -Sohnes hochfahrende Art so zum Bewußtsein gekommen als nun, da er -Familie und Geschäft vernachlässigte, um seiner Liebhaberei willen, zu -denen in erster Linie Frau Wolnys üppige Gestalt zählte. - -Fast jeden Abend weilte er bei ihr. Es drohte ein offener Skandal zu -werden. - -Hatte früher Klaus Tiedemann sich über derartige Eroberungen seiner -Söhne -- wie er es nannte -- gefreut, so waren sie ihm nun unangenehm, -weil das Schicksal seinen Sinn wieder auf die ernste Seite des Lebens -geleitet hatte. - -Er sah jetzt nur Kraft- und Zeitverschwendung, worin er früher -Anerkennung seiner Kinder erblickt hatte. - -Zwischen Klaus Tiedemann und seinem Sohne war noch nicht viel über -Lecarts Geldoperationen gesprochen worden, jeder mied das Thema. Klaus -Tiedemann wollte nicht gern erinnert werden, daß er es gewesen war, der -als erster, bei Clos Heirat, Lecarts teurer Verwandtschaft Vorschub -geleistet hatte. Als Fred erfuhr, daß die Ordnung der Angelegenheit in -Gerhards Händen läge, da lachte er spöttisch: - -»Gib ihm doch gleich das ganze Geschäft, dann hat die arme Seele ihre -Ruhe.« Freds Aerger hielt nicht lange an; in dem Augenblicke, da er der -Wolny weiche Arme wieder an seinem Halse spürte, versank alles für ihn. -Er lag hilflos in ihren Banden, und die routinierte Frau freute sich -ihres vollkommenen Sieges: er war Naturbursche in der Liebe, und das -naive Zugreifen und Genießen schuf dem Weibe, das durch vieler Männer -Hände gegangen war, neue Abwechslung. - -Sie lebte noch einmal die Genüsse ihrer Jugend und vergaß so alles -andere. - -Jan Wolny stand zähneknirschend vor dem Zimmer seiner Mutter; doch -nie fand er den Mut, sie zu einer Aussprache zu zwingen. Er verstand -seinen Vater, der aus dem Leben gegangen war, weil die feine Art des -Edelmannes sich auflehnte gegen die Mißachtung der eigenen Frau. - -Doch Jan Wolny trug beider Blut in seinen Adern: das verwegene -Zirkusreiterblut und das der polnischen Könige. Noch ging er mit -geballten Händen und fand nicht den Entschluß des Handelns ... - -Leos Geburtstag war herangekommen. - -Hilde wollte ihrem Vater die Aufregung ersparen, und bat Fred, einen -Kranz auf dem Grabe seines Bruders niederzulegen. - -Es waren die ersten Worte, welche die beiden, seit Freds Rückkehr, -mitsammen sprachen. - -Er zeigte auf die farbige Weste, die er trug, und sah in unverhohlenem -Erstaunen drein: - -»Ich? Was geht denn das mich an?« - -Sie maß ihn von Kopf zu Füßen. - -»Es ist Leo! Dein Bruder!« - -»Das weiß ich ohnehin, mein Fräulein! Aber ich hab' keine Zeit. Ich -weiß nicht einmal genau, wo das Grab liegt: ich glaube, ich würde es -gar nicht finden.« - -»Das sind Ausreden.« - -»Also, so sind's Ausreden! Ich mag einfach nicht. Mein Gott, was hat er -denn von dem Kranz? Hätt' ihn Papa vernünftiger erzogen und ihm nicht -so viel Freiheit gelassen, so wär' er vielleicht noch am Leben -- mich -laßt mit solchen Dingen in Ruhe.« -- - -Am Nachmittag fuhren Klaus Tiedemann und Hilde zu Leos frühem Grab. - -Ein Riesenobelisk krönte dasselbe; die Trauerweiden hatten dürres Laub. - -Mit starren Fingern richtete Klaus Tiedemann den Efeu, der sich im -Gitter verflochten hatte. Mit liebevoller Hand strich er über den -Rasen. In den Gruftlaternen flackerten die Lichter. - -Der Gärtner hatte sie angezündet, er stand abseits und wartete auf sein -Trinkgeld; man gab an solcher Stätte gern. Als er es erhalten hatte, -schlenderte er davon, die langen Reihen hinunter, eine Blume hinter dem -Ohr. Leise pfiff er vor sich hin -- er war jung und dachte nicht ans -Sterben. - -Klaus Tiedemann hielt die Hände verschlungen und sah mit starrem Blick -die eingemeißelten Buchstaben: »Da liegt der arme Bub.« - -Die fallende Ruhe des Herbstes umgab sie: ein leises Singen war in der -Luft, wenn der Wind durch die Zypressen und um die Grabkreuze strich. - -Sie schmiegten sich eng aneinander. - -Ein paar Fuß unter der Erde, ganz nahe bei ihnen, lag alles, was noch -von Leo übrig war. - -Alles ließ sich erzwingen, der Widerstand gegen den Tod nicht. - -Die heißeste Sehnsucht nach Liebe und Genuß, halbfertige Jugend und -verfehlte Leidenschaft, Kindlichkeit und werdende Eigenart -- all das -lag still da drunten und zerfiel in nichts. - -Klaus Tiedemann seufzte, seine Augen waren naß. Mächtig kam die -Erinnerung über ihn. - -Wofür hatte er gerungen, wenn das das Ende war? Wenn er selbst in -seinen Kindern starb und nicht weiterlebte? Was blieb als Lebenswerk? -Ein Quell des Verdienstes! Und auch der konnte versiegen, verlangte -man allzuviel von ihm. Er dachte Freds. - -Gleich da, rechts drüben, lag seine Frau. Wo mochte Gerhards Mutter -ausruhen von ihrer Irrfahrt? Lebte sie noch -- wie kam es, daß zwei -Menschen überhaupt sich fremd sein konnten? - -Im Grabe mußte alles verstummen, und doch ruhte der Kampf nie. - -Schwere Zweifel faßten den alten Mann, er legte den Arm um Hilde. -»Hätt' ich dir doch gefolgt!« - -Aus großen, erschreckten Augen sah sie auf. Sie schüttelte den Kopf. -»Nicht daran denken, Vater!« - -Er seufzte. »Wie wird die Zukunft werden?« - -Ihre Blicke glitten über die Friedhofsmauer, auf stahlharten Schienen -jagte ein Zug vorbei. - -Dann begann er wieder: - -»Mir ist es manchmal, als hätt' ich schon einmal gelebt und wäre -gestorben gewesen, lange Zeit. So manchen Gedanken, der mir jetzt -kommt, hab' ich schon einmal gedacht, vor vielen Jahren. Ist er -damals richtig gewesen? Ist er es heut? Es ist so schwer für etwas zu -entscheiden, noch schwerer gegen etwas. Jedes Ding hat zwei Seiten. -Ich war Leo ein zu schwacher Vater, vielleicht kann ich für Fred ein -zu harter werden?« In inniger Liebe sah er sein Kind an. »Du mußt mir -beistehen, Hilde; du bist die einzige, die wirklich zu mir hält -- -willst du?« - -»Vater!« Sie warf sich an seinen Hals, ihre Lippen fanden sich; mit -tastenden Fingern richtete er ihren Kopf in die Höhe; forschend sah er -in ihre Augen: »Bin ich jetzt auf rechtem Weg?« - -Sie nickte. - -Noch einmal zog er sie an sich: - -»Leo wird nicht allzu lange auf mich warten müssen.« - -Er brach eine Ranke und verwahrte sie in der Tasche. - -Dann winkte er dem Hügel zu: - -»Leb' wohl!« - -Langsam näherten sie sich dem Ausgang. - -Im Heimfahren sprachen sie von Fred. Noch immer hoffte der Vater auf -Besserung. Er wartete auf irgendein Ereignis, das ihn zum Handeln -zwingen würde; das Schicksal mußte eingreifen -- allein fand er nicht -die Kraft dazu! Was sollte auch werden, wenn es so weiter blieb? - -Als sie in bekannte Straßen bogen, drückte er Hildes Hand. »Ich danke -dir ...« - -Sie merkte, daß er noch etwas sagen wollte, seine Rede floß wirr und -krumm weiter. Er redete vom Erfolg, und wie man sich im Menschen -täuschen könnte. Dann kam er auf Clo und Gröden zu sprechen. Dann auf -Hildes freudlose Zeit, die er so gern ihr besser gestalten wolle. - -Sie verstand ihn nicht. - -Der Umschweife überdrüssig, fragte er plötzlich ganz unvermittelt: - -»Würde dich Hansens Bild interessieren?« - -Das war es! Sie nickte; die Aufregung benahm ihr die Stimme. - -»So gehen wir!« - -Er öffnete eilig den Schlag des Wagens. - - -Gleich beim Eingang der Gemäldeausstellung hatten sie Hansen getroffen. - -Es war ein glücklicher Zufall. - -In freudiger Erregung geleitete er die beiden durch die ersten Säle, -durch die dichten Gruppen der Besucher, welche sich vor einzelnen -Bildern stauten. - -Für einen kurzen Augenblick fand er Hildes Hand. Sein Blick ging -fragend zu ihrem Vater. - -Sie zuckte mit den Achseln und lächelte glücklich. - -Einzelne erkannten Hansen und grüßten; mechanisch lüftete Klaus -Tiedemann den Hut, er wußte nicht recht, wem der Gruß galt. - -Hansen lenkte rechts; Klaus Tiedemann ging geradeaus weiter. - -»Hier, Papa!« Hilde nahm ihn beim Arm und blieb eingehängt. - -In einem zurückspringenden Seitensaal ist Hansens Werk, die schmale -Wand allein einnehmend. - -In ruhigem Lichte sieht es ernst herab. - -Seitwärts von seinem Fauteuil erhebt sich eine kleine, alte Frau, -sie macht einen Knicks und hält krampfhaft die Enden ihrer Mantille -übereinander. - -Mit ruhiger Bewegung schiebt Hansen sie in den Vordergrund und stellt -vor: - -»Meine Mutter!« - -Ihre kleinen, zittrigen Augen bleiben, als sie den Namen der beiden -hört, an Hilde hängen. Aengstlich, forschend und flehend! Hansen mag -wohl zu Hause gesprochen haben. Sie nickt ihr zu. - -Fliegende Röte jagt über Hildes Gesicht. - -Ihr Blick geht über die Köpfe der Leute zu dem Bild. - -»Erdgeist.« - -Ein blasser Bursch, halb Knabe, halb Mann, beugt sich zurück; er ist -im Gesellschaftsanzug, eine verwelkte Blume zierte das Knopfloch. -Mattigkeit und Erschöpfung liegen über der sitzenden Gestalt, ein -Schauder scheint ihn zu fassen. Die Augen sehen müde, verträumt -in fiebrigem Schimmer in die Höhe nach dem Gesicht der üppigen -Frauengestalt, die, tief dekolletiert, sich über ihn neigt. Die Sphinx, -die die weibliche Form des Welträtsels birgt! Alle Sinnlichkeit ist -in dem Weibe konzentriert; beklemmender Geruch scheint ihren dünnen -Gewändern zu entsteigen. Ihre Augen sind untermalt, in brennendem Rot -schimmern ihre vollen Lippen. Wie ein leichter Hauch scheinen Linien -durch, wie eine Silhouette aus einer anderen Welt zeichnet sich hinter -den vollen Wangen die Kontur des Totenschädels. - -Hilde tritt zurück; Leos Züge sehen ihr entgegen, verallgemeinert, doch -unverkennbar. - -Sie atmet tief und streckt die Hand nach Hansen. - -Der steht abseits mit gesenktem Kopf. - -Seine Mutter hat Hildes Bewegung bemerkt: - -»Du!« - -Er fährt zusammen und sieht Tränen in Hildes Augen. - -»Sie sind ein großer Künstler!« - -Hand in Hand stehen die beiden. - -Klaus Tiedemann hat die Arme über der Brust gekreuzt. In ihm ist ein -Singen und Klingen: er sieht zwei Gestalten, deren intime Details er -mit seinen stumpfen Nerven nur zum Teil erkennt und bemerkt, und doch -packt ihn unbewußt des Bildes Kraft; schnell verfliegt der Gedanke, ob -Hansen wohl einen Käufer hat. - -Er sieht den Mann, den das Weib quält und der doch nicht von ihm -lassen kann. Das ist sein Leben, und das versteht er! Das ist auch -das Leben Leos gewesen und ist auch vielleicht jenes von Fred. Wieder -flattert die Erinnerung seiner ungestümen Jugend empor. Er ist wieder -der arme Kontorschreiber, der mit scheuem Blick am Sonntag die breiten -Hauptstraßen durchquert, in die er unter der Woche nie kommt. Er sieht -die eleganten Damen der Gesellschaft, hört Spitzen rascheln und sieht -Formen, wie sie die Weiber des Volkes, durch schwere Arbeit gedrückt, -nur selten haben. Die Gier, reich zu sein, kettet ihn; kein Blick -haftet auf seiner unschönen Gestalt in den dürftigen Kleidern, die -abseits steht und mit brennenden Augen der strahlenden Menge folgt. -Ist sein Aeußeres unausgeglichen und inkonsequent, so reihen sich doch -die Gedanken in spiegelnder Kette aneinander. Zähneknirschend kehrt -er in die schmutzigen Hafenstraßen zurück und setzt sich zur Arbeit; -er will sie durch Kraft und Zähigkeit zwingen, ihm zu Willen zu sein. -Ein bitteres Lächeln geht über Klaus Tiedemanns Züge. Keiner der -Umstehenden, auch sein eigenes Kind nicht, wissen, daß er nun der zwei -unglücklichen Ehen gedenkt, die sein Leben vergifteten. - -Schwer holt er Atem. - -Er kann es nicht überwinden, daß sie nur seinen Erfolg liebten und -nicht ihn. - -Er starrt in Leos Züge. - -Auch der ist unterlegen, er konnte ihn nicht schützen. - -Der Wolny Züge nimmt das Weib an der Wand an, und Fred sitzt auf dem -Sessel. - -Seine Umgebung vergessend, stampft er mit dem Fuße auf, daß er seine -Art den Kindern vererben mußte! Was will er tun, wenn sie dafür -Rechenschaft fordern? ... - -Er wendet sich; mit gesenktem Kopfe fragt er Hansen nachdenklich und -ernst: »Sie meinen das ganz allgemein, das Weib dem Manne gegenüber?« -Er zeigt nach dem Bilde. »Der dort kann jeder von uns sein?« - -Unsicher sieht Hansens Mutter drein. - -Als er die Antwort erhält, blickt er ernst zu Boden; dann streckt er -Hansen die Hand hin: - -»Sie haben recht.« Er nickt der alten Frau zu. »Er versteht das Leben.« - -Sie macht einen eiligen Knicks. - -»Gewiß, Herr Kommerzienrat, gewiß,« sagt sie und denkt an ihren Mann, -der ihr elterliches Erbteil verspielt hat und den sie erhalten mußte -die letzten Jahre durch ihrer Hände Arbeit. - -Dann gehen sie weiter durch die übrigen Räume. Hilde weiß nicht recht, -warum; doch Klaus Tiedemann will wohl nicht zeigen, daß sie nur Hansens -wegen gekommen sind. - -Er sieht gleichgültig über die farbigen Flecken an den Wänden. - -Beim Ausgang schüttelt er Hansen nochmals die Hand und sagt: »Besuchen -Sie uns doch wieder einmal; wir sind seit Leos Tod fast immer zu -Hause.« Er bewegt den Kopf auf dem gedrungenen Halse hin und her, als -beengte ihn der Kragen; dann fügt er in alter Art hinzu: »Wir werden -uns freuen, Sie begrüßen zu können.« - -Die alte Frau nickt ununterbrochen in ihrer Verlegenheit; mit sicherer -Bewegung faßt sie ihr Sohn beim Arm: »Ich werde es mir demnächst -erlauben.« Er verneigt sich und grüßt Hilde mit den Augen: »Leb' wohl!« - -Er sieht dem davoneilenden Wagen nach und beugt sich zu der alten Frau -hinab: - -»Nun, Mutter?« - -»Sie hat dich gern.« - -Sie lächelt glücklich und denkt nicht, daß sie nun ihr Kind wird teilen -müssen mit einer anderen. - - -Als sie nach Hause kamen, wartet Gerhard im Herrenzimmer auf den Vater. -Mit großen Schritten geht er hin und her. - -Als Klaus Tiedemann eintritt, bleibt er stehen. - -»Was gibt es?« - -»Ich weiß nicht, Vater, ob ich es dir sagen soll.« - -»Wieder was Unangenehmes?« Klaus Tiedemann hat in seines Sohnes Hand -ein Zeitungsblatt entdeckt, hastig greift er danach: - -»Gib her!« - -Nur widerwillig läßt es Gerhard, er beobachtet seinen Vater mit -forschenden Blicken. - -Der liest mit zusammengezogenen Brauen: - -Es ist ein Artikel, »Moderne Industrie« überschrieben, in dem das -sozialistische Organ sich in heftigen Ausdrücken Luft macht über die -Einstellung der Untersuchung gegen Charles Lecart, den Bluthund der -»Freundschaftszechen« -- wie sie ihn nennen. Sein Privatleben ist -aufgedeckt, entstellt geschildert; niemand kann nach den bestimmt -gegebenen Daten an der Richtigkeit der Angaben zweifeln. Doch nicht -genug damit! ... Klaus Tiedemann spürt einen Stich im Herzen: auch -sein Name ist genannt, mit heftigen Anklagen überschüttet: er soll um -das schwindelhafte Unternehmen gewußt, wissentlich dem Betrug Vorschub -geleistet haben. Warum wären sonst die Liegenschaften in den alleinigen -Besitz der Firma übergegangen? Es ist abgekartetes Spiel! Sein Mitleid -mit den Arbeitern und die schweren Opfer seines Kindes wegen werden so -verstanden! - -Fester faßt er das dünne Blatt, die Augen werden groß und starr. - -Hier steht mit erbarmungslosen Buchstaben die Beschuldigung, daß -Fred Tiedemann, der jetzige Chef der Firma, der nur in Kreisen des -Hochadels verkehrt, bedeutende Summen, es ist eine enorm hohe Zahl -genannt, angeblich zu Wohltätigkeitszwecken, gespendet hätte, die in -Wirklichkeit nur dazu dienen sollten, ihm den Adel zu verschaffen. -Heftige Anklagen gegen die Regierung sind eingeflochten, die einen -solchen Kuhhandel förderte; in flammenden Worten ist das Unrecht -verwiesen, das den Armen angetan würde durch solche Schädlinge der -Industrie, die eigentlich in den Kerker gehörten. Auch die Firma als -solche ist beschuldigt. Wie könnte man von einem derartig geleiteten -Institut Garantien verlangen, wenn das »Hungergeld der Armen« dazu -benutzt würde, Hochstapler in ihrem strafwürdigen Beginnen zu -unterstützen? Jedermann wird aufgefordert, sich die Depots ausfolgen -zu lassen und diese in sicheren Instituten anzulegen. Der Prospekt -einer Firma, deren Chef der Bruder eines Parteimannes ist, liegt -bei. Auch ist auf eine Interpellation verwiesen, welche jener bei -der übermorgigen Parlamentssitzung einbringen wird. Man wird kein -Mittel unversucht lassen, um dem arbeitenden Manne zu seinem Rechte zu -verhelfen, die Machinationen der Lecart-Tiedemannschen Sippschaft an -den Pranger zu stellen! Es folgen längere Erörterungen, daß man aus dem -vorstehend gekennzeichneten Spezialfall schließen könnte, wie geradezu -unerläßlich das Verlangen der Bergarbeiter nach Grubeninspektoren aus -ihren eigenen Reihen wäre. - -Klaus Tiedemann läßt das Blatt mit zitternder Hand sinken. »Nur gut, -daß sie weit übers Ziel schießen und sich so ins Unrecht setzen«, sagt -Gerhard. - -Tiedemann gibt keine Antwort. - -Nun fassen sie sein letztes, seinen ehrlichen Namen, sein Geschäft an! - -Sinnlos vor Wut zerreißt er den Fetzen Papier und tritt ihn mit Füßen: - -»Es kann nicht sein!« - -Gerhard zuckt die Achseln. - -Dieser schweigende Widerspruch reizt den alten Mann, sein Aerger sucht -Ableitung. Daß Gerhard über Fred schlecht denkt, ist nur natürlich, -aber er als Vater muß gerecht sein. - -Er pflanzt sich vor Gerhard hin und schreit: - -»Daß du es weißt! Daran ist kein wahres Wort!« - -»Dann ist's gut, Vater.« - -»Ich sag' es dir,« schreit Klaus Tiedemann in der Angst seines Herzens, -»ich, dein Vater!« - -Schweigend sieht ihm Gerhard in die Augen; Klaus Tiedemann senkt den -Blick. - -Gerhard wendet sich zur Tür; Mitleid in seiner Stimme: »Bezüglich -des geschäftlichen Angriffes werde ich heute noch eine Berichtigung -einrücken lassen.« - -Er geht. - -Klaus Tiedemann läßt den Kopf nach vorn fallen; er weint wie ein Kind. - -Nun greifen sie an sein Lebenswerk. - -Sein ehrlicher Name ist gebrandmarkt, in den Schmutz gezogen. Er hat -von jeher Angst vor der Oeffentlichkeit empfunden. Dem Hause, das -er gründete, drohen schwere Krisen. Die Uebernahme der Lecartschen -Verpflichtungen hat Opfer gefordert; Freds teure Lebensführung ist -nicht dazu angetan, der Tiedemanns Besitz zu mehren. Wenn er wirklich -so ungeheure Summen dem Phantom, adelig zu werden, geopfert hat, bedarf -es nur eines größeren Verlustes, wie er oft in Kauf genommen werden -muß, um die Firma in Schwierigkeiten zu bringen! - -Klaus Tiedemann stöhnt auf; dann kommt die Aktiengesellschaft, dann -verschwindet der individuelle Zug, die Kunde wird zur Nummer. - -Er knirscht mit den Zähnen. - -Was bleibt ihm anderes übrig, wenn die Depositensumme sinkt? Damit -fällt des Hauses Macht. Unreelle Firmen und Betrüger hatten das -Publikum in den letzten Jahren nervös gemacht, altangesehene Firmen -waren zusammengebrochen. Wenn die Einleger, auf die alarmierende -Nachricht hin, Sturm liefen? Klaus Tiedemann zweifelt als erfahrener -Kaufmann nicht daran. Wenn sie die Spreu nicht vom Weizen zu sondern -wußten, was dann? Schon lange bestand Argwohn gegen den Stand der -Privatbankiers: die Kunden gingen lieber zu den großen Banken mit ihrem -Riesenaktienkapital, das ihnen mehr Garantie zu bieten schien. Ein -hartes Gesetz stand seit Jahren gegen den kleinen Mann und förderte den -großen, trotzdem man es geschaffen hatte gegen das Großkapital. Die -Aktiengesellschaft griff vom Anfang ihres Entstehens an mit reichen -Geldmitteln in die Konkurrenz. In langen Jahren bittersten Kampfes -hatte Klaus Tiedemann sein Kapital errungen. Seine Person war den -Kunden Bürgschaft, seine offene Geschäftsführung verhalf ihm zu seinem -Erfolg. - -Er ballt die Faust. Wenn es Fred wirklich getan hat! - -Stunden vergehen in grübelndem Sinnen. - -Hilde kommt, ihn zum Abendessen zu holen; er gibt keine Antwort. -Krampfhaft die Tränen zurückhaltend, geht sie wieder. - -Schatten fallen ein, kaum daß die Sonne gelächelt. - -Er hört Clo im Nebenzimmer sprechen; auch Hilde sagt ein paar Worte. - -Sie wünschen sich gegenseitig »Gute Nacht«. - -Er rührt sich nicht. Er muß Fred sprechen, heute noch. Er muß die -Gewißheit haben, daß alles erlogen ist. - -In stummer Verzweiflung wartet er. - -Wo er so lange weilt? Er ist seit früh nicht zu Hause gewesen! - -Auf jeden Ton hört er, der durch die Nacht dringt. - -Die Zeit verstreicht. - -Er denkt an Leo und an Lecart: die Scheidung ist eingeleitet. - -Was wird Clo tun? Oft spricht sie von Gröden? - -Was will Fred gegen die Angriffe unternehmen? - --- -- -- Nun ist er einundsiebzig; noch immer findet er keine Ruhe! - -Hansens Bild steht vor ihm, wieder trägt das Weib Frau Wolnys Züge. -- --- -- »Wo ist Fred?« - -Er sieht Jan Wolnys Augen, sie leuchten durch das Dunkel. - --- -- -- Er fährt auf. Er muß geschlafen haben. Es ist dunkel um ihn -geworden. - -Er hört Schritte. - -Die Tür geht auf. Fred steht vor ihm. - -In dem ungewissen Dämmerlicht, das von der Straße kommt, sieht er -totenblaß aus. - -Als er seinen Vater erkennt, fährt er zusammen. »Was tust du hier?« - -Sie stehen sich gegenüber. - -Schwer hebt sich Klaus Tiedemanns Brust; der scheue Blick seines Sohnes -scheint ihm schreckliche Gewißheit zu geben: »Hast du's getan?« keucht -er. - -Der andere tritt einen Schritt zurück, die Schultern zieht er ein: -»Was?« - -In übereilenden Worten, die Rechte in seines Sohnes Rock gekrampft, daß -er ihm nicht entkommen kann, schildert Klaus Tiedemann, was vorgefallen -ist. Mit bebender Stimme bittet er um Gewißheit. In seinen unruhigen -Augen flackern Angst und Wut. - -Fred Tiedemann hält die Faust geballt, scheu läuft sein Blick im Zimmer -rundum: Nun muß auch das kommen! - -»Rede!« Sein Vater schüttelt ihn. Er hat ihn vorn an der Brust gefaßt -und knirscht mit den Zähnen, sinnlos vor Wut. Mit hastigem Ruck befreit -sich Fred. Er findet seine Art wieder: - -»Hast du zu viel getrunken?« Sein Blick sticht dem alten Mann in die -blutgeröteten Augen. »Du mußt doch einsehen, daß du mir unrecht tust, -schon die ganze letzte Zeit, mit deinem ewigen Mißtrauen! Alles, was du -hörst, hat nur einen Grund: sie sind uns neidisch, sonst nichts. Das -ist auch jetzt wieder so. Ich werde morgen beim Minister vorsprechen, -ihn informieren: es ist der ganzen Sache damit die Spitze abgebrochen.« -Klaus Tiedemann scheint seinen Worten Glauben zu schenken. »Doch jetzt -laß uns schlafen gehen, ich bin redlich müde« fügt Fred hinzu. - -»Es ist also nichts?« Zitternd vor Freude, die tiefster Seelenangst -entsprungen ist, kommt Klaus Tiedemann seinem Kinde näher. - -»Nichts.« - -»Verzeih!« Wieder schlägt Klaus Tiedemann um, er sieht nicht des -anderen verstörtes Wesen, nicht den sonst so glatten Scheitel, der -unordentlich unter den Haaren verschwindet. Sein Sohn kann nicht unwahr -sprechen, mag er auch sonst Fehler haben, er ist doch ein guter Mensch. -Er drückt den Widerstrebenden an sich: »Ich habe solche Angst gehabt.« - -Mit leerem Blick, in dem Unruhe lauert, sieht Fred Tiedemann über -seines Vaters schneeigen Kopf, der an seiner Brust ruht. - -Er scheint unangenehmen Gedanken nachzuhängen. - -Er preßt die Lippen zusammen und klopft dem alten Mann mechanisch auf -die Schulter: »Laß gut sein, es ist alles recht.« - -Er macht eine schnelle Wendung, damit sein Vater den blutroten Streifen -nicht sieht, der quer über die linke Wange läuft in hochgeschwollenem -Zuge. - -Er gähnt. - -Noch viel will Klaus Tiedemann wissen, doch Fred gibt nur einsilbige -Antworten. - -Mitternacht ist vorbei, als sie zur Ruhe gehen. - -Mit langem Blick sieht Klaus Tiedemann seinem Sohn über den Gang nach. - -Für einen Augenblick beschleicht ihn ein unangenehmes Gefühl; des -anderen Haltung ist gebeugt; fast vorsichtig ängstlich klingt sein -Schritt gegen die sonst geübte selbstsichere Art. Doch Klaus Tiedemann -lächelt: Gewiß kommt er von der Wolny. - -»Ich hab' ihm unrecht getan«, sagt er leise vor sich hin, und -ohnmächtige Wut gegen die Verleumder beschleicht ihn. - - -Zwei Tage später. -- Es ist in der Reitschule der Husaren, bei denen -Fred Tiedemann in der Reserve steht. - -Ein kalter Herbstwind wirft dürre Blätter an die schmutzigen -Fensterscheiben. - -Jan Wolny sitzt auf der Fensterbrüstung mit übereinandergeschlagenen -Beinen. Weste und Kragen hat er abgelegt, den Rock nachlässig über die -Schultern geworfen. - -Man sieht ihm nicht an, daß er auf den Tod wartet. - -Seine Augen blicken starr in stählerner Härte gegen die Tür, durch die -Fred Tiedemann kommen muß. - -Fürst Solt zieht langsam die Uhr und schüttelt den Kopf. »Fünf Minuten -über die Zeit.« Ein feines Lächeln kräuselt für einen Augenblick seine -Lippen. Die Blicke des alten Aristokraten und des jungen Mannes treffen -sich verständnisvoll -- es muß im Blute liegen! In solchen Augenblicken -drängt sich alte Ueberlieferung der Nerven in den Vordergrund. - -Die beiden Aerzte stehen bei ihren Instrumenten; sie sind in lebhafter -Debatte, ob ein Schuß in die Lunge, bei der soundsovielten Rippe, -tödlich sein muß oder nicht? - -Laut tönen ihre Stimmen. - -Jan Wolny zündet sich eine Zigarette nach der anderen an; kaum daß er -ein paar Züge getan hat, läßt er sie wieder in die Lohe fallen. - -Drüben, auf der anderen Seite, geht sporenklingend der Husar auf und -ab, den das Regiment bestimmte, Fred Tiedemann zu sekundieren. Ungern -hat er dem Befehl Folge geleistet: das waren die Kehrseiten, wenn man -derlei Einjährige hatte. Doch das Regiment hielt dadurch seinen Ruf als -erstes der großen Garnison. Die Reserveoffiziere von reichen Eltern -fanden manchmal Spaß daran, ritterliche Tugenden zu üben. - -Jan Wolnys Blick geht nach dem Pistolenkasten, auf dem hier und da die -Herbstsonne spielt, wenn sie durch die dichten Wolken dringt: - -Wieder sieht er seine Mutter in des anderen Arm, als er die Tür -aufreißt. - -»Du hast gehorcht?« fährt sie auf. - -»Ja!« stöhnt er und reißt den Riemen von der Wand. »Da hast du, Hund«, -er schlägt ihn Fred Tiedemann ins Gesicht. - -Dann stehen sie Aug' in Auge. - -Alles, was die heutige Ordnung zum Glück verlangt, ist auf des anderen -Seite, auf seiner nur tote Ueberlieferung und entwürdigtes Andenken. -Warum muß der andere ihm das letzte rauben, die Illusion, daß seine -Mutter ehrlich sei? - -Ihr Leib hat Unglück über die Wolnys gebracht von dem Tage an, da -Wladimir Wolny sie aus der Manege an seine Seite zog. - -Sie schlägt die Tür zu und läßt sie allein. - -Mit stoßender Hand hält er Fred Tiedemann zurück; er soll es teuer -zahlen, das Spiel mit der Ebenbürtigkeit! - -Er ist ja Kavalier, nun soll er ihm Rechenschaft geben! - -Fürst Solt muß ihm helfen; der alte Edelmann ist noch keinen Strich -gewichen von alter Art. Er fragt nicht viel, er hat schon so viel -Aehnliches gesehen. Er verneigt sich und nimmt an. - -Dunkle Flecken brennen um Jan Wolnys flackernde Augen; die zwei letzten -Tage haben ihn alt gemacht. - -Er hält die schmale Hand wagerecht vor sich hin, sie ist ruhig und -zittert nicht. - -Wieder repetiert Fürst Solt seinen Chronometer. - -Er schüttelt den Kopf: - -Vor fünfundzwanzig Jahren erschoß sich Fürst Grobow, weil die -Sekundanten ihn vom Zweikampf ausschlossen, da er um wenige Minuten zu -spät kam. Und damals handelte es sich um weniger! Das Weib eines jeden -ist vogelfrei, kann es der Mann nicht hüten, aber schweigend muß er sie -besitzen und sich dem anderen stellen Aug' in Auge, das ist uraltes -Herrenrecht! - -Eine Viertelstunde ist vorüber. - -Es ist Zeit zum Handeln: - -Er tritt zu Jan Wolny, der gibt ihm freie Hand. Seine Augen erlöschen, -müde Resignation legt sich über die Lider. Ein dumpfes Leben steht vor -ihm, in zerrissenen Fesseln, die desto fester binden. - -Blutrot ist der Husar: - -»Ich werde sofort meinen Mandanten aufsuchen, es muß ihm etwas -zugestoßen sein ...« - -Fürst Solt verneigt sich. »Wenn Sie ihn treffen; ich lege Wert darauf, -daß er darüber nicht im Zweifel ist: wir sind trotz allem jederzeit zur -Austragung bereit.« - -Der andere grüßt: »Gewiß,« er macht rasch eine Wendung, doch der Fürst -hält ihn zurück, »erst wollen wir ein Protokoll aufnehmen, wenn es -angenehm ist, es kann später wertvolle Dienste leisten.« - - -Unruhig ging Hilde Tiedemann umher, von einem Zimmer ins andere. Die -Angst vor etwas Ungewissem war in ihr. - -Bald mußte ihr Vater heimkommen von der Sitzung, in der sie seinen -Namen an den Pranger stellten. - -Er hatte es sich nicht nehmen lassen, der Parlamentseröffnung -beizuwohnen. - -Unerkannt wollte er auf der Galerie sitzen und das hören, was sie gegen -ihn vorbrachten. - -Mittag war vorbei. - -Mit gesenktem Kopfe war er die letzten Tage herumgegangen; einsilbig im -Gespräch, murmelte er halblaut vor sich hin. - -Er glaubte Freds Worten, daß alles nur von der Konkurrenz aufgegriffen -worden sei, um ihnen zu schaden, und doch fand er keine Ruhe. - -Der belastende Artikel hatte seine Schuldigkeit getan. Die Einleger -drängten sich stündlich vor den Schaltern; sie verlangten ihr Geld -zurück. - -Das war ein schwerer Schaden, und nur mit Seufzern und zögernden Händen -folgte Görnemann die Depots aus. Mit feindseligem Blick streifte er die -Menschenreihen, die vor ihm standen. - -Nach schlafloser Nacht hatte sich Klaus Tiedemann angekleidet und war -frühzeitig vom Hause weggegangen. Er mußte allein sein mit seinen -Gedanken. - -Bis zum Sitzungsbeginn war er in den hallenden Gängen auf und ab -geschlichen, scheu an die Mauer gedrückt, als müßte jedermann ihn -erkennen, ihn, der sich ein langes Leben vergebens gemüht hat. - -Wenn er ihm das getan hätte! - -Sie wußten ja alle nicht, was für ihn auf dem Spiele stand; sie kannten -nicht seinen Gedankenkreis, der in strenger Ehrlichkeit die schreiende -Oeffentlichkeit mied. Und nun war alles dahin. - -Er hatte gestern die Bücher einer genauen Revision unterzogen. So gut -es in der Eile ging, hatte er das Fehlen großer Beträge konstatiert. -Aber Fred war tagsüber nicht zu Hause gewesen -- wie oft in letzter -Zeit -- und bei dem ausgedehnten Geschäft durfte man nicht gleich -Schlechtes denken. Noch immer wollte er sein Kind nicht fallen lassen, -wenn er auch in schwerer Sorge an die Zukunft dachte. - --- -- -- Hilde Tiedemann geht an die Tür ihrer Schwester und horcht. -Als sie Stimmen hört, drückt sie auf die Klinke. Die Tür ist gesperrt. - -»Was ist?« ruft Clo. - -»Nichts.« Hilde Tiedemann erinnert sich, daß bei ihrer Schwester die -Friseurin ist; sie geht wieder zurück in den Salon. - -Es läutet. - -Sie läuft zur Tür und horcht. - -Verständnislos sieht sie auf die Visitenkarte, die ihr das Mädchen -reicht. Sie kennt den Namen nicht: - -»Ich lasse bitten!« - -Ihres Bruders Sekundant steht in der Tür. - -Er verneigt sich. - -Hilde erkennt die Farbe des Regiments: »Papa ist nicht zu Hause«, sagt -sie zitternd. - -Der andere bleibt bei der Tür. - -Für einen Augenblick fallen in seinem Gesicht die konventionellen -Falten, als er Hildes Erscheinung sieht, doch gleich wieder preßt -er den Säbelkorb an die Brust: »Könnte ich Herrn Fred Tiedemann -sprechen?« Seine Stimme ist aufgeregt. - -Hilde zuckt zusammen, dunkle Vorahnung bemächtigt sich ihrer. »Mein -Bruder ist auch nicht hier.« - -»Nicht zu Hause?« wiederholt der Husar und fängt die Unterlippe mit den -Zähnen. »Dürfte ich mir die Frage erlauben, wann Ihr Herr Bruder von -hier wegging?« - -»Das weiß ich nicht, ich habe ihn seit gestern mittag nicht mehr -gesehen, er hat oft auswärts zu tun.« In schweren Schlägen klopft -dem Mädchen das Herz. Nervös zuckt die Hand und preßt krampfhaft das -Taschentuch zusammen, um Ruhe zu finden. - -Unschlüssig steht der Husar: »Gnädiges Fräulein wissen also nicht, wo -Ihr Herr Bruder sich befindet?« - -»Nein.« Sie legt die zitternde Hand auf die Stirn. »Vielleicht ist er -mit Papa im Abgeordnetenhaus.« - -Er schüttelt verneinend den Kopf: »Dort ist er nicht!« Er rafft sich -zusammen; seine Augen sehen starr und abweisend. »Dann ist meine -Mission erfüllt.« - -Er schlägt die Füße zusammen, daß die Sporen klingen. »Bitte zu -entschuldigen!« - -Mit schnellen Schritten kommt Hilde näher, flehend sehen ihre Augen, -ihr Mund ist geöffnet. »Was ist mit Fred? Es ist ihm doch nichts -zugestoßen?« - -»Nein, gnädiges Fräulein können beruhigt sein.« Eiserne Disziplin ist -in seinen Augen. »Es ist ihm nichts geschehen.« - -Er neigt den Kopf und zieht die Tür hinter sich zu. - -Hilde Tiedemann preßt die Handflächen gegeneinander. Nun weiß sie, daß -sich wieder Unheil vorbereitet, vielleicht bereits vollzogen hat. - -Sie lehnt die heiße Stirn an die eiskalten Fensterscheiben. - -Ein rauher Sturm fegt durch die Straßen. - -Nun sieht sie Freds scheues Wesen in den letzten Tagen mit anderen -Augen; nun gewinnt sein unruhiges Kommen und Gehen unheilvolle -Bedeutung. - -Kam das Haus wirklich in Schwierigkeiten? Stand der Bankerott vor der -Tür? Sie hatte es vorausgesehen und vergebens gewarnt. - -Doch sie will jetzt nicht daran denken, sie will arbeiten und ihrem -Vater zur Seite stehen. - -Doch das kann es nicht sein, da wäre der Offizier nicht hier gewesen. - -Sie läuft in Freds Zimmer, es ist bereits aufgeräumt; sie weiß nicht, -daß das Bett die letzte Nacht leer geblieben ist. - -Sie fragt das Stubenmädchen; doch Fred Tiedemann ist oft Nächte außer -Hause gewesen. Das ist kein Beweis! - -Wieder steht sie beim Fenster. - -Der Himmel hat sich mit einförmigem Grau überzogen. - -Die Fensterscheibe bläht sich im anprallenden Wind. Im Kreise tanzen -unten auf dem Platz die dürren Blätter. - -Sie ist einsam, und ihre Gedanken flattern ohne Ordnung. - -An die Scheiben schlägt es mit leisem Ton; kleine weiße Nadeln bringt -der Sturm vom Meer herüber -- den ersten Schnee. - -Sie schaudert und sieht auf die verlassenen Parkanlagen vor dem -Fenster, wo sich zwei Krähen streiten. - -Die Leute schlagen die Kragen hoch, der Schnee überzieht sie mit weißen -Strichen. - -Quer über den Platz kommt T. A. Hansen, schon von weitem zieht er den -Hut. - -Sie preßt die Rechte ans Herz und atmet schwer. - -Nun kommt die Entscheidung. - -In banger Stunde muß sie sich ihm geben ... - -Schon hört sie seinen Schritt. - -Er drückt ihre Hand; in seinem Gesicht ist große, leuchtende Freude. - -Scheue liegt über ihr und heißt sie schweigen. - -Er spricht von seinem Werte, von froher Hoffnung auf die Zukunft. - -Eine blutrote Rose steckt er ihr an die Brust, von seiner Mutter. - -Sie bebt im schwarzen Kleide und horcht mit todtraurigen Augen. - -Er will arbeiten und schaffen, Gedanken und Pläne wirft er hin mit -wenigen Worten für ein ganzes Leben. Er spricht von den letzten -Monaten, in denen er sein Werk den Augen der anderen preisgab; fast -schien es ihm Entweihung. Sie hätte es als erste sehen sollen! Und dann -die Urteile: Erst glaubten sie etwas zum Aussetzen finden zu müssen, -war er doch ein Neuer, ein Junger. Dann aber verstummten diese Stimmen -immer mehr. Anerkennung wurde ihm zuteil, daß er sich manchmal selbst -fragte, ob er sie denn auch wirklich verdiente, ob er die anderen -wirklich so viel überragte. - -Nur mit halbem Ohr hört Hilde; jedes Geräusch von der Straße läßt sie -zusammenfahren. - -In seiner frohen Erregung hat es Hansen nicht bemerkt; doch jetzt -stutzt er und tritt näher: »Was ist?« - -»Nichts.« In dem Mädchen kämpft Willenskraft und Sorge mit der Liebe -des sich unterwerfenden Weibes. »Wirklich nichts!« Sie versucht ein -Lächeln. - -Er legt den Arm um sie; Schauer rieseln über ihren Leib: »Nicht«, wehrt -sie mit schwachem Widerstreben. - -Er sieht ihr in die Augen: kleine, braune Punkte, die ängstlich auf -ihn starren. Sie legt den Kopf zurück und atmet schwer. Seine Lippen -berühren ihre Stirn. - -»Nicht!« haucht sie noch einmal; dann wirft sie sich ihm an die Brust -in zitterndem Schluchzen. - -»Ich hab' dich so lieb!« - -Er hebt ihren Kopf und küßt sie auf beide Augen. - -Sie klammert sich fest; nun verläßt sie die Kraft, da sie sich geborgen -weiß. Mit hastigen Worten redet sie von ihrer Angst, nun muß sie nicht -mehr schweigen. Sie will kein Geheimnis vor ihm haben. - -Mit milden Worten beruhigt er sie; er läßt sie an seiner Brust sich -ausweinen, und wilder Haß gegen Fred befällt ihn. Unter Tränen lächelnd -sieht sie zu ihm auf: »Nun lassen wir uns nimmer!« - -»Nein, mein Lieb!« - -»Es ist doch nichts Schlechtes,« fragt sie in rührender Hilflosigkeit, -»daß ich es dir jetzt gesagt habe?« - -»Aber, Kind!« - -»Nun ja!« Sie legte den Kopf an seine Schulter und schmiegt ihre Wange -mit glücklichem Lächeln fest an die seine. »Ich hab's auch nicht länger -verschweigen können.« - -Er preßt seinen Mund auf ihre roten Lippen; ein Zittern geht durch ihre -Gestalt. - -Dann reißt sie sich aus seinen Armen. Klaus Tiedemann steht in der Tür. - -Auch T. A. Hansen ist zurückgewichen. - -Der da vor ihm scheint kein Lebender! Der Kopf ist ihm auf die Brust -gesunken, schlaff hängen die Arme. - -Mit irrem Blick sieht er um sich: »Ist Alfred hier?« - -Hilde will antworten, doch wie gelähmt hält sie inne. - -Mit hastigem Ruck hat ihr Vater den Kopf gehoben; seine Augen schießen -Blitze, er steht vor Hansen: - -»Nun malen Sie das Bild: ein Tiedemann als Betrüger. Sie treffen derlei -Sachen, Herr!« Er lacht schneidend und wirft sich in einen Fauteuil, -den Kopf in den Händen vergraben. - -Der beiden Blicke finden sich, über des alten Mannes gebeugter Gestalt -halten sie schweigende Zwiesprache. - -Dann greift Hansen nach dem Hut, einen stummen Gruß winkt er Hilde zu -und geht. - -Die sitzt regungslos neben ihrem Vater und horcht auf dessen keuchenden -Atem. - -Mitten im Glück! - -Doch nur Mitleid findet sie als Antwort; sie fährt mit leichter Hand -über des alten Mannes Scheitel. - -Stöhnend steht er auf: »Was wollte Hansen?« fragt er. - -»Ich weiß nicht,« im Sprechen findet sie Mut; »er hat mich gern, Vater!« - -Er sieht sie verständnislos an und murmelt: »Betrüger sind alle, die -um solches wissen und schweigen.« Dann legt er wieder den Kopf in die -zuckenden Finger. - -So sitzt er stundenlang, nur hier und da fragt er nach Fred. - -Sein Denken macht Sprung auf Sprung. - -Er hört den Beifall, welcher den Worten gilt, die ihn und Fred treffen; -aus dem Klatschen der Hände springt ihn die Feindschaft der Masse an. -Keiner steht für ihn ein, keiner tritt an seine Seite; die einen -schweigen, die anderen hassen! - -Draußen fällt der Schnee, die Kälte kriecht aus den Ecken hervor und -greift nach der beiden einsamen Menschen Herz. - -Vergebens spricht Hilde, er gibt keine Antwort. - -Als es dunkelt, geht er hinunter; er muß Görnemann fragen, ob er um -Freds Ausbleiben weiß. - -Er _muß_ ihn haben, muß Aug' in Auge stehen mit ihm ... - -Schon ist es Sperrstundenzeit, noch immer stehen Leute vor den Kassen. - -Sie wollen ihr Geld zurück. - -Morgen ist Sonntag, und wer weiß, was übermorgen ist! - -Klaus Tiedemann ist nicht mehr sicher! Die Zeitungen haben's -geschrieben, die Konkurrenz hat's gesagt. - -Ein irres Lächeln spielt um des alten Mannes Züge: - -Des Lebens Wertung! - -Er sieht Gerhard bei den Kassen; er hantiert mit ruhigen, gleichmäßigen -Bewegungen. - -Das gibt Klaus Tiedemann wieder Kraft. - -Er muß Görnemann haben. - -Quer durch die Schreibzimmer eilt er; gedrückte Stimmung liegt auf den -Gesichtern der Leute: es geht ums tägliche Brot. - -Die Tür des Privatkontors ist offen, er tritt ein. - -Görnemann steht vor dem eisernen Tresor; als er ihn sieht, läßt er die -Papiere fallen, die er hält. - -Er stürzt auf Klaus Tiedemann zu, die Knie versagen ihm den Dienst, er -faltet die zitternden Hände und schreit: »Herr, ich kann nichts dafür, -ich bin unschuldig!« - -Wie eine giftige Schlange zucken die Worte an Tiedemanns Ohr. »Was?« - -»Es fehlt Geld!« Görnemann reißt die Bücher auf den Tisch; mit -zitternden Händen weist er die langen Kolonnen. Starr steht Klaus -Tiedemann; für einen Augenblick schließt er die Augen, um zu vergessen. - -»Es hat alles gestimmt auf Heller und Pfennig,« beteuert Görnemann, -»noch gestern; jetzt fehlt eine Menge, aber die Kasse ist in Ordnung.« -Er fährt mit unruhigen Händen in seinen grauen Haaren herum. »Wir -müssen seit zwei Stunden die Reserven angreifen.« - -Klaus Tiedemann wirft die Anweisungen und Schecks durcheinander mit -bebenden Fingern; er hält inne und tritt zum Tisch, er schlägt eine -Seite des Buches auf, dann sagt er: »Rechnen Sie hier noch einmal nach!« - -Görnemann gehorcht, trotzdem er es schon ein halbes dutzendmal getan -hat und weiß, daß _hier_ kein Fehler sein kann; mit langem Bleistift -folgt er den einzelnen Posten. Einen scheuen Blick wirft Klaus -Tiedemann auf den Arbeitenden und macht einen lautlosen Schritt zur -Kasse. - -Er reißt das Kuvert an sich, das er vorhin hat liegen sehen; es trägt -Freds Schrift. - -Er verbirgt das Schreiben über dem klopfenden Herzen. - -Görnemann hat nichts gefunden. -- - -Noch ein paar Worte wechseln sie; es ist draußen leer geworden. Es ist -Feierabend. - -Gerhard kommt herein: »Es wird sich alles aufklären,« sagt er in seiner -ruhigen Art. - -Görnemann läuft verzweifelt von einem Regal zum anderen. Planlos -schlägt er Skonti auf und wieder zu. - -»Lassen Sie's, Görnemann,« sagt Gerhard, »so kommen Sie nicht darauf. -Unsere Aufzeichnungen sind richtig.« Sein Blick geht zu seinem Vater -hinüber. »Wo ist Fred?« - -»Er muß bald kommen.« Klaus Tiedemann verträgt seines Sohnes Blick -nicht. - -»Bevor er nicht hier ist, läßt sich überhaupt nichts machen!« - -»Es muß heute nacht geschehen sein,« sagt Görnemann mit großen Augen. - -Klaus Tiedemann drängt zur Ruhe: »Man muß warten, bis Fred hier ist.« -Er stellt sich, als wüßte er um dessen Ausbleiben. - -Er wird auf ihn warten. - -Die beiden anderen sollen ruhig nach Hause gehen, morgen früh wird sich -alles geklärt haben. - -Sie folgen mit leisem Widerstreben, weil sie merken, daß er allein sein -will. - -Mit traurigen Augen mißt ihn Görnemann. - -»Soll ich nicht doch bei dir bleiben?« fragt Gerhard. - -»Nein!« Er drückte beiden die Hände. »Geht nach Hause, es ist besser -so!« - -Die Tür fällt zu, die Schritte verhallen: Gerhard geht hinauf zu Hilde. -Er wird die Nacht über aufbleiben; wenn sie jemandes benötigt, soll sie -nach ihm schicken. - -Zum erstenmal sprechen Bruder und Schwester. - -Als er geht, kommt Hansen. - - -Es ist dunkel um Klaus Tiedemann geworden. Stunden sind vorüber. -- Der -Lärm der Straße ist verstummt. Straßenbahn und Stellwagen verkehren -nicht mehr. - -Nur hier und da hallen Schritte; sie klingen gedämpft durch die -herabgelassenen Rollbalken. - -Er sitzt in den Sessel zurückgelehnt, den Kopf gesenkt. - -Der Schnee, der draußen fällt, wirft einen weißen Reflex durch die -Oberlichte. - -Er hat die Augen geschlossen; ihn fröstelt. - -So saß er in vergangenen Nächten, wenn die Frau in Gesellschaft war und -oben die Kinder schliefen. - -Die anderen lernten solche Stunden fürchten. - -Mit müdem Lächeln sah er seine Erfolge. - -Er wurde ihrer nicht froh. - -Nur die Schultern hingen tiefer und plumper wurde sein Gang. Das war's, -was seine Frau von seiner Arbeit merkte. - -Er griff hart zu in allzu großer Liebe und seine Lippen waren rauh. - -Ein qualvolles Lachen stößt er aus. - -Nun hat er ihre Liebe errungen! - -Die suchenden Finger zucken; ein Blatt knistert unter ihnen auf; als -wäre es Gift, fährt er zurück. - -Der Abschiedsbrief seines Sohnes! - -Er hat ihn gelesen, Wort für Wort; er will ganz sicher gehen, wenn er -sein Kind von sich stößt. - -Er sieht Lecarts spöttische Augen; nun ist's ein Tiedemann selbst! - -Sein Erbteil hat er sich aus Eigenem genommen und ist in die Fremde -geflohen, ohne Wort, ohne Abschied! Ein Tiedemann feig! - -Nun hat Klaus Tiedemann die Antwort, warum er in jener Nacht so scheu -vor ihm zurückgewichen, warum sein Auge den Boden gesucht. - -Er billigt nicht die konstruierten Ehrbegriffe der Gesellschaft, aber -er haßt die Feigheit. Nun werden sie mit Fingern auf ihn weisen, den -Verkehr abbrechen, um den er Jahre gekämpft hat. - -Das Regiment muß Fred Tiedemann ausstoßen als Ehrlosen; in den -Zeitungen steht morgen sein Name als der eines kindisch eitlen -Bestechers. - -Unsummen hat er geopfert, mit denen er Tausende von Tränen hätte -stillen können. Klaus Tiedemann zweifelt nicht mehr, daß er es getan -hat. Nicht genug war ihm der ehrliche Name seines Vaters. - -Er mußte etwas Häßliches bergen, daß alle von ihm abfielen! - -Fred hatte keine Lust mehr am Geschäft. Seine Stellung ist nach der -Interpellation -- so schreibt er -- ohnehin im öffentlichen Leben -geschädigt; so legt er alles zurück, er will fortan nur seinen -Passionen leben -- das sei die erste Pflicht des Menschen! In der -Hauptstadt des Nachbarreiches gedenke er sich niederzulassen, da sei -ein Wiedersehen leicht. - -Kein Wort der Reue und keines der Liebe, sonst keine Silbe! Wie ein -Fremder ist er von ihm gegangen. - -Klaus Tiedemann stöhnt auf, die Wände rücken näher. - -Als Leo starb, da war ihm leichter; er gab ein Kind der Erde zurück, -das allzu schwach gewesen war, sie länger zu ertragen. Wäre Fred -gefallen, wäre er ermordet worden vom beleidigten Sohn, er hätte -geweint und die Gesellschaft angeklagt, so aber fällt alles auf seines -Kindes eigenes Haupt. Er weiß nicht Bescheid in den Ehrbegriffen -Jan Wolnys, aber er kennt trotzdem die Ehre, die er sein Leben lang -besessen hat. Er kennt nicht den Mut, den Fred zeigen sollte, aber er -kennt den Mut, einstehen zu müssen für seine Handlungen. Immer wieder -legt sich Klaus Tiedemann die Lage klar: - -Fred hat Geld genommen, große Summen, die jetzt nötig wären. Heimlich -hat sein Kind sie entwendet, daß andere nicht um sein Handeln wußten. -Das ist nicht besser als ein Dieb! Wohl ist sein Erbteil, das er mal -erhalten wird, größer, aber das Geld steht ihm jetzt noch nicht zu, -solange sein Vater lebt. - -Feig hat er alles im Stiche gelassen und die Firma auf schlechte Wege -geführt. Seine Flucht wird bekannt werden, die Gegner werden sie für -ihre Zwecke ausnützen. - -Schwer ringt Klaus Tiedemann mit seinen Gedanken, die ihn fesseln und -umstricken. - -Er sieht keinen Ausweg. - -Immer wieder kommt er zum selben Punkt zurück. - -Streng war er mit sich Zeit seines Lebens gewesen, allzu streng. Er hat -seine Gedanken stets gezwungen, darum sah er nicht der anderen Fehler. - -Wie Schuppen ist's ihm nun von den Augen gefallen, da er Fred nicht -mehr hier weiß. Nun erst ist seine zweite Frau wirklich gestorben. -Klaus Tiedemann findet die Gedanken seiner Jugend. - -Er steht auf, dumpf klingen seine Schritte durch den schweigenden Raum. - -Abgeschieden von den anderen, muß er sich entscheiden: nun gibt es -keine andere Lösung mehr. - -Er hört den schweren Schritt des Wächters vorüberstampfen, von Stunde -zu Stunde leiser; der fallende Schnee dämpft den Hall. - -Dann wieder ist's Ruhe. - -Fred kommt nicht mehr, die Firma braucht eine starke Hand, besonders -jetzt! - -Clo und Hilde sehen auf ihn, sie wollen Rat und Hilfe. - -Er muß sich entscheiden! - -Starrsinn ist in ihm, mit allem zu brechen, was er für richtig gehalten -hat. - -Er legt den Kopf auf die Tischplatte in bleierner Müdigkeit, doch er -darf nicht ruhen. - -Er dreht das Licht auf und geht zur Kasse. - -Aus einem geheimen Fach nimmt er seine Schatulle; sie ist alt und -abgegriffen. - -Er hält inne und horcht: - -Leichte, schnelle Schritte gehen ganz nahe am Fenster vorbei, sie -machen halt und gehen hartklingend wieder zurück. - -Ein bitteres Lächeln ist auf seinen Lippen: es mag wohl eine sein, die -auch um Liebe geht. - -Kalt scheint das Licht der Glühlampe auf sein zermartertes Gesicht, als -er nun den Deckel hebt. Briefe fallen ihm entgegen. - -Es ist die Schrift von Gerhards Mutter: alte, vergilbte, eckige -Federzüge. - -Sie floh und brach die Liebe um anderer Liebe willen! - -Dürre Blätter liegen, halb zerrieben, zwischen den Papieren; Klaus -Tiedemann weiß nicht, woher sie stammen. Er mag sie wohl von einem -Spaziergang nach Hause gebracht haben, derweil die Frau an einen -anderen dachte. - -Zeitungsausschnitte mit rot und blau unterstrichenen Stellen -zeigen Klaus Tiedemanns Erfolge; mit gierigem Blick liest er die -nebensächlichen Berichte, daß ein Klaus Tiedemann in der Union-Street -sein Geschäft vergrößert, daß er die Vertretung der European Company -übernommen hat. Es sind Anzeigen, die er einst selbst bezahlte. Heute, -in der schweren Stunde, müssen sie ihm Zeuge sein, daß ihn die Welt -anerkannt hat. Daran klammert er sich fest .... - -Ein schweres Kuvert mit dem Monogramm auf pergamentartigem Papier zeigt -die Vermählung des Bankiers Klaus Tiedemann mit Fräulein von Wesenheim, -Tochter des Konsuls Ernst von Wesenheim, Kammerrat, Börsenrat usw., in -würdevollen Worten an. - -Dann kommen mannigfaltige Erinnerungen an die Zeit der Kinder: - -Hilde und Clo haben einen Wunsch aufgesagt; in zierlichen Worten -ist er hier niedergeschrieben; man merkt nicht die vielen Püffe der -Erzieherin, bis endlich die kleinen Köpfe die Worte faßten. Klaus -Tiedemann war stets tief gerührt und hatte in seiner bescheidenen, -scheuen Art die Leistungen weit überschätzt. - -Unbeholfene Zeichnungen aus Fetzen Papieres finden seine tastenden -Hände: Indianer zu Pferde und Engel mit schlagenden Flügeln! Der kleine -Fred hat sie gezeichnet. Ein weher Laut zittert von seinen Lippen. -Klaus Tiedemann legt den Kopf auf die Tischplatte; endlich kommen die -erlösenden Tränen: - -Warum ist das Leben so hart? - -Sie waren alle so liebe, so herzige Kinder, die von den Häßlichkeiten -der Welt nichts wußten. Und nun ein Betrüger! - -»Er ist es.« Laut ruft Klaus Tiedemann die Worte, daß er selbst scheu -zusammenfährt. - -Warum wäre er sonst geflohen? Warum hat er Geld unterschlagen? Warum -hat er nicht seiner Geschwister gedacht? - -Das Kind seiner Zeit! - -Rücksichtslos, Altes verachtend, nur dem Genuß lebend, das Leben -sich leicht machend, das Geld als Hauptmittel ansehend, um etwas zu -erreichen. Schwer stöhnt Klaus Tiedemann auf: - -Er selbst hat ihm den Weg gewiesen, hat aus Liebe und Nachgiebigkeit -die häßlichen Züge nicht im Keime erstickt. Das Geld hat höhere Werte -als die der Bequemlichkeit. Es legt Verpflichtungen auf, die schwer -zu erfüllen sind. Nur der Erwerb bringt Freude, nicht der Besitz. Der -Mensch muß weiter streben, darf nicht halten und nicht rasten! _Ganz_ -soll er leben! Nicht scheu nach anderen fragen; aufrechten Blickes -gehen; soll das aussprechen, was er denkt, nicht das, was andere wollen! - -So war er als Kaufmann gewesen, nicht so als Mensch! Klaus Tiedemann -hat sich nach der Meinung der Leute gerichtet, um deren Liebe zu -erwerben. - -Das ist der schwere Irrtum seines Lebens. - -Er läßt sich auf den Sessel fallen; seine Augen stieren durch das -Dunkel. Ihm kommen schwere Gedanken. - -Wenn Fred recht hätte? Wenn es die erste Pflicht des Menschen wäre, nur -sich zuliebe zu leben? Vielleicht ist seines Sohnes Art die richtige? - -Sorgenlos ging dann die Zeit an einem vorbei. Aber das war nur möglich, -wenn andere nicht so dachten? Das konnte das Rechte nicht sein. Doch -alles ist in der Welt; sie schreitet fort nach oben -- in harter -Selbstsucht. - -Warum sollte das Leben nicht doch darin bestehen? - -Er hatte anders gedacht und war unglücklich gewesen. In froher Laune -floß das Leben Freds. - -Aus tiefer Qual stöhnt er auf. Zu spät kommt ihm die Erkenntnis: er hat -seine Zeit verlebt. - -Ein Zittern befällt ihn, eine furchtbare Angst vor dem Ungewissen, -Ungenützten, vor dem Zuspät! - -Totenstille ist um ihn. - -Dann hätten die recht, die von selber gingen? - -Dann wäre es Pflicht, das Kind zu tilgen, ehe es geboren? - -Wofür die langen Qualen, wenn ein Fingerdruck Ruhe gab auf ewig? - -Ein paar Schritte, und es ist getan! - -Klaus Tiedemann weiß die Waffe im Kasten, die er als junger Mann bei -sich getragen hat; er braucht nur einige Schritte zu machen, dann -starrt ihn die schwarze Mündung an: ein Druck, und es ist vorbei. -Während er stürzt, dreht sich die Kammer weiter, zum nächsten Schuß. - -Wie leicht findet der Mensch seine Ruhe! - -Schon einmal hat Klaus Tiedemann an den Selbstmord gedacht, als er -hungerte; doch nur Schwäche glaubte er damals darin zu sehen. - -Nun dünkt er ihm Erlösung. - -Fahrige Eile kommt über ihn: wie wohlig muß es sein, ausruhen zu dürfen -nach langer Qual! - -Wilder Haß ist in ihm; er knirscht mit den Zähnen. Niemand liebt ihn, -er war einsam, und einsam will er sterben. Sie sollen machen, was sie -wollen, ihm ist alles gleich, er will endlich Ruhe finden. Er tastet -sich in die Höhe und geht dem Kasten zu; ein irres Lachen ist auf -seinen Lippen. Des Lebens Krone! - -Die Faust schlägt an die kalte Mauer; ohnmächtige Anklagen wirft die -lallende Zunge durch die ruhende Nacht. Schwarze Hände streifen seine -Stirn, ein Fallen ist um ihn, ein Drehen und Winden. Er glaubt Arme zu -spüren, die sich nach ihm strecken, ihn festhalten wollen. In rasenden -Schlägen teilt er die Luft, er will sterben! Er will Leo folgen, dem -einzigen, der ihn geliebt hat. - -Sein Kind wird ihn verstehen. - -Aus dem Dunkel leuchten ihm gespenstige Augen entgegen: er hört des -Toten Stimme: - -»Das Leben hat keinen Wert.« - -Hansens Bild zerfließt mit dem Gebilde seiner erregten Phantasie zu -einem Ganzen. - -Er tut einen wilden Schrei. Ein furchtbarer Druck raubt ihm plötzlich -den Atem. Er bäumt sich auf; schwarz wie ein Grab umgeben ihn die -finsteren Wände. - -Ist das der Tod? - -Sein Herz macht schwere, unregelmäßige Schläge. Er merkt, wie ihm das -Blut durch die Adern schnellt; er sinkt nach rückwärts. Kraftlos fallen -die Glieder herab; weit treten die Augen hervor und starren entsetzt in -das Dunkel. - -Schwerer Druck lastet auf seiner Brust; in seinen Ohren ist ein -heulendes Sausen und Brausen. Wie gelähmt liegt die Zunge im Munde. -Kein Glied kann er rühren. Kalter Schweiß rinnt über sein Gesicht. - -Der Kopf fällt vornüber. - -Hart, erbarmungslos starr stehen die Wände. - -Regungslos liegt Klaus Tiedemann; nur die Uhr in seiner Tasche tickt -weiter. -- -- -- - -Fred Tiedemann, auf seiner Flucht, in dem Hotelzimmer, wacht auf und -wirft sich von einer Seite auf die andere; doch den Schlaf findet er -nimmer. - -Nach langen Sekunden tut Klaus Tiedemann einen tiefen Atemzug und zieht -die eiskalten Beine an sich. - -Er will nicht sterben! - -Langsam kriecht das Blut wieder durch die Adern; schwer und -ungleichmäßig fängt der Puls zu arbeiten an. Er hebt den Kopf mit -fieberheißen Augen. - -Nun ist er neben ihm gestanden. Der Segenspender! - -Mühsam richtet er sich auf und atmet schwer. - -Die erste Mahnung. - -Er schauert zusammen. - -Sie hätten ihn finden müssen, in wenigen Stunden; schon hebt leise der -Verkehr auf den Straßen an. - -Er hat sein Haus nicht bestellt. - -Zitternd läßt er sich in den Sessel fallen. - -Sein Herz hat ihn aufgerüttelt, geschwächt durch die furchtbaren -Erregungen der letzten Tage. - -Es können noch Jahre sein, die er als alter Mann zu leben hat, es -können vielleicht aber auch nur Stunden sein. - -Nun weiß er, daß er alt ist, was seine Pflicht ist! - -Die Hand auf die Brust gepreßt, geht er hin und wider. - -Hier und da bleibt er stehen und horcht den Schritten, die leise vom -oberen Stockwerk durch die Decke klingen. - -Es mag wohl Hilde sein, die wacht. - -Manch Fenster in Tiedemanns Haus war hell erleuchtet geblieben; die -Sorge fuhr durch das Dunkel und schlug mit ihren Gewändern. - -Klaus Tiedemann streckt mit glücklichem Lächeln die Arme; unendliche -Liebe zu den Menschen erfaßt ihn. Noch lebt er! - -Er will die Tage nützen, seinen Kindern lang entbehrte Gerechtigkeit -geben. - -Kein Baum ist so gut, daß er nicht schlechte Zweige hätte. - -Von selbst ist Fred gegangen. - -Doch andere warten im Vertrauen; bei ihnen muß Glück wohnen. - -Er will zur Tür; auf halbem Wege kehrt er wieder um. - -Noch ist er mit sich nicht im reinen. - -Er hört den Lärm auf der Straße. Fahl fällt das Winterlicht durch die -Fenster. - -Zu neuem Leben drängt die Welt. - -In tiefen Gedanken steht Klaus Tiedemann, die Augen sehen einwärts, -mechanisch fahren die Hände den Sessel entlang. - -Er hört eine Tür gehen und eilige Schritte, dann drückt eine Hand auf -die versperrte Schnalle: »Herr Tiedemann!« - -»Ich komme.« - -In dem Türrahmen steht Görnemann, hektische Röte auf den Wangen: »Gott -sei Dank!« - -Die beiden Greise sehen sich lange in die Augen. - -»Und nun holen Sie mir meine Kinder!« - -»Ja!« Görnemann rafft sich auf, noch immer zucken ihm die Knie: nicht -lebend glaubte er seinen Herrn wieder zu finden. »Auch Gerhard?« fragt -er unsicher. - -Klaus Tiedemann nickt ernst: - -»Auch Gerhard; der ist der wichtigsten einer.« - -Er bleibt beim Tische stehen, aufrecht und fest. - -Hilde stürzt auf ihn zu. - -In tränenlosem Schluchzen liegt sie an seiner Brust. Klaus Tiedemann -preßt sein Kind an sich; seine Lippen streifen ihre Stirn: - -»Und dann laß Hansen holen!« - -Durch Tränen lächelnd sieht sie zu ihm auf: »Du Lieber, du Guter!« - -Mit schmerzlichem Zucken um den Mund sagt er: - -»Er gehört nun auch zu uns, Hilde; er muß mich glauben machen, daß das -Leben noch Glück für uns hat.« - -Er hebt den Kopf, er hört der anderen Schritte; schon steht Gerhard in -der Tür. - -Er streckt ihm die Hände entgegen. - -»Laß gut sein, Vater,« sagt der, »ich will's den anderen schon -auswischen, du sollst nicht umsonst gelebt haben!« - -Es ist der Blick des alten Tiedemann, der ihm aus den jungen Augen -seines Sohnes entgegenkommt, in Liebe und Kraft. - - - Buchdruckerei - Rudolf Mosse - Berlin SW - - - - - +--------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | - | gebräuchlich waren, wie: | - | | - | anderen -- andern | - | ausnützen -- ausnutzen | - | euere -- eure | - | heut -- heute | - | Mansbergischen -- Mansbergschen | - | Papieres -- Papiers | - | teuere -- teure | - | | - | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | - | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | - | | - | S. 29 »mußtt« in »mußt« geändert. | - | S. 32 »zitteten« in »zitterten« geändert. | - | S. 40 »Ist treffe« in »Ich treffe« geändert. | - | S. 57 »vorübergeneigt« in »vornübergeneigt« geändert. | - | S. 65 »Pulz« in »Puls« geändert. | - | S. 70 »ermuntend« in »ermunternd« geändert. | - | S. 83 »Lipppen« in »Lippen« geändert. | - | S. 89 »Crême« in »Crème« geändert. | - | S. 104 »Betrachttung« in »Betrachtung« geändert. | - | S. 108 »Directoir-Toilette« in »Directoire-Toilette« | - | geändert. | - | S. 110 »hat« in »hast« geändert. | - | S. 117 »Bamherzigkeit« in »Barmherzigkeit« geändert. | - | S. 141 »Kukuck« in »Kuckuck« geändert. | - | S. 153 »schrille« in »schrillen« geändert. | - | S. 153 »horscht« in »horcht« geändert. | - | S. 158 »Schwiegevater« in »Schwiegervater« geändert. | - | S. 161 »Beistift« in »Bleistift« geändert. | - | S. 179 »Gröben« in »Gröden« geändert. | - | S. 188 »Kontor« in »Kontur« geändert. | - | S. 197 »Fred Tiedemann scheint ...« in | - | »Klaus Tiedemann scheint ...« geändert. | - | S. 204 »Bite« in »Bitte« geändert. | - | S. 214 »daß« in »das« geändert. | - | S. 215 »Gerhardts« in »Gerhards« geändert. | - +--------------------------------------------------------------+ - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Lebenswende, by Walter von Molo - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSWENDE *** - -***** This file should be named 54671-0.txt or 54671-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/6/7/54671/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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