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-The Project Gutenberg EBook of Von Wundern und Tieren, by Wilhelm Bölsche
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Von Wundern und Tieren
- Neue naturwissenschaftliche Plaudereien
-
-Author: Wilhelm Bölsche
-
-Release Date: September 16, 2017 [EBook #55559]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON WUNDERN UND TIEREN ***
-
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Das Original ist in Fraktur gedruckt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
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-Von Wundern und Tieren
-
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- Von _Wilhelm Bölsche_ erschien früher im gleichen Verlage:
-
- Stunden im All.
-
- Naturwissensschaftliche Plaudereien.
-
- 11. u. 12. Auflage. Geb. M 14.--
-
-
-
-
- Von
- Wundern und Tieren
-
- Neue naturwissenschaftliche Plaudereien
-
- von
-
- Wilhelm Bölsche
-
- 10. bis 12. Auflage
-
-
- [Illustration]
-
- Deutsche Verlags-Anstalt
- Stuttgart und Berlin 1920
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
- ~Copyright 1915
- by Deutsche Verlags-Anstalt.
- Stuttgart~
-
- Druck der Deutschen Verlags-Anstalt
- in Stuttgart
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
- Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau 1
-
- Amadinens illuminierte Kinderstube 12
-
- Die Vorfahren des Schmetterlings 21
-
- Der Kampf um den Maulwurf 30
-
- Das unheimliche Gila-Tier 42
-
- Die drei Augen der Blindschleiche 51
-
- Neues von den Wundern des Olm 59
-
- Die unsterbliche Amöbe 70
-
- Goldene Tiere 82
-
- Liberia und das seltenste Tier auf der Briefmarke 92
-
- Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches Tier 102
-
- Der Gespensterzug der Lemminge 111
-
- Die Entdeckung von Landwirbeltieren ohne Lunge 121
-
- Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas 131
-
- Tendaguru und der Rekord der Saurier 143
-
- Der Schatz von Halberstadt 154
-
- Sirenen 164
-
- Die Entdeckung des Riesenklippdachses 175
-
- Die Mammutschnitzer von Predmost 184
-
- Die Furcht vor dem Menschen 195
-
- Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze ein Schnippchen
- schlug 206
-
- Tiere als Schützen 216
-
- Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere 226
-
- Aus der Flottenkunst der Tiere 235
-
- Das älteste Festungstor 256
-
- Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan 266
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Es ist über hundert Jahre her, da kam Alexander von Humboldt von
-seinen Orinoko- und Kordillerenfahrten zurück, aller Wunder der
-Tropenlandschaft voll und wie verklärt von der ungeheuren Schau auf die
-Herrlichkeiten der Natur an einer ihrer irdisch größten Stellen. Daheim
-aber brannte der Krieg in roten Flammen zum Himmel. Eisern lag die
-Hand der Fremdherrschaft auf seinem deutschen Volke, und nur ein neuer
-furchtbarer Kampf verhieß, sie zu brechen. Damals erschienen dem edeln
-Manne gegen den Sturm dieser Stunde seine Urwälder und Tiere, bei denen
-er so lange gelebt und mit denen er so manches Abenteuer ausgefochten,
-plötzlich wie ein fernes blaues Reich des Friedens. Und so widmete er
-das wundervolle Werk, das er schrieb, die »Ansichten der Natur«, den
-bedrängten Gemütern, deren Sehnsucht nach den Bergen ging, wo nach
-den Worten des Dichters die Freiheit wohnen sollte und der Hauch der
-Grüfte nicht in die reineren Lüfte drang. Die kleinen Naturskizzen
-meines Büchleins hier sollen selbstverständlich nicht mit den Blättern
-Humboldts verglichen werden, die heute mit Recht für klassisch gelten.
-Höchstens, daß man eben an ihnen sehen kann, wie leicht es uns heute
-gemacht ist, von der Natur zu erzählen, nachdem solche Vorbilder uns
-den Weg gewiesen haben. Aber mein Büchlein fällt äußerlich in eine
-ähnliche Zeit. Wieder ist der Himmel blutesrot, und noch ganz anders
-als damals ringen wir um das Wurzelrecht und Kronenrecht unseres
-Volksbaumes. Fast ist die Stunde zu groß sogar für das Eingeständnis
-der Sehnsucht im bedrängten Gemüt. Dennoch meine ich, es trifft etwas
-zu, das wohl auch Humboldt meinte. Selbst im furchtbarsten eigenen
-Kampfe hat der Blick auf die große unerschütterliche Ewigkeitslinie
-der Natur eine beruhigende Macht. Gewiß, daß kein größeres Wunder ist
-als der Mensch selbst. Aber wenn aus diesem Wunder so die dämonischen
-Züge glühen wie heute, so sucht der Gedanke das Rätsel der Natur,
-das uralte, -- und er fühlt in ihm die starke Hand, die, wie du sie
-nun nennen magst, zuletzt doch auch allen Dämon wieder zurückzwingt
-zu der Ackerscholle und dem Pfluge heilig stillen Werdens auf immer
-bessere Fernen zu. Um das zu erkennen und sich zu sagen auch in solcher
-Sturmesstunde, kann kein Bild und Wunder zu klein sein, und wäre es
-auch nur das Summen einer Mücke oder das leise Geigen des Heimchens
-hinter dem Herd daheim, für dessen Friedensflamme unsere Helden draußen
-streiten.
-
- * * * * *
-
-Die meisten Blätter des kleinen Bilderbuchs, die ich hier vereine und
-die eine unmittelbare Fortsetzung meiner »Stunden im All« bilden, lagen
-bereits bei Ausbruch des Weltkrieges gedruckt vor. Nur in den letzten
-wird man leise das Gewitter vom düstern Horizont rollen hören. Zu der
-Scherzstelle vom Regenwurm sei hier noch nachgetragen, daß dieser
-merkwürdige Geselle gleich mehreren andern Tieren, deren Genuß dadurch
-vorübergehend beeinträchtigt wird, gewisse Zeiten im Leben zu haben
-scheint, wo er einigermaßen giftig wirken könnte.
-
-_Friedrichshagen_, 1. November 1915
-
- Wilhelm Bölsche
-
-
-
-
-Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau
-
-
-Der Mensch mit seinen sonnenhaften Augen ist von Natur ein geborenes
-Lichtgeschöpf. Dennoch hat ihn seine Kultur vielfältig genötigt, im
-Finstern zu hantieren, lange hat er in Höhlen hausen müssen, und
-nachher ersetzten die Höhle die düsteren Gänge und Verliese enger
-Burgen, die Korridore und Treppen finsterer Schlösser und Häuser.
-Selbst unsere höchste Technik von heute muß noch im Bergwerk graben,
-muß Tunnels bohren.
-
-Die Phantasie hat das aber immer mit einem gewissen Grauen empfunden.
-
-Aus den schwarzen Schlünden krochen ihr Drachen und Scheusale aller Art
-ungesehen auf den Eindringling los; in jedem Bergwerk läßt die Sage
-gespenstische Bergmönche und schwarze Männer umgehen, die den armen
-Grubenleuten den Hals umdrehen, und im alten Schloßkorridor spukt die
-weiße Frau. Wo die Dinge aber real bleiben, da bleibt mindestens doch
-die unheimliche Romantik der »Räuberhöhle« als fester Begriff.
-
-Und doch besaßen wir seit alters wenigstens die Gabe, künstliches Licht
-da unten mit hineinzuführen. Was würden Wahrheit und Dichtung erst
-für Grauen geschaffen haben, wenn uns Menschen im ganzen das Los für
-unser Gesellschaftsleben getroffen hätte, das einem anderen, kleineren,
-ebenfalls überaus geselligen und tatkräftigen Geschöpf unseres
-Planeten zugefallen ist -- das Los: in den Ländern der hellsten,
-glühendsten Sonne doch fast sein ganzes unsagbar verwickeltes,
-millionenköpfiges Staatsleben, fast alle Wunder seines patriarchenhaft
-gesegneten Liebeslebens in künstlich hergestellten finsteren, von
-keinerlei Kunstlicht erhellten Schachtgängen auszuleben, ja da drinnen
-selbst das zu treiben, was das Untrennbarste scheint von Sonne und
-Licht: seinen ganzen Ackerbau ...
-
-Zu den Charaktergebilden tropischer Sonnenlandschaft gehören mitten
-zwischen der üppigsten sonnenfrohen Vegetation gewisse künstliche
-Hügel, manchmal bis sieben Meter hoch, steinhart, durchweg von außen
-abgeschlossen gegen diese Sonnenwelt wie mit solidesten Klostermauern,
-die finstere Verborgenheit des Innern zu wahren.
-
-Das sind die Bauten der Termiten, seltsamster Insekten, von denen erst
-allmählich und neuerdings entscheidend bekannt geworden ist, daß die
-geradezu märchenhaften Taten ihres Soziallebens und »Kulturwesens« fast
-alles bisher von Ameisen und Bienen Berichtete noch in den Schatten
-stellen.
-
-Die Termiten sind nach gangbarer Systematik engste Verwandte unserer
-Küchenschaben oder Schwaden, also körperlich weder den Bienen noch den
-Ameisen näher vergleichbar.
-
-In solchem, wie gesagt, mehrmillionenköpfigen Staat der auffälligsten
-tropischen Arten lebt normal nur ein einziges eierlegendes
-Riesenweibchen, die Termitenkönigin. Bis zu dreißigtausend Eier kann
-sie an einem Tage legen, ewig so der wimmelnden Volksmasse Abrahams
-Segen garantierend. Zehn, vielleicht sogar bis fünfzehn Jahre kann
-sie das so treiben. Und ihr zur Seite steht dabei ebenso lange der
-ebenfalls nur als einmalige nationale Kostbarkeit vorhandene König.
-
-Zusammen haben die beiden einst den Staat, der später den Hügel
-bewohnt, individuell neu begründet, indem sie aus einem anderen Staate
-eines Tages wie zwei Handwerksburschen fortwanderten, sich einten
-und eine erste schlichte kleine Hütte bauten, in der ihre Hochzeit
-stattfand und erste Kinderwiege stand. Aber aus dem Segen, der wachsend
-auf ihnen ruhte, ergab sich bald ein ungeheures Volk um sie, in
-Kasten geteilt, geschäftige kleine Arbeiter und wehrhafte Soldaten.
-Dieses »Volk« schützte und fütterte von gewissem Zeitraum an auch das
-ehrwürdige Elternpaar der Nation, und es fügte durch Unterkellern und
-Überbauen zu der alten Hütte den kolossalen Staatspalast oder besser:
-das Staatsbergwerk -- bis diese Hütte, in der nach wie vor der Urvater
-und die Urmutter hausten und die Nation weiter und weiter ergänzten
-und vergrößerten, nur noch ein einzelnes kleines dunkles Kämmerchen im
-ganzen, die »Königszelle«, darstellte.
-
-Große Schachte ventilieren diesen Gesamtbau, ohne ihn doch im Innern
-zu beleuchten. Denn wenn die Termiten auch wenigstens zum Teil selber
-nicht so unbedingt lichtscheu sind, wie man früher wohl meinte,
-und mehr als die hellende Sonne die trockenheiße Außenluft ihrer
-Heimatländer scheuen, so bleibt doch tatsächlich ihr Leben ein extremes
-Dunkelmännerdasein, dem nicht einmal das winzigste Grubenlämpchen
-glüht.
-
-Allenthalben in das düstere Staatslabyrinth aber lagern sich
-kellerartige Sonderräume ein, in denen als der eigentliche
-Nationalwohlstand tatsächlich der eifrigste Ackerbau getrieben wird,
-ein regelrechter Bergwerksackerbau, der in Wahrheit nichts anderes ist
-als eine ebenso raffinierte wie dem Volkswohl ergiebige Pilzkultur
-größten Stils. Das unterirdische Nährgeflecht der Pilze wird auf
-besonders präparierten Mistbeeten künstlich gezüchtet und liefert vor
-allem den »Kinderbrei« für die beständig wie Sand am Meer sich mehrende
-Jugend des Volkes.
-
-Noch nicht anderthalb Jahrhunderte ist es her, daß wir auch nur ein
-weniges von diesen Geheimnissen der Termite in ihrem finsteren Hades
-wissen. Genauere Beobachtung setzte erst neuerlich ein, und ganz
-besonders ist es der ausgezeichnete Münchener Professor K. Escherich
-gewesen, der in den letzten Jahren durch Zusammenfassung des älteren
-und reiche Sammlung neuen Materials unsere Kenntnis aufs glücklichste
-erweitert hat. Je heller jetzt aber wenigstens das Licht unserer
-Forschung in den Hades leuchtet, desto seltsamer, desto unerhörter
-werden seine teils lustigen, teils grausigen Mysterien. Und ein
-besonders unheimliches Kapitel betrifft da die »Gespenster« im Bau.
-
-Auch im Termitenbergwerk gehen graue Gespenster um, die den braven
-Arbeiter in seiner Nacht bedrohen, kriechen gräßliche Drachen aus
-unsichtbarem Höhlengang, die ihn als Beute fortschleppen.
-
-Bald sind diese »Gespenster« fremde Termiten, die in das Labyrinth
-der normalen Bergwerksgänge ein noch feineres, für gewöhnlich
-streng getrenntes Laufnetz für sich eingesponnen haben, von dem
-aus sie diebische Vorstöße in die Vorratskammern der rechtmäßigen
-Grubenbesitzer machen.
-
-Bald sind es echte Ameisen, die ebenso aus Geheimgängen, sozusagen aus
-Wandschränken und unbekannten Hintertreppen, wie langbeinige Spinnen
-jählings huschend auftauchen und nicht bloß stehlen, sondern auch
-schon den kleinen hilflosen Termitenarbeiter selbst, dem gerade kein
-wehrhafter »Soldat« beisteht, gelegentlich überfallen und als Mordbeute
-verschleppen.
-
-Kleine Käferchen aus der Gruppe der Staphyliniden gleiten wie Gnomen
-blitzschnell im Finstern vorbei, Kopf und Glieder tief unter einem
-aalglatten Deckschild verborgen, das die Dienste einer Tarnkappe
-tut; so unfaßbar wie allgegenwärtig, spielen sie die Hasen in den
-unterirdischen Kohlfeldern der Pilzgärten.
-
-Ganz scheußlich aber sind die wirklichen »Drachenhöhlen« der
-Abgrundsnacht da unten, auf die zuerst Escherich bei seinen Studien auf
-Ceylon aufmerksam gemacht hat.
-
-Besonders in der Nähe der Pilzbeete, wo es stets von Termitenkindern
-und ammenhaft wartenden und fütternden Arbeitstermiten wimmelt, finden
-sich flaschenförmige Geheimgelasse, die mit schmaler Pforte in den
-großen Pilzkeller, der solches Beet umschließt, einmünden. In jeder
-dieser Extrahöhlen aber lauert ein fettes Ungetüm, das mit seinem
-flaschenhaft verdickten Bauche genau in die Wölbung paßt.
-
-Dem Blick des Zoologen enthüllt es sich als die wunderlich
-aufgeschwollene weiße Larve eines karabusähnlichen Käfers namens
-Orthogonius -- also im Sinne unseres Maikäfers als ein »Engerling«.
-Hier im Termitenschacht aber haben diese Engerlinge sich zu
-regelrechten Drachen ausgebildet.
-
-Bei Homer lesen wir von der gräßlichen Scylla, die aus engem Felsspalt
-plötzlich ihre Freßmäuler streckt, um sich am Menschenfleisch harmloser
-Passanten zu mästen. Und so streckt auch der feiste engerlinghafte
-Bewohner unseres Geheimschachts nur eben seine spitzen Kiefern aus dem
-unsichtbaren Hinterhalte seiner Flaschenhöhle vor -- wehe aber dem
-harmlos in die Nähe kommenden Termitenkinde, wehe der nichts ahnend
-vorbeihastenden treuen Termitenamme! Unerbittlich werden sie gepackt,
-hereingezogen und bestialisch abgeschlachtet.
-
-Die tückische Falle hat dabei eine ganz frappante Ähnlichkeit mit einer
-anderen, die bei uns zulande der sogenannte Ameisenlöwe den Ameisen
-stellt. Bekanntlich wühlt dieser Ameisenlöwe, der ebenfalls bloß die
-räuberische Larve eines großen, äußerlich libellenähnlichen Fluginsekts
-ist, im losen Sande zierliche Trichter aus, in deren Mitte er als böser
-kleiner Minotaurus auf hinabstürzende Ameisen lauert. Das Hinabstürzen
-befördert er dabei selber durch geschickt zielende Sandwürfe von unten.
-Auch die kühnste Phantasie würde aber nicht zu erfinden wagen, daß
-ein Heer solcher Ameisenlöwen ihre Fallgruben mitten im Ameisenhaufen
-selbst etablierten. Die Engerlinge im Termitenbau haben in ihrer Weise
-selbst diese tollste Überbietung erreicht!
-
-Kein Wunder, wenn sie an so vorzüglichem Fleck Schmerbäuche bekommen.
-Fast wie die alte Termitenkönigin selber sehen sie endlich aus. Dabei
-spielt aber offenbar noch etwas Besonderes mit.
-
-Diese staatserhaltende Dame, die Königin, wird, wie gesagt, in allen
-späteren Semestern ihres gesegneten Daseins von ihren Vasallen, den
-Termitenarbeitern, künstlich mit einem besonderen Futter ernährt,
-das diese Arbeiter in ihrem eigenen Leibe wie in einer natürlichen
-Milchflasche heranbringen und ihr einfüttern. Dabei aber schwillt
-nun ihr Leib zu vielfach geradezu kolossalen Maßen an, die sie als
-wahre Riesin über ihrem Volke thronen lassen. Dieser Umfang spielt im
-ferneren bei ihr ja wieder seine gute Rolle für die doch ebenfalls bei
-ihr so märchenhaft kolossale nationale Mutterpflicht. Offenbar aber
-muß in dem Futter, das man ihr eintrichtert, schon etwas stecken, was
-gerade auf ihn hinwirkt.
-
-Die bösen Engerlinge haben nun auf ihrer Lebensstufe keinerlei eigene
-Mutterpflichten; hätten sie sie, so würden sie ohnehin ja doch nur
-wieder neue Drachen erzeugen, sehr zum Unheil des Termitenvolks.
-Gleichwohl wirkt auch auf sie offenbar jene Kraft des Futters, das sie
-vielfältig beim Verzehren ganzer Termiten, die gerade ihre Milchflasche
-im Leibe gefüllt trugen, einfach mitfressen mußten: sie werden
-nicht nur wohlgenährt überhaupt, sondern sie bekommen regelrechten
-künstlichen Königinnenumfang im Sinne königlicher Spezialmast -- genau
-so, als wenn sie selbst gutwillig auf »Königin« von den Termiten
-gefüttert würden.
-
-Von hier aus ist aber nun wiederum ein höchst wunderbarer Schachzug in
-diesem verwegenen Spiel möglich geworden.
-
-Zu den Eigenarten, die das königliche Spezialfutter bei der
-Termitenkönigin hervorbringt, scheint nämlich auch allgemein zu
-gehören, daß der ungeheure, schließlich einer kleinen Kartoffel
-vergleichbare Leib dieser Königin einen _narkotischen Saft_ absondert,
-den die pflegenden Termitenarbeiter mit höchster Wonne schlürfen. Die
-Lust daran ist so groß, daß es vielfach fast aussieht, als pflegten
-sie die alte Dame nur deshalb so heiß, weil sie ihnen zugleich diesen
-Kneiptisch, diese wahre königliche Staatskneipe, eröffnet. Mindestens
-sind der Trieb zum Pflegen und die Freude an dieser Kneiperei aufs
-engste bei ihnen aneinander angeschlossen.
-
-Wie aber nun, wenn dieses Narkotikum sich auch bei den Drachen in ihren
-Höhlen einstellte?
-
-Es ließe sich etwas ganz Nichtswürdiges denken.
-
-Die Engerlingsdrachen kröchen einfach in das offene Termitengewimmel,
-ja bis in das Heiligtum gar der Königszelle selber hinaus. Äußerlich
-der Königin höchst ähnlich in der Leibesgestalt, würden sie von den
-Termitenarbeitern, die sie nicht sehen, sondern nur fühlen können,
-für wahre Königinnen gehalten, deren gelegentlich auch einmal mehrere
-nebeneinander nach dem termitischen Hausgesetz nicht ganz unmöglich
-sind. Man ginge ihnen also gar nicht mehr aus dem Wege, -- und
-ungestört könnten sie ihr scheußliches Räuberhandwerk sozusagen mitten
-auf der offenen Straße fortsetzen.
-
-Der bekannte Jesuitenpater Wasmann, dessen Philosophie nicht eben
-jedermanns Sache ist, der aber als Spezialforscher auf diesen Gebieten
-sich mit Recht allgemeiner Sympathie erfreut, hat gelegentlich da schon
-von tapferen Orthogoniusengerlingen selbst vermutet, daß sie solche
-freien Spaziergänge in Königinnenmaske probierten; Escherich hat es
-gerade von dieser Sorte Käferlarven indessen nicht bestätigen können.
-
-Aber nehmen wir einmal an, andere »Drachen« da drinnen hätten
-es wirklich gemacht. So mußte die Absonderung auch noch eines
-königinhaften Narkotikums durch die verkappten Herren Räuber die
-Situation nochmals ins ganz Tolle weitertreiben.
-
-Die Kneipgelüste der Termitenarbeiter mußten sich nämlich bei
-Begegnungen mit höchstem Eifer auch diesen Räubern zuwenden. Während
-die Scheusale rechts und links in die Schar der kleinen Kneipanten
-im Dunkeln mit Scyllamäulern hineingriffen und nach Herzenslust ihre
-Opfer massakrierten, strömte die Menge selbst ihnen immer begeisterter
-entgegen. Da aber der Kneiptrieb so eng mit dem Füttertrieb hier
-verschwistert war, boten sich die andrängenden Termiten, wenn sie genug
-gekneipt hatten, gar auch noch den fremden Ungeheuern als freundliche
-Fütterer dar, suchten sie zu nähren und zu pflegen wie wahrhaftige
-Königinnen -- sie, die im nächsten Moment stets bereit waren, den
-naiven Fütterer selbst oder irgendeinen seiner Nebenmänner leibhaftig
-samt dem Futtertopf aufzufressen.
-
-Groteskes Bild: Rausch, sorgende Liebe und rücksichtsloser Mord, alles
-bunt durcheinander waltend.
-
-Nun ist aber kein Zweifel, daß gerade diese letzte Station der Dinge
-_wirklich_ existiert.
-
-Gewisse fertige Käfer (also nicht bloß Engerlinge) aus der Gruppe der
-schon genannten Staphyliniden leben genau so im Termitenbau. Sie haben
-Riesenbäuche wie Königinnen, laufen frei zwischen dem Termitenvolk
-herum, schwitzen narkotische Kneipsäfte aus und werden von den
-Termitenarbeitern mit Königinnenfutter genährt. Letzteres lassen sie
-sich schon lange ganz gewohnheitsmäßig gefallen, so daß sich sogar ihre
-Zunge durch Verbreiterung direkt daran angepaßt hat. Und doch sind
-sie ihrem grundlegenden Wesen nach alte Räuber und Termitenfresser
-geblieben nach wie vor!
-
-Einen Moment könnte man ja versucht sein, zu hoffen, das letzte Stück
-dieses ungeheuerlichen Weges sei von selber bestimmt, doch noch wieder
-auf einen Friedenspfad zu führen.
-
-Wenn nämlich jede Termite, die dem Räuber vor den Mund kam, ihn fortan
-freiwillig fütterte, so brauchte er ja schließlich keine mehr zu
-fressen!
-
-Die Beobachtungen sprechen bisher aber gegen diesen letzten Schluß.
-
-Bei den Ameisen, wo ganz ähnliche »lebendige Kneipen« in Gestalt
-kleiner Käferchen vielfältig im Bau gehalten und ebenfalls gefüttert
-werden, haben sich diese zweifelhaften Existenzen doch durchweg
-nebenher noch als arge Räuber auch so erwiesen, und nicht viel
-anders scheint es bei den Termiten zu stehen. Die allgemeine und
-extreme Staatskneiperei, bei der echten Königin anscheinend noch
-eine gemütliche, ja förderliche Zutat, hat eben zur regelrechten
-Drachenzucht in diesem sonst so wohlgeordneten Staat verleitet.
-
-Ob die amüsante Geschichte aus Mutter Naturs Skizzenbuch hier am
-Ende doch noch eine besondere Nutzanwendung hat? »Hingegen soll
-der Branntewein um Mitternacht nicht schädlich sein.« Die Wahrheit
-dieses ehrwürdigen Satzes wird beim Menschen neuerdings bekanntlich
-öfter bestritten. Ob auch in der ewigen Mitternacht des dunklen
-Termitenbaues die Kneiperei, selbst die staatlich konzessionierte, sich
-schließlich doch nicht recht bewährt hat, indem sie zu solchen fatalen
-Extravaganzen führte ...?
-
-
-
-
-Amadinens illuminierte Kinderstube
-
-
-Aus unseren Kinderstuben pflegt uns fürs Leben eine kleine Gespensterei
-nachzufolgen, die unausrottbar fest bleibt. Im Märchen kommt es vor:
-das Kind geht durch den finstern Wald, da funkeln plötzlich aus der
-Dunkelheit ein paar rotglühende Augen. Alle dämonischen Schauer der
-Nacht vereinigen sich in diesem Zuge. Wölfe und Teufel haben solche
-Augen.
-
-Später lernt man dann, daß allerhand Tieraugen wirklich so leuchten,
-gefährliche wie ganz harmlose; Katzen und Eulen sind das bekannteste
-Beispiel, aber der Schmetterlingssammler merkt mit Staunen, wie auch
-die Augen seiner Schwärmer, die abends so wild um Winde und Geißblatt
-gaukeln, aufglühen gleich kleinen brennenden Kohlen, und im Berliner
-Aquarium habe ich das unheimliche Phänomen in seltener Kraft an den
-großen Glotzern der dicken Ochsenfrösche beobachten können. Unheimlich
-bleibt es aber immer.
-
-Wie oft habe ich von schönen und sehr gebildeten Lippen gehört, daß
-die Katzenaugen sich wirklich selber ihr Licht dabei anstecken,
-daß sie irgendwie »phosphoreszieren«, wie die gangbare Meinung es
-den Johanniswürmchen oder den winzigen Erzeugern des herrlichen
-Meerleuchtens zuschreibt.
-
-Von solchen Leuchtkäfern und Leuchtinfusorien weiß man zwar heute, daß
-auch ihr nächtlicher Glanz mit wirklichem Phosphorschein nichts zu
-tun hat, sondern auf gewissen Stoffwechselprodukten dieser Lebewesen
-beruht, die bei ihrer Verbindung mit Sauerstoff Licht hervorbringen.
-Aber es bleibt hier doch wirklich bei »Eigenlicht«, und warum sollte
-also das Katzenauge nicht eine ähnliche Kraft bewähren? Und wenn
-wir von gewissen leuchtenden Fischen, die es in der ewig dunkeln
-Tiefsee gibt, gar hören, daß ihre Leuchtorgane an besondere Nerven
-angeschlossen sind, also willkürlich bald in Kraft gesetzt und bald
-wieder »abgedreht« werden können, so scheint uns auch Frau Kätzin sehr
-deutlich etwas derart zur Verfügung zu haben, denn jeder merkt, wie
-auch ihre Glühäugelchen, wenn sie im Dämmer schleicht, bald aufglänzen,
-bald wieder verlöschen.
-
-Es ist jetzt etwas über hundert Jahre her, daß Prevost zum erstenmal
-die damals für die ganze Medizin und Zoologie nicht nur kühne, sondern
-geradezu ungeheuerliche Behauptung aufstellte, das Leuchten des
-Katzenauges sei nur eine ganz zufällige Reflexerscheinung für den
-Beschauer, die durchaus nichts mit eigener Leuchtkraft oder gar Willkür
-des Tieres selbst zu tun habe. Katzenaugen leuchteten überhaupt niemals
-im absolut Dunkeln, sondern es bedürfe dazu stets eines (wenn auch ganz
-schwachen) einfallenden Dämmerlichtes, das dann vom tiefen Grunde des
-Auges je nach Stellung für den Zuschauer zurückgeworfen (reflektiert)
-würde.
-
-Noch mehr als drei Jahrzehnte später mußte unser damals größter
-deutscher Physiolog, Johannes Müller, diese richtige Deutung gegen
-ernsthafte wissenschaftliche Gegner verteidigen, und es ist amüsant,
-heute seine eigenen Worte darüber zu hören, die zugleich die
-Sinnestäuschungen berühren, denen jeder ungeübte Urteiler bei so
-delikaten Dingen zu unterliegen pflegt.
-
-»Wer,« sagt Müller, »für das Leuchten der Katzenaugen aus Neigung
-eingenommen, dem empfehlen wir, wie wir getan haben, eine Katze in
-einen absolut dunkeln Raum mit sich zu nehmen und sich vom Gegenteil zu
-überzeugen, dabei aber die durch eine schnelle Bewegung unserer eigenen
-Augen und durch Zerrung des Sehnerven entstehende, bloß subjektive
-Lichtempfindung nicht zu verwechseln. Ein neuerer Versuch, den ich mit
-einer Katze in einem absolut dunkeln Raum, in einem Keller der hiesigen
-Anatomie, in Gegenwart mehrerer angestellt, fiel ganz negativ aus. Eine
-Person hielt die Katze. Diese Person wurde von mir im Dunkeln an einen
-Ort gestellt, den die anderen Anwesenden nicht kannten, den sie aber
-wahrnehmen mußten, falls die Katze Licht aus den Augen ausströmte. Alle
-sahen nichts, bis auf einen, dieser wollte zwei feurige Kreise gesehen
-haben. Sogleich ließ ich diesen seinen Arm nach der Gegend ausstrecken,
-wo er die Kreise gesehen haben wollte. Dann wurde die Tür geöffnet,
-und nun zeigte sich, daß der Arm nach der entgegengesetzten Seite von
-derjenigen, wo die Katze gehalten wurde, hinwies, zu nicht geringer
-Belustigung. Offenbar hatte derjenige, der die zwei feurigen Kreise
-sah, seine eigene Empfindung gesehen. Bei rascher Wendung der Augen im
-Dunkeln sieht man wegen Zerrung der Sehnerven sehr leicht zwei feurige
-Kreise, welche nichts als die gesteigerten Empfindungen der Sehnerven
-sind.«
-
-Die Sache wurde aber wissenschaftlich erst ganz sicher, als der
-Nachweis glückte, daß zwar bei Katzen, Eulen und Konsorten das
-Augeninnere besonders gut reflektierte, tatsächlich aber bei richtiger
-Einstellung auch bei jedem beliebigen anderen Auge der Erfolg im Sinne
-der Theorie herausgezaubert werden könne, und zwar schließlich auch
-beim Menschen selbst. Brücke, einer der genialsten Schüler Müllers,
-konnte zum erstenmal zeigen, daß das menschliche Auge, wenn man es
-in dunklem Raum mit einer Blendlaterne bestrahlte und dann einen
-Beobachter an dieser Lichtquelle vorbei hineinblicken ließ, für
-diesen Beobachter leuchtete! Und es war eigenartigerweise ein dritter
-Physiolog ersten Ranges und anderer großer Schüler Johannes Müllers,
-dessen Auge zum erstenmal zu diesem Experiment benutzt wurde, also zum
-erstenmal ein Menschenauge mit »Katzenlicht« zeigen sollte: Emil du
-Bois-Reymond.
-
-Der eigenartige Fund, der jetzt endgültig eine Jahrtausende alte
-Volksmeinung umwarf, ist damals (auf der Wende zu den fünfziger Jahren)
-in Fachkreisen besonders noch berühmt geworden, weil sich an ihn
-unmittelbar einer der größten medizinischen Fortschritte aller Zeiten
-anschloß: nämlich die Erfindung des sogenannten Augenspiegels durch
-Helmholtz -- dieses wunderbaren Apparates, der es dem Arzt fortan
-ermöglichte, ein vollkommenes Bild der Netzhaut am lebendigen Auge zu
-gewinnen. Helmholtz kam einfach darauf, als er seinen Schülern eben
-jene Brückesche Theorie des menschlichen Augenleuchtens in möglichst
-anschaulicher Form vortragen wollte: er konstruierte in Zeit von acht
-Tagen einen kleinen optischen Hilfsapparat dazu, und plötzlich erschien
-etwas noch viel Bedeutsameres als bloß das Katzenleuchten eines
-Menschenauges -- zum erstenmal hatte, wie er selbst berichtet, ein
-Mensch die Freude, eine lebendige menschliche Netzhaut mit all ihren
-verzweigten Blutgefäßen und der Eintrittsstelle des Sehnervs in der
-eigenen natürlichen Vergrößerung durch ihre zugehörige natürliche Linse
-klar vor sich liegen zu sehen.
-
-Hier aber sei nun ein kleiner Sprung erlaubt.
-
-Von den Wundern des Katzen- und Menschenauges wenden wir uns zu einem
-der lieblichsten Schönheitswunder der Natur -- einem kleinen Vögelchen
-von juwelenhafter Herrlichkeit.
-
-Mancher wird es kennen, denn obwohl seine Heimat der ferne
-Eukalyptuswald Australiens ist, sieht man es doch seit Mitte der
-achtziger Jahre nicht selten in unseren Liebhaberkäfigen. Ein altes
-Volksmärchen läßt den lieben Gott, nachdem er alle Tiere hübsch
-angemalt, den Stieglitz noch aus den letzten übriggebliebenen
-Farbkleckschen zusammenstoppeln. Nun, in diesem Sinne möchte man
-vermuten, er habe umgekehrt sein gesamtes Werk mit frischesten Farben
-bei der Amadine, wie das Vöglein heißt, begonnen, denn mit solcher
-genialen Pracht und zugleich doch solcher edlen Einfachheit der
-Pinselführung ist kaum ein zweiter Vogel im großen Erdenatelier bedacht
-worden. Die schönste Abart der sogenannten Frau-Goulds-Amadine, getauft
-nach der Gattin des großen Spezialisten der australischen Vogelwelt,
-Gould, wirkt bei einfachster Gestalt eines kleinen Sperlingsvogels
-durch die Folge ihrer Farben, die in ungetrübter Schöne wie ein vom
-Prisma gebrochenes Lichtspektrum über ihren zierlichen Körper gehen.
-Rücken und Flügel vom durchsichtigsten Grasgrün, das gegen die dunkeln
-Schwanzspitzen in ein zartes Himmelblau verdämmert; am Halse durch ein
-ähnliches Blauband und einen schwarzen Samtstrich davon getrennt, eine
-leuchtend blutrote Kopfkappe, die tief bis über die Wangen herabfällt
-und prachtvoll gegen das Elfenbeinweiß des Schnabels und die schwarze
-Kehle steht; wiederum zu diesem Grün und Rot aber die Brust mit einem
-breiten Felde des unvergleichlichsten Lila, und ganz scharf wieder
-dagegen abgesetzt, aber herrlich in der Farbenharmonie zugleich
-einklingend, der Bauch mit dem sattesten Dottergelb.
-
-Seiner engeren Verwandtschaft nach gehört dieses Farbenwunder zu
-den sogenannten Webefinken, jener Vogelgruppe, zu der unter anderen
-auch der berühmte Siedelweber oder Siedelsperling zählt, eines der
-merkwürdigsten »sozialen Tiere« der Erde. Er lebt nämlich nicht nur
-gesellig in großen Scharen, die ihre Nester dicht gedrängt in den
-gleichen Baum bauen, sondern die Schutzdächer dieser Nester werden
-zu einem gemeinsamen Dach verschmolzen, das, allmählich immer mehr
-verstärkt, zuletzt wie ein ungeheurer Heuschober in den afrikanischen
-Buschbäumen hängt und die darunter liegenden, immer wieder neu
-eingebauten Nesterkolonien gleich einer alten Zyklopenmauer beschirmt,
-in deren Schutz die Generationen eines Dorfs aufwachsen. Solche
-Leistung läßt wohl auf manches Verblüffende auch sonst in dem Liebes-
-und Gesellschaftsleben dieser Vetternschaft der Weber schließen, aber
-was von den Amadinen gerade hier bekannt geworden, das schießt doch im
-eigentlichen Sinne »den Vogel ab«.
-
-Schon seit längerer Zeit war es den Anatomen aufgefallen, daß
-die kleinen, noch nicht flüggen Nestjungen dieser und verwandter
-Prachtfinken (wie der Liebhaber dieses zumeist farbenschöne Völklein im
-ganzen zu benennen pflegt) in ihren »Spatzenecken«, wie der Volksmund
-das wohl bei Menschenkindern bezeichnet, nämlich in den Mund- oder
-Schnabelwinkeln, beiderseitig gewisse dick vorspringende Kugeln
-zeigten. Bei den jungen Frau-Goulds-Amadinen saß jederseits genau ein
-Paar solcher Anhängsel, und jede Kugel war schön blau mit einem dunkeln
-Ring -- eine so auffällige Färbung bei einem solchen Nestling, daß sie
-klärlich irgend etwas Bedeutsames markieren mußte. Wuchs das Junge sich
-aus, so verschwand der ganze Spuk wieder vollkommen -- es mußte sich
-also um etwas handeln, das speziell nur die Kinderstube anging.
-
-Nun, in die Kinderstube des Tieres spielt ja so manches für sich
-hinein. Bald müssen die kleinen Lebensanfänger nach urgegebenem Gesetz
-in ihr noch einmal Züge der Ahnen wiederholen, sozusagen Großvaters
-Maske aufsetzen, ehe sie ihr eignes Gesicht endgültig bekommen.
-Vielfach aber unterliegen sie auch besonderen Anpassungen dort, die nur
-den Nutzzwecken der Kinderstube selbst dienen, gleichsam Wiegen- und
-Windelanpassungen darstellen, wenn man es menschlich ausdrücken soll.
-Sorgsame Beobachtung wies nun nach, daß es sich bei den jungen Amadinen
-um einen Fall der letzteren Art allein handle, aber um einen ganz
-unerwarteten.
-
-Wir alle kennen ein Bild aus dem trauten Leben der Mutter bei uns.
-Es ist tiefe Nacht, alles weithin still und dunkel. Nur in der
-Kinderstube dämmert ein blasser Schein. Dort läßt die treue Mutter
-ein Nachtlichtlein brennen, um sogleich orientiert zu sein, wenn das
-Kleine etwas braucht. Dunkel, immerzu recht dunkel ist es aber auch in
-der Kinderstube solchen niedlichen Webervögelchens, -- in seinem fast
-ganz geschlossenen Webernest. Und wenn der alte Vogel durch die kleine
-Öffnung einfliegt und die hungrigen Kleinen atzen soll, so wäre auch
-ihm wohl zu gönnen, daß er da drinnen ein Nachtlichtchen finden könnte,
-das ihm den Weg zu den sperrenden Schnäbelchen wiese. Es ist aber in
-der Tat dafür gesorgt, daß er es findet!
-
-Sobald er seine Kinderstube besucht, _leuchtet_ es ihm nämlich von
-da drinnen entgegen wie kleine Lämpchen. Und diese Lämpchen sitzen
-sogar höchst sinnreich gerade da, wo sie wirklich am besten auf den
-Weg weisen: nämlich eben in den Schnabelwinkeln der kleinen Schnäbel
-selbst. Es ist, als trage jede Jungamadine dort einige winzige, aber
-vollkommen wirksame Glühbirnen angeheftet, deren Glanz das finstere
-Stübchen illuminiert. Nichts anderes als solche angewachsenen
-Glühbirnen sind eben die bewußten geheimnisvollen Kugeln mit ihrem Blau
--- Leuchtorgane der Nestjungen zur Orientierung des fütternden Vogels
-im finsteren Nest.
-
-Das war nun, als man endlich darauf kam, eine Entdeckung, wie sie
-die Tierkunde selten erlebt hat. Leuchtende Vögel, und zwar zu so
-sinnreichem Zweck!
-
-Auch hier mußte die Frage entstehen: konnte es ein echtes Leuchten
-sein wie bei den Johanniswürmchen oder Tiefseefischen? Prinzipiell
-hätte schließlich nichts im Wege gestanden, daß es selbst das war,
-die Nestjungen hätten dann in ihren Glühbirnen eine echte oxydierende
-Leuchtsubstanz produzieren müssen. Chun, der jüngst verstorbene
-treffliche Leipziger Zoologe, hat nach sorgfältigster Analyse indessen
-anders entschieden.
-
-Amadinens blaue Leuchtkugeln leuchten tatsächlich nach der Methode
-des Katzenauges. Ohne selber Augen zu sein, wirken sie doch als
-raffinierter Reflektierapparat. Sie fangen, konzentrieren und strahlen
-hell zurück die schwachen Stäubchen Dämmerlicht der nicht absolut
-schwarzen Neststube, genau wie das Katzenauge aus der Dämmernacht, die
-uns als vollkommenes Dunkel erscheint, doch noch gleichsam einen roten
-Funken sammelt. Das Wunderbarste aber ist, daß auch dieses reflektierte
-Licht hier in den Dienst eines bestimmten Nutzzweckes tritt. Und
-daß es ausdrücklich in einem besonderen Leuchtorgan nur für diesen
-Zweck erzeugt wird, anstatt nebenbei zu entstehen wie im funkelnden
-Katzenauge!
-
-Das macht Amadinens illuminierte Kinderstube zum Exempel einer
-Lebensleistung, die bisher einzig in ihrer Art ist und mit der
-gleichsam ein neues Kapitel der Naturgeschichte beginnt.
-
-
-
-
-Die Vorfahren des Schmetterlings
-
-
-In dem lieblichen Schöpfungsbilde der Bibel sehen wir, wie die junge
-Erde sich mit allerlei Getier belebt. Vögel schwingen sich in die
-Lüfte, Fisch und Walfisch tummeln sich im Meer, das Vieh geht zur
-Weide, und der Wurm wühlt sich durch den Grund. Aber einen hat der
-Chronist vergessen: den Schmetterling, der über die Blüten gaukelt.
-Wieviel fehlte der irdischen Landschaft, wenn er nicht wäre!
-
-Goethe hat bei Gelegenheit seiner Metamorphose der Pflanzen einmal
-gesagt, der Schmetterling sei selber eigentlich nur eine Blüte, die
-sich eines Tages vom Stengel gelöst habe und frei fortgeflattert sei.
-Er dachte dabei wohl an die wunderbare Wasserpflanze Vallisneria, bei
-der sich die männlichen Blüten in der Tat selbsttätig von den Stielen
-ablösen, um sich durch das Wasser zu den weiblichen tragen zu lassen.
-Aber noch in einem tieferen Sinn hatte er recht.
-
-Die Raupe, die träg im Blattwerk der Pflanze hängt, immer nur auf
-Fressen und Wachsen bedacht und in der Farbe oft grün wie das Blatt,
-das sie verzehrt, hat in ihrem Stande etwas von der Pflanze selbst, die
-bloß erst emporwachsend Sprossen und Blätter treibt. Der Schmetterling
-aber, der aus dieser Raupe durch das Knospenstadium der Puppe eines
-Tages ersteht, gleicht der Blütenbildung an solcher Pflanze. Wie sie,
-tritt er in reifer Entfaltung gleich ganz hervor. Wie sie, lebt er
-wesentlich nur der Liebe. Wie sie, prangt er durchweg in herrlichen
-Formen und Farben. Der Kenner weiß sogar, daß Schmetterlinge nach
-Vanille und anderem Aroma -- lebhaft duften können. Und zum Überfluß
-ist der Schmetterling verknüpft mit dem Leben der Blume. Seit grauen
-Zeiten ist er ihr Liebesbote geworden, der ihr selber unentbehrlich
-ist, den sie mit Näschereien füttert, dem sie ihren Duft und ihre
-Farben entgegenbringt.
-
-Seit grauen Zeiten! Aber auch das Graueste muß zuletzt einmal
-angefangen haben. Auch unser Schmetterling mit all seiner Blumenschöne
-und Blumenliebe muß zuletzt auch einmal auf Erden entstanden sein.
-
-Solange Menschen sich erinnern, war er da, aber das ist doch nur
-eine ganz kurze Zeit. Wir blicken zurück in die wunderbaren Wälder
-der Urwelt, durch die noch kein Menschenschatten mit Menschengröße
-und Menschenqual ging. Und wir sehen im Steinkohlenwald, diesem
-Sumpfforste gigantischer Schachtelhalme und Bärlappe, noch keine
-leiseste Spur eines gaukelnden Schmetterlings. Wohl war das fliegende
-Insekt als solches schon da. Sei es nun, wie die einen wollen, aus
-einem trilobitenhaften Krebs damals hervorgegangen, der sich mit
-schwerfälligem Erstlingsfluge aus einer austrocknenden Pfütze so zur
-nächsten besseren rettete, -- sei es, wie andere vermuten, auf einem
-langen Wege vom Tausendfuß gekommen: genug, es schwirrte, obwohl
-in wirklich noch einigermaßen mühseliger Form, im kleinen unseren
-Aeroplanen von heute noch vergleichbar, die auch vielleicht erst bei
-unseren Enkeln einmal schmetterlingshaft zierlich werden.
-
-Seltsam freilich: in der relativen Größe, an Insektenmaßen selbst
-gemessen, waren diese ersten lebenden »Aeroplane« des Steinkohlensumpfs
-die Riesen ihres Geschlechts. Nie wieder sind Insekten auf Erden
-überhaupt so kolossal geworden. Da flog mit »halbstarrem System«, das
-sich erst nach oben aufrichten, aber noch nicht nach hinten gefaltet
-übereinanderlegen ließ, der Koloß Meganeura, dessen Flügel zusammen
-an dreiviertel Meter spannten. Aber Meganeura war kein Schmetterling,
-näher verwandt war der Riese den heute noch in jener Methode fahrenden
-Libellen.
-
-Lange noch auch in der mittleren Urwelt hat es prachtvolle Flieger aus
-den Kreisen dieser Nichtschmetterlinge gegeben, wenn auch keine ganz so
-kolossalen in der Folge mehr -- so flog noch in der berühmten Lagune
-von Solnhofen zur Jurazeit die herrliche ~Kaligramma Haeckeli~, bei der
-jeder Vorderflügel über 12 Zentimeter maß und auf allen Flügeln riesige
-Kreisflecken wie bei unsern Pfauenaugen standen; sie war keine Libelle,
-sondern eine Nächstverwandte jenes hübschen Insekts, das aus unserm
-allbekannten »Ameisenlöwen« als seiner häßlichen Larve steigt.
-
-All diese Urweltler lehren uns aber nichts über den engeren Werdegang
-unseres Schmetterlings. Überschlagen wir ungeheure geologische
-Zeiträume nach jenen Steinkohlensümpfen und ihren riesigen Meganeuren
-und machen erst wieder halt in jenen viel näheren, obwohl immer noch
-urweltlichen Wäldern der Tertiärzeit, wo der Bernstein als Harzträne
-von den Fichtenstämmen perlte und gerade Spuren des Insektenlebens
-wie in einem Archiv aufbewahrte, so finden wir dort in der Tat schon
-den Schmetterling vollendet. Der niedliche Bläuling gaukelte schon am
-Tage um die Bernsteinbäume, der dicke Schwärmer nahte sich abends den
-Waldblüten. Noch war auch damals die Zahl nicht groß, die grenzenlose
-Prachtentfaltung muß erst in unseren eigenen Tagen liegen; aber die
-Stunde war erfüllt, darüber ist kein Zweifel. Zwischen damals und jenem
-nebelfeuchten Farnwalde von so viel früher muß die Schöpfungsstunde des
-Schmetterlings gelegen haben, da er nicht einzeln wie jeder von heute
-aus seiner Puppe, sondern im ganzen gleichsam aus einem anderen Insekt
-hervorgekrochen war. Was könnte das aber für ein Insekt gewesen sein?
-
-Wir betrachten einen Moment genauer den heutigen Falter, irgendeinen
-Admiral oder Trauermantel des Tals oder den wundervollen Apollo
-der Hochgebirgsmatte, und zweierlei erscheint uns als sein
-Charakteristisches im Gegensatz zu allem sonst vertrauten Insektenvolk.
-Seine Mundwerkzeuge bilden statt harter und roher Beißer eben
-jenen feinen Saugrüssel, mit dem er den Blütennektar nascht. Und
-eben seine blütenhaft bunte Farbenpracht entsteht durch eine Art
-köstlichen Pelzes, dessen schuppenförmigen Haare lose in dem zugrunde
-liegenden nackten Glasflügel wurzeln. In der Herkunft dieser beiden
-Besonderheiten muß das Geheimnis der Schmetterlingsherkunft stecken.
-Hier mag uns aber ein kleines Erlebnis bedeutsam werden, das wohl ein
-jeder von uns einmal durchgemacht hat.
-
-Wir haben als Kinder im flachen Schilfgrund gegründelt oder das
-angeschwemmte Genist des Ufers zerteilt. Da geriet uns ein sonderbares
-kleines Futteral aus zäh verknüpften Rohrstückchen, Sandkörnchen oder
-gar Schneckenhäuschen in die Hand, das wir nicht zu deuten wußten.
-Indem wir es aber drückten, schaute vorne ein unwillig gestörter
-häßlicher Kopf vor: in der Hülse wohnte als ihr Verfertiger ein langer
-wurmhafter Geselle. Das jetzt aber war kein echter Wurm, sondern auch
-eine Insektenlarve, entsprechend dem Raupenstande beim Schmetterling.
-Köcherfliege oder Köcherjungfrau heißt das fertige Insekt, das später
-aus ihr hervorgeht, ein Flügelinsekt, das auf sehr viel gelenkigerem,
-schon hinterwärts kunstvoll zusammenfaltbarem Luftschiff dahinfahren
-wird, als es etwa eine Libelle besitzt. Aber bezeichnenderweise wird
-solche Köcherjungfrau auch »Wassermotte« genannt. Wirklich trägt sie,
-einzig unter allen nicht schmetterlingshaften Insekten der Jetztzeit,
-auch auf ihren Flügelchen einen deutlichen bunten Pelzbesatz, obwohl
-von etwas primitiverem Haarstande. Und ebenso erscheint auch ihr
-kleiner Mund verkümmert zum derben Beißen, er bietet bereits den
-deutlichen Anfang eines zarten Blütensaugers. Wie ein Doppelgänger
-taucht dieses Wasserkind neben dem Schmetterling auf, eine leichte
-Bleistiftskizze gleichsam zu dem dort glänzend vollendeten Kunstwerk.
-
-Schon früh ist es also denkenden Beobachtern aufgeblitzt: hier müsse
-noch etwas bis heute fortleben aus dem ursprünglichen Werdegang des
-Schmetterlings, und, einmal angeschlagen, hat das dann zu einem weiten
-Gewebe der Möglichkeiten gelockt.
-
-Jene Köcherfliegen oder Phryganeiden verknüpfen sich selber heute
-ziemlich ersichtlich noch mit einem anderen Insektengeschlecht. Das
-sind die sogenannten Skorpionfliegen oder Panorpaten. Sie führen
-keinen Flügelpelz und keinen sanften Honigheber. Ein wildes Räubervolk
-sind sie, mit einem bösen Beißschnabel, der unerbittlich über anderes
-Insektenvolk herfällt; die bekannteste Sorte führt beim Männchen
-hinten eine zum Rücken umgeschlagene Zange, die an den gefürchteten
-Stachel des Skorpions gemahnt. Zweifellos ist solche Skorpionfliege
-ein niedrigeres und altertümlicheres Insekt, zugleich aber deuten
-mancherlei Indizien darauf, daß gerade sie einst die Ahnfrau der
-schon viel feiner organisierten Köcherjungfrau war. Skorpionfliege,
-Köcherjungfrau, Schmetterling -- hier lebte also heute noch etwas wie
-der Schatten eines Stammbaumes ...
-
-Gehen wir damit aber wieder in die Urwelt selber zurück. Da ist es
-nun sehr interessant jetzt, daß die Skorpionfliegen gar sehr eines
-beträchtlich hohen Alters verdächtig sind. Sie tauchen in zahlreichen
-unmittelbaren Resten (Abdrücken von Flügeln) etwas vor der Mitte
-zwischen jenen schmetterlingsleeren Steinkohlensümpfen und den schon
-von Schmetterlingen besuchten Bernsteinforsten auf: zu Anfang der vom
-Ichthyosaurus allbekannten Jurazeit. Feine Indizien aber verknüpfen
-sie dort wieder rückwärts noch bis zu den wirklichen Urinsekten des
-Steinkohlensumpfes selbst, so daß man wohl annehmen darf, sie mit
-ihren bis heute ja noch so viel roheren Beißorganen sind ursprünglich
-doch auch von dort hergekommen. Nun aber sehen wir des weiteren
-etwas geradezu verblüffend an jenen geahnten höheren Stammbaum auch
-urweltlich Anschließendes.
-
-Schon in den Gesteinsschichten jenes untersten Jura finden sich neben
-den deutlichen Flügeln von Skorpionfliegen auch bereits einzelne Flügel
-noch erkennbar abgeprägt, die heutigen Flügeln der Köcherjungfrau
-gleichen. Und schon im mittleren und oberen Jura gesellen sich dazu
-einzelne noch weitere Flügel, die jetzt gar schon stark an den echten
-Schmetterlingsflügel von heute gemahnen. An sehr verschiedenen Orten
-ist man bisher auf diesen ersten Schatten des Urschmetterlings
-gestoßen: in England, in Sibirien und im berühmten lithographischen
-Kalkstein von Solnhofen in Franken. Im letzteren hatte man allerdings
-lange die Abdrücke von Holzwespen mit Schmetterlingen verwechselt,
-aber nachdem dieser Irrtum erledigt war, gab es doch auch echte
-Schmetterlingsflügel dort. Und da scheint nur ein schlichter Schluß
-möglich.
-
-Schon zu Anfang der Jurazeit hatte sich ein Teil der alten
-Skorpionfliegen in Köcherjungfrauen verwandelt, und im Verlauf der
-Juraperiode dann gingen wieder aus einem Teil der Köcherjungfrauen
-die echten Schmetterlinge hervor. Immer wandelte sich nur ein Teil,
-wohlbemerkt, denn es leben ja heute neben den Schmetterlingen auch noch
-(allerdings wenige) Skorpionfliegen und ein gut Teil Köcherjungfrauen
-fort; das ist die alte Sache wie fast immer im Stammbaum; neben dem
-Neffen lebt der Onkel auch noch weiter. Indessen ist hier noch eine
-Erwägung nötig, die zugleich das Bild des Hergangs noch farbiger macht.
-
-Frühlingsfliege sowohl wie noch viel vollkommener der Schmetterling
-selbst besitzen heute durchweg einen reinen Blütensaugapparat. Dazu
-aber sind höhere Blüten nach Art unserer heutigen von Insekten
-besuchten nötig.
-
-Nun hat es aber solche Blüten in jener Juraperiode noch gar nicht
-gegeben, sie entstanden erst in der folgenden Kreidezeit, die noch
-zwischen den Jurawäldern und dem Bernsteinforst liegt.
-
-Wir müssen also annehmen, daß, der Not der Zeit gehorchend, auch
-die erst erstandenen Köcherjungfrauen der Jurazeit noch beißende
-Mundwerkzeuge gleich den älteren Insekten besaßen.
-
-Auf dieser Stufe aber müssen zunächst doch die Flügel bei einem Teil
-ihres Urvölkleins schon mehr oder minder schmetterlingshaft geworden
-sein, so daß man mit einigem Recht schon von diesen Vertretern
-damals hätte sagen können, es waren bereits Schmetterlinge, doch
-Schmetterlinge auch noch mit beißenden Kiefern ohne Honigrüssel.
-
-Es ist dabei wieder interessant zu bemerken, daß noch heute einige
-wenige Schmetterlinge uns lebend beinahe noch diese Urstufe vor Augen
-bringen; so hat der primitivste aller lebenden Schmetterlinge, von
-dem die Art ~Micropteryx~ oder ~Eriocephalus Calthella~ bei uns in
-Europa vorkommt, noch regelrechte kauende Mundteile mit wohlerhaltenem
-Oberkiefer anstatt des Saugrüssels.
-
-Und erst in der Kreidezeit selber werden wir dann annehmen dürfen,
-daß sowohl die echt verbleibenden Köcherjungfrauen wie die Partei der
-schon werdenden Schmetterlingsflügler unter ihnen fast auf der ganzen
-Linie sich wirklich den entstehenden Blumen (und die Blumen ihnen)
-auch im Mundbau anschlossen, womit für den Schmetterling erst das
-ganz Ätherische, vom Brutalen Abgelöste seines endgültigen Schicksals
-gegeben war.
-
-Nachdem zuerst in der langsam prägenden Urweltshand sein farbenfroher
-Flügel sorgsam fertiggestellt worden war, folgte jetzt der Honigmund.
-
-Und so ist er bereits in den sonnendurchhellten Bernsteinwald
-eingeschwebt, so ist er als lieblichstes Schöpfungsmärchen
-heraufgegaukelt bis zu uns.
-
-
-
-
-Der Kampf um den Maulwurf
-
- Da liegt der schwarze Bösewicht
- Und wühlte gern und kann doch nicht,
- Denn hinderlich, wie überall,
- Ist hier der eigne Todesfall.
-
-
-Diese klassischen Worte Wilhelm Buschs charakterisieren den Kampf _mit_
-dem Maulwurf.
-
-Wenn es aber eine ausgleichende Gerechtigkeit in dieser zweideutigen
-Welt gibt, so hat sie offensichtlich zur Sühne uns Menschen den Kampf
-_um_ den Maulwurf auferlegt.
-
-Unsere Menschheit fängt gegenwärtig an, so ungeheuer klug zu werden,
-daß man fast mit einigen Ängsten an das Wort denkt, daß allzukluge
-Kinder nicht alt werden. Wir wissen, was für Stoffe in den Sonnen des
-Andromedanebels glühen, wir erzählen uns, daß der Lichtdruck Tröpfchen
-von 0,00016 Millimeter Durchmesser bewegt und daß auf jedes solcher
-Tröpfchen 96 Millionen Moleküle gehen, und wir werden demnächst wohl
-über den Gaurisankar fliegen ... in solchen Momenten ist es aber
-nützlich und spricht doch für eine etwas längere Lebensdauer, daß wir
-noch immer nicht genau die Geheimnisse des Maulwurfshaufens kennen.
-
-In einer geordneten und sozusagen approbierten Wissenschaft ist der
-Maulwurf trotz seines blauen Fellchens immerzu bis heute der roteste
-Revolutionär.
-
-Mit seinem heimischen Genossen, dem Igel, hat er im System so lange
-rumort, bis man ihm und seinen Vettern glücklich eine ganze eigene
-Säugetierordnung hat einräumen müssen, die der »Insektenfresser«,
-deren Name besonders gut auf den Maulwurf paßt, indem er nämlich
-hauptsächlich Regenwürmer, die bekanntlich keine Insekten sind, frißt.
-
-Auch dann aber noch sind mit ihm immerfort ärgerliche, wie Fontane
-sagen würde: genierliche Sachen passiert.
-
-Das ganze so sehr zu preisende neunzehnte Jahrhundert hindurch ist
-eine (immer dieselbe) Abbildung seiner unterirdischen Burg durch alle
-Fachwerke gegangen, die nach Ansicht neuester Kritiker nur den einen
-Fehler hatte, daß sie mindestens als Regel verkehrt war. Auch mußte
-gerade bei ihm der doch gewiß nicht alltägliche Fall sich ereignen, daß
-die Anatomen eine Zeitlang die Weibchen mit den Männchen verwechselten,
-eine mindestens unhöfliche Geschichte. Doch der eigentliche »Fall
-Maulwurf« beginnt erst mit einer dritten Situation, nämlich bei der
-Frage, ob er ein Racker oder ein Engel in seinem Verhältnis zu uns sei.
-
-In der besagten hübschen Geschichte bei dem stets unparteiisch
-warmherzigen Altmeister Busch setzt der brave Gärtner sich bei dem
-vernichtenden Schaufelstoß gegen den Mull zugleich hinterrücks in
-die Spitzen der Gartenharke. Und das ist gewissermaßen ein Symbol
-der Maulwurfsfrage im ganzen. So leicht wir den kleinen Samtkerl
-hochprellen und aufs rote Näschen hauen können -- dieses rote
-Näschen, das ein so unfaßbar feiner Fühlapparat für die leisesten
-Zitterbewegungen des Erdreichs ist, daß man es schon ernstlich unseren
-großen menschlichen Seismographen oder Erdbebenmessern vergleichen
-möchte --: das Problem ist, inwieweit wir uns dabei alle miteinander
-dauernd auf eine Gartenharke in unserer Kultur setzen könnten, die uns
-tückisch ins gegenseitige Fleisch sticht.
-
-Der Bauer, das »Volk« überhaupt, ist seit alters der zähen Meinung,
-daß der Maulwurf ein unleidlicher Schädling sei. Die Dorfgemeinden
-stellten, wie Kreuzotterfänger, so besondere Maulwurfsfänger an,
-in manchen Gegenden »Schärmäuser« genannt nach dem süddeutschen
-Maulwurfsnamen »Schärmaus«, der auf ~scero~ zurückgeht und mit dem
-Anschluß an die Maus deutlich schon das Böse hineinschmuggelt; denn was
-eine echte Maus ist, ist immer ein Unnutz.
-
-Wer nun Volkesstimme ohne weiteres in der Naturgeschichte für
-Gottesstimme zu halten geneigt ist, der wird darin einen vollgültigen
-Beweis sehen, und das Volk hat ja gewiß so manche alte Weisheit, von
-der auch Forscher noch lernen können. Aber daneben flattern durch die
-Volksnaturgeschichte auch ebenso sicher allerhand Gespenster. Der
-Bauer, der die Fledermaus für ein verderbliches Scheusal hält, das
-in die Haare fliegt und ihm im Schornstein den Speck wegfrißt, oder
-der die nützliche Eule als Unhold übers Scheunentor nagelt, wird uns
-schwerlich für den Nutzen und Schaden des Mulls, wenn er ihn für eine
-wurzelfressende Maus hält, kompetent sein können.
-
-Die erste Tat des Forschers war also auch der Nachweis, daß unser Mull
-kein Nagergebiß habe, sondern ein Raubtiergebiß, das in seiner Weise
-sogar das der echten Raubtiere noch übertrumpfe und jedenfalls, wie es
-im Märchen heißt, in seinem Reich »Vieh und Leut« fresse, aber nicht
-Rüben.
-
-Wie alles Wissenschaftliche auch immer einmal wieder angezweifelt zu
-werden pflegt (an sich kein Schaden!), so hat man diese Räubernatur
-gelegentlich zwar bestritten, aber ohne Glück. Wollte doch gar einer
-(wie Meister Heck im neuen Brehm erzählt) den leibhaftigen Maulwurf
-gesehen haben, wie der niederträchtige Kerl halb aus seinem Loch vorkam
-und ein Rübenblatt nach dem anderen abknabberte. Hier aber möchte man
-wohl den alten Satz anwenden: es hat einer manches gesehen, und es
-ist doch nicht wahr. Mit einer Einzelbeobachtung auf falscher Fährte
-kann man auch beweisen, daß der Hund Gras fresse, und ein so famoser
-Beobachter wie der alte Adolf Müller hat allen Ernstes einmal sogar den
-Kuckuck brüten »sehen«.
-
-Wenn aber unser Mull wirklich ein »Tierfresser« ist, so scheint doch
-seine Nützlichkeit erwiesen; denn was soll er in seinen unterirdischen
-Labyrinthen, wo er das Erdreich auf wahren Atlasschultern im kleinen
-trägt und wälzt, anders fressen als wirkliche Schädlinge des Landmanns,
--- mit den bösesten, den Engerlingen, voran?
-
-Indessen hier kamen die Gärtner und verwiesen auf den »Wühler«.
-
-Was er schließlich fresse oder nicht fresse, das sei das ganz
-Nebensächliche. Aber mit seinem unterirdischen Pflügen und
-oberirdischen Bergbauen kreuze er immerfort das Werk des Menschen
-an den Stellen, wo die Erde ein Schmuck -- etwa in einer prächtigen
-Parkwiesenfläche -- und nicht ein schmutziges Bergwerk mit Stollen und
-Halden sein solle. Gerade hier aber war nun wieder und erst recht etwas
-auch nach der anderen Seite Hochbedeutsames angeschlagen.
-
-Für die schöne Außenseite des Parks, dessen Ideal eine smaragdene
-Grasfläche ohne Makel ist, oder im Beet mit seinem kleinen
-Pflanzenvolk, das in der Wurzel nicht gelockert sein will, mag der
-Bergmann im Samtröcklein verpönt bleiben. Aber wir verdammen doch nicht
-in Bausch und Bogen unseren menschlichen Grubenbetrieb bloß deshalb,
-weil es nicht hübsch wäre, wenn er vermöge deplacierter Wahl seines
-Arbeitsfeldes die Peterskirche zum Einsturz brächte oder den Berliner
-Tiergarten mit schmutzigem Schutt durchsetzte. Gerade als Bergarbeiter
-ist unser Maulwurf wirklich noch etwas ganz anderes als bloß ein
-Fresser und Nutzfresser, und dieses andere scheint zunächst erst seinen
-_eigentlichen_ Wert zu berühren.
-
-Mit kurzem Wort gesagt: der Maulwurf gehört hier zu den »geologischen
-Tieren«.
-
-Geologische Tiere sind Tiere, die nicht bloß auf der gegebenen
-Erdscholle leben, lieben und herumfahren, sondern es sind solche, die
-an der Bildung und Umbildung unserer Erdrinde selber aktiven Anteil
-nehmen, also im recht eigentlichen Sinne »geologisch« für jene anderen
-mit wirksam sind.
-
-Tiere dieser Art hat es seit den ältesten Tagen der Erdgeschichte
-immer wieder in Masse gegeben, und durchweg war ihre Arbeit von der
-allergrößten Bedeutung.
-
-Die Korallentiere gehörten dazu, die schon in der Urwelt Kalkriffe
-gebaut haben, deren Ruinen jetzt hohe Berge bilden, und die heute
-noch im Stillen Ozean die Umrisse längst versunkener Inseln in zähem
-Konservativismus durch ihre aufgesetzten Mauern erhalten, als sei alle
-geologische Elementarbeit zu schwach, ihre eigenen und eigensinnigen
-Wege zu hemmen.
-
-Nicht alle »geologischen Tiere« aber bauen selber in Korallenweise
-neuen Grund. Andere verarbeiten nur das Vorhandene -- gerade das aber
-kann wieder für dritte, gleichsam bloß genießende Wesen erst recht
-von höchstem Nutzen sein. Sie arbeiten mit an der Umwandlung der
-ursprünglich mehr oder minder starren Gesteinsrinde unseres Planeten
-in eine dem übrigen Leben, vor allem dem Pflanzenleben brauchbare
-Erdkrume. In der vorhandenen Krume lockern und lüften, karren und
-fahren und bewässern sie unablässig, als wären sie selber angestellte
-Gärtner und Bauern im Dienste des großen Naturparks oben, ohne Wissen
-natürlich von dem Nutzen im irdischen Gesamtspiel, bloß auf ihren
-eigenen Gewinn bedacht, aber durch die Verkettung der Dinge immerfort
-ein reger Faktor von höchstem Wert für alles, was mit Wohl und Weh des
-großen Erdengartens zusammenhängt.
-
-Und auf diesem letzteren Felde schafft nun auch der Maulwurf.
-
-Mit seinem Wühlen und Hochstoßen durchlüftet er den Grund und
-Boden aufs glücklichste und schafft auch der Feuchtigkeit besseren
-Eingang, so daß er überall da, wo es nicht auf das schöne Aussehen
-der Oberfläche oder eine sehr zarte Kultur ankommt, ein unentwegter
-Förderer des Pflanzenwuchses wird, dessen sich auch der Mensch in
-unzähligen Fällen freuen muß. Das hat schon der alte Tierkundige Gesner
-im sechzehnten Jahrhundert geahnt, wenn er sagte: »Ich hab von etlichen
-bauleuthen vernommen, daß sie kein Schärmauß auß den wisen oder matten
-schlagen, vermeinen, der boden in den wisen müsse also gleich wol unten
-erbauwen werden als das väld mit dem Pflug.«
-
-Nimmt man nun hinzu, daß der unterirdische kleine Pflüger zugleich aus
-jeder Furche, die er ritzt, die wirklichen Pflanzenverderber, wie den
-bösen Engerling, absucht und vertilgt, so meint man, es könne nicht
-leicht einen braveren Helfer für uns geben.
-
-Aber der wahre Naturhaushalt ist ein verwickeltes Ding -- immer noch
-wieder um ein Geheimfach verwickelter, als wir auf rascher Suche ahnen.
-
-Eben als solches »geologisches Tier« kommt unser Mull auf seiner
-unterirdischen Jagd nämlich in Konflikt mit einem anderen »geologischen
-Tier«, das jetzt als solches _noch_ weit nützlicher für das
-Pflanzenleben und damit für uns ist -- mit dem wirksamsten und zugleich
-nützlichsten, das es von echten Tieren da unten in der Scholle
-überhaupt gibt -- nämlich mit dem Regenwurm.
-
-Hoch klingt heute das Lied vom Regenwurm in unserer Bodenkultur.
-Der alte Darwin, den die meisten nur von seiner Abstammungstheorie
-kennen, der in Wahrheit aber auch hunderterlei anderes in unsagbarem
-Beobachterfleiß ergründet hat, ist zuerst sein Prophet geworden.
-
-Der Regenwurm treibt zunächst ganz das gleiche als praktischer Geologe
-wie der Maulwurf, bloß noch gründlicher und weniger stürmisch. Er
-lockert den Boden, durchsetzt ihn mit senkrechten Röhrchen, die
-den Pflanzenwurzeln erwünschten Raum bieten, er durchlüftet und
-durchfeuchtet ihn, läßt das Wasser und die Kohlensäure auch an die
-tieferen Schichten heran.
-
-Aber noch unvergleichlich viel mehr tut er als der Maulwurf. Indem er
-in der bekannten Weise welkes Laub in seine Erdhöhlen zieht, düngt er
-regelrecht auch den Grund, in dem er lebt. In der harten Erde weiß er
-aber dieses Düngens noch einen praktischeren Weg.
-
-Wie der Märchenjunge im Breiberg frißt er sich durch diese Erde einfach
-durch, indem er sie aufweicht, in sich aufnimmt und die innerlich
-verarbeitete dann oben auf der Decke in natürlicher Weise wieder
-absetzt. Nicht ganz im Rahmen parlamentarischer Redeformen tut er das,
-aber nützlich, unendlich nützlich für die Güte und Ertragskraft des
-Bodens!
-
-Geradeso entsteht erst die allerfeinste, weichste Pflanzenerde.
-Zugleich wird das Erdreich unablässig von oben nach unten gearbeitet.
-Der Wiesenboden oben wird beständig erneuert, er glättet sich, da auf
-die Dauer jeder störende Stein bei dieser konsequenten Umkrempelung in
-die Tiefe absinken muß, ja zuletzt sind diese armen Würmer im Lauf
-der Jahrtausende regelrechte Erdbaumeister, die das ganze Bild da oben
-bestimmen, die begraben und versenken und überschütten, den Granitblock
-wie die gefallene Tempelsäule. Immer aber bleibt ihr Geschenk an uns
-die köstliche Erdkrume in vollendetster Gestalt.
-
-Ja wohl nun: der Maulwurf frißt Engerlinge und andere Schädlinge, aber
-viel mehr noch und zumeist frißt er eben diese seine geologischen
-Mitarbeiter, die Regenwürmer!
-
-Seine wie ein unterirdisches Spinnennetz ausgebreiteten Labyrinthgänge
-pflegen gerade so zu liegen, daß die Würmer sie bei ihrem Tagewerk
-immerfort durchschneiden müssen, wobei sie dann wie die Fliegen unter
-das Messergebiß des kleinen Minotaurus fallen, während die Engerlinge
-nur gelegentlich einmal hineingeraten. Unglaubliche Massen von Würmern
-werden so vertilgt. Und der barbarische Zyklop kerkert sich sogar ganze
-Wintervorräte lebender Wurmopfer ein, deren ein sicherster neuerer
-Beobachter, Dahl, in einem einzigen Maulwurfsbau 1280 Stück in einem
-Gewicht von 2,13 Kilogramm gefunden hat. Und so sänke der Kurs des
-Maulwurfs abermals.
-
-Mancher ausgezeichnete moderne Tierkundige ist da wieder ganz und gar
-zum Zweifler geworden. Der treffliche Züricher Nutztierforscher Conrad
-Keller möchte schon die alten Schärmäuser bei den Flurkommissionen
-wieder anerkannt sehen, und auch Heck hat wenigstens seine Bedenken.
-Ich aber meine, es langt noch wieder nicht zum hochnotpeinlichen
-Beschluß.
-
-Zunächst ist die Zahl der Regenwürmer derartig Legion, daß das
-Dezimieren im Einzelfall meines Erachtens gar keine Rolle spielt --
-abgesehen davon, daß im Einzelfall ihrer auch in einer Kultur zu viele
-werden können, also ein gewisses natürliches »Abschießen« sogar eher
-nützt. Eine Rechnung von Hensen setzt auf ein Hektar Gartenland mehr
-als 100000 Würmer an, das gibt 130 Kilo Fleisch. (Schade, daß wir uns
-nicht daran gewöhnt haben, Regenwürmer zu essen. Oder sollten wir nicht
-einmal ... wer fängt an?) Auf dieses arbeitende Stück Geologie sind
-jetzt seit etwa drei Millionen Jahren (diese Insektenfresser reichen
-sehr wahrscheinlich bis in den Ausgang der Kreidezeit zurück) die
-Maulwürfe gehetzt, und doch ist die Zahl und auch offensichtliche Macht
-der Würmer heute noch in solchem Flor. Aller Vermutung nach wird die
-Sache also darauf hinauslaufen, daß im bestehenden, von Menschenhand
-nicht veränderten Naturhaushalt die Massenproduktion des Regenwurms
-auch den Maulwurf noch erträgt.
-
-Vielleicht, wenn man an darwinistische Anpassungen denken will, hat
-sie sich im Laufe der Zeiten unmittelbar auf eine Überproduktion
-eingestellt, die den dort entfallenden Abzug im Gesamtspiel schon
-gleichsam vorsorgend ersetzt; bei einer Menge von Tieren, wo zum
-Beispiel die Jungen stark bedroht sind, glaubt man ja ganz deutlich
-solche Regulierung wahrzunehmen, die sich in einer ungeheuren
-Überproduktion von Jungen kundgibt auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß
-von unzähligen doch nur so und so viele erhalten bleiben -- wobei aber
-diese »so und so vielen« vollauf zur Erhaltung der Art genügen. Auf der
-anderen Seite ersetzt aber der Maulwurf durch seine eigene nützliche
-geologische Arbeit selbsttätig wohl auch noch das, was eventuell dort
-bei den Regenwürmern als Manko durch ihn ausfallen könnte. Und so
-rückte sich dieses Konto doch wieder wenigstens ins Reine, wenn auch
-ohne Überschuß. Darüber hinaus aber vertilgt der gleiche Maulwurf nun
-doch _auch_ Engerlinge und andere Schädlinge, und hier beginnt also
-wieder sein positiver Nutzen, wenn der auch vielleicht nicht so groß
-ist, wie man im Überschwang der ersten Entdeckung geglaubt hatte.
-
-Das Fazit ist einfach.
-
-Man wird unseren Mull nicht verfolgen (abgesehen von feiner
-Schmuckkultur im Garten) wegen seiner Wühlarbeit, denn die ist nützlich.
-
-Man wird ihn nicht verfolgen wegen seiner Nahrungsweise, denn die ist
-zum Teil auch nützlich, zum Teil indifferent.
-
-Man wird ihn vielleicht nicht eben fördern, sondern den gegebenen
-Naturhaushalt an dieser Ecke möglichst lassen, wie er ist.
-
-Aber ganz gewiß wird man nicht zulassen, daß er willkürlich ausgerottet
-werde -- zumal heute nicht aus Motiven, die etwa gar überhaupt mit
-Landwirtschaft nichts zu tun haben, die aber, wenn sie irgendein armes
-Vieh erreichen, prompter das ganze Geschlecht zu bedrohen pflegen
-als alle Schärmäuser von ehemals die Mulle oder alle Mulle von je
-die Regenwürmer -- also zum Beispiel Verwertung des Fells für einen
-Modezweck; der Versuch ist bei unserem Mull schon gemacht worden,
-hat sich aber zunächst wieder zum Glück etwas verzogen, da das arme
-Samtfellchen nicht genug brachte.
-
-Hier käme vor allem auch der allgemeine Heimatschutz in Frage, dem der
-Mull doch _auch_ gehört und der verhindern muß, daß wir ein heimisches
-Geschöpf verlieren, von dem zweifellos noch eine Menge zu lernen ist
-und das sicherlich zu den eigenartigsten unseres Landes, ja unseres
-ganzen Planeten gehört.
-
-
-
-
-Das unheimliche Gila-Tier
-
-
-Durch die Wüsten des Mondes, diese vollkommenen Wüsten, über denen
-nicht einmal bläuliche Luft zittert und spiegelt, in denen nicht einmal
-ein ausgetrocknetes, versandetes Flußbett von alten Wassern zeugt,
-auf denen nicht einmal eine gespenstische Riesenwüstenpflanze wie die
-Welwitschia unserer Kalahari kriecht -- durch diese Öden ziehen sich
-ungeheure Spalten, die sogenannten Rillen. Bald schnurgerade, bald in
-scharfem Zickzack durchqueren sie weite, weite Strecken des Mondlandes.
-Sie sind keine Stromläufe, keine künstlichen Kanäle. Ja, was sind sie?
-Niemand weiß es genau. Vielleicht ist die Mondrinde hier geplatzt in
-den letzten Zuckungen des Mondinnern. Vielleicht haben die furchtbaren
-Kontraste von nicht abgeblendeter Sonnenglut und eisiger Weltraumkälte
-das Gestein zerbersten lassen. Eine ungelöste Frage da oben, wie so
-viele.
-
-Gewiß aber ist, daß es nur eine einzige Landschaft auf unserer Erde
-gibt, die äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit zeigt mit einer solchen
-Rillengegend des Mondes: das ist das Wunderland von Arizona in
-Nordamerika mit seinen berühmten Cañons, den »Röhren«, wie sie der
-Spanier nennt.
-
-Auch hier senken sich in einem wild zerfressenen, vielfach mondhaften
-Wüstenplateau noch einmal besondere Spaltenabgründe in die Tiefe,
-wahre »Rillen«, deren größte bei sechzig Meilen Länge sich bis
-zweitausend Meter tief in den untersten Fels einschneidet, einen
-exakten Querschnitt durch die ganzen älteren geologischen Schichten der
-Erdrinde bis zu den entlegensten hinab eröffnend.
-
-Gern möchte man auch bei solchem Cañon an furchtbare revolutionäre
-Ereignisse dieser Erdrinde denken, die sie so bis ins Herz hier
-zerrissen. Aber wir wissen, daß es ein viel unscheinbarerer
-Titan gewesen ist, der diesmal seine Macht bewährt hat, nämlich
-wühlendes Wasser, das sich langsam, langsam in den Block des großen
-Wüstenplateaus eingefressen und die Cañonrillen eingetieft hat --
-die gleiche Macht also zuletzt, die nach einem einfachen Regen das
-Sandhäufchen eines Kinderspielplatzes mit kleinen Furchen durchzieht.
-Kleinste Wirkung, größter Erfolg!
-
-In diesem wilden Lande, diesem Stück Mond auf Erden, aber lebt das
-Gila-Tier, das unheimliche, das verdächtige, wie der Naturforscher es
-genannt hat, seit sich von ihm eine bedenkliche Kunde verbreitet hatte.
-
-Wenn in stiller Nacht das Silberlicht des wirklichen Mondes um den Rand
-einer solchen Arizonarille fließt, in deren schwarzem Grunde tief, tief
-unten unsichtbar der Coloradostrom geht, so möchte man von Ungeheuern
-träumen, die sich diesen Höllenschlund zur Höhle gewählt. Die alten
-Riesensaurier möchte man noch einmal aus den zernagten Schichten des
-Urweltgesteins hervorkriechen sehen. Aber sie lagen schon längst
-eingesargt in ähnlichem Fels, als auch nur der erste Spatenstich
-des wühlenden Wassertitanen einsetzte, der diese zweitausend Meter
-aushöhlen sollte.
-
-Man muß sich von dem Mondzauber in eine andere, uns sehr viel nähere,
-obwohl auch höchst seltsame Geschichtszeit verzaubern lassen, um auf
-die erste Kunde vom wirklichen Monstrum dieser Arizonawüsten zu kommen.
-
-An Arizona grenzt nach Süden Mexiko. Vor rund vierhundert Jahren war's,
-bei den alten Mexikanern. Von ihnen vernimmt man zum erstenmal einen
-Namen für das geheimnisvolle Tier des Cañonlandes, das auch bis in ihr
-Landgebiet hinüberkroch: Tola-Chini.
-
-Sagendunst aber wob sich seither immer erneut darum.
-
-Tatsächlich eine Art Drachensage.
-
-Wenn es auch kein Drache in der Größe sein sollte, so doch einer in
-der Gefährlichkeit. Ein »männermordendes« Tier, würde der alte Homer
-gesagt haben. Die späteren Arizonakolonisten tauften es nach dem Ödland
-im Bereich des Nebenflusses des Colorado, des bald ganz vertrocknendem
-bald zu Hochwassern schwellenden Wüstenstroms Gila, das »Gila-Tier«.
-
-Und wie dieser Strom, so stiegen und versiegten auch bei ihnen immer
-wieder abwechselnd die Nachrichten und Legenden über den unheimlichen
-Gast der unheimlichsten Gegend, bis endlich ganz langsam in neuerer
-Zeit die Forschung, der vor keinem Gespenst graute, auch hier sozusagen
-polizeilich feststellen durfte, um was für einen »Bauernschreck« es
-sich denn eigentlich handle.
-
-Das Gila-Tier existierte tatsächlich. Und es war ein Reptil, also
-immerhin verschwägert mit den alten Drachen. Eine ziemlich ansehnliche,
-bald meterlange Eidechse steckte hinter ihm -- eine Eidechse aber, die
-sich -- das war das erste Merkwürdige, das sofort auffiel -- ausgespart
-wie ein ganz himmelweit anderes Tier trug, das auch genügend von je der
-Sage Stoff geboten, nämlich wie ein Feuersalamander.
-
-Wer an Mimikry glaubte, der mußte annehmen, hier mache eine Eidechse
-einfach bis zur vollendetsten Täuschung den Salamander nach.
-
-Ein solcher Molch hat eine feuchte, schlüpfrige, kellerhafte Nacktheit,
-sein Leib gleicht einem feisten Wurm, den vier winzige Beinchen
-nur mühsam dahinschleppen, Warzen und Pusteln bedecken seine Haut,
-dazwischen aber liegen auf ihrer schwarzen Negernacktheit hochgelbe
-oder rötliche Flecken wie brennende Striemen auf.
-
-Dagegen ist das Sonnenkind Eidechse durchweg ein feiner, schlanker
-Ritter im zierlichsten Schuppenhemd, der in allerlei trockener und
-sauberer Buntheit und schönen Ornamenten zu kokettieren liebt und flott
-mit graziöser Taille dahintänzelt.
-
-Ein solches Schuppenkleid hat nun auch das Gila-Tier. Aber seine
-Schuppen sind zu unregelmäßigen Körnern geworden, die ebenfalls Warzen
-und Drüsen zu bilden scheinen, und indem einzelne größere Körnerbrocken
-ein schmutziges fleischhaftes Gelbrot vordrängen, entsteht auch
-hier der vollkommene Eindruck von rohen Farbpusteln auf einer ekeln
-schwarzbraunen Nackthaut. Gleichzeitig hat sich der Leib in eine
-unförmliche, schlecht gestopfte Walze verwandelt, in deren Quellung
-Kopf und Beinchen fast verloren gehen. Gerollt wie ein wirklicher
-Wurm liegt das Scheusal so in seinem Wüstenversteck, zweifellos der
-allerhäßlichsten Tiere eines. Wer es plötzlich aufdeckt, könnte es für
-einen modernden Pflanzenrest halten, auf dessen verwester Rinde sich
-eine hochgelbe Pilzvegetation angesiedelt hat.
-
-Es möchte aber nicht ratsam sein, solches unvorsichtige Aufdecken
-und Aufwecken. Denn jetzt beginnt das unheimliche Phänomen, dem das
-Geschöpf der arizonischen Mondwüste seinen eigentlichen Ruf verdankt.
-
-Unter heftigem Zischen hebt das Maul an zu geifern, so heftig, als
-wolle sich das entwickeln, was bei der afrikanischen Speischlange,
-einer bösen Najaart, die Regel ist, die auf ein Meter Entfernung
-dem Angreifer ihren Speichel direkt ins Gesicht bläst, eine lange
-bestrittene, aber endlich doch bestätigte scheußliche Methode. Doch
-schon kommt der Biß des Gila-Tiers, ein sehr herzhafter. Die langen
-krummen Zähne, die für gewöhnlich fast ganz im Zahnfleisch versteckt
-liegen, werden bei dem Druck selbst erst eigentlich frei und schlagen
-sich nun nahezu zentimetertief ein. Jetzt aber die Wirkung dieses
-Bisses ... Alles Gräßliche, was dem Monstrum seit alters nachgesagt
-worden ist, konzentrierte sich von je auf den einen Punkt, daß der Biß
-die verheerendste, die unmittelbar tötende Wirkung besitze, indem er
-nämlich in der schauerlichsten Weise vergiftet sei.
-
-Wirkliche Forscher mußten gerade das aber zunächst mit rechtem
-Befremden hören.
-
-Die Volkssage macht ja gern alle nur denkbaren Tiere, wofern sie nur
-sonst etwas Verfängliches zeigen, auch zu Giftbeißern. Der Zoologe aber
-legt hier ein zunächst ganz unanfechtbares Veto ein.
-
-Ein wirklich giftiger Biß als dauernde Angriffs- oder
-Verteidigungswaffe eines Tieres setzt bestimmte Giftdrüsen voraus,
-die das Gift liefern. Solche Giftdrüsen kennt man im Reptilienbereich
-von den Schlangen. Sie treten dort durchweg in Verbindung auf mit
-besonderen Vorrichtungen an den Zähnen. Gewisse Schlangenzähne sind
-durchbohrt oder wenigstens zu einer Rinne gefurcht zum Injizieren oder
-Einlöffeln der giftigen Drüsenabsonderung beim Biß. Hier ist also alles
-klar.
-
-Eine Schlange aber ist nun keine Eidechse. Von keinem anderen Reptil,
-also auch von keiner Eidechse, war in vieljährigen anatomischen
-Untersuchungen je ein solcher schlangenhafter Giftapparat, weder
-Drüse noch Hohl- oder Furchenzahn, jemals festgestellt worden. Und so
-schien es zunächst geradezu ein Widersinn, der sich über grundlegende
-systematische Unterschiede hinwegsetzen wollte, wenn einer mit einer
-»giftigen Eidechse« kam -- mochte sie auch noch so verdächtig aussehen
-und an einen Molch erinnern (der immerhin in der Haut etwas Gift führt,
-wenn er auch nie giftig beißen kann), und mochte sie aus noch so
-verwunschener Gegend stammen.
-
-Eine Weile eröffnete sich also folgerichtig ein heftiger Kampf der
-wissenschaftlichen Theorie, ehern begründet, wie sie schien, und etwas
-selbstbewußt, wie einer guten Theorie zukommt, mit der Praxis des
-unentwegt weiter geifernden und beißenden Gila-Tieres.
-
-Gila-Tier, da half kein Mittel, behielt aber auf die Dauer die Oberhand.
-
-Gila-Tier biß Hühner und andere Tiere, und sie starben prompt wie von
-Schlangenbiß. Die Vergiftungserscheinungen gingen über Lähmung des
-Atmungsapparats -- ganz wie bei Schlangengift.
-
-Gila-Tier biß auch Menschen, und sie hatten ebenfalls fatale Folgen
-davon. Der Biß brauchte ja nicht immer gleich tödlich zu sein; das ist
-aber auch der Biß schlimmster Ottern nicht immer.
-
-Das alles aber passierte nicht mehr bloß in der mondhaften
-Arizonawüste, sondern auch im Zoologischen Garten, ja beim planmäßigen
-wissenschaftlichen Experiment. Der Theorie aber wurde schließlich
-leicht gemacht, klein beizugeben.
-
-Denn anatomische Zergliederung des häßlichen Gilakopfs erwies eines
-Tages gerade das, was sie zur hartnäckigen Voraussetzung genommen.
-Gila-Tier _hatte_ tatsächlich im Unterkiefer zwei dicke, schlangenhafte
-Drüsen, und seine Zähne waren ganz genau wie die Furchenzähne vieler
-Giftschlangen mit einer Rinne versehen, durch die der ausgequetschte
-Drüsengeifer direkt in die Bißwunde eingeträufelt werden mußte. Diese
-Eidechse _hatte_ eben einen Schlangenapparat, und damit war das Wunder
-der Wirkung sehr einfach aufgeklärt.
-
-Immerhin war es ein großer Fund. Bis zum heutigen Tage ist keine
-zweite »Gifteidechse« mehr zu der einen hinzuentdeckt worden. Auch ein
-unmittelbarer Verwandter des Gila-Tiers, der seltsamerweise himmelweit
-entfernt auf Borneo lebt, besitzt die höllische Waffe nicht. Die
-Mondwüste am Gila hat hier wirklich etwas ganz Besonderes aus sich
-geboren.
-
-Warum aber gleicht das Gila-Tier nun auch dem Feuersalamander?
-
-Von einer Nachahmung, die Schutz gewährte, kann dabei wohl nicht die
-Rede sein, denn das große Scheusal ist selber doch ein ganz anders
-wirksamer Gifter als der kleine, beißunfähige, bloß auf der Haut etwas
-ätzende Molch.
-
-Eher könnte man meinen, die Gifteidechse ahme den Molch nach, um bei
-ihren nächtlichen Raubzügen im Revier gerade umgekehrt harmloser zu
-erscheinen als sie ist.
-
-Man hat aber die grellgelben Pustelflecken des Molchs auch so gedeutet,
-daß sie mit ihrer Auffälligkeit größere Angreifer »warnen«, also schon
-von fern aufmerksam machen sollten, daß es sich um ein giftiges, also
-auf jeden Fall für sie ungenießbares Tier handle. Da aber nicht nur
-hier, sondern auch bei anderen giftigen oder sonst ungenießbaren Tieren
-stets als solche »Warnfarbe« gerade ein ähnliches Gelb oder Gelbrot
-auftaucht, so wird man zunächst wohl auch an einen direkten chemischen
-Zusammenhang zwischen Gift und diesem Gelb denken müssen, unbeschadet,
-daß nachher auch noch solche Nutzzwecke sich mehr oder minder daran
-angeknüpft haben könnten.
-
-Warum diese natürliche Giftlivree die unheimliche Eidechse nun aber
-wieder dazu gebracht haben sollte, ihre Schuppen auch in warzenhafte
-Körner zu verwandeln, die vollends an nackte Molche und Kröten, die
-Hautgifter und nicht Beißgifter sind, erinnern: das bleibt auch so noch
-ein Rätsel.
-
-Die Wunder des Gila-Tiers sind offenbar noch nicht zu Ende!
-
-Im kürzlich vollendeten Berliner Aquarium, dieser größten neuen
-Sehenswürdigkeit unserer Reichshauptstadt, ist es inzwischen lebend zu
-schauen -- in seiner ganzen Scheußlichkeit gelagert auf einem Stückchen
-künstlichen gelben Wüstenbodens seiner Mondwüste.
-
-
-
-
-Die drei Augen der Blindschleiche
-
-
-Es hat so manches Menschenkind gegeben, dessen wahre Taten im Guten wie
-im Bösen längst vergessen sind, das aber unsterblich fortlebt in dem,
-was von ihm gelogen worden ist.
-
-Von einem der zierlichsten und, wenn man ihn nur genauer besehen will,
-hübschesten Vertreter unserer heimischen Tierwelt gilt in stärkstem
-Maße, daß seit alters sein Ruhm, Name und Wert durchaus nur der Legende
-verdankt wird -- nämlich von unserer Blindschleiche.
-
-Drei Volkslegenden sind es, die sich an sie heften, und alle drei sind
-erstklassiger zoologischer Unsinn.
-
-Eine Schlange soll sie sein, immerhin ein verzeihlicher Irrtum; in
-Wahrheit ist sie eine echte Eidechse, die aber nach Schlangenart ihre
-vier Beine abgeschafft hat und auf dem Bauche kriecht.
-
-Giftig soll sie sein; ich erinnere mich des köstlichen Anblicks, wie
-die sämtlichen Dienstleute eines großen Kuhstalls, ein ganzer Haufen
-starker erwachsener Menschen, unter wildem Lärm mit Stöcken und
-Mistgabeln gegen ein harmlos dahinkriechendes Blindschleichlein zu
-Felde zogen, als gelte es einen Drachen zu erlegen; tatsächlich ist
-diese kleine fußlose Eidechse unserer Heimat sowenig giftig wie die
-andern Echsen, die sich dort am Rain oder auf dem Gemäuer sonnen.
-
-»Blindschleiche« aber heißt der friedliche Geselle, weil die kopflose
-Angst, die vor ihm davonlief, sich nicht Zeit nahm, zu beachten, was
-er für zwar kleine, aber vollkommen wohlentwickelte zwei Äugelchen an
-seinem Eidechsenkopf führt.
-
-Gerade dieser dritte und letzte Irrglaube sollte in neuesten Tagen
-von allen aber noch einmal der eigenartigste, der paradoxeste werden.
-Denn eben diese »Blindschleiche«, der man gar keine Augen angedichtet
-hatte, sollte mit zum besten Exempel werden bei einer höchst
-absonderlichen Entdeckung, die auf dem Gebiete der Sehmöglichkeiten zu
-den großartigsten gehört, die jemals gemacht worden sind.
-
-Die Blindschleiche besitzt nicht nur jene zwei Augen, sondern sie hat
-in Benutzung noch ein drittes, höchst geheimnisvolles Sehwerkzeug, das
-uns Menschen fehlt!
-
-Die erfinderische halbzoologische Sagenphantasie hat ja gern auch mit
-der Zahl der Augen gespielt. Fabelwesen sollten Augen am ganzen Leibe
-haben, wobei vielleicht die vage Kunde von herrlichen Vögeln unter
-ferner Sonne mitspielte, wie dem Argusfasan, dessen Federn augenartig
-aussehende Kugelflecken von berückendem Zauber zieren. Dem Neunauge
-gab die Fischerphantasie »neun Augen«, wobei in Wahrheit Saugmund
-und Kiemenlöcher mitgezählt auf die hohe Ziffer bringen mußten. Das
-groteskeste Bild aber ist der Zyklop, der nur ein einziges Rundauge
-mitten auf der Stirn führen sollte.
-
-Für das einfache bestmögliche Sehen nach vorn ist die Lage unserer zwei
-natürlichen Menschenaugen so gut, daß eine Verlagerung auf die Stirn
-mit Wiederzusammenziehen in ein einziges Auge gewiß nicht als Vorteil
-gelten könnte. Aber unwillkürlich drängt das Zyklopenauge auf etwas
-Drittes.
-
-Angenommen, das gewöhnliche Augenpaar ist neben ihm auch noch vorhanden
-und genügt dem Blick in der Frontlinie; das Zyklopenauge aber rückt
-noch etwas höher von der Stirn bis an die Scheitelwölbung: so entstände
-plötzlich ein sehr großer Vorteil. Ein Wesen mit der Zutat eines
-solchen »Scheitelauges« könnte nämlich (vorausgesetzt, daß es keine
-Hüte trägt) bei Frontstellung auch noch nach oben oder (bei hoher
-Scheitellage) einigermaßen sogar nach hinten sehen. Es beherrschte
-ein weites Sehfeld mehr. In der Bedrängnis des Lebens aber bedeutet
-Mehrsehen (auch den Feind noch sehen, der von oben oder hinterrücks
-kommt) auf jeden Fall eine gute Schutzchance mehr.
-
-Und wieder: was so mehr schützt und nützt, das hat die Natur immer
-gern auch einmal wirklich gemacht. Seltsam also, daß es nicht da,
-dort einmal einen Versuch wenigstens auch im wahren Naturhaushalt
-gegeben haben sollte zu einem »Zyklopenauge« dieser brauchbaren Art
--- wenn nicht bei Menschen, so doch anderswo bei schädelbesitzenden
-Wirbeltieren.
-
-In den siebziger und achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, das
-in der Tierkunde so ungeheure Fortschritte gebracht hat, verbreitete
-sich in engsten Fachkreisen die Kunde, es könne vielleicht wenigstens
-für ferne Urweltstage etwas dahin Gehendes wirklich vermutet werden.
-
-Der ausgezeichnete Anatom Leydig hatte auf dem Scheitel über dem
-Zwischengehirn junger Eidechsen von heute ein kleines Gebilde entdeckt,
-das wie ein verkümmertes Restchen irgendeines ehemals hier sitzenden
-Organs aussah. Andere deuteten es auf das Rudiment irgendeines
-Sinnesorgans. Und man brachte es in irgendeine Verbindung mit einem
-stummelhaften, verkümmerten, durchaus heute rätselhaften Gehirnteil,
-der sogenannten Zirbeldrüse.
-
-Dieser »Gehirnstummel« findet sich noch bei den höchsten Säugetieren,
-ja bei uns Menschen erhalten, und er ist gelegentlich in der
-menschlichen Gehirnforschung interessant oder, besser gesagt, amüsant
-dadurch geworden, daß Philosophen in ihm den Sitz der »Seele« gesucht
-hatten, nach dem Rezept: was wir im Gehirn mit gar keinem Zweck mehr zu
-verbinden wissen, das muß wohl das Uhrrädchen für die »Seele« sein.
-
-Jetzt schien es aber, als sei diese problematische Zirbeldrüse in
-Wahrheit die alte Zentrale am Hirn für irgend etwas, das einmal hier in
-der Scheitelgegend Anschluß gehabt hatte, heute aber zum toten Gleise
-geworden war.
-
-Bei den Säugetieren bis zu uns hatte man noch die Ruine der Zentrale,
-bei den Eidechsen schien selbst das tote Gleis noch als solches
-nachweisbar. Dirigieren und fahren aber tat heute anscheinend nirgendwo
-mehr etwas dort.
-
-Nun aber: die heutigen Tiere sind Enkel der Urweltstiere. Manches,
-das hier heute nur mehr verfallenes Haus, zugemauertes Fenster,
-»rudimentäres Organ« ist, war dort einst noch belebte Burg, offene
-Schau, funktionierender Körperteil.
-
-Findige Vorweltkenner konstatierten also, daß eine ganze Menge der
-berühmten urweltlichen Saurier an ihren erhaltenen Schädeln noch ein
-höchst charakteristisches Scheitelloch gerade an diesem verdächtigen
-Fleck zeigten, so der berühmte Ichthyosaurus, die riesigen,
-seeschlangenhaften Mosasaurier, die säugetierähnlichen Theromorphen vom
-Kapland und andere mehr. Hier könnte ein sehr respektables Organ damals
-gesessen haben -- ein Organ, das damals wohl noch funktionierte in
-irgendeinem entsprechend respektabeln Lebenszweck. Was aber konnte das
-für ein Organ gewesen sein?
-
-Ein Forscher meinte, es sei vielleicht ein besonderes Wärmeorgan
-gewesen, dessen sich diese alten Saurier, wenn sie faul in der
-Tropensonne lagen, bedienten, um gleichsam ein Warnsignal gegen
-Sonnenstich bei zu hoch steigender Scheiteltemperatur zu erhalten.
-
-Das Vorhandensein des Organs gerade bei extrem wasserbewohnenden
-Sauriern (wie dem Ichthyosaurus), andererseits das Fehlen seines Restes
-bei unsern Krokodilen, die mit so besonderer Liebe in der Sonnenglut
-duseln, sprach gegen diese kühne Vermutung.
-
-Dagegen führte die genaue Untersuchung des heutigen Restes, wo er bei
-Reptilien wirklich noch bestand, allmählich mit wachsender Sicherheit
-auf eine andere Spur, nämlich daß es sich um ein Lichtorgan, also ein
-Auge, gehandelt habe. Ein Scheitelauge (Parietalauge, wie der Forscher
-in seiner Sprache sagt), das bei jenem alten Drachenvolk als drittes
-Auge neben den beiden andern irgendwie in Tätigkeit gewesen wäre!
-
-Man konnte an der heutigen Ruine noch mehr oder minder deutlich die
-ursprüngliche Linse und die Netzhaut feststellen, und der alte Sehnerv
-schien in der Tat wenigstens gegen die Nähe der heutigen Zirbeldrüse
-verlaufen zu sein. Besonders wertvoll wurde bei diesen Studien die noch
-auffällig gute Erhaltung des Organrestes bei dem einzigen heute noch
-überlebenden Ursaurier der Triaszeit, der merkwürdigen Brückeneidechse
-(Sphenodon) von Neuseeland.
-
-Längere Zeit machte die Forschung hier halt.
-
-Das »Scheitelauge« kam als Besitztum der Urweltler, an das heute noch
-geringe Reste, obwohl in völlig gebrauchsunfähigem Zustande, gemahnen
-sollten, in alle Lehrbücher, vor allem die am nächsten interessierten
-geologischen.
-
-Bis es dann in jüngster Zeit endlich einem Privatdozenten in Moskau,
-Nowikoff, gelang, die ganze interessante Frage noch einmal neu
-aufzurollen und auf eine unerwartete höhere Stufe zu bringen.
-
-Nowikoff stellte nämlich nichts Geringeres fest, als daß bei unseren
-bekanntesten heimischen Eidechsen, insbesondere unserer Blindschleiche,
-das Scheitelauge auch heute noch gar nicht als unbrauchbarer Rest,
-sondern in energischer Leistung vorhanden ist!
-
-Verdächtig erschien Nowikoff, daß die Bindegewebsschicht, die das alte
-Organ zudeckte, deutlich noch glasartig, also lichtdurchlässig war. Das
-Organ nahm also heute noch Licht in sich auf. Es hatte auch eine Linse,
-wenn schon eine schlechte. Es hatte einen Glaskörper, es hatte eine
-(gar nicht so üble) Netzhaut, und es hatte einen Sehnerv zum Gehirn.
-
-Vor so vollkommenem Apparat mußte die Frage akut werden, ob das lebende
-Tier nicht tatsächlich das einfallende Licht noch »sehend« erfasse --
-heute noch.
-
-Anfangs mißlangen die Versuche, dem gefangenen Tier irgendeine Äußerung
-abzulocken, ob es (bei Verdeckung der Seitenaugen) mit dem Scheitelauge
-mindestens allgemein Licht empfinde. Schließlich aber glückte ein
-anatomischer Beweis.
-
-Auf der Netzhaut der seitlichen Augen trat bei diesen Reptilien (wie
-anderswo) stets eine Änderung einer gewissen Pigmentverteilung ein, je
-nachdem das Auge sehend Licht aufnahm oder im Dunkeln blieb; im Dunkeln
-stellte sich die Netzhaut damit auf möglichste Ausnutzung auch des
-schwächsten Dämmerlichts ein, bei greller Belichtung umgekehrt suchte
-sie etwas abzublenden. Ganz genau die _gleiche_ Reaktion zeigte nun
-die Netzhaut des Scheitelauges: auch sie _regulierte_ automatisch ihre
-Lichtaufnahme, mußte also sehen!
-
-Nach der ganzen Sachlage schließt Nowikoff, daß das »dritte Auge«
-immerhin schlechter sieht als die beiden Seitenaugen. Die schlechte
-Linse gibt wohl keine eigentlichen Bilder der Dinge. Doch unterscheidet
-das Organ noch sehr deutlich Licht und Schatten. Und es unterscheidet
-auch an der verschiedenartigen Reizung der halbkugeligen Netzhaut die
-Richtung und Bewegung äußerer Abwechslungen von Dunkel und Hell.
-
-In diesem Sinne hat das immer geöffnete Scheitelauge für ein
-schwaches, sonst sehr schutzloses Tier, das gern auf hellbelichteten
-Stellen ruht und dabei im Hitzedusel die Seitenaugen schließt,
-immer noch einen ganz gewaltigen Vorteil. Es verrät ihm das Nahen
-lichtabschwächender, anders belichteter, schattenwerfender Körper von
-Angreifern. Man versteht, daß eine fest schlafende Blindschleiche durch
-den Lichtwechsel geweckt wird und sogleich in der entgegengesetzten
-Richtung flieht, wenn sich ein Mensch auch nur von fern ihrem Ort
-nähert. Das Scheitelauge ist nur ein halbes Auge heute, aber es dient
-noch immer einem ganzen Zweck!
-
-Natürlich ist dabei nicht ausgeschlossen, daß es bei den urweltlichen
-Sauriern _noch besser_ funktionierte als jetzt. So ist auch bei
-Nowikoffs Studien wieder bestätigt worden, was andere schon vor ihm
-vermutet hatten: es scheint auch an dieser Stelle ursprünglich ein
-Augen_paar_ gelegen zu haben, so daß die echten Urweltler im ganzen
-nicht weniger als vier Augen besaßen. Noch heute bemerkt man hinter
-dem sehenden Scheitelauge einen zweiten Augenrest, der noch enger zur
-Zirbeldrüse anlenkt, aber gegenwärtig wirklich ganz verkrüppelt bleibt.
-Manches in der Lage und dem Gehirnanschluß spricht aber dafür, daß
-ursprünglich auch diese beiden Scheitelaugen _nebeneinander_ anstatt
-hintereinander lagen: erst bei Verkümmerung des einen scheint das
-übrigbleibende sich vorgedrängt zu haben, so daß es jetzt die Spitze
-der Reihe bildet.
-
-Die Sage gab dem Schlangenscheitel ein funkelndes Krönlein. Vielleicht
-ist die Wahrheit doch noch niedlicher, die hier das Haupt eines Reptils
-mit einem feinen Lichtdeuter krönt, dessen Funkeln schutzbringend in
-sein eigenes Gehirn glänzt.
-
-
-
-
-Neues von den Wundern des Olm
-
-
-Wer je einmal durch eine echte, ganz enge Gesteinsklamm -- etwa in
-unserer Sächsischen Schweiz -- gewandert ist, der wird einen gewissen
-beängstigenden Gedanken kennen.
-
-Immer schmaler wird gelegentlich der tief eingesägte Spalt, immer
-kleiner der Ausschnitt Himmelsblau darüber; eine einzige größere
-Felsennase, ein einziger alter Fichtenstamm, der sich dort fast im
-rechten Winkel von seiner zäh in einen Riß der Wand eingeklammerten
-Wurzel dem kargen Licht entgegen abbiegt, scheint die Öffnung schon
-fast ganz versperren zu können. Wie, wenn der Raum oben noch enger
-würde, wenn eine ganz feste Decke sich zusammenschlösse? Dann würde der
-Maulwurfsgang, den das Wasser sich im leicht löslichen, spaltenreichen
-Kreidegestein hier unten genagt, ganz finster liegen. Keine Sonne,
-kein Stern schauten mehr hinein. Kein Baum grünte mehr. Gespenstig nur
-murmelten die schwarzen Wasser durch den schwarzen Tunnel. Wasser, die
-irgendwo in einem abgrundtiefen Loch niederstürzend sich geheimnisvoll
-hier hineingefunden und jetzt Stunde um Stunde in absoluter Finsternis
-dahingingen, im größeren Gewölbe schwarze Seen bildend, im engsten bis
-zur Decke den ganzen Schacht erfüllend.
-
-Es ist die wahre Situation der unterirdischen Höhlenflüsse und gänzlich
-geschlossenen Höhlenklammen des Karstgebirges im adriatischen
-Küstengebiet Österreichs, was die ängstliche Phantasie sich hier
-ausmalt.
-
-Das wühlende, den morschen Stein zerfressende Wasser hat dort nicht
-bloß von oben Rinnen und Kessel getieft: es hat ganz im Unterirdischen
-selbst Labyrinthe angelegt, die nur bei künstlichem Licht besucht
-werden können.
-
-Als zum erstenmal eine Sage im Lande von diesem Tartarus der Tiefe
-entstand, knüpfte sich aber gleich auch der Glaube an scheußliche
-Drachenbrut daran, die da unten hausen sollte. Wir denken heute mit
-einigem Lächeln, aber doch auch etwas unwillkürlichem Gruseln an
-Jules Vernes Erfindung, daß in solchen nachtverhangenen Urwassern
-des Erdengrundes noch die Ichthyosaurier der Urwelt fortlebten.
-Davon ist nun leider nichts wahr gewesen. Aber ein Tier vom alten
-amphibisch-reptilischen Drachenstamm, soweit ihn auch der Naturforscher
-kennt, wurde wirklich in der Folge da drinnen im schwärzesten Styx
-gefunden, ein körperlich kleines Geschöpf, aber darum vielleicht das
-größte Tierwunder unseres ganzen Erdteils.
-
-In unseren offenen Gebirgsklammen begegnet man auf dem feuchten Moos
-wohl jenem wie schwarzes Leder mit goldgelben Pusteln glänzenden
-Feuersalamander. Dieser ebenfalls kleine, aber sagenumwobene
-Drachenverwandte liebt Regen und Nässe, aber in seinem gewöhnlichen
-Lebensbrauch ist er doch ein Landtier und Freiluftatmer. Nur
-seine Wiege steht im reinen Wasser. Dort macht er, ehe er als das
-schwarzgoldene Wappentier ans Ufer kriecht, ein Kinderstadium
-der zierlichen Wasserlarve durch, die mit einem Ruderschwanz
-dahinschwänzelt, erst nach und nach Beinchen bildet und am Halse
-jederseits wie einen kleinen Federbüschel noch die Kiemen des echten
-fischhaften Wasseratmers führt.
-
-Einer solchen Molchlarve nun, die aber überhaupt nie zum Landtier
-wird, ewig im Wasser, und zwar im schlechterdings finsteren der
-unterirdischen Karsthöhlen verharrt, gleicht das Wunderwesen von
-Adelsberg -- der Olm.
-
-Langgestreckt wie ein Wurm oder Aal ist des Olms Gestalt, mit
-spatelförmiger Langschnauze und vier winzigsten Beinchen. Wie
-neueste Forschung lehrt, ist das eine Anpassungsform seines Leibes,
-entsprechend der Gewohnheit, sich am Boden des Seichtwassers seiner
-Höhlenschlünde in den nachgiebigen Schlamm einzugraben, wobei die
-Schnauze bohrt und die Beinstummelchen bloß nachschieben.
-
-Das »Menschenfischlein« nennen ihn die Grottenfischer, denn dieser
-Wurmleib ist fleischfarben-farblos, ohne dunklere Pigmentschicht wie
-ein nackter europäischer Mensch: eine Wirkung der ewigen Nacht.
-
-Mit Staunen aber sahen die ersten wissenschaftlichen Olmforscher
-diese Nacht auch waltend noch in einem ganz besonderen Zuge seiner
-Organisation. Sven Hedin erzählt uns von den büßenden Einsiedlern in
-Tibet, die sich bei karger Nahrung vierzig und mehr Jahre in dunkler
-Zelle einschließen lassen; als solcher Eremit im Alter noch einmal
-ans Licht gekommen, sei sein Auge farblos und blind gewesen. Und ein
-ähnlicher Kerkerheiliger erscheint uns auch der Olm.
-
-Beim erwachsenen Tier erweist sich das Auge als verkümmert, die Linse
-fehlt, und ihr Platz ist durch eine Wucherung der Netzhaut ausgefüllt,
-während gleichzeitig die äußere Körperhaut in voller Dicke das ganze
-Auge bedeckt, ihm also dauernd den Charakter eines »geschlossenen
-Auges« ohne Möglichkeit eines Lidaufschlagens verleiht.
-
-Seit über hundert Jahren bemüht sich die Wissenschaft jetzt um diesen
-Olm und seine Wunder.
-
-Nur einen einzigen Genossen auf der großen Erde hat er hinsichtlich
-seiner Lebensweise in der Zeit bekommen: beim Anbohren eines
-artesischen Brunnens in Texas in Nordamerika kam gelegentlich auch dort
-rein zufällig ein olmartig blinder, farbloser Höhlenlurch, ~Typhlomolge
-rathbuni~, zutage, ohne daß sich doch aus dieser Entdeckung bisher viel
-weitere Aufschlüsse ergeben hätten. Der systematischen Stellung nach
-schloß sich dieser Amerikaner nicht an den Olm selbst, sondern die
-unten noch zu besprechenden lungenlosen Spelerpesmolche an.
-
-Die außerordentliche Schwierigkeit, die aus der ganz absonderlichen
-Lebensart dieser Höhlengäste zu erwachsen schien, wollte lange den
-Fortschritt unserer Olmkenntnis trotz eifrigster Arbeit immer wieder
-lähmen. In letzter Zeit aber ist das nun doch endgültig anders
-geworden. Zu Wien, mitten im lustigen Prater mit all seinen Wurstbuden
-und Schießbuden und Schaukeln steht ein stilles Haus, das der
-bedeutsamsten Forschung geweiht ist: die Biologische Versuchsanstalt.
-In eifriger Feinarbeit werden dort durch das Experiment am lebendigen
-Tierkörper Fragen an die Natur gestellt. Ob erworbene Abänderung der
-Färbung sich vererbe, ob ein in der freien Natur fest eingebürgerter
-Instinkt sich umzüchten lasse unter künstlich veränderten Bedingungen
-und ob auch das schon vererbungsfähig sei und so weiter. Hinter dem
-Ganzen steht als treibende Idee wesentlich jene Forschungsart, die
-von dem großen Physiologen von Halle, Wilhelm Roux, als sogenannte
-»Entwicklungsmechanik« mit wachsendem Glück begründet worden ist.
-Erstaunlich über alle Erwartung scheinen auch die Erfolge schon des
-kleinen Hauses im Prater, insbesondere durch die rastlose Tätigkeit
-Paul Kammerers dort. Und vor dem planmäßigen Angriff Kammerers hat nun
-neuerdings auch der kleine zähe Finsterling, der Olm, endlich einiges
-mehr von seinen Geheimnissen ausplaudern müssen.
-
-In einer alten Zisterne des Hauses, das ursprünglich öffentlichen
-Aquariumszwecken gedient hatte, wurde gewissermaßen eine künstliche
-Adelsberger oder Kanzianer Grotte geschaffen. Fünf Meter wenigstens
-taucht man auch hier unter den sonnigen Praterboden in einen schwarzen
-nassen Schlund hinab, den nur ein rotes Glühlämpchen gespenstisch
-erhellen darf, und den Schreiber dieser Zeilen, der nicht eben der
-geschickteste Kletterer auf schlüpfrig-schwindligem Terrain ist, mutete
-der Besuch schon einigermaßen wie eine wirkliche Höhlenpartie an.
-
-Was aber sonst nicht immer als bauliches Ideal gelten dürfte, wird da
-drunten zum Segen: durch die gemauerte Decke tropft das Sickerwasser
-so reichlich, daß es schon zu richtigen Stalaktitenbildungen gekommen
-ist, von unten aber überschwemmt das Grundwasser beständig den defekten
-Zementboden. Das verdunstende Wasser hält die Luft sozusagen im Bad,
-ewige natürliche Finsternis waltet, keine Erschütterung bewegt den
-Spiegel, und die Temperatur bleibt unabhängig von allem Wechsel der
-Jahreszeiten bei 12 bis 14 Grad Celsius.
-
-Als menschliches Gefängnis wäre das die greulichste Folterkammer,
-vergleichbar der römischen, wo sie den Sonnenkönig Jugurtha einst
-verschmachten ließen. Der Olm aber findet hier sein Paradies. Hier
-läßt er sich in vollkommener »Naturtreue« studieren, womit zugleich
-dann für abändernde Experimente in oberirdischen, erhellten und anders
-temperierten Aquarien die nötige Kontrolle gegeben ist.
-
-Das erste, was Kammerer enträtselte, war die Fortpflanzungsgeschichte
-des Olm. Die Grottenführer in Adelsberg und St. Kanzian hatten stets
-behauptet, der Olm bringe lebendige Junge zur Welt. Eine älteste,
-genau protokollierte Beobachtung schien das zu bestätigen. Andere
-Befunde aber widersprachen ebenso entschieden. In den achtziger
-Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erlebte eine höchst vorzügliche
-wissenschaftliche Beobachterin, Fräulein von Chauvin, daß ihre Olme
-im Aquarium Eier legten, und ein anderer Forscher sah aus solchen
-Eiern auch die jungen Tiere hervorgehen. Neuerdings aber war in einem
-solchen Aquarium rein unbegreiflicherweise auch wieder vorgekommen,
-daß ein Weibchen statt der zahlreichen Eier einen einzelnen, schon
-recht stattlichen Olm lebendig zur Welt gebracht hatte. Findige Köpfe
-hatten also schon die Vermutung aufgestellt, es gebe zwei verschiedene
-Olmarten, die sich in dem Punkte entgegengesetzt verhielten. Kammerer
-konnte dagegen jetzt folgendes als sicher festlegen.
-
-Die Fortpflanzungsform des Olm ist abhängig von der Temperatur
-des Wassers, in dem man ihn hält. Hielt man ihn bei weniger als
-15 Grad Celsius (also in der besagten unterirdischen Zisterne der
-Versuchsanstalt), so brachte er unter allen Umständen lebende Junge
-zur Welt und zwar normalerweise nur je zwei, die bereits ziemlich groß
-waren und schon alle vier Beine besaßen. Diese zwei hoffnungsvollen
-Sprößlinge hatten sich bereits im Mutterleibe als die alleinigen Sieger
-bewährt, indem sie den ganzen nicht entwickelten Rest der Eier dort
-einfach aufgefressen hatten, ein Kampf ums Dasein und embryonaler
-Kannibalismus schon vor der Geburt, den man nur mit einigem Grausen
-verzeichnet!
-
-Hielt man den Olm dagegen in Aquarien mit Wasser, das wärmer war als 15
-Grad Celsius, so legte er ebenso konsequent stets Eier und zwar diesmal
-bis zu 60 an der Zahl, aus denen entsprechend viele noch fußlose Junge
-erst nachträglich auskrochen; diese Jungen dauernd am Leben zu erhalten
-gleich den anderen, gelang aber nicht.
-
-Und schon letzteres deutete darauf, wo der _natürliche_ Fall liegt: in
-ihren heimischen Grotten entspricht die Temperatur stets nur der in
-der Wiener Zisterne -- der Olm bringt also auch dort unabänderlich nur
-seine zwei lebendigen Jungen hervor, während das Eierlegen nur eine
-Aquariumskünstelei ohne weiteren Erfolg ist.
-
-Daß es sich nicht um zwei verschiedene Arten des Olm handeln kann,
-wurde ebenso evident, als bei Kammerers Versuchen ein uraltes, schon
-über zwanzig Jahre in der Gefangenschaft gehaltenes Olmweibchen zuerst
-im warmen Becken Eier legte und dann selber, in die kühle Zisterne
-zurückversetzt, dort wieder zwei lebendige Jung-Olme brachte. Licht
-oder Dunkelheit beeinflußt die ganze Sache nicht. Wohl aber beginnen
-hier für sich wieder interessante Versuche Kammerers, die jetzt die
-persönliche Abänderung des künstlich belichteten Olms betrafen.
-
-Wenn man erwägt, daß die Olme doch höchstwahrscheinlich schon seit
-Jahrtausenden Generation um Generation ihr Wesen in stygischer
-Finsternis treiben, so wäre es wahrlich naheliegend, zu denken, daß ein
-erzwungenes Leben im hellen Licht jeden Olm notwendig töten müsse. Das
-gerade Gegenteil ist der Fall.
-
-Will man den Olm in seinen Naturbedingungen studieren, so muß man
-ihn natürlich möglichst dunkel halten. Man _kann_ ihn aber ebensogut
-ans Tageslicht gewöhnen. Bloß bekommt er dann Pigmenteinlagen in der
-Haut: das heißt, er wird nach einer gewissen Zeit individuell aus
-einem Weißen zum Neger mit dunkler, zuletzt blauschwarzer Haut. Diese
-Umfärbung vererbt sich bei richtiger Stärke auch auf die Jungen, und
-zwar auch dann, wenn diese Jungen selber wieder im Dunkeln geboren
-worden sind und sich dort entwickelt haben -- wobei im Sinne moderner,
-sehr kniffliger Vererbungstheorien allerdings noch offen bleibt, ob
-hier ein echter Fall von Vererbung einer erworbenen Elterneigenschaft
-vorliegt oder ob die Lichtstrahlen, die den Elternleib äußerlich
-schwärzten, durch ihn hindurch auch schon die Eier und mit ihnen alles,
-was je daraus werden sollte, für immer mitgeschwärzt hatten. Viel
-wunderbarer als dieses erzwungene Negertum aber ist, was Kammerer
-durch Belichtung beim Olm_auge_ erzielte.
-
-Wie gesagt, ist das im Finstern unbenutzte Auge des erwachsenen Olms
-hochgradig verkümmert; es entspricht in unserem normalen Menschensinne
-einem linsenlosen, höchst defekten und ewig im Lid geschlossenen Auge.
-Beim neugeborenen Jung-Olm ist das nun noch nicht ganz so. Das Auge
-ist hier schon äußerlich deutlicher, erscheint als schwarzer Punkt;
-innerlich besitzt es noch eine Linse, und es ist noch nicht so dick
-von der Haut überwachsen. Man hat den Fall wie so oft: das Jungtier
-spiegelt noch deutlicher die Ahnenstufe, die einmal für das Leben im
-Licht taugliche Augen besessen hatte, während das erwachsene Dunkeltier
-das Auge mehr auf der jetzt gültigen Stufe des Nichtgebrauchs
-verkümmert weist. Kammerer stellte sich nun als Problem, was wohl mit
-dem Auge werde, wenn man solche Jung-Olme im hellen Licht erzöge.
-
-Der Versuch ergab zunächst eine Schwierigkeit. Die rasch im Licht
-einsetzende Negerfärbung verdunkelte nämlich auch das schwache Häutchen
-des Jungauges sofort so, daß eine tiefere Lichtwirkung darunter nicht
-ferner möglich wurde. Alsbald aber half die Entdeckung, daß das Licht
-einer roten Lampe nicht zu jener dunkeln Pigmentbildung führt, so daß
-durch geschickte Abwechslung mit solchem roten Licht wenigstens der
-Hauptschaden beseitigt werden konnte. Jetzt aber ergab sich das in
-dieser Stärke denn doch überraschendste Resultat.
-
-Junge Olme wurden während der ersten fünf Jahre ihres Lebens konsequent
-in dieser Weise belichtet. Im ersten Jahre verharrten ihre Augen
-einfach auf dem Jugendstadium, ohne sich in der sonst hier schon
-eintretenden Weise weiter rückzubilden. Im zweiten Jahre schwoll das
-Auge unter seiner Haut merkbar an. Im dritten wölbte es die ganz
-dünn gewordene Deckhaut uhrglasartig vor. Im vierten schien eine
-unverkennbare Hornhaut entstanden zu sein. Im fünften Jahre wurden
-die Augen automatisch genau untersucht, und es zeigte sich folgender
-Sachverhalt.
-
-Die Deckhaut war so verdünnt, daß das Auge fast vollkommen an die
-Oberfläche gerückt war. Die reine Größe des Augapfels hatte sich um
-mehr als das Doppelte des im Finstern normalen Maßes verstärkt. Über
-die Existenz einer Hornhaut konnte kein Zweifel sein. Geblieben, nicht
-wie sonst stets beim erwachsenen Olm rückgebildet, war die Linse;
-im Gegensatz zum Jugendstand hatte sie sich vielmehr noch um das
-Achtzehnfache an Länge vergrößert. Als eine völlige Neubildung, die
-noch nie, weder bei einem jugendlichen noch bei einem alten Olmauge,
-sonst gesehen worden war, hatte sich aber sogar ein Glaskörper
-entwickelt. Ebenso war eine Iris jetzt da, die eine deutliche Pupille
-umschloß. Die Netzhaut war flächenhaft ausgebreitet und verdünnt, wobei
-die Sehzellen gleichzeitig eine beträchtliche Vervollkommnung erfahren
-hatten.
-
-Mit einem Satz: man hatte ein _Lichtauge_ vor sich statt eines
-Dunkelauges.
-
-Entspricht der fertige Olm im ganzen einer kiemenatmenden Larve unseres
-Feuersalamanders, so kann man sagen: diese neuen Augen des Lichtolms
-entsprachen ebenfalls jetzt den zum dauernden, lebenslänglichen Sehen
-bestimmten Augen einer solchen Feuersalamanderlarve.
-
-Über den Grad der Sehfähigkeit selbst wagte Kammerer anfangs kein
-Urteil, doch scheinen die neuesten Experimente die Bestätigung zu
-bringen, daß dem fertigen Apparat schließlich eben auch der Gebrauch,
-den man erwartet, wirklich zukommt. Und so schenkt uns das glänzende
-Gelingen des ganzen Versuchs eigentlich einen neuen Olm: eine Lichtform
-des Dunkelmolchs, die nicht mehr auf die finstere Grotte eingestellt
-ist, sondern sich vollwertig neben die anderen Molche in diesem Punkte
-fügt -- die in jedem sonnendurchglänzten Teich ebensogut leben könnte
-wie irgendeine unsrer kiemenatmenden Lurchformen sonst.
-
-Man ahnt aber, daß, was der Experimentator hier künstlich vollbracht
-hat, auch die Natur wohl auf ähnlichen Wegen aus dem so bildsamen
-Geschöpf hätte herausarbeiten können -- etwa wenn die dunkeln Decken
-seiner Grotten sich gelegentlich durch irgendeine geologische Wandlung
-wieder zur offenen, belichteten Klamm aufgetan hätten.
-
-So schauen wir auf wirkliche Möglichkeiten geschichtlicher Umwandlungen
-der Arten, und der schlichte Einzelversuch erhebt sich bis zu der Höhe
-umfassendster biologischer wie philosophischer Fragen.
-
-
-
-
-Die unsterbliche Amöbe
-
-
-Der treffliche Burmeister, eine Prachtgestalt älteren deutschen
-Gelehrtentums von echtem Schrot und Korn und ein Original dazu,
-war in späteren Jahren dauernd nach Südamerika übergesiedelt, ganz
-eingesponnen dort in seine Studien über das heutige kleine und das
-ehemalige Riesengetier dieses seltsamen Stücks Erde. Als jüngere
-deutsche Freunde ihn dort besuchten, mit ihm beim goldenen Wein saßen
-und etwas verwundert waren, den uralten Patriarchen immer noch so
-rüstig als Pionier auf der Schanze zu finden, meinte er wohl launig:
-seine geistige Unsterblichkeit sei ihm ja ein Problem, aber woran er
-nachgerade wirklich glaube, das sei seine körperliche Unsterblichkeit.
-
-Der alte Herr hat zuletzt doch auch diese äußerste Forschungsreise
-antreten müssen. An seinen Ausspruch aber muß ich denken bei einer
-wissenschaftlichen Streitfrage, die jetzt auch schon über rund dreißig
-Jahre zurückgeht.
-
-Es war zu einer Zeit damals, als in der Naturphilosophie gerade einmal
-besonders lebhaft wieder über geistige Unsterblichkeit debattiert
-wurde. Da aber kam einer der allerbesten Köpfe unter den strengen
-Fachnaturforschern (kürzlich hat auch er auf die große dunkle Wanderung
-müssen) und stellte ganz friedlich den Satz auf: auf jeden Fall gebe es
-auf unserem merkwürdigen Planeten körperlich unsterbliche Wesen.
-
-Nicht der Mensch gehöre dazu, von dem das schwermütige polynesische
-Liedchen singt, daß die Palme wachse, die Koralle sich breite, er aber
-dahingehen müsse. Auch die Palme nicht und die Koralle nicht. Wohl aber
-ein unsichtbares Reich, das lange in der Phantasie der Völker geradezu
-mit Gespenstern bevölkert worden war.
-
-Wenn früher die Pest oder eine ähnliche Masseninfektion durch die
-Kulturmenschheit ging, so erschien sie wie ein böser Dämon, der
-uns heimsuchte. Unsere Zeit hat diesen Dämon entlarvt. In unseren
-Mikroskopen hat er sich als jenes Heer kleinster der kleinen,
-einfachster der einfachen Lebewesen ausweisen müssen, als Geschöpfe vom
-Bakterien- und Infusorienschlage.
-
-Wir wissen jetzt, daß es auf unserer Erde zwei Hauptgruppen lebendiger
-Organismen gibt: die einen, zu denen alle höheren Pflanzen wie Tiere
-gehören, zusammengesetzt aus vielen, oft unfaßbar vielen Zellen; die
-anderen zeit ihres Lebens nur bestehend aus einer einzigen solchen
-Zelle. Unter diesen »Einzellern« aber befinden sich jene Massenmörder,
-Massengifter, die bei jenen Krankheiten gegen uns wüten und deren wir
-gerade jetzt in den schlimmsten Fällen Herr zu werden beginnen oder
-doch hoffen.
-
-Eben von diesen Einzellern aber stellte nun der große Forscher August
-Weismann den verblüffenden Satz auf: sie hätten vor all den sonst so
-viel höher entwickelten Vielzellern doch ein ungeheures voraus: nämlich
-die Gabe körperlicher Unsterblichkeit.
-
-Was kein Stein der Weisen, kein wundertätiger Quell Bimini uns jemals
-hatte geben können, das sollte jede armselige mikroskopische Amöbe
-besitzen seit Urtagen irdischen Lebens!
-
-An sich ist wohl kaum je etwas Verblüffenderes streng wissenschaftlich
-behauptet worden. Noch verblüffender aber wirkte die schlichte
-Logik der Beweisführung, die ihren Faden vom allereinfachsten und
-bekanntesten Sachverhalt zu spinnen schien.
-
-Zunächst durfte man die Behauptung selbst ja nicht verkehrt fassen.
-
-So ein Bazillus oder eine Amöbe oder ein Malariaparasit sind nicht
-einfach todesfest im Sinne, daß man sie nicht gewaltsam umbringen
-könnte. Sonst stände es schlimmer als schlimm um den großen Feldzug
-unserer heutigen Medizin. Natürlich kann man auch sie gewaltsam
-vergiften, verbrennen und so weiter. Was aber Weismann meinte, ist, daß
-solcher Einzeller keinen _natürlichen_ Tod kenne.
-
-Wir alle wissen um den gewöhnlichen, den so oft als tragisch
-empfundenen Hergang bei dem höheren Wesen. Es wächst auf, es erreicht
-eine gewisse Blüte seines Lebens -- dann, nach einer rund abgemessenen
-Zeit, altert es wieder und stirbt endlich, auch wenn keinerlei
-Gewalt es bedroht hat; inmitten auch des höchsten Glücks endet es an
-Altersschwäche wie eine abgelaufene Uhr. Wohl mag es auf der Höhe
-seiner Tage eine neue, lebenskräftige, wieder junge Generation von sich
-haben ausgehen lassen, aber der neue, morgenfrische Aufstieg dieser
-jungen Welt des Kindes ändert nichts an dem Altern und Sterben des
-Vaters, der Mutter. So ist es bis zu uns. Der große Held, die edelste
-Frau, der geniale Forscher oder Künstler, der Krösus und der Bettler:
-sie schrumpfen und verfallen endlich wie ein welkes Blatt, wenn ihre
-gewisse kurze Spanne erfüllt ist.
-
-Ganz anders aber bei der Amöbe.
-
-Auch ihr Leib, der nur aus einer Zelle besteht, wächst zunächst frisch
-ins Leben hinein. Wenn ihm dieses Leben aber sonst kein besonderes
-gewaltsames Ungemach bringt, so ist der weitere normale Verlauf, daß
-dieser Leib auf der Höhe seiner Reife und Gesundheit sich einfach in
-zwei lebendige Hälften teilt, von denen jede sich alsbald wieder zu
-einem vollkommenen Geschöpf auswächst. Die so entstandenen zwei Amöben
-stellen die Kinder dar, die das alte Leben mit frischer Kraft beginnen.
-Zugleich aber ist das elterliche Wesen restlos in sie aufgegangen: es
-ist keine Mutter etwa geblieben, die jetzt zu Altern und Tod bestimmt
-wäre -- keine Leiche liegt auf dem Plan.
-
-Die beiden Jungamöben aber werden es zu ihrer Zeit genau ebenso wieder
-machen, werden wieder teilen und damit restlos in ihr Jungbad gehen,
-ohne daß jemals ein natürlicher Tod sich einstellte.
-
-Wenn nur einmal im Anfang der Zeit Leben auf der Erde entstanden ist
-und die heute noch lebenden Amöben die Nachkommen der damals schon
-gebildeten sind, so hat sich in Wahrheit in ihnen kraft dieser Methode
-leibliches Leben bereits über hundert und mehr Millionen Jahre fort
-weitergegeben ohne Todesriß.
-
-Im einzelnen mag die Teilung selbst komplizierter sein, als man sich
-früher dachte, auch recht verschiedenartig bei den verschiedenen
-Einzellertypen, aber das Schlußergebnis bleibt immer das gleiche:
-die körperliche Unsterblichkeit. Unfaßbar viele Pechvögel des
-Einzellervolkes mögen auch in jener langen Zeit gewaltsam ihr Ende
-gefunden haben. Aber die zahllosen, die noch immer überleben, überleben
-auf Grund dieser Unsterblichkeit.
-
-Der verblüffende Gedanke war aber kaum ausgesprochen, da begann auch
-schon das hitzigste Turnier um ihn. Den meisten erschien er zu paradox,
-als daß er wahr sein könnte.
-
-Ein erster Gegenstoß ging davon aus, daß bei solcher restlosen
-Aufteilung einer alten Amöbe in zwei verjüngte doch die alte
-Individualität sich auflöse, also gewissermaßen mit ihr doch etwas
-sterbe.
-
-Aber diese Individualitätsfrage führt strenggenommen schon ins
-seelische Gebiet, und Weismann hatte sehr geschickt immer nur von der
-körperlichen Unsterblichkeit gesprochen. Mit der »Individualität«
-erlebt man ja auch bei so manchen schon etwas höheren Tieren noch
-die sonderbarsten Sachen. Noch einen Süßwasserpolypen kann ich in
-zwölf Schnitzelchen zerhacken, und jedes Schnitzelchen ergänzt sich
-prompt zu einem ganzen neuen Polypen; jetzt was ist auch hier mit der
-Individualität des alten Polypen geschehen? Unser Denken kommt da
-einstweilen nicht durch.
-
-Gewiß aber ist, daß der alte Polyp, körperlich genommen, dabei nicht
-getötet worden ist, denn zum Tode gehört eine Leiche, und keines der
-zwölf Hackstücke ist als Leiche liegengeblieben. Genau so fehlte aber
-die Leiche bei unserer Amöbe.
-
-Vorsichtigere Kritiker wagten sich denn auch nicht auf dieses heikle
-Gebiet, sondern versuchten einen wesentlich substantielleren Weg, um zu
-prüfen, ob Weismanns Idee selber unsterblich sei: sie rückten ihr mit
-dem unmittelbaren Experiment auf den Leib.
-
-Wenn Weismann recht hatte, durfte sich auch in einer unabsehbaren Kette
-genau kontrollierter Einzellergenerationen niemals ein natürliches
-Altern, ein Altersverfall einstellen, der endlich doch noch zum
-körperlichen Zusammenbruch dieser Kette führte.
-
-Der Franzose Maupas züchtete also Hunderte von Generationen eines
-gewissen Infusoriums und kam zunächst zu einem höchst bedenklichen
-Resultat.
-
-Die betreffenden Liliputaner teilten anfangs glatt, teilten wieder und
-wieder, als liefe die Sache anstandslos auch hier in die Ewigkeit.
-Aber nach einer Weile fielen sie ab, degenerierten, gerieten in
-greisenhaften Stillstand, der das Ganze unvermeidlich doch noch auf den
-Tod losführte.
-
-Hätte man das Experiment hier für immer abgebrochen, so wäre Weismanns
-Idee für immer widerlegt gewesen, die Leiche im Spiel war gefunden,
-wenn sie auch erst nach hundert und mehr Teilungen erschien.
-
-Aber Maupas mußte einen weitereren Sachverhalt feststellen, der alles
-wieder umwarf.
-
-Wenn man diese Infusorien nicht unter unnatürliche Bedingungen brachte,
-sondern sich selbst überließ, so fanden sie, ehe noch jener scheinbare
-Altersverfall sich geltend machte, aus eigener Kraft ein untrügliches
-Mittel, ihm vorzubeugen.
-
-Nach einer Reihe einfacher Teilungen veränderten sie nämlich plötzlich
-ihr Fortsetzungsprinzip: sie verschmolzen zu je zwei und zwei, und
-wenn jetzt aus dieser Mischzelle neue Teilungen weiter erfolgten, so
-bewährten diese erneut die alte Jugend ohne jede senile Gefahr.
-
-Der Vorgang war an sich sehr interessant, weil er schon eine Vorstufe
-des Prinzips darstellte, das nachher im Liebesleben der höheren Tiere
-und Pflanzen eine so kolossale und entscheidende Rolle spielen sollte.
-Zur Sache zeigte er aber eine Regulierung, die Weismanns Idee erneut
-glänzend zu rechtfertigen schien: denn ob nun Teilung oder Mischung: es
-blieb dabei, daß keine Leiche das Spiel unterbrach.
-
-Emsigste Kritiker wurden indessen nicht müde, nach dieser »Leiche«
-weiter zu suchen.
-
-Der Mischungsvorgang, hochinteressant wie er war, wurde selbst enger
-aufs Korn genommen.
-
-Es zeigte sich, daß die verschmelzenden Infusorien gleichsam einen Teil
-ihres Eigengerüstes dabei abbrachen und erst neu wieder aufbauten.
-Dieses Abbrechen wurde als versteckte Leichenbildung gefaßt, als sterbe
-in jedem der beiden Geschöpfchen gleichsam seine eine eigene Hälfte
-erst ab, ehe die andere zu neuer Lebenskraft sich mit der anderen von
-drüben vereinige -- ein unsagbar raffiniertes Durcheinanderspiel von
-Liebe und Tod fast im gleichen Moment.
-
-Die Frage, ob das nicht wieder zu spitzfindig ausgelegt sei, machten
-aber erneute Massenexperimente belanglos.
-
-Calkins züchtete abermals lange Infusorienkulturen und konnte wiederum
-feststellen, daß nach einer gewissen Kette einfacher Teilungen
-die Lebenskraft haperte und die Uhr, bildlich gesprochen, anfing
-nachzugehen. Zur neuen Regulierung auf das richtige Tempo bedurfte
-es aber, so wurde diesmal offenbar, nicht immer jener Mischung von
-Individuen. In vielen leichteren Fällen genügte Abänderung der Nahrung
-und ähnliches schon.
-
-Von da aber war nur noch ein kleiner Schritt zu der Möglichkeit
-überhaupt, das Senilwerden der Teilgenerationen auch durch reine
-Sorgfalt der Pflege und systematische Abwehr störender Außeneinflüsse
-dauernd zu verhindern. Und auch diese Möglichkeit ist, soweit
-menschliches Ermessen zurzeit reichen kann, inzwischen von Jennings und
-Woodruff wirklich erwiesen worden.
-
-Sie haben Infusorien durch 2500 Generationen gezüchtet und
-kontrolliert. In diesem Falle trat weder Altersverfall ein noch
-Vermischung. Angemessene Diät, die jede Störung der Lebenshaltung
-ausschloß, genügte offenbar allein zur Selbstregelung der Lebensuhr.
-Man konnte natürlich annehmen, daß bei der millionsten oder billionsten
-Generation doch noch die Dinge haperten. Aber diese Annahme wäre eine
-durchaus willkürliche, die einstweilen dem schlichten Sachverhalt nicht
-entspricht.
-
-August Weismann ist also bis zu seinem Tode der Ansicht geblieben,
-daß er trotz aller Fehden das Spiel gewonnen habe. Der Sieg seiner
-Grundthese bedeutete für ihn aber zugleich Sieg einer Folgerung, die er
-daran geknüpft.
-
-Wenn die einzelligen Wesen noch keinen natürlichen Tod kennen und
-kannten, so muß dieser Tod also erst innerhalb der organischen
-Entwicklung bei den vielzelligen Wesen entstanden sein. Er wäre keine
-Ureigenschaft des Lebens, sondern erst eine spätere Zutat. Was aber
-könnte diese »Zutat« bewirkt haben? Eine unheimlich gewaltige Frage!
-
-Weismann war aber nun der Ansicht, daß unser menschliches Denken
-so konstruiert sei, daß es rein wissenschaftlich alle solche
-Entwicklungsfragen in der Natur nur lösen könne nach dem Begriff
-»Nützlich« oder »Unnützlich«.
-
-Bei den höheren Pflanzen und Tieren ist jenes Amöbenprinzip, das
-elterliche Wesen restlos in die Jungen ausgehen zu lassen, verworfen
-worden. In der Reife ihres Lebens produzieren sie bloß noch Keimzellen,
-aus denen die junge Generation erwächst. Sie selbst bleiben auch danach
-noch selbständig stehen. Warum leben auch sie als Eltern aber nun nicht
-unsterblich fort?
-
-Weil sie fernerhin überflüssig für die Erhaltung der Art sind,
-meint Weismann. Alles Überflüssige ist aber zuletzt unnützlich im
-Naturhaushalt und wird im Daseinskampfe endlich weggezüchtet, Jede
-Funktion und jedes Organ schwinden, wenn sie für die Erhaltung der
-betreffenden Lebensform überflüssig werden.
-
-Franz Doflein, nach dem Rücktritt des ehrwürdigen alten Meisters jetzt
-Weismanns Nachfolger auf dem Freiburger Lehrstuhl für Zoologie, hat
-dagegen versucht, der Grundthese eine freundlichere Konsequenz für uns
-selbst zu geben.
-
-Wenn das Altern und der Tod keine Grundeigenschaften aller lebendigen
-Substanz sind, sondern bloß eine mehr oder minder äußerliche Zutat, die
-(wie jene Infusorienexperimente zu beweisen scheinen) wesentlich doch
-nur eine Abnutzungserscheinung durch Ungunst der äußeren Verhältnisse
-im unmittelbaren Effekt darstellt, so ließe sich ein erneutes änderndes
-Eingreifen durch unsere Intelligenz denken. Es werde zwar ein Phantom
-bleiben, das Menschenleben ins Unendliche zu verlängern. »Aber indem
-durch genaue Erforschung eine Anzahl der günstigen Bedingungen
-ausfindig gemacht werden und für ihre Wirksamkeit während der
-Entwicklung des Lebens des Individuums gesorgt wird, während möglichst
-viele Schädigungen ausgeschaltet werden, muß es möglich sein, die
-Abnützung des Körpers hinauszuschieben, seine Leistungen länger auf der
-Höhe zu erhalten und das Leben als Ganzes zu verlängern.« In diesem
-Sinne seien die bekannten Ideale Metschnikoffs von einer gewissen
-Verlängerung des individuellen menschlichen Lebens wirklich würdige
-Ziele für den Forschergeist.
-
-In der Tat ist ja kein Zweifel, daß sich beim Menschen, selbst wenn
-wir auch ihn in diesem Zusammenhang als bloßes Naturprodukt unter dem
-Nützlichkeitssinn ansehen wollen, an dieser Stelle wieder etwas ganz
-entscheidend verschoben hat.
-
-Der »Nutzwert« des Individuums auch über den Neuzeugungsakt hinaus ist
-schier ins Unendliche bei ihm gestiegen.
-
-Schon im höheren Tier überhaupt sehen wir die Bedeutung des noch
-eine Weile fortlebenden Elterntiers zum Schutz der Jungen und damit
-der Art rapid zunehmen. Im Menschen treten dazu aber nun die enormen
-Fortschrittsleistungen des Einzelnen für das Ganze, die unabhängig von
-aller körperlichen Fortpflanzung in Forschung, Kunst, Gemeinarbeit
-jeder Art, in Vorbildlichkeit des Charakters und so fort sich bewähren
-und durch Lehre, Tradition, geleistetes Werk selbständig fortzeugend
-in einer anderen Linie für sich weiter wirken. Von einem »fernerhin
-Überflüssigen« in Weismanns Sinne kann hier also unmöglich mehr geredet
-werden.
-
-Jede Förderung dieser individuellen Leistung muß fortan wieder
-eminent wichtig für die »Menschenart« sein -- in tausend und tausend
-Einzelfällen kann sie sogar wichtiger sein als die Neuzeugung selbst,
-wenn auch letztere natürlich ihre eigene Notwendigkeit daneben stets
-wahrt. Zu diesen Forderungen könnte aber natürlich auch eine rein
-zeitlich vermehrte Dauer gehören, die ein stärkeres Ausspielen und
-Ausstrahlen der individuellen Kräfte ermöglichte. Wer denkt hier nicht
-an Goethe, dem vergönnt war, über achtzig Jahre in Kraft auszuleben und
-der mit zweiundachtzig noch an seinem »Faust« arbeitete, an Humboldt,
-der mit neunzig Jahren noch bei seinem »Kosmos« saß.
-
-Das Nützlichkeitsgesetz, das im niederen organischen Wesen nach Darwins
-und Weismanns Auffassung als blind ausmerzende oder begünstigende
-Zuchtwahl waltete, ist für den Menschen aber jetzt überall in seine
-eigene Intelligenz eingegangen. »Nehmt die Gottheit auf in euren
-Willen,« sagt (nur mit etwas anderen Worten) Schiller. Mit seiner
-Intelligenz überschaut der Mensch jetzt die Dinge und leitet sie bewußt
-in die _ihm_ günstigere Bahn. Und so mag auch an dieser Stelle die
-fortschreitende Intelligenz resolut den Wechsel begreifen und mag im
-Maß ihrer wachsenden Kräfte erneut einzugreifen suchen. Wie weit, das
-verliert sich freilich in blauen Zukunftsschleiern.
-
-
-
-
-Goldene Tiere
-
-
-Wer von uns hat nicht in phantasiefroher Kinderzeit einmal gebebt unter
-den Schauern der Sage vom Argonautenzug!
-
-Wie Jason mit seinem Heldenschiff gen Kolchis fährt, um das goldene
-Widderfell zu holen, das von einem Drachen bewacht an einer Eiche im
-Areshain hängt ...
-
-Kolchis ist die Kaukasusecke des Schwarzen Meeres, damals für einen
-Griechen ein so fernes Sagenland wie uns Europäern von heute etwa das
-Innere von Neuguinea. Die Argonautenfabel ist wilder und menschlich
-kleiner als Ilias und Odyssee, denen man, aller Homerkritik zum
-Trotz, eben doch auf Schritt und Tritt die läuternde Hand einer ganz
-großen Dichterpersönlichkeit anmerkt, während dort nur noch die rohe
-Mythe zu uns spricht. Aber um so packender für die Jugend schlägt
-die reine Abenteuerlichkeit der Handlung durch. Und dabei ist auch
-hier charakteristisch, wie die Sage mit naiven Effekten das Stärkste
-erreicht.
-
-Ein Häuflein Gold in der Größe und Dicke eines Widdervlieses ist gewiß
-noch kein besonders großer Schatz. Aber das Aparte, das Verblüffende
-ist, daß ein lebendiges Säugetier Gold am Leibe getragen haben soll.
-Dieses Tierfell lohnte schon die verwegenste Heldenarbeit!
-
-Zugleich aber fehlt auch der Zug nicht, daß in allem bunten Märchenspuk
-die dunkle Kunde von einer nüchtern realen Sache gleichsam das
-Gebein zu bilden pflegt. Wo immer wir heute naturgeschichtliche oder
-historisch-geographische Forschung an diese Griechenlegenden wenden,
-kommen solche Wirklichkeitsgebeine zutage, ohne daß der Duft der Sage
-sich deshalb zu verlieren brauchte. An dem Fleck des alten Labyrinths
-auf Kreta, wo der Stiermensch Minotaurus gewütet haben sollte, ist
-vor kurzem die Stätte alter Kampfspiele der mykenischen Kulturepoche
-ausgegraben worden; zoologisch bestimmbare Knochen beweisen, daß der
-heute ausgestorbene riesige Urstier dort noch vorgeführt wurde, und ein
-Wandgemälde aus der Zeit verewigt noch solchen gefährlichen Stierkampf
-in anschaulichster Form.
-
-Und so erfahren wir auch aus den späteren Quellen griechischer
-Wissenschaft selbst noch von einer althergebrachten Sitte der
-Kaukasusbewohner, daß sie zottige Schaffelle in ihre Bäche hingen, um
-die natürlichen Goldteilchen, die von den Wassern dieses metallreichen
-Gebirges geführt wurden, aufzufangen -- eine nüchterne Praxis, den
-mancherlei Methoden unserer Arbeiter in Silberseifen und Goldwäschen
-damals schon durchaus ähnlich.
-
-Was aber kein antiker Grieche wußte, ist die Tatsache, daß es wirklich
-auf unserer Erde Säugetiere gibt, die ein »goldenes Vlies« tragen.
-
-Freilich kein Vlies, aus dem man echte Goldstücke prägen kann.
-
-Als das Leben sich seine zwölf bis zwanzig mineralischen Elemente
-aneignete, die teils notwendig, teils hilfsweise seine wunderbaren
-Zellenbauten zusammensetzen, war Gold nicht dabei. Wenn es sich ab
-und zu einmal in organischen Restbeständen auch von Lebewesen chemisch
-nachweisen läßt, in Austernschalen, Pflanzenholz und so weiter, so
-war es dort doch nur zufällig durch das Wasser eingeschleppt worden,
-das ja für jegliches Leben eine absolute Notwendigkeit ist, in dem
-aber vielfältig (zum Beispiel im Ozean durchweg) feinste Goldrestchen
-auf Grund selbsttätiger Goldwäsche der Natur herumschweben. Zu einer
-wirklichen Macht im Leben hat auch dieses schöne Element erst die
-menschliche Intelligenz gebracht: vom Zahlgold in der Hosentasche bis
-zur Goldplombe im hohlen Zahn!
-
-Das tierische Goldvlies, das ich meine, ist dagegen ein Fell, das
-äußerlich im wundervollsten Goldglanz gleißt, als sei jedes Härchen
-einzeln in Schaumgold getaucht gleich einer Weihnachtsnuß.
-
-Das erste wirklich dem Fachzoologen bekannt gewordene Tier, das
-ein ganz unzweideutiges goldenes Vlies wenigstens für den Anblick
-trägt, ist ein Geschöpf im tropischen Afrika, dessen Anblick aber für
-gewöhnlich einfach unmöglich gemacht ist, weil es nämlich nach der Art
-unseres Maulwurfs unter der Erde lebt.
-
-Jedermann kennt unseren heimischen Wühler, den Maulwurf. Er selber hat
-schon ein recht hübsches, bläulich bereiftes Fellchen. Dieser Mull
-gehört, wie wir schon besprochen haben, systematisch weder zu den
-echten Raubtieren noch den Nagetieren, sondern zu jener uralten, heute
-nur spärlich noch fortlebenden Stammgruppe der höheren Säugetiere,
-die man die Insektenfresser zu nennen pflegt. Diese Insektenfresser
-haben aber in ihrer Entwicklung offenbar von früh an eine Neigung oder
-besser einen Zwang gehabt, gewisse Formen doppelt hervorzubringen.
-So haben sie den Typus des Igels zum Beispiel zweimal geschaffen,
-einmal als wirklichen Igel und dann noch einmal ganz unabhängig davon
-im Borstenigel der fernen Insel Madagaskar. Und entsprechend gibt es
-bei ihnen auch zweimal den Mull: das eine Mal in unserem echten und
-das zweite Mal (auch hier vollkommen unabhängig) in einem ebenfalls
-erdgrabenden Sprößling jener Borstenigel, den man den »Goldmull«
-getauft hat.
-
-Dieser Goldmull lebt vom Kap bis zum Kongo, und zwar ebenso extrem
-unterirdisch, wenn auch meist nicht sehr tief. Auch ihm ist dabei der
-kleine fette Leib in richtiger Anpassung zur Walze oder Wurst geworden,
-die schon bald gar nicht mehr nach einem Säugetier ausschaut. Da gibt
-es keinen Schwanz mehr und keine Ohrmuscheln, ja für den äußeren
-Anblick fast keine Gliedmaßen mehr; nur die Hände stehen noch als
-starre krumme Haken vor, und auf dem Näschen sitzt eine kleine Schaufel
-in Gestalt eines Hornschildes; das alles dient ersichtlich der Technik
-des Sicheinbohrens und Vorwärtsdrängelns im trockenen Steppensande, in
-dem der passionierte Unterweltler auf die still verborgene Suche nach
-Würmern und Insektenlarven geht. Mögen in dieser afrikanischen Steppe
-so viel böse Räuber oben über ihn weglaufen wie wollen: er ist in
-seinen Sandstollen sicher, und was sich hier unten herumtreibt, dessen
-ist er selber Herr.
-
-Nun aber die Verschwendung. Diesem ewigen Gast der Finsternis gerade
-hat die Natur den Argonautenzauber des Goldvlieses verliehen!
-
-Jedes Härchen seines Maulwurfsfellchens ergleißt wirklich und
-wahrhaftig im schönsten Goldschein. Je nach der Lichtbrechung mischen
-sich in dieses Grundgold noch einzelne goldig angehauchte Farben, die
-dann gleich Edelsteinen aus der Goldfassung glühen, bald grün wie von
-Smaragden, bald ein unbeschreiblich schönes Violett gleich Amethysten.
-Wenn dieser wahre »Dorado«, wie die südamerikanischen Indianer einst
-ihren vergoldeten Sagenkönig nannten, bei uns lebte, so ist gewiß,
-daß er längst um seines Königsmantels willen vernichtet wäre, während
-ihn jetzt bloß ab und zu ein Kaffer seines Landes zum schmucken
-Tabaksbeutel verarbeitet.
-
-Wozu aber der Glanz gerade in dieser Hütte -- oder in diesem
-schmutzigen finsteren Bergwerk, muß man besser sagen?
-
-Und der Fall wird um so seltsamer, als auch der zweite Träger eines
-goldenen Vlieses, den man unter den Säugetieren kennt, ein mindestens
-ebenso ausgesprochener mullhafter Erdgräber im Finstern ist.
-
-Um ihn zu finden, muß man den dürren Sandboden diesmal der
-zentralaustralischen Wüste aufschaufeln. In ihm steckt und bohrt er
-genau so verborgen wie der Goldmull in der afrikanischen Steppe.
-Australien hat aber nie Borstenigel gehabt, die dort zu Mullen werden
-konnten. Der Hauptstamm seiner eigentümlichen Tierwelt gehört zu der
-wohl noch altertümlicheren Gruppe der Beuteltiere, und folgerichtig ist
-also auch sein einheimisch seit alters zugehöriger Mull ein solches
-Beuteltier, ein »Beutelmull«. Im übrigen hat aber auch er die ganz
-entsprechenden Hackenhände und auf der Nase seine eigene Hornschaufel.
-Die Bergwerke dieses Beutelmulls liegen so versteckt in ihrer Wüste,
-daß man erst in neuerer Zeit und nachdem Australien gerade auf
-sonderbare Tiere schon reichlich abgesucht war, seiner zum erstenmal
-habhaft geworden ist.
-
-Nun: auch dieser Beutelmull schimmert in Gold, wobei auch bei ihm das
-Fell bald mehr reines Gelbgold zeigt, bald mehr Silber oder irisierende
-Edelsteinfarbe. Abermals das goldene Vlies als Arbeitskleid eines
-Tunnelarbeiters!
-
-Es ist ein ungemein fesselndes Problem, wie gerade diese
-lichtscheuesten Gesellen unter unserem Säugervolk an das im Lichte
-herrlichste Gewand gekommen sind.
-
-Eine Reihe gebräuchlicher Erklärungen versagt hier vollkommen.
-
-Es kann sich nicht um eine den Tieren nützliche Anpassungsfarbe
-handeln, also etwa um einen Schutz, wie ihn dem grünen Laubfrosch
-auf grünem Laube sein Grün gewährt. In der finsteren Sandröhre da
-unten wird der goldene Rock dem Mull weder als Jägerrock noch als
-Jagdwildverkleidung helfen können; um diesen Vorteil zu genießen, müßte
-er schon in künstlich tagheller Goldhöhle hausen, die es doch nicht
-gibt.
-
-Gleichermaßen versagt aber die berühmte Darwinsche Deutung, daß gewisse
-gleißende Prachtfarben bei Tieren so herangezüchtet sein könnten,
-daß die Tiere selbst an der Pracht ihre Freude gehabt und bei der
-Liebeswahl von jeher die farbenprächtigsten Exemplare begünstigt
-hätten. Abgesehen davon, daß durch diese Methode immer nur eine schon
-vorhandene glänzende Farbe (also hier der Goldglanz) gesteigert, aber
-nicht erst die Farbe selbst geschaffen worden sein kann, ist dazu
-mindestens doch nötig, daß die verliebten und farbenfrohen Tiere sich
-_sehen_ können.
-
-Schon unser heimischer Maulwurf hat aber stark verkümmerte Augen, was
-bei seiner Finsterlingsart und Dreckwühlerei ja gut genug zu verstehen
-ist; nötigenfalls ans Licht gebracht, sieht er zwar noch, aber seine
-Hauptmittel im eigentlichen Jagdgebiet sind schon Tasten, Riechen und
-Hören.
-
-Bei dem Goldmull aber zieht sich geradezu das Haarfell auch über die
-Augen fort, sie verharren also dauernd im Schlafzustande der fest
-geschlossenen Lider. Und erst recht beim Beutelmull liegt außer der
-Haut auch noch ein Muskel unmittelbar auf dem völlig verkümmerten
-Augenpünktchen, so daß hier auch nur vom schwächsten Erfassen eines
-Lichtscheins keine Rede mehr sein kann. Diese Nachtwächter haben
-eben einfach ihr Sehen abgeschafft -- folgerichtig ist es aber auch
-nicht möglich, daß sie sich, mögen sie in ihrem Tartarus sonst so
-verliebt sein, wie sie wollen, auf »Gold« hin selber durch Liebeswahl
-heraufgezüchtet haben könnten.
-
-So sehr das Goldvlies uns eine Hauptsache erscheint: es macht den
-Eindruck, als sei es nur eine indirekte Folge von etwas anderem.
-
-Haben die Fellhaare dieser Unterweltler irgendeine nützliche Struktur
-sonst sich angeeignet, die als Begleiterscheinung ohne eigenen
-Nutzzweck den Goldschein mit sich brachte, etwa im Sinne, wie unser
-Blut zufällig seine schöne rote Farbe hat?
-
-Oder frißt der Mull da unten irgend etwas, das ihm besonders gut
-bekommt, das aber sein Haar nebenbei irgendwie chemisch vergoldet, ohne
-daß diese Vergoldung selbst ihn weiter förderte oder störte?
-
-Für den letzteren Fall könnte man wirklich nun auf allerlei verwegene
-Gedanken kommen.
-
-Vom afrikanischen Goldmull wie vom australischen Beutelmull wird
-berichtet, daß sie als echte »Insektenfresser« besonders gern und
-massenhaft gewisse Schmetterlingsraupen und Engerlinge (Larven) von
-Bockkäfern ihrer Heimat verzehren. Speziell vom Goldmull des Kaplandes,
-der dort den Gärtnern genau so vertraut und, je nachdem, verhaßt wegen
-des Wühlens, erwünscht wegen des Insektenvertilgens ist wie bei uns der
-Maulwurf, hören wir, daß er hauptsächlich von Raupen lebt, und zwar
-besonders denen einer sogenannten Plusiaeule, die sich tagsüber an den
-Wurzeln ihrer eignen Futterpflanze verkriechen.
-
-Nun spielt aber bei Käfern und Schmetterlingen der Goldglanz
-selber wieder seine Rolle. Jeder weiß von »Goldkäfern«. Gewisse
-tropische Bockkäfer erscheinen wie in eine Goldlösung getaucht. Auf
-Schmetterlingspuppen schimmern die schönsten Goldflecken. Ausgespart
-aber jene Plusiaeulen, von denen ungefähr zwanzig Arten auch bei uns
-vorkommen, führen seit alters geradezu den Namen »Goldeulen«!
-
-Die meist kleinen Schmetterlinge, die man »Eulen« nennt, wirken
-in ihren langen Sammlungsreihen durchweg sonst unscheinbar,
-ja langweilig, sofern man nicht auf die feinen Ornamente ihrer
-Deckflügel achtet. Plötzlich aber bei den Plusiaeulen wird das
-anders. In die schlichte Flügelzeichnung fließt plötzlich Gold ein in
-verschwenderischer Fülle. Nicht roh hinzugemischt, sondern sorgsam
-aufgenommen in den feinen Rhythmus der Ornamente. Bald färbt es rein in
-den Umriß eingewebt gewisse Bänder, die anderswo bloß in Sepiazeichnung
-den Flügel belebten, bald schwimmt es als Spiegel in Rundflecken, bald
-bildet es ganz eigene, schön gezackte Felder auf dem dunkeln Grunde von
-hoher stilistischer, jedes Künstlerauge entzückender Durchbildung. Sie
-sind ja auch sonst geheimer Zeichen und Wunder voll, diese Eulenflügel,
-sobald man genau hinsieht. Eine der bekanntesten Plusiaeulen führt
-den griechischen Buchstaben Gamma aufs deutlichste dort, daher ihr
-Name Gammaeule. Wo nun Gold hinzutrat, da schmiegte es sich ebenfalls
-durchaus diesem Arabesken- und Hieroglyphenspiel organisch ein.
-
-Warum aber hat gerade solche Plusiaeule vor so viel anderen Gold zur
-Verfügung? Lebt sie von Pflanzenstoffen, die das chemisch begünstigen?
-Und könnten jene grabenden Säugetiere zu ihrem eigenen Schmuck
-unwillkürlich gelangt sein, weil sie gewohnheitsmäßig wieder solche
-Goldfabrikanten als Nahrung benutzen?
-
-Die Erklärung hat etwas Verführerisches, nur muß man sich vor Augen
-halten, daß sie selber noch lange nicht alles erklärt, zum Beispiel
-noch ganz und gar nicht, wie es kommt, daß nun etwa bei solcher
-Plusiaeule der als Nahrung aufgenommene Stoff sich gerade in
-derartigen köstlichen Mustern und Ornamenten von hoher rhythmischer
-Stilisierung betätigt, während er beim Goldmull einfach das ganze Fell
-gleichmäßig vergoldet.
-
-Hier mischen sich offenbar noch wieder besondere, vorläufig unbekannte
-Gesetzmäßigkeiten ein, die das einfache Wort »chemischer Einfluß« nicht
-erschöpft.
-
-Sicher aber ist es eine Sache zu reichem Nachdenken, dieses »goldene
-Vlies«.
-
-
-
-
-Liberia und das seltenste Tier auf der Briefmarke
-
-
-Der Weise, der alles auf die Nützlichkeit ansieht, versichert uns,
-daß man beim Freimarkensammeln Geographie, Geschichte, Politik, eine
-gewisse juristische Findigkeitstechnik und wer weiß was noch für
-vortreffliche Sachen lernen könne.
-
-Ich bin nun der Ansicht, daß das Sammeln hier wie überall in erster
-Linie eine Glücksquelle sei, und alle Nützlichkeit des Herrn Professors
-in Ehren, halte ich doch stark auf den Wert jedweder Vergnüglichkeit
-in dieser Welt als Selbstzweck. Wenn aber durchaus auch hier gelernt
-werden soll, so läßt sich sogar vor dem Freimarkenalbum eine
-Zoologiestunde geben.
-
-Zwar an den älteren mythologischen Wappentieren ist nicht viel mit
-wirklicher Tierkunde zu fassen: den Löwen, die wie muntere Pudel
-ausschauen, dem Braunschweiger Weihnachtspferdchen, dem steifen
-Mecklenburger oder gar dem alten Moldauer Ochsenkopf, der schon mehr
-nach mykenischer Urkunst schmeckt als nach 1858.
-
-Ob der chinesische Markendrache wirklich auf den Alligator des
-Jangtsekiang zurückgeht, weiß ich nicht, jedenfalls könnte er der
-Gestalt nach ebensogut von der berühmten Seeschlange abstammen.
-
-Wenn das südamerikanische Paraguay nicht den heimischen Jaguar, sondern
-den Löwen (und zwar auf neueren Marken einen naturgeschichtlich
-treuen, nicht stilisierten) führt, so will es offenbar direkt betonen,
-daß es _nicht_ zoologisch echt kommt, denn in Amerika gibt es keinen
-echten Löwen.
-
-Aber in so manchem überseeischen Reich oder Kolonialland blüht wachsend
-jetzt ein wirkliches Stück »zoologischen Gartens« auf den Marken, und
-man merkt die Hilfe des tierkundigen Fachmannes.
-
-Französisch-Guiana zeigt den Yurumi, den großen Ameisenbären
-mit riesigem Buschschweif, Guatemala den altheiligen Vogel des
-mexikanischen Sonnengottes und Königshabits, den herrlichen goldgrünen
-Quesal oder Prachttrogon.
-
-Peru hat sein braves Lama, Nordamerika den schönen weißköpfigen
-Seeadler und eine Jagd noch auf den Bison, was schon bald wie
-prähistorisch wirkt, Neufundland seinen unschätzbaren Kabeljau, eine
-Robbenkolonie und das Ptarmigan, das beliebte Schneehuhn seiner
-Sportleute, Kanada auch ein aussterbendes Tier: den Biber.
-
-Neukaledonien führt stolz seinen landeseigentümlichen Rallenkranich,
-den seltsamen Kagu, vor, Neuseeland den flügellosen Zwergstrauß Kiwi,
-den Houia (Hopflappenvogel), bei dem Männchen und Weibchen verschieden
-gebaute Schnabel besitzen, und den fleischfressenden Alpenpapagei
-Nestor, Neusüdwales den australischen Emustrauß, den edeln Leiervogel
-und das Känguruh, Westaustralien seinen berühmten schwarzen Schwan,
-Tasmanien auf einer allerdings nicht ganz vollwertigen Stempelmarke gar
-das geheimnisvoll eierlegende Schnabeltier.
-
-Die bekannteste und technisch schönste Menagerie gibt das englische
-Nordborneo -- alles Bedeutende, das es hat, ist darauf: der
-Samburhirsch und der Argusfasan, das kolossale Leistenkrokodil und
-der Orang-Utan, der groteske Nashornvogel und der possierliche
-Malaienbär, der Schabrackentapir, der indische Elefant und das lange
-so sagenhafte Doppelnashorn Südasiens, selbst der geographisch hier
-nur noch anklingende Kasuar. In Afrika hat der Kongostaat einen wilden
-Elefantenbullen, das portugiesische Nyassa Giraffen, Kamele und Zebras
-in wahrhaft monumentalen Maßen.
-
-Keine moderne Briefmarke aber erscheint mir interessanter als die
-Ausgabe 1906 mit der Wertziffer 75 Cents der Negerrepublik Liberia an
-der westafrikanischen Pfefferküste.
-
-In alten Jahrgängen führte Liberia auf heute seltenen Marken stets
-hübsch die Gestalt der Freiheit mit der Mütze, respektabel und etwas
-langweilig anzusehen wie alles Symbolische. Mehr und mehr ist es
-aber dann auch zoologisch geworden, ist zu Eidechsen, Elefanten und
-Schimpansen übergegangen.
-
-Auf jener hübschen braun und schwarzen Marke aber erkenne ich in
-gutem Umriß sein allermerkwürdigstes Landesprodukt, ein bislang
-auch fast mythisches Tier, das doch angetan ist, den Namen dieser
-kleinen Republik für alle Zeiten in den Annalen der Naturgeschichte
-festzuhalten und mit einem gewissen Glanz zu umgeben, eine nützliche
-Verewigung auf jeden Fall im wechselnden Schicksalslauf politischer
-Konstellationen.
-
-Ich meine die einzige noch lebende Nebenform und Zwergform des
-populärsten afrikanischen Tierriesen, des Flußpferdes oder Nilpferdes,
-die sich hier in diesem kleinen Küstenländchen durch irgendein
-besonderes Stück Weltlauf erhalten hat.
-
-Wie der Elefant, wie die Giraffe, wie das Erdferkel oder das
-Schnabeltier gehört das gigantische Flußpferd heute zu den
-Vereinzelten, Vereinsamten im Tierbereich. Man weiß von ihm nur, daß
-es, alles eher als ein echtes Pferd, einen uralten stehengebliebenen
-Ausläufer des Stammbaumzweiges, der einst von den Schweinen zu den
-Hirschen und Rindern lief, darstellt; am nächsten steht es wohl noch
-den Schweinen.
-
-Sein Lebensbereich aber hat sich noch in junger geologischer Zeit
-arg eingeengt; kam es doch um den Beginn der Diluvialzeit noch im
-Florentiner Arno und in der Londoner Themse vor, während es heute
-auf das (immerhin ja für sich noch kolossale) tropische Afrika
-beschränkt und selbst in Ägypten völlig fremd geworden ist. Jene
-früheren europäischen Nilpferde gehörten dabei durchweg einer noch
-etwas größeren Art an. Aber gelegentlich hat man im Mittelmeergebiet
-in Knochenhöhlen doch auch Spuren einer wesentlich winzigeren
-Sorte von damals entdeckt, so auf der Insel Samos einen wahren
-Pygmäenhippopotamus, der kaum so groß wurde wie ein wirkliches Schwein.
-
-Man hat dieses örtliche und zeitweise Herabgehen in der Körpergröße
-dort damit zu erklären versucht, daß es sich um Flußpferde handelte,
-die durch Zerreißen und Versinken großer Landgebiete im damaligen
-Gebiet des heutigen Mittelmeeres plötzlich auf Inseln isoliert wurden.
-Inselsäugetiere haben auf die Dauer meist eine Tendenz, klein zu
-werden; auf Sardinien zum Beispiel sind heute der Edelhirsch, der
-Damhirsch und das Wildschwein merkbar verzwergt. Bei noch stärkerem
-Abbröckeln ihres Heimatbodens und Versiegen größerer Ströme und
-Landseen hätten dann freilich auch diese Miniaturnilpferdchen
-sich überhaupt nicht mehr halten können, so daß wir heute auf den
-betreffenden Inselresten nur mehr ihre Knochen finden.
-
-Hier aber wurde nun der ferne Weltwinkel Liberia bedeutsam.
-
-1844 gab ein Kolonialarzt dort, Morton, die erste unsichere Kunde, daß
-in den noch ganz unerforschten, unwegsamen Binnenwäldern der kleinen
-Republik ein solches Zwergnilpferd noch lebend existiere.
-
-Zuerst erschien das ganz als Pygmäensage, die ja auch für Menschen
-immer im dunkelsten Afrika geblüht hat, bis sie doch eines Tages in
-Gestalt der wirklichen Zwergenvölker dort wahr wurde. Als ein emsiger
-Museumssammler, Büttikofer, endlich Haut und Skelett nach Europa
-brachte, konnte man auch an dem flußpferdischen Zwerg nicht länger
-zweifeln. Er wurde nur so lang wie ein stattlicher Mensch, etwa 1,80
-Meter, was besonders klein wirkte, wenn man den Kopf des gewöhnlichen
-großen Hippopotamus danebenstellte, der bei Exemplaren von 4 Meter
-und noch mehr Gesamtlänge allein über 80 Zentimeter mißt. Der Zahnbau
-wich so vom großen Bruder ab, daß man schon seinetwegen einen neuen
-Gattungsnamen erfinden mußte; »Choeropsis« wurde der Kleine benannt
-anstatt des alten »Hippopotamus«.
-
-Fast noch seltsamere Mär kam aber zugleich von seiner Lebensweise.
-Während der Riese bekanntlich den größten Teil seiner Zeit wie eine
-Seekuh im tiefen Binnensee- und Stromwasser verbringt und dabei ein
-geselliges Beisammenleben liebt, bei dem die tauchende Herde bald da,
-bald dort einen ihrer ungeschlachten Köpfe prustend und luftschöpfend
-sehen läßt, sollte der Zwerg einsiedlerisch im dichten Walde hausen.
-
-Ein paar beste Museen konnten sich dank jenem Sammler ein schlecht
-und recht ohne Lebenskenntnis montiertes Fell leisten, sonst aber
-schliefen alle Nachrichten bald wieder auf lange Jahrzehnte ein, und
-das Tier rechnete in den Büchern nach wie vor unter die Halbbekannten,
-die Erwünschten, aber wie im Zauberwald für uns Verschlossenen --
-immer eine unbehagliche Sache für einen letzten Mohikaner auf so
-winzig umschränkter Scholle, dem eine einzige Epidemie oder sportliche
-Flintenschießerei wissenschaftlich indifferenter »Afrikaner« den Garaus
-machen konnte.
-
-Und auch nach dem Tage, da Choeropsis den Ruhm erlebte, auf einer
-Freimarke seines Landes sozusagen national wie international
-aufzutreten, sollten noch sechs weitere Jahre vergehen, bis endlich
-auch in dieses zoologische Geheimnis volles Licht fiel.
-
-Wirklich noch rechtzeitig, denn Choeropsis lebte, und der erste, der
-endgültig jetzt den Schleier von ihm lüftete, stand im Dienste der
-zoologischen Sachforschung und nicht der tiermordenden Sonntagsjägerei;
-Sonntagsjäger heißt in den wertvollsten Tierasylen der Erde heute
-nämlich leider nicht, wer nicht schießen kann, sondern wer so gut
-schießt, daß er in einem »Sonntag« mehr zwecklos verderben kann, als
-der Tierforschung in Jahren wieder gutzumachen ist. Der alte Hagenbeck
-sollte es einmal wieder sein, auf den das spannende Abenteuer gewartet
-hatte. Man kennt die glückliche Mischung von Geschäftsgeist und
-Chancen für die Wissenschaft, die dort bestand. Solches Unikum, lebend
-zum erstenmal nach Europa gebracht, gibt dem Tierpark in Stellingen
-jedesmal eine große Sensation und erzielt im Verkauf an einen anderen
-Garten Liebhaberpreise, die selber nichts vom Zwerg haben; zugleich
-aber besteht das Faktum, daß mit solchem geschickten Fang und Import
-des lebenden Tieres durchweg auch die zunächst wichtigste Tat im Sinne
-der wirklichen Wissenschaft getan zu sein pflegt; für den Rest sorgen
-dann schon die Professoren selber.
-
-Bei Hagenbeck ging so etwas aber stets im großen Stil. Er schickte also
-auch diesmal einen tüchtigen Mann, Hans Schomburgk, eigens nach Liberia
-mit der strikten Order, so viel lebende Zwergnilpferde wie möglich zu
-fangen und nach Stellingen zu bringen; wie einst der selige Bennett zu
-Stanley sagte: »Finden Sie irgendwo in Innerafrika Herrn Livingstone.«
-
-Und Schomburgk drang mit außerordentlicher Zähigkeit in die schwierigen
-Flußwälder Liberias ein, ließ Hunderte von Fallgruben herstellen und
-erreichte planmäßig wirklich sein Ziel. Vor einiger Zeit sind in
-Stellingen fünf lebende Zwergnilpferde, dabei ein alter Bulle und ein
-junges Pärchen, programmäßig eingelaufen. Ein Exemplar lebt jetzt im
-Berliner Zoologischen Garten, dieser herrlichen Lehrstätte moderner
-Tierkunde, die unter Ludwig Hecks Leitung eine immer umfassendere
-wissenschaftliche Bedeutung erlangt hat. Seitdem kennt man die wahre
-Gestalt, den Charakter und die heimische Lebensart des so überaus
-merkwürdigen Geschöpfes; dieses Kapitel der Naturgeschichte ist
-gerettet.
-
-Unser großer Hippopotamus ist, niemand bestreitet es, im eigentlichen
-Sinne ein Scheusal. Er hat jenes Zerflossene, sozusagen in den
-Proportionen Aufgelöste, das alle Säugetiere zuletzt im Wasser
-annehmen. Der ungeheuerliche Kopf geht auf den Pottfisch, der Leib wird
-zur schleifenden Walze, die Beine degenerieren.
-
-Dem kleinen Bruder sieht man dagegen sofort an, daß er niemals so
-extrem Wassertier geworden ist. Er bleibt dem Tapir (übrigens keinem
-Verwandten, sondern einem Pferdevetter), der auch, aber mit Maß, badet,
-darin ähnlicher. Ganz ohne Bad kann ja auch der Zwerg nicht leben, so
-bewiesen die Gefangenen. Aber in ihren dichten Urwäldern genügen ihnen
-dazu schon die kleinen Bäche. Ausgesprochen lichtscheue Nachttiere,
-bergen sie sich auch tagsüber nicht etwa im Wasser, sondern verstecken
-sich in selbstgegrabenen Erdlöchern. Und wenn er dann im Dunkeln in
-seinem Dickicht auftaucht, der Zwerg, kommt er in der Tat, wie schon
-Büttikofer berichtete, durchweg allein. Ein Einsiedler ist er, der
-aber auf seiner einsamen Streife weithin durch den Forst wechselt,
-friedlich und harmlos von Wesen, wie die überaus geduldigen, leicht zu
-meisternden Gefangenen dartaten. Kautschukhaft glatt ist auch seine
-Livree, wenn er so dahertrabt, doch tragen die Beinchen viel höher,
-der Bauch hängt nicht so schleppend wie beim Riesenbruder, und am
-besser proportionierten Kopf fehlen völlig die ungeheuren Augenringel
-und Nasenwülste, so daß das flunderhafte Hippopotamusprofil zu einer
-einfachen Dicknase mit wieder richtig seitlich abgerückten Augen
-gemildert erscheint. Der Fuß, der beim Riesennilpferd rein vierzehig
-aufpatscht, zeigt schon eine entschiedene Neigung, beim raschen Gang
-bloß eine Schweinespur zu hinterlassen, also hauptsächlich die beiden
-Mittelzehen zu benutzen, eine Sache, die für die Stellung im Stammbaum
-der Paarhufer außerordentlich interessant ist. Und gänzlich fehlt das
-»Bluten« des echten Hippopotamus, eine höchst kuriose Hautabsonderung,
-die durch einen weinroten Farbstoff die Sage erzeugt hat, das Ungetüm
-schwitze buchstäblich Blut; wahrscheinlich hängt eben auch diese
-Absonderlichkeit mit dem langen Wasserleben zusammen und ist also bei
-dem Zwerge nicht vonnöten.
-
-Wie aber kam es, so legt man sich vor dem eigenartigen Gesellen zuletzt
-wieder die Frage vor, daß gerade in diesem Liberiawinkelchen ein
-solcher Zwerg des alten Geschlechts saß und sogar bis heute fortleben
-konnte, während sonst das ganze große Afrika durchweg nur den Riesen
-erhielt?
-
-Der Zoologe Trouessart hat auch hier auf jene Inseltheorie
-zurückgegriffen. Liberia mit seinen kurzen Flüßchen und seinem starken
-Gebirgsriegel gegen das tiefere Afrika bilde auch ohne Wassereinschnitt
-eine Art Insel zum übrigen Afrika, in der auch diese Nilpferdchen seit
-alters abgeschnitten, isoliert und verzwergt sein könnten.
-
-Vielleicht ist das doch etwas kühn erdacht, bloß um die Theorie zu
-rechtfertigen, zumal da nach Schomburgk die Beschränkung nur auf den
-liberianischen Küstenstrich nicht feststeht.
-
-Man könnte aber auch an Einwanderung von einer etwa heute
-untergegangenen Insel des Meerbusens von Guinea denken. In sehr alten
-geologischen Tagen zog sich aller Wahrscheinlichkeit nach aus dieser
-Gegend eine Landverbindung bis nach Südamerika hinüber, von der
-immerhin zur frühesten Nilpferdzeit noch einzelne größere Inselpfeiler
-fortbestanden haben könnten. Damals lag aber umgekehrt auch noch der
-ganze Nordwestteil der Sahara zeitweise unter Wasser, und auch aus
-diesem Saharameer konnten Inseln ragen, die Zwergnilpferde begünstigten.
-
-So führt uns das harmlose kleine Geschöpf zuletzt noch in die weite
-Flut geographischer Fragen, und vielleicht wird man um seinetwillen
-noch einmal die Karte der Vorzeit verändern müssen. Der Sammler
-aber mag seine Briefmarke in Ehren halten: über dieses Markentier
-von Liberia und seine anknüpfenden Rätsel wird noch manche Schrift
-geschrieben werden.
-
-
-
-
-Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches Tier
-
-
-In einem der schönen Flugkäfige für Enten und andere Wasservögel im
-Berliner Zoologischen Garten hausten jüngst ein paar seltsame Vögel.
-
-Ihr Gesamtanblick verriet eine Sorte des Ibis, des allbekannten
-heiligen Vogels der alten Ägypter, dessen langer Krummschnabel in
-jedem Kinderbuch bis heute die Aufmerksamkeit fesselt. Aber ganz
-schwarz, nur mit schön buntem Metallschimmer, war diesmal der »Ibis«,
-rot prangten nur Schnabel und Beine sowie der größte Teil des Kopfs,
-der eigentümlicherweise fast ganz in einer runzligen Greisenhaut
-ohne Federn steckte, dafür aber tief noch im Genick mit einem langen
-vielfederigen Schopf gar auffällig stolzierte.
-
-Alles in allem schon für die einfache Schau ein recht kurioser Geselle,
-von dem man gern Näheres hörte.
-
-Wenn aber Vögel romantischen Empfindungen nach Menschenart zugänglich
-wären und von der Geschichte ihres Volkes mehr besäßen als ein paar
-altüberkommene dunkle Instinkte, so würde durch den kahlen Kopf dieses
-scheuen Gastes dahinten im Gebüsch seiner Voliere ein eigenartiger
-Traum gezogen sein.
-
-Der Schopfibis (~Geronticus~ lautet der lateinische Name) kommt heute
-aus fernem fremdem Erdteil zu uns, vom asiatischen Euphrat oder aus
-dem afrikanischen Abessinien oder Marokko. In Europa ist seine Stätte
-nur noch im Zoologischen Garten unter ausländischem Getier. Und doch
-war dieser Fremdling einst ein echter und rechter Bürger nicht nur
-europäischer, sondern deutscher Erde!
-
-Gute deutsche Namen hat er einmal in allen südlicheren Teilen des
-großen deutschen Sprachgebiets geführt, von denen »Waldrapp«, eine
-speziell schweizerische Bezeichnung, die hochdeutsch »Waldrabe« gibt,
-sich in der Schriftsprache ihrer Zeit am stärksten durchgesetzt hatte.
-Und die Leute, die ihn so nannten, sind nicht etwa alte Alemannen
-und Helvetier oder gar Pfahlbauer oder Mammutjäger der Diluvialzeit
-gewesen, sondern Renaissance- und Reformationsmenschen.
-
-Ein allbekanntes Tier war der Waldrapp damals im Volke. Chroniken und
-Naturgeschichten sowohl wie Gerichte und ihre Urkunden kannten und
-nannten ihn, der Koch und der Feinschmecker wußten von ihm zu sagen,
-stellenweise bildete er geradezu ein Charaktertier der Landschaft.
-
-Die eigentliche wissenschaftliche Tierkunde hatte damals ja noch nicht
-entfernt so viele Vertreter wie heute; aber um so zahlreicher gab es
-Praktiker, die als Jäger oder sonst bei ihrem gefiederten Mitvolk im
-Lande Bescheid wußten -- nicht vom Hörensagen wußten, sondern weil sie
-die Tiere selbst alle Tage sahen; und die alle müssen -- vielerlei
-Anzeichen als Stichproben beweisen es noch klärlich genug -- auch den
-deutschen Waldrapp gekannt haben.
-
-Dieser _deutsche_ Waldrapp aber ist verschollen seither!
-
-In Zeit weniger Jahrhunderte.
-
-Einer der wunderbarsten, fast möchte man sagen beängstigendsten Fälle
-aus der Besitzgeschichte unseres Vaterlandes liegt hier vor: ein
-lebendiges Tier geht in Seiten hellster Kultur, unter den Augen --
-nein, nicht unter den Augen, denn gesehen hatte es zunächst niemand --
-unserer Naturforscher einfach im Lande unter wie in Urtagen das Mammut
--- bis auf den letzten Kopf, hoffnungslos, für immer.
-
-Diese Geschichte ist wert, daß jeder sie näher kennen lernt, denn sie
-enthält ein Menetekel. Sie predigt mehr für die Notwendigkeit von
-Tierschutz und Heimatschutz, als ganze Bände vermögen. Das gleiche Los
-hätte die Nachtigall treffen können in der Zeit. Es kann morgen da,
-dort eingreifen, uns dieses, jenes Stück Altdeutschland, deutscher
-Natur herausgreifen und in die Versenkung werfen, wenn wir nicht
-Gegenmittel ergreifen.
-
-Nein, sie hatten zunächst schlechterdings nichts gemerkt, die
-Naturkundigen; hinter ihnen aber ebensowenig das ganze unabsehbare Heer
-der Jäger, Förster, Landschaftsschilderer, alle, alle, bis zum Koch
-herab.
-
-Der Schopfibis wurde im Jahr 1832 von Wagler als _neue_ Entdeckung,
-als eine »neue Tierart aus Ägypten«, beschrieben, und das war sein
-tatsächlicher Eintrittsmoment in die _moderne_ Wissenschaft. Also
-wohlverstanden: als ein Vogel Afrikas, bisher von keinem europäischen
-Forscher gesehen, in Europa selbst völlig unbekannt. Er erhielt einen
-neuen lateinischen Namen, kam in Lehrbücher und Museen -- als Exote,
-den sich die Museen mit mancherlei Mühen von weither jetzt übers Meer
-beschaffen mußten, nachdem er einmal im Verzeichnis der Arten stand.
-Nach diesem Datum vergingen nochmals 65 Jahre bis zu der denkwürdigen
-Stunde, da 1897 drei ausgezeichnete, noch lebende Vogelkenner, die
-Herren Hartert, Kleinschmidt und Walther Rothschild, ganz zufällig bei
-einem Gespräch im schönen Rothschildschen Museum in London eine der
-sonderbarsten zoologischen Feststellungen machten, die jemals möglich
-geworden ist: nämlich eben die Feststellung daß dieser heute nur noch
-exotisch fortlebende Schopfibis identisch sei mit dem alten deutschen
-Waldrapp des sechzehnten Jahrhunderts, den damals an vielen Orten
-jedermann bei uns gekannt hatte.
-
-Die Entdeckung war an sich nicht schwer. In jenem sechzehnten
-Jahrhundert hatte wenigstens ein einziger wirklich großer Tierforscher
-und Sachkenner der deutschen Tierwelt gelebt und geschrieben: Konrad
-Gesner zu Zürich. In seinen ursprünglich lateinisch verfaßten, dann
-aber gleich auch deutsch bearbeiteten Folianten ist der deutsche
-Waldrapp sowohl ganz vortrefflich beschrieben, wie auch gut abgebildet.
-
-Der Holzschnitt zeigt auf den ersten Blick, daß man den heutigen
-exotischen Schopfibis und nicht eine echte Rabenart vor sich hat. Der
-Text sagt auch nur, daß der Vogel einem Raben in Größe und Farbe »fast
-ähnlich« sei. Im übrigen sehen wir den krummen roten Ibisschnabel und
-wehenden Nackenschopf, wir hören von der Kahlheit des Kopfes und dem
-schwarzen sonstigen Gefieder, auf dem damals wie jetzt der metallische
-Spiegel ergleißte.
-
-Daß der gemeine Mann ihn aber damals mit einem Raben verglich (er, der
-ja keinen Ibis zum Vergleich kannte), wird uns vollends verständlich,
-wenn Gesner uns berichtet, daß der Waldrapp nicht nur in »einöden
-Wäldern« wohnte, sondern besonders gern »in hohen Schroffen oder
-alten einöden Türmen und Schlössern« nistete, »dannenher er auch ein
-Steinrapp genannt wird und anderswo in Bayern und Steurmarck ein
-Klaußrapp, von den Felsen und engen Klausen, darinn dann er sein Nest
-macht« (Schweizer Deutsch des sechzehnten Jahrhunderts!). So steil und
-unzugänglich lägen oft seine Niststätten, daß »er dann etwan von einem
-Menschen, so an einem Seil hinab gelassen, außgenommen und für einen
-Schleck gehalten wird, wie er auch bey uns in etlichen hohen Schroffen
-bey dem bad Pfäfers (Bad Pfäffers!) gefunden wirt, da sich auch etliche
-Weydleut hinab gelassen haben«.
-
-Hier allerdings scheint sich eine Schwierigkeit einzudrängen.
-
-Der Ibis, wie er uns geläufig ist, der schwarz-weiße der alten Ägypter
-wie der braunrote oder schwärzliche der Mittelmeerländer oder der schön
-rosenrot flamingofarbige Amerikas: er ist uns doch als Sumpfvogel
-geläufig. Aber ausgespart bestätigt der Fall Waldrapp die Ausnahme von
-dieser Regel: denn eben der Schopfibis nistet auch heute in seiner
-fernen Gegend noch mit Vorliebe hoch in Felsen und altem Gemäuer, --
-zum Beispiel traf man ihn am Euphrat scharenweise so in den Ruinen
-eines alten Sarazenenschlosses. Also das erledigt sich von selbst.
-
-Gesners Vogelbuch mit seinen zum Teil ganz ausgezeichneten Bildern war
-aber nun als ein Grundwerk neuerer Tierkunde selber niemals vergessen
-worden. Wohl aber hatte das Kapitel »Vom Waldrapp« darin in der
-Zwischenzeit auch sein eigenartiges Schicksal erlebt.
-
-Der große Linné, als er im achtzehnten Jahrhundert das tat, was
-eigentlich Vater Adam im Paradiese schon besorgt haben sollte, nämlich
-den ganzen Inhalt der großen Erdenarche mit dauernd gültigen Etiketten
-versah -- er glaubte selber noch so viel an Gesners Autorität, daß er
-dessen Waldrapp als deutschen Vogel ins System nahm, anfangs als eine
-Art Wiedehopf, später als wirklichen Raben; sonst wissen tat er von ihm
-aber schon nichts mehr.
-
-Der treffliche Vogelforscher Bechstein in der Wende zum neunzehnten
-Jahrhundert wagte dagegen einen entscheidenden Schritt. Er prüfte
-Gesners Bild, gab selber noch ein anderes altes wieder, konstatierte
-aber zugleich, daß es einen so aussehenden Vogel in ganz Europa ja doch
-nicht gebe. Nicht mehr gebe -- darauf kam er zunächst nicht. Nein,
-überhaupt nie gegeben habe, meinte er. Man habe den guten alten Gesner
-genarrt mit dem irgendwie verunstalteten Balg einer Alpenkrähe.
-
-Und auf diese voreilige Skepsis hin wurde wirklich jetzt von der
-ganzen nächstfolgenden Forschung auch das Gesnersche Bild abgelehnt
-und ignoriert -- der deutsche Waldrapp war also gleichsam doppelt
-verschollen. Und es bedurfte erst des Zufalls, daß jene drei
-Vogelkundigen im Rothschildmuseum gerade das Gesnerbild, das
-Bechsteinbild und endlich ein Bild und einen Balg des längst inzwischen
-unabhängig entdeckten exotischen Schopfibis von heute nebeneinander zu
-sehen bekamen, womit denn natürlich augenblicklich Bechsteins Schluß
-als falsch erkannt, Gesner wieder anerkannt und zugleich konstatiert
-war, daß es sich um einen wirklichen, aber heute auf deutscher Erde
-ausgestorbenen Vogel handeln müsse.
-
-Einmal das Eis gebrochen, ist dann unsre Kunde vom wenigstens
-historisch wiedererstandenen Waldrapp rasch erweitert worden noch über
-Gesner hinaus. Neuerdings hat besonders Robert Lauterborn, der so
-eifrige und glückliche Arbeiter in der Geschichte deutscher Tierkunde,
-das Material gesichtet und vervollständigt.
-
-Wir wissen aus den verschiedensten Quellen jetzt, daß dieser dohlenhaft
-auf Burgruinen nistende deutsche Ibis außer in der Schweiz auch im
-Salzburgischen, im weiteren Österreich, im bayerischen Donaugebiet bei
-Kelheim und Passau im sechzehnten Jahrhundert durchaus nicht selten
-war. Als Vertilger widerwärtigen Ungeziefers, das sein krummer Schnabel
-leicht aus den tiefsten Löchern zog, wurde er gelegentlich schon
-damals in Steiermark und zu Zürich urkundlich geschützt. Nach Stumpfs
-berühmter Schweizer Chronik war er um 1606 noch ein »gemein Wildpret«.
-Und zum Überfluß verglichen ihn wenigstens die Gelehrten schon damals
-selber mit einem Ibis, wobei einer eine alte Stelle bei Plinius
-ausgrub, die der Existenz des Ibis in den Schweizer Alpen gedenkt.
-Dieses alte Zitat ist an sich wieder höchst interessant, denn es ist
-die einzige antike Quelle über den deutschen Waldrapp.
-
-Plinius, in der besten Zeit der römischen Cäsaren, Zeitgenosse des
-Tacitus, war als Naturgeschichtschreiber nicht eben ein Mann, dem es
-auf ein derbes Teil Tierfabeln ankam. Aber in seinen Tagen begann
-man sich aus Staatsräson und sozusagen Kolonialpolitik in Rom sehr
-ernst mit der Schweiz und Süddeutschland zu befassen, und bei dieser
-Gelegenheit wurde in Amtsberichten offenbar doch vielerlei über die
-Natur gerade dieser Gegenden bekannt, das den Stempel der Echtheit
-trägt. Von einem Alpenpräfekten seiner Zeit, Egnatius Calvinus,
-hatte nun Plinius gehört, er habe den eigentlich für Ägypten
-heimatberechtigten Ibis auch in den Alpen gesehen. Kaum ist ein Zweifel
-möglich, daß das wirklich auf unsern Waldrapp geht, der also in den
-Römertagen schon an den Felsen der Alpenstraßen genistet haben muß,
-genau wie zu Gesners Zeit.
-
-Warum aber ging ein so lange dem Lande treuer Vogel ein?
-
-Man hat an eine Klimaverschlechterung gedacht, die das heute auf
-durchaus warme Länder beschränkte Tier, dessen meiste Verwandte
-sogar Tropenbewohner sind, vom Rhein und der Donau vertrieb; in
-Wahrheit spricht dafür aber nichts. Viel deutlichere Sprache dagegen
-spricht »der Schleck«, den nach Gesner das »liebliche Fleisch und
-weich Gebein« seiner Nestküken den Feinschmeckern gewährt hätten
-und um dessentwillen die Nestplünderer mit Lebensgefahr sich an den
-steilsten Felsen herabließen. Wehe dem Vogel, der in Tagen mangelnden
-Vogelschutzes durch die Gesetzgebung und den Natursinn seines Volkes in
-die Schußlinie eines »Schlecks« kommt! Der alte Gesner selber weiß ja
-noch zu berichten, daß die Leute seiner Zeit, die die Waldrappjungen
-aus ihrem Nest nahmen, »in einem jeglichen eins liegen (ließen), damit
-sie am nachgehenden Jahr desto lieber wiederkommen«. Das war in der
-geordneten Schweiz von 1500 und so und so viel. Anderswo und später
-auch dort las man's offenbar anders, und zwar so gründlich, daß die
-Waldrappen, Zugvögel, wie sie gleich Storch und Nachtigall waren, eben
-allmählich nicht mehr wiederkamen. Um die Zinnen flatterten Dohlen und
-Tauben, aber kein Ibis mehr. Der deutsche Ibis war ein ausgeträumter
-Traum deutscher Landschaft.
-
-Wird ihm der Storch, wird ihm wer weiß was noch alles von den Tieren,
-die in Sage und Naturschau um die Wiege unserer deutschen Volkskraft
-gestanden haben, in unseren Tagen folgen? Oder werden wir den
-Heimatsinn finden, der wenigstens jetzt solche nicht mehr zu sühnenden
-Sünden an unserem Heimatsbilde endgültig bannt?
-
-
-
-
-Der Gespensterzug der Lemminge
-
-
-In den letzten zehn Jahren hat sich in Skandinavien mehrfach
-hintereinander wieder ein uraltes Volksgespenst sehen lassen: der
-mysteriöse Massenzug der Lemminge.
-
-Heute geschieht ja da drüben besonders viel für die Bauernbildung, und
-ich weiß nicht, ob man sich im Winkel noch als echt weitererzählt, was
-mindestens in früheren Jahrhunderten dort für eine unerschütterliche
-Wahrheit galt. Da aus der alten Gespenstergeschichte aber bis heute
-eine heftige wissenschaftliche Streitfrage ausgegangen ist, mag es an
-der Zeit sein, einmal wieder davon zu reden.
-
-Des grausen Märchens Inhalt war, daß es in diesem doch durchweg nicht
-allzu üppigen Lande eine besondere Landplage gebe, die alle paar Jahre
-zum Verdruß auf die Bauern fiele. Über Nacht zögen Wolken auf und
-ließen regnen, und wenn der Tag den Schaden besähe, habe es tausend und
-aber tausend lebendige große Mäuse geregnet, hübsche Tierchen in Gelb
-und Schwarz wie die überseeischen Meerschweinchen, aber gefräßig wie
-nur irgendeine Feldmaus, ja den orientalischen Heuschreckenschwärmen
-gleich, vor denen alles Laubgrün bekanntlich im Nu vergeht wie unter
-einem Gifthauch. Entsprechend ihrer unerhörten Herkunft flössen diese
-Tiermassen wie ein reißendes Wasser von der Höhe zu Tal durch das
-Land, rasten und fräßen sich fort über jedes Hindernis, bis sie endlich
-auch gleich einem regengeschwellten Bach in einen See oder das große
-Meer einmündeten, wo sie dann allesamt jämmerlich ertrinken müßten.
-
-Dieser wilde Tierstrom war der berühmte und berüchtigte »Lemmingzug«.
-
-Die ersten einheimischen Geographen und Zoologen da oben, im
-sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, nahmen die Sache noch ganz so
-als buchstäblich wahr und stritten sich bloß zunächst über das Problem,
-ob die betreffende Wolke jedesmal Lemminge aus sich selbst erzeuge oder
-ob das kleine Plagevolk irgendwo in ferner Gegend vom Sturm mitgerissen
-und dann erst wieder am Fleck herabgeschüttelt werde. Dem Geist der
-Zeit von damals erschien das erste meist als das Amüsantere und deshalb
-als das Wahrscheinlichere.
-
-Dieser im ganzen leider allzu amüsanten Legende aber machte im Jahre
-der Thronbesteigung unseres großen Friedrich der naturgeschichtlich
-nicht minder große Linné ein Ende. Nach ihm, der sein eignes Land
-schließlich doch kennen mußte, handelte es sich um eine wirkliche Sorte
-Maus, die nicht nur in der Gefräßigkeit, sondern auch sonst durchaus
-irdisch-realistischer Natur war. Die Wolke, die sie ins Tiefland
-spie, war aber in Wahrheit das Gebirge. Dort lebten die Lemmingmäuse
-für gewöhnlich im kärglichsten Gebiet. Ab und zu aber kamen sie als
-großer Wanderzug von dort zu Tal, und dieses plötzliche Auftreten der
-stets nächtlich vorrückenden Tiere erzeugte die abgeschmackte Sage vom
-Lemmingregen. Das klang nun recht ernüchternd, ja fast langweilig,
-wenn nicht doch ein interessanter Punkt auch so geblieben wäre. Er
-betraf die Wanderung selbst.
-
-Mit stärksten Farben erzählte auch Linné von ihr: wie das
-vieltausendköpfige Volk tatsächlich einem reißenden Strom an Zähigkeit
-und Folgerichtigkeit gleich daherkomme, einem Menschen nicht ausweiche,
-sondern sich zwischen seinen Beinen durchzuwälzen suche, durch einen
-im Wege liegenden Heuschober ein Loch fresse, anstatt ihn zu umgehen,
-über Bäche und Ströme unter tollsten Opfern setze und, fahre ein
-Nachen darin vorbei und kreuze die schwimmende Masse, diesen Nachen
-erklettere, um auf der anderen Seite wieder ins Wasser zurückzuspringen.
-
-Was sollte dieser Mäusekatarakt? Wenn man hörte, daß der lebendige
-Strom nicht etwa eine dauernde Besiedelung des Flachlandes bedeute,
-daß die Tiere sich durch ihren fortgesetzten Weiterzug gleichsam
-selber umbrächten, in Gegenden eindrängen, wo sie gar nicht leben
-könnten, sich sinnlosen Krankheiten und Gefahren in den Arm würfen,
-in Hekatomben beim Durchqueren von Seen oder gar im Meer ertränken
-und zuletzt einfach alle miteinander auf solcher tollen Fahrt ins
-Blaue zugrunde gingen, ohne daß auch nur ein Stück die liebe Heimat
-wieder erreichte -- so schien das zwar kein Wunder, aber doch einen
-Gipfel zweckwidriger Unvernunft in der sonst so zweckschönen Natur zu
-bedeuten, der in seiner Art an ein Wunder grenzte. Und an diesem Faden
-wurde der Lemming jetzt für weitere anderthalb Jahrhunderte zu einer
-Art von fachzoologischem Gespenst, mit dem bald das, bald jenes, aber
-nie etwas Rechtes bewiesen werden sollte.
-
-Eine Weile freilich konnte es scheinen, als solle auch dieser Nimbus
-jämmerlich fallen. Linnés Zeugnis wurde allmählich auch etwas
-altersgrau -- aus neuerer, ganz heller Zeit aber blieb es lange
-merkwürdig still von neuen Lemmingzügen. Und als gar der treffliche
-Brehm in Lappland und Finnland überall herumgefragt, kein Mensch dort
-aber etwas vom reisenden und rasenden Lemming gewußt hatte, da meinte
-schon mancher, man dürfe auch diese Wanderlegende nachgerade zu der
-anderen schreiben und aus den ernsthaften Naturgeschichten streichen.
-
-Das aber war wieder zu viel. Der Lemming, schon fast totgesagt,
-erlaubte sich doch wieder zu schwärmen, und noch in den letzten Jahren,
-wie gesagt, ist er wieder von seinen Bergen zu Tal gerast wie zu Linnés
-Tagen. So blieb denn nichts übrig, als den Kampf mit diesem Gespenst
-auf die richtige Waffe zu stellen: nämlich es zu bannen mit einer
-vernünftigen Erklärung des rätselhaften Todeszugs.
-
-Darwin hat einmal gesagt, seine ganze Zweckmäßigkeitslehre mit all
-ihren Folgerungen müsse einpacken, wenn ihm einer einen tierischen
-Instinkt nachweisen könne, der einfach sinnlos darauf ausgehe, die
-betreffende Tierart, die ihn besäße, selber zu schädigen. Es mußte sich
-also wesentlich darum handeln, in dem »Unsinn« des Lemmingzuges doch
-mehr oder minder auch noch eine »Methode« zu finden.
-
-Der erste klärende Schritt dazu war, daß man den seltsamen Kerl in
-seiner normalen Heimat genau studierte. Obwohl eine echte Wühlmaus,
-also nächstverwandt unseren Feldmäusen, lebt er im skandinavischen
-Gebirge nach Art des Murmeltiers. Die »Tundra« zwischen dem tieferen
-Bereich des Fichtenforstes und dem ewigen Schnee ganz oben ist seine
-Welt dort, jener karge Pflanzengürtel, wo der Wacholder und die
-Zwergbirke, die ~Betula nana~, die nur mehr als eine Art Heidelbeere am
-Boden kriecht, einen Liliputanerwald bilden. Üppiger Tisch ist da oben
-gewiß nicht, zumal unser Lemming nicht die echte Murmeltiergewohnheit
-besitzt, den Winter zu verschlafen. Immerhin findet er sein Auskommen,
-und Gefahr entsteht, scheint es, gerade nur durch etwas mehr
-gelegentlichen Luxus der armen Natur um ihn her.
-
-Ab und zu kommt nämlich einmal ein besonders mildes Jahr, und
-in solchem fetten Stande schwillt die Nachkommenproduktion der
-kleinen Tundralemminge ins Ungemessene an. Im folgenden macht sich
-das unheimlich in der großen Kopfzahl geltend, und wenn jetzt in
-erklärlicher klimatischer Folgerichtigkeit ein besonders dürrer Sommer
-eintritt, so entsteht ernstliche und wachsende wirkliche Not. In
-solchen Tagen, heißt es, werde das jahrelang still da oben seßhafte
-Völklein unruhig. Es strebe nach Erweiterung seines Nährgebiets,
-wandere vor allem in den Waldgürtel unterhalb seiner gewöhnlichen
-erhabeneren Sitze massenhaft aus.
-
-Soweit ist die Sache plausibel und fügt sich lückenlos aneinander. Nun
-aber soll wieder daran die große Wanderung hängen.
-
-In dem tieferen Forst finde der Nager, der aus seiner Welt der
-Flechten und Birkenwurzeln kommt, andersartige und ihm unbehagliche
-Bedingungen. Und da fasse ihn der Trieb, abwärts noch weiter zu
-sondieren -- diesmal aber nicht in entsprechend langsamer Ausbreitung,
-sondern sozusagen explosionshaft, in einem ohnemaßen verwegenen Vorstoß
-ins Ferne und immer Fernere, der aber bei der geographischen Situation,
-die anstatt in neues Gebirge in eine immer tiefere Ebene mit tausend
-Feinden und Hemmnissen, ja endlich ans Meer als das wahre »Ende der
-Welt« führe, jedesmal im allgemeinen Verderben enden müsse.
-
-In diesem Teil der Beweisführung bleibt eine Lücke.
-
-Es wird nämlich nicht eigentlich erklärt, wie gerade dieser explosive
-Wandertrieb entsteht. Es wird nur gezeigt, wie er ausgelöst werden
-könnte -- wenn er in den Tieren vorhanden ist. Und auch dazu gibt es
-nun noch mancherlei zu denken und zu bedenken.
-
-Man hat beobachtet, daß die Wanderexplosion nicht bloß vom Waldgürtel
-des Gebirges zu Tal, sondern auch vom eigentlichen Lemminggebiet nach
-oben in die Schnee- und Gletscherwelt erfolgt, wo natürlich die armen
-Weltfahrer noch rascher elendiglich absterben müssen als unten. Von
-Anfang an muß also die Wucht des Wandertriebes enorm sein, die selbst
-in diese unmittelbare Öde jagen kann.
-
-Dann aber hat man an dem Zuge selbst gewisse merkwürdige Einzelheiten
-wahrgenommen. Die ziehenden Tiere kommen wohl in großen Scharen daher,
-zäh jedesmal im Absteigen den gleichen, nämlich wohl den geographisch
-bequemsten Straßen folgend, aber im Trupp geht jeder Einzellemming
-streng für sich, mit ordentlichem Zwischenraum zum nächsten, und wenn
-zwei Pilger sich doch zufällig nähern, so gibt es stets eine böse
-Beißerei. Ein bissiges, zänkisches Gesindel sind sie ja durchweg auch
-sonst, und ein Beobachter wollte das ganze Wandern noch mehr aus dieser
-wachsenden Unverträglichkeit bei größerer Menge erklären anstatt aus
-der eigentlichen Nahrungsnot. Vielleicht aber hängt eben mit dieser
-hochgradigen Wanderfeindschaft, die immerhin doch etwas Sonderbares
-hat, wieder etwas zusammen, das von verschiedenen Beobachtern
-einstimmig erwähnt wird: es sollen nämlich bei den skandinavischen
-Lemmingen die großen Explosionszüge fast ganz aus jüngeren Männchen
-bestehen. Tiermännchen unter sich sind ja stets beißwütiger. Nun
-ist aber wiederum dieses einseitige Geschlechtsverhältnis aus der
-Nahrungsfrage nicht erklärt, und es sieht nach einem besonderen
-Geheimnis noch hinter allem aus.
-
-Ist die treibende Kraft der eigentlichen Explosion etwa unerfüllte
-Liebe? Stellt sich bei der Überproduktion ein Mißverhältnis der
-Geschlechter mit zahlreichen zwangsweisen Junggesellen, die nicht zur
-Heirat kommen können, ein, und ist es der ungestillte Trieb dieser
-»Supernumerare«, der eigentlich in dem Wanderfieber steckt?
-
-Das würde erklären, warum dieses wie ein entfesselter Strom
-dahinfließende Wandervolk auch vor keinen »Fleischtöpfen« unten
-mehr zum Stillstand kommen kann, sondern rastlos gepeitscht immer
-weiter sucht und sucht bis ins eigne Verderben. Das Drauflosgehen bis
-zum Sinnlosen würde, wenn man es erotisch, aus einer ungestillten
-Leidenschaft, erklären könnte, wohl seine gute Analogie im Benehmen
-der meisten anderen Tiere in der »Liebesraserei« finden.
-
-Schließlich bleibt aber auch bei dieser erotischen Hilfe, daß auch
-sie doch offenbar einen sonst schon geregelten Instinkt auslösen
-muß. Daß die Wanderlemminge sich nicht einzeln regellos da und dort
-zerstreuen, daß sie, obwohl knurrend von Pilger zu Pilger, im ganzen
-zusammenhaltende Trupps bilden, die zusammen aufgebrochen sein müssen
-und eine gemeinsame Richtung wahren, und daß diese geregelte Zugform
-immer wieder, solange man die Erscheinung kennt, die gleiche gewesen
-ist, obwohl es sich doch bei den Wiederholungen um weit voneinander
-getrennte Generationen handelt, das alles spricht deutlich für einen
-solchen festen Instinkt, der jedesmal in Kraft tritt, wenn die äußere
-Auslösung, das Stichwort gleichsam, gegeben wird.
-
-Aber ein Instinkt zum Verderben der Art?
-
-Hier wird man sich über das Einzelbild gerade dieses Tieres und das
-engere geographische Bild des heutigen Skandinavien hinaus einen
-freieren Blick schaffen müssen.
-
-Ähnliche gelegentliche explosive Massenwanderungen kommen nämlich
-auch bei anderen Tieren vor, zum Beispiel bei verschiedenen Insekten.
-Sie sind wohl zu unterscheiden von regelmäßigem, friedlichem Wandern,
-das an den Heimatort wieder zurückführt (wie bei unseren Zugvögeln),
-wie von wirklichem Auswandern oder Vorrücken einer ganzen Art. Stets
-handelt es sich dabei um eine Abstoßung von Überproduktion in die Weite
-hinaus, während die eigentliche alte Normalziffer der Bevölkerung ruhig
-an ihrem Sitz verharrt.
-
-Unwillkürlich wird man dabei an menschliche Dinge erinnert. An die
-alte Geschichte vom »~Ver sacrum~«, dem Weihefrühling. Bei antiken
-Völkern wurde gelobt, eine ganze Kindergeneration in den Reifejahren
-auszustoßen, in die ungewisse Ferne zu schicken. Die Samniter in
-der römischen Geschichte sollten so entstanden sein. Die Sache wird
-religiös erzählt, aber sie könnte auch sehr praktische Gründe bei
-Übervölkerung gehabt haben.
-
-Bei jenen Tierabstößen aber könnte in diesem Sinne nun ein doppelter
-Nutzzweck für die Art herauskommen.
-
-Einmal, wenn die Abgestoßenen wirklich alle zugrunde gingen. Die
-Zurückbleibenden blieben dann ohne erhöhten und vielleicht zerstörenden
-Daseinskampf im alten Statusquo. Es wäre ein grausiges Mittel -- ein
-besonderer Wanderinstinkt, bei so und so viel Einzeltieren der Art
-zeitweise ausgelöst, damit sie sich zugunsten der Art opferten, indem
-sie ins Blaue rasten, dem sicheren Tode zu.
-
-Aber ich glaube, es gibt einen zweiten und milderen Fall, der wohl
-auch bei jenem menschlichen ~Ver sacrum~ eigentlich als das Normale
-vorgesehen war. Der abgestoßene Schwarm findet auf seinem Wege eine
-neue Heimat. Eine andere günstige Stelle, wo die Art sich neu ansiedeln
-kann oder wenigstens Artgenossen leben, denen eine Blutauffrischung
-günstig zustatten kommt. Hier hätte die Art rein positiven Vorteil
-durch stärkere Ausbreitung und erhöhte Kraft. Und diesem Sinn würde
-auch das rasend Schnelle des Zuges besonders gut dienen, während es für
-den reinen Todeszweck belangloser wäre: es gälte in kürzester Frist
-möglichst große Strecken zu überqueren, ob der Zufall ein gutes Neuland
-zeige, -- je weiter hinaus, desto größer die Chance.
-
-Nun freilich: bei den skandinavischen Lemmingen von heute kommt es
-immer nur zu einem Todeszug: sie vergehen alle in der Ebene oder im
-Meer. Hier scheint also unabänderlich heute wenigstens nur der erste
-Fall zu gelten.
-
-Indessen wir erinnern uns an Geologisches. Solche Tierarten mit ihren
-Instinkten leben ungeheure Zeiträume hindurch. In solchen Zeiten aber
-ändern sich Festländer und Meere. Skandinavien ist nicht immer so zu
-größten Teilen inselhaft gegen das Meer geöffnet gewesen und wird
-es schwerlich in Ewigkeit sein. Wenn eine Landbrücke über Nord- und
-Ostsee es heute mit Deutschland verknüpfte, könnten auch die rasenden
-Lemmingzüge zuletzt wieder auf wirklich geeignetes Gebirgsland stoßen;
-solche Zustände haben aber in geologischen Tagen geherrscht. In der
-Diluvialzeit ist durch die großen eiszeitlichen Klimastürze zeitweise
-sogar die Tundra selber bis tief nach Mitteleuropa hinein gekommen, und
-entsprechend findet man Lemmingknochen aus diesen Tagen dort überallhin
-wirklich verbreitet.
-
-Also andere Zeit, ein anderes Lied. Am »Sinn« aber werden wir auch hier
-noch lange nicht zu verzweifeln brauchen!
-
-
-
-
-Die Entdeckung von Landwirbeltieren ohne Lunge
-
-
-In der guten alten Zeit hatte man noch viel lustige Hoffnungen
-hinsichtlich naturgeschichtlicher Entdeckungen. Man erwartete und
-fabulierte Menschen mit Kranichköpfen oder einem einzigen Riesenfuß,
-der so groß war, daß er bei Sonnenhitze dem ganzen Körper Schatten
-geben konnte.
-
-Aber ein Wesen, Tier oder Mensch, das nicht als Fisch im Wasser,
-sondern richtig auf dem Lande in offener Atemluft lebte und doch weder
-eine Fischkieme noch auch eine Lunge, sondern in diesem Sinne überhaupt
-gar nichts zum Atmen hatte und dennoch lebte -- das haben auch die
-problematischen Geographen und Naturhistoriker, die von der Indienfahrt
-des Apollonius von Tyana oder den wunderbaren Reisen weiland Herzogs
-Ernst schrieben, nicht zu erfinden gewagt ...
-
-Wer ist nicht einmal an der Riviera gewandert und hat in diesem
-unsagbar köstlichen Paradies den melancholischen Gedanken gedacht:
-was für ein Schlachtfeld unter all diesen Herrlichkeiten des blauen
-Himmels und der sonnenüberglänzten Palmenerde sich dehne von unfaßbar
-tragischem Menschenkampf mit dem Unvermeidlichen.
-
-Um den Atemzug des Menschen ging dieser Kampf, um die Lunge, die ihn
-gewährte. Wie ist hier vom einzelnen gerungen worden mit äußerster
-heiliger Seelenkraft! Wie klangen und klingen hier die langsamen,
-tastenden Fortschritte der modernen Medizin als Paradieseshoffnungen
-bald, bald wieder als Resignationen an.
-
-Aber in aller Not denkt man dort doch auch an die wunderbaren
-Widerstände, die geheimnisvollen Selbstregulierungen der Natur. Wie
-lange der Mensch vielfach den Kampf aushält selbst mit einem stark
-herabgesetzten Organ! Ist es doch, als sei unser Körper schon in
-gesundem Stande gleich auf das Doppelte angelegt mit seinen zwei
-Lungenflügeln, zwei Gehirnhalbkugeln, zwei Nieren: damit bei Zerstörung
-der einen Hälfte doch noch der Rest das Ganze einstweilen trage.
-
-Doch wenn zuletzt die gesamte Innenfläche schwindet, auf der Luft
-und Leben sich nach uraltem Pakt, der allein das Leben in der Luft
-garantierte, begegnen, dann sinken doch die großen Schleier. Ganz ohne
-Lunge hat auch die Natur in uns, die um Erhaltung ihres Gebildes ringt
-bis zum letzten Atemzuge, keine Selbsthilfe, keine Regulierung mehr.
-
-Wohl weiß der Arzt, der zugleich den geschichtlichen Entwicklungsgang
-dieses Organs überschaut, uns noch etwas Merkwürdiges dazu zu erzählen,
-das bei vielen heute noch überraschend wirkt.
-
-Diese Lunge ist auch als Ganzes nur wieder ein Teilstück eines anderen,
-viel größeren und gegen Zerstörungen durchweg viel widerstandsfähigeren
-Organs in uns. Sie ist ursprünglich nämlich nichts als ein Stück
-Darm, eine Ausstülpung am vorderen Teil des Verdauungskanals. Eine
-Seitentasche dieses Darms ist sie, die durch besonderen Anschluß von
-Blutbahnen in der Arbeitsteilung der Ernährung sich speziell darauf
-eingestellt hat, nicht flüssige und feste Nahrung zu verarbeiten,
-sondern die in der Luft enthaltene.
-
-Wenn es wahr ist, daß sich im darwinistischen Sinne die Landwirbeltiere
-aus fischartigen Wassertieren einmal entwickelt haben, so ist
-der engere Hergang wahrscheinlich so gewesen, daß ein gewisses
-Darmanhängsel, das bei den Fischen ganz anderen Zwecken (dem Auf-
-und Absteigen im Wasser) diente, die sogenannte »Schwimmblase«, sich
-nachträglich zum »Luftdarm« als Atmungsorgan auf dem Lande an Stelle
-der Wasserkiemen des Fisches ausgewachsen hat. Die Darmnatur aber hat
-die Lunge auch so und gerade so erst recht niemals ablegen können.
-
-Wollte man nun einmal ganz kühn sein, so könnte man folgern: die
-Natur hätte auch bei vollkommener Zerstörung der Lunge noch _einen_
-Rettungsausweg. Wenn nämlich rechtzeitig der ganze übrige Darm für sein
-zerstörtes Teilstück einzutreten begänne, gewisse Blutgefäße dick und
-leicht durchlässig vordrängte und so Ersatz schüfe.
-
-Ja, theoretisch könnte man sich die Maschine so reguliert denken. Aber
-in der Praxis fehlt es bei uns eben doch offenbar -- leider -- an der
-Möglichkeit und Schnelligkeit der Umschaltung, und so fällt auch dieser
-Traum unter die Resignationen der Wirklichkeit -- es sei denn, daß die
-Medizin noch einmal ganz andere Mittel und Wege fände, unseren Körper
-überhaupt umzuzüchten und ihm alles tatsächlich zu entlocken, was in
-den Anlagen der Natur auch in ihm schlummert.
-
-Gewiß aber bleibt, daß zu solchen oder ähnlichen waghalsigen Ideen
-nicht leicht etwas stärker Anklingendes entdeckt werden konnte, als vor
-nicht langer Zeit eben auf der so schönen und so tragischen Erde der
-italienischen Riviera selbst geschehen ist.
-
-Man hat ein Tier dort entdeckt, das ein Wirbeltier ist gleich uns. Und
-zwar ein Landwirbeltier, also kein Fisch. Dieses Tier aber besitzt
-keine Spur von einer Lunge und atmet doch Luft, genau wie wir. Es atmet
-sie nämlich wirklich ein und aus mit einer weit umfassenderen Fläche
-seines Leibes, in diesem Falle allerdings auch nicht mit dem ganzen
-Darm, sondern, unverkennbar noch praktischer, gleich mit der Außenhaut
-des Körpers.
-
-Dieses, man kann wohl mit Grund sagen, nunmehr wirklich wunderbarste
-Wirbeltier ganz Italiens ist ein äußerlich schon lange bekannter,
-noch nicht handlanger Salamander, auf braunem Grunde gelbrot fleckig
-mit etwas allgemeinem Goldglanz, also nicht unähnlich einem kleinen
-Exemplar unserer heimischen Feuersalamander, die jeder Schuljunge
-kennt, der in den Sammeljahren steckt.
-
-Man hat ihn als den »braunen Höhlensalamander« (~Spelerpes fuscus~)
-bezeichnet, denn wie unser gelbschwarzer Landsmann liebt er Dunkelheit
-und feuchte Verstecke, was bei ihm aber bis dahin gediehen ist, daß
-er gewohnheitsmäßig in kühlen und finsteren Höhlen der nord- und
-mittelitalischen Gebirge als ein möglichst scheuer Sonderling haust,
-der dort auf die uns widerwärtigste Jagd, zum Beispiel auf die der
-kleinen Skorpione des Landes, geht.
-
-Eine ungeheuerlich weit vorschnellbare Zunge, wie sie beim Chamäleon
-wiederkehrt, erleichtert ihm das Jagdvergnügen zwischen diesem
-bedenklichen Wildstand seines fast unzugänglichen Reviers. Wie so
-mancher weltabgeschiedene Eigenbrötler im Amphibienvolk, scheint er
-eigentliches Wasser nicht einmal für seine Jungen mehr nötig zu haben,
-sondern auch sie werden gleich landfertig und nach Abschluß ihres
-Kaulquappenstandes geboren.
-
-Um so sicherer aber hätte man aller zoologischen Folgerichtigkeit nach
-nun damit rechnen sollen, daß der kleine Geselle von solcher Geburt an
-zeit seines ganzen fertigen Molchlebens ein paar tüchtig entwickelte
-Lungenflügel im Leibe führe.
-
-Denn das wissen wir ja von seinen allbekannten Genossen bei uns,
-Feuersalamander wie Teichmolch: diese amphibischen Langschwänzer sind
-zwar darin »Amphibien«, also »beidlebige Tiere«, daß sie als freie
-Kaulquappe im Wasser mit fischhaften Kiemen Wasserluft atmen können,
-_wenn_ sie aber dann als reifes Geschöpf aufs Land gehen, haben sie so
-gut Lungen zu freier Luftatmung wie nur irgendein Vogel oder Säugetier
-oder wie wir Menschen selber.
-
-Und eine solche Lunge ist auch bei einem Lurch solchen Schlages keine
-bloße »Tätigkeit«: sie ist ein sichtbares Gebild im Leibe, das man
-greifen kann; eine Froschlunge zum Beispiel sieht, abgesehen von ihrer
-etwas kurzen Verankerung, äußerlich gar nicht so sehr viel anders aus
-als eine menschliche. Um so überraschender aber mußte jetzt die Kunde
-klingen, daß findige Anatomen beim genauen Zergliedern des italischen
-Spelerpesmolchs auch nicht das allerkleinste Substanzzipfelchen
-gefunden hätten, das auf eine solche Lunge gedeutet werden könnte. Ein
-alter Haruspex, der bei einem seiner Opfertiere das unerwartete Fehlen
-eines so scheinbar unumgänglich nötigen Organs festgestellt hätte,
-würde mindestens den Untergang der Welt daraus prophezeit haben! Der
-Fall hatte diesmal aber noch eine viel weitere Perspektive als die
-einer vereinzelten Abnormität.
-
-Das zweideutige Höhlenkind Italiens ist, rein geographisch betrachtet,
-ein höchst seltsamer Fremdling in unserem Erdteil. Alle seine Genossen
-von der engeren Spelerpesgattung wie einem anschließenden größeren
-Kreise wohnen (Werner hat jüngst die Tatsachen darüber anschaulich
-zusammengestellt) sonst jenseits des Großen Wassers in Nord- und
-Südamerika. Irgendein Urweltweg (einst hat es ja Tage gegeben, wo
-Europa enger mit Nordamerika zusammenhing als selbst mit Asien) muß es
-vereinzelt so weit hinausgelockt haben.
-
-Dabei ist es aber durchaus nur dem treu geblieben, was auch drüben
-Trumpf war. Diesem ganzen Geschlecht von mehr als einem Halbhundert
-verschiedener Arten fehlt ganz gleichermaßen jede Spur von einer
-Lunge im Leibe! Dabei ist es im übrigen ein äußerst vielgestaltiges
-Völklein. Da gibt es Molche, die hoch auf Bäume klettern; Molche, die
-weite Sprünge vollführen können; Molche, die einen Greifschwanz haben,
-an dem sie sich eine Weile schwebend erhalten können; Molche, die im
-Gegensatz zu der sonstigen Wehrlosigkeit des heutigen Lurchgeschlechts
-lange Zähne führen und damit an gewisse riesige krokodilhaft bissige
-Riesenlurche der Vorwelt (Labyrinthodonten) gemahnen. Manche aus jenem
-Stamm leben gleich unserem Italiener streng auf dem Lande, andere gehen
-auch ins Wasser. Allen aber gemeinsam ist das große Mirakel ihrer
-Familie: der bedingungslose Verzicht auf die Lunge ebenso wie auf jedes
-besondere andere Atmungsorgan.
-
-Und die entscheidende Frage muß sein, wie dieser Mangel ausreichend
-ersetzt werden konnte von einem Wirbeltier, das unter allen Umständen
-doch an das große Gesetz der Atmung gebunden war wie alle übrigen.
-
-Schaut man nun einem solchen lungenlosen Salamander eine Weile zu,
-so gewahrt man mit Befremden ein unablässiges schnelles Schwingen
-der Kehlhaut, das ganz und gar doch wieder nach sogar sehr heftiger
-Lungenarbeit ausschaut. Aber der Anatom löst dieses Rätsel und damit
-zugleich das andere.
-
-Unser geheimnisvoller Lurch atmet in Wahrheit nicht vom Mund in den
-Lungenschlund, sondern er _atmet mit der Mundhöhle selber_. Hier schon
-treten die Blutgefäße zum nötigen Gasaustausch unmittelbar heran. Und
-entsprechend geht das Atmungsfeld, wenn man sich so ausdrücken soll,
-auch von innen nach außen und nicht umgekehrt weiter, indem es sich
-von der Mundhöhle nun ausbreitet über die gesamte äußere Körperfläche
-bis in ihre entlegensten Ausläufer. Merkwürdigerweise sind es ganz
-besonders _die Zehen_, die oft durch ein sehr starkes oberflächliches
-Blutnetz am erfolgreichsten diesem Zweck dienen, ein Sachverhalt, der
-weit fort von allem Wirbeltierbrauch geradezu an die Krebse erinnert,
-wo die kiemenhaften Atmungsapparate ebenfalls an den Beinen sitzen als
-der Stelle, die am besten mit frisch anströmendem Wasser in Berührung
-kommt.
-
-Obwohl die Lebensweise der heutigen »lungenlosen Molche« keine
-einheitliche mehr ist, wird man doch kaum fehlgehen, wenn man
-diese ihre kurioseste und schlechtweg einzigartige »Anpassung« auf
-ursprüngliche Verhältnisse zurückführt, wie sie wohl gerade der
-italienische Höhlensalamander noch mit am deutlichsten spiegelt.
-
-Dieses Molchvolk wird lange Zeit weder rein auf dem Trockenen noch
-rein im wirklichen Wasser gelebt haben. Es war vielmehr vermutlich ein
-gewohnheitsmäßiger Bewohner der »Dusche«. An feuchten Grottenwänden
-kletternd, erhielt es einen immerwährenden feinen Sprühregen und
-Kellerschwaden auf Maul und Haut, der die Atmung dieser äußeren Haut
-(etwas atmet ja jede tierische Nackthaut und ganz besonders stark auch
-sonst schon die amphibische, zum Beispiel beim Frosch) in eben dem
-Maß durch feine Reizung verstärkte, wie er beim Eindringen in eine
-wirkliche innere Lunge vielleicht umgekehrt zu grob wirkte.
-
-Jedenfalls wird man kaum darum kommen, daß die Lunge erst wieder
-nachträglich abgeschafft und durch die Mund- oder Fingerhaut ersetzt
-worden ist; denn zu der gesamten Organisationshöhe des echten Molchs,
-die doch sonst auch hier schon überall erreicht ist, gehörte normal
-zweifellos auch der ursprüngliche Besitz bereits einer Lunge in reifem
-Zustande.
-
-Also es ginge im Spielbereich der Natur: wir könnten auch mit dem
-Gaumen oder mit den Fingerspitzen atmen -- die Maschine ließe sich
-theoretisch auch hier anschalten. Nur daß diese Natur immer ihre Zeit
-gebraucht hat, solchen Anpassungswechsel durchzusetzen. Nicht am
-einzelnen Individuum hat sie es vollbracht, sondern an Generationen.
-
-Obwohl wir aus den ganz alten Urweltstagen nur Reste jener erwähnten
-krokodilhaften Panzeramphibien besitzen, gehen doch auch die
-nackthäutigen Lurche, zu denen ein solcher Molch von heute gehört,
-über Millionen von Jahren zurück; schon in der Jurazeit gab es den
-echten Frosch, also wohl die Krone auch dieses jüngeren Stammes. Da
-konnte sich viel vollenden, auch wenn es langsam ging, viel konnte da
-die Natur, wenn wir einmal so menschlich reden wollen, experimentieren
-nach allen Richtungen, und wundervoll konnte sich die tatsächliche
-Biegsamkeit und Schmiegsamkeit des Lebensprinzips bewähren. War dann
-die Anpassung geglückt, so überdauerte sie auch wohl wieder unfaßbare
-weitere Generationen in starrem Bann.
-
-Was wir Menschen uns wünschten, ist hier weniger zugleich und mehr.
-
-Nicht die Menschenart im ganzen möchten wir für jede Einzelhilfe
-verwandeln. Dafür aber möchten wir im individuellen Falle einen Ausweg
-schaffen, der ein krankes Organ durch ein anderes ersetzte, jetzt
-gleich, im einzelnen. Und hier liegt einstweilen unser Gegensatz
-noch zu den grandiosen Auswegen und Erfolgen der dunkel schaffenden
-Naturzüchtung unter uns, der uns Menschen in all unserem bewußten
-Erfassen der Dinge heute noch wie einen Tantalus erscheinen läßt, zu
-dem sich die goldenen Früchte herabsenken und der sie doch nicht zu
-erfassen weiß.
-
-Wenn es aber irgendeinen Erfolgsweg gibt, so heißt er: Lernen von der
-Natur.
-
-
-
-
-Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas
-
-
-Alte indische Weisheit lehrt, daß jeder Mensch sich irgendwo
-»dahinten«, im kosmisch-mystischen Storchteich, sein eigenes irdisches
-Leben freiwillig gewählt, erfunden und gedichtet habe.
-
-All unsre unterschiedlichen und nicht immer ganz wohltuenden Abenteuer
-hier unten seien nur die Autosuggestionen eines Poeten, der eine Weile
-seine eigene Phantasie für Wahrheit nimmt -- einzelnen Abenteuern
-gegenüber doch eine etwas unheimliche Vorstellung.
-
-Inzwischen wäre es aber hübsch, wenn wir gelegentlich wirklich wählen
-dürften, wann und wo wir noch einmal wiederkommen wollen. Jeder würde
-da seine sehr speziellen Wünsche haben; ich aber weiß gewiß, daß ich
-unter den Zeiten und Orten der Vergangenheit mir keinen lieberen Fleck
-zum Wiedermiterleben wählen könnte als -- Gondwanaland.
-
-Zwei Dutzend Millionen Jahre vielleicht möchte ich meine Uhr
-zurückdrehen -- nicht vordrehen, nicht in die gespenstische Zukunft
-hinein, sondern historisch dorthin, wo der Mensch selber noch als eine
-ferne Zukunftsüberraschung im Storchteich der Erdentwicklung schlief --
-und wissen, wie es eigentlich wirklich in Gondwanaland ausgesehen hat.
-
-Gondwanaland ist ein verschollener, verklungener, zerfetzter,
-versunkener Erdteil der Urwelt, der aber dokumentarisch sehr viel
-besser beglaubigt ist als die angeblich noch von Menschen bewohnte
-sagenhafte Atlantis.
-
-In einer sonst belanglosen Landschaft des heutigen Indien ist man
-wissenschaftlich zuerst auf seine Spur gekommen -- daher der Name, der
-im übrigen nicht viel mehr Bezug zu ihm hat als der des ehrenwerten
-Herrn Amerigo zu Amerika.
-
-Gondwanaland ragte, als sich bei uns im Norden die roten Wüsten
-dehnten, denen wir unseren auffälligst gefärbten Bausandstein verdanken.
-
-Gondwanaland ragte, als sich in weitem Waldmoorgürtel dort aus
-sterbenden Farnbeständen die Ursubstanz unserer Steinkohle bildete.
-
-Gondwanaland verband damals auf der Südhalbkugel Afrika mit Indien,
-es erfüllte den Indischen Ozean und schob sich westlich in den
-Atlantischen; Australien und Südamerika lagen als zugehörige
-Dependenzen oder Halbinseln neben ihm; wie weit es sich zur Antarktis
-südpolar erstreckte, das eben möchte ich unter anderem wissen, wenn ich
-noch einmal dahin geboren würde.
-
-Aber noch mehr würde ich dann wissen.
-
-Gondwanaland verschwand als Kontinent, versank größtenteils in der
-Jurazeit; damals entstand als junges Meer über seinem Hauptgrabe erst
-der Indische Ozean. Aber lange vorher muß Gondwanaland der Schauplatz
-des merkwürdigstem des rätselhaftesten Vorgangs gewesen sein, den die
-geologische Vergangenheit, soweit wir ihr ahnend noch folgen können,
-überhaupt enthalten hat.
-
-Seine Gelände bedeckten sich »eines Tages« (geologisch gesprochen)
-in den Breiten Indiens und Südafrikas mit Schnee, und zwar so tief
-herab, wie es heute dort ganz unmöglich wäre. Von ungeheuren weißen
-Firnfeldern schoben sich ungeheure blaue Gletscher bis ans Meer,
-regelrechte Grundmoränen mit poliertem oder geschrammtem Gestein
-dabei bildend. Die Schlammufer dieses Meeres erstarrten in Indien
-zeitweise zu hartem Eisboden, als lägen sie in Nordsibirien. Eine
-Eiszeit, die über den Äquator zog! Was kann sie erzeugt haben? Fragen!
-Wie entstanden überhaupt Eiszeiten auf der Erde? Wie entstanden sie
-periodisch im Laufe der Erdgeschichte -- mehrfach? An diesem Rätsel
-quälen sich heute tausend sehr kluge und sehr mäßige Menschenköpfe,
-aber den Schlüssel hat noch keiner gefunden.
-
-Dann -- nach langer Dauer, während die Oberflächengesteine unter ihrer
-Vereisung größtenteils zu Schutt zerfallen waren -- änderte sich
-der Feuchtigkeitsgehalt der Luft wieder, die abnormen Schneeflächen
-schmolzen fort, und auf den nackten Moränenfeldern der alten Gletscher
-siedelte sich eine fremdartige Pflanzenwelt an, die inzwischen irgendwo
-entstanden war -- völlig andersartige Farnwälder, als sie sonst und im
-Norden der Steinkohlenwelt entsprochen hatten.
-
-Durch diesen neuen Wald aber kroch eine Tierwelt daher, Geschöpfe, wie
-sie nie vorher so wunderlich, so äußerlich scheußlich gesehen worden
-waren. Teils glichen sie Reptilien, teils Säugetieren, teils war es,
-als wolle sich mit ihnen ein ganz neuer dritter Typus neben beiden
-bilden. Die einen liefen auf ganz kurzen, aber unerhört massigen
-Teckelbeinen, während ihr Knochengerüst eine Tendenz zeigte, zu groben
-Klötzen zusammenzuwachsen, wie es in manchem noch das unserer heutigen
-Schildkröten tut. Andere führten an Drachenleibern wilde Tigerköpfe
-mit einem echten, fast völlig säugetierhaften Raubtiergebiß. Wieder
-andere glichen in der Größe und Lebensart Nilpferden, die aber auf
-Krokodilklauen watschelten und denen aus dem schnabelartigen Maul zwei
-riesige Stoßzähne wie beim Elefanten ragten.
-
-Viel Wunderbares hat die zeitlich erst folgende große Saurierzeit
-noch hervorgebracht. Wer möchte nicht einen Ichthyosaurus noch einmal
-lebend gesehen haben? Vielleicht hätte er uns enttäuscht: er glich zu
-sehr unseren Delphinen. Diese Gondwanatiere aber, die wie aus drei
-Tierklassen zusammengestückelt waren, hätten allen Anforderungen
-groteskester Phantasie standgehalten.
-
-Als dieser Ichthyosaurus sich bei uns in Schwaben tummelte, war aber
-Gondwanaland bereits als Ganzes dahin. Zwischen all den Wundern der
-Urwelt steht es noch einmal besonders wie ein Märchen, das kam und
-ging, aus dem Blau stieg und im Blau versank. Wie seine Schneefelder
-heruntergeschmolzen waren, so tauchte zuletzt auch sein Sockel wieder
-unter den Ozean.
-
-Nur ein paar Klippen blieben stehen, der unterste Zipfel von
-Südamerika, das Kapland, ein Stück Indien. Sie verschmolzen später mit
-von Norden heranrückenden Kontinentmassen, so daß sie fortan als deren
-Südecken in die freien Weiten der Südozeane vorzuspringen schienen;
-so zeigen sie heute unsere Karten, jedem vertraut; aber wo sie heute
-abbrechen, da träumt unter den blauen Wassern in Wahrheit tief
-versenkt das Märchen von Gondwanaland.
-
-Und nur Australien, einst auch eine verschneite Insel oder Halbinsel
-neben den Gletschern des Hauptlandes, liegt noch jetzt fast unverändert
-an seinem Fleck. Deutlich erkennt man auch in seinem alten Gestein noch
-die Moränen, die Eisschliffe der großen Gondwanakatastrophe. Nie in
-aller Folge sind Australien und seine nächstgelagerten Inseln von einer
-späteren nördlichen Kontinentzunge erfaßt und »nördlich« einverleibt
-worden. Wenn irgendwo noch ein letztes Abendrot der Wunder von
-Gondwanaland hätte fortglühen können, so wäre es also nur hier gewesen.
-Und nur hier in Australien bestände bis heute eine loseste Möglichkeit,
-daß noch irgendein letzter Rest fortlebte von jenen Wundertieren, die
-einst dort den neuen Farnwald und die Schmelzseen belebt hatten, als
-der geheimnisvolle äquatoriale Schneewinter schwand ...
-
-Tiere aus Gondwanaland in unseren zoologischen Gärten!
-
-In diese Gärten ist in den letzten Jahren ja so manches gekommen, das
-man nicht für denkbar gehalten hätte. Das diluviale Wildpferd, das die
-Menschen der Steinzeit in Europa gejagt hatten, ist noch lebend aus
-der Wüste Gobi zu uns gelangt. Dann hat Hagenbeck jenes Zwergnilpferd
-von Liberia eingeführt, das einst seine Miniaturgenossen auf Malta
-und Kreta hatte. So zur rechten Stunde taucht nun auch ein ganz neues
-Geschöpf gerade bei uns auf, das aus dem eng zu Australien gehörigen
-Paradiesvogellande, aus Neuguinea, stammt.
-
-Neuguinea, immer noch weit weniger erforscht als das eng zugehörige
-Festland von Australien, ist einer der letzten größeren Erdenwinkel,
-von denen wir noch wirkliche zoologische Überraschungen erwarten
-dürfen. Fort und fort werden noch neue und immer herrlichere
-Paradiesvögel dort entdeckt, während es gleichzeitig mit immer mehr
-Glück gelingt, diese farbenfrohen »Kunstwerke der Natur« auch lebend
-zu uns herüber zu bringen; im Berliner Zoologischen Garten lebten
-kürzlich nicht weniger als vier der schönsten Arten nebeneinander; und
-auch auf Schutz dieser Paradiesier vor dem bösen Raubtier, das ihnen
-im mörderischen Damenhut unserer Mode erstanden ist, läßt sich ja
-nächstens hoffen.
-
-Da aber war es nun eine der echtesten Freudennachrichten für die
-Tierkundigen, als es hieß, in den schwer wegsamen Wäldern dieses
-Neuguinea habe auch das merkwürdigste Tier des australischen Kontinents
-noch ein zweites großes Asyl: nämlich das sagenumwobene Schnabeltier.
-
-Ein einzelner Schädel wies schon vor Jahren die erste Spur, daß
-auch dort große Landschnabeltiere vorkämen, die der bestachelten
-australischen Form, die man den »Schnabeligel« nennt, entsprächen, aber
-weit imposanter und im Besitz weit größerer Schnäbel, also in jedem
-Betracht noch interessantere Tiere wären. Nach und nach hat sich das
-dann dahin geklärt, daß tatsächlich nicht das australische Festland,
-sondern dieses Neuguinea heute recht eigentlich das Entfaltungsgebiet
-dieser Landschnabeltiere ist. Neben einem echten kleinen Verwandten
-der Landaustralier bewohnen es mehrere jener großen Sorten, für die
-man den besonderen Namen »Vliesigel« erfunden hat. Vliesigel wäre ein
-Igel (oder hier ein äußerlich igelähnliches Schnabeltier), der mehr
-weiches »Vlies«, also mehr einfaches Wollhaar als wirkliche Stacheln
-besitzt. Gerade dieses Merkmal scheint aber nur auf eine der großen
-Arten dort zuzutreffen, während eine andere, noch weit größere, sogar
-extrem borstig und langstachelig ist. Immerhin lehrt das Schwanken
-im Grade der Stacheln, daß diese äußerliche Wehr überhaupt nur etwas
-Nebensächliches bei diesen Schnablern darstellt, das ebensogut ganz
-fehlen könnte, ohne ihre übrige Absonderlichkeit zu berühren.
-
-Eben jener lang- und dickstachelige Vliesigel (~Proechidna
-nigroaculeata~) ist es nun, der in einem Prachtexemplar neuerlich zum
-ersten Male lebend in den schönen Zoologischen Garten zu Amsterdam
-gelangt ist, während andere Vliesigel auch sonst in Tiergärten, so
-den Berliner, gekommen sind. Und das jetzt ist ein ganz einzigartig
-kurioser Geselle. In der Gestalt möchte man ihn durchaus einem
-kleinen Elefanten vergleichen (natürlich auch ohne bescheidenste
-Elefantenmaße): der Schnabel biegt sich zum verhältnismäßig
-ungeheuren krummen Rüssel wie ein Pfeifenrohr ein, und während die
-kleinen Australier platt am Boden dahinwackeln, hebt sich bei diesem
-Stachelelefanten der Leib auf hohe, wirklich mehr elefantenhafte
-Säulenbeine herauf. Denkt man sich die Größe dazu, so möchte im
-ganzen etwa ein alter karthagischer Kriegselefant herauskommen, dem
-sie zu besserer Wehr in der Schlacht eine künstliche Lederdecke mit
-Wollpolster und vielen eingesetzten derben Metallzylindern über Rücken
-und Kopf gestülpt haben.
-
-Aber dieser »Elefant von Neuguinea« hat in Wahrheit nichts mit
-Elefanten und Elefantengenossen zu tun. Lebend, wie er heute noch in
-seinem holländischen Neuguinea durch den Nachtwald streift und nun
-auch bis zu uns ins Kulturland gekommen ist, trägt er doch einen ganz
-eigentümlichen zoologischen Duft, einen geologischen Zauber über sich:
-er und seinesgleichen stehen nämlich heute tatsächlich noch im Abendrot
-von Gondwanaland.
-
-Es sind keine echten Säugetiere, diese Schnabeltiere. Das weiß man,
-seit feststeht, daß sie regelrechte Eier legen, die äußerlich denen
-der Schildkröten ähneln, und daß ihre Bluttemperatur in weitem Maße je
-nach der äußeren Luftwärme steigt oder fällt, wie es den wechselwarmen
-Reptilien im Gegensatz zu den dauerwarmen Säugetieren allgemein eigen
-ist.
-
-Freilich führen sie bereits das Haar des Säugetiers (auch die Stacheln
-sind nur verklebte Haargebilde), und ihre Jungen werden noch im Ei
-durch Säfte des Mutterleibes, später aber durch eine Art Muttermilch
-selbst genährt. Das sind Züge bei ihnen, die, wenn nicht auf das
-vollendete, so doch auf das werdende Säugetier weisen, und so ist es
-eine wohlbegründete Vermutung, daß von Tieren, die ihnen in diesen
-Punkten glichen, in Urweltstagen einmal wirklich diese Säugetiere sich
-geschichtlich heraufentwickelt haben.
-
-Aber wenn wir sie selber nun unabhängig von dieser immerhin noch in
-manchem verschleierten Möglichkeit geologisch und systematisch irgendwo
-angliedern und einordnen wollen, so ergibt sich nur eine einzige
-bedeutsame Stelle dafür im weiten Bereich aller bekannten Tierheit.
-Sie gleichen den alten Gondwanatieren, jenen Sauriern oder doch
-saurierähnlichen Wesen, in denen Reptil und Säugetier im Knochenbau
-gleichsam miteinander rangen, daneben aber ein drittes neben beiden her
-sich durchzukämpfen schien.
-
-Schon den ersten Anatomen, die das Skelett des Schnabeltieres
-beschrieben, war aufgefallen, wieviel echt saurierhafte Züge es
-(besonders im Schultergürtel) wies. Umgekehrt die ersten Deuter der
-Knochen jener Gondwanatiere aus den Gesteinen des heutigen Kaplandes
-staunten über die schnabeltierhaften Züge, die hier überall im
-speziellen auffielen. Eine Weile schrak man ja doch noch zurück vor zu
-enger Vergleichung. Aber je genauer gerade in letzter Zeit durch die
-emsige Forschung der Engländer das Gesamtgerippe der uralten Gondwaner
-bekannt wurde bis in fast jede Einzelheit, desto sieghafter wurden die
-Übereinstimmungen.
-
-Einmal fand sich ein Gondwanaschädel, der unbedingt schon auf ein
-Säugetier zu deuten schien. Man bestritt es: es sollte doch ein
-Reptil gewesen sein. Doch die Säugetiernatur setzte sich durch, sie
-mußte zugegeben werden. Die Backenzähne gerade dieses Schädels aber
-stimmten aufs genaueste überein mit dem Milchgebiß des lebenden
-Wasserschnabeltieres!
-
-Eine Weile machte der Unterkieferansatz der Schnabeltiere Not; hier
-sollte ein himmelweiter Unterschied gegen die Gondwanatiere liegen;
-auch da sind kürzlich wenigstens Übergänge nachgewiesen worden. Und
-auch von dem völligen Abirren von Reptil wie Säugetier, das viele
-jener Gondwaner verraten, boten die lebenden Schnabler Züge. So
-besitzen ihre Männchen sämtlich einen absolut eigenartigen Sporn
-am Hinterfuß, der durchbohrt ist wie der Giftzahn einer Schlange
-und zu einer Drüse führt, die etwas absondert; noch heute steht
-nicht ganz sicher fest, ob hier ein Giftapparat oder ein erotischer
-Erregungsapparat für das Weibchen vorliegt, gewiß aber ist (auch wenn
-das letztere sich als wahrscheinlicher ergeben sollte), daß kein Reptil
-noch Säugetier, das wir kennen, sonst so etwas führt.
-
-So überwältigend schwillt im Augenblick das Material, daß ernstlich
-schon (durch Jaekel in Greifswald) der Vorschlag laut geworden ist, es
-sollten irgendwie im System die Gondwanatiere mit den Schnabeltieren in
-einer neuen Klasse der Wirbeltiere vereinigt werden, einer Klasse, die
-dann gleichwertig neben Reptilien, Vögeln und Säugetieren stehen müßte.
-
-Vor so auffälligen und immer eindeutigeren körperlichen Indizien aber
-kann es nun schwerlich ein Zufall sein, daß auch die geographische
-Sachlage bei den heutigen Schnabeltieren so energisch nach der gleichen
-Richtung weist.
-
-Nur Australien und sein nächstzugehöriges Inselland (Neuguinea,
-Tasmanien) beherbergen lebende Schnabeltiere. Nur dort aber befinden
-sie sich heute noch auf der letzten geologisch intakten Scholle von
-Gondwanaland selbst. Ihre heutige Isolierung auf dem einen einzigen
-Fleck der großen Erdkugel weist schlagend eben auf ihren alten, ihren
-ehemaligen Zusammenhang mit dem großen Urweltserdteil, der nur noch
-hier erhalten, überall sonst dagegen entweder im Ozean versunken oder
-doch durch Anschluß seiner Restklippen an andere Erdteile seither in
-der ursprünglichen Eigenart verwischt worden ist.
-
-Gern möchte man ja aus den alten Gesteinsschichten Neuguineas oder
-Festlandaustraliens selbst noch etwas über die Geschichte der Schnabler
-in diesem ihrem Asyl erfahren. Aber die Versteinerungskunde von
-Neuguinea harrt noch ihrer Auferstehung; wer weiß, was sie auch sonst
-noch Schönes bergen mag. In Australien dagegen haben Knochenfunde
-bisher nur ergeben, daß noch in der Diluvialzeit auch dort, auf dem
-Kontinent, sehr viel größere Landschnabeltiere als heute lebten.
-Sie sind vermutlich untergegangen durch die gleiche merkwürdige
-Katastrophe, die auch die damals hier noch vorhandenen elefantengroßen
-Riesenbeuteltiere dahingerafft hat.
-
-Australien erfuhr im Verlauf der Diluvialperiode eine zunehmende
-Austrocknung, die weite Gebiete seines Innern aus einem feuchten
-Waldlande in traurige Wüsten verwandelte. Dieses Ausdörren wirkte auf
-die großen Tiere des Landes in geradezu katastrophaler Weise ein.
-In ganzen Herden gingen sie an den versumpfenden und endlich ganz
-vertrocknenden Seen durch Nahrungs- und Wassermangel zugrunde, wovon
-noch heute die in wahren Massengräbern beisammen liegenden Skelette
-der riesigen Diprotodonten (Verwandten des kleinen lebenden Wombat)
-gelegentlich beredte Kunde geben.
-
-Eine geringe Steigerung noch dieses späten und unerwarteten
-Verhängnisses, die auch die kleineren Tiere des Landes bedroht hätte
--- und wir wären auch in diesem letzten Refugium keinem lebenden
-gondwanahaften Tier, keinem Schnabeltier, mehr begegnet. Die Natur
-fährt mit rauher Hand durch ihre Schöpfungen. Der Untergang eines
-ganzen Kontinents ist vor ihr nur wie eine Nachtwache. Baut sie doch
-ebenso rasch wieder auf. Aus den zermahlenen Sandkörnchen des alten
-einen neuen Erdteil. Nach Gondwanatieren Menschen -- Menschen, deren
-Gehirn das alte versunkene Gondwanaland noch einmal zu _denken_
-versucht.
-
-
-
-
-Tendaguru und der Rekord der Saurier
-
-
-Nordamerika und Deutschland lebten in Frieden. Selbst ihr streitbarstes
-Material tauschten sie zur beruhigenden Abschleifung gegenseitig aus:
-den Professor. Indessen man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Im
-Schoß der Dinge regte sich ein furchtbares Geheimnis. Wurde es endlich
-ruchbar: wer wußte, was die Folgen sein konnten. Deutschland hatte
-Nordamerika den Rekord der Dinosaurier abgewonnen!
-
-Nordamerika wahrt nicht mehr den Ruhm, das Vaterland des größten und
-interessantesten Scheusals zu sein, das die feste Erde je getragen hat.
-Auf deutschem Kolonialboden ist ein noch größeres gefunden worden ...
-
-Es ist jetzt einige Jahre her, daß ein paar unserer schönsten
-europäischen Museen durch das Geschenk des Herrn Carnegie in den
-Besitz eines vollständigen Abgusses des Skeletts jenes Urweltdrachen
-Diplodokus kamen, der bisher als der beste Vertreter des
-nordamerikanischen Rekords gegolten hatte. Das Ungetüm maß 25 Meter
-und erzeugte zunächst räumlich etwas von der Situation des bekannten
-armen Studenten, der in einer Bodenkammer wohnte und in der Lotterie
-einen lebendigen Elefanten gewann mit der Pflicht, ihn bei Androhung
-immenser Futterkosten sofort abzuholen. In Wien stellten sie es ins
-Treppenhaus, in Berlin räumten sie Walfische fort, um Platz zu machen.
-Als der Koloß endlich verstaut war, wurde er aber rasch populär.
-Neben Scheffels altem Lied vom Ichthyosaurus kann man wohl sagen, daß
-dieses Geschenk Carnegies die stärkste volkstümliche Anregung für das
-Interesse an der Paläontologie gewesen ist, die bisher geglückt ist.
-
-Inzwischen fehlte es aber schon diesem Skelett auf seiner Wanderschaft
-nicht an einigen Abenteuern. Vom Berliner Museum aus wurde behauptet,
-daß es nicht ganz richtig zusammengesetzt sei. Die Natur liefert uns
-ja in diesem Falle nur die losen Knochen. Das Wiederzusammensetzen
-des Ganzen ist Gelehrtenarbeit, bei der jeder sein Bestes gibt, aber
-Unfehlbarkeit nicht erwartet werden kann. Es ist also eine völlig
-unberechtigte Voraussetzung im Publikum, daß der Wert und die Sensation
-eines solchen Fundes litten, wenn hier wie überall der Fortschritt
-sich dadurch dokumentierte, daß er Einzelheiten berichtigte. Der
-Ichthyosaurus sieht heute in unseren Lehrbüchern wesentlich anders
-aus, als man ihn in Scheffels Tagen malte; das Dinotherium, das früher
-Flossen führte, hat heute Elefantenfüße; fast alle die Vorwelttiere,
-die einst der unbedingt bedeutendste Fachkenner der Zeit, der alte
-Owen in London, in Sydenham naturgroß wiederhergestellt hatte, waren
-zunächst falsch rekonstruiert. Damit verzeichnet man keine Schlappen
-der Forschung, sondern eben selbstgewollte Fortschritte; man muß eben
-nur eine Ahnung haben, was alles an Wissen, Glück, solider Arbeit und
-Genie nötig ist, um so ein paar Knochen richtig zu setzen.
-
-Nun also wird von dem Berliner Zoologen Tornier auf Grund vorzüglicher
-anatomischer Detailkenntnis gerade auf dem Kriechtiergebiet (und jene
-Drachen waren Reptile) behauptet, auch im Diplodokus stecke einstweilen
-noch ein Fehler. Er habe nicht so steil auf den Beinen gestanden
-wie ein Säugetier, sondern sei mehr grätschbeinig wie ein Krokodil
-gekrochen; so habe auch sein ungeheurer Schwanz flacher gelegen,
-andererseits aber sei der Hals normal nach oben in die Höhe gekrümmt
-worden. Die Gründe, die dafür vorgebracht werden, haben sehr viel
-Überzeugendes, jedenfalls ist es eine fruchtbare Debatte. Wird vorerst
-einmal wenigstens das Berliner Modell auf das neue Prinzip hin umgebaut
-(der Kaiser, an den seinerzeit zunächst Carnegies Prachtgeschenk ging,
-hat bereits persönlich die Erlaubnis erteilt), so wird der gewöhnliche
-Beschauer vor seinem »Drachen« wohl einerseits etwas Nachteil gegen
-früher haben, aber dafür ebensoviel Vorteil nach anderer Richtung.
-
-Der Laie denkt bei jedem großen Skelett ja unwillkürlich zunächst an
-ein Säugetier, baut also ganz von selbst hochbeinig im Sinne etwa
-eines Elefanten; da wird ihm nun jetzt etwas abgetan, aber schließlich
-muß auch er doch lernen, daß diese Dinosaurier eben Saurier, das
-ist Verwandte von Krokodil und Eidechse, waren und keine Elefanten.
-Dafür wird er bei niedrigerer Stellung diesmal besser in die wahre
-Zyklopenmauer der unglaublich großen Wirbel und in das burghafte
-Zinnenwerk der Rückenfortsätze hineinsehen. Und im sensationellen
-Sinne entschädigt sicher die Aufreckung des Halses, mit der das
-relativ winzige Köpfchen diesmal kühn und imposant gegen die Decke
-aufbiegt, anstatt sich schlapp beinahe auf den Boden zu senken, zu dem
-es doch keinen wahren Schwerpunkt bildet. Das Tier wird lebendiger
-so aussehen, wenn schon auch so nicht eigentlich wahrscheinlicher
-im schlichten Sinne; denn das wird nun einmal die Eigenart dieser
-Monstra bleiben, daß wir sie physiognomisch mit nichts Heutigem recht
-vergleichen können und auch technisch immer unter dem Eindruck der
-nicht ausgeklärten wirklichen Monstrosität sehen müssen. Gar nicht
-berührt aber wird die schließlich doch allergrößte Sensation: nämlich
-die Länge und Dicke der Einzelknochen wie der Gesamtmasse zwischen dem
-wahren Spatzenköpfchen vorn und der endlosen Schwanzpeitsche hinten.
-
-Doch während hier noch das Gefecht der Sachkenner dauern mag, ist über
-jenes andere kein Zweifel mehr: auch diese wahre Größe, die da bleibt,
-schlägt eben zur Stunde überhaupt nicht mehr den wahren Saurierrekord.
-Nicht ein Kollegium von Gelehrten, sondern die Natur selber hat sich
-hier berichtigt. Und in ihrer Laune, unvorhergesehen genug, hat sie
-deutscher Erde, allerdings auch in fernem Welterdteil, den Preis
-zuerkannt.
-
-Um den ragenden amerikanischen Drachen in der Walfischhalle des
-Berliner Museums sammelt es sich zur Stunde wie ein seltsamer stummer
-Chor. Drachensaat, neue, noch unheimlichere, in einzelnen Stücken
-vorerst, gelbe Knochenblöcke, wie sie frisch aus der Erde kamen, aber
-diesmal nicht Abguß, sondern Original. Einzelne Quadern zu einer neuen
-Zyklopenmauer, einzelne Strebepfeiler und Säulen zu neuen Trägern einer
-Drachenlast.
-
-Manches ist noch sorgsam eingewickelt von langer Fahrt. Was aber
-bereits sichtbar ausliegt oder an der Fundstelle photographiert
-erscheint, das verrät eine kommende Auferstehung in Dimensionen, wie
-sie selbst für urweltliches Gigantenvolk keine üppigste Phantasie je zu
-ahnen gewagt hatte. Da liegt ein einzelnes Vorderbein, wohl erhalten
-(die Knochen sind alle erstaunlich wenig zerdrückt) und oberflächlich
-erst einmal in den Hauptstücken aneinandergelegt: ein Kind kann aber
-schon ausmessen, daß das rund die _doppelten_ Größenmaße wie bei dem
-aufmontierten Carnegieschen Diplodokus sind. Der zugehörige Hals,
-höre ich, wird 12 Meter Länge ergeben; der Amerikaner hat dort nur
-5. Bereits jetzt, da vorläufig nichts zusammengesetzt ist, schwillt
-der Segen als eine Art Sintflut durch das Haus. Die Gelehrten klagen,
-daß man in den Gängen des Paläontologischen Instituts schon über die
-Knochen buchstäblich stolpere. Da es sich um die Reste zahlreicher
-Individuen und Arten handelt, liegen zurzeit im ganzen Knochen im
-Gesamtgewicht von mehr als 100000 Kilogramm vor! Und dabei scheint
-gerade jener neue Rekordriese fast vollständig zu sein, so daß er
-eventuell wirklich als Ganzes aufmontiert werden kann; vielleicht
-geschähe es allerdings besser gleich in einem Abguß, damit die
-zerbrechlichen Originalteile nicht den Gefahren eines Baues ausgesetzt
-zu werden brauchen; auch dieser Abguß wird aber eine neue Museumshalle
-fordern, ein einziges Tier vielleicht ein ganzes neues Haus.
-
-Berlin hat schon einmal Glück mit Giganten gehabt, die ihm unverhofft
-aus ferner Gegend zukamen -- damals bei dem herrlichen Fries von
-Pergamon. Menschliche Kunst hatte dort dämonische Mischwesen, halb
-Menschen-, halb Schlangenleiber, mit denen die Götter kämpften,
-ersonnen und köstlich in Marmor gebildet. In einem anderen, noch viel
-groteskeren Natursinne erzählen nun auch diese neuen hunderttausend
-Kilogramm Saurierknochen von einer furchtbaren »Gigantomachie«, die
-sich mehrere Millionen Jahre vor aller Menschenzeit abgespielt.
-
-In weit entlegenen Urweltstagen hing die Seite Afrikas, auf der heute
-unsere ostafrikanische Kolonie liegt, noch mit Indien zusammen. Quer
-über den Indischen Ozean zog sich damals jenes wunderbare Gondwanaland.
-In der Blütezeit des Ichthyosaurus, in der Juraperiode, begann dieses
-Land dann allmählich dem Meere zu erliegen. Lange hielt sich noch ein
-einzelner Streifen von ihm, der etwa vom Kapland über Madagaskar nach
-Vorderindien lief. Rechts und links davon aber strömte schon jetzt frei
-der Ozean ein. Und so kam dieser Ozean auch in der Kreidezeit bereits
-an die Küstengegend des heutigen Deutsch- und Portugiesisch-Ostafrika
-heran, ja er überflutete periodisch diese heutige Küste damals
-selbst noch weit ins Land hinein. Schlamm lagerte sich aus ihm ab.
-Charakteristische Meertiere jener Kreideepoche schwammen herzu (so
-Belemniten oder Donnerkeiltintenfische) und betteten absterbend ihre
-harten Körperteile in diesen Schlamm. Nur einzelne große Klippen
-trotzten, scheint es, der schäumenden Flut. In diesem Gebiet damals nun
-vollzog sich die Gigantomachie, die ich meine.
-
-Dort in der Nähe lebten jene Saurier, deren größte Exemplare heute den
-Rekord der Nordamerikaner brechen. Verschiedene Sorten, neben den
-größeren auch kleinere. Die größten dem Diplodokus eng verwandt. Eine
-kleinere Sorte (Stegosaurier) mit einer wilden Wehr oder Ornamentzier
-ragender Knochenstacheln, die Riesen wohl einfach nackt.
-
-Sie lebten in Herden beisammen, wie die Häufung der Knochen von fünfzig
-und mehr Exemplaren der gleichen Art an der gleichen Stelle, dabei
-ersichtlich von jungen und alten Tieren, noch heute erweist.
-
-Eigentlich waren sie Landtiere. Aber sie müssen das Ufer bevorzugt
-haben. Wenn sie auch wohl nicht, wie man früher vom Diplodokus meinte,
-unmittelbar Meeralgen abgeweidet haben, so dürften sie doch auf
-Meertiere gegründelt und gefischt haben. Eine Art besaß sogar ganz
-energische Raubzähne. Vielleicht watschelten sie gewohnheitsmäßig weit
-in die Watten hinaus, trieben sich im Seichtmeer herum, aus dem die
-langhalsigen Arten ihre Schlangenhälse bequem zum Atmen heraufstrecken
-konnten, erkletterten und bewohnten auch wohl die Klippen, die für
-gewöhnlich von der höchsten Flut nicht bedeckt wurden. Bei solchen
-Gepflogenheiten jetzt muß es gelegentlich zu örtlichen Katastrophen
-gekommen sein.
-
-Das Wasser überraschte, verschlang, ersäufte ab und zu einmal in wilder
-Gigantenschlacht eine solche ganze Herde der stumpfsinnigen Gesellen,
-schnitt sie ab oder schwemmte sie von ihren Klippen und begrub sie im
-Schlick. Die ungeschlachten Kadaver verfaulten, die Knochen, meist in
-einem gewissen Umkreis herumgeworfen, bildeten große Beinhügel und
-Schädelstätten, wobei freilich gerade die verhältnismäßig so winzigen
-Schädel selber am ehesten dem Los verfielen, ganz fortverspült zu
-werden, so daß sie heute bei den großen Knochenlagern am seltensten
-noch zu finden sind. Über die Gigantengräber aber wälzte der Sieger
-Ozean im Laufe der Jahrtausende Bergeslasten neuen und immer neuen
-Kreideschlammes.
-
-Bis endlich eine neue Wende der Dinge kam ...
-
-Durch hebende Kräfte der Erdrinde stieg dieses ganze heutige
-ostafrikanische Küstengebiet wieder endgültig aus den Wassern
-empor. Die alten Schlammbänke wurden zum hohen Plateau, auf dem
-die Tropensonne brannte und Ströme flossen. Gegen die Oberfläche
-des Plateaus aber arbeitete fortan die Verwitterung. Die uralten
-versteinerten Schlammassen wurden von ihr neu zernagt und
-aufgeschlossen, endlich auch bis in solche Tiefen hinein, wo die
-Katakomben der Saurier lagen. Längst gab es kein lebendes Ungeheuer
-dieser Sorte mehr auf Erden. Aber gerade jetzt erschienen da, dort
-mitten im Gras und Buschwald von heute noch einmal aus ihrem alten Sand
-der Kreidezeit herausgewittert die gespenstischen Arme, Rippen, Wirbel
-der scheusäligen Opfer von ehemals, zusammengehäuft noch immer auf
-engem Bezirk, preisgegeben der hellen Tropensonne jetzt auch sie, die
-einst in einer Schauerstunde den allzu wilden Wassern erlegen waren.
-
-Das Material, das unsere geologische Forschungsarbeit enthält, hängt
-an dünnen Fäden. Wenn die Saurierkatakombe, die gerade in unsere
-Tage hinein auf solchem Wege in Ostafrika, vier Tagemärsche von dem
-Hafen Lindi und in Sichtweite des jetzt paläontologisch unsterblichen
-Tendaguruberges, herauszuwittern begann, nicht durch einen Zufall
-von kundigen Europäern entdeckt worden wäre, so wäre sie, einmal
-angeschnitten und damit auf den kritischen Punkt gebracht, wie sie
-war, selber still weiter verwittert und in mehr oder minder absehbaren
-Zeiten spurlos zu Staub wieder dahingeweht.
-
-Aber der Fleck war inzwischen deutscher Kolonialboden geworden; ganz
-südlich nahe unserer Grenze gegen das portugiesische Afrika. Ein schon
-glatt herausgewitterter Riesenknochen spielt den Kobold: ein Ingenieur
-Sattler muß über ihn stolpern und erkennt ihn dabei. Unser famoser
-Stuttgarter Paläontolog Fraas erfährt davon und bringt Belegstücke mit,
-daß das, was man bisher nur im Lande Carnegie für denkbar gehalten,
-auch in Ostafrika »buchstäblich am Wege liege«, nämlich diplodokushafte
-Gigantenknochen in größter Pracht.
-
-Das war vor jetzt sieben Jahren. Fraas war selber nicht imstande, den
-Schatz zu heben. »Ihr Berliner müßt es machen,« schrieb er. Es hat aber
-noch verzweifelte Mühe gekostet -- auch den Berlinern. Ehe der Spaten
-zu seinem Recht kam, mußte der Klingelbeutel umgehen. Staatsmittel
-waren auch in Berlin zunächst für die Sache nicht zu haben. Das
-erste Verdienst erwarb sich also die treffliche »Gesellschaft
-naturforschender Freunde« in Berlin. Sie gab 23000 Mark. Dann kam
-die Akademie der Wissenschaften und endlich ein besonderes Komitee.
-Als (wesentlich also doch durch Privathilfe) 180000 Mark beisammen
-waren, konnte man darangehen, der tropischen Verwitterung eine Beute
-wenigstens teilweise zu entreißen, die (mag man in solchen geologischen
-Fragen nun jenen eigentlichen nationalen »Rekorden« auch mit einem
-stillen Lächeln gegenüberstehen) mindestens doch den speziellen Wert
-haben mußte, uns zu zeigen, was unsere Kolonien an glänzenden und
-sensationellen Überraschungen bieten konnten. Mit dem Gelde wurden zwei
-jüngere Gelehrte, Janensch und Hennig, auf drei Jahre zu Ausgrabungen
-nach Afrika geschickt; später gesellte sich ihnen als dritter noch
-Hans von Staff zu. Das Menschenmögliche ist von den dreien geleistet
-worden. Unter den schwierigsten Umständen haben sie zeitweise bis 500
-Neger als Arbeiter beschäftigt. Das bereits an die freie Oberfläche
-herangewitterte Knochenmaterial erwies sich zwar als reich, aber
-naturgemäß auch schon als (Menetekel der Sachlage!) vielfach verdorben.
-Man mußte also für bessere Stücke tiefer gehen, im äußersten bis 10
-Meter, mußte wirklich graben, anstatt bloß aufzulesen. Das Verpacken
-der zerbrechlichen Knochen im tropischen Milieu war auch keine
-Kleinigkeit. 4500 einzelne Lasten sind schließlich zur Küste geschleppt
-worden, wobei es allerdings eine kleine Freude war, wie die schwarzen
-Leute, vielfach interessiert, mithalfen. Sogar Rekonstruktionen der
-Ungetüme haben sie nach ihrer eigenen Phantasie entworfen, die lustig
-wirken, aber tatsächlich doch nicht so sehr viel schlechter sind als
-das etwa, was um 1660 noch der brave Jesuitenpater Athanasius Kircher
-als Fachpaläontolog von damals geliefert hat.
-
-Die drei Jahre sind um, die Leistung liegt jetzt im Berliner Museum.
-Ihr Wert besteht ganz besonders auch darin, daß wir im Sinne des
-oben umrißhaft Erzählten diesmal ein wesentliches mehr auch über
-Lebensart und Untergang jenes alten Drachenvolkes gehört haben -- also
-keineswegs bloß in Rekordmetern auf Hals oder Schwanz. Die Forderung,
-die bleibt, sind aber weitere Geldmittel. Lange ist nicht alles getan.
-Die Fundstätte bietet noch die reichsten ferneren Möglichkeiten, sie
-ist tatsächlich selbst so noch erst auf eine Stichprobe sondiert.
-Wertvollste Neuheiten sind weiter möglich, mindestens Reichtum für
-all unsere anderen deutschen Museen. Wer wird helfen? Ein gewisser
-Staatszuschuß ist ja jetzt, nach so beispiellosem Erfolg durch private
-Entschlossenheit, der Sache gewiß, aber er wird allein nicht entfernt
-langen. Sollen wir uns an Herrn Carnegie wenden -- auf unserem eigenen
-Grund und Boden ...?
-
-
-
-
-Der Schatz von Halberstadt
-
-
-Aus meinen jungen Jahren ist mir ein kleines zoologisches Ereignis
-unvergeßlich. Es schwebt mir noch vor Augen wie ein ganz großes Glück,
-und der Leser wird einigermaßen erschreckt sein, wenn er hört, worin
-dieses Glück bestand.
-
-Passionierte Sammler, wie ich einer mein Leben lang gewesen bin,
-haben eben ihre besonderen Glücksquellen, die übrigens unverwüstliche
-sind und also jedem zu gönnen wären, auch wenn es sich um den
-absonderlichsten Gegenstand dabei handeln mag. Also ich besuchte
-durch Zufall eine Ziegelei in der damals noch sehr schlichten
-und ländlichen Umgebung meiner Vaterstadt Köln. In den künstlich
-ausgestochenen, steilwandigen Vertiefungen des Bodens dort aber
-hatte sich eine erstaunliche Masse von Kröten angesammelt, und ich
-erkannte darunter zum ersten Male und am gleichen Fleck vereint die
-drei charakteristischsten Arten unseres Krötengeschlechts -- neben
-der gewöhnlichen Erdkröte die prächtig grüngefleckte Wechselkröte
-und als ganz besondere Merkwürdigkeit die Kreuzkröte, die einen
-schwefelgelben Strich längelang über den Rücken trägt und statt zu
-hüpfen, wie andere Froschlurche, pfeilschnell auf kurzen Beinchen wie
-eine Eidechse dahinläuft und auch famos zu klettern versteht. War das
-ein Fest, die drei einmal alle beisammen zu haben ~in natura~, wie
-sie auf dem Bilde bei Brehm standen! Auf dem platten und nackten
-Boden erschienen die einzelnen Tiere riesengroß, und heute noch, wenn
-ich an solche Ziegelgrube denke oder an einer vorbeifahre, sehe ich
-sie im Geiste bevölkert mit solchem lustigen Quaquarium mächtiger
-humpelnder und trabender Krötenprinzen in brauner, grüner oder
-schwefelgelb gestreifter Livree. Die Erinnerung übertreibt ja gern die
-Größenverhältnisse noch. Aber das habe ich doch nicht ahnen können, daß
-mein altes Bildchen mir wirklich noch einmal so ins Gigantisch-Groteske
-auferstehen sollte, wie jetzt bei den Wundern der Ziegelgrube von
-Baerecke und Limpricht bei Halberstadt geschehen ist ...
-
-An und für sich gibt es wohl auch für den kapitalsten Naturschwärmer
-nicht leicht etwas Einförmig-Langweiligeres als so eine Ziegelgrube,
-deren Naturbild so öde ist wie der brave Bauziegel selbst, den die
-Technik daraus gewinnt; man schaut auf die Entwicklung der Natur zur
-Mietkaserne, und diese Art der Vergeistigung scheint doch eine der --
-minder gelungenen auf unserem Planeten zu sein.
-
-Am guten alten Fleck aber, wo Vater Gleim seine zweifellos höchst
-vortrefflichen Lieder dichtete und Vater Broyhan, wenn die Sage
-recht berichtet, eines jener segensreichen Getränke erfand, die
-selbst Mietkasernen und mäßige Verse erträglich machen können in
-dieser schlechten Welt -- hier zu Halberstadt an der Straße gen
-Quedlinburg ist es der ganz gewöhnlichen Tongrube einer solchen
-Ziegelei wirklich geglückt, sich im Lauf von ein paar Jahren zu einem
-der naturgeschichtlich merkwürdigsten Orte unseres ganzen deutschen
-Vaterlandes auszuwachsen -- einem Orte, der gerade der üppigsten
-Naturphantasie eine der grandiosesten Perspektiven eröffnet hat.
-Otto Jaekel, der treffliche Forscher zu Greifswald, ist der Zauberer
-gewesen, dessen Stab aus diesem Loch schmutzigen Tons eine Welt
-gezaubert hat, die sich hinter die uns bekannten Landschaftsbilder
-unserer deutschen Heimat von heute schiebt wie das Märchen eines
-fremden Sterns, in dessen Sonne, Farben und völlig fremdartiges Leben
-uns plötzlich zu schauen vergönnt ist.
-
-Über diesen Fleck Erde hier ging vor Zeiten einmal ein ungeheures
-verschlammendes und versandendes Flußdelta. Der Fluß war nicht die nahe
-Elbe, nicht die Weser von heute; dieses ganze gegenwärtige deutsche
-Stromnetz kam für diese Tage überhaupt noch nicht in Betracht. Das
-Meer, in das der Strom sich mit träger, zeitweise fast stagnierender
-Übergangszone ergoß, muß schon ziemlich in der Nähe hier gewesen
-sein, und der uralte Gleim, wenn er das hätte erleben dürfen, wäre
-allen Ernstes ein Sänger von der »Waterkant« gewesen. Aber auch
-dieses Meer war nicht unsere Nordsee -- es war irgendein namenloses
-Stück Urweltozean, wie dieser riesige Strom ein namenloser deutscher
-Mississippi oder Ganges von damals gewesen ist.
-
-Haifische aus der entfernteren Verwandtschaft des Cestracionhaies,
-der heute nur noch in der Südsee bei Japan und Australien lebt,
-besuchten von diesem Meere her das Flußdelta, aber mit ihnen kamen
-auch schwimmende Plesiosaurier, von Gestalt dem sagenhaften Drachen
-vergleichbar, wie er uns auf den Holzschnitten in Athanasius Kirchers
-alten Folianten überliefert ist.
-
-Daran merkt man, wie lange das her ist. Und es war sogar erst die
-Morgenrötezeit dieser schlangenhalsigen Meerdrachen. Gleichwohl
-hatte sich allgemein in Deutschland und auch nahe diesem Fleck schon
-Unendliches vorher zugetragen gehabt.
-
-Eine gewaltige Gebirgskette hatte sich längelang durch das deutsche
-Land aufgetürmt, zu der auch der Harz, den man vom Rande der
-Halberstädter Grube heute blauen sieht, schon einmal gehört hatte.
-In den Flanken und Mulden dieser mitteldeutschen Alpen hatten die
-Steinkohlenwälder gegrünt. Dann war dieses Gebirge zunächst fast
-ganz wieder heruntergewittert. Wüste hatte weithin mit ihren roten
-Schutthalden das Land überzogen, die prächtigsten farbigen Sandsteine
-von heute schaffend. Zweimal war in diese Wüste das Meer wieder
-eingebrochen, einmal von Nordosten als Zechsteinmeer, einmal von
-Süden als Muschelkalkmeer. Wiederum waren diese Wasser zu Salzpfannen
-verdampft und in Wanderdünen langsam erstickt. Bis endlich zu Ausgang
-der zweiten solchen Wechselepoche von roter Wüste und einschwemmendem
-Meer auf längere Zeit eine Art Interregnum von Halbland und Halbwasser
-eintrat, mit vielen Flüssen und Seen, breiten Deltabildungen und
-Brackwasserneigungen, recht eine Epoche des Schlicks, Wattenmeeres und
-Morastes, geeignet für beidlebiges Tiervolk, das in Wasser wie Land
-gleichmäßig daheim war.
-
-Trias, die Dreigeteilte, nennt der Geologe diese zweite Zeit, und
-den besagten letzten Abschnitt bezeichnet er nach einem fränkischen
-Dialektwort als die Zeit des »Keuper«. Was aus dieser Keuperzeit an
-altem Schlick und Brackwasserabsatz bis heute erhalten geblieben und
-zufällig Oberfläche für uns geworden ist, das hat durchweg noch eine
-ganz besondere kulturelle Bedeutung für uns gewahrt, da es in weiten
-Strecken deutscher Landschaft die gesegnete Scholle unseres Kornbaues
-geliefert hat. Jene beidlebige Art damaliger Tierwelt verriet sich
-deutlich genug aber auch in unserem Stromdelta von Halberstadt.
-
-Da hauste als fester Gast darin der Molchfisch Ceratodus, ausgestattet
-mit Kiemen und Lunge zugleich, wie er heute noch in bald üppigem bald
-fast versiegenden Flüßchen Australiens in eben dieser gleichen Gattung
-und Lebensart noch fortgedeiht: zu fetter Zeit atmet er Wasserluft wie
-ein echter Fisch, zu karger, im engen und luftverdorbenen Resttümpel,
-hilft er sich dagegen mit offenem Luftschnappen wie ein Landtier.
-
-Da trieben sich auf dem annoch frischen Wattenschlick und Flußsand
-jetzt wirklich amphibische, meist wohl riesigen Salamandern gleichende
-Unholde herum, zur Gruppe der sogenannten Stegocephalen gehörig, von
-denen eine kleinere Sorte aber ganz und gar auch schon die Kopfform
-einer immerhin auch noch ziemlich mächtigen Kröte gehabt haben muß,
-bloß daß sich damit noch eine krokodilartige Verpanzerung und Bezahnung
-verband. Mein kühnstes Phantasiebild aus der Kölnischen Krötengrube war
-hier also reichlich überboten!
-
-Da fanden sich ferner, wohl aus dem Fluß selber schon herabkommend,
-sonderbare Schildkröten und echte Krokodile hinzu. Die Schildkröten
-noch höchst altertümlich gebaut, wie es so früher Zeit entspricht, der
-Rückenpanzer mit großen Buckeln und Zacken umkränzt, der Bauchpanzer
-aber noch erkennbar aus verbreiterten und miteinander verwachsenen
-Bauchrippen zusammengekittet. Die Krokodile dem stattlichen Urkrokodil
-Belodon nahe verwandt, das im Stuttgarter Naturalienkabinett so
-prächtig noch zu sehen ist, weil es auch in Schwaben ein ganz
-gewöhnlicher deutscher Gast zur Keuperzeit gewesen sein muß.
-
-Die zahlreichsten und zugleich unheimlichsten Landgäste, die sich
-in diese Wattengründe hinaus wagten, aber waren offenbar mächtige
-Watschelsaurier aus jener heute gänzlich verschwundenen Ordnung der
-Dinosaurier, zu der auch die so oft abgebildeten kolossalen belgischen
-Iguanodonten gehört haben.
-
-Bisher nahm man allgemein an, daß diese Iguanodonten und einige andere
-Vertreter dieser wahrhaft phänomenalen Scheusale regelmäßig auf steilen
-Hinterbeinen nach Känguruhart dahingehüpft wären -- bei doppelter
-Elefantenlänge eine dämonische Vorstellung. Neuerdings ist man gegen
-diese wohl etwas »allzuleicht beschwingte« Bewegungsmethode skeptischer
-geworden, immerhin aber glaubt Jaekel doch von den Halberstädter
-Gesellen, daß wenigstens die im Oberkörper aufgerichtete Stellung ihre
-normale gewesen sei. Nicht so groß wie die belgischen Riesen, aber
-immer auch noch stattlich genug, möchten sie bald auf den Hinterbeinen
-und dem Hinterleibe gehockt haben, bald schwerfällig mit vorgebeugtem
-Halse und breitspurig auf ganzen Hintersohlen dahingewatschelt sein,
-immer doch die Vorderbeine mehr als Arm und Pfote zum gelegentlichen
-Nachstützen, Greifen und Scharren verwertend. Äußerst biegsam war
-der Hals, klein der Kopf, mächtig der Schwanz. So kamen sie in das
-Sumpfdelta hinaus -- noch viel tollere »Kröten« des Bildes als jene
-wirklich amphibischen. Vielleicht wagten sie sich heran auf der Jagd
-nach kleinem weichem Getier, zu dem ihr Zahnbau besser paßte als zu
-reiner Pflanzenkost; manchmal mögen sie aber auch selber gehetztes Wild
-des bissigeren Raubzeugs aus dem damaligen Reptilvolke gewesen sein.
-Und gar manches Mal wird ein solcher plumper Watschler im allzuweichen
-Brei versunken sein, daß sein Gerippe später fest mit der trocknend
-sich härtenden Masse verbuk.
-
-Von all diesen Dingen dort aber wüßten wir tatsächlich nicht das
-geringste, wenn jene schlichte Ziegelgrube bei Halberstadt nicht wäre.
-
-Unfaßbare Zeiten sind hingerauscht seit den Tagen jenes geheimnisvollen
-Flußdeltas mitten im Herzen deutschen Landes -- die ganze Jura- und
-Kreidezeit, in denen diese Saurier in immer wachsender Hochblüte noch
-emporgingen, um ganz zuletzt um so hoffnungsloser zusammenzubrechen,
-die ganze Tertiär- und Diluvialzeit, in denen der Mensch langsam ins
-Licht kam. Und dann eines Tages entstand jene Dampfziegelei, die zu
-ihrem Bedarf Ton brauchte und eine heute etwa 100 Meter lange und 15
-Meter tiefe Grube in den Grund schnitt. Kaum aber war der oberste
-aufgelagerte Humus und Diluvialstaub durchschnitten, so sägte eben
-diese Grube sich Meter um Meter der Tiefe in nichts anderes wieder ein
-als in das uralte Flußdelta von dazumal.
-
-Sie durchquerte die Sande, die zu Zeiten eines etwas lebhafteren
-Gefälles der große Keuper-Ganges hier herausgeschwemmt, und erreichte
-eben mit dem technisch des Abbaues werten eigentlichen kompakten Ton
-darunter den ehemaligen Dauergrund des gemächlich verschlammenden
-Deltas selbst, dessen gehäufter Schlick diesen Ton geliefert. Die
-Arbeit blühte, 100000 Kubikmeter wurden allmählich zu Ziegeln zermahlen
--- keiner aber, der dabei war, ahnte, in was er grub und was außer
-Ziegeln hier für die Zwecke einer höheren Schicht Geistesmenschheit
-noch mehr zu ergraben war.
-
-Da steht im Sommer 1909 der Zahnarzt Torger aus Halberstadt bei der
-Grube am geschlossenen Schlagbaum der Eisenbahn und wartet den Zug ab,
-und neben ihm warten ebenfalls ein paar Arbeiter, und sie erzählen
-ihm, wie man so beim Warten plaudert, von Knochen, die in der Grube
-gelegentlich gefunden worden wären. Torger erwirbt ein paar Splitter
-und sendet sie zum Bestimmen an den Paläontologen Jaekel in Greifswald,
-und der erfaßt sogleich das Bedeutende: eine Fundstätte großer
-Dinosaurierknochen auf deutscher Heimaterde.
-
-Es ist eben erzählt, was Nordamerika und neuerdings noch erfolgreicher
-Deutsch-Ostafrika hier geliefert haben. Jetzt aber lag der Schatz
-endlich auch daheim sozusagen vor der Tür und wartete nur des
-planmäßigen Hebens.
-
-Mit geschicktestem Feldherrntalent (Paläontologen müssen immer
-Diplomaten sein) wurde von Jaekel zunächst der »Acker« gesichert: der
-preußische Staat erwarb das Recht auf alle Fossilfunde in der Grube,
-Finderlöhne wurden ausgesetzt, ministerielle, kaiserliche und private
-Mittel zusammengebracht. Gefährliche Abbaumethoden durch Sprengschüsse
-in der Grube wurden eingestellt. Die Härtung und Zusammensetzung der
-Skelettteile nahmen Jaekel und seine Helfer und Helferinnen (besonders
-letztere zeichneten sich aus) selbst in die Hand. Und nun kam Schlag
-auf Schlag eine Ausbeute, die selbst die verwegenste Erwartung übertraf.
-
-Laut dem ersten wissenschaftlichen Bericht sind in der kurzen Zeit
-bisher schon nicht weniger als vierzig Dinosaurierskelette geborgen
-worden, zum Teil in prachtvollster Erhaltung und Individuum für
-Individuum für sich gesondert. Noch nie sind auch die Schädel in
-solcher Vollkommenheit bisher irgendwo zutage gekommen. Von dem
-schönsten Stück hat (Laune des Zufalls!) bloß ein Wiesel, das in der
-Nacht nach der Freilegung gerade hier ein paar Mäuse verzehrte, ein
-Stückchen vom Zungenbeinbogen verschleppt. In anderen Fällen fehlten
-allerdings derbere Skeletteile schon durch Räuberarbeit der Keuperzeit
-selbst, so einmal die ganzen Vordergliedmaßen, die bei einem solchen
-wehrlos »versumpften« Unhold wohl damals schon einem Krokodil zur Beute
-geworden waren.
-
-Was die systematische Stellung anbetrifft, so handelt es sich in
-der wesentlichsten Art um einen Plateosaurus, der eine vermittelnde
-Stellung zwischen dem rein raubtierhaften Megalosaurus und jenen
-Iguanodonten einnimmt. Es ist die Gruppe, wo auch der schöne Name
-»Greßlyosaurus« vorkommt, der aber mit der naheliegenden Gräßlichkeit
-nichts zu tun hat, sondern auf den originellen Schweizer Geologen
-Greßly geht.
-
-Ganz besonders wertvoll macht den imposanten Fund, der zu den
-glänzendsten paläontologischen aller Zeiten bisher gerechnet
-werden muß, auch die Zeitbestimmung. Jene belgischen wie die neuen
-afrikanischen Dinosaurier gehören zur Kreideperiode. Hier im
-Halberstädter Delta steht man noch in der Trias, also eine ganze Reihe
-von Jahrmillionen früher.
-
-Die ersten fertig aufmontierten Halberstädter Skelette sind jetzt schon
-in ganzer Pracht im Berliner Museum für Naturkunde neben den Afrikanern
-vom Tendaguru zu sehen. Unabsehbar scheint aber der noch zu erwartende
-weitere Reichtum dieser Glücksgrube, nachdem vor Beginn der Rettung für
-die Wissenschaft doch sicher wohl schon hundert oder noch mehr Skelette
-zu Ziegeln vermahlen worden waren!
-
-Halberstadt mag stolz sein: zu seinem Dom und Gleim und Broyhanbier
-tritt ihm der Ruhm, fortan die »echteste« Drachenstadt Deutschlands zu
-sein in der Zeit wissenschaftlicher Rehabilitierung dieses Drachens.
-
-
-
-
-Sirenen
-
-
-Als der homerische Dichter das Abenteuer des Odysseus mit den
-Sirenen schilderte, benutzte er stofflich wohl ein damals schon
-altes Schiffermärchen. Die unvergleichliche Eigenart, die aus diesen
-fünfunddreißig Versen eines der herrlichsten Gedichte der Weltliteratur
-gemacht hat, liegt in der Schilderung. Das Schiff des umgetriebenen
-Dulders kommt herangeschwebt, von freundlichem Winde getrieben.
-Plötzlich dann, ehe noch die Sireneninsel selber auftaucht, ist es,
-als gehe ein Zauber von ihr aus. Der Wind ruht. Die stille See glänzt
-von heiterer Bläue des Himmels, ein Himmlischer scheint die Wasser zu
-senken. Jetzt, als der bedenkliche Fels auf Hörweite nahe ist, der
-Sirenengesang selbst. Nur acht Verse, aber vielleicht das Klangvollste,
-was in Ilias wie Odyssee vorkommt. Man merkt dem Dichter ordentlich
-die Verantwortung an, dieses Lied, das selbst den schlauen Odysseus
-verführen soll, wörtlich zu geben, und doch hat er es gewagt. Aber die
-Genossen des Dulders, die ihre Ohren mit Wachs verstopft und ihn selber
-zur Vorsicht an den Mast gebunden haben, rudern vorbei. »Leiser, immer
-leiser verhallte der Singenden Lied und Stimme.«
-
-Es ist eine arge Sache, wie mit Namen umgesprungen wird.
-
-Den scheußlichsten, rohesten Lärmapparat, den der spätere Kulturmensch
-erfunden hat, nennt er eine Sirene. Ein Tiergeschlecht aber von so
-unerhörter Unform, daß ein Schwein dagegen die leichtfüßige Eleganz
-verkörpert, hat der moderne Naturforscher sozusagen amtlich als das der
-Sirenen bezeichnet, nämlich die mit anderem Wort sogenannten Seekühe.
-
-Wenn man sich eine Kuh denkt, die mit derselben unerschütterlichen
-maschinenhaften Konsequenz, mit der eine richtige Alpenkuh rupfend und
-rückend tagaus tagein ihre Matte dezimiert, Seegras statt Wiesengras
-abweidet; wenn man diese Kuh für das Wasserleben hinten abhackt und
-in eine plattliegende Fischflosse auswalzt, ihr auch gleich dabei
-die Hinterbeine fortschneidet und die Vorderbeine in runde Paddeln
-verbreitert, so kommt man auf die Seekuh. In dieser Gestalt liegt
-sie ihr Leben lang faul über ihrer unterseeischen Küstenmatte und
-äst, wobei sie im Vorschreiten gelegentlich ihrer Weide auch in die
-großen, zur See mündenden Flüsse hinein nachpaddelt und so bis tief ins
-Binnenland kommt.
-
-Ihre Weide ist fett, und das Wasser trägt -- so darf sie alle Kuhmaße
-überbieten und als kolossale Fleischwalze von fünf oder gar zehn Metern
-Länge über ihrer Wasserwiese schaukeln.
-
-Dabei ist sie gleich der richtigen Kuh ein Säugetier. Ihre milchgebende
-Mutterbrust hat sogar etwas ganz Menschliches in Lage und Form, und
-hier steckt die halbwegs gangbare Begriffsbrücke, die zur Vergleichung
-mit einer homerischen »Sirene« geführt hat; denn es wird behauptet, daß
-diese Seekühe, im Indischen und Roten Meer gelegentlich schon vor den
-ältesten Seefahrern beim Luftschöpfen auftauchend und solche Büste
-produzierend, geradezu die Fabel von Meerweibchen, also doch irgendwie
-der Verwandtschaft wenigstens der echten sirenischen Fräuleins, erzeugt
-hätten.
-
-Die meisten Säugetiere aber, die nachträglich (denn alle echten
-Säuger waren geschichtlich wohl zunächst Landtiere) wieder ins Wasser
-gegangen sind, haben dort eine Art Zersetzungs- und Zerfließungsprozeß
-ihrer Leibesformen erlebt. Während der Fisch als ursprüngliches
-Wasserkind durchweg (selbst im riesigsten Hai) eine gewisse Grazie
-der vollkommenen Anpassungsform bewahrt hat, stößt man beim
-Wassersäuger auf die greuliche, verschwommene und zerhackte Mißform
-des Nilpferdmauls oder die Monstra der großen Wale und Pottfische, die
-jeder geordneten Linienführung im Umriß spotten. Und so ist auch die
-Seekuh auf ihrer Wasserweide an »Nichtform« ein echtes und rechtes
-Meerwunder geworden, so ungeschlacht wie nur möglich, wie einer, der
-sich gehen lassen kann und es nicht mehr nötig hat, auf nettes Äußeres
-und adrette Umgangsform zu sehen.
-
-Gleich für die ersten klaren Ordnungsgenies in der neueren Tierkunde
-mußte es dabei aber eine wichtige Frage werden, zu welcher engeren Ecke
-des großen Säugervolks nun dieser Vetter Wanst eigentlich gehöre. Vom
-Lande war er gekommen; an was für eine Landform aber sollte man ihn
-dort systematisch anreihen?
-
-War es etwa wirklich die Kuh gewesen, die, gefräßig ihrer Weide
-nachrückend, in irgendwelchen Urweltstagen so ganz allmählich sich ins
-Seichtwasser hinein verloren hatte und endlich dort zur regelrechten
-Taucherin geworden war, wo die Grasnarbe sich allzu tief unters Wasser
-verlor?
-
-Ganz so seltsam, wie es sich anhört, wäre solcher Vorgang nicht. So
-ist das allbekannte Nilpferd ja wirklich nichts viel anderes als ein
-in die weiten Binnenseegründe voller Lotosweide dauernd verlocktes
-altertümliches Schwein, das bei Sansibar sogar schon wie eine rechte
-Seekuh kühn ins Meer hinausschwimmt.
-
-Längere Zeit indessen war unsere wissenschaftliche Tierkunde zu solchen
-Ableitungen deshalb nicht recht mutig, weil ihr überhaupt zweifelhaft
-geworden war, ob sich eine Tierform aus einer anderen »entwickelt«
-haben könnte. So gesellte man einstweilen die Seekuh gar nicht zu
-irgendeinem Landtier im System, sondern rückte sie mit zwei anderen
-ausgesprochenen Wassersäugern, dem Seehund und dem Walfisch, zu einer
-engeren Gemeinschaft der Fisch- oder Seesäugetiere zusammen. So haben
-wir's noch aus dem alten, wirklich noch vom Manne dieses Namens
-verfaßten »Brehm« gelernt, und der älteren Generation sitzt's noch in
-Fleisch und Blut. Es hilft aber nichts, die Welt läuft, und der Mensch
-muß mitlaufen und immer wieder umlernen.
-
-Schon als der erste Darwinismus hochkam, wurde klar, daß einer aus
-diesem künstlichen, bloß dem Aufenthaltsort nach vereinten Trio
-unbedingt woanders hinkommen müsse, nämlich der Seehund. Er war
-wirklich ein Stück »Hund«, nämlich lediglich ein für die ergiebige
-Wasserjagd umgepaßtes ursprüngliches Landraubtier.
-
-Ein Räuber, das heißt ein absoluter Fleischfresser, ist aber auch
-der Walfisch, und so entstand vor ihm bald ein zoologischer Argwohn,
-daß er, obwohl ersichtlich viel weiter fürs offene Meer umgeformt,
-irgendwie doch auch zuletzt und in grauen Entwicklungsurtagen an die
-Raubtiere anschließe. Das ist in neuester Zeit durch geologische
-Funde auch immer wahrscheinlicher, wenn auch noch nicht ganz zur
-Gewißheit geworden; die Landväter sind in diesem Falle wohl noch wahre
-Urraubtiere (sogenannte Kreodonten) gewesen.
-
-Blieben zuletzt also wieder als vereinsamter Rest unsere Seekühe.
-
-Diesmal schien aber ihre »Kuhnatur« zunächst wieder zur Anerkennung
-kommen zu wollen.
-
-Bei Haeckel, dessen Systematik jetzt für eine neue Generation zu
-einer Art zoologischen Breviers wurde, las man, daß die Seekuh
-höchstwahrscheinlich ein Wasserableger des paarhufigen Huftiers sei,
-also eben der Gruppe, zu der unter anderem auch die Kuh gehört.
-
-Solche entwicklungsgeschichtlichen Vermutungen sind nun bei umsichtiger
-Handhabung der Theorie stets sehr wertvolle Fingerzeige, und Haeckels
-provisorische »Stammbäume« haben trotz allen wohlfeilen Gegnerspotts
-eine wahre neue Ära der ganzen zoologischen Systematik eingeleitet, in
-der praktisch heute auch alle die leben und weben, die Haeckels Namen
-nachträglich undankbar verleugnen. Auf der anderen Seite bleibt aber
-ebenso wahr, daß alle noch so geschickte Theorie arm ist, wenn nicht
-das Glück wirkliche Neuentdeckungen hinzubringt, -- in diesem Falle
-also den Fund wirklicher vorweltlicher Skelette von Übergangsformen,
-die etwa den Schritt von einem nilpferdisch und noch weiter wasserlieb
-gewordenen Zweihufer aus der Kuhverwandtschaft zur Seekuh leibhaftig
-vor Augen stellten.
-
-Nun fanden sich zwar versteinerte Seekühe. Seekuhweiden bieten sich
-heute in den verschiedensten Meeren und Strömen, von Florida und
-dem Orinoko bis Afrika und dem Indischen Ozean; eine riesige Seekuh
-bei Kamtschatka, das sogenannte Borkentier, ist erst in junger
-geschichtlicher Zeit vom Menschen ausgerottet worden. Wie aber in der
-Urwelt alle geographischen Grenzen durchweg auf den Kopf gestellt
-scheinen, so mußte man sich auch hier mit dem Bilde befreunden, daß
-noch in der Epoche der Tertiärzeit, als unser allbekannter Bernstein
-als frisches Harz von Waldbäumen des Landes tropfte, über die Gegend
-bei Mainz und Darmstadt ein Meeresarm ging, dessen Seegraswiesen
-auch dort damals schon von zahlreichen, mäßig großen (etwa drei
-Meter langen) Seekühen abgeweidet wurden. Diese alten Darmstädter
-Meerweibchen zeigten, wie es scheint, äußerlich noch ein verkümmertes
-Hinterbeinchen, das heute ganz fehlt, sozusagen ein Abzeichen noch mehr
-ihrer sicheren ehemaligen Landverwandtschaft. Aber das war auch alles:
-im übrigen waren sie schon genau so mißgeformt und wasserfroh wie ihre
-Genossen unseres Tages etwa in ihrem fernen Roten Meer. Die sirenische
-Übergangskuh hatte man jedenfalls in ihnen noch nicht vor Augen.
-
-Inzwischen gab es aber eine alte Stimme aus der Tierkunde selbst, fast
-vergessen wie der Mann, von dem sie hauptsächlich ausgegangen war,
-der schon fast zehn Jahre vor Darwins Auftreten verstorbene Franzose
-Blainville.
-
-Sie mahnte an die höchst seltsamen Zahnverhältnisse dieser Sirenen, in
-denen offenbar noch ein separates Geheimnis stecke.
-
-Wenn von den homerischen Sirenenmädchen die böse Kunde gilt, daß ihr
-süßer Sängermund in verschwiegenen Stunden Menschenfresserei trieb, zu
-der neben verminderten ethischen Hemmungen mindestens ein gutes Gebiß
-gehörte, so hatten einzelne der wirklichen Sirenenkühe überhaupt keine
-Zähne oder doch nur spärlichste Reste solcher. Doch das war offenbar
-wieder Wasseranpassung für sich; auch der ungeheure Grönlandwal
-ist zahnlos und seiht nur winziges weiches Meergetier durch seine
-Gaumenbarten, die uns das bekannte Fischbein liefern. Was aber noch
-vorhanden war von sirenischem Normalgebiß, das war wirklich bedeutsam
-genug.
-
-Bald zeigte sich ausgesprochene Neigung, die oberen Schneidezähne
-unter der fetten Wulstlippe in regelrechte Stoßzähne zu verwandeln.
-Bald wuchsen die Backzähne beständig neu nach, und zwar so, daß
-der vorderste immer nach einer Weile ausfiel, von hinten her aber
-die Zahnreihe ergänzt nachrückte. Diese Zahnwunder aber erinnerten
-auffällig jetzt an einen zweiten Fall im Säugerbereich, der ganz und
-gar nichts mit der Kuh zu tun hatte, sondern mit dem -- Elefanten.
-
-Auch die riesigen Stoßzähne unseres lebenden Elefanten sind obere
-Schneidezähne, und auch bei den Backzähnen dieses Elefanten herrscht
-ein mindestens sehr ähnliches System von streng geregeltem Verfall und
-Ersatz.
-
-Kein Zweifel: die Sirenen hatten auch im übrigen Bau ihres Skelettes
-mit den schweren, nicht gehöhlten Knochen mancherlei Züge vom
-Elefanten. Trotzdem schien der notwendig hier auftauchende Ideengang
-selbst den kühnsten Stammbaumtheoretikern zu kühn.
-
-Unglücklicherweise wußte man lange Zeit gerade von der eigenen
-Urverwandtschaft der Elefanten gar nichts. Sie standen bis heute
-auf dem Lande, und doch wußte man nicht, wo sie auf diesem Lande
-hergekommen sein sollten. Kein anderes Säugetier glich ihnen genug
-zur Anknüpfung. Die Gegner der Deszendenztheorie liebten es, lächelnd
-hierher mit Fingern zu weisen. Hier waren Tiere, die riesengroß waren,
-schon in Urweltsperioden massenhaft gelebt und massenhaft versteinerte
-Knochen hinterlassen hatten; und doch hatten sie anscheinend keine
-»Ahnen«.
-
-Eines Tages indessen sollte das ein recht jähes Ende nehmen. Im
-untersten Ägypten, im Hinterlande des sogenannten Fayum, entdeckten
-die Geologen vor einigen Jahren eine geradezu fabelhaft glänzende
-Fundstätte vorweltlicher Säugetiere. Nie werde ich den Anblick
-vergessen, als ich im Londoner Naturhistorischen Museum beim Eintritt
-in die große Halle vor dem ersten frisch ausgestellten Prachtstück
-von dort stand: dem grotesken Riesenschädel eines sogenannten
-Arsinoitherium, eines elefantenähnlichen Ungetüms, das auf der Nase
-zwei enorme, nebeneinander gestellte knöcherne Zapfen, die an die
-Zipfel einer kolossalen Narrenkappe erinnerten, getragen hatte. Schon
-dieses jedenfalls nah verwandte neue Tier bewies, daß man hier in die
-Urverwandtschaft des Elefanten geraten war. Schlag auf Schlag folgten
-sich dazu dann die weiteren Entdeckungen an dieser Glücksstelle.
-
-Es zeigte sich ein Vormastodon, das die Entstehungsgeschichte des
-späteren Elefantenrüssels enträtselte. Die Krone aller Entdeckungen
-aber war der Ahne des ganzen Elefantengeschlechts überhaupt. Er
-erschien in trefflicher Erhaltung schon in einer Schicht der
-Tertiärzeit, die geologisch noch ein Stück älter war als jene der
-Arsinoitherien und Vormastodons. Da erschien ein Tier, auch etwa so
-groß wie ein Tapir, also gegen den heutigen Elefanten relativ klein.
-Die Gliedmaßen schlank; ein langer Schwanz; im flachen, keineswegs
-elefantenhaft steil getürmten Schädel ein altertümliches Gebiß, in dem
-doch aber die Schneidezähne schon eine Tendenz zeigten, hauerhafte
-Stoßzähne zu werden. Im Umriß also ganz gewiß kein Elefant. Und doch
-durch soundso viel feine anatomische Details einzig und allein an die
-Elefanten anzuschließen. Die Sachkenner waren sich bald einig: man
-hatte den so lange vermißten »Elefantenvater« vor sich. Ein durchaus
-altertümliches Landtier, selber noch den ältesten, sehr indifferenten
-Huftieren der Vorwelt nahe, das aber den Ausgangspunkt der seltsamen
-Entwicklung zu den elefantischen Kolossen, all den Dinotherien,
-Mastodons, Mammuten und wie sie hießen, gebildet hatte. Da in
-Altägypten in dieser Fayumgegend der berühmte Mörissee gelegen hat,
-wurde das einzigartige Geschöpf Möritherium getauft. Kaum aber hatte
-man sich mit seiner Existenz abgefunden, so sollte es den Tierkundigen
-noch eine Überraschung bereiten, die zu den größten gehört, die alle
-Tierkunde je erlebt hat. An der Küste des urafrikanischen Kontinents,
-wo sich zu ihrer Zeit die Möritherien herumtrieben, lebten damals,
-vom Wasser her in die Flußmündung aufsteigend, auch schon Seekühe.
-Auch ihre Knochen kamen in den heute erhärteten Schichten des alten
-Uferschlamms von ehemals für uns zutage. Und nun zeigte sich das
-Unerwartete. Diese uralten Seekühe hatten fast genau den Schädel und
-das Gebiß des Möritheriums gehabt. Auch in den Beckenknochen glichen
-sie ihm noch frappant. Und doch waren sie sonst schon Seekühe! Seekühe
-aber, die zugleich schwimmende Elefantenväter waren! Kein Zweifel: in
-jenen Anfangstagen war ein Zweig möritherienhafter Urelefanten auf die
-Wasserweide gegangen und hatte sich dort zu Seekühen umgestaltet. Als
-Wasserelefanten kamen diese Seekühe fortan in die Seichtbuchten der
-Ufer und die Flußmündungen, über denen auf dem Festlande dröhnenden
-Schrittes die Landelefanten dahinstampften. Wie das Nilpferd zum
-Schwein, der Seehund zum echten Hund oder Bär, so stehen die »Sirenen«
-zum Elefanten: sie sind seine Wasseranpassung. Nun gilt es ein Umräumen
-in allen Museen. Die Elefanten, lange so vollkommen isoliert, bekommen
-Nachbarn.
-
-Die große Seekuh des Roten Meeres, so hören wir, wird bei Nacht
-dort bei den Korallenriffen von den Beduinen in ungeheuren Netzen
-gefangen, durch langes Untertauchen (das sie als Säugetier ja nicht
-unbegrenzt verträgt) erstickt und mit großen Mühen endlich gehoben.
-Das Bild erhält eine neue Farbe, wenn man sich sagt, daß es sich
-hier um eine nächtliche Elefantenjagd handelt. Ein Wasserelefant,
-noch ein Meter in der Länge größer als der größte lebende Elefant im
-Kilimandjarobuschwald, dickhäutig und ungeschlacht über alle Begriffe,
-im Netz gefangen und zappelnd wie ein Fisch, bei Fackelschein auf der
-Kante einer Korallenbank -- wahrlich eine packende Situation mehr im
-Märchen der Tierwelt.
-
-
-
-
-Die Entdeckung des Riesenklippdachses
-
-
-In meiner Bibliothek stehen ein paar kleine alte Bände mit zierlicher
-Rückenvergoldung -- die erste Ausgabe von Cuviers »Tierreich« von 1817.
-
-Nach solchem alten, ehrwürdigen Bändchen greift man heute nicht leicht,
-um sich über laufende Fragen der Tierkunde zu unterrichten. Es muß
-schon mehr in Sonntagslaune sein, wenn man sich einmal an der Stimmung
-einer Zeit ergötzen will, die zwar weit hinter uns an zoologischem
-Wissen stand, die aber eines immerzu noch erleben durfte, das uns
-fremder wird: nämlich ganz große Sensationen, Überraschungen dieses
-Wissens.
-
-Eine solche Sensation ersten Ranges steht dort bei Cuvier beschrieben,
-wenn er von dem Tier spricht, das nach einem übertragenen Namen der
-»Klippdachs« heißt; mit unserem bärenartigen Raubtier Dachs hat es
-nichts zu tun; man nennt es auch »Klippschliefer«, das heißt: einen,
-der in engen Klippenspalten gern unterschlüpft (schlieft). In Luthers
-Bibelübersetzung figuriert es als das »Kaninchen« der palästinensischen
-Felsen.
-
-Die Klippdachse sind kleine, dick bepelzte Geschöpfchen vom Habitus
-mittlerer Häschen oder großer Meerschweinchen, die von Syrien bis zum
-Kap teils so in Höhlen »schliefen«, teils hoch im Urwaldgezweige fast
-affenhaft ihr Wesen treiben. Kein Mensch, der sie so sieht, wird sie
-wirklich für etwas viel anderes halten als Karnickel oder Eichhörner,
-zumal wenn er aus ihrem Mäulchen auch noch die spitzen oberen
-Vorderzähne anscheinend völlig nagetiergemäß vorstehen sieht.
-
-Als Nagetiere waren sie denn auch von den Zoologen bis auf Cuvier
-verrechnet worden. Er aber mußte jetzt den inhaltschweren Satz
-drucken lassen, diese Klippdachse seien eine »~sorte de rhinocéros en
-miniature~«; sie hätten die Backzähne des Nashorns und trügen an den
-meisten ihrer Zehen kleine Hufe!
-
-Man muß in den Quellen der Zeit die Entrüstungsrufe der übrigen
-Zunftgelehrten von damals lesen, daß so etwas möglich sein sollte: ein
-Nashorn von der Größe eines Kaninchens!
-
-Aber Cuviers Ansehen war zu gewichtig, um dauernden Widerspruch
-aufkommen zu lassen. Der Klippdachs ist wirklich fortan bei den
-Huftieren und versuchsweise immer wieder in der Nähe des riesigen
-Nashorns in den Listen der Tierforscher geführt worden, so schwer's
-auch fallen wollte; aber man wurde das Gefühl eines Rätsels dabei nicht
-los, das seiner wahren Lösung noch harrte.
-
-Inzwischen wurden sein Leibesbau und seine Lebensweise von vielen und
-immer eingehender studiert. Man stellte jene Tatsache fest, daß er auch
-auf Bäume klettern konnte, was dann für ein Rhinozeros noch grotesker
-wirken mußte. Unser großer deutscher Reisender Schweinfurth sah ihn
-an steilen, glatten Felsen in so unmöglichen Lagen auf und ab turnen,
-ja todeswund noch wie angeklebt haften, daß er auf eine besondere
-laubfroschartige Saugkraft seiner Füßchen raten mußte, die in der
-Tat beim Einziehen und Ausdehnen eines Spalts im Sohlenpolster durch
-Luftverdünnung zustande kommt -- ein Rhinozeros mit Laubfroschfüßen auf
-polierten Rutschflächen!
-
-Im übrigen Körperbau kamen aber auch immer neue Seltsamkeiten ans
-Licht. Die Hufe waren eine Vereinigung von affen- oder menschenhaften
-Nägeln mit dem echten, die Fingerbeere ganz umgreifenden Sohlenhorn
-des Hufs. Aus dem Pelz ragten überall einzelne lange Tasthaare vor,
-deren Gebrauch unklar blieb. Im Rückenfell umschloß eine abweichend
-gefärbte Flocke eine kleine Tonsur, deren Zweck ebenfalls im Geheimnis
-verharrte. Wiederkäuen wurde behauptet, dann wieder abgeleugnet;
-jedenfalls paßte der Magen nicht dazu.
-
-Je mehr man aber allmählich anfing, Tiere überhaupt
-entwicklungsgeschichtlich, im Bilde eines Stammbaumes, zu ordnen, desto
-dringlicher mußte die Frage werden, an was für einen Ast des großen
-Stammbaumes man diesen verdrehten Gesellen mit seinen Saugfüßchen denn
-nun tatsächlich kleben solle?
-
-Das Nashorn selber kam dort zweifellos zu Pferd und Tapir. Unter den
-Pferdeahnen waren vorgeschichtlich auch kleine Geschöpfe gewesen. Aber
-ihre speziellen Knochenreste, als man sie fand und zusammensetzte,
-wollten wieder gar nicht zum Klippdachs stimmen.
-
-Viele Jahrzehnte galt es als eine Hoffnung der Versteinerungskundigen,
-endlich einmal vom Klippdachs selber urweltliche Reste zu entdecken --
-ob die den Schleier lüfteten. Würden auch sie uns kleine Tiere weisen,
-so daß der lebende Schliefer ein echtes Überbleibsel wenigstens
-der allgemeinen Zeit wäre, in der alle Huftiere, auch die größten,
-auch Nilpferd und Nashorn, klein angefangen hatten? Oder würden sie
-wirklich jetzt nashornhafte Riesen von Klippdachsgestalt zeigen, eine
-Ahnenschaft der entsprechend Großen, von der unser lebender Freund spät
-erst und jämmerlich zu seinem Zwergenmaß wieder heruntergesunken wäre?
-
-Lange aber wollte kein einziges Knöchelchen dartun, daß überhaupt schon
-Klippdachse in der tierreichen Vorwelt gelebt hätten.
-
-Merkwürdige Verwandte unserer Nashörner von heute fanden sich ja
-unter dem Urweltsvolk genug. Da hatte es in Nordamerika (wo heute
-überhaupt kein Nashorn mehr existiert) Rhinozerosse gegeben mit ganz
-kurzen Beinchen wie ein Teckelhund; andre, die überhaupt kein Horn
-auf der Nase trugen, dafür aber Dickköpfe mit gewaltigen Eckhauern
-führten wie ein Nilpferd und auch nilpferdhaft amphibisch lebten; und
-noch wieder andere, die ihren hornlosen Nashornkopf auf langen Hälsen
-trugen und die gewandtesten schlanken Galoppierbeine des Pferdes
-anzunehmen begannen. In den nah verwandten sogenannten »Titanentieren«
-(~Titanotheria~) hatten die Hörner umgekehrt wahre Orgien wilder
-Gestaltungskraft gefeiert, je zwei nebeneinander (nicht nacheinander)
-hatten sich auf festen Knochenzapfen nach Art eines Ochsengehörns
-aus der Nase erhoben, und zuletzt waren hier aus den Zapfenhörnern
-regelrechte Masken mit weithin vorspringender Knochengabel geworden,
-die den alten Bullen nicht mehr geschützt, sondern eher wehrlos gemacht
-haben müssen. Ein Nebenzweig dieser Titanentiere (also immer doch noch
-im Nashornanschluß) hatte es in dem Wunderwesen Chalikotherium gar zu
-einer nicht mehr trabenden, sondern grabenden Form gebracht, die bei
-Rhinozerosmaßen des Körpers statt Hufen mächtige krumme Grabkrallen wie
-ein Riesengürteltier besaß. Aber kein echtes Klippdachsnashorn fand
-sich dazu, so sorgsam man auch gerade darauf fahndete.
-
-Unterdessen lenkte der Zahnbau des lebenden Klippdachses gelegentlich
-aber noch einmal auf einen ganz anderen Gedanken.
-
-Aus dem Maul ragten, wie erwähnt, oben die beiden vordersten
-Schneidezähne gleich kleinen scharfen Stoßzähnen (beim Männchen
-kräftiger als beim Weibchen) vor. Diese Stößer waren immerwachsende
-Zähne mit Emailbelag, die trotz ihrer Ähnlichkeit mit Nagezähnen von
-dem rein blätter- oder kräuterfressenden Tier doch nie zum wirklichen
-Nagen benutzt wurden. Dagegen hatten sie eine in jedem Betracht
-frappante Ähnlichkeit mit den allbekannten Elfenbeinstoßzähnen des --
-Elefanten.
-
-Der Elefant ist nun auch ein großes altertümliches Huftier und als
-solches im weitesten Sinne natürlich auch mit dem Nashorn urverwandt;
-im engeren aber wissen wir ja jetzt (wir haben eben davon gesprochen),
-daß sein Stammbaum später ganz eigene Wege, unabhängig sowohl von
-der Nashorn- und Pferdelinie wie auch von der Nilpferd-, Schwein-
-und Wiederkäuerlinie, genommen hat. Sollte auch der Klippdachs in
-seiner dunkeln Vorgeschichte am Ende mit dem Elefanten noch näher
-zusammengegangen sein als dem Nashorn?
-
-Lange tappte auch diese Idee für sich im Dunkeln, da man die
-Elefantenvorfahren in wirklichen Knochenresten selbst zunächst ja nicht
-finden konnte. Erst in letzter Zeit ist das, wie gesagt, in Ägypten
-endlich geschehen. Gerade jetzt aber mischte recht ärgerlich sich auch
-noch ein grober Fehlschluß in den Fall Klippdachs ein.
-
-Der höchst eifrige, aber etwas voreilige Paläontologe Ameghino in
-Südamerika beschrieb nämlich plötzlich die angeblichen Ahnen des
-Klippdachses aus angeblich so uralten Gesteinsschichten Patagoniens,
-daß sie gar noch in der großen Saurierzeit, in der Kreideperiode,
-gelebt hätten. Beides war aber falsch, sowohl die Zeitbestimmung wie
-die Sache selbst; es hatte eine Verwechslung mit echt südamerikanischen
-Huftieren stattgefunden, die selber, wie in allem, was aus ihnen
-je geworden ist, niemals über Südamerika hinausgekommen sind und
-nicht einmal entfernt den Klippdachsen geglichen haben. Leider
-wurden die betreffenden Tiere in der ersten Hitze »Urklippschliefer«
-(~Archeohyrax~) benannt, und dieser Name erbt nun nach dem Gesetz der
-Erstgeburt in unseren Lehrbüchern fort, obwohl er völlig in die Irre
-führt. Das Gesetz hat schon manche Not dieser Art gebracht, diesmal
-aber sollte es ein besonders mißliches Exempel werden. Denn kaum, daß
-der falsche Urklippdachs im Buche stand (mit dem Vermerk, daß er falsch
-sei!), so meldete sich wie zum Tort gerade der so lange Gesuchte selbst.
-
-Jenes Fayumgebiet in Unterägypten gab bei Gelegenheit der erfolgreichen
-Suche nach den dort begrabenen Vorfahren der Elefanten nun doch
-plötzlich eine Fülle auch echter urweltlicher Klippdachsknochen frei.
-Und das lief jetzt auf eine wirklich große Überraschung hinaus.
-
-Um das Ende des ersten Drittels der Tertiärzeit haben die sumpfigen
-Waldungen des damaligen nordafrikanischen Kontinents offenbar auch
-schon sehr zahlreiche Klippdachse bewohnt. Unter ihnen aber wandelte
-als auffälligste Gestalt damals noch der wahre Riesenklippdachs
-(~Megalohyrax~).
-
-In der Größe nahm er es mit dem stärksten Bären oder, wenn wir beim
-Nashorn bleiben wollen, ungefähr mit einem mittelgroßen Sumatranashorn
-auf. Ein solcher entsprechend schwerer Riese kletterte natürlich
-nicht auf Bäume, sowenig er in engen Felsspalten »schliefte« oder
-sich an glattes Gestein klebte. Das Wasser dürfte er mit seinem
-schwachen Schwanz auch nicht geliebt haben. Seine kurzen, bei solcher
-Größe jedenfalls noch nicht so springflinken Klippdachsbeine machten
-ihn vielmehr wohl zu einem ruhigen Waldgänger, der behaglich das
-üppige Laub abweidete. Im ganzen Habitus muß er aber sonst schon
-ein durchaus echter Klippdachs gewesen sein, bloß daß alle Eigenart
-viel imponierender hervortrat: der dicke Pelz als große bären- oder
-mammuthafte Wollgestalt, die emaillierten Stoßzähne als wirkliche
-starke Elefantenstößer. Recht unheimlich muß der Riese ausgesehen
-haben, obwohl gewiß auch er kein besonderer Angreifer war und von den
-bösen Raubtieren dieses urafrikanischen Waldes sicherlich viel Not
-gelitten hat.
-
-Entscheidend aber löst er uns die oben gestellte Frage. Also auch die
-Klippdachse hatten einmal ihre »große Zeit«. Ganz früh hatten sie
-diese Zeit schon, in Tagen, wo das Pferd sogar noch klein war. Aber
-dieser frühe Glanz erlosch auch um so rascher.
-
-Im letzten Drittel der Tertiärzeit hat, wie wir jetzt aus nachträglich
-richtiger Deutung von Knochenresten auch glücklich wissen, auf
-der Insel Samos und dem griechischen Festlande noch ein einzeln
-verspäteter, relativ großer Altklippdachs jener Glanztage fortgelebt.
-
-Auf unsre Zeit aber kam das Geschlecht nur mehr in kaninchenhafter
-Verzwergung. Bedeutsam aber ist dabei wieder der alte Ort des Glanzes:
-Afrika.
-
-Offenbar haben die Klippdachse zum ältesten Stamm ursprünglich
-afrikanischer, in Afrika landes- und geburtseigentümlicher
-Hufsäugetiere unserer Erde gehört.
-
-Im Gebiß wesentlich noch urtümlicher, weniger einseitig gebaut,
-verraten jene großen Altformen ihres Geschlechts uns auf der einen
-Seite jetzt noch deutlich auch ihren Anschluß an die Stammgruppe der
-Huftiere überhaupt, von der auch alle die geographisch entfernteren
-(selbst die nordamerikanischen) Formen ursprünglich einmal ausgegangen
-sein müssen.
-
-So erklären sich die Beziehungen, die den kleinen Schliefer von heute
-noch in seinem Zahnbau mit dem Nashorn verknüpfen; einzelne jener alten
-Fayumer gemahnen ebenso und stärker hier auch noch an das Schwein, das
-heute doch wieder vom Nashorn so weit fernsteht.
-
-Das sind aber eben ganz allgemeine Altersreminiszenzen.
-
-Andererseits muß dagegen für ihre engere afrikanische Fortbildung und
-Nächstverwandtschaft jetzt entscheidend werden, daß sie in dieser ihrer
-engeren geographischen Wurzelung wirklich nur noch einen einzigen
-uns erkennbaren, ebenfalls damals hochsteigenden Genossen gehabt
-haben, nämlich tatsächlich das alte große Wundertier der Sage wie
-Naturgeschichte -- den Elefanten.
-
-In jenen gleichen nordafrikanischen Sumpfwäldern der älteren
-Tertiärzeit sind ja auch die Elefanten damals hochgekommen aus den
-relativ kleinen, wirklich sumpfbewohnenden Urelefanten (Möritherien) zu
-den späteren Riesen.
-
-Wenn nun im Bau der Stoßzähne wie in mehreren Einzelheiten des Fußbaues
-eine unverkennbare engere Ähnlichkeit auch von Klippdachs und Elefant
-heute noch besteht, so legt diese geographische Einheit einen solchen
-Stein jetzt dazu in die Wagschale, daß es fast zwingend zu des Märchens
-wie der Weisheit letztem Schluß wird: Klippdachs und Elefant gehörten
-ursprünglich auch körperlich noch länger zusammen, bildeten eine
-Einheit -- und erst in ihrem Afrika selber haben sie sich allmählich
-getrennt: der Urelefant, indem er zuletzt auf Mastodon und Mammut
-ins Kolossale ging -- der Klippdachs, indem er zum Kaninchenzwerge
-später sank. Nicht ein Miniaturnashorn lebt uns also heute in diesem
-Klippdachs fort, wohl aber ein _Miniaturelefant_.
-
-
-
-
-Die Mammutschnitzer von Predmost
-
-
-Sie kommen -- da hilft nun nichts mehr!
-
-Lange genug haben wir uns ehrlich gewehrt, nun ist es Zeit, daß wir uns
-ehrlich für besiegt erklären.
-
-Nämlich jene wunderbaren Menschen der Diluvialzeit, die so viele
-Jahrtausende vor Beginn unserer geschichtlichen Überlieferung gelebt
-haben, daß den Historiker, dem schon ein Tag ein Wert ist, mit Recht
-dabei ein Gruseln überläuft.
-
-Wie auf dem Bilde Kaulbachs über dem Schlachtfelde noch die Geister der
-Gefallenen weiter bekämpft werden, so haben wir mit ihren unheimlichen
-Schatten gerungen, als sie zuerst vereinzelt aus den feuchtkalten
-Kellergewölben ihrer Höhlen aufzusteigen begannen. Aber aus den
-Schemen sind ganze Völker geworden, und die Gespenster haben, was das
-Entscheidende für ihre Aufnahme in die wirkliche Geschichte sein muß,
-für uns eine Seele bekommen.
-
-Keine Tradition wußte von diesen Menschen. Sie haben für uns keine
-Namen, keine Sprache, vielleicht auch keine Heimat, denn sie tauchen
-als schweifende Jägerstämme bei uns in Europa auf, die wer weiß wie
-weit herkommen konnten. Aber sie tauchen auf in der Eiszeit. Mit nicht
-schlechten, aber ganz einseitigen Waffen (Stein, Horn, Bein, Holz)
-jagen sie die märchenhaften Tiere jener Erdepoche, auf europäischem
-Boden Löwen und Panther, riesenhafte Bären, Elefanten und Nashörner,
-das Urwildpferd und den Präriebison.
-
-Nie wieder hat Europa solche Jagd gesehen. Wie verschwinden alle
-Herkulessagen der Griechen dagegen! Zu den Ungetümen, die sie
-bezwangen, möchte man sich schauerlich wilde Vormenschen denken, die
-selber noch halbe Ungeheuer waren. Zumal in so endlos ferner Zeit. Aber
-gerade das sind sie auch nicht gewesen, und daß sie es nicht waren, ist
-wohl das allverblüffendste an ihnen, vor dem auch die energischsten
-Heißsporne, die zuerst für ihre Existenz eintraten, noch haben umlernen
-müssen.
-
-Sie hatten schon eine hochentwickelte Kunst! In unzähligen Denkmälern,
-die in Südfrankreich und Spanien neuerdings fast Monat für Monat neu
-aus den alten Höhlen und Kulturschichten hervorgezogen werden, ersteht
-diese Kunst augenblicklich imposant vor unserem Blick. Schnitzereien,
-Gravierungen, Reliefplastik und farbige Malereien, die Jagdszenen,
-Tierbilder, Ornamente darstellen, geben ein nie erwartetes, ein
-überwältigendes Bild. Diese Menschen begannen nicht erst mit der Kunst:
-sie besaßen sie bereits. Sie waren vielfach Meister der Darstellung.
-Die Prachtwerke über diluviale Höhlenmalereien, die gegenwärtig unter
-der Ägide des Fürsten von Monako erscheinen, riesige Quartbände mit
-Farbentafeln, enthüllen nicht nur wissenschaftliche Dokumente zur
-Kunstgeschichte, sondern sie geben (besonders aus der Wunderhöhle
-von Altomira in Spanien, deren ganze Decke ein figurenreiches und
-farbenprächtiges prähistorisches Freskogemälde bedeckt) einzelne
-Blätter, die fortan die Freude jedes künstlerisch empfindenden Auges
-sein müssen wie nur irgendeine große Höhenleistung sonst der älteren
-Kunst. Und erst seit wir in diese Kunst der Mammutjäger schauen, läßt
-sich wirklich jenes eben gebrauchte Wort anwenden: daß wir jetzt auch
-diese Menschen _seelisch_ besitzen im Inhalt unserer Kulturgeschichte.
-
-Von Mammutjägern also zu Mammutmalern und Mammutschnitzern!
-
-Die amüsante kleine Episode, die ich hier an diese mächtige neue
-Melodie knüpfen möchte, beweist indessen mit ihrem Anfang klärlich, daß
-man auch heute noch, in unseren (bekanntlich) sehr hellen Tagen, bei
-einem Mammut zunächst an etwas wesentlich anderes denken kann als an
-Kunst.
-
-So geschah es nämlich Herrn Chrometschek, Gutsbesitzer zu Predmost,
-einem kleinen Flecken bei Prerau in Mähren, der vor einer Reihe von
-Jahrzehnten hinter seinem Garten graben ließ und dabei in einer alten
-verbackenen Staubschicht des ehemaligen diluvialen Steppenbodens dieser
-Gegend auf eine Katakombe gewaltiger Knochen stieß. Die meisten und
-größten stammten eben vom Mammut, und nie bisher ist eine großartigere
-Anhäufung von Gebeinen dieses verschollenen europäischen Elefanten
-zutage gekommen. Die Reste von fast tausend Individuen sind noch in
-der Folge geborgen worden, junge und alte dabei, vom Urvater bis zum
-Embryo. Daneben Knochen des Nashorns, des Urstiers, des heute noch in
-Grönland existierenden Moschusochsen, des Elchs, des Wildpferdes, der
-Gemse, vermischt mit denen von Löwe, Leopard, Wolf, Vielfraß und Biber.
-
-Herr Chrometschek aber als umsichtiger Landwirt ließ diesen ganzen
-reichen Segen, so oft er sich beim Abbau des alten Steppensandes
-wiederholte, reinlich zu Pulver zerstampfen und düngte seine Felder
-damit -- lange Jahre hindurch. Und dann erst fanden ein paar
-hinzukommende ausgezeichnete Gelehrte (zunächst Wankel, nachher
-Maska und Kriz), daß dieser Dünger doch für Kohlköpfe oder Rüben
-entschieden etwas zu kostbar sei und besser menschlichen Gehirnen und
-wissenschaftlichen Theorien zugewendet werde.
-
-Als das ganz besonders Interessante ergab sich nämlich, daß es sich
-hier nicht bloß um ein zufälliges Massengrab vorweltlicher Tiere, etwa
-auf Grund zusammengeschwemmter oder in einem Staubsturm gemeinsam
-begrabener Kadaver, handelte. Vorgeschichtliche Menschen hatten schon
-einmal die Hand dabei im Spiel gehabt. Zu vielen Tausenden lagen ihre
-Steinwerkzeuge am Fleck, auch einzelne Skelettreste. An Holzkohlen
-und Asche erkannte man, daß sie Feuer gebrannt hatten. Viele der
-Tierknochen waren künstlich zerschlagen, angebrannt, bekritzelt, rot
-gefärbt. Stellenweise lagerten die Mammutgebeine in hübsch sortierten
-Haufen: hier lauter Beckenknochen, dort Schulterblätter, Zähne oder
-Gelenkköpfe zueinander gesammelt. Kein Zweifel: Menschen hatten mit
-dem Material gewirtschaftet, und wenn irgend etwas nahelag, so war es
-die Annahme, daß es sich um eine Jägerstation handelte, wo frisches
-Jagdwild abgehäutet, verarbeitet, zum Teil gebraten und gegessen,
-zum Teil in seinen brauchbaren Knochenteilen ausgeschlachtet worden
-war. Wohlverstanden: hauptsächlich Mammutwild. Eine Art Abdeckerei
-oder Schlachthaus aus der Mammutzeit selber stand vor Augen, und der
-Schlächter war schon der Mensch gewesen!
-
-Es war eine gar gewaltige Triebkraft, was dieses Mammutlager von
-Predmost damals, in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts,
-in die annoch junge prähistorische Wissenschaft hineinzubringen schien.
-
-Zum ersten Male faßte man davor den ganzen Mut, den Menschen der alten
-Steinzeit wirklich zusammen zu sehen mit diesen schauerlichen letzten
-Urweltsgestalten der Tierwelt, die alle ältere Geologie noch durch
-die furchtbarste Erdenkatastrophe von jeglicher Menschennähe getrennt
-gedacht hatte.
-
-Aber der Geistesboden war zu glänzend damit gedüngt, um nicht eine ganz
-unerwartete Riesenrübe noch hervorzutreiben in Gestalt eines genialen
-Gedankens, der so genial war, daß er tatsächlich noch einmal die ganze
-Geschichte in die Luft fliegen ließ.
-
-Der Gedanke wuchs im durch und durch gescheiten Kopfe des alten Japetus
-Steenstrup aus Kopenhagen, der, damals schon bald achtzigjährig, eigens
-herangepilgert war, um sich auch von dem Wunder zu überzeugen.
-
-Steenstrup, Zoologe von Haus aus, dann selber Prähistoriker, hatte die
-gründlichsten allgemein geachteten Forschungen hinter sich -- über das
-Liebesleben jener wundersamen Seetiere, die stets in einer Generation
-wirkliche Liebespärchen, in der nächsten dagegen nur ein einziges
-pflanzenhaft ausschlagendes Elternwesen hervorbringen; über die
-verschrobenen Augen der Flundern; über die geschichtlichen Geheimnisse
-der dänischen Torfmoore und Muschelbänke und anderes mehr. Meister
-Steenstrup befand sich aber kaum im Angesicht des Mammutfeldes, so gab
-er auch schon die überraschendste Lösung.
-
-Jedermann kennt die berühmte Geschichte von den sibirischen Eiskadavern
-von Mammuten, die, vor ungezählten Jahrtausenden in Gletscherspalten
-eingefroren, heute noch gelegentlich mit Haut und Haaren heraustauen.
-Wenn solches Tauen geschieht, kommen die hungrigen Wölfe heute
-noch hinzu und fressen von dem derben Brocken vorgeschichtlichen
-Gefrierfleisches, nicht minder aber besuchen die armen Tungusenjäger da
-oben die Stätte, um sich der famosen Elfenbeinhauer zu bemächtigen.
-
-Wer beweist uns nun, fragte der alte Steenstrup, daß ein solcher
-Hergang nicht auch den Fall Predmost selber erklären kann? Bis ans
-Ende der Eiszeit reichten nordsibirische Verhältnisse tief nach Europa
-hinein. Wenn nun schon damals im gefrorenen Boden oder Gletschereis
-solche Gefriermumien gesteckt haben? Bloß eben damals bis in Gegenden
-noch hinein, die so weit südlich lagen wie dieses mährische Predmost?
-Und wenn schon damals einmal ein solcher ganzer Eisschrank gerade hier
-aufgetaut war, seine uralten Mammutbraten in nicht ganz delikatem
-Zustande wieder herausgebend? Wenn dann Menschen von damals in der Nähe
-vorbeizogen, werden nicht auch sie sich brauchbare Zähne und Knochen
-herausgesucht haben? Die ekle Stätte wird jedenfalls gründlich von
-ihnen durchwühlt worden sein. Wölfe werden von dem Fleisch gefressen
-haben. Wer weiß: am Ende sogar halb verhungerte Menschen selber.
-Steinzeitmenschen natürlich. Aber deshalb doch noch lange nicht
-Zeitgenossen des _lebenden_ Mammuts. Keine Mammutjäger! Unabsehbare
-Zeiträume mögen die Zeit, da diese Mammute wirklich gelebt hatten,
-schon damals getrennt haben von der Stunde, da ihre Gefrierleichen
-heraustauend so in Menschenhand kamen. Sibirien in Predmost, nichts
-weiter, aber nicht lebende Menschen vor lebendigen europäischen
-Elefanten.
-
-Wenn je ein Gedanke mit seiner Logik bezwang, so war es dieser. Ich
-weiß selbst noch genau, wie er mich absolut sieghaft gefangennahm,
-als ich ihn zum ersten Male las. Es gab keine Widerrede. Für einen
-so geistvollen und eminent kenntnisreichen Kopf wie Virchow ist er
-damals entscheidend für seine ganze Stellungnahme zu diesen Fragen
-bis an sein Lebensende geworden. Er schien berufen, pädagogisch eine
-wahre Warnungstafel zu werden, wie heillos vorsichtig man beim Gehen
-auf diesem schwankenden Staub und Schnee der Vorwelt sein müsse. Nach
-solchem Fiasko an der eklatantesten Stelle mußte man auch alle anderen
-angeblichen Beweise für das Zusammenleben von Mensch und Mammut mit
-neuen und zwar mit sehr, sehr kühlen Augen ansehen. Virchow kam mit
-solchen Augen zu dem festen Schluß, daß es trotz aller Rederei und
-Flunkerei bisher keinen diluvialen »Mammutmenschen« gebe, sowenig wie
-einen tertiären Affenmenschen.
-
-Die Franzosen besaßen allerdings damals längst in einer ihrer
-Sammlungen ein vielbewundertes Stück Mammutelfenbein -- gefunden im
-Vézèretal in der Dordogne, wo das wahre Pompeji diluvialer Kultur und
-Kunst ist -- mit einem wohl erkennbar eingravierten Bilde eines Mammut
-darauf. Das mußte jetzt eine »Fälschung« sein. Wenn einige tüchtigste
-deutsche Forscher, die damals aburteilten, dort Direktor gewesen
-wären, wer weiß, in was für einer Müllgrube das unschätzbare Stück
-verschwunden wäre. Wer aber ja noch so leichtgläubig sein wollte, es
-für echt zu halten, der mußte sich sagen lassen, daß es selbst dann
-nichts beweise; denn wenn die Steinzeitmenschen noch Eiskadaver mit
-erhaltenen Rüsseln und Mähnen aufgefunden hatten, so mochten sie danach
-auch ein echtes behaartes Elefantenbild, wie es jene Platte wies,
-konstruiert haben, ohne doch je ein lebendes Mammut gesehen zu haben;
-auch dieser Schluß hat mir selber lange imponiert.
-
-Das unschätzbare Stück ...! Denn das ist schließlich doch der Witz und
-die wahre Nutzanwendung der ganzen Geschichte geworden, daß der alte
-Steenstrup sich trotz- und alledem gründlich verhauen hatte.
-
-Seine Idee stand und fiel mit der einen Möglichkeit, daß jene
-Steinzeitler zu ihrer Zeit in Mähren mit uralten, in undenklichen
-Zeitfernen rückwärts niemals aufgetauten Eismassen und Gefrierböden
-in Berührung kommen konnten. Die nähere geologische Untersuchung der
-Stelle hat diese Möglichkeit aber rund verneint. Predmost ist überhaupt
-niemals in der Diluvialzeit derartig vereist gewesen, konnte also auch
-keine Mammute konservieren.
-
-Die Menschen jener Tage lebten nicht auf Dauereisboden, sondern in
-weiten Grassteppen, wie sie für große Landgebiete und Zeitperioden der
-langen Diluvialzeit vielfach in Mitteleuropa charakteristisch gewesen
-sind, Steppen, durch die die Saigaantilope streifte wie heute noch im
-südöstlichen Rußland. Ihrer Kultur und ihrem Körperbau nach gehörten
-diese Predmoster Jäger wahrscheinlich zu jenem diluvialen Volk, das
-man heute nach dem Fundort Solutré bei Lyon benennt; die Solutréenser
-waren in Frankreich besonders eifrige Jäger auf die zahllosen, auch
-für die Grassteppe charakteristischen Herden von Wildpferden, wie sie
-ähnlich heute die Wüste Gobi bewohnen. Man schiebt gegenwärtig diese
-Solutréenser zeitlich ziemlich weit in die Diluvialzeit hinein und
-läßt sie wesentlich älter sein als die sogenannten Magdalenier, die
-das hauptsächlichste Volk jener französischen Kunsthöhlen im Vézèretal
-gewesen sind. Nun wissen wir aber, seit wir diesen Volksanschluß
-ungefähr haben, aus zahlreichen anderen Funden, daß in die Jagdsteppe
-der Solutréenser tatsächlich auch das Mammut noch allenthalben lebend
-gekommen ist. Ein _Nicht_zusammentreffen mit dem Menschen, dem
-jagdfrohen von damals, müßte also geradezu ein Wunder gewesen sein!
-
-Und so ergibt sich der alte Schluß für Predmost diesmal als die
-selbstverständlichste Folgerung: auch in dieser mährischen Steppe
-müssen die Mammute besonders zahlreich gewesen sein, und speziell in
-Predmost haben die mährischen Solutréenser besondere Jagdtriumphe über
-das Riesenvolk gefeiert.
-
-Damit aber werden auch alle weiteren Schlüsse wieder hinfällig.
-
-Jenes von der Hand eines Diluvialmenschen gezeichnete Mammutbild kann
-echt und noch nach dem lebenden Original gezeichnet sein. Es ist von
-einem Magdalenier gefertigt, also von einem Diluvialmenschem dessen
-Volk, wie gesagt, erst einer späteren Epoche der Diluvialzeit als die
-Solutréenser angehört. Es beweist also nur, daß das Mammut über die
-Predmoster Tage fort noch lange in Europa hinaus weitergelebt haben
-muß. Inzwischen zweifelt aber an der vollwiegenden Echtheit dieses
-schönen Fundstücks auch deshalb längst kein Mensch mehr, weil man in
-den Höhlen des Vézèretales seither die prachtvollsten magdalenischen
-Malereien entdeckt hat, die zahlreiche Mammute in den lebendigsten
-Stellungen mitten unter den anderen zweifellosen Jagdtieren von
-damals darstellen. Da hört jeder Gedanke wie an Fälschung, so auch an
-Rekonstruktion nach Eisfleisch auf!
-
-Gerade an dieser Stelle aber hat die Geschichte neuerlich nun noch eine
-besondere Krönung erfahren, die erst den ganz würdigen Schluß gibt.
-
-Bereits sehr zu Anfang hatte man auf den Predmoster Knochen leise
-Kunstspuren entdeckt, Zickzackornamente, Wellenlinien, konzentrische
-Kreise, Dreiecke. Später kamen Elfenbeinschnitzereien zutage, darunter
-das Bild einer sehr rundlichen, anscheinend tätowierten Dame. 1895
-stieß nun Herr Kriz auf ein mehrfach zerbrochenes Stück Mammutzahn, das
-ihm immerhin auch als ein unvollendeter Kunstversuch erschien, ohne
-daß er der Sache Bedeutung beilegte. Und erst 1909 faßte der andere
-treffliche Bearbeiter der Schätze, Maska, den wahren Sachverhalt:
-die richtig aneinander gepaßten Stücke zeigten ein höchst famoses
-Schnitzbild des Mammut -- ein zeitgenössisches Bild also des so viel
-umstrittenen Mammut von Predmost nunmehr in höchsteigener Gestalt.
-
-Die unbedeutend fragmentarische Figur mißt 116 Millimeter in der Länge.
-Das stark behaarte Tier ist auch hier in lebhafter Bewegung, wohl
-heranschreitend, erfaßt, die charakteristische Elefantenstirn erhoben,
-die (beim Mammut kleinen) Ohren schlagend, Rüssel und Beine in rascher
-Schrittstellung. Ganz besonders lebendig wirkt die Schwanzquaste, die
-die linke Flanke peitscht. Solche Lage ergab sich aus kluger Ausnutzung
-des Platzes, der gleichzeitig die Stoßzähne zum Opfer fielen; aber das
-Vorbild dieser Möglichkeit konnte nur aus dem lebenden Tier in der
-Seele des Künstlers sein -- des Mammutschnitzers von Predmost.
-
-
-
-
-Die Furcht vor dem Menschen
-
-
-Auf die menschliche Phantasie hat von je der Anblick ferner duftig
-blauer Inseln mit einer ganz besonderen Magie gewirkt.
-
-Noch heute empfindet man das, wenn man vom Schiff eine solche
-dämmernde Küste aufsteigen und dämmernd wieder verschwinden sieht.
-Eine unendliche Sehnsucht mischt sich mit unendlicher Neugier: als
-müsse gerade dort die Erfüllung aller Märchen wohnen. Und so war es
-in jüngeren und romantischeren Tagen der Erdgeschichte auch ein gern
-geglaubter Traum, es werde eine solche Insel einmal neu aus dem blauen
-Glast tauchen, die uns noch ein Stück des alten Paradieses bewahrt
-habe. Mit jungfräulichem Wald, wo der Löwe neben dem Lamm ruhte und
-die Tiere den Menschen als Bruder begrüßten. Vielleicht floß dort auch
-der Wunderquell, der die Menschen selber wieder verjüngte. Aber diese
-selige Insel ist nie gefunden worden ...
-
-Dagegen gab es eine andere Erfahrung, die wirklich wiederholt und immer
-deutlicher gemacht wurde.
-
-Ganz rohes Matrosenvolk machte sie zuerst in rohen Zeiten, Leute, die
-gewiß das Paradies sowenig brachten, wie sie es zu finden verdienten,
-die auf einsamen Inseln im Meere sich als wüste Schlächter etablierten
-und zu ihren Proviantzwecken ganze Tiergenerationen massakrierten.
-Sie bestaunten, und ihre Kapitäne schrieben es ins Schiffsjournal, daß
-die Tiere auf solchem noch nie vorher vom Menschen betretenen Eiland
-wirklich keine Angst vor dem Menschen hätten. Als Lämmer nahten sie dem
-Löwen Mensch, der ihnen dann allerdings gründlich genug das Paradies
-austrieb.
-
-Die eigentliche Hochflut solcher Inselentdeckungen im weiten Weltmeer
-liegt ja im allgemeinen noch in recht unkritischen Zeiten der
-Beobachtung. So könnte auch diese Geschichte in den älteren Quellen
-also oft wie ein Schiffermärchen aussehen, bei dem die alten Schlächter
-dort in einer Art unbewußten Kehrbildes zu ihrer eigenen Gefühlsroheit
-die Legende vom »ethischen Tier« erfunden hätten.
-
-Aber die Sache ist wahr geblieben. An den Hauptstätten der alten
-Verwüster ließ sie sich freilich durchweg später nicht mehr
-kontrollieren, aus dem einfachen Grunde, weil die Tierwelt, um die es
-sich handelte, dort längst vernichtet war, als die strenge Forschung
-nachkam. Aber es blieb doch noch einzelnes Neuland, und hier machten
-jetzt auch kritische Gelehrte von moderner Schulung den gleichen Fund.
-
-Darwin hat ihm zuerst die Gewähr seines großen Beobachternamens
-gegeben. Zweimal trat ihm auf seiner Weltfahrt die Paradiesesunschuld
-solcher Inseltiere gegenüber dem Menschen überwältigend entgegen:
-einmal auf den Galapagosinseln, diesem weit in den Stillen Ozean hinaus
-verschlagenen Rest von Südamerika, dann auf den Falklandinseln, diesem
-umgekehrten Vorposten der südamerikanischen Spitze im Atlantischen Meer.
-
-Auf den Galapagosinseln kannte kein Vogel Furcht vor dem Menschen. Man
-konnte kleine Vögel -- Darwin war alles eher als ein Tierschlächter
-alten Stils, immerhin aber doch ein passionierter Sammler -- mit der
-Mütze totschlagen, so gänzlich naiv kamen sie heran. Zum erstenmal
-durfte der Kulturjäger, dessen Vorgänger es daheim mit viel Bemühen
-bis zum Schießgewehr gebracht, wieder zurückkehren zum Schlagwerkzeug
-prähistorischer Zeiten: ein Falke ließ sich einfach mit dem Flintenlauf
-vom Zweige eines Baumes stoßen. Eines Tages, erzählt Darwin wörtlich,
-kam, während er am Boden lag, eine Spottdrossel, setzte sich am Rande
-eines aus der Schale einer Schildkröte gefertigten Eimers, den er
-in der Hand hielt, nieder und begann ganz ruhig von dem Wasser zu
-schlürfen. An einer Quelle traf der Reisende einen Jungen, der vor
-sich einen Haufen von Tauben und Finken für sein Mittagessen liegen
-hatte; er hatte weiter nichts getan, als mit einer Rute im Sitzen das
-heruntergeschlagen, was ohne jede Scheu vor ihm an der gleichen Quelle
-trinken wollte.
-
-Auf den Falklandinseln liefen die Wildgänse, deren Vorsicht man sonst
-zur Genüge kennt, dem Jäger überall in die Hand, und ein kleiner
-Strandvogel war wenigstens zu den ersten Besuchern vor Darwin noch
-so zahm gewesen, daß er sich beinahe auf ihren vorgehaltenen Finger
-gesetzt hatte und zu zehn Stück in einer halben Stunde mit dem Stock
-erschlagen werden konnte; natürlich erschlagen -- anders ging's zum
-Lohn für seine Paradiesesneigungen nicht!
-
-Darwin reiste in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts,
-und seitdem ist die Zahl dieser »naiven Inseln« natürlich noch kleiner
-geworden. Wie geographisch die letzte große ~Terra incognita~ aber die
-Antarktis, die Südpolarwelt, auch dann noch bis auf unsere Tage bleiben
-sollte, so sollten sich auch hier in der Nähe die letzten Bestätigungen
-des alten Wunders konservieren, glücklich begünstigt durch den Umstand,
-daß es in dieser ganzen Antarktis auch keinen einheimischen Menschen im
-Sinne des nordischen Eskimo gibt und wohl je gegeben hat.
-
-Selber noch nicht eigentlich polar, aber doch schon recht
-weit hinausgerückt dort, wo die unendlichen Wasser des freien
-Indischen Ozeans gegen den südlichen Polarkreis fluten, ragen die
-Kergueleninseln, eine Art Spitzbergen dieser Südwelt, mit wilden
-Fjorden und Gletscherschliffen, mit Eis und Basalt, alter Glut und
-jungem Frost, dazwischen mit sommerlich grünen Matten und reicher
-Tierwelt. Freilich wunderlichen Pflanzen und wunderlicher Tierwelt.
-Hier und fast nur hier wächst der rätselhafte Kerguelenkohl, eine
-Gemüsepflanze mit meterhohen Blütenständen, die zur ganzen übrigen
-Vegetation der Erde so fremd steht, als stamme sie von der Kante eines
-seit Urtagen abgesonderten Kontinentes. Zwischen den Blättern dieses
-antarktischen Kohls aber kriechen wie Blattläuse flügellose Fliegen
-und zu flugunfähiger Mißgestalt verkümmerte Schmetterlinge, die
-aussehen, als seien sie vorzeitig aus der Puppe geschält. Rüsselkäfer
-scheinen anzudeuten, daß einst auch diesen öden Fels Wälder geschmückt
-haben dürften. Den Hauptteil der Fauna aber bestreiten riesige Robben
-und zahllose Vögel -- und gerade sie waren es, bei denen auch in
-unseren Tagen noch ein vielleicht letztes Mal die »Paradiesunschuld«
-festgestellt werden konnte.
-
-Als die Gelehrten der deutschen Valdiviaexpedition am Weihnachtstage
-1898 dort landeten, umflogen sogleich Schwärme von Seeschwalben die
-Dampfbarkasse und ließen sich auf ihrem Zeltdach nieder.
-
-Von allen Seiten trippelten dann, wie der Reisebericht erzählt, auf den
-vom Wogenschlag abgeschliffenen Basaltkuppen die hühnergroßen weißen
-Scheidenschnäbel heran, eine seltsame Sorte antarktischer Regenpfeifer,
-die eine besondere Scheide am Schnabel zum Schutz ihrer Nasenlöcher
-führen. Sie brauchen diesen Schutz beim Verschmausen des klebrigen
-Inhalts stibitzter Pinguineier -- in diesem Punkte sind dieselben
-nämlich ohne paradiesische Manieren. Um so lebhafter aber trat in jener
-Stunde auch ihre vollkommene Unbefangenheit gegenüber dem Menschen
-zur Schau: neugierig pickten sie Herrn Chun aus Leipzig, der sie mit
-Zoologenblick musterte, mit ihren kuriosen Schnäbeln auf dem Schuhwerk,
-ja selbst dem Gewehrkolben herum und schlossen sich dann als treue
-Begleiter dem Wanderer an, als sollten sie ihm auf dem fremden Terrain
-Führerdienste leisten.
-
-Als die Reisenden Rast machten, setzten sich zwei mächtige, stahlblau
-und weiß mit roten Schnäbeln gefärbte Kormorane behaglich zu ihnen
-auf das gleiche Rasenstück und reckten wie zu lustiger Frage die
-Köpfe. Ungeheure Robben, sogenannte See-Elefanten, deren alte Bullen
-mit ihren aufgeblasenen Rüsselnasen und mächtigen Hauern martialisch
-genug ausschauen, so daß man sie daheim auf Tierbuchbildern für die
-grauenhaftesten Angreifer halten möchte, blieben ruhig im Wege liegen,
-äugten mit ihren großen braunen Augen bloß die Fremden gemütlich einen
-Augenblick an und duselten und schnarchten dann wieder in ihrer Sonne
-weiter. Bald war man sich gewiß, daß es zum Bewältigen auch dieser
-Kolosse keiner Feuergewehre bedurfte, wenn man ihre Felle und Skelette
-für die heimischen Museen wünschte.
-
-Und vollends die Pinguine, diese drolligsten Südpolarler, behandelten
-das Menschenvolk völlig wie ihresgleichen. Sie traten herzu, hielten
-lange und eindringliche Reden in ihrer unverständlichen Sprache,
-versetzten auch Schnabelhiebe und Flossenpüffe, wenn man ihre eng
-gedrängte Kolonie durchschritt, aber offenbar auch das nur nach
-den Regeln eines gewissen derben Anstandskomments, den sie ebenso
-unaufhörlich untereinander übten. Der Leipziger Professor machte
-sich gelegentlich den Spaß, eine ganze Herde solcher ein Meter
-hohen Königspinguine eine halbe Stunde lang vor sich herzutreiben
-oder, besser gesagt, zu einem gemeinsamen Spaziergang zu animieren.
-Gravitätisch watschelten sie mit ihm dahin, anzuschauen wie die
-Rektoren der Hochschulen im Ornate, die, »jeder von dem eigenen Werte
-genügend durchdrungen, zur Audienz antreten«. Gegen zu rasches Tempo
-lehnten sie sich sanft auf, fröhlich dagegen stimmten sie mit ihrem
-»Kräh! Kräh!« ein, als der menschliche Führer einen Wandergesang
-intonierte. Die lustige Tour endete leider auch diesmal etwas traurig,
-denn am Ufer griffen die Matrosen die schönsten Exemplare heraus und
-schleppten sie lebendig an Bord.
-
-Nach diesen Angaben, die nicht romantischen Fabulierern,
-sondern ernsten, sogar hervorragend kritisch veranlagten
-Naturforschern verdankt werden, kann über die Grundtatsache der
-»Menschenfreundlichkeit« nichtgejagter Tiere kein Zweifel sein.
-
-Diese Tatsache aber muß nun auch für unsere Zeit und Denkrichtung vom
-allerhöchsten Interesse sein.
-
-Es gibt, so zeigt sie, keinen allgemeinen »Urinstinkt« des Tieres, der
-_gegen_ den Menschen gerichtet wäre.
-
-Im Zeitalter Darwins mit seiner Lehre vom Kampf ums Dasein denken wir
-ja unwillkürlich zunächst, das Feindliche müsse allemal das Erste und
-Ursprüngliche sein. Wir vergessen aber dabei, was für eine ungeheure
-Rolle auch in der sich selbst überlassenen Natur die gegenseitige
-Freundschaft und Hilfe längst und von früh an gespielt haben und
-noch spielen. Wir vergessen den urgeborenen Trieb der Tiere zur
-Geselligkeit, und wie aus ihm zunächst keineswegs Kampf und Flucht
-einem neuen Wesen gegenüber resultieren. Daseinskampf im Sinne, daß
-die Wesen um ihre Existenz ringen mußten, ist ja gewiß eine uralte
-Erscheinung auf Erden. Aber die engere Form, daß dabei gerade das
-lebendige Mitwesen befehdet und gefürchtet wurde, ist keineswegs
-eine absolute, sondern vielfach erst eine ganz nachträgliche,
-sekundäre gewesen. Mächtiger als sie war von Beginn an der Versuch,
-durch Zusammenhalten Vieler und gegenseitige Hilfe die _gemeinsame_
-Not des Daseins zu ertragen und das Glück des Daseins positiv zu
-vermehren. Daher schon die Zellenstaaten, dann die Liebesbünde, die
-Tiergenossenschaften und Tierstaaten, all diese unendlichen Wege und
-Ziele, deren höchste Krönung ja schließlich eben auch die unendlichen
-Regungen und Segnungen des menschlichen Gesellschaftslebens selber
-sind, _ohne_ die der Kulturmensch gar nicht denkbar ist und denen bei
-uns das entspringt, was wir Ethik nennen.
-
-Daß die Robbe, daß der Pinguin, die von Haus aus bereits extrem
-gesellige Tiere sind, den neu erscheinenden Menschen nicht als Gegner
-nehmen, ist also nur das Nächstliegende. Der »Feind« ist ihnen ein
-in ein paar bestimmten Formen präzisierter leidiger Einzelfall --
-das Anschlußfähige, Anschmiegsame, Mittuende dagegen sozusagen die
-Normalsache. Soll man die traditionelle Auffassung eines solchen Tiers
-menschlich ausdrücken, so würde sie wohl ungefähr lauten: es gibt ein
-paar Spitzbuben in der Welt, die diese oder jene bestimmte Livree
-tragen, jenseits dieser Ausnahmen aber ist die Masse treu, und was
-neu ist, wird zunächst nicht eben für eine Ausnahme, sondern für die
-Regel gewertet werden. Der Begriff des allen Mittieren und Neutieren
-gegenüber wahnsinnig verscheuchten und absolut mißtrauischen Wesens,
-wie ihn eine falsche Konsequenz der Darwinschen Ideen erzeugt hat, wird
-von uns erst künstlich in den Normalzustand hineingedacht. Wohl aber
-ist natürlich auch ein Weiteres wahr.
-
-Wenn der Mensch sich solchen an sich gesellschaftlich wohlwollenden
-Tieren gegenüber eine Weile als obstinate Räuberausnahme geriert,
-so fängt auch das Tier an, ihn als solche individuelle _Ausnahme_
-einzuschätzen, und gewisse Schutzorganisationen seiner Natur schaffen
-das in kürzerer oder längerer Frist zu einem festen Instinkt um.
-
-In unglücklichen Fällen kommt die Bedrohung ja rascher, als daß diese
-Selbsthilfe nachkommen kann. So waren die guten dicken Drontenvögel
-von Mauritius, truthahngroße Tauben, die jeden fremden Matrosen auch
-zuerst als Genossen begrüßt hatten, im Nu von den proviantbedürftigen
-Holländern bis auf den letzten Kopf hingemordet, ehe sich von innen
-heraus irgend etwas bei ihnen auflehnen konnte. Bei ein wenig Spielraum
-aber wird der Instinkt, der das Menschenwesen fürchten lehrt, nicht
-ausbleiben.
-
-Auf was für einem Wege er sich durchsetzt, das ist ja heute eine
-Streitfrage für sich. Die einen nehmen schlicht an, daß die Tiere
-einzeln allmählich durch Schaden klug werden und den Gegner kennen
-lernen, und daß sich diese Erfahrung allmählich schon als zwingender
-Instinkt auf die Jungen vererbt; andern ist gerade das nicht genehm,
-und sie suchen verwickeltere Erklärungspfade; aber das sind Nebendinge,
-die das Faktum nicht ändern.
-
-Darwin selbst merkte schon, daß die Vögel auf den Falklandinseln
-zu seiner Zeit nicht mehr _ganz_ so zahm waren wie siebzig Jahre
-früher. Ein Zugvogel der Inseln, der schöne schwarzhalsige Schwan,
-hatte aber schon damals überhaupt keine Menschenfreundschaft gezeigt:
-seine Vorfahren hatten auf ihren Wanderungen offenbar längst anderswo
-gelernt, daß der Mensch ein Feind sei, und brachten diese Weisheit
-schon mit ins »Paradies«.
-
-Ebenso beobachteten die Gelehrten von der »Valdivia« mit Staunen,
-daß _ein_ Tier der Kerguelen in ausgesprochenster Weise die Flucht
-vor dem Menschen ergriff: nämlich das Kaninchen. Aber auch diese
-Kerguelenkaninchen waren erst junger Import, eine englische Expedition
-hatte sie nicht lange vorher ausgesetzt. Wohl hatten sie sich auf
-dem guten Boden ins Unbegrenzte vermehrt, so daß jener interessante
-Kerguelenkohl ihrem vereinten Appetit bereits bedenklich zu erliegen
-begann. Aber noch war auch in ihnen mit ganzer Kraft der Instinkt
-ihrer wahren Heimat lebendig -- der Instinkt der Flucht vor dem
-Menschenfeinde, den ihre Ahnen in langer Notzeit dort sich ausgebildet.
-
-Wen ergreift es nicht mit einer gewissen Tragik, wenn er von diesem
-»Umlernen« des Tieres hört!
-
-Der Mensch trat eines Tages auf diese Erde, zwischen die Tiere mit
-ihren unverwüstlichen Geselligkeitstrieben. Die Blüte seiner Kultur
-verdankte auch er der Existenz solcher Geselligkeitsformen seines
-eigenen Lebens. Auf ihnen beruhen Sitte, Recht und Staat, Mitleid und
-Menschenliebe und die Idee aufopfernder Hingabe, die zuletzt die Wurzel
-unseres ganzen Ideallebens bildet, bei ihm. Der schwarzhalsige Schwan
-und das Kaninchen aber haben ihn bloß als bösen Feind in den Kodex
-ihrer natürlichen Schutzzüchtungen aufnehmen müssen!
-
-Aber unwillkürlich denken wir, daß sich doch auch hier schon wieder
-etwas ändert. Hat sich im Tier etwas ändern müssen, so ändert sich
-jetzt wieder allmählich etwas im Menschen. Indem wir uns auf Tierschutz
-besinnen, einsehen, daß es nicht so fortgehen könne mit dem wüsten
-Hinmetzeln und Zerstören, indem wir plötzlich einen neuen Standpunkt
-der Freude und der Achtung auch vor dem Tier uns zu erringen beginnen,
-bahnt sich von uns aus ein neuer entscheidender Umschwung an.
-
-Wo das Tier sich nur im Notzwange anpassen konnte, da bewähren wir
-Menschen eine neue und edlere Entwicklung aus eigener Kraft.
-
-Und es wird die Zeit kommen, wo auch diese veränderte Front sich
-im Tier selbst geltend machen wird. Seine Geselligkeitstriebe zum
-Menschen, der ihm in neuer Weise entgegenkommt, werden neu erstarken.
-Und es wird ein Triumph für uns selbst sein, wenn wir das eines Tages
-im ganzen zu bemerken beginnen -- wie es heute schon hier und da ein
-paar zusammenhaltende Nachbarn erleben, die in ihren Gärten die kleinen
-Vögel nicht abschießen, sondern hegen und zutraulicher zu machen
-suchen und die in diesen Gärten bereits wieder diese verscheuchten
-Vögelchen sich versammeln sehen wie in einem Asyl --, ein erster blauer
-Schein wieder von der neuen Insel des Paradieses, die diesmal nicht in
-Wolkenkuckucksheim, noch in entlegenen Polarbreiten liegt, sondern in
-der erstarkenden Wärme des Menschenherzens selbst.
-
-
-
-
-Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze ein Schnippchen schlug
-
- »Hier steht Aurikel in der Schenke
- Und zapft den Gästen das Getränke.«
-
-
-Wie lange ist es her, aus stillen Tagen ohne Kriegssturm, daß Meister
-Busch dieses niedliche Idyll schuf, wie Aurikelchen, die Kellnerin, im
-sonnigen Frühlingsgärtchen den dicken Käfern und leichten Immen aus
-Münchner Deckelkrügen süßen Honigmet verzapft und ihr dabei verstohlen
-ein Liebesbriefchen zugesteckt wird. Das Spiel symbolisierte die
-einfache naturgeschichtliche Tatsache aus dem großen Liebesgarten der
-Natur, daß solche kokett bunte kleine Blüte das lüsterne Insektenvolk
-wirklich mit einer harmlosen Honigschenke lockt und daß die Insekten
-dafür ihre Liebesboten durch Übertragung des Blumenstaubes bilden
-müssen.
-
-Aber Meister Busch, der alte treue Einsiedler im bienenumsummten
-Pfarrhaus der deutschen Heide, ist selber nie in den Tropen gewesen
--- dort, wo alle leisen Melodien unseres Lebens daheim zu gewaltigem
-Sturm anschwellen in der Üppigkeit des Urwaldes. So konnte er nicht
-erfahren, was der große Erforscher der tropischen Sundainseln, Herr
-Alfred Russell Wallace, erfuhr, als er um die Mitte der fünfziger Jahre
-den Berg Ophir auf Malakka bestieg, durch Haine herrlicher Baumfarne
-wanderte und sich plötzlich Rankpflanzen gegenübersah, die ihm von
-allen Seiten wirkliche ganz regelrechte Krüge kredenzten, sogar mit
-einem richtigen, halb offenen Deckel daran -- Krüge, zierlich aus
-Blattsubstanz gebaut, die zwar nicht Münchner Bier, aber doch eine
-trinkbare Flüssigkeit enthielten. Er war etwas warm, der Trank und ohne
-sich offenbar viel dabei zu denken, erwähnt Herr Wallace, daß er voll
-ertrunkener Insekten lag; trotzdem erwies er sich als sehr schmackhaft,
-und alle, hören wir, löschten ihren »Durst aus diesen natürlichen
-Krügen«.
-
-Ohne sich viel dabei zu denken!
-
-Seit rund hundert Jahren gab es zwar damals schon eine dunkle Sage
-in der Welt, -- von etwas ganz unerhört Dämonischem im stillen
-Pflanzenreich, das wir so gern als das Reich bloß friedlicher Duldung
-ansehen.
-
-Dem alten Linné hatte man schon von ähnlichen Blattgebilden in
-Nordamerika berichtet, die in schönen altertümlichen Deckelgläsern
-edles Naß darboten, doch er träumte dabei bloß das freundliche Bild
-der Pflanze, die sich selber an geschickt gespartem Trunk in der
-Hitzestunde labte, und des Vogels, der sich an diesem lebendigen
-Wasser erquickte im anmutig geregelten Naturhaushalt. Aber schon hatte
-daneben der Blick des einen oder anderen auch an den Insekten gehaftet,
-die jedesmal in diesen Naturpokalen ertränkt lagen. Man hatte sie
-verglichen mit anderen, die man immer und immer wieder an den klebrigen
-Haarborsten gewisser Blätter angeleimt oder in selbsttätig gefalteter
-Blattklappe eingeklemmt fand, und man hatte vor ihnen herumgetastet an
-einem dunkeln Sinn, einem dunkeln Geheimnis, das doch vielleicht auch
-hier, wie so oft in der wilden Unterschicht des Naturkampfes, irgend
-etwas höchst Schauerliches mit dem Idyll eines fröhlichen Kneiptisches
-überdeckte.
-
-Immerhin wußte man aber mit der Sache zunächst nichts Rechtes
-anzufangen. Die Naturseidel der »Kannenpflanzen«, wie man jene
-indischen Tropenkinder geradezu benannt hatte, zeigten oft die
-herrlichsten Farben, und ihr Krugrand sonderte köstlichen Honig
-ab. Kein Zweifel, daß hier Insekten unmittelbar angelockt wurden,
-genau wie in den Liebeskneipen der Kellnerin Aurikel und anderer
-Blüten. Aber in solcher Blüte war eben die erste Voraussetzung, daß
-der Kneipant, das Insekt, lebendig wieder in die nächste Kneipe
-kam, um dort den Liebesbrief, den lebenskräftigen Blütenstaub der
-Pflanze, weiterzugeben. Auf Leben war dort alles aufgebaut -- hier
-aber herrschte der Tod. Das große Faß unter dem Schenktisch lag
-voller Leichen. Wer den Krug angesetzt hatte, den schien er zu seinem
-Verderben in den furchtbaren Schlund zu ziehen. Das Wirtshaus im
-Spessart schien hier gebaut, nicht eine gemütliche Animierkneipe.
-
-Fast zwei Jahrzehnte erst, nachdem Herr Wallace auf dem Berge Ophir aus
-den Naturkannen seinen Durst gelöscht, löste Darwin des bangen Rätsels
-Siegel.
-
-Das lustige Deckelseidel der Kannenpflanze ist ein greulicher
-Sphinxabgrund, in dem die Pflanze das arme, verleitete, herabgestürzte
-Kneipopfer, das Insekt, frißt. Eine uralte Fügung des Lebenskampfes
-auf Erden hat hier ihre wohl eigenartigste letzte Wende genommen.
-Einst, in Anfängen der Entwicklung, war die grüne Pflanze dem Tier
-voraufgegangen. Sie hatte es erst möglich gemacht. Als eine Art
-Schmarotzerwesen an der Pflanze war das Tier zuerst entstanden. Es
-konnte nur bestehen, indem es Pflanzen fraß. In unsagbarer Arbeit hatte
-sich die Pflanze gegen diese Invasion gewehrt, mit Stacheldraht und
-Gift, am besten schließlich doch mit ihrer ungeheuren Produktionskraft
-selbst, die alle Repressalien ersetzte. Bis auf jenen Friedensschluß,
-an einer Ecke, eines Tages, der das lebendige Tier gerade als Insekt
-in den Liebesdienst der lebendigen Pflanze stellte, zu Ehren jener
-edleren Form des Aufgehens im anderen, die weit über dem Ziel des rohen
-Fressens die Feinform der Liebe vertritt. Aber hart im Raume stoßen
-sich die Dinge. Gerade hier setzte ein letzter grausiger Gegenzug der
-Pflanze ein. Eine kleine Partei drehte den uralten Spieß um: sie fraß
-das gelockte Insekt auf. Und so die Kannenpflanze.
-
-Ihre weit hinausgereckten Deckelkrüge sind infame Tierfallen.
-Äußerst kunstvoll ist das ganze Pflanzenblatt dazu umgearbeitet. Die
-eigentliche grüne Blattarbeit für das Leben der Pflanze sonst ist auf
-gewisse Teile des Blattstiels abgewälzt. Die Spitze dieses Stiels
-gestaltet dann auch noch das Bäuchlein der Kanne. Und als Deckel darauf
-liegt erst das eigentliche Blatt. Anfangs schützt es die noch werdende
-Kanne. Erst wenn es sich hebt, ist die Falle fertig. Jetzt quillt aus
-dem Seidelrand und der inneren Deckelfläche wie von süßem Honigmund der
-Zuckersaft, dessen Anwesenheit zugleich weithin prangende Farben wie
-mit schreiend buntem Wirtshausschild verkünden: »Frisch angezapft.«
-
-Alsbald sind Käfer und Heuschrecken, Wanzen und Spinnen, vor allem
-aber die berufensten Süßmäuler, die Ameisen, da. Gibt es doch bei
-diesen Tropenameisen so unersättliche Honigschlecker, daß sie mit den
-heimgebrachten Schätzen einzelne lebende Mitglieder ihres Staates
-gewohnheitsmäßig randvoll füttern, um sie so zunächst zu lebendigen
-Vorratsflaschen zu machen, aus denen später nach Bedarf wieder
-abgezapft werden kann. Doch der Kneipenrand der Kannenpflanze ist
-glatt, rasch stürzt bald der, bald jener der sorglosen Kneipanten ab;
-in der Kanne steht hohe Flüssigkeit wie in einem Brunnenschacht, ein
-Hinaufklettern gibt's nicht mehr, da ein besonderer Kranz grimmer
-Zähne, von unten gesehen, herabbleckt -- und so geht's auf Tod und
-Leben. Über das Ende kann kein Zweifel sein.
-
-Was aber Darwin entscheidend hinzu entdeckte, war eben, daß die Pflanze
-jetzt die abgestürzten Opfer regelrecht frißt. In die Flüssigkeit des
-Seidels hinein gießt sie verdauenden Pepsinsaft, der die genießbaren
-Teile der Insekten löst und verdaut wie nur je ein regelrechter
-Tiermagen. Zu einem Magen und Darm im buchstäblichen Sinne ist jedes
-der Münchner Seidel geworden, Fleisch frißt die Pflanze. Menschen
-streiten sich, ob reines Vegetariertum vielleicht bekömmlicher und auch
-ethischer sei. Die Kannenpflanze hat sich entschieden: sie ist nicht
-Vegetarierin und würde, wenn die nötige Größe gegeben werden könnte,
-zweifellos auch Menschen fressen; in die halbmeterlangen Kannen einer
-Art von Borneo ginge schon ohne Mühe ein Vogel von der Größe einer
-Taube hinein.
-
-So weit war unsere Weisheit bis vor ein paar letzten Jahren.
-
-Aber es ist im Natur- wie Menschenleben immer das gleiche: auf
-jeden Schlag kommt wieder ein Gegenschlag, jedem Schach bietet
-sich ein kühnes Gegenschach. Das stolzeste Kriegsschiff erliegt
-dem Unterseeboot, die dickste Festungsmauer der Neuerfindung des
-42-Zentimeter-Geschosses. Und so hat die Naturzüchtung im Tier nicht
-geruht, bis sie auch hier wieder vom Tier aus den Gegenzug tun konnte.
-
-Die Pflanze hatte keck genug noch einmal spät für sich den Magen
-erfunden. Wie bewältigt, wie verkehrt man in sein Gegenteil jetzt den
-Freßmagen: das war das neue, dem Tier gestellte Problem. Nun, und da
-gab's eine alte Erfahrung. Wir Tiere hatten den Magen seit alters,
-gewiß. Alle höhere Tierentwicklung, Tierkultur, Tiergutbürgerlichkeit
-hatte sogar wohl geradezu angefangen mit der korrekten Ausgestaltung
-des Magens auf der sogenannten Gasträastufe. Aber wir Tiere in
-unserem Entwicklungsmärchen hatten auch seit längst den Gassenjungen,
-der diesem Magen ein Schnippchen schlug: das war der Bandwurm,
-der Eingeweidewurm, der sich einfach in den Magen, die fressende
-Zyklopenhöhle, lebendig hineinschmuggelte, gegen die verdauende
-Pepsinapotheke da drinnen das dickste Fell hatte, ja sich einfach immun
-erwies und nun den Spieß so drehte, daß er selber als ungebetener Gast
-sich über den eingehamsterten Proviant da drinnen hermachte und nach
-Leibeskräften »mitaß« vom gedeckten Fremdtisch.
-
-Unzerkaut und unverdaut im Magen weiterleben und dann diesen Magen
-als seinen benutzen: das war die geniale Lösung, war der gewonnene
-Gegenschlag.
-
-Wenn aber nun der Magen in der Pflanze ist?
-
-Was hilft's, dann muß die Kannenpflanze den Bandwurm bekommen ...
-
-Eine der ersten Andeutungen des überaus sensationellen Fundes, der hier
-nahen sollte, las man 1905 in dem trefflichen Reisewerke der Vettern
-Sarasin über Celebes. »Die Untersuchung einer der großen Kannen (von
-~Nepenthes maxima~) zeigte sie mit trüber Flüssigkeit halb angefüllt.
-In dieser schwammen Reste einer verdauten Schnecke, ~Nanina cincta
-(Lea)~, nämlich das Ende der Fußsohle und die Schale, auch diese
-letztere schon stark angegriffen, ferner Überbleibsel von Spinnen,
-Heuschrecken und Ameisen. Merkwürdig war aber, daß lebende Mückenlarven
-und Fliegenmaden in der Brühe ihr Wesen trieben, offenbar ohne von
-der verdauenden Wirkung Schaden zu nehmen, ganz analog wie Parasiten
-im Magen und Darm ihrer Wirte.« Also lebende Tiere im Sphinxabgrund
-selber, die fröhlich dort weiterlebten!
-
-In der berühmten Naturforscherstation von Buitenzorg auf Java rückte
-man der zunächst schier unglaublichen Sache rasch näher auf den
-Leib, und den Schlußstein konnte einstweilen durch eigene wichtigste
-Entdeckungen unser ausgezeichneter Freiburger Zoologe Konrad Guenther
-(bekannt auch im weitesten Kreise besonders durch sein so überaus
-wertvolles Anschauungswerk zur Entwicklungslehre »Vom Urtier zum
-Menschen«) bei Gelegenheit eines Aufenthalts auf Ceylon setzen.
-
-Jeder von uns kennt unsere lieben Stechmücken, berufen offenbar,
-uns nicht zu sehr zu Schlemmern im still beschaulichen Naturgenuß
-am idyllischen Schilfufer werden zu lassen, und interessant durch
-ihren Bezug zur Frauenfrage, indem es nur ihr Damengeschlecht ist,
-dessen kriegerischen Angriffen wir ausgesetzt sind, während die
-Männchen nicht stechen. Ihre kleinen Lärvchen nehmen mit jedem
-bescheidensten Tümpelchen vorlieb, wo sie köpflings, mit der Atemröhre
-zum Wasserspiegel gereckt, hängen wie kleine Würste am Rauchfang.
-Im Tropenland ist erst recht kein Mangel an dieser allgegenwärtigen
-Plagerbande, und was Wunder, daß sie noch emsiger jede feuchte
-Gelegenheit für ihre Wasserbrut auszunutzen suchen, somit auch auf die
-Wasserkrüge unserer Kannenpflanzen geführt wurden.
-
-Ertrinken würden gerade die Mückenlarven da drinnen ja nicht, wohl aber
-wäre im hergebrachten Lauf, daß die zersetzenden Verdauungssäfte des
-pflanzlichen Magens auch sie erbarmungslos vernichteten. Hier aber trat
-prompt der Gegenschachzug, trat die Regulierung ein.
-
-Die Mückenbrut in der verderblichen Kanne entwickelt, wie genaue
-Experimente gezeigt haben, sogenannte Antifermente in ihrem Leibe,
-eigene chemische Stoffe, die jene chemische Zersetzungswirkung des
-Magenpepsins aufheben. Man kann die Probe außerhalb der Kanne mit
-Würfelchen Eiweiß machen. Setzt man ihnen Pepsin, also normal wirkenden
-Verdauungssaft zu, so lösen sie sich in gewisser Zeit darin auf. Fügt
-man aber zerquetschte Mückenlarven aus Kannenpflanzen bei, so hört
-alsogleich die Pepsinwirkung auf, man hat ein Gegengift gleichsam aus
-der Mücke gepreßt, und vor ihm bleibt jetzt auch das fremde Eiweiß
-intakt.
-
-Einmal so gegen die Gefahr der Kanne gefeit, hat das kleine Rackerzeug
-da drinnen nun seinerseits aber offenbar großen Vorteil von dem
-Aufenthalte gerade in dieses Walfischs Bauch. In ganzen Massen stürzt
-immerfort auch ihm Nahrung in seinen Tümpel herab, und die zersetzende
-Magenbrühe, in der es schwimmt, liefert ihm diese Opfer sogar schon
-handlich zerkleinert, ja halbverdaut in den Mund, während andererseits
-kein lebendiger Angreifer, kein Fisch, kein Molch, kein Raubinsekt sein
-Behagen stört und der Tümpel sich ewig von selber nachfüllt ohne Gefahr
-des Versiegens.
-
-Kein Zweifel, die Mückenlarve hat hier durchaus im Lebensbrauch den
-Charakter eines wohlig geborgenen fetten Eingeweidewurms, also im
-gangbarsten Bilde eines Bandwurms, angenommen, wozu auch stimmt, daß
-ihre Farbe grellweiß geworden ist wie solcher Dunkelschmarotzer im
-Tierbauch.
-
-Daß auch Fliegenmaden das gleiche Kunststück fertiggebracht haben, in
-den Deckelkannen auszudauern, kann um so weniger wundernehmen, als
-gerade die Fliegenbrut auch sonst schon gern echte Parasiten bildet,
-die wie Eingeweidewürmer sich in tierische Organe einschmuggeln.
-Guenther hat aber auch eine Milbe (also ein spinnenähnliches Tier)
-als Kannenbewohner näher bekanntgemacht, die im Gegensatz zu anderen,
-gefressenen Arten als einzige pepsinfest ist. Und als seltsamsten aller
-Funde: er hat eine Schmetterlingsraupe in gleicher Lage bei seinen
-Kannen von Ceylon nachweisen können. Hier könnte zuerst unglaublich
-erscheinen, wie eine Schmetterlingsraupe im Wasser leben, also den
-Kannenbauch als Bruttümpel suchen soll gleich dem Mückenvolk, wenn es
-nicht wirklich auch sonst ein paar solcher Wasserraupen gäbe, z. B.
-die Zünslerraupe Nymphula in unseren Tümpeln. Speziell die pepsinfeste
-Kannenraupe Guenthers, die er als Kannenfreund (~Nepenthophilus~)
-bezeichnet hat, gehört aber zu den Psychiden oder Sackschmetterlingen.
-Dieses eigenartige Volk führt seinen Namen nach den selbstgefertigten
-und mit Holz oder Sandkörnchen oder Blattresten bekleideten Säcken, in
-denen die Raupe lebt. Und solchen Sack baut sich nun auch die besagte
-Kannenraupe in ihrem absonderlichen Magentümpel: sie benutzt aber dazu
-in erster Linie Material von den getöteten Insekten der Sphinxhöhle,
-also vor allem Ameisenbeine, die sie für ihren Zweck noch besonders
-zurechtbeißt.
-
-Seltsames Bild, wenn man sich ausmalt, wie eines Tages aus
-solchem unheimlichen fressenden Pflanzenbauch kleine lustige
-Schmetterlinge heraufgaukeln werden oder ein Mückenschwarm zu seiner
-Zeit herausdampfen wird wie ein Rauchwölkchen, das die bauchige
-Pflanzenpfeife hervorpafft. Wie manches Mirakel mag da noch in der
-Folge hinzukommen! Mich sollte es nicht wundern, wenn einer der
-niedlichen tropischen Laubfrösche, die so viel Not mit der Erhaltung
-ihrer Eier und Kaulquappen haben und erfinderisch jedes Wassereckchen
-ihres Baumbereichs auszunutzen verstehen, irgendwo auch seine zarte
-Brut pepsinfest gemacht und der Drachenhöhle einer Kannenpflanze
-anvertraut hätte.
-
-
-
-
-Tiere als Schützen
-
-
-Wann ist es gefährlich, in den Garten zu gehen? Wenn die Bäume
-ausschlagen und die Spargel schießen.
-
-An dieser alten Vexierfrage erfreuen sich immer neue Generationen von
-Kinderherzen. In gewaltiger Stunde, da Land und Meer vom Donner der
-wirklichen Geschütze hallen, legt man sich aber wohl einmal die Frage
-vor, wer zuerst auf dieser unruhigen Erde geschossen hat.
-
-Der Mensch treibt es sicher seit einigen dreißigtausend Jahren: etwa so
-alt oder noch älter mögen spanische Höhlenbilder sein, auf denen man
-nackte Jäger der Diluvialzeit riesige Bogen spannen sieht.
-
-Aber der kluge Mensch wiederholte zunächst damals mit seiner ganzen
-Werkzeugtechnik nur, was die Natur seit undenklichen Zeiten bereits
-allerhand niederem Tiervolk in Gestalt gewisser Organe und gewisser
-Instinkte, die diese Organe zu lenken wußten, auf den Leib gezüchtet
-hatte. Ob nun auf solchen Tierstufen auch schon regelrecht geschossen
-worden ist?
-
-Der Tierkenner, der etwas in alten Naturgeschichten Bescheid weiß,
-lächelt bei der Frage trotz allen Ernstes der Zeit, denn er erinnert
-sich an eine lustige Überlieferung.
-
-Kommt abermals hervor, ihr ehrwürdigen alten Folianten des 16.
-Jahrhunderts, hinter deren schweinsledernem Panzer in Riesenschrift
-und mit handkolorierten Holzschnitten die Tierweisheit von damals sich
-eingekapselt hat mit all ihren köstlichen Märchen. Laut Vater Gesner
-und seinen Verdeutschern lebte Anno dazumal in Italien offenbar noch
-ein wahrhaft fürchterliches Geschöpf, das man lieber bei den Greueln
-der Urwelt gesucht hätte -- nämlich das »Dornschwein«.
-
-Von dieses Ungeheuers »natürlicher Anmut und Art«, wie es dort heißt,
-erfährt man, daß, »so es gejagt wird, so bringt es mit seiner Stimm
-zuwege, daß alle andern seinesgleichen Dornschwein zusammenrüchlen,
-ihren Balg erschütten und zu den Hunden und Jägern ganz trutzlich mit
-ihren Stacheln schießen; ist auch seiner Schüssen ganz und gar gewiß«.
-
-Der treffliche Holzschnitt läßt aber keinen Zweifel, was für ein
-böser Gast der Wildnis in Wahrheit gemeint sei: es ist unser braves
-Stachelschwein, das in dieser Weise Tier und Mensch über den Haufen
-schießen soll. Die mächtigen Stachelkiele dieses großen Nagers, der
-nächtlich durch die römische Campagna trollt, kennt ja wohl jeder.
-Wer sich aber jemals die Mühe gemacht hat, solches Stachelschwein im
-Zoologischen Garten genauer zu beobachten und (im Gegensatz zu den
-ernsthaften Anweisungen der verehrlichen Direktion) zu »reizen«, der
-weiß auch, daß es zu den ausgesprochenen »Schrecktieren« gehört --
-das heißt jener Gruppe von Tieren, die es verstehen, dem, der sie zu
-erschrecken gedachte, selber einen guten Schreck einzujagen.
-
-Kaum geneckt, klopft es auf wie ein Kapellmeister, der sein Signal
-gibt, und im gleichen Augenblick setzt auch wirklich schon sein
-ganzes Orchester ein: hoch auf sträuben sich unter lautem Gerassel
-seine Stacheln bis zur vollen Breitenverdopplung des ganzen Tiers und
-konzentrieren sogar ersichtlich ihren willkürlich beweglichen Speerwall
-genau in der Richtung des Angreifers. Während vorne die langen gelben
-Zähne fletschen, wendet sich die unheimliche rückseitige Phalanx
-blitzschnell gegen alles, was von hinten oder seitwärts kommt, und
-dieser rückstoßende Angriff ist kein Spaß. Einem Menschen, dem solcher
-»Igel«, wie der alte Soldatenausdruck für einen derartigen gestrafften
-Lanzenklumpen lautet, gegen die Beine fährt, geht es unerbittlich durch
-Hose und Fleisch, und die Wunden sind so fatal, daß man sogar an eine
-Art Vergiftung durch den Hauttalg dabei gedacht hat. In der Größe etwa
-eines wirklichen starken Schweins wäre solcher Stacheler zweifellos
-einer der furchtbarsten Angreifer der ganzen Tierwelt.
-
-Nun, hinter dem Gitter im Zoo kann man die Sache ja behaglich sich
-ansehen. Wehe dir aber, wenn die Legende recht hätte! Vom sterbenden
-Cäsar hören wir, daß er zuletzt noch mit seinem Schreibgriffel sich
-der Mörder zu erwehren suchte. Vom erzürnten Stachelschwein aber liest
-man nicht bloß beim alten Gesner, nein, man kann es noch heute überall
-im Süden vom gemeinen Mann bestätigen hören: daß es im äußersten
-Wutanfall vermöchte, seine wie Glas so harten und scharfen natürlichen
-Schreibkiele durch wildeste Muskelspannung aus ihren Hauttaschen
-herauszuschleudern und dem Feinde regelrecht in den Leib zu schießen.
-
-Nach den alten Autoren soll solcher Schuß gar ein dickes Brett
-durchbohren können. Und seltsam nur: in keinem Zoo-Zwinger hat der
-Unhold seit je gerade diese angebliche Freikunst betätigen wollen. So
-schloß also schon der gute Buffon im 18. Jahrhundert, der sonst für
-Fabeln noch manchen Bedarf hatte, das »schießende Dornschwein« sei
-wirklich nur ein zoologisches Märchen.
-
-Indessen wie es wunderlich hergeht. In unsern Tagen hat ein bester
-Zoologe und Tiergärtner, Vosseler vom schönen Hamburger Garten, auch
-für das wirkliche und wahrhaftige Schießen dieses »lanzenkundigen
-Königs« erneut eine ernsthafte Lanze gebrochen.
-
-Er hat zunächst theoretisch wahrscheinlich gemacht, daß das
-Stachelvieh, wenn auch wohl nicht gewohnheitsmäßig, so doch
-gelegentlich in der höchsten Wut schießen könne. Ein Taschentuch,
-das auf die Stacheln geworfen worden war, wurde beim jähen Ruck
-der Trutzstellung volle zwei Meter weit fortgeschleudert. Da die
-Stachelkiele leicht ausfallen und im Affekt durch besondere Muskeln in
-wildesten Kurven herumgeschwungen werden, erschien es also durchaus
-nicht unmöglich, daß der eine oder andere auch in solche Weite
-tatsächlich hinausschwirren und sich drüben irgendwo tief einbohren
-könnte. Und dazu wird nun ein anscheinend einwandfreier Bericht
-beigebracht, wonach ein in der Falle gefangenes wildes Stachelschwein
-den Baumstamm über seinem Fangeisen bis über Manneshöhe mit
-solchergestalt abgeschossenen Pfeilen bespickt hätte.
-
-Im Zoo müßte den Stachlern für gewöhnlich wohl die Leidenschaft zu
-solcher äußersten Tat abhanden gekommen sein, was aber an sich nicht
-ganz außergewöhnlich wäre, da zum Beispiel auch das berüchtigte
-Stinktier hier von seiner gemeingefährlichen »Stinkpistole« keinen
-Gebrauch zu machen pflegt, selbst wenn man es ärgert. Immerhin gestehe
-ich, daß ich seither vor dem Stachelschweinkäfig merklich tugendhafter
-geworden bin und mich geneigt fühle, das Direktionsgebot zu achten,
-nach dem man kein Tier reizen soll, das beißt, spuckt oder gar --
-schießt.
-
-Bleibt inzwischen hier immer noch etwas Problematisches, so fehlt jeder
-Zweifel in einem andern Fall.
-
-Unsere ganz gewöhnlichen Weinberg- und Gartenschnecken schießen,
-schießen vollkommen regelrecht und zielgemäß mit einem Apparat,
-der eigentlich drei Waffen zugleich vorwegnimmt: die Armbrust, das
-Pusterohr und die pneumatische Pistole.
-
-Seltsame Vorstellung gewiß, eine Schnecke, die schießt. Man kann sich
-einen Seehund und einen Elefanten abgerichtet denken, daß sie eine
-Pistole abfeuern; aber ausgesucht eine Schnecke!
-
-Das Schießorgan der Schnecke (diesmal ist es ein wirkliches Organ zum
-Zweck) sitzt auf der rechten Seite vor dem Atemloch, das bei diesen
-landbewohnenden Sorten die hier vorhandene Lungenatmung ermöglicht;
-bekanntlich gibt es bei diesem sonderbaren Volk genau wie bei den
-Wirbeltieren fischartige Kiemenatmer, Amphibien mit Doppelatmung
-und echte Lungenatmer. Das Organ hat durchaus den Bau eines kleinen
-Pistolenlaufs, in ihm aber steckt ein regelrechter spitzer Pfeil aus
-harter Kalkmasse. Für gewöhnlich verharrt der Pfeil ruhig in dem Lauf
-wie in einem hüllenden Etui. Wenn die Schnecke aber schießen will,
-so richtet sie den Lauf durch besondere Muskeleinstellung, zielt und
-entsendet den Pfeil in kraftvollem Stoß aus der Mündung, indem zugleich
-dabei ein weißes Wölkchen zerstiebender Flüssigkeit wie der Dampfstrahl
-des Schusses aufpufft.
-
-Bloß Blitz und Knall fehlen -- sonst ist es ein regelrechter
-Pistolenschuß, und über die Absicht des Schießens kann diesmal
-keinerlei Zweifel, wie gesagt, mehr sein. Wird eine zweite, gerade in
-der Nähe befindliche Schnecke von dem Pfeil oder Bolzen getroffen,
-so zeigt sich auch die genügend energische Wirkung: er bohrt sich
-in die Haut ein, ja manchmal geht er noch durch sie hindurch, und
-die Getroffene zuckt merkbar dabei zusammen. Das Merkwürdige wieder
-aber ist hier, daß stets nur eine zweite Schnecke so zum Schußziel
-genommen wird und nichts sonst, und das Allermerkwürdigste ist, daß
-sich die Schnecken mit solchen Pistolenschüssen nicht zu jederseitiger
-Verteidigung bedrohen, obwohl der Treffer ersichtlich etwas schmerzt,
-sondern daß sie sich beschießen -- man kann nicht gut anders sagen, als
-weil es ihnen im Gegenteil Spaß macht.
-
-Es handelt sich um eine Art Salonschießerei, die das Liebeswerben der
-Schnecken einleitet. Wie der Pfau vor dem Weibchen sein Rad schlägt,
-wie der Paradiesvogel seine herrlichen Schmuckfedern als eine Art
-Strahlenkrone auf der Liebesbalz um sich entfaltet, wie die sehnende
-Nachtigall singt und das verliebte Heimchen geigt -- so scheint
-auch der Schuß der Schnecke nichts anderes zu sein als das stumme
-Bekenntnis ihres Werbens. »Liebespfeil« nennt der Naturforscher
-folgerichtig den kleinen Kalkstift, der dabei versandt wird. Es ist ein
-wunderliches Ding um die Natur in der Unerschöpflichkeit ihrer Mittel
-an dieser Ecke. Technisch entscheidend aber ist, daß zu dem spielenden
-Zweck auf alle Fälle hier die regelrechte Schußwaffe schon erfunden ist.
-
-Zwar der Knall des Schusses fehlt. Was verschlüge es aber der alten
-Meisterin, auch das hinzuzubringen? Hat sie es doch an anderer Stelle
-separat vollbracht.
-
-In manchen Teilen Deutschlands begegnet man unter Steinen oder Wurzeln
-kleinen, kokett gefärbten Käferchen aus dem Laufkäfergeschlecht, die,
-wenn man sie nachher aus dem Buch bestimmt, verwunderliche Namen
-ergeben: ~crepitans~, der Kracher, ~explodens~, der Explodierer. Und
-in der Tat, wenn solcher hübsche Kerl ernstlich in die Enge getrieben
-wird, so pufft auch hier ein bläuliches oder weißliches Gaswölkchen
-auf, und es gibt einen hörbaren Knall dazu. Ein Tröpfchen Drüsensaft
-des Mastdarms enthielt eine Säure, die an der Luft nach Art der
-Salpetersäure explodiert. Der tapfere Gesell hat auf dich geschossen
-wie die Schnecke. Und diesmal war es ein richtiger Schreckschuß,
-freilich ungeladen: der unvermutete Knall ist es, worauf diese
-»Bombardierkäfer« das Entscheidende legen. Gegen Verfolger aus der
-eigenen Käferverwandtschaft muß das Geräusch in Verbindung mit etwas
-stechendem Pulverdampf mit Ätzwirkung wohl schon genügen.
-
-Da es aber eine Menge Tiere gibt, die Leuchtapparate besitzen und
-darunter auch solche (zum Beispiel gewisse Fische in der dunkeln
-Tiefsee), bei denen die Laterne unmittelbar an das Nervensystem
-angeschlossen ist, also willkürlich vom Nerv aus abgedreht oder zum
-jähen Aufblitzen gebracht werden kann, so stände prinzipiell nichts
-im Wege, daß solcher Schuß auch noch von einem Blitz begleitet wäre.
-Vielleicht wird auch das noch einmal gelegentlich irgendwo beobachtet.
-
-Und da noch wieder Tiere existieren (Welse, Zitteraale, Rochen), die
-elektrische Schläge austeilen, so wäre denkbar, daß solcher Puff und
-Blitz gar mit einer empfindlichen elektrischen Entladung verbunden wäre.
-
-Ja für den Kampf zwischen Mensch und Tier möchte man es geradezu als
-ein Glück bezeichnen, daß das Gesamtprinzip offenbar noch nicht bis
-zur vollkommenen Ausnutzung gediehen war, ehe wir selbst Schußwaffen
-erfanden. Denn beispielsweise als Zieler haben die Tiere auch schon
-fast Fabelhaftes erreicht: man muß das Chamäleon beobachten, wie
-es, unbewegt und scheinbar nur mit dem verstellbaren Auge lebendig,
-dasitzt, jäh aber auf eine weit entfernte Fliege seine endlose
-Klebzunge ausschleudert und dabei mit einer Sicherheit stundenlang
-immer und immer wieder trifft, daß einem graut vor der Idee, solches
-Chamäleon sollte bei solcher Treffkraft auch noch wirklich etwa mit
-vergifteten Pfeilen schießen. Denn warum sollte der Pfeil nicht
-schließlich lebensgefährlich vergiftet sein gleich den Brennborsten
-der Brennessel ~Urtica mentissima~ von der Insel Timor, die in der
-Stichwunde wie eine Kanüle wirken und ein Gift eingießen, dessen
-Wirkung Starrkrämpfe und ähnliche Folgen auslöst gleich einem giftigen
-Schlangenbiß?
-
-Will man aber schließlich den Unterschied von tierischer und
-menschlicher Schußwaffe doch darauf hinauslenken, daß das Tier stets
-sozusagen mit seinem Leibe schieße, aber nicht unter Zuhilfenahme
-äußerlichen toten Materials, so ist selbst das nicht richtig.
-
-Einen gewissen Übergang bilden da schon handlange Barsche in Siam, die
-sogenannten Schützenfische (~Toxotes~), die in fast unglaublicher und
-doch fest erwiesener Weise aus dem Fluß ans Ufer mit Wasser schießen.
-Sie zielen gleich dem Chamäleon auf Fliegen und andere Insekten,
-die in einigermaßen erreichbarer Nähe auf den Pflanzen oberhalb des
-Wasserspiegels sitzen, senden ihnen jäh einen dicken Wassertropfen
-zu und verschmausen vergnüglich dann das Opfer, das so getroffen ins
-Wasser gefallen ist. In Ermanglung der Chamäleonzunge, die einen Lasso
-mit Klebevorrichtung darstellt, muß auch der Fisch dabei wirklich
-»schießen« -- er legt sich horizontal nahe unter den Wasserspiegel,
-äugt scharf hinauf und schnellt dann, vermutlich durch besondern
-Muskeldruck, bei geschlossenem Munde von der etwas vorstehenden
-Unterkieferspitze eine Wasserperle geradlinig über die Fläche empor
-aufs nichts ahnende Ziel. Schützenfische im Zimmeraquarium wissen so
-auch das Auge des Menschen, das sie wohl ebenfalls für ein glänzendes
-Insekt halten, auf etwa drei Fuß Entfernung mit erstaunlichster
-Sicherheit blitzschnell zu treffen.
-
-Ist es hier schon fremdes Wasser, das benutzt wird, so zeigt aber ein
-Landtier vollends drastisch die Stufe des »Fremdmaterials« beim Schuß.
-
-An den sonnenwarmen kahlen Sandhängen unserer Kiefernwälder haust, mir
-auf gewohnten Spaziergängen am märkischen Müggelsee zur rechten Zeit
-ein alltäglicher Anblick, der »Ameisenlöwe«, die gefräßige Larve eines
-äußerlich libellenhaften Insekts, in selbstgeschaffenen Sandtrichtern.
-Gerät eine Ameise oder ein ähnliches Kleintier auf den losen Rand
-dieser bösen Falle und droht ohnehin schon abzurutschen, so eröffnet
-der fette Unhold der Tiefe in seinem Schützengraben alsbald eine
-regelrechte Beschießung von unten nach oben, indem er Sandgarbe um
-Sandgarbe nach dem strauchelnden Opfer schleudert, bis es verloren ganz
-hinabstürzt.
-
-Kein Zweifel, daß hier schon mit fremdem Material geschossen wird,
-wenn schon in plumperer Form. Und erwägt man nun, daß zum Beispiel
-unsere Flußkrebse nach jeder Häutung wieder fremde Sandkörnchen, also
-ebensolches Material, in ihre Gehörorgane aufnehmen, wo sie eine
-bestimmte notwendige Rolle spielen, so ließe sich unschwer denken,
-daß auch bei jenen feinen Pistolen der Schnecken mit ähnlich von
-außen geholtem »Schrot« geschossen würde -- dann aber hätten wir
-bis zu gewissem Grade auch diesen Fremdschuß schon beim Tier in der
-verfeinerten Form.
-
-»~Natura artis magistra~«, sagt ein altes Wort: »die Natur Lehrerin der
-Kunst«; sie ist mehr: ihre Vorläuferin.
-
-
-
-
-Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere
-
-
-Das Tier im Kriege -- wieviel läßt sich davon erzählen!
-
-Wieviel dämonisches Schicksal liegt schon in der einen Tatsache, daß
-das Pferd mit uns in die Schlacht zieht! Seine Ahnen waren scheue
-Geschöpfe, ihr Heil vor jeder Gefahr lag in der ungestümen Flucht. Zum
-Fluchtorgan allerersten Ranges wuchs ihr Fuß mit dem einen schlagenden
-Huf auf durchrastem Plan sich aus. Die Angst brachte diese berufenen
-Durchgänger dazu, in Scharen zusammenzuhalten und sich als solche
-Schar um ein Leittier zu drängen, dessen Fluchtsignal das scheue Volk
-davonbrausen ließ wie eine Staubwolke vor dem Orkan. Eben diese Treue
-zu einem Anführer, einem Leiter, dem unbedingt gehorcht werden mußte,
-Jahrtausende um Jahrtausende geübt in der eigenen Sippe, ist aber
-zweifellos der Grund gewesen, der dieses gewaltige Tier eines Tages in
-die Gefolgschaft, in die unlösbare Zaubermacht des Menschen gebracht
-hat. Dieser Mensch aber wieder war bestimmt, kein feiger Ausreißer
-zu sein. Wer ihm folgte, der mußte mit in die wilde Schlacht, den
-offenen Blick gegen die offene Front des Feindes. Und so ist das Wunder
-geschehen, das schon der Hiobsänger der Bibel bestaunt hat: daß dieses
-scheueste Wild das symbolische Tier des Krieges und des Angriffs werden
-sollte in der Zucht seines großen Meisters.
-
-Aber umgekehrt auch -- wie werden uns Kriege des Menschen zum
-deutlichsten Bilde, wenn wir an kleine Züge der Tierwelt darin denken.
-
-Wenn der Karthager Hannibal mit Elefanten über einen Alpenpaß zieht,
-um die Römer zu bekriegen: wie gewaltig zeigt der eine Zug, daß hier
-Afrika noch einmal den Versuch machte, Europa zu unterwerfen -- und
-wenn die Elefanten trompetend in den Abgrund stürzten, so fühlen
-wir, daß der Versuch mißlingen mußte. Oder wie schaurig malt es den
-Dreißigjährigen Krieg, wenn wir hören, daß bei seinem Ausgang die
-Wölfe erschreckend überhand genommen hatten, herrenlose Hunde überall
-fast wieder zu Wölfen geworden waren und Pferde sich verwildert in den
-Wäldern herumtrieben.
-
-Unser Kampf heute geht zum Teil um Küste und Meer; schon lesen wir
-gelegentlich als kleine Staffagebilder, die sich aber sogleich
-einprägen, daß der Geschützdonner an der belgischen Küste alle Seevögel
-der Dünen zu wildem Aufruhr gebracht hat und in unzähligen Scharen die
-Luft mit ihrem Gekreisch erfüllen läßt -- oder daß ein toter Walfisch
-angetrieben ist, den eine findige englische Kanonenkugel auf der Suche
-nach bösen Unterseebooten als unschuldiges Opfer getroffen.
-
-Unwillkürlich habe ich bei der letzteren Nachricht aber doch noch an
-etwas anderes denken müssen.
-
-Lange ehe es auch nur den Traum eines Unterseeboots und seiner
-furchtbaren Angriffsart gab, hat die Seemannsphantasie der
-verschiedensten fahrenden Nationen immer wieder etwas ausgekostet von
-den Schauern solchen urplötzlichen verderbendrohenden Tiefenangriffs,
-bei dem ein ganzes Schiff zuschanden werden sollte, ohne daß sich
-eine Sturmwelle dabei zu rühren brauchte. Wenn der Matrose daheim von
-so etwas erzählte, so dachte er nicht bloß an tückische Klippen; die
-konnten zur Not mit Lotse und Karten vermieden werden; er dachte auch
-nicht bloß an ein schwimmendes Wrack oder einen perfiden Eisberg. Ganz
-etwas unberechenbar Bewegliches sollte es sein, das zu jeder Stunde und
-an jedem Ort sich aus dem dunkeln Abgrund heben und wie im wirklichen
-Krieg einen absichtlichen unterseeischen Angriff ausführen könnte -- so
-abscheulich, daß man gar nur den Stoß spürte und die Schrecken eines
-Lecks auf offener See erlebte, aber noch nicht einmal feststellen
-könnte, was sich da unten den Stich erlaubt habe.
-
-Dieser Dämon des Untermeeres konnte nur irgend etwas Lebendiges sein,
-etwa ein riesiges Tier, das eine greuliche Stoßwaffe führte, der keine
-dickste Schiffsplanke standhielt. Immer und immer wieder sollte so
-etwas vorgekommen sein. Wer es als »selbsterlebt« berichtete, der
-hatte natürlich den Glückstreffer gehabt, daß das Leck rasch entdeckt
-wurde und sich noch verstopfen ließ; aber wieviel schöne Schiffe waren
-immer wieder ganz spurlos verloren gegangen, ohne daß ein Sturm gerade
-gewütet hatte oder im gewohnten Kurs Klippen lagen. Was aber konnte
-dieser Unhold für ein Tier sein?
-
-Der berühmte Kraken nicht, denn der ist, wofern er in seiner legendären
-Größe existiert, nur ein übergroßer Tintenfisch, und der wieder ist
-fast nur eine mehr oder minder knorpelig weiche Masse. Auch von
-einfachen boxenden Dickköpfen mögen wir absehen, wie dem Pottwal,
-der nur als vom Schiffe selber schwer gereizter Bulle ab und zu
-angreift, während im allgemeinen die Historien von attackierenden
-Riesenwalfischen wüst übertrieben sind; das Grundwesen dieser
-vielbehelligten Kolosse ist eine beinahe ängstliche Friedfertigkeit,
-und außerdem besitzen sie nicht die zu jener Geschichte unumgängliche
-Spitzwaffe. Mustert man also unsere Sammlungen möglicher Seemonstra
-durch, so bleiben zuletzt wesentlich nur drei verdächtige Unterseeler
-mit solchen Waffen oder waffenähnlichen Zutaten übrig.
-
-Zunächst steht da im Schrank auch kleiner Museen wohl stets ein
-schraubenförmig gefurchter, ziemlich dicker Spieß von über Manneslänge,
-der zum sogenannten Narwal gehört, einem an Körper noch einmal etwa
-doppelt so langen, also gegen jene Zwanzig- und Dreißigmeterriesen
-immerhin mäßigen delphinartigen Walfischverwandten. Der Spieß ist
-in diesem Falle der linke Eckzahn des Bullen, und da er mit seiner
-tüchtigen Länge und Spitze einmal da ist, ist auch von ihm wirklich
-schon erzählt worden, sein Besitzer spieße gewohnheitsmäßig darauf
-Fische und ramme damit Schiffe. In Wahrheit hat noch nie ein
-wissenschaftlicher Beobachter an dem hochgradig friedlichen Gesellen
-irgendeine böse Absicht zu beidem bemerkt, sondern der speerhafte,
-übrigens schwache Zahn ist wohl eines jener Geschlechtsabzeichen des
-Männchens, in deren romantischer Übertreibung die Natur bekanntlich
-Meisterin ist.
-
-Ein zweites Objekt hat vielleicht der eine oder andere Leser sich
-selbst schon mitgebracht, auch wenn er nicht Professionssammler ist:
-es wird jedem Vergnügungsreisenden einer Tropenfahrt in Aden von
-handelnden Arabern zum Kauf angeboten als eine der ersten Proben einer
-märchenhaften neuen Welt. Und es ist nicht zu leugnen, daß es, als
-Bestandteil eines Seetieres bezeichnet, das vollkommene Ansehen einer
-höchst perfiden Waffe von unheimlicher Kraft besitzt -- es gleicht
-nämlich einem langen platten Schwert oder, vielleicht besser gesagt,
-einem Tomahawk, der an beiden Seiten mit einer Reihe spitzer Hauzähne
-besetzt ist, mit denen man offenbar gründlich hauen oder auch sägen
-oder zum Zweck scheußlicher Fetzwunden stechen könnte, so wie das Ding
-aussieht.
-
-In diesem Falle handelt es sich sozusagen um die bezahnte Nase eines
-echten Fisches, eines Rochens, der aber auch kein Größter seines
-Geschlechtes ist, nämlich nicht über vier Meter Länge erreicht.
-Genauer gesagt ist die »Säge« dieses Sägefisches, wie das häßliche
-Wunder direkt heißt, ein Knorpelauswuchs seiner Oberschnauze, der zu
-Zähnen gekommen ist im Sinne, daß bei diesen Fischen das Ding, das wir
-Zahn nennen, nicht auf den Beißapparat im Munde beschränkt zu sein
-braucht, sondern beliebig auch in mehr oder minder schuppenartiger
-Gestalt aus der ganzen Haut wachsen kann. Wer solche einzelne Säge
-nun später hübsch an seiner Wand zwischen allerlei gekreuzten fremden
-Waffenstücken stecken hat, der mag gut und gern sich ausdenken, daß
-unser Fisch damit Walfischbäuche zerfleische, noch schlimmer aber,
-Schiffswände ansäge, und erzählt worden ist naturgemäß auch das, denn
-wenn ein Fisch schon eine Säge hat, so muß er doch damit auch Streiche
-vollführen und sägen. Schade inzwischen: auch der Sägefisch tut laut
-aller Kenntnis niemand etwas zuleide und benutzt seine phantastische
-Naturgabe wahrscheinlich nur als ganz harmlose Schaufel beim Gründeln
-im Schlamm, falls er sie überhaupt praktisch irgendwo benutzt. In
-Wahrheit besitzen zahllose Tiere zahllose oft höchst martialische
-Abzeichen, die eben nur »ornamental« sind ohne Nutzzweck, und dazu kann
-auch die Säge gehören. Hier liegt ja ein schweres Kapitel für jeden,
-der die ganze Lebenswelt auf purem Nutzen aufbauen möchte -- wert, daß
-man sich allein ausführlich darüber unterhielte; jedenfalls aber muß
-genügen, daß die Säge, wenn sie in dieses Feld verrechnet ist, sowenig
-Schiffe ansägen wird, wie wir Menschen uns mit Schmucksachen oder mit
-Statuen prügeln.
-
-Bleibt nur der dritte Fall.
-
-Alle unsere Meere durchstreift gelegentlich, die nördlicheren bis zur
-Ostsee (also auch den Kanal) besonders zur Sommerszeit, ein riesiger
-Fisch von stolzer Schönheit. Purpurblau ist sein Rücken, silbern der
-Bauch, schwarzblau die imposante Schwanzflosse, dunkelblau das mächtige
-Auge. In dieser Pracht kommt der »Schwertfisch« oder das Schwert der
-Schwerter, wie der alte Linné-Name ~Xiphias gladius~ es ausdrückt,
-durch die offene See daher.
-
-Die größten alten Herren schätzt man bis fünf Meter an Länge, doch geht
-die Sage von noch weit stärkeren Kolossen. Wer den Fisch nur an den
-Schuppen kennen will, kommt bei dem nicht auf die Rechnung, denn seine
-Farben schillern nur von der schuppenlosen rauhen Haut selbst. Das
-eigentliche Wunder dieses Riesen aber ist sein wirkliches »Schwert«.
-
-Auch bei ihm springt es als enorme Spitze mit scharf schneidenden
-Kanten vom Kopf aus vor. Der verlängerte Oberkiefer steckt als
-Knochenmasse darin, aber auch noch Teile sonst der Schädelknochen geben
-ihm gleichsam den festen Griff. Und diesmal hat man tatsächlich den
-sicheren Eindruck einer Waffe.
-
-Zum Riesenfisch gehört ein Riesenappetit, und wenn man hört, daß es
-sich um der allergewandtesten Fische einen handelt, der Jagd auf andere
-Fische betreibt, so erscheint selbstverständlich, daß das spitze
-Schwert dabei eine Rolle spielen muß. In der Tat wirft sich nach treuem
-Bericht der wilde Schwimmer mitten in Fischschwärme hinein, haut mit
-dem Degen rücksichtslos um sich, bis weithin alles sich krümmt von
-mitten durchschnittenen Heringen oder Makrelen, und sättigt sich dann
-behaglich aus dem Überfluß dieses Blutbades. Wo aber das geschieht,
-da kann auch ein badender Mensch gegenüber solchem tollen Draufgänger
-von doppelter Menschengröße wohl in Gefahr kommen. Fischer wissen
-Geschichten genug, wo einer einen Stich dieses Schwertes selbst von
-kleinen Exemplaren erhielt, der durch Arm oder Bein ging. Doch ist das
-alles noch nicht das eigentliche Märchen des Schwertfisches.
-
-Der Schwertfisch in seiner größten, legendär noch ins weiteste
-gesteigerten Gestalt soll es sein, der, jäh im Zorn von unten
-anrennend, wirklich große Schiffe einstößt, leck macht, in äußerste
-Gefahr oder wirkliches Verderben bringt.
-
-Viel ist seit alters darüber spintisiert worden, ob das wahr, ob es
-überhaupt möglich sei. Die Wand eines richtigen Ozeanschiffs -- und
-ein anrennender Berserker von Fisch -- es schien immer wieder zu kühn.
-Otto Steche, dem neuen trefflichen Bearbeiter des Fischbandes in Brehms
-Tierleben, gebührt das Verdienst, die sozusagen amtlichen Angaben
-darüber erneut kritisch gesichtet zu haben; das Ergebnis aber ist
-überraschend. Der Schwertfisch ist weit schlimmer, als jemals erwartet
-werden konnte!
-
-Ein paar schlichte Daten, die durch die zoologische Kritik jetzt
-einwandfrei durchgegangen sind, mögen das besser als alle Reden
-erläutern. Bei einem alten britischen Kriegsschiff hatte das (im Holz
-schließlich abgebrochene) Schwert des Fisches die 2,5 Zentimeter der
-Verschalung, 7,5 Zentimeter Holz einer Planke durchstoßen und war
-dann noch mehr als 11 Zentimeter weit in einen Pfosten eingedrungen.
-In einem Walfischfänger waren in gleicher Weise der Kupferbelag, die
-2,5-Zentimeter-Verschalung, eine 7,5 Zentimeter dicke Planke und
-ein 30 Zentimeter starker Eichenbalken durchlocht worden, und die
-scheußliche Spitze hatte zum Schluß noch dem Boden eines Tranfasses
-im Schiffsraum ein besonderes Leck geschlagen. Der Stoß erschütterte
-in solchem Fall das ganze Schiff so, daß alles auf Deck rannte. Auf
-einem großen englischen Indienfahrer konnte man den unterseeischen
-Angriff unmittelbar in seinem Anlaß verfolgen: man hatte den ungeheuren
-Fisch mit der Angel geködert, worauf aber die Leine riß und der
-wütende Unhold sofort einen furchtbaren Unterwasserstoß wagte. Das
-Schiff wurde leck und kam mit Not in den Hafen zurück, von dem es
-ausgegangen war; es entwickelte sich dann eine Schadenersatzklage,
-bei der zoologische Sachverständige die Kraft des Fisches zu
-solcher Leistung gerichtlich festlegen mußten und schließlich die
-Versicherungsgesellschaft 12000 Mark dafür zahlen mußte, daß sich
-solche lebendigen Unterseeboote im Ozean herumtreiben.
-
-Was ein einfaches Boot bei solcher Sachlage erfahren kann, erhellt
-von selbst: schon ein kleinerer Schwertfisch stieß gelegentlich beide
-Bootsseiten durch und das dazwischen befindliche Bein eines Rudernden
-mit. Der bekannte Zoologe Peschuel-Loesche ist um ein Haar bei solchem
-Angriff, bei dem der Fisch sich mit Schwert und noch einem Stück Kopf
-durch den Bootsboden schlug, ums Leben gekommen.
-
-Nach diesen Angaben kann also nicht bestritten werden, daß der
-Schwertfisch eine wirkliche Gefahr für die Schiffahrt ist, an der
-tatsächlich Schiffe verunglückt sein können, ohne daß man je etwas von
-ihrem genaueren Schicksal mehr gehört hat. Und es ist gewiß ein Gedanke
-von seltsamer Romantik: der einsame, wilde Fisch in seinem Element,
-der den Kampf gegen die ganze Kultur wagt, die da hinter ihren paar
-Zentimetern Holzplanken über den weiten Ozean fährt. Aber was will's in
-unserer ungeheuren Zeit, wo das feurige Schwert des Menschen in seiner
-Not Schiff um Schiff in den schwarzen Abgrund senkt, aus dem keine
-Wiederkehr ...
-
-
-
-
-Aus der Flottenkunst der Tiere
-
-
-I
-
-Unter fremder Flagge
-
-Vom See, dessen lichtblauer Spiegel zwischen dem weißen und rosenroten
-Blütenschnee meines Gartens durchlugt, schallt ein eigentümliches, bald
-mehr summendes, bald mehr rollendes Geräusch.
-
-Ich weiß: sie proben wieder da draußen. In diesen Zeiten des
-Weltensturmes nicht wie sonst zum anmutigen technischen Spiel, sondern
-mit dem ganzen furchtbaren Ernst der Stunde. Und doch kommt es so von
-weitem daher blank und elegant wie ein Spielzeug aus dem Laden: ein
-Wasserflugzeug. Erst saust es mit seiner Schaumbrust in die glänzende
-Wasserfläche hinein wie ein riesiger Fisch; gleich, denkt man, wird
-er untertauchen. Aber ehe der Blick es noch ganz fest gefaßt hat, ist
-der Fisch zum fliegenden Fisch geworden: mit seinen Flossen gleichsam
-schwebt er auf einmal hoch über dem Seeplan im freien, durchsichtigen
-Element, und nur sein Schatten läuft noch gespenstisch als Fisch unten
-weiter. Und jäh wird der Fisch zum Vogel, majestätisch schraubt das
-prachtvolle Wunderwerk menschlichen Erfindergeistes sich zu Adlerhöhen
-hinauf und wieder hinab, um endlich pfeilschnell und treffsicher wie
-der Adler zum Horst bei seiner Halle am Ufer wieder einzuschlüpfen.
-
-Wie viele Wege der Natur, uraltes, jahrmillionenlanges Proben, hat
-der große Magier, der alles noch einmal jetzt neu für seine Zwecke
-heraufzaubert, der Mensch, hier zusammengefaßt!
-
-Die gleiche Not des Kampfes, die uns heute diese technischen
-Experimente mit so fieberhafter Eile weiter und weiter treiben
-läßt, hat in grauen Tagen schon das Tier gedrängt, das Flugzeug zu
-»erfinden«, und zwar hat es dieses Flugzeug ganz in der Form zunächst
-erfunden, die hier vor Augen steht: als Wasserflugzeug.
-
-Im Wasser, so seltsam es klingen mag, ist in der Natur das Fliegen
-zuerst erfunden worden. Vom Meeresboden herauf hat das Tier zuerst
-lernen müssen, wie man im freien Wasserraum selber sich schwebend
-in Balance hält, sich wie auf Fallschirmen tragen läßt, endlich das
-Wasser mit Rudern und Rädern schlägt zu eigenmächtiger Bewegung. Und
-erst als man so im Wasser frei fliegen konnte, da wurde dieses Prinzip
-auch auf die noch freiere, noch gewagtere Schicht jenseits des Wassers
-ausgedehnt, die Luft.
-
-Auf seinen großen Wasserflügeln, den Brustflossen, sehen wir noch
-heute den fliegenden Fisch wie im ersten tastenden Versuch 200 Meter
-weit reglos, bloß nach dem Fallschirmprinzip, über dem Meeresspiegel
-dahinschweben. Auf Java gleitet der fliegende Frosch so auf den
-gespreizten Flächen seiner Schwimmhäute zwischen den Zehen vom hohen
-Ast durch die Luft zur Erde. Bis dann im Adler endlich auch für die
-Luft das große Problem eigener zwecktätiger Steuerbewegung glänzend
-durchgeführt war.
-
-Und doch will ein Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen stören.
-
-In dem Wasserflugzeug des großen Magiers Mensch sitzt ein wirklicher
-Mensch und leitet eine riesige summende Maschine; der Vogel fliegt
-»sich selbst«, sein Leib mit seinen organischen Bewegungen ist zugleich
-sein eigener angewachsener Flugapparat. Und überall, wo ich über meinen
-blauen See hier blicke, sehe ich scheinbar auf diesen Gegensatz.
-
-Im schmucken goldbraunen Boot dort sitzen weiße Ruderer und schlagen
-den Plan mit fremdem Ruder. Wenn ein Unterseeboot hier führe: es
-schlösse auch Menschen ein in einem Kunstbau fremden Materials.
-Der schmucke Haubentaucher dort aber rudert nur mit den eigenen
-Beinen, und das Fischlein, das eben aufschnellend mit einem Blitz
-die untere Blankheit seines sinnreichen Unterseeboots verrät, fährt
-nicht in solchem Boot, sondern ist es zugleich selber. Das scheint
-so selbstverständlich als Gegensatz. Und doch ist es, wie so manches
-Selbstverständliche, auch einmal wieder nicht wahr.
-
-Die Flottenkunst auch des Tieres hat sich durchaus nicht bloß darauf
-beschränkt, im »Selbstschiff« zu fahren. Auch das Tier sitzt unter
-Umständen vergnüglich im fremden Schifflein und dirigiert bloß als
-Kapitän. Hier beginnen freilich absonderliche Tiere, die nicht gleich
-jeder beachtet hat.
-
-Zunächst als Übergang mag da das Tier gelten, das überhaupt mit
-Menschenschiffen fährt. Ich meine jetzt nicht die Ratte im Kielraum
-oder den Floh der Matrosenkabine, das wäre ein zu billiges Beispiel
-ohne echten Sinn. Aber es gibt eine Gruppe kleiner und mittelgroßer
-Fische, die der Tierforscher als »Schiffshalter« bezeichnet. Um zu
-verstehen, was diese höchst verwunderlichen Gesellen vollbracht haben
-und täglich noch vollbringen, muß man einen Augenblick dabei verweilen,
-wie der Mensch selber als Schiffbauer angefangen hat.
-
-All unsere Flottenkunst bis zum herrlichsten Kriegsschiff heute geht
-zuletzt zurück auf den »Einbaum«. Der Mensch merkte, daß Holz auf
-Wasser schwamm, und wenn er übers Wasser wollte, so ließ er sich von
-einem Baumstamm tragen. Als Wesen mit Luftatmung setzte er sich oben
-darauf, klammerte sich an und trieb so dahin. Indem er den gegebenen
-fremden Holzstamm sich künstlich zum Sitzen höhlte und zu dirigieren
-lernte, war dann die ungeheure, so endlos folgenreiche Erfindung des
-Schiffs im Prinzip vollbracht. Warum aber wollte der Mensch übers
-Wasser?
-
-Gerade wir erleben heute wieder, was sich ergibt, wenn man
-Menschen von der Schiffahrt absperren will. Es ergeben sich
-Verproviantierungsfragen. Alle Schiffahrt der Menschheit ist zuletzt
-und im umfassendsten Sinn immer eine Verproviantierungsfrage gewesen.
-
-Von diesen Grundpunkten aus aber versteht sich nun auch das Problem des
-Fisches, den sie den »Schiffshalter« nennen.
-
-Es war einmal ein kleiner Fisch, um die Geschichte wie im Märchen zu
-beginnen; es ist aber der Zoologe, der ganz ohne Märchen spricht.
-Dieser kleine Kerl brauchte als Wasserluftatmer keinen Holzklotz,
-um über das Wasser zu kommen, und sein eigener Fischleib war längst
-ein gegebenes treffliches Unterseeboot, ein »Selbstschiff«. Indessen
-auch hier kam die Proviantfrage. Sie kam schon in Urweltstagen, so
-weit gehen unsere Kenntnisse der Geschichte zurück, und sie bewirkte
-irgendeines Urwelttages (sie pflegen bekanntlich lang zu sein,
-diese Tage), daß der betreffende Fisch sich daran gewöhnte, als ein
-kleiner hungriger Köter seines Elements sich in der Nähe größerer
-Fresser dort zu halten, von deren Herrentisch immer auch einmal ein
-paar Brosamen für ihn abfielen. Auf dem Lande folgen so Schakale dem
-Löwen oder Panther, im Ozean ergaben sich die mächtigen Haifische als
-Herrenräuber, die besonders in Urweltsmeeren lange die oberste Rolle
-spielten.
-
-Aber der kleine freche Tafeldieb machte die Sache, wieder eines
-Entwicklungstages, noch praktischer. Wenn auch nicht wie Jonas in des
-Riesenfisches Bauch, so klammerte er sich doch gern unter des Haies
-Bauch an unfaßbare Stellen, wobei die rauhe Haifischhaut gute Stütze
-gab.
-
-Und wieder nach einer Weile führte das, wie so oft, zu einer festen
-körperlichen Anpassung bei ihm. Seine erste Rückenflosse verwandelte
-sich in eine große Saugwarze, mit der er sich oberwärts an den
-Haifischbauch wie mit einem Schröpfkopf unmittelbar ansaugen konnte,
-während gleichzeitig sein gieriger kleiner Kötermund darunter frei
-und freßfroh blieb -- der Schakal verankert am Löwen und von ihm
-unfreiwillig fortan herumgeschleppt.
-
-Die Sache war, wie gesagt, zunächst eine Freßfrage, sie wurde dann aber
-folgerichtig auch schon eine Vehikelfrage. Der kleine Fisch brauchte
-mit dem großen nicht mühsam Tempo zu halten, wenn solcher große seine
-weiten Raubzüge wie ein alter Normanne veranstaltete: immer war er von
-selbst gleich mit zur Stelle, wo immer es zur Beute kam.
-
-Schließlich aber mußte der Fremdtransport, einmal so billig gemacht,
-auch von Wert sein, wo gar kein Hai da war. Man hängte sich irgendwo
-an und ließ sich auf gut Glück treiben, ob der Zufall eine eigene oder
-fremde Beute in den Schoß warf.
-
-Die kleinen Frechen hefteten sich, wo es sich gab, auch an tote, aber
-mit Wellenschlag und Strömung treibende Gegenstände an, und da bewährte
-sich ganz von selber auch hier schon der Segen des Holzes, das weit,
-weit dahinfuhr, ohne zu sinken.
-
-Zeiten schwanden, da zeigte sich aber im Ozean eine ganz besondere neue
-Sorte »Holz«. Menschenschiffe aus Holz fuhren übers Wasser. Und die
-Fischlein klebten sich auch an diese Menschenplanken, nichts konnte
-bequemer sein. Zumal da sich rasch herausstellte, daß diese neuen
-Seeungeheuer in ihrer Art den »blinden Passagier« auch noch selber
-fütterten. Denn vom Schiffe fiel mancherlei Abfall, den diese wenig
-Wählerischen gern als ihren Schakalsanteil begrüßten.
-
-Seither reisen die »Schiffshalter« gewohnheitsmäßig in Scharen mit den
-Menschenschiffen. Sie sitzen nicht oben darauf, wie sollten sie, ihnen
-ist ja im Wasser wohl und nicht in der Luft. Gleichwohl: sie fahren
-Fremdboot statt Eigenboot. Und nur das trennt sie immer scheinbar noch
-endlos vom Menschen selber, daß sie das Holz, an dem sie hängen, nicht
-selber dirigieren können, wohin es fahren soll, und daß sie es auch
-nicht künstlich zum Fahrzweck umgestaltet haben.
-
-Aber es war am 17. Februar 1899.
-
-Jenes prächtige deutsche Naturforscherschiff, die »Valdivia«, näherte
-sich, von Ceylon kommend, dem Äquator. Da trieb vor dem Schiff
-im Indischen Ozean eine schwimmende Schale dahin, eine jener als
-Zierstück auf unseren Kaminen so oft beliebten Nautilusschalen, die
-von einem höchst seltsamen, tintenfischähnlichen Weichtier körperlich
-abgeschieden werden und auch nach dem Tode ihres Besitzers vermöge
-ihrer vielen geschlossenen Luftkammern auf der offenen See schwimmend
-bleiben.
-
-Gewisse Anzeichen erweckten in diesem Falle zuerst den Glauben, das
-lebende Tier sitze noch angewachsen in seinem Gehäuse und leite sein
-Selbstschiffchen; dann aber zeigte sich: es war doch auch nur eine
-verlassene Schale -- in dieser Schale aber hatten sich wunderbarerweise
-eine Anzahl kleiner barschartiger Fische (Riffische, ~Glyphidodon~)
-eingenistet, die regelrecht als in einem Fremdschiffchen in ihr wohnten
-und »fremd fuhren«. Scheu hineingeduckt, wurden ihrer mehrere in dem
-Nautilusboot mit heraufgefischt, ja als man zur Probe die leere Schale
-noch einmal ins Wasser warf, schwammen sogleich verschiedene andere
-der kleinen Bande auf das wiedergegebene Wasserhaus zu und schlüpften
-hinein, wobei sie durch die Fähigkeit, ihren Rückenstachel in eine
-Furche einzuklappen, unterstützt wurden.
-
-Offensichtlich handelte es sich auch hier um eine bereits
-alteingebürgerte Gewohnheit, die vielfach dort treibenden
-Fremdschiffchen des Nautilus so zu benutzen, eine Gewohnheit,
-die vielleicht bei dem zähen Durchhalten solcher Dinge bei jenen
-Fischen bis auf Urweltstage zurückgeht, wo solche nautilusähnlichen
-Tiere in unfaßbaren Mengen alle Meere bewohnten und ganze Felder
-solcher schaukelnden Leergehäuse in allen Formen und Größen eine
-Alltagserscheinung gewesen sein müssen.
-
-Wohlverstanden: hier wohnen die Tiere schon im fremden Schiff, und bei
-kluger, beweglicher und ungestümer Bande wie solchem Fischvolk liegt
-nahe genug, daß sie gegebenenfalls ihr Schiff auch schon willkürlich
-nach einer ihnen genehmen Richtung durch Stöße dirigieren.
-
-Unmittelbar beobachtet aber wurde dieser letztere Fall bei einer
-anderen Gelegenheit von einem unserer besten neueren Beobachter,
-Richard Semon, dem berühmten Verfasser der Mnemetheorie.
-
-Auf den Korallenbänken der Sundainsel Ambon versuchte er eine prächtige
-Qualle lebend mit einem eingetauchten Glase zu erwischen. Immer wieder
-mißlang es, denn die Qualle wich in sehr geschickten selbständigen
-Bewegungen aus. Solches raffinierte, auf starke Intelligenzleistung
-deutende Verhalten erschien nun bei einer Qualle durchaus ungewöhnlich,
-ja unmöglich. Und wie erstaunte der Forscher, als er wirklich
-feststellen konnte, daß in diesem Falle die dumme Qualle in der Tat
-einen klugen Kapitän hatte, der sich in ihrem lebendigen Kristallschiff
-verbarg.
-
-Es war auch diesmal ein kleiner Fisch vom Makrelenschlage, der
-gewohnheitsmäßig in solchen Quallen hauste. Noch in dem Eimer, in
-den Semon seine endlich gefangene Qualle gesetzt hatte, trieb der
-verwegene kleine Kapitän seine Arbeit unermüdlich weiter, indem er sein
-lebendiges Boot durch fortgesetzte zielbewußte Stöße in bestimmter
-Richtung fortzutreiben suchte und zu unausgesetztem Herumschwimmen
-zwang -- natürlich in dem umgrenzten Raum ohne jeden Erfolg.
-
-Ähnlicher Fischbrauch, gerade in den schwimmenden Glaspalästen der
-Quallen zu leben, ist auch sonst vielfältig beobachtet worden.
-
-Der Fisch findet in diesem Falle nicht bloß ein fremdes Schiff, sondern
-er fährt auch in einem guten Kriegsschiff zugleich: die Qualle führt
-nämlich furchtbare Nesselorgane, wahre Giftbomben, die im Wasser jeden
-tierischen Angreifer böse abfallen lassen. Der Fisch selber aber wird
-von dieser Quallenbatterie nicht geschädigt. Nach gangbarer Ansicht
-ist auch das stumpfe Geistesleben solcher Qualle doch immer noch
-empfänglich genug gewesen, um sich einem festen Genossenschaftsinstinkt
-vor offenkundigem Vorteil nicht zu verschließen: sie schont den fremden
-Insassen, eben weil er sich in Gefahr als intelligenter Steuermann
-erweist.
-
-Andere Meinung vertritt allerdings, daß diese Quallenkapitäne einfach
-selber gegen das brennende Quallengift »immun« geworden seien, es nicht
-mehr fühlten. Ihre Vorfahren sollen trotz der Batterie so manches
-Quallenschiff im Sturm genommen und ausgefressen haben, und dabei wären
-sie als Piraten durch die Ernährung mit Quallenfleisch schließlich
-ganz giftfest geworden wie der hörnene Siegfried der Sage, der sich
-mit Drachenfett salbte. Daß ja Tiere gelegentlich in dieser Weise
-wirklich immun werden, zeigen unsere Schmetterlingsraupen des Admiral
-und kleinen Fuchs, die gewohnheitsmäßig ganz gemütlich die Blätter
-der Brennessel abweiden. Wer aber nun recht habe in der Deutung: das
-gewaltsame Ausfressen solches Quallenschiffs ist jedenfalls an sich
-wieder interessant.
-
-Wir alle haben von Münchhausens armem Pferde vernommen, in das sich
-ein Bär einfraß; als er es ganz gefressen, saß er selber an Deichsel
-und Riemen, und Münchhausen kutschierte vergnügt mit ihm heim. Fast
-so geht es bei gewissen kleinen Krebschen des Ozeans aus der Gruppe
-der hüpfenden Flohkrebse. Ihre Weibchen fallen als böse Piraten über
-die zierlichen glashellen Schifflein her, die sich gewisse andere
-Seetiere aus der weit entfernten Gruppe der Manteltiere (Tunikaten),
-die in vielem an Würmer, in manchem aber sogar an niedrigste
-Wirbeltiere erinnern, geschaffen haben. Indem sie die berechtigten
-Insassen herausfressen, bleibt von dem fremden Schiffe nur ein hohles
-schwimmendes Tönnchen übrig, dessen durchscheinende Wand ausgespart
-nach dem Brauch dieser Manteltiere auch noch aus der sonst nur im
-Pflanzenreich üblichen Zellulose, also aus regelrechtem Holzstoff,
-besteht.
-
-In diesem Holzfäßlein als Fremdschiff aber sitzt jetzt wirklich
-beinahe wie Münchhausens Bär der Fresser selber, der Krebs. Hier
-erlebt er Mutterfreuden. Und da der alte Bewegungsapparat des Schiffs
-geschwunden ist, muß er es fernerhin selber lenken: so reckt er
-sein hinteres Leibesende vorsichtig aus dem vorne festgehaltenen
-schwimmenden Faß hervor und rudert sich und seine Kinderstube
-geschickt, wohin er will.
-
-Daß er dabei unter falscher Flagge segelt, Krebsinhalt im
-Manteltierschiff, das macht ihm so wenig aus, wie dem Schiffshalter
-daran liegt, was für Farben über seinem Menschenschiff wehen.
-
-Wie wenig aber fehlt bei dem Tier, das sein hölzernes Fremdschiff nicht
-nur selbsttätig lenkt, sondern auch selber sich zum bequemen Sitzraum
-gehöhlt hat, bis zu jenem »Einbaum« des Menschen?
-
-
-II
-
-Das Unterseeboot aus Luft
-
-»Im November 1803 begegneten wir zum erstenmal den großen Seeblasen im
-Atlantischen Meer, einige Grade nördlich vom Äquator; sie erscheinen
-wie rosenrote Glaskugeln über dem Wasser, blähen sich stolz auf wie
-ein Pfau und verändern unaufhörlich ihre Gestalt. Alle Leute auf dem
-Schiff wurden aufmerksam auf diese sonderbaren Tiere und wünschten sie
-in der Nähe zu betrachten, so daß endlich ein Matrose ins Meer sprang,
-glücklich eine erhaschte und, indem er die Finger und Arme schmerzhaft
-verbrannt fühlte, aufs Verdeck brachte. Sie schleppte lange Fäden
-hinter sich her, die sehr schleimig waren, überall anklebten und, wenn
-man sie auseinanderlösen wollte, an den Fingern brannten.«
-
-So liest man in weiland Krusensterns Reisen von einem Meerwunder,
-das bereits die ersten Ozeanfahrer, auch wenn sie nur ungebildete
-Schiffsleute waren, gefesselt und zu den kühnsten Namenserfindungen
-verlockt hatte.
-
-Die »Karavelle« hießen es die Spanier und Postugiesen, wenn sie es so
-in ganzen Flotten sein Kolumbusschifflein über die uferlose Wasserwüste
-treiben sahen, den ~Man of War~, das Kriegsschiff, die englischen
-Matrosen.
-
-Es bedurfte aber noch saurer Zoologenarbeit bis tief in das neunzehnte
-Jahrhundert hinein, ehe man heraus hatte, was diese »Seeblase«, die
-Physalia, wie der Name schließlich stehenblieb, eigentlich für ein
-Geschöpf sei, -- bis man erkannte, daß zum Vergleich mit einer Flotte
-hier gar nicht ein Schwarm solcher roten Karavellen nötig war, sondern
-daß jede einzelne schon eine Art Flotte für sich darstellte, ein Bündel
-nämlich zusammengewachsener quallenhafter Tiere, die mit Hilfe eines
-stolz geblähten Purpursegels aufrecht dahinfuhren.
-
-Dieses Segel brauchte in Wahrheit nicht bloß der Wind aufzublähen,
-sondern es war bei der Fahrt schon von sich heraus dick ausgeblasen,
-indem es einen riesigen hohlen Luftsack enthielt. An ihm aber nach
-unten ins Wasser hinein hingen in krausem Gewimmel die Einzeltiere,
-in sinnreicher Arbeitsteilung auch sie in solche gesondert, die
-bloß fraßen oder bloß tasteten oder bloß für die Jungmannschaft
-sorgten, also sozusagen Küchenschiffe, beobachtende Admiralsschiffe
-und Kadettenschiffe im Flottenverband bildeten, während schreckliche
-Brennbatterien das Ganze verteidigten.
-
-Nun, ich will hier jetzt nicht von den sozialen Wundern solcher
-Röhrenquallen (Siphonophoren), wie man die ganze Gruppe nennt,
-des engeren sprechen, wie es mir auch fern sei, mich etwa ganz im
-allgemeinen über Flotten zu verbreiten, deren Hauptteil sich, näher
-besehen, als eitel luftige Blase erweist ... Sondern was interessiert,
-ist die Methode in solcher Physalienblase.
-
-Kein Zweifel, daß hier Luftballon und Unterseeboot in sinnreichster
-Weise kombiniert sind. In dem Ballon sitzt eine besondere »Gasdrüse«
-und füllt nach Bedarf eine »Luftflasche«. Bei verwandten Arten führt
-das eigentliche Unterseeboot noch besondere Bewegungsapparate,
-sogenannte »Lokomotiven«, in denen hohle offene Quallenglocken
-heftig pulsend arbeiten. Der Ballon aber, durch ein richtiges Ventil
-reguliert, läßt das Ganze beliebig auf- und absteigen und gibt ihm
-Haltung. Bei der Karavelle ist es, als wolle er sich ernstlich ganz aus
-dem Wasser erheben, aber das Tiefenboot hält ihn als Fesselballon genau
-in der Fläche fest.
-
-Unwillkürlich denkt man daran, was Tiere auch sonst schon alles gerade
-auf diesem scharfen Rain zwischen Wasser und Luft angestellt haben, --
-wie sie herumbalancieren auf dieser schier mathematischen Scheide des
-Elements.
-
-In der gleichen hohen See, wo die Purpursegel der Karavellen
-stolzieren, laufen (unser Chamisso hat es mit zuerst gesehen)
-langbeinige Wasserwanzen regelrecht auf dem blanken Wellenspiegel
-selber Schlittschuh.
-
-Sie machen's wenigstens von oben, aber unsere ganz gewöhnliche
-Schlammschnecke, die Limnäa, vollführt gar das Kunststück, von unten
-sozusagen am Luftspiegel entlang zu kriechen, wobei sie mit ihrem
-ganzen Hause huckepack nach unten hängt; eine ganze Literatur
-existiert darüber, bald sollen abgesonderte Schleimbänder, bald
-kahnartige Höhlung der scheinbar an der Luft Schlittschuh laufenden
-Sohle das Unmögliche möglich machen, während mir die Sache immer noch
-etwas von Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog,
-bewahrt, so sicher auch das Faktum feststeht.
-
-Jedenfalls aber sind auch so die Naturleistungen der Karavelle in
-zwei menschliche Technikgebiete zugleich hinein unwiderleglich. Aber
-wieder auch mag man das alte Argument anbringen. Der Karavelle ist
-ihr Ballonboot schon natürlich gewachsen am Leibe, ihre Gasdrüse und
-Luftflasche hat sie von Kindheit an als Erbe mitbekommen. Um die
-Analogie zur Menschentechnik wirklich zu finden, möchte man aber ein
-Tier sehen, das selber erst mit Luft wirtschaftet als Material, das
-sich ein Unterseeboot selbsttätig baut und nun damit das Prinzip
-des Ballons kombiniert. Das äußerlich noch einmal schafft, was die
-Karavelle, wer weiß woher, einfach bekommen hat. Nun, wenn die Frage so
-liegt, so läßt sie sich doch auch noch wieder ihr Stück im Tierreich
-weitertreiben.
-
-Da sind wir im Teich, und es tauchen allerhand dicke Käfer auf,
-Schwimmkäfer verschiedener Sorten. Ein Käfer ist auf jeden Fall bereits
-ein weit höher entwickeltes Tier als eine Qualle. Man wird erwarten
-dürfen, daß manches bei ihm auch entsprechend schon beweglicher, im
-rechten Sinne gesagt, schon vergeistigter eingerichtet sei; auch in dem
-höheren Tier muß man ja noch mit gewissen vererbten Instinkten für das
-Geistige rechnen, die dem einzelnen sozusagen die Schule ersetzen,
-aber auch so läuft alles doch über eine weit vertiefte Bahn, daran ist
-kein Zweifel.
-
-Nun sind die Käfer ersichtlich von Ursprung Landbewohner gewesen und
-hatten also für ihre Organe der Atmung Freiluftatmen als Methode
-mitbekommen. Nachher aber sind einige im stillen Teichwinkel wieder
-ins Wasser gegangen, ohne daß sich doch ihr Organ dazu wieder ganz
-mitumgewandelt hätte. Und so brauchen sie da unten Luft; da das Organ
-sie ihnen aber nicht nach Art der Fischkiemen aus dem Wasser selber
-zieht, müssen sie sie nachträglich erst sozusagen durch ihrer Hände
-Arbeit beschaffen, -- damit begann aber für sie zunächst wirklich schon
-ein sehr viel freieres Wirtschaften mit dem Luftstoff.
-
-Sie holen sich nämlich händeweise oder, um es mit der Freiheit
-des Naturforschers gerader herauszusagen, teils kopf-, teils
-hinterteilweise kleine Portionen Freiluft von der Oberfläche, aus der
-sie die betreffenden Körperteile einen Augenblick herausstrecken, ins
-tiefe Wasser hinunter, stets einen Schluck direkt in die Atemröhren,
-aber außerdem auch noch einen mehr oder minder dicken zur Reserve,
-der unter den Flügeldecken wie in ein Fläschchen gefüllt oder mit
-dem Haarfilz um den Bauch gebunden wird. Auch der Reserveschluck in
-der Flasche dient in diesem Falle zur eigenen Luftatzung. Daß er an
-und für sich gleich dem Ballon der Qualle mit ihrer Luftflasche den
-Körper des Schwimmers etwas leichter macht, ist dem Käfer sogar gar
-nicht immer genehm, denn er muß es ersetzen durch verstärkte Arbeit
-beim Wiederhinabtauchen. Aber das Bedeutsame bleibt diesmal: das Tier
-holt sich, einerlei zu was für einem Zweck, ein Stück fremder Luft
-äußerlich hinunter, es beginnt wirklich zu wirtschaften mit Luft wie
-mit einem fremden Material, das man aufgreift, wie einer sich ein Stück
-Butterbrot in die Tasche steckt oder ein beliebiges Stück Holz oder
-Stein von dort fortnimmt, wo es sich bot.
-
-Was verschlüge es, wenn unser Wasserkäfer das, was er jetzt noch als
-Püllchen oder Stüllchen bloß zu sich gesteckt hat, eines anderen Tages
-doch auch selber verwertete für irgendeinen luftgefüllten Unterseebau?
-Eines anderen Tages -- eines Entwicklungstages heißt das wieder,
-natürlich.
-
-Hier ist aber nun wiederum kein Zweifel, daß solcher Käfer etwas kann,
-was die Karavellenquallen unbedingt noch nicht konnten: er kann nämlich
-überhaupt schon eine Sache selbsttätig bauen.
-
-Der riesige schwarze Kolbenwasserkäfer unserer Teiche, den jeder
-sammelnde Schulknabe schon kennen lernt, bewährt diese Kunst zwar noch
-nicht eben an Häusern, aber er hat sich eine Spezialität ausgesucht:
-er ist berufsmäßiger Hersteller von Kinderwiegen. Da auch er ins
-Wasser gegangen ist (an und für sich ist er kein besonders glänzender
-Schwimmer und stammesgeschichtlich ist er auch kein »verwässerter«
-Karabide wie die anderen, besseren Schwimmkünstler dort, die noch
-bekannteren Gelbränder), müssen seine Kinderwiegen aber zugleich
-Mosesschifflein sein, also auf alle Fälle mit Wassertechnik gebaut
-werden.
-
-Seit langem sind diese Mosesschiffchen als eine der niedlichsten
-Naturleistungen bekannt. Der große satansschwarze Kerl treibt im
-werdenden Mutterstande aus Warzen seines Hinterleibes eine zu weißen
-Fäden erstarrende Substanz hervor nach ungefährer Art der Spinne.
-Sonderte er sie bloß ab, so bliebe die Sache beim einfach Organischen,
-wie bei den Taten der Qualle. Aber darin eben bewährt sich nun das
-Prinzip des Selbstbauens, daß der Produzent oder, besser gesagt, die
-Produzentin aus den Fäden sich selber eine hübsche, hinten geschlossene
-Hose um den Hinterleib webt. In dieses Büchschen als Nest legt sie dann
-Ei um Ei, bis deren eine tüchtige Fracht in den sicheren Hosenboden
-hinabgesackt sind. Jetzt läßt sie den Rest des Raumes leer, indem
-sie sich selber ganz herauszieht, an der ledigen Hose wickelt sie
-auch noch die offene Seite mit einem richtigen langen Zipfel zu, und
-das Mosesschiffchen ist fertig. Die Eier im Fond, die Zipfelspitze
-emporgerichtet, so liegt es als kleiner Ballon im Wasser, sei es an
-schwimmenden Blättern verankert oder auch frei schwimmend, aber immer
-doch gestellt, daß es nicht dauernd aus der Balance geschaukelt werden
-kann.
-
-Es ist nur eine Kinderwiege, und wenn er sie vollendet hat, überläßt
-der Käfer sie ihrem Schicksal wie in der Mosesgeschichte. Aber wie
-wenig Arbeit erforderte es mehr: und der gleiche große schwarze Satan
-würde sich aus dieser Hose einen dauernden eigenen Schlafsack bauen,
-oder er würde auch den weiten zu einem großen Unterschlupf im ganzen,
-einem Unterseeboot, in dem er aus und ein gehen und wohnen könnte.
-
-Und warum sollte er, der gewohnheitsmäßig Luft sozusagen stückweise
-in seinen Teichgrund hinabzuholen weiß -- warum sollte er dieses
-unterseeische Haus nicht selber erfüllen mit solcher herangeschleppten
-Luft, tragen lassen durch Luft, wohnlich und bekömmlich für sich machen
-durch angesammelte, darein eingesperrte Luft?
-
-Argyroneta, die Silberumsponnene, heißt sie, die das alles wirklich
-vollbringt, die ihr Mosesschifflein zum silbernen, aus Duft und Luft
-gewebten Nixenhause ausgebaut hat.
-
-Sie gehört einem anderen, uralten Parallelstamme der
-Insektenentwicklung an, der wenigstens in diesem Falle aber recht
-eigentlich als der erfinderische alte Onkel neben dem täppischeren
-Neffen steht. Argyroneta, deren Name wie ein Vers Homer klingt, ist
-nämlich im gleichen Käferteiche unsere kunstreiche Wasserspinne.
-
-Sie steht im Ruf, etwas liebenswürdiger zu sein als andere Spinnen, ihr
-Weibchen frißt das Männchen nicht nach den Flitterstunden auf, wie das
-sonst in diesem Pfui-Spinnenreiche öfters Brauch ist; aber vor allem
-ist ihre Spezialität noch unvergleichlich weit über den Käfer hinaus
-das »Luftfangen«.
-
-Der brave Schildbürger, so hören wir, gedachte das Licht brockenweise
-in einer Mausefalle zu fangen. Das Silberkind vom Spinnenlande weiß das
-in seiner Art wenigstens mit der Luft zu machen, sie sperrt Brocken
-Luft in eine Falle und benutzt sie dann -- als Bausteine. Auch sie
-muß wie der Käfer immer Atemluft mit ins Wasser nehmen, denn auch
-sie ist nur ein zum Nix verzaubertes Sonnenkind von da oben. Solche
-mitgeholte Perle Atemluft ist es, von der ihr Leib immer so wie mit
-Silber umflossen erscheint, wenn sie ihren Nixenteich durchquert. Und
-auch sie hat, ist sie doch nicht umsonst selber Spinne, noch vermehrt
-die Spinnfähigkeit des schwarzen Käfers. Indem sie aber beides jetzt
-kombiniert, schafft sie aus umsponnener Luft sich den wunderbaren
-Baustein ihres Hauses.
-
-Angeklebt an ihre Spinndrüsen, werden mächtige Perlen Luft noch
-unabhängig von der silbernen Atemrüstung von ihr in die Tiefe
-hinabgerissen. Solche Perle aber wird mit dem Klebstoff umfirnißt, vom
-Wasser abgeschlossen, und nun ist sie Baustein. Nun wird an geschützten
-Fleck zwischen Wasserpflanzen Luftstein um Luftstein dieser Art
-hinabgezaubert, vereint und verankert im ganzen, bis das wunderbarste
-Lufthäuslein fertig ist, eine Taucherglocke, aus Spinndunst und
-Luft ätherisch gewebt, an Spinnwebankern ruhend, ein durchsichtiges
-Unterseeboot, das der Silbernixe oder Silberhexe (denn ein böser Räuber
-bleibt sie ja in all ihren Zauberkünsten) nun alles in einem gibt:
-Unterschlupf und die sehr erwünschte ungestörte Schlafkammer, das
-Försterhäuschen, wohin sie ihr Jagdwild bringen kann, ihr Brautgemach
-und in vielen Fällen auch ihre Kinderstube, zu deren Zweck sie noch
-einen besonderen undurchsichtigen Gespinstvorhang über die Kuppel ihres
-schimmernden Kristallhauses hängt. Von diesem verankerten Unterseekahn
-läuft sie seiltänzerisch auf schwindelnden Planken ihrer Spinnfäden in
-die Jagdgründe hinaus, angetan dann mit dem silbernen Hinterhelm ihrer
-Jagdtaucherglocke; zu ihm kehrt sie immer wieder als dem behaglichen
-Heim zurück nach vollbrachter Arbeit. Die Liebespaare aber legen ihre
-Unterseekähne nahe nebeneinander vor Anker und bauen von Kahn zu Kahn
-einen gedeckten Gang -- so wie sich in menschlichem Idyll auf abendlich
-ruhendem Kanal wohl eine Planke von liebender Hand von Apfelkahn zu
-Apfelkahn legt oder vorzeiten die Pfahlbauerliebe sich nächtlich
-in ihrem Einbaum geräuschlos unter den Pfählen des Wasserdorfs
-hindurchstahl.
-
-So wunderbar wie die Meisterin Argyroneta hat die Technik, mit Luft
-Unterseewohnungen zu bauen, keiner mehr erlernt. Auf das Prinzip des
-Bauens mit gefirnißten Luftsteinen sind aber doch mehrere auch sonst
-gekommen.
-
-Die Labyrinthfische, zu denen unsere beliebten Makropoden der
-Aquarienfreunde gehören, haben sie speziell wieder für Mosesschiffchen
-ausgebildet. Obwohl diesmal eigentlich Wasserluft atmende Kiementiere,
-holen sich diese merkwürdigen Fische doch regelmäßig auch Freiluft
-brockenweise von der Oberfläche für besondere Kammern (Labyrinthe)
-neben ihren Kiemenhöhlen herab, und dabei mögen auch sie auf das Bauen
-mit Luftstein geführt worden sein. Es dient ihrer Kinderpflege, indem
-sie große Schaumschiffe aus im Maul herangetragenen Luftperlen, die
-mit einem Firnishäutchen aus Speichel umgeben sind, herstellen. Unter
-diesen am Wasserspiegel ruhenden Luftkähnen legt nun das Weibchen seine
-Eier ab. Meist steigen die Eier schon vermöge eigenen Leichtgewichts
-zum Spiegel empor, sonst hilft das besorgte Männchen nach. Sie müssen
-nämlich nahe zur reichen Sauerstoffschicht oben, sonst gehen sie ein.
-Unmittelbar dem grellen Sonnenlicht dort ausgesetzt, würden sie aber
-wiederum Gefahr leiden, auch leicht Feinden zum Opfer fallen. Und hier
-schützt nun äußerst sinnreich, daß sie von unten gegen das Schaumschiff
-prallen, das sie zugleich festhält und deckt und dessen gefangene
-Luftperlen den Sonnenglanz durch starkes Reflektieren sozusagen wieder
-ausschalten.
-
-Wer aber zum Schluß auch noch fordert, daß der Erbauer selbst mit
-seinem Unterseeboot aus Luft dahinfahre, anstatt es bloß wie einen
-ruhenden Apfelkahn zu verankern, der muß die Blauschnecke Janthina im
-freien Meere aufsuchen.
-
-Blau ist ihr Reich, das sie durchfährt im Meeresblau, blau wie das Meer
-ihre Schale. Aber nicht durch diese blaue Schale fährt sie dahin. Der
-Ballon, an dem sie hängt, ihr luftgewebtes Ballonschiff, ist abermals
-ein mächtiges schwebendes Schaumschiff, das sie sich selber erbaut
-hat, indem sie mit ihrem ungefügen Schneckenfuß (oder was man bei
-Schneckenleibern so nennt) Luftperle um Luftperle gleichsam aus der
-Freiluft herunterschlug und dann ebenfalls mit Schleimkleister ins
-Wasser hinein absperrte und verkittete. Auch ihr dient das Luftboot
-zugleich als Mosesschiffchen, an dessen Unterseite die Mutter ihre Eier
-hängt.
-
-Wir sind wieder am Ort, von dem wir ausgingen. Im gleichen schönen
-Meeresblau wie die Blauschnecke segeln die Quallenflotten mit ihren
-Luftflaschen. Aber was dort Organ war, ist hier eigene Arbeit: das Boot
-aus Luft.
-
-
-
-
-Das älteste Festungstor
-
-
-In unseren Tagen des Weltkriegs ist die Ilias ein aktuelles Buch.
-
-Um eine einzelne Burgstadt wird dort gerungen, und doch weiß der
-Dichter uns den Eindruck zu erwecken, daß es ein Entscheidungskampf der
-ganzen Menschheit sei. Alle Götter beschäftigen sich nur mit Ilion und
-den Griechen, als hinge das Schicksal von Recht und Kultur, von Himmel
-und Erde zuletzt davon ab. Und gerade das ist die ungeheure Stimmung,
-die wir heute verstehen, wo wirklich die ganze Erde brennt, während es
-damals nur um ein paar Mauern und Tore an der Schwelle Asiens ging.
-
-Schliemann hat erst so viel später die Stätte selbst wieder
-ausgegraben, um die der Efeu der Trojasage webte, und es wurde nun
-doch auch ein starkes geschichtliches Bild -- ein Zeugnis menschlicher
-Zähigkeit, die nicht bloß ein Jahrzehnt ausdauerte. Acht- oder neunmal
-haben sie immer wieder eine Burg auf den gleichen, durch eigene Trümmer
-wachsenden Hügel hier gesetzt und ihre Mauern und Tore verteidigt,
-viele, viele Jahrhunderte lang, und dabei auch einmal wohl (wenn auch
-in anderer Schicht, als Schliemann meinte) als wirkliche Trojaner.
-
-Es hat doch immer wieder etwas Bezauberndes, wie der kühne Gräber kurz
-nach dem siebziger Kriege zum erstenmal auf die alten Pflasterplatten
-unter dem Brandschutt seiner »Goldstadt« stieß, nahe dem uralten
-Hause, das ihm den wunderbaren Schatz bot, den er den »Schatz des
-Priamos« nannte; wie er eine lange gespenstische Reihe mannshoher Krüge
-aufdeckte, groß, daß wirklich ein Mensch hineinkriechen konnte, die
-Proviantkammer irgendeiner dieser verschollenen Burgen; und wie er
-dann, dicht vor dem entscheidenden Goldfund, an den Unterbau zweier
-großer Festungstore geriet, in deren jedem noch der lange kupferne
-Riegel steckte, der einst die hölzernen Türflügel gegen Nacht und Feind
-schließen mußte.
-
-Unwillkürlich verweilt die Phantasie bei solchem uralten Tor.
-
-Einerlei, wer nun gerade hier gestürmt hat: an Güte oder Bruch solchen
-Tors hing einmal das Schicksal dieser ganzen Burg, bange Menschenherzen
-schlugen dahinter, ob es halte, rohe Siegesjauchzer schallten, wenn
-es splitterte. Sie ist verbrannt, die Stadt, und ihr Tor muß also
-gebrochen sein. Aber in ihrem Schutt fand Schliemann die scharfkantigen
-Trümmerteile vom Gehäuse eines im ganzen Altertum vielbegehrten
-Tieres, einer Purpurschnecke. In ihrer Weise bewohnt auch solche
-kleine Purpurschnecke eine Burg, deren Tor sie verteidigen muß. Und
-wie man an alten Burgtoren noch die unten offenen »Pechnasen« sieht,
-aus denen siedendes Pech auf die Angreifer herabgeträufelt wurde, so
-überschwemmt auch die gereizte Purpurschnecke ihren Gegner mit einem
-scheußlichen Stinksaft aus ihrem Tor. Er hat aber die Eigenschaft,
-am Lichte trocknend in herrliche Farbtöne auszuklingen, mit denen
-heute noch spanische Fischer ihre Hemden zeichnen, während einst
-hier der schlichte Ausgangspunkt der großen Purpurindustrie lag, der
-diesem eigentlich recht zuwideren Stinkschneckenvolk im alten Byzanz
-sogar einmal den offiziellen Titel der »kaiserlichen Purpurschnecken«
-eingetragen hat.
-
-Er ist nie bis in ihre eigene dämmernde Seele eingedrungen, der pompöse
-Name, und wenn diese Purpurkinder in ihrer schwachen Burg überhaupt ein
-Bild des Menschenwesens führen, so wird es auch nur das eines großen
-Ungeheuers sein, das ab und zu durch ihr Tor will oder ihre ganze Burg
-schleifen will -- wert aller Stinktöpfe dieser Burg. Solches Tier hatte
-aber nicht nur lange vor Schliemanns Goldstadt und ihren Schicksalen
-die Burg und die Pechnasen gefunden in seiner Art. Es hat in äußerst
-kunstvoller Weise, durchaus voraufeilend der Menschentechnik, an
-seine Burgen auch schon gelegentlich Türen gesetzt, regelrechte
-Festungstore, hinter denen es auch in gespannter Sorge stand, wie die
-Helden und Mädchen von Troja, und deren Splittern oder Bestehen auch
-ihm Glück oder Tod bedeutete. Den Weg dazu in höherer Ähnlichkeit zum
-Menschenwerk finden wir allerdings zunächst auch beim Tier nur, indem
-wir den Begriff der Burg selber bei ihm noch etwas vertiefen -- das
-aber können wir leicht.
-
-Das Haus unserer Purpurschnecke ist wohl eine kleine Burg, insofern es
-den weichen Körper hinter einer Art Zementmauer aus kohlensaurem Kalk
-einmauert bis auf die einzige nötige Türöffnung. Aber abgesehen vom
-Material dauern doch noch alle Zeichen dabei des rein persönlichen
-Panzers: es ist nur sozusagen ein steinerner Mauerpanzer, der immer am
-Leibe mit herumgetragen wird.
-
-Auf dieser Stufe blieb indessen die organische Technik der Natur nicht
-überall stehen.
-
-Lebhaft gedenke ich noch daran, wie mir selber einst aus antikem Schutt
-in Syrakus ein solcher Harnisch einer Purpurschnecke in die Hand
-fiel. Ordentlich gespenstisch hauchte es wie noch umgehendes Altertum
-daraus an. Zugleich aber rührten die Finger an eigentümliche lange
-äußere Dornen des Gehäuses, Zinnen gewissermaßen dieser kleinen Burg,
-wie ich sie im großen eben an der Menschenburg von Syrakus gesehen.
-Im Leben des Tieres mochten auch diese spitzen Auswüchse irgendeine
-Hilfe geboten haben neben Kalkwand und Stinktopf. Gerade das aber
-erinnerte lebhaft an ein anderes, nicht direkt molluskenhaftes, aber
-auf ähnlicher Mittelstufe stehendes Geschöpf der gleichen Gewässer, das
-auch in ähnlichem Mauerharnisch steckte und dazu noch diesen ganzen
-Mauerumfang mit dem wirksamsten Stacheldraht überzogen hatte: den
-Seeigel.
-
-Wenn man solchem Seeigel in seiner bekanntesten Gestalt am Seestrande
-begegnet, so erscheint er als das wahre Ideal eines uneinnehmbaren
-kleinen Forts. Es zeigt nicht einmal das große Ausfalltor der
-Schneckenburg, sondern nur winzige Schießscharten, durch die feinste
-Saugfüßchen geschoben werden, wenn es gilt, das starre Fort in eine
-Art beweglichen Panzerautomobils zu verwandeln. Der Stacheldraht
-selber ist bisweilen vergiftet, und zwischen seinen Spitzen sitzen
-perfide Greifzangen, die im kleinen an die Wundermaschinen zum Packen
-der feindlichen Krieger erinnern, mit denen einst Meister Archimedes
-Syrakus verteidigt haben soll. Solcher Seeigel ist selber meist ein
-Räuber, und man ahnt nicht, was seinem so verbarrikadierten Raubnest
-gefährlich werden könnte. Und doch bemerkt man, daß diesen lebendigen
-Stacheldrahtfestungen vielfach ihr Fort allein nicht genügt und daß
-sie danach streben, es noch einmal unter den Schutz einer größeren
-Befestigungslinie zu stellen.
-
-Mit Staunen sieht man die Seeigel an der harten unterseeischen
-Felsküste die Pfade der alten Diluvialmenschen gehen, die sich in
-Höhlen bargen. Diese Urmenschen suchten sich die natürlichen Höhlen
-ihres Landes aus. Die Seeigel, resoluter noch als sie, schaffen sich
-die Höhlen selber erst, indem sie das eisenharte Gestein buchstäblich
-anfressen, aufnagen mit den allerdings auch stahlharten Zähnen ihres
-mächtigen Kauapparats, den man die »Laterne des Aristoteles« nennt.
-Doflein, unserer prächtigsten Tierbeobachter und Tierschilderer einer,
-hat sie am Vulkanfels der japanischen Küste so bei der Arbeit gefunden,
-den Darm noch erfüllt mit den abgefressenen Gesteinssplittern dieses
-ungeheuerlichen Mahls. Ist das verwegene Werk aber geglückt, der Fels
-tunnelartig geöffnet, so fahren sie mit ihrem Panzerautomobil erst
-als zu ihrer fortan eigentlichen Schutz- und Trutzburg ein. Wer aber
-sind die Eroberer, die solche Stachelkugel zu solcher Doppelverwahrung
-zwingen könnten?
-
-Hier beginnt das Kapitel von der vielleicht schrecklichsten Waffe der
-ganzen Natur.
-
-Wir kehren noch einmal zur Schnecke selbst zurück. In der gangbaren
-Meinung ist Schnecke wie Muschel das harmloseste, hilfloseste Wesen,
-das weder Mensch noch Mittier zu schaden vermag. Als es einmal hieß,
-Hollands ganzer Schutz, das Holz seiner Dammpfähle, sei vom Bohrwurm
-(in Wahrheit einer Bohrmuschel) bedroht, konnte man mindestens im
-ersten Punkte doch stutzig werden. Ähnliche Bohrmuscheln wühlen aber
-nicht bloß im Holz, sondern sie graben auch ganz nach Seeigelart Höhlen
-in den härtesten Stein. Berühmt sind die antiken Säulen von Pozzuoli
-bei Neapel, die vermutlich einst aus einem Fischbassin ragten und
-damals an der Basis von solchen zähen Bohrern tief durchlöchert worden
-sind. In der Regel wird auch hier einfach mechanisch geraspelt. Wo aber
-reiner Kalkstein beliebt, da taucht noch ein unheimlicheres Mittel auf.
-
-Das Molluskentier sondert eine scharfe Säure ab, die den Stein
-unmittelbar anätzt, löst, sozusagen chemisch verbrennt. Wir wissen,
-was das für Säuren sein müssen, denen selbst der Kalkstein einer
-Marmorsäule unterliegt, etwa Schwefelsäure. Vor rund sechzig Jahren
-hat der Bonner Zoologe Troschel denn auch zuerst festgestellt, daß
-gewisse Schnecken in ihrem Speichel in der Tat freie Schwefelsäure
-ausspritzten, so stark, daß sie den Marmor italischer Fußböden angriff.
-Eine kühne Sache, aber ein glänzendster Kunstgriff der Natur für ein
-Tier, das Felsen anbohren sollte. Gewisse Bohrmuscheln bewähren's denn
-auch, und gern möchte man es dem Seeigel drüben selber so gönnen. Aber
-gerade hier mischt sich ein neuer, überraschender Gedanke ein.
-
-Wenn der schönste bunte Cipollinmarmor der himmelragenden Säule, die
-sonst der Jahrtausende spottet, machtlos zerfällt, verbrennt vor
-der Schwefelsäurespritze des Molluskentieres -- wie hoffnungslos
-muß solcher furchtbaren Chemie die gewöhnliche Panzerwand eben auch
-des Seeigels verfallen sein, die doch auch ihre Stärke nur in der
-Kalkeinlage hat. Wie Wachs an der Sonne müßten ihre Platten vor einem
-Angriff dieser Art dahinschmelzen, die wehrlose Blöße des Insassen
-nackt offenbarend. Nun aber wissen wir: die vom Molluskenvolk sind
-keineswegs auch im Verhalten zu ihren Mitvölkern da unten alle sanfte
-Lämmer. Gewaltige Schnecken, jene allbekannten, oft als Kriegstrompeten
-verwendeten Tritonshörner, Ungetüme von selber schier uneinnehmbarer
-Burg, haben sich der Schwefelsäurespritze wirklich bemächtigt, nicht
-als harmloser Technik zum Einbrennen in den Fels, sondern als einer
-verheerenden Waffe.
-
-Alle schauerlichsten Sagen kommen kaum gegen das Bild auf, das hier
-entsteht: der Drache, der mit seinem sengenden Atem und Geifer Wald
-und Haus verheert -- die Teufelsspinne, die sich dem Ritter durch den
-Helm bis ins Hirn brennt. Unerbittlich, wo sie ihm im freien Wasser
-begegnen, halten diese Schwefelsäuredrachen den auf seinen Saugseilen
-und beweglichen Stacheln kunstvoll heranbugsierten Panzerwagen des
-Seeigels an, begießen ihn mit ihrer infamen Säure, öffnen die angeätzte
-Stelle vollends mit der Raspel ihrer Zunge und fressen den armen
-nackten Passagier heraus. Und auf der Flucht vor diesen Scheusalen
-geschah es also, daß die Seeigel sich noch einmal in besonderen
-Höhlenburgen wie in gesicherten Automobilschuppen zu bergen begannen,
-bereit, lieber harte Steinsplitter zu zerkauen, als sich dauernd den
-chemischen Stichflammen der Schwefeldrachen preiszugeben.
-
-Sobald aber Tiere in künstliche Höhlen einfuhren, mußte auch das
-Problem gegeben sein, die Höhle durch eine künstliche Tür beliebig
-abzuschließen.
-
-Den Diluvialmenschen wird das früh bewegt haben, wenn draußen der
-grimme Höhlenlöwe durch die Nacht brüllte. Der halbtierische Zyklop
-bei Homer wälzt wenigstens einen rohen Steinblock vor. Freilich, der
-Seeigel selber hat's noch nicht. Wenn man ihn herausziehen will, stemmt
-er sich mit aller Gewalt seines beweglichen Stacheldrahts gegen die
-Höhlenwände, als müsse das genügen. Aber er so gut wie die Schnecke
-haben ihren eigenen Leibespanzer doch aus Kalkmaterial körperlich
-selber aufgebaut, sozusagen ausgeschwitzt. Nun sitzt der Panzer noch
-einmal im Überpanzer, dem engen Höhlenhals. Sollte einer da drinnen
-nicht ebenso, wie die Schwefelsäureschnecke nach außen ins Fremde
-hinein zerstören konnte, so nach außen ins Fremde auch etwas weiter
-aufbauen? Etwa auch etwas absondern, das zeitweise den verdächtigen
-Höhleneingang ganz zubaute?
-
-Am eigenen Häuslein kennt die Schnecke ja schon so etwas auf
-Widerruf. Nach zwei Methoden. Bald scheidet sie für ihre ungestörte
-Winterschlafzeit oder auch allzu dörrende Wüstenhitze einfach eine
-provisorische, wieder lösbare spanische Wand vor ihrer Schalentür
-aus ähnlichem Kalkschleim ab, wie er die Schale selbst erzeugt hat.
-Oder sie verwertet ein altes Schildbürgerprinzip: wie der dort
-sich ein Stück Blech in den Hinterboden der Hose als die im Kampf
-gefährdetste Stelle einnähen ließ, so führt sie vorsorgend schon ein
-hartes Schildstück in ihren sonst weichen Fußrücken, und das klemmt sie
-gegebenenfalls einfach wie ein Monokel in die Türrundung.
-
-Zunächst das letztere Prinzip hat dann mehrfach Freunde gefunden.
-Bekanntlich lieben es manche Krebse, sozusagen auf Raub und Schummel
-sich nachträglich in leere Schneckenhäuser einzunisten. Solche
-Aftermieter bevorzugen nun auch, so gut es ihnen gegeben ist (sie
-können nicht so leicht Kalk sabbern wie der echte Hausherr, die
-Schnecke), die Schildbürgermethode -- sie klemmen, oft doch auch höchst
-kunstgerecht, ihre Scheren und Beine in die ledige Türöffnung, zum
-Zeichen, daß sie nicht zu sprechen sind, und es langt auch so.
-
-Aber in der selbstgegrabenen Burghöhle wird diese Methode doch schon
-schwerer. Gehen muß sie im Notfall ja auch. Bei den Kolobopsisameisen,
-die in hohlen Zweigen wohnen, muß stets ein treuer Soldat des Volkes
-sich mit dem vorne genau abgestutzten Dickkopf wie ein Pfropfen in die
-Tür zum Bau klemmen, wobei der lebendige Verschluß so gut paßt und
-in Farbe und Rauhigkeit der Oberfläche so genau von außen die Rinde
-fortsetzt, daß so leicht keiner hier eine Tür überhaupt ahnt. Bei einer
-Spinne (~Cyclosoma~), die sich senkrechte Erdschachte gräbt, wird gar
-das eigene Hinterteil so benutzt, das, aufgeblasen und dann ganz jäh
-völlig platt abgeschnitten, eine Art natürlichen Sektpfropfens bildet.
-
-Aber wenn schon die Höhle ein selbstgefertigtes Fremdding an sich
-sein soll, wieviel besser wäre es, auch diese äußerliche Höhlentür
-wäre zuletzt wieder ein Fremdwerk, erst zweiter Hand aus irgendeinem
-gegebenen Material gezimmert. Und diese letzte praktische Folgerung
-hat endlich die sogenannte Minier- oder Tapezierspinne (Nemesia- und
-Cteniza-Arten Südeuropas) im Bann der Entwicklung gezogen. Sie gräbt
-sich Schutzschachte horizontal in Abhänge hinein, vor allem auch als
-wohlverwahrte Kinderstuben. Hier hat es Zweck, die Tür hinter sich zu
-schließen, auch wenn sie selber ausgeht. Ihre große Naturtechnik ist
-aber das Spinnen. Mit dichter Spinnseide hat sie schon den Schacht
-selber wie mit einer Tapete, die dem Abbröckeln der Wände wehrt, ganz
-ausgeklebt. Was kann es dieser Meisterin verschlagen, auch einen
-kreisförmigen Vorhang zu weben, der den Eingang deckt. Aber sie webt
-ihn nicht ganz zu, sie schafft ihn als lose bewegliche Platte, die
-bloß oben in einem Scharnier hängt. Sie webt Erde darein, so daß er
-selber auch als Tür von außen das Loch nicht verrät. Und sie klappt den
-Deckel auf, wenn sie hinaus will, hinter ihr fällt er an dem schrägen
-Hang dann von selber wieder zu. Ist sie aber daheim, so wendet sie für
-den, der doch das Versteck entdeckt hat, die gleiche Art noch obenein
-an wie jene Ameisenwache: sie krallt ihre Klauen in kleine Löcher der
-Türfüllung, stemmt sich fest im Schacht auf und hält krampfhaft die
-Pforte zu.
-
-Es fehlte bloß noch, daß sie einen Riegel vorschöbe, so wären wir ganz
-wieder in Troja ...
-
-
-
-
-Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan
-
-
-Zwei neue volkstümliche Heldentypen hat uns der Weltkrieg geschenkt:
-den Luftfahrer und den Unterseebootfahrer.
-
-Bisher hing an beiden etwas sozusagen Wissenschaftliches, wie meist
-zuerst bei neuer Technik. Jetzt sind sie in die Romantik der Volksseele
-eingewachsen: junge Prachtgestalten in der Überfülle sehniger Kraft,
-mit eisernen Nerven, die, mit der Kinderruhe des Selbstverständlichen
-im blauen Auge, das Unmögliche möglich machen, leuchtend siegen und,
-wenn es sein muß, leuchtend untergehen. Die Liebesliteratur der Folge
-wird sie finden, wenn sie einen modernen Helden braucht.
-
-Bei uns wird eben Technik, was sonst Märchenzauber war. Die Sage
-hat sie ja zu allen Zeiten und bei allen Völkern schon gehabt, die
-Wunderbaren, die zwischen uns traten und freiten bloß wie ein schöner
-Mensch -- die aber plötzlich sich dann wieder aus dem Arm der Liebe
-lösten, ihr Schwanenkleid anzogen und durch die Lüfte davonfuhren oder
-als Nix in den dunkeln Wassern untertauchten.
-
-Wieder in der Sage selbst aber lag es wie ein tiefes Erinnern, daß
-der Mensch, Geisteskönig dieser Welt, eigentlich auch das alles
-beherrschen, besitzen müsse in geweihter Stunde, was Fisch und Vogel
-bereits einmal hatten. Aber nur einzelnen Auserwählten gelang es. Den
-anderen blieb nichts als unendliche Sehnsucht, wenn der Schwanenritter
-auffuhr oder Melusine wieder versank. So enden auch die Liebesmärchen
-von diesen Wundermenschen neuer Elemente durchweg tragisch -- das
-Element, dessen Grenze kühn überschritten war, trennt die Liebenden
-doch wieder zuletzt, und der Verlassene bleibt der Erde, wenn der
-andere wieder in seine Wolken oder Wellen kehrt.
-
-Ich weiß nicht, ob es irgendwo eine Sage gibt, wo der Flieger eine Nixe
-liebt -- das Wunderbare das Wunderbare selber; es müßte aber, meine
-ich, wohl eine besonders traurige Geschichte sein von Himmel und Tiefe,
-die unmöglich dauernd zueinander können. Und doch hat ihn die Natur
-auch schon einmal verwirklicht, diesen kühnsten Traum ...
-
-Wenn vor dem grauen Nebelhimmel heute eine Schar Wildgänse hoch über
-uns dahinsteuert -- zu jener charakteristischen Keilform geordnet,
-von der auch unsere Aviatiker sagen, daß sie bei einer Fliegergruppe
-hinter einem Leitflieger die einzig richtige zur Vermeidung des
-Luftwirbels vom Vordermann sei --, oder wenn im tiefen grünen Rhein
-die Pilgerschaft der Lachse still hinauffährt vom fernen Meer bis zum
-ragenden Alpenfels, -- so wissen wir wieder, wie sie früh schon bei
-Aeroplan und Unterseeboot angelangt war, diese proteisch schaffende
-Natur. Und wo ihr einer großer Lebensinhalt unerbittlich waltet, der
-harte Daseinskampf, da gewahren wir auch, wie solches natürliche
-Luftboot gelegentlich mit dem natürlichen Wasserboot sich wenigstens
-begegnet im Zusammenstoß solcher Fehde.
-
-Auf dem sonnenüberglänzten märkischen See vor meinem Fenster ist es
-mir ein alltäglicher Anblick, wie eine der großen schwarzgrauen Krähen
-urplötzlich ihr gespenstisches Naturluftschiff wie einen Stein lotrecht
-auf die Wasserfläche herabsausen läßt, um dann beim Wiederaufsteigen im
-Schnabel weithin leuchtend den weißen Unterseebootskiel eines Fisches
-in die Lüfte zu entführen. Nicht immer läuft das so einseitig glücklich
-ab. Wiederholt hat man alte starke Karpfen oder Hechte gefangen, die
-im Rücken eingewachsen die eisenharten Klauen des Fischadlers trugen:
-das Boot des Fisches hatte hier, rechtzeitig noch untertauchend, das
-Flugzeug des Vogels an seiner Harpune mit in die Tiefe gezogen und dann
-mit der wunderbaren Heilkraft der Natur das furchtbare eigene Leck
-wieder ausgeheilt.
-
-Um aber auf meine Liebesgeschichte zu kommen, so muß ich zuerst ein
-Wintermärchen erzählen. Es ist kurz und spielt im Apfelbaum.
-
-In der eisigen Dezembernacht, wenn sonst alles Kerbtiervolk zur
-Rüste gegangen ist, zeigt sich dort die seltsame Cheimatobia, der
-Frostschmetterling. In schwankendem Aeroplan von unscheinbarem Grau
-umkreist er die kahlen Stämme wie der abgeschiedene Geist dieser frohen
-Sommerkinder vom Falterreich, der in den kalten Tartarus verbannt
-ist. Er -- wohlverstanden aber nur er, der Liebhaber. _Sie_ hat kein
-Flugzeug. Sie ist ein armselig verkümmertes Wesen in dem Punkt,
-das in solcher Nacht des Frostes und der Naturöde auf den eigenen
-Zappelbeinchen irgendwo an einem Stamm emporklettern mußte. Da sitzt
-es nun und wartet geduldig, bis der Schwanenritter aus dem Dunkel
-auftaucht und zu ihm niederschwebt.
-
-Wie er es überhaupt finden mag? Die Natur hat ja für solche
-verwickelten Wege ihres Liebeslebens so manchen raffinierten
-Ariadnefaden. Bei unseren niedlichen Glühwürmchen, jenen kleinen
-Käfern, wo auch der Jüngling auf etwas unbeholfenem Aeroplan das
-Luftmeer durchkreuzt, während die ungeflügelte Maid ohne Schwanengürtel
-an der Küste ihres Moosbodens seiner harren muß, stellt diese Maid
-ein natürliches Lämpchen bei sich heraus wie Hero ihrem nächtlich
-anschwimmenden Leander. Die Sage ist nicht so kühn gewesen, im
-letzteren Falle ihrem schönen Mädchen Locken zu verleihen, die so
-süß dufteten, daß sie allein in finsterer Nacht den Weg über den
-Hellespont hätten weisen können. Zu solcher Wirkung denken wir uns kein
-schönes Mädchen mehr, sondern es müßte wohl schon ein ganzes Land voll
-aromatischer Düfte sein, wie man die blühenden Küsten der tropischen
-Gewürzländer oder gewisser Mittelmeerinseln tatsächlich schon über das
-Meer hin riecht, ehe die Feste selber sichtbar wird. Und doch tut's
-gerade bei Schmetterlingen wirklich schon das schöne Mädchen allein.
-Auf zwei Kilometer weit, über alle Qualmfabriken, Wurst- und Käseläden
-einer ganzen Stadt hinweg (weiß Gott, was das besagen will!) lockt der
-Duft gefangen gehaltener Pfauenaugenmädchen die jungen Bewerber heran,
-wie ganz einwandfreie Beobachtungen festgestellt haben. Und so wird
-wohl auch die verliebte Cheimatobia der Winternacht ihren heimlichen
-Magnet haben.
-
-Aber diese ganze Winterliebe zwischen Erdenmädchen und Luftfahrer
-bildet doch nur ein schüchternes Vorspiel zu dem, was in abgeschiedener
-Stille deutscher Gewässer, wo nächtlich die Sterne sich im schwarzen
-Grunde spiegeln und schwankes Wasserkraut, wie bewegt von unsichtbaren
-Nixenhänden, mit der dunklen Strömung auftaucht und wieder versinkt,
-das einzigartige Tier Acentropus vollbringt. In gewissem Sinne das
-wunderbarste Geschöpf unserer ganzen Heimat! Wenigen erst ist es
-vergönnt gewesen, bisher einen Zipfel vom Schleier seiner Geheimnisse
-zu lüften, so unter anderen Zeller und unserem trefflichen Stuttgarter
-Meister Kurt Lampert, die ihr Studienmaterial an besonders bedeutsamem
-deutschen Fleck fanden.
-
-Solange wir Menschen von Luftschiffahrt singen und sagen werden, so
-lange wird uns der Bodensee in der Erinnerung ein geweihtes Stück Erde
-bleiben. Den alten Reiter traf der Schlag, weil er sich versehentlich
-über das Eis gewagt. Den bewußten Menschengeist, der sich gerade hier
-selbstwillig zum erstenmal durch die freie Luft gesteuert, hat kein
-Schlag beirren können. Viele Jahrtausende aber, ehe der ungeheure
-Schatten des ersten Zeppelin über diesen schönen Sonnenspiegel ziehen
-sollte, ist hier wohl schon ein kleiner Schmetterling vom Volk der
-Zünsler oder Lichtmotten zu verborgener Nachtstunde in seiner Weise
-nahe dem Wasser hin mit lenkbarem Luftschiff gefahren -- nach jener
-uralten Weise, die das schwache Insektengeschlecht einst in den Sümpfen
-der Steinkohlenzeit sich mit kühner Neuerung errungen, indem es
-plattenartige Anhängsel seines Brustrückens zu mächtigen Luftrudern
-ausgestaltete. Er ist dahingefahren und hat etwas gesucht -- auch er
-ein Schwanenritter -- eine Braut, die gleich dem Mädchen im Apfelbaum
-selber nicht fliegen konnte. Aber was irrt er gerade über den Wassern
-dabei herum?
-
-Es hat immer etwas Rührendes für den Menschen, auch das einfachste
-Gemüt, gehabt, wenn er weitab vom Lande auf grauer Wasserwüste solchem
-einsam verflatterten Schmetterling begegnete. Dem Seefahrer erschien
-er wie ein Gruß aus der Heimat, aber zugleich auch als ein armer
-Verirrter, den das Spiel der Winde ins Verderben trieb. Lenau, dessen
-düsterer Geist hier ein Sinnbild des eigenen zerrissenen Lebens sah,
-verglich ihn auf solcher Fahrt einem verwegenen Denker, der sich dem
-Tode voraus ins »Geistermeer« gewagt und nun in der Wüste verloren
-gehe, »von wannen keine Wiederkehr«.
-
-Aber keinem dort ist wohl je der Gedanke gekommen, daß der zarte
-Luftfahrer auf seinen zitternden Flügelchen wirklich da draußen etwas
-suchen könne -- in den Wassern selber, über die er mühsam steuerte.
-Der Schwanenjüngling Acentropus über seinem nächtlich stillen Bodensee
-aber sucht wirklich und wahrhaftig eben in den Wellen unter sich nichts
-Geringeres als seine in ein anderes Element verzauberte Braut.
-
-Der Naturspuk hat sie ihm, dem Luftkinde, dem Flieger, verkehrt in
-ein ewiges Wasserkind, eine Nixe. Diesmal geht der Gegensatz nicht
-bloß darauf, daß das geflügelte Männchen eines Schmetterlings
-ein ungeflügeltes Weibchen suchen muß. Sondern wenn der männliche
-Acentropus ein regelrechter Luftschmetterling gleich anderen ist, so
-ist, mag es noch so unglaublich klingen, sein zugehöriges Weiblein
-der einzige bisher bekannt gewordene Fall eines Wasserschmetterlings
--- eines regelrechten Unterwasserschmetterlings. Fisch und Vogel,
-Unterseeboot und Aeroplan, Nix und Schwanenritter -- und diese
-Gegensätze verteilt auf ein Liebespaar der gleichen Art!
-
-Vom Wesen eines Schmetterlings, der unter Wasser lebt, sich ein Bild zu
-machen, ist ja schon an und für sich ein gewisses Kunststück. Von der
-ersten bis zur letzten Stunde seines Daseins haust das Nixenweibchen
-vom Hause Acentropus ausschließlich in seinem Kristallschloß der
-Wassertiefe. Nie verläßt es sein feuchtes Reich, auf nichts anderes
-versteht es sich als auf das Wasser. Im Wasser ist es selber aus seinem
-Puppenschrein gekrochen. Wenn der gewöhnliche Schmetterling da oben
-im rosigen Licht, irgendein Admiral oder Fuchs, aus der Puppe kommt,
-so sind seine Aeroplanflügelchen ja auch zuerst noch eingefaltet und
-feucht und er muß abwarten und proben, bis er sozusagen »trocken hinter
-den Ohren« ist, dann aber schwingt er sich frei davon und freut sich
-ihres prächtigen Tragens. Die Schmetterlingsnixe braucht das alles
-nicht. Ihre verkümmerten Flügel werden überhaupt nie trocken und reif.
-Mit den Vorderbeinchen hält sie sich an Wasserpflanzen fest, ganz wie
-das Frostmädchen an seinem Apfelbaum, während sie die anderen stark
-befiederten Glieder beständig wie kleine Schaufelrädchen lebhaft
-schwingend bewegt.
-
-Und wie sie es geworden, so werden auch ihre Kinder zunächst alle
-wieder echte Nixenkinder. Unter dem Wasserspiegel im Kristallreich
-der Mutter kriechen sie als niedliche Wasserräupchen aus den
-Eiern, leben in kleinen Gehäusen aus Wasserblättern, denen die
-untergetauchte Pflanze selber Luft gibt, und schlafen ihre Puppenzeit
-in wohlverankerten, schön silberglänzenden, da auch mit Luft erfüllten
-Mosesschifflein aus eigenem Seidengewebe aus.
-
-Dann aber kommt das Wunder im Nixenreich.
-
-Aus solcher Nixenpuppe steigt, wenn es ein Töchterchen werden
-soll, ganz folgerichtig weiter auch wieder ein der Mutter gleicher
-Wasserschmetterling, eine Nixenbraut, die in der Tiefe verharrt. Da,
-dort aber ringt sich etwas ganz anderes vor: jeder Jüngling erscheint
-wieder mit dem alten stolzen Schwanenkleide seines Stammes. Sogleich
-strebt er auch aus dem Nixengrunde wieder in die freie Lufthöhe hinauf.
-Er entfaltet dort die Ruderflügel seines schönen natürlichen Aeroplans
-und könnte nun fern dahinschweben, den Sonnenhalden seiner entfernteren
-Brüder am Lande zu, weitab vom vergessenen Storchteich der Nixenheimat.
-Und doch sehen wir auch ihn diesen Weg nicht ganz einschlagen.
-
-Ein dunkler Bann scheint ihn auch jetzt doch noch an die Nähe des
-Wasserspiegels zu fesseln wie jenen Geisterschmetterling Lenaus.
-Sein Leben ist kurz. Und doch steckt in ihm noch der große Sinn, dem
-alles Schmetterlingsdasein zu tiefst geweiht ist: die Liebe. Aber die
-Nixenmädchen seines Volkes sind ja im Kristallgrunde verblieben. Und
-das nun bestimmt unabwendbar auch des freien Luftfahrers Tun. In den
-kurzen Abendstunden, die ihm nur vergönnt sind, muß auch er rastlos
-über dem verlassenen Kinderteiche schweben, ob nicht doch eine solche
-Nixe irgendwo auftauche.
-
-Und sie schwimmen in solcher Feierstille der Nacht wirklich dicht zur
-Oberfläche heran, die Nixenmädchen, auch sie im dunkeln ererbten Wissen
-des Naturwillens, daß für ihr Geschlecht umgekehrt die Liebe von oben,
-aus den Himmeln niedersteige.
-
-Und nun vollendet sich, was sonst nur der wilde Kampf vollbrachte, im
-Frieden der Liebesharmonie.
-
-Das Unterseeboot taucht zur äußersten Grenze seines Wasserbereichs. Der
-Aeroplan senkt sich bis hart auf den Spiegel. So im Kuß der Elemente
-finden sich die Liebenden.
-
-In der Sage steigt Perseus auf seinem Flügelpferde herab und erlöst
-die am Felsen über den Wassern angekettete Braut. Oder in der anderen
-taucht Leander aus den Wassern zu seinem schönen Mädchen Hero empor.
-Hier aber vermischen sich alle Legenden. Hero selber taucht aus dem
-Hellespont, und zu ihr nieder senkt sich im Mondlicht der Schatten des
-Flügelreiters.
-
-Aber im Märchen von der schönen Melusine stirbt auch der Ritter zuletzt
-im Nixenkuß zur Sühne einer freventlichen Störung des Geheimnisses
-im Bund der fremden Elemente. Der strenge Geschichtschreiber der
-Natur vermerkt hier, daß auch im Hause Acentropus bisweilen, wenn
-auch ungewollt, der Nixenleib bei jäher Störung der verschwiegenen
-Liebesstunde den kühnen Flieger ganz in die Wasser hinabziehen soll,
-also daß der Liebhaber elendiglich ertrinken muß. Auch die Natur
-scheint der Tragik der vertauschten Elemente also ihren Tribut zu
-zahlen ...
-
-Und vielleicht hat gerade die Gefahr, die hier liegen könnte, den
-Naturwillen oder die Naturzüchtung (wie man's nun ausdrücken mag --
-Menschenausdruck bleibt ja immer nur Stückwerk) noch zu dem letzten
-Wunder genötigt, das uns Acentropus zeigt.
-
-Zu gewissen, angeblich genau geregelten Zeiten entwickelt dieser
-seltsamste Schmetterling nämlich neben den geflügelten Männchen
-_zwei_ verschiedene Sorten von Weibchen, von denen die eine ebenfalls
-beflügelt und zur freien Luftfahrt und reinen Aeroplanliebe geeignet
-ist. Zu den regelrechten Nixenmädchen und Schwanenrittern erscheint
-diese Nebengeneration wie eine Art hilfsweisen dritten Geschlechts.
-Aus den Puppenwiegen steigt mit ihr eine bestimmte Anzahl bevorzugter
-Bräute auf, die regelrechte Walküren sind, auf ebenso schönen
-Aeroplanflügeln sich emporschwingen können wie die Schwanenritter
-selbst und nunmehr in freier Seeluft hoch über den Wassern ihre Helden
-vom gleichen Element suchen und finden mögen.
-
-Es ist, als gehe hier auch durch das wilde Naturmärchen der
-Schatten der Erlösung, der den Frosch doch wieder zum Prinzen, den
-Nixenschmetterling wieder zum Luftfahrer befreit ...
-
-Wir aber beugen uns vor den Schauern und Geheimnissen dieses Alls,
-das immer groß bleibt, ob Du nun zu flammenden Sonnen gehst oder zu
-der Liebesnacht eines Schmetterlings auf stillem See -- und aus dem
-immer etwas klingt -- -- etwas klingt -- -- -- als wenn es in unseren
-innigsten Träumen wäre -- und doch auch im kältesten Raum da draußen
--- -- -- etwas, von dem wir aber eigentlich noch kaum angefangen
-hätten, es zu begreifen -- --
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Korrekturen:
-
- S. 63: konnte → könnte
- Hier {könnte} ein sehr respektables Organ
-
-
-
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