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diff --git a/59773-0.txt b/59773-0.txt new file mode 100644 index 0000000..db19dec --- /dev/null +++ b/59773-0.txt @@ -0,0 +1,6710 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59773 *** + + + + + + + + + + + + + Verstand schafft Leiden. + + + [[Kyrillisch: Gore ot` uma.]] + + Schauspiel in vier Akten + und + in Versen nach dem Russischen des Gribojädoff metrisch übertragen + von + Dr. Bertram. + + + Den Bühnen gegenüber als Manuscript zu betrachten. + + + Leipzig, + In Commission bei F. A. Brockhaus. + 1853. + + + + + Personen. + + + FÁMUSSOFF, Chef einer Kronsbehörde. + SOPHIE, dessen Tochter. + TSCHÁTZKI, ihr Jugendfreund. + MOLTSCHÁLIN, Fámussoff's Sekretair und in dessen Hause wohnend. + LISETTE, Sophiens Kammermädchen und Vertraute. + Oberst SCALOSÚB. + PLATÓN GÓRITSCHEFF. + NATALIE, dessen junge Frau. + REPETÍLOFF. + SAGORÉTZKI. + MAD. CHLESTOW, Fámussoff's Schwägerin. + Die Gräfin CHRUMIN. + Deren Enkelin, eine unverheirathete Dame. + Fürst TUGOÚCHOFFSKI. + Die Fürstin, dessen Gemahlin. + Die erste } + zweite } + dritte } + vierte } Fürstin Tochter. + fünfte } + sechste } + Herr N. + Herr D. + Gäste beiderlei Geschlechts, Diener, Lakeien &c. + + Das Stück spielt in Moscau, im Hause Fámussoff's, etwa zehn Jahre + nach dem französischen Kriege. + + + + + Requisite bei der Aufführung. + + + Erster Akt. + +Eine Spieluhr; ein Flöten- und Clavierspieler hinter der Scene. Ein +Leuchter mit einem brennenden Wachslicht. Eine Mappe (für Moltschálin). + + + Zweiter Akt. + +Ein Ofen mit hoher Spalte und einer kleinen Abstufung (auf welche +Fámussoff hinaufsteigen will). Ein Buch (Kalender) für den Diener. Ein +Glas Wasser. Ein schwarzes Tuch für Moltschálins Arm. + + + Dritter Akt. + +Ein Theaterbillet für Sagorétzki. Eine Karte für Moltschálin. + + + Vierter Akt. + +Pelze, Überschuhe, allerlei Tücher und Kappen. Brennende Lichter. +Laternen. + + + + + Erster Akt. + + + Saal mit einer Mittel- und einer Seitenthür, die zu Sophiens + Zimmer führt. Neben der Mittelthür steht eine hohe Wanduhr. Man + hört anfänglich die Töne einer Flöte und eines Klaviers. Es ist + früher Morgen. + + + Erste Scene. + + LISETTE + + (ist mitten im Zimmer auf einem Stuhl eingeschlafen. Sie erwacht, + steht auf und sieht sich erstaunt um). + + Es tagt? Wie schnell ist doch die Nacht vergangen! + Ich wollt zu Bett gehn gestern Abend -- Nein! + Es hieß -- Die Augen auf und schlafe ja nicht ein! + »_Der Freund kommt her_,« erhalt dich munter, + Und fielst du auch vom Stuhl herunter! + Nun schlief ich eben ein, da fängt es an zu tagen; -- + Ich muß es ihnen gleich nur sagen, + Die merken es sonst nie! + + (Sie klopft an die Seitenthür.) + + Nun meine Gnädigsten?! -- Fräulein Sophie! + Ihr Abend dauert bis zum hellen, lichten Tage; + Ums Himmelswill'n, so hören Sie doch was ich sage! + Mein Fräulein! Herr Moltschálin! Sind Sie taub? + + (Sie geht von der Thür weg.) + + Die haben jede Furcht vergessen! + Nun wartet nur, ich glaube fast + Der Alte kommt noch her als ungebetner Gast. + _Das_ ist ein Dienst bei Fräulein -- bei verliebten!![1] + +[Fußnote 1: Bis dahin muß die Musik immer zu hören sein.] + + (Sie geht wieder zur Thür.) + + So trennen Sie sich doch! -- Es ist ja Morgens früh! + Wie? + + SOPHIE (hinter der Scene). + + Wie viel Uhr ist's? + + LISETTE. + + Das ganze Haus erwacht. + + SOPHIE (wie oben). + + Wie viel Uhr ist's? + + LISETTE. + + Sechs, sieben, acht! + + SOPHIE (wie oben). + + Das ist nicht wahr! + + LISETTE. + + O Amor, du verwünschter Wicht! + Es ist doch klar, + Sie hören mich und können + Noch immer sich nicht trennen! + Und warum öffnen sie die Laden nicht? + + (Sie wendet sich zur Uhr.) + + Ich stell den Zeiger vor; ich weiß, es giebt Verdruß, + Allein ich muß! + Ich lasse alle Glocken spielen, + Denn wer nicht hören will -- muß fühlen! + + (Sie steigt auf einen Stuhl und stellt die Wanduhr, die zu spielen + anfängt.) + + + Zweite Scene. + + LISETTE und FAMUSSOFF (im Schlafrock, tritt durch die Mittelthür + ein, Lisette erschrickt und springt vom Stuhl herunter). + + LISETTE. + + O je, der Herr! + + FAMUSSOFF. + + Der Herr, nun ja! + Du Naseweis -- was machst Du da? + + (Er hält das Glockenspiel an.) + + Ich konnte den Spektakel nicht begreifen; + Das war ein Klingeln und ein Pfeifen! + Sophie -- die konnt's so früh nicht sein; + Bald klang's wie ein Klavier und bald wie eine Flöte. + Das fiel mir wirklich gar nicht ein, + Daß Du es seist, Du kleine Kröte. + + LISETTE. + + Ich weiß nicht recht, wie es geschehn -- + Ich kam daran ganz aus Versehn. + + FAMUSSOFF. + + Ganz aus Versehn? -- Vor euch nehm' man sich nur in Acht. + Du that'st es sicher mit Bedacht. + + (Er schäkert mit ihr.) + + Du kleiner netter Schelm! + + LISETTE. + + Ein Schelm sind Sie! Ich will das nicht! + Steht Ihnen das wohl zu Gesicht? + + FAMUSSOFF. + + O Tugendheldin, sei kein Kind! + Du hast im Kopf doch nichts als Wind. + + LISETTE. + + Windbeutel selbst! Sie denken nicht daran, + Daß Sie ein alter Mann. + + FAMUSSOFF. + + Nun, ja, + Beinah'! + + LISETTE. + + Und dann + Kommt wer, was fängt man an? + + FAMUSSOFF. + + Wer denn? Sophie schläft. + + LISETTE. + + Erst eben schlief sie ein. + + FAMUSSOFF. + + Erst eben? Und die Nacht? + + LISETTE. + + Das Fräulein las, und hat gewacht. + + FAMUSSOFF. + + Nun sieh' mal was das für Manieren! + + LISETTE. + + Französisch las sie laut bei festgeschlossnen Thüren. + + FAMUSSOFF. + + Sag ihr, sie soll sich nicht die Augen ruiniren. + Vom Lesen, muß ich frei gestehn, + Kann ich nicht großen Nutzen sehn: + _Ihr_ raubt den Schlummer die _französische_ Lectüre + Und mich -- mich schläfert's fürchterlich, + Sobald ich nur ein russisch Buch berühre. + + LISETTE. + + Wenn sie erwacht, sag' ich's Fräulein Sophie, + Doch jetzo, bitt' ich, gehen Sie! + + FAMUSSOFF. + + Warum? + + LISETTE. + + Sie wecken sie. + + FAMUSSOFF. + + Wodurch sollt' ich sie wecken? + Selbst läutet sie wahrhaftig zum Erschrecken + Mit ihrer Uhr, und trommelt aus der Ruh' + Die ganze Nachbarschaft mit ihrer Symphonie! + + LISETTE (sehr laut). + + Ach hören Sie doch auf, ich bitte Sie! + + FAMUSSOFF (hält ihr den Mund zu). + + Still doch, so schrei nicht, bist Du ganz von Sinnen? + + LISETTE. + + Ich fürcht', wenn Sie noch länger bleiben, daß -- + + FAMUSSOFF. + + Und was? + + LISETTE. + + Ach Herr, Sie wissen's doch, Sie sind kein Kind -- + Wie leicht erweckt die jungen Mädchen sind, + Kaum geht die Thür, kaum flüstert man ein Wort, + Gleich ist der süße Morgenschlummer fort. + Und Alles hören sie. + + FAMUSSOFF. + + Ach, Alles dummes Zeug! + + SOPHIE (hinter der Scene). + + Lisette! + + LISETTE. + + Gleich, mein Fräulein, gleich. + + FAMUSSOFF. + + St! (schleicht auf den Zehen fort.) + + LISETTE (allein). + + Ach Gott, von unsern Herrn + Halt' man am besten sich recht fern! + In jedem Augenblick ist man gewiß gewärtig, + Daß gleich ein neues Unglück fertig; + O wenn man doch von diesen beiden + Den größten Leiden + Verschont nur bliebe: + Von Herrenzorn und Herrenliebe! + + + Dritte Scene. + + LISETTE. SOPHIE (tritt mit einem Licht aus ihrem Zimmer) MOLTSCHÁLIN + (folgt ihr). + + SOPHIE. + + Lisette, welch ein Lärm! was fällt Dir ein? + + LISETTE. + + Die Trennung scheint recht schwer zu sein, + Verschlossen bis zum Tag, und doch nicht zur Genüge! + + SOPHIE. + + Wahrhaftig, es ist Tag! + + (Sie löscht das Licht aus) Der Tag + Erschien -- und auch der Kummer! -- -- -- ach! + Wie doch die Nächte schnell vergehn! + + LISETTE. + + Nur zu, Sie mögen sich beklagen, + Allein, das muß ich Ihnen sagen, + Für einen Dritten ists nicht auszustehn! + Der alte Herr war da + Und ich war einer Ohnmacht nah, + Ich wandt' mich hin und her + Und log ihm vor die Kreuz und Quer. + (Zu Moltschalin) Und Sie, was bleiben Sie denn noch? + So machen Sie Ihren Bückling doch + Nur schnelle! + Das Herz steht nicht an rechter Stelle! + So sehn Sie nach der Uhr! Sie glauben, daß ich spaße! + Die ganze Welt ist längst schon auf der Straße! + Im Haus ist Alles schon erwacht, + Man fegt, in Ordnung wird das Haus gebracht, + Und Sie, Sie stehn noch da wie angebunden! + + SOPHIE. + + Ach Glückliche -- -- die zählen nicht die Stunden! + + LISETTE. + + Nur immer zu! Ei sicherlich + Ist's angenehm, die Zeit sich zu versüßen; + Allein wer anders wohl als ich + Wird noch zuletzt für Alles büßen? + + SOPHIE (zu Moltschálin). + + So gehen Sie, wir müssen scheiden + Und einen ganzen Tag voll Langerweile leiden. + + LISETTE. + + So lassen Sie die Hände doch nur fahren! + (sie trennt sie) Nun endlich, -- laß uns Gott bewahren! + + (Moltschálin geht ab; wie er bei der Mittelthür ist, öffnet sie sich + und Famussoff tritt angekleidet herein, er bleibt stehn und sieht + Moltschálin verwundert an.) + + + Vierte Scene. + + DIE VORIGEN. FAMUSSOFF. + + FAMUSSOFF. + + Was tausend ist denn das? Sind Sie es wirklich? + + MOLTSCHÁLIN (sehr verlegen). + + Ja! + + FAMUSSOFF. + + Zu dieser Stunde hier? + (erblickt Sophie) Und auch Sophie? Ei guten Morgen + Sophie, Du bist auch da? + Was hast Du hier zu sorgen? + Wie hat Euch Gott zu dieser Stunde + So wunderlich zusammen hier gebracht? + + SOPHIE. + + Er kam herein in diesem Augenblick -- + + MOLTSCHÁLIN. + + Von einer Promenade erst zurück + Trat eben ich ins Haus. + + FAMUSSOFF. + + Freund, hören Sie, es könnt nicht schaden, + Sie suchten sich zu Morgenpromenaden + Ein andres Gäßchen aus! -- + Ei, Fräulein Tochter, ei, kaum aus dem Bett gesprungen + Zusammen gleich mit einem Herrn, + Mit einem jungen! + Sag, schickt sich das für Mädchen wohl von fern? + Des Nachts liest Du Romane und Gedichte, + Und das sind nun die saubern Früchte! + Das Alles nur kommt von der Schmiedebrücke + Und von den ewigen Franzosen her. + Da holen wir uns Moden, Musen, Dichter + Und ähnliches Gelichter, + Und drum ist Herz und Beutel leer! + Wann wird der Himmel uns erretten + Von ihren Hüten, Hauben, Ketten -- + Von ihren Salben und Pomaden + Und den Bisquit und Bücherladen!! + + SOPHIE. + + Verzeihen Sie --! Ich bin schon ganz benommen, + Und kann vor Ueberraschung nicht zu Athem kommen. + Sie traten ja so rasch und plötzlich ein -- + Wie sollt' ich nicht erschrocken sein? + + FAMUSSOFF. + + Ich danke ganz gehorsamst! -- Ei wie fein! + Ich lief, ich hab' erschreckt, ich kam so plötzlich! + Nicht wahr, das war von mir entsetzlich? + Ich, Fräulein Tochter, hab' den ganzen Tag zu thun, + Da ist kein Rasten und kein Ruh'n; + Der Kopf ist mir vom Dienste wie benommen, + Es ist ein ew'ges Gehn und Kommen, + Und ich -- auf dem schon Alles liegt, + Konnt ich erwarten, daß man mich betrügt? + + SOPHIE (in Thränen). + + Wie so mein Vater? + + FAMUSSOFF. + + Nicht geweint! + Gieb Acht, was ich Dir sage; freilich meint + Man immer, daß ich ohne Ursach schelte, + Doch, hör' mich an, wenn ich Dir noch was gelte; + Man that von deiner Wiege an + Für Dich, was man nur irgend kann. -- + Die Mutter starb; ich hatt' die glückliche Idee + Und nahm in der Madame Rosier + Dir eine zweite Mutter dann + Für eine starke Gage an. + Die goldene Alte -- folgte deinen Tritten -- + Klug war sie, sanft, von tadellosen Sitten; -- + -- Wenn Eins nur nicht gewesen wär'! + Eins habe ich ihr sehr verdacht: + Durch nur fünfhundert Rubel jährlich mehr + Ward sie uns abspenstig gemacht! -- + Doch lassen wir Madam' -- an der da lag es nicht. + Was brauchst Du anderer Exempel? + Mein Haus gleicht einem Tugendtempel, + Des Vaters Beispiel lehrt Dir Pflicht! + Da -- schau mich einmal an! + Ich sage nicht, ich sei ein junger Mann + An Jahren, -- + Doch bin ich frisch bei meinen grauen Haaren, + Dazu bin ich doch Wittwer, bin doch frei, + Herr meiner Handlungen dabei! + Und dennoch leb' ich so, daß jeder, der mich kennt, + Mein Leben exemplarisch nennt. + + LISETTE. + + Doch dürft' ich fragen, Herr, wie's -- -- + + FAMUSSOFF. + + Schweig'! + Ein schreckliches Jahrhundert! -- -- + Allein -- was ist man so verwundert, + Daß Alles altklug jetzt und weise vor den Jahren, + Und unsere Töchter ganz voran, + So daß man sie vor Thorheit und Gefahren + Mit Müh' und Noth kaum schützen kann. + Wir Einfaltspinsel! + Wir haben selbst das Unglück uns gebracht, + Ja! -- Die Manie zum fränkischen Gewinsel, + Die fremden Sprachen haben das gemacht. + Landstreicher nimmt man heutzutag ins Haus -- + Die Herrchen sollen Alles lehren + Dem Töchterchen -- Tanz und Gesang, + Mit Seufzern und mit Seelendrang + Und Ziererei -- -- + Gott steh uns bei! + Man möchte schwören, + Daß wir sie auferziehen traun! + Zu nichts als zu Seiltänzer-Fraun. + + (Er wendet sich zu Moltschálin.) + + Und nun zu Ihnen, junger Fant: -- + So also wird die Güte anerkannt? + Ein schöner Dank! + Bedenken Sie doch Ihren Lebenslauf! + Wer hob Sie aus dem Plebs herauf? + Wer schaffte Ihnen den Assessorrang? + Wer machte Sie zum Secretair? + Wer führte Sie nach Moskau über? + Ich war's -- und ohne mich, mein Lieber, + Versauert wären Sie in Ihrem Twer! + + SOPHIE. + + Wozu, mein Vater, zählen Sie das her? + Wozu der Streit -- + Um eine Kleinigkeit? + Moltschálin wohnt im Hause hier -- + Er tritt herein und irrt sich in der Thür. + + FAMUSSOFF. + + Er irrt' sich, oder wollte er sich irren? + Wie aber kam'st denn Du zu gleicher Zeit herein? + Das kann nicht bloßer Zufall sein. + + SOPHIE. + + Sie sollen das sogleich erfahren: + Als Sie hier erst mit Lisa waren + Hat Ihr Gespräch mich aus dem Schlaf erweckt, + Und darum rannt' ich her, ganz ungemein erschreckt. + + FAMUSSOFF. + + Am Ende kommt's heraus, daß mir die Schuld gehört, + Ich habe sie, wie's scheint, zur Unzeit hier gestört! + + SOPHIE. + + Die größte Kleinigkeit, ein Wort -- geflüstert kaum -- + Kann aus unruh'gem Schlaf mich wecken; + Wenn ich erzählte meinen Traum, + Verständen Sie auch meinen Schrecken. + + FAMUSSOFF. + + Ein neu Histörchen? + + SOPHIE. + + Was ich sah' + Im Traum, soll ich's erzählen? + + FAMUSSOFF. + + Nun, ja, ja! (er setzt sich.) + + SOPHIE. + + Ja -- sehen Sie -- ich stand von Blumen rings umblüht + Auf einer Flur -- und war bemüht + Ein Kraut zu suchen; -- müht' mich sehr -- + Doch welch ein Kraut es war, das weiß ich jetzt nicht mehr; + Da, -- plötzlich -- tritt ein junger Mann + Zu mir heran! + Ganz offenbar gehörte er zu Denen, + An die wir uns beim ersten Blick gewöhnen, + Und so -- als wären wir von Ewigkeit bekannt. + Wir wurden ganz vertraut, -- er war gewandt, + Einschmeichelnd, und er zeigte viel Verstand, + Doch war er schüchtern -- -- wie -- Sie wissen alle sind + Die arm geboren. + + FAMUSSOFF. + + Halt mein Kind, + Um's Himmelswill'n geh weiter nicht, + Für Dich passt doch kein armer Wicht! + + SOPHIE. + + Doch schnell war Himmel, so wie Flur verschwunden; + Wir haben plötzlich uns + In einem dunklen Raum gefunden, + Und denken Sie, wie wunderbar! + Der Boden öffnet sich -- und Sie mit struppigem Haar, + Blaß wie der Tod -- Sie steigen draus empor. + Nun riß sich donnernd auf ein Thor, + Und Ungeheuer, weder Mensch noch Thier, + Ergriffen ihn, der neben mir. + Sie quälten ihn, der all mein Lebensglück -- + Ich will zu ihm -- sie halten mich zurück -- + Geschrei und Röcheln, wie ein Höllenchor + Trifft mit Gewalt mein banges Ohr -- + Er ruft mir aus der Weite -- fern, + Ich will zu ihm so gern, so gern -- -- + Da wach' ich auf! man spricht -- es waren Sie! + Wie -- denke ich -- der Vater hier so früh? + Ich eile her und find' Sie alle beide. -- + + FAMUSSOFF (nach einer kurzen Pause). + + Ja freilich, dieser Traum war schlecht; + Da ist so allerlei, betrachtet man ihn recht, + Ein bischen Lüge, ohne Zweifel + Und Liebe, Blumen, Schreck und Teufel! + (Zu Moltschalin) Doch Sie Mosje? + + MOLTSCHÁLIN. + + Ich hörte Ihre Stimme, -- -- + + FAMUSSOFF. + + Nun das ist gut! -- -- + Was doch so eine Stimme thut! + Sie haben Alle sie gehört + Und sind vor Tagesanbruch aufgestört, + Sie suchten also mich? Was kann Sie zu mir führen? + + MOLTSCHÁLIN. + + Ich komme mit Papieren. -- + + FAMUSSOFF (springt auf). + + Dacht' ich's doch, + Das fehlte mir gerade noch! + Mein Gott, Sie sind ja wie versessen + Mit Einemmal auf Schreiberein? + + (Zu Sophie.) + + Nun, Töchterchen, wir wollen das vergessen! + Zwar können Träume seltsam sein, + Doch in der Wirklichkeit hört man von Dingen, + Die oft viel seltsamer noch klingen, + Als das, was uns im Traum erscheint. + Statt eines Kräutleins fand'st Du einen Freund, + Doch schlage Dir das dumme Zeug + Nur aus dem Sinne gleich. + Das Wunderliche hat nur selten Sinn, + Drum geh' hinein und leg' Dich wieder hin. + + (Zu Moltschálin.) + + Wir wollen gehn + Um die Papiere durchzusehn. + + MOLTSCHÁLIN. + + Ich bracht' sie eben dazu her, + Denn sie bedürfen dessen sehr: + Sie widersprechen sich und sind nicht in der Form. + + FAMUSSOFF. + + Herr Sekretair -- das nehmen Sie zur Norm: + Eins fürcht' ich wie die Pest -- + Wenn man sich Schriften häufen läßt. + Doch würdet Ihr nur Euren Willen haben, + Man säße in Papier begraben. + Drum merken Sie sich dieses Wort: + Was unterzeichnet ist, muß fort! + Ob's richtig, ob es falsch auch sei, + Mir einerlei! -- + + (Gehen ab, an der Thür läßt Famussoff den Moltschálin vorangehen). + + + Fünfte Scene. + + SOPHIE. LISETTE. + + LISETTE. + + Da haben Sie's! Das sind die Früchte! + Nun, eine saubere Geschichte! + Doch Scherz bei Seit', das war' nicht gut, + Ich bin ganz hin und mir ist schlecht zu Muth. + Ein Fehler ist ja doch nicht »alle Welt« -- + Doch schlimm ist's, wenn die Leute davon reden. + + SOPHIE. + + Mir einerlei, frei steht das einem jeden, + Und schwatzen mag er, wie es ihm gefällt. + Allein, der Vater wird uns was zu schaffen machen; + Er ist so heftig und so rauh in solchen Sachen, + Und so war's immer, + Allein von jetzt an wird's gewiß noch täglich schlimmer. + + LISETTE. + + Ich seh's ja; es ist Gott zu klagen! + Ich urtheil' nicht nach Hörensagen; + Drum -- denken wir an alle Fälle: + Sperrt er Sie ein und bleib' ich nur zur Stelle, + So steht die Sache immer noch ganz gut, + Doch, Gott bewahr', wollt' er in seiner Wuth + Mich und Moltschálin aus dem Hause jagen + Dann wären Sie doch wirklich zu beklagen! + + SOPHIE. + + Sieh', ist das Schicksal nicht voll Eigensinn! + Was Schlimmres geht uns oft so hin, + Und schlimm geht's wo wir gar nichts ahnen! + Sanft floß die Zeit in dem Genuß der Kunst, + Wir standen -- schien's -- beim Schicksal recht in Gunst, + Nicht Bangen noch Besorgniß fühlten wir, + Und sieh' -- das Unglück saß schon vor der Thür! + + LISETTE. + + Das kommt davon! -- Sie haben leider nie + Auf mich gehört und nun -- nun sehen Sie! -- + Was braucht es besserer Propheten? + Sie müssen dies Gefühl in Ihrem Herzen tödten. + Ich sage Ihnen: hier auf Erden + Wird draus in Ewigkeit nichts werden! + Ihr Vater ist gerade so gesinnt + Wie's Alle hier in Moskau sind: + Zum Schwiegersohne hätt' er einen gern + Mit hohem Rang und Ordensstern; + Doch trotz der Sterne und der Ränge + Ist mancher dennoch in der Enge, + Drum sucht er Ihnen auch noch einen reichen Mann, + Der Aufwand macht und Bälle geben kann; + Zum Beispiel: Scalosub gehört zu dieser Zahl -- + Ein Sack mit Gold gefüllt und nächstens General. + + SOPHIE. + + Das wäre schön! Ein solcher fehlt mir g'rade! + Er kennt ja nichts als Reih'n und Fronten und Parade. + So ein Kamaschenheld! + Aus seinem Mund, so lang er auf der Welt + Kam nie ein kluges Wort; + Geh' mir mit Deinem Oberst fort! + Ins Wasser springen -- ihn zum Ehgemahl, + Das wär' mir beides gleich fatal. + + LISETTE. + + Nun ja, er schwatzt und hat das Pulver nicht erfunden, + Doch sagen Sie mir unumwunden: + Wer hier wohl von Civil und Militair + Beredter, witziger und feiner wär + Als Tschatzki -- nun -- ich wollte Sie nicht necken -- + Das ist nun längst vorbei, Gott weiß, wo er mag stecken -- + Doch die Erinnerung -- -- + + SOPHIE. + + Oh, ich erinnere mich: + Die Leute zu verspotten wußt' er meisterlich! + Er amüsirte mich -- er wußte Spaß zu machen; + Mit jedem kann man ja zusammen lachen. + + LISETTE. + + Nur lachen? Ach, als er hier Abschied nahm, + Schwamm er in Thränen ganz, als er von Ihnen kam. + Ich sprach ihm zu: Was weinen Sie denn so? + Sie reisen doch und sind nicht froh! + »Ich weine, Lischen, nicht umsonst« sprach er, + »Die Trennung fällt mir, ach, so schwer! + »Kehr ich zurück, was steht mir dann bevor, + »Wer weiß zu sagen wohl, was ich alsdann verlor!« + Der arme Herr, ihm ahnt', daß in drei Jahren -- -- -- + + SOPHIE. + + Du könntest besser Deine Zunge wahren! + Ich geb' es zu, daß ich vielleicht + Ihn allzuschnell vergessen; + Leicht handelt' ich -- indessen + Sag mir frei, + Wem brach ich je die Treu'? + Mit Tschatzki -- freilich -- bin ich auferzogen, + Wir waren uns als Kinder recht gewogen, + Beisammen stets, zu allen Stunden, + Und durch Gewohnheit schon verbunden. + Doch später endete der Frieden, + Es kam mir vor, als hätt' er uns gemieden. + Es schien ihm hier nicht zu behagen, + Und selten kam er noch ins Haus -- + Dann kam er plötzlich wieder -- führte Klagen + Und sah verliebt und melancholisch aus. + Er war von Witz und Schwermuth die Vereinung, + Und scharf war für die Schwächen Anderer sein Blick; + Doch hatt' er in der Freundschaft sehr viel Glück + Und drum von sich die höchste Meinung. + Und wie veränderlich war nicht sein Sinn! + Die Lust zu reisen riß ihn plötzlich hin. + Ach, wer uns wirklich liebt, der sucht nicht weiter Geist + Und bleibt so lang nicht fort! + + LISETTE. + + Wo ist er hingereist? + In welchem Land, an welchem Ort? + Man sagte er curirt sich auf den Wässern; + Krank ist er nicht -- + Er mögte wohl die Laune sich verbessern. + + SOPHIE. + + Gewiß, dort ist er froh, wo Lächerliche sind! + Der, den ich liebe, ist nicht so gesinnt; + Der opfert sich für Andere mit Freuden, + Stets artig ist er, stets bescheiden. + Respectvoll ist er, niemals kühn -- + Verwegen sah ich niemals ihn. + Er nimmt die Hand mir, drückt sie dann und wann + An's volle Herz; + Dann seufzt er, recht aus tiefster Seele -- + Allein kein freier Scherz + Kommt über seine Lippen. -- Ich erzähle + Die Wahrheit Dir; wir sitzen Hand in Hand + Und blicken uns ins Auge unverwandt. + (Lisette lacht) Du lachst! warum? Sag', welch ein Grund + Ist hier, aus vollem Halse so zu lachen? + + LISETTE. + + Ach Gott, das Lachen ist gesund; + Ich lachte über andre Sachen: + An Ihre Tante hab' ich grad gedacht, + Und über sie hab' ich gelacht: + Der Schmerz der Guten war so tief, + Als der Franzose von ihr lief; + Das Täubchen wollte vor Verzweiflung sterben, + Ihr Haar zu färben + Vergaß sogar die arme Frau + Und in drei Tagen -- war sie grau! + + (Sie lacht.) + + SOPHIE (verdrießlich). + + Solch dummes Zeug wird man von mir auch sagen! + + LISETTE. + + Verzeihen Sie, das wird wohl Niemand wagen, + Ich hatte mir nur vorgenommen + Nach so viel ärgerlichen Dingen + Zum Lachen etwas Sie zu bringen. + + + Sechste Scene. + + DIE VORIGEN. EIN DIENER. + + DIENER. + + Herr Tschatzki ist so eben angekommen. + + (Ab.) + + + Siebente Scene. + + DIE VORIGEN. TSCHATZKI. + + TSCHATZKI. + + Kaum tagt's -- und ich bin da und lieg' zu Ihren Füßen! + + (Küßt ihr die Hand mit Feuer.) + + Was giebt's? Sie wollen mich nicht wieder küssen? -- + Sie haben mich erwartet? Nicht? + Sind sie erfreut? -- Ach nein! -- Sehn Sie mir ins Gesicht! + Sie sind verwirrt! -- Nichts mehr? -- Welch ein Empfang? + Als ob die Trennung keine Woche lang! + Als ob wir gestern uns zu zweien + Auf's schrecklichste gelangweilt hätten. + Kein Fünkchen Liebe, wie? Und ich -- der hundert Meilen + Durchflog in Sturm und Wetter ohne Weilen -- + Ich, voller Sehnsucht und mit Herzensbeben -- + Ich stürme her auf Tod und Leben -- + Wie oft warf nicht der Schlitten mit mir um -- + Nicht schloß mein Auge sich in fünf und vierzig Stunden, + Und _die_ Belohnung hat mein Heldenmuth gefunden! + + SOPHIE. + + Ach Tschatzki, wie mich's freut, Sie wieder hier zu sehn! + + TSCHATZKI. + + Sie sind erfreut? Ei das ist schön! + Doch muß ich aufrichtig gestehn: + Die Freude pflegt wohl anders auszusehn! + Mir scheint es fast zuletzt, + Als ob mein Jagen + Und Pferd- und Leute-Plagen + Mich wohl nur ganz allein ergötzt! + + LISETTE. + + Wenn Sie gelauscht doch an der Thür -- + Bei Gott, vor fünf Minuten sprachen wir + Von Ihnen noch! Das Fräulein wird es sagen! + Nicht wahr? Hier sprachen wir, in diesem Zimmer? + + SOPHIE (ironisch). + + Und nicht nur jetzt, nein -- immer! + Sie haben keinen Grund zu klagen, + Denn Niemand konnt' vom Ausland kommen, + Den ich um Nachricht nicht befragt: + Ob er von Ihnen nichts vernommen? + Doch Niemand hat mir was gesagt. + Wer nur besuchte unser Haus, + Selbst Weltumsegler fragt' ich aus, + Ob man Sie nicht gesehen hätte + In -- irgend einer Postcarette! + + TSCHATZKI. + + Schon gut, es mag drum sein! + Beglückt wer glaubt, ihm geht es wohl auf Erden! -- + Mein Gott! So ist es wahr, daß ich zurück! + Daß ich durchflog so weite Räume! + Daß ich Sie fand, doch nicht den alten Blick + Aus jener Zeit der Jugendträume? + Wo sind die Stunden hin, wo wir noch spielten + Und nichts als Lust im Busen fühlten!! + Hier pflegten wir uns zu verstecken, + Das war ein Lärmen, war ein Necken; + Wir sprangen über Stuhl und Bett -- + Ihr Vater spielte dort Piquet + Mit Ihrer alten, guten Bonne, + Und in dem dunkeln Winkel -- hier -- + Da saßen oft als frohe Kinder wir, + Und schreckten auf beim Knarren jeder Thür; + O Kinderzeit, o Zeit der Wonne! + + SOPHIE. + + Ja -- Kinderei'n! + + TSCHATZKI. + + Ja, Zeiten die da waren! + Sie wuchsen auf! -- Mit siebzehn Jahren + Sind Sie jetzt unvergleichlich schön, + Und wissen es, das müssen Sie gestehn, + Und darum schau'n Sie sittsam Niemand an. + Sind Sie verliebt? Und wär's mein Tod, + O, sagen Sie es schnell! Sie werden roth?! + + SOPHIE. + + Wer würde nicht verlegen werden + Bei solchen Fragen und Geberden? + + TSCHATZKI. + + So bitt' ich Sie, mir doch zu sagen: + Wonach sollt' ich in Moskau sonst wohl fragen? + Es herrscht doch stets das alte Einerlei; + Ein Ball ist heute, morgen zwei. + Der feiert Hochzeit, einem ist's gelungen -- + Ein andrer hat sich einen Korb errungen. + Die alte, ewige Geschichte, + Und in den Stammbüchern die nämlichen Gedichte! -- + + SOPHIE. + + Das arme Moskau! Ja, das kommt vom Reisen her! + Wo ist das Wunderland, wo es denn besser wär? + + TSCHATZKI. + + Wo wir _nicht_ sind! -- Ach sagen Sie mir doch: + Was macht Ihr Vater? Ist er noch + Dem Clubb, dem Englischen nach hies'gem Brauch + Stets treu ergeben bis zum letzten Hauch? + Und dann Ihr Ohm, sieht man ihn stets auf Bällen schweben? + Wie? Oder hat er endlich ausgetanzt? + Und Jener, nun, mit dem Zigeunerteint? + Ein Türke oder Griech' -- Sie wissen, wen ich meine -- + Er hatte wie ein Storch, so schrecklich lange Beine -- + Er war allüberall zu sehen + Auf Bällen und auf Assemblee'n, + Und ganz besonders immer + In jedem Speisezimmer? -- + Und dann die drei Lion's vom Boulevard? + Die jungen Herrn seit funfzig Jahr! + Die Ueberreichen -- an Verwandten; + Ich glaube sicherlich, + Daß an der Million nur wen'ge fehlten, + Da sie, durch ihrer Schwestern Hülfe, sich + Verwandt mit ganz Europa zählten. -- + Nun dann -- und unsere Theatersonne! + Der edle Mann, der keine höhere Wonne + Als Maskarad' und Schauspiel hat! + _Die_ Worte standen stets auf seiner Stirn geschrieben; + Wo ist der Treffliche geblieben? + Sein Haus war grün gemalt, wie ein Zigeunerlager, + Er war der größte Fettwanst in der Stadt, + Doch seine Künstler waren -- mager! + Auf einem Ball bei ihm, da stand, + Erinnern Sie's? verborgen hinter einer Wand + Ein Kerl dem er befohlen + Zu trillern und zu johlen + Wie eine Nachtigall; + Er sollt' uns von dem Ball + Wohl in den Lenz versetzen; + Ein herrliches Ergötzen! + Die Nachtigall, die Sängerin der Haine, + Auf einem Ball beim Lampenscheine! + Und Ihr schwindsücht'ger Vetter da, der Bücherfeind, + Der einst in dem gelehrten Comité erscheint + Und mit Geschrei und Eidschwur wollte, + Daß niemand lesen oder schreiben lernen sollte. + Die Alle soll ich wiedersehn!! + Die Plage ist kaum auszustehn. -- + Doch Fehl und Flecken + Kann man bei jedem wohl entdecken, + Und wer nach Hause kehret, dem + Ist auch + Der Rauch + Der Heimath süß und angenehm. + + SOPHIE. + + Ich säh' Sie einmal gern mit meiner Tante + Um durchzuhecheln sämmtliche Bekannte. + + TSCHATZKI. + + Das Hoffräulein, noch aus Cathrina's Zeit, + Die ganz Minerva's Dienste sich geweiht! + Ich glaub' sie war in ihrem ganzen Leben + Von kleinen Mädchen nur und Möpsen rings umgeben. + Doch _à propos_! Wie ist denn jetzt die Lehrmethode? + Ist es noch immer Mode + Ein Regiment von Lehrern aufzuweisen, + An Zahl vollauf, doch billigst in den Preisen? + Und nicht, als ob sie viel grad' brauchten zu versteh'n: + Befohlen ist's -- bei hohen Strafen + Historiker und Geographen + In jedem hergelauf'nen Wicht zu sehn. + Erinnern Sie sich jenes Alten + Der unser Mentor war? Er pflegte so zu halten + Den Zeigefinger ausgereckt -- + Fast einem Wegeweiser zu vergleichen, + und Rock und Käppchen der Gelahrtheit Zeichen! + Wie oft hat er als Kinder uns erschreckt! + Wie haben wir das oft vernommen, + Nur von dem Ausland könnt' das Heil uns kommen. + Wie sind wir überzeugt, wir armen Thoren, + Daß ohne Deutsche wir ganz rettungslos verloren! + Und der Franzose Guillaumé + Ganz Luft und Wind, + Knüpft er noch nicht das Band der Eh' + Mit irgend einem schönen Kind? + + SOPHIE. + + Mit wem? + + TSCHATZKI. + + Nun jede Fürstin, zum Exempel + Die gute Fürstin Julia + Ging' gern mit ihm in Hymens Tempel. + + SOPHIE. + + Tanzmeister ist er ja! + + TSCHATZKI. + + Und _Ritter_! Ja! -- Von uns verlangt die Welt + Geburt, Erziehung, Rang und Geld -- + Doch Guillaumé ........ + Wie ist der Ton denn heut zu Tage? + Herrscht noch das Sprachgewirr, die alte Ohrenplage? + Wird noch -- selbst auf der kleinsten Assemblee + Und von den Gästen + Bei Kirchweih-Festen + Französisch stets in Brocken aufgetischt? + + SOPHIE (zerstreut). + + Ein Sprachgewirr? + + TSCHATZKI. + + Zwei werden wenigstens gemischt. + + LISETTE. + + Nun, nun, es wär' doch schwer + Aus allen beiden Sprachen + Etwas zu machen, + Was Ihrer Sprache ähnlich wär'. + + TSCHATZKI. + + Ei, schwülstig spreche ich doch nie? -- + Da haben wir's -- da sehen Sie, + Ich nutze die Minuten! + Durch Ihren Anblick ganz in Gluthen + Kam ich in's tausendste hinein, + Und gleich läßt man mich schwatzhaft sein. + Doch weiß ich, daß es Zeiten gab + Wo ich verschlossen wie ein Grab, + Wo ich noch ärmer schien an Geist, + Als Ihres Vaters Secretair, + Moltschálin -- oder wie er heißt -- + Das stille Männchen da aus Twer, + Der stets so artig und geschniegelt! + Hat er sein Schweigen endlich jetzt entsiegelt? + Wo er ein Heft mit neuen Liedchen fand, + War er gleich höflich bei der Hand -- + Bat um Erlaubniß sie sich abzuschreiben; + Doch steigen freilich jetzt auch solcherlei Naturen, + Denn heut zu Tage liebt man stumme Creaturen. + + SOPHIE (bei Seite). + + O, diese Schlange! + (laut und gereizt) Ach, ich wollt' Sie fragen: + Ist's Ihnen wohl passirt, im Ernste oder Scherz + Von Jemand -- im Versehn -- was Gutes wohl zu sagen? + Wenn auch nicht jetzt, vielleicht in Ihrer Jugend? + + TSCHATZKI. + + Was weiß man da von Lastern und von Tugend? + Wozu so weit zurück? Ist es ein schlechter Zug, + Daß ich durch Sturm und Steppen, Tag und Nacht, + Selbst mit Gefahr des Lebens, + Zu Ihnen her den weiten Weg gemacht? + Und Alles, ach, vergebens! -- + Wie sind Sie stolz und kalt! + Ich schau' Sie an seit einer halben Stunde -- + Verloren in die liebliche Gestalt -- + Und ach, nur stärker blutet meine Wunde! + + (Kleine Pause.) + + Erlauben Sie mir diese Frage: + Ist wirklich Alles beißend was ich sage? + Und können Sie den Vorwurf auf mich laden, + Als wollt' ich jemand dadurch schaden? + Wahrhaftig, wenn mein Mund vielleicht auch so gesprochen, + So hat mein Herz doch nichts verbrochen, + Das Wunderliche pfleg' ich zu belachen, + Doch werd' ich ein Geschäft daraus mir niemals machen! + Gebieten Sie ins Feuer mir zu gehn + Für Sie, -- mit Freuden soll's geschehn. + + SOPHIE. + + Nun gut, -- verbrennen Sie! + Doch wenn's mißlänge? -- wie? + + + Achte Scene. + + DIE VORIGEN. FAMUSSOFF. + + FAMUSSOFF (in der Thür). + + Da haben wir's, da steht der Zweite! + + SOPHIE. + + Ach Väterchen, der Traum von heute! + + (Geht ab, Lisette folgt.) + + FAMUSSOFF (bei Seite). + + Verdammter Traum! + + + Neunte Scene. + + FAMUSSOFF. TSCHATZKI (sieht Sophien nach). + + FAMUSSOFF. + + Nun sag', was hast Du denn getrieben? + Wie, in drei Jahren nicht ein Wort geschrieben, + Und plötzlich fällst Du wie vom Himmel nieder! + + (Umarmt ihn.) + + Nun, sei willkommen Freund, willkommen! + Du alter Junge, Du! + Jetzt haben wir Dich wieder! + Nun, Abentheuer konnten Dir nicht fehlen, + Da setze Dich, und nun mußt Du erzählen. + + (Sie setzen sich.) + + TSCHATZKI (nachdenklich). + + Wie ist doch Ihre Tochter schön! + + FAMUSSOFF. + + Ihr junges Volk wißt auf nichts anderes zu sehn, + Als darauf, ob die Mädchen schön. + Da hat sie etwas obenhin gesagt, + Was Deiner Eigenliebe gleich behagt; + Doch Hoffnung hat schon oft betrogen! + + TSCHATZKI. + + Mich hat sie wahrlich nicht verzogen. + + FAMUSSOFF. + + Der Traum von heute -- sagte sie -- + Und Du, Du grübelst nach, ich wette, + Was denn Sophie + Geträumt wohl hätte? + + TSCHATZKI. + + Ich grüble nicht, es fiel mir niemals ein, + Den Sinn von Träumen auszulegen. + + FAMUSSOFF. + + Freund, traue nicht den Frauen! + + TSCHATZKI. + + Nur meinen Augen will ich trauen, + Und das muß offenherzig ich gestehn, + Das Fräulein ist ganz unvergleichlich schön! + + FAMUSSOFF (bei Seite). + + Er ist davon nicht abzubringen! + (laut) Doch sage mir vor allen Dingen: + Wo warst Du denn die ganze Zeit? + Drei Jahre fort, das will was heißen! + + TSCHATZKI. + + Unmöglich kann ich jetzt erzählen! + Die ganze Welt wollt' ich durchreisen + Und kam nicht tausend Stunden weit. + + (Steht schnell auf.) + + Ich muß jetzt fort -- durchaus -- + Ich eilte her und war noch nicht zu Haus. + Nach einer Stunde komm' ich wieder, + Dann setzen wir uns traulich nieder, + An Abentheuern soll es dann nicht fehlen -- + Sie können sie dann aller Welt erzählen. + + (Im Abgehen zu Sophiens Zimmer gewendet:) + + Wie ist sie schön! + + (Ab.) + + + Zehnte Scene. + + FAMUSSOFF (allein). + + Wer ist's nun von den Zwei'n? + »Ach Väterchen, der Traum trifft ein,« + Und sagt's mir laut! Ei, ei, ich muß gestehn + Ich habe mich versehn! + Ich habe einen Bock geschossen, + Und auf Moltschálin meine Galle erst ergossen, + Doch jetzt heißt's: Aus dem Regen in die Traufe! -- + _Der_ ist ein Bettler, _der_ als Seladon bekannt + Und als ein Muthwill und Verschwender + Bei Jung und Alt im ganzen Land! -- -- -- + Was machen uns -- Herr du Gerechter! -- + Für Plagen doch erwachs'ne Töchter! + + (Bleibt nachdenklich stehn. Der Vorhang fällt.) + + Ende des ersten Akts. + + + + + Zweiter Akt. + + + Ein Empfangzimmer mit mehreren Thüren, links ein Fenster. + + + Erste Scene. + + FAMUSSOFF. EIN DIENER. + + (Die Mittelthür wird von einem vorangehenden Diener rasch geöffnet + und Famussoff tritt, elegant gekleidet, herein; an der Thür + bleibt er etwas stehen, um den Diener zu mustern.) + + FAMUSSOFF. + + Hör'! Peter, hör'! An Dir ist stets was neu! + Nun ist am _Ellenbogen_ wieder was entzwei! + (Setzt sich) Nimm den Kalender. -- Doch den liest er + Gerade wie ein alter Küster! + Lies mit Gefühl, Verstand, und dann und wann + Bei Punct und Komma halte an. -- + Doch schreib erst lieber + Auf jenem leeren Blatte da, + Der nächsten Woche gegenüber: + »Am Dienstag zur Baronin Fladen + »Bin auf Forellen ich geladen!« -- + Wie ist die Welt doch wunderbar creirt! + Wenn man darüber erst philosophirt, + So schwindelt der Verstand. -- O je, o je! + Da nimmt man sich in Acht, und dann kommt ein Dinér! + Drei volle Stunden muß man kauen, + Und in drei Tagen kann man's kaum verdauen! + Bemerk' am selben Tag -- ach nein, + Am Donnerstag wird das Begräbniß sein! + O Menschenvolk -- mit deinem leichten Sinn! -- + Wir müssen Alle doch dahin! -- -- -- + In jenen Kasten kommt doch jedermann, + In dem man weder stehn noch sitzen kann. + Doch will sich jemand Lob und Ruhm erwerben: + Hier nehm' ein Beispiel er! + Der Sel'ge war ein achtungswerther Kammerherr -- + Er hatte hinten ja den Schlüssel, + Schafft' auch den Schlüssel seinem Sohn; + Selbst reich, ich weiß das ganz genau, + Vermählt' er sich mit einer reichen Frau, + Und fand Parthie'n für alle seine Töchter. + Nun ist er todt! Als Frommer und Gerechter + Ist er aus dieser Welt geschieden, + Und -- ruht in Frieden! + Und wird beweint von Kind und Kindeskind -- + Die all das schöne Gut nun von ihm erben. -- + Was doch in unserm Moskau hier + Für wicht'ge Männer sind + Und leben hier und -- sterben! -- + Am Donnerstag, schreib eins zum andern, Peter -- + Doch könnt's auch Freitag sein, + Wer weiß, vielleicht auch später, + Muß ich zur Doktorswittwe gehn + Gevatter stehn; + Zwar habe ich noch nichts vernommen, + Allein mir däucht es muß so kommen + Wenn meine Rechnung richtig -- + + + Zweite Scene. + + DIE VORIGEN. TSCHATZKI. + + FAMUSSOFF. + + Ah! -- + Alexander, Du bist da! + Nun -- setze Dich. + + TSCHATZKI. + + Es scheint mir, Sie beschäft'gen sich -- + + FAMUSSOFF (zum Diener). + + Geh, Peterchen. + + (Der Diener geht ab.) + + Ich merkt' Geschäfte an, + Die, Gott behüt's, man leicht vergessen kann. + + (Pause.) + + TSCHATZKI. + + Hab' ich die Stunde etwa schlecht gewählt? + Ich hoffe nicht, daß Ihrer Tochter etwas fehlt! -- + Ja, Sie sind mißvergnügt! Nicht wahr? + Ich seh' es am Gesicht, an Ihren Mienen, + Was fehlet Ihnen? + + FAMUSSOFF. + + Ach, bester Freund, was ist da sonderbar? + In meinem Alter -- ei es ist zum lachen! -- + Soll ich noch Capriolen machen? + + TSCHATZKI. + + Davon ist nicht die Rede, -- sagen Sie + Mir nur -- was macht Fräulein Sophie? -- + + FAMUSSOFF. + + Daß Dich! -- -- Nun Gott verzeih! + Fünftausend mal + Dasselbe Lied zu meiner Qual + Und stets das alte Einerlei: + Bald von dem schönen Fräulein Tochter + Bald von dem kranken Fräulein Tochter + Und nichts im Kopf, als meine Fräulein Tochter! + Sag mir, -- Du hast Dich lang herumgetrieben, + Und jetzt, so scheint mir's -- willst Du Dich verlieben, + Und angelst gar nach meiner Tochter Hand? + + TSCHATZKI. + + Wozu die Frage? + + FAMUSSOFF. + + Ei, mir scheint sie passlich! + Denn sieh', ich bin ein Bischen doch mit ihr verwandt! + Man hat zum Vater mich -- das ist doch fasslich, + Nicht grad' ins Blaue so hinein ernannt. + + TSCHATZKI. + + Und wollt' ich um die Tochter frein, + Was würd' des Vaters Antwort sein? + + FAMUSSOFF. + + Ich sagte Dir zuerst: sei kein Phantast! + Verwalte besser, was Du hast; + Allein vor allen Dingen + Mußt Du's im Dienste weiter bringen. + + TSCHATZKI. + + Dem Staate dient' ich gern -- allein + Ich möcht' + Nicht Knecht + Nicht Diener darum sein. + + FAMUSSOFF. + + Na! + Da haben wir den lieben Hochmuth ja! + Du solltest lieber fragen + Wie unsre Väter es gemacht, + Und mancher da in alten Tagen + Es so erstaunlich weit gebracht. + Wie kann man sich zu dienen schämen? + Ein Beispiel solltest Du am sel'gen Oheim nehmen: + Ja sieh' -- das war ein Mann, + Den man zum Muster nehmen kann! + Er speiste nicht auf Silber -- nein auf Gold! + Es wimmelte bei ihm von Dienern und Lakei'n, + Es mochten wohl an hundert sein! + Mit Orden ganz bedeckt kam er zu Hof gerollt. + Wenn man so sah -- wie ihn im langen Zug + Zum Pallast die Carosse trug, + Man wurde in Bewunderung versetzt. + Er lebte stets bei Hof -- und das war nicht wie jetzt -- + Das war vor Zeiten noch, ja ja! + Das war ein Hof -- wie nie die Welt ihn sah! + Und Männer gab's zu jener Zeit + Von centnerschwerer Wichtigkeit. + Du hättest Dich, wer weiß, wie tief gebückt, + Sie hätten kaum mit dem Toupé genickt, + Und war's ein Günstling, ein Bojar, + So ist's gewiß, daß es noch ärger war; + Sie aßen, tranken -- ganz von uns verschieden, + Nicht so, wie andre Sterbliche hienieden. + Der Ohm? Was sind jetzt Fürst und Graf dagegen! + Ein ernster Blick, ein stolzes Wesen + War stets auf seiner Stirn zu lesen. + Doch hätt' ich den wohl sehen mögen + Der, wenn es Noth that sich zu schmiegen, + So wußte sein Genick zu biegen! -- + An einem Gallatag, vor allen Leuten + Hatt' er das Unglück auszugleiten, + Und so -- daß er sich fast den Hals gebrochen. + Der Alte ächzt und krächzt -- + Und wie er endlich aufgekrochen, + Hat Ihre Majestät zu lächeln ihm geruht; + Ein Allerhöchstes Lächeln!! -- Und was thut + Der Schlaukopf nun! er macht's noch bunter + Und fällt zum zweitenmal und ärger noch herunter. + Man lacht noch mehr, es schallt der Saal, + Und er steht auf und fällt zum drittenmal! + Nun, wie gefällt das Euch? + Wir nennen's einen klugen Streich! + Krank fiel er hin, stand aber auf gesund. + Denn seit der Frist + Wen lud man öfter ein zum Whist? -- + Und wer hat schmeichelhafteres gehört? + Wer wurde so wie er geehrt? + Der Onkel! Und das nennt ihr Kleinigkeit! + Wer wußte so wie er mit Rängen zu belohnen? + Der Onkel, ja! + Wer schaffte so wie er Pensionen? + Der Onkel! Ah? -- + Und nu! + Ihr da, von heute, was sagt _Ihr_ dazu? + + TSCHATZKI. + + Ja, in der That, Sie können seufzend sagen: + Die Menschheit sei verdummt in unsern neusten Tagen. + Wie kann man auch -- nach solchen Streichen + Die neue mit der alten Zeit vergleichen! + Zwar frisch ist noch die Kunde: + Doch klingt sie glaublich nicht im Munde: + Daß der zu Würden kam, + Der nur die meisten Bücklinge geschnitten, + Der nicht des Kriegs ruhmvolle Narbe trug, + Nein, am Parquette sich die Stirn zerschlug! + Der jedem Niederen -- und lag' er auf den Knieen, + Begegnet' unerträglich stolz, + Doch wo ein Mächtiger erschien, + In Artigkeiten fast zerschmolz! -- -- + Man kann mit Recht bezeichnen jene Zeit + Als die der Furcht und Niedrigkeit: + Die niedrigsten und die gemeinsten Triebe + Maskirten sich als Unterthanenliebe; -- + Ich rechne Ihrem Onkel dies nicht zu, + Und lasse seine Asche gern in Ruh' -- + Doch sagen Sie, wer wohl in unsern Tagen -- + Und möcht' ihm Kriecherei auch noch so sehr behagen -- + Wer würd' es wagen + Auf's Spiel zu setzen sein Genick + Für einen gnäd'gen Lächelblick? + Allein in jener Zeit + Erregt' ein solcher Purzelbaum noch Neid, + Und mancher alte Herr hat still bei sich gedacht: + O hätt' ich's doch so klug gemacht! + Ja, Kriecherseelen giebt's auch jetzt auf Erden + Doch fürchtet jeder lächerlich zu werden; + Und nicht umsonst wird jetzt, da sie nun wen'ger kühn, + Von oben solchen Herrn auch weniger verlieh'n. + + FAMUSSOFF (bei Seite). + + Du großer Gott, er muß ein Carbonari sein! + + TSCHATZKI. + + Von solchen Flecken ist die heut'ge Welt wohl rein. + + FAMUSSOFF. + + Gefährlich ist der Mensch! + + TSCHATZKI. + + Jetzt athmet man doch frei, + Und Niemand drängt zum Heer der Narren sich herbei. + + FAMUSSOFF. + + Was spricht er da -- und redet wie gedruckt! + + TSCHATZKI. + + Beim Gönner dann die Decke anzugähnen! + Geduldig warten, höflichst schweigen. + Kratzfüsseln und den Rücken beugen, + Dann, fiel ein Schnupftuch zu den Füssen + Begierig los drauf schießen, + Nach Stühlen laufen, um am Gönnertisch zu speisen! -- + + FAMUSSOFF. + + Das also holt' er sich von seinen Reisen? + Die Freiheit predigt er! Nun eine saubre Führung! -- + + TSCHATZKI. + + Wer auf den Gütern lebt, wer in das Ausland reist -- + + FAMUSSOFF. + + Mein Gott, was ist doch Deine Zunge dreist, + Du sprichst ja gegen die Regierung! + + TSCHATZKI. + + Und wer sich gar erkühnt, + Daß er dem Chef nicht, nur der Sache dient! + + FAMUSSOFF. + + Wär' ich Monarch, ich hielte solche Herrn + Von meiner Hauptstadt fern + Auf einen Büchsenschuß. + + TSCHATZKI. + + Ich lasse Sie zufrieden endlich. + + FAMUSSOFF. + + Nicht auszuhalten ist es -- schändlich! + + TSCHATZKI. + + Ich schalt erbarmungslos auf Ihre Zeit, + Auf die Vergangenheit; + Doch hören Sie, wir wollen uns vergleichen; + Sie können einen Theil von all dem Tadel streichen + Und unsrer Zeit als Ueberschuß verleih'n, + Ich würde nicht darüber schrei'n. + + FAMUSSOFF. + + Ich habe nichts mit Ihnen mehr zu schaffen, + Irrlehren sind's, und solche leid' ich nicht. + + (Er hält sich die Ohren zu.) + + TSCHATZKI. + + Ich streckt' ja schon die Waffen, + Und niemand widerspricht. + + FAMUSSOFF. + + Gut, gut, ich halt' die Ohren zu! + + TSCHATZKI. + + Weshalb? Ich lass' Sie ja in Ruh'. + + FAMUSSOFF (heftig). + + Durchschnüffeln da den ganzen Erdenball, + Maulaffen überall -- + Dann geht's nach Haus, nun sag' mir einer offen, + Von solchen soll man was solides hoffen! + + TSCHATZKI. + + Ich hörte auf. + + FAMUSSOFF. + + Um Gotteswill'n lass' Dich bedeuten! + + TSCHATZKI. + + Ich wünsch' nicht weiter mehr zu streiten. + + FAMUSSOFF. + + Erbarme Dich, lass' mich in Ruh'! + + + Dritte Scene. + + DIE VORIGEN. EIN DIENER. + + DIENER. + + Der Oberst Scalosúb. + + FAMUSSOFF (ohne zu hören). + + Nur zu, nur immer zu! + Du kommst noch unter's Halsgericht! + Das ist gewiß, wie zwei mal zwei macht vier. + + TSCHATZKI. + + Es ist da jemand angekommen. + + FAMUSSOFF. + + Ich höre nichts! Vor's Halsgericht! + + TSCHATZKI. + + Sie haben falsch vernommen: + Es ist ein Fremder vor der Thür. + + FAMUSSOFF. + + Vor's Halsgericht, vor's Halsgericht mit Dir! + + TSCHATZKI. + + So kehren Sie sich um, Sie kriegten einen Gast. + + FAMUSSOFF (dreht sich um). + + Was? Krieg? Rebellion? + Auf Sodoms Schicksal bin ich längst gefasst. + + DIENER. + + Der Oberst Scalosúb hält vor der Thür, + Befehlen Sie ihn zu empfangen? + + FAMUSSOFF. + + Schaafskopf! Natürlich! sagt' ich's Dir + Nicht hundert mal schon? Schneller, lauf -- + Bitt' ihn ergebenst gleich herauf, + Sag', daß ich hocherfreut, sag' Wort für Wort, + Sag', daß ich ihn erwarte, -- pack Dich fort! -- + + (Diener ab.) + + (Zu Tschatzki.) + + Ich bitte Dich Mosje, folg' einmal mir: + Es ist ein angeseh'ner Offizier + Hat, für sein Alter unerhört -- + Schon einen Rang beneidenswerth, + Hat Orden ohne Zahl, + Ist heute oder morgen General, + Dazu ist er solid in seiner Denkungsart; + Ich bitt' Dich, nimm Dich jetzt zusammen. + + (Kopfschüttelnd.) + + Ach, lieber Tschatzki, -- nein! + Nicht alles ist mit Dir -- so wie es sollte sein! -- -- + Er ist recht oft und gerne hier -- + Du weißt empfangen wird ja jedermann von mir. + Die Leute hier vergrößern alles gleich; + Da spricht man in der ganzen Stadt, + Daß er ein Aug' geworfen hat + Auf mein Sophiechen -- dummes Zeug --! + Nun -- möglich wär's -- Sophie ist frisch und roth, + Allein sie ist noch jung; -- ich sehe keine Noth + So bald die Tochter aus dem Haus zu geben. + Er mag sie wohl -- wenn mich nicht alles trügt, + Doch übrigens, wie es der Himmel fügt. + Ich bitt' Dich, kommt er her, + So streite nicht die Kreuz und Quer. + Erwäge doch ein jedes Wort + Und wirf die albernen Ideen fort. + Indeß wo bleibt er denn? Was kann das sein? + Er ging gewiß zu mir, auf jene Seit', hinein. + + (Geht eiligst ab.) + + + Vierte Scene. + + TSCHATZKI (allein). + + Was kommt ihm an! Warum wohl so in Feuer! + Und wie steht's mit Sophie? Das ist bestimmt ein Freier. + Wann that sie je so fremd mit mir, + Und warum ist sie noch nicht hier? + Wer ist der Scalosub? + Dem Vater scheint er ja gewaltig theuer, + Doch ach, es könnte sein + Dem Vater nicht allein! ... + Ja, bleibt drei Jahre nur von Haus, + Dann ist's mit Lieb' und Treue aus. + + + Fünfte Scene. + + FAMUSSOFF. SCALOSÚB. TSCHATZKI (im Hintergrunde). + + FAMUSSOFF. + + Herr Oberster hierher, zu uns, hierher! + Hier ist es wärmer, bitte sehr! + Friert Sie? -- Die Wärme kann man gleich vermehren, + Ich öffne schnell die Ofenröhren. + + SCALOSÚB (im Bass). + + Was, selbst zu klettern, nein, das gebe ich nicht zu! + Auf Offiziersparol, das kann ich nicht erlauben. + + FAMUSSOFF. + + Sie wollen nicht, daß ich für Sie was thu'! + Mein theurer Freund, Sie können glauben + Für Sie, für einen Freund ist alles angenehm. + Nun -- machen Sie's sich recht bequem, + Den Hut hierher, fort mit dem Degen! + Wir wollen ihn bei Seite legen; + Hier ist ein Sopha, federweich. + + SCALOSÚB. + + Wo Sie befehlen -- mir ist's gleich. + + (Sie setzen sich.) + + FAMUSSOFF. + + Ach, bester Freund, hier ist es grad' am Ort! + Von unseren Verwandten erst ein Wort, + Zwar nur entfernt, zur Erbschaft kommt es nicht -- + Ihr guter Vetter gab mir unlängst drüber Licht -- + In welchem Grade ist verwandt + Natalja Nikolajewna mit Ihnen? + + SCALOSÚB. + + Damit kann ich nicht dienen, + Das ist mir nicht bekannt, + Wir dienten nicht bei einem Regimente. + + FAMUSSOFF. + + Herr Oberst! Wenn ich Sie nicht kennte! + Nein, wer mit mir verwandt, + Den such ich auf und wär's + Im Grund des Meers! + Da hab' zum Beispiel jetzt + Die ganze Kanzelei mit Vettern ich besetzt + Ich nehme selten Leute, die mir fremd -- + Sie wissen ja, die Haut ist näher, als das Hemd! -- + Mein Secretair allein ist nicht mit mir verwandt, + Ich nahm ihn wegen seiner schönen Hand. -- + Kommt nun die Zeit heran der Gratificationen, + Da giebt es Kreuzchen hier zu Land, + Und kleine Aemtchen -- allerhand -- + Wie sollte man Verwandte nicht belohnen! + Doch wollen wir zurück auf Ihren Vetter kommen + Der Ihrer Protection so viel im Dienst verdankt. + + SCALOSÚB. + + Ja, Anno dreizehn war's, wir thaten uns hervor, + Zuerst im zweiten, dann im sechsten Corps. + + FAMUSSOFF. + + Beglückt der Vater, dem ein solcher Sohn geworden, + Mich dünkt, im Knopfloch trug er einen Orden? + + SCALOSÚB. + + Ja, für den dritten Mai, Sie haben recht gesehn, + Wir saßen fest in den Transcheen; + Da galt's! -- + Er kriegt's im Knopfloch -- ich am Hals! + + FAMUSSOFF. + + Ein lieber Mann, + Man sieht ihm gleich den Helden an -- + Ein prächt'ger Mensch ist Ihr Herr Vetter! + + SCALOSÚB. + + Er hat sich leider jetzt + Gott weiß was in den Kopf gesetzt! + Er wäre eben avancirt, + Da hatt er grad' den Dienst quittirt, + Und ließ im Stiche Rang und Orden. + Drauf ging er auf sein Landgut hin + Und ist ein Bücherwurm geworden. + + FAMUSSOFF. + + Ja, ja, das Lesen -- o der jungen Thoren! + Was geht dadurch nicht später oft verloren! + Für Sie ist mir, was das betrifft, nicht bange; + Längst sind Sie Oberster und dienten doch nicht lange. + + SCALOSÚB. + + Ich hatt' mit meinen Cameraden sehr viel Glück: + Vacanzen fanden sich fast jeden Augenblick, + Da wurden ältre aus dem Dienst geschlossen, + Und andre -- plötzlich -- todtgeschossen. + + FAMUSSOFF. + + Ja, ja, nur der besteht, + Den Gott erwählet und erhöht! + + SCALOSÚB. + + Doch mancher hat noch größres Pferde-Glück! + Wir gehn nicht weit zurück -- + Da nehmen Sie doch nur einmal + Hier in der funfzehnten Division + Zum Beispiel den Brigadegeneral! + + FAMUSSOFF. + + Mein Gott, Sie müssen es doch selber sagen: + Sie können sich wahrhaftig nicht beklagen! + + SCALOSÚB. + + Ich thu's auch nicht, allein dennoch -- Sie wissen -- + Ich habe nach dem Regiment + Zwei lange Jahre laufen müssen. + + FAMUSSOFF. + + Zwei Jahre laufen -- Element! + Dafür in andern Dingen + Die Sie erreicht + Ist es Sie einzuholen wohl nicht leicht. + + SCALOSÚB. + + Ja, freilich wird im Corps man ältre finden. + Ich trat erst ein + Im Jahre achtzehnhundert neun. + Allein um rasch befördert sich zu sehn, + Kann man verschiedne Wege gehn, + Und hierin bin ich Philosoph, + Ein jeder Weg ist mir egal + Wenn er nur führt zum General. + + FAMUSSOFF. + + Sie haben so vollkommen Recht zu denken. + Gott mög' Gesundheit Ihnen schenken, + Und dann den General, + Und haben Sie den Rang einmal -- + Dann müssen Sie -- was soll das Zaudern sein? + Nach einer Generalin frei'n. + + SCALOSÚB. + + Ich sag' durchaus nicht nein! + + FAMUSSOFF. + + Und das ist doch so leicht, mein Bester! + Da hat _der_ eine Schwester, + _Der_ eine Tochter hier am Ort. + Die Bräute bringt man nicht aus Moskau fort, + Sie mehren sich mit jedem Jahr. + Ach lieber Freund, Sie müssen selbst gesteh'n + Wo kann man in der Welt ein zweites Moskau sehn! + + SCALOSÚB. + + Ja, ungeheure Plätze giebt's zum Exerciren. + + FAMUSSOFF. + + Nicht doch! ich meine den Geschmack und treffliche Manieren, + Die Sitten, die von Alters her noch rühren. + Zum Beispiel nur -- man ehrt den Sohn + Hier um des Vaters willen schon. + Ist auch nicht viel an ihm, es wird ihm doch nicht fehlen, + Besitzt er erblich nur so ein paar tausend Seelen -- + Der Bräutigam ist fertig -- + Und wär' er noch so widerwärtig. + Ein andrer, sei er auch gescheut + Voll Klugheit und Belesenheit + Und vollgepfropft mit hohen Dingen, + Er wird in unsere Verwandtschaft doch nicht dringen; + Denn darin sind wir ohne Tadel + Wir halten noch allein auf alten ächten Adel. + Und das ist's nicht allein! -- was Gastfreiheit betrifft! + Wer hat vollkommner sie gefunden, + Und hätt' er auch die ganze Welt umschifft --! + Die Thür ist auf -- zu allen Stunden; + Geladen oder nicht, es strömt der Gäste Menge, + Den Wirth erfreut besonders das Gedränge, + Ausländer, die natürlich ganz voran -- + Es sei ein Schelm, es sei ein Ehrenmann, + Das ist uns ziemlich gleich, in jedem Falle + Steht unser Mittagstisch gedeckt für Alle. + Ja -- wie man uns betrachten möge, + Vom Hacken bis zum Nacken -- + Wir Moskowiter haben ein absonderlich Gepräge. + Da, nehmen Sie zum Beispiel unsre Jugend + Die junge Welt, die Söhnchen, Enkelein; + O, die sind fein! + Zwar predigen wir streng Moral und Tugend, + Und doch kann oft mit funfzehn Jahren + Der Lehrer viel von ihnen schon erfahren. + Dann unsere alten Herren, welche Geister! + Im Disputiren sind sie Meister. + Wenn es so losgeht über Staat und Krone, + So sprechen sie wie lauter Salomone. + Ein jeder weiß, er ist aus altem Haus, + Was andre denken, was macht er sich draus! + Und die Regierung, wie mit der sie fahren! + Wenn's jemand hörte, lass' uns Gott bewahren! -- + Nicht daß sie grad' was neues wollten -- nein + Behüte Gott; allein sie schrei'n + Und streiten über dies und das + Und wissen selber oft nicht -- was. + So geht es fast bei jedem Schmaus, + Man lärmt und tobt und -- fährt nach Haus. + Wahrhaftig, lauter Kanzler außer Diensten! + + (Leiser.) + + Und im Vertraun -- noch unreif ist die Zeit -- + Doch ohne diese Herrn kommt man gewiß nicht weit. -- + Die Damen gar, das sind die höchsten Richter, + Doch richt' sie einer nur, da machen sie Gesichter, + Und wenn beim Kartenspiel die Stimme sie erheben + Da giebt es oft Tumult, + Daß wirklich alle Fenster beben. + Mit Frauen schenk' uns Gott Geduld, + Ich weiß es leider ganz genau + Ich selber hatt' ja eine Frau! + Wir haben Frau'n, wahrhaftig desperat! + Sie sind in allem firm, schickt sie in den Senat, + Schickt vor die Fronte sie; zum Beispiel da + Irina Wlássjewna, Lukérja Alexiéwna, + Tatjana Júrjewna, Pulcheria Andréewna! + Dann unsere Töchter! Ist's nicht wahr? + Die königliche Majestät im vor'gen Jahr + Als sie geruht zu uns zu kommen zum Besuch, + Konnt' sich verwundern nicht genug. + Sie fand sie grad' nicht klassisch schön, + Doch klassisch wohlerzogen. + Und wahrlich, unsere Töchter sind's auch -- ungelogen -- + Wie sie verstehen sich zu kleiden, + In Mousselin und Sammt und Seiden! + Sie können selbst -- es ist ein Ohrenschmaus + Französische Romanzen singen, + Und von den Noten zwingen + Die allerhöchsten sie heraus. -- + Besonders hängen sie am Militair, + Das -- kommt vom Patriotismus her. + Ja, ja, man suche nach in allen Reichen, + Man forsche nach von Land zu Land, + Nichts ist mit Moskau zu vergleichen. + + SCALOSÚB. + + Ja wohl, und seit dem großen Brand + Ist unser Moskau ganz charmant. + + FAMUSSOFF. + + O nichts davon! Da haben uns geklungen + Die Ohren schon genug! Ja, was für Neuerungen + Seitdem sieht doch ein jedes Haus, + Trottoirs und Straßen anders aus. + + TSCHATZKI (in den Vordergrund tretend). + + Die Häuser wurden neu, die Vorurtheile blieben! -- + Sie brauchen sich nicht zu betrüben. + Was können Moden, Jahre, Brand und Krieg! + Den Vorurtheilen blieb der Sieg. + + FAMUSSOFF (leise). + + Mach' Dir doch einen Knoten zum Gedächtniß. + Zu schweigen bat ich Dich so sehr, + Wird Dir denn das so schrecklich schwer? + + (Zu Scalosúb.) + + Herr Oberst -- hier -- wenn Sie erlauben -- + Des seel'gen Tschatzki, meines Freundes, Sohn, + Er dient nicht -- sollten Sie es glauben! + Ein Eigensinn! + Das heißt -- er sieht im Dienste nicht Gewinn. + Doch wenn er wollte, könnt' er vieles leisten. + Er schreibt vortrefflich, übersetzt -- + Schad, schade das, -- das muß man sagen! + + TSCHATZKI. + + Recht schade -- daß Sie nicht wen anders so beklagen, + Denn selbst Ihr Lob hat mich verletzt. -- + + FAMUSSOFF. + + So richt' ich nicht allein, ich höre es von Allen. + + TSCHATZKI. + + Und wer sind diese Richter? Wie? + Sind es nicht etwa die, + Die ihrer Glatze wegen schon allein + Uns Jugendsinn und Freiheit nicht verzeih'n? + Sie schlagen in Journälen nach + Und möchten alles Alte gleich vergöttern. + Sie schöpfen Urtheil aus vergessnen Zeitungsblättern, + Aus jener Zeit, die von Otschákoff sprach + Und der Eroberung der Krimm. -- + Woher der ew'ge Haß und Grimm? + Das neue lassen sie nicht gelten + Und singen stets das alte Lied, + Stets fertig sind sie nur zu schelten + Und sie bekritteln, was geschieht, + Und merken's an sich selber nimmer + Das: um so _älter_ um so _schlimmer_! + Wer nicht so denkt wie sie -- den nennen sie Verräther! + Wo sind sie denn, des Landes Väter, + Von denen man als Muster spricht! + Ich seh' sie nicht! -- + Ist's etwa der? + Ein Millionär + Durch Dieberei geworden? + Und der mit vollem Sack und seiner Brust voll Orden + Dem Schwerdt der Themis trat entgegen? + Natürlich sank der guten Göttin Degen + Herab, so viel Verdienst zu lieb, + Und sehen Sie -- nun baut der Dieb + Sich einen prächtigen Pallast + Wo festlich er mit dem gestohlnen Gute prasst, + Die Gäste strömen hin zu Hauf; + Doch stände wohl ein Gast + Als Kläger seines Wirthes auf? + Wer würde wohl in Moskau sich erfrechen + So weit zu gehn + Von irgend jemand schlecht zu sprechen, + Der Bälle giebt und Assembleen? -- + Ist wohl mein Richter der, vor dem ich einst den Rücken + In meiner Kindheit mußte bücken? + Gott weiß aus welchen räthselhaften Gründen! -- + Der Nestor -- alt und grau in Sünden, + Der seine Diener oft verwettet + Wenn er im Zorne und berauscht: + Und den, der Ehre ihm und Leben oft gerettet + Weil es ihm so gefällt, mit einem Windhund tauscht? -- + Ist's jener, der zu ganzleibeigenem Ballet + Die Kinder von den Aeltern reißt + Und sie nach Moskau kommen heißt? + Sie werden auch in großen Schaaren + Und fuderweis hierher gefahren + Wo er, der nur vom Zephyr träumt + Und Amoretten-Reigen + Stolz ist der Stadt sein Werk zu zeigen. + Doch leider steckt er sehr in Schulden, + Die Gläub'ger woll'n sich nicht gedulden + Und all die Seelen da, von ihm getauft + Zu Amoretten und Zephyren + Sie werden nun nach Rechtsgebühren + Stückweise unterm Hammerschlag verkauft! -- -- -- -- + Da haben Sie's! Und das sind unsre Richter! + Das sind die Sterne und die Lichter! + Das sind die Alten und die Weisen + Die Sie mir stets als Muster preisen. + Und was geschieht? Versuch's ein junger Mann, + Der nicht das Kriechen leiden kann -- + Und lege sich mit ganzer Kraft + Allein nur auf die Wissenschaft: + Er will nicht Stellen, will nicht Rang, + Er fühlt nun einmal einen andern Drang -- + Der Himmel goß vielleicht in seine Brust + Des künstlerischen Schaffens Lust, + Sogleich erhebt man ein Geschrei + Mordjo! Verrätherei! + Man fliehet ihn, wie einen tollen Hund + Und munkelt von geheimem Bund. -- + Die Uniform -- nur sie, ja! ja! -- In frührer Zeit + Hat ihre Stickerei manch Eselsohr bedeckt. + Wie viel Verächtlichkeit + Wird unter ihrem Glanz versteckt! + Und wir, wir sollen nun dieselben Wege gehn? + Es ist nicht auszustehn! + Und eben die Manie kann man ja schau'n + Bei unsern Mädchen, unsern Frau'n! + Ich selbst war unlängst noch verliebt in die Livrei, + Doch jetzo lach' ich über solche Narrethei. + Doch anders ging es damals her, + Wer war nicht ganz vernarrt in's Militär? + Einst bei'm Besuch von Gardeoffizieren + Schien unsre Damenwelt die Sinne zu verlieren: + Sie schrien Hurrah! Kaum ist's zu glauben, + Und warfen in die Luft die Hauben. + + FAMUSSOFF (bei Seite). + + Es wird ihm noch gelingen + In's Unglück mich zu bringen! -- + + (Laut zu Scalosúb.) + + Verzeihen Sie, Herr Oberst, ich muß fort, + Doch ich erwarte Sie im Kabinette dort. + + (Geht ab.) + + + Sechste Scene. + + SCALOSÚB und TSCHATZKI. + + SCALOSÚB. + + Was mich besonders intressirt + Ist, wie Sie so geschickt berührt + Die Vorurtheile unsrer Stadt + Die man hier für die Garde hat. + Die Garde -- das ist ihre Wonne! + Man schaut sie an wie eine Sonne. + Warum zieht man sie vor + Zum Beispiel unserm ersten Corps? + Worin blieb dieses vor der Garde je zurück? + Hat's schlecht're Taillen etwa und Geschick? + Was wollen diese Evastöchter, + Sitzt unsre Uniform denn schlechter? + Ich kann gleich ein'ge Offiziere nennen + Die selbst französch parliren können. + + + Siebente Scene. + + SCALOSÚB. TSCHATZKI. SOPHIE (stürzt zum Fenster). LISETTE. + + SOPHIE. + + Ach Gott -- er fiel -- er ist verloren! ah! + + (Sinkt hin auf einen Stuhl.) + + TSCHATZKI. + + Wer fiel? + + SCALOSÚB. + + Sag', was geschah? + + TSCHATZKI. + + Vor Schreck liegt sie in Ohnmacht ja! + + SCALOSÚB. + + Wer denn! Woher! Was ist passirt? + + TSCHATZKI. + + Hat sie sich weh gethan? + Stieß sie wo an? + Was ist geschehn? + + SCALOSÚB. + + Ist was dem Alten arrivirt? + + LISETTE (immer bei Sophien beschäftigt). + + Ach seinem Schicksal kann man nicht entgehn! + Moltschálin stieg zu Pferde + Es bäumte sich, er stürzt' zur Erde + Und grade Kopfvoran. + + SCALOSÚB. + + Zu straff zog er die Zügel an, + Ja, so ein Sonntagsreiter vom Civil! + Ich will doch hören wie er fiel + Ob seitwärts oder ob nach vorne. + + (Geht ab.) + + + Achte Scene. + + TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE (in Ohnmacht). + + TSCHATZKI. + + Wie soll man helfen, sage schneller! + + LISETTE. + + Dort steht ein Glas auf einem Teller. + + (Tschatzki läuft fort und holt Wasser -- alles wird halbleise und + schnell gesprochen.) + + Schnell gießen Sie 's ins Glas! + + TSCHATZKI. + + Das ist schon lang gescheh'n! + Lös ihr das Mieder! -- + Die Schläfen reib' mit Essig doch! + Besprenge sie mit Wasser noch! + So, so -- sie athmet wieder + Nun fächle sie. -- Sophie? + + (Sophie seufzt.) + + LISETTE. + + Da seufzte sie! + + TSCHATZKI. + + Sieh' aus dem Fenster -- da -- + Da steht Moltschálin ja! + Und diese Kleinigkeit konnt' sie erschrecken! + + LISETTE. + + Es muß in Damen-Nerven stecken. + Das Fräulein kann es nicht ertragen, + Fällt Jemand über Kopf und Kragen. + + TSCHATZKI. + + Besprenge sie mit Wasser doch, + So recht -- noch einmal -- noch! + + SOPHIE. + + Ach! + Was ist geschehn, mir ist so schwach! + Wer ist um mich? + + (Springt auf, heftig.) + + Wo ist er, sprich? + Was ist's mit ihm? + + TSCHATZKI. + + Ei, welch ein Ungestüm! + Ich wollt' er hätte sich den Hals gebrochen, + Er schreckte Sie zu Tode fast. + + SOPHIE. + + Das war unmenschlich doch gesprochen, + Sie wollen es, daß man Sie haßt! + + TSCHATZKI. + + Ich sollte mich auch noch mit ihm befassen? + + SOPHIE. + + Ja! eilen, laufen, ihn erretten! + + TSCHATZKI. + + Und Sie in Ohnmacht liegen lassen? + + SOPHIE. + + Was sind Sie mir? Doch war es fremdes Unglück ja! + Und läg' der eigne Vater da, + Sie rührt' es nicht. + + (Zu Lisette.) + + Komm' schnell, was stehst Du noch? + + LISETTE (führt Sophie zum Fenster). + + Wohin, besinnen Sie sich doch! + Er lebt, es ist ihm nichts geschehn, + Sie können ihn hier aus dem Fenster sehn. + + (Sophie eilt zum Fenster.) + + TSCHATZKI (bei Seite). + + Entsetzen, Ohnmacht, Zorn! -- So kann man nur empfinden + Wenn den Geliebten man verliert! + + SOPHIE (zu Lisette). + + Siehst Du, wie sie den Arm ihm binden! + Er kommt, er wird herauf geführt! + + TSCHATZKI. + + Ich wollt', ich hätt' mit ihm den Hals gebrochen! + + LISETTE. + + _Per compagnie!_ Nun das ist brav gesprochen. + + SOPHIE. + + Ach, lassen Sie's beim Wunsch! + + + Neunte Scene. + + DIE VORIGEN. SCALOSÚB. MOLTSCHÁLIN (den Arm in der Binde). + + SCALOSÚB. + + Da ist er! Er erstand! + Und unverletzt! -- Nur seine Hand + Bekam was ab und etwas hier der Arm + Das ganze war »_un faux allarm_!« + + MOLTSCHÁLIN. + + Ich habe Sie erschreckt? Ach nein? + Mein Gott, Sie werden doch verzeih'n! + + SCALOSÚB. + + Ich glaubte nicht -- auf Ehre! + Daß man durch solche Kleinigkeit + Codille gleich verlöre! + Sie stürzten her in großer Eile, + Und ich erschrak, so wahr ich ehrlich bin! + Sie fielen gar in Ohnmacht hin + Und alles für die Langeweile! + Für nichts und wieder nichts. + + SOPHIE (ohne aufzublicken). + + Ich seh' es ein -- und doch + Am ganzen Leibe zittr' ich noch. + + TSCHATZKI (bei Seite). + + Und zu Moltschálin nicht ein Wort? + + SOPHIE (wie oben). + + Es fehlt mir nicht an Muth + Wirft auch der Wagen um, ich fahr' gleich weiter fort -- + Doch konnt' ich nie mit kaltem Blut + Es sehn, wenn andre in Gefahr, + Und wenn es gleich ein Unbekannter war. -- + Und wenn der Schaden auch geringe + Es ist unmöglich, daß ich mich bezwinge. + + TSCHATZKI (bei Seite). + + Will sie bei jenem sich vielleicht + Entschuldigen, daß sie Gefühl gezeigt + Für irgend einen in der Welt! + + SCALOSÚB. + + Erlauben Sie, da fällt + Mir ein Histörchen ein; + Die Fürstin Lassoff hier ist Reiterin, + Ob Wittwe zwar, von Profession, + Doch meistens reitet sie allein, + Den Cavalieren scheint sie nicht sehr zu gefallen. + Die Arme ist in diesen Tagen + Vom Pferd gefallen + Und hat sich arg zerschlagen; + Die Schuld lag an dem Tölpel von Jokei, + Er zählte Mücken wohl und sprang nicht schnell herbei! + Sie soll schon ohnedem sehr unbeholfen sein, + Nun, sagt man, soll ihr eine Rippe fehlen -- + Und darum möcht' sie wieder sich vermählen, + Und sucht jetzt eifrig einen Mann + Der sie als Rippe stützen kann. + + (Er lacht.) + + SOPHIE. + + Mein Gott, Herr Tschatzki, das ist was für Sie! + Was meinen Sie zu der Parthie? + Sie sollten recht so menschenfreundlich sein, + Als Rippe sich der Wittwe weih'n -- + Denn fremdes Unglück rührt Sie ja so ungemein! + + TSCHATZKI. + + Sie haben Recht! Ich hatte ja das Glück + Und rief zum Leben Sie zurück, + Als bleich und athemlos Sie hier in Ohnmacht lagen; + Allein für wen ich's that, das weiß ich nicht zu sagen. + + (Nimmt den Hut und geht ab.) + + + Zehnte Scene. + + DIE VORIGEN ohne TSCHATZKI. + + SOPHIE (zu Scalosúb). + + Nun heute Abend -- sehn wir Sie? + + SCALOSÚB. + + Wie früh? + + SOPHIE. + + Ich bitte nicht zu spät -- wir haben unser Kränzchen, + Und zum Klavier macht man ein Tänzchen, + Sie wissen ja, der Trauerfall + Gestattet jetzo keinen Ball, + Sie werden Freunde nur vom Hause sehn. + + SCALOSÚB. + + Sehr wohl -- doch muß ich jetzt zu Ihrem Vater gehn; + Ihr Diener! + + SOPHIE. + + Adieu! + + (Verbeugung und Abschiednehmen. Scalosúb geht ab, schüttelt aber + erst Moltschálin die Hand.) + + + Elfte Scene. + + DIE VORIGEN ohne SCALOSÚB. + + SOPHIE. + + Moltschálin, sprechen Sie, was haben Sie gemacht! + Ich weiß nicht, wie ich noch bei Sinnen, + Ach hätten Sie an mich gedacht, + Sie setzten nicht Ihr -- mir so theures Leben + So muthwillig auf's Spiel. + Doch sagen Sie -- wie ist's mit Ihrem Arm? + Hat sich der Schmerz gegeben? + Zum Doktor schicken Sie vor allen Dingen, + Soll man nicht Tropfen bringen? + + MOLTSCHÁLIN. + + Seitdem der Arm in dieser Binde + So schmerzt er nur noch ganz gelinde. + + LISETTE. + + Es ist ja nichts, ich will gleich wetten! + Die Binde steht ihm nur so gut -- + Doch wer kann Sie vor bösen Zungen retten, + Ich bitt' Sie, sei'n Sie auf der Hut. + Denn Tschatzki -- ach, der kann's schon machen, + Daß über Sie die Leute lachen; + Und wenn der Oberst erst sich in die Haare fährt + Um sein Toupé recht schön + Zurecht zu drehn, + Dann fängt er sicher an, die Ohnmacht zu erzählen + Und an Verschönerungen wird's nicht fehlen. + Selbst dieser Mensch will witzig sein! + Ach Gott! Wer ist nicht witzig heut zu Tage! + + SOPHIE. + + Als ob nach diesen Zwei'n ich frage! + Wer mir gefällt, den mag ich + Und was ich will, das sag' ich. + Moltschálin ach, wie hab' ich mich bezwungen! + Als Sie in's Zimmer traten, + Mich um Verzeihung baten, + Wie hab' ich da im Innersten gerungen! + Vor jenen durft' ich es nicht wagen + Sie anzusehn, Sie zu befragen. + + MOLTSCHÁLIN. + + Und doch -- Sie müßten besser sich verstellen. + + SOPHIE. + + Wie sollt' ich das, wenn alle Pulse schwellen! + Ich wollt' hinaus zum Fenster springen, + Ich war halb todt und sollte mich bezwingen. + Es mag die Herrn da ärgern und verdriessen, + Was geht's mich an, was mach' ich mir aus diesen, + Aus irgend jemand, aus der ganzen Welt! + Mag sie doch reden, wie es ihr gefällt? + + MOLTSCHÁLIN. + + Möcht' diese Offenheit uns nur nicht Schaden bringen! + + SOPHIE. + + Man wird Sie doch nicht zum Duelle zwingen? + + MOLTSCHÁLIN. + + Ach schlimmer wohl als Degen und Pistolen + Sind scharfe Zungen. + + LISETTE. + + Bei Ihrem Vater sind die Beiden drin, + Wie wär's, Sie gingen gleich dahin + Und stellten sich ganz unbefangen, + Wir glauben gern, was wir verlangen. -- + Den Tschatzki müssen Sie vor allen Dingen + Zum Schwatzen bringen -- + Indem Sie jene Jugendzeit berühren. + Ein bischen Liebelei, ein Wort, ein Blick + Damit kann man zum Glück + Bequem Verliebte an der Nase führen. + + MOLTSCHÁLIN. + + Ich wage Ihnen nicht zu rathen -- + + (Küßt Sophiens Hand.) + + SOPHIE. + + Wie? + Auch Sie? + Sie wollen's also auch? + Ach, liebenswürdig sein, mit Augen ganz in Thränen? + Ich kann mich an Verstellung nicht gewöhnen, + Es fällt mir nichts so schwer. + Was schickte Gott doch diesen Tschatzki her! + + (Geht ab.) + + + Zwölfte Scene. + + DIE VORIGEN ohne SOPHIE. + + MOLTSCHÁLIN. + + Du Engel, allerliebster Engel Du! + + LISETTE. + + Mein Gott, ihr seid schon zwei, laßt mich doch nur in Ruh! + + MOLTSCHÁLIN. + + Welch ein Gesichtchen! Höre: + Ich bin verliebt in Dich, auf Ehre! + + LISETTE. + + In mich -- verliebt? -- Sind Sie gescheut? + Ich denke doch -- Sophie, + Das Fräulein lieben Sie. + + MOLTSCHÁLIN. + + Dienstpflicht und Schuldigkeit; + Allein zu Dir fühl' ich die reinste Liebe -- + + LISETTE. + + Aus Langerweile? Ja -- + Ich kenne diese heißen Triebe! + Ich bitte Sie -- nur nicht zu nah -- + Nein, nein, nur fort! + + MOLTSCHÁLIN. + + Hör' nur -- ein Wort! + Ich habe drei ganz allerliebste Sachen, + Sie könnten manche glücklich machen; + Hör' nur Lisette: + Vor allem eine Toilette + Von einer Arbeit -- wunderfein! + Ein kleiner Spiegel drauf, ein kleiner Spiegel drin. + Und alles ringsum ächt vergoldet. + Ein Kissen, ganz mit Perlen ausgenäht + Und allerlei perlmutternes Geräth, + Und Nadelbüchsen gar zu niedlich! + Und Scheeren, alles so apptitlich! + Zerriebne Perlen -- Schminke auch dabei + Und dann auch sonst noch allerlei. + Verschiedene Pomaden + Für Lippensprung und andre Schaden. + + LISETTE. + + Sie wissen es -- ich bin nicht intressirt -- + Doch sagen Sie, woher das rührt, + Daß Sie so blöd beim Fräulein sind, + Und bei der Zofe recht ein Sausewind? + + MOLTSCHÁLIN. + + Ich bin heut' krank und komme nicht zum Essen, + Du schleiche zu mir unterdessen + Ich sag' Dir alles heimlich dort. + + (Geht ab.) + + + Dreizehnte Scene. + + LISETTE. SOPHIE. + + SOPHIE. + + Ich komm' vom Vater, Beide waren fort; + Ich bin nicht wohl und will nicht speisen mit dem Alten, + Geh' zu Moltschálin hin + Und bitte ihn + Daß er herauf kommt, mich zu unterhalten. + + (Geht ab.) + + + Vierzehnte Scene. + + LISETTE allein. + + Nun das ist eine tolle Wirthschaft hier! + Das ist ergötzlich. + _Sie_ läuft nach _ihm_, und _er_ nach _mir_, + Und _ich_ -- ich fürcht' die Liebe ganz entsetzlich, -- -- + Doch, -- -- unser Diener beim Büffet, + Der Peter -- ist doch gar zu nett!! + + (Der Vorhang fällt.) + + Ende des zweiten Akts. + + + + + Dritter Akt. + + + Eleganter Saal. + + + Erste Scene. + + TSCHATZKI, etwas später SOPHIE. + + TSCHATZKI. + + Erwarten will ich sie --; ich muß sie sehn. + Sie muß es mir gestehn + Wen sie denn liebt. Ist es der Sekretair, + Ist es der Oberst -- oder wer? + Moltschálin? dieses gute Tröpfchen! + Ein so armseliges Geschöpfchen! + Wie kam er zu Verstand? -- und Jener? lieber Gott! + Solch heis'res, halberwürgtes Baßfagott! -- + Gewohnt als Sternbild stolz zu glänzen + Bei den Maneuvern und Masurkatänzen! + Geschick der Liebe, du -- + Spielst mit uns blinde Kuh! + + (Sophie tritt auf.) + + Sie sind's? Wie mich's erfreut + Ich wünscht' es grad! + + SOPHIE (bei Seite). + + Zu äußerst ungelegner Zeit! + + TSCHATZKI. + + Mich suchten Sie zwar nicht?! + + SOPHIE. + + O nein! + + TSCHATZKI. + + Und freilich mag es nicht ganz passend sein, + Doch -- einerlei -- ich muß Sie drum befragen: + Wen lieben Sie? -- Ich bitt' es mir zu sagen! + + SOPHIE. + + Ach Gott! die ganze Welt! + + TSCHATZKI. + + Doch wer am besten Ihnen drin gefällt + Das sagen Sie. + + SOPHIE. + + Gar viele, -- die mit mir verwandt -- -- + + TSCHATZKI. + + Und Alle mehr als ich? + + SOPHIE. + + Ja -- einige! -- -- + + TSCHATZKI. + + Entschieden also ist's! Was ist dabei zu machen -- + Mich bringt's zum Rasen -- Sie zum Lachen! + + SOPHIE. + + Versteh'n Sie Wahrheit zu ertragen? -- + Ich möchte Ihnen nur zwei Worte sagen: + Warum ist Ihre Lust so groß + Giebt sich ein andrer etwas bloß? + Ist etwas lächerlich -- Sie werden's gleich gewahr, + Und selbst -- + + TSCHATZKI. + + Ich selbst bin lächerlich? Nicht wahr? + + SOPHIE. + + Ja -- dieser böse Blick -- der scharfe Ton, + In jedem Worte bittrer Hohn, -- + Und -- Sie besitzen + Unzähl'ge Eigenheiten noch, + Und Strenge gegen sich -- die könnte Ihnen nützen. + + TSCHATZKI. + + Ich eigen? Gut! So sagen Sie mir doch + Wer keine Eigenheiten zeigt? + Moltschálin wohl, der einem Dummkopf gleicht + So wie ein Ei dem andern? -- Wie? + + SOPHIE. + + Die alten Beispiele! Ich kenne sie! + Klar ist's, Sie sind gestimmt, auf Alle + Zu gießen Ihre schwarze Galle. + Ich -- stör' Sie ungern drin. + + (Will fort.) + + TSCHATZKI (hält sie auf). + + Sie wollen fort? + O hören Sie nur noch ein einz'ges Wort! + + (Bei Seite.) + + Einmal will heucheln ich -- und mich bezwingen. + + (Laut.) + + Den Streit -- den lassen wir -- vor allen Dingen -- + Sie haben Recht! Es thut mir Leid, + Und gegen ihn, Moltschálin, ging ich wohl zu weit. + Es sind verflossen fast drei Jahr, + Er ist vielleicht ein andrer, als er war. + Auf Erden sieht man vieles sich verändern, + Verfassungen und Sitten und Verstand, + Das Clima selbst von ganzen Ländern! + Gar wicht'ge Leute, wohlbekannt, + Die wurden früher Dummköpfe genannt, + Schlecht als Soldaten und Poeten; + Noch andre -- nun, ich fürcht' mich sie zu nennen + Sie werden sie -- wie alle Welt -- ja kennen -- + Von diesen hat man nun erfahren, + Daß in den letzten Jahren + Sie ganz gewaltig wurden klug. + Mag sein, Moltschálin ist -- ein solches Kraftgenie, + Doch frag' ich eins, versteht er Sie? + Und brennt in ihm ein solches Feuer, + Daß ihm auf Erden nichts so theuer + Und nichts so heilig ist, als Sie? + Sein Herz -- wird es mit schnellern Schlägen + Bei Ihrem Anblick sich bewegen? + Sind Sie die Seele seines Strebens? + Sind Sie der Endzweck seines Lebens? + Und so fühl' ich -- doch kann ich's nicht beschreiben. + Allein die stumpfe Wuth, die bittren Schmerzen + In meinem wundzerriss'nen Herzen, + Die wünsch' ich meinem Todfeind nicht! -- -- -- + Und er? -- Er schweigt + Und neigt + Das Köpfchen auf die Seite, + Natürlich ist er zahm, denn solche Leute + Die kennen edle Hitze nicht! + Gott weiß, was für ein Schatz in ihm verborgen liegt! + Gott weiß, mit was für Eigenschaft, + Mit welcher hohen Geisteskraft + Sie ihn geschmückt! -- Er dachte nicht daran. + Sie haben alles das aus ihm gemacht + Was Ihre Phantasie sich liebend ausgedacht; + Er ist an gar nichts schuld -- Sie sind's allein. + Nein, nein! + Ich gebe zu, was man auf Erden + Nur irgend kann. + Mag er doch klug sein, stündlich klüger werden; + Doch ist er Ihrer werth? + Das muß ich Sie nur fragen, + Um den Verlust mit kaltem Blut zu tragen. -- + Hierüber geben Sie mir Licht, + Als einem Bruder, einem Freund, + Der's immer ehrlich doch mit Ihnen hat gemeint. + Der einst mit Ihnen auferzogen + Und dem Sie doch als Kind gewogen; + Sobald ich überzeugt von Ihrem künft'gen Glück, + So zieh' ich mich sogleich zurück. + Dann will ich mich bemüh'n + Dem Wahnsinn zu entflieh'n. + Dann eil' ich in die Welt hinein + Um zu vergessen, um mich zu zerstreun + Und nie will ich mehr an die Liebe denken. + + SOPHIE (bei Seite). + + Da hab' ich einen toll gemacht + Und ohne daß ich dran gedacht. + + (Laut.) + + Was soll ich's läugnen? + Es konnte sich was Schreckliches ereignen -- + Moltschálin konnt' um seinen Arm erst kommen, + Und lebhaft hab' ich Antheil dran genommen; + Doch Sie vergaßen etwas zu bedenken: + Kann man nicht jedem Antheil schenken + Und ohne Ansehn der Person? + Doch könnte schon + In dem -- was Sie vermuthen -- Wahrheit sein, + Und eifrig will ich seinem Schutz mich weih'n. + Sie nehmen ihrer Zunge wenig wahr, + Sie achten niemand -- offenbar! + Und selbst der sanfteste -- kann's nicht vermeiden. + Er muß von Ihrem Zorne leiden + Und wird mit Spott von Ihnen überhäuft: + Wenn man ihn nennt -- wenn ihn Ihr Blick nur streift -- + So werden Sie gleich bitter + Und hageln ein Gewitter + Von Witz und Bosheit auf ihn los! + Ist wirklich der Genuß so groß? + Nur Scherz und immer Scherz! Welch ein Vergnügen! + Kann solches Ihrem Geiste wohl genügen? + + TSCHATZKI. + + Mein Gott -- gehör' ich wirklich zu den Schwachen, + Die nichts im Leben thun, als lachen? + Ich lache -- ja -- + Wenn ich recht lächerliche Leute sah, + Doch öfter noch sind sie mir ennuyant. + + SOPHIE. + + Vergeblich weisen Sie den Vorwurf von der Hand, + Und schieben andern zu, was Ihnen selbst gebührt; + Moltschálin hat Sie sicher niemals ennuyirt, + Denn wer, wie ich, ihn oft und näher sah -- + + TSCHATZKI (bitter). + + Wie traten Sie ihm denn so nah? + + SOPHIE. + + Ich sucht' ihn nicht, der Himmel hat's gewollt + Und hier im Hause ist ihm jeder hold. + Bei meinem Vater dient er nun drei Jahr, + Oft schilt der ihn, denn es ist wahr -- + Das Alter macht so eigen, + Doch stets entwaffnet er ihn durch sein Schweigen; + Verzeiht ihm alles -- weil er seelengut; -- + Er könnte doch, wie mancher andre thut + Auf Lustbarkeiten sich zerstreun + Doch nein! + Nie geht er aus. + Beim Alten bleibt er stets zu Haus + Und wenn wir andern lachen + Und scherzen, Possen machen, + Sitzt er beim Vater oft zu ganzen Tagen, + Es mag ihm -- oder mag ihm nicht behagen, + Und spielt mit ihm. -- + + TSCHATZKI. + + Er spielt, und wenn man schilt + So bleibt er ewig sanft und mild? + + (Bei Seite.) + + Nein, einen solchen Wicht + Den liebt sie nicht! + + SOPHIE. + + Zwar jenen Geist wird man in ihm nicht finden können, + Den einige Genie -- doch andre Pest benennen, + Und den nach kurzem Glanz wir überdrüssig werden, + Der tadelt was geschieht -- im Himmel und auf Erden, + Damit die Welt ihn nennt auf einen Augenblick; + Doch gründet solch ein Geist Familienglück? + + TSCHATZKI. + + Soll das Moral -- soll das Satyre sein? + + (Bei Seite.) + + Sie liebt ihn nicht, nein, nein! + + SOPHIE. + + Man kann Bewunderung ihm nicht versagen: + Wie nachgiebig, wie fein ist sein Betragen! + Nie hat sich seine Stirn in Falten je gelegt, + Selbst ruhig, läßt er andre auch in Ruh' + Und schlägt nicht gleich die Kreuz und Quere zu. + Und grade das, daß er so viel erträgt, + Das macht es, daß ich ihm gewogen. + + TSCHATZKI (bei Seite). + + Sie scherzt -- sie liebt ihn nicht -- sie hat mich nur betrogen! + + (Laut.) + + Ich kenn' Moltschálin; sparen Sie + Sein Bild zu malen sich die Müh' -- -- + Doch Scalosúb -- das ist ein Mann + Bei dessen Anblick schon man sich vergessen kann. + Für unser Heer + Steht wie ein Felsen er, + Und ist durch seines Basses Allgewalt + Durch seine Taille und Gestalt + Ein Held -- + + SOPHIE (schnell). + + Nicht im Romane meines Lebens. + + TSCHATZKI. + + Sie zu errathen ist vergebens. + + + Zweite Scene. + + Die VORIGEN. LISETTE. + + LISETTE (leise zu Sophie). + + Mein Fräulein, kommen Sie herein, + Moltschálin wird sogleich bei Ihnen sein. + + SOPHIE (leise zu Tschatzki). + + Verzeihen Sie, wenn ich von Ihnen eile. + + TSCHATZKI. + + Wohin denn? + + SOPHIE. + + Zum Friseur. + + TSCHATZKI. + + Ei, das hat gute Weile! + + SOPHIE. + + Die Lockeneisen würden kalt. + + TSCHATZKI. + + Ei, immerhin! + + SOPHIE. + + Die Gäste kommen bald. + + TSCHATZKI. + + Nun Gott verzeih's! Sie lassen mich zurück + Mit einem Räthsel! -- Doch auf einen Augenblick + Erlauben Sie, daß ich in Ihr Zimmer gehe, + Damit ich jene Räume wiedersehe -- + Wo alles mir so lieb! -- Erwärmen möcht' ich mich, + Aufathmen möchte ich + Nur einmal wieder, + Der Zeit gedenkend, die dahin! + Ich bleib' nur zwei Minuten drin. + Und dann -- bedenken Sie -- Mitglied bin ich vom Clubb -- + Zum Dank will ich, zu aller Welt Erstaunen + Tagtäglich ausposaunen, + Daß klug Moltschálin ist, und geistreich Scalosúb. + + (Sophie zuckt mit den Achseln, geht ab und schließt die Thür hinter + sich. Lisette ist ihr gefolgt.) + + + Dritte Scene. + + TSCHATZKI, bald darauf MOLTSCHÁLIN. + + TSCHATZKI. + + Sophie! Ist wirklich dir bestimmt ein solcher Tropf? -- -- -- + Und warum nicht? -- Er hat nicht viel im Kopf, + Allein zur Vaterschaft + Wem fehlt es da an Geisteskraft! + Gefällig ist er -- artig -- und hat rothe Wangen. + + (Moltschálin schleicht herein und nähert sich zuerst Sophiens Thür, + als er aber Tschatzki bemerkt bleibt er stehn und macht sich was zu + schaffen.) + + Da ist er -- auf den Zeh'n! Und stumm, -- wie hat er's angefangen + Sich in Sophiens Herz zu stehlen? + Wie war es möglich den zu wählen? + + (Zu Moltschálin.) + + Sieh' da! Herr Sekretair! Wie geht's denn Ihnen? + Wir konnten uns noch nicht zwei Worte sagen. + Es geht doch gut? -- Ich brauch' Sie kaum zu fragen. + + MOLTSCHÁLIN (näher tretend). + + Ganz nach dem Alten stets -- zu dienen. + + TSCHATZKI. + + Das heißt? + + MOLTSCHÁLIN. + + Nun heut' wie gestern -- Tag für Tag. + + TSCHATZKI. + + Und immer pünktlich mit dem Schlag? + Am Tag die Feder, Abends die Parthie, + Gleich Fluth und Ebbe? -- Wie? + + MOLTSCHÁLIN. + + Ich bin hier beim Archiv drei Jahr im Dienst + Und für etwaiges Verdienst, + Und meinen Eifer zu belohnen + Erhielt ich dreimal Gratificationen. + + TSCHATZKI. + + Sie lockt der Glanz der Ehrenstellen? + + MOLTSCHÁLIN. + + Nein! + Allein -- + Da jeder Mensch so sein Talentchen hat -- + + TSCHATZKI. + + Sie haben -- --? + + MOLTSCHÁLIN. + + Zwei! + Ich bin bescheiden und bin accurat. + + TSCHATZKI. + + Nun, meiner Treu! + Das sind Talente wunderbar! -- -- + Doch -- es ist wahr -- + Sie wiegen all' die unsern auf. + + MOLTSCHÁLIN. + + Sie hatten nicht viel Glück in Ihres Dienstes Lauf? + + TSCHATZKI. + + Nicht jeder dienet sich herauf. + Durch Menschen wird der Rang erreicht, + Und Menschen täuschen sich so leicht. + + MOLTSCHÁLIN. + + Wir wunderten uns sehr! Wie konnte das geschehn? + + TSCHATZKI. + + Ich kann hierin nichts wunderbares sehn! + + MOLTSCHÁLIN. + + Bedauert wurden Sie. + + TSCHATZKI. + + Sie konnten sparen diese Müh'. + + MOLTSCHÁLIN. + + Tatjána Júrjewna, die Excellenz + Erzählt' bei ihrer Rückkehr aus der Residenz, + Sie wären gut von wicht'gen Männern aufgenommen, + Doch plötzlich sei dazwischen was gekommen. + + TSCHATZKI. + + Geschwätz von Frauenzimmern! + Was hat sich doch die Alte drum zu kümmern? + + MOLTSCHÁLIN. + + Tatjána Júrjewna, die Excellenz? + + TSCHATZKI. + + Ich kenn' sie nicht! + + MOLTSCHÁLIN. + + Tatjána Júrjewna?! Die Excellenz? + + TSCHATZKI. + + Daß wir uns nicht gesehn, ist ewig + lange her. + Doch hörte ich, daß abgeschmackt sie wär'. + + MOLTSCHÁLIN. + + Die Excellenz? Um's Himmelswillen -- nein -- + Das muß wohl eine andre sein. + Die Excellenz ist ja befreundet und verwandt + Mit allen, die in Moskau dienen, + Ich rathe Ihnen + Ihr einmal die Visite doch zu machen. + + TSCHATZKI. + + Ich dächte gar! Es wär' zum Lachen! + + MOLTSCHÁLIN. + + Wir finden Gönner oft + Wo wir es kaum gehofft. + + TSCHATZKI. + + Ich schätze, glauben Sie's, die Damen nicht geringe, + Und mache gern den Hof -- allein um andre Dinge. + + MOLTSCHÁLIN. + + Wie ist sie gut und wie gefällig, + Wie ist ihr Haus gesellig! + Den ganzen Winter giebt sie Bälle + Man kann nichts prachtvolleres sehn. + + TSCHATZKI. + + Ich werde über ihre Schwelle + Gewiß nicht gehn! + + MOLTSCHÁLIN. + + Im Sommer giebt sie Gartenfeste. + + TSCHATZKI. + + Ich bin nicht von der Zahl der Gäste. + + MOLTSCHÁLIN. + + Bedenken Sie, -- es kann doch dazu führen + Hier froh zu leben und zu avanciren! + + TSCHATZKI. + + Mein Herr, bin ich im Dienst, so bin ich ganz dabei, + Und trenne streng davon jedwede Narrethei. + Zwar giebt's gescheute Leute -- hier zumal -- + Die beides zu vereinigen verstehn, + Doch wie Sie sehn, -- + Gehör' ich nicht zu ihrer Zahl. + + MOLTSCHÁLIN. + + Verzeihen Sie -- ich seh' darin noch kein Verbrechen; + Sie werden, denk' ich, einst gewiß noch anders sprechen. + Phomá Phomítsch, zum Beispiel, den Sie kennen -- + + TSCHATZKI. + + Nun was? + + MOLTSCHÁLIN. + + Bei drei Ministern dient' er schon + Und stets als Chef bei einer Section, -- + Und jetzt -- -- + Ist er aus Petersburg hierher versetzt. + + TSCHATZKI. + + Nun das ist mir ein Mann von Kopf! + Ein Mensch, ganz ohne Geist -- ein leerer Tropf! + + MOLTSCHÁLIN. + + Erlauben Sie, von aller Welt + Wird hier sein Styl als Muster aufgestellt. + Sie haben ganz gewiß noch nichts von ihm gelesen? + + TSCHATZKI. + + So närrisch bin ich nie gewesen; + Nie las ich dummes Zeug und Musterdummheit gar! + + MOLTSCHÁLIN. + + Was ich so las schien mir vorzüglich -- zwar + Schriftsteller bin ich nicht -- + + TSCHATZKI. + + Ja, das ist klar, + An allem merkt man es. + + MOLTSCHÁLIN. + + Nie würd' ich mich erfrechen + Ein eignes Urtheil auszusprechen. + + TSCHATZKI. + + Warum denn so geheim? + + MOLTSCHÁLIN. + + Gott mög' in meinen Jahren + Vor eigner Meinung mich bewahren! + + TSCHATZKI. + + Mein Gott, Sie sprechen ja, als wären Sie noch Kind! + Als ob nur Meinungen von andern heilig sind! + + MOLTSCHÁLIN. + + Abhängig muß man doch einmal von andern sein. + + TSCHATZKI. + + Und weßhalb muß man's sein? + + MOLTSCHÁLIN. + + Ei nun -- mein Rang ist klein. + + TSCHATZKI (halb laut). + + Mit solcher Denkungsart, mit solchem Geist ihn lieben, + Sie hat mich nur getäuscht und ihren Scherz getrieben! + + + Vierte Scene. + + Im Grunde öffnen sich mehrere Thüren auf einen zweiten Saal, alles + ist erleuchtet, Diener treten auf. Moltschálin geht ab. Tschatzki + bleibt im Vordergrunde. + + EIN ÄLTERER DIENER. + + He Philipp, Thomas, rührt euch, frisch! + Hierher noch einen Kartentisch, + Bringt Lichte, Bürsten her und Kreide! + + (Er klopft an Sophiens Thür.) + + Mamsell _Lisette_, hören Sie, Sie können nur dem Fräulein sagen: + _Natalie Dmítrewna_ ist hier + Mit ihrem Mann, und vor der Thür + Hält schon ein zweiter Wagen. + + (Ab.) + + + Fünfte Scene. + + TSCHATZKI. NATALIE DMÍTREWNA. GORITSCHEFF. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Wie, seh' ich recht -- ja -- es sind seine Züge! + Herr _Tschatzki_, wenn ich mich nicht trüge? + + TSCHATZKI. + + Sie seh'n mich zweifelnd an, vom Kopf bis zu den Füßen. + Es wär' doch wunderbar, + Daß mich verändert so drei Jahr! + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Ich dacht' mir alles andre ehr + Als Sie in Moskau zu begrüßen. + Nun woher? + Wann sind Sie angelangt? + + TSCHATZKI. + + So eben. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Das ist schön! + Und auf wie lang? + + TSCHATZKI. + + Ich werde sehn! + Doch Sie? Ich kann nicht zu mir vor Erstaunen kommen. + Sie haben unbegreiflich zugenommen. + Was haben Sie nur angefangen? + Welch Gliederspiel und welche rothe Wangen! + Verjüngt, voll Geist, im Blicke welche Laune? + Was ist geschehen? Ich erstaune! + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Ich habe mich vermählt. + + TSCHATZKI. + + Das mußten längst Sie sagen! + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Mein Mann, ein einz'ger Mann -- ich darf mich nicht beklagen -- + Gleich ist er hier. -- Nicht wahr -- ich mache Sie bekannt? + + TSCHATZKI. + + Ich bitt' Sie drum! + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Gewiß, Sie finden ihn charmant. + Ein Blick genügt. + + TSCHATZKI. + + Ich glaub's! Es ist Ihr _Mann_. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + O deßhalb nicht allein, + Man kann nicht liebenswürd'ger sein. + Durch eignen Werth, durch Geist und durch Verstand + Ist mein Platon als ganz vorzüglich anerkannt. + Er ist jetzt Civilist, war früher Militair, + Er dient nicht mehr, und alle Welt bedauert dieses sehr. + Denn dient' er weiter -- sehen Sie -- + Bei solcher Tapferkeit und dem Genie + So meinen alle -- die ihn früher kannten -- + Er hätt's in Moskau hier gebracht + Ganz sicher bis zum Commandanten. + + + Sechste Scene. + + DIE VORIGEN. PLATON GORITSCHEFF. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Da ist er, mein _Platon Michailowitsch_! + + TSCHATZKI. + + Was, der? + Mein alter Freund! Nun sieh', welch Ungefähr! + + PLATON. + + Ah! -- -- -- + Willkommen Bruder, bist _Du_ wieder da! + + TSCHATZKI. + + _Platon_ mein Freund -- es macht Dir Ehre, + Du führst Dich ja vorzüglich, wie ich höre! + + PLATON. + + Ja -- sieh -- was alles noch aus einem werden kann. + In Moskau leb' ich jetzt und bin ein Ehemann. + + TSCHATZKI. + + Und jene Zeit, wo Du im Felde standst + Und höchste Lust im Lärm des Lagers fandst -- + Der Trommel und Trompete Ton -- + Vergessen also alles schon? + Ich glaub' Du liegst jetzt auf der faulen Bank, + Und trankst in vollen Zügen Lethe? + + PLATON. + + O nein, ich übe jetzt auf meiner Flöte + Ein großes Duo in _A-moll_. + + TSCHATZKI. + + Nun, das ist toll, + Das übtest Du bereits in deiner Jugend! + Indeß bei einem Ehemann + Ist's gut -- wenn man doch rühmen kann + Beständigkeit als seine erste Tugend. + + PLATON. + + Freund -- denke an mein Wort: + Wird Dir einst eine Frau zu Theile, + Du pfeifst gewiß vor Langerweile + Ein und dasselbe immerfort. + + TSCHATZKI. + + Wie Langeweile -- ei, das ist nicht gut! + Zahlst Du ihr wirklich schon Tribut? + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Mein Mann war früher an Beschäftigung gewöhnt, + Das fällt jetzt weg. -- Revue'n und die Parade, + Und dann die Reitbahn fehlt ihm Morgens nachgerade. + + TSCHATZKI. + + Was hält Dich ab, mein Freund? Zum Regiment mit Dir, + Such eine Eskadron -- Du bist wohl Stabsoff'zier? + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Ach nein, zu kränklich ist mein armer Mann! + + TSCHATZKI. + + Ist's möglich, wie, Du kränklich und seit wann? + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Er leidet an rheumatischen Beschwerden + Und auch am Kopf. + + TSCHATZKI. + + Hier wird's nicht besser werden. + Beweg' Dich, reite mehr, zieh' in den Süden hin. + Die Landluft ist allein schon ein Gewinn. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Mein Mann liebt Moskau gar zu sehr! + Er muß genießen doch sein Leben -- + Was soll er in die Wildniß sich begeben! + + TSCHATZKI. + + Du liebst die Stadt? Wer hätte das gedacht! + Entsinne Dich, wie oft hast Du sie nicht verlacht. + + PLATON. + + Ach Freund, die alten Zeiten sind nicht mehr. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Mein Männchen, komm recht fort! + Hier ist's so frisch -- hör' doch ein Wort -- + Dein Rock ist aufgeknöpft und auch die Weste -- + + PLATON. + + Ich bin nicht was ich war! + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Komm, knöpf' sie feste! + Hör' doch, mein Engelchen -- + + PLATON (ruhig). + + Ja, ja! + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Komm von der Thüre doch hierher, + Hier zieht der Wind. + + PLATON. + + Ja Bruder, ich bin nicht der alte mehr. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + So höre doch ein Wort, + Um's Himmelswillen komm von der Thüre fort! + + PLATON. + + Ach liebes Kind! + + TSCHATZKI. + + Nun das geht weit! + Verwandelt in so kurzer Zeit? + Bei'm Regiment im vor'gen Jahr + Warst Du ja noch der wackerste Husar! + Bei Tagesanbruch schon zu Pferde + Verspottetest Du jegliche Beschwerde. -- + Wie oft -- mit ungestümer Lust + Sah man auf wildem Hengst, mit offner Brust + Dem Herbst-Sturm Dich entgegenreiten! + + PLATON. + + Ach Camerad', das waren schöne Zeiten! + + + Siebente Scene. + + DIE VORIGEN. FÜRST TUGOÚCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und SECHS + TÖCHTERN. + + NATALIE DMÍTREWNA (aufkreischend). + + Fürst Peter Illjitsch, ah' die liebe Fürstin! + Und _ah mon Dieu_ -- Sisi, Mimi, die Lieben! + + (Geräuschvolle Begrüßung, auch Tschatzki verbeugt sich. Die Damen + setzen sich links in einen Halbkreis und betrachten einander von + oben bis unten.) + + ERSTE FÜRSTIN (zu Natalie). + + Wie allerliebst ist die Façon von Ihrem Kleide! + + ZWEITE FÜRSTIN. + + Mit Garnitur besetzt -- + + ERSTE FÜRSTIN. + + Und welche schöne Seide! + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Mein Atlastürluru -- das sollten Sie erst seh'n! + + DRITTE FÜRSTIN. + + Es hat mir eine Schärpe der Cousin gebracht, + Nein, -- die ist wunderschön! + + VIERTE FÜRSTIN. + + Ach ja, -- und von _barège_, eine Pracht! + + FÜNFTE FÜRSTIN. + + Ganz köstlich ist sie. + + SECHSTE FÜRSTIN. + + Herrlich, ja! + + DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie). + + Wer ist der junge Mann im Winkel da, + Er grüßte uns, als wir in's Zimmer traten? + Ich hab' schon hin und her gerathen. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Ein Angereister -- Tschatzki. + + DIE ALTE FÜRSTIN. + + Ah! + Hat er den Dienst verlassen? + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Ja, + Vom Ausland kehrt er eben erst zurück. + + DIE ALTE FÜRSTIN. + + Ist ledig er? + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Ja, noch _garçon_. + + DIE ALTE FÜRSTIN (zum Mann). + + Erlaucht, Erlaucht, -- auf einen Augenblick! + Geschwinder. + + DER FÜRST (nähert sich mit seinem Hörrohr). + + O! -- hm? -- + + DIE ALTE FÜRSTIN. + + Den jungen Herrn dort + Natalie Dmítrewna's Bekannten -- den da -- + Lad' ein zu unserm Ball, am Dienstag -- mach' nur fort! + + DER FÜRST. + + I--hm! + + (Er schleicht um Tschatzki herum und hustet.) + + DIE ALTE FÜRSTIN. + + So geht es, wenn man Kinder hat! + Ein Ball ist einmal ihr Vergnügen; + Man quält sich müd', man quält sich matt, + Und weiß oft Tänzer nicht zu kriegen! -- + Er ist doch Kammerjunker? + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Nein. + + DIE ALTE FÜRSTIN. + + Doch reich? + + NATALIE DMÍTREWNA. + + O, nein! + + DIE ALTE FÜRSTIN (so laut als möglich). + + Erlaucht, Erlaucht, zurück, zurück sogleich! + + + Achte Scene. + + DIE VORIGEN. Die GRÄFIN CHRUMIN und ihre GROSSTOCHTER. + + DIE JUNGE GRÄFIN. + + Ah! _grand-maman!_ Wer kommt denn auch so früh! + Wir sind die ersten hier! + + (Beide entfernen sich in einen andern Saal.) + + DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie). + + Nun hören Sie! + Sehr artig das! Die ersten hier! + Uns zählt sie nicht; ei welch ein Vornehmthun! + Ein boshaftes Geschöpf; und alte Jungfer nun + Schon eine Ewigkeit! Nun Gott verzeihe ihr! + + DIE JUNGE GRÄFIN + + (kommt zurück und nähert sich lorgnettirend Tschatzki). + + Ah! Monsieur Tschatzki hier? Wer hätte das gedacht! + Und noch der alte stets? + + TSCHATZKI. + + Warum sollt' ich mich ändern? + + DIE JUNGE GRÄFIN. + + Sie sind ja doch gereist in vielen fremden Ländern + Und haben keine Frau vom Ausland mitgebracht! + + TSCHATZKI. + + Vom Ausland? + + DIE JUNGE GRÄFIN. + + Ja! Bei diesen fremden Damen, + Da fragt man nicht nach Herkunft, Stand und Namen, + Und unsre jungen Herrn, wenn sie nach Hause kehren, + Die pflegen uns gewöhnlich zu bescheren + Mit Schwägerinnen und Cousinen + Aus Modemagazinen. + + TSCHATZKI. + + Die Unglücksel'gen -- ja! -- Von Damen, + Die sich Modistinnen zum Muster nahmen, + Da werden sie nun ausgeschmählt, + Daß sie, statt der Copien -- + Originale sich gewählt! + + + Neunte Scene. + + DIE VORIGEN. MEHRERE NEUE GÄSTE, darunter SAGORÉTZKI. Die Herren + scharren, grüßen und gehen weiter oder auf und ab. SOPHIE kommt + aus ihrem Zimmer, Alle ihr entgegen. + + DIE JUNGE GRÄFIN (zu ihr). + + _Eh bonsoir, vous voilà! Jamais trop diligente,_ + _Vous nous donnez toujours le plaisir de l'attente._ + + SAGORÉTZKI (zu Sophien). + + Zu morgen -- haben Sie + Schon ein Billet zur Komödie? + + SOPHIE. + + Ach nein! + + SAGORÉTZKI. + + Hier ist eins -- wenn Sie mir erlauben! + Allein Sie können es mir glauben + Vergeblich hätte Ihnen + Ein anderer versucht darin zu dienen; + Wie bin ich aber deshalb auch gelaufen! + Erst wollt' ich's an der Kasse kaufen -- + Doch -- auf mein Ehrenwort -- + Es war schon alles fort. + Nun fuhr ich zum Direktor hin, + Da ich sein guter Freund ja bin -- + Umsonst! -- Was glauben Sie! + Am Abend schon vorher konnt' niemand mehr was kriegen! + Zu dem -- zu jenem ging es nun in Einem Lauf -- + Ich hetzte Alle auf! + Um dieses endlich mußt' ich einen Freund betrügen, + Ich nahm es gradzu mit Gewalt. + Es ist ein Stubenhocker, schwach und alt, + Was konnt's ihm nützen + Er mag zu Hause ruhig sitzen. + + SOPHIE. + + Ich danke Ihnen für's Billet recht sehr, + Für Ihre Mühe aber noch viel mehr. + + (Es kommen NEUE GÄSTE. SAGORÉTZKI geht zu den Herren rechts.) + + SAGORÉTZKI (zu Platon). + + Ah, guten Abend! + + PLATON. + + Scher' Dich fort! + Geh pack' Dich dort + Zu deinen Damen, + Um deine Lügen auszukramen! + Wenn ich Dich schildre wie Du bist, + So kann von Dir ich manche Wahrheit sagen, + Die schlimmer wohl als jede Lüge ist. -- + + (Zu Tschatzki.) + + Hier präsentir' ich Dir den Herrn + Antón Antónitsch Sagorétzki. -- + Ich wüßte gern, + Wie man, doch ohne grob zu sein, + Dergleichen Leute fein + Und dennoch wahr bezeichnen könnte! + Er ist ein Weltmann und gewandt -- + Als Schelm von allen anerkannt --! + Nimm Dich in Acht vor ihm, denn was Du sagst + Das hört er mit besondern Ohren; + Und wenn Du gar zu spielen mit ihm wagst, + So bist Du ganz und gar verloren. + + SAGORÉTZKI. + + Origineller Murrkopf Du! + Nun -- schimpf' nur zu, + Kein Tröpfchen Galle ist in Deinen Scherzen. + + TSCHATZKI. + + Drum nehmen Sie sich's nicht zu Herzen! + Auch außer Ehrlichsein giebt es der Freuden viel, + Hier schimpft man, dort erreichet man das Ziel. + + PLATON. + + Ach Bester, nein + Man schimpft bei uns + Und -- ladet dennoch ein. + + (Sagorétzki verliert sich im Hintergrunde.) + + + Zehnte Scene. + + DIE VORIGEN. MADAME CHLESTOW. + + MADAME CHLESTOW (zu Sophien). + + Na! Leicht ist's nicht mit fünf und sechzig Jahren + So weit zu Deinem Ball zu fahren. + Ich brauchte eine ganze Stunde von Pokrow. + + (Setzt sich links in den Vorgrund neben Sophie.) + + Ich kann nicht mehr! -- Ach Nichtchen, welche Plage -- + Und dunkel ist's wie einst am jüngsten Tage. + Aus Langerweile nahm ich mit + Mein Mohrenmädchen und den Spitz -- ich bitt' + Befiehl, man soll sie heut' beim Abendessen + Zu füttern nicht vergessen. -- + Gott grüß' Sie, Fürstin! -- Ja, Sophie, ich sage Dir + Die Mohrin ist ein Wunderthier. + Ein Krauskopf -- krumm das Schulterblatt und Tatze -- + Voll Zorn und Bosheit -- ganz Manieren einer Katze. + Und ach wie schwarz und ach wie häßlich -- + Was hat doch alles Gott der Herr erschaffen! + Ich sag' Dir gräßlich! + Frappant der Satanas! -- Willst Du sie sehn? + + SOPHIE. + + Es kann ein andermal geschehn. + + MADAME CHLESTOW. + + Und stell' Dir vor, wie wilde Thiere + So führt man sie herum, um sie zu zeigen. + Man hat mir das erzählt, da ist so eine Stadt + In der Türkei, der Name klingt so eigen -- + Und rath' wer mir sie zum Präsent gemacht? -- -- + Der Sagorétzki hat sie mir gebracht. + + (Sagorétzki horcht auf und kommt näher.) + + Er lügt ein bischen, spielt auch falsch und ist ein Dieb -- + + (Sagorétzki geht eilig fort.) + + Allein er thut doch einem viel zu lieb. + Ich hatte mir schon ausgebeten + Er sollt' nicht über meine Schwelle treten, + Da bringt vom Jahrmarkt er die Mohrin mir -- + Er sagte zwar, daß er gekauft sie hätte, + Ich glaub' es aber nicht, -- ich wette + Er hat gewonnen sie + Im Kartenspiele irgendwie! + Gott schenk' Gesundheit ihm dafür. + + TSCHATZKI (zu Platon lachend). + + Von solchem Lob pflegt man nicht zu gesunden! + Selbst Sagorétzki hielt's nicht aus und ist verschwunden. + + MADAME CHLESTOW. + + Wer ist der lust'ge Mann, der dort so laut gelacht? + Weß Stand's? + + SOPHIE. + + Der Tschatzki ist's -- + + MADAME CHLESTOW. + + Das hab' ich gleich gedacht! + Was kann der Narr denn da zu lachen finden? + Es ist gewiß die größte aller Sünden + Sich über alte Leute lustig machen + Und graue Haare auszulachen. + Ich weiß, mit ihm hast Du als Kind getanzt, -- + Ich hab' ihn oft curanzt + Ich zupft' ihn an den Ohren tüchtig, + Allein noch viel zu wenig, das ist richtig! + + + Elfte Scene. + + DIE VORIGEN. FAMUSSOFF. + + FAMUSSOFF (sehr laut). + + Sieh' da, Erlaucht -- und Sie sind hier? + Und im Portraitsaal warten wir! + Ist denn der Oberst Scalosúb nicht hier, + Sergeí Sergéitsch? Wie? In aller Welt + Es ist ja doch ein Mann, der in die Augen fällt, + Der Oberst Scalosúb! + + MADAME CHLESTOW. + + Gott helfe mir! + Er hat mich ganz betäubt und schreit ja Zeter, + Und lärmt ja ärger noch als ein Trompeter! + + + Zwölfte Scene. + + DIE VORIGEN. SCALOSÚB. Später MOLTSCHÁLIN. + + FAMUSSOFF. + + Ah, ah, ah, ah! Herr Oberster, zu spät! -- Nach zehn!? + Wir warteten und warteten! -- Nun das ist schön! + Erlauben Sie -- hier meine Schwägerin -- + Die Sie dem Rufe nach schon lange kennt. + + MADAME CHLESTOW. + + Sie dienten -- glaub' ich -- hier -- beim Regiment -- + Wie heißt es gleich? Da bei den Grenadiren? + + SCALOSÚB. + + Sie meinen Seiner Hoheit Regiment + Von Neuland -- bei den Musketiren. + + MADAME CHLESTOW. + + Ich hab' es nicht zur Meisterschaft gebracht + Um all' die Unterschiede zu begreifen. + + SCALOSÚB. + + Dazu sind formgemäße Streifen; + Die Litzen, Latzen und Lampassen + An den Monturen muß + Man ganz zuerst ins Auge fassen. + + FAMUSSOFF. + + Sergeí Sergéitsch, kommen Sie! + Wir wollen gleich ein Whistchen machen; + Ich sage Ihnen, die Parthie + Ist wirklich um sich todt zu lachen. + + (Zum Fürsten.) + + Erlaucht, ich bitte, folgen Sie! + + MADAME CHLESTOW (zu Sophie). + + Nun, Gott sei Dank -- fast wäre ich erstickt! + Dein Vater ist ja rein verrückt, + Und scheint bezaubert von dem Goliath zu sein. + So, mir nichts, Dir nichts, macht er uns bekannt, + Und fragt nicht ob's mir lieb, ob es mir ennuyant. + + MOLTSCHÁLIN (mit einer Karte). + + Madame, ich bracht' für Sie + Zusammen Ihre Whistparthie. + _Phomá Phomítsch_ und Monsieur _Kock_ und -- ich. + + MADAME CHLESTOW. + + Ach, tausend Dank, mein Lieber! + + (Steht auf und nimmt Moltschálin's Arm.) + + MOLTSCHALIN. + + Ihr Spitz ist doch ein einz'ger Spitz! + Er ist ja wie ein Fingerhütchen klein + Ich streichelt' ihn, sein Fellchen ist so fein + Wie das von einem Biber. -- + + MADAME CHLESTOW. + + Ach, tausend Dank, mein Lieber. + + (Sie gehen ab, mehrere Gäste folgen ihnen.) + + + Dreizehnte Scene. + + TSCHATZKI. SOPHIE. -- Im Hintergrunde EINIGE GÄSTE. + + TSCHATZKI. + + Bravissimo! Die Wolke ist zerstoben! + + SOPHIE. + + Ich bitte -- + + TSCHATZKI. + + Ei, was fürchten Sie? + Den Zorn der Alten hat er ja gewendet, + Ich wollte ihn gerad' drum loben! + + SOPHIE. + + Mit einer Bosheit hätt' es doch geendet. + + TSCHATZKI. + + Soll ich jetzt sagen, was ich dachte? + Die alten Weiber sind verdrießlich, + Und darum ist's ersprießlich + Wenn man recht einen dienstbefliss'nen Mann + An ihre Seite stellen kann. + Moltschálin der erschien ja plötzlich + Dem Blitzableiter gleich. Es war ergötzlich! + Wer sänftigte wie er, so friedlich Zank und Streit? + Wer streichelt', so wie er, den Mops zu rechter Zeit? + Wer präsentirt' mit Scharfsinn und Geschick + Das Kärtchen in dem rechten Augenblick? + Nein, auf mein Wort, + In ihm lebt Sagorétzki einstmals fort. -- + Sie haben + Mir alle seine Gaben + Erst hergezählt; + Doch glaub' ich, daß noch vieles fehlt. + + (Ab.) + + + Vierzehnte Scene. + + SOPHIE allein, dann HERR N. N. + + SOPHIE. + + Ach dieser Mensch, wie er mich stets verstimmt, + Wie beißend ist er, wie ergrimmt, + Wie voller Neid + Und Bosheit und Hochmüthigkeit! + + N. N. + + So in Gedanken! Wie? + + SOPHIE. + + Ich dacht' an Tschatzki. + + N. N. + + Wie finden Sie ihn denn nach seiner Reise? + + SOPHIE. + + Ich finde ihn verrückt! + + N. N. + + Verrückt, wahrhaftig? Ist es möglich? + + SOPHIE (nach einer kleinen Pause). + + Nun toll -- das grade nicht! + + N. N. + + Doch merkt man etwas, wenn er spricht? + + SOPHIE. + + Mir scheint es so. + + (Sieht nach der Thür wo Tschatzki abging.) + + N. N. + + In seinen jungen Jahren + Wie konnt' ihm solch' ein Unglück widerfahren? + + SOPHIE. + + Ja, es ist schlimm! -- (bei Seite) Er glaubt daran! + Ah Tschatzki --! And're stets zu necken + Das lieben wir! -- Nun mag er's selber schmecken! + + (Ab.) + + + Fünfzehnte Scene. + + HERR N. N. HERR D. + + N. N. + + Verrückt -- so scheint es ihr! + Sehr möglich dünkt die Sache mir, + Wie wär' sie sonst auch drauf gekommen! + + (Zu D.) + + Ah, hast Du schon vernommen? + + HERR D. + + Und was? + + N. N. + + Von Tschatzki. + + HERR D. + + Nein, kein Wort! + + N. N. + + Er ist verrückt. + + Herr D. + + So geh' doch fort! + + N. N. + + Ich sag' es nicht, ich hab' es nur gehört. + + HERR D. + + Und bist nur froh, es weiter gleich zu tragen. + + N. N. + + Es wäre doch der Mühe werth + Auch noch bei andern nachzufragen. + + (Ab.) + + + Sechzehnte Scene. + + HERR D. allein, dann SAGORÉTZKI. + + HERR D. + + Ja, glaubt den Schwätzern nur! + Da hören sie das dümmste Zeug + Und wiederholen es sogleich. + + (Zu Sagorétzki.) + + Hast Du von Tschatzki was gehört? + + SAGORÉTZKI. + + Was denn? + + HERR D. + + Daß er gestört? + + SAGORÉTZKI. + + Ich weiß, ich weiß, wie sollt' ich das nicht wissen! + Wie oft schon hab' ich's hören müssen! + Es ging ja ganz besonders dabei her: + Dem pfiffigen Oheim ward's nicht schwer + Im Narrenhause ihn zu betten; + Sie banden ihn und nun sitzt er in Ketten. + + HERR D. + + Erbarme Dich, er war ja eben hier, + Vor einem Augenblick sah ich ihn neben Dir. + + SAGORÉTZKI. + + Dann ist's gewiß + Daß er sich los von seiner Kette riß. + + HERR D. + + Nun, liebster Freund -- mit Dir + Ist weiter keine Zeitung nöthig; + Doch will ich gleich und ohne Säumniß + Die andern dort befragen. + Doch darfst Du es beileibe niemand sagen -- + Noch ist es ein Geheimniß. + + (Ab.) + + + Siebzehnte Scene. + + SAGORÉTZKI, dann NATALIE DMÍTREWNA. + + SAGORÉTZKI. + + Was kann das für ein Tschatzki sein? + Verbreitet ist der Name -- + Mit einem Tschatzki war ich einst bekannt -- + + (Zu Natalie Dmítrewna.) + + Sie wissen's doch Madame? + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Was denn? + + SAGORÉTZKI. + + Von Tschatzki, nun, er stand noch eben hier. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Ich weiß -- er sprach mit mir. + + SAGORÉTZKI. + + So gratulir' ich Ihnen -- er ist toll! + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Was? + + SAGORÉTZKI. + + Ja; man sagt mir er verlor + So eben den Verstand. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Nun stellen Sie sich vor! + Ich merkt' es auch schon und was gilt die Wette, + Daß gleich das nämliche gesagt ich hätte. + + + Achtzehnte Scene. + + DIE VORIGEN. DIE ALTE GRÄFIN. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Nein das ist wunderbar, das ist was neues! + Gestört? + Frau Gräfin haben Sie gehört + Von dem _malheur_, das hier gescheh'n -- + Das ist doch einzig -- das ist schön! + + DIE ALTE GRÄFIN. + + Mein Schatz, es liegt mir in den Ohren heut', + Du mußt mir's etwas lauter sagen. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Ich hab' dazu durchaus nicht Zeit, + Ich muß die andern ja befragen. + _Il vous dira toute l'histoire._ + + (Ab.) + + + Neunzehnte Scene. + + DIE ALTE GRÄFIN. SAGORÉTZKI. + + DIE ALTE GRÄFIN. + + Wie, -- was, es ist hier doch nicht Feuer ausgebrochen? + + SAGORÉTZKI. + + Nein -- Tschatzki hat den Sturm erregt. + + DIE ALTE GRÄFIN. + + Was? Tschatzki hat man in den Thurm gelegt? + + SAGORÉTZKI. + + In der Türkei ist er verwundet worden + Beim Aug' und wurde davon toll. + + DIE ALTE GRÄFIN. + + Freimaurerorden? + Was, oder ist er Türk' geworden? + + SAGORÉTZKI. + + Der bringt man es nicht bei! + + (Ab.) + + DIE ALTE GRÄFIN. + + Antón Antónowitsch! Auch er läuft fort! + Erschreckt und außer sich scheint alles dort + Zu sein -- + + + Zwanzigste Scene. + + DIE ALTE GRÄFIN. DER FÜRST. + + DIE ALTE GRÄFIN. + + Erlaucht, Erlaucht! Ach Gott --! der alte Mann + Auf Bällen, wenn man kaum noch kriechen kann! + Na, haben Sie gehört? + + DER FÜRST. + + A? hm? -- + + DIE ALTE GRÄFIN. + + Er hört auch gar nichts mehr! + Vielleicht hat er's gesehn, + Was hier gescheh'n -- + War nicht die Polizei im Haus? + + DER FÜRST. + + E? hm? -- + + DIE ALTE GRÄFIN. + + Wer brachte Tschatzki hier hinaus? + + DER FÜRST. + + I! hm? -- + + DIE ALTE GRÄFIN. + + Ja, Tschatzki wird Soldat -- + Ist das ein Spaß? Er ist ein Renegat. + Er wurde ja Mahomedaner! + So ein verdammter Voltairianer! + Was? -- ah? -- Taub Alterchen? -- Sie hören schwer? + So geben Sie Ihr Rohrchen her. + Ach nein! + Es ist doch arg so taub zu sein! + + + Einundzwanzigste Scene. + + DIE GANZE GESELLSCHAFT, später FAMUSSOFF, zuletzt TSCHATZKI. + + MAD. CHLESTOW. + + Verrückt? Nun bitt' ich Sie! + Wie ist das so ganz plötzlich denn gekommen. + Sophie -- + Hast Du es schon vernommen? + + PLATON. + + Wer bracht' nur das Gerede aus? + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Ach, liebes Männchen -- Alle! + + PLATON. + + Nun freilich in dem Falle + Da muß ich hier + Wohl schweigen; + Doch zweifelhaft erscheint es mir. + + FAMUSSOFF (kommt rasch hinzu). + + Wie? Was? Von Tschatzki ist die Rede? + Und jemand zweifelt noch? Ich hab's zuerst entdeckt, + Und wunderte mich längst, daß er nicht eingesteckt. + Probier' es einer nur den Rücken + Vor irgend jemand tief zu bücken + Und sei der Mann auch noch so groß und mächtig -- + Ja, wär' es der Monarch -- + Gleich nennt er's niederträchtig. + + MAD. CHLESTOW. + + Ein Spötter ist er noch dabei: + Ich sagte erstlich was, da fing er an zu lachen. + + DIE JUNGE GRÄFIN. + + Mich wollt' er zur Modistin machen! + + MOLTSCHÁLIN. + + Mir sagte er -- ich rathe Ihnen + In Moskau beim Archive nicht zu dienen. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Und meinem Mann rieth er in Moskau nicht zu leben, + Er sollte fort und sich auf's Land begeben. + + SAGORÉTZKI. + + Aus allem klar: -- verrückt -- verrückt! + + DIE JUNGE GRÄFIN. + + Ich hab' es gleich in seinem Aug' erblickt. + + FAMUSSOFF. + + Er schlägt der Mutter nach. -- Es ist bekannt + Achtmal verlor die Sel'ge den Verstand. + + MAD. CHLESTOW. + + Was fällt nicht alles vor auf Erden! + In seinem Alter toll zu werden! + Er trank gewiß + Nicht im Verhältniß seiner Jahre. + + DIE ALTE FÜRSTIN. + + Gewiß! + + DIE JUNGE GRÄFIN. + + Das muß es sein! + + MAD. CHLESTOW. + + Champagner goß er gläserweis hinein. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Oh, nein, -- ich kann's betheuern + In Flaschen und dazu in ungeheuern! + + SAGORÉTZKI (eifrig). + + Was Flaschen, nein, ich weiß es besser + Er trank, Gott straf' mich, ganze Fässer. + + FAMUSSOFF. + + Ach geht mir doch -- ein großes Unglück das, + Guckt eine Mannsperson auch etwas tief in's Glas, + Nein, nein -- der Unterricht -- das ist die wahre Seuche, + Gelehrsamkeit die macht's, daß jetzt in unserm Reiche + Der Wahnsinn um sich greift und solche Schändlichkeiten + Und arge Meinungen sich mehr und mehr verbreiten. + + MAD. CHLESTOW. + + Und grad' heraus -- wie könnt' es anders sein? + Verrückt wird man schon ganz allein + Von dieser ungeheuren Zahl + Von Schulen und Pensionen und -- Geschichten, + Lyceen und _Landkartenschulen_ allzumal + Wo sie sich wechselseitig unterrichten. + + DIE ALTE FÜRSTIN. + + Ach nein! + Mir ist ein Institut in Petersburg bekannt, + Das Pä--da--go--gische, so, glaub' ich, wird's genannt, + Die Professoren legen sich dort recht auf Ketzerei'n! + Ein junger Mann, verwandt mit unserm Haus, + Studirte dort und kam vor kurzem erst heraus. + Was glauben Sie? Er könnte auf der Stelle + In jeder Apotheke sein Geselle! + Er flieht die Damen -- mich sogar -- der Spötter --! + Die Ränge haßt er, denken Sie! + Und treibt Botanik und Chymie -- + Fürst Theodor, mein Vetter! + + SCALOSÚB. + + Ich will Sie allgesammt erfreun + Mit einer Neuigkeit: Ganz allgemein + Sagt man, wie es im Werke sei, + Daß mit Gymnasien und Schulen und Lyceen + Ein großer Fortschritt soll geschehn: + Man wird dort lehren jetzt auf unsre Art: -- eins -- zwei! + Die Bücher aber hebt man auf + Für feierliche Fälle. + + FAMUSSOFF. + + Nein, Feuer drunter auf der Stelle! + Will man vom Bösen sich befrein, + So muß es mit der Wurzel sein. + + SAGORÉTZKI (mit affectirter Bescheidenheit). + + Bitt' um Vergebung sehr, + Die Bücher muß man unterscheiden. + Wenn ich, zum Beispiel, Censor wär', + Die Fabeln würde ich nicht leiden! + O Gott, die sind mein Tod! die ew'gen Witzelein + Auf Löw' und Adler da -- wie sie nach Raube dürsten -- + Man sage, was man will, es sind doch immer Fürsten. + + MAD. CHLESTOW. + + Ach meine Herrn, mir scheint es wirklich einerlei, + Wenn man verrückt wird, -- ob Gelehrsamkeit, + Ob Trinken Schuld dran sei! + Um Tschatzki thut's mir leid, + Aus Christenpflicht muß man ihn schon bedauern + Er hatte Mutterwitz und -- hat dreihundert Bauern. + + FAMUSSOFF. + + Vierhundert! + + MAD. CHLESTOW. + + Nein, mein Bester, drei! + + FAMUSSOFF. + + Vierhundert hat er. + + MAD. CHLESTOW. + + Drei! + + FAMUSSOFF. + + In dem Kalender steht's -- + + MAD. CHLESTOW. + + Ach die Kalender lügen! + + FAMUSSOFF. + + Vierhundert auf ein Haar -- + Das Schrei'n und Streiten ist nun Ihr Vergnügen. + + MAD. CHLESTOW. + + Es ist nicht wahr! + Dreihundert sind es -- drei -- + Als ob ich das nicht weiß, was andre Menschen haben. + + FAMUSSOFF. + + Begreifen Sie denn nicht! + Vierhundert sind's. + + MAD. CHLESTOW. + + Nein, drei, drei, drei! + + + Zweiundzwanzigste Scene. + + DIE VORIGEN. TSCHATZKI. + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Da kommt er selbst herbei! + + DIE JUNGE GRÄFIN. + + Scht! + + ALLE. + + Scht! + + (Ziehen sich zurück.) + + MAD. CHLESTOW. + + Nun, wenn er seinen Raptus kriegt, + So kommen wir noch alle vor's Gericht. + + FAMUSSOFF (bei Seite). + + Ach! Gott sei mir jetzt gnädig! + + (Laut.) + + Mein liebster Freund -- + Es scheint -- + Du bist nicht recht bei Laune. + Nach einer Reise braucht man Ruh'. + Zeig' deinen Puls -- ich glaube Du + Bist nicht ganz wohl? Geh' recht nach Haus. + + TSCHATZKI. + + Ich halt's auch nicht mehr aus! + Ich hab' so viel umarmen heut' gemußt, + Mir schmerzt davon die Brust; + Die Füße sind erlahmt vom Scharren und vom Bücken, + Die Ohren thun mir weh vom Schreien und Entzücken. + Und ach der Kopf ist fast + Verrückt von all dem dummen Zeuge! + + (Er nähert sich Sophien.) + + Mein Geist erliegt des Kummers Last; + Ich bin in dieser Menge wie verloren. + Warum ging ich nach Moskau hin, + Wo ich nicht mehr ich selber bin! + + MAD. CHLESTOW. + + Ei, hört doch an! + Nun ist gar Moskau Schuld daran. + + FAMUSSOFF (giebt Sophien Winke). + + Geh' nicht so nah' Sophie! -- + + (Bei Seite.) + + Sie hört nicht, was ich sage! + + SOPHIE (zu Tschatzki). + + Was hatten Sie denn nun für eine neue Plage? + + TSCHATZKI. + + Ach, eine Kleinigkeit! + Ein wind'ger Franzmann aus Bordeaux + Erzählt' dort ein'gen Damen froh, + Wie er sich früher unser Land gedacht, + Und was er für Ideen sich gemacht, + Und wie er fest geglaubt, daß wir Barbaren wären. + Doch alle Angst sei nun vorbei, + Man sollte, sagt' er, wirklich schwören, + Daß Moskau noch in Frankreich sei; + Denn Sitte, Sprache, so wie Moden + Versetzten ihn auf vaterländ'schen Boden. + Ihn freut' es ohne Gleichen, -- + Uns kann's zur Freude nicht gereichen. + Kaum endete der kleine Mann, + Als alle Welt zu seufzen laut begann: + Ah, Frankreich, einzig Land, ach göttliches Paris, + Ja Frankreich ist das ird'sche Paradies! + So stöhnten zwei geschminkte Damen, + Die mir so vor wie Papageien kamen, + Zwei Fürstinnen, die ihre Lection + Herplapperten aus der Pension. + Wo sollt' ich hin vor diesen Fürstinnen! + Ich stand unweit und äußerte bescheiden, + Doch laut genug, daß sie's gehört, + Gott möge diesen Geist, von dem wir so bethört, + Der blinden, knechtischen Nachahmung Sitte, + Ausrotten bald aus unserer Mitte. -- + Er mögte doch in irgend eine Brust, + Die selbstbewußt, + Ergießen Muth und Kraft, + Durch Beispiel und durch Wort + Zu zügeln unsere Leidenschaft, + Dies Schmachten nach der Fremde! + Und möcht' man einen Finsterling mich schelten, + Altgläubig möcht' ich ihnen gelten, + Mir schiene es -- der Geist in unserm Norden + Sei von der Zeit an schlecht geworden + Seitdem wir unserer Sprache Herrlichkeit + Und unsre alten herrlichen Gebräuche + Vertauscht mit dieser neuen Seuche. + Die schöne Volkstracht wurde abgelegt, + Damit nun jeder wie ein Narr sich trägt; + Sind wir mit diesem Schwalbenschweif + Nicht gradezu für's Tollhaus reif? + Ein lächerlicher Ausschnitt in der Mitten, + Und kaum kann man sich frei bewegen. + Und dann die Haare kurz verschnitten, + Vernunft und Klima gleich entgegen! + Wie lächerlich erscheint ein Graubart nicht, + Der sich rasirt das Greisenangesicht! + Kurzum -- ich mußt' gestehn, -- ich fand + So Haar als Kleider kurz, wie den Verstand. + Und müßt' es sein -- und sind wir einmal schon geschaffen + Zu fremder Völker Affen, + O möchten wir denn doch von den Chinesen lernen + Die fremden Sitten zu entfernen! + Ach, machen wir uns je wohl frei + Von fremder Moden Tyrannei, + Daß unser Volk, das bravste in der Welt + Uns unsrer Sprache nach nicht mehr für Fremde hält! + »Allein wie kann man denn Europas Sitten,« + Brummt' einer da aus ihrer Mitten, + »Mit Nationalgebräuchen + Und Volksgewohnheit wohl vergleichen! + Nun übersetzen Sie mir schnell + Madame oder Mademoiselle? + Sie werden doch nicht »»Herrin«« sagen? + Und haha! -- Herrin --! ach wie häßlich! + Und haha! -- Herrin! -- ach wie gräßlich!« + So wurd' auf meine Kosten nun gelacht; + Natürlich hat mich das doch aufgebracht, + Und eben -- auf mein Wort -- + Wollt' ich die derbste Antwort geben, + Da liefen alle fort --! + Das ist begegnet mir, + Und so was sehen täglich wir, + In Moskau und in Petersburg + Und in dem ganzen Reich geht das so durch -- + Kommt so ein Männlein aus Bordeaux + So drängt sich Alles um ihn froh, + Und alle Damen in der Runde, + Die hängen wie an seinem Munde. -- + Die Fürstinnen vor allen + Die haben dran ein Wohlgefallen. + Doch wer in unsern Residenzen + Es nicht versteht durch allerlei + Gezierte Redensart und Narrethei + Zu glänzen -- + Wer die verschriebenen Gesichter + Nicht leiden kann, + Und wer zum Unglück fünf bis sechs Gedanken, + Wodurch er aus der Menge ragt, + Frei auszusprechen wagt -- + Der sehe zu! + + (Er sieht sich um, die Tänze haben begonnen, die älteren Personen + haben sich zu den Kartentischen gesetzt -- er zieht sich zurück. + -- Zum Schluß eine französische Quadrille und Mazurka mit + Grotesktouren aus der Zeit des französischen Krieges. -- Der + Vorhang fällt.) + + Ende des dritten Akts. + + + + + Vierter Akt. + + + Schwach erleuchtete Hausflur im Erdgeschoß. Im Hintergrunde eine + Paradentreppe zu Famussoff's Wohnung. Links im Vorgrunde + Moltschálins Zimmerthür, -- rechts vorn die Thüre zum Portier, + weiter hin die Hausthür. Viele Bediente mit Mänteln und Pelzen + auf dem Arm, sitzen oder schlafen auf Stühlen und Bänken, man + hört noch Ballmusik. + + + Erste Scene. + + DIE ALTE und JUNGE GRÄFIN (kommen die Treppe herab.) + + DIENER (ruft zur Hausthür hinaus). + + Der Gräfin Chrumin Wagen! + + DIE JUNGE GRÄFIN. + + Das muß ich sagen, + Das war ein saub'rer Ball! + Wo Famussoff nur hergekriegt + Die Mißgeburten all'? + Ich wußt' wahrhaftig nicht + Mit wem ich sprechen oder tanzen sollte, + So gern ich beides wollte. + + DIE ALTE GRÄFIN. + + Ach, Liebchen, komm; ich bin recht mitgenommen, + Ich werde schwächer doch mit jedem Jahr; + Es wird gewiß noch einmal dazu kommen, + Daß ich vom Ball grad auf den Kirchhof fahr'! + + (Man hat ihnen die Pelze umgelegt, sie gehen ab.) + + + Zweite Scene. + + NATALIE DMÍTREWNA und PLATON GORITSCHEFF. + + DIENER (an der Hausthür). + + Der Goritscheff'sche Wagen! + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Mein Engelsmann, ich will Dich etwas fragen: + Mein Herzchen, meine Seele, + Erzähle: -- + + (Küßt ihn auf die Stirn.) + + Was fehlt' Dir heute, + Wo alle Welt sich doch so freute? + + PLATON. + + Ach, liebe Frau, ich kann mich nicht verstellen; + Ich -- schlafe auf den Bällen. + Du weißt, ich kann sie für den Tod nicht leiden, + Doch ist's nicht zu vermeiden, + Ich muß ja schon die Nächte dejouriren, + Für Dich ist ja ein Ball -- Genuß, -- + Allein wer auf Kommando tanzen muß, + Wie soll sich der nicht ennüyiren! + + NATALIE DMÍTREWNA. + + Du stellst Dich an! + O, ich durchschau' den Herrn; + Er möcht' den alten Mann + Schon spielen für sein Leben gern. + + (Geht ab, der Diener folgt.) + + PLATON (kaltblütig). + + Besieht die Sache man bei Licht, + So ist ein Ball so übel nicht, + Ich kann mich nur nicht in den Zwang bequemen; + Wer hieß ein Weib mich nehmen! + Ja -- manchem kann man's an der Wiege sagen -- + + DIENER (kommt zurück). + + Die Gnäd'ge sitzen schon im Wagen, + Und haben zu »verzürnen« sich geruht. + + PLATON (seufzend). + + Schon gut, schon gut! + + (Ab.) + + + Dritte Scene. + + TSCHATZKI. + + (Zum Diener.) Geh' -- such' den Wagen -- mach' geschwind! -- + + (Der Diener läuft hinaus.) + + So wär' der Tag dahin und alle Hirngespinste! -- + Der Hoffnung leichte Nebeldünste + Die meine Brust mit Täuschung füllten -- + Sie sind zerstreut -- verweht nach allen Winden! + Und was denn hoffte ich zu finden? + Wo ist der Antheil nur? Das Mitempfinden? + Wo ist der freudige Empfang? + Sie schreien, sind entzückt, umarmen + Und alles nichts als leerer Klang! + So ging es mir auf meiner Reise, + Die Rosse flogen auf dem Eise, + Und müssig blickt' ich aus dem Schlitten + Wie durch die Steppe hin wir glitten, + Die blau und endlos vor uns lag. + Man fährt und fährt -- aus Stunden wird ein Tag, + Und endlich ist das Nachtquartier erreicht, + Doch ach -- was sich dem Blick auch zeigt -- + Es ist das alte Bild, die alte Noth, + Dieselbe Wüste leer und todt. + O, es ist ärgerlich und unausstehlich, + Je länger man darüber sinnt; + Ist es nicht schmählich + Wie wenig Hoffnung oft gewinnt! -- + + DER DIENER. + + Der Kutscher ist nicht aufzutreiben. + + TSCHATZKI. + + So geh' und such' ihn auf; soll ich die Nacht hier bleiben? + + + Vierte Scene. + + TSCHATZKI. REPETÍLOFF (in Pelz gehüllt kommt eilig von außen, + stolpert auf der Schwelle und fällt hin; die Diener helfen ihm. + Er ist etwas angetrunken). + + REPETÍLOFF (springt hastig auf). + + Pfuh! -- Ungeschickt! -- Was? -- Güt'ger Gott! + Laß mich die Augen nur erst reiben; -- + Mein Herzensfreund, mein lieber Schatz -- _mon cher_! + Nun sieh' die Menschen da mit ihrem Spott: + Da sagen sie, daß ich ein Schwätzer sei + Und dumm und abergläub'sch dabei, + Weil ich für alles Zeichen + Und Vorgefühle habe. + Allein -- jetzt eben -- bitt' ich Dich -- erklär': + Als ob ich es gewußt -- so eilt' ich her -- + Mein Fuß hackt an -- und ich -- ich falle hin + So lang und breit ich bin! -- + Ja, lach' Du nur; denk' immerhin + Daß ich ein Narr und Lügner bin, + Ich weiß nicht, was es ist, + Und wie es kommt, daß Du mein Liebling bist. + Es ist ein Muß -- ich bin dazu gezwungen + Und bin von Liebe und Respekt ganz wie durchdrungen. + Für Dich möcht' ich + Die Frau -- die Kinder aus dem Hause treiben, + Für Dich könnt' meine Seele ich verschreiben. + Und sollte mich die ganze Welt verlassen -- + Und sollt' ich auf der Stelle hier erblassen -- + Und sollt' mich Gottes Donner gleich erschlagen -- + + TSCHATZKI. + + Ei, höre auf, den Unsinn da zu sagen! + + REPETÍLOFF. + + Du liebst mich nicht! Ach! Das ist ja natürlich! + Mit andern -- bah! Da bin ich nicht genirt, + Jedoch mit Dir -- Du hast mir unwillkührlich + Von jeher imponirt. + Ich bin ja ungebildet -- ohne Kopf -- + Ich bin ein Narr, ein lächerlicher Tropf! -- + + TSCHATZKI. + + Ein eigenes Bekenntniß! + + REPETÍLOFF. + + Dir mach' ich gerne das Geständniß; + Ich fluch' dem Tag, an welchem ich geboren; + Wenn ich bedenk', wie ich die Zeit verloren! + -- -- Was ist es an der Zeit? + + TSCHATZKI. + + Lang' Zeit zu Bett zu gehn. + Du wolltest auf den Ball? Da fahr' nur gleich nach Haus, + Denn grade eben ist er aus. + + REPETÍLOFF. + + Was Ball? Wo wir die Nacht bis in den Tag hinein + In Anstandsfesseln uns erfreu'n -- + In's Joch gespannt! Hast Du gelesen -- + Es giebt ein Buch -- + + TSCHATZKI. + + Du liest? + Wie soll ich dieses Räthsel lösen? + Bist Du denn _Repetíloff_? Wie? + + REPETÍLOFF. + + Nenn' gradezu mich ein Vandalenvieh; + Den Titel hab' ich redlich mir erworben: + Wie bin ich durch und durch verdorben! + Ach -- wie viel Zeit hab' ich nicht auf Gelagen + Mit Essen und mit Trinken todtgeschlagen! + Ich habe meine Kinder nicht erzogen; + Ich habe meine Frau betrogen; + Ich hab' gespielt und zwar so arg zuletzt, + Daß man mich unter Kuratel gesetzt -- + Und _nota bene_ -- _per Ukas_! -- + Ich liebte eine Tänzerin -- was -- nein -- + Ich hielt's zu gleicher Zeit mit drei'n. + Ich trank -- -- + Und schwärmt' allnächtlich wochenlang. + Ich warf von mir Gewissen und Verstand, + Gesetze, Glauben, Vaterland -- + + TSCHATZKI. + + Nun höre mal, das ist zu viel! + Lüg' immerhin, doch halte Maaß und Ziel. + Du sprichst von Dingen -- + Die könnten einen zur Verzweiflung bringen. + + REPETÍLOFF. + + Drum, Bester, wünsch' mir Glück, + Ich kam von diesem Rausch zurück. + Mit klugen Leuten geh' ich jetzt nur um + Und treibe mich nicht mehr des Nachts herum. + + TSCHATZKI. + + Zum Beispiel -- heute! -- -- + + REPETÍLOFF. + + Was -- eine Nacht -- die zählt nicht -- das ist klar! + Und dafür frag' mich -- wo ich war! + + TSCHATZKI. + + Das Räthsel ist nicht schwer zu lösen + Du bist gewiß im Klubb gewesen. + + REPETÍLOFF. + + Im Englischen -- um meine Beichte anzuheben. + Ich hatte mich zu einer Sitzung hinbegeben; + Es ging heut' äußerst stürmisch her -- + Ich gab mein Wort zu schweigen -- und + Ich bitt' Dich, schweig daher. + Es ist ein ganz geheimer Bund + Der sich versammelt an den Donnerstagen + Zu allerhand besondern Fragen. + + TSCHATZKI. + + Da hör' ich wundersame Dinge. + Im Klubb? + + REPETÍLOFF. + + Im Klubb. + + TSCHATZKI. + + Mein Bester, hör'! + Ich fürchte sehr + Kommt man Euch auf die Sprünge + So ist's um Euch und Euren Klubb geschehn. + + REPETÍLOFF. + + Du glaubst, daß es gefährlich ist? + Ei, wie Du immer ängstlich bist! + Wir schreien zwar, doch niemand kann's verstehn. + Ich selber -- fängt es an recht heiß erst herzugehn + Von Parlament und Jury -- oder kommt + Lord Byron auf's Tapet -- ich sag' Dir, wicht'ge Dinge! + Dann sitz' ich allermeist und höre zu wie stumm, + Es ist für mich zu hoch -- dann fühl' ich, daß ich dumm. + Freund -- Du bist nie bei uns gewesen -- + Ich sag' Dir, Männer auserlesen. + Hör', Alexandre, sei ein prächt'ger Junge + Und fahre gleich mit mir dahin; + Jetzt sind sie grade recht im Schwunge + Und recht im Disputiren drin. + Ach was für Köpfe! Ungewöhnlich, + Und mir nicht im Geringsten ähnlich. + Ich sage Dir, _mon cher_, die Quintessenz + Der jungen Herrn in unserer Residenz. + + TSCHATZKI. + + Ei geh' mit Gott! Das wäre schön! + Wozu? In tiefer Nacht? Ich will zu Bette gehn. + + REPETÍLOFF. + + Ach was! Wer schläft jetzt? Nein, noch heute, + Entscheide Dich -- denn wir -- wir sind entschiedne Leute. + Ein Dutzend heißer Köpfe -- ehrenwerth -- + Wenn man uns schreien hört, + So ist man ganz verwundert, + Man glaubt gewiß es seien an die hundert. + + TSCHATZKI. + + Doch sag' mir nur, wofür Ihr denn so schwärmt? + + REPETÍLOFF. + + Es wird gelärmt, mein Freund -- gelärmt. + + TSCHATZKI. + + Allein wozu? Das möcht' ich fragen. + + REPETÍLOFF. + + Es ist hier weder Zeit noch Ort Dir das zu sagen + Es ist so ein -- Verein. + Behutsamkeit muß bei der Sache sein. + Siehst Du, die Frucht braucht Zeit zur Reife, + Es geht nicht auf einmal. -- + Doch was für Köpfe -- _ah mon cher_ -- + Ich zähle sie der Reihe her: + Da ist zuerst -- der Fürst Gregor + Ein einz'ger Sonderling -- man lacht sich fast zu Tode! + Er ist ein Angloman und kleidet sich als Britte, + Die Haare kurz, nach englisch steifer Sitte. + Und spricht auch durch die Zähne so -- + Du kennst ihn nicht? Ich mach' euch gleich bekannt. + Ich sage Dir, er ist _charmant_. + Dann haben wir noch einen Sänger + Workuloff, -- Jewdokim -- + Er singt sublim! + Du solltest hören seine Lieder + Besonders seinen Bollero + _Ah, non lasciar mi no! no! no!_ + Dann sind auch noch zwei Brüder, + Zwei prächt'ge Jungen da, + Leon und Borinka. + Man weiß von ihnen sonst wohl nichts zu sagen. + Doch willst Du nach Genies mich fragen, + Dann nenne ich Dir unsern Hyppolit. + Du last doch was von ihm? Und wär' es nur ein Lied, + Lies sag' ich Dir -- doch leider schreibt er nichts! + Er ist Genie -- an Sitzfleisch nur gebricht's. + Mit Ruthen müßt' man solche Herrn zur Arbeit treiben + Und in die Ohren schreien: Schreiben, schreiben! + Doch fällt mir ein, daß für ein Zeitungsblatt + Er ein Fragment geschrieben hat, + »Ein Blick und Etwas« ist es überschrieben. + Und wovon, glaubst Du, daß dies Etwas handelt? + Von Allem, denk' Dir! Nichts ist unberührt geblieben. + Denn er weiß alles -- wir bewahren + Ihn uns auch für den Fall der Noth. + Doch unser Cheff -- nun da ist nicht zu streiten -- + Im ganzen Reiche giebt's nicht einen solchen zweiten + Ich brauche ihn Dir nicht zu nennen, + Du kannst ihn am Porträt erkennen. + Er ist ein Duellant von unerhörtem Muthe, + In böse Händel war er stets verstrickt. + Er wurde nach Kamtschatka einst verschickt, + Und kam zurück als Aleute. + Und freilich geht er nicht in reinen Schuh'n, + Denn lange Finger hat er -- doch was ist zu thun -- + Kein kluger Kopf kommt ehrlich durch das Leben. + Doch kann's nichts Herrlicheres geben, + Als wenn er von der Ehre deklamirt. + Wie oft hat er uns nicht dadurch gerührt! + Dann scheinen finstere Dämonen + Auf seiner Stirne Brau'n zu thronen, + Die Augen füllen sich mit Blut, + Er scheint in einer heil'gen Wuth, + Er selber weint -- und wir -- wir schluchzen. + Sieh', das sind Leute! Ich bin überzeugt, + Daß uns auf Erden niemand gleicht. + Ich freilich -- muß es selber sagen -- + Ich bin das fünfte Rad am Wagen, + Ich blieb zurück, + Weil ich entsetzlich faul im Denken. + Indeß, wenn ich mein bischen Hirn nur zwinge + Und hin mich setze -- keine Stunde -- + Da fährt mir unverhofft zum Munde + Ein Calembourg heraus. + Die andern putzen ihn dann aus, + Und thun zusammen sich zu sechsen, + Ein Vaudevill heraus zu hexen; + Sechs andre machen gleich im Nu + Die niedlichste Musik dazu, + Die andern klatschen, was das Zeug's nur hält, + Und -- lache wie Du willst -- mein Vaudevill gefällt! + Der Himmel gab mir nicht viel Fähigkeiten, + Allein mein gutes Herz gefällt den Leuten, + Und darum halten sie die Lügen mir zu gut. + + EIN DIENER (ruft hinaus). + + Den Wagen vor vom Oberst Scalosúb! + + REPETÍLOFF (kehrt sich um). + + Wie? Wessen Wagen vor? + + + Fünfte Scene. + + Die VORIGEN. SCALOSÚB. + + REPETÍLOFF + + (geht Scalosúb entgegen und erstickt ihn fast mit Umarmungen). + + Wie -- Seelenfreund -- halt an -- wohin? + Thu' mir die Liebe --! + + TSCHATZKI (bei Seite). + + Wo soll ich nur vor diesen mich verbergen? + + (Er schlüpft in's Zimmer des Portiers.) + + REPETÍLOFF. + + Man hat ja lange nichts von Dir gehört + Es hieß Du seist zurück zum Regiment gekehrt. + Kennt ihr euch schon? + + (Sieht sich um.) + + Fort ist der Eigensinn! + Gleichviel, Dich hab' ich unverhofft getroffen, + Und Du mußt ohne weitres mit mir gehn. + Bei Fürst Gregor sind heute + Versammelt eine Menge Leute -- + Ein Stücker Vierzig wirst Du sehn, + Potz Tausend, was für große Geister! + Die ganze Nacht wird disputirt + Und niemand merkt's, daß er sich ennüyirt. + Zuerst sieh, daß Du in Champagner nicht ersäufst, + Und zweitens kriegst Du Dinge dort zu hören, + Die weder ich noch Du begreifst. + + SCALOSÚB. + + Ei, laß mich! Das gelehrte Zeug + Was man zu hören kriegt bei Euch, + Das lockt mich nicht. Wirb andre an + Und sag' an Fürst Gregor, ich sei erbötig + Euch zuzuschicken einen Korporal, + Den hättet ihr sehr nöthig. + Er stellte in drei Glieder euch + Vor allen Dingen + Und mukstet ihr, er würde gleich + Mit einem Blicke euch zur Ruhe bringen. + + REPETÍLOFF. + + Du hast nur stets den Dienst im Kopf, _mon cher_! + Sieh einmal her: + Ich blieb' gewiß nicht ohne Rang und Stelle + Und wäre ein gemachter Mann, + Allein ich hatte Unglücksfälle + Wie man nicht ärger haben kann. + Ich diente im Civil auch damals schon + Als Baron Klock Minister werden wollte + Und ich -- sein Schwiegersohn. + Ich ging ganz blindlings auf mein Ziel + Und ließ mich ein in solches Spiel + Mit ihm und seiner Frau. -- Die haben mich geschoren! + Herr Gott, was habe ich für Summen dort verloren! + An der Fontanka wohnt der Mann + Ich baute nebenan + Mir einen Palast auf + Mit ungeheueren Colonnen + Was gingen da für Summen auf den Lauf! + Die Tochter aber hatt' zuletzt ich doch gewonnen. + Allein -- o weh -- die Mitgift die war -- Gott zu klagen! + Und dann -- was wirst Du sagen: + Im Dienste wurd' ich doch nicht avancirt, + Es war ein Deutscher, doch wozu hat's mich geführt? + Er fürchtete den Vorwurf, siehst Du, + Daß er Verwandte protegirt' + Er fürchtet' -- hol' ihn der und jener -- + Mir half er nichts. + Dagegen seine Schreiber, seine frechen + Sekretaire, Dintenkleckser, Buben + Aus Schreiberstuben, + Die waren alle zu bestechen + Und sind nun avancirt + Und im Adreßkalender angeführt. + Der Henker hole Rang und Dienst und Orden! + Es ist doch nichts als Prellerei, + Lachmotjeff Selekstei + Hört' ich vortrefflich sagen + Daß hier ein radikales Mittel nöthig sei, + Verdauen will sie nicht mehr unser Magen -- + + (Er hält plötzlich an, da er statt Scalosúb, der fortgefahren ist, + Sagorétzki erblickt, der an Scalosúbs Stelle getreten ist.) + + + Sechste Scene. + + REPETÍLOFF. SAGORÉTZKI. + + SAGORÉTZKI. + + Ich bitte fahren Sie nur fort -- + O, ich versteh' Sie auf mein Wort! + Ich bin ja ganz wie Sie ein großer Liberaler, + Allein mir ging es noch fataler, + Ich trug zu kühn die Wahrheit vor, + Sie glauben nicht, was ich dadurch verlor. + + REPETÍLOFF (ärgerlich). + + Verschwunden! -- Alle fort! + Und sagen nicht ein Wort. + Erst der -- nun jener -- kaum sieht man sich um; + Erst hatt' ich Tschatzki hier gefunden, + Drauf Scalosúb und beide sind verschwunden! + + SAGORÉTZKI. + + Was meinen Sie von Tschatzki? + + REPETÍLOFF. + + Nun, er ist nicht dumm! + Wir sprachen hier von Possen -- allerhand, + Dann aber hat sich das Gespräch + Zum Vaudeville gewandt. + Ein wichtiges Gespräch! -- Sehr wichtig + Ist doch das Vaudevill, + Doch alles übrige ist nichtig. + Und ich und er -- ich hab' -- ich sag' es offen + Den nämlichen Geschmack bei ihm getroffen. + + SAGORÉTZKI. + + Bemerkten Sie denn nicht + Daß es bei ihm im Kopf nicht richtig? + + REPETÍLOFF. + + Ei was! + + SAGORÉTZKI. + + Ich sage nur, was jeder spricht. + + REPETÍLOFF. + + Wie abgeschmackt! + + SAGORÉTZKI. + + So fragen Sie doch! + + REPETÍLOFF. + + Wind! + + SAGORÉTZKI. + + Da kommt der Fürst mit Frau und Kind + Recht _à propos_. + + REPETÍLOFF. + + Ach Possen! + + + Siebente Scene. + + REPETÍLOFF. SAGORÉTZKI. FÜRST TUGOÚCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und + sechs TÖCHTERN; MAD. CHLESTOW von MOLTSCHÁLIN geführt. + + SAGORÉTZKI. + + Ich bitte Sie, Erlaucht, mir doch zu sagen: + Ist Tschatzki toll geworden oder nicht? + + ERSTE FÜRSTIN. + + Wer kann da zweifeln oder fragen? + + ZWEITE FÜRSTIN. + + Wovon die ganze Welt schon spricht! + + DRITTE FÜRSTIN. + + Kränklinski's, Schmuzowski's, + Dibrinki's, Klatschkowski's --! + + VIERTE FÜRSTIN. + + Das ist was altes schon. Wem ist die Sache neu? + + FÜNFTE FÜRSTIN. + + Wer zweifelt noch daran? + + REPETÍLOFF. + + Ei, + Dieser Mann! + + SECHSTE FÜRSTIN. + + Sie? + + ALLE ZUSAMMEN (ihn umringend). + + Wie? + _Msjë_ Repetíloff. Nein? + _Msjë_ Repetíloff, ach, wie kann das sein! + Was wollen Sie, man weiß es schon im ganzen Lande, + Was denken Sie? Es ist ja Sünd' und Schande! + + REPETÍLOFF (hält sich beide Ohren zu). + + Verzeih'n Sie mir, ich wußte nicht + Daß man davon so laut schon spricht. + + DIE ALTE FÜRSTIN. + + So laut? -- Nicht laut genug. -- Ei, das ist sonderbar! + Sie müssen wissen + Mit ihm zu sprechen bringt Gefahr. + Man hätte längst ihn binden müssen, + Er ist ja wüthend wie ein Tieger, + Und doch -- hört man ihn an -- + So scheint sein kleiner Finger klüger + -- Im Disputiren -- das versteht er -- + Als alle Welt -- und selbst mein Mann, Fürst Peter. + Ich glaube -- gradheraus -- er ist ein Jakobiner + Ihr saubrer Freund! -- Nun gute Nacht! + + REPETÍLOFF. + + Ihr Diener! + + DIE ALTE FÜRSTIN. + + Ach, Herr Gemahl, Du mußt Dich schon bequemen + Sisi und Kätchen mitzunehmen, + Wir haben, sechs Mann hoch, erst gar zu eng gesessen. + + MAD. CHLESTOW + + (erscheint oben und ruft herab). + + Eh, liebe Fürstin, eh! + Sie haben Ihre Kartenschuld vergessen. + + DIE ALTE FÜRSTIN. + + Notiren Sie's, mein Schatz. Adieu! + + ALLE (gegenseitig). + + Adieu, Adieu, Adieu! -- + + (Die fürstliche Familie und Sagorétzki ab.) + + + Achte Scene. + + REPETÍLOFF. MAD. CHLESTOW. MOLTSCHÁLIN. + + REPETÍLOFF. + + Du großer Gott! + Ach, meine Gnädigste, was soll man dazu sagen? + Der arme Tschatzki! Ach! die Weisheit ist nur Spott! + Und wozu hilft es nun mit Lernen sich zu plagen! + + MAD. CHLESTOW. + + Gott hat es ihm geschickt! Es ist ein schlimmer Fall, + Allein vielleicht ist er noch zu kuriren; + Indeß, mit Ihnen, Freund, würd' man die Zeit verlieren, + Ist das nun wohl erhört! Jetzt kommen Sie zum Ball! + + (Zu Moltschálin.) + + Nun, bester Freund, da ist dein Kämmerlein, + Geh' nur hinein + Und Gott behüt' Dich. (Moltschálin geht ab.) + + (Zu Repetíloff.) + + Nun, Alterchen, schön gute Nacht + Wie lange soll die Tollheit währen? + Ich dächt', es wäre Zeit, mit Rasen aufzuhören. + + (Ab.) + + + Neunte Scene. + + REPETÍLOFF und dessen DIENER. + + REPETÍLOFF. + + Wo fahre ich nun hin? + Es fängt wahrhaftig an zu tagen. + Mach' fort und hilf mir in den Wagen + Und fahr' gleichviel wohin. + + (Beide ab.) + + + Zehnte Scene. + + TSCHATZKI + + (kommt aus der Loge des Portiers). + + Wie? Hab' ich recht gehört --? Kann es wohl sein? + Ist's nicht ein Scherz? O nein + Nur reine Bosheit! Wie? + Durch welches Wunder, welche Zauberei + Verbreitet sich ein solch Geschrei? + Für ein'ge schien es ein Triumph zu sein, + Und and're schienen Mitleid mir zu weih'n. + O, könnt' man in der Menschenbrust doch lesen + Wer hier am meisten Schuld gewesen, + Ob ihre Zunge, ob ihr Herz. + Wer hat erdacht den abgeschmackten Scherz? + Der Dumme glaubt's und gleich muß er es weiter tragen, + Die alten Weiber sind gleich fertig Lärm zu schlagen, + Und allgemein wird's dann als Wahrheit anerkannt. + Das also ist mein Vaterland!! -- + Nein, nein -- ich fühl's -- bald habe ich genug + Von diesem herrlichen Besuch! -- + Ob wohl Sophie davon gehört? + Wahrscheinlich sagte man's auch ihr. + Sie ist gesinnt -- nicht g'rade feindlich mir, + Doch ihr ist's ein's, ob ich gestört + Ob es ein andrer ist; sie liebt ja keinen. + Allein, wie sollte ich damit die Ohnmacht einen? + Sind's ihre Nerven, die sich dazu neigen, + Ist's eine Schwäche, ihr nur eigen? + Ein Nichts erschreckt, ein Nichts beruhigt sie. + Ich glaubt' es wäre Sympathie, + Lebhafte Leidenschaft wär' hier im Spiel, + Ach, nicht die Spur davon! Vielleicht + Hätt' sie gezeigt + Das nämliche Gefühl + Wenn einer Katze, einem Hund' von ungefähr + Man auf den Schwanz getreten wär'! + + (Unterdessen ist die letzte Lampe erloschen.) + + SOPHIE + + (erscheint oben auf der Treppe mit einem Licht und beugt sich über + das Geländer). + + Moltschálin? Wie! + + (Sieht Tschatzki, zieht sich schnell zurück.) + + TSCHATZKI. + + O Himmel -- das war sie! -- + Sie selbst! -- Es kocht mein Blut, + Die Sinne schwanken wie in Fiebergluth. + War es ihr Geist? Verlor ich den Verstand? + Was geht hier vor? + Nein, keine Täuschung konnt' das sein; + Es war ein Stelldichein. + Wozu mich länger selbst noch täuschen, + Sie rief Moltschálin ja, + Und hier -- hier ist sein Zimmer! -- da! + + TSCHATZKI'S DIENER (kommt eilig von draußen). + + Der Wa-- -- -- + + TSCHATZKI. + + St! Fort mit Dir! + + (Diener ab.) + + Ich bleibe, muß es sein, selbst bis zum Morgen hier; + Soll ich den Kelch der Leiden trinken + So will ich's lieber auf einmal, + Durch Zaudern, ach, entgeht man nicht der Qual. + Man kommt! -- + + (Verbirgt sich hinter einem Pfeiler.) + + + Elfte Scene. + + TSCHATZKI (verborgen). LISETTE (mit einem Licht). + + LISETTE. + + O Gott, ich möcht' vor Angst vergehn! + Des Nachts im leeren Vorhaus hier zu stehn! -- + Ich fürcht' mich vor Gespenstern sehr + Und vor Lebend'gen noch viel mehr. + Gott mag dem Fräulein das verzeih'n + Da schickt sie mich gerad hinein. + Sie sagt, sie hätte Tschatzki hier gesehn: + Wie ein Gespenst sieht überall sie den. + + (Sieht sich um.) + + Das fehlte auch noch, hier zu bleiben, + Und sich im Vorhaus hier herum zu treiben! + Ich wette: + Der liegt mit seinen Liebessorgen + Schon längst zu Haus im Bette, + Und sinnt auf einen Plan zu morgen. + Doch muß ich ja zum Herzensfreunde geh'n, + + (Sie setzt das Licht auf den Boden und pocht an Moltschálin's + Zimmerthüre.) + + Moltschálin hören Sie? Ich bitt' Sie aufzustehn; + Das Fräulein ruft. Ich soll Sie gleich zum Fräulein führen. + Doch schnell, wir dürfen nicht die Zeit verlieren. + + + Zwölfte Scene. + + TSCHATZKI (verborgen). LISETTE. MOLTSCHÁLIN (gähnt und dehnt sich). + Bald darauf erscheint SOPHIE oben unbemerkt. + + LISETTE. + + Sind Sie von Eis heut' oder Stein? + + MOLTSCHÁLIN. + + Ach, Lieschen mein, + Kamst Du aus eignem Antrieb? Sprich! + + LISETTE. + + O nein, das Fräulein schickte mich. + + MOLTSCHÁLIN. + + Wer sollte glauben, daß in diesen Zügen, + In diesen Aederchen + Der Liebe sanft Erröthen nie gespielt! -- + Kann Dir das Botenlaufen denn genügen, + Hast Du denn selber Liebe nie gefühlt? + + LISETTE. + + Da Sie auf Freiersfüßen gehn + Kann ich Ihr Gähnen nicht verstehn. + Den lobte ich, der vor dem Hochzeitstag + Nicht essen und nicht schlafen mag. + + MOLTSCHÁLIN. + + Was Hochzeit? Und mit wem denn, sprich? + + LISETTE. + + Nun mit dem Fräulein, dächte ich. + + MOLTSCHÁLIN. + + Ach geh! Die Hoffnung liegt noch weit; + Auch ohne Hochzeit bringt man hin die Zeit. + + LISETTE. + + Ich weiß nicht recht, mein Herr, wie man so sprechen kann! + Wir wollen ja doch keinen andern Mann. + + MOLTSCHÁLIN. + + Mag sein! Ich hab' seither nur immer Angst gehabt, + Daß uns der Alte nicht ertappt. + Der würde uns verfluchen und verjagen! -- + Hör', soll ich Dir die Wahrheit sagen? + In Deinem Fräulein hab' ich niemals was erblickt + Was mich entzückt; + Ich wünsche ihr auf allen Wegen + Des Himmels reichsten Segen; + Doch sie hat Tschatzki gern gesehn, + Und nun! -- Mir wird's nicht besser gehn. + Ach Engel mein, ach könnte ich + Nur halb für sie empfinden, wie für Dich! -- + Ich thue was ich kann, + Ich stell' mich zärtlich an, + Allein -- der Himmel weiß -- + Sobald ich sie nur seh', so werde ich zu Eis. + + SOPHIE (bei Seite). + + Wie niedrig! O, kaum kann ich mich bezähmen! + + TSCHATZKI (bei Seite). + + Der Schuft! + + LISETTE. + + Sie sollten sich doch schämen! + + MOLTSCHÁLIN. + + Im Testament rieth mir mein Vater, daß ich _Allen_ + Bemüht sein müßte zu gefallen: + Dem Wirth des Hauses, wo ich im Quartier, + Sodann dem Chef, der über mir; + Auch dessen Diener, der die Kleider putzt, + Dem Schweizer und dem Hausknecht dann -- + Weil man sie oft benutzt, + Und suchen sollte ich + Des Knechtes Hund zum Freunde zu bekommen. + + LISETTE. + + Ei, ei, da haben Sie viel Arbeit übernommen! + + MOLTSCHÁLIN. + + Und darum stelle ich verliebt mich an, + Nur aus Gefälligkeit, + Weil sie die Tochter ist von einem solchen Mann. + + LISETTE. + + Durch den Sie gastfrei aufgenommen + Von dem Sie manchen Rang bekommen? + Doch bitt' ich eilen Sie --! + + MOLTSCHÁLIN. + + Wohlan, so laß uns zu Sophie + Zu unsrer weinerlichen _Coeur-madam_ + Mit ihrem Liebesgram. + Doch erst erlaub' mir mit Entzücken + Dich an dies volle Herz zu drücken. -- + + (Er will sie umarmen; sie entzieht sich ihm.) + + Warum ist sie nicht Du! + + (Indem er hinauf gehen will, tritt ihm Sophie entgegen.) + + SOPHIE. + + Zurück, ich hab' genug gehört! + O Ungeheuer Sie! So also mußt' es enden! + Ich schäm' mich vor mir selbst, ich schäm' mich vor den Wänden. + + MOLTSCHÁLIN. + + Sie da? + Sophie Pawlowna! + + SOPHIE. + + Um Himmelswill'n, kein Wort --! Sie schweigen! -- + Entschieden ist schon alles hier. + + MOLTSCHÁLIN (wirft sich zu ihren Füßen). + + Ach Gott, verzeih'n Sie mir, + Gedenken Sie, ach seh'n Sie auf mich her! + + SOPHIE. + + Ich denk an gar nichts mehr -- + Und schwiegen Sie, so wär' es besser. + O die Vergangenheit, sie ist ein scharfes Messer! + + MOLTSCHÁLIN. + + Erbarmen Sie sich doch! + + SOPHIE. + + Wozu dies Kriechen noch? + Wozu am Boden liegen! + Kein Wort! Ich weiß wie Sie betrügen. + + MOLTSCHÁLIN. + + Die einz'ge Gnade nur! -- + + SOPHIE. + + Nein, nein, nein! + + MOLTSCHÁLIN. + + Ich scherzte, sprach ja nur verschlafen, + O Gott, wie können Sie so hart mich strafen! + + SOPHIE. + + Auf, sage ich -- sonst wecke ich das Haus + Und dann ist's mit uns beiden aus. + + (Moltschálin steht schnell auf.) + + Von heute an will ich von Ihnen nicht mehr wissen; + Und daß Sie es zu denken selbst nicht wagen, + Als ob mit Thränen und mit Klagen + Sie von mir würden je beehrt -- + Das sind Sie wahrlich gar nicht werth. + Und daß Sie sich nicht untersteh'n + Ihr Auge länger hier zu zeigen. + + MOLTSCHÁLIN. + + Was Sie befehlen soll gescheh'n. + + SOPHIE. + + Ich würde nichts verschweigen, + Ich sagte Alles meinem Vater frei, + Mein Schicksal wär' mir einerlei. + Sie können gehn! Nein, halt! -- Es ist Ihr Glück + Daß Feigheit mehr Sie hielt zurück + Wenn ich in tiefster Nacht Sie sah, + Als selbst, wenn es am Tag geschah; + Sie sind so kühn nicht, wie gemein. + O ich bin froh, daß es jetzt Nacht und wir allein; + Daß Augenzeugen nicht zugegen! + Welch eine Meinung müßt' man von mir hegen; + Wenn, wie heut' Vormittag, + Als ich in Ohnmacht lag, + Hier Tschatzki wär'. + + TSCHATZKI + + (hinter dem Pfeiler rasch hervortretend). + + Hier ist er, Heuchlerin! + + LISETTE UND SOPHIE. + + Ach! -- Ach! -- + + (Lisette läßt das Licht vor Schrecken fallen. Moltschálin läuft in + sein Zimmer und verschließt es.) + + + Dreizehnte Scene. + + TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE. + + TSCHATZKI. + + Jetzt schnell in Ohnmacht hin! + Denn mehr als heute früh, wär's grade jetzt am Ort. + Das also war das große Räthselwort! + Und diesem bin ich aufgeopfert! + Ich weiß nicht, wie ich mich + Und meine Wuth bezähmte -- ha -- + Ich sah und schaut' und glaubt' nicht was ich sah! + Und dieses Herzblatt, das mir vorgezogen, + Für den Sie Ihren alten Freund betrogen, + Der Mensch, durch den Gefühl und Scham + Von Ihrer Wange kam, + Der läuft jetzt fort voll Angst und Schrecken + Sich hinter Schloß und Riegel zu verstecken. + Wer faßt des Schicksals launenhaftes Spiel! + Der Mann von Seele und Gefühl + Wird unter einer Last von Leiden fast erdrückt, + Und die Moltschálin's -- sind beglückt. + + SOPHIE + + (in Thränen zerfließend). + + Nichts mehr, ich bin voll Schuld -- ich sag' es frei -- + Doch konnt' ich's ahnen wohl, daß er so schändlich sei? + + LISETTE. + + Man kommt! Ihr Vater ist's, ach Gott, das ganze Haus! + Der Alte wird sich freu'n, nun ist auch alles aus! + + + Vierzehnte Scene. + + DIE VORIGEN. FAMUSSOFF (kommt mit mehreren Dienern, die Fackeln, + Lichte und Laternen tragen). + + FAMUSSOFF. + + Hierher! Mir nach! Geschwind, geschwind! + Mehr Licht! Laternen! Nun, wo sind + Denn die Gespenster? Wie? Was seh' ich da? + Wie? meine Tochter? Ha! + Verworfne Dirne, ohne Scham! + Und wo? Und sag' mit wem? Infam! + Ja! Topp auf Topp! Ganz auf ein Haar + Wie meine sel'ge Frau, wie ihre Mutter war. + Kehrt' ich den Rücken nur, so wußt' ich's schon' + Gleich steckt' sie irgendwo mit einer Mannsperson. + Du! fürchte Gott! + Wie hat Dich dieser Mensch denn so berückt? + Du selbst erklärtest ihn ja für verrückt; + Ja so!! -- Ich war ja blind und dumm! + Erfunden war's und alle wußten drum. + Er selbst war im Complott + Mit allen meinen Gästen. + Wodurch verdient' ich, lieber Gott, + Daß man mich also hält zum Besten! + + TSCHATZKI (zu Sophie). + + Das Mährchen also haben Sie erdacht? + + FAMUSSOFF. + + Schatz, keine Finten hier gemacht! + Ich lass' mich länger nicht betrügen + Und würdet ihr euch hier gleich in den Haaren liegen. + + (Zum Portier.) + + Du, Philipp, bist ein Klotz, wie ich nun deutlich seh' -- + Ein Rindvieh macht' ich zum Portier. + Er hört und sieht nicht; -- sag' -- wo hast Du denn gesteckt? + Wie hast Du denn nicht alles gleich entdeckt? + Warum verschlosst Du nicht die Thüre jetzt? + Und warum passest Du nicht auf bis ganz zuletzt? + + (Zu den übrigen Dienern.) + + Wo war't ihr alle hingelaufen? -- + Zur Arbeit -- nach Sibirien mit euch! + Für einen Groschen wär't ihr fertig gleich + Mich zu verrathen und mich zu verkaufen. + + (Zu Lisette.) + + Und das, Du Falkenaug', sind deine Schelmenstücke! + Da haben wir die Schmiedebrücke + Und Putz und Modennarrethei. + Da hast Du es gelernt + Wie man den Seladon läßt ein + Und wieder ihn entfernt. + Wart' nur, Dir leg' ich Deine Suiten, + Auf's Dorf mit Dir, da kannst Du Gänse hüten! + + (Zu Sophie.) + + Auch Du, Mamsell, Du bleibst nicht länger hier. + Zwei Tage Zeit noch geb' ich Dir, + Dann wirst Du fort aus Moskau gehn + Und nicht mehr Menschen sehn. + Ich halte Dich schon fern + Von solchen abgefeimten Herrn. + Zur Muhme, nach Saratow -- in die Wüste hin, + Das wird kuriren Deinen Sinn. + Da kannst Du seufzen in der Oede, + Von Liebelein ist dort nicht mehr die Rede; + Da kannst Du Dich am Rahmen dehnen + Und hinter der Postille gähnen. + + (Zu Tschatzki.) + + Erlauben Sie, mein Herr, daß ich Sie ernstlich bitte + Zu unterlassen alle weitern Schritte, + In jeder Art, nicht grad', nicht krumm -- + Sie werden schon für Ihre Streiche büßen, + Und hier im ganzen Publikum + Wird jede Thür vor Ihnen sich verschließen -- + Denn ich versprech's -- ich werde Lärmen schlagen, + Ich werde jedermann in Moskau fragen + Wie solch Betragen ihm gefällt. + Erfahren soll es alle Welt, + Ich schrei' es aus in alle Häuser, + Ich reich' es ein in den Senat, + Ich klag' es dem Ministerrath, + Ich gehe bis zum Kaiser! + + TSCHATZKI. + + Ich fass' es nicht, ich muß gestehn, + Ich hör' es zwar, doch kann ich's nicht begreifen. + Betäubt davon was hier geschehn + Steh' ich noch da und die Gedanken schweifen. + Ich Thor! Wo suchte ich den Preis für meine Leiden? + Ich eilte, flog, ich zitterte vor Freuden, + Dem Glück schon nah mich wähnend; + Nur Eines wünschend, Eins nur sehnend + Verschwendet' ich der Liebe heißes Flehn, + Und Sie -- Sie wählten -- wen?! -- + Und wollten Sie mich denn verschmäh'n -- + Warum denn heucheln + Und mir mit Hoffnung schmeicheln? + Warum mir denn nicht deutlich sagen: + Hin sei der Traum aus jenen Jugendtagen, + Und nur noch Gegenstand für Ihren Spott! + Warum mir denn nicht sagen, + Daß lau geworden die Erinnerung sogar + An die Gefühle, die wir theilten, + Und die in mir nicht Trennung, nicht die Zeit, + Zerstreuung nicht und weite Reisen heilten; + Die jedem Athemzug verwebt -- + Mit denen ich gelitten -- mit denen ich gelebt! + Ach hätten Sie die Wahrheit nicht gescheut, + Daß meine schnelle Rückkehr, mein Betragen, + Mein Anblick, meine Worte Ihnen nicht behagen, + Ich hätte Sie sogleich von mir befreit. + Ich hätte nicht in meinem blinden Wähnen + Nach _dem_ gestrebt, was er, Ihr Liebling da -- + + (Er lacht.) + + Haha! + Sie werden sich versöhnen! + Wenn reiflich Sie's bedenken, + Wozu sich selber kränken? + Und dann -- Sie können windeln ihn und plagen + Und in Geschäften aus dem Hause jagen, + Solch Ehejüngelchen, solch einen Eheknecht -- + Zum Pagen wie geschaffen + Für's ganze weibliche Geschlecht, + Der Eheherren hohes Ideal + In Moskau -- o -- ein sauberer Gemahl. + Genug! Es ist mein Stolz Sie zu vergessen. + + (Zu Famussoff.) + + Sie, alter Herr, auf Rang stets so versessen, + O träumen Sie unwissend -- glücklich fort! + Ich gebe Ihnen hier mein Ehrenwort: + Ich werbe nie um Ihrer Tochter Hand, + Weil sich ein andrer Ritter fand. + Ein Männlein sehr erfahren und geschickt, + Ein Speichellecker, der sich ewig bückt, + Und der auch ganz, so wie mir däucht, + Dem künft'gen Schwiegervater gleicht. + Die Schuppen ha, sind mir vom Aug' gefallen, + Die Binde sank -- die Täuschung hörte auf! + Jetzt thäte es mir wohl, zu gießen meine Galle + Und meinen Hohn + Auf Vater, Tochter, Schwiegersohn, + Mit einem Wort -- auf Alle! + Zu welchen Menschen führte mich + Das Schicksal doch so wunderlich! + Verfolgung, Spott, des Hohnes Klänge + Erfuhr ich nur von dieser blinden Menge; + Verräther an der Treu und Liebe, + Und unersättlich in des Hasses Triebe. + Unbänd'ge Schwätzer, boshaft alte Weiber, + Dummkluge Weise, + Verschmitzte tück'sche Pinsel, matte Greise, + Die zum Kind + Herabgesunken unter Possen sind! -- + Ihr habt posaunt in vollem Chor, + Daß ich Verstand und Sinn verlor! + Und Ihr habt Recht! -- Wenn ein verständ'ger Mann + Nur einen Tag mit Euch durchleben kann + Und es gelingt Euch nicht den Kopf ihm zu verdreh'n + So kann er dreist durch's Feuer gehn. + Aus Moskau fort! + Nein, Moskau ist nicht mehr das Ziel von meinen Reisen. + Ich suche nichts als einen stillen Ort + Um hin mein wundes Herz zu tragen. + Mein Wagen, schnell, wo ist mein Wagen! + + (Schnell ab.) + + + Fünfzehnte Scene. + + DIE VORIGEN (ohne Tschatzki). + + FAMUSSOFF. + + Nun siehst Du! Ist's nicht sonnenklar, + Daß niemand je verrückter war? + Sag' selbst, im Ernst, -- was sprach er gleich + Für tolles abgeschmacktes Zeug! + Von Speichelleckern fing er an + Von einem Schwiegervater dann; + Und das war sonderbar, + Was er auf Moskau böse war. + Doch Du -- Du bringst mich um -- ja Du! + Bin ich nicht _so_ schon zu beklagen? + Ach großer Gott, was wird dazu + Nun unsre alte Fürstin sagen!! + + (Gruppe. Der Vorhang fällt.) + + Ende des vierten und letzten Akts. + + + + + Bemerkungen + über das vorliegende Stück. + + +Über jedem ächten Kunstwerke liegt der Hauch der Ursprünglichkeit +gebreitet, den der Mechanismus des Copirens, der Nachbildung abstreift. +-- Aber wer eine Statue, ein Bild copirt, arbeitet wenigstens in dem +nämlichen Stoff; -- der Übersetzer dagegen soll den geistigen Stoff in +einem ganz anderen Material, in einer anderen Sprache wiedergeben, und +Übersetzungen gleichen daher, wie der sonst verständige, tolle Junker +von la Mancha sagt, -- _verkehrten Tapeten_. Am schwierigsten erscheint +nun die Übersetzung eines dramatischen Stückes, wenn die Sprache je nach +den Characteren eine ganz verschiedene ist, und wenn verschiedene +Bildungsstufen und Zustände eigenthümlicher, ja lokaler Art dargestellt +sind. Und dieses ist der Fall mit dem vorliegenden Drama Gribojädoff's. +Es ist nicht schwer die Sprache von Sophie oder Tschatzki wiederzugeben: +sie sprechen die Sprache aller gebildeten Menschen; wer aber vermöchte +in einer andern Sprache solche eigenthümliche Erscheinungen +wiederzugeben, wie einen Famussoff, einen Scalosúb, einen Repetíloff. +Jeder von ihnen führt eine verschiedene Sprache, welche die +verschiedenen Bildungsstufen bezeichnet, auf der jeder sich befindet. + +Noch einer andern Schwierigkeit muß ich erwähnen: Oft ruft der Gegensatz +von Fremdwörtern mit der familiären Sprache eine unwiderstehliche Komik +hervor, die also nicht sowohl im Sinne als in der Wortstellung liegt. +Von solchen Stellen wimmeln die Reden Famussoff's, und wie selten kann +die treue Übersetzung zugleich mit einer ähnlichen Wortstellung +verbunden werden! + +Nach diesen Ansichten von Übersetzungen, nach diesem Bekenntniß des +Unvermögens wird man mir hoffentlich nicht die Absicht unterschieben +wollen, als ob ich diese Übersetzung unternommen hätte, um solchen, die +nicht russisch verstehen, das Original zu ersetzen. + +Mein Endzweck war ein ganz anderer. Ich schrieb diese Übersetzung nicht +sowohl für Deutsche oder solche die deutsch und nicht russisch +verstehen, sondern vor allen Dingen für -- Russen. Man verstehe mich +nicht unrecht. Jeder wird mir zugeben, daß es angenehm wäre eine Sprache +zu erlernen ohne das Lexicon immerfort aufschlagen zu müssen. Wenn nun +ein Russe z. B. deutsch lernen wollte, so würde er, glaube ich, dieses +am bequemsten aus getreuen Übersetzungen derjenigen russischen +Meisterwerke, die er bereits im Original auswendig kennt. Hierzu rechne +ich Kryloff's Fabeln, Puschkin's Onägin und das vorliegende Drama. In +meiner Übersetzung habe ich, dem Original Vers für Vers folgend, die +Redeweisen durch ähnliche deutsche wiederzugeben versucht. Hierbei ist +nicht zu vergessen, daß die Sprache des Stücks die gewöhnliche +Umgangssprache ist, und ich hoffe, daß man mir nicht den Vorwurf machen +wird, eine andere als die bürgerliche Conversationssprache in der +Übersetzung gebraucht zu haben. Der Russe wird also aus ihr deutsch +_sprechen_ lernen und zwar mit den _eigentlichsten_ Redeweisen an ihrem +Ort. + +Aber auch demjenigen, der russisch erlernen will kann ich keinen +besseren Rath ertheilen, als _Gore ot uma_ zu lesen, denn die Sprache +ist, wie gesagt, die Umgangssprache und durch die gebundene Rede ist der +Werth der Sylben, die Betonung, der Accent sogleich gegeben. Solchen +würde denn meine Übersetzung eine willkommene Beihülfe werden zum +Verständniß des Originals, da die dunkelsten Stellen nach sorgfältiger +Kritik der verschiedenen Auslegungen übersetzt sind. + +Die Idee, die diesem Stücke zu Grunde liegt, ist eine schon bekannte. +Sie ist in einer Gellert'schen Fabel anmuthig und bündig gegeben. + + »Du Narr willst klüger sein als wir? + »Man zwang den Pez davon zu laufen.« + +Goethe hat den nämlichen Gedanken in den schönen Versen im Faust +ausgedrückt: + + »Die Wenigen, die ihr Gefühl, ihr Schaun + »Dem Pöbel offenbarten + »Hat man von je gekreuzigt und verbrannt!« + +Wir sehen im _Gore ot uma_ einen strebenden, mit glühender +Vaterlandsliebe begabten, jungen Mann von seinen Reisen zurückkehren; +auf diesen hat er mit Verdruß erkannt, daß die Gesellschaft seiner Zeit +in Rußland eine Copie darstellt, und dieser Gedanke erfüllt ihn auf's +schmerzlichste. Mit diesem Unfrieden im Herzen kehrt er ins Vaterland +zurück, und findet zum Unglück noch seine Jugendgeliebte kalt und +abgewendet. Seine Mißstimmung steigert sich dadurch, sein Mund geht über +wovon sein Herz voll ist, er macht sich aller Welt verhaßt, und durch +ein Mißverständniß, das jeder befördert, sieht er sich für verrückt +erklärt und steht einsam da. + +Der Dichter schwingt die unbarmherzigste Geissel des Spottes über die +verderbten sozialen Zustände in einer Hauptstadt; alle Charactere sind +aus dem Leben gegriffen und von einer solchen inneren, menschlichen +Wahrheit, daß wir immer glauben bekannten Erscheinungen und Personen zu +begegnen, und dem Verfasser daher immer von Herzen Recht und Beifall +geben. + +Ich theile übrigens nicht die Ansicht Vieler, als ob Gribojädoff +geglaubt habe _Russen_ zu schildern; wenn er diese Ansicht hatte, so ist +es ihm ergangen wie Wilhelm Meister, der nur _Schauspieler_ kannte, sich +über sie bitter beschwerte und in ihrer Beschreibung auf's treffendste, +ohne es zu wissen, -- _Menschen_ schilderte. Ich glaube in jedem Lande +in Europa und besonders in den größeren Provinzialstädten wird man +ähnliche Erscheinungen mit geringer Modification, durch Nationalität +bedingt, wiederfinden, und eine freie und gehörig modificirte +Übersetzung würde daher gewiß in jedem Lande Beifall finden. Über den +Werth des Stücks hat die Zeit bereits entschieden, die strengste Kritik +muß entwaffnet werden durch die Thatsache, daß jedermann, ehe das Stück +gedruckt wurde -- es bereits in der Abschrift besaß und fast auswendig +wußte, so daß nach Polewoi's Ausdruck _die Buchdruckerkunst für +Gribojädoff nicht erfunden zu sein brauchte_. + +Die in den Namen der Personen in dem Wortlaut involvirte Bezeichnung der +Charactere wäre etwa folgende: + +Famussoff dürfte von _famose_ abzuleiten sein, in ironischem Sinne, wie +man z. B. sagt -- ein famoses Subject oder ein sauberes Subject. +Famussoff ist ein selbstzufriedener, geld- und titelsüchtiger gemeiner +Büreaucrat. + +Tschatzki (von [Kyrillisch: chad`] -- Dunst?), der einzige würdige +Character im ganzen Stück. Sein Schicksal ist in dem Titel des Stücks +ausgesprochen. Wollte der Dichter durch seinen Namen bezeichnen, daß er +ein Träumer war? Tschatzki macht sich freilich Luftschlösser, er +schwärmt -- aber er ist ein edler Schwärmer. + +Moltschálin (von [Kyrillisch: molchat'] -- stille sein, schweigen) ist +ein armseliger Character; ein Mensch von niederer Herkunft und +Gesinnung. Er spielt die Flöte und schreibt eine gute Hand. + +Scalosúb (Zähneblecker, Spottvogel), ein bornirter Kamaschenheld, der +keine Ahnung von der wahren Bedeutung eines Kriegers hat. -- Bezeichnend +ist es, daß er als Formenmensch nur immer Zahlen im Munde hat. + +Goritscheff (von [Kyrillisch: gorest'] -- Herzeleid), ehemals ein +tüchtiger Mensch, ist er durch eine sinnliche und herrschsüchtige Frau +ganz verweichlicht; er fühlt das und ist daher verdrüßlich und +melancholisch. + +Repetíloff (von _répéter_), ein leerer, verlebter Wüstling, der selbst +ohne Bedeutung sich an bedeutendere Naturen anhängt und repetirt was +andere sagen. Er ist das Bild eines Mannes, der schon im vorgerückten +Alter noch nicht zur Besinnung gekommen ist und der jung zu bleiben +glaubt, wenn er die Thorheiten und Ausschweifungen der Jugend in sein +Alter hinübernimmt. + +Sagorétzki (von [Kyrillisch: zagorät'] -- durch Brennen schwarz +werden?), ein berüchtigter (gebrandmarkter) Spieler, Lügner und Dieb, +der aber durch allerlei Gefälligkeiten, die ihm nichts kosten, in der +Gesellschaft sich zu erhalten weiß. Ein Beweis von dem Mangel einer +öffentlichen Meinung, von der laxen Moral großer Städte. + +Mad. Chlestow (von [Kyrillisch: khlest'] -- Spießruthe), eine alte, +brutale zänkische Dame. + +Chrumin (von [Kyrillisch: khromät'] -- lahm werden), eine abgelebte +Dame, die sich von dem schaalen Treiben der Bälle nicht losmachen kann. + +Tugoúchoffski (von [Kyrillisch: tugo] und [Kyrillisch: ukho] -- +Steifohr), ein stocktauber und armer Fürst. + + + + + Analyse des ersten Akts. + + +Die Personen dieses Aktes sind: Fámussoff, Sophie, Tschatzki, +Moltschálin, Lisa und ein Diener. Wir sehen in ein unheilvolles Innere. +Die Frau vom Hause ist längst verstorben, und die Erziehung ihres +einzigen hinterbliebenen Kindes hatte der vielbeschäftigte Vater, ein +Mann von laxer Moral, Miethlingen überlassen. Sehen wir nun, daß Sophie +mit einer lebhaften Sinnlichkeit, dem Erbtheil ihrer Eltern begabt und +mit einer listigen und leichtfertigen Soubrette wie Lisa zur Vertrauten, +in ihrem siebzehnten Jahre schon den zweiten Roman ihres Lebens spielt +-- bedenken wir, daß diese Natur auf dem üppigen Boden einer großen +Stadt emporwuchs, so erscheint diese Frühreife ganz motivirt. Der Held +ihres ersten Romanes war ihr Vetter und Spielgefährte Tschatzki, der +Held auch des Stückes. Mit einer feurigen Einbildungs- und Urtheilskraft +und mit einem rechtlichen Sinne begabt, waren ihm seine +Dienstverhältnisse und dann besonders das ganze Wesen im Hause +Fámussoff's unerträglich geworden; drei Jahr vor Beginn des Stückes +hatte er Moskau plötzlich verlassen. Wie aus der zweiten Scene im +dritten Akt hervorgeht, hatte er sein Glück in Petersburg versucht, und +auch die Gunst eines Ministers gewonnen, aber er verlor sie ebenso bald +durch eine Lebhaftigkeit, die hochgebildeten, edlen Seelen nie gestattet +zu schweigen wo die Klugheit es auch gebietet. So hatte er durch seine +Reise nichts gewonnen, in seiner Abwesenheit aber das Herz Sophiens +verloren; denn das Sprichwort: _les absents ont tort_ bewahrheitet sich +wieder hier vor uns. Theils aus Langerweile -- denn aus einer +unerklärlichen Bizarrerie hat Tschatzki in den drei Jahren nichts von +sich hören lassen, -- theils aus Herzensbedürfniß hat Sophie sich einen +andern Helden gewählt, und dieser, der stärkste Gegensatz von Tschatzki, +der geistlose, geschniegelte Allerweltsdiener Moltschálin, mit einem +leidlichen Äußeren und einer hündischen Geduld ausgestattet -- +erheuchelt Gegenliebe, aus Furcht, die Tochter seines Chefs zu +beleidigen. Es folgt daraus eine ganz schiefe Stellung; -- das +Verhältniß muß vor dem ehrgeizigen Vater streng verheimlicht werden, und +Moltschálin, der die früheren Gefühle Sophiens für Tschatzki kennt, +betrachtet sich nur als Spielzeug ihrer Laune, und denkt nicht an die +Möglichkeit einer festen Verbindung. Ebenso unheimlich ist der Soubrette +zu Muthe, weil Moltschálin arm ist und bei Entdeckung des Verhältnisses +_sie_ vorzüglich als die Vertraute gestraft werden würde. -- Indeß muß +sie, von ihrer jungen Herrin gezwungen, die heimlichen Zusammenkünfte +bewachen, bei denen es übrigens durch Moltschálins Disposition nur auf +viel Musik und frostige Liebeleien herausläuft. -- Diese Beziehungen der +Hauptpersonen zu einander glaubte ich zu einem besseren Verständniß der +nun folgenden Scenen voranschicken zu müssen. + +Mit einer Nachtwache Lisa's und einer heimlichen musikalischen Soirée +die bis zum dämmernden Morgen gedauert hat, beginnt das Stück. -- Lisa +erwacht erschreckt, klopft an die Thür des Zimmers und sucht die +Liebenden zu trennen. Da nichts hilft, so will sie sie dadurch +auseinanderjagen, daß sie die Spieluhr in Bewegung setzt; darüber kommt +der Alte hinzu, der auf der andern Seite des Hauses wohnt, zu dem aber +auch allerlei Töne hinübergeklungen sind; die Spieluhr erklärt ihm +dieses so ziemlich, aber er traut doch dem listigen Kammermädchen nicht +recht und gestattet sich bei der Gelegenheit allerlei Freiheiten. -- +Indem hört man Sophiens Stimme und das böse Gewissen treibt den Alten +von der Scene; die jungen Leute treten nun auf und nehmen Abschied, aber +der Alte erscheint in dem Augenblick wieder und ist nicht wenig +erstaunt, sie schon so früh am Tage zusammenzufinden. Sein erster +Gedanke ist, daß es ein _Rendez-vous_ sei; es wäre ihm nichts verhaßter, +als wenn seine Tochter einen blutarmen Menschen zu lieben sich in den +Kopf gesetzt hätte, und in ärgerlicher Stimmung ergießt er in dieser +Scene seine Galle über die jungen Damen in Moskau, sowie über das +Unterrichtswesen und schiebt die Schuld alles Unheils schließlich auf +die Franzosen und ihre moralischen und physischen Leckereien. -- Er +geht, nur halb beruhigt, mit Moltschálin fort, und in dem Zwiegespräch +der beiden Mädchen erfahren wir nun, daß der Alte sich den reichen +Oberst Scalosúb zum Schwiegersohne wünscht, daß dieser aber durchaus +nicht Sophiens Beifall hat. Lisa horcht nun ihre Herrin in Bezug auf +Tschatzki aus, aber es ergiebt sich, daß ihre frühere Neigung zu ihm +einer vollkommenen Kälte Platz gemacht hat -- indessen hegt sie noch +große Achtung vor seinem gebildeten Geiste. In diesem Augenblick wird +die Ankunft Tschatzki's gemeldet. Sein Auftreten ist stürmisch und +feurig, Sophie ist kalt und einsylbig; Tschatzki erscheint ihr wie ein +Gespenst, wie ein lästiger Gläubiger, und sie ist nicht willens seine +Forderungen anzuerkennen. Tschatzki ist hier sowohl, als das ganze Stück +hindurch so verblendet wie ein wahrhaft Liebender. Es ist vergeblich, +daß Sophie sich voll des lebhaftesten Gefühls für Moltschálin zeigt und +gegen Tschatzki kalt, spitz, unbarmherzig, ja endlich im dritten Akt +ganz aufrichtig ist. -- Tschatzki hält es wohl für möglich, daß er ihr +Herz verloren habe, daß sie es aber an Moltschálin habe schenken können, +begreift er nicht, und sein ganzes Bestreben geht nun dahin, den +Nebenbuhler zu finden, der an dem kalten Empfang Schuld sein muß. -- +Tschatzki's Character, auf den wir durch Sophiens Schilderung schon +vorbereitet wurden, zeichnet sich in dieser Scene aufs trefflichste; +seine Bildung und ein tiefes Gefühl hebt ihn hoch über seine +Zeitgenossen und seine Umgebung, aber er handelt unrecht es merken zu +lassen, er lacht laut wo er lächerliche sieht und hieraus erfolgen +tausend Unannehmlichkeiten und jene Leiden, die der Dichter die _Leiden +des Gebildeten_ nennt. Sophie, obgleich durch Tschatzki's Erscheinung +beunruhigt, nimmt doch einen gewissen Antheil an seinen witzigen +Schilderungen lächerlicher Charactere von Moskau, wie er aber +unglücklicherweise auch Moltschálins erwähnt und ihn unbarmherzig +kritisirt, so verwandelt sich ihr Rest von Achtung in bittern Haß. Nun +tritt Fámussoff herein, abermals erschreckend über den neuen mißliebigen +Prätendenten; denn Tschatzki's Grundsätze, sowie sein sehr mittelmäßiges +Vermögen, lassen ihn als solchen durchaus nicht erwünscht erscheinen. +Sophie durchschaut alles schnell und mit ächt-weiblicher List wälzt sie +den Verdacht des Vaters von Moltschálin ab auf Tschatzki; -- der +Stoßseufzer Fámussoff's, der nun in Zweifeln zwischen zwei unerwünschten +Schwiegersöhnen über die Plage mit erwachsenen Töchtern klagt, schließt +den Akt ganz vorzüglich ab. + + + + + Analyse des zweiten Akts. + + +Personen: Sämmtliche Personen des ersten Akts und der Oberst Scalosúb. +-- Es ist etwas später am Tage, aber noch Vormittags um die Zeit der +Visiten. Fámussoff kommt in seinen Empfangssalon und beschäftigt sich in +einem köstlichen Monologe Einladungen aller Art, die er erhalten hat, +durch einen Diener in einen Kalender eintragen zu lassen. Der erste +Fremde ist Tschatzki; in dem nun folgenden Gespräch zeichnet sich beider +Character aufs deutlichste; die Kluft zwischen ihren Ansichten deckt +sich auf; Tschatzki sagt die Wahrheit ganz freimüthig und als er gar die +Ideale Fámussoff's lächerlich und niedrig findet, so fängt letzterer an, +ihn entschieden zu hassen. Der Oberst Scalosúb erscheint nun und wird +von Fámussoff aufs schmeichelhafteste empfangen -- theils um ihn zu +gewinnen, theils um Tschatzki zu demüthigen. Der Oberst erscheint in +seinen lakonischen Reden, die sich nur um das handwerksmäßige seines +Standes drehen, als ein Glückspilz und gänzlich bornirter Kamaschenheld, +der von der höheren Bedeutung des Militairstandes keine Ahnung hat. +Nachdem Fámussoff ihm seinen Herzenswunsch, nämlich daß er um Sophiens +Hand werben möchte, sehr deutlich zu verstehen gegeben hat, geht er zu +einem allgemeinen Lobe Moskau's über, welches aber durch Übertriebenheit +und einen naiven Unverstand zur bittersten Persiflage wird. Tschatzki +mischt sich zum Ärger des Alten zuletzt ins Gespräch, geräth in Feuer +und schildert in einem lebhaften Gemälde eine Reihe von Schwächen oder +gar Schändlichkeiten, die in der vornehmen Welt Moskau's vorgekommen +waren. -- Der Alte ist in Verzweiflung, daß solche Reden in seinem Hause +gehört würden und läuft davon; gleich darauf stürzt Sophie außer sich +herein -- sie hat aus dem Fenster gesehen, daß Moltschálin vom Pferde +gestürzt ist und fällt darüber in Ohnmacht. Bei dieser Gelegenheit tritt +ihre Liebe zu Moltschálin und ihr Haß gegen Tschatzki immer schärfer +hervor; aber so gering denkt Tschatzki von Moltschálin, daß ihm ein +Liebesverhältniß Sophiens mit diesem doch ganz unmöglich erscheint. Von +Sophien gereizt und beleidigt geht er voller Sorge ab; Moltschálin +findet Gelegenheit Lisetten seine Liebeserklärung zu machen und diese +deckt in einem komischen Monologe die Liebesintriguen aller Personen des +Stücks auf. -- Tschatzki liebt Sophie, diese Moltschálin, dieser +Lisette, diese aber gesteht ihr Ideal im Silberdiener Petrúscha gefunden +zu haben. -- (Eine ähnliche Idee liegt einem Lustspiel von Calderon: +»das offene Geheimniß«, zum Grunde.) Wir erfahren in diesem Akt, daß am +Abend noch ein kleiner Ball bei Fámussoff Statt finden soll. + + + + + Analyse des dritten Akts. + + +Personen: Sämmtliche Personen des Stücks mit Ausnahme Repetíloff's. -- +Tschatzki, dem die Heftigkeit seiner Liebe keine Ruhe läßt, erscheint +noch vor der gewöhnlichen Versammlungszeit; er will endlich klar sehen +und seinen wahren Nebenbuhler entdecken. -- Ein leidenschaftliches +Gespräch mit Sophien dient nur dazu ihren Haß und Tschatzki's Schmerz zu +vermehren -- sie geht in ihr Zimmer, wo sie Moltschálin hinbestellt hat +und läßt ihn in seinem alten Zweifel; -- wie Moltschálin in Sophiens +Zimmer will, bemerkt er plötzlich Tschatzki, erschrickt und bleibt wie +eingewurzelt stehen. Tschatzki läßt sich in ein Gespräch ein, in dem +Moltschálin sich in der ganzen Jämmerlichkeit eines bornirten +Actenmenschen zeigt. Er ist das im Civil, was Scalosúb im Militair ist. +Tschatzki wird im Betreff Sophiens ganz beruhigt. Die Gesellschaft +versammelt sich indessen, und nacheinander treten allerlei moskau'sche +oder besser gesagt großstädtische und menschliche Charactere auf. Die +sinnliche Natalie, Góritscheff, der unter ihrem Pantoffel aus einem +tapfern Soldaten ein weibischer Ehemann geworden ist; eine armselige, +fürstliche Familie, -- eine alte taube Gräfin, die kaum noch lebt, aber +alle Bälle besucht, ihre Enkelin, eine ältliche Unvermählte, die mit +vielem Stolz auf die andern herabsieht; -- (bei der großen Unzahl +russischer Fürsten und der sehr begränzten Zahl russischer Grafen wird +auf letzteren Titel im Grunde fast ein höheres Gewicht gelegt.) -- +Sagorétzki, ein falscher Spieler, Lügner, Spion und Dieb -- dennoch +überall wegen seiner Dienstfertigkeit wohl aufgenommen, -- endlich eine +Tante vom Hause, eine unbarmherzige alte Klatschschwester, eine von den +Plagen einer Stadt, die, nach verblühten Reizen, durch eine böse Zunge +und unverschämte Intriguen sich einen Kreis von Verehrern und gefüllte +Salons zu verschaffen wissen. + +Tschatzki findet Gelegenheit sich mit all dieser Welt zu verfeinden ohne +ein schlimmes Wort gesagt zu haben, nur weil er so spricht und urtheilt, +wie ein gebildeter Mann. Durch ein Mißverständniß theils, theils durch +Sophiens Rachsucht wird er zuletzt für verrückt erklärt. -- Vortrefflich +hat der Verfasser den Gang des Gerüchts geschildert; und wie von Mund zu +Mund eine Sache in kurzer Zeit entstellt wird. Unser Autor findet in +diesem Akt häufig Gelegenheit zu einer lebendigen Sittenschilderung. Die +Grundsätze, die Sagorétzki, Fámussoff und Scalosúb an den Tag legen, +sind der Kern der Opposition, die der ungebildete Theil einer +Gesellschaft der Bildung und Civilisation stets entgegensetzen wird. So +erzählt Scalosúb mit frohem Munde, daß aller Unterricht fortan im +Exerciren bestehen soll, und daß Bücher nur für feierliche Gelegenheiten +aufbewahrt würden: -- Fámussoff will sie lieber alle verbrannt wissen. +Sagorétzki findet Fabeln vorzüglich gefährlich; die alte Fürstin erzählt +mit Schaudern, daß ihr Vetter, ein _Fürst_, in Petersburg _Chemie_ +studirt habe! -- Dagegen spricht Tschatzki die Ansichten einer andern +Fraction in Rußland aus, die gegen die Halbheit eifern, die eine Folge +einer zu schnellen Annäherung an den europäischen Westen war. In der +Annahme der Gebräuche des Abendlandes sieht er das größte Unglück für +Rußland; er opponirt gegen die _Form_, seine Gegner gegen das _innerste +Wesen_ des Westens. Vorzüglich ergrimmt ist er gegen die leichtsinnigen +Franzosen und die Einführung ihrer Sprache in alle geselligen +Verhältnisse, sowie gegen pedantische und unwissende Deutsche. Die +Schwächung des Nationalgefühls und eine demüthigende Abhängigkeit des +Urtheils scheint ihm die Folge solcher Zustände. -- Dieser Haß gegen das +Ausland ist das, was die beiden Extreme dieser Gesellschaft, Fámussoff +und Tschatzki, gemeinschaftlich haben; daß beide hierin übereinstimmen +ist beherzigenswerth. Doch gehen sie nicht beide zu weit? Fámussoff +sieht in den Fremden nicht den fleißigen Colonisten, nicht den +geschickten Fabrikanten, nicht den gebildeten Gelehrten, er sieht in den +nach Rußland strömenden Fremden nur die Hefe, Abentheurer, Landstreicher +und Kuchenbäcker. Tschatzki nimmt vorzüglich daran Anstoß, daß jedes +Französchen wie ein Orakel angehört wird und Tanzmeister Orden erhalten +und ihr Auge zu Fürstinnen zu erheben wagen, sowie daß man in jedem +Deutschen ein _Lumen mundi_ erblickt. -- Dieß mag einer jetzt +verschollenen Zeit angehören; die Aristokratie in Rußland mag liberal +genug denken, sie geht gern um mit Gebildeten, weß Standes diese auch +sein mögen; aber in gewisse Gesellschaften und Familienkreise wird kein +Adliger zweiten Rangs, ja kaum ein Würdenträger des Reichs gelangen, +wenn er nicht von altem, nationalem Adel ist. (Es giebt also wohl +Exclusivität, aber für gewisse Zeiten nur.) Mit Fremden nimmt man es +endlich nirgends sehr genau -- eine momentane, vorübergehende Artigkeit +verpflichtet ja zu nichts; wird der einfachste russische Reisende in +Paris nicht ebenso schnell zum Grafen und in Italien zum Principe +gestempelt? + +Wir können die Bemerkung nicht unterdrücken, daß unser Autor in den +Fehler der meisten russischen Lustspieldichter verfallen ist: er trägt +mit zu starken Farben auf. Manche Charactere sind dadurch ans Absurde +gerückt. Die nämliche Erscheinung wiederholt sich wohl bei allen jungen +Literaturen; Molière und Holberg wären solche Beispiele. + +Der Akt wird mit allerlei Tänzen aus der Restaurationszeit beschlossen; +eine ritterliche Mazurka von Scalosúb, wobei er zuletzt hinkniet und +sich von seiner Tänzerin umschweben läßt, verfehlt nie eine allgemeine +Hilarität hervorzurufen. + + + + + Analyse des vierten Akts. + + +Personen: Sämmtliche Personen des dritten Akts und Repetíloff. Die +Herren N. und D. brauchen nicht wieder zu erscheinen. Die Scene ist eine +Vorhalle mit Säulen und einer im Hintergrunde sichtbaren oberen Treppe, +die zur Thür des Balllokals im zweiten Stock führt; außer dieser Thür +sind noch drei Thüren unten zu merken, die Aussenthür und neben ihr die +des Portiers und gegenüber die Thür zu Moltschálins Zimmer. Es ist etwa +drei Uhr Morgens; der Ball ist zu Ende und die Gesellschaft zieht sich +nach und nach zurück. So begegnen wir allen nochmals und in kurzen +Worten prägt sich der Character eines jeden aufs wahrste und +ergötzlichste aus. Tschatzki kommt sehr unglücklich über diesen fatalen, +ersten Tag die Treppe herab, noch ahnt er nichts davon, was die +Gesellschaft über ihn erfunden hat. Er muß unten etwas auf seinen Wagen +warten und indem öffnet sich die Aussenthür und der Wüstling Repetíloff +fällt, so lang er ist, hinein. In einer starken Weinlaune überhäuft er +Tschatzki mit Freundschaftsversicherungen und Zärtlichkeiten und +beschwört ihn, mit ihm zu einer Compagnie von Bacchusbrüdern zu kommen, +in deren meisterhafter Schilderung man eine zu jener Zeit berüchtigte +Gesellschaft junger, unruhiger und unzufriedener Köpfe zu erkennen +gemeint hat. -- Tschatzki weiß nicht, wie er sich losmachen soll, da +kommt Scalosúb herbei; mit einer ähnlichen Aufforderung und gleicher +Zärtlichkeit geht Repetíloff auf diesen los und den Moment benutzt +Tschatzki um in die Loge des Portiers zu schlüpfen. -- Von hier hört er +mit seinen eigenen Ohren, was die fortgehenden Gäste über den +angeblichen Verlust seines Verstandes äußern. Als alle fort sind, tritt +Tschatzki empört hervor -- er kann es zuerst nicht fassen -- aber bald +denkt er sich den Zusammenhang, nur das ahnt er nicht, daß Sophie die +Urheberin des Gerüchts war, und daß diese mit wenigen Worten die +Lächerlichkeit desselben darthun konnte und es nicht that, ist auch das, +was man ihr nicht wohl verzeihen kann. + +Indem er der Quelle dieser Bosheit noch nachsinnt, erscheint Sophie oben +auf der Treppe, glaubt in ihm Moltschálin zu erkennen und ruft ihn leise +an, -- wie sie sieht, daß sie sich getäuscht hat, verliert sie ihre +gewöhnliche Geistesgegenwart und eilt schnell zurück. Diese Eile verräth +sie, -- denn jetzt erst entdeckt Tschatzki den wahren Zusammenhang der +Sache; -- er bleibt um keine Zweifel mehr zu haben, und versteckt sich +hinter einer Säule. Bald erscheint Lisa um sich nach Tschatzki umzusehen +und Moltschálin zum Fräulein zu beordern. Moltschálin kommt aus seiner +Stube und macht Lisetten ein aufrichtiges Bekenntniß von seinem +Verhältniß zu Sophien; oben horcht Sophie, die ihrer Soubrette leise +gefolgt war, wahrscheinlich auch aus Unruhe über Tschatzki's +Erscheinung; Tschatzki hinter dem Pfeiler verborgen, hört ebenso wie +Sophie alles mit an. Sophie wird empört über Moltschálin und behandelt +ihn überhaupt so, daß man sieht, es war nicht Liebe was sie zu ihm +fühlte, sie liebte sich nur selbst in ihm. -- Sie gebietet ihm für immer +das Haus zu verlassen. Nun tritt Tschatzki vor; Moltschálin entflieht; +Tschatzki überhäuft Sophie mit den bittersten Vorwürfen. -- Auf die +lauten Reden erscheint der Alte und glaubt an ein _Rendez-vous_, und in +seiner tragi-komischen Wuth droht er die Sache bis vor Senat und Kaiser +zu bringen. Tschatzki entfernt sich mit tiefgekränktem Gefühl im Herzen +und beissendem Spott auf den Lippen; er fühlt, daß seine Bildung ihn aus +diesem Kreise verbannt, und gekränkt in seinen heiligsten Empfindungen +einer glühenden Liebe zu Sophien und seiner Vaterstadt, entflieht er +beiden. + + + + + Anmerkung des Übersetzers. + + +Die Schwierigkeit einer Übersetzung des ganzen Stücks spiegelt sich +schon in der Übersetzung der Worte des Titels ab. _Verstand schafft +Leiden_ ist wohl zu allgemein gesagt -- und das meinte Gribojädoff +eigentlich nicht. Man könnte übersetzen: _Die Leiden der Bildung_ oder +_Bildung und Leiden, Verstand und Leiden_; -- meinem Ohr gefiel noch am +besten: _Verstand schafft Leiden. Kummer von Verstand_,[2] wie Schneider +in der Übersetzung in Prosa sagt, klang mir unerträglich. + +[Fußnote 2: C. v. Knorring übersetzte: _Leiden durch Bildung_.] + + + Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + +Die Schreibweise des Originales, auch der Personennamen (mit und ohne +Akzente), wurde weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler +wurden stillschweigend korrigert. + + + + + +End of Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59773 *** diff --git a/59773-8.txt b/59773-8.txt deleted file mode 100644 index 486a8d5..0000000 --- a/59773-8.txt +++ /dev/null @@ -1,7098 +0,0 @@ -Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Verstand schafft Leiden - Schauspiel in vier Akten - -Author: Alexander Gribojedow - -Translator: Georg Julius von Schultz - -Release Date: June 17, 2019 [EBook #59773] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSTAND SCHAFFT LEIDEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from scanned images of public domain material -from the Google Books project. - - - - - - - - - - Verstand schafft Leiden. - - - [[Kyrillisch: Gore ot` uma.]] - - Schauspiel in vier Akten - und - in Versen nach dem Russischen des Gribojdoff metrisch bertragen - von - Dr. Bertram. - - - Den Bhnen gegenber als Manuscript zu betrachten. - - - Leipzig, - In Commission bei F. A. Brockhaus. - 1853. - - - - - Personen. - - - FMUSSOFF, Chef einer Kronsbehrde. - SOPHIE, dessen Tochter. - TSCHTZKI, ihr Jugendfreund. - MOLTSCHLIN, Fmussoff's Sekretair und in dessen Hause wohnend. - LISETTE, Sophiens Kammermdchen und Vertraute. - Oberst SCALOSB. - PLATN GRITSCHEFF. - NATALIE, dessen junge Frau. - REPETLOFF. - SAGORTZKI. - MAD. CHLESTOW, Fmussoff's Schwgerin. - Die Grfin CHRUMIN. - Deren Enkelin, eine unverheirathete Dame. - Frst TUGOCHOFFSKI. - Die Frstin, dessen Gemahlin. - Die erste } - zweite } - dritte } - vierte } Frstin Tochter. - fnfte } - sechste } - Herr N. - Herr D. - Gste beiderlei Geschlechts, Diener, Lakeien &c. - - Das Stck spielt in Moscau, im Hause Fmussoff's, etwa zehn Jahre - nach dem franzsischen Kriege. - - - - - Requisite bei der Auffhrung. - - - Erster Akt. - -Eine Spieluhr; ein Flten- und Clavierspieler hinter der Scene. Ein -Leuchter mit einem brennenden Wachslicht. Eine Mappe (fr Moltschlin). - - - Zweiter Akt. - -Ein Ofen mit hoher Spalte und einer kleinen Abstufung (auf welche -Fmussoff hinaufsteigen will). Ein Buch (Kalender) fr den Diener. Ein -Glas Wasser. Ein schwarzes Tuch fr Moltschlins Arm. - - - Dritter Akt. - -Ein Theaterbillet fr Sagortzki. Eine Karte fr Moltschlin. - - - Vierter Akt. - -Pelze, berschuhe, allerlei Tcher und Kappen. Brennende Lichter. -Laternen. - - - - - Erster Akt. - - - Saal mit einer Mittel- und einer Seitenthr, die zu Sophiens - Zimmer fhrt. Neben der Mittelthr steht eine hohe Wanduhr. Man - hrt anfnglich die Tne einer Flte und eines Klaviers. Es ist - frher Morgen. - - - Erste Scene. - - LISETTE - - (ist mitten im Zimmer auf einem Stuhl eingeschlafen. Sie erwacht, - steht auf und sieht sich erstaunt um). - - Es tagt? Wie schnell ist doch die Nacht vergangen! - Ich wollt zu Bett gehn gestern Abend -- Nein! - Es hie -- Die Augen auf und schlafe ja nicht ein! - _Der Freund kommt her_, erhalt dich munter, - Und fielst du auch vom Stuhl herunter! - Nun schlief ich eben ein, da fngt es an zu tagen; -- - Ich mu es ihnen gleich nur sagen, - Die merken es sonst nie! - - (Sie klopft an die Seitenthr.) - - Nun meine Gndigsten?! -- Frulein Sophie! - Ihr Abend dauert bis zum hellen, lichten Tage; - Ums Himmelswill'n, so hren Sie doch was ich sage! - Mein Frulein! Herr Moltschlin! Sind Sie taub? - - (Sie geht von der Thr weg.) - - Die haben jede Furcht vergessen! - Nun wartet nur, ich glaube fast - Der Alte kommt noch her als ungebetner Gast. - _Das_ ist ein Dienst bei Frulein -- bei verliebten!![1] - -[Funote 1: Bis dahin mu die Musik immer zu hren sein.] - - (Sie geht wieder zur Thr.) - - So trennen Sie sich doch! -- Es ist ja Morgens frh! - Wie? - - SOPHIE (hinter der Scene). - - Wie viel Uhr ist's? - - LISETTE. - - Das ganze Haus erwacht. - - SOPHIE (wie oben). - - Wie viel Uhr ist's? - - LISETTE. - - Sechs, sieben, acht! - - SOPHIE (wie oben). - - Das ist nicht wahr! - - LISETTE. - - O Amor, du verwnschter Wicht! - Es ist doch klar, - Sie hren mich und knnen - Noch immer sich nicht trennen! - Und warum ffnen sie die Laden nicht? - - (Sie wendet sich zur Uhr.) - - Ich stell den Zeiger vor; ich wei, es giebt Verdru, - Allein ich mu! - Ich lasse alle Glocken spielen, - Denn wer nicht hren will -- mu fhlen! - - (Sie steigt auf einen Stuhl und stellt die Wanduhr, die zu spielen - anfngt.) - - - Zweite Scene. - - LISETTE und FAMUSSOFF (im Schlafrock, tritt durch die Mittelthr - ein, Lisette erschrickt und springt vom Stuhl herunter). - - LISETTE. - - O je, der Herr! - - FAMUSSOFF. - - Der Herr, nun ja! - Du Naseweis -- was machst Du da? - - (Er hlt das Glockenspiel an.) - - Ich konnte den Spektakel nicht begreifen; - Das war ein Klingeln und ein Pfeifen! - Sophie -- die konnt's so frh nicht sein; - Bald klang's wie ein Klavier und bald wie eine Flte. - Das fiel mir wirklich gar nicht ein, - Da Du es seist, Du kleine Krte. - - LISETTE. - - Ich wei nicht recht, wie es geschehn -- - Ich kam daran ganz aus Versehn. - - FAMUSSOFF. - - Ganz aus Versehn? -- Vor euch nehm' man sich nur in Acht. - Du that'st es sicher mit Bedacht. - - (Er schkert mit ihr.) - - Du kleiner netter Schelm! - - LISETTE. - - Ein Schelm sind Sie! Ich will das nicht! - Steht Ihnen das wohl zu Gesicht? - - FAMUSSOFF. - - O Tugendheldin, sei kein Kind! - Du hast im Kopf doch nichts als Wind. - - LISETTE. - - Windbeutel selbst! Sie denken nicht daran, - Da Sie ein alter Mann. - - FAMUSSOFF. - - Nun, ja, - Beinah'! - - LISETTE. - - Und dann - Kommt wer, was fngt man an? - - FAMUSSOFF. - - Wer denn? Sophie schlft. - - LISETTE. - - Erst eben schlief sie ein. - - FAMUSSOFF. - - Erst eben? Und die Nacht? - - LISETTE. - - Das Frulein las, und hat gewacht. - - FAMUSSOFF. - - Nun sieh' mal was das fr Manieren! - - LISETTE. - - Franzsisch las sie laut bei festgeschlossnen Thren. - - FAMUSSOFF. - - Sag ihr, sie soll sich nicht die Augen ruiniren. - Vom Lesen, mu ich frei gestehn, - Kann ich nicht groen Nutzen sehn: - _Ihr_ raubt den Schlummer die _franzsische_ Lectre - Und mich -- mich schlfert's frchterlich, - Sobald ich nur ein russisch Buch berhre. - - LISETTE. - - Wenn sie erwacht, sag' ich's Frulein Sophie, - Doch jetzo, bitt' ich, gehen Sie! - - FAMUSSOFF. - - Warum? - - LISETTE. - - Sie wecken sie. - - FAMUSSOFF. - - Wodurch sollt' ich sie wecken? - Selbst lutet sie wahrhaftig zum Erschrecken - Mit ihrer Uhr, und trommelt aus der Ruh' - Die ganze Nachbarschaft mit ihrer Symphonie! - - LISETTE (sehr laut). - - Ach hren Sie doch auf, ich bitte Sie! - - FAMUSSOFF (hlt ihr den Mund zu). - - Still doch, so schrei nicht, bist Du ganz von Sinnen? - - LISETTE. - - Ich frcht', wenn Sie noch lnger bleiben, da -- - - FAMUSSOFF. - - Und was? - - LISETTE. - - Ach Herr, Sie wissen's doch, Sie sind kein Kind -- - Wie leicht erweckt die jungen Mdchen sind, - Kaum geht die Thr, kaum flstert man ein Wort, - Gleich ist der se Morgenschlummer fort. - Und Alles hren sie. - - FAMUSSOFF. - - Ach, Alles dummes Zeug! - - SOPHIE (hinter der Scene). - - Lisette! - - LISETTE. - - Gleich, mein Frulein, gleich. - - FAMUSSOFF. - - St! (schleicht auf den Zehen fort.) - - LISETTE (allein). - - Ach Gott, von unsern Herrn - Halt' man am besten sich recht fern! - In jedem Augenblick ist man gewi gewrtig, - Da gleich ein neues Unglck fertig; - O wenn man doch von diesen beiden - Den grten Leiden - Verschont nur bliebe: - Von Herrenzorn und Herrenliebe! - - - Dritte Scene. - - LISETTE. SOPHIE (tritt mit einem Licht aus ihrem Zimmer) MOLTSCHLIN - (folgt ihr). - - SOPHIE. - - Lisette, welch ein Lrm! was fllt Dir ein? - - LISETTE. - - Die Trennung scheint recht schwer zu sein, - Verschlossen bis zum Tag, und doch nicht zur Genge! - - SOPHIE. - - Wahrhaftig, es ist Tag! - - (Sie lscht das Licht aus) Der Tag - Erschien -- und auch der Kummer! -- -- -- ach! - Wie doch die Nchte schnell vergehn! - - LISETTE. - - Nur zu, Sie mgen sich beklagen, - Allein, das mu ich Ihnen sagen, - Fr einen Dritten ists nicht auszustehn! - Der alte Herr war da - Und ich war einer Ohnmacht nah, - Ich wandt' mich hin und her - Und log ihm vor die Kreuz und Quer. - (Zu Moltschalin) Und Sie, was bleiben Sie denn noch? - So machen Sie Ihren Bckling doch - Nur schnelle! - Das Herz steht nicht an rechter Stelle! - So sehn Sie nach der Uhr! Sie glauben, da ich spae! - Die ganze Welt ist lngst schon auf der Strae! - Im Haus ist Alles schon erwacht, - Man fegt, in Ordnung wird das Haus gebracht, - Und Sie, Sie stehn noch da wie angebunden! - - SOPHIE. - - Ach Glckliche -- -- die zhlen nicht die Stunden! - - LISETTE. - - Nur immer zu! Ei sicherlich - Ist's angenehm, die Zeit sich zu versen; - Allein wer anders wohl als ich - Wird noch zuletzt fr Alles ben? - - SOPHIE (zu Moltschlin). - - So gehen Sie, wir mssen scheiden - Und einen ganzen Tag voll Langerweile leiden. - - LISETTE. - - So lassen Sie die Hnde doch nur fahren! - (sie trennt sie) Nun endlich, -- la uns Gott bewahren! - - (Moltschlin geht ab; wie er bei der Mittelthr ist, ffnet sie sich - und Famussoff tritt angekleidet herein, er bleibt stehn und sieht - Moltschlin verwundert an.) - - - Vierte Scene. - - DIE VORIGEN. FAMUSSOFF. - - FAMUSSOFF. - - Was tausend ist denn das? Sind Sie es wirklich? - - MOLTSCHLIN (sehr verlegen). - - Ja! - - FAMUSSOFF. - - Zu dieser Stunde hier? - (erblickt Sophie) Und auch Sophie? Ei guten Morgen - Sophie, Du bist auch da? - Was hast Du hier zu sorgen? - Wie hat Euch Gott zu dieser Stunde - So wunderlich zusammen hier gebracht? - - SOPHIE. - - Er kam herein in diesem Augenblick -- - - MOLTSCHLIN. - - Von einer Promenade erst zurck - Trat eben ich ins Haus. - - FAMUSSOFF. - - Freund, hren Sie, es knnt nicht schaden, - Sie suchten sich zu Morgenpromenaden - Ein andres Gchen aus! -- - Ei, Frulein Tochter, ei, kaum aus dem Bett gesprungen - Zusammen gleich mit einem Herrn, - Mit einem jungen! - Sag, schickt sich das fr Mdchen wohl von fern? - Des Nachts liest Du Romane und Gedichte, - Und das sind nun die saubern Frchte! - Das Alles nur kommt von der Schmiedebrcke - Und von den ewigen Franzosen her. - Da holen wir uns Moden, Musen, Dichter - Und hnliches Gelichter, - Und drum ist Herz und Beutel leer! - Wann wird der Himmel uns erretten - Von ihren Hten, Hauben, Ketten -- - Von ihren Salben und Pomaden - Und den Bisquit und Bcherladen!! - - SOPHIE. - - Verzeihen Sie --! Ich bin schon ganz benommen, - Und kann vor Ueberraschung nicht zu Athem kommen. - Sie traten ja so rasch und pltzlich ein -- - Wie sollt' ich nicht erschrocken sein? - - FAMUSSOFF. - - Ich danke ganz gehorsamst! -- Ei wie fein! - Ich lief, ich hab' erschreckt, ich kam so pltzlich! - Nicht wahr, das war von mir entsetzlich? - Ich, Frulein Tochter, hab' den ganzen Tag zu thun, - Da ist kein Rasten und kein Ruh'n; - Der Kopf ist mir vom Dienste wie benommen, - Es ist ein ew'ges Gehn und Kommen, - Und ich -- auf dem schon Alles liegt, - Konnt ich erwarten, da man mich betrgt? - - SOPHIE (in Thrnen). - - Wie so mein Vater? - - FAMUSSOFF. - - Nicht geweint! - Gieb Acht, was ich Dir sage; freilich meint - Man immer, da ich ohne Ursach schelte, - Doch, hr' mich an, wenn ich Dir noch was gelte; - Man that von deiner Wiege an - Fr Dich, was man nur irgend kann. -- - Die Mutter starb; ich hatt' die glckliche Idee - Und nahm in der Madame Rosier - Dir eine zweite Mutter dann - Fr eine starke Gage an. - Die goldene Alte -- folgte deinen Tritten -- - Klug war sie, sanft, von tadellosen Sitten; -- - -- Wenn Eins nur nicht gewesen wr'! - Eins habe ich ihr sehr verdacht: - Durch nur fnfhundert Rubel jhrlich mehr - Ward sie uns abspenstig gemacht! -- - Doch lassen wir Madam' -- an der da lag es nicht. - Was brauchst Du anderer Exempel? - Mein Haus gleicht einem Tugendtempel, - Des Vaters Beispiel lehrt Dir Pflicht! - Da -- schau mich einmal an! - Ich sage nicht, ich sei ein junger Mann - An Jahren, -- - Doch bin ich frisch bei meinen grauen Haaren, - Dazu bin ich doch Wittwer, bin doch frei, - Herr meiner Handlungen dabei! - Und dennoch leb' ich so, da jeder, der mich kennt, - Mein Leben exemplarisch nennt. - - LISETTE. - - Doch drft' ich fragen, Herr, wie's -- -- - - FAMUSSOFF. - - Schweig'! - Ein schreckliches Jahrhundert! -- -- - Allein -- was ist man so verwundert, - Da Alles altklug jetzt und weise vor den Jahren, - Und unsere Tchter ganz voran, - So da man sie vor Thorheit und Gefahren - Mit Mh' und Noth kaum schtzen kann. - Wir Einfaltspinsel! - Wir haben selbst das Unglck uns gebracht, - Ja! -- Die Manie zum frnkischen Gewinsel, - Die fremden Sprachen haben das gemacht. - Landstreicher nimmt man heutzutag ins Haus -- - Die Herrchen sollen Alles lehren - Dem Tchterchen -- Tanz und Gesang, - Mit Seufzern und mit Seelendrang - Und Ziererei -- -- - Gott steh uns bei! - Man mchte schwren, - Da wir sie auferziehen traun! - Zu nichts als zu Seiltnzer-Fraun. - - (Er wendet sich zu Moltschlin.) - - Und nun zu Ihnen, junger Fant: -- - So also wird die Gte anerkannt? - Ein schner Dank! - Bedenken Sie doch Ihren Lebenslauf! - Wer hob Sie aus dem Plebs herauf? - Wer schaffte Ihnen den Assessorrang? - Wer machte Sie zum Secretair? - Wer fhrte Sie nach Moskau ber? - Ich war's -- und ohne mich, mein Lieber, - Versauert wren Sie in Ihrem Twer! - - SOPHIE. - - Wozu, mein Vater, zhlen Sie das her? - Wozu der Streit -- - Um eine Kleinigkeit? - Moltschlin wohnt im Hause hier -- - Er tritt herein und irrt sich in der Thr. - - FAMUSSOFF. - - Er irrt' sich, oder wollte er sich irren? - Wie aber kam'st denn Du zu gleicher Zeit herein? - Das kann nicht bloer Zufall sein. - - SOPHIE. - - Sie sollen das sogleich erfahren: - Als Sie hier erst mit Lisa waren - Hat Ihr Gesprch mich aus dem Schlaf erweckt, - Und darum rannt' ich her, ganz ungemein erschreckt. - - FAMUSSOFF. - - Am Ende kommt's heraus, da mir die Schuld gehrt, - Ich habe sie, wie's scheint, zur Unzeit hier gestrt! - - SOPHIE. - - Die grte Kleinigkeit, ein Wort -- geflstert kaum -- - Kann aus unruh'gem Schlaf mich wecken; - Wenn ich erzhlte meinen Traum, - Verstnden Sie auch meinen Schrecken. - - FAMUSSOFF. - - Ein neu Histrchen? - - SOPHIE. - - Was ich sah' - Im Traum, soll ich's erzhlen? - - FAMUSSOFF. - - Nun, ja, ja! (er setzt sich.) - - SOPHIE. - - Ja -- sehen Sie -- ich stand von Blumen rings umblht - Auf einer Flur -- und war bemht - Ein Kraut zu suchen; -- mht' mich sehr -- - Doch welch ein Kraut es war, das wei ich jetzt nicht mehr; - Da, -- pltzlich -- tritt ein junger Mann - Zu mir heran! - Ganz offenbar gehrte er zu Denen, - An die wir uns beim ersten Blick gewhnen, - Und so -- als wren wir von Ewigkeit bekannt. - Wir wurden ganz vertraut, -- er war gewandt, - Einschmeichelnd, und er zeigte viel Verstand, - Doch war er schchtern -- -- wie -- Sie wissen alle sind - Die arm geboren. - - FAMUSSOFF. - - Halt mein Kind, - Um's Himmelswill'n geh weiter nicht, - Fr Dich passt doch kein armer Wicht! - - SOPHIE. - - Doch schnell war Himmel, so wie Flur verschwunden; - Wir haben pltzlich uns - In einem dunklen Raum gefunden, - Und denken Sie, wie wunderbar! - Der Boden ffnet sich -- und Sie mit struppigem Haar, - Bla wie der Tod -- Sie steigen draus empor. - Nun ri sich donnernd auf ein Thor, - Und Ungeheuer, weder Mensch noch Thier, - Ergriffen ihn, der neben mir. - Sie qulten ihn, der all mein Lebensglck -- - Ich will zu ihm -- sie halten mich zurck -- - Geschrei und Rcheln, wie ein Hllenchor - Trifft mit Gewalt mein banges Ohr -- - Er ruft mir aus der Weite -- fern, - Ich will zu ihm so gern, so gern -- -- - Da wach' ich auf! man spricht -- es waren Sie! - Wie -- denke ich -- der Vater hier so frh? - Ich eile her und find' Sie alle beide. -- - - FAMUSSOFF (nach einer kurzen Pause). - - Ja freilich, dieser Traum war schlecht; - Da ist so allerlei, betrachtet man ihn recht, - Ein bischen Lge, ohne Zweifel - Und Liebe, Blumen, Schreck und Teufel! - (Zu Moltschalin) Doch Sie Mosje? - - MOLTSCHLIN. - - Ich hrte Ihre Stimme, -- -- - - FAMUSSOFF. - - Nun das ist gut! -- -- - Was doch so eine Stimme thut! - Sie haben Alle sie gehrt - Und sind vor Tagesanbruch aufgestrt, - Sie suchten also mich? Was kann Sie zu mir fhren? - - MOLTSCHLIN. - - Ich komme mit Papieren. -- - - FAMUSSOFF (springt auf). - - Dacht' ich's doch, - Das fehlte mir gerade noch! - Mein Gott, Sie sind ja wie versessen - Mit Einemmal auf Schreiberein? - - (Zu Sophie.) - - Nun, Tchterchen, wir wollen das vergessen! - Zwar knnen Trume seltsam sein, - Doch in der Wirklichkeit hrt man von Dingen, - Die oft viel seltsamer noch klingen, - Als das, was uns im Traum erscheint. - Statt eines Krutleins fand'st Du einen Freund, - Doch schlage Dir das dumme Zeug - Nur aus dem Sinne gleich. - Das Wunderliche hat nur selten Sinn, - Drum geh' hinein und leg' Dich wieder hin. - - (Zu Moltschlin.) - - Wir wollen gehn - Um die Papiere durchzusehn. - - MOLTSCHLIN. - - Ich bracht' sie eben dazu her, - Denn sie bedrfen dessen sehr: - Sie widersprechen sich und sind nicht in der Form. - - FAMUSSOFF. - - Herr Sekretair -- das nehmen Sie zur Norm: - Eins frcht' ich wie die Pest -- - Wenn man sich Schriften hufen lt. - Doch wrdet Ihr nur Euren Willen haben, - Man se in Papier begraben. - Drum merken Sie sich dieses Wort: - Was unterzeichnet ist, mu fort! - Ob's richtig, ob es falsch auch sei, - Mir einerlei! -- - - (Gehen ab, an der Thr lt Famussoff den Moltschlin vorangehen). - - - Fnfte Scene. - - SOPHIE. LISETTE. - - LISETTE. - - Da haben Sie's! Das sind die Frchte! - Nun, eine saubere Geschichte! - Doch Scherz bei Seit', das war' nicht gut, - Ich bin ganz hin und mir ist schlecht zu Muth. - Ein Fehler ist ja doch nicht alle Welt -- - Doch schlimm ist's, wenn die Leute davon reden. - - SOPHIE. - - Mir einerlei, frei steht das einem jeden, - Und schwatzen mag er, wie es ihm gefllt. - Allein, der Vater wird uns was zu schaffen machen; - Er ist so heftig und so rauh in solchen Sachen, - Und so war's immer, - Allein von jetzt an wird's gewi noch tglich schlimmer. - - LISETTE. - - Ich seh's ja; es ist Gott zu klagen! - Ich urtheil' nicht nach Hrensagen; - Drum -- denken wir an alle Flle: - Sperrt er Sie ein und bleib' ich nur zur Stelle, - So steht die Sache immer noch ganz gut, - Doch, Gott bewahr', wollt' er in seiner Wuth - Mich und Moltschlin aus dem Hause jagen - Dann wren Sie doch wirklich zu beklagen! - - SOPHIE. - - Sieh', ist das Schicksal nicht voll Eigensinn! - Was Schlimmres geht uns oft so hin, - Und schlimm geht's wo wir gar nichts ahnen! - Sanft flo die Zeit in dem Genu der Kunst, - Wir standen -- schien's -- beim Schicksal recht in Gunst, - Nicht Bangen noch Besorgni fhlten wir, - Und sieh' -- das Unglck sa schon vor der Thr! - - LISETTE. - - Das kommt davon! -- Sie haben leider nie - Auf mich gehrt und nun -- nun sehen Sie! -- - Was braucht es besserer Propheten? - Sie mssen dies Gefhl in Ihrem Herzen tdten. - Ich sage Ihnen: hier auf Erden - Wird draus in Ewigkeit nichts werden! - Ihr Vater ist gerade so gesinnt - Wie's Alle hier in Moskau sind: - Zum Schwiegersohne htt' er einen gern - Mit hohem Rang und Ordensstern; - Doch trotz der Sterne und der Rnge - Ist mancher dennoch in der Enge, - Drum sucht er Ihnen auch noch einen reichen Mann, - Der Aufwand macht und Blle geben kann; - Zum Beispiel: Scalosub gehrt zu dieser Zahl -- - Ein Sack mit Gold gefllt und nchstens General. - - SOPHIE. - - Das wre schn! Ein solcher fehlt mir g'rade! - Er kennt ja nichts als Reih'n und Fronten und Parade. - So ein Kamaschenheld! - Aus seinem Mund, so lang er auf der Welt - Kam nie ein kluges Wort; - Geh' mir mit Deinem Oberst fort! - Ins Wasser springen -- ihn zum Ehgemahl, - Das wr' mir beides gleich fatal. - - LISETTE. - - Nun ja, er schwatzt und hat das Pulver nicht erfunden, - Doch sagen Sie mir unumwunden: - Wer hier wohl von Civil und Militair - Beredter, witziger und feiner wr - Als Tschatzki -- nun -- ich wollte Sie nicht necken -- - Das ist nun lngst vorbei, Gott wei, wo er mag stecken -- - Doch die Erinnerung -- -- - - SOPHIE. - - Oh, ich erinnere mich: - Die Leute zu verspotten wut' er meisterlich! - Er amsirte mich -- er wute Spa zu machen; - Mit jedem kann man ja zusammen lachen. - - LISETTE. - - Nur lachen? Ach, als er hier Abschied nahm, - Schwamm er in Thrnen ganz, als er von Ihnen kam. - Ich sprach ihm zu: Was weinen Sie denn so? - Sie reisen doch und sind nicht froh! - Ich weine, Lischen, nicht umsonst sprach er, - Die Trennung fllt mir, ach, so schwer! - Kehr ich zurck, was steht mir dann bevor, - Wer wei zu sagen wohl, was ich alsdann verlor! - Der arme Herr, ihm ahnt', da in drei Jahren -- -- -- - - SOPHIE. - - Du knntest besser Deine Zunge wahren! - Ich geb' es zu, da ich vielleicht - Ihn allzuschnell vergessen; - Leicht handelt' ich -- indessen - Sag mir frei, - Wem brach ich je die Treu'? - Mit Tschatzki -- freilich -- bin ich auferzogen, - Wir waren uns als Kinder recht gewogen, - Beisammen stets, zu allen Stunden, - Und durch Gewohnheit schon verbunden. - Doch spter endete der Frieden, - Es kam mir vor, als htt' er uns gemieden. - Es schien ihm hier nicht zu behagen, - Und selten kam er noch ins Haus -- - Dann kam er pltzlich wieder -- fhrte Klagen - Und sah verliebt und melancholisch aus. - Er war von Witz und Schwermuth die Vereinung, - Und scharf war fr die Schwchen Anderer sein Blick; - Doch hatt' er in der Freundschaft sehr viel Glck - Und drum von sich die hchste Meinung. - Und wie vernderlich war nicht sein Sinn! - Die Lust zu reisen ri ihn pltzlich hin. - Ach, wer uns wirklich liebt, der sucht nicht weiter Geist - Und bleibt so lang nicht fort! - - LISETTE. - - Wo ist er hingereist? - In welchem Land, an welchem Ort? - Man sagte er curirt sich auf den Wssern; - Krank ist er nicht -- - Er mgte wohl die Laune sich verbessern. - - SOPHIE. - - Gewi, dort ist er froh, wo Lcherliche sind! - Der, den ich liebe, ist nicht so gesinnt; - Der opfert sich fr Andere mit Freuden, - Stets artig ist er, stets bescheiden. - Respectvoll ist er, niemals khn -- - Verwegen sah ich niemals ihn. - Er nimmt die Hand mir, drckt sie dann und wann - An's volle Herz; - Dann seufzt er, recht aus tiefster Seele -- - Allein kein freier Scherz - Kommt ber seine Lippen. -- Ich erzhle - Die Wahrheit Dir; wir sitzen Hand in Hand - Und blicken uns ins Auge unverwandt. - (Lisette lacht) Du lachst! warum? Sag', welch ein Grund - Ist hier, aus vollem Halse so zu lachen? - - LISETTE. - - Ach Gott, das Lachen ist gesund; - Ich lachte ber andre Sachen: - An Ihre Tante hab' ich grad gedacht, - Und ber sie hab' ich gelacht: - Der Schmerz der Guten war so tief, - Als der Franzose von ihr lief; - Das Tubchen wollte vor Verzweiflung sterben, - Ihr Haar zu frben - Verga sogar die arme Frau - Und in drei Tagen -- war sie grau! - - (Sie lacht.) - - SOPHIE (verdrielich). - - Solch dummes Zeug wird man von mir auch sagen! - - LISETTE. - - Verzeihen Sie, das wird wohl Niemand wagen, - Ich hatte mir nur vorgenommen - Nach so viel rgerlichen Dingen - Zum Lachen etwas Sie zu bringen. - - - Sechste Scene. - - DIE VORIGEN. EIN DIENER. - - DIENER. - - Herr Tschatzki ist so eben angekommen. - - (Ab.) - - - Siebente Scene. - - DIE VORIGEN. TSCHATZKI. - - TSCHATZKI. - - Kaum tagt's -- und ich bin da und lieg' zu Ihren Fen! - - (Kt ihr die Hand mit Feuer.) - - Was giebt's? Sie wollen mich nicht wieder kssen? -- - Sie haben mich erwartet? Nicht? - Sind sie erfreut? -- Ach nein! -- Sehn Sie mir ins Gesicht! - Sie sind verwirrt! -- Nichts mehr? -- Welch ein Empfang? - Als ob die Trennung keine Woche lang! - Als ob wir gestern uns zu zweien - Auf's schrecklichste gelangweilt htten. - Kein Fnkchen Liebe, wie? Und ich -- der hundert Meilen - Durchflog in Sturm und Wetter ohne Weilen -- - Ich, voller Sehnsucht und mit Herzensbeben -- - Ich strme her auf Tod und Leben -- - Wie oft warf nicht der Schlitten mit mir um -- - Nicht schlo mein Auge sich in fnf und vierzig Stunden, - Und _die_ Belohnung hat mein Heldenmuth gefunden! - - SOPHIE. - - Ach Tschatzki, wie mich's freut, Sie wieder hier zu sehn! - - TSCHATZKI. - - Sie sind erfreut? Ei das ist schn! - Doch mu ich aufrichtig gestehn: - Die Freude pflegt wohl anders auszusehn! - Mir scheint es fast zuletzt, - Als ob mein Jagen - Und Pferd- und Leute-Plagen - Mich wohl nur ganz allein ergtzt! - - LISETTE. - - Wenn Sie gelauscht doch an der Thr -- - Bei Gott, vor fnf Minuten sprachen wir - Von Ihnen noch! Das Frulein wird es sagen! - Nicht wahr? Hier sprachen wir, in diesem Zimmer? - - SOPHIE (ironisch). - - Und nicht nur jetzt, nein -- immer! - Sie haben keinen Grund zu klagen, - Denn Niemand konnt' vom Ausland kommen, - Den ich um Nachricht nicht befragt: - Ob er von Ihnen nichts vernommen? - Doch Niemand hat mir was gesagt. - Wer nur besuchte unser Haus, - Selbst Weltumsegler fragt' ich aus, - Ob man Sie nicht gesehen htte - In -- irgend einer Postcarette! - - TSCHATZKI. - - Schon gut, es mag drum sein! - Beglckt wer glaubt, ihm geht es wohl auf Erden! -- - Mein Gott! So ist es wahr, da ich zurck! - Da ich durchflog so weite Rume! - Da ich Sie fand, doch nicht den alten Blick - Aus jener Zeit der Jugendtrume? - Wo sind die Stunden hin, wo wir noch spielten - Und nichts als Lust im Busen fhlten!! - Hier pflegten wir uns zu verstecken, - Das war ein Lrmen, war ein Necken; - Wir sprangen ber Stuhl und Bett -- - Ihr Vater spielte dort Piquet - Mit Ihrer alten, guten Bonne, - Und in dem dunkeln Winkel -- hier -- - Da saen oft als frohe Kinder wir, - Und schreckten auf beim Knarren jeder Thr; - O Kinderzeit, o Zeit der Wonne! - - SOPHIE. - - Ja -- Kinderei'n! - - TSCHATZKI. - - Ja, Zeiten die da waren! - Sie wuchsen auf! -- Mit siebzehn Jahren - Sind Sie jetzt unvergleichlich schn, - Und wissen es, das mssen Sie gestehn, - Und darum schau'n Sie sittsam Niemand an. - Sind Sie verliebt? Und wr's mein Tod, - O, sagen Sie es schnell! Sie werden roth?! - - SOPHIE. - - Wer wrde nicht verlegen werden - Bei solchen Fragen und Geberden? - - TSCHATZKI. - - So bitt' ich Sie, mir doch zu sagen: - Wonach sollt' ich in Moskau sonst wohl fragen? - Es herrscht doch stets das alte Einerlei; - Ein Ball ist heute, morgen zwei. - Der feiert Hochzeit, einem ist's gelungen -- - Ein andrer hat sich einen Korb errungen. - Die alte, ewige Geschichte, - Und in den Stammbchern die nmlichen Gedichte! -- - - SOPHIE. - - Das arme Moskau! Ja, das kommt vom Reisen her! - Wo ist das Wunderland, wo es denn besser wr? - - TSCHATZKI. - - Wo wir _nicht_ sind! -- Ach sagen Sie mir doch: - Was macht Ihr Vater? Ist er noch - Dem Clubb, dem Englischen nach hies'gem Brauch - Stets treu ergeben bis zum letzten Hauch? - Und dann Ihr Ohm, sieht man ihn stets auf Bllen schweben? - Wie? Oder hat er endlich ausgetanzt? - Und Jener, nun, mit dem Zigeunerteint? - Ein Trke oder Griech' -- Sie wissen, wen ich meine -- - Er hatte wie ein Storch, so schrecklich lange Beine -- - Er war allberall zu sehen - Auf Bllen und auf Assemblee'n, - Und ganz besonders immer - In jedem Speisezimmer? -- - Und dann die drei Lion's vom Boulevard? - Die jungen Herrn seit funfzig Jahr! - Die Ueberreichen -- an Verwandten; - Ich glaube sicherlich, - Da an der Million nur wen'ge fehlten, - Da sie, durch ihrer Schwestern Hlfe, sich - Verwandt mit ganz Europa zhlten. -- - Nun dann -- und unsere Theatersonne! - Der edle Mann, der keine hhere Wonne - Als Maskarad' und Schauspiel hat! - _Die_ Worte standen stets auf seiner Stirn geschrieben; - Wo ist der Treffliche geblieben? - Sein Haus war grn gemalt, wie ein Zigeunerlager, - Er war der grte Fettwanst in der Stadt, - Doch seine Knstler waren -- mager! - Auf einem Ball bei ihm, da stand, - Erinnern Sie's? verborgen hinter einer Wand - Ein Kerl dem er befohlen - Zu trillern und zu johlen - Wie eine Nachtigall; - Er sollt' uns von dem Ball - Wohl in den Lenz versetzen; - Ein herrliches Ergtzen! - Die Nachtigall, die Sngerin der Haine, - Auf einem Ball beim Lampenscheine! - Und Ihr schwindscht'ger Vetter da, der Bcherfeind, - Der einst in dem gelehrten Comit erscheint - Und mit Geschrei und Eidschwur wollte, - Da niemand lesen oder schreiben lernen sollte. - Die Alle soll ich wiedersehn!! - Die Plage ist kaum auszustehn. -- - Doch Fehl und Flecken - Kann man bei jedem wohl entdecken, - Und wer nach Hause kehret, dem - Ist auch - Der Rauch - Der Heimath s und angenehm. - - SOPHIE. - - Ich sh' Sie einmal gern mit meiner Tante - Um durchzuhecheln smmtliche Bekannte. - - TSCHATZKI. - - Das Hoffrulein, noch aus Cathrina's Zeit, - Die ganz Minerva's Dienste sich geweiht! - Ich glaub' sie war in ihrem ganzen Leben - Von kleinen Mdchen nur und Mpsen rings umgeben. - Doch _ propos_! Wie ist denn jetzt die Lehrmethode? - Ist es noch immer Mode - Ein Regiment von Lehrern aufzuweisen, - An Zahl vollauf, doch billigst in den Preisen? - Und nicht, als ob sie viel grad' brauchten zu versteh'n: - Befohlen ist's -- bei hohen Strafen - Historiker und Geographen - In jedem hergelauf'nen Wicht zu sehn. - Erinnern Sie sich jenes Alten - Der unser Mentor war? Er pflegte so zu halten - Den Zeigefinger ausgereckt -- - Fast einem Wegeweiser zu vergleichen, - und Rock und Kppchen der Gelahrtheit Zeichen! - Wie oft hat er als Kinder uns erschreckt! - Wie haben wir das oft vernommen, - Nur von dem Ausland knnt' das Heil uns kommen. - Wie sind wir berzeugt, wir armen Thoren, - Da ohne Deutsche wir ganz rettungslos verloren! - Und der Franzose Guillaum - Ganz Luft und Wind, - Knpft er noch nicht das Band der Eh' - Mit irgend einem schnen Kind? - - SOPHIE. - - Mit wem? - - TSCHATZKI. - - Nun jede Frstin, zum Exempel - Die gute Frstin Julia - Ging' gern mit ihm in Hymens Tempel. - - SOPHIE. - - Tanzmeister ist er ja! - - TSCHATZKI. - - Und _Ritter_! Ja! -- Von uns verlangt die Welt - Geburt, Erziehung, Rang und Geld -- - Doch Guillaum ........ - Wie ist der Ton denn heut zu Tage? - Herrscht noch das Sprachgewirr, die alte Ohrenplage? - Wird noch -- selbst auf der kleinsten Assemblee - Und von den Gsten - Bei Kirchweih-Festen - Franzsisch stets in Brocken aufgetischt? - - SOPHIE (zerstreut). - - Ein Sprachgewirr? - - TSCHATZKI. - - Zwei werden wenigstens gemischt. - - LISETTE. - - Nun, nun, es wr' doch schwer - Aus allen beiden Sprachen - Etwas zu machen, - Was Ihrer Sprache hnlich wr'. - - TSCHATZKI. - - Ei, schwlstig spreche ich doch nie? -- - Da haben wir's -- da sehen Sie, - Ich nutze die Minuten! - Durch Ihren Anblick ganz in Gluthen - Kam ich in's tausendste hinein, - Und gleich lt man mich schwatzhaft sein. - Doch wei ich, da es Zeiten gab - Wo ich verschlossen wie ein Grab, - Wo ich noch rmer schien an Geist, - Als Ihres Vaters Secretair, - Moltschlin -- oder wie er heit -- - Das stille Mnnchen da aus Twer, - Der stets so artig und geschniegelt! - Hat er sein Schweigen endlich jetzt entsiegelt? - Wo er ein Heft mit neuen Liedchen fand, - War er gleich hflich bei der Hand -- - Bat um Erlaubni sie sich abzuschreiben; - Doch steigen freilich jetzt auch solcherlei Naturen, - Denn heut zu Tage liebt man stumme Creaturen. - - SOPHIE (bei Seite). - - O, diese Schlange! - (laut und gereizt) Ach, ich wollt' Sie fragen: - Ist's Ihnen wohl passirt, im Ernste oder Scherz - Von Jemand -- im Versehn -- was Gutes wohl zu sagen? - Wenn auch nicht jetzt, vielleicht in Ihrer Jugend? - - TSCHATZKI. - - Was wei man da von Lastern und von Tugend? - Wozu so weit zurck? Ist es ein schlechter Zug, - Da ich durch Sturm und Steppen, Tag und Nacht, - Selbst mit Gefahr des Lebens, - Zu Ihnen her den weiten Weg gemacht? - Und Alles, ach, vergebens! -- - Wie sind Sie stolz und kalt! - Ich schau' Sie an seit einer halben Stunde -- - Verloren in die liebliche Gestalt -- - Und ach, nur strker blutet meine Wunde! - - (Kleine Pause.) - - Erlauben Sie mir diese Frage: - Ist wirklich Alles beiend was ich sage? - Und knnen Sie den Vorwurf auf mich laden, - Als wollt' ich jemand dadurch schaden? - Wahrhaftig, wenn mein Mund vielleicht auch so gesprochen, - So hat mein Herz doch nichts verbrochen, - Das Wunderliche pfleg' ich zu belachen, - Doch werd' ich ein Geschft daraus mir niemals machen! - Gebieten Sie ins Feuer mir zu gehn - Fr Sie, -- mit Freuden soll's geschehn. - - SOPHIE. - - Nun gut, -- verbrennen Sie! - Doch wenn's milnge? -- wie? - - - Achte Scene. - - DIE VORIGEN. FAMUSSOFF. - - FAMUSSOFF (in der Thr). - - Da haben wir's, da steht der Zweite! - - SOPHIE. - - Ach Vterchen, der Traum von heute! - - (Geht ab, Lisette folgt.) - - FAMUSSOFF (bei Seite). - - Verdammter Traum! - - - Neunte Scene. - - FAMUSSOFF. TSCHATZKI (sieht Sophien nach). - - FAMUSSOFF. - - Nun sag', was hast Du denn getrieben? - Wie, in drei Jahren nicht ein Wort geschrieben, - Und pltzlich fllst Du wie vom Himmel nieder! - - (Umarmt ihn.) - - Nun, sei willkommen Freund, willkommen! - Du alter Junge, Du! - Jetzt haben wir Dich wieder! - Nun, Abentheuer konnten Dir nicht fehlen, - Da setze Dich, und nun mut Du erzhlen. - - (Sie setzen sich.) - - TSCHATZKI (nachdenklich). - - Wie ist doch Ihre Tochter schn! - - FAMUSSOFF. - - Ihr junges Volk wit auf nichts anderes zu sehn, - Als darauf, ob die Mdchen schn. - Da hat sie etwas obenhin gesagt, - Was Deiner Eigenliebe gleich behagt; - Doch Hoffnung hat schon oft betrogen! - - TSCHATZKI. - - Mich hat sie wahrlich nicht verzogen. - - FAMUSSOFF. - - Der Traum von heute -- sagte sie -- - Und Du, Du grbelst nach, ich wette, - Was denn Sophie - Getrumt wohl htte? - - TSCHATZKI. - - Ich grble nicht, es fiel mir niemals ein, - Den Sinn von Trumen auszulegen. - - FAMUSSOFF. - - Freund, traue nicht den Frauen! - - TSCHATZKI. - - Nur meinen Augen will ich trauen, - Und das mu offenherzig ich gestehn, - Das Frulein ist ganz unvergleichlich schn! - - FAMUSSOFF (bei Seite). - - Er ist davon nicht abzubringen! - (laut) Doch sage mir vor allen Dingen: - Wo warst Du denn die ganze Zeit? - Drei Jahre fort, das will was heien! - - TSCHATZKI. - - Unmglich kann ich jetzt erzhlen! - Die ganze Welt wollt' ich durchreisen - Und kam nicht tausend Stunden weit. - - (Steht schnell auf.) - - Ich mu jetzt fort -- durchaus -- - Ich eilte her und war noch nicht zu Haus. - Nach einer Stunde komm' ich wieder, - Dann setzen wir uns traulich nieder, - An Abentheuern soll es dann nicht fehlen -- - Sie knnen sie dann aller Welt erzhlen. - - (Im Abgehen zu Sophiens Zimmer gewendet:) - - Wie ist sie schn! - - (Ab.) - - - Zehnte Scene. - - FAMUSSOFF (allein). - - Wer ist's nun von den Zwei'n? - Ach Vterchen, der Traum trifft ein, - Und sagt's mir laut! Ei, ei, ich mu gestehn - Ich habe mich versehn! - Ich habe einen Bock geschossen, - Und auf Moltschlin meine Galle erst ergossen, - Doch jetzt heit's: Aus dem Regen in die Traufe! -- - _Der_ ist ein Bettler, _der_ als Seladon bekannt - Und als ein Muthwill und Verschwender - Bei Jung und Alt im ganzen Land! -- -- -- - Was machen uns -- Herr du Gerechter! -- - Fr Plagen doch erwachs'ne Tchter! - - (Bleibt nachdenklich stehn. Der Vorhang fllt.) - - Ende des ersten Akts. - - - - - Zweiter Akt. - - - Ein Empfangzimmer mit mehreren Thren, links ein Fenster. - - - Erste Scene. - - FAMUSSOFF. EIN DIENER. - - (Die Mittelthr wird von einem vorangehenden Diener rasch geffnet - und Famussoff tritt, elegant gekleidet, herein; an der Thr - bleibt er etwas stehen, um den Diener zu mustern.) - - FAMUSSOFF. - - Hr'! Peter, hr'! An Dir ist stets was neu! - Nun ist am _Ellenbogen_ wieder was entzwei! - (Setzt sich) Nimm den Kalender. -- Doch den liest er - Gerade wie ein alter Kster! - Lies mit Gefhl, Verstand, und dann und wann - Bei Punct und Komma halte an. -- - Doch schreib erst lieber - Auf jenem leeren Blatte da, - Der nchsten Woche gegenber: - Am Dienstag zur Baronin Fladen - Bin auf Forellen ich geladen! -- - Wie ist die Welt doch wunderbar creirt! - Wenn man darber erst philosophirt, - So schwindelt der Verstand. -- O je, o je! - Da nimmt man sich in Acht, und dann kommt ein Dinr! - Drei volle Stunden mu man kauen, - Und in drei Tagen kann man's kaum verdauen! - Bemerk' am selben Tag -- ach nein, - Am Donnerstag wird das Begrbni sein! - O Menschenvolk -- mit deinem leichten Sinn! -- - Wir mssen Alle doch dahin! -- -- -- - In jenen Kasten kommt doch jedermann, - In dem man weder stehn noch sitzen kann. - Doch will sich jemand Lob und Ruhm erwerben: - Hier nehm' ein Beispiel er! - Der Sel'ge war ein achtungswerther Kammerherr -- - Er hatte hinten ja den Schlssel, - Schafft' auch den Schlssel seinem Sohn; - Selbst reich, ich wei das ganz genau, - Vermhlt' er sich mit einer reichen Frau, - Und fand Parthie'n fr alle seine Tchter. - Nun ist er todt! Als Frommer und Gerechter - Ist er aus dieser Welt geschieden, - Und -- ruht in Frieden! - Und wird beweint von Kind und Kindeskind -- - Die all das schne Gut nun von ihm erben. -- - Was doch in unserm Moskau hier - Fr wicht'ge Mnner sind - Und leben hier und -- sterben! -- - Am Donnerstag, schreib eins zum andern, Peter -- - Doch knnt's auch Freitag sein, - Wer wei, vielleicht auch spter, - Mu ich zur Doktorswittwe gehn - Gevatter stehn; - Zwar habe ich noch nichts vernommen, - Allein mir ducht es mu so kommen - Wenn meine Rechnung richtig -- - - - Zweite Scene. - - DIE VORIGEN. TSCHATZKI. - - FAMUSSOFF. - - Ah! -- - Alexander, Du bist da! - Nun -- setze Dich. - - TSCHATZKI. - - Es scheint mir, Sie beschft'gen sich -- - - FAMUSSOFF (zum Diener). - - Geh, Peterchen. - - (Der Diener geht ab.) - - Ich merkt' Geschfte an, - Die, Gott beht's, man leicht vergessen kann. - - (Pause.) - - TSCHATZKI. - - Hab' ich die Stunde etwa schlecht gewhlt? - Ich hoffe nicht, da Ihrer Tochter etwas fehlt! -- - Ja, Sie sind mivergngt! Nicht wahr? - Ich seh' es am Gesicht, an Ihren Mienen, - Was fehlet Ihnen? - - FAMUSSOFF. - - Ach, bester Freund, was ist da sonderbar? - In meinem Alter -- ei es ist zum lachen! -- - Soll ich noch Capriolen machen? - - TSCHATZKI. - - Davon ist nicht die Rede, -- sagen Sie - Mir nur -- was macht Frulein Sophie? -- - - FAMUSSOFF. - - Da Dich! -- -- Nun Gott verzeih! - Fnftausend mal - Dasselbe Lied zu meiner Qual - Und stets das alte Einerlei: - Bald von dem schnen Frulein Tochter - Bald von dem kranken Frulein Tochter - Und nichts im Kopf, als meine Frulein Tochter! - Sag mir, -- Du hast Dich lang herumgetrieben, - Und jetzt, so scheint mir's -- willst Du Dich verlieben, - Und angelst gar nach meiner Tochter Hand? - - TSCHATZKI. - - Wozu die Frage? - - FAMUSSOFF. - - Ei, mir scheint sie passlich! - Denn sieh', ich bin ein Bischen doch mit ihr verwandt! - Man hat zum Vater mich -- das ist doch fasslich, - Nicht grad' ins Blaue so hinein ernannt. - - TSCHATZKI. - - Und wollt' ich um die Tochter frein, - Was wrd' des Vaters Antwort sein? - - FAMUSSOFF. - - Ich sagte Dir zuerst: sei kein Phantast! - Verwalte besser, was Du hast; - Allein vor allen Dingen - Mut Du's im Dienste weiter bringen. - - TSCHATZKI. - - Dem Staate dient' ich gern -- allein - Ich mcht' - Nicht Knecht - Nicht Diener darum sein. - - FAMUSSOFF. - - Na! - Da haben wir den lieben Hochmuth ja! - Du solltest lieber fragen - Wie unsre Vter es gemacht, - Und mancher da in alten Tagen - Es so erstaunlich weit gebracht. - Wie kann man sich zu dienen schmen? - Ein Beispiel solltest Du am sel'gen Oheim nehmen: - Ja sieh' -- das war ein Mann, - Den man zum Muster nehmen kann! - Er speiste nicht auf Silber -- nein auf Gold! - Es wimmelte bei ihm von Dienern und Lakei'n, - Es mochten wohl an hundert sein! - Mit Orden ganz bedeckt kam er zu Hof gerollt. - Wenn man so sah -- wie ihn im langen Zug - Zum Pallast die Carosse trug, - Man wurde in Bewunderung versetzt. - Er lebte stets bei Hof -- und das war nicht wie jetzt -- - Das war vor Zeiten noch, ja ja! - Das war ein Hof -- wie nie die Welt ihn sah! - Und Mnner gab's zu jener Zeit - Von centnerschwerer Wichtigkeit. - Du httest Dich, wer wei, wie tief gebckt, - Sie htten kaum mit dem Toup genickt, - Und war's ein Gnstling, ein Bojar, - So ist's gewi, da es noch rger war; - Sie aen, tranken -- ganz von uns verschieden, - Nicht so, wie andre Sterbliche hienieden. - Der Ohm? Was sind jetzt Frst und Graf dagegen! - Ein ernster Blick, ein stolzes Wesen - War stets auf seiner Stirn zu lesen. - Doch htt' ich den wohl sehen mgen - Der, wenn es Noth that sich zu schmiegen, - So wute sein Genick zu biegen! -- - An einem Gallatag, vor allen Leuten - Hatt' er das Unglck auszugleiten, - Und so -- da er sich fast den Hals gebrochen. - Der Alte chzt und krchzt -- - Und wie er endlich aufgekrochen, - Hat Ihre Majestt zu lcheln ihm geruht; - Ein Allerhchstes Lcheln!! -- Und was thut - Der Schlaukopf nun! er macht's noch bunter - Und fllt zum zweitenmal und rger noch herunter. - Man lacht noch mehr, es schallt der Saal, - Und er steht auf und fllt zum drittenmal! - Nun, wie gefllt das Euch? - Wir nennen's einen klugen Streich! - Krank fiel er hin, stand aber auf gesund. - Denn seit der Frist - Wen lud man fter ein zum Whist? -- - Und wer hat schmeichelhafteres gehrt? - Wer wurde so wie er geehrt? - Der Onkel! Und das nennt ihr Kleinigkeit! - Wer wute so wie er mit Rngen zu belohnen? - Der Onkel, ja! - Wer schaffte so wie er Pensionen? - Der Onkel! Ah? -- - Und nu! - Ihr da, von heute, was sagt _Ihr_ dazu? - - TSCHATZKI. - - Ja, in der That, Sie knnen seufzend sagen: - Die Menschheit sei verdummt in unsern neusten Tagen. - Wie kann man auch -- nach solchen Streichen - Die neue mit der alten Zeit vergleichen! - Zwar frisch ist noch die Kunde: - Doch klingt sie glaublich nicht im Munde: - Da der zu Wrden kam, - Der nur die meisten Bcklinge geschnitten, - Der nicht des Kriegs ruhmvolle Narbe trug, - Nein, am Parquette sich die Stirn zerschlug! - Der jedem Niederen -- und lag' er auf den Knieen, - Begegnet' unertrglich stolz, - Doch wo ein Mchtiger erschien, - In Artigkeiten fast zerschmolz! -- -- - Man kann mit Recht bezeichnen jene Zeit - Als die der Furcht und Niedrigkeit: - Die niedrigsten und die gemeinsten Triebe - Maskirten sich als Unterthanenliebe; -- - Ich rechne Ihrem Onkel dies nicht zu, - Und lasse seine Asche gern in Ruh' -- - Doch sagen Sie, wer wohl in unsern Tagen -- - Und mcht' ihm Kriecherei auch noch so sehr behagen -- - Wer wrd' es wagen - Auf's Spiel zu setzen sein Genick - Fr einen gnd'gen Lchelblick? - Allein in jener Zeit - Erregt' ein solcher Purzelbaum noch Neid, - Und mancher alte Herr hat still bei sich gedacht: - O htt' ich's doch so klug gemacht! - Ja, Kriecherseelen giebt's auch jetzt auf Erden - Doch frchtet jeder lcherlich zu werden; - Und nicht umsonst wird jetzt, da sie nun wen'ger khn, - Von oben solchen Herrn auch weniger verlieh'n. - - FAMUSSOFF (bei Seite). - - Du groer Gott, er mu ein Carbonari sein! - - TSCHATZKI. - - Von solchen Flecken ist die heut'ge Welt wohl rein. - - FAMUSSOFF. - - Gefhrlich ist der Mensch! - - TSCHATZKI. - - Jetzt athmet man doch frei, - Und Niemand drngt zum Heer der Narren sich herbei. - - FAMUSSOFF. - - Was spricht er da -- und redet wie gedruckt! - - TSCHATZKI. - - Beim Gnner dann die Decke anzughnen! - Geduldig warten, hflichst schweigen. - Kratzfsseln und den Rcken beugen, - Dann, fiel ein Schnupftuch zu den Fssen - Begierig los drauf schieen, - Nach Sthlen laufen, um am Gnnertisch zu speisen! -- - - FAMUSSOFF. - - Das also holt' er sich von seinen Reisen? - Die Freiheit predigt er! Nun eine saubre Fhrung! -- - - TSCHATZKI. - - Wer auf den Gtern lebt, wer in das Ausland reist -- - - FAMUSSOFF. - - Mein Gott, was ist doch Deine Zunge dreist, - Du sprichst ja gegen die Regierung! - - TSCHATZKI. - - Und wer sich gar erkhnt, - Da er dem Chef nicht, nur der Sache dient! - - FAMUSSOFF. - - Wr' ich Monarch, ich hielte solche Herrn - Von meiner Hauptstadt fern - Auf einen Bchsenschu. - - TSCHATZKI. - - Ich lasse Sie zufrieden endlich. - - FAMUSSOFF. - - Nicht auszuhalten ist es -- schndlich! - - TSCHATZKI. - - Ich schalt erbarmungslos auf Ihre Zeit, - Auf die Vergangenheit; - Doch hren Sie, wir wollen uns vergleichen; - Sie knnen einen Theil von all dem Tadel streichen - Und unsrer Zeit als Ueberschu verleih'n, - Ich wrde nicht darber schrei'n. - - FAMUSSOFF. - - Ich habe nichts mit Ihnen mehr zu schaffen, - Irrlehren sind's, und solche leid' ich nicht. - - (Er hlt sich die Ohren zu.) - - TSCHATZKI. - - Ich streckt' ja schon die Waffen, - Und niemand widerspricht. - - FAMUSSOFF. - - Gut, gut, ich halt' die Ohren zu! - - TSCHATZKI. - - Weshalb? Ich lass' Sie ja in Ruh'. - - FAMUSSOFF (heftig). - - Durchschnffeln da den ganzen Erdenball, - Maulaffen berall -- - Dann geht's nach Haus, nun sag' mir einer offen, - Von solchen soll man was solides hoffen! - - TSCHATZKI. - - Ich hrte auf. - - FAMUSSOFF. - - Um Gotteswill'n lass' Dich bedeuten! - - TSCHATZKI. - - Ich wnsch' nicht weiter mehr zu streiten. - - FAMUSSOFF. - - Erbarme Dich, lass' mich in Ruh'! - - - Dritte Scene. - - DIE VORIGEN. EIN DIENER. - - DIENER. - - Der Oberst Scalosb. - - FAMUSSOFF (ohne zu hren). - - Nur zu, nur immer zu! - Du kommst noch unter's Halsgericht! - Das ist gewi, wie zwei mal zwei macht vier. - - TSCHATZKI. - - Es ist da jemand angekommen. - - FAMUSSOFF. - - Ich hre nichts! Vor's Halsgericht! - - TSCHATZKI. - - Sie haben falsch vernommen: - Es ist ein Fremder vor der Thr. - - FAMUSSOFF. - - Vor's Halsgericht, vor's Halsgericht mit Dir! - - TSCHATZKI. - - So kehren Sie sich um, Sie kriegten einen Gast. - - FAMUSSOFF (dreht sich um). - - Was? Krieg? Rebellion? - Auf Sodoms Schicksal bin ich lngst gefasst. - - DIENER. - - Der Oberst Scalosb hlt vor der Thr, - Befehlen Sie ihn zu empfangen? - - FAMUSSOFF. - - Schaafskopf! Natrlich! sagt' ich's Dir - Nicht hundert mal schon? Schneller, lauf -- - Bitt' ihn ergebenst gleich herauf, - Sag', da ich hocherfreut, sag' Wort fr Wort, - Sag', da ich ihn erwarte, -- pack Dich fort! -- - - (Diener ab.) - - (Zu Tschatzki.) - - Ich bitte Dich Mosje, folg' einmal mir: - Es ist ein angeseh'ner Offizier - Hat, fr sein Alter unerhrt -- - Schon einen Rang beneidenswerth, - Hat Orden ohne Zahl, - Ist heute oder morgen General, - Dazu ist er solid in seiner Denkungsart; - Ich bitt' Dich, nimm Dich jetzt zusammen. - - (Kopfschttelnd.) - - Ach, lieber Tschatzki, -- nein! - Nicht alles ist mit Dir -- so wie es sollte sein! -- -- - Er ist recht oft und gerne hier -- - Du weit empfangen wird ja jedermann von mir. - Die Leute hier vergrern alles gleich; - Da spricht man in der ganzen Stadt, - Da er ein Aug' geworfen hat - Auf mein Sophiechen -- dummes Zeug --! - Nun -- mglich wr's -- Sophie ist frisch und roth, - Allein sie ist noch jung; -- ich sehe keine Noth - So bald die Tochter aus dem Haus zu geben. - Er mag sie wohl -- wenn mich nicht alles trgt, - Doch brigens, wie es der Himmel fgt. - Ich bitt' Dich, kommt er her, - So streite nicht die Kreuz und Quer. - Erwge doch ein jedes Wort - Und wirf die albernen Ideen fort. - Inde wo bleibt er denn? Was kann das sein? - Er ging gewi zu mir, auf jene Seit', hinein. - - (Geht eiligst ab.) - - - Vierte Scene. - - TSCHATZKI (allein). - - Was kommt ihm an! Warum wohl so in Feuer! - Und wie steht's mit Sophie? Das ist bestimmt ein Freier. - Wann that sie je so fremd mit mir, - Und warum ist sie noch nicht hier? - Wer ist der Scalosub? - Dem Vater scheint er ja gewaltig theuer, - Doch ach, es knnte sein - Dem Vater nicht allein! ... - Ja, bleibt drei Jahre nur von Haus, - Dann ist's mit Lieb' und Treue aus. - - - Fnfte Scene. - - FAMUSSOFF. SCALOSB. TSCHATZKI (im Hintergrunde). - - FAMUSSOFF. - - Herr Oberster hierher, zu uns, hierher! - Hier ist es wrmer, bitte sehr! - Friert Sie? -- Die Wrme kann man gleich vermehren, - Ich ffne schnell die Ofenrhren. - - SCALOSB (im Bass). - - Was, selbst zu klettern, nein, das gebe ich nicht zu! - Auf Offiziersparol, das kann ich nicht erlauben. - - FAMUSSOFF. - - Sie wollen nicht, da ich fr Sie was thu'! - Mein theurer Freund, Sie knnen glauben - Fr Sie, fr einen Freund ist alles angenehm. - Nun -- machen Sie's sich recht bequem, - Den Hut hierher, fort mit dem Degen! - Wir wollen ihn bei Seite legen; - Hier ist ein Sopha, federweich. - - SCALOSB. - - Wo Sie befehlen -- mir ist's gleich. - - (Sie setzen sich.) - - FAMUSSOFF. - - Ach, bester Freund, hier ist es grad' am Ort! - Von unseren Verwandten erst ein Wort, - Zwar nur entfernt, zur Erbschaft kommt es nicht -- - Ihr guter Vetter gab mir unlngst drber Licht -- - In welchem Grade ist verwandt - Natalja Nikolajewna mit Ihnen? - - SCALOSB. - - Damit kann ich nicht dienen, - Das ist mir nicht bekannt, - Wir dienten nicht bei einem Regimente. - - FAMUSSOFF. - - Herr Oberst! Wenn ich Sie nicht kennte! - Nein, wer mit mir verwandt, - Den such ich auf und wr's - Im Grund des Meers! - Da hab' zum Beispiel jetzt - Die ganze Kanzelei mit Vettern ich besetzt - Ich nehme selten Leute, die mir fremd -- - Sie wissen ja, die Haut ist nher, als das Hemd! -- - Mein Secretair allein ist nicht mit mir verwandt, - Ich nahm ihn wegen seiner schnen Hand. -- - Kommt nun die Zeit heran der Gratificationen, - Da giebt es Kreuzchen hier zu Land, - Und kleine Aemtchen -- allerhand -- - Wie sollte man Verwandte nicht belohnen! - Doch wollen wir zurck auf Ihren Vetter kommen - Der Ihrer Protection so viel im Dienst verdankt. - - SCALOSB. - - Ja, Anno dreizehn war's, wir thaten uns hervor, - Zuerst im zweiten, dann im sechsten Corps. - - FAMUSSOFF. - - Beglckt der Vater, dem ein solcher Sohn geworden, - Mich dnkt, im Knopfloch trug er einen Orden? - - SCALOSB. - - Ja, fr den dritten Mai, Sie haben recht gesehn, - Wir saen fest in den Transcheen; - Da galt's! -- - Er kriegt's im Knopfloch -- ich am Hals! - - FAMUSSOFF. - - Ein lieber Mann, - Man sieht ihm gleich den Helden an -- - Ein prcht'ger Mensch ist Ihr Herr Vetter! - - SCALOSB. - - Er hat sich leider jetzt - Gott wei was in den Kopf gesetzt! - Er wre eben avancirt, - Da hatt er grad' den Dienst quittirt, - Und lie im Stiche Rang und Orden. - Drauf ging er auf sein Landgut hin - Und ist ein Bcherwurm geworden. - - FAMUSSOFF. - - Ja, ja, das Lesen -- o der jungen Thoren! - Was geht dadurch nicht spter oft verloren! - Fr Sie ist mir, was das betrifft, nicht bange; - Lngst sind Sie Oberster und dienten doch nicht lange. - - SCALOSB. - - Ich hatt' mit meinen Cameraden sehr viel Glck: - Vacanzen fanden sich fast jeden Augenblick, - Da wurden ltre aus dem Dienst geschlossen, - Und andre -- pltzlich -- todtgeschossen. - - FAMUSSOFF. - - Ja, ja, nur der besteht, - Den Gott erwhlet und erhht! - - SCALOSB. - - Doch mancher hat noch grres Pferde-Glck! - Wir gehn nicht weit zurck -- - Da nehmen Sie doch nur einmal - Hier in der funfzehnten Division - Zum Beispiel den Brigadegeneral! - - FAMUSSOFF. - - Mein Gott, Sie mssen es doch selber sagen: - Sie knnen sich wahrhaftig nicht beklagen! - - SCALOSB. - - Ich thu's auch nicht, allein dennoch -- Sie wissen -- - Ich habe nach dem Regiment - Zwei lange Jahre laufen mssen. - - FAMUSSOFF. - - Zwei Jahre laufen -- Element! - Dafr in andern Dingen - Die Sie erreicht - Ist es Sie einzuholen wohl nicht leicht. - - SCALOSB. - - Ja, freilich wird im Corps man ltre finden. - Ich trat erst ein - Im Jahre achtzehnhundert neun. - Allein um rasch befrdert sich zu sehn, - Kann man verschiedne Wege gehn, - Und hierin bin ich Philosoph, - Ein jeder Weg ist mir egal - Wenn er nur fhrt zum General. - - FAMUSSOFF. - - Sie haben so vollkommen Recht zu denken. - Gott mg' Gesundheit Ihnen schenken, - Und dann den General, - Und haben Sie den Rang einmal -- - Dann mssen Sie -- was soll das Zaudern sein? - Nach einer Generalin frei'n. - - SCALOSB. - - Ich sag' durchaus nicht nein! - - FAMUSSOFF. - - Und das ist doch so leicht, mein Bester! - Da hat _der_ eine Schwester, - _Der_ eine Tochter hier am Ort. - Die Brute bringt man nicht aus Moskau fort, - Sie mehren sich mit jedem Jahr. - Ach lieber Freund, Sie mssen selbst gesteh'n - Wo kann man in der Welt ein zweites Moskau sehn! - - SCALOSB. - - Ja, ungeheure Pltze giebt's zum Exerciren. - - FAMUSSOFF. - - Nicht doch! ich meine den Geschmack und treffliche Manieren, - Die Sitten, die von Alters her noch rhren. - Zum Beispiel nur -- man ehrt den Sohn - Hier um des Vaters willen schon. - Ist auch nicht viel an ihm, es wird ihm doch nicht fehlen, - Besitzt er erblich nur so ein paar tausend Seelen -- - Der Brutigam ist fertig -- - Und wr' er noch so widerwrtig. - Ein andrer, sei er auch gescheut - Voll Klugheit und Belesenheit - Und vollgepfropft mit hohen Dingen, - Er wird in unsere Verwandtschaft doch nicht dringen; - Denn darin sind wir ohne Tadel - Wir halten noch allein auf alten chten Adel. - Und das ist's nicht allein! -- was Gastfreiheit betrifft! - Wer hat vollkommner sie gefunden, - Und htt' er auch die ganze Welt umschifft --! - Die Thr ist auf -- zu allen Stunden; - Geladen oder nicht, es strmt der Gste Menge, - Den Wirth erfreut besonders das Gedrnge, - Auslnder, die natrlich ganz voran -- - Es sei ein Schelm, es sei ein Ehrenmann, - Das ist uns ziemlich gleich, in jedem Falle - Steht unser Mittagstisch gedeckt fr Alle. - Ja -- wie man uns betrachten mge, - Vom Hacken bis zum Nacken -- - Wir Moskowiter haben ein absonderlich Geprge. - Da, nehmen Sie zum Beispiel unsre Jugend - Die junge Welt, die Shnchen, Enkelein; - O, die sind fein! - Zwar predigen wir streng Moral und Tugend, - Und doch kann oft mit funfzehn Jahren - Der Lehrer viel von ihnen schon erfahren. - Dann unsere alten Herren, welche Geister! - Im Disputiren sind sie Meister. - Wenn es so losgeht ber Staat und Krone, - So sprechen sie wie lauter Salomone. - Ein jeder wei, er ist aus altem Haus, - Was andre denken, was macht er sich draus! - Und die Regierung, wie mit der sie fahren! - Wenn's jemand hrte, lass' uns Gott bewahren! -- - Nicht da sie grad' was neues wollten -- nein - Behte Gott; allein sie schrei'n - Und streiten ber dies und das - Und wissen selber oft nicht -- was. - So geht es fast bei jedem Schmaus, - Man lrmt und tobt und -- fhrt nach Haus. - Wahrhaftig, lauter Kanzler auer Diensten! - - (Leiser.) - - Und im Vertraun -- noch unreif ist die Zeit -- - Doch ohne diese Herrn kommt man gewi nicht weit. -- - Die Damen gar, das sind die hchsten Richter, - Doch richt' sie einer nur, da machen sie Gesichter, - Und wenn beim Kartenspiel die Stimme sie erheben - Da giebt es oft Tumult, - Da wirklich alle Fenster beben. - Mit Frauen schenk' uns Gott Geduld, - Ich wei es leider ganz genau - Ich selber hatt' ja eine Frau! - Wir haben Frau'n, wahrhaftig desperat! - Sie sind in allem firm, schickt sie in den Senat, - Schickt vor die Fronte sie; zum Beispiel da - Irina Wlssjewna, Lukrja Alexiwna, - Tatjana Jrjewna, Pulcheria Andrewna! - Dann unsere Tchter! Ist's nicht wahr? - Die knigliche Majestt im vor'gen Jahr - Als sie geruht zu uns zu kommen zum Besuch, - Konnt' sich verwundern nicht genug. - Sie fand sie grad' nicht klassisch schn, - Doch klassisch wohlerzogen. - Und wahrlich, unsere Tchter sind's auch -- ungelogen -- - Wie sie verstehen sich zu kleiden, - In Mousselin und Sammt und Seiden! - Sie knnen selbst -- es ist ein Ohrenschmaus - Franzsische Romanzen singen, - Und von den Noten zwingen - Die allerhchsten sie heraus. -- - Besonders hngen sie am Militair, - Das -- kommt vom Patriotismus her. - Ja, ja, man suche nach in allen Reichen, - Man forsche nach von Land zu Land, - Nichts ist mit Moskau zu vergleichen. - - SCALOSB. - - Ja wohl, und seit dem groen Brand - Ist unser Moskau ganz charmant. - - FAMUSSOFF. - - O nichts davon! Da haben uns geklungen - Die Ohren schon genug! Ja, was fr Neuerungen - Seitdem sieht doch ein jedes Haus, - Trottoirs und Straen anders aus. - - TSCHATZKI (in den Vordergrund tretend). - - Die Huser wurden neu, die Vorurtheile blieben! -- - Sie brauchen sich nicht zu betrben. - Was knnen Moden, Jahre, Brand und Krieg! - Den Vorurtheilen blieb der Sieg. - - FAMUSSOFF (leise). - - Mach' Dir doch einen Knoten zum Gedchtni. - Zu schweigen bat ich Dich so sehr, - Wird Dir denn das so schrecklich schwer? - - (Zu Scalosb.) - - Herr Oberst -- hier -- wenn Sie erlauben -- - Des seel'gen Tschatzki, meines Freundes, Sohn, - Er dient nicht -- sollten Sie es glauben! - Ein Eigensinn! - Das heit -- er sieht im Dienste nicht Gewinn. - Doch wenn er wollte, knnt' er vieles leisten. - Er schreibt vortrefflich, bersetzt -- - Schad, schade das, -- das mu man sagen! - - TSCHATZKI. - - Recht schade -- da Sie nicht wen anders so beklagen, - Denn selbst Ihr Lob hat mich verletzt. -- - - FAMUSSOFF. - - So richt' ich nicht allein, ich hre es von Allen. - - TSCHATZKI. - - Und wer sind diese Richter? Wie? - Sind es nicht etwa die, - Die ihrer Glatze wegen schon allein - Uns Jugendsinn und Freiheit nicht verzeih'n? - Sie schlagen in Journlen nach - Und mchten alles Alte gleich vergttern. - Sie schpfen Urtheil aus vergessnen Zeitungsblttern, - Aus jener Zeit, die von Otschkoff sprach - Und der Eroberung der Krimm. -- - Woher der ew'ge Ha und Grimm? - Das neue lassen sie nicht gelten - Und singen stets das alte Lied, - Stets fertig sind sie nur zu schelten - Und sie bekritteln, was geschieht, - Und merken's an sich selber nimmer - Das: um so _lter_ um so _schlimmer_! - Wer nicht so denkt wie sie -- den nennen sie Verrther! - Wo sind sie denn, des Landes Vter, - Von denen man als Muster spricht! - Ich seh' sie nicht! -- - Ist's etwa der? - Ein Millionr - Durch Dieberei geworden? - Und der mit vollem Sack und seiner Brust voll Orden - Dem Schwerdt der Themis trat entgegen? - Natrlich sank der guten Gttin Degen - Herab, so viel Verdienst zu lieb, - Und sehen Sie -- nun baut der Dieb - Sich einen prchtigen Pallast - Wo festlich er mit dem gestohlnen Gute prasst, - Die Gste strmen hin zu Hauf; - Doch stnde wohl ein Gast - Als Klger seines Wirthes auf? - Wer wrde wohl in Moskau sich erfrechen - So weit zu gehn - Von irgend jemand schlecht zu sprechen, - Der Blle giebt und Assembleen? -- - Ist wohl mein Richter der, vor dem ich einst den Rcken - In meiner Kindheit mute bcken? - Gott wei aus welchen rthselhaften Grnden! -- - Der Nestor -- alt und grau in Snden, - Der seine Diener oft verwettet - Wenn er im Zorne und berauscht: - Und den, der Ehre ihm und Leben oft gerettet - Weil es ihm so gefllt, mit einem Windhund tauscht? -- - Ist's jener, der zu ganzleibeigenem Ballet - Die Kinder von den Aeltern reit - Und sie nach Moskau kommen heit? - Sie werden auch in groen Schaaren - Und fuderweis hierher gefahren - Wo er, der nur vom Zephyr trumt - Und Amoretten-Reigen - Stolz ist der Stadt sein Werk zu zeigen. - Doch leider steckt er sehr in Schulden, - Die Glub'ger woll'n sich nicht gedulden - Und all die Seelen da, von ihm getauft - Zu Amoretten und Zephyren - Sie werden nun nach Rechtsgebhren - Stckweise unterm Hammerschlag verkauft! -- -- -- -- - Da haben Sie's! Und das sind unsre Richter! - Das sind die Sterne und die Lichter! - Das sind die Alten und die Weisen - Die Sie mir stets als Muster preisen. - Und was geschieht? Versuch's ein junger Mann, - Der nicht das Kriechen leiden kann -- - Und lege sich mit ganzer Kraft - Allein nur auf die Wissenschaft: - Er will nicht Stellen, will nicht Rang, - Er fhlt nun einmal einen andern Drang -- - Der Himmel go vielleicht in seine Brust - Des knstlerischen Schaffens Lust, - Sogleich erhebt man ein Geschrei - Mordjo! Verrtherei! - Man fliehet ihn, wie einen tollen Hund - Und munkelt von geheimem Bund. -- - Die Uniform -- nur sie, ja! ja! -- In frhrer Zeit - Hat ihre Stickerei manch Eselsohr bedeckt. - Wie viel Verchtlichkeit - Wird unter ihrem Glanz versteckt! - Und wir, wir sollen nun dieselben Wege gehn? - Es ist nicht auszustehn! - Und eben die Manie kann man ja schau'n - Bei unsern Mdchen, unsern Frau'n! - Ich selbst war unlngst noch verliebt in die Livrei, - Doch jetzo lach' ich ber solche Narrethei. - Doch anders ging es damals her, - Wer war nicht ganz vernarrt in's Militr? - Einst bei'm Besuch von Gardeoffizieren - Schien unsre Damenwelt die Sinne zu verlieren: - Sie schrien Hurrah! Kaum ist's zu glauben, - Und warfen in die Luft die Hauben. - - FAMUSSOFF (bei Seite). - - Es wird ihm noch gelingen - In's Unglck mich zu bringen! -- - - (Laut zu Scalosb.) - - Verzeihen Sie, Herr Oberst, ich mu fort, - Doch ich erwarte Sie im Kabinette dort. - - (Geht ab.) - - - Sechste Scene. - - SCALOSB und TSCHATZKI. - - SCALOSB. - - Was mich besonders intressirt - Ist, wie Sie so geschickt berhrt - Die Vorurtheile unsrer Stadt - Die man hier fr die Garde hat. - Die Garde -- das ist ihre Wonne! - Man schaut sie an wie eine Sonne. - Warum zieht man sie vor - Zum Beispiel unserm ersten Corps? - Worin blieb dieses vor der Garde je zurck? - Hat's schlecht're Taillen etwa und Geschick? - Was wollen diese Evastchter, - Sitzt unsre Uniform denn schlechter? - Ich kann gleich ein'ge Offiziere nennen - Die selbst franzsch parliren knnen. - - - Siebente Scene. - - SCALOSB. TSCHATZKI. SOPHIE (strzt zum Fenster). LISETTE. - - SOPHIE. - - Ach Gott -- er fiel -- er ist verloren! ah! - - (Sinkt hin auf einen Stuhl.) - - TSCHATZKI. - - Wer fiel? - - SCALOSB. - - Sag', was geschah? - - TSCHATZKI. - - Vor Schreck liegt sie in Ohnmacht ja! - - SCALOSB. - - Wer denn! Woher! Was ist passirt? - - TSCHATZKI. - - Hat sie sich weh gethan? - Stie sie wo an? - Was ist geschehn? - - SCALOSB. - - Ist was dem Alten arrivirt? - - LISETTE (immer bei Sophien beschftigt). - - Ach seinem Schicksal kann man nicht entgehn! - Moltschlin stieg zu Pferde - Es bumte sich, er strzt' zur Erde - Und grade Kopfvoran. - - SCALOSB. - - Zu straff zog er die Zgel an, - Ja, so ein Sonntagsreiter vom Civil! - Ich will doch hren wie er fiel - Ob seitwrts oder ob nach vorne. - - (Geht ab.) - - - Achte Scene. - - TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE (in Ohnmacht). - - TSCHATZKI. - - Wie soll man helfen, sage schneller! - - LISETTE. - - Dort steht ein Glas auf einem Teller. - - (Tschatzki luft fort und holt Wasser -- alles wird halbleise und - schnell gesprochen.) - - Schnell gieen Sie 's ins Glas! - - TSCHATZKI. - - Das ist schon lang gescheh'n! - Ls ihr das Mieder! -- - Die Schlfen reib' mit Essig doch! - Besprenge sie mit Wasser noch! - So, so -- sie athmet wieder - Nun fchle sie. -- Sophie? - - (Sophie seufzt.) - - LISETTE. - - Da seufzte sie! - - TSCHATZKI. - - Sieh' aus dem Fenster -- da -- - Da steht Moltschlin ja! - Und diese Kleinigkeit konnt' sie erschrecken! - - LISETTE. - - Es mu in Damen-Nerven stecken. - Das Frulein kann es nicht ertragen, - Fllt Jemand ber Kopf und Kragen. - - TSCHATZKI. - - Besprenge sie mit Wasser doch, - So recht -- noch einmal -- noch! - - SOPHIE. - - Ach! - Was ist geschehn, mir ist so schwach! - Wer ist um mich? - - (Springt auf, heftig.) - - Wo ist er, sprich? - Was ist's mit ihm? - - TSCHATZKI. - - Ei, welch ein Ungestm! - Ich wollt' er htte sich den Hals gebrochen, - Er schreckte Sie zu Tode fast. - - SOPHIE. - - Das war unmenschlich doch gesprochen, - Sie wollen es, da man Sie hat! - - TSCHATZKI. - - Ich sollte mich auch noch mit ihm befassen? - - SOPHIE. - - Ja! eilen, laufen, ihn erretten! - - TSCHATZKI. - - Und Sie in Ohnmacht liegen lassen? - - SOPHIE. - - Was sind Sie mir? Doch war es fremdes Unglck ja! - Und lg' der eigne Vater da, - Sie rhrt' es nicht. - - (Zu Lisette.) - - Komm' schnell, was stehst Du noch? - - LISETTE (fhrt Sophie zum Fenster). - - Wohin, besinnen Sie sich doch! - Er lebt, es ist ihm nichts geschehn, - Sie knnen ihn hier aus dem Fenster sehn. - - (Sophie eilt zum Fenster.) - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Entsetzen, Ohnmacht, Zorn! -- So kann man nur empfinden - Wenn den Geliebten man verliert! - - SOPHIE (zu Lisette). - - Siehst Du, wie sie den Arm ihm binden! - Er kommt, er wird herauf gefhrt! - - TSCHATZKI. - - Ich wollt', ich htt' mit ihm den Hals gebrochen! - - LISETTE. - - _Per compagnie!_ Nun das ist brav gesprochen. - - SOPHIE. - - Ach, lassen Sie's beim Wunsch! - - - Neunte Scene. - - DIE VORIGEN. SCALOSB. MOLTSCHLIN (den Arm in der Binde). - - SCALOSB. - - Da ist er! Er erstand! - Und unverletzt! -- Nur seine Hand - Bekam was ab und etwas hier der Arm - Das ganze war _un faux allarm_! - - MOLTSCHLIN. - - Ich habe Sie erschreckt? Ach nein? - Mein Gott, Sie werden doch verzeih'n! - - SCALOSB. - - Ich glaubte nicht -- auf Ehre! - Da man durch solche Kleinigkeit - Codille gleich verlre! - Sie strzten her in groer Eile, - Und ich erschrak, so wahr ich ehrlich bin! - Sie fielen gar in Ohnmacht hin - Und alles fr die Langeweile! - Fr nichts und wieder nichts. - - SOPHIE (ohne aufzublicken). - - Ich seh' es ein -- und doch - Am ganzen Leibe zittr' ich noch. - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Und zu Moltschlin nicht ein Wort? - - SOPHIE (wie oben). - - Es fehlt mir nicht an Muth - Wirft auch der Wagen um, ich fahr' gleich weiter fort -- - Doch konnt' ich nie mit kaltem Blut - Es sehn, wenn andre in Gefahr, - Und wenn es gleich ein Unbekannter war. -- - Und wenn der Schaden auch geringe - Es ist unmglich, da ich mich bezwinge. - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Will sie bei jenem sich vielleicht - Entschuldigen, da sie Gefhl gezeigt - Fr irgend einen in der Welt! - - SCALOSB. - - Erlauben Sie, da fllt - Mir ein Histrchen ein; - Die Frstin Lassoff hier ist Reiterin, - Ob Wittwe zwar, von Profession, - Doch meistens reitet sie allein, - Den Cavalieren scheint sie nicht sehr zu gefallen. - Die Arme ist in diesen Tagen - Vom Pferd gefallen - Und hat sich arg zerschlagen; - Die Schuld lag an dem Tlpel von Jokei, - Er zhlte Mcken wohl und sprang nicht schnell herbei! - Sie soll schon ohnedem sehr unbeholfen sein, - Nun, sagt man, soll ihr eine Rippe fehlen -- - Und darum mcht' sie wieder sich vermhlen, - Und sucht jetzt eifrig einen Mann - Der sie als Rippe sttzen kann. - - (Er lacht.) - - SOPHIE. - - Mein Gott, Herr Tschatzki, das ist was fr Sie! - Was meinen Sie zu der Parthie? - Sie sollten recht so menschenfreundlich sein, - Als Rippe sich der Wittwe weih'n -- - Denn fremdes Unglck rhrt Sie ja so ungemein! - - TSCHATZKI. - - Sie haben Recht! Ich hatte ja das Glck - Und rief zum Leben Sie zurck, - Als bleich und athemlos Sie hier in Ohnmacht lagen; - Allein fr wen ich's that, das wei ich nicht zu sagen. - - (Nimmt den Hut und geht ab.) - - - Zehnte Scene. - - DIE VORIGEN ohne TSCHATZKI. - - SOPHIE (zu Scalosb). - - Nun heute Abend -- sehn wir Sie? - - SCALOSB. - - Wie frh? - - SOPHIE. - - Ich bitte nicht zu spt -- wir haben unser Krnzchen, - Und zum Klavier macht man ein Tnzchen, - Sie wissen ja, der Trauerfall - Gestattet jetzo keinen Ball, - Sie werden Freunde nur vom Hause sehn. - - SCALOSB. - - Sehr wohl -- doch mu ich jetzt zu Ihrem Vater gehn; - Ihr Diener! - - SOPHIE. - - Adieu! - - (Verbeugung und Abschiednehmen. Scalosb geht ab, schttelt aber - erst Moltschlin die Hand.) - - - Elfte Scene. - - DIE VORIGEN ohne SCALOSB. - - SOPHIE. - - Moltschlin, sprechen Sie, was haben Sie gemacht! - Ich wei nicht, wie ich noch bei Sinnen, - Ach htten Sie an mich gedacht, - Sie setzten nicht Ihr -- mir so theures Leben - So muthwillig auf's Spiel. - Doch sagen Sie -- wie ist's mit Ihrem Arm? - Hat sich der Schmerz gegeben? - Zum Doktor schicken Sie vor allen Dingen, - Soll man nicht Tropfen bringen? - - MOLTSCHLIN. - - Seitdem der Arm in dieser Binde - So schmerzt er nur noch ganz gelinde. - - LISETTE. - - Es ist ja nichts, ich will gleich wetten! - Die Binde steht ihm nur so gut -- - Doch wer kann Sie vor bsen Zungen retten, - Ich bitt' Sie, sei'n Sie auf der Hut. - Denn Tschatzki -- ach, der kann's schon machen, - Da ber Sie die Leute lachen; - Und wenn der Oberst erst sich in die Haare fhrt - Um sein Toup recht schn - Zurecht zu drehn, - Dann fngt er sicher an, die Ohnmacht zu erzhlen - Und an Verschnerungen wird's nicht fehlen. - Selbst dieser Mensch will witzig sein! - Ach Gott! Wer ist nicht witzig heut zu Tage! - - SOPHIE. - - Als ob nach diesen Zwei'n ich frage! - Wer mir gefllt, den mag ich - Und was ich will, das sag' ich. - Moltschlin ach, wie hab' ich mich bezwungen! - Als Sie in's Zimmer traten, - Mich um Verzeihung baten, - Wie hab' ich da im Innersten gerungen! - Vor jenen durft' ich es nicht wagen - Sie anzusehn, Sie zu befragen. - - MOLTSCHLIN. - - Und doch -- Sie mten besser sich verstellen. - - SOPHIE. - - Wie sollt' ich das, wenn alle Pulse schwellen! - Ich wollt' hinaus zum Fenster springen, - Ich war halb todt und sollte mich bezwingen. - Es mag die Herrn da rgern und verdriessen, - Was geht's mich an, was mach' ich mir aus diesen, - Aus irgend jemand, aus der ganzen Welt! - Mag sie doch reden, wie es ihr gefllt? - - MOLTSCHLIN. - - Mcht' diese Offenheit uns nur nicht Schaden bringen! - - SOPHIE. - - Man wird Sie doch nicht zum Duelle zwingen? - - MOLTSCHLIN. - - Ach schlimmer wohl als Degen und Pistolen - Sind scharfe Zungen. - - LISETTE. - - Bei Ihrem Vater sind die Beiden drin, - Wie wr's, Sie gingen gleich dahin - Und stellten sich ganz unbefangen, - Wir glauben gern, was wir verlangen. -- - Den Tschatzki mssen Sie vor allen Dingen - Zum Schwatzen bringen -- - Indem Sie jene Jugendzeit berhren. - Ein bischen Liebelei, ein Wort, ein Blick - Damit kann man zum Glck - Bequem Verliebte an der Nase fhren. - - MOLTSCHLIN. - - Ich wage Ihnen nicht zu rathen -- - - (Kt Sophiens Hand.) - - SOPHIE. - - Wie? - Auch Sie? - Sie wollen's also auch? - Ach, liebenswrdig sein, mit Augen ganz in Thrnen? - Ich kann mich an Verstellung nicht gewhnen, - Es fllt mir nichts so schwer. - Was schickte Gott doch diesen Tschatzki her! - - (Geht ab.) - - - Zwlfte Scene. - - DIE VORIGEN ohne SOPHIE. - - MOLTSCHLIN. - - Du Engel, allerliebster Engel Du! - - LISETTE. - - Mein Gott, ihr seid schon zwei, lat mich doch nur in Ruh! - - MOLTSCHLIN. - - Welch ein Gesichtchen! Hre: - Ich bin verliebt in Dich, auf Ehre! - - LISETTE. - - In mich -- verliebt? -- Sind Sie gescheut? - Ich denke doch -- Sophie, - Das Frulein lieben Sie. - - MOLTSCHLIN. - - Dienstpflicht und Schuldigkeit; - Allein zu Dir fhl' ich die reinste Liebe -- - - LISETTE. - - Aus Langerweile? Ja -- - Ich kenne diese heien Triebe! - Ich bitte Sie -- nur nicht zu nah -- - Nein, nein, nur fort! - - MOLTSCHLIN. - - Hr' nur -- ein Wort! - Ich habe drei ganz allerliebste Sachen, - Sie knnten manche glcklich machen; - Hr' nur Lisette: - Vor allem eine Toilette - Von einer Arbeit -- wunderfein! - Ein kleiner Spiegel drauf, ein kleiner Spiegel drin. - Und alles ringsum cht vergoldet. - Ein Kissen, ganz mit Perlen ausgenht - Und allerlei perlmutternes Gerth, - Und Nadelbchsen gar zu niedlich! - Und Scheeren, alles so apptitlich! - Zerriebne Perlen -- Schminke auch dabei - Und dann auch sonst noch allerlei. - Verschiedene Pomaden - Fr Lippensprung und andre Schaden. - - LISETTE. - - Sie wissen es -- ich bin nicht intressirt -- - Doch sagen Sie, woher das rhrt, - Da Sie so bld beim Frulein sind, - Und bei der Zofe recht ein Sausewind? - - MOLTSCHLIN. - - Ich bin heut' krank und komme nicht zum Essen, - Du schleiche zu mir unterdessen - Ich sag' Dir alles heimlich dort. - - (Geht ab.) - - - Dreizehnte Scene. - - LISETTE. SOPHIE. - - SOPHIE. - - Ich komm' vom Vater, Beide waren fort; - Ich bin nicht wohl und will nicht speisen mit dem Alten, - Geh' zu Moltschlin hin - Und bitte ihn - Da er herauf kommt, mich zu unterhalten. - - (Geht ab.) - - - Vierzehnte Scene. - - LISETTE allein. - - Nun das ist eine tolle Wirthschaft hier! - Das ist ergtzlich. - _Sie_ luft nach _ihm_, und _er_ nach _mir_, - Und _ich_ -- ich frcht' die Liebe ganz entsetzlich, -- -- - Doch, -- -- unser Diener beim Bffet, - Der Peter -- ist doch gar zu nett!! - - (Der Vorhang fllt.) - - Ende des zweiten Akts. - - - - - Dritter Akt. - - - Eleganter Saal. - - - Erste Scene. - - TSCHATZKI, etwas spter SOPHIE. - - TSCHATZKI. - - Erwarten will ich sie --; ich mu sie sehn. - Sie mu es mir gestehn - Wen sie denn liebt. Ist es der Sekretair, - Ist es der Oberst -- oder wer? - Moltschlin? dieses gute Trpfchen! - Ein so armseliges Geschpfchen! - Wie kam er zu Verstand? -- und Jener? lieber Gott! - Solch heis'res, halberwrgtes Bafagott! -- - Gewohnt als Sternbild stolz zu glnzen - Bei den Maneuvern und Masurkatnzen! - Geschick der Liebe, du -- - Spielst mit uns blinde Kuh! - - (Sophie tritt auf.) - - Sie sind's? Wie mich's erfreut - Ich wnscht' es grad! - - SOPHIE (bei Seite). - - Zu uerst ungelegner Zeit! - - TSCHATZKI. - - Mich suchten Sie zwar nicht?! - - SOPHIE. - - O nein! - - TSCHATZKI. - - Und freilich mag es nicht ganz passend sein, - Doch -- einerlei -- ich mu Sie drum befragen: - Wen lieben Sie? -- Ich bitt' es mir zu sagen! - - SOPHIE. - - Ach Gott! die ganze Welt! - - TSCHATZKI. - - Doch wer am besten Ihnen drin gefllt - Das sagen Sie. - - SOPHIE. - - Gar viele, -- die mit mir verwandt -- -- - - TSCHATZKI. - - Und Alle mehr als ich? - - SOPHIE. - - Ja -- einige! -- -- - - TSCHATZKI. - - Entschieden also ist's! Was ist dabei zu machen -- - Mich bringt's zum Rasen -- Sie zum Lachen! - - SOPHIE. - - Versteh'n Sie Wahrheit zu ertragen? -- - Ich mchte Ihnen nur zwei Worte sagen: - Warum ist Ihre Lust so gro - Giebt sich ein andrer etwas blo? - Ist etwas lcherlich -- Sie werden's gleich gewahr, - Und selbst -- - - TSCHATZKI. - - Ich selbst bin lcherlich? Nicht wahr? - - SOPHIE. - - Ja -- dieser bse Blick -- der scharfe Ton, - In jedem Worte bittrer Hohn, -- - Und -- Sie besitzen - Unzhl'ge Eigenheiten noch, - Und Strenge gegen sich -- die knnte Ihnen ntzen. - - TSCHATZKI. - - Ich eigen? Gut! So sagen Sie mir doch - Wer keine Eigenheiten zeigt? - Moltschlin wohl, der einem Dummkopf gleicht - So wie ein Ei dem andern? -- Wie? - - SOPHIE. - - Die alten Beispiele! Ich kenne sie! - Klar ist's, Sie sind gestimmt, auf Alle - Zu gieen Ihre schwarze Galle. - Ich -- str' Sie ungern drin. - - (Will fort.) - - TSCHATZKI (hlt sie auf). - - Sie wollen fort? - O hren Sie nur noch ein einz'ges Wort! - - (Bei Seite.) - - Einmal will heucheln ich -- und mich bezwingen. - - (Laut.) - - Den Streit -- den lassen wir -- vor allen Dingen -- - Sie haben Recht! Es thut mir Leid, - Und gegen ihn, Moltschlin, ging ich wohl zu weit. - Es sind verflossen fast drei Jahr, - Er ist vielleicht ein andrer, als er war. - Auf Erden sieht man vieles sich verndern, - Verfassungen und Sitten und Verstand, - Das Clima selbst von ganzen Lndern! - Gar wicht'ge Leute, wohlbekannt, - Die wurden frher Dummkpfe genannt, - Schlecht als Soldaten und Poeten; - Noch andre -- nun, ich frcht' mich sie zu nennen - Sie werden sie -- wie alle Welt -- ja kennen -- - Von diesen hat man nun erfahren, - Da in den letzten Jahren - Sie ganz gewaltig wurden klug. - Mag sein, Moltschlin ist -- ein solches Kraftgenie, - Doch frag' ich eins, versteht er Sie? - Und brennt in ihm ein solches Feuer, - Da ihm auf Erden nichts so theuer - Und nichts so heilig ist, als Sie? - Sein Herz -- wird es mit schnellern Schlgen - Bei Ihrem Anblick sich bewegen? - Sind Sie die Seele seines Strebens? - Sind Sie der Endzweck seines Lebens? - Und so fhl' ich -- doch kann ich's nicht beschreiben. - Allein die stumpfe Wuth, die bittren Schmerzen - In meinem wundzerriss'nen Herzen, - Die wnsch' ich meinem Todfeind nicht! -- -- -- - Und er? -- Er schweigt - Und neigt - Das Kpfchen auf die Seite, - Natrlich ist er zahm, denn solche Leute - Die kennen edle Hitze nicht! - Gott wei, was fr ein Schatz in ihm verborgen liegt! - Gott wei, mit was fr Eigenschaft, - Mit welcher hohen Geisteskraft - Sie ihn geschmckt! -- Er dachte nicht daran. - Sie haben alles das aus ihm gemacht - Was Ihre Phantasie sich liebend ausgedacht; - Er ist an gar nichts schuld -- Sie sind's allein. - Nein, nein! - Ich gebe zu, was man auf Erden - Nur irgend kann. - Mag er doch klug sein, stndlich klger werden; - Doch ist er Ihrer werth? - Das mu ich Sie nur fragen, - Um den Verlust mit kaltem Blut zu tragen. -- - Hierber geben Sie mir Licht, - Als einem Bruder, einem Freund, - Der's immer ehrlich doch mit Ihnen hat gemeint. - Der einst mit Ihnen auferzogen - Und dem Sie doch als Kind gewogen; - Sobald ich berzeugt von Ihrem knft'gen Glck, - So zieh' ich mich sogleich zurck. - Dann will ich mich bemh'n - Dem Wahnsinn zu entflieh'n. - Dann eil' ich in die Welt hinein - Um zu vergessen, um mich zu zerstreun - Und nie will ich mehr an die Liebe denken. - - SOPHIE (bei Seite). - - Da hab' ich einen toll gemacht - Und ohne da ich dran gedacht. - - (Laut.) - - Was soll ich's lugnen? - Es konnte sich was Schreckliches ereignen -- - Moltschlin konnt' um seinen Arm erst kommen, - Und lebhaft hab' ich Antheil dran genommen; - Doch Sie vergaen etwas zu bedenken: - Kann man nicht jedem Antheil schenken - Und ohne Ansehn der Person? - Doch knnte schon - In dem -- was Sie vermuthen -- Wahrheit sein, - Und eifrig will ich seinem Schutz mich weih'n. - Sie nehmen ihrer Zunge wenig wahr, - Sie achten niemand -- offenbar! - Und selbst der sanfteste -- kann's nicht vermeiden. - Er mu von Ihrem Zorne leiden - Und wird mit Spott von Ihnen berhuft: - Wenn man ihn nennt -- wenn ihn Ihr Blick nur streift -- - So werden Sie gleich bitter - Und hageln ein Gewitter - Von Witz und Bosheit auf ihn los! - Ist wirklich der Genu so gro? - Nur Scherz und immer Scherz! Welch ein Vergngen! - Kann solches Ihrem Geiste wohl gengen? - - TSCHATZKI. - - Mein Gott -- gehr' ich wirklich zu den Schwachen, - Die nichts im Leben thun, als lachen? - Ich lache -- ja -- - Wenn ich recht lcherliche Leute sah, - Doch fter noch sind sie mir ennuyant. - - SOPHIE. - - Vergeblich weisen Sie den Vorwurf von der Hand, - Und schieben andern zu, was Ihnen selbst gebhrt; - Moltschlin hat Sie sicher niemals ennuyirt, - Denn wer, wie ich, ihn oft und nher sah -- - - TSCHATZKI (bitter). - - Wie traten Sie ihm denn so nah? - - SOPHIE. - - Ich sucht' ihn nicht, der Himmel hat's gewollt - Und hier im Hause ist ihm jeder hold. - Bei meinem Vater dient er nun drei Jahr, - Oft schilt der ihn, denn es ist wahr -- - Das Alter macht so eigen, - Doch stets entwaffnet er ihn durch sein Schweigen; - Verzeiht ihm alles -- weil er seelengut; -- - Er knnte doch, wie mancher andre thut - Auf Lustbarkeiten sich zerstreun - Doch nein! - Nie geht er aus. - Beim Alten bleibt er stets zu Haus - Und wenn wir andern lachen - Und scherzen, Possen machen, - Sitzt er beim Vater oft zu ganzen Tagen, - Es mag ihm -- oder mag ihm nicht behagen, - Und spielt mit ihm. -- - - TSCHATZKI. - - Er spielt, und wenn man schilt - So bleibt er ewig sanft und mild? - - (Bei Seite.) - - Nein, einen solchen Wicht - Den liebt sie nicht! - - SOPHIE. - - Zwar jenen Geist wird man in ihm nicht finden knnen, - Den einige Genie -- doch andre Pest benennen, - Und den nach kurzem Glanz wir berdrssig werden, - Der tadelt was geschieht -- im Himmel und auf Erden, - Damit die Welt ihn nennt auf einen Augenblick; - Doch grndet solch ein Geist Familienglck? - - TSCHATZKI. - - Soll das Moral -- soll das Satyre sein? - - (Bei Seite.) - - Sie liebt ihn nicht, nein, nein! - - SOPHIE. - - Man kann Bewunderung ihm nicht versagen: - Wie nachgiebig, wie fein ist sein Betragen! - Nie hat sich seine Stirn in Falten je gelegt, - Selbst ruhig, lt er andre auch in Ruh' - Und schlgt nicht gleich die Kreuz und Quere zu. - Und grade das, da er so viel ertrgt, - Das macht es, da ich ihm gewogen. - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Sie scherzt -- sie liebt ihn nicht -- sie hat mich nur betrogen! - - (Laut.) - - Ich kenn' Moltschlin; sparen Sie - Sein Bild zu malen sich die Mh' -- -- - Doch Scalosb -- das ist ein Mann - Bei dessen Anblick schon man sich vergessen kann. - Fr unser Heer - Steht wie ein Felsen er, - Und ist durch seines Basses Allgewalt - Durch seine Taille und Gestalt - Ein Held -- - - SOPHIE (schnell). - - Nicht im Romane meines Lebens. - - TSCHATZKI. - - Sie zu errathen ist vergebens. - - - Zweite Scene. - - Die VORIGEN. LISETTE. - - LISETTE (leise zu Sophie). - - Mein Frulein, kommen Sie herein, - Moltschlin wird sogleich bei Ihnen sein. - - SOPHIE (leise zu Tschatzki). - - Verzeihen Sie, wenn ich von Ihnen eile. - - TSCHATZKI. - - Wohin denn? - - SOPHIE. - - Zum Friseur. - - TSCHATZKI. - - Ei, das hat gute Weile! - - SOPHIE. - - Die Lockeneisen wrden kalt. - - TSCHATZKI. - - Ei, immerhin! - - SOPHIE. - - Die Gste kommen bald. - - TSCHATZKI. - - Nun Gott verzeih's! Sie lassen mich zurck - Mit einem Rthsel! -- Doch auf einen Augenblick - Erlauben Sie, da ich in Ihr Zimmer gehe, - Damit ich jene Rume wiedersehe -- - Wo alles mir so lieb! -- Erwrmen mcht' ich mich, - Aufathmen mchte ich - Nur einmal wieder, - Der Zeit gedenkend, die dahin! - Ich bleib' nur zwei Minuten drin. - Und dann -- bedenken Sie -- Mitglied bin ich vom Clubb -- - Zum Dank will ich, zu aller Welt Erstaunen - Tagtglich ausposaunen, - Da klug Moltschlin ist, und geistreich Scalosb. - - (Sophie zuckt mit den Achseln, geht ab und schliet die Thr hinter - sich. Lisette ist ihr gefolgt.) - - - Dritte Scene. - - TSCHATZKI, bald darauf MOLTSCHLIN. - - TSCHATZKI. - - Sophie! Ist wirklich dir bestimmt ein solcher Tropf? -- -- -- - Und warum nicht? -- Er hat nicht viel im Kopf, - Allein zur Vaterschaft - Wem fehlt es da an Geisteskraft! - Gefllig ist er -- artig -- und hat rothe Wangen. - - (Moltschlin schleicht herein und nhert sich zuerst Sophiens Thr, - als er aber Tschatzki bemerkt bleibt er stehn und macht sich was zu - schaffen.) - - Da ist er -- auf den Zeh'n! Und stumm, -- wie hat er's angefangen - Sich in Sophiens Herz zu stehlen? - Wie war es mglich den zu whlen? - - (Zu Moltschlin.) - - Sieh' da! Herr Sekretair! Wie geht's denn Ihnen? - Wir konnten uns noch nicht zwei Worte sagen. - Es geht doch gut? -- Ich brauch' Sie kaum zu fragen. - - MOLTSCHLIN (nher tretend). - - Ganz nach dem Alten stets -- zu dienen. - - TSCHATZKI. - - Das heit? - - MOLTSCHLIN. - - Nun heut' wie gestern -- Tag fr Tag. - - TSCHATZKI. - - Und immer pnktlich mit dem Schlag? - Am Tag die Feder, Abends die Parthie, - Gleich Fluth und Ebbe? -- Wie? - - MOLTSCHLIN. - - Ich bin hier beim Archiv drei Jahr im Dienst - Und fr etwaiges Verdienst, - Und meinen Eifer zu belohnen - Erhielt ich dreimal Gratificationen. - - TSCHATZKI. - - Sie lockt der Glanz der Ehrenstellen? - - MOLTSCHLIN. - - Nein! - Allein -- - Da jeder Mensch so sein Talentchen hat -- - - TSCHATZKI. - - Sie haben -- --? - - MOLTSCHLIN. - - Zwei! - Ich bin bescheiden und bin accurat. - - TSCHATZKI. - - Nun, meiner Treu! - Das sind Talente wunderbar! -- -- - Doch -- es ist wahr -- - Sie wiegen all' die unsern auf. - - MOLTSCHLIN. - - Sie hatten nicht viel Glck in Ihres Dienstes Lauf? - - TSCHATZKI. - - Nicht jeder dienet sich herauf. - Durch Menschen wird der Rang erreicht, - Und Menschen tuschen sich so leicht. - - MOLTSCHLIN. - - Wir wunderten uns sehr! Wie konnte das geschehn? - - TSCHATZKI. - - Ich kann hierin nichts wunderbares sehn! - - MOLTSCHLIN. - - Bedauert wurden Sie. - - TSCHATZKI. - - Sie konnten sparen diese Mh'. - - MOLTSCHLIN. - - Tatjna Jrjewna, die Excellenz - Erzhlt' bei ihrer Rckkehr aus der Residenz, - Sie wren gut von wicht'gen Mnnern aufgenommen, - Doch pltzlich sei dazwischen was gekommen. - - TSCHATZKI. - - Geschwtz von Frauenzimmern! - Was hat sich doch die Alte drum zu kmmern? - - MOLTSCHLIN. - - Tatjna Jrjewna, die Excellenz? - - TSCHATZKI. - - Ich kenn' sie nicht! - - MOLTSCHLIN. - - Tatjna Jrjewna?! Die Excellenz? - - TSCHATZKI. - - Da wir uns nicht gesehn, ist ewig - lange her. - Doch hrte ich, da abgeschmackt sie wr'. - - MOLTSCHLIN. - - Die Excellenz? Um's Himmelswillen -- nein -- - Das mu wohl eine andre sein. - Die Excellenz ist ja befreundet und verwandt - Mit allen, die in Moskau dienen, - Ich rathe Ihnen - Ihr einmal die Visite doch zu machen. - - TSCHATZKI. - - Ich dchte gar! Es wr' zum Lachen! - - MOLTSCHLIN. - - Wir finden Gnner oft - Wo wir es kaum gehofft. - - TSCHATZKI. - - Ich schtze, glauben Sie's, die Damen nicht geringe, - Und mache gern den Hof -- allein um andre Dinge. - - MOLTSCHLIN. - - Wie ist sie gut und wie gefllig, - Wie ist ihr Haus gesellig! - Den ganzen Winter giebt sie Blle - Man kann nichts prachtvolleres sehn. - - TSCHATZKI. - - Ich werde ber ihre Schwelle - Gewi nicht gehn! - - MOLTSCHLIN. - - Im Sommer giebt sie Gartenfeste. - - TSCHATZKI. - - Ich bin nicht von der Zahl der Gste. - - MOLTSCHLIN. - - Bedenken Sie, -- es kann doch dazu fhren - Hier froh zu leben und zu avanciren! - - TSCHATZKI. - - Mein Herr, bin ich im Dienst, so bin ich ganz dabei, - Und trenne streng davon jedwede Narrethei. - Zwar giebt's gescheute Leute -- hier zumal -- - Die beides zu vereinigen verstehn, - Doch wie Sie sehn, -- - Gehr' ich nicht zu ihrer Zahl. - - MOLTSCHLIN. - - Verzeihen Sie -- ich seh' darin noch kein Verbrechen; - Sie werden, denk' ich, einst gewi noch anders sprechen. - Phom Phomtsch, zum Beispiel, den Sie kennen -- - - TSCHATZKI. - - Nun was? - - MOLTSCHLIN. - - Bei drei Ministern dient' er schon - Und stets als Chef bei einer Section, -- - Und jetzt -- -- - Ist er aus Petersburg hierher versetzt. - - TSCHATZKI. - - Nun das ist mir ein Mann von Kopf! - Ein Mensch, ganz ohne Geist -- ein leerer Tropf! - - MOLTSCHLIN. - - Erlauben Sie, von aller Welt - Wird hier sein Styl als Muster aufgestellt. - Sie haben ganz gewi noch nichts von ihm gelesen? - - TSCHATZKI. - - So nrrisch bin ich nie gewesen; - Nie las ich dummes Zeug und Musterdummheit gar! - - MOLTSCHLIN. - - Was ich so las schien mir vorzglich -- zwar - Schriftsteller bin ich nicht -- - - TSCHATZKI. - - Ja, das ist klar, - An allem merkt man es. - - MOLTSCHLIN. - - Nie wrd' ich mich erfrechen - Ein eignes Urtheil auszusprechen. - - TSCHATZKI. - - Warum denn so geheim? - - MOLTSCHLIN. - - Gott mg' in meinen Jahren - Vor eigner Meinung mich bewahren! - - TSCHATZKI. - - Mein Gott, Sie sprechen ja, als wren Sie noch Kind! - Als ob nur Meinungen von andern heilig sind! - - MOLTSCHLIN. - - Abhngig mu man doch einmal von andern sein. - - TSCHATZKI. - - Und wehalb mu man's sein? - - MOLTSCHLIN. - - Ei nun -- mein Rang ist klein. - - TSCHATZKI (halb laut). - - Mit solcher Denkungsart, mit solchem Geist ihn lieben, - Sie hat mich nur getuscht und ihren Scherz getrieben! - - - Vierte Scene. - - Im Grunde ffnen sich mehrere Thren auf einen zweiten Saal, alles - ist erleuchtet, Diener treten auf. Moltschlin geht ab. Tschatzki - bleibt im Vordergrunde. - - EIN LTERER DIENER. - - He Philipp, Thomas, rhrt euch, frisch! - Hierher noch einen Kartentisch, - Bringt Lichte, Brsten her und Kreide! - - (Er klopft an Sophiens Thr.) - - Mamsell _Lisette_, hren Sie, Sie knnen nur dem Frulein sagen: - _Natalie Dmtrewna_ ist hier - Mit ihrem Mann, und vor der Thr - Hlt schon ein zweiter Wagen. - - (Ab.) - - - Fnfte Scene. - - TSCHATZKI. NATALIE DMTREWNA. GORITSCHEFF. - - NATALIE DMTREWNA. - - Wie, seh' ich recht -- ja -- es sind seine Zge! - Herr _Tschatzki_, wenn ich mich nicht trge? - - TSCHATZKI. - - Sie seh'n mich zweifelnd an, vom Kopf bis zu den Fen. - Es wr' doch wunderbar, - Da mich verndert so drei Jahr! - - NATALIE DMTREWNA. - - Ich dacht' mir alles andre ehr - Als Sie in Moskau zu begren. - Nun woher? - Wann sind Sie angelangt? - - TSCHATZKI. - - So eben. - - NATALIE DMTREWNA. - - Das ist schn! - Und auf wie lang? - - TSCHATZKI. - - Ich werde sehn! - Doch Sie? Ich kann nicht zu mir vor Erstaunen kommen. - Sie haben unbegreiflich zugenommen. - Was haben Sie nur angefangen? - Welch Gliederspiel und welche rothe Wangen! - Verjngt, voll Geist, im Blicke welche Laune? - Was ist geschehen? Ich erstaune! - - NATALIE DMTREWNA. - - Ich habe mich vermhlt. - - TSCHATZKI. - - Das muten lngst Sie sagen! - - NATALIE DMTREWNA. - - Mein Mann, ein einz'ger Mann -- ich darf mich nicht beklagen -- - Gleich ist er hier. -- Nicht wahr -- ich mache Sie bekannt? - - TSCHATZKI. - - Ich bitt' Sie drum! - - NATALIE DMTREWNA. - - Gewi, Sie finden ihn charmant. - Ein Blick gengt. - - TSCHATZKI. - - Ich glaub's! Es ist Ihr _Mann_. - - NATALIE DMTREWNA. - - O dehalb nicht allein, - Man kann nicht liebenswrd'ger sein. - Durch eignen Werth, durch Geist und durch Verstand - Ist mein Platon als ganz vorzglich anerkannt. - Er ist jetzt Civilist, war frher Militair, - Er dient nicht mehr, und alle Welt bedauert dieses sehr. - Denn dient' er weiter -- sehen Sie -- - Bei solcher Tapferkeit und dem Genie - So meinen alle -- die ihn frher kannten -- - Er htt's in Moskau hier gebracht - Ganz sicher bis zum Commandanten. - - - Sechste Scene. - - DIE VORIGEN. PLATON GORITSCHEFF. - - NATALIE DMTREWNA. - - Da ist er, mein _Platon Michailowitsch_! - - TSCHATZKI. - - Was, der? - Mein alter Freund! Nun sieh', welch Ungefhr! - - PLATON. - - Ah! -- -- -- - Willkommen Bruder, bist _Du_ wieder da! - - TSCHATZKI. - - _Platon_ mein Freund -- es macht Dir Ehre, - Du fhrst Dich ja vorzglich, wie ich hre! - - PLATON. - - Ja -- sieh -- was alles noch aus einem werden kann. - In Moskau leb' ich jetzt und bin ein Ehemann. - - TSCHATZKI. - - Und jene Zeit, wo Du im Felde standst - Und hchste Lust im Lrm des Lagers fandst -- - Der Trommel und Trompete Ton -- - Vergessen also alles schon? - Ich glaub' Du liegst jetzt auf der faulen Bank, - Und trankst in vollen Zgen Lethe? - - PLATON. - - O nein, ich be jetzt auf meiner Flte - Ein groes Duo in _A-moll_. - - TSCHATZKI. - - Nun, das ist toll, - Das btest Du bereits in deiner Jugend! - Inde bei einem Ehemann - Ist's gut -- wenn man doch rhmen kann - Bestndigkeit als seine erste Tugend. - - PLATON. - - Freund -- denke an mein Wort: - Wird Dir einst eine Frau zu Theile, - Du pfeifst gewi vor Langerweile - Ein und dasselbe immerfort. - - TSCHATZKI. - - Wie Langeweile -- ei, das ist nicht gut! - Zahlst Du ihr wirklich schon Tribut? - - NATALIE DMTREWNA. - - Mein Mann war frher an Beschftigung gewhnt, - Das fllt jetzt weg. -- Revue'n und die Parade, - Und dann die Reitbahn fehlt ihm Morgens nachgerade. - - TSCHATZKI. - - Was hlt Dich ab, mein Freund? Zum Regiment mit Dir, - Such eine Eskadron -- Du bist wohl Stabsoff'zier? - - NATALIE DMTREWNA. - - Ach nein, zu krnklich ist mein armer Mann! - - TSCHATZKI. - - Ist's mglich, wie, Du krnklich und seit wann? - - NATALIE DMTREWNA. - - Er leidet an rheumatischen Beschwerden - Und auch am Kopf. - - TSCHATZKI. - - Hier wird's nicht besser werden. - Beweg' Dich, reite mehr, zieh' in den Sden hin. - Die Landluft ist allein schon ein Gewinn. - - NATALIE DMTREWNA. - - Mein Mann liebt Moskau gar zu sehr! - Er mu genieen doch sein Leben -- - Was soll er in die Wildni sich begeben! - - TSCHATZKI. - - Du liebst die Stadt? Wer htte das gedacht! - Entsinne Dich, wie oft hast Du sie nicht verlacht. - - PLATON. - - Ach Freund, die alten Zeiten sind nicht mehr. - - NATALIE DMTREWNA. - - Mein Mnnchen, komm recht fort! - Hier ist's so frisch -- hr' doch ein Wort -- - Dein Rock ist aufgeknpft und auch die Weste -- - - PLATON. - - Ich bin nicht was ich war! - - NATALIE DMTREWNA. - - Komm, knpf' sie feste! - Hr' doch, mein Engelchen -- - - PLATON (ruhig). - - Ja, ja! - - NATALIE DMTREWNA. - - Komm von der Thre doch hierher, - Hier zieht der Wind. - - PLATON. - - Ja Bruder, ich bin nicht der alte mehr. - - NATALIE DMTREWNA. - - So hre doch ein Wort, - Um's Himmelswillen komm von der Thre fort! - - PLATON. - - Ach liebes Kind! - - TSCHATZKI. - - Nun das geht weit! - Verwandelt in so kurzer Zeit? - Bei'm Regiment im vor'gen Jahr - Warst Du ja noch der wackerste Husar! - Bei Tagesanbruch schon zu Pferde - Verspottetest Du jegliche Beschwerde. -- - Wie oft -- mit ungestmer Lust - Sah man auf wildem Hengst, mit offner Brust - Dem Herbst-Sturm Dich entgegenreiten! - - PLATON. - - Ach Camerad', das waren schne Zeiten! - - - Siebente Scene. - - DIE VORIGEN. FRST TUGOCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und SECHS - TCHTERN. - - NATALIE DMTREWNA (aufkreischend). - - Frst Peter Illjitsch, ah' die liebe Frstin! - Und _ah mon Dieu_ -- Sisi, Mimi, die Lieben! - - (Geruschvolle Begrung, auch Tschatzki verbeugt sich. Die Damen - setzen sich links in einen Halbkreis und betrachten einander von - oben bis unten.) - - ERSTE FRSTIN (zu Natalie). - - Wie allerliebst ist die Faon von Ihrem Kleide! - - ZWEITE FRSTIN. - - Mit Garnitur besetzt -- - - ERSTE FRSTIN. - - Und welche schne Seide! - - NATALIE DMTREWNA. - - Mein Atlastrluru -- das sollten Sie erst seh'n! - - DRITTE FRSTIN. - - Es hat mir eine Schrpe der Cousin gebracht, - Nein, -- die ist wunderschn! - - VIERTE FRSTIN. - - Ach ja, -- und von _barge_, eine Pracht! - - FNFTE FRSTIN. - - Ganz kstlich ist sie. - - SECHSTE FRSTIN. - - Herrlich, ja! - - DIE ALTE FRSTIN (zu Natalie). - - Wer ist der junge Mann im Winkel da, - Er grte uns, als wir in's Zimmer traten? - Ich hab' schon hin und her gerathen. - - NATALIE DMTREWNA. - - Ein Angereister -- Tschatzki. - - DIE ALTE FRSTIN. - - Ah! - Hat er den Dienst verlassen? - - NATALIE DMTREWNA. - - Ja, - Vom Ausland kehrt er eben erst zurck. - - DIE ALTE FRSTIN. - - Ist ledig er? - - NATALIE DMTREWNA. - - Ja, noch _garon_. - - DIE ALTE FRSTIN (zum Mann). - - Erlaucht, Erlaucht, -- auf einen Augenblick! - Geschwinder. - - DER FRST (nhert sich mit seinem Hrrohr). - - O! -- hm? -- - - DIE ALTE FRSTIN. - - Den jungen Herrn dort - Natalie Dmtrewna's Bekannten -- den da -- - Lad' ein zu unserm Ball, am Dienstag -- mach' nur fort! - - DER FRST. - - I--hm! - - (Er schleicht um Tschatzki herum und hustet.) - - DIE ALTE FRSTIN. - - So geht es, wenn man Kinder hat! - Ein Ball ist einmal ihr Vergngen; - Man qult sich md', man qult sich matt, - Und wei oft Tnzer nicht zu kriegen! -- - Er ist doch Kammerjunker? - - NATALIE DMTREWNA. - - Nein. - - DIE ALTE FRSTIN. - - Doch reich? - - NATALIE DMTREWNA. - - O, nein! - - DIE ALTE FRSTIN (so laut als mglich). - - Erlaucht, Erlaucht, zurck, zurck sogleich! - - - Achte Scene. - - DIE VORIGEN. Die GRFIN CHRUMIN und ihre GROSSTOCHTER. - - DIE JUNGE GRFIN. - - Ah! _grand-maman!_ Wer kommt denn auch so frh! - Wir sind die ersten hier! - - (Beide entfernen sich in einen andern Saal.) - - DIE ALTE FRSTIN (zu Natalie). - - Nun hren Sie! - Sehr artig das! Die ersten hier! - Uns zhlt sie nicht; ei welch ein Vornehmthun! - Ein boshaftes Geschpf; und alte Jungfer nun - Schon eine Ewigkeit! Nun Gott verzeihe ihr! - - DIE JUNGE GRFIN - - (kommt zurck und nhert sich lorgnettirend Tschatzki). - - Ah! Monsieur Tschatzki hier? Wer htte das gedacht! - Und noch der alte stets? - - TSCHATZKI. - - Warum sollt' ich mich ndern? - - DIE JUNGE GRFIN. - - Sie sind ja doch gereist in vielen fremden Lndern - Und haben keine Frau vom Ausland mitgebracht! - - TSCHATZKI. - - Vom Ausland? - - DIE JUNGE GRFIN. - - Ja! Bei diesen fremden Damen, - Da fragt man nicht nach Herkunft, Stand und Namen, - Und unsre jungen Herrn, wenn sie nach Hause kehren, - Die pflegen uns gewhnlich zu bescheren - Mit Schwgerinnen und Cousinen - Aus Modemagazinen. - - TSCHATZKI. - - Die Unglcksel'gen -- ja! -- Von Damen, - Die sich Modistinnen zum Muster nahmen, - Da werden sie nun ausgeschmhlt, - Da sie, statt der Copien -- - Originale sich gewhlt! - - - Neunte Scene. - - DIE VORIGEN. MEHRERE NEUE GSTE, darunter SAGORTZKI. Die Herren - scharren, gren und gehen weiter oder auf und ab. SOPHIE kommt - aus ihrem Zimmer, Alle ihr entgegen. - - DIE JUNGE GRFIN (zu ihr). - - _Eh bonsoir, vous voil! Jamais trop diligente,_ - _Vous nous donnez toujours le plaisir de l'attente._ - - SAGORTZKI (zu Sophien). - - Zu morgen -- haben Sie - Schon ein Billet zur Komdie? - - SOPHIE. - - Ach nein! - - SAGORTZKI. - - Hier ist eins -- wenn Sie mir erlauben! - Allein Sie knnen es mir glauben - Vergeblich htte Ihnen - Ein anderer versucht darin zu dienen; - Wie bin ich aber deshalb auch gelaufen! - Erst wollt' ich's an der Kasse kaufen -- - Doch -- auf mein Ehrenwort -- - Es war schon alles fort. - Nun fuhr ich zum Direktor hin, - Da ich sein guter Freund ja bin -- - Umsonst! -- Was glauben Sie! - Am Abend schon vorher konnt' niemand mehr was kriegen! - Zu dem -- zu jenem ging es nun in Einem Lauf -- - Ich hetzte Alle auf! - Um dieses endlich mut' ich einen Freund betrgen, - Ich nahm es gradzu mit Gewalt. - Es ist ein Stubenhocker, schwach und alt, - Was konnt's ihm ntzen - Er mag zu Hause ruhig sitzen. - - SOPHIE. - - Ich danke Ihnen fr's Billet recht sehr, - Fr Ihre Mhe aber noch viel mehr. - - (Es kommen NEUE GSTE. SAGORTZKI geht zu den Herren rechts.) - - SAGORTZKI (zu Platon). - - Ah, guten Abend! - - PLATON. - - Scher' Dich fort! - Geh pack' Dich dort - Zu deinen Damen, - Um deine Lgen auszukramen! - Wenn ich Dich schildre wie Du bist, - So kann von Dir ich manche Wahrheit sagen, - Die schlimmer wohl als jede Lge ist. -- - - (Zu Tschatzki.) - - Hier prsentir' ich Dir den Herrn - Antn Antnitsch Sagortzki. -- - Ich wte gern, - Wie man, doch ohne grob zu sein, - Dergleichen Leute fein - Und dennoch wahr bezeichnen knnte! - Er ist ein Weltmann und gewandt -- - Als Schelm von allen anerkannt --! - Nimm Dich in Acht vor ihm, denn was Du sagst - Das hrt er mit besondern Ohren; - Und wenn Du gar zu spielen mit ihm wagst, - So bist Du ganz und gar verloren. - - SAGORTZKI. - - Origineller Murrkopf Du! - Nun -- schimpf' nur zu, - Kein Trpfchen Galle ist in Deinen Scherzen. - - TSCHATZKI. - - Drum nehmen Sie sich's nicht zu Herzen! - Auch auer Ehrlichsein giebt es der Freuden viel, - Hier schimpft man, dort erreichet man das Ziel. - - PLATON. - - Ach Bester, nein - Man schimpft bei uns - Und -- ladet dennoch ein. - - (Sagortzki verliert sich im Hintergrunde.) - - - Zehnte Scene. - - DIE VORIGEN. MADAME CHLESTOW. - - MADAME CHLESTOW (zu Sophien). - - Na! Leicht ist's nicht mit fnf und sechzig Jahren - So weit zu Deinem Ball zu fahren. - Ich brauchte eine ganze Stunde von Pokrow. - - (Setzt sich links in den Vorgrund neben Sophie.) - - Ich kann nicht mehr! -- Ach Nichtchen, welche Plage -- - Und dunkel ist's wie einst am jngsten Tage. - Aus Langerweile nahm ich mit - Mein Mohrenmdchen und den Spitz -- ich bitt' - Befiehl, man soll sie heut' beim Abendessen - Zu fttern nicht vergessen. -- - Gott gr' Sie, Frstin! -- Ja, Sophie, ich sage Dir - Die Mohrin ist ein Wunderthier. - Ein Krauskopf -- krumm das Schulterblatt und Tatze -- - Voll Zorn und Bosheit -- ganz Manieren einer Katze. - Und ach wie schwarz und ach wie hlich -- - Was hat doch alles Gott der Herr erschaffen! - Ich sag' Dir grlich! - Frappant der Satanas! -- Willst Du sie sehn? - - SOPHIE. - - Es kann ein andermal geschehn. - - MADAME CHLESTOW. - - Und stell' Dir vor, wie wilde Thiere - So fhrt man sie herum, um sie zu zeigen. - Man hat mir das erzhlt, da ist so eine Stadt - In der Trkei, der Name klingt so eigen -- - Und rath' wer mir sie zum Prsent gemacht? -- -- - Der Sagortzki hat sie mir gebracht. - - (Sagortzki horcht auf und kommt nher.) - - Er lgt ein bischen, spielt auch falsch und ist ein Dieb -- - - (Sagortzki geht eilig fort.) - - Allein er thut doch einem viel zu lieb. - Ich hatte mir schon ausgebeten - Er sollt' nicht ber meine Schwelle treten, - Da bringt vom Jahrmarkt er die Mohrin mir -- - Er sagte zwar, da er gekauft sie htte, - Ich glaub' es aber nicht, -- ich wette - Er hat gewonnen sie - Im Kartenspiele irgendwie! - Gott schenk' Gesundheit ihm dafr. - - TSCHATZKI (zu Platon lachend). - - Von solchem Lob pflegt man nicht zu gesunden! - Selbst Sagortzki hielt's nicht aus und ist verschwunden. - - MADAME CHLESTOW. - - Wer ist der lust'ge Mann, der dort so laut gelacht? - We Stand's? - - SOPHIE. - - Der Tschatzki ist's -- - - MADAME CHLESTOW. - - Das hab' ich gleich gedacht! - Was kann der Narr denn da zu lachen finden? - Es ist gewi die grte aller Snden - Sich ber alte Leute lustig machen - Und graue Haare auszulachen. - Ich wei, mit ihm hast Du als Kind getanzt, -- - Ich hab' ihn oft curanzt - Ich zupft' ihn an den Ohren tchtig, - Allein noch viel zu wenig, das ist richtig! - - - Elfte Scene. - - DIE VORIGEN. FAMUSSOFF. - - FAMUSSOFF (sehr laut). - - Sieh' da, Erlaucht -- und Sie sind hier? - Und im Portraitsaal warten wir! - Ist denn der Oberst Scalosb nicht hier, - Serge Sergitsch? Wie? In aller Welt - Es ist ja doch ein Mann, der in die Augen fllt, - Der Oberst Scalosb! - - MADAME CHLESTOW. - - Gott helfe mir! - Er hat mich ganz betubt und schreit ja Zeter, - Und lrmt ja rger noch als ein Trompeter! - - - Zwlfte Scene. - - DIE VORIGEN. SCALOSB. Spter MOLTSCHLIN. - - FAMUSSOFF. - - Ah, ah, ah, ah! Herr Oberster, zu spt! -- Nach zehn!? - Wir warteten und warteten! -- Nun das ist schn! - Erlauben Sie -- hier meine Schwgerin -- - Die Sie dem Rufe nach schon lange kennt. - - MADAME CHLESTOW. - - Sie dienten -- glaub' ich -- hier -- beim Regiment -- - Wie heit es gleich? Da bei den Grenadiren? - - SCALOSB. - - Sie meinen Seiner Hoheit Regiment - Von Neuland -- bei den Musketiren. - - MADAME CHLESTOW. - - Ich hab' es nicht zur Meisterschaft gebracht - Um all' die Unterschiede zu begreifen. - - SCALOSB. - - Dazu sind formgeme Streifen; - Die Litzen, Latzen und Lampassen - An den Monturen mu - Man ganz zuerst ins Auge fassen. - - FAMUSSOFF. - - Serge Sergitsch, kommen Sie! - Wir wollen gleich ein Whistchen machen; - Ich sage Ihnen, die Parthie - Ist wirklich um sich todt zu lachen. - - (Zum Frsten.) - - Erlaucht, ich bitte, folgen Sie! - - MADAME CHLESTOW (zu Sophie). - - Nun, Gott sei Dank -- fast wre ich erstickt! - Dein Vater ist ja rein verrckt, - Und scheint bezaubert von dem Goliath zu sein. - So, mir nichts, Dir nichts, macht er uns bekannt, - Und fragt nicht ob's mir lieb, ob es mir ennuyant. - - MOLTSCHLIN (mit einer Karte). - - Madame, ich bracht' fr Sie - Zusammen Ihre Whistparthie. - _Phom Phomtsch_ und Monsieur _Kock_ und -- ich. - - MADAME CHLESTOW. - - Ach, tausend Dank, mein Lieber! - - (Steht auf und nimmt Moltschlin's Arm.) - - MOLTSCHALIN. - - Ihr Spitz ist doch ein einz'ger Spitz! - Er ist ja wie ein Fingerhtchen klein - Ich streichelt' ihn, sein Fellchen ist so fein - Wie das von einem Biber. -- - - MADAME CHLESTOW. - - Ach, tausend Dank, mein Lieber. - - (Sie gehen ab, mehrere Gste folgen ihnen.) - - - Dreizehnte Scene. - - TSCHATZKI. SOPHIE. -- Im Hintergrunde EINIGE GSTE. - - TSCHATZKI. - - Bravissimo! Die Wolke ist zerstoben! - - SOPHIE. - - Ich bitte -- - - TSCHATZKI. - - Ei, was frchten Sie? - Den Zorn der Alten hat er ja gewendet, - Ich wollte ihn gerad' drum loben! - - SOPHIE. - - Mit einer Bosheit htt' es doch geendet. - - TSCHATZKI. - - Soll ich jetzt sagen, was ich dachte? - Die alten Weiber sind verdrielich, - Und darum ist's ersprielich - Wenn man recht einen dienstbefliss'nen Mann - An ihre Seite stellen kann. - Moltschlin der erschien ja pltzlich - Dem Blitzableiter gleich. Es war ergtzlich! - Wer snftigte wie er, so friedlich Zank und Streit? - Wer streichelt', so wie er, den Mops zu rechter Zeit? - Wer prsentirt' mit Scharfsinn und Geschick - Das Krtchen in dem rechten Augenblick? - Nein, auf mein Wort, - In ihm lebt Sagortzki einstmals fort. -- - Sie haben - Mir alle seine Gaben - Erst hergezhlt; - Doch glaub' ich, da noch vieles fehlt. - - (Ab.) - - - Vierzehnte Scene. - - SOPHIE allein, dann HERR N. N. - - SOPHIE. - - Ach dieser Mensch, wie er mich stets verstimmt, - Wie beiend ist er, wie ergrimmt, - Wie voller Neid - Und Bosheit und Hochmthigkeit! - - N. N. - - So in Gedanken! Wie? - - SOPHIE. - - Ich dacht' an Tschatzki. - - N. N. - - Wie finden Sie ihn denn nach seiner Reise? - - SOPHIE. - - Ich finde ihn verrckt! - - N. N. - - Verrckt, wahrhaftig? Ist es mglich? - - SOPHIE (nach einer kleinen Pause). - - Nun toll -- das grade nicht! - - N. N. - - Doch merkt man etwas, wenn er spricht? - - SOPHIE. - - Mir scheint es so. - - (Sieht nach der Thr wo Tschatzki abging.) - - N. N. - - In seinen jungen Jahren - Wie konnt' ihm solch' ein Unglck widerfahren? - - SOPHIE. - - Ja, es ist schlimm! -- (bei Seite) Er glaubt daran! - Ah Tschatzki --! And're stets zu necken - Das lieben wir! -- Nun mag er's selber schmecken! - - (Ab.) - - - Fnfzehnte Scene. - - HERR N. N. HERR D. - - N. N. - - Verrckt -- so scheint es ihr! - Sehr mglich dnkt die Sache mir, - Wie wr' sie sonst auch drauf gekommen! - - (Zu D.) - - Ah, hast Du schon vernommen? - - HERR D. - - Und was? - - N. N. - - Von Tschatzki. - - HERR D. - - Nein, kein Wort! - - N. N. - - Er ist verrckt. - - Herr D. - - So geh' doch fort! - - N. N. - - Ich sag' es nicht, ich hab' es nur gehrt. - - HERR D. - - Und bist nur froh, es weiter gleich zu tragen. - - N. N. - - Es wre doch der Mhe werth - Auch noch bei andern nachzufragen. - - (Ab.) - - - Sechzehnte Scene. - - HERR D. allein, dann SAGORTZKI. - - HERR D. - - Ja, glaubt den Schwtzern nur! - Da hren sie das dmmste Zeug - Und wiederholen es sogleich. - - (Zu Sagortzki.) - - Hast Du von Tschatzki was gehrt? - - SAGORTZKI. - - Was denn? - - HERR D. - - Da er gestrt? - - SAGORTZKI. - - Ich wei, ich wei, wie sollt' ich das nicht wissen! - Wie oft schon hab' ich's hren mssen! - Es ging ja ganz besonders dabei her: - Dem pfiffigen Oheim ward's nicht schwer - Im Narrenhause ihn zu betten; - Sie banden ihn und nun sitzt er in Ketten. - - HERR D. - - Erbarme Dich, er war ja eben hier, - Vor einem Augenblick sah ich ihn neben Dir. - - SAGORTZKI. - - Dann ist's gewi - Da er sich los von seiner Kette ri. - - HERR D. - - Nun, liebster Freund -- mit Dir - Ist weiter keine Zeitung nthig; - Doch will ich gleich und ohne Sumni - Die andern dort befragen. - Doch darfst Du es beileibe niemand sagen -- - Noch ist es ein Geheimni. - - (Ab.) - - - Siebzehnte Scene. - - SAGORTZKI, dann NATALIE DMTREWNA. - - SAGORTZKI. - - Was kann das fr ein Tschatzki sein? - Verbreitet ist der Name -- - Mit einem Tschatzki war ich einst bekannt -- - - (Zu Natalie Dmtrewna.) - - Sie wissen's doch Madame? - - NATALIE DMTREWNA. - - Was denn? - - SAGORTZKI. - - Von Tschatzki, nun, er stand noch eben hier. - - NATALIE DMTREWNA. - - Ich wei -- er sprach mit mir. - - SAGORTZKI. - - So gratulir' ich Ihnen -- er ist toll! - - NATALIE DMTREWNA. - - Was? - - SAGORTZKI. - - Ja; man sagt mir er verlor - So eben den Verstand. - - NATALIE DMTREWNA. - - Nun stellen Sie sich vor! - Ich merkt' es auch schon und was gilt die Wette, - Da gleich das nmliche gesagt ich htte. - - - Achtzehnte Scene. - - DIE VORIGEN. DIE ALTE GRFIN. - - NATALIE DMTREWNA. - - Nein das ist wunderbar, das ist was neues! - Gestrt? - Frau Grfin haben Sie gehrt - Von dem _malheur_, das hier gescheh'n -- - Das ist doch einzig -- das ist schn! - - DIE ALTE GRFIN. - - Mein Schatz, es liegt mir in den Ohren heut', - Du mut mir's etwas lauter sagen. - - NATALIE DMTREWNA. - - Ich hab' dazu durchaus nicht Zeit, - Ich mu die andern ja befragen. - _Il vous dira toute l'histoire._ - - (Ab.) - - - Neunzehnte Scene. - - DIE ALTE GRFIN. SAGORTZKI. - - DIE ALTE GRFIN. - - Wie, -- was, es ist hier doch nicht Feuer ausgebrochen? - - SAGORTZKI. - - Nein -- Tschatzki hat den Sturm erregt. - - DIE ALTE GRFIN. - - Was? Tschatzki hat man in den Thurm gelegt? - - SAGORTZKI. - - In der Trkei ist er verwundet worden - Beim Aug' und wurde davon toll. - - DIE ALTE GRFIN. - - Freimaurerorden? - Was, oder ist er Trk' geworden? - - SAGORTZKI. - - Der bringt man es nicht bei! - - (Ab.) - - DIE ALTE GRFIN. - - Antn Antnowitsch! Auch er luft fort! - Erschreckt und auer sich scheint alles dort - Zu sein -- - - - Zwanzigste Scene. - - DIE ALTE GRFIN. DER FRST. - - DIE ALTE GRFIN. - - Erlaucht, Erlaucht! Ach Gott --! der alte Mann - Auf Bllen, wenn man kaum noch kriechen kann! - Na, haben Sie gehrt? - - DER FRST. - - A? hm? -- - - DIE ALTE GRFIN. - - Er hrt auch gar nichts mehr! - Vielleicht hat er's gesehn, - Was hier gescheh'n -- - War nicht die Polizei im Haus? - - DER FRST. - - E? hm? -- - - DIE ALTE GRFIN. - - Wer brachte Tschatzki hier hinaus? - - DER FRST. - - I! hm? -- - - DIE ALTE GRFIN. - - Ja, Tschatzki wird Soldat -- - Ist das ein Spa? Er ist ein Renegat. - Er wurde ja Mahomedaner! - So ein verdammter Voltairianer! - Was? -- ah? -- Taub Alterchen? -- Sie hren schwer? - So geben Sie Ihr Rohrchen her. - Ach nein! - Es ist doch arg so taub zu sein! - - - Einundzwanzigste Scene. - - DIE GANZE GESELLSCHAFT, spter FAMUSSOFF, zuletzt TSCHATZKI. - - MAD. CHLESTOW. - - Verrckt? Nun bitt' ich Sie! - Wie ist das so ganz pltzlich denn gekommen. - Sophie -- - Hast Du es schon vernommen? - - PLATON. - - Wer bracht' nur das Gerede aus? - - NATALIE DMTREWNA. - - Ach, liebes Mnnchen -- Alle! - - PLATON. - - Nun freilich in dem Falle - Da mu ich hier - Wohl schweigen; - Doch zweifelhaft erscheint es mir. - - FAMUSSOFF (kommt rasch hinzu). - - Wie? Was? Von Tschatzki ist die Rede? - Und jemand zweifelt noch? Ich hab's zuerst entdeckt, - Und wunderte mich lngst, da er nicht eingesteckt. - Probier' es einer nur den Rcken - Vor irgend jemand tief zu bcken - Und sei der Mann auch noch so gro und mchtig -- - Ja, wr' es der Monarch -- - Gleich nennt er's niedertrchtig. - - MAD. CHLESTOW. - - Ein Sptter ist er noch dabei: - Ich sagte erstlich was, da fing er an zu lachen. - - DIE JUNGE GRFIN. - - Mich wollt' er zur Modistin machen! - - MOLTSCHLIN. - - Mir sagte er -- ich rathe Ihnen - In Moskau beim Archive nicht zu dienen. - - NATALIE DMTREWNA. - - Und meinem Mann rieth er in Moskau nicht zu leben, - Er sollte fort und sich auf's Land begeben. - - SAGORTZKI. - - Aus allem klar: -- verrckt -- verrckt! - - DIE JUNGE GRFIN. - - Ich hab' es gleich in seinem Aug' erblickt. - - FAMUSSOFF. - - Er schlgt der Mutter nach. -- Es ist bekannt - Achtmal verlor die Sel'ge den Verstand. - - MAD. CHLESTOW. - - Was fllt nicht alles vor auf Erden! - In seinem Alter toll zu werden! - Er trank gewi - Nicht im Verhltni seiner Jahre. - - DIE ALTE FRSTIN. - - Gewi! - - DIE JUNGE GRFIN. - - Das mu es sein! - - MAD. CHLESTOW. - - Champagner go er glserweis hinein. - - NATALIE DMTREWNA. - - Oh, nein, -- ich kann's betheuern - In Flaschen und dazu in ungeheuern! - - SAGORTZKI (eifrig). - - Was Flaschen, nein, ich wei es besser - Er trank, Gott straf' mich, ganze Fsser. - - FAMUSSOFF. - - Ach geht mir doch -- ein groes Unglck das, - Guckt eine Mannsperson auch etwas tief in's Glas, - Nein, nein -- der Unterricht -- das ist die wahre Seuche, - Gelehrsamkeit die macht's, da jetzt in unserm Reiche - Der Wahnsinn um sich greift und solche Schndlichkeiten - Und arge Meinungen sich mehr und mehr verbreiten. - - MAD. CHLESTOW. - - Und grad' heraus -- wie knnt' es anders sein? - Verrckt wird man schon ganz allein - Von dieser ungeheuren Zahl - Von Schulen und Pensionen und -- Geschichten, - Lyceen und _Landkartenschulen_ allzumal - Wo sie sich wechselseitig unterrichten. - - DIE ALTE FRSTIN. - - Ach nein! - Mir ist ein Institut in Petersburg bekannt, - Das P--da--go--gische, so, glaub' ich, wird's genannt, - Die Professoren legen sich dort recht auf Ketzerei'n! - Ein junger Mann, verwandt mit unserm Haus, - Studirte dort und kam vor kurzem erst heraus. - Was glauben Sie? Er knnte auf der Stelle - In jeder Apotheke sein Geselle! - Er flieht die Damen -- mich sogar -- der Sptter --! - Die Rnge hat er, denken Sie! - Und treibt Botanik und Chymie -- - Frst Theodor, mein Vetter! - - SCALOSB. - - Ich will Sie allgesammt erfreun - Mit einer Neuigkeit: Ganz allgemein - Sagt man, wie es im Werke sei, - Da mit Gymnasien und Schulen und Lyceen - Ein groer Fortschritt soll geschehn: - Man wird dort lehren jetzt auf unsre Art: -- eins -- zwei! - Die Bcher aber hebt man auf - Fr feierliche Flle. - - FAMUSSOFF. - - Nein, Feuer drunter auf der Stelle! - Will man vom Bsen sich befrein, - So mu es mit der Wurzel sein. - - SAGORTZKI (mit affectirter Bescheidenheit). - - Bitt' um Vergebung sehr, - Die Bcher mu man unterscheiden. - Wenn ich, zum Beispiel, Censor wr', - Die Fabeln wrde ich nicht leiden! - O Gott, die sind mein Tod! die ew'gen Witzelein - Auf Lw' und Adler da -- wie sie nach Raube drsten -- - Man sage, was man will, es sind doch immer Frsten. - - MAD. CHLESTOW. - - Ach meine Herrn, mir scheint es wirklich einerlei, - Wenn man verrckt wird, -- ob Gelehrsamkeit, - Ob Trinken Schuld dran sei! - Um Tschatzki thut's mir leid, - Aus Christenpflicht mu man ihn schon bedauern - Er hatte Mutterwitz und -- hat dreihundert Bauern. - - FAMUSSOFF. - - Vierhundert! - - MAD. CHLESTOW. - - Nein, mein Bester, drei! - - FAMUSSOFF. - - Vierhundert hat er. - - MAD. CHLESTOW. - - Drei! - - FAMUSSOFF. - - In dem Kalender steht's -- - - MAD. CHLESTOW. - - Ach die Kalender lgen! - - FAMUSSOFF. - - Vierhundert auf ein Haar -- - Das Schrei'n und Streiten ist nun Ihr Vergngen. - - MAD. CHLESTOW. - - Es ist nicht wahr! - Dreihundert sind es -- drei -- - Als ob ich das nicht wei, was andre Menschen haben. - - FAMUSSOFF. - - Begreifen Sie denn nicht! - Vierhundert sind's. - - MAD. CHLESTOW. - - Nein, drei, drei, drei! - - - Zweiundzwanzigste Scene. - - DIE VORIGEN. TSCHATZKI. - - NATALIE DMTREWNA. - - Da kommt er selbst herbei! - - DIE JUNGE GRFIN. - - Scht! - - ALLE. - - Scht! - - (Ziehen sich zurck.) - - MAD. CHLESTOW. - - Nun, wenn er seinen Raptus kriegt, - So kommen wir noch alle vor's Gericht. - - FAMUSSOFF (bei Seite). - - Ach! Gott sei mir jetzt gndig! - - (Laut.) - - Mein liebster Freund -- - Es scheint -- - Du bist nicht recht bei Laune. - Nach einer Reise braucht man Ruh'. - Zeig' deinen Puls -- ich glaube Du - Bist nicht ganz wohl? Geh' recht nach Haus. - - TSCHATZKI. - - Ich halt's auch nicht mehr aus! - Ich hab' so viel umarmen heut' gemut, - Mir schmerzt davon die Brust; - Die Fe sind erlahmt vom Scharren und vom Bcken, - Die Ohren thun mir weh vom Schreien und Entzcken. - Und ach der Kopf ist fast - Verrckt von all dem dummen Zeuge! - - (Er nhert sich Sophien.) - - Mein Geist erliegt des Kummers Last; - Ich bin in dieser Menge wie verloren. - Warum ging ich nach Moskau hin, - Wo ich nicht mehr ich selber bin! - - MAD. CHLESTOW. - - Ei, hrt doch an! - Nun ist gar Moskau Schuld daran. - - FAMUSSOFF (giebt Sophien Winke). - - Geh' nicht so nah' Sophie! -- - - (Bei Seite.) - - Sie hrt nicht, was ich sage! - - SOPHIE (zu Tschatzki). - - Was hatten Sie denn nun fr eine neue Plage? - - TSCHATZKI. - - Ach, eine Kleinigkeit! - Ein wind'ger Franzmann aus Bordeaux - Erzhlt' dort ein'gen Damen froh, - Wie er sich frher unser Land gedacht, - Und was er fr Ideen sich gemacht, - Und wie er fest geglaubt, da wir Barbaren wren. - Doch alle Angst sei nun vorbei, - Man sollte, sagt' er, wirklich schwren, - Da Moskau noch in Frankreich sei; - Denn Sitte, Sprache, so wie Moden - Versetzten ihn auf vaterlnd'schen Boden. - Ihn freut' es ohne Gleichen, -- - Uns kann's zur Freude nicht gereichen. - Kaum endete der kleine Mann, - Als alle Welt zu seufzen laut begann: - Ah, Frankreich, einzig Land, ach gttliches Paris, - Ja Frankreich ist das ird'sche Paradies! - So sthnten zwei geschminkte Damen, - Die mir so vor wie Papageien kamen, - Zwei Frstinnen, die ihre Lection - Herplapperten aus der Pension. - Wo sollt' ich hin vor diesen Frstinnen! - Ich stand unweit und uerte bescheiden, - Doch laut genug, da sie's gehrt, - Gott mge diesen Geist, von dem wir so bethrt, - Der blinden, knechtischen Nachahmung Sitte, - Ausrotten bald aus unserer Mitte. -- - Er mgte doch in irgend eine Brust, - Die selbstbewut, - Ergieen Muth und Kraft, - Durch Beispiel und durch Wort - Zu zgeln unsere Leidenschaft, - Dies Schmachten nach der Fremde! - Und mcht' man einen Finsterling mich schelten, - Altglubig mcht' ich ihnen gelten, - Mir schiene es -- der Geist in unserm Norden - Sei von der Zeit an schlecht geworden - Seitdem wir unserer Sprache Herrlichkeit - Und unsre alten herrlichen Gebruche - Vertauscht mit dieser neuen Seuche. - Die schne Volkstracht wurde abgelegt, - Damit nun jeder wie ein Narr sich trgt; - Sind wir mit diesem Schwalbenschweif - Nicht gradezu fr's Tollhaus reif? - Ein lcherlicher Ausschnitt in der Mitten, - Und kaum kann man sich frei bewegen. - Und dann die Haare kurz verschnitten, - Vernunft und Klima gleich entgegen! - Wie lcherlich erscheint ein Graubart nicht, - Der sich rasirt das Greisenangesicht! - Kurzum -- ich mut' gestehn, -- ich fand - So Haar als Kleider kurz, wie den Verstand. - Und mt' es sein -- und sind wir einmal schon geschaffen - Zu fremder Vlker Affen, - O mchten wir denn doch von den Chinesen lernen - Die fremden Sitten zu entfernen! - Ach, machen wir uns je wohl frei - Von fremder Moden Tyrannei, - Da unser Volk, das bravste in der Welt - Uns unsrer Sprache nach nicht mehr fr Fremde hlt! - Allein wie kann man denn Europas Sitten, - Brummt' einer da aus ihrer Mitten, - Mit Nationalgebruchen - Und Volksgewohnheit wohl vergleichen! - Nun bersetzen Sie mir schnell - Madame oder Mademoiselle? - Sie werden doch nicht Herrin sagen? - Und haha! -- Herrin --! ach wie hlich! - Und haha! -- Herrin! -- ach wie grlich! - So wurd' auf meine Kosten nun gelacht; - Natrlich hat mich das doch aufgebracht, - Und eben -- auf mein Wort -- - Wollt' ich die derbste Antwort geben, - Da liefen alle fort --! - Das ist begegnet mir, - Und so was sehen tglich wir, - In Moskau und in Petersburg - Und in dem ganzen Reich geht das so durch -- - Kommt so ein Mnnlein aus Bordeaux - So drngt sich Alles um ihn froh, - Und alle Damen in der Runde, - Die hngen wie an seinem Munde. -- - Die Frstinnen vor allen - Die haben dran ein Wohlgefallen. - Doch wer in unsern Residenzen - Es nicht versteht durch allerlei - Gezierte Redensart und Narrethei - Zu glnzen -- - Wer die verschriebenen Gesichter - Nicht leiden kann, - Und wer zum Unglck fnf bis sechs Gedanken, - Wodurch er aus der Menge ragt, - Frei auszusprechen wagt -- - Der sehe zu! - - (Er sieht sich um, die Tnze haben begonnen, die lteren Personen - haben sich zu den Kartentischen gesetzt -- er zieht sich zurck. - -- Zum Schlu eine franzsische Quadrille und Mazurka mit - Grotesktouren aus der Zeit des franzsischen Krieges. -- Der - Vorhang fllt.) - - Ende des dritten Akts. - - - - - Vierter Akt. - - - Schwach erleuchtete Hausflur im Erdgescho. Im Hintergrunde eine - Paradentreppe zu Famussoff's Wohnung. Links im Vorgrunde - Moltschlins Zimmerthr, -- rechts vorn die Thre zum Portier, - weiter hin die Hausthr. Viele Bediente mit Mnteln und Pelzen - auf dem Arm, sitzen oder schlafen auf Sthlen und Bnken, man - hrt noch Ballmusik. - - - Erste Scene. - - DIE ALTE und JUNGE GRFIN (kommen die Treppe herab.) - - DIENER (ruft zur Hausthr hinaus). - - Der Grfin Chrumin Wagen! - - DIE JUNGE GRFIN. - - Das mu ich sagen, - Das war ein saub'rer Ball! - Wo Famussoff nur hergekriegt - Die Migeburten all'? - Ich wut' wahrhaftig nicht - Mit wem ich sprechen oder tanzen sollte, - So gern ich beides wollte. - - DIE ALTE GRFIN. - - Ach, Liebchen, komm; ich bin recht mitgenommen, - Ich werde schwcher doch mit jedem Jahr; - Es wird gewi noch einmal dazu kommen, - Da ich vom Ball grad auf den Kirchhof fahr'! - - (Man hat ihnen die Pelze umgelegt, sie gehen ab.) - - - Zweite Scene. - - NATALIE DMTREWNA und PLATON GORITSCHEFF. - - DIENER (an der Hausthr). - - Der Goritscheff'sche Wagen! - - NATALIE DMTREWNA. - - Mein Engelsmann, ich will Dich etwas fragen: - Mein Herzchen, meine Seele, - Erzhle: -- - - (Kt ihn auf die Stirn.) - - Was fehlt' Dir heute, - Wo alle Welt sich doch so freute? - - PLATON. - - Ach, liebe Frau, ich kann mich nicht verstellen; - Ich -- schlafe auf den Bllen. - Du weit, ich kann sie fr den Tod nicht leiden, - Doch ist's nicht zu vermeiden, - Ich mu ja schon die Nchte dejouriren, - Fr Dich ist ja ein Ball -- Genu, -- - Allein wer auf Kommando tanzen mu, - Wie soll sich der nicht ennyiren! - - NATALIE DMTREWNA. - - Du stellst Dich an! - O, ich durchschau' den Herrn; - Er mcht' den alten Mann - Schon spielen fr sein Leben gern. - - (Geht ab, der Diener folgt.) - - PLATON (kaltbltig). - - Besieht die Sache man bei Licht, - So ist ein Ball so bel nicht, - Ich kann mich nur nicht in den Zwang bequemen; - Wer hie ein Weib mich nehmen! - Ja -- manchem kann man's an der Wiege sagen -- - - DIENER (kommt zurck). - - Die Gnd'ge sitzen schon im Wagen, - Und haben zu verzrnen sich geruht. - - PLATON (seufzend). - - Schon gut, schon gut! - - (Ab.) - - - Dritte Scene. - - TSCHATZKI. - - (Zum Diener.) Geh' -- such' den Wagen -- mach' geschwind! -- - - (Der Diener luft hinaus.) - - So wr' der Tag dahin und alle Hirngespinste! -- - Der Hoffnung leichte Nebeldnste - Die meine Brust mit Tuschung fllten -- - Sie sind zerstreut -- verweht nach allen Winden! - Und was denn hoffte ich zu finden? - Wo ist der Antheil nur? Das Mitempfinden? - Wo ist der freudige Empfang? - Sie schreien, sind entzckt, umarmen - Und alles nichts als leerer Klang! - So ging es mir auf meiner Reise, - Die Rosse flogen auf dem Eise, - Und mssig blickt' ich aus dem Schlitten - Wie durch die Steppe hin wir glitten, - Die blau und endlos vor uns lag. - Man fhrt und fhrt -- aus Stunden wird ein Tag, - Und endlich ist das Nachtquartier erreicht, - Doch ach -- was sich dem Blick auch zeigt -- - Es ist das alte Bild, die alte Noth, - Dieselbe Wste leer und todt. - O, es ist rgerlich und unausstehlich, - Je lnger man darber sinnt; - Ist es nicht schmhlich - Wie wenig Hoffnung oft gewinnt! -- - - DER DIENER. - - Der Kutscher ist nicht aufzutreiben. - - TSCHATZKI. - - So geh' und such' ihn auf; soll ich die Nacht hier bleiben? - - - Vierte Scene. - - TSCHATZKI. REPETLOFF (in Pelz gehllt kommt eilig von auen, - stolpert auf der Schwelle und fllt hin; die Diener helfen ihm. - Er ist etwas angetrunken). - - REPETLOFF (springt hastig auf). - - Pfuh! -- Ungeschickt! -- Was? -- Gt'ger Gott! - La mich die Augen nur erst reiben; -- - Mein Herzensfreund, mein lieber Schatz -- _mon cher_! - Nun sieh' die Menschen da mit ihrem Spott: - Da sagen sie, da ich ein Schwtzer sei - Und dumm und aberglub'sch dabei, - Weil ich fr alles Zeichen - Und Vorgefhle habe. - Allein -- jetzt eben -- bitt' ich Dich -- erklr': - Als ob ich es gewut -- so eilt' ich her -- - Mein Fu hackt an -- und ich -- ich falle hin - So lang und breit ich bin! -- - Ja, lach' Du nur; denk' immerhin - Da ich ein Narr und Lgner bin, - Ich wei nicht, was es ist, - Und wie es kommt, da Du mein Liebling bist. - Es ist ein Mu -- ich bin dazu gezwungen - Und bin von Liebe und Respekt ganz wie durchdrungen. - Fr Dich mcht' ich - Die Frau -- die Kinder aus dem Hause treiben, - Fr Dich knnt' meine Seele ich verschreiben. - Und sollte mich die ganze Welt verlassen -- - Und sollt' ich auf der Stelle hier erblassen -- - Und sollt' mich Gottes Donner gleich erschlagen -- - - TSCHATZKI. - - Ei, hre auf, den Unsinn da zu sagen! - - REPETLOFF. - - Du liebst mich nicht! Ach! Das ist ja natrlich! - Mit andern -- bah! Da bin ich nicht genirt, - Jedoch mit Dir -- Du hast mir unwillkhrlich - Von jeher imponirt. - Ich bin ja ungebildet -- ohne Kopf -- - Ich bin ein Narr, ein lcherlicher Tropf! -- - - TSCHATZKI. - - Ein eigenes Bekenntni! - - REPETLOFF. - - Dir mach' ich gerne das Gestndni; - Ich fluch' dem Tag, an welchem ich geboren; - Wenn ich bedenk', wie ich die Zeit verloren! - -- -- Was ist es an der Zeit? - - TSCHATZKI. - - Lang' Zeit zu Bett zu gehn. - Du wolltest auf den Ball? Da fahr' nur gleich nach Haus, - Denn grade eben ist er aus. - - REPETLOFF. - - Was Ball? Wo wir die Nacht bis in den Tag hinein - In Anstandsfesseln uns erfreu'n -- - In's Joch gespannt! Hast Du gelesen -- - Es giebt ein Buch -- - - TSCHATZKI. - - Du liest? - Wie soll ich dieses Rthsel lsen? - Bist Du denn _Repetloff_? Wie? - - REPETLOFF. - - Nenn' gradezu mich ein Vandalenvieh; - Den Titel hab' ich redlich mir erworben: - Wie bin ich durch und durch verdorben! - Ach -- wie viel Zeit hab' ich nicht auf Gelagen - Mit Essen und mit Trinken todtgeschlagen! - Ich habe meine Kinder nicht erzogen; - Ich habe meine Frau betrogen; - Ich hab' gespielt und zwar so arg zuletzt, - Da man mich unter Kuratel gesetzt -- - Und _nota bene_ -- _per Ukas_! -- - Ich liebte eine Tnzerin -- was -- nein -- - Ich hielt's zu gleicher Zeit mit drei'n. - Ich trank -- -- - Und schwrmt' allnchtlich wochenlang. - Ich warf von mir Gewissen und Verstand, - Gesetze, Glauben, Vaterland -- - - TSCHATZKI. - - Nun hre mal, das ist zu viel! - Lg' immerhin, doch halte Maa und Ziel. - Du sprichst von Dingen -- - Die knnten einen zur Verzweiflung bringen. - - REPETLOFF. - - Drum, Bester, wnsch' mir Glck, - Ich kam von diesem Rausch zurck. - Mit klugen Leuten geh' ich jetzt nur um - Und treibe mich nicht mehr des Nachts herum. - - TSCHATZKI. - - Zum Beispiel -- heute! -- -- - - REPETLOFF. - - Was -- eine Nacht -- die zhlt nicht -- das ist klar! - Und dafr frag' mich -- wo ich war! - - TSCHATZKI. - - Das Rthsel ist nicht schwer zu lsen - Du bist gewi im Klubb gewesen. - - REPETLOFF. - - Im Englischen -- um meine Beichte anzuheben. - Ich hatte mich zu einer Sitzung hinbegeben; - Es ging heut' uerst strmisch her -- - Ich gab mein Wort zu schweigen -- und - Ich bitt' Dich, schweig daher. - Es ist ein ganz geheimer Bund - Der sich versammelt an den Donnerstagen - Zu allerhand besondern Fragen. - - TSCHATZKI. - - Da hr' ich wundersame Dinge. - Im Klubb? - - REPETLOFF. - - Im Klubb. - - TSCHATZKI. - - Mein Bester, hr'! - Ich frchte sehr - Kommt man Euch auf die Sprnge - So ist's um Euch und Euren Klubb geschehn. - - REPETLOFF. - - Du glaubst, da es gefhrlich ist? - Ei, wie Du immer ngstlich bist! - Wir schreien zwar, doch niemand kann's verstehn. - Ich selber -- fngt es an recht hei erst herzugehn - Von Parlament und Jury -- oder kommt - Lord Byron auf's Tapet -- ich sag' Dir, wicht'ge Dinge! - Dann sitz' ich allermeist und hre zu wie stumm, - Es ist fr mich zu hoch -- dann fhl' ich, da ich dumm. - Freund -- Du bist nie bei uns gewesen -- - Ich sag' Dir, Mnner auserlesen. - Hr', Alexandre, sei ein prcht'ger Junge - Und fahre gleich mit mir dahin; - Jetzt sind sie grade recht im Schwunge - Und recht im Disputiren drin. - Ach was fr Kpfe! Ungewhnlich, - Und mir nicht im Geringsten hnlich. - Ich sage Dir, _mon cher_, die Quintessenz - Der jungen Herrn in unserer Residenz. - - TSCHATZKI. - - Ei geh' mit Gott! Das wre schn! - Wozu? In tiefer Nacht? Ich will zu Bette gehn. - - REPETLOFF. - - Ach was! Wer schlft jetzt? Nein, noch heute, - Entscheide Dich -- denn wir -- wir sind entschiedne Leute. - Ein Dutzend heier Kpfe -- ehrenwerth -- - Wenn man uns schreien hrt, - So ist man ganz verwundert, - Man glaubt gewi es seien an die hundert. - - TSCHATZKI. - - Doch sag' mir nur, wofr Ihr denn so schwrmt? - - REPETLOFF. - - Es wird gelrmt, mein Freund -- gelrmt. - - TSCHATZKI. - - Allein wozu? Das mcht' ich fragen. - - REPETLOFF. - - Es ist hier weder Zeit noch Ort Dir das zu sagen - Es ist so ein -- Verein. - Behutsamkeit mu bei der Sache sein. - Siehst Du, die Frucht braucht Zeit zur Reife, - Es geht nicht auf einmal. -- - Doch was fr Kpfe -- _ah mon cher_ -- - Ich zhle sie der Reihe her: - Da ist zuerst -- der Frst Gregor - Ein einz'ger Sonderling -- man lacht sich fast zu Tode! - Er ist ein Angloman und kleidet sich als Britte, - Die Haare kurz, nach englisch steifer Sitte. - Und spricht auch durch die Zhne so -- - Du kennst ihn nicht? Ich mach' euch gleich bekannt. - Ich sage Dir, er ist _charmant_. - Dann haben wir noch einen Snger - Workuloff, -- Jewdokim -- - Er singt sublim! - Du solltest hren seine Lieder - Besonders seinen Bollero - _Ah, non lasciar mi no! no! no!_ - Dann sind auch noch zwei Brder, - Zwei prcht'ge Jungen da, - Leon und Borinka. - Man wei von ihnen sonst wohl nichts zu sagen. - Doch willst Du nach Genies mich fragen, - Dann nenne ich Dir unsern Hyppolit. - Du last doch was von ihm? Und wr' es nur ein Lied, - Lies sag' ich Dir -- doch leider schreibt er nichts! - Er ist Genie -- an Sitzfleisch nur gebricht's. - Mit Ruthen mt' man solche Herrn zur Arbeit treiben - Und in die Ohren schreien: Schreiben, schreiben! - Doch fllt mir ein, da fr ein Zeitungsblatt - Er ein Fragment geschrieben hat, - Ein Blick und Etwas ist es berschrieben. - Und wovon, glaubst Du, da dies Etwas handelt? - Von Allem, denk' Dir! Nichts ist unberhrt geblieben. - Denn er wei alles -- wir bewahren - Ihn uns auch fr den Fall der Noth. - Doch unser Cheff -- nun da ist nicht zu streiten -- - Im ganzen Reiche giebt's nicht einen solchen zweiten - Ich brauche ihn Dir nicht zu nennen, - Du kannst ihn am Portrt erkennen. - Er ist ein Duellant von unerhrtem Muthe, - In bse Hndel war er stets verstrickt. - Er wurde nach Kamtschatka einst verschickt, - Und kam zurck als Aleute. - Und freilich geht er nicht in reinen Schuh'n, - Denn lange Finger hat er -- doch was ist zu thun -- - Kein kluger Kopf kommt ehrlich durch das Leben. - Doch kann's nichts Herrlicheres geben, - Als wenn er von der Ehre deklamirt. - Wie oft hat er uns nicht dadurch gerhrt! - Dann scheinen finstere Dmonen - Auf seiner Stirne Brau'n zu thronen, - Die Augen fllen sich mit Blut, - Er scheint in einer heil'gen Wuth, - Er selber weint -- und wir -- wir schluchzen. - Sieh', das sind Leute! Ich bin berzeugt, - Da uns auf Erden niemand gleicht. - Ich freilich -- mu es selber sagen -- - Ich bin das fnfte Rad am Wagen, - Ich blieb zurck, - Weil ich entsetzlich faul im Denken. - Inde, wenn ich mein bischen Hirn nur zwinge - Und hin mich setze -- keine Stunde -- - Da fhrt mir unverhofft zum Munde - Ein Calembourg heraus. - Die andern putzen ihn dann aus, - Und thun zusammen sich zu sechsen, - Ein Vaudevill heraus zu hexen; - Sechs andre machen gleich im Nu - Die niedlichste Musik dazu, - Die andern klatschen, was das Zeug's nur hlt, - Und -- lache wie Du willst -- mein Vaudevill gefllt! - Der Himmel gab mir nicht viel Fhigkeiten, - Allein mein gutes Herz gefllt den Leuten, - Und darum halten sie die Lgen mir zu gut. - - EIN DIENER (ruft hinaus). - - Den Wagen vor vom Oberst Scalosb! - - REPETLOFF (kehrt sich um). - - Wie? Wessen Wagen vor? - - - Fnfte Scene. - - Die VORIGEN. SCALOSB. - - REPETLOFF - - (geht Scalosb entgegen und erstickt ihn fast mit Umarmungen). - - Wie -- Seelenfreund -- halt an -- wohin? - Thu' mir die Liebe --! - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Wo soll ich nur vor diesen mich verbergen? - - (Er schlpft in's Zimmer des Portiers.) - - REPETLOFF. - - Man hat ja lange nichts von Dir gehrt - Es hie Du seist zurck zum Regiment gekehrt. - Kennt ihr euch schon? - - (Sieht sich um.) - - Fort ist der Eigensinn! - Gleichviel, Dich hab' ich unverhofft getroffen, - Und Du mut ohne weitres mit mir gehn. - Bei Frst Gregor sind heute - Versammelt eine Menge Leute -- - Ein Stcker Vierzig wirst Du sehn, - Potz Tausend, was fr groe Geister! - Die ganze Nacht wird disputirt - Und niemand merkt's, da er sich ennyirt. - Zuerst sieh, da Du in Champagner nicht ersufst, - Und zweitens kriegst Du Dinge dort zu hren, - Die weder ich noch Du begreifst. - - SCALOSB. - - Ei, la mich! Das gelehrte Zeug - Was man zu hren kriegt bei Euch, - Das lockt mich nicht. Wirb andre an - Und sag' an Frst Gregor, ich sei erbtig - Euch zuzuschicken einen Korporal, - Den httet ihr sehr nthig. - Er stellte in drei Glieder euch - Vor allen Dingen - Und mukstet ihr, er wrde gleich - Mit einem Blicke euch zur Ruhe bringen. - - REPETLOFF. - - Du hast nur stets den Dienst im Kopf, _mon cher_! - Sieh einmal her: - Ich blieb' gewi nicht ohne Rang und Stelle - Und wre ein gemachter Mann, - Allein ich hatte Unglcksflle - Wie man nicht rger haben kann. - Ich diente im Civil auch damals schon - Als Baron Klock Minister werden wollte - Und ich -- sein Schwiegersohn. - Ich ging ganz blindlings auf mein Ziel - Und lie mich ein in solches Spiel - Mit ihm und seiner Frau. -- Die haben mich geschoren! - Herr Gott, was habe ich fr Summen dort verloren! - An der Fontanka wohnt der Mann - Ich baute nebenan - Mir einen Palast auf - Mit ungeheueren Colonnen - Was gingen da fr Summen auf den Lauf! - Die Tochter aber hatt' zuletzt ich doch gewonnen. - Allein -- o weh -- die Mitgift die war -- Gott zu klagen! - Und dann -- was wirst Du sagen: - Im Dienste wurd' ich doch nicht avancirt, - Es war ein Deutscher, doch wozu hat's mich gefhrt? - Er frchtete den Vorwurf, siehst Du, - Da er Verwandte protegirt' - Er frchtet' -- hol' ihn der und jener -- - Mir half er nichts. - Dagegen seine Schreiber, seine frechen - Sekretaire, Dintenkleckser, Buben - Aus Schreiberstuben, - Die waren alle zu bestechen - Und sind nun avancirt - Und im Adrekalender angefhrt. - Der Henker hole Rang und Dienst und Orden! - Es ist doch nichts als Prellerei, - Lachmotjeff Selekstei - Hrt' ich vortrefflich sagen - Da hier ein radikales Mittel nthig sei, - Verdauen will sie nicht mehr unser Magen -- - - (Er hlt pltzlich an, da er statt Scalosb, der fortgefahren ist, - Sagortzki erblickt, der an Scalosbs Stelle getreten ist.) - - - Sechste Scene. - - REPETLOFF. SAGORTZKI. - - SAGORTZKI. - - Ich bitte fahren Sie nur fort -- - O, ich versteh' Sie auf mein Wort! - Ich bin ja ganz wie Sie ein groer Liberaler, - Allein mir ging es noch fataler, - Ich trug zu khn die Wahrheit vor, - Sie glauben nicht, was ich dadurch verlor. - - REPETLOFF (rgerlich). - - Verschwunden! -- Alle fort! - Und sagen nicht ein Wort. - Erst der -- nun jener -- kaum sieht man sich um; - Erst hatt' ich Tschatzki hier gefunden, - Drauf Scalosb und beide sind verschwunden! - - SAGORTZKI. - - Was meinen Sie von Tschatzki? - - REPETLOFF. - - Nun, er ist nicht dumm! - Wir sprachen hier von Possen -- allerhand, - Dann aber hat sich das Gesprch - Zum Vaudeville gewandt. - Ein wichtiges Gesprch! -- Sehr wichtig - Ist doch das Vaudevill, - Doch alles brige ist nichtig. - Und ich und er -- ich hab' -- ich sag' es offen - Den nmlichen Geschmack bei ihm getroffen. - - SAGORTZKI. - - Bemerkten Sie denn nicht - Da es bei ihm im Kopf nicht richtig? - - REPETLOFF. - - Ei was! - - SAGORTZKI. - - Ich sage nur, was jeder spricht. - - REPETLOFF. - - Wie abgeschmackt! - - SAGORTZKI. - - So fragen Sie doch! - - REPETLOFF. - - Wind! - - SAGORTZKI. - - Da kommt der Frst mit Frau und Kind - Recht _ propos_. - - REPETLOFF. - - Ach Possen! - - - Siebente Scene. - - REPETLOFF. SAGORTZKI. FRST TUGOCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und - sechs TCHTERN; MAD. CHLESTOW von MOLTSCHLIN gefhrt. - - SAGORTZKI. - - Ich bitte Sie, Erlaucht, mir doch zu sagen: - Ist Tschatzki toll geworden oder nicht? - - ERSTE FRSTIN. - - Wer kann da zweifeln oder fragen? - - ZWEITE FRSTIN. - - Wovon die ganze Welt schon spricht! - - DRITTE FRSTIN. - - Krnklinski's, Schmuzowski's, - Dibrinki's, Klatschkowski's --! - - VIERTE FRSTIN. - - Das ist was altes schon. Wem ist die Sache neu? - - FNFTE FRSTIN. - - Wer zweifelt noch daran? - - REPETLOFF. - - Ei, - Dieser Mann! - - SECHSTE FRSTIN. - - Sie? - - ALLE ZUSAMMEN (ihn umringend). - - Wie? - _Msj_ Repetloff. Nein? - _Msj_ Repetloff, ach, wie kann das sein! - Was wollen Sie, man wei es schon im ganzen Lande, - Was denken Sie? Es ist ja Snd' und Schande! - - REPETLOFF (hlt sich beide Ohren zu). - - Verzeih'n Sie mir, ich wute nicht - Da man davon so laut schon spricht. - - DIE ALTE FRSTIN. - - So laut? -- Nicht laut genug. -- Ei, das ist sonderbar! - Sie mssen wissen - Mit ihm zu sprechen bringt Gefahr. - Man htte lngst ihn binden mssen, - Er ist ja wthend wie ein Tieger, - Und doch -- hrt man ihn an -- - So scheint sein kleiner Finger klger - -- Im Disputiren -- das versteht er -- - Als alle Welt -- und selbst mein Mann, Frst Peter. - Ich glaube -- gradheraus -- er ist ein Jakobiner - Ihr saubrer Freund! -- Nun gute Nacht! - - REPETLOFF. - - Ihr Diener! - - DIE ALTE FRSTIN. - - Ach, Herr Gemahl, Du mut Dich schon bequemen - Sisi und Ktchen mitzunehmen, - Wir haben, sechs Mann hoch, erst gar zu eng gesessen. - - MAD. CHLESTOW - - (erscheint oben und ruft herab). - - Eh, liebe Frstin, eh! - Sie haben Ihre Kartenschuld vergessen. - - DIE ALTE FRSTIN. - - Notiren Sie's, mein Schatz. Adieu! - - ALLE (gegenseitig). - - Adieu, Adieu, Adieu! -- - - (Die frstliche Familie und Sagortzki ab.) - - - Achte Scene. - - REPETLOFF. MAD. CHLESTOW. MOLTSCHLIN. - - REPETLOFF. - - Du groer Gott! - Ach, meine Gndigste, was soll man dazu sagen? - Der arme Tschatzki! Ach! die Weisheit ist nur Spott! - Und wozu hilft es nun mit Lernen sich zu plagen! - - MAD. CHLESTOW. - - Gott hat es ihm geschickt! Es ist ein schlimmer Fall, - Allein vielleicht ist er noch zu kuriren; - Inde, mit Ihnen, Freund, wrd' man die Zeit verlieren, - Ist das nun wohl erhrt! Jetzt kommen Sie zum Ball! - - (Zu Moltschlin.) - - Nun, bester Freund, da ist dein Kmmerlein, - Geh' nur hinein - Und Gott beht' Dich. (Moltschlin geht ab.) - - (Zu Repetloff.) - - Nun, Alterchen, schn gute Nacht - Wie lange soll die Tollheit whren? - Ich dcht', es wre Zeit, mit Rasen aufzuhren. - - (Ab.) - - - Neunte Scene. - - REPETLOFF und dessen DIENER. - - REPETLOFF. - - Wo fahre ich nun hin? - Es fngt wahrhaftig an zu tagen. - Mach' fort und hilf mir in den Wagen - Und fahr' gleichviel wohin. - - (Beide ab.) - - - Zehnte Scene. - - TSCHATZKI - - (kommt aus der Loge des Portiers). - - Wie? Hab' ich recht gehrt --? Kann es wohl sein? - Ist's nicht ein Scherz? O nein - Nur reine Bosheit! Wie? - Durch welches Wunder, welche Zauberei - Verbreitet sich ein solch Geschrei? - Fr ein'ge schien es ein Triumph zu sein, - Und and're schienen Mitleid mir zu weih'n. - O, knnt' man in der Menschenbrust doch lesen - Wer hier am meisten Schuld gewesen, - Ob ihre Zunge, ob ihr Herz. - Wer hat erdacht den abgeschmackten Scherz? - Der Dumme glaubt's und gleich mu er es weiter tragen, - Die alten Weiber sind gleich fertig Lrm zu schlagen, - Und allgemein wird's dann als Wahrheit anerkannt. - Das also ist mein Vaterland!! -- - Nein, nein -- ich fhl's -- bald habe ich genug - Von diesem herrlichen Besuch! -- - Ob wohl Sophie davon gehrt? - Wahrscheinlich sagte man's auch ihr. - Sie ist gesinnt -- nicht g'rade feindlich mir, - Doch ihr ist's ein's, ob ich gestrt - Ob es ein andrer ist; sie liebt ja keinen. - Allein, wie sollte ich damit die Ohnmacht einen? - Sind's ihre Nerven, die sich dazu neigen, - Ist's eine Schwche, ihr nur eigen? - Ein Nichts erschreckt, ein Nichts beruhigt sie. - Ich glaubt' es wre Sympathie, - Lebhafte Leidenschaft wr' hier im Spiel, - Ach, nicht die Spur davon! Vielleicht - Htt' sie gezeigt - Das nmliche Gefhl - Wenn einer Katze, einem Hund' von ungefhr - Man auf den Schwanz getreten wr'! - - (Unterdessen ist die letzte Lampe erloschen.) - - SOPHIE - - (erscheint oben auf der Treppe mit einem Licht und beugt sich ber - das Gelnder). - - Moltschlin? Wie! - - (Sieht Tschatzki, zieht sich schnell zurck.) - - TSCHATZKI. - - O Himmel -- das war sie! -- - Sie selbst! -- Es kocht mein Blut, - Die Sinne schwanken wie in Fiebergluth. - War es ihr Geist? Verlor ich den Verstand? - Was geht hier vor? - Nein, keine Tuschung konnt' das sein; - Es war ein Stelldichein. - Wozu mich lnger selbst noch tuschen, - Sie rief Moltschlin ja, - Und hier -- hier ist sein Zimmer! -- da! - - TSCHATZKI'S DIENER (kommt eilig von drauen). - - Der Wa-- -- -- - - TSCHATZKI. - - St! Fort mit Dir! - - (Diener ab.) - - Ich bleibe, mu es sein, selbst bis zum Morgen hier; - Soll ich den Kelch der Leiden trinken - So will ich's lieber auf einmal, - Durch Zaudern, ach, entgeht man nicht der Qual. - Man kommt! -- - - (Verbirgt sich hinter einem Pfeiler.) - - - Elfte Scene. - - TSCHATZKI (verborgen). LISETTE (mit einem Licht). - - LISETTE. - - O Gott, ich mcht' vor Angst vergehn! - Des Nachts im leeren Vorhaus hier zu stehn! -- - Ich frcht' mich vor Gespenstern sehr - Und vor Lebend'gen noch viel mehr. - Gott mag dem Frulein das verzeih'n - Da schickt sie mich gerad hinein. - Sie sagt, sie htte Tschatzki hier gesehn: - Wie ein Gespenst sieht berall sie den. - - (Sieht sich um.) - - Das fehlte auch noch, hier zu bleiben, - Und sich im Vorhaus hier herum zu treiben! - Ich wette: - Der liegt mit seinen Liebessorgen - Schon lngst zu Haus im Bette, - Und sinnt auf einen Plan zu morgen. - Doch mu ich ja zum Herzensfreunde geh'n, - - (Sie setzt das Licht auf den Boden und pocht an Moltschlin's - Zimmerthre.) - - Moltschlin hren Sie? Ich bitt' Sie aufzustehn; - Das Frulein ruft. Ich soll Sie gleich zum Frulein fhren. - Doch schnell, wir drfen nicht die Zeit verlieren. - - - Zwlfte Scene. - - TSCHATZKI (verborgen). LISETTE. MOLTSCHLIN (ghnt und dehnt sich). - Bald darauf erscheint SOPHIE oben unbemerkt. - - LISETTE. - - Sind Sie von Eis heut' oder Stein? - - MOLTSCHLIN. - - Ach, Lieschen mein, - Kamst Du aus eignem Antrieb? Sprich! - - LISETTE. - - O nein, das Frulein schickte mich. - - MOLTSCHLIN. - - Wer sollte glauben, da in diesen Zgen, - In diesen Aederchen - Der Liebe sanft Errthen nie gespielt! -- - Kann Dir das Botenlaufen denn gengen, - Hast Du denn selber Liebe nie gefhlt? - - LISETTE. - - Da Sie auf Freiersfen gehn - Kann ich Ihr Ghnen nicht verstehn. - Den lobte ich, der vor dem Hochzeitstag - Nicht essen und nicht schlafen mag. - - MOLTSCHLIN. - - Was Hochzeit? Und mit wem denn, sprich? - - LISETTE. - - Nun mit dem Frulein, dchte ich. - - MOLTSCHLIN. - - Ach geh! Die Hoffnung liegt noch weit; - Auch ohne Hochzeit bringt man hin die Zeit. - - LISETTE. - - Ich wei nicht recht, mein Herr, wie man so sprechen kann! - Wir wollen ja doch keinen andern Mann. - - MOLTSCHLIN. - - Mag sein! Ich hab' seither nur immer Angst gehabt, - Da uns der Alte nicht ertappt. - Der wrde uns verfluchen und verjagen! -- - Hr', soll ich Dir die Wahrheit sagen? - In Deinem Frulein hab' ich niemals was erblickt - Was mich entzckt; - Ich wnsche ihr auf allen Wegen - Des Himmels reichsten Segen; - Doch sie hat Tschatzki gern gesehn, - Und nun! -- Mir wird's nicht besser gehn. - Ach Engel mein, ach knnte ich - Nur halb fr sie empfinden, wie fr Dich! -- - Ich thue was ich kann, - Ich stell' mich zrtlich an, - Allein -- der Himmel wei -- - Sobald ich sie nur seh', so werde ich zu Eis. - - SOPHIE (bei Seite). - - Wie niedrig! O, kaum kann ich mich bezhmen! - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Der Schuft! - - LISETTE. - - Sie sollten sich doch schmen! - - MOLTSCHLIN. - - Im Testament rieth mir mein Vater, da ich _Allen_ - Bemht sein mte zu gefallen: - Dem Wirth des Hauses, wo ich im Quartier, - Sodann dem Chef, der ber mir; - Auch dessen Diener, der die Kleider putzt, - Dem Schweizer und dem Hausknecht dann -- - Weil man sie oft benutzt, - Und suchen sollte ich - Des Knechtes Hund zum Freunde zu bekommen. - - LISETTE. - - Ei, ei, da haben Sie viel Arbeit bernommen! - - MOLTSCHLIN. - - Und darum stelle ich verliebt mich an, - Nur aus Geflligkeit, - Weil sie die Tochter ist von einem solchen Mann. - - LISETTE. - - Durch den Sie gastfrei aufgenommen - Von dem Sie manchen Rang bekommen? - Doch bitt' ich eilen Sie --! - - MOLTSCHLIN. - - Wohlan, so la uns zu Sophie - Zu unsrer weinerlichen _Coeur-madam_ - Mit ihrem Liebesgram. - Doch erst erlaub' mir mit Entzcken - Dich an dies volle Herz zu drcken. -- - - (Er will sie umarmen; sie entzieht sich ihm.) - - Warum ist sie nicht Du! - - (Indem er hinauf gehen will, tritt ihm Sophie entgegen.) - - SOPHIE. - - Zurck, ich hab' genug gehrt! - O Ungeheuer Sie! So also mut' es enden! - Ich schm' mich vor mir selbst, ich schm' mich vor den Wnden. - - MOLTSCHLIN. - - Sie da? - Sophie Pawlowna! - - SOPHIE. - - Um Himmelswill'n, kein Wort --! Sie schweigen! -- - Entschieden ist schon alles hier. - - MOLTSCHLIN (wirft sich zu ihren Fen). - - Ach Gott, verzeih'n Sie mir, - Gedenken Sie, ach seh'n Sie auf mich her! - - SOPHIE. - - Ich denk an gar nichts mehr -- - Und schwiegen Sie, so wr' es besser. - O die Vergangenheit, sie ist ein scharfes Messer! - - MOLTSCHLIN. - - Erbarmen Sie sich doch! - - SOPHIE. - - Wozu dies Kriechen noch? - Wozu am Boden liegen! - Kein Wort! Ich wei wie Sie betrgen. - - MOLTSCHLIN. - - Die einz'ge Gnade nur! -- - - SOPHIE. - - Nein, nein, nein! - - MOLTSCHLIN. - - Ich scherzte, sprach ja nur verschlafen, - O Gott, wie knnen Sie so hart mich strafen! - - SOPHIE. - - Auf, sage ich -- sonst wecke ich das Haus - Und dann ist's mit uns beiden aus. - - (Moltschlin steht schnell auf.) - - Von heute an will ich von Ihnen nicht mehr wissen; - Und da Sie es zu denken selbst nicht wagen, - Als ob mit Thrnen und mit Klagen - Sie von mir wrden je beehrt -- - Das sind Sie wahrlich gar nicht werth. - Und da Sie sich nicht untersteh'n - Ihr Auge lnger hier zu zeigen. - - MOLTSCHLIN. - - Was Sie befehlen soll gescheh'n. - - SOPHIE. - - Ich wrde nichts verschweigen, - Ich sagte Alles meinem Vater frei, - Mein Schicksal wr' mir einerlei. - Sie knnen gehn! Nein, halt! -- Es ist Ihr Glck - Da Feigheit mehr Sie hielt zurck - Wenn ich in tiefster Nacht Sie sah, - Als selbst, wenn es am Tag geschah; - Sie sind so khn nicht, wie gemein. - O ich bin froh, da es jetzt Nacht und wir allein; - Da Augenzeugen nicht zugegen! - Welch eine Meinung mt' man von mir hegen; - Wenn, wie heut' Vormittag, - Als ich in Ohnmacht lag, - Hier Tschatzki wr'. - - TSCHATZKI - - (hinter dem Pfeiler rasch hervortretend). - - Hier ist er, Heuchlerin! - - LISETTE UND SOPHIE. - - Ach! -- Ach! -- - - (Lisette lt das Licht vor Schrecken fallen. Moltschlin luft in - sein Zimmer und verschliet es.) - - - Dreizehnte Scene. - - TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE. - - TSCHATZKI. - - Jetzt schnell in Ohnmacht hin! - Denn mehr als heute frh, wr's grade jetzt am Ort. - Das also war das groe Rthselwort! - Und diesem bin ich aufgeopfert! - Ich wei nicht, wie ich mich - Und meine Wuth bezhmte -- ha -- - Ich sah und schaut' und glaubt' nicht was ich sah! - Und dieses Herzblatt, das mir vorgezogen, - Fr den Sie Ihren alten Freund betrogen, - Der Mensch, durch den Gefhl und Scham - Von Ihrer Wange kam, - Der luft jetzt fort voll Angst und Schrecken - Sich hinter Schlo und Riegel zu verstecken. - Wer fat des Schicksals launenhaftes Spiel! - Der Mann von Seele und Gefhl - Wird unter einer Last von Leiden fast erdrckt, - Und die Moltschlin's -- sind beglckt. - - SOPHIE - - (in Thrnen zerflieend). - - Nichts mehr, ich bin voll Schuld -- ich sag' es frei -- - Doch konnt' ich's ahnen wohl, da er so schndlich sei? - - LISETTE. - - Man kommt! Ihr Vater ist's, ach Gott, das ganze Haus! - Der Alte wird sich freu'n, nun ist auch alles aus! - - - Vierzehnte Scene. - - DIE VORIGEN. FAMUSSOFF (kommt mit mehreren Dienern, die Fackeln, - Lichte und Laternen tragen). - - FAMUSSOFF. - - Hierher! Mir nach! Geschwind, geschwind! - Mehr Licht! Laternen! Nun, wo sind - Denn die Gespenster? Wie? Was seh' ich da? - Wie? meine Tochter? Ha! - Verworfne Dirne, ohne Scham! - Und wo? Und sag' mit wem? Infam! - Ja! Topp auf Topp! Ganz auf ein Haar - Wie meine sel'ge Frau, wie ihre Mutter war. - Kehrt' ich den Rcken nur, so wut' ich's schon' - Gleich steckt' sie irgendwo mit einer Mannsperson. - Du! frchte Gott! - Wie hat Dich dieser Mensch denn so berckt? - Du selbst erklrtest ihn ja fr verrckt; - Ja so!! -- Ich war ja blind und dumm! - Erfunden war's und alle wuten drum. - Er selbst war im Complott - Mit allen meinen Gsten. - Wodurch verdient' ich, lieber Gott, - Da man mich also hlt zum Besten! - - TSCHATZKI (zu Sophie). - - Das Mhrchen also haben Sie erdacht? - - FAMUSSOFF. - - Schatz, keine Finten hier gemacht! - Ich lass' mich lnger nicht betrgen - Und wrdet ihr euch hier gleich in den Haaren liegen. - - (Zum Portier.) - - Du, Philipp, bist ein Klotz, wie ich nun deutlich seh' -- - Ein Rindvieh macht' ich zum Portier. - Er hrt und sieht nicht; -- sag' -- wo hast Du denn gesteckt? - Wie hast Du denn nicht alles gleich entdeckt? - Warum verschlosst Du nicht die Thre jetzt? - Und warum passest Du nicht auf bis ganz zuletzt? - - (Zu den brigen Dienern.) - - Wo war't ihr alle hingelaufen? -- - Zur Arbeit -- nach Sibirien mit euch! - Fr einen Groschen wr't ihr fertig gleich - Mich zu verrathen und mich zu verkaufen. - - (Zu Lisette.) - - Und das, Du Falkenaug', sind deine Schelmenstcke! - Da haben wir die Schmiedebrcke - Und Putz und Modennarrethei. - Da hast Du es gelernt - Wie man den Seladon lt ein - Und wieder ihn entfernt. - Wart' nur, Dir leg' ich Deine Suiten, - Auf's Dorf mit Dir, da kannst Du Gnse hten! - - (Zu Sophie.) - - Auch Du, Mamsell, Du bleibst nicht lnger hier. - Zwei Tage Zeit noch geb' ich Dir, - Dann wirst Du fort aus Moskau gehn - Und nicht mehr Menschen sehn. - Ich halte Dich schon fern - Von solchen abgefeimten Herrn. - Zur Muhme, nach Saratow -- in die Wste hin, - Das wird kuriren Deinen Sinn. - Da kannst Du seufzen in der Oede, - Von Liebelein ist dort nicht mehr die Rede; - Da kannst Du Dich am Rahmen dehnen - Und hinter der Postille ghnen. - - (Zu Tschatzki.) - - Erlauben Sie, mein Herr, da ich Sie ernstlich bitte - Zu unterlassen alle weitern Schritte, - In jeder Art, nicht grad', nicht krumm -- - Sie werden schon fr Ihre Streiche ben, - Und hier im ganzen Publikum - Wird jede Thr vor Ihnen sich verschlieen -- - Denn ich versprech's -- ich werde Lrmen schlagen, - Ich werde jedermann in Moskau fragen - Wie solch Betragen ihm gefllt. - Erfahren soll es alle Welt, - Ich schrei' es aus in alle Huser, - Ich reich' es ein in den Senat, - Ich klag' es dem Ministerrath, - Ich gehe bis zum Kaiser! - - TSCHATZKI. - - Ich fass' es nicht, ich mu gestehn, - Ich hr' es zwar, doch kann ich's nicht begreifen. - Betubt davon was hier geschehn - Steh' ich noch da und die Gedanken schweifen. - Ich Thor! Wo suchte ich den Preis fr meine Leiden? - Ich eilte, flog, ich zitterte vor Freuden, - Dem Glck schon nah mich whnend; - Nur Eines wnschend, Eins nur sehnend - Verschwendet' ich der Liebe heies Flehn, - Und Sie -- Sie whlten -- wen?! -- - Und wollten Sie mich denn verschmh'n -- - Warum denn heucheln - Und mir mit Hoffnung schmeicheln? - Warum mir denn nicht deutlich sagen: - Hin sei der Traum aus jenen Jugendtagen, - Und nur noch Gegenstand fr Ihren Spott! - Warum mir denn nicht sagen, - Da lau geworden die Erinnerung sogar - An die Gefhle, die wir theilten, - Und die in mir nicht Trennung, nicht die Zeit, - Zerstreuung nicht und weite Reisen heilten; - Die jedem Athemzug verwebt -- - Mit denen ich gelitten -- mit denen ich gelebt! - Ach htten Sie die Wahrheit nicht gescheut, - Da meine schnelle Rckkehr, mein Betragen, - Mein Anblick, meine Worte Ihnen nicht behagen, - Ich htte Sie sogleich von mir befreit. - Ich htte nicht in meinem blinden Whnen - Nach _dem_ gestrebt, was er, Ihr Liebling da -- - - (Er lacht.) - - Haha! - Sie werden sich vershnen! - Wenn reiflich Sie's bedenken, - Wozu sich selber krnken? - Und dann -- Sie knnen windeln ihn und plagen - Und in Geschften aus dem Hause jagen, - Solch Ehejngelchen, solch einen Eheknecht -- - Zum Pagen wie geschaffen - Fr's ganze weibliche Geschlecht, - Der Eheherren hohes Ideal - In Moskau -- o -- ein sauberer Gemahl. - Genug! Es ist mein Stolz Sie zu vergessen. - - (Zu Famussoff.) - - Sie, alter Herr, auf Rang stets so versessen, - O trumen Sie unwissend -- glcklich fort! - Ich gebe Ihnen hier mein Ehrenwort: - Ich werbe nie um Ihrer Tochter Hand, - Weil sich ein andrer Ritter fand. - Ein Mnnlein sehr erfahren und geschickt, - Ein Speichellecker, der sich ewig bckt, - Und der auch ganz, so wie mir ducht, - Dem knft'gen Schwiegervater gleicht. - Die Schuppen ha, sind mir vom Aug' gefallen, - Die Binde sank -- die Tuschung hrte auf! - Jetzt thte es mir wohl, zu gieen meine Galle - Und meinen Hohn - Auf Vater, Tochter, Schwiegersohn, - Mit einem Wort -- auf Alle! - Zu welchen Menschen fhrte mich - Das Schicksal doch so wunderlich! - Verfolgung, Spott, des Hohnes Klnge - Erfuhr ich nur von dieser blinden Menge; - Verrther an der Treu und Liebe, - Und unersttlich in des Hasses Triebe. - Unbnd'ge Schwtzer, boshaft alte Weiber, - Dummkluge Weise, - Verschmitzte tck'sche Pinsel, matte Greise, - Die zum Kind - Herabgesunken unter Possen sind! -- - Ihr habt posaunt in vollem Chor, - Da ich Verstand und Sinn verlor! - Und Ihr habt Recht! -- Wenn ein verstnd'ger Mann - Nur einen Tag mit Euch durchleben kann - Und es gelingt Euch nicht den Kopf ihm zu verdreh'n - So kann er dreist durch's Feuer gehn. - Aus Moskau fort! - Nein, Moskau ist nicht mehr das Ziel von meinen Reisen. - Ich suche nichts als einen stillen Ort - Um hin mein wundes Herz zu tragen. - Mein Wagen, schnell, wo ist mein Wagen! - - (Schnell ab.) - - - Fnfzehnte Scene. - - DIE VORIGEN (ohne Tschatzki). - - FAMUSSOFF. - - Nun siehst Du! Ist's nicht sonnenklar, - Da niemand je verrckter war? - Sag' selbst, im Ernst, -- was sprach er gleich - Fr tolles abgeschmacktes Zeug! - Von Speichelleckern fing er an - Von einem Schwiegervater dann; - Und das war sonderbar, - Was er auf Moskau bse war. - Doch Du -- Du bringst mich um -- ja Du! - Bin ich nicht _so_ schon zu beklagen? - Ach groer Gott, was wird dazu - Nun unsre alte Frstin sagen!! - - (Gruppe. Der Vorhang fllt.) - - Ende des vierten und letzten Akts. - - - - - Bemerkungen - ber das vorliegende Stck. - - -ber jedem chten Kunstwerke liegt der Hauch der Ursprnglichkeit -gebreitet, den der Mechanismus des Copirens, der Nachbildung abstreift. --- Aber wer eine Statue, ein Bild copirt, arbeitet wenigstens in dem -nmlichen Stoff; -- der bersetzer dagegen soll den geistigen Stoff in -einem ganz anderen Material, in einer anderen Sprache wiedergeben, und -bersetzungen gleichen daher, wie der sonst verstndige, tolle Junker -von la Mancha sagt, -- _verkehrten Tapeten_. Am schwierigsten erscheint -nun die bersetzung eines dramatischen Stckes, wenn die Sprache je nach -den Characteren eine ganz verschiedene ist, und wenn verschiedene -Bildungsstufen und Zustnde eigenthmlicher, ja lokaler Art dargestellt -sind. Und dieses ist der Fall mit dem vorliegenden Drama Gribojdoff's. -Es ist nicht schwer die Sprache von Sophie oder Tschatzki wiederzugeben: -sie sprechen die Sprache aller gebildeten Menschen; wer aber vermchte -in einer andern Sprache solche eigenthmliche Erscheinungen -wiederzugeben, wie einen Famussoff, einen Scalosb, einen Repetloff. -Jeder von ihnen fhrt eine verschiedene Sprache, welche die -verschiedenen Bildungsstufen bezeichnet, auf der jeder sich befindet. - -Noch einer andern Schwierigkeit mu ich erwhnen: Oft ruft der Gegensatz -von Fremdwrtern mit der familiren Sprache eine unwiderstehliche Komik -hervor, die also nicht sowohl im Sinne als in der Wortstellung liegt. -Von solchen Stellen wimmeln die Reden Famussoff's, und wie selten kann -die treue bersetzung zugleich mit einer hnlichen Wortstellung -verbunden werden! - -Nach diesen Ansichten von bersetzungen, nach diesem Bekenntni des -Unvermgens wird man mir hoffentlich nicht die Absicht unterschieben -wollen, als ob ich diese bersetzung unternommen htte, um solchen, die -nicht russisch verstehen, das Original zu ersetzen. - -Mein Endzweck war ein ganz anderer. Ich schrieb diese bersetzung nicht -sowohl fr Deutsche oder solche die deutsch und nicht russisch -verstehen, sondern vor allen Dingen fr -- Russen. Man verstehe mich -nicht unrecht. Jeder wird mir zugeben, da es angenehm wre eine Sprache -zu erlernen ohne das Lexicon immerfort aufschlagen zu mssen. Wenn nun -ein Russe z. B. deutsch lernen wollte, so wrde er, glaube ich, dieses -am bequemsten aus getreuen bersetzungen derjenigen russischen -Meisterwerke, die er bereits im Original auswendig kennt. Hierzu rechne -ich Kryloff's Fabeln, Puschkin's Ongin und das vorliegende Drama. In -meiner bersetzung habe ich, dem Original Vers fr Vers folgend, die -Redeweisen durch hnliche deutsche wiederzugeben versucht. Hierbei ist -nicht zu vergessen, da die Sprache des Stcks die gewhnliche -Umgangssprache ist, und ich hoffe, da man mir nicht den Vorwurf machen -wird, eine andere als die brgerliche Conversationssprache in der -bersetzung gebraucht zu haben. Der Russe wird also aus ihr deutsch -_sprechen_ lernen und zwar mit den _eigentlichsten_ Redeweisen an ihrem -Ort. - -Aber auch demjenigen, der russisch erlernen will kann ich keinen -besseren Rath ertheilen, als _Gore ot uma_ zu lesen, denn die Sprache -ist, wie gesagt, die Umgangssprache und durch die gebundene Rede ist der -Werth der Sylben, die Betonung, der Accent sogleich gegeben. Solchen -wrde denn meine bersetzung eine willkommene Beihlfe werden zum -Verstndni des Originals, da die dunkelsten Stellen nach sorgfltiger -Kritik der verschiedenen Auslegungen bersetzt sind. - -Die Idee, die diesem Stcke zu Grunde liegt, ist eine schon bekannte. -Sie ist in einer Gellert'schen Fabel anmuthig und bndig gegeben. - - Du Narr willst klger sein als wir? - Man zwang den Pez davon zu laufen. - -Goethe hat den nmlichen Gedanken in den schnen Versen im Faust -ausgedrckt: - - Die Wenigen, die ihr Gefhl, ihr Schaun - Dem Pbel offenbarten - Hat man von je gekreuzigt und verbrannt! - -Wir sehen im _Gore ot uma_ einen strebenden, mit glhender -Vaterlandsliebe begabten, jungen Mann von seinen Reisen zurckkehren; -auf diesen hat er mit Verdru erkannt, da die Gesellschaft seiner Zeit -in Ruland eine Copie darstellt, und dieser Gedanke erfllt ihn auf's -schmerzlichste. Mit diesem Unfrieden im Herzen kehrt er ins Vaterland -zurck, und findet zum Unglck noch seine Jugendgeliebte kalt und -abgewendet. Seine Mistimmung steigert sich dadurch, sein Mund geht ber -wovon sein Herz voll ist, er macht sich aller Welt verhat, und durch -ein Miverstndni, das jeder befrdert, sieht er sich fr verrckt -erklrt und steht einsam da. - -Der Dichter schwingt die unbarmherzigste Geissel des Spottes ber die -verderbten sozialen Zustnde in einer Hauptstadt; alle Charactere sind -aus dem Leben gegriffen und von einer solchen inneren, menschlichen -Wahrheit, da wir immer glauben bekannten Erscheinungen und Personen zu -begegnen, und dem Verfasser daher immer von Herzen Recht und Beifall -geben. - -Ich theile brigens nicht die Ansicht Vieler, als ob Gribojdoff -geglaubt habe _Russen_ zu schildern; wenn er diese Ansicht hatte, so ist -es ihm ergangen wie Wilhelm Meister, der nur _Schauspieler_ kannte, sich -ber sie bitter beschwerte und in ihrer Beschreibung auf's treffendste, -ohne es zu wissen, -- _Menschen_ schilderte. Ich glaube in jedem Lande -in Europa und besonders in den greren Provinzialstdten wird man -hnliche Erscheinungen mit geringer Modification, durch Nationalitt -bedingt, wiederfinden, und eine freie und gehrig modificirte -bersetzung wrde daher gewi in jedem Lande Beifall finden. ber den -Werth des Stcks hat die Zeit bereits entschieden, die strengste Kritik -mu entwaffnet werden durch die Thatsache, da jedermann, ehe das Stck -gedruckt wurde -- es bereits in der Abschrift besa und fast auswendig -wute, so da nach Polewoi's Ausdruck _die Buchdruckerkunst fr -Gribojdoff nicht erfunden zu sein brauchte_. - -Die in den Namen der Personen in dem Wortlaut involvirte Bezeichnung der -Charactere wre etwa folgende: - -Famussoff drfte von _famose_ abzuleiten sein, in ironischem Sinne, wie -man z. B. sagt -- ein famoses Subject oder ein sauberes Subject. -Famussoff ist ein selbstzufriedener, geld- und titelschtiger gemeiner -Breaucrat. - -Tschatzki (von [Kyrillisch: chad`] -- Dunst?), der einzige wrdige -Character im ganzen Stck. Sein Schicksal ist in dem Titel des Stcks -ausgesprochen. Wollte der Dichter durch seinen Namen bezeichnen, da er -ein Trumer war? Tschatzki macht sich freilich Luftschlsser, er -schwrmt -- aber er ist ein edler Schwrmer. - -Moltschlin (von [Kyrillisch: molchat'] -- stille sein, schweigen) ist -ein armseliger Character; ein Mensch von niederer Herkunft und -Gesinnung. Er spielt die Flte und schreibt eine gute Hand. - -Scalosb (Zhneblecker, Spottvogel), ein bornirter Kamaschenheld, der -keine Ahnung von der wahren Bedeutung eines Kriegers hat. -- Bezeichnend -ist es, da er als Formenmensch nur immer Zahlen im Munde hat. - -Goritscheff (von [Kyrillisch: gorest'] -- Herzeleid), ehemals ein -tchtiger Mensch, ist er durch eine sinnliche und herrschschtige Frau -ganz verweichlicht; er fhlt das und ist daher verdrlich und -melancholisch. - -Repetloff (von _rpter_), ein leerer, verlebter Wstling, der selbst -ohne Bedeutung sich an bedeutendere Naturen anhngt und repetirt was -andere sagen. Er ist das Bild eines Mannes, der schon im vorgerckten -Alter noch nicht zur Besinnung gekommen ist und der jung zu bleiben -glaubt, wenn er die Thorheiten und Ausschweifungen der Jugend in sein -Alter hinbernimmt. - -Sagortzki (von [Kyrillisch: zagort'] -- durch Brennen schwarz -werden?), ein berchtigter (gebrandmarkter) Spieler, Lgner und Dieb, -der aber durch allerlei Geflligkeiten, die ihm nichts kosten, in der -Gesellschaft sich zu erhalten wei. Ein Beweis von dem Mangel einer -ffentlichen Meinung, von der laxen Moral groer Stdte. - -Mad. Chlestow (von [Kyrillisch: khlest'] -- Spieruthe), eine alte, -brutale znkische Dame. - -Chrumin (von [Kyrillisch: khromt'] -- lahm werden), eine abgelebte -Dame, die sich von dem schaalen Treiben der Blle nicht losmachen kann. - -Tugochoffski (von [Kyrillisch: tugo] und [Kyrillisch: ukho] -- -Steifohr), ein stocktauber und armer Frst. - - - - - Analyse des ersten Akts. - - -Die Personen dieses Aktes sind: Fmussoff, Sophie, Tschatzki, -Moltschlin, Lisa und ein Diener. Wir sehen in ein unheilvolles Innere. -Die Frau vom Hause ist lngst verstorben, und die Erziehung ihres -einzigen hinterbliebenen Kindes hatte der vielbeschftigte Vater, ein -Mann von laxer Moral, Miethlingen berlassen. Sehen wir nun, da Sophie -mit einer lebhaften Sinnlichkeit, dem Erbtheil ihrer Eltern begabt und -mit einer listigen und leichtfertigen Soubrette wie Lisa zur Vertrauten, -in ihrem siebzehnten Jahre schon den zweiten Roman ihres Lebens spielt --- bedenken wir, da diese Natur auf dem ppigen Boden einer groen -Stadt emporwuchs, so erscheint diese Frhreife ganz motivirt. Der Held -ihres ersten Romanes war ihr Vetter und Spielgefhrte Tschatzki, der -Held auch des Stckes. Mit einer feurigen Einbildungs- und Urtheilskraft -und mit einem rechtlichen Sinne begabt, waren ihm seine -Dienstverhltnisse und dann besonders das ganze Wesen im Hause -Fmussoff's unertrglich geworden; drei Jahr vor Beginn des Stckes -hatte er Moskau pltzlich verlassen. Wie aus der zweiten Scene im -dritten Akt hervorgeht, hatte er sein Glck in Petersburg versucht, und -auch die Gunst eines Ministers gewonnen, aber er verlor sie ebenso bald -durch eine Lebhaftigkeit, die hochgebildeten, edlen Seelen nie gestattet -zu schweigen wo die Klugheit es auch gebietet. So hatte er durch seine -Reise nichts gewonnen, in seiner Abwesenheit aber das Herz Sophiens -verloren; denn das Sprichwort: _les absents ont tort_ bewahrheitet sich -wieder hier vor uns. Theils aus Langerweile -- denn aus einer -unerklrlichen Bizarrerie hat Tschatzki in den drei Jahren nichts von -sich hren lassen, -- theils aus Herzensbedrfni hat Sophie sich einen -andern Helden gewhlt, und dieser, der strkste Gegensatz von Tschatzki, -der geistlose, geschniegelte Allerweltsdiener Moltschlin, mit einem -leidlichen ueren und einer hndischen Geduld ausgestattet -- -erheuchelt Gegenliebe, aus Furcht, die Tochter seines Chefs zu -beleidigen. Es folgt daraus eine ganz schiefe Stellung; -- das -Verhltni mu vor dem ehrgeizigen Vater streng verheimlicht werden, und -Moltschlin, der die frheren Gefhle Sophiens fr Tschatzki kennt, -betrachtet sich nur als Spielzeug ihrer Laune, und denkt nicht an die -Mglichkeit einer festen Verbindung. Ebenso unheimlich ist der Soubrette -zu Muthe, weil Moltschlin arm ist und bei Entdeckung des Verhltnisses -_sie_ vorzglich als die Vertraute gestraft werden wrde. -- Inde mu -sie, von ihrer jungen Herrin gezwungen, die heimlichen Zusammenknfte -bewachen, bei denen es brigens durch Moltschlins Disposition nur auf -viel Musik und frostige Liebeleien herausluft. -- Diese Beziehungen der -Hauptpersonen zu einander glaubte ich zu einem besseren Verstndni der -nun folgenden Scenen voranschicken zu mssen. - -Mit einer Nachtwache Lisa's und einer heimlichen musikalischen Soire -die bis zum dmmernden Morgen gedauert hat, beginnt das Stck. -- Lisa -erwacht erschreckt, klopft an die Thr des Zimmers und sucht die -Liebenden zu trennen. Da nichts hilft, so will sie sie dadurch -auseinanderjagen, da sie die Spieluhr in Bewegung setzt; darber kommt -der Alte hinzu, der auf der andern Seite des Hauses wohnt, zu dem aber -auch allerlei Tne hinbergeklungen sind; die Spieluhr erklrt ihm -dieses so ziemlich, aber er traut doch dem listigen Kammermdchen nicht -recht und gestattet sich bei der Gelegenheit allerlei Freiheiten. -- -Indem hrt man Sophiens Stimme und das bse Gewissen treibt den Alten -von der Scene; die jungen Leute treten nun auf und nehmen Abschied, aber -der Alte erscheint in dem Augenblick wieder und ist nicht wenig -erstaunt, sie schon so frh am Tage zusammenzufinden. Sein erster -Gedanke ist, da es ein _Rendez-vous_ sei; es wre ihm nichts verhater, -als wenn seine Tochter einen blutarmen Menschen zu lieben sich in den -Kopf gesetzt htte, und in rgerlicher Stimmung ergiet er in dieser -Scene seine Galle ber die jungen Damen in Moskau, sowie ber das -Unterrichtswesen und schiebt die Schuld alles Unheils schlielich auf -die Franzosen und ihre moralischen und physischen Leckereien. -- Er -geht, nur halb beruhigt, mit Moltschlin fort, und in dem Zwiegesprch -der beiden Mdchen erfahren wir nun, da der Alte sich den reichen -Oberst Scalosb zum Schwiegersohne wnscht, da dieser aber durchaus -nicht Sophiens Beifall hat. Lisa horcht nun ihre Herrin in Bezug auf -Tschatzki aus, aber es ergiebt sich, da ihre frhere Neigung zu ihm -einer vollkommenen Klte Platz gemacht hat -- indessen hegt sie noch -groe Achtung vor seinem gebildeten Geiste. In diesem Augenblick wird -die Ankunft Tschatzki's gemeldet. Sein Auftreten ist strmisch und -feurig, Sophie ist kalt und einsylbig; Tschatzki erscheint ihr wie ein -Gespenst, wie ein lstiger Glubiger, und sie ist nicht willens seine -Forderungen anzuerkennen. Tschatzki ist hier sowohl, als das ganze Stck -hindurch so verblendet wie ein wahrhaft Liebender. Es ist vergeblich, -da Sophie sich voll des lebhaftesten Gefhls fr Moltschlin zeigt und -gegen Tschatzki kalt, spitz, unbarmherzig, ja endlich im dritten Akt -ganz aufrichtig ist. -- Tschatzki hlt es wohl fr mglich, da er ihr -Herz verloren habe, da sie es aber an Moltschlin habe schenken knnen, -begreift er nicht, und sein ganzes Bestreben geht nun dahin, den -Nebenbuhler zu finden, der an dem kalten Empfang Schuld sein mu. -- -Tschatzki's Character, auf den wir durch Sophiens Schilderung schon -vorbereitet wurden, zeichnet sich in dieser Scene aufs trefflichste; -seine Bildung und ein tiefes Gefhl hebt ihn hoch ber seine -Zeitgenossen und seine Umgebung, aber er handelt unrecht es merken zu -lassen, er lacht laut wo er lcherliche sieht und hieraus erfolgen -tausend Unannehmlichkeiten und jene Leiden, die der Dichter die _Leiden -des Gebildeten_ nennt. Sophie, obgleich durch Tschatzki's Erscheinung -beunruhigt, nimmt doch einen gewissen Antheil an seinen witzigen -Schilderungen lcherlicher Charactere von Moskau, wie er aber -unglcklicherweise auch Moltschlins erwhnt und ihn unbarmherzig -kritisirt, so verwandelt sich ihr Rest von Achtung in bittern Ha. Nun -tritt Fmussoff herein, abermals erschreckend ber den neuen miliebigen -Prtendenten; denn Tschatzki's Grundstze, sowie sein sehr mittelmiges -Vermgen, lassen ihn als solchen durchaus nicht erwnscht erscheinen. -Sophie durchschaut alles schnell und mit cht-weiblicher List wlzt sie -den Verdacht des Vaters von Moltschlin ab auf Tschatzki; -- der -Stoseufzer Fmussoff's, der nun in Zweifeln zwischen zwei unerwnschten -Schwiegershnen ber die Plage mit erwachsenen Tchtern klagt, schliet -den Akt ganz vorzglich ab. - - - - - Analyse des zweiten Akts. - - -Personen: Smmtliche Personen des ersten Akts und der Oberst Scalosb. --- Es ist etwas spter am Tage, aber noch Vormittags um die Zeit der -Visiten. Fmussoff kommt in seinen Empfangssalon und beschftigt sich in -einem kstlichen Monologe Einladungen aller Art, die er erhalten hat, -durch einen Diener in einen Kalender eintragen zu lassen. Der erste -Fremde ist Tschatzki; in dem nun folgenden Gesprch zeichnet sich beider -Character aufs deutlichste; die Kluft zwischen ihren Ansichten deckt -sich auf; Tschatzki sagt die Wahrheit ganz freimthig und als er gar die -Ideale Fmussoff's lcherlich und niedrig findet, so fngt letzterer an, -ihn entschieden zu hassen. Der Oberst Scalosb erscheint nun und wird -von Fmussoff aufs schmeichelhafteste empfangen -- theils um ihn zu -gewinnen, theils um Tschatzki zu demthigen. Der Oberst erscheint in -seinen lakonischen Reden, die sich nur um das handwerksmige seines -Standes drehen, als ein Glckspilz und gnzlich bornirter Kamaschenheld, -der von der hheren Bedeutung des Militairstandes keine Ahnung hat. -Nachdem Fmussoff ihm seinen Herzenswunsch, nmlich da er um Sophiens -Hand werben mchte, sehr deutlich zu verstehen gegeben hat, geht er zu -einem allgemeinen Lobe Moskau's ber, welches aber durch bertriebenheit -und einen naiven Unverstand zur bittersten Persiflage wird. Tschatzki -mischt sich zum rger des Alten zuletzt ins Gesprch, gerth in Feuer -und schildert in einem lebhaften Gemlde eine Reihe von Schwchen oder -gar Schndlichkeiten, die in der vornehmen Welt Moskau's vorgekommen -waren. -- Der Alte ist in Verzweiflung, da solche Reden in seinem Hause -gehrt wrden und luft davon; gleich darauf strzt Sophie auer sich -herein -- sie hat aus dem Fenster gesehen, da Moltschlin vom Pferde -gestrzt ist und fllt darber in Ohnmacht. Bei dieser Gelegenheit tritt -ihre Liebe zu Moltschlin und ihr Ha gegen Tschatzki immer schrfer -hervor; aber so gering denkt Tschatzki von Moltschlin, da ihm ein -Liebesverhltni Sophiens mit diesem doch ganz unmglich erscheint. Von -Sophien gereizt und beleidigt geht er voller Sorge ab; Moltschlin -findet Gelegenheit Lisetten seine Liebeserklrung zu machen und diese -deckt in einem komischen Monologe die Liebesintriguen aller Personen des -Stcks auf. -- Tschatzki liebt Sophie, diese Moltschlin, dieser -Lisette, diese aber gesteht ihr Ideal im Silberdiener Petrscha gefunden -zu haben. -- (Eine hnliche Idee liegt einem Lustspiel von Calderon: -das offene Geheimni߫, zum Grunde.) Wir erfahren in diesem Akt, da am -Abend noch ein kleiner Ball bei Fmussoff Statt finden soll. - - - - - Analyse des dritten Akts. - - -Personen: Smmtliche Personen des Stcks mit Ausnahme Repetloff's. -- -Tschatzki, dem die Heftigkeit seiner Liebe keine Ruhe lt, erscheint -noch vor der gewhnlichen Versammlungszeit; er will endlich klar sehen -und seinen wahren Nebenbuhler entdecken. -- Ein leidenschaftliches -Gesprch mit Sophien dient nur dazu ihren Ha und Tschatzki's Schmerz zu -vermehren -- sie geht in ihr Zimmer, wo sie Moltschlin hinbestellt hat -und lt ihn in seinem alten Zweifel; -- wie Moltschlin in Sophiens -Zimmer will, bemerkt er pltzlich Tschatzki, erschrickt und bleibt wie -eingewurzelt stehen. Tschatzki lt sich in ein Gesprch ein, in dem -Moltschlin sich in der ganzen Jmmerlichkeit eines bornirten -Actenmenschen zeigt. Er ist das im Civil, was Scalosb im Militair ist. -Tschatzki wird im Betreff Sophiens ganz beruhigt. Die Gesellschaft -versammelt sich indessen, und nacheinander treten allerlei moskau'sche -oder besser gesagt grostdtische und menschliche Charactere auf. Die -sinnliche Natalie, Gritscheff, der unter ihrem Pantoffel aus einem -tapfern Soldaten ein weibischer Ehemann geworden ist; eine armselige, -frstliche Familie, -- eine alte taube Grfin, die kaum noch lebt, aber -alle Blle besucht, ihre Enkelin, eine ltliche Unvermhlte, die mit -vielem Stolz auf die andern herabsieht; -- (bei der groen Unzahl -russischer Frsten und der sehr begrnzten Zahl russischer Grafen wird -auf letzteren Titel im Grunde fast ein hheres Gewicht gelegt.) -- -Sagortzki, ein falscher Spieler, Lgner, Spion und Dieb -- dennoch -berall wegen seiner Dienstfertigkeit wohl aufgenommen, -- endlich eine -Tante vom Hause, eine unbarmherzige alte Klatschschwester, eine von den -Plagen einer Stadt, die, nach verblhten Reizen, durch eine bse Zunge -und unverschmte Intriguen sich einen Kreis von Verehrern und gefllte -Salons zu verschaffen wissen. - -Tschatzki findet Gelegenheit sich mit all dieser Welt zu verfeinden ohne -ein schlimmes Wort gesagt zu haben, nur weil er so spricht und urtheilt, -wie ein gebildeter Mann. Durch ein Miverstndni theils, theils durch -Sophiens Rachsucht wird er zuletzt fr verrckt erklrt. -- Vortrefflich -hat der Verfasser den Gang des Gerchts geschildert; und wie von Mund zu -Mund eine Sache in kurzer Zeit entstellt wird. Unser Autor findet in -diesem Akt hufig Gelegenheit zu einer lebendigen Sittenschilderung. Die -Grundstze, die Sagortzki, Fmussoff und Scalosb an den Tag legen, -sind der Kern der Opposition, die der ungebildete Theil einer -Gesellschaft der Bildung und Civilisation stets entgegensetzen wird. So -erzhlt Scalosb mit frohem Munde, da aller Unterricht fortan im -Exerciren bestehen soll, und da Bcher nur fr feierliche Gelegenheiten -aufbewahrt wrden: -- Fmussoff will sie lieber alle verbrannt wissen. -Sagortzki findet Fabeln vorzglich gefhrlich; die alte Frstin erzhlt -mit Schaudern, da ihr Vetter, ein _Frst_, in Petersburg _Chemie_ -studirt habe! -- Dagegen spricht Tschatzki die Ansichten einer andern -Fraction in Ruland aus, die gegen die Halbheit eifern, die eine Folge -einer zu schnellen Annherung an den europischen Westen war. In der -Annahme der Gebruche des Abendlandes sieht er das grte Unglck fr -Ruland; er opponirt gegen die _Form_, seine Gegner gegen das _innerste -Wesen_ des Westens. Vorzglich ergrimmt ist er gegen die leichtsinnigen -Franzosen und die Einfhrung ihrer Sprache in alle geselligen -Verhltnisse, sowie gegen pedantische und unwissende Deutsche. Die -Schwchung des Nationalgefhls und eine demthigende Abhngigkeit des -Urtheils scheint ihm die Folge solcher Zustnde. -- Dieser Ha gegen das -Ausland ist das, was die beiden Extreme dieser Gesellschaft, Fmussoff -und Tschatzki, gemeinschaftlich haben; da beide hierin bereinstimmen -ist beherzigenswerth. Doch gehen sie nicht beide zu weit? Fmussoff -sieht in den Fremden nicht den fleiigen Colonisten, nicht den -geschickten Fabrikanten, nicht den gebildeten Gelehrten, er sieht in den -nach Ruland strmenden Fremden nur die Hefe, Abentheurer, Landstreicher -und Kuchenbcker. Tschatzki nimmt vorzglich daran Ansto, da jedes -Franzschen wie ein Orakel angehrt wird und Tanzmeister Orden erhalten -und ihr Auge zu Frstinnen zu erheben wagen, sowie da man in jedem -Deutschen ein _Lumen mundi_ erblickt. -- Die mag einer jetzt -verschollenen Zeit angehren; die Aristokratie in Ruland mag liberal -genug denken, sie geht gern um mit Gebildeten, we Standes diese auch -sein mgen; aber in gewisse Gesellschaften und Familienkreise wird kein -Adliger zweiten Rangs, ja kaum ein Wrdentrger des Reichs gelangen, -wenn er nicht von altem, nationalem Adel ist. (Es giebt also wohl -Exclusivitt, aber fr gewisse Zeiten nur.) Mit Fremden nimmt man es -endlich nirgends sehr genau -- eine momentane, vorbergehende Artigkeit -verpflichtet ja zu nichts; wird der einfachste russische Reisende in -Paris nicht ebenso schnell zum Grafen und in Italien zum Principe -gestempelt? - -Wir knnen die Bemerkung nicht unterdrcken, da unser Autor in den -Fehler der meisten russischen Lustspieldichter verfallen ist: er trgt -mit zu starken Farben auf. Manche Charactere sind dadurch ans Absurde -gerckt. Die nmliche Erscheinung wiederholt sich wohl bei allen jungen -Literaturen; Molire und Holberg wren solche Beispiele. - -Der Akt wird mit allerlei Tnzen aus der Restaurationszeit beschlossen; -eine ritterliche Mazurka von Scalosb, wobei er zuletzt hinkniet und -sich von seiner Tnzerin umschweben lt, verfehlt nie eine allgemeine -Hilaritt hervorzurufen. - - - - - Analyse des vierten Akts. - - -Personen: Smmtliche Personen des dritten Akts und Repetloff. Die -Herren N. und D. brauchen nicht wieder zu erscheinen. Die Scene ist eine -Vorhalle mit Sulen und einer im Hintergrunde sichtbaren oberen Treppe, -die zur Thr des Balllokals im zweiten Stock fhrt; auer dieser Thr -sind noch drei Thren unten zu merken, die Aussenthr und neben ihr die -des Portiers und gegenber die Thr zu Moltschlins Zimmer. Es ist etwa -drei Uhr Morgens; der Ball ist zu Ende und die Gesellschaft zieht sich -nach und nach zurck. So begegnen wir allen nochmals und in kurzen -Worten prgt sich der Character eines jeden aufs wahrste und -ergtzlichste aus. Tschatzki kommt sehr unglcklich ber diesen fatalen, -ersten Tag die Treppe herab, noch ahnt er nichts davon, was die -Gesellschaft ber ihn erfunden hat. Er mu unten etwas auf seinen Wagen -warten und indem ffnet sich die Aussenthr und der Wstling Repetloff -fllt, so lang er ist, hinein. In einer starken Weinlaune berhuft er -Tschatzki mit Freundschaftsversicherungen und Zrtlichkeiten und -beschwrt ihn, mit ihm zu einer Compagnie von Bacchusbrdern zu kommen, -in deren meisterhafter Schilderung man eine zu jener Zeit berchtigte -Gesellschaft junger, unruhiger und unzufriedener Kpfe zu erkennen -gemeint hat. -- Tschatzki wei nicht, wie er sich losmachen soll, da -kommt Scalosb herbei; mit einer hnlichen Aufforderung und gleicher -Zrtlichkeit geht Repetloff auf diesen los und den Moment benutzt -Tschatzki um in die Loge des Portiers zu schlpfen. -- Von hier hrt er -mit seinen eigenen Ohren, was die fortgehenden Gste ber den -angeblichen Verlust seines Verstandes uern. Als alle fort sind, tritt -Tschatzki emprt hervor -- er kann es zuerst nicht fassen -- aber bald -denkt er sich den Zusammenhang, nur das ahnt er nicht, da Sophie die -Urheberin des Gerchts war, und da diese mit wenigen Worten die -Lcherlichkeit desselben darthun konnte und es nicht that, ist auch das, -was man ihr nicht wohl verzeihen kann. - -Indem er der Quelle dieser Bosheit noch nachsinnt, erscheint Sophie oben -auf der Treppe, glaubt in ihm Moltschlin zu erkennen und ruft ihn leise -an, -- wie sie sieht, da sie sich getuscht hat, verliert sie ihre -gewhnliche Geistesgegenwart und eilt schnell zurck. Diese Eile verrth -sie, -- denn jetzt erst entdeckt Tschatzki den wahren Zusammenhang der -Sache; -- er bleibt um keine Zweifel mehr zu haben, und versteckt sich -hinter einer Sule. Bald erscheint Lisa um sich nach Tschatzki umzusehen -und Moltschlin zum Frulein zu beordern. Moltschlin kommt aus seiner -Stube und macht Lisetten ein aufrichtiges Bekenntni von seinem -Verhltni zu Sophien; oben horcht Sophie, die ihrer Soubrette leise -gefolgt war, wahrscheinlich auch aus Unruhe ber Tschatzki's -Erscheinung; Tschatzki hinter dem Pfeiler verborgen, hrt ebenso wie -Sophie alles mit an. Sophie wird emprt ber Moltschlin und behandelt -ihn berhaupt so, da man sieht, es war nicht Liebe was sie zu ihm -fhlte, sie liebte sich nur selbst in ihm. -- Sie gebietet ihm fr immer -das Haus zu verlassen. Nun tritt Tschatzki vor; Moltschlin entflieht; -Tschatzki berhuft Sophie mit den bittersten Vorwrfen. -- Auf die -lauten Reden erscheint der Alte und glaubt an ein _Rendez-vous_, und in -seiner tragi-komischen Wuth droht er die Sache bis vor Senat und Kaiser -zu bringen. Tschatzki entfernt sich mit tiefgekrnktem Gefhl im Herzen -und beissendem Spott auf den Lippen; er fhlt, da seine Bildung ihn aus -diesem Kreise verbannt, und gekrnkt in seinen heiligsten Empfindungen -einer glhenden Liebe zu Sophien und seiner Vaterstadt, entflieht er -beiden. - - - - - Anmerkung des bersetzers. - - -Die Schwierigkeit einer bersetzung des ganzen Stcks spiegelt sich -schon in der bersetzung der Worte des Titels ab. _Verstand schafft -Leiden_ ist wohl zu allgemein gesagt -- und das meinte Gribojdoff -eigentlich nicht. Man knnte bersetzen: _Die Leiden der Bildung_ oder -_Bildung und Leiden, Verstand und Leiden_; -- meinem Ohr gefiel noch am -besten: _Verstand schafft Leiden. Kummer von Verstand_,[2] wie Schneider -in der bersetzung in Prosa sagt, klang mir unertrglich. - -[Funote 2: C. v. Knorring bersetzte: _Leiden durch Bildung_.] - - - Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig. - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - -Die Schreibweise des Originales, auch der Personennamen (mit und ohne -Akzente), wurde weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler -wurden stillschweigend korrigert. - - - - - -End of Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSTAND SCHAFFT LEIDEN *** - -***** This file should be named 59773-8.txt or 59773-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/9/7/7/59773/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from scanned images of public domain material -from the Google Books project. - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. 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Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/59773-h/59773-h.htm b/59773-h/59773-h.htm index 780e976..fcb6158 100644 --- a/59773-h/59773-h.htm +++ b/59773-h/59773-h.htm @@ -137,45 +137,7 @@ a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: in <body> -<pre> - -Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Verstand schafft Leiden - Schauspiel in vier Akten - -Author: Alexander Gribojedow - -Translator: Georg Julius von Schultz - -Release Date: June 17, 2019 [EBook #59773] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSTAND SCHAFFT LEIDEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from scanned images of public domain material -from the Google Books project. - - - - - - -</pre> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59773 ***</div> <div class="frontmatter chapter"> @@ -10631,380 +10593,7 @@ stillschweigend korrigert. -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSTAND SCHAFFT LEIDEN *** - -***** This file should be named 59773-h.htm or 59773-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/9/7/7/59773/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from scanned images of public domain material -from the Google Books project. - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. 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Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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