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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59773 ***
+
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+ Verstand schafft Leiden.
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+ [[Kyrillisch: Gore ot` uma.]]
+
+ Schauspiel in vier Akten
+ und
+ in Versen nach dem Russischen des Gribojädoff metrisch übertragen
+ von
+ Dr. Bertram.
+
+
+ Den Bühnen gegenüber als Manuscript zu betrachten.
+
+
+ Leipzig,
+ In Commission bei F. A. Brockhaus.
+ 1853.
+
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+
+
+ Personen.
+
+
+ FÁMUSSOFF, Chef einer Kronsbehörde.
+ SOPHIE, dessen Tochter.
+ TSCHÁTZKI, ihr Jugendfreund.
+ MOLTSCHÁLIN, Fámussoff's Sekretair und in dessen Hause wohnend.
+ LISETTE, Sophiens Kammermädchen und Vertraute.
+ Oberst SCALOSÚB.
+ PLATÓN GÓRITSCHEFF.
+ NATALIE, dessen junge Frau.
+ REPETÍLOFF.
+ SAGORÉTZKI.
+ MAD. CHLESTOW, Fámussoff's Schwägerin.
+ Die Gräfin CHRUMIN.
+ Deren Enkelin, eine unverheirathete Dame.
+ Fürst TUGOÚCHOFFSKI.
+ Die Fürstin, dessen Gemahlin.
+ Die erste }
+ zweite }
+ dritte }
+ vierte } Fürstin Tochter.
+ fünfte }
+ sechste }
+ Herr N.
+ Herr D.
+ Gäste beiderlei Geschlechts, Diener, Lakeien &c.
+
+ Das Stück spielt in Moscau, im Hause Fámussoff's, etwa zehn Jahre
+ nach dem französischen Kriege.
+
+
+
+
+ Requisite bei der Aufführung.
+
+
+ Erster Akt.
+
+Eine Spieluhr; ein Flöten- und Clavierspieler hinter der Scene. Ein
+Leuchter mit einem brennenden Wachslicht. Eine Mappe (für Moltschálin).
+
+
+ Zweiter Akt.
+
+Ein Ofen mit hoher Spalte und einer kleinen Abstufung (auf welche
+Fámussoff hinaufsteigen will). Ein Buch (Kalender) für den Diener. Ein
+Glas Wasser. Ein schwarzes Tuch für Moltschálins Arm.
+
+
+ Dritter Akt.
+
+Ein Theaterbillet für Sagorétzki. Eine Karte für Moltschálin.
+
+
+ Vierter Akt.
+
+Pelze, Überschuhe, allerlei Tücher und Kappen. Brennende Lichter.
+Laternen.
+
+
+
+
+ Erster Akt.
+
+
+ Saal mit einer Mittel- und einer Seitenthür, die zu Sophiens
+ Zimmer führt. Neben der Mittelthür steht eine hohe Wanduhr. Man
+ hört anfänglich die Töne einer Flöte und eines Klaviers. Es ist
+ früher Morgen.
+
+
+ Erste Scene.
+
+ LISETTE
+
+ (ist mitten im Zimmer auf einem Stuhl eingeschlafen. Sie erwacht,
+ steht auf und sieht sich erstaunt um).
+
+ Es tagt? Wie schnell ist doch die Nacht vergangen!
+ Ich wollt zu Bett gehn gestern Abend -- Nein!
+ Es hieß -- Die Augen auf und schlafe ja nicht ein!
+ »_Der Freund kommt her_,« erhalt dich munter,
+ Und fielst du auch vom Stuhl herunter!
+ Nun schlief ich eben ein, da fängt es an zu tagen; --
+ Ich muß es ihnen gleich nur sagen,
+ Die merken es sonst nie!
+
+ (Sie klopft an die Seitenthür.)
+
+ Nun meine Gnädigsten?! -- Fräulein Sophie!
+ Ihr Abend dauert bis zum hellen, lichten Tage;
+ Ums Himmelswill'n, so hören Sie doch was ich sage!
+ Mein Fräulein! Herr Moltschálin! Sind Sie taub?
+
+ (Sie geht von der Thür weg.)
+
+ Die haben jede Furcht vergessen!
+ Nun wartet nur, ich glaube fast
+ Der Alte kommt noch her als ungebetner Gast.
+ _Das_ ist ein Dienst bei Fräulein -- bei verliebten!![1]
+
+[Fußnote 1: Bis dahin muß die Musik immer zu hören sein.]
+
+ (Sie geht wieder zur Thür.)
+
+ So trennen Sie sich doch! -- Es ist ja Morgens früh!
+ Wie?
+
+ SOPHIE (hinter der Scene).
+
+ Wie viel Uhr ist's?
+
+ LISETTE.
+
+ Das ganze Haus erwacht.
+
+ SOPHIE (wie oben).
+
+ Wie viel Uhr ist's?
+
+ LISETTE.
+
+ Sechs, sieben, acht!
+
+ SOPHIE (wie oben).
+
+ Das ist nicht wahr!
+
+ LISETTE.
+
+ O Amor, du verwünschter Wicht!
+ Es ist doch klar,
+ Sie hören mich und können
+ Noch immer sich nicht trennen!
+ Und warum öffnen sie die Laden nicht?
+
+ (Sie wendet sich zur Uhr.)
+
+ Ich stell den Zeiger vor; ich weiß, es giebt Verdruß,
+ Allein ich muß!
+ Ich lasse alle Glocken spielen,
+ Denn wer nicht hören will -- muß fühlen!
+
+ (Sie steigt auf einen Stuhl und stellt die Wanduhr, die zu spielen
+ anfängt.)
+
+
+ Zweite Scene.
+
+ LISETTE und FAMUSSOFF (im Schlafrock, tritt durch die Mittelthür
+ ein, Lisette erschrickt und springt vom Stuhl herunter).
+
+ LISETTE.
+
+ O je, der Herr!
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Der Herr, nun ja!
+ Du Naseweis -- was machst Du da?
+
+ (Er hält das Glockenspiel an.)
+
+ Ich konnte den Spektakel nicht begreifen;
+ Das war ein Klingeln und ein Pfeifen!
+ Sophie -- die konnt's so früh nicht sein;
+ Bald klang's wie ein Klavier und bald wie eine Flöte.
+ Das fiel mir wirklich gar nicht ein,
+ Daß Du es seist, Du kleine Kröte.
+
+ LISETTE.
+
+ Ich weiß nicht recht, wie es geschehn --
+ Ich kam daran ganz aus Versehn.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ganz aus Versehn? -- Vor euch nehm' man sich nur in Acht.
+ Du that'st es sicher mit Bedacht.
+
+ (Er schäkert mit ihr.)
+
+ Du kleiner netter Schelm!
+
+ LISETTE.
+
+ Ein Schelm sind Sie! Ich will das nicht!
+ Steht Ihnen das wohl zu Gesicht?
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ O Tugendheldin, sei kein Kind!
+ Du hast im Kopf doch nichts als Wind.
+
+ LISETTE.
+
+ Windbeutel selbst! Sie denken nicht daran,
+ Daß Sie ein alter Mann.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Nun, ja,
+ Beinah'!
+
+ LISETTE.
+
+ Und dann
+ Kommt wer, was fängt man an?
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Wer denn? Sophie schläft.
+
+ LISETTE.
+
+ Erst eben schlief sie ein.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Erst eben? Und die Nacht?
+
+ LISETTE.
+
+ Das Fräulein las, und hat gewacht.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Nun sieh' mal was das für Manieren!
+
+ LISETTE.
+
+ Französisch las sie laut bei festgeschlossnen Thüren.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Sag ihr, sie soll sich nicht die Augen ruiniren.
+ Vom Lesen, muß ich frei gestehn,
+ Kann ich nicht großen Nutzen sehn:
+ _Ihr_ raubt den Schlummer die _französische_ Lectüre
+ Und mich -- mich schläfert's fürchterlich,
+ Sobald ich nur ein russisch Buch berühre.
+
+ LISETTE.
+
+ Wenn sie erwacht, sag' ich's Fräulein Sophie,
+ Doch jetzo, bitt' ich, gehen Sie!
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Warum?
+
+ LISETTE.
+
+ Sie wecken sie.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Wodurch sollt' ich sie wecken?
+ Selbst läutet sie wahrhaftig zum Erschrecken
+ Mit ihrer Uhr, und trommelt aus der Ruh'
+ Die ganze Nachbarschaft mit ihrer Symphonie!
+
+ LISETTE (sehr laut).
+
+ Ach hören Sie doch auf, ich bitte Sie!
+
+ FAMUSSOFF (hält ihr den Mund zu).
+
+ Still doch, so schrei nicht, bist Du ganz von Sinnen?
+
+ LISETTE.
+
+ Ich fürcht', wenn Sie noch länger bleiben, daß --
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Und was?
+
+ LISETTE.
+
+ Ach Herr, Sie wissen's doch, Sie sind kein Kind --
+ Wie leicht erweckt die jungen Mädchen sind,
+ Kaum geht die Thür, kaum flüstert man ein Wort,
+ Gleich ist der süße Morgenschlummer fort.
+ Und Alles hören sie.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ach, Alles dummes Zeug!
+
+ SOPHIE (hinter der Scene).
+
+ Lisette!
+
+ LISETTE.
+
+ Gleich, mein Fräulein, gleich.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ St! (schleicht auf den Zehen fort.)
+
+ LISETTE (allein).
+
+ Ach Gott, von unsern Herrn
+ Halt' man am besten sich recht fern!
+ In jedem Augenblick ist man gewiß gewärtig,
+ Daß gleich ein neues Unglück fertig;
+ O wenn man doch von diesen beiden
+ Den größten Leiden
+ Verschont nur bliebe:
+ Von Herrenzorn und Herrenliebe!
+
+
+ Dritte Scene.
+
+ LISETTE. SOPHIE (tritt mit einem Licht aus ihrem Zimmer) MOLTSCHÁLIN
+ (folgt ihr).
+
+ SOPHIE.
+
+ Lisette, welch ein Lärm! was fällt Dir ein?
+
+ LISETTE.
+
+ Die Trennung scheint recht schwer zu sein,
+ Verschlossen bis zum Tag, und doch nicht zur Genüge!
+
+ SOPHIE.
+
+ Wahrhaftig, es ist Tag!
+
+ (Sie löscht das Licht aus) Der Tag
+ Erschien -- und auch der Kummer! -- -- -- ach!
+ Wie doch die Nächte schnell vergehn!
+
+ LISETTE.
+
+ Nur zu, Sie mögen sich beklagen,
+ Allein, das muß ich Ihnen sagen,
+ Für einen Dritten ists nicht auszustehn!
+ Der alte Herr war da
+ Und ich war einer Ohnmacht nah,
+ Ich wandt' mich hin und her
+ Und log ihm vor die Kreuz und Quer.
+ (Zu Moltschalin) Und Sie, was bleiben Sie denn noch?
+ So machen Sie Ihren Bückling doch
+ Nur schnelle!
+ Das Herz steht nicht an rechter Stelle!
+ So sehn Sie nach der Uhr! Sie glauben, daß ich spaße!
+ Die ganze Welt ist längst schon auf der Straße!
+ Im Haus ist Alles schon erwacht,
+ Man fegt, in Ordnung wird das Haus gebracht,
+ Und Sie, Sie stehn noch da wie angebunden!
+
+ SOPHIE.
+
+ Ach Glückliche -- -- die zählen nicht die Stunden!
+
+ LISETTE.
+
+ Nur immer zu! Ei sicherlich
+ Ist's angenehm, die Zeit sich zu versüßen;
+ Allein wer anders wohl als ich
+ Wird noch zuletzt für Alles büßen?
+
+ SOPHIE (zu Moltschálin).
+
+ So gehen Sie, wir müssen scheiden
+ Und einen ganzen Tag voll Langerweile leiden.
+
+ LISETTE.
+
+ So lassen Sie die Hände doch nur fahren!
+ (sie trennt sie) Nun endlich, -- laß uns Gott bewahren!
+
+ (Moltschálin geht ab; wie er bei der Mittelthür ist, öffnet sie sich
+ und Famussoff tritt angekleidet herein, er bleibt stehn und sieht
+ Moltschálin verwundert an.)
+
+
+ Vierte Scene.
+
+ DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Was tausend ist denn das? Sind Sie es wirklich?
+
+ MOLTSCHÁLIN (sehr verlegen).
+
+ Ja!
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Zu dieser Stunde hier?
+ (erblickt Sophie) Und auch Sophie? Ei guten Morgen
+ Sophie, Du bist auch da?
+ Was hast Du hier zu sorgen?
+ Wie hat Euch Gott zu dieser Stunde
+ So wunderlich zusammen hier gebracht?
+
+ SOPHIE.
+
+ Er kam herein in diesem Augenblick --
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Von einer Promenade erst zurück
+ Trat eben ich ins Haus.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Freund, hören Sie, es könnt nicht schaden,
+ Sie suchten sich zu Morgenpromenaden
+ Ein andres Gäßchen aus! --
+ Ei, Fräulein Tochter, ei, kaum aus dem Bett gesprungen
+ Zusammen gleich mit einem Herrn,
+ Mit einem jungen!
+ Sag, schickt sich das für Mädchen wohl von fern?
+ Des Nachts liest Du Romane und Gedichte,
+ Und das sind nun die saubern Früchte!
+ Das Alles nur kommt von der Schmiedebrücke
+ Und von den ewigen Franzosen her.
+ Da holen wir uns Moden, Musen, Dichter
+ Und ähnliches Gelichter,
+ Und drum ist Herz und Beutel leer!
+ Wann wird der Himmel uns erretten
+ Von ihren Hüten, Hauben, Ketten --
+ Von ihren Salben und Pomaden
+ Und den Bisquit und Bücherladen!!
+
+ SOPHIE.
+
+ Verzeihen Sie --! Ich bin schon ganz benommen,
+ Und kann vor Ueberraschung nicht zu Athem kommen.
+ Sie traten ja so rasch und plötzlich ein --
+ Wie sollt' ich nicht erschrocken sein?
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ich danke ganz gehorsamst! -- Ei wie fein!
+ Ich lief, ich hab' erschreckt, ich kam so plötzlich!
+ Nicht wahr, das war von mir entsetzlich?
+ Ich, Fräulein Tochter, hab' den ganzen Tag zu thun,
+ Da ist kein Rasten und kein Ruh'n;
+ Der Kopf ist mir vom Dienste wie benommen,
+ Es ist ein ew'ges Gehn und Kommen,
+ Und ich -- auf dem schon Alles liegt,
+ Konnt ich erwarten, daß man mich betrügt?
+
+ SOPHIE (in Thränen).
+
+ Wie so mein Vater?
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Nicht geweint!
+ Gieb Acht, was ich Dir sage; freilich meint
+ Man immer, daß ich ohne Ursach schelte,
+ Doch, hör' mich an, wenn ich Dir noch was gelte;
+ Man that von deiner Wiege an
+ Für Dich, was man nur irgend kann. --
+ Die Mutter starb; ich hatt' die glückliche Idee
+ Und nahm in der Madame Rosier
+ Dir eine zweite Mutter dann
+ Für eine starke Gage an.
+ Die goldene Alte -- folgte deinen Tritten --
+ Klug war sie, sanft, von tadellosen Sitten; --
+ -- Wenn Eins nur nicht gewesen wär'!
+ Eins habe ich ihr sehr verdacht:
+ Durch nur fünfhundert Rubel jährlich mehr
+ Ward sie uns abspenstig gemacht! --
+ Doch lassen wir Madam' -- an der da lag es nicht.
+ Was brauchst Du anderer Exempel?
+ Mein Haus gleicht einem Tugendtempel,
+ Des Vaters Beispiel lehrt Dir Pflicht!
+ Da -- schau mich einmal an!
+ Ich sage nicht, ich sei ein junger Mann
+ An Jahren, --
+ Doch bin ich frisch bei meinen grauen Haaren,
+ Dazu bin ich doch Wittwer, bin doch frei,
+ Herr meiner Handlungen dabei!
+ Und dennoch leb' ich so, daß jeder, der mich kennt,
+ Mein Leben exemplarisch nennt.
+
+ LISETTE.
+
+ Doch dürft' ich fragen, Herr, wie's -- --
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Schweig'!
+ Ein schreckliches Jahrhundert! -- --
+ Allein -- was ist man so verwundert,
+ Daß Alles altklug jetzt und weise vor den Jahren,
+ Und unsere Töchter ganz voran,
+ So daß man sie vor Thorheit und Gefahren
+ Mit Müh' und Noth kaum schützen kann.
+ Wir Einfaltspinsel!
+ Wir haben selbst das Unglück uns gebracht,
+ Ja! -- Die Manie zum fränkischen Gewinsel,
+ Die fremden Sprachen haben das gemacht.
+ Landstreicher nimmt man heutzutag ins Haus --
+ Die Herrchen sollen Alles lehren
+ Dem Töchterchen -- Tanz und Gesang,
+ Mit Seufzern und mit Seelendrang
+ Und Ziererei -- --
+ Gott steh uns bei!
+ Man möchte schwören,
+ Daß wir sie auferziehen traun!
+ Zu nichts als zu Seiltänzer-Fraun.
+
+ (Er wendet sich zu Moltschálin.)
+
+ Und nun zu Ihnen, junger Fant: --
+ So also wird die Güte anerkannt?
+ Ein schöner Dank!
+ Bedenken Sie doch Ihren Lebenslauf!
+ Wer hob Sie aus dem Plebs herauf?
+ Wer schaffte Ihnen den Assessorrang?
+ Wer machte Sie zum Secretair?
+ Wer führte Sie nach Moskau über?
+ Ich war's -- und ohne mich, mein Lieber,
+ Versauert wären Sie in Ihrem Twer!
+
+ SOPHIE.
+
+ Wozu, mein Vater, zählen Sie das her?
+ Wozu der Streit --
+ Um eine Kleinigkeit?
+ Moltschálin wohnt im Hause hier --
+ Er tritt herein und irrt sich in der Thür.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Er irrt' sich, oder wollte er sich irren?
+ Wie aber kam'st denn Du zu gleicher Zeit herein?
+ Das kann nicht bloßer Zufall sein.
+
+ SOPHIE.
+
+ Sie sollen das sogleich erfahren:
+ Als Sie hier erst mit Lisa waren
+ Hat Ihr Gespräch mich aus dem Schlaf erweckt,
+ Und darum rannt' ich her, ganz ungemein erschreckt.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Am Ende kommt's heraus, daß mir die Schuld gehört,
+ Ich habe sie, wie's scheint, zur Unzeit hier gestört!
+
+ SOPHIE.
+
+ Die größte Kleinigkeit, ein Wort -- geflüstert kaum --
+ Kann aus unruh'gem Schlaf mich wecken;
+ Wenn ich erzählte meinen Traum,
+ Verständen Sie auch meinen Schrecken.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ein neu Histörchen?
+
+ SOPHIE.
+
+ Was ich sah'
+ Im Traum, soll ich's erzählen?
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Nun, ja, ja! (er setzt sich.)
+
+ SOPHIE.
+
+ Ja -- sehen Sie -- ich stand von Blumen rings umblüht
+ Auf einer Flur -- und war bemüht
+ Ein Kraut zu suchen; -- müht' mich sehr --
+ Doch welch ein Kraut es war, das weiß ich jetzt nicht mehr;
+ Da, -- plötzlich -- tritt ein junger Mann
+ Zu mir heran!
+ Ganz offenbar gehörte er zu Denen,
+ An die wir uns beim ersten Blick gewöhnen,
+ Und so -- als wären wir von Ewigkeit bekannt.
+ Wir wurden ganz vertraut, -- er war gewandt,
+ Einschmeichelnd, und er zeigte viel Verstand,
+ Doch war er schüchtern -- -- wie -- Sie wissen alle sind
+ Die arm geboren.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Halt mein Kind,
+ Um's Himmelswill'n geh weiter nicht,
+ Für Dich passt doch kein armer Wicht!
+
+ SOPHIE.
+
+ Doch schnell war Himmel, so wie Flur verschwunden;
+ Wir haben plötzlich uns
+ In einem dunklen Raum gefunden,
+ Und denken Sie, wie wunderbar!
+ Der Boden öffnet sich -- und Sie mit struppigem Haar,
+ Blaß wie der Tod -- Sie steigen draus empor.
+ Nun riß sich donnernd auf ein Thor,
+ Und Ungeheuer, weder Mensch noch Thier,
+ Ergriffen ihn, der neben mir.
+ Sie quälten ihn, der all mein Lebensglück --
+ Ich will zu ihm -- sie halten mich zurück --
+ Geschrei und Röcheln, wie ein Höllenchor
+ Trifft mit Gewalt mein banges Ohr --
+ Er ruft mir aus der Weite -- fern,
+ Ich will zu ihm so gern, so gern -- --
+ Da wach' ich auf! man spricht -- es waren Sie!
+ Wie -- denke ich -- der Vater hier so früh?
+ Ich eile her und find' Sie alle beide. --
+
+ FAMUSSOFF (nach einer kurzen Pause).
+
+ Ja freilich, dieser Traum war schlecht;
+ Da ist so allerlei, betrachtet man ihn recht,
+ Ein bischen Lüge, ohne Zweifel
+ Und Liebe, Blumen, Schreck und Teufel!
+ (Zu Moltschalin) Doch Sie Mosje?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ich hörte Ihre Stimme, -- --
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Nun das ist gut! -- --
+ Was doch so eine Stimme thut!
+ Sie haben Alle sie gehört
+ Und sind vor Tagesanbruch aufgestört,
+ Sie suchten also mich? Was kann Sie zu mir führen?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ich komme mit Papieren. --
+
+ FAMUSSOFF (springt auf).
+
+ Dacht' ich's doch,
+ Das fehlte mir gerade noch!
+ Mein Gott, Sie sind ja wie versessen
+ Mit Einemmal auf Schreiberein?
+
+ (Zu Sophie.)
+
+ Nun, Töchterchen, wir wollen das vergessen!
+ Zwar können Träume seltsam sein,
+ Doch in der Wirklichkeit hört man von Dingen,
+ Die oft viel seltsamer noch klingen,
+ Als das, was uns im Traum erscheint.
+ Statt eines Kräutleins fand'st Du einen Freund,
+ Doch schlage Dir das dumme Zeug
+ Nur aus dem Sinne gleich.
+ Das Wunderliche hat nur selten Sinn,
+ Drum geh' hinein und leg' Dich wieder hin.
+
+ (Zu Moltschálin.)
+
+ Wir wollen gehn
+ Um die Papiere durchzusehn.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ich bracht' sie eben dazu her,
+ Denn sie bedürfen dessen sehr:
+ Sie widersprechen sich und sind nicht in der Form.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Herr Sekretair -- das nehmen Sie zur Norm:
+ Eins fürcht' ich wie die Pest --
+ Wenn man sich Schriften häufen läßt.
+ Doch würdet Ihr nur Euren Willen haben,
+ Man säße in Papier begraben.
+ Drum merken Sie sich dieses Wort:
+ Was unterzeichnet ist, muß fort!
+ Ob's richtig, ob es falsch auch sei,
+ Mir einerlei! --
+
+ (Gehen ab, an der Thür läßt Famussoff den Moltschálin vorangehen).
+
+
+ Fünfte Scene.
+
+ SOPHIE. LISETTE.
+
+ LISETTE.
+
+ Da haben Sie's! Das sind die Früchte!
+ Nun, eine saubere Geschichte!
+ Doch Scherz bei Seit', das war' nicht gut,
+ Ich bin ganz hin und mir ist schlecht zu Muth.
+ Ein Fehler ist ja doch nicht »alle Welt« --
+ Doch schlimm ist's, wenn die Leute davon reden.
+
+ SOPHIE.
+
+ Mir einerlei, frei steht das einem jeden,
+ Und schwatzen mag er, wie es ihm gefällt.
+ Allein, der Vater wird uns was zu schaffen machen;
+ Er ist so heftig und so rauh in solchen Sachen,
+ Und so war's immer,
+ Allein von jetzt an wird's gewiß noch täglich schlimmer.
+
+ LISETTE.
+
+ Ich seh's ja; es ist Gott zu klagen!
+ Ich urtheil' nicht nach Hörensagen;
+ Drum -- denken wir an alle Fälle:
+ Sperrt er Sie ein und bleib' ich nur zur Stelle,
+ So steht die Sache immer noch ganz gut,
+ Doch, Gott bewahr', wollt' er in seiner Wuth
+ Mich und Moltschálin aus dem Hause jagen
+ Dann wären Sie doch wirklich zu beklagen!
+
+ SOPHIE.
+
+ Sieh', ist das Schicksal nicht voll Eigensinn!
+ Was Schlimmres geht uns oft so hin,
+ Und schlimm geht's wo wir gar nichts ahnen!
+ Sanft floß die Zeit in dem Genuß der Kunst,
+ Wir standen -- schien's -- beim Schicksal recht in Gunst,
+ Nicht Bangen noch Besorgniß fühlten wir,
+ Und sieh' -- das Unglück saß schon vor der Thür!
+
+ LISETTE.
+
+ Das kommt davon! -- Sie haben leider nie
+ Auf mich gehört und nun -- nun sehen Sie! --
+ Was braucht es besserer Propheten?
+ Sie müssen dies Gefühl in Ihrem Herzen tödten.
+ Ich sage Ihnen: hier auf Erden
+ Wird draus in Ewigkeit nichts werden!
+ Ihr Vater ist gerade so gesinnt
+ Wie's Alle hier in Moskau sind:
+ Zum Schwiegersohne hätt' er einen gern
+ Mit hohem Rang und Ordensstern;
+ Doch trotz der Sterne und der Ränge
+ Ist mancher dennoch in der Enge,
+ Drum sucht er Ihnen auch noch einen reichen Mann,
+ Der Aufwand macht und Bälle geben kann;
+ Zum Beispiel: Scalosub gehört zu dieser Zahl --
+ Ein Sack mit Gold gefüllt und nächstens General.
+
+ SOPHIE.
+
+ Das wäre schön! Ein solcher fehlt mir g'rade!
+ Er kennt ja nichts als Reih'n und Fronten und Parade.
+ So ein Kamaschenheld!
+ Aus seinem Mund, so lang er auf der Welt
+ Kam nie ein kluges Wort;
+ Geh' mir mit Deinem Oberst fort!
+ Ins Wasser springen -- ihn zum Ehgemahl,
+ Das wär' mir beides gleich fatal.
+
+ LISETTE.
+
+ Nun ja, er schwatzt und hat das Pulver nicht erfunden,
+ Doch sagen Sie mir unumwunden:
+ Wer hier wohl von Civil und Militair
+ Beredter, witziger und feiner wär
+ Als Tschatzki -- nun -- ich wollte Sie nicht necken --
+ Das ist nun längst vorbei, Gott weiß, wo er mag stecken --
+ Doch die Erinnerung -- --
+
+ SOPHIE.
+
+ Oh, ich erinnere mich:
+ Die Leute zu verspotten wußt' er meisterlich!
+ Er amüsirte mich -- er wußte Spaß zu machen;
+ Mit jedem kann man ja zusammen lachen.
+
+ LISETTE.
+
+ Nur lachen? Ach, als er hier Abschied nahm,
+ Schwamm er in Thränen ganz, als er von Ihnen kam.
+ Ich sprach ihm zu: Was weinen Sie denn so?
+ Sie reisen doch und sind nicht froh!
+ »Ich weine, Lischen, nicht umsonst« sprach er,
+ »Die Trennung fällt mir, ach, so schwer!
+ »Kehr ich zurück, was steht mir dann bevor,
+ »Wer weiß zu sagen wohl, was ich alsdann verlor!«
+ Der arme Herr, ihm ahnt', daß in drei Jahren -- -- --
+
+ SOPHIE.
+
+ Du könntest besser Deine Zunge wahren!
+ Ich geb' es zu, daß ich vielleicht
+ Ihn allzuschnell vergessen;
+ Leicht handelt' ich -- indessen
+ Sag mir frei,
+ Wem brach ich je die Treu'?
+ Mit Tschatzki -- freilich -- bin ich auferzogen,
+ Wir waren uns als Kinder recht gewogen,
+ Beisammen stets, zu allen Stunden,
+ Und durch Gewohnheit schon verbunden.
+ Doch später endete der Frieden,
+ Es kam mir vor, als hätt' er uns gemieden.
+ Es schien ihm hier nicht zu behagen,
+ Und selten kam er noch ins Haus --
+ Dann kam er plötzlich wieder -- führte Klagen
+ Und sah verliebt und melancholisch aus.
+ Er war von Witz und Schwermuth die Vereinung,
+ Und scharf war für die Schwächen Anderer sein Blick;
+ Doch hatt' er in der Freundschaft sehr viel Glück
+ Und drum von sich die höchste Meinung.
+ Und wie veränderlich war nicht sein Sinn!
+ Die Lust zu reisen riß ihn plötzlich hin.
+ Ach, wer uns wirklich liebt, der sucht nicht weiter Geist
+ Und bleibt so lang nicht fort!
+
+ LISETTE.
+
+ Wo ist er hingereist?
+ In welchem Land, an welchem Ort?
+ Man sagte er curirt sich auf den Wässern;
+ Krank ist er nicht --
+ Er mögte wohl die Laune sich verbessern.
+
+ SOPHIE.
+
+ Gewiß, dort ist er froh, wo Lächerliche sind!
+ Der, den ich liebe, ist nicht so gesinnt;
+ Der opfert sich für Andere mit Freuden,
+ Stets artig ist er, stets bescheiden.
+ Respectvoll ist er, niemals kühn --
+ Verwegen sah ich niemals ihn.
+ Er nimmt die Hand mir, drückt sie dann und wann
+ An's volle Herz;
+ Dann seufzt er, recht aus tiefster Seele --
+ Allein kein freier Scherz
+ Kommt über seine Lippen. -- Ich erzähle
+ Die Wahrheit Dir; wir sitzen Hand in Hand
+ Und blicken uns ins Auge unverwandt.
+ (Lisette lacht) Du lachst! warum? Sag', welch ein Grund
+ Ist hier, aus vollem Halse so zu lachen?
+
+ LISETTE.
+
+ Ach Gott, das Lachen ist gesund;
+ Ich lachte über andre Sachen:
+ An Ihre Tante hab' ich grad gedacht,
+ Und über sie hab' ich gelacht:
+ Der Schmerz der Guten war so tief,
+ Als der Franzose von ihr lief;
+ Das Täubchen wollte vor Verzweiflung sterben,
+ Ihr Haar zu färben
+ Vergaß sogar die arme Frau
+ Und in drei Tagen -- war sie grau!
+
+ (Sie lacht.)
+
+ SOPHIE (verdrießlich).
+
+ Solch dummes Zeug wird man von mir auch sagen!
+
+ LISETTE.
+
+ Verzeihen Sie, das wird wohl Niemand wagen,
+ Ich hatte mir nur vorgenommen
+ Nach so viel ärgerlichen Dingen
+ Zum Lachen etwas Sie zu bringen.
+
+
+ Sechste Scene.
+
+ DIE VORIGEN. EIN DIENER.
+
+ DIENER.
+
+ Herr Tschatzki ist so eben angekommen.
+
+ (Ab.)
+
+
+ Siebente Scene.
+
+ DIE VORIGEN. TSCHATZKI.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Kaum tagt's -- und ich bin da und lieg' zu Ihren Füßen!
+
+ (Küßt ihr die Hand mit Feuer.)
+
+ Was giebt's? Sie wollen mich nicht wieder küssen? --
+ Sie haben mich erwartet? Nicht?
+ Sind sie erfreut? -- Ach nein! -- Sehn Sie mir ins Gesicht!
+ Sie sind verwirrt! -- Nichts mehr? -- Welch ein Empfang?
+ Als ob die Trennung keine Woche lang!
+ Als ob wir gestern uns zu zweien
+ Auf's schrecklichste gelangweilt hätten.
+ Kein Fünkchen Liebe, wie? Und ich -- der hundert Meilen
+ Durchflog in Sturm und Wetter ohne Weilen --
+ Ich, voller Sehnsucht und mit Herzensbeben --
+ Ich stürme her auf Tod und Leben --
+ Wie oft warf nicht der Schlitten mit mir um --
+ Nicht schloß mein Auge sich in fünf und vierzig Stunden,
+ Und _die_ Belohnung hat mein Heldenmuth gefunden!
+
+ SOPHIE.
+
+ Ach Tschatzki, wie mich's freut, Sie wieder hier zu sehn!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Sie sind erfreut? Ei das ist schön!
+ Doch muß ich aufrichtig gestehn:
+ Die Freude pflegt wohl anders auszusehn!
+ Mir scheint es fast zuletzt,
+ Als ob mein Jagen
+ Und Pferd- und Leute-Plagen
+ Mich wohl nur ganz allein ergötzt!
+
+ LISETTE.
+
+ Wenn Sie gelauscht doch an der Thür --
+ Bei Gott, vor fünf Minuten sprachen wir
+ Von Ihnen noch! Das Fräulein wird es sagen!
+ Nicht wahr? Hier sprachen wir, in diesem Zimmer?
+
+ SOPHIE (ironisch).
+
+ Und nicht nur jetzt, nein -- immer!
+ Sie haben keinen Grund zu klagen,
+ Denn Niemand konnt' vom Ausland kommen,
+ Den ich um Nachricht nicht befragt:
+ Ob er von Ihnen nichts vernommen?
+ Doch Niemand hat mir was gesagt.
+ Wer nur besuchte unser Haus,
+ Selbst Weltumsegler fragt' ich aus,
+ Ob man Sie nicht gesehen hätte
+ In -- irgend einer Postcarette!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Schon gut, es mag drum sein!
+ Beglückt wer glaubt, ihm geht es wohl auf Erden! --
+ Mein Gott! So ist es wahr, daß ich zurück!
+ Daß ich durchflog so weite Räume!
+ Daß ich Sie fand, doch nicht den alten Blick
+ Aus jener Zeit der Jugendträume?
+ Wo sind die Stunden hin, wo wir noch spielten
+ Und nichts als Lust im Busen fühlten!!
+ Hier pflegten wir uns zu verstecken,
+ Das war ein Lärmen, war ein Necken;
+ Wir sprangen über Stuhl und Bett --
+ Ihr Vater spielte dort Piquet
+ Mit Ihrer alten, guten Bonne,
+ Und in dem dunkeln Winkel -- hier --
+ Da saßen oft als frohe Kinder wir,
+ Und schreckten auf beim Knarren jeder Thür;
+ O Kinderzeit, o Zeit der Wonne!
+
+ SOPHIE.
+
+ Ja -- Kinderei'n!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ja, Zeiten die da waren!
+ Sie wuchsen auf! -- Mit siebzehn Jahren
+ Sind Sie jetzt unvergleichlich schön,
+ Und wissen es, das müssen Sie gestehn,
+ Und darum schau'n Sie sittsam Niemand an.
+ Sind Sie verliebt? Und wär's mein Tod,
+ O, sagen Sie es schnell! Sie werden roth?!
+
+ SOPHIE.
+
+ Wer würde nicht verlegen werden
+ Bei solchen Fragen und Geberden?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ So bitt' ich Sie, mir doch zu sagen:
+ Wonach sollt' ich in Moskau sonst wohl fragen?
+ Es herrscht doch stets das alte Einerlei;
+ Ein Ball ist heute, morgen zwei.
+ Der feiert Hochzeit, einem ist's gelungen --
+ Ein andrer hat sich einen Korb errungen.
+ Die alte, ewige Geschichte,
+ Und in den Stammbüchern die nämlichen Gedichte! --
+
+ SOPHIE.
+
+ Das arme Moskau! Ja, das kommt vom Reisen her!
+ Wo ist das Wunderland, wo es denn besser wär?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Wo wir _nicht_ sind! -- Ach sagen Sie mir doch:
+ Was macht Ihr Vater? Ist er noch
+ Dem Clubb, dem Englischen nach hies'gem Brauch
+ Stets treu ergeben bis zum letzten Hauch?
+ Und dann Ihr Ohm, sieht man ihn stets auf Bällen schweben?
+ Wie? Oder hat er endlich ausgetanzt?
+ Und Jener, nun, mit dem Zigeunerteint?
+ Ein Türke oder Griech' -- Sie wissen, wen ich meine --
+ Er hatte wie ein Storch, so schrecklich lange Beine --
+ Er war allüberall zu sehen
+ Auf Bällen und auf Assemblee'n,
+ Und ganz besonders immer
+ In jedem Speisezimmer? --
+ Und dann die drei Lion's vom Boulevard?
+ Die jungen Herrn seit funfzig Jahr!
+ Die Ueberreichen -- an Verwandten;
+ Ich glaube sicherlich,
+ Daß an der Million nur wen'ge fehlten,
+ Da sie, durch ihrer Schwestern Hülfe, sich
+ Verwandt mit ganz Europa zählten. --
+ Nun dann -- und unsere Theatersonne!
+ Der edle Mann, der keine höhere Wonne
+ Als Maskarad' und Schauspiel hat!
+ _Die_ Worte standen stets auf seiner Stirn geschrieben;
+ Wo ist der Treffliche geblieben?
+ Sein Haus war grün gemalt, wie ein Zigeunerlager,
+ Er war der größte Fettwanst in der Stadt,
+ Doch seine Künstler waren -- mager!
+ Auf einem Ball bei ihm, da stand,
+ Erinnern Sie's? verborgen hinter einer Wand
+ Ein Kerl dem er befohlen
+ Zu trillern und zu johlen
+ Wie eine Nachtigall;
+ Er sollt' uns von dem Ball
+ Wohl in den Lenz versetzen;
+ Ein herrliches Ergötzen!
+ Die Nachtigall, die Sängerin der Haine,
+ Auf einem Ball beim Lampenscheine!
+ Und Ihr schwindsücht'ger Vetter da, der Bücherfeind,
+ Der einst in dem gelehrten Comité erscheint
+ Und mit Geschrei und Eidschwur wollte,
+ Daß niemand lesen oder schreiben lernen sollte.
+ Die Alle soll ich wiedersehn!!
+ Die Plage ist kaum auszustehn. --
+ Doch Fehl und Flecken
+ Kann man bei jedem wohl entdecken,
+ Und wer nach Hause kehret, dem
+ Ist auch
+ Der Rauch
+ Der Heimath süß und angenehm.
+
+ SOPHIE.
+
+ Ich säh' Sie einmal gern mit meiner Tante
+ Um durchzuhecheln sämmtliche Bekannte.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Das Hoffräulein, noch aus Cathrina's Zeit,
+ Die ganz Minerva's Dienste sich geweiht!
+ Ich glaub' sie war in ihrem ganzen Leben
+ Von kleinen Mädchen nur und Möpsen rings umgeben.
+ Doch _à propos_! Wie ist denn jetzt die Lehrmethode?
+ Ist es noch immer Mode
+ Ein Regiment von Lehrern aufzuweisen,
+ An Zahl vollauf, doch billigst in den Preisen?
+ Und nicht, als ob sie viel grad' brauchten zu versteh'n:
+ Befohlen ist's -- bei hohen Strafen
+ Historiker und Geographen
+ In jedem hergelauf'nen Wicht zu sehn.
+ Erinnern Sie sich jenes Alten
+ Der unser Mentor war? Er pflegte so zu halten
+ Den Zeigefinger ausgereckt --
+ Fast einem Wegeweiser zu vergleichen,
+ und Rock und Käppchen der Gelahrtheit Zeichen!
+ Wie oft hat er als Kinder uns erschreckt!
+ Wie haben wir das oft vernommen,
+ Nur von dem Ausland könnt' das Heil uns kommen.
+ Wie sind wir überzeugt, wir armen Thoren,
+ Daß ohne Deutsche wir ganz rettungslos verloren!
+ Und der Franzose Guillaumé
+ Ganz Luft und Wind,
+ Knüpft er noch nicht das Band der Eh'
+ Mit irgend einem schönen Kind?
+
+ SOPHIE.
+
+ Mit wem?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Nun jede Fürstin, zum Exempel
+ Die gute Fürstin Julia
+ Ging' gern mit ihm in Hymens Tempel.
+
+ SOPHIE.
+
+ Tanzmeister ist er ja!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Und _Ritter_! Ja! -- Von uns verlangt die Welt
+ Geburt, Erziehung, Rang und Geld --
+ Doch Guillaumé ........
+ Wie ist der Ton denn heut zu Tage?
+ Herrscht noch das Sprachgewirr, die alte Ohrenplage?
+ Wird noch -- selbst auf der kleinsten Assemblee
+ Und von den Gästen
+ Bei Kirchweih-Festen
+ Französisch stets in Brocken aufgetischt?
+
+ SOPHIE (zerstreut).
+
+ Ein Sprachgewirr?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Zwei werden wenigstens gemischt.
+
+ LISETTE.
+
+ Nun, nun, es wär' doch schwer
+ Aus allen beiden Sprachen
+ Etwas zu machen,
+ Was Ihrer Sprache ähnlich wär'.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ei, schwülstig spreche ich doch nie? --
+ Da haben wir's -- da sehen Sie,
+ Ich nutze die Minuten!
+ Durch Ihren Anblick ganz in Gluthen
+ Kam ich in's tausendste hinein,
+ Und gleich läßt man mich schwatzhaft sein.
+ Doch weiß ich, daß es Zeiten gab
+ Wo ich verschlossen wie ein Grab,
+ Wo ich noch ärmer schien an Geist,
+ Als Ihres Vaters Secretair,
+ Moltschálin -- oder wie er heißt --
+ Das stille Männchen da aus Twer,
+ Der stets so artig und geschniegelt!
+ Hat er sein Schweigen endlich jetzt entsiegelt?
+ Wo er ein Heft mit neuen Liedchen fand,
+ War er gleich höflich bei der Hand --
+ Bat um Erlaubniß sie sich abzuschreiben;
+ Doch steigen freilich jetzt auch solcherlei Naturen,
+ Denn heut zu Tage liebt man stumme Creaturen.
+
+ SOPHIE (bei Seite).
+
+ O, diese Schlange!
+ (laut und gereizt) Ach, ich wollt' Sie fragen:
+ Ist's Ihnen wohl passirt, im Ernste oder Scherz
+ Von Jemand -- im Versehn -- was Gutes wohl zu sagen?
+ Wenn auch nicht jetzt, vielleicht in Ihrer Jugend?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Was weiß man da von Lastern und von Tugend?
+ Wozu so weit zurück? Ist es ein schlechter Zug,
+ Daß ich durch Sturm und Steppen, Tag und Nacht,
+ Selbst mit Gefahr des Lebens,
+ Zu Ihnen her den weiten Weg gemacht?
+ Und Alles, ach, vergebens! --
+ Wie sind Sie stolz und kalt!
+ Ich schau' Sie an seit einer halben Stunde --
+ Verloren in die liebliche Gestalt --
+ Und ach, nur stärker blutet meine Wunde!
+
+ (Kleine Pause.)
+
+ Erlauben Sie mir diese Frage:
+ Ist wirklich Alles beißend was ich sage?
+ Und können Sie den Vorwurf auf mich laden,
+ Als wollt' ich jemand dadurch schaden?
+ Wahrhaftig, wenn mein Mund vielleicht auch so gesprochen,
+ So hat mein Herz doch nichts verbrochen,
+ Das Wunderliche pfleg' ich zu belachen,
+ Doch werd' ich ein Geschäft daraus mir niemals machen!
+ Gebieten Sie ins Feuer mir zu gehn
+ Für Sie, -- mit Freuden soll's geschehn.
+
+ SOPHIE.
+
+ Nun gut, -- verbrennen Sie!
+ Doch wenn's mißlänge? -- wie?
+
+
+ Achte Scene.
+
+ DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.
+
+ FAMUSSOFF (in der Thür).
+
+ Da haben wir's, da steht der Zweite!
+
+ SOPHIE.
+
+ Ach Väterchen, der Traum von heute!
+
+ (Geht ab, Lisette folgt.)
+
+ FAMUSSOFF (bei Seite).
+
+ Verdammter Traum!
+
+
+ Neunte Scene.
+
+ FAMUSSOFF. TSCHATZKI (sieht Sophien nach).
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Nun sag', was hast Du denn getrieben?
+ Wie, in drei Jahren nicht ein Wort geschrieben,
+ Und plötzlich fällst Du wie vom Himmel nieder!
+
+ (Umarmt ihn.)
+
+ Nun, sei willkommen Freund, willkommen!
+ Du alter Junge, Du!
+ Jetzt haben wir Dich wieder!
+ Nun, Abentheuer konnten Dir nicht fehlen,
+ Da setze Dich, und nun mußt Du erzählen.
+
+ (Sie setzen sich.)
+
+ TSCHATZKI (nachdenklich).
+
+ Wie ist doch Ihre Tochter schön!
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ihr junges Volk wißt auf nichts anderes zu sehn,
+ Als darauf, ob die Mädchen schön.
+ Da hat sie etwas obenhin gesagt,
+ Was Deiner Eigenliebe gleich behagt;
+ Doch Hoffnung hat schon oft betrogen!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Mich hat sie wahrlich nicht verzogen.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Der Traum von heute -- sagte sie --
+ Und Du, Du grübelst nach, ich wette,
+ Was denn Sophie
+ Geträumt wohl hätte?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich grüble nicht, es fiel mir niemals ein,
+ Den Sinn von Träumen auszulegen.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Freund, traue nicht den Frauen!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Nur meinen Augen will ich trauen,
+ Und das muß offenherzig ich gestehn,
+ Das Fräulein ist ganz unvergleichlich schön!
+
+ FAMUSSOFF (bei Seite).
+
+ Er ist davon nicht abzubringen!
+ (laut) Doch sage mir vor allen Dingen:
+ Wo warst Du denn die ganze Zeit?
+ Drei Jahre fort, das will was heißen!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Unmöglich kann ich jetzt erzählen!
+ Die ganze Welt wollt' ich durchreisen
+ Und kam nicht tausend Stunden weit.
+
+ (Steht schnell auf.)
+
+ Ich muß jetzt fort -- durchaus --
+ Ich eilte her und war noch nicht zu Haus.
+ Nach einer Stunde komm' ich wieder,
+ Dann setzen wir uns traulich nieder,
+ An Abentheuern soll es dann nicht fehlen --
+ Sie können sie dann aller Welt erzählen.
+
+ (Im Abgehen zu Sophiens Zimmer gewendet:)
+
+ Wie ist sie schön!
+
+ (Ab.)
+
+
+ Zehnte Scene.
+
+ FAMUSSOFF (allein).
+
+ Wer ist's nun von den Zwei'n?
+ »Ach Väterchen, der Traum trifft ein,«
+ Und sagt's mir laut! Ei, ei, ich muß gestehn
+ Ich habe mich versehn!
+ Ich habe einen Bock geschossen,
+ Und auf Moltschálin meine Galle erst ergossen,
+ Doch jetzt heißt's: Aus dem Regen in die Traufe! --
+ _Der_ ist ein Bettler, _der_ als Seladon bekannt
+ Und als ein Muthwill und Verschwender
+ Bei Jung und Alt im ganzen Land! -- -- --
+ Was machen uns -- Herr du Gerechter! --
+ Für Plagen doch erwachs'ne Töchter!
+
+ (Bleibt nachdenklich stehn. Der Vorhang fällt.)
+
+ Ende des ersten Akts.
+
+
+
+
+ Zweiter Akt.
+
+
+ Ein Empfangzimmer mit mehreren Thüren, links ein Fenster.
+
+
+ Erste Scene.
+
+ FAMUSSOFF. EIN DIENER.
+
+ (Die Mittelthür wird von einem vorangehenden Diener rasch geöffnet
+ und Famussoff tritt, elegant gekleidet, herein; an der Thür
+ bleibt er etwas stehen, um den Diener zu mustern.)
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Hör'! Peter, hör'! An Dir ist stets was neu!
+ Nun ist am _Ellenbogen_ wieder was entzwei!
+ (Setzt sich) Nimm den Kalender. -- Doch den liest er
+ Gerade wie ein alter Küster!
+ Lies mit Gefühl, Verstand, und dann und wann
+ Bei Punct und Komma halte an. --
+ Doch schreib erst lieber
+ Auf jenem leeren Blatte da,
+ Der nächsten Woche gegenüber:
+ »Am Dienstag zur Baronin Fladen
+ »Bin auf Forellen ich geladen!« --
+ Wie ist die Welt doch wunderbar creirt!
+ Wenn man darüber erst philosophirt,
+ So schwindelt der Verstand. -- O je, o je!
+ Da nimmt man sich in Acht, und dann kommt ein Dinér!
+ Drei volle Stunden muß man kauen,
+ Und in drei Tagen kann man's kaum verdauen!
+ Bemerk' am selben Tag -- ach nein,
+ Am Donnerstag wird das Begräbniß sein!
+ O Menschenvolk -- mit deinem leichten Sinn! --
+ Wir müssen Alle doch dahin! -- -- --
+ In jenen Kasten kommt doch jedermann,
+ In dem man weder stehn noch sitzen kann.
+ Doch will sich jemand Lob und Ruhm erwerben:
+ Hier nehm' ein Beispiel er!
+ Der Sel'ge war ein achtungswerther Kammerherr --
+ Er hatte hinten ja den Schlüssel,
+ Schafft' auch den Schlüssel seinem Sohn;
+ Selbst reich, ich weiß das ganz genau,
+ Vermählt' er sich mit einer reichen Frau,
+ Und fand Parthie'n für alle seine Töchter.
+ Nun ist er todt! Als Frommer und Gerechter
+ Ist er aus dieser Welt geschieden,
+ Und -- ruht in Frieden!
+ Und wird beweint von Kind und Kindeskind --
+ Die all das schöne Gut nun von ihm erben. --
+ Was doch in unserm Moskau hier
+ Für wicht'ge Männer sind
+ Und leben hier und -- sterben! --
+ Am Donnerstag, schreib eins zum andern, Peter --
+ Doch könnt's auch Freitag sein,
+ Wer weiß, vielleicht auch später,
+ Muß ich zur Doktorswittwe gehn
+ Gevatter stehn;
+ Zwar habe ich noch nichts vernommen,
+ Allein mir däucht es muß so kommen
+ Wenn meine Rechnung richtig --
+
+
+ Zweite Scene.
+
+ DIE VORIGEN. TSCHATZKI.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ah! --
+ Alexander, Du bist da!
+ Nun -- setze Dich.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Es scheint mir, Sie beschäft'gen sich --
+
+ FAMUSSOFF (zum Diener).
+
+ Geh, Peterchen.
+
+ (Der Diener geht ab.)
+
+ Ich merkt' Geschäfte an,
+ Die, Gott behüt's, man leicht vergessen kann.
+
+ (Pause.)
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Hab' ich die Stunde etwa schlecht gewählt?
+ Ich hoffe nicht, daß Ihrer Tochter etwas fehlt! --
+ Ja, Sie sind mißvergnügt! Nicht wahr?
+ Ich seh' es am Gesicht, an Ihren Mienen,
+ Was fehlet Ihnen?
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ach, bester Freund, was ist da sonderbar?
+ In meinem Alter -- ei es ist zum lachen! --
+ Soll ich noch Capriolen machen?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Davon ist nicht die Rede, -- sagen Sie
+ Mir nur -- was macht Fräulein Sophie? --
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Daß Dich! -- -- Nun Gott verzeih!
+ Fünftausend mal
+ Dasselbe Lied zu meiner Qual
+ Und stets das alte Einerlei:
+ Bald von dem schönen Fräulein Tochter
+ Bald von dem kranken Fräulein Tochter
+ Und nichts im Kopf, als meine Fräulein Tochter!
+ Sag mir, -- Du hast Dich lang herumgetrieben,
+ Und jetzt, so scheint mir's -- willst Du Dich verlieben,
+ Und angelst gar nach meiner Tochter Hand?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Wozu die Frage?
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ei, mir scheint sie passlich!
+ Denn sieh', ich bin ein Bischen doch mit ihr verwandt!
+ Man hat zum Vater mich -- das ist doch fasslich,
+ Nicht grad' ins Blaue so hinein ernannt.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Und wollt' ich um die Tochter frein,
+ Was würd' des Vaters Antwort sein?
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ich sagte Dir zuerst: sei kein Phantast!
+ Verwalte besser, was Du hast;
+ Allein vor allen Dingen
+ Mußt Du's im Dienste weiter bringen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Dem Staate dient' ich gern -- allein
+ Ich möcht'
+ Nicht Knecht
+ Nicht Diener darum sein.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Na!
+ Da haben wir den lieben Hochmuth ja!
+ Du solltest lieber fragen
+ Wie unsre Väter es gemacht,
+ Und mancher da in alten Tagen
+ Es so erstaunlich weit gebracht.
+ Wie kann man sich zu dienen schämen?
+ Ein Beispiel solltest Du am sel'gen Oheim nehmen:
+ Ja sieh' -- das war ein Mann,
+ Den man zum Muster nehmen kann!
+ Er speiste nicht auf Silber -- nein auf Gold!
+ Es wimmelte bei ihm von Dienern und Lakei'n,
+ Es mochten wohl an hundert sein!
+ Mit Orden ganz bedeckt kam er zu Hof gerollt.
+ Wenn man so sah -- wie ihn im langen Zug
+ Zum Pallast die Carosse trug,
+ Man wurde in Bewunderung versetzt.
+ Er lebte stets bei Hof -- und das war nicht wie jetzt --
+ Das war vor Zeiten noch, ja ja!
+ Das war ein Hof -- wie nie die Welt ihn sah!
+ Und Männer gab's zu jener Zeit
+ Von centnerschwerer Wichtigkeit.
+ Du hättest Dich, wer weiß, wie tief gebückt,
+ Sie hätten kaum mit dem Toupé genickt,
+ Und war's ein Günstling, ein Bojar,
+ So ist's gewiß, daß es noch ärger war;
+ Sie aßen, tranken -- ganz von uns verschieden,
+ Nicht so, wie andre Sterbliche hienieden.
+ Der Ohm? Was sind jetzt Fürst und Graf dagegen!
+ Ein ernster Blick, ein stolzes Wesen
+ War stets auf seiner Stirn zu lesen.
+ Doch hätt' ich den wohl sehen mögen
+ Der, wenn es Noth that sich zu schmiegen,
+ So wußte sein Genick zu biegen! --
+ An einem Gallatag, vor allen Leuten
+ Hatt' er das Unglück auszugleiten,
+ Und so -- daß er sich fast den Hals gebrochen.
+ Der Alte ächzt und krächzt --
+ Und wie er endlich aufgekrochen,
+ Hat Ihre Majestät zu lächeln ihm geruht;
+ Ein Allerhöchstes Lächeln!! -- Und was thut
+ Der Schlaukopf nun! er macht's noch bunter
+ Und fällt zum zweitenmal und ärger noch herunter.
+ Man lacht noch mehr, es schallt der Saal,
+ Und er steht auf und fällt zum drittenmal!
+ Nun, wie gefällt das Euch?
+ Wir nennen's einen klugen Streich!
+ Krank fiel er hin, stand aber auf gesund.
+ Denn seit der Frist
+ Wen lud man öfter ein zum Whist? --
+ Und wer hat schmeichelhafteres gehört?
+ Wer wurde so wie er geehrt?
+ Der Onkel! Und das nennt ihr Kleinigkeit!
+ Wer wußte so wie er mit Rängen zu belohnen?
+ Der Onkel, ja!
+ Wer schaffte so wie er Pensionen?
+ Der Onkel! Ah? --
+ Und nu!
+ Ihr da, von heute, was sagt _Ihr_ dazu?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ja, in der That, Sie können seufzend sagen:
+ Die Menschheit sei verdummt in unsern neusten Tagen.
+ Wie kann man auch -- nach solchen Streichen
+ Die neue mit der alten Zeit vergleichen!
+ Zwar frisch ist noch die Kunde:
+ Doch klingt sie glaublich nicht im Munde:
+ Daß der zu Würden kam,
+ Der nur die meisten Bücklinge geschnitten,
+ Der nicht des Kriegs ruhmvolle Narbe trug,
+ Nein, am Parquette sich die Stirn zerschlug!
+ Der jedem Niederen -- und lag' er auf den Knieen,
+ Begegnet' unerträglich stolz,
+ Doch wo ein Mächtiger erschien,
+ In Artigkeiten fast zerschmolz! -- --
+ Man kann mit Recht bezeichnen jene Zeit
+ Als die der Furcht und Niedrigkeit:
+ Die niedrigsten und die gemeinsten Triebe
+ Maskirten sich als Unterthanenliebe; --
+ Ich rechne Ihrem Onkel dies nicht zu,
+ Und lasse seine Asche gern in Ruh' --
+ Doch sagen Sie, wer wohl in unsern Tagen --
+ Und möcht' ihm Kriecherei auch noch so sehr behagen --
+ Wer würd' es wagen
+ Auf's Spiel zu setzen sein Genick
+ Für einen gnäd'gen Lächelblick?
+ Allein in jener Zeit
+ Erregt' ein solcher Purzelbaum noch Neid,
+ Und mancher alte Herr hat still bei sich gedacht:
+ O hätt' ich's doch so klug gemacht!
+ Ja, Kriecherseelen giebt's auch jetzt auf Erden
+ Doch fürchtet jeder lächerlich zu werden;
+ Und nicht umsonst wird jetzt, da sie nun wen'ger kühn,
+ Von oben solchen Herrn auch weniger verlieh'n.
+
+ FAMUSSOFF (bei Seite).
+
+ Du großer Gott, er muß ein Carbonari sein!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Von solchen Flecken ist die heut'ge Welt wohl rein.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Gefährlich ist der Mensch!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Jetzt athmet man doch frei,
+ Und Niemand drängt zum Heer der Narren sich herbei.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Was spricht er da -- und redet wie gedruckt!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Beim Gönner dann die Decke anzugähnen!
+ Geduldig warten, höflichst schweigen.
+ Kratzfüsseln und den Rücken beugen,
+ Dann, fiel ein Schnupftuch zu den Füssen
+ Begierig los drauf schießen,
+ Nach Stühlen laufen, um am Gönnertisch zu speisen! --
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Das also holt' er sich von seinen Reisen?
+ Die Freiheit predigt er! Nun eine saubre Führung! --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Wer auf den Gütern lebt, wer in das Ausland reist --
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Mein Gott, was ist doch Deine Zunge dreist,
+ Du sprichst ja gegen die Regierung!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Und wer sich gar erkühnt,
+ Daß er dem Chef nicht, nur der Sache dient!
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Wär' ich Monarch, ich hielte solche Herrn
+ Von meiner Hauptstadt fern
+ Auf einen Büchsenschuß.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich lasse Sie zufrieden endlich.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Nicht auszuhalten ist es -- schändlich!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich schalt erbarmungslos auf Ihre Zeit,
+ Auf die Vergangenheit;
+ Doch hören Sie, wir wollen uns vergleichen;
+ Sie können einen Theil von all dem Tadel streichen
+ Und unsrer Zeit als Ueberschuß verleih'n,
+ Ich würde nicht darüber schrei'n.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ich habe nichts mit Ihnen mehr zu schaffen,
+ Irrlehren sind's, und solche leid' ich nicht.
+
+ (Er hält sich die Ohren zu.)
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich streckt' ja schon die Waffen,
+ Und niemand widerspricht.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Gut, gut, ich halt' die Ohren zu!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Weshalb? Ich lass' Sie ja in Ruh'.
+
+ FAMUSSOFF (heftig).
+
+ Durchschnüffeln da den ganzen Erdenball,
+ Maulaffen überall --
+ Dann geht's nach Haus, nun sag' mir einer offen,
+ Von solchen soll man was solides hoffen!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich hörte auf.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Um Gotteswill'n lass' Dich bedeuten!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich wünsch' nicht weiter mehr zu streiten.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Erbarme Dich, lass' mich in Ruh'!
+
+
+ Dritte Scene.
+
+ DIE VORIGEN. EIN DIENER.
+
+ DIENER.
+
+ Der Oberst Scalosúb.
+
+ FAMUSSOFF (ohne zu hören).
+
+ Nur zu, nur immer zu!
+ Du kommst noch unter's Halsgericht!
+ Das ist gewiß, wie zwei mal zwei macht vier.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Es ist da jemand angekommen.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ich höre nichts! Vor's Halsgericht!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Sie haben falsch vernommen:
+ Es ist ein Fremder vor der Thür.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Vor's Halsgericht, vor's Halsgericht mit Dir!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ So kehren Sie sich um, Sie kriegten einen Gast.
+
+ FAMUSSOFF (dreht sich um).
+
+ Was? Krieg? Rebellion?
+ Auf Sodoms Schicksal bin ich längst gefasst.
+
+ DIENER.
+
+ Der Oberst Scalosúb hält vor der Thür,
+ Befehlen Sie ihn zu empfangen?
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Schaafskopf! Natürlich! sagt' ich's Dir
+ Nicht hundert mal schon? Schneller, lauf --
+ Bitt' ihn ergebenst gleich herauf,
+ Sag', daß ich hocherfreut, sag' Wort für Wort,
+ Sag', daß ich ihn erwarte, -- pack Dich fort! --
+
+ (Diener ab.)
+
+ (Zu Tschatzki.)
+
+ Ich bitte Dich Mosje, folg' einmal mir:
+ Es ist ein angeseh'ner Offizier
+ Hat, für sein Alter unerhört --
+ Schon einen Rang beneidenswerth,
+ Hat Orden ohne Zahl,
+ Ist heute oder morgen General,
+ Dazu ist er solid in seiner Denkungsart;
+ Ich bitt' Dich, nimm Dich jetzt zusammen.
+
+ (Kopfschüttelnd.)
+
+ Ach, lieber Tschatzki, -- nein!
+ Nicht alles ist mit Dir -- so wie es sollte sein! -- --
+ Er ist recht oft und gerne hier --
+ Du weißt empfangen wird ja jedermann von mir.
+ Die Leute hier vergrößern alles gleich;
+ Da spricht man in der ganzen Stadt,
+ Daß er ein Aug' geworfen hat
+ Auf mein Sophiechen -- dummes Zeug --!
+ Nun -- möglich wär's -- Sophie ist frisch und roth,
+ Allein sie ist noch jung; -- ich sehe keine Noth
+ So bald die Tochter aus dem Haus zu geben.
+ Er mag sie wohl -- wenn mich nicht alles trügt,
+ Doch übrigens, wie es der Himmel fügt.
+ Ich bitt' Dich, kommt er her,
+ So streite nicht die Kreuz und Quer.
+ Erwäge doch ein jedes Wort
+ Und wirf die albernen Ideen fort.
+ Indeß wo bleibt er denn? Was kann das sein?
+ Er ging gewiß zu mir, auf jene Seit', hinein.
+
+ (Geht eiligst ab.)
+
+
+ Vierte Scene.
+
+ TSCHATZKI (allein).
+
+ Was kommt ihm an! Warum wohl so in Feuer!
+ Und wie steht's mit Sophie? Das ist bestimmt ein Freier.
+ Wann that sie je so fremd mit mir,
+ Und warum ist sie noch nicht hier?
+ Wer ist der Scalosub?
+ Dem Vater scheint er ja gewaltig theuer,
+ Doch ach, es könnte sein
+ Dem Vater nicht allein! ...
+ Ja, bleibt drei Jahre nur von Haus,
+ Dann ist's mit Lieb' und Treue aus.
+
+
+ Fünfte Scene.
+
+ FAMUSSOFF. SCALOSÚB. TSCHATZKI (im Hintergrunde).
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Herr Oberster hierher, zu uns, hierher!
+ Hier ist es wärmer, bitte sehr!
+ Friert Sie? -- Die Wärme kann man gleich vermehren,
+ Ich öffne schnell die Ofenröhren.
+
+ SCALOSÚB (im Bass).
+
+ Was, selbst zu klettern, nein, das gebe ich nicht zu!
+ Auf Offiziersparol, das kann ich nicht erlauben.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Sie wollen nicht, daß ich für Sie was thu'!
+ Mein theurer Freund, Sie können glauben
+ Für Sie, für einen Freund ist alles angenehm.
+ Nun -- machen Sie's sich recht bequem,
+ Den Hut hierher, fort mit dem Degen!
+ Wir wollen ihn bei Seite legen;
+ Hier ist ein Sopha, federweich.
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Wo Sie befehlen -- mir ist's gleich.
+
+ (Sie setzen sich.)
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ach, bester Freund, hier ist es grad' am Ort!
+ Von unseren Verwandten erst ein Wort,
+ Zwar nur entfernt, zur Erbschaft kommt es nicht --
+ Ihr guter Vetter gab mir unlängst drüber Licht --
+ In welchem Grade ist verwandt
+ Natalja Nikolajewna mit Ihnen?
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Damit kann ich nicht dienen,
+ Das ist mir nicht bekannt,
+ Wir dienten nicht bei einem Regimente.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Herr Oberst! Wenn ich Sie nicht kennte!
+ Nein, wer mit mir verwandt,
+ Den such ich auf und wär's
+ Im Grund des Meers!
+ Da hab' zum Beispiel jetzt
+ Die ganze Kanzelei mit Vettern ich besetzt
+ Ich nehme selten Leute, die mir fremd --
+ Sie wissen ja, die Haut ist näher, als das Hemd! --
+ Mein Secretair allein ist nicht mit mir verwandt,
+ Ich nahm ihn wegen seiner schönen Hand. --
+ Kommt nun die Zeit heran der Gratificationen,
+ Da giebt es Kreuzchen hier zu Land,
+ Und kleine Aemtchen -- allerhand --
+ Wie sollte man Verwandte nicht belohnen!
+ Doch wollen wir zurück auf Ihren Vetter kommen
+ Der Ihrer Protection so viel im Dienst verdankt.
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ja, Anno dreizehn war's, wir thaten uns hervor,
+ Zuerst im zweiten, dann im sechsten Corps.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Beglückt der Vater, dem ein solcher Sohn geworden,
+ Mich dünkt, im Knopfloch trug er einen Orden?
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ja, für den dritten Mai, Sie haben recht gesehn,
+ Wir saßen fest in den Transcheen;
+ Da galt's! --
+ Er kriegt's im Knopfloch -- ich am Hals!
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ein lieber Mann,
+ Man sieht ihm gleich den Helden an --
+ Ein prächt'ger Mensch ist Ihr Herr Vetter!
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Er hat sich leider jetzt
+ Gott weiß was in den Kopf gesetzt!
+ Er wäre eben avancirt,
+ Da hatt er grad' den Dienst quittirt,
+ Und ließ im Stiche Rang und Orden.
+ Drauf ging er auf sein Landgut hin
+ Und ist ein Bücherwurm geworden.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ja, ja, das Lesen -- o der jungen Thoren!
+ Was geht dadurch nicht später oft verloren!
+ Für Sie ist mir, was das betrifft, nicht bange;
+ Längst sind Sie Oberster und dienten doch nicht lange.
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ich hatt' mit meinen Cameraden sehr viel Glück:
+ Vacanzen fanden sich fast jeden Augenblick,
+ Da wurden ältre aus dem Dienst geschlossen,
+ Und andre -- plötzlich -- todtgeschossen.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ja, ja, nur der besteht,
+ Den Gott erwählet und erhöht!
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Doch mancher hat noch größres Pferde-Glück!
+ Wir gehn nicht weit zurück --
+ Da nehmen Sie doch nur einmal
+ Hier in der funfzehnten Division
+ Zum Beispiel den Brigadegeneral!
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Mein Gott, Sie müssen es doch selber sagen:
+ Sie können sich wahrhaftig nicht beklagen!
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ich thu's auch nicht, allein dennoch -- Sie wissen --
+ Ich habe nach dem Regiment
+ Zwei lange Jahre laufen müssen.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Zwei Jahre laufen -- Element!
+ Dafür in andern Dingen
+ Die Sie erreicht
+ Ist es Sie einzuholen wohl nicht leicht.
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ja, freilich wird im Corps man ältre finden.
+ Ich trat erst ein
+ Im Jahre achtzehnhundert neun.
+ Allein um rasch befördert sich zu sehn,
+ Kann man verschiedne Wege gehn,
+ Und hierin bin ich Philosoph,
+ Ein jeder Weg ist mir egal
+ Wenn er nur führt zum General.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Sie haben so vollkommen Recht zu denken.
+ Gott mög' Gesundheit Ihnen schenken,
+ Und dann den General,
+ Und haben Sie den Rang einmal --
+ Dann müssen Sie -- was soll das Zaudern sein?
+ Nach einer Generalin frei'n.
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ich sag' durchaus nicht nein!
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Und das ist doch so leicht, mein Bester!
+ Da hat _der_ eine Schwester,
+ _Der_ eine Tochter hier am Ort.
+ Die Bräute bringt man nicht aus Moskau fort,
+ Sie mehren sich mit jedem Jahr.
+ Ach lieber Freund, Sie müssen selbst gesteh'n
+ Wo kann man in der Welt ein zweites Moskau sehn!
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ja, ungeheure Plätze giebt's zum Exerciren.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Nicht doch! ich meine den Geschmack und treffliche Manieren,
+ Die Sitten, die von Alters her noch rühren.
+ Zum Beispiel nur -- man ehrt den Sohn
+ Hier um des Vaters willen schon.
+ Ist auch nicht viel an ihm, es wird ihm doch nicht fehlen,
+ Besitzt er erblich nur so ein paar tausend Seelen --
+ Der Bräutigam ist fertig --
+ Und wär' er noch so widerwärtig.
+ Ein andrer, sei er auch gescheut
+ Voll Klugheit und Belesenheit
+ Und vollgepfropft mit hohen Dingen,
+ Er wird in unsere Verwandtschaft doch nicht dringen;
+ Denn darin sind wir ohne Tadel
+ Wir halten noch allein auf alten ächten Adel.
+ Und das ist's nicht allein! -- was Gastfreiheit betrifft!
+ Wer hat vollkommner sie gefunden,
+ Und hätt' er auch die ganze Welt umschifft --!
+ Die Thür ist auf -- zu allen Stunden;
+ Geladen oder nicht, es strömt der Gäste Menge,
+ Den Wirth erfreut besonders das Gedränge,
+ Ausländer, die natürlich ganz voran --
+ Es sei ein Schelm, es sei ein Ehrenmann,
+ Das ist uns ziemlich gleich, in jedem Falle
+ Steht unser Mittagstisch gedeckt für Alle.
+ Ja -- wie man uns betrachten möge,
+ Vom Hacken bis zum Nacken --
+ Wir Moskowiter haben ein absonderlich Gepräge.
+ Da, nehmen Sie zum Beispiel unsre Jugend
+ Die junge Welt, die Söhnchen, Enkelein;
+ O, die sind fein!
+ Zwar predigen wir streng Moral und Tugend,
+ Und doch kann oft mit funfzehn Jahren
+ Der Lehrer viel von ihnen schon erfahren.
+ Dann unsere alten Herren, welche Geister!
+ Im Disputiren sind sie Meister.
+ Wenn es so losgeht über Staat und Krone,
+ So sprechen sie wie lauter Salomone.
+ Ein jeder weiß, er ist aus altem Haus,
+ Was andre denken, was macht er sich draus!
+ Und die Regierung, wie mit der sie fahren!
+ Wenn's jemand hörte, lass' uns Gott bewahren! --
+ Nicht daß sie grad' was neues wollten -- nein
+ Behüte Gott; allein sie schrei'n
+ Und streiten über dies und das
+ Und wissen selber oft nicht -- was.
+ So geht es fast bei jedem Schmaus,
+ Man lärmt und tobt und -- fährt nach Haus.
+ Wahrhaftig, lauter Kanzler außer Diensten!
+
+ (Leiser.)
+
+ Und im Vertraun -- noch unreif ist die Zeit --
+ Doch ohne diese Herrn kommt man gewiß nicht weit. --
+ Die Damen gar, das sind die höchsten Richter,
+ Doch richt' sie einer nur, da machen sie Gesichter,
+ Und wenn beim Kartenspiel die Stimme sie erheben
+ Da giebt es oft Tumult,
+ Daß wirklich alle Fenster beben.
+ Mit Frauen schenk' uns Gott Geduld,
+ Ich weiß es leider ganz genau
+ Ich selber hatt' ja eine Frau!
+ Wir haben Frau'n, wahrhaftig desperat!
+ Sie sind in allem firm, schickt sie in den Senat,
+ Schickt vor die Fronte sie; zum Beispiel da
+ Irina Wlássjewna, Lukérja Alexiéwna,
+ Tatjana Júrjewna, Pulcheria Andréewna!
+ Dann unsere Töchter! Ist's nicht wahr?
+ Die königliche Majestät im vor'gen Jahr
+ Als sie geruht zu uns zu kommen zum Besuch,
+ Konnt' sich verwundern nicht genug.
+ Sie fand sie grad' nicht klassisch schön,
+ Doch klassisch wohlerzogen.
+ Und wahrlich, unsere Töchter sind's auch -- ungelogen --
+ Wie sie verstehen sich zu kleiden,
+ In Mousselin und Sammt und Seiden!
+ Sie können selbst -- es ist ein Ohrenschmaus
+ Französische Romanzen singen,
+ Und von den Noten zwingen
+ Die allerhöchsten sie heraus. --
+ Besonders hängen sie am Militair,
+ Das -- kommt vom Patriotismus her.
+ Ja, ja, man suche nach in allen Reichen,
+ Man forsche nach von Land zu Land,
+ Nichts ist mit Moskau zu vergleichen.
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ja wohl, und seit dem großen Brand
+ Ist unser Moskau ganz charmant.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ O nichts davon! Da haben uns geklungen
+ Die Ohren schon genug! Ja, was für Neuerungen
+ Seitdem sieht doch ein jedes Haus,
+ Trottoirs und Straßen anders aus.
+
+ TSCHATZKI (in den Vordergrund tretend).
+
+ Die Häuser wurden neu, die Vorurtheile blieben! --
+ Sie brauchen sich nicht zu betrüben.
+ Was können Moden, Jahre, Brand und Krieg!
+ Den Vorurtheilen blieb der Sieg.
+
+ FAMUSSOFF (leise).
+
+ Mach' Dir doch einen Knoten zum Gedächtniß.
+ Zu schweigen bat ich Dich so sehr,
+ Wird Dir denn das so schrecklich schwer?
+
+ (Zu Scalosúb.)
+
+ Herr Oberst -- hier -- wenn Sie erlauben --
+ Des seel'gen Tschatzki, meines Freundes, Sohn,
+ Er dient nicht -- sollten Sie es glauben!
+ Ein Eigensinn!
+ Das heißt -- er sieht im Dienste nicht Gewinn.
+ Doch wenn er wollte, könnt' er vieles leisten.
+ Er schreibt vortrefflich, übersetzt --
+ Schad, schade das, -- das muß man sagen!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Recht schade -- daß Sie nicht wen anders so beklagen,
+ Denn selbst Ihr Lob hat mich verletzt. --
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ So richt' ich nicht allein, ich höre es von Allen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Und wer sind diese Richter? Wie?
+ Sind es nicht etwa die,
+ Die ihrer Glatze wegen schon allein
+ Uns Jugendsinn und Freiheit nicht verzeih'n?
+ Sie schlagen in Journälen nach
+ Und möchten alles Alte gleich vergöttern.
+ Sie schöpfen Urtheil aus vergessnen Zeitungsblättern,
+ Aus jener Zeit, die von Otschákoff sprach
+ Und der Eroberung der Krimm. --
+ Woher der ew'ge Haß und Grimm?
+ Das neue lassen sie nicht gelten
+ Und singen stets das alte Lied,
+ Stets fertig sind sie nur zu schelten
+ Und sie bekritteln, was geschieht,
+ Und merken's an sich selber nimmer
+ Das: um so _älter_ um so _schlimmer_!
+ Wer nicht so denkt wie sie -- den nennen sie Verräther!
+ Wo sind sie denn, des Landes Väter,
+ Von denen man als Muster spricht!
+ Ich seh' sie nicht! --
+ Ist's etwa der?
+ Ein Millionär
+ Durch Dieberei geworden?
+ Und der mit vollem Sack und seiner Brust voll Orden
+ Dem Schwerdt der Themis trat entgegen?
+ Natürlich sank der guten Göttin Degen
+ Herab, so viel Verdienst zu lieb,
+ Und sehen Sie -- nun baut der Dieb
+ Sich einen prächtigen Pallast
+ Wo festlich er mit dem gestohlnen Gute prasst,
+ Die Gäste strömen hin zu Hauf;
+ Doch stände wohl ein Gast
+ Als Kläger seines Wirthes auf?
+ Wer würde wohl in Moskau sich erfrechen
+ So weit zu gehn
+ Von irgend jemand schlecht zu sprechen,
+ Der Bälle giebt und Assembleen? --
+ Ist wohl mein Richter der, vor dem ich einst den Rücken
+ In meiner Kindheit mußte bücken?
+ Gott weiß aus welchen räthselhaften Gründen! --
+ Der Nestor -- alt und grau in Sünden,
+ Der seine Diener oft verwettet
+ Wenn er im Zorne und berauscht:
+ Und den, der Ehre ihm und Leben oft gerettet
+ Weil es ihm so gefällt, mit einem Windhund tauscht? --
+ Ist's jener, der zu ganzleibeigenem Ballet
+ Die Kinder von den Aeltern reißt
+ Und sie nach Moskau kommen heißt?
+ Sie werden auch in großen Schaaren
+ Und fuderweis hierher gefahren
+ Wo er, der nur vom Zephyr träumt
+ Und Amoretten-Reigen
+ Stolz ist der Stadt sein Werk zu zeigen.
+ Doch leider steckt er sehr in Schulden,
+ Die Gläub'ger woll'n sich nicht gedulden
+ Und all die Seelen da, von ihm getauft
+ Zu Amoretten und Zephyren
+ Sie werden nun nach Rechtsgebühren
+ Stückweise unterm Hammerschlag verkauft! -- -- -- --
+ Da haben Sie's! Und das sind unsre Richter!
+ Das sind die Sterne und die Lichter!
+ Das sind die Alten und die Weisen
+ Die Sie mir stets als Muster preisen.
+ Und was geschieht? Versuch's ein junger Mann,
+ Der nicht das Kriechen leiden kann --
+ Und lege sich mit ganzer Kraft
+ Allein nur auf die Wissenschaft:
+ Er will nicht Stellen, will nicht Rang,
+ Er fühlt nun einmal einen andern Drang --
+ Der Himmel goß vielleicht in seine Brust
+ Des künstlerischen Schaffens Lust,
+ Sogleich erhebt man ein Geschrei
+ Mordjo! Verrätherei!
+ Man fliehet ihn, wie einen tollen Hund
+ Und munkelt von geheimem Bund. --
+ Die Uniform -- nur sie, ja! ja! -- In frührer Zeit
+ Hat ihre Stickerei manch Eselsohr bedeckt.
+ Wie viel Verächtlichkeit
+ Wird unter ihrem Glanz versteckt!
+ Und wir, wir sollen nun dieselben Wege gehn?
+ Es ist nicht auszustehn!
+ Und eben die Manie kann man ja schau'n
+ Bei unsern Mädchen, unsern Frau'n!
+ Ich selbst war unlängst noch verliebt in die Livrei,
+ Doch jetzo lach' ich über solche Narrethei.
+ Doch anders ging es damals her,
+ Wer war nicht ganz vernarrt in's Militär?
+ Einst bei'm Besuch von Gardeoffizieren
+ Schien unsre Damenwelt die Sinne zu verlieren:
+ Sie schrien Hurrah! Kaum ist's zu glauben,
+ Und warfen in die Luft die Hauben.
+
+ FAMUSSOFF (bei Seite).
+
+ Es wird ihm noch gelingen
+ In's Unglück mich zu bringen! --
+
+ (Laut zu Scalosúb.)
+
+ Verzeihen Sie, Herr Oberst, ich muß fort,
+ Doch ich erwarte Sie im Kabinette dort.
+
+ (Geht ab.)
+
+
+ Sechste Scene.
+
+ SCALOSÚB und TSCHATZKI.
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Was mich besonders intressirt
+ Ist, wie Sie so geschickt berührt
+ Die Vorurtheile unsrer Stadt
+ Die man hier für die Garde hat.
+ Die Garde -- das ist ihre Wonne!
+ Man schaut sie an wie eine Sonne.
+ Warum zieht man sie vor
+ Zum Beispiel unserm ersten Corps?
+ Worin blieb dieses vor der Garde je zurück?
+ Hat's schlecht're Taillen etwa und Geschick?
+ Was wollen diese Evastöchter,
+ Sitzt unsre Uniform denn schlechter?
+ Ich kann gleich ein'ge Offiziere nennen
+ Die selbst französch parliren können.
+
+
+ Siebente Scene.
+
+ SCALOSÚB. TSCHATZKI. SOPHIE (stürzt zum Fenster). LISETTE.
+
+ SOPHIE.
+
+ Ach Gott -- er fiel -- er ist verloren! ah!
+
+ (Sinkt hin auf einen Stuhl.)
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Wer fiel?
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Sag', was geschah?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Vor Schreck liegt sie in Ohnmacht ja!
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Wer denn! Woher! Was ist passirt?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Hat sie sich weh gethan?
+ Stieß sie wo an?
+ Was ist geschehn?
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ist was dem Alten arrivirt?
+
+ LISETTE (immer bei Sophien beschäftigt).
+
+ Ach seinem Schicksal kann man nicht entgehn!
+ Moltschálin stieg zu Pferde
+ Es bäumte sich, er stürzt' zur Erde
+ Und grade Kopfvoran.
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Zu straff zog er die Zügel an,
+ Ja, so ein Sonntagsreiter vom Civil!
+ Ich will doch hören wie er fiel
+ Ob seitwärts oder ob nach vorne.
+
+ (Geht ab.)
+
+
+ Achte Scene.
+
+ TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE (in Ohnmacht).
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Wie soll man helfen, sage schneller!
+
+ LISETTE.
+
+ Dort steht ein Glas auf einem Teller.
+
+ (Tschatzki läuft fort und holt Wasser -- alles wird halbleise und
+ schnell gesprochen.)
+
+ Schnell gießen Sie 's ins Glas!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Das ist schon lang gescheh'n!
+ Lös ihr das Mieder! --
+ Die Schläfen reib' mit Essig doch!
+ Besprenge sie mit Wasser noch!
+ So, so -- sie athmet wieder
+ Nun fächle sie. -- Sophie?
+
+ (Sophie seufzt.)
+
+ LISETTE.
+
+ Da seufzte sie!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Sieh' aus dem Fenster -- da --
+ Da steht Moltschálin ja!
+ Und diese Kleinigkeit konnt' sie erschrecken!
+
+ LISETTE.
+
+ Es muß in Damen-Nerven stecken.
+ Das Fräulein kann es nicht ertragen,
+ Fällt Jemand über Kopf und Kragen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Besprenge sie mit Wasser doch,
+ So recht -- noch einmal -- noch!
+
+ SOPHIE.
+
+ Ach!
+ Was ist geschehn, mir ist so schwach!
+ Wer ist um mich?
+
+ (Springt auf, heftig.)
+
+ Wo ist er, sprich?
+ Was ist's mit ihm?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ei, welch ein Ungestüm!
+ Ich wollt' er hätte sich den Hals gebrochen,
+ Er schreckte Sie zu Tode fast.
+
+ SOPHIE.
+
+ Das war unmenschlich doch gesprochen,
+ Sie wollen es, daß man Sie haßt!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich sollte mich auch noch mit ihm befassen?
+
+ SOPHIE.
+
+ Ja! eilen, laufen, ihn erretten!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Und Sie in Ohnmacht liegen lassen?
+
+ SOPHIE.
+
+ Was sind Sie mir? Doch war es fremdes Unglück ja!
+ Und läg' der eigne Vater da,
+ Sie rührt' es nicht.
+
+ (Zu Lisette.)
+
+ Komm' schnell, was stehst Du noch?
+
+ LISETTE (führt Sophie zum Fenster).
+
+ Wohin, besinnen Sie sich doch!
+ Er lebt, es ist ihm nichts geschehn,
+ Sie können ihn hier aus dem Fenster sehn.
+
+ (Sophie eilt zum Fenster.)
+
+ TSCHATZKI (bei Seite).
+
+ Entsetzen, Ohnmacht, Zorn! -- So kann man nur empfinden
+ Wenn den Geliebten man verliert!
+
+ SOPHIE (zu Lisette).
+
+ Siehst Du, wie sie den Arm ihm binden!
+ Er kommt, er wird herauf geführt!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich wollt', ich hätt' mit ihm den Hals gebrochen!
+
+ LISETTE.
+
+ _Per compagnie!_ Nun das ist brav gesprochen.
+
+ SOPHIE.
+
+ Ach, lassen Sie's beim Wunsch!
+
+
+ Neunte Scene.
+
+ DIE VORIGEN. SCALOSÚB. MOLTSCHÁLIN (den Arm in der Binde).
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Da ist er! Er erstand!
+ Und unverletzt! -- Nur seine Hand
+ Bekam was ab und etwas hier der Arm
+ Das ganze war »_un faux allarm_!«
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ich habe Sie erschreckt? Ach nein?
+ Mein Gott, Sie werden doch verzeih'n!
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ich glaubte nicht -- auf Ehre!
+ Daß man durch solche Kleinigkeit
+ Codille gleich verlöre!
+ Sie stürzten her in großer Eile,
+ Und ich erschrak, so wahr ich ehrlich bin!
+ Sie fielen gar in Ohnmacht hin
+ Und alles für die Langeweile!
+ Für nichts und wieder nichts.
+
+ SOPHIE (ohne aufzublicken).
+
+ Ich seh' es ein -- und doch
+ Am ganzen Leibe zittr' ich noch.
+
+ TSCHATZKI (bei Seite).
+
+ Und zu Moltschálin nicht ein Wort?
+
+ SOPHIE (wie oben).
+
+ Es fehlt mir nicht an Muth
+ Wirft auch der Wagen um, ich fahr' gleich weiter fort --
+ Doch konnt' ich nie mit kaltem Blut
+ Es sehn, wenn andre in Gefahr,
+ Und wenn es gleich ein Unbekannter war. --
+ Und wenn der Schaden auch geringe
+ Es ist unmöglich, daß ich mich bezwinge.
+
+ TSCHATZKI (bei Seite).
+
+ Will sie bei jenem sich vielleicht
+ Entschuldigen, daß sie Gefühl gezeigt
+ Für irgend einen in der Welt!
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Erlauben Sie, da fällt
+ Mir ein Histörchen ein;
+ Die Fürstin Lassoff hier ist Reiterin,
+ Ob Wittwe zwar, von Profession,
+ Doch meistens reitet sie allein,
+ Den Cavalieren scheint sie nicht sehr zu gefallen.
+ Die Arme ist in diesen Tagen
+ Vom Pferd gefallen
+ Und hat sich arg zerschlagen;
+ Die Schuld lag an dem Tölpel von Jokei,
+ Er zählte Mücken wohl und sprang nicht schnell herbei!
+ Sie soll schon ohnedem sehr unbeholfen sein,
+ Nun, sagt man, soll ihr eine Rippe fehlen --
+ Und darum möcht' sie wieder sich vermählen,
+ Und sucht jetzt eifrig einen Mann
+ Der sie als Rippe stützen kann.
+
+ (Er lacht.)
+
+ SOPHIE.
+
+ Mein Gott, Herr Tschatzki, das ist was für Sie!
+ Was meinen Sie zu der Parthie?
+ Sie sollten recht so menschenfreundlich sein,
+ Als Rippe sich der Wittwe weih'n --
+ Denn fremdes Unglück rührt Sie ja so ungemein!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Sie haben Recht! Ich hatte ja das Glück
+ Und rief zum Leben Sie zurück,
+ Als bleich und athemlos Sie hier in Ohnmacht lagen;
+ Allein für wen ich's that, das weiß ich nicht zu sagen.
+
+ (Nimmt den Hut und geht ab.)
+
+
+ Zehnte Scene.
+
+ DIE VORIGEN ohne TSCHATZKI.
+
+ SOPHIE (zu Scalosúb).
+
+ Nun heute Abend -- sehn wir Sie?
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Wie früh?
+
+ SOPHIE.
+
+ Ich bitte nicht zu spät -- wir haben unser Kränzchen,
+ Und zum Klavier macht man ein Tänzchen,
+ Sie wissen ja, der Trauerfall
+ Gestattet jetzo keinen Ball,
+ Sie werden Freunde nur vom Hause sehn.
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Sehr wohl -- doch muß ich jetzt zu Ihrem Vater gehn;
+ Ihr Diener!
+
+ SOPHIE.
+
+ Adieu!
+
+ (Verbeugung und Abschiednehmen. Scalosúb geht ab, schüttelt aber
+ erst Moltschálin die Hand.)
+
+
+ Elfte Scene.
+
+ DIE VORIGEN ohne SCALOSÚB.
+
+ SOPHIE.
+
+ Moltschálin, sprechen Sie, was haben Sie gemacht!
+ Ich weiß nicht, wie ich noch bei Sinnen,
+ Ach hätten Sie an mich gedacht,
+ Sie setzten nicht Ihr -- mir so theures Leben
+ So muthwillig auf's Spiel.
+ Doch sagen Sie -- wie ist's mit Ihrem Arm?
+ Hat sich der Schmerz gegeben?
+ Zum Doktor schicken Sie vor allen Dingen,
+ Soll man nicht Tropfen bringen?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Seitdem der Arm in dieser Binde
+ So schmerzt er nur noch ganz gelinde.
+
+ LISETTE.
+
+ Es ist ja nichts, ich will gleich wetten!
+ Die Binde steht ihm nur so gut --
+ Doch wer kann Sie vor bösen Zungen retten,
+ Ich bitt' Sie, sei'n Sie auf der Hut.
+ Denn Tschatzki -- ach, der kann's schon machen,
+ Daß über Sie die Leute lachen;
+ Und wenn der Oberst erst sich in die Haare fährt
+ Um sein Toupé recht schön
+ Zurecht zu drehn,
+ Dann fängt er sicher an, die Ohnmacht zu erzählen
+ Und an Verschönerungen wird's nicht fehlen.
+ Selbst dieser Mensch will witzig sein!
+ Ach Gott! Wer ist nicht witzig heut zu Tage!
+
+ SOPHIE.
+
+ Als ob nach diesen Zwei'n ich frage!
+ Wer mir gefällt, den mag ich
+ Und was ich will, das sag' ich.
+ Moltschálin ach, wie hab' ich mich bezwungen!
+ Als Sie in's Zimmer traten,
+ Mich um Verzeihung baten,
+ Wie hab' ich da im Innersten gerungen!
+ Vor jenen durft' ich es nicht wagen
+ Sie anzusehn, Sie zu befragen.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Und doch -- Sie müßten besser sich verstellen.
+
+ SOPHIE.
+
+ Wie sollt' ich das, wenn alle Pulse schwellen!
+ Ich wollt' hinaus zum Fenster springen,
+ Ich war halb todt und sollte mich bezwingen.
+ Es mag die Herrn da ärgern und verdriessen,
+ Was geht's mich an, was mach' ich mir aus diesen,
+ Aus irgend jemand, aus der ganzen Welt!
+ Mag sie doch reden, wie es ihr gefällt?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Möcht' diese Offenheit uns nur nicht Schaden bringen!
+
+ SOPHIE.
+
+ Man wird Sie doch nicht zum Duelle zwingen?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ach schlimmer wohl als Degen und Pistolen
+ Sind scharfe Zungen.
+
+ LISETTE.
+
+ Bei Ihrem Vater sind die Beiden drin,
+ Wie wär's, Sie gingen gleich dahin
+ Und stellten sich ganz unbefangen,
+ Wir glauben gern, was wir verlangen. --
+ Den Tschatzki müssen Sie vor allen Dingen
+ Zum Schwatzen bringen --
+ Indem Sie jene Jugendzeit berühren.
+ Ein bischen Liebelei, ein Wort, ein Blick
+ Damit kann man zum Glück
+ Bequem Verliebte an der Nase führen.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ich wage Ihnen nicht zu rathen --
+
+ (Küßt Sophiens Hand.)
+
+ SOPHIE.
+
+ Wie?
+ Auch Sie?
+ Sie wollen's also auch?
+ Ach, liebenswürdig sein, mit Augen ganz in Thränen?
+ Ich kann mich an Verstellung nicht gewöhnen,
+ Es fällt mir nichts so schwer.
+ Was schickte Gott doch diesen Tschatzki her!
+
+ (Geht ab.)
+
+
+ Zwölfte Scene.
+
+ DIE VORIGEN ohne SOPHIE.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Du Engel, allerliebster Engel Du!
+
+ LISETTE.
+
+ Mein Gott, ihr seid schon zwei, laßt mich doch nur in Ruh!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Welch ein Gesichtchen! Höre:
+ Ich bin verliebt in Dich, auf Ehre!
+
+ LISETTE.
+
+ In mich -- verliebt? -- Sind Sie gescheut?
+ Ich denke doch -- Sophie,
+ Das Fräulein lieben Sie.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Dienstpflicht und Schuldigkeit;
+ Allein zu Dir fühl' ich die reinste Liebe --
+
+ LISETTE.
+
+ Aus Langerweile? Ja --
+ Ich kenne diese heißen Triebe!
+ Ich bitte Sie -- nur nicht zu nah --
+ Nein, nein, nur fort!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Hör' nur -- ein Wort!
+ Ich habe drei ganz allerliebste Sachen,
+ Sie könnten manche glücklich machen;
+ Hör' nur Lisette:
+ Vor allem eine Toilette
+ Von einer Arbeit -- wunderfein!
+ Ein kleiner Spiegel drauf, ein kleiner Spiegel drin.
+ Und alles ringsum ächt vergoldet.
+ Ein Kissen, ganz mit Perlen ausgenäht
+ Und allerlei perlmutternes Geräth,
+ Und Nadelbüchsen gar zu niedlich!
+ Und Scheeren, alles so apptitlich!
+ Zerriebne Perlen -- Schminke auch dabei
+ Und dann auch sonst noch allerlei.
+ Verschiedene Pomaden
+ Für Lippensprung und andre Schaden.
+
+ LISETTE.
+
+ Sie wissen es -- ich bin nicht intressirt --
+ Doch sagen Sie, woher das rührt,
+ Daß Sie so blöd beim Fräulein sind,
+ Und bei der Zofe recht ein Sausewind?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ich bin heut' krank und komme nicht zum Essen,
+ Du schleiche zu mir unterdessen
+ Ich sag' Dir alles heimlich dort.
+
+ (Geht ab.)
+
+
+ Dreizehnte Scene.
+
+ LISETTE. SOPHIE.
+
+ SOPHIE.
+
+ Ich komm' vom Vater, Beide waren fort;
+ Ich bin nicht wohl und will nicht speisen mit dem Alten,
+ Geh' zu Moltschálin hin
+ Und bitte ihn
+ Daß er herauf kommt, mich zu unterhalten.
+
+ (Geht ab.)
+
+
+ Vierzehnte Scene.
+
+ LISETTE allein.
+
+ Nun das ist eine tolle Wirthschaft hier!
+ Das ist ergötzlich.
+ _Sie_ läuft nach _ihm_, und _er_ nach _mir_,
+ Und _ich_ -- ich fürcht' die Liebe ganz entsetzlich, -- --
+ Doch, -- -- unser Diener beim Büffet,
+ Der Peter -- ist doch gar zu nett!!
+
+ (Der Vorhang fällt.)
+
+ Ende des zweiten Akts.
+
+
+
+
+ Dritter Akt.
+
+
+ Eleganter Saal.
+
+
+ Erste Scene.
+
+ TSCHATZKI, etwas später SOPHIE.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Erwarten will ich sie --; ich muß sie sehn.
+ Sie muß es mir gestehn
+ Wen sie denn liebt. Ist es der Sekretair,
+ Ist es der Oberst -- oder wer?
+ Moltschálin? dieses gute Tröpfchen!
+ Ein so armseliges Geschöpfchen!
+ Wie kam er zu Verstand? -- und Jener? lieber Gott!
+ Solch heis'res, halberwürgtes Baßfagott! --
+ Gewohnt als Sternbild stolz zu glänzen
+ Bei den Maneuvern und Masurkatänzen!
+ Geschick der Liebe, du --
+ Spielst mit uns blinde Kuh!
+
+ (Sophie tritt auf.)
+
+ Sie sind's? Wie mich's erfreut
+ Ich wünscht' es grad!
+
+ SOPHIE (bei Seite).
+
+ Zu äußerst ungelegner Zeit!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Mich suchten Sie zwar nicht?!
+
+ SOPHIE.
+
+ O nein!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Und freilich mag es nicht ganz passend sein,
+ Doch -- einerlei -- ich muß Sie drum befragen:
+ Wen lieben Sie? -- Ich bitt' es mir zu sagen!
+
+ SOPHIE.
+
+ Ach Gott! die ganze Welt!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Doch wer am besten Ihnen drin gefällt
+ Das sagen Sie.
+
+ SOPHIE.
+
+ Gar viele, -- die mit mir verwandt -- --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Und Alle mehr als ich?
+
+ SOPHIE.
+
+ Ja -- einige! -- --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Entschieden also ist's! Was ist dabei zu machen --
+ Mich bringt's zum Rasen -- Sie zum Lachen!
+
+ SOPHIE.
+
+ Versteh'n Sie Wahrheit zu ertragen? --
+ Ich möchte Ihnen nur zwei Worte sagen:
+ Warum ist Ihre Lust so groß
+ Giebt sich ein andrer etwas bloß?
+ Ist etwas lächerlich -- Sie werden's gleich gewahr,
+ Und selbst --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich selbst bin lächerlich? Nicht wahr?
+
+ SOPHIE.
+
+ Ja -- dieser böse Blick -- der scharfe Ton,
+ In jedem Worte bittrer Hohn, --
+ Und -- Sie besitzen
+ Unzähl'ge Eigenheiten noch,
+ Und Strenge gegen sich -- die könnte Ihnen nützen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich eigen? Gut! So sagen Sie mir doch
+ Wer keine Eigenheiten zeigt?
+ Moltschálin wohl, der einem Dummkopf gleicht
+ So wie ein Ei dem andern? -- Wie?
+
+ SOPHIE.
+
+ Die alten Beispiele! Ich kenne sie!
+ Klar ist's, Sie sind gestimmt, auf Alle
+ Zu gießen Ihre schwarze Galle.
+ Ich -- stör' Sie ungern drin.
+
+ (Will fort.)
+
+ TSCHATZKI (hält sie auf).
+
+ Sie wollen fort?
+ O hören Sie nur noch ein einz'ges Wort!
+
+ (Bei Seite.)
+
+ Einmal will heucheln ich -- und mich bezwingen.
+
+ (Laut.)
+
+ Den Streit -- den lassen wir -- vor allen Dingen --
+ Sie haben Recht! Es thut mir Leid,
+ Und gegen ihn, Moltschálin, ging ich wohl zu weit.
+ Es sind verflossen fast drei Jahr,
+ Er ist vielleicht ein andrer, als er war.
+ Auf Erden sieht man vieles sich verändern,
+ Verfassungen und Sitten und Verstand,
+ Das Clima selbst von ganzen Ländern!
+ Gar wicht'ge Leute, wohlbekannt,
+ Die wurden früher Dummköpfe genannt,
+ Schlecht als Soldaten und Poeten;
+ Noch andre -- nun, ich fürcht' mich sie zu nennen
+ Sie werden sie -- wie alle Welt -- ja kennen --
+ Von diesen hat man nun erfahren,
+ Daß in den letzten Jahren
+ Sie ganz gewaltig wurden klug.
+ Mag sein, Moltschálin ist -- ein solches Kraftgenie,
+ Doch frag' ich eins, versteht er Sie?
+ Und brennt in ihm ein solches Feuer,
+ Daß ihm auf Erden nichts so theuer
+ Und nichts so heilig ist, als Sie?
+ Sein Herz -- wird es mit schnellern Schlägen
+ Bei Ihrem Anblick sich bewegen?
+ Sind Sie die Seele seines Strebens?
+ Sind Sie der Endzweck seines Lebens?
+ Und so fühl' ich -- doch kann ich's nicht beschreiben.
+ Allein die stumpfe Wuth, die bittren Schmerzen
+ In meinem wundzerriss'nen Herzen,
+ Die wünsch' ich meinem Todfeind nicht! -- -- --
+ Und er? -- Er schweigt
+ Und neigt
+ Das Köpfchen auf die Seite,
+ Natürlich ist er zahm, denn solche Leute
+ Die kennen edle Hitze nicht!
+ Gott weiß, was für ein Schatz in ihm verborgen liegt!
+ Gott weiß, mit was für Eigenschaft,
+ Mit welcher hohen Geisteskraft
+ Sie ihn geschmückt! -- Er dachte nicht daran.
+ Sie haben alles das aus ihm gemacht
+ Was Ihre Phantasie sich liebend ausgedacht;
+ Er ist an gar nichts schuld -- Sie sind's allein.
+ Nein, nein!
+ Ich gebe zu, was man auf Erden
+ Nur irgend kann.
+ Mag er doch klug sein, stündlich klüger werden;
+ Doch ist er Ihrer werth?
+ Das muß ich Sie nur fragen,
+ Um den Verlust mit kaltem Blut zu tragen. --
+ Hierüber geben Sie mir Licht,
+ Als einem Bruder, einem Freund,
+ Der's immer ehrlich doch mit Ihnen hat gemeint.
+ Der einst mit Ihnen auferzogen
+ Und dem Sie doch als Kind gewogen;
+ Sobald ich überzeugt von Ihrem künft'gen Glück,
+ So zieh' ich mich sogleich zurück.
+ Dann will ich mich bemüh'n
+ Dem Wahnsinn zu entflieh'n.
+ Dann eil' ich in die Welt hinein
+ Um zu vergessen, um mich zu zerstreun
+ Und nie will ich mehr an die Liebe denken.
+
+ SOPHIE (bei Seite).
+
+ Da hab' ich einen toll gemacht
+ Und ohne daß ich dran gedacht.
+
+ (Laut.)
+
+ Was soll ich's läugnen?
+ Es konnte sich was Schreckliches ereignen --
+ Moltschálin konnt' um seinen Arm erst kommen,
+ Und lebhaft hab' ich Antheil dran genommen;
+ Doch Sie vergaßen etwas zu bedenken:
+ Kann man nicht jedem Antheil schenken
+ Und ohne Ansehn der Person?
+ Doch könnte schon
+ In dem -- was Sie vermuthen -- Wahrheit sein,
+ Und eifrig will ich seinem Schutz mich weih'n.
+ Sie nehmen ihrer Zunge wenig wahr,
+ Sie achten niemand -- offenbar!
+ Und selbst der sanfteste -- kann's nicht vermeiden.
+ Er muß von Ihrem Zorne leiden
+ Und wird mit Spott von Ihnen überhäuft:
+ Wenn man ihn nennt -- wenn ihn Ihr Blick nur streift --
+ So werden Sie gleich bitter
+ Und hageln ein Gewitter
+ Von Witz und Bosheit auf ihn los!
+ Ist wirklich der Genuß so groß?
+ Nur Scherz und immer Scherz! Welch ein Vergnügen!
+ Kann solches Ihrem Geiste wohl genügen?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Mein Gott -- gehör' ich wirklich zu den Schwachen,
+ Die nichts im Leben thun, als lachen?
+ Ich lache -- ja --
+ Wenn ich recht lächerliche Leute sah,
+ Doch öfter noch sind sie mir ennuyant.
+
+ SOPHIE.
+
+ Vergeblich weisen Sie den Vorwurf von der Hand,
+ Und schieben andern zu, was Ihnen selbst gebührt;
+ Moltschálin hat Sie sicher niemals ennuyirt,
+ Denn wer, wie ich, ihn oft und näher sah --
+
+ TSCHATZKI (bitter).
+
+ Wie traten Sie ihm denn so nah?
+
+ SOPHIE.
+
+ Ich sucht' ihn nicht, der Himmel hat's gewollt
+ Und hier im Hause ist ihm jeder hold.
+ Bei meinem Vater dient er nun drei Jahr,
+ Oft schilt der ihn, denn es ist wahr --
+ Das Alter macht so eigen,
+ Doch stets entwaffnet er ihn durch sein Schweigen;
+ Verzeiht ihm alles -- weil er seelengut; --
+ Er könnte doch, wie mancher andre thut
+ Auf Lustbarkeiten sich zerstreun
+ Doch nein!
+ Nie geht er aus.
+ Beim Alten bleibt er stets zu Haus
+ Und wenn wir andern lachen
+ Und scherzen, Possen machen,
+ Sitzt er beim Vater oft zu ganzen Tagen,
+ Es mag ihm -- oder mag ihm nicht behagen,
+ Und spielt mit ihm. --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Er spielt, und wenn man schilt
+ So bleibt er ewig sanft und mild?
+
+ (Bei Seite.)
+
+ Nein, einen solchen Wicht
+ Den liebt sie nicht!
+
+ SOPHIE.
+
+ Zwar jenen Geist wird man in ihm nicht finden können,
+ Den einige Genie -- doch andre Pest benennen,
+ Und den nach kurzem Glanz wir überdrüssig werden,
+ Der tadelt was geschieht -- im Himmel und auf Erden,
+ Damit die Welt ihn nennt auf einen Augenblick;
+ Doch gründet solch ein Geist Familienglück?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Soll das Moral -- soll das Satyre sein?
+
+ (Bei Seite.)
+
+ Sie liebt ihn nicht, nein, nein!
+
+ SOPHIE.
+
+ Man kann Bewunderung ihm nicht versagen:
+ Wie nachgiebig, wie fein ist sein Betragen!
+ Nie hat sich seine Stirn in Falten je gelegt,
+ Selbst ruhig, läßt er andre auch in Ruh'
+ Und schlägt nicht gleich die Kreuz und Quere zu.
+ Und grade das, daß er so viel erträgt,
+ Das macht es, daß ich ihm gewogen.
+
+ TSCHATZKI (bei Seite).
+
+ Sie scherzt -- sie liebt ihn nicht -- sie hat mich nur betrogen!
+
+ (Laut.)
+
+ Ich kenn' Moltschálin; sparen Sie
+ Sein Bild zu malen sich die Müh' -- --
+ Doch Scalosúb -- das ist ein Mann
+ Bei dessen Anblick schon man sich vergessen kann.
+ Für unser Heer
+ Steht wie ein Felsen er,
+ Und ist durch seines Basses Allgewalt
+ Durch seine Taille und Gestalt
+ Ein Held --
+
+ SOPHIE (schnell).
+
+ Nicht im Romane meines Lebens.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Sie zu errathen ist vergebens.
+
+
+ Zweite Scene.
+
+ Die VORIGEN. LISETTE.
+
+ LISETTE (leise zu Sophie).
+
+ Mein Fräulein, kommen Sie herein,
+ Moltschálin wird sogleich bei Ihnen sein.
+
+ SOPHIE (leise zu Tschatzki).
+
+ Verzeihen Sie, wenn ich von Ihnen eile.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Wohin denn?
+
+ SOPHIE.
+
+ Zum Friseur.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ei, das hat gute Weile!
+
+ SOPHIE.
+
+ Die Lockeneisen würden kalt.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ei, immerhin!
+
+ SOPHIE.
+
+ Die Gäste kommen bald.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Nun Gott verzeih's! Sie lassen mich zurück
+ Mit einem Räthsel! -- Doch auf einen Augenblick
+ Erlauben Sie, daß ich in Ihr Zimmer gehe,
+ Damit ich jene Räume wiedersehe --
+ Wo alles mir so lieb! -- Erwärmen möcht' ich mich,
+ Aufathmen möchte ich
+ Nur einmal wieder,
+ Der Zeit gedenkend, die dahin!
+ Ich bleib' nur zwei Minuten drin.
+ Und dann -- bedenken Sie -- Mitglied bin ich vom Clubb --
+ Zum Dank will ich, zu aller Welt Erstaunen
+ Tagtäglich ausposaunen,
+ Daß klug Moltschálin ist, und geistreich Scalosúb.
+
+ (Sophie zuckt mit den Achseln, geht ab und schließt die Thür hinter
+ sich. Lisette ist ihr gefolgt.)
+
+
+ Dritte Scene.
+
+ TSCHATZKI, bald darauf MOLTSCHÁLIN.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Sophie! Ist wirklich dir bestimmt ein solcher Tropf? -- -- --
+ Und warum nicht? -- Er hat nicht viel im Kopf,
+ Allein zur Vaterschaft
+ Wem fehlt es da an Geisteskraft!
+ Gefällig ist er -- artig -- und hat rothe Wangen.
+
+ (Moltschálin schleicht herein und nähert sich zuerst Sophiens Thür,
+ als er aber Tschatzki bemerkt bleibt er stehn und macht sich was zu
+ schaffen.)
+
+ Da ist er -- auf den Zeh'n! Und stumm, -- wie hat er's angefangen
+ Sich in Sophiens Herz zu stehlen?
+ Wie war es möglich den zu wählen?
+
+ (Zu Moltschálin.)
+
+ Sieh' da! Herr Sekretair! Wie geht's denn Ihnen?
+ Wir konnten uns noch nicht zwei Worte sagen.
+ Es geht doch gut? -- Ich brauch' Sie kaum zu fragen.
+
+ MOLTSCHÁLIN (näher tretend).
+
+ Ganz nach dem Alten stets -- zu dienen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Das heißt?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Nun heut' wie gestern -- Tag für Tag.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Und immer pünktlich mit dem Schlag?
+ Am Tag die Feder, Abends die Parthie,
+ Gleich Fluth und Ebbe? -- Wie?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ich bin hier beim Archiv drei Jahr im Dienst
+ Und für etwaiges Verdienst,
+ Und meinen Eifer zu belohnen
+ Erhielt ich dreimal Gratificationen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Sie lockt der Glanz der Ehrenstellen?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Nein!
+ Allein --
+ Da jeder Mensch so sein Talentchen hat --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Sie haben -- --?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Zwei!
+ Ich bin bescheiden und bin accurat.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Nun, meiner Treu!
+ Das sind Talente wunderbar! -- --
+ Doch -- es ist wahr --
+ Sie wiegen all' die unsern auf.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Sie hatten nicht viel Glück in Ihres Dienstes Lauf?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Nicht jeder dienet sich herauf.
+ Durch Menschen wird der Rang erreicht,
+ Und Menschen täuschen sich so leicht.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Wir wunderten uns sehr! Wie konnte das geschehn?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich kann hierin nichts wunderbares sehn!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Bedauert wurden Sie.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Sie konnten sparen diese Müh'.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Tatjána Júrjewna, die Excellenz
+ Erzählt' bei ihrer Rückkehr aus der Residenz,
+ Sie wären gut von wicht'gen Männern aufgenommen,
+ Doch plötzlich sei dazwischen was gekommen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Geschwätz von Frauenzimmern!
+ Was hat sich doch die Alte drum zu kümmern?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Tatjána Júrjewna, die Excellenz?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich kenn' sie nicht!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Tatjána Júrjewna?! Die Excellenz?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Daß wir uns nicht gesehn, ist ewig
+ lange her.
+ Doch hörte ich, daß abgeschmackt sie wär'.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Die Excellenz? Um's Himmelswillen -- nein --
+ Das muß wohl eine andre sein.
+ Die Excellenz ist ja befreundet und verwandt
+ Mit allen, die in Moskau dienen,
+ Ich rathe Ihnen
+ Ihr einmal die Visite doch zu machen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich dächte gar! Es wär' zum Lachen!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Wir finden Gönner oft
+ Wo wir es kaum gehofft.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich schätze, glauben Sie's, die Damen nicht geringe,
+ Und mache gern den Hof -- allein um andre Dinge.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Wie ist sie gut und wie gefällig,
+ Wie ist ihr Haus gesellig!
+ Den ganzen Winter giebt sie Bälle
+ Man kann nichts prachtvolleres sehn.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich werde über ihre Schwelle
+ Gewiß nicht gehn!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Im Sommer giebt sie Gartenfeste.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich bin nicht von der Zahl der Gäste.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Bedenken Sie, -- es kann doch dazu führen
+ Hier froh zu leben und zu avanciren!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Mein Herr, bin ich im Dienst, so bin ich ganz dabei,
+ Und trenne streng davon jedwede Narrethei.
+ Zwar giebt's gescheute Leute -- hier zumal --
+ Die beides zu vereinigen verstehn,
+ Doch wie Sie sehn, --
+ Gehör' ich nicht zu ihrer Zahl.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Verzeihen Sie -- ich seh' darin noch kein Verbrechen;
+ Sie werden, denk' ich, einst gewiß noch anders sprechen.
+ Phomá Phomítsch, zum Beispiel, den Sie kennen --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Nun was?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Bei drei Ministern dient' er schon
+ Und stets als Chef bei einer Section, --
+ Und jetzt -- --
+ Ist er aus Petersburg hierher versetzt.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Nun das ist mir ein Mann von Kopf!
+ Ein Mensch, ganz ohne Geist -- ein leerer Tropf!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Erlauben Sie, von aller Welt
+ Wird hier sein Styl als Muster aufgestellt.
+ Sie haben ganz gewiß noch nichts von ihm gelesen?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ So närrisch bin ich nie gewesen;
+ Nie las ich dummes Zeug und Musterdummheit gar!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Was ich so las schien mir vorzüglich -- zwar
+ Schriftsteller bin ich nicht --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ja, das ist klar,
+ An allem merkt man es.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Nie würd' ich mich erfrechen
+ Ein eignes Urtheil auszusprechen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Warum denn so geheim?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Gott mög' in meinen Jahren
+ Vor eigner Meinung mich bewahren!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Mein Gott, Sie sprechen ja, als wären Sie noch Kind!
+ Als ob nur Meinungen von andern heilig sind!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Abhängig muß man doch einmal von andern sein.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Und weßhalb muß man's sein?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ei nun -- mein Rang ist klein.
+
+ TSCHATZKI (halb laut).
+
+ Mit solcher Denkungsart, mit solchem Geist ihn lieben,
+ Sie hat mich nur getäuscht und ihren Scherz getrieben!
+
+
+ Vierte Scene.
+
+ Im Grunde öffnen sich mehrere Thüren auf einen zweiten Saal, alles
+ ist erleuchtet, Diener treten auf. Moltschálin geht ab. Tschatzki
+ bleibt im Vordergrunde.
+
+ EIN ÄLTERER DIENER.
+
+ He Philipp, Thomas, rührt euch, frisch!
+ Hierher noch einen Kartentisch,
+ Bringt Lichte, Bürsten her und Kreide!
+
+ (Er klopft an Sophiens Thür.)
+
+ Mamsell _Lisette_, hören Sie, Sie können nur dem Fräulein sagen:
+ _Natalie Dmítrewna_ ist hier
+ Mit ihrem Mann, und vor der Thür
+ Hält schon ein zweiter Wagen.
+
+ (Ab.)
+
+
+ Fünfte Scene.
+
+ TSCHATZKI. NATALIE DMÍTREWNA. GORITSCHEFF.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Wie, seh' ich recht -- ja -- es sind seine Züge!
+ Herr _Tschatzki_, wenn ich mich nicht trüge?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Sie seh'n mich zweifelnd an, vom Kopf bis zu den Füßen.
+ Es wär' doch wunderbar,
+ Daß mich verändert so drei Jahr!
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Ich dacht' mir alles andre ehr
+ Als Sie in Moskau zu begrüßen.
+ Nun woher?
+ Wann sind Sie angelangt?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ So eben.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Das ist schön!
+ Und auf wie lang?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich werde sehn!
+ Doch Sie? Ich kann nicht zu mir vor Erstaunen kommen.
+ Sie haben unbegreiflich zugenommen.
+ Was haben Sie nur angefangen?
+ Welch Gliederspiel und welche rothe Wangen!
+ Verjüngt, voll Geist, im Blicke welche Laune?
+ Was ist geschehen? Ich erstaune!
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Ich habe mich vermählt.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Das mußten längst Sie sagen!
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Mein Mann, ein einz'ger Mann -- ich darf mich nicht beklagen --
+ Gleich ist er hier. -- Nicht wahr -- ich mache Sie bekannt?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich bitt' Sie drum!
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Gewiß, Sie finden ihn charmant.
+ Ein Blick genügt.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich glaub's! Es ist Ihr _Mann_.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ O deßhalb nicht allein,
+ Man kann nicht liebenswürd'ger sein.
+ Durch eignen Werth, durch Geist und durch Verstand
+ Ist mein Platon als ganz vorzüglich anerkannt.
+ Er ist jetzt Civilist, war früher Militair,
+ Er dient nicht mehr, und alle Welt bedauert dieses sehr.
+ Denn dient' er weiter -- sehen Sie --
+ Bei solcher Tapferkeit und dem Genie
+ So meinen alle -- die ihn früher kannten --
+ Er hätt's in Moskau hier gebracht
+ Ganz sicher bis zum Commandanten.
+
+
+ Sechste Scene.
+
+ DIE VORIGEN. PLATON GORITSCHEFF.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Da ist er, mein _Platon Michailowitsch_!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Was, der?
+ Mein alter Freund! Nun sieh', welch Ungefähr!
+
+ PLATON.
+
+ Ah! -- -- --
+ Willkommen Bruder, bist _Du_ wieder da!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ _Platon_ mein Freund -- es macht Dir Ehre,
+ Du führst Dich ja vorzüglich, wie ich höre!
+
+ PLATON.
+
+ Ja -- sieh -- was alles noch aus einem werden kann.
+ In Moskau leb' ich jetzt und bin ein Ehemann.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Und jene Zeit, wo Du im Felde standst
+ Und höchste Lust im Lärm des Lagers fandst --
+ Der Trommel und Trompete Ton --
+ Vergessen also alles schon?
+ Ich glaub' Du liegst jetzt auf der faulen Bank,
+ Und trankst in vollen Zügen Lethe?
+
+ PLATON.
+
+ O nein, ich übe jetzt auf meiner Flöte
+ Ein großes Duo in _A-moll_.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Nun, das ist toll,
+ Das übtest Du bereits in deiner Jugend!
+ Indeß bei einem Ehemann
+ Ist's gut -- wenn man doch rühmen kann
+ Beständigkeit als seine erste Tugend.
+
+ PLATON.
+
+ Freund -- denke an mein Wort:
+ Wird Dir einst eine Frau zu Theile,
+ Du pfeifst gewiß vor Langerweile
+ Ein und dasselbe immerfort.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Wie Langeweile -- ei, das ist nicht gut!
+ Zahlst Du ihr wirklich schon Tribut?
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Mein Mann war früher an Beschäftigung gewöhnt,
+ Das fällt jetzt weg. -- Revue'n und die Parade,
+ Und dann die Reitbahn fehlt ihm Morgens nachgerade.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Was hält Dich ab, mein Freund? Zum Regiment mit Dir,
+ Such eine Eskadron -- Du bist wohl Stabsoff'zier?
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Ach nein, zu kränklich ist mein armer Mann!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ist's möglich, wie, Du kränklich und seit wann?
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Er leidet an rheumatischen Beschwerden
+ Und auch am Kopf.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Hier wird's nicht besser werden.
+ Beweg' Dich, reite mehr, zieh' in den Süden hin.
+ Die Landluft ist allein schon ein Gewinn.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Mein Mann liebt Moskau gar zu sehr!
+ Er muß genießen doch sein Leben --
+ Was soll er in die Wildniß sich begeben!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Du liebst die Stadt? Wer hätte das gedacht!
+ Entsinne Dich, wie oft hast Du sie nicht verlacht.
+
+ PLATON.
+
+ Ach Freund, die alten Zeiten sind nicht mehr.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Mein Männchen, komm recht fort!
+ Hier ist's so frisch -- hör' doch ein Wort --
+ Dein Rock ist aufgeknöpft und auch die Weste --
+
+ PLATON.
+
+ Ich bin nicht was ich war!
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Komm, knöpf' sie feste!
+ Hör' doch, mein Engelchen --
+
+ PLATON (ruhig).
+
+ Ja, ja!
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Komm von der Thüre doch hierher,
+ Hier zieht der Wind.
+
+ PLATON.
+
+ Ja Bruder, ich bin nicht der alte mehr.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ So höre doch ein Wort,
+ Um's Himmelswillen komm von der Thüre fort!
+
+ PLATON.
+
+ Ach liebes Kind!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Nun das geht weit!
+ Verwandelt in so kurzer Zeit?
+ Bei'm Regiment im vor'gen Jahr
+ Warst Du ja noch der wackerste Husar!
+ Bei Tagesanbruch schon zu Pferde
+ Verspottetest Du jegliche Beschwerde. --
+ Wie oft -- mit ungestümer Lust
+ Sah man auf wildem Hengst, mit offner Brust
+ Dem Herbst-Sturm Dich entgegenreiten!
+
+ PLATON.
+
+ Ach Camerad', das waren schöne Zeiten!
+
+
+ Siebente Scene.
+
+ DIE VORIGEN. FÜRST TUGOÚCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und SECHS
+ TÖCHTERN.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA (aufkreischend).
+
+ Fürst Peter Illjitsch, ah' die liebe Fürstin!
+ Und _ah mon Dieu_ -- Sisi, Mimi, die Lieben!
+
+ (Geräuschvolle Begrüßung, auch Tschatzki verbeugt sich. Die Damen
+ setzen sich links in einen Halbkreis und betrachten einander von
+ oben bis unten.)
+
+ ERSTE FÜRSTIN (zu Natalie).
+
+ Wie allerliebst ist die Façon von Ihrem Kleide!
+
+ ZWEITE FÜRSTIN.
+
+ Mit Garnitur besetzt --
+
+ ERSTE FÜRSTIN.
+
+ Und welche schöne Seide!
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Mein Atlastürluru -- das sollten Sie erst seh'n!
+
+ DRITTE FÜRSTIN.
+
+ Es hat mir eine Schärpe der Cousin gebracht,
+ Nein, -- die ist wunderschön!
+
+ VIERTE FÜRSTIN.
+
+ Ach ja, -- und von _barège_, eine Pracht!
+
+ FÜNFTE FÜRSTIN.
+
+ Ganz köstlich ist sie.
+
+ SECHSTE FÜRSTIN.
+
+ Herrlich, ja!
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie).
+
+ Wer ist der junge Mann im Winkel da,
+ Er grüßte uns, als wir in's Zimmer traten?
+ Ich hab' schon hin und her gerathen.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Ein Angereister -- Tschatzki.
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN.
+
+ Ah!
+ Hat er den Dienst verlassen?
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Ja,
+ Vom Ausland kehrt er eben erst zurück.
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN.
+
+ Ist ledig er?
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Ja, noch _garçon_.
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN (zum Mann).
+
+ Erlaucht, Erlaucht, -- auf einen Augenblick!
+ Geschwinder.
+
+ DER FÜRST (nähert sich mit seinem Hörrohr).
+
+ O! -- hm? --
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN.
+
+ Den jungen Herrn dort
+ Natalie Dmítrewna's Bekannten -- den da --
+ Lad' ein zu unserm Ball, am Dienstag -- mach' nur fort!
+
+ DER FÜRST.
+
+ I--hm!
+
+ (Er schleicht um Tschatzki herum und hustet.)
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN.
+
+ So geht es, wenn man Kinder hat!
+ Ein Ball ist einmal ihr Vergnügen;
+ Man quält sich müd', man quält sich matt,
+ Und weiß oft Tänzer nicht zu kriegen! --
+ Er ist doch Kammerjunker?
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Nein.
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN.
+
+ Doch reich?
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ O, nein!
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN (so laut als möglich).
+
+ Erlaucht, Erlaucht, zurück, zurück sogleich!
+
+
+ Achte Scene.
+
+ DIE VORIGEN. Die GRÄFIN CHRUMIN und ihre GROSSTOCHTER.
+
+ DIE JUNGE GRÄFIN.
+
+ Ah! _grand-maman!_ Wer kommt denn auch so früh!
+ Wir sind die ersten hier!
+
+ (Beide entfernen sich in einen andern Saal.)
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie).
+
+ Nun hören Sie!
+ Sehr artig das! Die ersten hier!
+ Uns zählt sie nicht; ei welch ein Vornehmthun!
+ Ein boshaftes Geschöpf; und alte Jungfer nun
+ Schon eine Ewigkeit! Nun Gott verzeihe ihr!
+
+ DIE JUNGE GRÄFIN
+
+ (kommt zurück und nähert sich lorgnettirend Tschatzki).
+
+ Ah! Monsieur Tschatzki hier? Wer hätte das gedacht!
+ Und noch der alte stets?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Warum sollt' ich mich ändern?
+
+ DIE JUNGE GRÄFIN.
+
+ Sie sind ja doch gereist in vielen fremden Ländern
+ Und haben keine Frau vom Ausland mitgebracht!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Vom Ausland?
+
+ DIE JUNGE GRÄFIN.
+
+ Ja! Bei diesen fremden Damen,
+ Da fragt man nicht nach Herkunft, Stand und Namen,
+ Und unsre jungen Herrn, wenn sie nach Hause kehren,
+ Die pflegen uns gewöhnlich zu bescheren
+ Mit Schwägerinnen und Cousinen
+ Aus Modemagazinen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Die Unglücksel'gen -- ja! -- Von Damen,
+ Die sich Modistinnen zum Muster nahmen,
+ Da werden sie nun ausgeschmählt,
+ Daß sie, statt der Copien --
+ Originale sich gewählt!
+
+
+ Neunte Scene.
+
+ DIE VORIGEN. MEHRERE NEUE GÄSTE, darunter SAGORÉTZKI. Die Herren
+ scharren, grüßen und gehen weiter oder auf und ab. SOPHIE kommt
+ aus ihrem Zimmer, Alle ihr entgegen.
+
+ DIE JUNGE GRÄFIN (zu ihr).
+
+ _Eh bonsoir, vous voilà! Jamais trop diligente,_
+ _Vous nous donnez toujours le plaisir de l'attente._
+
+ SAGORÉTZKI (zu Sophien).
+
+ Zu morgen -- haben Sie
+ Schon ein Billet zur Komödie?
+
+ SOPHIE.
+
+ Ach nein!
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Hier ist eins -- wenn Sie mir erlauben!
+ Allein Sie können es mir glauben
+ Vergeblich hätte Ihnen
+ Ein anderer versucht darin zu dienen;
+ Wie bin ich aber deshalb auch gelaufen!
+ Erst wollt' ich's an der Kasse kaufen --
+ Doch -- auf mein Ehrenwort --
+ Es war schon alles fort.
+ Nun fuhr ich zum Direktor hin,
+ Da ich sein guter Freund ja bin --
+ Umsonst! -- Was glauben Sie!
+ Am Abend schon vorher konnt' niemand mehr was kriegen!
+ Zu dem -- zu jenem ging es nun in Einem Lauf --
+ Ich hetzte Alle auf!
+ Um dieses endlich mußt' ich einen Freund betrügen,
+ Ich nahm es gradzu mit Gewalt.
+ Es ist ein Stubenhocker, schwach und alt,
+ Was konnt's ihm nützen
+ Er mag zu Hause ruhig sitzen.
+
+ SOPHIE.
+
+ Ich danke Ihnen für's Billet recht sehr,
+ Für Ihre Mühe aber noch viel mehr.
+
+ (Es kommen NEUE GÄSTE. SAGORÉTZKI geht zu den Herren rechts.)
+
+ SAGORÉTZKI (zu Platon).
+
+ Ah, guten Abend!
+
+ PLATON.
+
+ Scher' Dich fort!
+ Geh pack' Dich dort
+ Zu deinen Damen,
+ Um deine Lügen auszukramen!
+ Wenn ich Dich schildre wie Du bist,
+ So kann von Dir ich manche Wahrheit sagen,
+ Die schlimmer wohl als jede Lüge ist. --
+
+ (Zu Tschatzki.)
+
+ Hier präsentir' ich Dir den Herrn
+ Antón Antónitsch Sagorétzki. --
+ Ich wüßte gern,
+ Wie man, doch ohne grob zu sein,
+ Dergleichen Leute fein
+ Und dennoch wahr bezeichnen könnte!
+ Er ist ein Weltmann und gewandt --
+ Als Schelm von allen anerkannt --!
+ Nimm Dich in Acht vor ihm, denn was Du sagst
+ Das hört er mit besondern Ohren;
+ Und wenn Du gar zu spielen mit ihm wagst,
+ So bist Du ganz und gar verloren.
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Origineller Murrkopf Du!
+ Nun -- schimpf' nur zu,
+ Kein Tröpfchen Galle ist in Deinen Scherzen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Drum nehmen Sie sich's nicht zu Herzen!
+ Auch außer Ehrlichsein giebt es der Freuden viel,
+ Hier schimpft man, dort erreichet man das Ziel.
+
+ PLATON.
+
+ Ach Bester, nein
+ Man schimpft bei uns
+ Und -- ladet dennoch ein.
+
+ (Sagorétzki verliert sich im Hintergrunde.)
+
+
+ Zehnte Scene.
+
+ DIE VORIGEN. MADAME CHLESTOW.
+
+ MADAME CHLESTOW (zu Sophien).
+
+ Na! Leicht ist's nicht mit fünf und sechzig Jahren
+ So weit zu Deinem Ball zu fahren.
+ Ich brauchte eine ganze Stunde von Pokrow.
+
+ (Setzt sich links in den Vorgrund neben Sophie.)
+
+ Ich kann nicht mehr! -- Ach Nichtchen, welche Plage --
+ Und dunkel ist's wie einst am jüngsten Tage.
+ Aus Langerweile nahm ich mit
+ Mein Mohrenmädchen und den Spitz -- ich bitt'
+ Befiehl, man soll sie heut' beim Abendessen
+ Zu füttern nicht vergessen. --
+ Gott grüß' Sie, Fürstin! -- Ja, Sophie, ich sage Dir
+ Die Mohrin ist ein Wunderthier.
+ Ein Krauskopf -- krumm das Schulterblatt und Tatze --
+ Voll Zorn und Bosheit -- ganz Manieren einer Katze.
+ Und ach wie schwarz und ach wie häßlich --
+ Was hat doch alles Gott der Herr erschaffen!
+ Ich sag' Dir gräßlich!
+ Frappant der Satanas! -- Willst Du sie sehn?
+
+ SOPHIE.
+
+ Es kann ein andermal geschehn.
+
+ MADAME CHLESTOW.
+
+ Und stell' Dir vor, wie wilde Thiere
+ So führt man sie herum, um sie zu zeigen.
+ Man hat mir das erzählt, da ist so eine Stadt
+ In der Türkei, der Name klingt so eigen --
+ Und rath' wer mir sie zum Präsent gemacht? -- --
+ Der Sagorétzki hat sie mir gebracht.
+
+ (Sagorétzki horcht auf und kommt näher.)
+
+ Er lügt ein bischen, spielt auch falsch und ist ein Dieb --
+
+ (Sagorétzki geht eilig fort.)
+
+ Allein er thut doch einem viel zu lieb.
+ Ich hatte mir schon ausgebeten
+ Er sollt' nicht über meine Schwelle treten,
+ Da bringt vom Jahrmarkt er die Mohrin mir --
+ Er sagte zwar, daß er gekauft sie hätte,
+ Ich glaub' es aber nicht, -- ich wette
+ Er hat gewonnen sie
+ Im Kartenspiele irgendwie!
+ Gott schenk' Gesundheit ihm dafür.
+
+ TSCHATZKI (zu Platon lachend).
+
+ Von solchem Lob pflegt man nicht zu gesunden!
+ Selbst Sagorétzki hielt's nicht aus und ist verschwunden.
+
+ MADAME CHLESTOW.
+
+ Wer ist der lust'ge Mann, der dort so laut gelacht?
+ Weß Stand's?
+
+ SOPHIE.
+
+ Der Tschatzki ist's --
+
+ MADAME CHLESTOW.
+
+ Das hab' ich gleich gedacht!
+ Was kann der Narr denn da zu lachen finden?
+ Es ist gewiß die größte aller Sünden
+ Sich über alte Leute lustig machen
+ Und graue Haare auszulachen.
+ Ich weiß, mit ihm hast Du als Kind getanzt, --
+ Ich hab' ihn oft curanzt
+ Ich zupft' ihn an den Ohren tüchtig,
+ Allein noch viel zu wenig, das ist richtig!
+
+
+ Elfte Scene.
+
+ DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.
+
+ FAMUSSOFF (sehr laut).
+
+ Sieh' da, Erlaucht -- und Sie sind hier?
+ Und im Portraitsaal warten wir!
+ Ist denn der Oberst Scalosúb nicht hier,
+ Sergeí Sergéitsch? Wie? In aller Welt
+ Es ist ja doch ein Mann, der in die Augen fällt,
+ Der Oberst Scalosúb!
+
+ MADAME CHLESTOW.
+
+ Gott helfe mir!
+ Er hat mich ganz betäubt und schreit ja Zeter,
+ Und lärmt ja ärger noch als ein Trompeter!
+
+
+ Zwölfte Scene.
+
+ DIE VORIGEN. SCALOSÚB. Später MOLTSCHÁLIN.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ah, ah, ah, ah! Herr Oberster, zu spät! -- Nach zehn!?
+ Wir warteten und warteten! -- Nun das ist schön!
+ Erlauben Sie -- hier meine Schwägerin --
+ Die Sie dem Rufe nach schon lange kennt.
+
+ MADAME CHLESTOW.
+
+ Sie dienten -- glaub' ich -- hier -- beim Regiment --
+ Wie heißt es gleich? Da bei den Grenadiren?
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Sie meinen Seiner Hoheit Regiment
+ Von Neuland -- bei den Musketiren.
+
+ MADAME CHLESTOW.
+
+ Ich hab' es nicht zur Meisterschaft gebracht
+ Um all' die Unterschiede zu begreifen.
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Dazu sind formgemäße Streifen;
+ Die Litzen, Latzen und Lampassen
+ An den Monturen muß
+ Man ganz zuerst ins Auge fassen.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Sergeí Sergéitsch, kommen Sie!
+ Wir wollen gleich ein Whistchen machen;
+ Ich sage Ihnen, die Parthie
+ Ist wirklich um sich todt zu lachen.
+
+ (Zum Fürsten.)
+
+ Erlaucht, ich bitte, folgen Sie!
+
+ MADAME CHLESTOW (zu Sophie).
+
+ Nun, Gott sei Dank -- fast wäre ich erstickt!
+ Dein Vater ist ja rein verrückt,
+ Und scheint bezaubert von dem Goliath zu sein.
+ So, mir nichts, Dir nichts, macht er uns bekannt,
+ Und fragt nicht ob's mir lieb, ob es mir ennuyant.
+
+ MOLTSCHÁLIN (mit einer Karte).
+
+ Madame, ich bracht' für Sie
+ Zusammen Ihre Whistparthie.
+ _Phomá Phomítsch_ und Monsieur _Kock_ und -- ich.
+
+ MADAME CHLESTOW.
+
+ Ach, tausend Dank, mein Lieber!
+
+ (Steht auf und nimmt Moltschálin's Arm.)
+
+ MOLTSCHALIN.
+
+ Ihr Spitz ist doch ein einz'ger Spitz!
+ Er ist ja wie ein Fingerhütchen klein
+ Ich streichelt' ihn, sein Fellchen ist so fein
+ Wie das von einem Biber. --
+
+ MADAME CHLESTOW.
+
+ Ach, tausend Dank, mein Lieber.
+
+ (Sie gehen ab, mehrere Gäste folgen ihnen.)
+
+
+ Dreizehnte Scene.
+
+ TSCHATZKI. SOPHIE. -- Im Hintergrunde EINIGE GÄSTE.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Bravissimo! Die Wolke ist zerstoben!
+
+ SOPHIE.
+
+ Ich bitte --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ei, was fürchten Sie?
+ Den Zorn der Alten hat er ja gewendet,
+ Ich wollte ihn gerad' drum loben!
+
+ SOPHIE.
+
+ Mit einer Bosheit hätt' es doch geendet.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Soll ich jetzt sagen, was ich dachte?
+ Die alten Weiber sind verdrießlich,
+ Und darum ist's ersprießlich
+ Wenn man recht einen dienstbefliss'nen Mann
+ An ihre Seite stellen kann.
+ Moltschálin der erschien ja plötzlich
+ Dem Blitzableiter gleich. Es war ergötzlich!
+ Wer sänftigte wie er, so friedlich Zank und Streit?
+ Wer streichelt', so wie er, den Mops zu rechter Zeit?
+ Wer präsentirt' mit Scharfsinn und Geschick
+ Das Kärtchen in dem rechten Augenblick?
+ Nein, auf mein Wort,
+ In ihm lebt Sagorétzki einstmals fort. --
+ Sie haben
+ Mir alle seine Gaben
+ Erst hergezählt;
+ Doch glaub' ich, daß noch vieles fehlt.
+
+ (Ab.)
+
+
+ Vierzehnte Scene.
+
+ SOPHIE allein, dann HERR N. N.
+
+ SOPHIE.
+
+ Ach dieser Mensch, wie er mich stets verstimmt,
+ Wie beißend ist er, wie ergrimmt,
+ Wie voller Neid
+ Und Bosheit und Hochmüthigkeit!
+
+ N. N.
+
+ So in Gedanken! Wie?
+
+ SOPHIE.
+
+ Ich dacht' an Tschatzki.
+
+ N. N.
+
+ Wie finden Sie ihn denn nach seiner Reise?
+
+ SOPHIE.
+
+ Ich finde ihn verrückt!
+
+ N. N.
+
+ Verrückt, wahrhaftig? Ist es möglich?
+
+ SOPHIE (nach einer kleinen Pause).
+
+ Nun toll -- das grade nicht!
+
+ N. N.
+
+ Doch merkt man etwas, wenn er spricht?
+
+ SOPHIE.
+
+ Mir scheint es so.
+
+ (Sieht nach der Thür wo Tschatzki abging.)
+
+ N. N.
+
+ In seinen jungen Jahren
+ Wie konnt' ihm solch' ein Unglück widerfahren?
+
+ SOPHIE.
+
+ Ja, es ist schlimm! -- (bei Seite) Er glaubt daran!
+ Ah Tschatzki --! And're stets zu necken
+ Das lieben wir! -- Nun mag er's selber schmecken!
+
+ (Ab.)
+
+
+ Fünfzehnte Scene.
+
+ HERR N. N. HERR D.
+
+ N. N.
+
+ Verrückt -- so scheint es ihr!
+ Sehr möglich dünkt die Sache mir,
+ Wie wär' sie sonst auch drauf gekommen!
+
+ (Zu D.)
+
+ Ah, hast Du schon vernommen?
+
+ HERR D.
+
+ Und was?
+
+ N. N.
+
+ Von Tschatzki.
+
+ HERR D.
+
+ Nein, kein Wort!
+
+ N. N.
+
+ Er ist verrückt.
+
+ Herr D.
+
+ So geh' doch fort!
+
+ N. N.
+
+ Ich sag' es nicht, ich hab' es nur gehört.
+
+ HERR D.
+
+ Und bist nur froh, es weiter gleich zu tragen.
+
+ N. N.
+
+ Es wäre doch der Mühe werth
+ Auch noch bei andern nachzufragen.
+
+ (Ab.)
+
+
+ Sechzehnte Scene.
+
+ HERR D. allein, dann SAGORÉTZKI.
+
+ HERR D.
+
+ Ja, glaubt den Schwätzern nur!
+ Da hören sie das dümmste Zeug
+ Und wiederholen es sogleich.
+
+ (Zu Sagorétzki.)
+
+ Hast Du von Tschatzki was gehört?
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Was denn?
+
+ HERR D.
+
+ Daß er gestört?
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Ich weiß, ich weiß, wie sollt' ich das nicht wissen!
+ Wie oft schon hab' ich's hören müssen!
+ Es ging ja ganz besonders dabei her:
+ Dem pfiffigen Oheim ward's nicht schwer
+ Im Narrenhause ihn zu betten;
+ Sie banden ihn und nun sitzt er in Ketten.
+
+ HERR D.
+
+ Erbarme Dich, er war ja eben hier,
+ Vor einem Augenblick sah ich ihn neben Dir.
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Dann ist's gewiß
+ Daß er sich los von seiner Kette riß.
+
+ HERR D.
+
+ Nun, liebster Freund -- mit Dir
+ Ist weiter keine Zeitung nöthig;
+ Doch will ich gleich und ohne Säumniß
+ Die andern dort befragen.
+ Doch darfst Du es beileibe niemand sagen --
+ Noch ist es ein Geheimniß.
+
+ (Ab.)
+
+
+ Siebzehnte Scene.
+
+ SAGORÉTZKI, dann NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Was kann das für ein Tschatzki sein?
+ Verbreitet ist der Name --
+ Mit einem Tschatzki war ich einst bekannt --
+
+ (Zu Natalie Dmítrewna.)
+
+ Sie wissen's doch Madame?
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Was denn?
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Von Tschatzki, nun, er stand noch eben hier.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Ich weiß -- er sprach mit mir.
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ So gratulir' ich Ihnen -- er ist toll!
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Was?
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Ja; man sagt mir er verlor
+ So eben den Verstand.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Nun stellen Sie sich vor!
+ Ich merkt' es auch schon und was gilt die Wette,
+ Daß gleich das nämliche gesagt ich hätte.
+
+
+ Achtzehnte Scene.
+
+ DIE VORIGEN. DIE ALTE GRÄFIN.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Nein das ist wunderbar, das ist was neues!
+ Gestört?
+ Frau Gräfin haben Sie gehört
+ Von dem _malheur_, das hier gescheh'n --
+ Das ist doch einzig -- das ist schön!
+
+ DIE ALTE GRÄFIN.
+
+ Mein Schatz, es liegt mir in den Ohren heut',
+ Du mußt mir's etwas lauter sagen.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Ich hab' dazu durchaus nicht Zeit,
+ Ich muß die andern ja befragen.
+ _Il vous dira toute l'histoire._
+
+ (Ab.)
+
+
+ Neunzehnte Scene.
+
+ DIE ALTE GRÄFIN. SAGORÉTZKI.
+
+ DIE ALTE GRÄFIN.
+
+ Wie, -- was, es ist hier doch nicht Feuer ausgebrochen?
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Nein -- Tschatzki hat den Sturm erregt.
+
+ DIE ALTE GRÄFIN.
+
+ Was? Tschatzki hat man in den Thurm gelegt?
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ In der Türkei ist er verwundet worden
+ Beim Aug' und wurde davon toll.
+
+ DIE ALTE GRÄFIN.
+
+ Freimaurerorden?
+ Was, oder ist er Türk' geworden?
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Der bringt man es nicht bei!
+
+ (Ab.)
+
+ DIE ALTE GRÄFIN.
+
+ Antón Antónowitsch! Auch er läuft fort!
+ Erschreckt und außer sich scheint alles dort
+ Zu sein --
+
+
+ Zwanzigste Scene.
+
+ DIE ALTE GRÄFIN. DER FÜRST.
+
+ DIE ALTE GRÄFIN.
+
+ Erlaucht, Erlaucht! Ach Gott --! der alte Mann
+ Auf Bällen, wenn man kaum noch kriechen kann!
+ Na, haben Sie gehört?
+
+ DER FÜRST.
+
+ A? hm? --
+
+ DIE ALTE GRÄFIN.
+
+ Er hört auch gar nichts mehr!
+ Vielleicht hat er's gesehn,
+ Was hier gescheh'n --
+ War nicht die Polizei im Haus?
+
+ DER FÜRST.
+
+ E? hm? --
+
+ DIE ALTE GRÄFIN.
+
+ Wer brachte Tschatzki hier hinaus?
+
+ DER FÜRST.
+
+ I! hm? --
+
+ DIE ALTE GRÄFIN.
+
+ Ja, Tschatzki wird Soldat --
+ Ist das ein Spaß? Er ist ein Renegat.
+ Er wurde ja Mahomedaner!
+ So ein verdammter Voltairianer!
+ Was? -- ah? -- Taub Alterchen? -- Sie hören schwer?
+ So geben Sie Ihr Rohrchen her.
+ Ach nein!
+ Es ist doch arg so taub zu sein!
+
+
+ Einundzwanzigste Scene.
+
+ DIE GANZE GESELLSCHAFT, später FAMUSSOFF, zuletzt TSCHATZKI.
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Verrückt? Nun bitt' ich Sie!
+ Wie ist das so ganz plötzlich denn gekommen.
+ Sophie --
+ Hast Du es schon vernommen?
+
+ PLATON.
+
+ Wer bracht' nur das Gerede aus?
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Ach, liebes Männchen -- Alle!
+
+ PLATON.
+
+ Nun freilich in dem Falle
+ Da muß ich hier
+ Wohl schweigen;
+ Doch zweifelhaft erscheint es mir.
+
+ FAMUSSOFF (kommt rasch hinzu).
+
+ Wie? Was? Von Tschatzki ist die Rede?
+ Und jemand zweifelt noch? Ich hab's zuerst entdeckt,
+ Und wunderte mich längst, daß er nicht eingesteckt.
+ Probier' es einer nur den Rücken
+ Vor irgend jemand tief zu bücken
+ Und sei der Mann auch noch so groß und mächtig --
+ Ja, wär' es der Monarch --
+ Gleich nennt er's niederträchtig.
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Ein Spötter ist er noch dabei:
+ Ich sagte erstlich was, da fing er an zu lachen.
+
+ DIE JUNGE GRÄFIN.
+
+ Mich wollt' er zur Modistin machen!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Mir sagte er -- ich rathe Ihnen
+ In Moskau beim Archive nicht zu dienen.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Und meinem Mann rieth er in Moskau nicht zu leben,
+ Er sollte fort und sich auf's Land begeben.
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Aus allem klar: -- verrückt -- verrückt!
+
+ DIE JUNGE GRÄFIN.
+
+ Ich hab' es gleich in seinem Aug' erblickt.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Er schlägt der Mutter nach. -- Es ist bekannt
+ Achtmal verlor die Sel'ge den Verstand.
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Was fällt nicht alles vor auf Erden!
+ In seinem Alter toll zu werden!
+ Er trank gewiß
+ Nicht im Verhältniß seiner Jahre.
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN.
+
+ Gewiß!
+
+ DIE JUNGE GRÄFIN.
+
+ Das muß es sein!
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Champagner goß er gläserweis hinein.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Oh, nein, -- ich kann's betheuern
+ In Flaschen und dazu in ungeheuern!
+
+ SAGORÉTZKI (eifrig).
+
+ Was Flaschen, nein, ich weiß es besser
+ Er trank, Gott straf' mich, ganze Fässer.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Ach geht mir doch -- ein großes Unglück das,
+ Guckt eine Mannsperson auch etwas tief in's Glas,
+ Nein, nein -- der Unterricht -- das ist die wahre Seuche,
+ Gelehrsamkeit die macht's, daß jetzt in unserm Reiche
+ Der Wahnsinn um sich greift und solche Schändlichkeiten
+ Und arge Meinungen sich mehr und mehr verbreiten.
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Und grad' heraus -- wie könnt' es anders sein?
+ Verrückt wird man schon ganz allein
+ Von dieser ungeheuren Zahl
+ Von Schulen und Pensionen und -- Geschichten,
+ Lyceen und _Landkartenschulen_ allzumal
+ Wo sie sich wechselseitig unterrichten.
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN.
+
+ Ach nein!
+ Mir ist ein Institut in Petersburg bekannt,
+ Das Pä--da--go--gische, so, glaub' ich, wird's genannt,
+ Die Professoren legen sich dort recht auf Ketzerei'n!
+ Ein junger Mann, verwandt mit unserm Haus,
+ Studirte dort und kam vor kurzem erst heraus.
+ Was glauben Sie? Er könnte auf der Stelle
+ In jeder Apotheke sein Geselle!
+ Er flieht die Damen -- mich sogar -- der Spötter --!
+ Die Ränge haßt er, denken Sie!
+ Und treibt Botanik und Chymie --
+ Fürst Theodor, mein Vetter!
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ich will Sie allgesammt erfreun
+ Mit einer Neuigkeit: Ganz allgemein
+ Sagt man, wie es im Werke sei,
+ Daß mit Gymnasien und Schulen und Lyceen
+ Ein großer Fortschritt soll geschehn:
+ Man wird dort lehren jetzt auf unsre Art: -- eins -- zwei!
+ Die Bücher aber hebt man auf
+ Für feierliche Fälle.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Nein, Feuer drunter auf der Stelle!
+ Will man vom Bösen sich befrein,
+ So muß es mit der Wurzel sein.
+
+ SAGORÉTZKI (mit affectirter Bescheidenheit).
+
+ Bitt' um Vergebung sehr,
+ Die Bücher muß man unterscheiden.
+ Wenn ich, zum Beispiel, Censor wär',
+ Die Fabeln würde ich nicht leiden!
+ O Gott, die sind mein Tod! die ew'gen Witzelein
+ Auf Löw' und Adler da -- wie sie nach Raube dürsten --
+ Man sage, was man will, es sind doch immer Fürsten.
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Ach meine Herrn, mir scheint es wirklich einerlei,
+ Wenn man verrückt wird, -- ob Gelehrsamkeit,
+ Ob Trinken Schuld dran sei!
+ Um Tschatzki thut's mir leid,
+ Aus Christenpflicht muß man ihn schon bedauern
+ Er hatte Mutterwitz und -- hat dreihundert Bauern.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Vierhundert!
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Nein, mein Bester, drei!
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Vierhundert hat er.
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Drei!
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ In dem Kalender steht's --
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Ach die Kalender lügen!
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Vierhundert auf ein Haar --
+ Das Schrei'n und Streiten ist nun Ihr Vergnügen.
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Es ist nicht wahr!
+ Dreihundert sind es -- drei --
+ Als ob ich das nicht weiß, was andre Menschen haben.
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Begreifen Sie denn nicht!
+ Vierhundert sind's.
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Nein, drei, drei, drei!
+
+
+ Zweiundzwanzigste Scene.
+
+ DIE VORIGEN. TSCHATZKI.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Da kommt er selbst herbei!
+
+ DIE JUNGE GRÄFIN.
+
+ Scht!
+
+ ALLE.
+
+ Scht!
+
+ (Ziehen sich zurück.)
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Nun, wenn er seinen Raptus kriegt,
+ So kommen wir noch alle vor's Gericht.
+
+ FAMUSSOFF (bei Seite).
+
+ Ach! Gott sei mir jetzt gnädig!
+
+ (Laut.)
+
+ Mein liebster Freund --
+ Es scheint --
+ Du bist nicht recht bei Laune.
+ Nach einer Reise braucht man Ruh'.
+ Zeig' deinen Puls -- ich glaube Du
+ Bist nicht ganz wohl? Geh' recht nach Haus.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich halt's auch nicht mehr aus!
+ Ich hab' so viel umarmen heut' gemußt,
+ Mir schmerzt davon die Brust;
+ Die Füße sind erlahmt vom Scharren und vom Bücken,
+ Die Ohren thun mir weh vom Schreien und Entzücken.
+ Und ach der Kopf ist fast
+ Verrückt von all dem dummen Zeuge!
+
+ (Er nähert sich Sophien.)
+
+ Mein Geist erliegt des Kummers Last;
+ Ich bin in dieser Menge wie verloren.
+ Warum ging ich nach Moskau hin,
+ Wo ich nicht mehr ich selber bin!
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Ei, hört doch an!
+ Nun ist gar Moskau Schuld daran.
+
+ FAMUSSOFF (giebt Sophien Winke).
+
+ Geh' nicht so nah' Sophie! --
+
+ (Bei Seite.)
+
+ Sie hört nicht, was ich sage!
+
+ SOPHIE (zu Tschatzki).
+
+ Was hatten Sie denn nun für eine neue Plage?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ach, eine Kleinigkeit!
+ Ein wind'ger Franzmann aus Bordeaux
+ Erzählt' dort ein'gen Damen froh,
+ Wie er sich früher unser Land gedacht,
+ Und was er für Ideen sich gemacht,
+ Und wie er fest geglaubt, daß wir Barbaren wären.
+ Doch alle Angst sei nun vorbei,
+ Man sollte, sagt' er, wirklich schwören,
+ Daß Moskau noch in Frankreich sei;
+ Denn Sitte, Sprache, so wie Moden
+ Versetzten ihn auf vaterländ'schen Boden.
+ Ihn freut' es ohne Gleichen, --
+ Uns kann's zur Freude nicht gereichen.
+ Kaum endete der kleine Mann,
+ Als alle Welt zu seufzen laut begann:
+ Ah, Frankreich, einzig Land, ach göttliches Paris,
+ Ja Frankreich ist das ird'sche Paradies!
+ So stöhnten zwei geschminkte Damen,
+ Die mir so vor wie Papageien kamen,
+ Zwei Fürstinnen, die ihre Lection
+ Herplapperten aus der Pension.
+ Wo sollt' ich hin vor diesen Fürstinnen!
+ Ich stand unweit und äußerte bescheiden,
+ Doch laut genug, daß sie's gehört,
+ Gott möge diesen Geist, von dem wir so bethört,
+ Der blinden, knechtischen Nachahmung Sitte,
+ Ausrotten bald aus unserer Mitte. --
+ Er mögte doch in irgend eine Brust,
+ Die selbstbewußt,
+ Ergießen Muth und Kraft,
+ Durch Beispiel und durch Wort
+ Zu zügeln unsere Leidenschaft,
+ Dies Schmachten nach der Fremde!
+ Und möcht' man einen Finsterling mich schelten,
+ Altgläubig möcht' ich ihnen gelten,
+ Mir schiene es -- der Geist in unserm Norden
+ Sei von der Zeit an schlecht geworden
+ Seitdem wir unserer Sprache Herrlichkeit
+ Und unsre alten herrlichen Gebräuche
+ Vertauscht mit dieser neuen Seuche.
+ Die schöne Volkstracht wurde abgelegt,
+ Damit nun jeder wie ein Narr sich trägt;
+ Sind wir mit diesem Schwalbenschweif
+ Nicht gradezu für's Tollhaus reif?
+ Ein lächerlicher Ausschnitt in der Mitten,
+ Und kaum kann man sich frei bewegen.
+ Und dann die Haare kurz verschnitten,
+ Vernunft und Klima gleich entgegen!
+ Wie lächerlich erscheint ein Graubart nicht,
+ Der sich rasirt das Greisenangesicht!
+ Kurzum -- ich mußt' gestehn, -- ich fand
+ So Haar als Kleider kurz, wie den Verstand.
+ Und müßt' es sein -- und sind wir einmal schon geschaffen
+ Zu fremder Völker Affen,
+ O möchten wir denn doch von den Chinesen lernen
+ Die fremden Sitten zu entfernen!
+ Ach, machen wir uns je wohl frei
+ Von fremder Moden Tyrannei,
+ Daß unser Volk, das bravste in der Welt
+ Uns unsrer Sprache nach nicht mehr für Fremde hält!
+ »Allein wie kann man denn Europas Sitten,«
+ Brummt' einer da aus ihrer Mitten,
+ »Mit Nationalgebräuchen
+ Und Volksgewohnheit wohl vergleichen!
+ Nun übersetzen Sie mir schnell
+ Madame oder Mademoiselle?
+ Sie werden doch nicht »»Herrin«« sagen?
+ Und haha! -- Herrin --! ach wie häßlich!
+ Und haha! -- Herrin! -- ach wie gräßlich!«
+ So wurd' auf meine Kosten nun gelacht;
+ Natürlich hat mich das doch aufgebracht,
+ Und eben -- auf mein Wort --
+ Wollt' ich die derbste Antwort geben,
+ Da liefen alle fort --!
+ Das ist begegnet mir,
+ Und so was sehen täglich wir,
+ In Moskau und in Petersburg
+ Und in dem ganzen Reich geht das so durch --
+ Kommt so ein Männlein aus Bordeaux
+ So drängt sich Alles um ihn froh,
+ Und alle Damen in der Runde,
+ Die hängen wie an seinem Munde. --
+ Die Fürstinnen vor allen
+ Die haben dran ein Wohlgefallen.
+ Doch wer in unsern Residenzen
+ Es nicht versteht durch allerlei
+ Gezierte Redensart und Narrethei
+ Zu glänzen --
+ Wer die verschriebenen Gesichter
+ Nicht leiden kann,
+ Und wer zum Unglück fünf bis sechs Gedanken,
+ Wodurch er aus der Menge ragt,
+ Frei auszusprechen wagt --
+ Der sehe zu!
+
+ (Er sieht sich um, die Tänze haben begonnen, die älteren Personen
+ haben sich zu den Kartentischen gesetzt -- er zieht sich zurück.
+ -- Zum Schluß eine französische Quadrille und Mazurka mit
+ Grotesktouren aus der Zeit des französischen Krieges. -- Der
+ Vorhang fällt.)
+
+ Ende des dritten Akts.
+
+
+
+
+ Vierter Akt.
+
+
+ Schwach erleuchtete Hausflur im Erdgeschoß. Im Hintergrunde eine
+ Paradentreppe zu Famussoff's Wohnung. Links im Vorgrunde
+ Moltschálins Zimmerthür, -- rechts vorn die Thüre zum Portier,
+ weiter hin die Hausthür. Viele Bediente mit Mänteln und Pelzen
+ auf dem Arm, sitzen oder schlafen auf Stühlen und Bänken, man
+ hört noch Ballmusik.
+
+
+ Erste Scene.
+
+ DIE ALTE und JUNGE GRÄFIN (kommen die Treppe herab.)
+
+ DIENER (ruft zur Hausthür hinaus).
+
+ Der Gräfin Chrumin Wagen!
+
+ DIE JUNGE GRÄFIN.
+
+ Das muß ich sagen,
+ Das war ein saub'rer Ball!
+ Wo Famussoff nur hergekriegt
+ Die Mißgeburten all'?
+ Ich wußt' wahrhaftig nicht
+ Mit wem ich sprechen oder tanzen sollte,
+ So gern ich beides wollte.
+
+ DIE ALTE GRÄFIN.
+
+ Ach, Liebchen, komm; ich bin recht mitgenommen,
+ Ich werde schwächer doch mit jedem Jahr;
+ Es wird gewiß noch einmal dazu kommen,
+ Daß ich vom Ball grad auf den Kirchhof fahr'!
+
+ (Man hat ihnen die Pelze umgelegt, sie gehen ab.)
+
+
+ Zweite Scene.
+
+ NATALIE DMÍTREWNA und PLATON GORITSCHEFF.
+
+ DIENER (an der Hausthür).
+
+ Der Goritscheff'sche Wagen!
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Mein Engelsmann, ich will Dich etwas fragen:
+ Mein Herzchen, meine Seele,
+ Erzähle: --
+
+ (Küßt ihn auf die Stirn.)
+
+ Was fehlt' Dir heute,
+ Wo alle Welt sich doch so freute?
+
+ PLATON.
+
+ Ach, liebe Frau, ich kann mich nicht verstellen;
+ Ich -- schlafe auf den Bällen.
+ Du weißt, ich kann sie für den Tod nicht leiden,
+ Doch ist's nicht zu vermeiden,
+ Ich muß ja schon die Nächte dejouriren,
+ Für Dich ist ja ein Ball -- Genuß, --
+ Allein wer auf Kommando tanzen muß,
+ Wie soll sich der nicht ennüyiren!
+
+ NATALIE DMÍTREWNA.
+
+ Du stellst Dich an!
+ O, ich durchschau' den Herrn;
+ Er möcht' den alten Mann
+ Schon spielen für sein Leben gern.
+
+ (Geht ab, der Diener folgt.)
+
+ PLATON (kaltblütig).
+
+ Besieht die Sache man bei Licht,
+ So ist ein Ball so übel nicht,
+ Ich kann mich nur nicht in den Zwang bequemen;
+ Wer hieß ein Weib mich nehmen!
+ Ja -- manchem kann man's an der Wiege sagen --
+
+ DIENER (kommt zurück).
+
+ Die Gnäd'ge sitzen schon im Wagen,
+ Und haben zu »verzürnen« sich geruht.
+
+ PLATON (seufzend).
+
+ Schon gut, schon gut!
+
+ (Ab.)
+
+
+ Dritte Scene.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ (Zum Diener.) Geh' -- such' den Wagen -- mach' geschwind! --
+
+ (Der Diener läuft hinaus.)
+
+ So wär' der Tag dahin und alle Hirngespinste! --
+ Der Hoffnung leichte Nebeldünste
+ Die meine Brust mit Täuschung füllten --
+ Sie sind zerstreut -- verweht nach allen Winden!
+ Und was denn hoffte ich zu finden?
+ Wo ist der Antheil nur? Das Mitempfinden?
+ Wo ist der freudige Empfang?
+ Sie schreien, sind entzückt, umarmen
+ Und alles nichts als leerer Klang!
+ So ging es mir auf meiner Reise,
+ Die Rosse flogen auf dem Eise,
+ Und müssig blickt' ich aus dem Schlitten
+ Wie durch die Steppe hin wir glitten,
+ Die blau und endlos vor uns lag.
+ Man fährt und fährt -- aus Stunden wird ein Tag,
+ Und endlich ist das Nachtquartier erreicht,
+ Doch ach -- was sich dem Blick auch zeigt --
+ Es ist das alte Bild, die alte Noth,
+ Dieselbe Wüste leer und todt.
+ O, es ist ärgerlich und unausstehlich,
+ Je länger man darüber sinnt;
+ Ist es nicht schmählich
+ Wie wenig Hoffnung oft gewinnt! --
+
+ DER DIENER.
+
+ Der Kutscher ist nicht aufzutreiben.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ So geh' und such' ihn auf; soll ich die Nacht hier bleiben?
+
+
+ Vierte Scene.
+
+ TSCHATZKI. REPETÍLOFF (in Pelz gehüllt kommt eilig von außen,
+ stolpert auf der Schwelle und fällt hin; die Diener helfen ihm.
+ Er ist etwas angetrunken).
+
+ REPETÍLOFF (springt hastig auf).
+
+ Pfuh! -- Ungeschickt! -- Was? -- Güt'ger Gott!
+ Laß mich die Augen nur erst reiben; --
+ Mein Herzensfreund, mein lieber Schatz -- _mon cher_!
+ Nun sieh' die Menschen da mit ihrem Spott:
+ Da sagen sie, daß ich ein Schwätzer sei
+ Und dumm und abergläub'sch dabei,
+ Weil ich für alles Zeichen
+ Und Vorgefühle habe.
+ Allein -- jetzt eben -- bitt' ich Dich -- erklär':
+ Als ob ich es gewußt -- so eilt' ich her --
+ Mein Fuß hackt an -- und ich -- ich falle hin
+ So lang und breit ich bin! --
+ Ja, lach' Du nur; denk' immerhin
+ Daß ich ein Narr und Lügner bin,
+ Ich weiß nicht, was es ist,
+ Und wie es kommt, daß Du mein Liebling bist.
+ Es ist ein Muß -- ich bin dazu gezwungen
+ Und bin von Liebe und Respekt ganz wie durchdrungen.
+ Für Dich möcht' ich
+ Die Frau -- die Kinder aus dem Hause treiben,
+ Für Dich könnt' meine Seele ich verschreiben.
+ Und sollte mich die ganze Welt verlassen --
+ Und sollt' ich auf der Stelle hier erblassen --
+ Und sollt' mich Gottes Donner gleich erschlagen --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ei, höre auf, den Unsinn da zu sagen!
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Du liebst mich nicht! Ach! Das ist ja natürlich!
+ Mit andern -- bah! Da bin ich nicht genirt,
+ Jedoch mit Dir -- Du hast mir unwillkührlich
+ Von jeher imponirt.
+ Ich bin ja ungebildet -- ohne Kopf --
+ Ich bin ein Narr, ein lächerlicher Tropf! --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ein eigenes Bekenntniß!
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Dir mach' ich gerne das Geständniß;
+ Ich fluch' dem Tag, an welchem ich geboren;
+ Wenn ich bedenk', wie ich die Zeit verloren!
+ -- -- Was ist es an der Zeit?
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Lang' Zeit zu Bett zu gehn.
+ Du wolltest auf den Ball? Da fahr' nur gleich nach Haus,
+ Denn grade eben ist er aus.
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Was Ball? Wo wir die Nacht bis in den Tag hinein
+ In Anstandsfesseln uns erfreu'n --
+ In's Joch gespannt! Hast Du gelesen --
+ Es giebt ein Buch --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Du liest?
+ Wie soll ich dieses Räthsel lösen?
+ Bist Du denn _Repetíloff_? Wie?
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Nenn' gradezu mich ein Vandalenvieh;
+ Den Titel hab' ich redlich mir erworben:
+ Wie bin ich durch und durch verdorben!
+ Ach -- wie viel Zeit hab' ich nicht auf Gelagen
+ Mit Essen und mit Trinken todtgeschlagen!
+ Ich habe meine Kinder nicht erzogen;
+ Ich habe meine Frau betrogen;
+ Ich hab' gespielt und zwar so arg zuletzt,
+ Daß man mich unter Kuratel gesetzt --
+ Und _nota bene_ -- _per Ukas_! --
+ Ich liebte eine Tänzerin -- was -- nein --
+ Ich hielt's zu gleicher Zeit mit drei'n.
+ Ich trank -- --
+ Und schwärmt' allnächtlich wochenlang.
+ Ich warf von mir Gewissen und Verstand,
+ Gesetze, Glauben, Vaterland --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Nun höre mal, das ist zu viel!
+ Lüg' immerhin, doch halte Maaß und Ziel.
+ Du sprichst von Dingen --
+ Die könnten einen zur Verzweiflung bringen.
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Drum, Bester, wünsch' mir Glück,
+ Ich kam von diesem Rausch zurück.
+ Mit klugen Leuten geh' ich jetzt nur um
+ Und treibe mich nicht mehr des Nachts herum.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Zum Beispiel -- heute! -- --
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Was -- eine Nacht -- die zählt nicht -- das ist klar!
+ Und dafür frag' mich -- wo ich war!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Das Räthsel ist nicht schwer zu lösen
+ Du bist gewiß im Klubb gewesen.
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Im Englischen -- um meine Beichte anzuheben.
+ Ich hatte mich zu einer Sitzung hinbegeben;
+ Es ging heut' äußerst stürmisch her --
+ Ich gab mein Wort zu schweigen -- und
+ Ich bitt' Dich, schweig daher.
+ Es ist ein ganz geheimer Bund
+ Der sich versammelt an den Donnerstagen
+ Zu allerhand besondern Fragen.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Da hör' ich wundersame Dinge.
+ Im Klubb?
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Im Klubb.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Mein Bester, hör'!
+ Ich fürchte sehr
+ Kommt man Euch auf die Sprünge
+ So ist's um Euch und Euren Klubb geschehn.
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Du glaubst, daß es gefährlich ist?
+ Ei, wie Du immer ängstlich bist!
+ Wir schreien zwar, doch niemand kann's verstehn.
+ Ich selber -- fängt es an recht heiß erst herzugehn
+ Von Parlament und Jury -- oder kommt
+ Lord Byron auf's Tapet -- ich sag' Dir, wicht'ge Dinge!
+ Dann sitz' ich allermeist und höre zu wie stumm,
+ Es ist für mich zu hoch -- dann fühl' ich, daß ich dumm.
+ Freund -- Du bist nie bei uns gewesen --
+ Ich sag' Dir, Männer auserlesen.
+ Hör', Alexandre, sei ein prächt'ger Junge
+ Und fahre gleich mit mir dahin;
+ Jetzt sind sie grade recht im Schwunge
+ Und recht im Disputiren drin.
+ Ach was für Köpfe! Ungewöhnlich,
+ Und mir nicht im Geringsten ähnlich.
+ Ich sage Dir, _mon cher_, die Quintessenz
+ Der jungen Herrn in unserer Residenz.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ei geh' mit Gott! Das wäre schön!
+ Wozu? In tiefer Nacht? Ich will zu Bette gehn.
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Ach was! Wer schläft jetzt? Nein, noch heute,
+ Entscheide Dich -- denn wir -- wir sind entschiedne Leute.
+ Ein Dutzend heißer Köpfe -- ehrenwerth --
+ Wenn man uns schreien hört,
+ So ist man ganz verwundert,
+ Man glaubt gewiß es seien an die hundert.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Doch sag' mir nur, wofür Ihr denn so schwärmt?
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Es wird gelärmt, mein Freund -- gelärmt.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Allein wozu? Das möcht' ich fragen.
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Es ist hier weder Zeit noch Ort Dir das zu sagen
+ Es ist so ein -- Verein.
+ Behutsamkeit muß bei der Sache sein.
+ Siehst Du, die Frucht braucht Zeit zur Reife,
+ Es geht nicht auf einmal. --
+ Doch was für Köpfe -- _ah mon cher_ --
+ Ich zähle sie der Reihe her:
+ Da ist zuerst -- der Fürst Gregor
+ Ein einz'ger Sonderling -- man lacht sich fast zu Tode!
+ Er ist ein Angloman und kleidet sich als Britte,
+ Die Haare kurz, nach englisch steifer Sitte.
+ Und spricht auch durch die Zähne so --
+ Du kennst ihn nicht? Ich mach' euch gleich bekannt.
+ Ich sage Dir, er ist _charmant_.
+ Dann haben wir noch einen Sänger
+ Workuloff, -- Jewdokim --
+ Er singt sublim!
+ Du solltest hören seine Lieder
+ Besonders seinen Bollero
+ _Ah, non lasciar mi no! no! no!_
+ Dann sind auch noch zwei Brüder,
+ Zwei prächt'ge Jungen da,
+ Leon und Borinka.
+ Man weiß von ihnen sonst wohl nichts zu sagen.
+ Doch willst Du nach Genies mich fragen,
+ Dann nenne ich Dir unsern Hyppolit.
+ Du last doch was von ihm? Und wär' es nur ein Lied,
+ Lies sag' ich Dir -- doch leider schreibt er nichts!
+ Er ist Genie -- an Sitzfleisch nur gebricht's.
+ Mit Ruthen müßt' man solche Herrn zur Arbeit treiben
+ Und in die Ohren schreien: Schreiben, schreiben!
+ Doch fällt mir ein, daß für ein Zeitungsblatt
+ Er ein Fragment geschrieben hat,
+ »Ein Blick und Etwas« ist es überschrieben.
+ Und wovon, glaubst Du, daß dies Etwas handelt?
+ Von Allem, denk' Dir! Nichts ist unberührt geblieben.
+ Denn er weiß alles -- wir bewahren
+ Ihn uns auch für den Fall der Noth.
+ Doch unser Cheff -- nun da ist nicht zu streiten --
+ Im ganzen Reiche giebt's nicht einen solchen zweiten
+ Ich brauche ihn Dir nicht zu nennen,
+ Du kannst ihn am Porträt erkennen.
+ Er ist ein Duellant von unerhörtem Muthe,
+ In böse Händel war er stets verstrickt.
+ Er wurde nach Kamtschatka einst verschickt,
+ Und kam zurück als Aleute.
+ Und freilich geht er nicht in reinen Schuh'n,
+ Denn lange Finger hat er -- doch was ist zu thun --
+ Kein kluger Kopf kommt ehrlich durch das Leben.
+ Doch kann's nichts Herrlicheres geben,
+ Als wenn er von der Ehre deklamirt.
+ Wie oft hat er uns nicht dadurch gerührt!
+ Dann scheinen finstere Dämonen
+ Auf seiner Stirne Brau'n zu thronen,
+ Die Augen füllen sich mit Blut,
+ Er scheint in einer heil'gen Wuth,
+ Er selber weint -- und wir -- wir schluchzen.
+ Sieh', das sind Leute! Ich bin überzeugt,
+ Daß uns auf Erden niemand gleicht.
+ Ich freilich -- muß es selber sagen --
+ Ich bin das fünfte Rad am Wagen,
+ Ich blieb zurück,
+ Weil ich entsetzlich faul im Denken.
+ Indeß, wenn ich mein bischen Hirn nur zwinge
+ Und hin mich setze -- keine Stunde --
+ Da fährt mir unverhofft zum Munde
+ Ein Calembourg heraus.
+ Die andern putzen ihn dann aus,
+ Und thun zusammen sich zu sechsen,
+ Ein Vaudevill heraus zu hexen;
+ Sechs andre machen gleich im Nu
+ Die niedlichste Musik dazu,
+ Die andern klatschen, was das Zeug's nur hält,
+ Und -- lache wie Du willst -- mein Vaudevill gefällt!
+ Der Himmel gab mir nicht viel Fähigkeiten,
+ Allein mein gutes Herz gefällt den Leuten,
+ Und darum halten sie die Lügen mir zu gut.
+
+ EIN DIENER (ruft hinaus).
+
+ Den Wagen vor vom Oberst Scalosúb!
+
+ REPETÍLOFF (kehrt sich um).
+
+ Wie? Wessen Wagen vor?
+
+
+ Fünfte Scene.
+
+ Die VORIGEN. SCALOSÚB.
+
+ REPETÍLOFF
+
+ (geht Scalosúb entgegen und erstickt ihn fast mit Umarmungen).
+
+ Wie -- Seelenfreund -- halt an -- wohin?
+ Thu' mir die Liebe --!
+
+ TSCHATZKI (bei Seite).
+
+ Wo soll ich nur vor diesen mich verbergen?
+
+ (Er schlüpft in's Zimmer des Portiers.)
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Man hat ja lange nichts von Dir gehört
+ Es hieß Du seist zurück zum Regiment gekehrt.
+ Kennt ihr euch schon?
+
+ (Sieht sich um.)
+
+ Fort ist der Eigensinn!
+ Gleichviel, Dich hab' ich unverhofft getroffen,
+ Und Du mußt ohne weitres mit mir gehn.
+ Bei Fürst Gregor sind heute
+ Versammelt eine Menge Leute --
+ Ein Stücker Vierzig wirst Du sehn,
+ Potz Tausend, was für große Geister!
+ Die ganze Nacht wird disputirt
+ Und niemand merkt's, daß er sich ennüyirt.
+ Zuerst sieh, daß Du in Champagner nicht ersäufst,
+ Und zweitens kriegst Du Dinge dort zu hören,
+ Die weder ich noch Du begreifst.
+
+ SCALOSÚB.
+
+ Ei, laß mich! Das gelehrte Zeug
+ Was man zu hören kriegt bei Euch,
+ Das lockt mich nicht. Wirb andre an
+ Und sag' an Fürst Gregor, ich sei erbötig
+ Euch zuzuschicken einen Korporal,
+ Den hättet ihr sehr nöthig.
+ Er stellte in drei Glieder euch
+ Vor allen Dingen
+ Und mukstet ihr, er würde gleich
+ Mit einem Blicke euch zur Ruhe bringen.
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Du hast nur stets den Dienst im Kopf, _mon cher_!
+ Sieh einmal her:
+ Ich blieb' gewiß nicht ohne Rang und Stelle
+ Und wäre ein gemachter Mann,
+ Allein ich hatte Unglücksfälle
+ Wie man nicht ärger haben kann.
+ Ich diente im Civil auch damals schon
+ Als Baron Klock Minister werden wollte
+ Und ich -- sein Schwiegersohn.
+ Ich ging ganz blindlings auf mein Ziel
+ Und ließ mich ein in solches Spiel
+ Mit ihm und seiner Frau. -- Die haben mich geschoren!
+ Herr Gott, was habe ich für Summen dort verloren!
+ An der Fontanka wohnt der Mann
+ Ich baute nebenan
+ Mir einen Palast auf
+ Mit ungeheueren Colonnen
+ Was gingen da für Summen auf den Lauf!
+ Die Tochter aber hatt' zuletzt ich doch gewonnen.
+ Allein -- o weh -- die Mitgift die war -- Gott zu klagen!
+ Und dann -- was wirst Du sagen:
+ Im Dienste wurd' ich doch nicht avancirt,
+ Es war ein Deutscher, doch wozu hat's mich geführt?
+ Er fürchtete den Vorwurf, siehst Du,
+ Daß er Verwandte protegirt'
+ Er fürchtet' -- hol' ihn der und jener --
+ Mir half er nichts.
+ Dagegen seine Schreiber, seine frechen
+ Sekretaire, Dintenkleckser, Buben
+ Aus Schreiberstuben,
+ Die waren alle zu bestechen
+ Und sind nun avancirt
+ Und im Adreßkalender angeführt.
+ Der Henker hole Rang und Dienst und Orden!
+ Es ist doch nichts als Prellerei,
+ Lachmotjeff Selekstei
+ Hört' ich vortrefflich sagen
+ Daß hier ein radikales Mittel nöthig sei,
+ Verdauen will sie nicht mehr unser Magen --
+
+ (Er hält plötzlich an, da er statt Scalosúb, der fortgefahren ist,
+ Sagorétzki erblickt, der an Scalosúbs Stelle getreten ist.)
+
+
+ Sechste Scene.
+
+ REPETÍLOFF. SAGORÉTZKI.
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Ich bitte fahren Sie nur fort --
+ O, ich versteh' Sie auf mein Wort!
+ Ich bin ja ganz wie Sie ein großer Liberaler,
+ Allein mir ging es noch fataler,
+ Ich trug zu kühn die Wahrheit vor,
+ Sie glauben nicht, was ich dadurch verlor.
+
+ REPETÍLOFF (ärgerlich).
+
+ Verschwunden! -- Alle fort!
+ Und sagen nicht ein Wort.
+ Erst der -- nun jener -- kaum sieht man sich um;
+ Erst hatt' ich Tschatzki hier gefunden,
+ Drauf Scalosúb und beide sind verschwunden!
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Was meinen Sie von Tschatzki?
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Nun, er ist nicht dumm!
+ Wir sprachen hier von Possen -- allerhand,
+ Dann aber hat sich das Gespräch
+ Zum Vaudeville gewandt.
+ Ein wichtiges Gespräch! -- Sehr wichtig
+ Ist doch das Vaudevill,
+ Doch alles übrige ist nichtig.
+ Und ich und er -- ich hab' -- ich sag' es offen
+ Den nämlichen Geschmack bei ihm getroffen.
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Bemerkten Sie denn nicht
+ Daß es bei ihm im Kopf nicht richtig?
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Ei was!
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Ich sage nur, was jeder spricht.
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Wie abgeschmackt!
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ So fragen Sie doch!
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Wind!
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Da kommt der Fürst mit Frau und Kind
+ Recht _à propos_.
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Ach Possen!
+
+
+ Siebente Scene.
+
+ REPETÍLOFF. SAGORÉTZKI. FÜRST TUGOÚCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und
+ sechs TÖCHTERN; MAD. CHLESTOW von MOLTSCHÁLIN geführt.
+
+ SAGORÉTZKI.
+
+ Ich bitte Sie, Erlaucht, mir doch zu sagen:
+ Ist Tschatzki toll geworden oder nicht?
+
+ ERSTE FÜRSTIN.
+
+ Wer kann da zweifeln oder fragen?
+
+ ZWEITE FÜRSTIN.
+
+ Wovon die ganze Welt schon spricht!
+
+ DRITTE FÜRSTIN.
+
+ Kränklinski's, Schmuzowski's,
+ Dibrinki's, Klatschkowski's --!
+
+ VIERTE FÜRSTIN.
+
+ Das ist was altes schon. Wem ist die Sache neu?
+
+ FÜNFTE FÜRSTIN.
+
+ Wer zweifelt noch daran?
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Ei,
+ Dieser Mann!
+
+ SECHSTE FÜRSTIN.
+
+ Sie?
+
+ ALLE ZUSAMMEN (ihn umringend).
+
+ Wie?
+ _Msjë_ Repetíloff. Nein?
+ _Msjë_ Repetíloff, ach, wie kann das sein!
+ Was wollen Sie, man weiß es schon im ganzen Lande,
+ Was denken Sie? Es ist ja Sünd' und Schande!
+
+ REPETÍLOFF (hält sich beide Ohren zu).
+
+ Verzeih'n Sie mir, ich wußte nicht
+ Daß man davon so laut schon spricht.
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN.
+
+ So laut? -- Nicht laut genug. -- Ei, das ist sonderbar!
+ Sie müssen wissen
+ Mit ihm zu sprechen bringt Gefahr.
+ Man hätte längst ihn binden müssen,
+ Er ist ja wüthend wie ein Tieger,
+ Und doch -- hört man ihn an --
+ So scheint sein kleiner Finger klüger
+ -- Im Disputiren -- das versteht er --
+ Als alle Welt -- und selbst mein Mann, Fürst Peter.
+ Ich glaube -- gradheraus -- er ist ein Jakobiner
+ Ihr saubrer Freund! -- Nun gute Nacht!
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Ihr Diener!
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN.
+
+ Ach, Herr Gemahl, Du mußt Dich schon bequemen
+ Sisi und Kätchen mitzunehmen,
+ Wir haben, sechs Mann hoch, erst gar zu eng gesessen.
+
+ MAD. CHLESTOW
+
+ (erscheint oben und ruft herab).
+
+ Eh, liebe Fürstin, eh!
+ Sie haben Ihre Kartenschuld vergessen.
+
+ DIE ALTE FÜRSTIN.
+
+ Notiren Sie's, mein Schatz. Adieu!
+
+ ALLE (gegenseitig).
+
+ Adieu, Adieu, Adieu! --
+
+ (Die fürstliche Familie und Sagorétzki ab.)
+
+
+ Achte Scene.
+
+ REPETÍLOFF. MAD. CHLESTOW. MOLTSCHÁLIN.
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Du großer Gott!
+ Ach, meine Gnädigste, was soll man dazu sagen?
+ Der arme Tschatzki! Ach! die Weisheit ist nur Spott!
+ Und wozu hilft es nun mit Lernen sich zu plagen!
+
+ MAD. CHLESTOW.
+
+ Gott hat es ihm geschickt! Es ist ein schlimmer Fall,
+ Allein vielleicht ist er noch zu kuriren;
+ Indeß, mit Ihnen, Freund, würd' man die Zeit verlieren,
+ Ist das nun wohl erhört! Jetzt kommen Sie zum Ball!
+
+ (Zu Moltschálin.)
+
+ Nun, bester Freund, da ist dein Kämmerlein,
+ Geh' nur hinein
+ Und Gott behüt' Dich. (Moltschálin geht ab.)
+
+ (Zu Repetíloff.)
+
+ Nun, Alterchen, schön gute Nacht
+ Wie lange soll die Tollheit währen?
+ Ich dächt', es wäre Zeit, mit Rasen aufzuhören.
+
+ (Ab.)
+
+
+ Neunte Scene.
+
+ REPETÍLOFF und dessen DIENER.
+
+ REPETÍLOFF.
+
+ Wo fahre ich nun hin?
+ Es fängt wahrhaftig an zu tagen.
+ Mach' fort und hilf mir in den Wagen
+ Und fahr' gleichviel wohin.
+
+ (Beide ab.)
+
+
+ Zehnte Scene.
+
+ TSCHATZKI
+
+ (kommt aus der Loge des Portiers).
+
+ Wie? Hab' ich recht gehört --? Kann es wohl sein?
+ Ist's nicht ein Scherz? O nein
+ Nur reine Bosheit! Wie?
+ Durch welches Wunder, welche Zauberei
+ Verbreitet sich ein solch Geschrei?
+ Für ein'ge schien es ein Triumph zu sein,
+ Und and're schienen Mitleid mir zu weih'n.
+ O, könnt' man in der Menschenbrust doch lesen
+ Wer hier am meisten Schuld gewesen,
+ Ob ihre Zunge, ob ihr Herz.
+ Wer hat erdacht den abgeschmackten Scherz?
+ Der Dumme glaubt's und gleich muß er es weiter tragen,
+ Die alten Weiber sind gleich fertig Lärm zu schlagen,
+ Und allgemein wird's dann als Wahrheit anerkannt.
+ Das also ist mein Vaterland!! --
+ Nein, nein -- ich fühl's -- bald habe ich genug
+ Von diesem herrlichen Besuch! --
+ Ob wohl Sophie davon gehört?
+ Wahrscheinlich sagte man's auch ihr.
+ Sie ist gesinnt -- nicht g'rade feindlich mir,
+ Doch ihr ist's ein's, ob ich gestört
+ Ob es ein andrer ist; sie liebt ja keinen.
+ Allein, wie sollte ich damit die Ohnmacht einen?
+ Sind's ihre Nerven, die sich dazu neigen,
+ Ist's eine Schwäche, ihr nur eigen?
+ Ein Nichts erschreckt, ein Nichts beruhigt sie.
+ Ich glaubt' es wäre Sympathie,
+ Lebhafte Leidenschaft wär' hier im Spiel,
+ Ach, nicht die Spur davon! Vielleicht
+ Hätt' sie gezeigt
+ Das nämliche Gefühl
+ Wenn einer Katze, einem Hund' von ungefähr
+ Man auf den Schwanz getreten wär'!
+
+ (Unterdessen ist die letzte Lampe erloschen.)
+
+ SOPHIE
+
+ (erscheint oben auf der Treppe mit einem Licht und beugt sich über
+ das Geländer).
+
+ Moltschálin? Wie!
+
+ (Sieht Tschatzki, zieht sich schnell zurück.)
+
+ TSCHATZKI.
+
+ O Himmel -- das war sie! --
+ Sie selbst! -- Es kocht mein Blut,
+ Die Sinne schwanken wie in Fiebergluth.
+ War es ihr Geist? Verlor ich den Verstand?
+ Was geht hier vor?
+ Nein, keine Täuschung konnt' das sein;
+ Es war ein Stelldichein.
+ Wozu mich länger selbst noch täuschen,
+ Sie rief Moltschálin ja,
+ Und hier -- hier ist sein Zimmer! -- da!
+
+ TSCHATZKI'S DIENER (kommt eilig von draußen).
+
+ Der Wa-- -- --
+
+ TSCHATZKI.
+
+ St! Fort mit Dir!
+
+ (Diener ab.)
+
+ Ich bleibe, muß es sein, selbst bis zum Morgen hier;
+ Soll ich den Kelch der Leiden trinken
+ So will ich's lieber auf einmal,
+ Durch Zaudern, ach, entgeht man nicht der Qual.
+ Man kommt! --
+
+ (Verbirgt sich hinter einem Pfeiler.)
+
+
+ Elfte Scene.
+
+ TSCHATZKI (verborgen). LISETTE (mit einem Licht).
+
+ LISETTE.
+
+ O Gott, ich möcht' vor Angst vergehn!
+ Des Nachts im leeren Vorhaus hier zu stehn! --
+ Ich fürcht' mich vor Gespenstern sehr
+ Und vor Lebend'gen noch viel mehr.
+ Gott mag dem Fräulein das verzeih'n
+ Da schickt sie mich gerad hinein.
+ Sie sagt, sie hätte Tschatzki hier gesehn:
+ Wie ein Gespenst sieht überall sie den.
+
+ (Sieht sich um.)
+
+ Das fehlte auch noch, hier zu bleiben,
+ Und sich im Vorhaus hier herum zu treiben!
+ Ich wette:
+ Der liegt mit seinen Liebessorgen
+ Schon längst zu Haus im Bette,
+ Und sinnt auf einen Plan zu morgen.
+ Doch muß ich ja zum Herzensfreunde geh'n,
+
+ (Sie setzt das Licht auf den Boden und pocht an Moltschálin's
+ Zimmerthüre.)
+
+ Moltschálin hören Sie? Ich bitt' Sie aufzustehn;
+ Das Fräulein ruft. Ich soll Sie gleich zum Fräulein führen.
+ Doch schnell, wir dürfen nicht die Zeit verlieren.
+
+
+ Zwölfte Scene.
+
+ TSCHATZKI (verborgen). LISETTE. MOLTSCHÁLIN (gähnt und dehnt sich).
+ Bald darauf erscheint SOPHIE oben unbemerkt.
+
+ LISETTE.
+
+ Sind Sie von Eis heut' oder Stein?
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ach, Lieschen mein,
+ Kamst Du aus eignem Antrieb? Sprich!
+
+ LISETTE.
+
+ O nein, das Fräulein schickte mich.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Wer sollte glauben, daß in diesen Zügen,
+ In diesen Aederchen
+ Der Liebe sanft Erröthen nie gespielt! --
+ Kann Dir das Botenlaufen denn genügen,
+ Hast Du denn selber Liebe nie gefühlt?
+
+ LISETTE.
+
+ Da Sie auf Freiersfüßen gehn
+ Kann ich Ihr Gähnen nicht verstehn.
+ Den lobte ich, der vor dem Hochzeitstag
+ Nicht essen und nicht schlafen mag.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Was Hochzeit? Und mit wem denn, sprich?
+
+ LISETTE.
+
+ Nun mit dem Fräulein, dächte ich.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ach geh! Die Hoffnung liegt noch weit;
+ Auch ohne Hochzeit bringt man hin die Zeit.
+
+ LISETTE.
+
+ Ich weiß nicht recht, mein Herr, wie man so sprechen kann!
+ Wir wollen ja doch keinen andern Mann.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Mag sein! Ich hab' seither nur immer Angst gehabt,
+ Daß uns der Alte nicht ertappt.
+ Der würde uns verfluchen und verjagen! --
+ Hör', soll ich Dir die Wahrheit sagen?
+ In Deinem Fräulein hab' ich niemals was erblickt
+ Was mich entzückt;
+ Ich wünsche ihr auf allen Wegen
+ Des Himmels reichsten Segen;
+ Doch sie hat Tschatzki gern gesehn,
+ Und nun! -- Mir wird's nicht besser gehn.
+ Ach Engel mein, ach könnte ich
+ Nur halb für sie empfinden, wie für Dich! --
+ Ich thue was ich kann,
+ Ich stell' mich zärtlich an,
+ Allein -- der Himmel weiß --
+ Sobald ich sie nur seh', so werde ich zu Eis.
+
+ SOPHIE (bei Seite).
+
+ Wie niedrig! O, kaum kann ich mich bezähmen!
+
+ TSCHATZKI (bei Seite).
+
+ Der Schuft!
+
+ LISETTE.
+
+ Sie sollten sich doch schämen!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Im Testament rieth mir mein Vater, daß ich _Allen_
+ Bemüht sein müßte zu gefallen:
+ Dem Wirth des Hauses, wo ich im Quartier,
+ Sodann dem Chef, der über mir;
+ Auch dessen Diener, der die Kleider putzt,
+ Dem Schweizer und dem Hausknecht dann --
+ Weil man sie oft benutzt,
+ Und suchen sollte ich
+ Des Knechtes Hund zum Freunde zu bekommen.
+
+ LISETTE.
+
+ Ei, ei, da haben Sie viel Arbeit übernommen!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Und darum stelle ich verliebt mich an,
+ Nur aus Gefälligkeit,
+ Weil sie die Tochter ist von einem solchen Mann.
+
+ LISETTE.
+
+ Durch den Sie gastfrei aufgenommen
+ Von dem Sie manchen Rang bekommen?
+ Doch bitt' ich eilen Sie --!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Wohlan, so laß uns zu Sophie
+ Zu unsrer weinerlichen _Coeur-madam_
+ Mit ihrem Liebesgram.
+ Doch erst erlaub' mir mit Entzücken
+ Dich an dies volle Herz zu drücken. --
+
+ (Er will sie umarmen; sie entzieht sich ihm.)
+
+ Warum ist sie nicht Du!
+
+ (Indem er hinauf gehen will, tritt ihm Sophie entgegen.)
+
+ SOPHIE.
+
+ Zurück, ich hab' genug gehört!
+ O Ungeheuer Sie! So also mußt' es enden!
+ Ich schäm' mich vor mir selbst, ich schäm' mich vor den Wänden.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Sie da?
+ Sophie Pawlowna!
+
+ SOPHIE.
+
+ Um Himmelswill'n, kein Wort --! Sie schweigen! --
+ Entschieden ist schon alles hier.
+
+ MOLTSCHÁLIN (wirft sich zu ihren Füßen).
+
+ Ach Gott, verzeih'n Sie mir,
+ Gedenken Sie, ach seh'n Sie auf mich her!
+
+ SOPHIE.
+
+ Ich denk an gar nichts mehr --
+ Und schwiegen Sie, so wär' es besser.
+ O die Vergangenheit, sie ist ein scharfes Messer!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Erbarmen Sie sich doch!
+
+ SOPHIE.
+
+ Wozu dies Kriechen noch?
+ Wozu am Boden liegen!
+ Kein Wort! Ich weiß wie Sie betrügen.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Die einz'ge Gnade nur! --
+
+ SOPHIE.
+
+ Nein, nein, nein!
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Ich scherzte, sprach ja nur verschlafen,
+ O Gott, wie können Sie so hart mich strafen!
+
+ SOPHIE.
+
+ Auf, sage ich -- sonst wecke ich das Haus
+ Und dann ist's mit uns beiden aus.
+
+ (Moltschálin steht schnell auf.)
+
+ Von heute an will ich von Ihnen nicht mehr wissen;
+ Und daß Sie es zu denken selbst nicht wagen,
+ Als ob mit Thränen und mit Klagen
+ Sie von mir würden je beehrt --
+ Das sind Sie wahrlich gar nicht werth.
+ Und daß Sie sich nicht untersteh'n
+ Ihr Auge länger hier zu zeigen.
+
+ MOLTSCHÁLIN.
+
+ Was Sie befehlen soll gescheh'n.
+
+ SOPHIE.
+
+ Ich würde nichts verschweigen,
+ Ich sagte Alles meinem Vater frei,
+ Mein Schicksal wär' mir einerlei.
+ Sie können gehn! Nein, halt! -- Es ist Ihr Glück
+ Daß Feigheit mehr Sie hielt zurück
+ Wenn ich in tiefster Nacht Sie sah,
+ Als selbst, wenn es am Tag geschah;
+ Sie sind so kühn nicht, wie gemein.
+ O ich bin froh, daß es jetzt Nacht und wir allein;
+ Daß Augenzeugen nicht zugegen!
+ Welch eine Meinung müßt' man von mir hegen;
+ Wenn, wie heut' Vormittag,
+ Als ich in Ohnmacht lag,
+ Hier Tschatzki wär'.
+
+ TSCHATZKI
+
+ (hinter dem Pfeiler rasch hervortretend).
+
+ Hier ist er, Heuchlerin!
+
+ LISETTE UND SOPHIE.
+
+ Ach! -- Ach! --
+
+ (Lisette läßt das Licht vor Schrecken fallen. Moltschálin läuft in
+ sein Zimmer und verschließt es.)
+
+
+ Dreizehnte Scene.
+
+ TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE.
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Jetzt schnell in Ohnmacht hin!
+ Denn mehr als heute früh, wär's grade jetzt am Ort.
+ Das also war das große Räthselwort!
+ Und diesem bin ich aufgeopfert!
+ Ich weiß nicht, wie ich mich
+ Und meine Wuth bezähmte -- ha --
+ Ich sah und schaut' und glaubt' nicht was ich sah!
+ Und dieses Herzblatt, das mir vorgezogen,
+ Für den Sie Ihren alten Freund betrogen,
+ Der Mensch, durch den Gefühl und Scham
+ Von Ihrer Wange kam,
+ Der läuft jetzt fort voll Angst und Schrecken
+ Sich hinter Schloß und Riegel zu verstecken.
+ Wer faßt des Schicksals launenhaftes Spiel!
+ Der Mann von Seele und Gefühl
+ Wird unter einer Last von Leiden fast erdrückt,
+ Und die Moltschálin's -- sind beglückt.
+
+ SOPHIE
+
+ (in Thränen zerfließend).
+
+ Nichts mehr, ich bin voll Schuld -- ich sag' es frei --
+ Doch konnt' ich's ahnen wohl, daß er so schändlich sei?
+
+ LISETTE.
+
+ Man kommt! Ihr Vater ist's, ach Gott, das ganze Haus!
+ Der Alte wird sich freu'n, nun ist auch alles aus!
+
+
+ Vierzehnte Scene.
+
+ DIE VORIGEN. FAMUSSOFF (kommt mit mehreren Dienern, die Fackeln,
+ Lichte und Laternen tragen).
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Hierher! Mir nach! Geschwind, geschwind!
+ Mehr Licht! Laternen! Nun, wo sind
+ Denn die Gespenster? Wie? Was seh' ich da?
+ Wie? meine Tochter? Ha!
+ Verworfne Dirne, ohne Scham!
+ Und wo? Und sag' mit wem? Infam!
+ Ja! Topp auf Topp! Ganz auf ein Haar
+ Wie meine sel'ge Frau, wie ihre Mutter war.
+ Kehrt' ich den Rücken nur, so wußt' ich's schon'
+ Gleich steckt' sie irgendwo mit einer Mannsperson.
+ Du! fürchte Gott!
+ Wie hat Dich dieser Mensch denn so berückt?
+ Du selbst erklärtest ihn ja für verrückt;
+ Ja so!! -- Ich war ja blind und dumm!
+ Erfunden war's und alle wußten drum.
+ Er selbst war im Complott
+ Mit allen meinen Gästen.
+ Wodurch verdient' ich, lieber Gott,
+ Daß man mich also hält zum Besten!
+
+ TSCHATZKI (zu Sophie).
+
+ Das Mährchen also haben Sie erdacht?
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Schatz, keine Finten hier gemacht!
+ Ich lass' mich länger nicht betrügen
+ Und würdet ihr euch hier gleich in den Haaren liegen.
+
+ (Zum Portier.)
+
+ Du, Philipp, bist ein Klotz, wie ich nun deutlich seh' --
+ Ein Rindvieh macht' ich zum Portier.
+ Er hört und sieht nicht; -- sag' -- wo hast Du denn gesteckt?
+ Wie hast Du denn nicht alles gleich entdeckt?
+ Warum verschlosst Du nicht die Thüre jetzt?
+ Und warum passest Du nicht auf bis ganz zuletzt?
+
+ (Zu den übrigen Dienern.)
+
+ Wo war't ihr alle hingelaufen? --
+ Zur Arbeit -- nach Sibirien mit euch!
+ Für einen Groschen wär't ihr fertig gleich
+ Mich zu verrathen und mich zu verkaufen.
+
+ (Zu Lisette.)
+
+ Und das, Du Falkenaug', sind deine Schelmenstücke!
+ Da haben wir die Schmiedebrücke
+ Und Putz und Modennarrethei.
+ Da hast Du es gelernt
+ Wie man den Seladon läßt ein
+ Und wieder ihn entfernt.
+ Wart' nur, Dir leg' ich Deine Suiten,
+ Auf's Dorf mit Dir, da kannst Du Gänse hüten!
+
+ (Zu Sophie.)
+
+ Auch Du, Mamsell, Du bleibst nicht länger hier.
+ Zwei Tage Zeit noch geb' ich Dir,
+ Dann wirst Du fort aus Moskau gehn
+ Und nicht mehr Menschen sehn.
+ Ich halte Dich schon fern
+ Von solchen abgefeimten Herrn.
+ Zur Muhme, nach Saratow -- in die Wüste hin,
+ Das wird kuriren Deinen Sinn.
+ Da kannst Du seufzen in der Oede,
+ Von Liebelein ist dort nicht mehr die Rede;
+ Da kannst Du Dich am Rahmen dehnen
+ Und hinter der Postille gähnen.
+
+ (Zu Tschatzki.)
+
+ Erlauben Sie, mein Herr, daß ich Sie ernstlich bitte
+ Zu unterlassen alle weitern Schritte,
+ In jeder Art, nicht grad', nicht krumm --
+ Sie werden schon für Ihre Streiche büßen,
+ Und hier im ganzen Publikum
+ Wird jede Thür vor Ihnen sich verschließen --
+ Denn ich versprech's -- ich werde Lärmen schlagen,
+ Ich werde jedermann in Moskau fragen
+ Wie solch Betragen ihm gefällt.
+ Erfahren soll es alle Welt,
+ Ich schrei' es aus in alle Häuser,
+ Ich reich' es ein in den Senat,
+ Ich klag' es dem Ministerrath,
+ Ich gehe bis zum Kaiser!
+
+ TSCHATZKI.
+
+ Ich fass' es nicht, ich muß gestehn,
+ Ich hör' es zwar, doch kann ich's nicht begreifen.
+ Betäubt davon was hier geschehn
+ Steh' ich noch da und die Gedanken schweifen.
+ Ich Thor! Wo suchte ich den Preis für meine Leiden?
+ Ich eilte, flog, ich zitterte vor Freuden,
+ Dem Glück schon nah mich wähnend;
+ Nur Eines wünschend, Eins nur sehnend
+ Verschwendet' ich der Liebe heißes Flehn,
+ Und Sie -- Sie wählten -- wen?! --
+ Und wollten Sie mich denn verschmäh'n --
+ Warum denn heucheln
+ Und mir mit Hoffnung schmeicheln?
+ Warum mir denn nicht deutlich sagen:
+ Hin sei der Traum aus jenen Jugendtagen,
+ Und nur noch Gegenstand für Ihren Spott!
+ Warum mir denn nicht sagen,
+ Daß lau geworden die Erinnerung sogar
+ An die Gefühle, die wir theilten,
+ Und die in mir nicht Trennung, nicht die Zeit,
+ Zerstreuung nicht und weite Reisen heilten;
+ Die jedem Athemzug verwebt --
+ Mit denen ich gelitten -- mit denen ich gelebt!
+ Ach hätten Sie die Wahrheit nicht gescheut,
+ Daß meine schnelle Rückkehr, mein Betragen,
+ Mein Anblick, meine Worte Ihnen nicht behagen,
+ Ich hätte Sie sogleich von mir befreit.
+ Ich hätte nicht in meinem blinden Wähnen
+ Nach _dem_ gestrebt, was er, Ihr Liebling da --
+
+ (Er lacht.)
+
+ Haha!
+ Sie werden sich versöhnen!
+ Wenn reiflich Sie's bedenken,
+ Wozu sich selber kränken?
+ Und dann -- Sie können windeln ihn und plagen
+ Und in Geschäften aus dem Hause jagen,
+ Solch Ehejüngelchen, solch einen Eheknecht --
+ Zum Pagen wie geschaffen
+ Für's ganze weibliche Geschlecht,
+ Der Eheherren hohes Ideal
+ In Moskau -- o -- ein sauberer Gemahl.
+ Genug! Es ist mein Stolz Sie zu vergessen.
+
+ (Zu Famussoff.)
+
+ Sie, alter Herr, auf Rang stets so versessen,
+ O träumen Sie unwissend -- glücklich fort!
+ Ich gebe Ihnen hier mein Ehrenwort:
+ Ich werbe nie um Ihrer Tochter Hand,
+ Weil sich ein andrer Ritter fand.
+ Ein Männlein sehr erfahren und geschickt,
+ Ein Speichellecker, der sich ewig bückt,
+ Und der auch ganz, so wie mir däucht,
+ Dem künft'gen Schwiegervater gleicht.
+ Die Schuppen ha, sind mir vom Aug' gefallen,
+ Die Binde sank -- die Täuschung hörte auf!
+ Jetzt thäte es mir wohl, zu gießen meine Galle
+ Und meinen Hohn
+ Auf Vater, Tochter, Schwiegersohn,
+ Mit einem Wort -- auf Alle!
+ Zu welchen Menschen führte mich
+ Das Schicksal doch so wunderlich!
+ Verfolgung, Spott, des Hohnes Klänge
+ Erfuhr ich nur von dieser blinden Menge;
+ Verräther an der Treu und Liebe,
+ Und unersättlich in des Hasses Triebe.
+ Unbänd'ge Schwätzer, boshaft alte Weiber,
+ Dummkluge Weise,
+ Verschmitzte tück'sche Pinsel, matte Greise,
+ Die zum Kind
+ Herabgesunken unter Possen sind! --
+ Ihr habt posaunt in vollem Chor,
+ Daß ich Verstand und Sinn verlor!
+ Und Ihr habt Recht! -- Wenn ein verständ'ger Mann
+ Nur einen Tag mit Euch durchleben kann
+ Und es gelingt Euch nicht den Kopf ihm zu verdreh'n
+ So kann er dreist durch's Feuer gehn.
+ Aus Moskau fort!
+ Nein, Moskau ist nicht mehr das Ziel von meinen Reisen.
+ Ich suche nichts als einen stillen Ort
+ Um hin mein wundes Herz zu tragen.
+ Mein Wagen, schnell, wo ist mein Wagen!
+
+ (Schnell ab.)
+
+
+ Fünfzehnte Scene.
+
+ DIE VORIGEN (ohne Tschatzki).
+
+ FAMUSSOFF.
+
+ Nun siehst Du! Ist's nicht sonnenklar,
+ Daß niemand je verrückter war?
+ Sag' selbst, im Ernst, -- was sprach er gleich
+ Für tolles abgeschmacktes Zeug!
+ Von Speichelleckern fing er an
+ Von einem Schwiegervater dann;
+ Und das war sonderbar,
+ Was er auf Moskau böse war.
+ Doch Du -- Du bringst mich um -- ja Du!
+ Bin ich nicht _so_ schon zu beklagen?
+ Ach großer Gott, was wird dazu
+ Nun unsre alte Fürstin sagen!!
+
+ (Gruppe. Der Vorhang fällt.)
+
+ Ende des vierten und letzten Akts.
+
+
+
+
+ Bemerkungen
+ über das vorliegende Stück.
+
+
+Über jedem ächten Kunstwerke liegt der Hauch der Ursprünglichkeit
+gebreitet, den der Mechanismus des Copirens, der Nachbildung abstreift.
+-- Aber wer eine Statue, ein Bild copirt, arbeitet wenigstens in dem
+nämlichen Stoff; -- der Übersetzer dagegen soll den geistigen Stoff in
+einem ganz anderen Material, in einer anderen Sprache wiedergeben, und
+Übersetzungen gleichen daher, wie der sonst verständige, tolle Junker
+von la Mancha sagt, -- _verkehrten Tapeten_. Am schwierigsten erscheint
+nun die Übersetzung eines dramatischen Stückes, wenn die Sprache je nach
+den Characteren eine ganz verschiedene ist, und wenn verschiedene
+Bildungsstufen und Zustände eigenthümlicher, ja lokaler Art dargestellt
+sind. Und dieses ist der Fall mit dem vorliegenden Drama Gribojädoff's.
+Es ist nicht schwer die Sprache von Sophie oder Tschatzki wiederzugeben:
+sie sprechen die Sprache aller gebildeten Menschen; wer aber vermöchte
+in einer andern Sprache solche eigenthümliche Erscheinungen
+wiederzugeben, wie einen Famussoff, einen Scalosúb, einen Repetíloff.
+Jeder von ihnen führt eine verschiedene Sprache, welche die
+verschiedenen Bildungsstufen bezeichnet, auf der jeder sich befindet.
+
+Noch einer andern Schwierigkeit muß ich erwähnen: Oft ruft der Gegensatz
+von Fremdwörtern mit der familiären Sprache eine unwiderstehliche Komik
+hervor, die also nicht sowohl im Sinne als in der Wortstellung liegt.
+Von solchen Stellen wimmeln die Reden Famussoff's, und wie selten kann
+die treue Übersetzung zugleich mit einer ähnlichen Wortstellung
+verbunden werden!
+
+Nach diesen Ansichten von Übersetzungen, nach diesem Bekenntniß des
+Unvermögens wird man mir hoffentlich nicht die Absicht unterschieben
+wollen, als ob ich diese Übersetzung unternommen hätte, um solchen, die
+nicht russisch verstehen, das Original zu ersetzen.
+
+Mein Endzweck war ein ganz anderer. Ich schrieb diese Übersetzung nicht
+sowohl für Deutsche oder solche die deutsch und nicht russisch
+verstehen, sondern vor allen Dingen für -- Russen. Man verstehe mich
+nicht unrecht. Jeder wird mir zugeben, daß es angenehm wäre eine Sprache
+zu erlernen ohne das Lexicon immerfort aufschlagen zu müssen. Wenn nun
+ein Russe z. B. deutsch lernen wollte, so würde er, glaube ich, dieses
+am bequemsten aus getreuen Übersetzungen derjenigen russischen
+Meisterwerke, die er bereits im Original auswendig kennt. Hierzu rechne
+ich Kryloff's Fabeln, Puschkin's Onägin und das vorliegende Drama. In
+meiner Übersetzung habe ich, dem Original Vers für Vers folgend, die
+Redeweisen durch ähnliche deutsche wiederzugeben versucht. Hierbei ist
+nicht zu vergessen, daß die Sprache des Stücks die gewöhnliche
+Umgangssprache ist, und ich hoffe, daß man mir nicht den Vorwurf machen
+wird, eine andere als die bürgerliche Conversationssprache in der
+Übersetzung gebraucht zu haben. Der Russe wird also aus ihr deutsch
+_sprechen_ lernen und zwar mit den _eigentlichsten_ Redeweisen an ihrem
+Ort.
+
+Aber auch demjenigen, der russisch erlernen will kann ich keinen
+besseren Rath ertheilen, als _Gore ot uma_ zu lesen, denn die Sprache
+ist, wie gesagt, die Umgangssprache und durch die gebundene Rede ist der
+Werth der Sylben, die Betonung, der Accent sogleich gegeben. Solchen
+würde denn meine Übersetzung eine willkommene Beihülfe werden zum
+Verständniß des Originals, da die dunkelsten Stellen nach sorgfältiger
+Kritik der verschiedenen Auslegungen übersetzt sind.
+
+Die Idee, die diesem Stücke zu Grunde liegt, ist eine schon bekannte.
+Sie ist in einer Gellert'schen Fabel anmuthig und bündig gegeben.
+
+ »Du Narr willst klüger sein als wir?
+ »Man zwang den Pez davon zu laufen.«
+
+Goethe hat den nämlichen Gedanken in den schönen Versen im Faust
+ausgedrückt:
+
+ »Die Wenigen, die ihr Gefühl, ihr Schaun
+ »Dem Pöbel offenbarten
+ »Hat man von je gekreuzigt und verbrannt!«
+
+Wir sehen im _Gore ot uma_ einen strebenden, mit glühender
+Vaterlandsliebe begabten, jungen Mann von seinen Reisen zurückkehren;
+auf diesen hat er mit Verdruß erkannt, daß die Gesellschaft seiner Zeit
+in Rußland eine Copie darstellt, und dieser Gedanke erfüllt ihn auf's
+schmerzlichste. Mit diesem Unfrieden im Herzen kehrt er ins Vaterland
+zurück, und findet zum Unglück noch seine Jugendgeliebte kalt und
+abgewendet. Seine Mißstimmung steigert sich dadurch, sein Mund geht über
+wovon sein Herz voll ist, er macht sich aller Welt verhaßt, und durch
+ein Mißverständniß, das jeder befördert, sieht er sich für verrückt
+erklärt und steht einsam da.
+
+Der Dichter schwingt die unbarmherzigste Geissel des Spottes über die
+verderbten sozialen Zustände in einer Hauptstadt; alle Charactere sind
+aus dem Leben gegriffen und von einer solchen inneren, menschlichen
+Wahrheit, daß wir immer glauben bekannten Erscheinungen und Personen zu
+begegnen, und dem Verfasser daher immer von Herzen Recht und Beifall
+geben.
+
+Ich theile übrigens nicht die Ansicht Vieler, als ob Gribojädoff
+geglaubt habe _Russen_ zu schildern; wenn er diese Ansicht hatte, so ist
+es ihm ergangen wie Wilhelm Meister, der nur _Schauspieler_ kannte, sich
+über sie bitter beschwerte und in ihrer Beschreibung auf's treffendste,
+ohne es zu wissen, -- _Menschen_ schilderte. Ich glaube in jedem Lande
+in Europa und besonders in den größeren Provinzialstädten wird man
+ähnliche Erscheinungen mit geringer Modification, durch Nationalität
+bedingt, wiederfinden, und eine freie und gehörig modificirte
+Übersetzung würde daher gewiß in jedem Lande Beifall finden. Über den
+Werth des Stücks hat die Zeit bereits entschieden, die strengste Kritik
+muß entwaffnet werden durch die Thatsache, daß jedermann, ehe das Stück
+gedruckt wurde -- es bereits in der Abschrift besaß und fast auswendig
+wußte, so daß nach Polewoi's Ausdruck _die Buchdruckerkunst für
+Gribojädoff nicht erfunden zu sein brauchte_.
+
+Die in den Namen der Personen in dem Wortlaut involvirte Bezeichnung der
+Charactere wäre etwa folgende:
+
+Famussoff dürfte von _famose_ abzuleiten sein, in ironischem Sinne, wie
+man z. B. sagt -- ein famoses Subject oder ein sauberes Subject.
+Famussoff ist ein selbstzufriedener, geld- und titelsüchtiger gemeiner
+Büreaucrat.
+
+Tschatzki (von [Kyrillisch: chad`] -- Dunst?), der einzige würdige
+Character im ganzen Stück. Sein Schicksal ist in dem Titel des Stücks
+ausgesprochen. Wollte der Dichter durch seinen Namen bezeichnen, daß er
+ein Träumer war? Tschatzki macht sich freilich Luftschlösser, er
+schwärmt -- aber er ist ein edler Schwärmer.
+
+Moltschálin (von [Kyrillisch: molchat'] -- stille sein, schweigen) ist
+ein armseliger Character; ein Mensch von niederer Herkunft und
+Gesinnung. Er spielt die Flöte und schreibt eine gute Hand.
+
+Scalosúb (Zähneblecker, Spottvogel), ein bornirter Kamaschenheld, der
+keine Ahnung von der wahren Bedeutung eines Kriegers hat. -- Bezeichnend
+ist es, daß er als Formenmensch nur immer Zahlen im Munde hat.
+
+Goritscheff (von [Kyrillisch: gorest'] -- Herzeleid), ehemals ein
+tüchtiger Mensch, ist er durch eine sinnliche und herrschsüchtige Frau
+ganz verweichlicht; er fühlt das und ist daher verdrüßlich und
+melancholisch.
+
+Repetíloff (von _répéter_), ein leerer, verlebter Wüstling, der selbst
+ohne Bedeutung sich an bedeutendere Naturen anhängt und repetirt was
+andere sagen. Er ist das Bild eines Mannes, der schon im vorgerückten
+Alter noch nicht zur Besinnung gekommen ist und der jung zu bleiben
+glaubt, wenn er die Thorheiten und Ausschweifungen der Jugend in sein
+Alter hinübernimmt.
+
+Sagorétzki (von [Kyrillisch: zagorät'] -- durch Brennen schwarz
+werden?), ein berüchtigter (gebrandmarkter) Spieler, Lügner und Dieb,
+der aber durch allerlei Gefälligkeiten, die ihm nichts kosten, in der
+Gesellschaft sich zu erhalten weiß. Ein Beweis von dem Mangel einer
+öffentlichen Meinung, von der laxen Moral großer Städte.
+
+Mad. Chlestow (von [Kyrillisch: khlest'] -- Spießruthe), eine alte,
+brutale zänkische Dame.
+
+Chrumin (von [Kyrillisch: khromät'] -- lahm werden), eine abgelebte
+Dame, die sich von dem schaalen Treiben der Bälle nicht losmachen kann.
+
+Tugoúchoffski (von [Kyrillisch: tugo] und [Kyrillisch: ukho] --
+Steifohr), ein stocktauber und armer Fürst.
+
+
+
+
+ Analyse des ersten Akts.
+
+
+Die Personen dieses Aktes sind: Fámussoff, Sophie, Tschatzki,
+Moltschálin, Lisa und ein Diener. Wir sehen in ein unheilvolles Innere.
+Die Frau vom Hause ist längst verstorben, und die Erziehung ihres
+einzigen hinterbliebenen Kindes hatte der vielbeschäftigte Vater, ein
+Mann von laxer Moral, Miethlingen überlassen. Sehen wir nun, daß Sophie
+mit einer lebhaften Sinnlichkeit, dem Erbtheil ihrer Eltern begabt und
+mit einer listigen und leichtfertigen Soubrette wie Lisa zur Vertrauten,
+in ihrem siebzehnten Jahre schon den zweiten Roman ihres Lebens spielt
+-- bedenken wir, daß diese Natur auf dem üppigen Boden einer großen
+Stadt emporwuchs, so erscheint diese Frühreife ganz motivirt. Der Held
+ihres ersten Romanes war ihr Vetter und Spielgefährte Tschatzki, der
+Held auch des Stückes. Mit einer feurigen Einbildungs- und Urtheilskraft
+und mit einem rechtlichen Sinne begabt, waren ihm seine
+Dienstverhältnisse und dann besonders das ganze Wesen im Hause
+Fámussoff's unerträglich geworden; drei Jahr vor Beginn des Stückes
+hatte er Moskau plötzlich verlassen. Wie aus der zweiten Scene im
+dritten Akt hervorgeht, hatte er sein Glück in Petersburg versucht, und
+auch die Gunst eines Ministers gewonnen, aber er verlor sie ebenso bald
+durch eine Lebhaftigkeit, die hochgebildeten, edlen Seelen nie gestattet
+zu schweigen wo die Klugheit es auch gebietet. So hatte er durch seine
+Reise nichts gewonnen, in seiner Abwesenheit aber das Herz Sophiens
+verloren; denn das Sprichwort: _les absents ont tort_ bewahrheitet sich
+wieder hier vor uns. Theils aus Langerweile -- denn aus einer
+unerklärlichen Bizarrerie hat Tschatzki in den drei Jahren nichts von
+sich hören lassen, -- theils aus Herzensbedürfniß hat Sophie sich einen
+andern Helden gewählt, und dieser, der stärkste Gegensatz von Tschatzki,
+der geistlose, geschniegelte Allerweltsdiener Moltschálin, mit einem
+leidlichen Äußeren und einer hündischen Geduld ausgestattet --
+erheuchelt Gegenliebe, aus Furcht, die Tochter seines Chefs zu
+beleidigen. Es folgt daraus eine ganz schiefe Stellung; -- das
+Verhältniß muß vor dem ehrgeizigen Vater streng verheimlicht werden, und
+Moltschálin, der die früheren Gefühle Sophiens für Tschatzki kennt,
+betrachtet sich nur als Spielzeug ihrer Laune, und denkt nicht an die
+Möglichkeit einer festen Verbindung. Ebenso unheimlich ist der Soubrette
+zu Muthe, weil Moltschálin arm ist und bei Entdeckung des Verhältnisses
+_sie_ vorzüglich als die Vertraute gestraft werden würde. -- Indeß muß
+sie, von ihrer jungen Herrin gezwungen, die heimlichen Zusammenkünfte
+bewachen, bei denen es übrigens durch Moltschálins Disposition nur auf
+viel Musik und frostige Liebeleien herausläuft. -- Diese Beziehungen der
+Hauptpersonen zu einander glaubte ich zu einem besseren Verständniß der
+nun folgenden Scenen voranschicken zu müssen.
+
+Mit einer Nachtwache Lisa's und einer heimlichen musikalischen Soirée
+die bis zum dämmernden Morgen gedauert hat, beginnt das Stück. -- Lisa
+erwacht erschreckt, klopft an die Thür des Zimmers und sucht die
+Liebenden zu trennen. Da nichts hilft, so will sie sie dadurch
+auseinanderjagen, daß sie die Spieluhr in Bewegung setzt; darüber kommt
+der Alte hinzu, der auf der andern Seite des Hauses wohnt, zu dem aber
+auch allerlei Töne hinübergeklungen sind; die Spieluhr erklärt ihm
+dieses so ziemlich, aber er traut doch dem listigen Kammermädchen nicht
+recht und gestattet sich bei der Gelegenheit allerlei Freiheiten. --
+Indem hört man Sophiens Stimme und das böse Gewissen treibt den Alten
+von der Scene; die jungen Leute treten nun auf und nehmen Abschied, aber
+der Alte erscheint in dem Augenblick wieder und ist nicht wenig
+erstaunt, sie schon so früh am Tage zusammenzufinden. Sein erster
+Gedanke ist, daß es ein _Rendez-vous_ sei; es wäre ihm nichts verhaßter,
+als wenn seine Tochter einen blutarmen Menschen zu lieben sich in den
+Kopf gesetzt hätte, und in ärgerlicher Stimmung ergießt er in dieser
+Scene seine Galle über die jungen Damen in Moskau, sowie über das
+Unterrichtswesen und schiebt die Schuld alles Unheils schließlich auf
+die Franzosen und ihre moralischen und physischen Leckereien. -- Er
+geht, nur halb beruhigt, mit Moltschálin fort, und in dem Zwiegespräch
+der beiden Mädchen erfahren wir nun, daß der Alte sich den reichen
+Oberst Scalosúb zum Schwiegersohne wünscht, daß dieser aber durchaus
+nicht Sophiens Beifall hat. Lisa horcht nun ihre Herrin in Bezug auf
+Tschatzki aus, aber es ergiebt sich, daß ihre frühere Neigung zu ihm
+einer vollkommenen Kälte Platz gemacht hat -- indessen hegt sie noch
+große Achtung vor seinem gebildeten Geiste. In diesem Augenblick wird
+die Ankunft Tschatzki's gemeldet. Sein Auftreten ist stürmisch und
+feurig, Sophie ist kalt und einsylbig; Tschatzki erscheint ihr wie ein
+Gespenst, wie ein lästiger Gläubiger, und sie ist nicht willens seine
+Forderungen anzuerkennen. Tschatzki ist hier sowohl, als das ganze Stück
+hindurch so verblendet wie ein wahrhaft Liebender. Es ist vergeblich,
+daß Sophie sich voll des lebhaftesten Gefühls für Moltschálin zeigt und
+gegen Tschatzki kalt, spitz, unbarmherzig, ja endlich im dritten Akt
+ganz aufrichtig ist. -- Tschatzki hält es wohl für möglich, daß er ihr
+Herz verloren habe, daß sie es aber an Moltschálin habe schenken können,
+begreift er nicht, und sein ganzes Bestreben geht nun dahin, den
+Nebenbuhler zu finden, der an dem kalten Empfang Schuld sein muß. --
+Tschatzki's Character, auf den wir durch Sophiens Schilderung schon
+vorbereitet wurden, zeichnet sich in dieser Scene aufs trefflichste;
+seine Bildung und ein tiefes Gefühl hebt ihn hoch über seine
+Zeitgenossen und seine Umgebung, aber er handelt unrecht es merken zu
+lassen, er lacht laut wo er lächerliche sieht und hieraus erfolgen
+tausend Unannehmlichkeiten und jene Leiden, die der Dichter die _Leiden
+des Gebildeten_ nennt. Sophie, obgleich durch Tschatzki's Erscheinung
+beunruhigt, nimmt doch einen gewissen Antheil an seinen witzigen
+Schilderungen lächerlicher Charactere von Moskau, wie er aber
+unglücklicherweise auch Moltschálins erwähnt und ihn unbarmherzig
+kritisirt, so verwandelt sich ihr Rest von Achtung in bittern Haß. Nun
+tritt Fámussoff herein, abermals erschreckend über den neuen mißliebigen
+Prätendenten; denn Tschatzki's Grundsätze, sowie sein sehr mittelmäßiges
+Vermögen, lassen ihn als solchen durchaus nicht erwünscht erscheinen.
+Sophie durchschaut alles schnell und mit ächt-weiblicher List wälzt sie
+den Verdacht des Vaters von Moltschálin ab auf Tschatzki; -- der
+Stoßseufzer Fámussoff's, der nun in Zweifeln zwischen zwei unerwünschten
+Schwiegersöhnen über die Plage mit erwachsenen Töchtern klagt, schließt
+den Akt ganz vorzüglich ab.
+
+
+
+
+ Analyse des zweiten Akts.
+
+
+Personen: Sämmtliche Personen des ersten Akts und der Oberst Scalosúb.
+-- Es ist etwas später am Tage, aber noch Vormittags um die Zeit der
+Visiten. Fámussoff kommt in seinen Empfangssalon und beschäftigt sich in
+einem köstlichen Monologe Einladungen aller Art, die er erhalten hat,
+durch einen Diener in einen Kalender eintragen zu lassen. Der erste
+Fremde ist Tschatzki; in dem nun folgenden Gespräch zeichnet sich beider
+Character aufs deutlichste; die Kluft zwischen ihren Ansichten deckt
+sich auf; Tschatzki sagt die Wahrheit ganz freimüthig und als er gar die
+Ideale Fámussoff's lächerlich und niedrig findet, so fängt letzterer an,
+ihn entschieden zu hassen. Der Oberst Scalosúb erscheint nun und wird
+von Fámussoff aufs schmeichelhafteste empfangen -- theils um ihn zu
+gewinnen, theils um Tschatzki zu demüthigen. Der Oberst erscheint in
+seinen lakonischen Reden, die sich nur um das handwerksmäßige seines
+Standes drehen, als ein Glückspilz und gänzlich bornirter Kamaschenheld,
+der von der höheren Bedeutung des Militairstandes keine Ahnung hat.
+Nachdem Fámussoff ihm seinen Herzenswunsch, nämlich daß er um Sophiens
+Hand werben möchte, sehr deutlich zu verstehen gegeben hat, geht er zu
+einem allgemeinen Lobe Moskau's über, welches aber durch Übertriebenheit
+und einen naiven Unverstand zur bittersten Persiflage wird. Tschatzki
+mischt sich zum Ärger des Alten zuletzt ins Gespräch, geräth in Feuer
+und schildert in einem lebhaften Gemälde eine Reihe von Schwächen oder
+gar Schändlichkeiten, die in der vornehmen Welt Moskau's vorgekommen
+waren. -- Der Alte ist in Verzweiflung, daß solche Reden in seinem Hause
+gehört würden und läuft davon; gleich darauf stürzt Sophie außer sich
+herein -- sie hat aus dem Fenster gesehen, daß Moltschálin vom Pferde
+gestürzt ist und fällt darüber in Ohnmacht. Bei dieser Gelegenheit tritt
+ihre Liebe zu Moltschálin und ihr Haß gegen Tschatzki immer schärfer
+hervor; aber so gering denkt Tschatzki von Moltschálin, daß ihm ein
+Liebesverhältniß Sophiens mit diesem doch ganz unmöglich erscheint. Von
+Sophien gereizt und beleidigt geht er voller Sorge ab; Moltschálin
+findet Gelegenheit Lisetten seine Liebeserklärung zu machen und diese
+deckt in einem komischen Monologe die Liebesintriguen aller Personen des
+Stücks auf. -- Tschatzki liebt Sophie, diese Moltschálin, dieser
+Lisette, diese aber gesteht ihr Ideal im Silberdiener Petrúscha gefunden
+zu haben. -- (Eine ähnliche Idee liegt einem Lustspiel von Calderon:
+»das offene Geheimniß«, zum Grunde.) Wir erfahren in diesem Akt, daß am
+Abend noch ein kleiner Ball bei Fámussoff Statt finden soll.
+
+
+
+
+ Analyse des dritten Akts.
+
+
+Personen: Sämmtliche Personen des Stücks mit Ausnahme Repetíloff's. --
+Tschatzki, dem die Heftigkeit seiner Liebe keine Ruhe läßt, erscheint
+noch vor der gewöhnlichen Versammlungszeit; er will endlich klar sehen
+und seinen wahren Nebenbuhler entdecken. -- Ein leidenschaftliches
+Gespräch mit Sophien dient nur dazu ihren Haß und Tschatzki's Schmerz zu
+vermehren -- sie geht in ihr Zimmer, wo sie Moltschálin hinbestellt hat
+und läßt ihn in seinem alten Zweifel; -- wie Moltschálin in Sophiens
+Zimmer will, bemerkt er plötzlich Tschatzki, erschrickt und bleibt wie
+eingewurzelt stehen. Tschatzki läßt sich in ein Gespräch ein, in dem
+Moltschálin sich in der ganzen Jämmerlichkeit eines bornirten
+Actenmenschen zeigt. Er ist das im Civil, was Scalosúb im Militair ist.
+Tschatzki wird im Betreff Sophiens ganz beruhigt. Die Gesellschaft
+versammelt sich indessen, und nacheinander treten allerlei moskau'sche
+oder besser gesagt großstädtische und menschliche Charactere auf. Die
+sinnliche Natalie, Góritscheff, der unter ihrem Pantoffel aus einem
+tapfern Soldaten ein weibischer Ehemann geworden ist; eine armselige,
+fürstliche Familie, -- eine alte taube Gräfin, die kaum noch lebt, aber
+alle Bälle besucht, ihre Enkelin, eine ältliche Unvermählte, die mit
+vielem Stolz auf die andern herabsieht; -- (bei der großen Unzahl
+russischer Fürsten und der sehr begränzten Zahl russischer Grafen wird
+auf letzteren Titel im Grunde fast ein höheres Gewicht gelegt.) --
+Sagorétzki, ein falscher Spieler, Lügner, Spion und Dieb -- dennoch
+überall wegen seiner Dienstfertigkeit wohl aufgenommen, -- endlich eine
+Tante vom Hause, eine unbarmherzige alte Klatschschwester, eine von den
+Plagen einer Stadt, die, nach verblühten Reizen, durch eine böse Zunge
+und unverschämte Intriguen sich einen Kreis von Verehrern und gefüllte
+Salons zu verschaffen wissen.
+
+Tschatzki findet Gelegenheit sich mit all dieser Welt zu verfeinden ohne
+ein schlimmes Wort gesagt zu haben, nur weil er so spricht und urtheilt,
+wie ein gebildeter Mann. Durch ein Mißverständniß theils, theils durch
+Sophiens Rachsucht wird er zuletzt für verrückt erklärt. -- Vortrefflich
+hat der Verfasser den Gang des Gerüchts geschildert; und wie von Mund zu
+Mund eine Sache in kurzer Zeit entstellt wird. Unser Autor findet in
+diesem Akt häufig Gelegenheit zu einer lebendigen Sittenschilderung. Die
+Grundsätze, die Sagorétzki, Fámussoff und Scalosúb an den Tag legen,
+sind der Kern der Opposition, die der ungebildete Theil einer
+Gesellschaft der Bildung und Civilisation stets entgegensetzen wird. So
+erzählt Scalosúb mit frohem Munde, daß aller Unterricht fortan im
+Exerciren bestehen soll, und daß Bücher nur für feierliche Gelegenheiten
+aufbewahrt würden: -- Fámussoff will sie lieber alle verbrannt wissen.
+Sagorétzki findet Fabeln vorzüglich gefährlich; die alte Fürstin erzählt
+mit Schaudern, daß ihr Vetter, ein _Fürst_, in Petersburg _Chemie_
+studirt habe! -- Dagegen spricht Tschatzki die Ansichten einer andern
+Fraction in Rußland aus, die gegen die Halbheit eifern, die eine Folge
+einer zu schnellen Annäherung an den europäischen Westen war. In der
+Annahme der Gebräuche des Abendlandes sieht er das größte Unglück für
+Rußland; er opponirt gegen die _Form_, seine Gegner gegen das _innerste
+Wesen_ des Westens. Vorzüglich ergrimmt ist er gegen die leichtsinnigen
+Franzosen und die Einführung ihrer Sprache in alle geselligen
+Verhältnisse, sowie gegen pedantische und unwissende Deutsche. Die
+Schwächung des Nationalgefühls und eine demüthigende Abhängigkeit des
+Urtheils scheint ihm die Folge solcher Zustände. -- Dieser Haß gegen das
+Ausland ist das, was die beiden Extreme dieser Gesellschaft, Fámussoff
+und Tschatzki, gemeinschaftlich haben; daß beide hierin übereinstimmen
+ist beherzigenswerth. Doch gehen sie nicht beide zu weit? Fámussoff
+sieht in den Fremden nicht den fleißigen Colonisten, nicht den
+geschickten Fabrikanten, nicht den gebildeten Gelehrten, er sieht in den
+nach Rußland strömenden Fremden nur die Hefe, Abentheurer, Landstreicher
+und Kuchenbäcker. Tschatzki nimmt vorzüglich daran Anstoß, daß jedes
+Französchen wie ein Orakel angehört wird und Tanzmeister Orden erhalten
+und ihr Auge zu Fürstinnen zu erheben wagen, sowie daß man in jedem
+Deutschen ein _Lumen mundi_ erblickt. -- Dieß mag einer jetzt
+verschollenen Zeit angehören; die Aristokratie in Rußland mag liberal
+genug denken, sie geht gern um mit Gebildeten, weß Standes diese auch
+sein mögen; aber in gewisse Gesellschaften und Familienkreise wird kein
+Adliger zweiten Rangs, ja kaum ein Würdenträger des Reichs gelangen,
+wenn er nicht von altem, nationalem Adel ist. (Es giebt also wohl
+Exclusivität, aber für gewisse Zeiten nur.) Mit Fremden nimmt man es
+endlich nirgends sehr genau -- eine momentane, vorübergehende Artigkeit
+verpflichtet ja zu nichts; wird der einfachste russische Reisende in
+Paris nicht ebenso schnell zum Grafen und in Italien zum Principe
+gestempelt?
+
+Wir können die Bemerkung nicht unterdrücken, daß unser Autor in den
+Fehler der meisten russischen Lustspieldichter verfallen ist: er trägt
+mit zu starken Farben auf. Manche Charactere sind dadurch ans Absurde
+gerückt. Die nämliche Erscheinung wiederholt sich wohl bei allen jungen
+Literaturen; Molière und Holberg wären solche Beispiele.
+
+Der Akt wird mit allerlei Tänzen aus der Restaurationszeit beschlossen;
+eine ritterliche Mazurka von Scalosúb, wobei er zuletzt hinkniet und
+sich von seiner Tänzerin umschweben läßt, verfehlt nie eine allgemeine
+Hilarität hervorzurufen.
+
+
+
+
+ Analyse des vierten Akts.
+
+
+Personen: Sämmtliche Personen des dritten Akts und Repetíloff. Die
+Herren N. und D. brauchen nicht wieder zu erscheinen. Die Scene ist eine
+Vorhalle mit Säulen und einer im Hintergrunde sichtbaren oberen Treppe,
+die zur Thür des Balllokals im zweiten Stock führt; außer dieser Thür
+sind noch drei Thüren unten zu merken, die Aussenthür und neben ihr die
+des Portiers und gegenüber die Thür zu Moltschálins Zimmer. Es ist etwa
+drei Uhr Morgens; der Ball ist zu Ende und die Gesellschaft zieht sich
+nach und nach zurück. So begegnen wir allen nochmals und in kurzen
+Worten prägt sich der Character eines jeden aufs wahrste und
+ergötzlichste aus. Tschatzki kommt sehr unglücklich über diesen fatalen,
+ersten Tag die Treppe herab, noch ahnt er nichts davon, was die
+Gesellschaft über ihn erfunden hat. Er muß unten etwas auf seinen Wagen
+warten und indem öffnet sich die Aussenthür und der Wüstling Repetíloff
+fällt, so lang er ist, hinein. In einer starken Weinlaune überhäuft er
+Tschatzki mit Freundschaftsversicherungen und Zärtlichkeiten und
+beschwört ihn, mit ihm zu einer Compagnie von Bacchusbrüdern zu kommen,
+in deren meisterhafter Schilderung man eine zu jener Zeit berüchtigte
+Gesellschaft junger, unruhiger und unzufriedener Köpfe zu erkennen
+gemeint hat. -- Tschatzki weiß nicht, wie er sich losmachen soll, da
+kommt Scalosúb herbei; mit einer ähnlichen Aufforderung und gleicher
+Zärtlichkeit geht Repetíloff auf diesen los und den Moment benutzt
+Tschatzki um in die Loge des Portiers zu schlüpfen. -- Von hier hört er
+mit seinen eigenen Ohren, was die fortgehenden Gäste über den
+angeblichen Verlust seines Verstandes äußern. Als alle fort sind, tritt
+Tschatzki empört hervor -- er kann es zuerst nicht fassen -- aber bald
+denkt er sich den Zusammenhang, nur das ahnt er nicht, daß Sophie die
+Urheberin des Gerüchts war, und daß diese mit wenigen Worten die
+Lächerlichkeit desselben darthun konnte und es nicht that, ist auch das,
+was man ihr nicht wohl verzeihen kann.
+
+Indem er der Quelle dieser Bosheit noch nachsinnt, erscheint Sophie oben
+auf der Treppe, glaubt in ihm Moltschálin zu erkennen und ruft ihn leise
+an, -- wie sie sieht, daß sie sich getäuscht hat, verliert sie ihre
+gewöhnliche Geistesgegenwart und eilt schnell zurück. Diese Eile verräth
+sie, -- denn jetzt erst entdeckt Tschatzki den wahren Zusammenhang der
+Sache; -- er bleibt um keine Zweifel mehr zu haben, und versteckt sich
+hinter einer Säule. Bald erscheint Lisa um sich nach Tschatzki umzusehen
+und Moltschálin zum Fräulein zu beordern. Moltschálin kommt aus seiner
+Stube und macht Lisetten ein aufrichtiges Bekenntniß von seinem
+Verhältniß zu Sophien; oben horcht Sophie, die ihrer Soubrette leise
+gefolgt war, wahrscheinlich auch aus Unruhe über Tschatzki's
+Erscheinung; Tschatzki hinter dem Pfeiler verborgen, hört ebenso wie
+Sophie alles mit an. Sophie wird empört über Moltschálin und behandelt
+ihn überhaupt so, daß man sieht, es war nicht Liebe was sie zu ihm
+fühlte, sie liebte sich nur selbst in ihm. -- Sie gebietet ihm für immer
+das Haus zu verlassen. Nun tritt Tschatzki vor; Moltschálin entflieht;
+Tschatzki überhäuft Sophie mit den bittersten Vorwürfen. -- Auf die
+lauten Reden erscheint der Alte und glaubt an ein _Rendez-vous_, und in
+seiner tragi-komischen Wuth droht er die Sache bis vor Senat und Kaiser
+zu bringen. Tschatzki entfernt sich mit tiefgekränktem Gefühl im Herzen
+und beissendem Spott auf den Lippen; er fühlt, daß seine Bildung ihn aus
+diesem Kreise verbannt, und gekränkt in seinen heiligsten Empfindungen
+einer glühenden Liebe zu Sophien und seiner Vaterstadt, entflieht er
+beiden.
+
+
+
+
+ Anmerkung des Übersetzers.
+
+
+Die Schwierigkeit einer Übersetzung des ganzen Stücks spiegelt sich
+schon in der Übersetzung der Worte des Titels ab. _Verstand schafft
+Leiden_ ist wohl zu allgemein gesagt -- und das meinte Gribojädoff
+eigentlich nicht. Man könnte übersetzen: _Die Leiden der Bildung_ oder
+_Bildung und Leiden, Verstand und Leiden_; -- meinem Ohr gefiel noch am
+besten: _Verstand schafft Leiden. Kummer von Verstand_,[2] wie Schneider
+in der Übersetzung in Prosa sagt, klang mir unerträglich.
+
+[Fußnote 2: C. v. Knorring übersetzte: _Leiden durch Bildung_.]
+
+
+ Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Die Schreibweise des Originales, auch der Personennamen (mit und ohne
+Akzente), wurde weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler
+wurden stillschweigend korrigert.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59773 ***
diff --git a/59773-8.txt b/59773-8.txt
deleted file mode 100644
index 486a8d5..0000000
--- a/59773-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,7098 +0,0 @@
-Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow
-
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-Title: Verstand schafft Leiden
- Schauspiel in vier Akten
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-Author: Alexander Gribojedow
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-Translator: Georg Julius von Schultz
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-Release Date: June 17, 2019 [EBook #59773]
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-Language: German
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-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSTAND SCHAFFT LEIDEN ***
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-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from scanned images of public domain material
-from the Google Books project.
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- Verstand schafft Leiden.
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- [[Kyrillisch: Gore ot` uma.]]
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- Schauspiel in vier Akten
- und
- in Versen nach dem Russischen des Gribojdoff metrisch bertragen
- von
- Dr. Bertram.
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- Den Bhnen gegenber als Manuscript zu betrachten.
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- Leipzig,
- In Commission bei F. A. Brockhaus.
- 1853.
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- Personen.
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- FMUSSOFF, Chef einer Kronsbehrde.
- SOPHIE, dessen Tochter.
- TSCHTZKI, ihr Jugendfreund.
- MOLTSCHLIN, Fmussoff's Sekretair und in dessen Hause wohnend.
- LISETTE, Sophiens Kammermdchen und Vertraute.
- Oberst SCALOSB.
- PLATN GRITSCHEFF.
- NATALIE, dessen junge Frau.
- REPETLOFF.
- SAGORTZKI.
- MAD. CHLESTOW, Fmussoff's Schwgerin.
- Die Grfin CHRUMIN.
- Deren Enkelin, eine unverheirathete Dame.
- Frst TUGOCHOFFSKI.
- Die Frstin, dessen Gemahlin.
- Die erste }
- zweite }
- dritte }
- vierte } Frstin Tochter.
- fnfte }
- sechste }
- Herr N.
- Herr D.
- Gste beiderlei Geschlechts, Diener, Lakeien &c.
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- Das Stck spielt in Moscau, im Hause Fmussoff's, etwa zehn Jahre
- nach dem franzsischen Kriege.
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- Requisite bei der Auffhrung.
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- Erster Akt.
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-Eine Spieluhr; ein Flten- und Clavierspieler hinter der Scene. Ein
-Leuchter mit einem brennenden Wachslicht. Eine Mappe (fr Moltschlin).
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- Zweiter Akt.
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-Ein Ofen mit hoher Spalte und einer kleinen Abstufung (auf welche
-Fmussoff hinaufsteigen will). Ein Buch (Kalender) fr den Diener. Ein
-Glas Wasser. Ein schwarzes Tuch fr Moltschlins Arm.
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- Dritter Akt.
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-Ein Theaterbillet fr Sagortzki. Eine Karte fr Moltschlin.
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- Vierter Akt.
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-Pelze, berschuhe, allerlei Tcher und Kappen. Brennende Lichter.
-Laternen.
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- Erster Akt.
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- Saal mit einer Mittel- und einer Seitenthr, die zu Sophiens
- Zimmer fhrt. Neben der Mittelthr steht eine hohe Wanduhr. Man
- hrt anfnglich die Tne einer Flte und eines Klaviers. Es ist
- frher Morgen.
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- Erste Scene.
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- LISETTE
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- (ist mitten im Zimmer auf einem Stuhl eingeschlafen. Sie erwacht,
- steht auf und sieht sich erstaunt um).
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- Es tagt? Wie schnell ist doch die Nacht vergangen!
- Ich wollt zu Bett gehn gestern Abend -- Nein!
- Es hie -- Die Augen auf und schlafe ja nicht ein!
- _Der Freund kommt her_, erhalt dich munter,
- Und fielst du auch vom Stuhl herunter!
- Nun schlief ich eben ein, da fngt es an zu tagen; --
- Ich mu es ihnen gleich nur sagen,
- Die merken es sonst nie!
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- (Sie klopft an die Seitenthr.)
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- Nun meine Gndigsten?! -- Frulein Sophie!
- Ihr Abend dauert bis zum hellen, lichten Tage;
- Ums Himmelswill'n, so hren Sie doch was ich sage!
- Mein Frulein! Herr Moltschlin! Sind Sie taub?
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- (Sie geht von der Thr weg.)
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- Die haben jede Furcht vergessen!
- Nun wartet nur, ich glaube fast
- Der Alte kommt noch her als ungebetner Gast.
- _Das_ ist ein Dienst bei Frulein -- bei verliebten!![1]
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-[Funote 1: Bis dahin mu die Musik immer zu hren sein.]
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- (Sie geht wieder zur Thr.)
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- So trennen Sie sich doch! -- Es ist ja Morgens frh!
- Wie?
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- SOPHIE (hinter der Scene).
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- Wie viel Uhr ist's?
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- LISETTE.
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- Das ganze Haus erwacht.
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- SOPHIE (wie oben).
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- Wie viel Uhr ist's?
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- LISETTE.
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- Sechs, sieben, acht!
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- SOPHIE (wie oben).
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- Das ist nicht wahr!
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- LISETTE.
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- O Amor, du verwnschter Wicht!
- Es ist doch klar,
- Sie hren mich und knnen
- Noch immer sich nicht trennen!
- Und warum ffnen sie die Laden nicht?
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- (Sie wendet sich zur Uhr.)
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- Ich stell den Zeiger vor; ich wei, es giebt Verdru,
- Allein ich mu!
- Ich lasse alle Glocken spielen,
- Denn wer nicht hren will -- mu fhlen!
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- (Sie steigt auf einen Stuhl und stellt die Wanduhr, die zu spielen
- anfngt.)
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- Zweite Scene.
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- LISETTE und FAMUSSOFF (im Schlafrock, tritt durch die Mittelthr
- ein, Lisette erschrickt und springt vom Stuhl herunter).
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- LISETTE.
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- O je, der Herr!
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- FAMUSSOFF.
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- Der Herr, nun ja!
- Du Naseweis -- was machst Du da?
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- (Er hlt das Glockenspiel an.)
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- Ich konnte den Spektakel nicht begreifen;
- Das war ein Klingeln und ein Pfeifen!
- Sophie -- die konnt's so frh nicht sein;
- Bald klang's wie ein Klavier und bald wie eine Flte.
- Das fiel mir wirklich gar nicht ein,
- Da Du es seist, Du kleine Krte.
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- LISETTE.
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- Ich wei nicht recht, wie es geschehn --
- Ich kam daran ganz aus Versehn.
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- FAMUSSOFF.
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- Ganz aus Versehn? -- Vor euch nehm' man sich nur in Acht.
- Du that'st es sicher mit Bedacht.
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- (Er schkert mit ihr.)
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- Du kleiner netter Schelm!
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- LISETTE.
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- Ein Schelm sind Sie! Ich will das nicht!
- Steht Ihnen das wohl zu Gesicht?
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- FAMUSSOFF.
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- O Tugendheldin, sei kein Kind!
- Du hast im Kopf doch nichts als Wind.
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- LISETTE.
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- Windbeutel selbst! Sie denken nicht daran,
- Da Sie ein alter Mann.
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- FAMUSSOFF.
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- Nun, ja,
- Beinah'!
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- LISETTE.
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- Und dann
- Kommt wer, was fngt man an?
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- FAMUSSOFF.
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- Wer denn? Sophie schlft.
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- LISETTE.
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- Erst eben schlief sie ein.
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- FAMUSSOFF.
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- Erst eben? Und die Nacht?
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- LISETTE.
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- Das Frulein las, und hat gewacht.
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- FAMUSSOFF.
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- Nun sieh' mal was das fr Manieren!
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- LISETTE.
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- Franzsisch las sie laut bei festgeschlossnen Thren.
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- FAMUSSOFF.
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- Sag ihr, sie soll sich nicht die Augen ruiniren.
- Vom Lesen, mu ich frei gestehn,
- Kann ich nicht groen Nutzen sehn:
- _Ihr_ raubt den Schlummer die _franzsische_ Lectre
- Und mich -- mich schlfert's frchterlich,
- Sobald ich nur ein russisch Buch berhre.
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- LISETTE.
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- Wenn sie erwacht, sag' ich's Frulein Sophie,
- Doch jetzo, bitt' ich, gehen Sie!
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- FAMUSSOFF.
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- Warum?
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- LISETTE.
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- Sie wecken sie.
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- FAMUSSOFF.
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- Wodurch sollt' ich sie wecken?
- Selbst lutet sie wahrhaftig zum Erschrecken
- Mit ihrer Uhr, und trommelt aus der Ruh'
- Die ganze Nachbarschaft mit ihrer Symphonie!
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- LISETTE (sehr laut).
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- Ach hren Sie doch auf, ich bitte Sie!
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- FAMUSSOFF (hlt ihr den Mund zu).
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- Still doch, so schrei nicht, bist Du ganz von Sinnen?
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- LISETTE.
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- Ich frcht', wenn Sie noch lnger bleiben, da --
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- FAMUSSOFF.
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- Und was?
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- LISETTE.
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- Ach Herr, Sie wissen's doch, Sie sind kein Kind --
- Wie leicht erweckt die jungen Mdchen sind,
- Kaum geht die Thr, kaum flstert man ein Wort,
- Gleich ist der se Morgenschlummer fort.
- Und Alles hren sie.
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- FAMUSSOFF.
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- Ach, Alles dummes Zeug!
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- SOPHIE (hinter der Scene).
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- Lisette!
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- LISETTE.
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- Gleich, mein Frulein, gleich.
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- FAMUSSOFF.
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- St! (schleicht auf den Zehen fort.)
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- LISETTE (allein).
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- Ach Gott, von unsern Herrn
- Halt' man am besten sich recht fern!
- In jedem Augenblick ist man gewi gewrtig,
- Da gleich ein neues Unglck fertig;
- O wenn man doch von diesen beiden
- Den grten Leiden
- Verschont nur bliebe:
- Von Herrenzorn und Herrenliebe!
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- Dritte Scene.
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- LISETTE. SOPHIE (tritt mit einem Licht aus ihrem Zimmer) MOLTSCHLIN
- (folgt ihr).
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- SOPHIE.
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- Lisette, welch ein Lrm! was fllt Dir ein?
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- LISETTE.
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- Die Trennung scheint recht schwer zu sein,
- Verschlossen bis zum Tag, und doch nicht zur Genge!
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- SOPHIE.
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- Wahrhaftig, es ist Tag!
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- (Sie lscht das Licht aus) Der Tag
- Erschien -- und auch der Kummer! -- -- -- ach!
- Wie doch die Nchte schnell vergehn!
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- LISETTE.
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- Nur zu, Sie mgen sich beklagen,
- Allein, das mu ich Ihnen sagen,
- Fr einen Dritten ists nicht auszustehn!
- Der alte Herr war da
- Und ich war einer Ohnmacht nah,
- Ich wandt' mich hin und her
- Und log ihm vor die Kreuz und Quer.
- (Zu Moltschalin) Und Sie, was bleiben Sie denn noch?
- So machen Sie Ihren Bckling doch
- Nur schnelle!
- Das Herz steht nicht an rechter Stelle!
- So sehn Sie nach der Uhr! Sie glauben, da ich spae!
- Die ganze Welt ist lngst schon auf der Strae!
- Im Haus ist Alles schon erwacht,
- Man fegt, in Ordnung wird das Haus gebracht,
- Und Sie, Sie stehn noch da wie angebunden!
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- SOPHIE.
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- Ach Glckliche -- -- die zhlen nicht die Stunden!
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- LISETTE.
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- Nur immer zu! Ei sicherlich
- Ist's angenehm, die Zeit sich zu versen;
- Allein wer anders wohl als ich
- Wird noch zuletzt fr Alles ben?
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- SOPHIE (zu Moltschlin).
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- So gehen Sie, wir mssen scheiden
- Und einen ganzen Tag voll Langerweile leiden.
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- LISETTE.
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- So lassen Sie die Hnde doch nur fahren!
- (sie trennt sie) Nun endlich, -- la uns Gott bewahren!
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- (Moltschlin geht ab; wie er bei der Mittelthr ist, ffnet sie sich
- und Famussoff tritt angekleidet herein, er bleibt stehn und sieht
- Moltschlin verwundert an.)
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- Vierte Scene.
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- DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.
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- FAMUSSOFF.
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- Was tausend ist denn das? Sind Sie es wirklich?
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- MOLTSCHLIN (sehr verlegen).
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- Ja!
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- FAMUSSOFF.
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- Zu dieser Stunde hier?
- (erblickt Sophie) Und auch Sophie? Ei guten Morgen
- Sophie, Du bist auch da?
- Was hast Du hier zu sorgen?
- Wie hat Euch Gott zu dieser Stunde
- So wunderlich zusammen hier gebracht?
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- SOPHIE.
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- Er kam herein in diesem Augenblick --
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- MOLTSCHLIN.
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- Von einer Promenade erst zurck
- Trat eben ich ins Haus.
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- FAMUSSOFF.
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- Freund, hren Sie, es knnt nicht schaden,
- Sie suchten sich zu Morgenpromenaden
- Ein andres Gchen aus! --
- Ei, Frulein Tochter, ei, kaum aus dem Bett gesprungen
- Zusammen gleich mit einem Herrn,
- Mit einem jungen!
- Sag, schickt sich das fr Mdchen wohl von fern?
- Des Nachts liest Du Romane und Gedichte,
- Und das sind nun die saubern Frchte!
- Das Alles nur kommt von der Schmiedebrcke
- Und von den ewigen Franzosen her.
- Da holen wir uns Moden, Musen, Dichter
- Und hnliches Gelichter,
- Und drum ist Herz und Beutel leer!
- Wann wird der Himmel uns erretten
- Von ihren Hten, Hauben, Ketten --
- Von ihren Salben und Pomaden
- Und den Bisquit und Bcherladen!!
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- SOPHIE.
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- Verzeihen Sie --! Ich bin schon ganz benommen,
- Und kann vor Ueberraschung nicht zu Athem kommen.
- Sie traten ja so rasch und pltzlich ein --
- Wie sollt' ich nicht erschrocken sein?
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- FAMUSSOFF.
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- Ich danke ganz gehorsamst! -- Ei wie fein!
- Ich lief, ich hab' erschreckt, ich kam so pltzlich!
- Nicht wahr, das war von mir entsetzlich?
- Ich, Frulein Tochter, hab' den ganzen Tag zu thun,
- Da ist kein Rasten und kein Ruh'n;
- Der Kopf ist mir vom Dienste wie benommen,
- Es ist ein ew'ges Gehn und Kommen,
- Und ich -- auf dem schon Alles liegt,
- Konnt ich erwarten, da man mich betrgt?
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- SOPHIE (in Thrnen).
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- Wie so mein Vater?
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- FAMUSSOFF.
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- Nicht geweint!
- Gieb Acht, was ich Dir sage; freilich meint
- Man immer, da ich ohne Ursach schelte,
- Doch, hr' mich an, wenn ich Dir noch was gelte;
- Man that von deiner Wiege an
- Fr Dich, was man nur irgend kann. --
- Die Mutter starb; ich hatt' die glckliche Idee
- Und nahm in der Madame Rosier
- Dir eine zweite Mutter dann
- Fr eine starke Gage an.
- Die goldene Alte -- folgte deinen Tritten --
- Klug war sie, sanft, von tadellosen Sitten; --
- -- Wenn Eins nur nicht gewesen wr'!
- Eins habe ich ihr sehr verdacht:
- Durch nur fnfhundert Rubel jhrlich mehr
- Ward sie uns abspenstig gemacht! --
- Doch lassen wir Madam' -- an der da lag es nicht.
- Was brauchst Du anderer Exempel?
- Mein Haus gleicht einem Tugendtempel,
- Des Vaters Beispiel lehrt Dir Pflicht!
- Da -- schau mich einmal an!
- Ich sage nicht, ich sei ein junger Mann
- An Jahren, --
- Doch bin ich frisch bei meinen grauen Haaren,
- Dazu bin ich doch Wittwer, bin doch frei,
- Herr meiner Handlungen dabei!
- Und dennoch leb' ich so, da jeder, der mich kennt,
- Mein Leben exemplarisch nennt.
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- LISETTE.
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- Doch drft' ich fragen, Herr, wie's -- --
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- FAMUSSOFF.
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- Schweig'!
- Ein schreckliches Jahrhundert! -- --
- Allein -- was ist man so verwundert,
- Da Alles altklug jetzt und weise vor den Jahren,
- Und unsere Tchter ganz voran,
- So da man sie vor Thorheit und Gefahren
- Mit Mh' und Noth kaum schtzen kann.
- Wir Einfaltspinsel!
- Wir haben selbst das Unglck uns gebracht,
- Ja! -- Die Manie zum frnkischen Gewinsel,
- Die fremden Sprachen haben das gemacht.
- Landstreicher nimmt man heutzutag ins Haus --
- Die Herrchen sollen Alles lehren
- Dem Tchterchen -- Tanz und Gesang,
- Mit Seufzern und mit Seelendrang
- Und Ziererei -- --
- Gott steh uns bei!
- Man mchte schwren,
- Da wir sie auferziehen traun!
- Zu nichts als zu Seiltnzer-Fraun.
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- (Er wendet sich zu Moltschlin.)
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- Und nun zu Ihnen, junger Fant: --
- So also wird die Gte anerkannt?
- Ein schner Dank!
- Bedenken Sie doch Ihren Lebenslauf!
- Wer hob Sie aus dem Plebs herauf?
- Wer schaffte Ihnen den Assessorrang?
- Wer machte Sie zum Secretair?
- Wer fhrte Sie nach Moskau ber?
- Ich war's -- und ohne mich, mein Lieber,
- Versauert wren Sie in Ihrem Twer!
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- SOPHIE.
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- Wozu, mein Vater, zhlen Sie das her?
- Wozu der Streit --
- Um eine Kleinigkeit?
- Moltschlin wohnt im Hause hier --
- Er tritt herein und irrt sich in der Thr.
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- FAMUSSOFF.
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- Er irrt' sich, oder wollte er sich irren?
- Wie aber kam'st denn Du zu gleicher Zeit herein?
- Das kann nicht bloer Zufall sein.
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- SOPHIE.
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- Sie sollen das sogleich erfahren:
- Als Sie hier erst mit Lisa waren
- Hat Ihr Gesprch mich aus dem Schlaf erweckt,
- Und darum rannt' ich her, ganz ungemein erschreckt.
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- FAMUSSOFF.
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- Am Ende kommt's heraus, da mir die Schuld gehrt,
- Ich habe sie, wie's scheint, zur Unzeit hier gestrt!
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- SOPHIE.
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- Die grte Kleinigkeit, ein Wort -- geflstert kaum --
- Kann aus unruh'gem Schlaf mich wecken;
- Wenn ich erzhlte meinen Traum,
- Verstnden Sie auch meinen Schrecken.
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- FAMUSSOFF.
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- Ein neu Histrchen?
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- SOPHIE.
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- Was ich sah'
- Im Traum, soll ich's erzhlen?
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- FAMUSSOFF.
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- Nun, ja, ja! (er setzt sich.)
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- SOPHIE.
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- Ja -- sehen Sie -- ich stand von Blumen rings umblht
- Auf einer Flur -- und war bemht
- Ein Kraut zu suchen; -- mht' mich sehr --
- Doch welch ein Kraut es war, das wei ich jetzt nicht mehr;
- Da, -- pltzlich -- tritt ein junger Mann
- Zu mir heran!
- Ganz offenbar gehrte er zu Denen,
- An die wir uns beim ersten Blick gewhnen,
- Und so -- als wren wir von Ewigkeit bekannt.
- Wir wurden ganz vertraut, -- er war gewandt,
- Einschmeichelnd, und er zeigte viel Verstand,
- Doch war er schchtern -- -- wie -- Sie wissen alle sind
- Die arm geboren.
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- FAMUSSOFF.
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- Halt mein Kind,
- Um's Himmelswill'n geh weiter nicht,
- Fr Dich passt doch kein armer Wicht!
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- SOPHIE.
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- Doch schnell war Himmel, so wie Flur verschwunden;
- Wir haben pltzlich uns
- In einem dunklen Raum gefunden,
- Und denken Sie, wie wunderbar!
- Der Boden ffnet sich -- und Sie mit struppigem Haar,
- Bla wie der Tod -- Sie steigen draus empor.
- Nun ri sich donnernd auf ein Thor,
- Und Ungeheuer, weder Mensch noch Thier,
- Ergriffen ihn, der neben mir.
- Sie qulten ihn, der all mein Lebensglck --
- Ich will zu ihm -- sie halten mich zurck --
- Geschrei und Rcheln, wie ein Hllenchor
- Trifft mit Gewalt mein banges Ohr --
- Er ruft mir aus der Weite -- fern,
- Ich will zu ihm so gern, so gern -- --
- Da wach' ich auf! man spricht -- es waren Sie!
- Wie -- denke ich -- der Vater hier so frh?
- Ich eile her und find' Sie alle beide. --
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- FAMUSSOFF (nach einer kurzen Pause).
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- Ja freilich, dieser Traum war schlecht;
- Da ist so allerlei, betrachtet man ihn recht,
- Ein bischen Lge, ohne Zweifel
- Und Liebe, Blumen, Schreck und Teufel!
- (Zu Moltschalin) Doch Sie Mosje?
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- MOLTSCHLIN.
-
- Ich hrte Ihre Stimme, -- --
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nun das ist gut! -- --
- Was doch so eine Stimme thut!
- Sie haben Alle sie gehrt
- Und sind vor Tagesanbruch aufgestrt,
- Sie suchten also mich? Was kann Sie zu mir fhren?
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- MOLTSCHLIN.
-
- Ich komme mit Papieren. --
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- FAMUSSOFF (springt auf).
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- Dacht' ich's doch,
- Das fehlte mir gerade noch!
- Mein Gott, Sie sind ja wie versessen
- Mit Einemmal auf Schreiberein?
-
- (Zu Sophie.)
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- Nun, Tchterchen, wir wollen das vergessen!
- Zwar knnen Trume seltsam sein,
- Doch in der Wirklichkeit hrt man von Dingen,
- Die oft viel seltsamer noch klingen,
- Als das, was uns im Traum erscheint.
- Statt eines Krutleins fand'st Du einen Freund,
- Doch schlage Dir das dumme Zeug
- Nur aus dem Sinne gleich.
- Das Wunderliche hat nur selten Sinn,
- Drum geh' hinein und leg' Dich wieder hin.
-
- (Zu Moltschlin.)
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- Wir wollen gehn
- Um die Papiere durchzusehn.
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- MOLTSCHLIN.
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- Ich bracht' sie eben dazu her,
- Denn sie bedrfen dessen sehr:
- Sie widersprechen sich und sind nicht in der Form.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Herr Sekretair -- das nehmen Sie zur Norm:
- Eins frcht' ich wie die Pest --
- Wenn man sich Schriften hufen lt.
- Doch wrdet Ihr nur Euren Willen haben,
- Man se in Papier begraben.
- Drum merken Sie sich dieses Wort:
- Was unterzeichnet ist, mu fort!
- Ob's richtig, ob es falsch auch sei,
- Mir einerlei! --
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- (Gehen ab, an der Thr lt Famussoff den Moltschlin vorangehen).
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- Fnfte Scene.
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- SOPHIE. LISETTE.
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- LISETTE.
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- Da haben Sie's! Das sind die Frchte!
- Nun, eine saubere Geschichte!
- Doch Scherz bei Seit', das war' nicht gut,
- Ich bin ganz hin und mir ist schlecht zu Muth.
- Ein Fehler ist ja doch nicht alle Welt --
- Doch schlimm ist's, wenn die Leute davon reden.
-
- SOPHIE.
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- Mir einerlei, frei steht das einem jeden,
- Und schwatzen mag er, wie es ihm gefllt.
- Allein, der Vater wird uns was zu schaffen machen;
- Er ist so heftig und so rauh in solchen Sachen,
- Und so war's immer,
- Allein von jetzt an wird's gewi noch tglich schlimmer.
-
- LISETTE.
-
- Ich seh's ja; es ist Gott zu klagen!
- Ich urtheil' nicht nach Hrensagen;
- Drum -- denken wir an alle Flle:
- Sperrt er Sie ein und bleib' ich nur zur Stelle,
- So steht die Sache immer noch ganz gut,
- Doch, Gott bewahr', wollt' er in seiner Wuth
- Mich und Moltschlin aus dem Hause jagen
- Dann wren Sie doch wirklich zu beklagen!
-
- SOPHIE.
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- Sieh', ist das Schicksal nicht voll Eigensinn!
- Was Schlimmres geht uns oft so hin,
- Und schlimm geht's wo wir gar nichts ahnen!
- Sanft flo die Zeit in dem Genu der Kunst,
- Wir standen -- schien's -- beim Schicksal recht in Gunst,
- Nicht Bangen noch Besorgni fhlten wir,
- Und sieh' -- das Unglck sa schon vor der Thr!
-
- LISETTE.
-
- Das kommt davon! -- Sie haben leider nie
- Auf mich gehrt und nun -- nun sehen Sie! --
- Was braucht es besserer Propheten?
- Sie mssen dies Gefhl in Ihrem Herzen tdten.
- Ich sage Ihnen: hier auf Erden
- Wird draus in Ewigkeit nichts werden!
- Ihr Vater ist gerade so gesinnt
- Wie's Alle hier in Moskau sind:
- Zum Schwiegersohne htt' er einen gern
- Mit hohem Rang und Ordensstern;
- Doch trotz der Sterne und der Rnge
- Ist mancher dennoch in der Enge,
- Drum sucht er Ihnen auch noch einen reichen Mann,
- Der Aufwand macht und Blle geben kann;
- Zum Beispiel: Scalosub gehrt zu dieser Zahl --
- Ein Sack mit Gold gefllt und nchstens General.
-
- SOPHIE.
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- Das wre schn! Ein solcher fehlt mir g'rade!
- Er kennt ja nichts als Reih'n und Fronten und Parade.
- So ein Kamaschenheld!
- Aus seinem Mund, so lang er auf der Welt
- Kam nie ein kluges Wort;
- Geh' mir mit Deinem Oberst fort!
- Ins Wasser springen -- ihn zum Ehgemahl,
- Das wr' mir beides gleich fatal.
-
- LISETTE.
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- Nun ja, er schwatzt und hat das Pulver nicht erfunden,
- Doch sagen Sie mir unumwunden:
- Wer hier wohl von Civil und Militair
- Beredter, witziger und feiner wr
- Als Tschatzki -- nun -- ich wollte Sie nicht necken --
- Das ist nun lngst vorbei, Gott wei, wo er mag stecken --
- Doch die Erinnerung -- --
-
- SOPHIE.
-
- Oh, ich erinnere mich:
- Die Leute zu verspotten wut' er meisterlich!
- Er amsirte mich -- er wute Spa zu machen;
- Mit jedem kann man ja zusammen lachen.
-
- LISETTE.
-
- Nur lachen? Ach, als er hier Abschied nahm,
- Schwamm er in Thrnen ganz, als er von Ihnen kam.
- Ich sprach ihm zu: Was weinen Sie denn so?
- Sie reisen doch und sind nicht froh!
- Ich weine, Lischen, nicht umsonst sprach er,
- Die Trennung fllt mir, ach, so schwer!
- Kehr ich zurck, was steht mir dann bevor,
- Wer wei zu sagen wohl, was ich alsdann verlor!
- Der arme Herr, ihm ahnt', da in drei Jahren -- -- --
-
- SOPHIE.
-
- Du knntest besser Deine Zunge wahren!
- Ich geb' es zu, da ich vielleicht
- Ihn allzuschnell vergessen;
- Leicht handelt' ich -- indessen
- Sag mir frei,
- Wem brach ich je die Treu'?
- Mit Tschatzki -- freilich -- bin ich auferzogen,
- Wir waren uns als Kinder recht gewogen,
- Beisammen stets, zu allen Stunden,
- Und durch Gewohnheit schon verbunden.
- Doch spter endete der Frieden,
- Es kam mir vor, als htt' er uns gemieden.
- Es schien ihm hier nicht zu behagen,
- Und selten kam er noch ins Haus --
- Dann kam er pltzlich wieder -- fhrte Klagen
- Und sah verliebt und melancholisch aus.
- Er war von Witz und Schwermuth die Vereinung,
- Und scharf war fr die Schwchen Anderer sein Blick;
- Doch hatt' er in der Freundschaft sehr viel Glck
- Und drum von sich die hchste Meinung.
- Und wie vernderlich war nicht sein Sinn!
- Die Lust zu reisen ri ihn pltzlich hin.
- Ach, wer uns wirklich liebt, der sucht nicht weiter Geist
- Und bleibt so lang nicht fort!
-
- LISETTE.
-
- Wo ist er hingereist?
- In welchem Land, an welchem Ort?
- Man sagte er curirt sich auf den Wssern;
- Krank ist er nicht --
- Er mgte wohl die Laune sich verbessern.
-
- SOPHIE.
-
- Gewi, dort ist er froh, wo Lcherliche sind!
- Der, den ich liebe, ist nicht so gesinnt;
- Der opfert sich fr Andere mit Freuden,
- Stets artig ist er, stets bescheiden.
- Respectvoll ist er, niemals khn --
- Verwegen sah ich niemals ihn.
- Er nimmt die Hand mir, drckt sie dann und wann
- An's volle Herz;
- Dann seufzt er, recht aus tiefster Seele --
- Allein kein freier Scherz
- Kommt ber seine Lippen. -- Ich erzhle
- Die Wahrheit Dir; wir sitzen Hand in Hand
- Und blicken uns ins Auge unverwandt.
- (Lisette lacht) Du lachst! warum? Sag', welch ein Grund
- Ist hier, aus vollem Halse so zu lachen?
-
- LISETTE.
-
- Ach Gott, das Lachen ist gesund;
- Ich lachte ber andre Sachen:
- An Ihre Tante hab' ich grad gedacht,
- Und ber sie hab' ich gelacht:
- Der Schmerz der Guten war so tief,
- Als der Franzose von ihr lief;
- Das Tubchen wollte vor Verzweiflung sterben,
- Ihr Haar zu frben
- Verga sogar die arme Frau
- Und in drei Tagen -- war sie grau!
-
- (Sie lacht.)
-
- SOPHIE (verdrielich).
-
- Solch dummes Zeug wird man von mir auch sagen!
-
- LISETTE.
-
- Verzeihen Sie, das wird wohl Niemand wagen,
- Ich hatte mir nur vorgenommen
- Nach so viel rgerlichen Dingen
- Zum Lachen etwas Sie zu bringen.
-
-
- Sechste Scene.
-
- DIE VORIGEN. EIN DIENER.
-
- DIENER.
-
- Herr Tschatzki ist so eben angekommen.
-
- (Ab.)
-
-
- Siebente Scene.
-
- DIE VORIGEN. TSCHATZKI.
-
- TSCHATZKI.
-
- Kaum tagt's -- und ich bin da und lieg' zu Ihren Fen!
-
- (Kt ihr die Hand mit Feuer.)
-
- Was giebt's? Sie wollen mich nicht wieder kssen? --
- Sie haben mich erwartet? Nicht?
- Sind sie erfreut? -- Ach nein! -- Sehn Sie mir ins Gesicht!
- Sie sind verwirrt! -- Nichts mehr? -- Welch ein Empfang?
- Als ob die Trennung keine Woche lang!
- Als ob wir gestern uns zu zweien
- Auf's schrecklichste gelangweilt htten.
- Kein Fnkchen Liebe, wie? Und ich -- der hundert Meilen
- Durchflog in Sturm und Wetter ohne Weilen --
- Ich, voller Sehnsucht und mit Herzensbeben --
- Ich strme her auf Tod und Leben --
- Wie oft warf nicht der Schlitten mit mir um --
- Nicht schlo mein Auge sich in fnf und vierzig Stunden,
- Und _die_ Belohnung hat mein Heldenmuth gefunden!
-
- SOPHIE.
-
- Ach Tschatzki, wie mich's freut, Sie wieder hier zu sehn!
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie sind erfreut? Ei das ist schn!
- Doch mu ich aufrichtig gestehn:
- Die Freude pflegt wohl anders auszusehn!
- Mir scheint es fast zuletzt,
- Als ob mein Jagen
- Und Pferd- und Leute-Plagen
- Mich wohl nur ganz allein ergtzt!
-
- LISETTE.
-
- Wenn Sie gelauscht doch an der Thr --
- Bei Gott, vor fnf Minuten sprachen wir
- Von Ihnen noch! Das Frulein wird es sagen!
- Nicht wahr? Hier sprachen wir, in diesem Zimmer?
-
- SOPHIE (ironisch).
-
- Und nicht nur jetzt, nein -- immer!
- Sie haben keinen Grund zu klagen,
- Denn Niemand konnt' vom Ausland kommen,
- Den ich um Nachricht nicht befragt:
- Ob er von Ihnen nichts vernommen?
- Doch Niemand hat mir was gesagt.
- Wer nur besuchte unser Haus,
- Selbst Weltumsegler fragt' ich aus,
- Ob man Sie nicht gesehen htte
- In -- irgend einer Postcarette!
-
- TSCHATZKI.
-
- Schon gut, es mag drum sein!
- Beglckt wer glaubt, ihm geht es wohl auf Erden! --
- Mein Gott! So ist es wahr, da ich zurck!
- Da ich durchflog so weite Rume!
- Da ich Sie fand, doch nicht den alten Blick
- Aus jener Zeit der Jugendtrume?
- Wo sind die Stunden hin, wo wir noch spielten
- Und nichts als Lust im Busen fhlten!!
- Hier pflegten wir uns zu verstecken,
- Das war ein Lrmen, war ein Necken;
- Wir sprangen ber Stuhl und Bett --
- Ihr Vater spielte dort Piquet
- Mit Ihrer alten, guten Bonne,
- Und in dem dunkeln Winkel -- hier --
- Da saen oft als frohe Kinder wir,
- Und schreckten auf beim Knarren jeder Thr;
- O Kinderzeit, o Zeit der Wonne!
-
- SOPHIE.
-
- Ja -- Kinderei'n!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ja, Zeiten die da waren!
- Sie wuchsen auf! -- Mit siebzehn Jahren
- Sind Sie jetzt unvergleichlich schn,
- Und wissen es, das mssen Sie gestehn,
- Und darum schau'n Sie sittsam Niemand an.
- Sind Sie verliebt? Und wr's mein Tod,
- O, sagen Sie es schnell! Sie werden roth?!
-
- SOPHIE.
-
- Wer wrde nicht verlegen werden
- Bei solchen Fragen und Geberden?
-
- TSCHATZKI.
-
- So bitt' ich Sie, mir doch zu sagen:
- Wonach sollt' ich in Moskau sonst wohl fragen?
- Es herrscht doch stets das alte Einerlei;
- Ein Ball ist heute, morgen zwei.
- Der feiert Hochzeit, einem ist's gelungen --
- Ein andrer hat sich einen Korb errungen.
- Die alte, ewige Geschichte,
- Und in den Stammbchern die nmlichen Gedichte! --
-
- SOPHIE.
-
- Das arme Moskau! Ja, das kommt vom Reisen her!
- Wo ist das Wunderland, wo es denn besser wr?
-
- TSCHATZKI.
-
- Wo wir _nicht_ sind! -- Ach sagen Sie mir doch:
- Was macht Ihr Vater? Ist er noch
- Dem Clubb, dem Englischen nach hies'gem Brauch
- Stets treu ergeben bis zum letzten Hauch?
- Und dann Ihr Ohm, sieht man ihn stets auf Bllen schweben?
- Wie? Oder hat er endlich ausgetanzt?
- Und Jener, nun, mit dem Zigeunerteint?
- Ein Trke oder Griech' -- Sie wissen, wen ich meine --
- Er hatte wie ein Storch, so schrecklich lange Beine --
- Er war allberall zu sehen
- Auf Bllen und auf Assemblee'n,
- Und ganz besonders immer
- In jedem Speisezimmer? --
- Und dann die drei Lion's vom Boulevard?
- Die jungen Herrn seit funfzig Jahr!
- Die Ueberreichen -- an Verwandten;
- Ich glaube sicherlich,
- Da an der Million nur wen'ge fehlten,
- Da sie, durch ihrer Schwestern Hlfe, sich
- Verwandt mit ganz Europa zhlten. --
- Nun dann -- und unsere Theatersonne!
- Der edle Mann, der keine hhere Wonne
- Als Maskarad' und Schauspiel hat!
- _Die_ Worte standen stets auf seiner Stirn geschrieben;
- Wo ist der Treffliche geblieben?
- Sein Haus war grn gemalt, wie ein Zigeunerlager,
- Er war der grte Fettwanst in der Stadt,
- Doch seine Knstler waren -- mager!
- Auf einem Ball bei ihm, da stand,
- Erinnern Sie's? verborgen hinter einer Wand
- Ein Kerl dem er befohlen
- Zu trillern und zu johlen
- Wie eine Nachtigall;
- Er sollt' uns von dem Ball
- Wohl in den Lenz versetzen;
- Ein herrliches Ergtzen!
- Die Nachtigall, die Sngerin der Haine,
- Auf einem Ball beim Lampenscheine!
- Und Ihr schwindscht'ger Vetter da, der Bcherfeind,
- Der einst in dem gelehrten Comit erscheint
- Und mit Geschrei und Eidschwur wollte,
- Da niemand lesen oder schreiben lernen sollte.
- Die Alle soll ich wiedersehn!!
- Die Plage ist kaum auszustehn. --
- Doch Fehl und Flecken
- Kann man bei jedem wohl entdecken,
- Und wer nach Hause kehret, dem
- Ist auch
- Der Rauch
- Der Heimath s und angenehm.
-
- SOPHIE.
-
- Ich sh' Sie einmal gern mit meiner Tante
- Um durchzuhecheln smmtliche Bekannte.
-
- TSCHATZKI.
-
- Das Hoffrulein, noch aus Cathrina's Zeit,
- Die ganz Minerva's Dienste sich geweiht!
- Ich glaub' sie war in ihrem ganzen Leben
- Von kleinen Mdchen nur und Mpsen rings umgeben.
- Doch _ propos_! Wie ist denn jetzt die Lehrmethode?
- Ist es noch immer Mode
- Ein Regiment von Lehrern aufzuweisen,
- An Zahl vollauf, doch billigst in den Preisen?
- Und nicht, als ob sie viel grad' brauchten zu versteh'n:
- Befohlen ist's -- bei hohen Strafen
- Historiker und Geographen
- In jedem hergelauf'nen Wicht zu sehn.
- Erinnern Sie sich jenes Alten
- Der unser Mentor war? Er pflegte so zu halten
- Den Zeigefinger ausgereckt --
- Fast einem Wegeweiser zu vergleichen,
- und Rock und Kppchen der Gelahrtheit Zeichen!
- Wie oft hat er als Kinder uns erschreckt!
- Wie haben wir das oft vernommen,
- Nur von dem Ausland knnt' das Heil uns kommen.
- Wie sind wir berzeugt, wir armen Thoren,
- Da ohne Deutsche wir ganz rettungslos verloren!
- Und der Franzose Guillaum
- Ganz Luft und Wind,
- Knpft er noch nicht das Band der Eh'
- Mit irgend einem schnen Kind?
-
- SOPHIE.
-
- Mit wem?
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun jede Frstin, zum Exempel
- Die gute Frstin Julia
- Ging' gern mit ihm in Hymens Tempel.
-
- SOPHIE.
-
- Tanzmeister ist er ja!
-
- TSCHATZKI.
-
- Und _Ritter_! Ja! -- Von uns verlangt die Welt
- Geburt, Erziehung, Rang und Geld --
- Doch Guillaum ........
- Wie ist der Ton denn heut zu Tage?
- Herrscht noch das Sprachgewirr, die alte Ohrenplage?
- Wird noch -- selbst auf der kleinsten Assemblee
- Und von den Gsten
- Bei Kirchweih-Festen
- Franzsisch stets in Brocken aufgetischt?
-
- SOPHIE (zerstreut).
-
- Ein Sprachgewirr?
-
- TSCHATZKI.
-
- Zwei werden wenigstens gemischt.
-
- LISETTE.
-
- Nun, nun, es wr' doch schwer
- Aus allen beiden Sprachen
- Etwas zu machen,
- Was Ihrer Sprache hnlich wr'.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, schwlstig spreche ich doch nie? --
- Da haben wir's -- da sehen Sie,
- Ich nutze die Minuten!
- Durch Ihren Anblick ganz in Gluthen
- Kam ich in's tausendste hinein,
- Und gleich lt man mich schwatzhaft sein.
- Doch wei ich, da es Zeiten gab
- Wo ich verschlossen wie ein Grab,
- Wo ich noch rmer schien an Geist,
- Als Ihres Vaters Secretair,
- Moltschlin -- oder wie er heit --
- Das stille Mnnchen da aus Twer,
- Der stets so artig und geschniegelt!
- Hat er sein Schweigen endlich jetzt entsiegelt?
- Wo er ein Heft mit neuen Liedchen fand,
- War er gleich hflich bei der Hand --
- Bat um Erlaubni sie sich abzuschreiben;
- Doch steigen freilich jetzt auch solcherlei Naturen,
- Denn heut zu Tage liebt man stumme Creaturen.
-
- SOPHIE (bei Seite).
-
- O, diese Schlange!
- (laut und gereizt) Ach, ich wollt' Sie fragen:
- Ist's Ihnen wohl passirt, im Ernste oder Scherz
- Von Jemand -- im Versehn -- was Gutes wohl zu sagen?
- Wenn auch nicht jetzt, vielleicht in Ihrer Jugend?
-
- TSCHATZKI.
-
- Was wei man da von Lastern und von Tugend?
- Wozu so weit zurck? Ist es ein schlechter Zug,
- Da ich durch Sturm und Steppen, Tag und Nacht,
- Selbst mit Gefahr des Lebens,
- Zu Ihnen her den weiten Weg gemacht?
- Und Alles, ach, vergebens! --
- Wie sind Sie stolz und kalt!
- Ich schau' Sie an seit einer halben Stunde --
- Verloren in die liebliche Gestalt --
- Und ach, nur strker blutet meine Wunde!
-
- (Kleine Pause.)
-
- Erlauben Sie mir diese Frage:
- Ist wirklich Alles beiend was ich sage?
- Und knnen Sie den Vorwurf auf mich laden,
- Als wollt' ich jemand dadurch schaden?
- Wahrhaftig, wenn mein Mund vielleicht auch so gesprochen,
- So hat mein Herz doch nichts verbrochen,
- Das Wunderliche pfleg' ich zu belachen,
- Doch werd' ich ein Geschft daraus mir niemals machen!
- Gebieten Sie ins Feuer mir zu gehn
- Fr Sie, -- mit Freuden soll's geschehn.
-
- SOPHIE.
-
- Nun gut, -- verbrennen Sie!
- Doch wenn's milnge? -- wie?
-
-
- Achte Scene.
-
- DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.
-
- FAMUSSOFF (in der Thr).
-
- Da haben wir's, da steht der Zweite!
-
- SOPHIE.
-
- Ach Vterchen, der Traum von heute!
-
- (Geht ab, Lisette folgt.)
-
- FAMUSSOFF (bei Seite).
-
- Verdammter Traum!
-
-
- Neunte Scene.
-
- FAMUSSOFF. TSCHATZKI (sieht Sophien nach).
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nun sag', was hast Du denn getrieben?
- Wie, in drei Jahren nicht ein Wort geschrieben,
- Und pltzlich fllst Du wie vom Himmel nieder!
-
- (Umarmt ihn.)
-
- Nun, sei willkommen Freund, willkommen!
- Du alter Junge, Du!
- Jetzt haben wir Dich wieder!
- Nun, Abentheuer konnten Dir nicht fehlen,
- Da setze Dich, und nun mut Du erzhlen.
-
- (Sie setzen sich.)
-
- TSCHATZKI (nachdenklich).
-
- Wie ist doch Ihre Tochter schn!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ihr junges Volk wit auf nichts anderes zu sehn,
- Als darauf, ob die Mdchen schn.
- Da hat sie etwas obenhin gesagt,
- Was Deiner Eigenliebe gleich behagt;
- Doch Hoffnung hat schon oft betrogen!
-
- TSCHATZKI.
-
- Mich hat sie wahrlich nicht verzogen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Der Traum von heute -- sagte sie --
- Und Du, Du grbelst nach, ich wette,
- Was denn Sophie
- Getrumt wohl htte?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich grble nicht, es fiel mir niemals ein,
- Den Sinn von Trumen auszulegen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Freund, traue nicht den Frauen!
-
- TSCHATZKI.
-
- Nur meinen Augen will ich trauen,
- Und das mu offenherzig ich gestehn,
- Das Frulein ist ganz unvergleichlich schn!
-
- FAMUSSOFF (bei Seite).
-
- Er ist davon nicht abzubringen!
- (laut) Doch sage mir vor allen Dingen:
- Wo warst Du denn die ganze Zeit?
- Drei Jahre fort, das will was heien!
-
- TSCHATZKI.
-
- Unmglich kann ich jetzt erzhlen!
- Die ganze Welt wollt' ich durchreisen
- Und kam nicht tausend Stunden weit.
-
- (Steht schnell auf.)
-
- Ich mu jetzt fort -- durchaus --
- Ich eilte her und war noch nicht zu Haus.
- Nach einer Stunde komm' ich wieder,
- Dann setzen wir uns traulich nieder,
- An Abentheuern soll es dann nicht fehlen --
- Sie knnen sie dann aller Welt erzhlen.
-
- (Im Abgehen zu Sophiens Zimmer gewendet:)
-
- Wie ist sie schn!
-
- (Ab.)
-
-
- Zehnte Scene.
-
- FAMUSSOFF (allein).
-
- Wer ist's nun von den Zwei'n?
- Ach Vterchen, der Traum trifft ein,
- Und sagt's mir laut! Ei, ei, ich mu gestehn
- Ich habe mich versehn!
- Ich habe einen Bock geschossen,
- Und auf Moltschlin meine Galle erst ergossen,
- Doch jetzt heit's: Aus dem Regen in die Traufe! --
- _Der_ ist ein Bettler, _der_ als Seladon bekannt
- Und als ein Muthwill und Verschwender
- Bei Jung und Alt im ganzen Land! -- -- --
- Was machen uns -- Herr du Gerechter! --
- Fr Plagen doch erwachs'ne Tchter!
-
- (Bleibt nachdenklich stehn. Der Vorhang fllt.)
-
- Ende des ersten Akts.
-
-
-
-
- Zweiter Akt.
-
-
- Ein Empfangzimmer mit mehreren Thren, links ein Fenster.
-
-
- Erste Scene.
-
- FAMUSSOFF. EIN DIENER.
-
- (Die Mittelthr wird von einem vorangehenden Diener rasch geffnet
- und Famussoff tritt, elegant gekleidet, herein; an der Thr
- bleibt er etwas stehen, um den Diener zu mustern.)
-
- FAMUSSOFF.
-
- Hr'! Peter, hr'! An Dir ist stets was neu!
- Nun ist am _Ellenbogen_ wieder was entzwei!
- (Setzt sich) Nimm den Kalender. -- Doch den liest er
- Gerade wie ein alter Kster!
- Lies mit Gefhl, Verstand, und dann und wann
- Bei Punct und Komma halte an. --
- Doch schreib erst lieber
- Auf jenem leeren Blatte da,
- Der nchsten Woche gegenber:
- Am Dienstag zur Baronin Fladen
- Bin auf Forellen ich geladen! --
- Wie ist die Welt doch wunderbar creirt!
- Wenn man darber erst philosophirt,
- So schwindelt der Verstand. -- O je, o je!
- Da nimmt man sich in Acht, und dann kommt ein Dinr!
- Drei volle Stunden mu man kauen,
- Und in drei Tagen kann man's kaum verdauen!
- Bemerk' am selben Tag -- ach nein,
- Am Donnerstag wird das Begrbni sein!
- O Menschenvolk -- mit deinem leichten Sinn! --
- Wir mssen Alle doch dahin! -- -- --
- In jenen Kasten kommt doch jedermann,
- In dem man weder stehn noch sitzen kann.
- Doch will sich jemand Lob und Ruhm erwerben:
- Hier nehm' ein Beispiel er!
- Der Sel'ge war ein achtungswerther Kammerherr --
- Er hatte hinten ja den Schlssel,
- Schafft' auch den Schlssel seinem Sohn;
- Selbst reich, ich wei das ganz genau,
- Vermhlt' er sich mit einer reichen Frau,
- Und fand Parthie'n fr alle seine Tchter.
- Nun ist er todt! Als Frommer und Gerechter
- Ist er aus dieser Welt geschieden,
- Und -- ruht in Frieden!
- Und wird beweint von Kind und Kindeskind --
- Die all das schne Gut nun von ihm erben. --
- Was doch in unserm Moskau hier
- Fr wicht'ge Mnner sind
- Und leben hier und -- sterben! --
- Am Donnerstag, schreib eins zum andern, Peter --
- Doch knnt's auch Freitag sein,
- Wer wei, vielleicht auch spter,
- Mu ich zur Doktorswittwe gehn
- Gevatter stehn;
- Zwar habe ich noch nichts vernommen,
- Allein mir ducht es mu so kommen
- Wenn meine Rechnung richtig --
-
-
- Zweite Scene.
-
- DIE VORIGEN. TSCHATZKI.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ah! --
- Alexander, Du bist da!
- Nun -- setze Dich.
-
- TSCHATZKI.
-
- Es scheint mir, Sie beschft'gen sich --
-
- FAMUSSOFF (zum Diener).
-
- Geh, Peterchen.
-
- (Der Diener geht ab.)
-
- Ich merkt' Geschfte an,
- Die, Gott beht's, man leicht vergessen kann.
-
- (Pause.)
-
- TSCHATZKI.
-
- Hab' ich die Stunde etwa schlecht gewhlt?
- Ich hoffe nicht, da Ihrer Tochter etwas fehlt! --
- Ja, Sie sind mivergngt! Nicht wahr?
- Ich seh' es am Gesicht, an Ihren Mienen,
- Was fehlet Ihnen?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ach, bester Freund, was ist da sonderbar?
- In meinem Alter -- ei es ist zum lachen! --
- Soll ich noch Capriolen machen?
-
- TSCHATZKI.
-
- Davon ist nicht die Rede, -- sagen Sie
- Mir nur -- was macht Frulein Sophie? --
-
- FAMUSSOFF.
-
- Da Dich! -- -- Nun Gott verzeih!
- Fnftausend mal
- Dasselbe Lied zu meiner Qual
- Und stets das alte Einerlei:
- Bald von dem schnen Frulein Tochter
- Bald von dem kranken Frulein Tochter
- Und nichts im Kopf, als meine Frulein Tochter!
- Sag mir, -- Du hast Dich lang herumgetrieben,
- Und jetzt, so scheint mir's -- willst Du Dich verlieben,
- Und angelst gar nach meiner Tochter Hand?
-
- TSCHATZKI.
-
- Wozu die Frage?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ei, mir scheint sie passlich!
- Denn sieh', ich bin ein Bischen doch mit ihr verwandt!
- Man hat zum Vater mich -- das ist doch fasslich,
- Nicht grad' ins Blaue so hinein ernannt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Und wollt' ich um die Tochter frein,
- Was wrd' des Vaters Antwort sein?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ich sagte Dir zuerst: sei kein Phantast!
- Verwalte besser, was Du hast;
- Allein vor allen Dingen
- Mut Du's im Dienste weiter bringen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Dem Staate dient' ich gern -- allein
- Ich mcht'
- Nicht Knecht
- Nicht Diener darum sein.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Na!
- Da haben wir den lieben Hochmuth ja!
- Du solltest lieber fragen
- Wie unsre Vter es gemacht,
- Und mancher da in alten Tagen
- Es so erstaunlich weit gebracht.
- Wie kann man sich zu dienen schmen?
- Ein Beispiel solltest Du am sel'gen Oheim nehmen:
- Ja sieh' -- das war ein Mann,
- Den man zum Muster nehmen kann!
- Er speiste nicht auf Silber -- nein auf Gold!
- Es wimmelte bei ihm von Dienern und Lakei'n,
- Es mochten wohl an hundert sein!
- Mit Orden ganz bedeckt kam er zu Hof gerollt.
- Wenn man so sah -- wie ihn im langen Zug
- Zum Pallast die Carosse trug,
- Man wurde in Bewunderung versetzt.
- Er lebte stets bei Hof -- und das war nicht wie jetzt --
- Das war vor Zeiten noch, ja ja!
- Das war ein Hof -- wie nie die Welt ihn sah!
- Und Mnner gab's zu jener Zeit
- Von centnerschwerer Wichtigkeit.
- Du httest Dich, wer wei, wie tief gebckt,
- Sie htten kaum mit dem Toup genickt,
- Und war's ein Gnstling, ein Bojar,
- So ist's gewi, da es noch rger war;
- Sie aen, tranken -- ganz von uns verschieden,
- Nicht so, wie andre Sterbliche hienieden.
- Der Ohm? Was sind jetzt Frst und Graf dagegen!
- Ein ernster Blick, ein stolzes Wesen
- War stets auf seiner Stirn zu lesen.
- Doch htt' ich den wohl sehen mgen
- Der, wenn es Noth that sich zu schmiegen,
- So wute sein Genick zu biegen! --
- An einem Gallatag, vor allen Leuten
- Hatt' er das Unglck auszugleiten,
- Und so -- da er sich fast den Hals gebrochen.
- Der Alte chzt und krchzt --
- Und wie er endlich aufgekrochen,
- Hat Ihre Majestt zu lcheln ihm geruht;
- Ein Allerhchstes Lcheln!! -- Und was thut
- Der Schlaukopf nun! er macht's noch bunter
- Und fllt zum zweitenmal und rger noch herunter.
- Man lacht noch mehr, es schallt der Saal,
- Und er steht auf und fllt zum drittenmal!
- Nun, wie gefllt das Euch?
- Wir nennen's einen klugen Streich!
- Krank fiel er hin, stand aber auf gesund.
- Denn seit der Frist
- Wen lud man fter ein zum Whist? --
- Und wer hat schmeichelhafteres gehrt?
- Wer wurde so wie er geehrt?
- Der Onkel! Und das nennt ihr Kleinigkeit!
- Wer wute so wie er mit Rngen zu belohnen?
- Der Onkel, ja!
- Wer schaffte so wie er Pensionen?
- Der Onkel! Ah? --
- Und nu!
- Ihr da, von heute, was sagt _Ihr_ dazu?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ja, in der That, Sie knnen seufzend sagen:
- Die Menschheit sei verdummt in unsern neusten Tagen.
- Wie kann man auch -- nach solchen Streichen
- Die neue mit der alten Zeit vergleichen!
- Zwar frisch ist noch die Kunde:
- Doch klingt sie glaublich nicht im Munde:
- Da der zu Wrden kam,
- Der nur die meisten Bcklinge geschnitten,
- Der nicht des Kriegs ruhmvolle Narbe trug,
- Nein, am Parquette sich die Stirn zerschlug!
- Der jedem Niederen -- und lag' er auf den Knieen,
- Begegnet' unertrglich stolz,
- Doch wo ein Mchtiger erschien,
- In Artigkeiten fast zerschmolz! -- --
- Man kann mit Recht bezeichnen jene Zeit
- Als die der Furcht und Niedrigkeit:
- Die niedrigsten und die gemeinsten Triebe
- Maskirten sich als Unterthanenliebe; --
- Ich rechne Ihrem Onkel dies nicht zu,
- Und lasse seine Asche gern in Ruh' --
- Doch sagen Sie, wer wohl in unsern Tagen --
- Und mcht' ihm Kriecherei auch noch so sehr behagen --
- Wer wrd' es wagen
- Auf's Spiel zu setzen sein Genick
- Fr einen gnd'gen Lchelblick?
- Allein in jener Zeit
- Erregt' ein solcher Purzelbaum noch Neid,
- Und mancher alte Herr hat still bei sich gedacht:
- O htt' ich's doch so klug gemacht!
- Ja, Kriecherseelen giebt's auch jetzt auf Erden
- Doch frchtet jeder lcherlich zu werden;
- Und nicht umsonst wird jetzt, da sie nun wen'ger khn,
- Von oben solchen Herrn auch weniger verlieh'n.
-
- FAMUSSOFF (bei Seite).
-
- Du groer Gott, er mu ein Carbonari sein!
-
- TSCHATZKI.
-
- Von solchen Flecken ist die heut'ge Welt wohl rein.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Gefhrlich ist der Mensch!
-
- TSCHATZKI.
-
- Jetzt athmet man doch frei,
- Und Niemand drngt zum Heer der Narren sich herbei.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Was spricht er da -- und redet wie gedruckt!
-
- TSCHATZKI.
-
- Beim Gnner dann die Decke anzughnen!
- Geduldig warten, hflichst schweigen.
- Kratzfsseln und den Rcken beugen,
- Dann, fiel ein Schnupftuch zu den Fssen
- Begierig los drauf schieen,
- Nach Sthlen laufen, um am Gnnertisch zu speisen! --
-
- FAMUSSOFF.
-
- Das also holt' er sich von seinen Reisen?
- Die Freiheit predigt er! Nun eine saubre Fhrung! --
-
- TSCHATZKI.
-
- Wer auf den Gtern lebt, wer in das Ausland reist --
-
- FAMUSSOFF.
-
- Mein Gott, was ist doch Deine Zunge dreist,
- Du sprichst ja gegen die Regierung!
-
- TSCHATZKI.
-
- Und wer sich gar erkhnt,
- Da er dem Chef nicht, nur der Sache dient!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Wr' ich Monarch, ich hielte solche Herrn
- Von meiner Hauptstadt fern
- Auf einen Bchsenschu.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich lasse Sie zufrieden endlich.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nicht auszuhalten ist es -- schndlich!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich schalt erbarmungslos auf Ihre Zeit,
- Auf die Vergangenheit;
- Doch hren Sie, wir wollen uns vergleichen;
- Sie knnen einen Theil von all dem Tadel streichen
- Und unsrer Zeit als Ueberschu verleih'n,
- Ich wrde nicht darber schrei'n.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ich habe nichts mit Ihnen mehr zu schaffen,
- Irrlehren sind's, und solche leid' ich nicht.
-
- (Er hlt sich die Ohren zu.)
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich streckt' ja schon die Waffen,
- Und niemand widerspricht.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Gut, gut, ich halt' die Ohren zu!
-
- TSCHATZKI.
-
- Weshalb? Ich lass' Sie ja in Ruh'.
-
- FAMUSSOFF (heftig).
-
- Durchschnffeln da den ganzen Erdenball,
- Maulaffen berall --
- Dann geht's nach Haus, nun sag' mir einer offen,
- Von solchen soll man was solides hoffen!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich hrte auf.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Um Gotteswill'n lass' Dich bedeuten!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich wnsch' nicht weiter mehr zu streiten.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Erbarme Dich, lass' mich in Ruh'!
-
-
- Dritte Scene.
-
- DIE VORIGEN. EIN DIENER.
-
- DIENER.
-
- Der Oberst Scalosb.
-
- FAMUSSOFF (ohne zu hren).
-
- Nur zu, nur immer zu!
- Du kommst noch unter's Halsgericht!
- Das ist gewi, wie zwei mal zwei macht vier.
-
- TSCHATZKI.
-
- Es ist da jemand angekommen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ich hre nichts! Vor's Halsgericht!
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie haben falsch vernommen:
- Es ist ein Fremder vor der Thr.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Vor's Halsgericht, vor's Halsgericht mit Dir!
-
- TSCHATZKI.
-
- So kehren Sie sich um, Sie kriegten einen Gast.
-
- FAMUSSOFF (dreht sich um).
-
- Was? Krieg? Rebellion?
- Auf Sodoms Schicksal bin ich lngst gefasst.
-
- DIENER.
-
- Der Oberst Scalosb hlt vor der Thr,
- Befehlen Sie ihn zu empfangen?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Schaafskopf! Natrlich! sagt' ich's Dir
- Nicht hundert mal schon? Schneller, lauf --
- Bitt' ihn ergebenst gleich herauf,
- Sag', da ich hocherfreut, sag' Wort fr Wort,
- Sag', da ich ihn erwarte, -- pack Dich fort! --
-
- (Diener ab.)
-
- (Zu Tschatzki.)
-
- Ich bitte Dich Mosje, folg' einmal mir:
- Es ist ein angeseh'ner Offizier
- Hat, fr sein Alter unerhrt --
- Schon einen Rang beneidenswerth,
- Hat Orden ohne Zahl,
- Ist heute oder morgen General,
- Dazu ist er solid in seiner Denkungsart;
- Ich bitt' Dich, nimm Dich jetzt zusammen.
-
- (Kopfschttelnd.)
-
- Ach, lieber Tschatzki, -- nein!
- Nicht alles ist mit Dir -- so wie es sollte sein! -- --
- Er ist recht oft und gerne hier --
- Du weit empfangen wird ja jedermann von mir.
- Die Leute hier vergrern alles gleich;
- Da spricht man in der ganzen Stadt,
- Da er ein Aug' geworfen hat
- Auf mein Sophiechen -- dummes Zeug --!
- Nun -- mglich wr's -- Sophie ist frisch und roth,
- Allein sie ist noch jung; -- ich sehe keine Noth
- So bald die Tochter aus dem Haus zu geben.
- Er mag sie wohl -- wenn mich nicht alles trgt,
- Doch brigens, wie es der Himmel fgt.
- Ich bitt' Dich, kommt er her,
- So streite nicht die Kreuz und Quer.
- Erwge doch ein jedes Wort
- Und wirf die albernen Ideen fort.
- Inde wo bleibt er denn? Was kann das sein?
- Er ging gewi zu mir, auf jene Seit', hinein.
-
- (Geht eiligst ab.)
-
-
- Vierte Scene.
-
- TSCHATZKI (allein).
-
- Was kommt ihm an! Warum wohl so in Feuer!
- Und wie steht's mit Sophie? Das ist bestimmt ein Freier.
- Wann that sie je so fremd mit mir,
- Und warum ist sie noch nicht hier?
- Wer ist der Scalosub?
- Dem Vater scheint er ja gewaltig theuer,
- Doch ach, es knnte sein
- Dem Vater nicht allein! ...
- Ja, bleibt drei Jahre nur von Haus,
- Dann ist's mit Lieb' und Treue aus.
-
-
- Fnfte Scene.
-
- FAMUSSOFF. SCALOSB. TSCHATZKI (im Hintergrunde).
-
- FAMUSSOFF.
-
- Herr Oberster hierher, zu uns, hierher!
- Hier ist es wrmer, bitte sehr!
- Friert Sie? -- Die Wrme kann man gleich vermehren,
- Ich ffne schnell die Ofenrhren.
-
- SCALOSB (im Bass).
-
- Was, selbst zu klettern, nein, das gebe ich nicht zu!
- Auf Offiziersparol, das kann ich nicht erlauben.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Sie wollen nicht, da ich fr Sie was thu'!
- Mein theurer Freund, Sie knnen glauben
- Fr Sie, fr einen Freund ist alles angenehm.
- Nun -- machen Sie's sich recht bequem,
- Den Hut hierher, fort mit dem Degen!
- Wir wollen ihn bei Seite legen;
- Hier ist ein Sopha, federweich.
-
- SCALOSB.
-
- Wo Sie befehlen -- mir ist's gleich.
-
- (Sie setzen sich.)
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ach, bester Freund, hier ist es grad' am Ort!
- Von unseren Verwandten erst ein Wort,
- Zwar nur entfernt, zur Erbschaft kommt es nicht --
- Ihr guter Vetter gab mir unlngst drber Licht --
- In welchem Grade ist verwandt
- Natalja Nikolajewna mit Ihnen?
-
- SCALOSB.
-
- Damit kann ich nicht dienen,
- Das ist mir nicht bekannt,
- Wir dienten nicht bei einem Regimente.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Herr Oberst! Wenn ich Sie nicht kennte!
- Nein, wer mit mir verwandt,
- Den such ich auf und wr's
- Im Grund des Meers!
- Da hab' zum Beispiel jetzt
- Die ganze Kanzelei mit Vettern ich besetzt
- Ich nehme selten Leute, die mir fremd --
- Sie wissen ja, die Haut ist nher, als das Hemd! --
- Mein Secretair allein ist nicht mit mir verwandt,
- Ich nahm ihn wegen seiner schnen Hand. --
- Kommt nun die Zeit heran der Gratificationen,
- Da giebt es Kreuzchen hier zu Land,
- Und kleine Aemtchen -- allerhand --
- Wie sollte man Verwandte nicht belohnen!
- Doch wollen wir zurck auf Ihren Vetter kommen
- Der Ihrer Protection so viel im Dienst verdankt.
-
- SCALOSB.
-
- Ja, Anno dreizehn war's, wir thaten uns hervor,
- Zuerst im zweiten, dann im sechsten Corps.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Beglckt der Vater, dem ein solcher Sohn geworden,
- Mich dnkt, im Knopfloch trug er einen Orden?
-
- SCALOSB.
-
- Ja, fr den dritten Mai, Sie haben recht gesehn,
- Wir saen fest in den Transcheen;
- Da galt's! --
- Er kriegt's im Knopfloch -- ich am Hals!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ein lieber Mann,
- Man sieht ihm gleich den Helden an --
- Ein prcht'ger Mensch ist Ihr Herr Vetter!
-
- SCALOSB.
-
- Er hat sich leider jetzt
- Gott wei was in den Kopf gesetzt!
- Er wre eben avancirt,
- Da hatt er grad' den Dienst quittirt,
- Und lie im Stiche Rang und Orden.
- Drauf ging er auf sein Landgut hin
- Und ist ein Bcherwurm geworden.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ja, ja, das Lesen -- o der jungen Thoren!
- Was geht dadurch nicht spter oft verloren!
- Fr Sie ist mir, was das betrifft, nicht bange;
- Lngst sind Sie Oberster und dienten doch nicht lange.
-
- SCALOSB.
-
- Ich hatt' mit meinen Cameraden sehr viel Glck:
- Vacanzen fanden sich fast jeden Augenblick,
- Da wurden ltre aus dem Dienst geschlossen,
- Und andre -- pltzlich -- todtgeschossen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ja, ja, nur der besteht,
- Den Gott erwhlet und erhht!
-
- SCALOSB.
-
- Doch mancher hat noch grres Pferde-Glck!
- Wir gehn nicht weit zurck --
- Da nehmen Sie doch nur einmal
- Hier in der funfzehnten Division
- Zum Beispiel den Brigadegeneral!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Mein Gott, Sie mssen es doch selber sagen:
- Sie knnen sich wahrhaftig nicht beklagen!
-
- SCALOSB.
-
- Ich thu's auch nicht, allein dennoch -- Sie wissen --
- Ich habe nach dem Regiment
- Zwei lange Jahre laufen mssen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Zwei Jahre laufen -- Element!
- Dafr in andern Dingen
- Die Sie erreicht
- Ist es Sie einzuholen wohl nicht leicht.
-
- SCALOSB.
-
- Ja, freilich wird im Corps man ltre finden.
- Ich trat erst ein
- Im Jahre achtzehnhundert neun.
- Allein um rasch befrdert sich zu sehn,
- Kann man verschiedne Wege gehn,
- Und hierin bin ich Philosoph,
- Ein jeder Weg ist mir egal
- Wenn er nur fhrt zum General.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Sie haben so vollkommen Recht zu denken.
- Gott mg' Gesundheit Ihnen schenken,
- Und dann den General,
- Und haben Sie den Rang einmal --
- Dann mssen Sie -- was soll das Zaudern sein?
- Nach einer Generalin frei'n.
-
- SCALOSB.
-
- Ich sag' durchaus nicht nein!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Und das ist doch so leicht, mein Bester!
- Da hat _der_ eine Schwester,
- _Der_ eine Tochter hier am Ort.
- Die Brute bringt man nicht aus Moskau fort,
- Sie mehren sich mit jedem Jahr.
- Ach lieber Freund, Sie mssen selbst gesteh'n
- Wo kann man in der Welt ein zweites Moskau sehn!
-
- SCALOSB.
-
- Ja, ungeheure Pltze giebt's zum Exerciren.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nicht doch! ich meine den Geschmack und treffliche Manieren,
- Die Sitten, die von Alters her noch rhren.
- Zum Beispiel nur -- man ehrt den Sohn
- Hier um des Vaters willen schon.
- Ist auch nicht viel an ihm, es wird ihm doch nicht fehlen,
- Besitzt er erblich nur so ein paar tausend Seelen --
- Der Brutigam ist fertig --
- Und wr' er noch so widerwrtig.
- Ein andrer, sei er auch gescheut
- Voll Klugheit und Belesenheit
- Und vollgepfropft mit hohen Dingen,
- Er wird in unsere Verwandtschaft doch nicht dringen;
- Denn darin sind wir ohne Tadel
- Wir halten noch allein auf alten chten Adel.
- Und das ist's nicht allein! -- was Gastfreiheit betrifft!
- Wer hat vollkommner sie gefunden,
- Und htt' er auch die ganze Welt umschifft --!
- Die Thr ist auf -- zu allen Stunden;
- Geladen oder nicht, es strmt der Gste Menge,
- Den Wirth erfreut besonders das Gedrnge,
- Auslnder, die natrlich ganz voran --
- Es sei ein Schelm, es sei ein Ehrenmann,
- Das ist uns ziemlich gleich, in jedem Falle
- Steht unser Mittagstisch gedeckt fr Alle.
- Ja -- wie man uns betrachten mge,
- Vom Hacken bis zum Nacken --
- Wir Moskowiter haben ein absonderlich Geprge.
- Da, nehmen Sie zum Beispiel unsre Jugend
- Die junge Welt, die Shnchen, Enkelein;
- O, die sind fein!
- Zwar predigen wir streng Moral und Tugend,
- Und doch kann oft mit funfzehn Jahren
- Der Lehrer viel von ihnen schon erfahren.
- Dann unsere alten Herren, welche Geister!
- Im Disputiren sind sie Meister.
- Wenn es so losgeht ber Staat und Krone,
- So sprechen sie wie lauter Salomone.
- Ein jeder wei, er ist aus altem Haus,
- Was andre denken, was macht er sich draus!
- Und die Regierung, wie mit der sie fahren!
- Wenn's jemand hrte, lass' uns Gott bewahren! --
- Nicht da sie grad' was neues wollten -- nein
- Behte Gott; allein sie schrei'n
- Und streiten ber dies und das
- Und wissen selber oft nicht -- was.
- So geht es fast bei jedem Schmaus,
- Man lrmt und tobt und -- fhrt nach Haus.
- Wahrhaftig, lauter Kanzler auer Diensten!
-
- (Leiser.)
-
- Und im Vertraun -- noch unreif ist die Zeit --
- Doch ohne diese Herrn kommt man gewi nicht weit. --
- Die Damen gar, das sind die hchsten Richter,
- Doch richt' sie einer nur, da machen sie Gesichter,
- Und wenn beim Kartenspiel die Stimme sie erheben
- Da giebt es oft Tumult,
- Da wirklich alle Fenster beben.
- Mit Frauen schenk' uns Gott Geduld,
- Ich wei es leider ganz genau
- Ich selber hatt' ja eine Frau!
- Wir haben Frau'n, wahrhaftig desperat!
- Sie sind in allem firm, schickt sie in den Senat,
- Schickt vor die Fronte sie; zum Beispiel da
- Irina Wlssjewna, Lukrja Alexiwna,
- Tatjana Jrjewna, Pulcheria Andrewna!
- Dann unsere Tchter! Ist's nicht wahr?
- Die knigliche Majestt im vor'gen Jahr
- Als sie geruht zu uns zu kommen zum Besuch,
- Konnt' sich verwundern nicht genug.
- Sie fand sie grad' nicht klassisch schn,
- Doch klassisch wohlerzogen.
- Und wahrlich, unsere Tchter sind's auch -- ungelogen --
- Wie sie verstehen sich zu kleiden,
- In Mousselin und Sammt und Seiden!
- Sie knnen selbst -- es ist ein Ohrenschmaus
- Franzsische Romanzen singen,
- Und von den Noten zwingen
- Die allerhchsten sie heraus. --
- Besonders hngen sie am Militair,
- Das -- kommt vom Patriotismus her.
- Ja, ja, man suche nach in allen Reichen,
- Man forsche nach von Land zu Land,
- Nichts ist mit Moskau zu vergleichen.
-
- SCALOSB.
-
- Ja wohl, und seit dem groen Brand
- Ist unser Moskau ganz charmant.
-
- FAMUSSOFF.
-
- O nichts davon! Da haben uns geklungen
- Die Ohren schon genug! Ja, was fr Neuerungen
- Seitdem sieht doch ein jedes Haus,
- Trottoirs und Straen anders aus.
-
- TSCHATZKI (in den Vordergrund tretend).
-
- Die Huser wurden neu, die Vorurtheile blieben! --
- Sie brauchen sich nicht zu betrben.
- Was knnen Moden, Jahre, Brand und Krieg!
- Den Vorurtheilen blieb der Sieg.
-
- FAMUSSOFF (leise).
-
- Mach' Dir doch einen Knoten zum Gedchtni.
- Zu schweigen bat ich Dich so sehr,
- Wird Dir denn das so schrecklich schwer?
-
- (Zu Scalosb.)
-
- Herr Oberst -- hier -- wenn Sie erlauben --
- Des seel'gen Tschatzki, meines Freundes, Sohn,
- Er dient nicht -- sollten Sie es glauben!
- Ein Eigensinn!
- Das heit -- er sieht im Dienste nicht Gewinn.
- Doch wenn er wollte, knnt' er vieles leisten.
- Er schreibt vortrefflich, bersetzt --
- Schad, schade das, -- das mu man sagen!
-
- TSCHATZKI.
-
- Recht schade -- da Sie nicht wen anders so beklagen,
- Denn selbst Ihr Lob hat mich verletzt. --
-
- FAMUSSOFF.
-
- So richt' ich nicht allein, ich hre es von Allen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Und wer sind diese Richter? Wie?
- Sind es nicht etwa die,
- Die ihrer Glatze wegen schon allein
- Uns Jugendsinn und Freiheit nicht verzeih'n?
- Sie schlagen in Journlen nach
- Und mchten alles Alte gleich vergttern.
- Sie schpfen Urtheil aus vergessnen Zeitungsblttern,
- Aus jener Zeit, die von Otschkoff sprach
- Und der Eroberung der Krimm. --
- Woher der ew'ge Ha und Grimm?
- Das neue lassen sie nicht gelten
- Und singen stets das alte Lied,
- Stets fertig sind sie nur zu schelten
- Und sie bekritteln, was geschieht,
- Und merken's an sich selber nimmer
- Das: um so _lter_ um so _schlimmer_!
- Wer nicht so denkt wie sie -- den nennen sie Verrther!
- Wo sind sie denn, des Landes Vter,
- Von denen man als Muster spricht!
- Ich seh' sie nicht! --
- Ist's etwa der?
- Ein Millionr
- Durch Dieberei geworden?
- Und der mit vollem Sack und seiner Brust voll Orden
- Dem Schwerdt der Themis trat entgegen?
- Natrlich sank der guten Gttin Degen
- Herab, so viel Verdienst zu lieb,
- Und sehen Sie -- nun baut der Dieb
- Sich einen prchtigen Pallast
- Wo festlich er mit dem gestohlnen Gute prasst,
- Die Gste strmen hin zu Hauf;
- Doch stnde wohl ein Gast
- Als Klger seines Wirthes auf?
- Wer wrde wohl in Moskau sich erfrechen
- So weit zu gehn
- Von irgend jemand schlecht zu sprechen,
- Der Blle giebt und Assembleen? --
- Ist wohl mein Richter der, vor dem ich einst den Rcken
- In meiner Kindheit mute bcken?
- Gott wei aus welchen rthselhaften Grnden! --
- Der Nestor -- alt und grau in Snden,
- Der seine Diener oft verwettet
- Wenn er im Zorne und berauscht:
- Und den, der Ehre ihm und Leben oft gerettet
- Weil es ihm so gefllt, mit einem Windhund tauscht? --
- Ist's jener, der zu ganzleibeigenem Ballet
- Die Kinder von den Aeltern reit
- Und sie nach Moskau kommen heit?
- Sie werden auch in groen Schaaren
- Und fuderweis hierher gefahren
- Wo er, der nur vom Zephyr trumt
- Und Amoretten-Reigen
- Stolz ist der Stadt sein Werk zu zeigen.
- Doch leider steckt er sehr in Schulden,
- Die Glub'ger woll'n sich nicht gedulden
- Und all die Seelen da, von ihm getauft
- Zu Amoretten und Zephyren
- Sie werden nun nach Rechtsgebhren
- Stckweise unterm Hammerschlag verkauft! -- -- -- --
- Da haben Sie's! Und das sind unsre Richter!
- Das sind die Sterne und die Lichter!
- Das sind die Alten und die Weisen
- Die Sie mir stets als Muster preisen.
- Und was geschieht? Versuch's ein junger Mann,
- Der nicht das Kriechen leiden kann --
- Und lege sich mit ganzer Kraft
- Allein nur auf die Wissenschaft:
- Er will nicht Stellen, will nicht Rang,
- Er fhlt nun einmal einen andern Drang --
- Der Himmel go vielleicht in seine Brust
- Des knstlerischen Schaffens Lust,
- Sogleich erhebt man ein Geschrei
- Mordjo! Verrtherei!
- Man fliehet ihn, wie einen tollen Hund
- Und munkelt von geheimem Bund. --
- Die Uniform -- nur sie, ja! ja! -- In frhrer Zeit
- Hat ihre Stickerei manch Eselsohr bedeckt.
- Wie viel Verchtlichkeit
- Wird unter ihrem Glanz versteckt!
- Und wir, wir sollen nun dieselben Wege gehn?
- Es ist nicht auszustehn!
- Und eben die Manie kann man ja schau'n
- Bei unsern Mdchen, unsern Frau'n!
- Ich selbst war unlngst noch verliebt in die Livrei,
- Doch jetzo lach' ich ber solche Narrethei.
- Doch anders ging es damals her,
- Wer war nicht ganz vernarrt in's Militr?
- Einst bei'm Besuch von Gardeoffizieren
- Schien unsre Damenwelt die Sinne zu verlieren:
- Sie schrien Hurrah! Kaum ist's zu glauben,
- Und warfen in die Luft die Hauben.
-
- FAMUSSOFF (bei Seite).
-
- Es wird ihm noch gelingen
- In's Unglck mich zu bringen! --
-
- (Laut zu Scalosb.)
-
- Verzeihen Sie, Herr Oberst, ich mu fort,
- Doch ich erwarte Sie im Kabinette dort.
-
- (Geht ab.)
-
-
- Sechste Scene.
-
- SCALOSB und TSCHATZKI.
-
- SCALOSB.
-
- Was mich besonders intressirt
- Ist, wie Sie so geschickt berhrt
- Die Vorurtheile unsrer Stadt
- Die man hier fr die Garde hat.
- Die Garde -- das ist ihre Wonne!
- Man schaut sie an wie eine Sonne.
- Warum zieht man sie vor
- Zum Beispiel unserm ersten Corps?
- Worin blieb dieses vor der Garde je zurck?
- Hat's schlecht're Taillen etwa und Geschick?
- Was wollen diese Evastchter,
- Sitzt unsre Uniform denn schlechter?
- Ich kann gleich ein'ge Offiziere nennen
- Die selbst franzsch parliren knnen.
-
-
- Siebente Scene.
-
- SCALOSB. TSCHATZKI. SOPHIE (strzt zum Fenster). LISETTE.
-
- SOPHIE.
-
- Ach Gott -- er fiel -- er ist verloren! ah!
-
- (Sinkt hin auf einen Stuhl.)
-
- TSCHATZKI.
-
- Wer fiel?
-
- SCALOSB.
-
- Sag', was geschah?
-
- TSCHATZKI.
-
- Vor Schreck liegt sie in Ohnmacht ja!
-
- SCALOSB.
-
- Wer denn! Woher! Was ist passirt?
-
- TSCHATZKI.
-
- Hat sie sich weh gethan?
- Stie sie wo an?
- Was ist geschehn?
-
- SCALOSB.
-
- Ist was dem Alten arrivirt?
-
- LISETTE (immer bei Sophien beschftigt).
-
- Ach seinem Schicksal kann man nicht entgehn!
- Moltschlin stieg zu Pferde
- Es bumte sich, er strzt' zur Erde
- Und grade Kopfvoran.
-
- SCALOSB.
-
- Zu straff zog er die Zgel an,
- Ja, so ein Sonntagsreiter vom Civil!
- Ich will doch hren wie er fiel
- Ob seitwrts oder ob nach vorne.
-
- (Geht ab.)
-
-
- Achte Scene.
-
- TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE (in Ohnmacht).
-
- TSCHATZKI.
-
- Wie soll man helfen, sage schneller!
-
- LISETTE.
-
- Dort steht ein Glas auf einem Teller.
-
- (Tschatzki luft fort und holt Wasser -- alles wird halbleise und
- schnell gesprochen.)
-
- Schnell gieen Sie 's ins Glas!
-
- TSCHATZKI.
-
- Das ist schon lang gescheh'n!
- Ls ihr das Mieder! --
- Die Schlfen reib' mit Essig doch!
- Besprenge sie mit Wasser noch!
- So, so -- sie athmet wieder
- Nun fchle sie. -- Sophie?
-
- (Sophie seufzt.)
-
- LISETTE.
-
- Da seufzte sie!
-
- TSCHATZKI.
-
- Sieh' aus dem Fenster -- da --
- Da steht Moltschlin ja!
- Und diese Kleinigkeit konnt' sie erschrecken!
-
- LISETTE.
-
- Es mu in Damen-Nerven stecken.
- Das Frulein kann es nicht ertragen,
- Fllt Jemand ber Kopf und Kragen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Besprenge sie mit Wasser doch,
- So recht -- noch einmal -- noch!
-
- SOPHIE.
-
- Ach!
- Was ist geschehn, mir ist so schwach!
- Wer ist um mich?
-
- (Springt auf, heftig.)
-
- Wo ist er, sprich?
- Was ist's mit ihm?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, welch ein Ungestm!
- Ich wollt' er htte sich den Hals gebrochen,
- Er schreckte Sie zu Tode fast.
-
- SOPHIE.
-
- Das war unmenschlich doch gesprochen,
- Sie wollen es, da man Sie hat!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich sollte mich auch noch mit ihm befassen?
-
- SOPHIE.
-
- Ja! eilen, laufen, ihn erretten!
-
- TSCHATZKI.
-
- Und Sie in Ohnmacht liegen lassen?
-
- SOPHIE.
-
- Was sind Sie mir? Doch war es fremdes Unglck ja!
- Und lg' der eigne Vater da,
- Sie rhrt' es nicht.
-
- (Zu Lisette.)
-
- Komm' schnell, was stehst Du noch?
-
- LISETTE (fhrt Sophie zum Fenster).
-
- Wohin, besinnen Sie sich doch!
- Er lebt, es ist ihm nichts geschehn,
- Sie knnen ihn hier aus dem Fenster sehn.
-
- (Sophie eilt zum Fenster.)
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Entsetzen, Ohnmacht, Zorn! -- So kann man nur empfinden
- Wenn den Geliebten man verliert!
-
- SOPHIE (zu Lisette).
-
- Siehst Du, wie sie den Arm ihm binden!
- Er kommt, er wird herauf gefhrt!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich wollt', ich htt' mit ihm den Hals gebrochen!
-
- LISETTE.
-
- _Per compagnie!_ Nun das ist brav gesprochen.
-
- SOPHIE.
-
- Ach, lassen Sie's beim Wunsch!
-
-
- Neunte Scene.
-
- DIE VORIGEN. SCALOSB. MOLTSCHLIN (den Arm in der Binde).
-
- SCALOSB.
-
- Da ist er! Er erstand!
- Und unverletzt! -- Nur seine Hand
- Bekam was ab und etwas hier der Arm
- Das ganze war _un faux allarm_!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Ich habe Sie erschreckt? Ach nein?
- Mein Gott, Sie werden doch verzeih'n!
-
- SCALOSB.
-
- Ich glaubte nicht -- auf Ehre!
- Da man durch solche Kleinigkeit
- Codille gleich verlre!
- Sie strzten her in groer Eile,
- Und ich erschrak, so wahr ich ehrlich bin!
- Sie fielen gar in Ohnmacht hin
- Und alles fr die Langeweile!
- Fr nichts und wieder nichts.
-
- SOPHIE (ohne aufzublicken).
-
- Ich seh' es ein -- und doch
- Am ganzen Leibe zittr' ich noch.
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Und zu Moltschlin nicht ein Wort?
-
- SOPHIE (wie oben).
-
- Es fehlt mir nicht an Muth
- Wirft auch der Wagen um, ich fahr' gleich weiter fort --
- Doch konnt' ich nie mit kaltem Blut
- Es sehn, wenn andre in Gefahr,
- Und wenn es gleich ein Unbekannter war. --
- Und wenn der Schaden auch geringe
- Es ist unmglich, da ich mich bezwinge.
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Will sie bei jenem sich vielleicht
- Entschuldigen, da sie Gefhl gezeigt
- Fr irgend einen in der Welt!
-
- SCALOSB.
-
- Erlauben Sie, da fllt
- Mir ein Histrchen ein;
- Die Frstin Lassoff hier ist Reiterin,
- Ob Wittwe zwar, von Profession,
- Doch meistens reitet sie allein,
- Den Cavalieren scheint sie nicht sehr zu gefallen.
- Die Arme ist in diesen Tagen
- Vom Pferd gefallen
- Und hat sich arg zerschlagen;
- Die Schuld lag an dem Tlpel von Jokei,
- Er zhlte Mcken wohl und sprang nicht schnell herbei!
- Sie soll schon ohnedem sehr unbeholfen sein,
- Nun, sagt man, soll ihr eine Rippe fehlen --
- Und darum mcht' sie wieder sich vermhlen,
- Und sucht jetzt eifrig einen Mann
- Der sie als Rippe sttzen kann.
-
- (Er lacht.)
-
- SOPHIE.
-
- Mein Gott, Herr Tschatzki, das ist was fr Sie!
- Was meinen Sie zu der Parthie?
- Sie sollten recht so menschenfreundlich sein,
- Als Rippe sich der Wittwe weih'n --
- Denn fremdes Unglck rhrt Sie ja so ungemein!
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie haben Recht! Ich hatte ja das Glck
- Und rief zum Leben Sie zurck,
- Als bleich und athemlos Sie hier in Ohnmacht lagen;
- Allein fr wen ich's that, das wei ich nicht zu sagen.
-
- (Nimmt den Hut und geht ab.)
-
-
- Zehnte Scene.
-
- DIE VORIGEN ohne TSCHATZKI.
-
- SOPHIE (zu Scalosb).
-
- Nun heute Abend -- sehn wir Sie?
-
- SCALOSB.
-
- Wie frh?
-
- SOPHIE.
-
- Ich bitte nicht zu spt -- wir haben unser Krnzchen,
- Und zum Klavier macht man ein Tnzchen,
- Sie wissen ja, der Trauerfall
- Gestattet jetzo keinen Ball,
- Sie werden Freunde nur vom Hause sehn.
-
- SCALOSB.
-
- Sehr wohl -- doch mu ich jetzt zu Ihrem Vater gehn;
- Ihr Diener!
-
- SOPHIE.
-
- Adieu!
-
- (Verbeugung und Abschiednehmen. Scalosb geht ab, schttelt aber
- erst Moltschlin die Hand.)
-
-
- Elfte Scene.
-
- DIE VORIGEN ohne SCALOSB.
-
- SOPHIE.
-
- Moltschlin, sprechen Sie, was haben Sie gemacht!
- Ich wei nicht, wie ich noch bei Sinnen,
- Ach htten Sie an mich gedacht,
- Sie setzten nicht Ihr -- mir so theures Leben
- So muthwillig auf's Spiel.
- Doch sagen Sie -- wie ist's mit Ihrem Arm?
- Hat sich der Schmerz gegeben?
- Zum Doktor schicken Sie vor allen Dingen,
- Soll man nicht Tropfen bringen?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Seitdem der Arm in dieser Binde
- So schmerzt er nur noch ganz gelinde.
-
- LISETTE.
-
- Es ist ja nichts, ich will gleich wetten!
- Die Binde steht ihm nur so gut --
- Doch wer kann Sie vor bsen Zungen retten,
- Ich bitt' Sie, sei'n Sie auf der Hut.
- Denn Tschatzki -- ach, der kann's schon machen,
- Da ber Sie die Leute lachen;
- Und wenn der Oberst erst sich in die Haare fhrt
- Um sein Toup recht schn
- Zurecht zu drehn,
- Dann fngt er sicher an, die Ohnmacht zu erzhlen
- Und an Verschnerungen wird's nicht fehlen.
- Selbst dieser Mensch will witzig sein!
- Ach Gott! Wer ist nicht witzig heut zu Tage!
-
- SOPHIE.
-
- Als ob nach diesen Zwei'n ich frage!
- Wer mir gefllt, den mag ich
- Und was ich will, das sag' ich.
- Moltschlin ach, wie hab' ich mich bezwungen!
- Als Sie in's Zimmer traten,
- Mich um Verzeihung baten,
- Wie hab' ich da im Innersten gerungen!
- Vor jenen durft' ich es nicht wagen
- Sie anzusehn, Sie zu befragen.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Und doch -- Sie mten besser sich verstellen.
-
- SOPHIE.
-
- Wie sollt' ich das, wenn alle Pulse schwellen!
- Ich wollt' hinaus zum Fenster springen,
- Ich war halb todt und sollte mich bezwingen.
- Es mag die Herrn da rgern und verdriessen,
- Was geht's mich an, was mach' ich mir aus diesen,
- Aus irgend jemand, aus der ganzen Welt!
- Mag sie doch reden, wie es ihr gefllt?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Mcht' diese Offenheit uns nur nicht Schaden bringen!
-
- SOPHIE.
-
- Man wird Sie doch nicht zum Duelle zwingen?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Ach schlimmer wohl als Degen und Pistolen
- Sind scharfe Zungen.
-
- LISETTE.
-
- Bei Ihrem Vater sind die Beiden drin,
- Wie wr's, Sie gingen gleich dahin
- Und stellten sich ganz unbefangen,
- Wir glauben gern, was wir verlangen. --
- Den Tschatzki mssen Sie vor allen Dingen
- Zum Schwatzen bringen --
- Indem Sie jene Jugendzeit berhren.
- Ein bischen Liebelei, ein Wort, ein Blick
- Damit kann man zum Glck
- Bequem Verliebte an der Nase fhren.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Ich wage Ihnen nicht zu rathen --
-
- (Kt Sophiens Hand.)
-
- SOPHIE.
-
- Wie?
- Auch Sie?
- Sie wollen's also auch?
- Ach, liebenswrdig sein, mit Augen ganz in Thrnen?
- Ich kann mich an Verstellung nicht gewhnen,
- Es fllt mir nichts so schwer.
- Was schickte Gott doch diesen Tschatzki her!
-
- (Geht ab.)
-
-
- Zwlfte Scene.
-
- DIE VORIGEN ohne SOPHIE.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Du Engel, allerliebster Engel Du!
-
- LISETTE.
-
- Mein Gott, ihr seid schon zwei, lat mich doch nur in Ruh!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Welch ein Gesichtchen! Hre:
- Ich bin verliebt in Dich, auf Ehre!
-
- LISETTE.
-
- In mich -- verliebt? -- Sind Sie gescheut?
- Ich denke doch -- Sophie,
- Das Frulein lieben Sie.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Dienstpflicht und Schuldigkeit;
- Allein zu Dir fhl' ich die reinste Liebe --
-
- LISETTE.
-
- Aus Langerweile? Ja --
- Ich kenne diese heien Triebe!
- Ich bitte Sie -- nur nicht zu nah --
- Nein, nein, nur fort!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Hr' nur -- ein Wort!
- Ich habe drei ganz allerliebste Sachen,
- Sie knnten manche glcklich machen;
- Hr' nur Lisette:
- Vor allem eine Toilette
- Von einer Arbeit -- wunderfein!
- Ein kleiner Spiegel drauf, ein kleiner Spiegel drin.
- Und alles ringsum cht vergoldet.
- Ein Kissen, ganz mit Perlen ausgenht
- Und allerlei perlmutternes Gerth,
- Und Nadelbchsen gar zu niedlich!
- Und Scheeren, alles so apptitlich!
- Zerriebne Perlen -- Schminke auch dabei
- Und dann auch sonst noch allerlei.
- Verschiedene Pomaden
- Fr Lippensprung und andre Schaden.
-
- LISETTE.
-
- Sie wissen es -- ich bin nicht intressirt --
- Doch sagen Sie, woher das rhrt,
- Da Sie so bld beim Frulein sind,
- Und bei der Zofe recht ein Sausewind?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Ich bin heut' krank und komme nicht zum Essen,
- Du schleiche zu mir unterdessen
- Ich sag' Dir alles heimlich dort.
-
- (Geht ab.)
-
-
- Dreizehnte Scene.
-
- LISETTE. SOPHIE.
-
- SOPHIE.
-
- Ich komm' vom Vater, Beide waren fort;
- Ich bin nicht wohl und will nicht speisen mit dem Alten,
- Geh' zu Moltschlin hin
- Und bitte ihn
- Da er herauf kommt, mich zu unterhalten.
-
- (Geht ab.)
-
-
- Vierzehnte Scene.
-
- LISETTE allein.
-
- Nun das ist eine tolle Wirthschaft hier!
- Das ist ergtzlich.
- _Sie_ luft nach _ihm_, und _er_ nach _mir_,
- Und _ich_ -- ich frcht' die Liebe ganz entsetzlich, -- --
- Doch, -- -- unser Diener beim Bffet,
- Der Peter -- ist doch gar zu nett!!
-
- (Der Vorhang fllt.)
-
- Ende des zweiten Akts.
-
-
-
-
- Dritter Akt.
-
-
- Eleganter Saal.
-
-
- Erste Scene.
-
- TSCHATZKI, etwas spter SOPHIE.
-
- TSCHATZKI.
-
- Erwarten will ich sie --; ich mu sie sehn.
- Sie mu es mir gestehn
- Wen sie denn liebt. Ist es der Sekretair,
- Ist es der Oberst -- oder wer?
- Moltschlin? dieses gute Trpfchen!
- Ein so armseliges Geschpfchen!
- Wie kam er zu Verstand? -- und Jener? lieber Gott!
- Solch heis'res, halberwrgtes Bafagott! --
- Gewohnt als Sternbild stolz zu glnzen
- Bei den Maneuvern und Masurkatnzen!
- Geschick der Liebe, du --
- Spielst mit uns blinde Kuh!
-
- (Sophie tritt auf.)
-
- Sie sind's? Wie mich's erfreut
- Ich wnscht' es grad!
-
- SOPHIE (bei Seite).
-
- Zu uerst ungelegner Zeit!
-
- TSCHATZKI.
-
- Mich suchten Sie zwar nicht?!
-
- SOPHIE.
-
- O nein!
-
- TSCHATZKI.
-
- Und freilich mag es nicht ganz passend sein,
- Doch -- einerlei -- ich mu Sie drum befragen:
- Wen lieben Sie? -- Ich bitt' es mir zu sagen!
-
- SOPHIE.
-
- Ach Gott! die ganze Welt!
-
- TSCHATZKI.
-
- Doch wer am besten Ihnen drin gefllt
- Das sagen Sie.
-
- SOPHIE.
-
- Gar viele, -- die mit mir verwandt -- --
-
- TSCHATZKI.
-
- Und Alle mehr als ich?
-
- SOPHIE.
-
- Ja -- einige! -- --
-
- TSCHATZKI.
-
- Entschieden also ist's! Was ist dabei zu machen --
- Mich bringt's zum Rasen -- Sie zum Lachen!
-
- SOPHIE.
-
- Versteh'n Sie Wahrheit zu ertragen? --
- Ich mchte Ihnen nur zwei Worte sagen:
- Warum ist Ihre Lust so gro
- Giebt sich ein andrer etwas blo?
- Ist etwas lcherlich -- Sie werden's gleich gewahr,
- Und selbst --
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich selbst bin lcherlich? Nicht wahr?
-
- SOPHIE.
-
- Ja -- dieser bse Blick -- der scharfe Ton,
- In jedem Worte bittrer Hohn, --
- Und -- Sie besitzen
- Unzhl'ge Eigenheiten noch,
- Und Strenge gegen sich -- die knnte Ihnen ntzen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich eigen? Gut! So sagen Sie mir doch
- Wer keine Eigenheiten zeigt?
- Moltschlin wohl, der einem Dummkopf gleicht
- So wie ein Ei dem andern? -- Wie?
-
- SOPHIE.
-
- Die alten Beispiele! Ich kenne sie!
- Klar ist's, Sie sind gestimmt, auf Alle
- Zu gieen Ihre schwarze Galle.
- Ich -- str' Sie ungern drin.
-
- (Will fort.)
-
- TSCHATZKI (hlt sie auf).
-
- Sie wollen fort?
- O hren Sie nur noch ein einz'ges Wort!
-
- (Bei Seite.)
-
- Einmal will heucheln ich -- und mich bezwingen.
-
- (Laut.)
-
- Den Streit -- den lassen wir -- vor allen Dingen --
- Sie haben Recht! Es thut mir Leid,
- Und gegen ihn, Moltschlin, ging ich wohl zu weit.
- Es sind verflossen fast drei Jahr,
- Er ist vielleicht ein andrer, als er war.
- Auf Erden sieht man vieles sich verndern,
- Verfassungen und Sitten und Verstand,
- Das Clima selbst von ganzen Lndern!
- Gar wicht'ge Leute, wohlbekannt,
- Die wurden frher Dummkpfe genannt,
- Schlecht als Soldaten und Poeten;
- Noch andre -- nun, ich frcht' mich sie zu nennen
- Sie werden sie -- wie alle Welt -- ja kennen --
- Von diesen hat man nun erfahren,
- Da in den letzten Jahren
- Sie ganz gewaltig wurden klug.
- Mag sein, Moltschlin ist -- ein solches Kraftgenie,
- Doch frag' ich eins, versteht er Sie?
- Und brennt in ihm ein solches Feuer,
- Da ihm auf Erden nichts so theuer
- Und nichts so heilig ist, als Sie?
- Sein Herz -- wird es mit schnellern Schlgen
- Bei Ihrem Anblick sich bewegen?
- Sind Sie die Seele seines Strebens?
- Sind Sie der Endzweck seines Lebens?
- Und so fhl' ich -- doch kann ich's nicht beschreiben.
- Allein die stumpfe Wuth, die bittren Schmerzen
- In meinem wundzerriss'nen Herzen,
- Die wnsch' ich meinem Todfeind nicht! -- -- --
- Und er? -- Er schweigt
- Und neigt
- Das Kpfchen auf die Seite,
- Natrlich ist er zahm, denn solche Leute
- Die kennen edle Hitze nicht!
- Gott wei, was fr ein Schatz in ihm verborgen liegt!
- Gott wei, mit was fr Eigenschaft,
- Mit welcher hohen Geisteskraft
- Sie ihn geschmckt! -- Er dachte nicht daran.
- Sie haben alles das aus ihm gemacht
- Was Ihre Phantasie sich liebend ausgedacht;
- Er ist an gar nichts schuld -- Sie sind's allein.
- Nein, nein!
- Ich gebe zu, was man auf Erden
- Nur irgend kann.
- Mag er doch klug sein, stndlich klger werden;
- Doch ist er Ihrer werth?
- Das mu ich Sie nur fragen,
- Um den Verlust mit kaltem Blut zu tragen. --
- Hierber geben Sie mir Licht,
- Als einem Bruder, einem Freund,
- Der's immer ehrlich doch mit Ihnen hat gemeint.
- Der einst mit Ihnen auferzogen
- Und dem Sie doch als Kind gewogen;
- Sobald ich berzeugt von Ihrem knft'gen Glck,
- So zieh' ich mich sogleich zurck.
- Dann will ich mich bemh'n
- Dem Wahnsinn zu entflieh'n.
- Dann eil' ich in die Welt hinein
- Um zu vergessen, um mich zu zerstreun
- Und nie will ich mehr an die Liebe denken.
-
- SOPHIE (bei Seite).
-
- Da hab' ich einen toll gemacht
- Und ohne da ich dran gedacht.
-
- (Laut.)
-
- Was soll ich's lugnen?
- Es konnte sich was Schreckliches ereignen --
- Moltschlin konnt' um seinen Arm erst kommen,
- Und lebhaft hab' ich Antheil dran genommen;
- Doch Sie vergaen etwas zu bedenken:
- Kann man nicht jedem Antheil schenken
- Und ohne Ansehn der Person?
- Doch knnte schon
- In dem -- was Sie vermuthen -- Wahrheit sein,
- Und eifrig will ich seinem Schutz mich weih'n.
- Sie nehmen ihrer Zunge wenig wahr,
- Sie achten niemand -- offenbar!
- Und selbst der sanfteste -- kann's nicht vermeiden.
- Er mu von Ihrem Zorne leiden
- Und wird mit Spott von Ihnen berhuft:
- Wenn man ihn nennt -- wenn ihn Ihr Blick nur streift --
- So werden Sie gleich bitter
- Und hageln ein Gewitter
- Von Witz und Bosheit auf ihn los!
- Ist wirklich der Genu so gro?
- Nur Scherz und immer Scherz! Welch ein Vergngen!
- Kann solches Ihrem Geiste wohl gengen?
-
- TSCHATZKI.
-
- Mein Gott -- gehr' ich wirklich zu den Schwachen,
- Die nichts im Leben thun, als lachen?
- Ich lache -- ja --
- Wenn ich recht lcherliche Leute sah,
- Doch fter noch sind sie mir ennuyant.
-
- SOPHIE.
-
- Vergeblich weisen Sie den Vorwurf von der Hand,
- Und schieben andern zu, was Ihnen selbst gebhrt;
- Moltschlin hat Sie sicher niemals ennuyirt,
- Denn wer, wie ich, ihn oft und nher sah --
-
- TSCHATZKI (bitter).
-
- Wie traten Sie ihm denn so nah?
-
- SOPHIE.
-
- Ich sucht' ihn nicht, der Himmel hat's gewollt
- Und hier im Hause ist ihm jeder hold.
- Bei meinem Vater dient er nun drei Jahr,
- Oft schilt der ihn, denn es ist wahr --
- Das Alter macht so eigen,
- Doch stets entwaffnet er ihn durch sein Schweigen;
- Verzeiht ihm alles -- weil er seelengut; --
- Er knnte doch, wie mancher andre thut
- Auf Lustbarkeiten sich zerstreun
- Doch nein!
- Nie geht er aus.
- Beim Alten bleibt er stets zu Haus
- Und wenn wir andern lachen
- Und scherzen, Possen machen,
- Sitzt er beim Vater oft zu ganzen Tagen,
- Es mag ihm -- oder mag ihm nicht behagen,
- Und spielt mit ihm. --
-
- TSCHATZKI.
-
- Er spielt, und wenn man schilt
- So bleibt er ewig sanft und mild?
-
- (Bei Seite.)
-
- Nein, einen solchen Wicht
- Den liebt sie nicht!
-
- SOPHIE.
-
- Zwar jenen Geist wird man in ihm nicht finden knnen,
- Den einige Genie -- doch andre Pest benennen,
- Und den nach kurzem Glanz wir berdrssig werden,
- Der tadelt was geschieht -- im Himmel und auf Erden,
- Damit die Welt ihn nennt auf einen Augenblick;
- Doch grndet solch ein Geist Familienglck?
-
- TSCHATZKI.
-
- Soll das Moral -- soll das Satyre sein?
-
- (Bei Seite.)
-
- Sie liebt ihn nicht, nein, nein!
-
- SOPHIE.
-
- Man kann Bewunderung ihm nicht versagen:
- Wie nachgiebig, wie fein ist sein Betragen!
- Nie hat sich seine Stirn in Falten je gelegt,
- Selbst ruhig, lt er andre auch in Ruh'
- Und schlgt nicht gleich die Kreuz und Quere zu.
- Und grade das, da er so viel ertrgt,
- Das macht es, da ich ihm gewogen.
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Sie scherzt -- sie liebt ihn nicht -- sie hat mich nur betrogen!
-
- (Laut.)
-
- Ich kenn' Moltschlin; sparen Sie
- Sein Bild zu malen sich die Mh' -- --
- Doch Scalosb -- das ist ein Mann
- Bei dessen Anblick schon man sich vergessen kann.
- Fr unser Heer
- Steht wie ein Felsen er,
- Und ist durch seines Basses Allgewalt
- Durch seine Taille und Gestalt
- Ein Held --
-
- SOPHIE (schnell).
-
- Nicht im Romane meines Lebens.
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie zu errathen ist vergebens.
-
-
- Zweite Scene.
-
- Die VORIGEN. LISETTE.
-
- LISETTE (leise zu Sophie).
-
- Mein Frulein, kommen Sie herein,
- Moltschlin wird sogleich bei Ihnen sein.
-
- SOPHIE (leise zu Tschatzki).
-
- Verzeihen Sie, wenn ich von Ihnen eile.
-
- TSCHATZKI.
-
- Wohin denn?
-
- SOPHIE.
-
- Zum Friseur.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, das hat gute Weile!
-
- SOPHIE.
-
- Die Lockeneisen wrden kalt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, immerhin!
-
- SOPHIE.
-
- Die Gste kommen bald.
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun Gott verzeih's! Sie lassen mich zurck
- Mit einem Rthsel! -- Doch auf einen Augenblick
- Erlauben Sie, da ich in Ihr Zimmer gehe,
- Damit ich jene Rume wiedersehe --
- Wo alles mir so lieb! -- Erwrmen mcht' ich mich,
- Aufathmen mchte ich
- Nur einmal wieder,
- Der Zeit gedenkend, die dahin!
- Ich bleib' nur zwei Minuten drin.
- Und dann -- bedenken Sie -- Mitglied bin ich vom Clubb --
- Zum Dank will ich, zu aller Welt Erstaunen
- Tagtglich ausposaunen,
- Da klug Moltschlin ist, und geistreich Scalosb.
-
- (Sophie zuckt mit den Achseln, geht ab und schliet die Thr hinter
- sich. Lisette ist ihr gefolgt.)
-
-
- Dritte Scene.
-
- TSCHATZKI, bald darauf MOLTSCHLIN.
-
- TSCHATZKI.
-
- Sophie! Ist wirklich dir bestimmt ein solcher Tropf? -- -- --
- Und warum nicht? -- Er hat nicht viel im Kopf,
- Allein zur Vaterschaft
- Wem fehlt es da an Geisteskraft!
- Gefllig ist er -- artig -- und hat rothe Wangen.
-
- (Moltschlin schleicht herein und nhert sich zuerst Sophiens Thr,
- als er aber Tschatzki bemerkt bleibt er stehn und macht sich was zu
- schaffen.)
-
- Da ist er -- auf den Zeh'n! Und stumm, -- wie hat er's angefangen
- Sich in Sophiens Herz zu stehlen?
- Wie war es mglich den zu whlen?
-
- (Zu Moltschlin.)
-
- Sieh' da! Herr Sekretair! Wie geht's denn Ihnen?
- Wir konnten uns noch nicht zwei Worte sagen.
- Es geht doch gut? -- Ich brauch' Sie kaum zu fragen.
-
- MOLTSCHLIN (nher tretend).
-
- Ganz nach dem Alten stets -- zu dienen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Das heit?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Nun heut' wie gestern -- Tag fr Tag.
-
- TSCHATZKI.
-
- Und immer pnktlich mit dem Schlag?
- Am Tag die Feder, Abends die Parthie,
- Gleich Fluth und Ebbe? -- Wie?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Ich bin hier beim Archiv drei Jahr im Dienst
- Und fr etwaiges Verdienst,
- Und meinen Eifer zu belohnen
- Erhielt ich dreimal Gratificationen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie lockt der Glanz der Ehrenstellen?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Nein!
- Allein --
- Da jeder Mensch so sein Talentchen hat --
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie haben -- --?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Zwei!
- Ich bin bescheiden und bin accurat.
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun, meiner Treu!
- Das sind Talente wunderbar! -- --
- Doch -- es ist wahr --
- Sie wiegen all' die unsern auf.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Sie hatten nicht viel Glck in Ihres Dienstes Lauf?
-
- TSCHATZKI.
-
- Nicht jeder dienet sich herauf.
- Durch Menschen wird der Rang erreicht,
- Und Menschen tuschen sich so leicht.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Wir wunderten uns sehr! Wie konnte das geschehn?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich kann hierin nichts wunderbares sehn!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Bedauert wurden Sie.
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie konnten sparen diese Mh'.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Tatjna Jrjewna, die Excellenz
- Erzhlt' bei ihrer Rckkehr aus der Residenz,
- Sie wren gut von wicht'gen Mnnern aufgenommen,
- Doch pltzlich sei dazwischen was gekommen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Geschwtz von Frauenzimmern!
- Was hat sich doch die Alte drum zu kmmern?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Tatjna Jrjewna, die Excellenz?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich kenn' sie nicht!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Tatjna Jrjewna?! Die Excellenz?
-
- TSCHATZKI.
-
- Da wir uns nicht gesehn, ist ewig
- lange her.
- Doch hrte ich, da abgeschmackt sie wr'.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Die Excellenz? Um's Himmelswillen -- nein --
- Das mu wohl eine andre sein.
- Die Excellenz ist ja befreundet und verwandt
- Mit allen, die in Moskau dienen,
- Ich rathe Ihnen
- Ihr einmal die Visite doch zu machen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich dchte gar! Es wr' zum Lachen!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Wir finden Gnner oft
- Wo wir es kaum gehofft.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich schtze, glauben Sie's, die Damen nicht geringe,
- Und mache gern den Hof -- allein um andre Dinge.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Wie ist sie gut und wie gefllig,
- Wie ist ihr Haus gesellig!
- Den ganzen Winter giebt sie Blle
- Man kann nichts prachtvolleres sehn.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich werde ber ihre Schwelle
- Gewi nicht gehn!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Im Sommer giebt sie Gartenfeste.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich bin nicht von der Zahl der Gste.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Bedenken Sie, -- es kann doch dazu fhren
- Hier froh zu leben und zu avanciren!
-
- TSCHATZKI.
-
- Mein Herr, bin ich im Dienst, so bin ich ganz dabei,
- Und trenne streng davon jedwede Narrethei.
- Zwar giebt's gescheute Leute -- hier zumal --
- Die beides zu vereinigen verstehn,
- Doch wie Sie sehn, --
- Gehr' ich nicht zu ihrer Zahl.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Verzeihen Sie -- ich seh' darin noch kein Verbrechen;
- Sie werden, denk' ich, einst gewi noch anders sprechen.
- Phom Phomtsch, zum Beispiel, den Sie kennen --
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun was?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Bei drei Ministern dient' er schon
- Und stets als Chef bei einer Section, --
- Und jetzt -- --
- Ist er aus Petersburg hierher versetzt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun das ist mir ein Mann von Kopf!
- Ein Mensch, ganz ohne Geist -- ein leerer Tropf!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Erlauben Sie, von aller Welt
- Wird hier sein Styl als Muster aufgestellt.
- Sie haben ganz gewi noch nichts von ihm gelesen?
-
- TSCHATZKI.
-
- So nrrisch bin ich nie gewesen;
- Nie las ich dummes Zeug und Musterdummheit gar!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Was ich so las schien mir vorzglich -- zwar
- Schriftsteller bin ich nicht --
-
- TSCHATZKI.
-
- Ja, das ist klar,
- An allem merkt man es.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Nie wrd' ich mich erfrechen
- Ein eignes Urtheil auszusprechen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Warum denn so geheim?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Gott mg' in meinen Jahren
- Vor eigner Meinung mich bewahren!
-
- TSCHATZKI.
-
- Mein Gott, Sie sprechen ja, als wren Sie noch Kind!
- Als ob nur Meinungen von andern heilig sind!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Abhngig mu man doch einmal von andern sein.
-
- TSCHATZKI.
-
- Und wehalb mu man's sein?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Ei nun -- mein Rang ist klein.
-
- TSCHATZKI (halb laut).
-
- Mit solcher Denkungsart, mit solchem Geist ihn lieben,
- Sie hat mich nur getuscht und ihren Scherz getrieben!
-
-
- Vierte Scene.
-
- Im Grunde ffnen sich mehrere Thren auf einen zweiten Saal, alles
- ist erleuchtet, Diener treten auf. Moltschlin geht ab. Tschatzki
- bleibt im Vordergrunde.
-
- EIN LTERER DIENER.
-
- He Philipp, Thomas, rhrt euch, frisch!
- Hierher noch einen Kartentisch,
- Bringt Lichte, Brsten her und Kreide!
-
- (Er klopft an Sophiens Thr.)
-
- Mamsell _Lisette_, hren Sie, Sie knnen nur dem Frulein sagen:
- _Natalie Dmtrewna_ ist hier
- Mit ihrem Mann, und vor der Thr
- Hlt schon ein zweiter Wagen.
-
- (Ab.)
-
-
- Fnfte Scene.
-
- TSCHATZKI. NATALIE DMTREWNA. GORITSCHEFF.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Wie, seh' ich recht -- ja -- es sind seine Zge!
- Herr _Tschatzki_, wenn ich mich nicht trge?
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie seh'n mich zweifelnd an, vom Kopf bis zu den Fen.
- Es wr' doch wunderbar,
- Da mich verndert so drei Jahr!
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Ich dacht' mir alles andre ehr
- Als Sie in Moskau zu begren.
- Nun woher?
- Wann sind Sie angelangt?
-
- TSCHATZKI.
-
- So eben.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Das ist schn!
- Und auf wie lang?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich werde sehn!
- Doch Sie? Ich kann nicht zu mir vor Erstaunen kommen.
- Sie haben unbegreiflich zugenommen.
- Was haben Sie nur angefangen?
- Welch Gliederspiel und welche rothe Wangen!
- Verjngt, voll Geist, im Blicke welche Laune?
- Was ist geschehen? Ich erstaune!
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Ich habe mich vermhlt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Das muten lngst Sie sagen!
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Mein Mann, ein einz'ger Mann -- ich darf mich nicht beklagen --
- Gleich ist er hier. -- Nicht wahr -- ich mache Sie bekannt?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich bitt' Sie drum!
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Gewi, Sie finden ihn charmant.
- Ein Blick gengt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich glaub's! Es ist Ihr _Mann_.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- O dehalb nicht allein,
- Man kann nicht liebenswrd'ger sein.
- Durch eignen Werth, durch Geist und durch Verstand
- Ist mein Platon als ganz vorzglich anerkannt.
- Er ist jetzt Civilist, war frher Militair,
- Er dient nicht mehr, und alle Welt bedauert dieses sehr.
- Denn dient' er weiter -- sehen Sie --
- Bei solcher Tapferkeit und dem Genie
- So meinen alle -- die ihn frher kannten --
- Er htt's in Moskau hier gebracht
- Ganz sicher bis zum Commandanten.
-
-
- Sechste Scene.
-
- DIE VORIGEN. PLATON GORITSCHEFF.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Da ist er, mein _Platon Michailowitsch_!
-
- TSCHATZKI.
-
- Was, der?
- Mein alter Freund! Nun sieh', welch Ungefhr!
-
- PLATON.
-
- Ah! -- -- --
- Willkommen Bruder, bist _Du_ wieder da!
-
- TSCHATZKI.
-
- _Platon_ mein Freund -- es macht Dir Ehre,
- Du fhrst Dich ja vorzglich, wie ich hre!
-
- PLATON.
-
- Ja -- sieh -- was alles noch aus einem werden kann.
- In Moskau leb' ich jetzt und bin ein Ehemann.
-
- TSCHATZKI.
-
- Und jene Zeit, wo Du im Felde standst
- Und hchste Lust im Lrm des Lagers fandst --
- Der Trommel und Trompete Ton --
- Vergessen also alles schon?
- Ich glaub' Du liegst jetzt auf der faulen Bank,
- Und trankst in vollen Zgen Lethe?
-
- PLATON.
-
- O nein, ich be jetzt auf meiner Flte
- Ein groes Duo in _A-moll_.
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun, das ist toll,
- Das btest Du bereits in deiner Jugend!
- Inde bei einem Ehemann
- Ist's gut -- wenn man doch rhmen kann
- Bestndigkeit als seine erste Tugend.
-
- PLATON.
-
- Freund -- denke an mein Wort:
- Wird Dir einst eine Frau zu Theile,
- Du pfeifst gewi vor Langerweile
- Ein und dasselbe immerfort.
-
- TSCHATZKI.
-
- Wie Langeweile -- ei, das ist nicht gut!
- Zahlst Du ihr wirklich schon Tribut?
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Mein Mann war frher an Beschftigung gewhnt,
- Das fllt jetzt weg. -- Revue'n und die Parade,
- Und dann die Reitbahn fehlt ihm Morgens nachgerade.
-
- TSCHATZKI.
-
- Was hlt Dich ab, mein Freund? Zum Regiment mit Dir,
- Such eine Eskadron -- Du bist wohl Stabsoff'zier?
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Ach nein, zu krnklich ist mein armer Mann!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ist's mglich, wie, Du krnklich und seit wann?
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Er leidet an rheumatischen Beschwerden
- Und auch am Kopf.
-
- TSCHATZKI.
-
- Hier wird's nicht besser werden.
- Beweg' Dich, reite mehr, zieh' in den Sden hin.
- Die Landluft ist allein schon ein Gewinn.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Mein Mann liebt Moskau gar zu sehr!
- Er mu genieen doch sein Leben --
- Was soll er in die Wildni sich begeben!
-
- TSCHATZKI.
-
- Du liebst die Stadt? Wer htte das gedacht!
- Entsinne Dich, wie oft hast Du sie nicht verlacht.
-
- PLATON.
-
- Ach Freund, die alten Zeiten sind nicht mehr.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Mein Mnnchen, komm recht fort!
- Hier ist's so frisch -- hr' doch ein Wort --
- Dein Rock ist aufgeknpft und auch die Weste --
-
- PLATON.
-
- Ich bin nicht was ich war!
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Komm, knpf' sie feste!
- Hr' doch, mein Engelchen --
-
- PLATON (ruhig).
-
- Ja, ja!
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Komm von der Thre doch hierher,
- Hier zieht der Wind.
-
- PLATON.
-
- Ja Bruder, ich bin nicht der alte mehr.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- So hre doch ein Wort,
- Um's Himmelswillen komm von der Thre fort!
-
- PLATON.
-
- Ach liebes Kind!
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun das geht weit!
- Verwandelt in so kurzer Zeit?
- Bei'm Regiment im vor'gen Jahr
- Warst Du ja noch der wackerste Husar!
- Bei Tagesanbruch schon zu Pferde
- Verspottetest Du jegliche Beschwerde. --
- Wie oft -- mit ungestmer Lust
- Sah man auf wildem Hengst, mit offner Brust
- Dem Herbst-Sturm Dich entgegenreiten!
-
- PLATON.
-
- Ach Camerad', das waren schne Zeiten!
-
-
- Siebente Scene.
-
- DIE VORIGEN. FRST TUGOCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und SECHS
- TCHTERN.
-
- NATALIE DMTREWNA (aufkreischend).
-
- Frst Peter Illjitsch, ah' die liebe Frstin!
- Und _ah mon Dieu_ -- Sisi, Mimi, die Lieben!
-
- (Geruschvolle Begrung, auch Tschatzki verbeugt sich. Die Damen
- setzen sich links in einen Halbkreis und betrachten einander von
- oben bis unten.)
-
- ERSTE FRSTIN (zu Natalie).
-
- Wie allerliebst ist die Faon von Ihrem Kleide!
-
- ZWEITE FRSTIN.
-
- Mit Garnitur besetzt --
-
- ERSTE FRSTIN.
-
- Und welche schne Seide!
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Mein Atlastrluru -- das sollten Sie erst seh'n!
-
- DRITTE FRSTIN.
-
- Es hat mir eine Schrpe der Cousin gebracht,
- Nein, -- die ist wunderschn!
-
- VIERTE FRSTIN.
-
- Ach ja, -- und von _barge_, eine Pracht!
-
- FNFTE FRSTIN.
-
- Ganz kstlich ist sie.
-
- SECHSTE FRSTIN.
-
- Herrlich, ja!
-
- DIE ALTE FRSTIN (zu Natalie).
-
- Wer ist der junge Mann im Winkel da,
- Er grte uns, als wir in's Zimmer traten?
- Ich hab' schon hin und her gerathen.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Ein Angereister -- Tschatzki.
-
- DIE ALTE FRSTIN.
-
- Ah!
- Hat er den Dienst verlassen?
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Ja,
- Vom Ausland kehrt er eben erst zurck.
-
- DIE ALTE FRSTIN.
-
- Ist ledig er?
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Ja, noch _garon_.
-
- DIE ALTE FRSTIN (zum Mann).
-
- Erlaucht, Erlaucht, -- auf einen Augenblick!
- Geschwinder.
-
- DER FRST (nhert sich mit seinem Hrrohr).
-
- O! -- hm? --
-
- DIE ALTE FRSTIN.
-
- Den jungen Herrn dort
- Natalie Dmtrewna's Bekannten -- den da --
- Lad' ein zu unserm Ball, am Dienstag -- mach' nur fort!
-
- DER FRST.
-
- I--hm!
-
- (Er schleicht um Tschatzki herum und hustet.)
-
- DIE ALTE FRSTIN.
-
- So geht es, wenn man Kinder hat!
- Ein Ball ist einmal ihr Vergngen;
- Man qult sich md', man qult sich matt,
- Und wei oft Tnzer nicht zu kriegen! --
- Er ist doch Kammerjunker?
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Nein.
-
- DIE ALTE FRSTIN.
-
- Doch reich?
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- O, nein!
-
- DIE ALTE FRSTIN (so laut als mglich).
-
- Erlaucht, Erlaucht, zurck, zurck sogleich!
-
-
- Achte Scene.
-
- DIE VORIGEN. Die GRFIN CHRUMIN und ihre GROSSTOCHTER.
-
- DIE JUNGE GRFIN.
-
- Ah! _grand-maman!_ Wer kommt denn auch so frh!
- Wir sind die ersten hier!
-
- (Beide entfernen sich in einen andern Saal.)
-
- DIE ALTE FRSTIN (zu Natalie).
-
- Nun hren Sie!
- Sehr artig das! Die ersten hier!
- Uns zhlt sie nicht; ei welch ein Vornehmthun!
- Ein boshaftes Geschpf; und alte Jungfer nun
- Schon eine Ewigkeit! Nun Gott verzeihe ihr!
-
- DIE JUNGE GRFIN
-
- (kommt zurck und nhert sich lorgnettirend Tschatzki).
-
- Ah! Monsieur Tschatzki hier? Wer htte das gedacht!
- Und noch der alte stets?
-
- TSCHATZKI.
-
- Warum sollt' ich mich ndern?
-
- DIE JUNGE GRFIN.
-
- Sie sind ja doch gereist in vielen fremden Lndern
- Und haben keine Frau vom Ausland mitgebracht!
-
- TSCHATZKI.
-
- Vom Ausland?
-
- DIE JUNGE GRFIN.
-
- Ja! Bei diesen fremden Damen,
- Da fragt man nicht nach Herkunft, Stand und Namen,
- Und unsre jungen Herrn, wenn sie nach Hause kehren,
- Die pflegen uns gewhnlich zu bescheren
- Mit Schwgerinnen und Cousinen
- Aus Modemagazinen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Die Unglcksel'gen -- ja! -- Von Damen,
- Die sich Modistinnen zum Muster nahmen,
- Da werden sie nun ausgeschmhlt,
- Da sie, statt der Copien --
- Originale sich gewhlt!
-
-
- Neunte Scene.
-
- DIE VORIGEN. MEHRERE NEUE GSTE, darunter SAGORTZKI. Die Herren
- scharren, gren und gehen weiter oder auf und ab. SOPHIE kommt
- aus ihrem Zimmer, Alle ihr entgegen.
-
- DIE JUNGE GRFIN (zu ihr).
-
- _Eh bonsoir, vous voil! Jamais trop diligente,_
- _Vous nous donnez toujours le plaisir de l'attente._
-
- SAGORTZKI (zu Sophien).
-
- Zu morgen -- haben Sie
- Schon ein Billet zur Komdie?
-
- SOPHIE.
-
- Ach nein!
-
- SAGORTZKI.
-
- Hier ist eins -- wenn Sie mir erlauben!
- Allein Sie knnen es mir glauben
- Vergeblich htte Ihnen
- Ein anderer versucht darin zu dienen;
- Wie bin ich aber deshalb auch gelaufen!
- Erst wollt' ich's an der Kasse kaufen --
- Doch -- auf mein Ehrenwort --
- Es war schon alles fort.
- Nun fuhr ich zum Direktor hin,
- Da ich sein guter Freund ja bin --
- Umsonst! -- Was glauben Sie!
- Am Abend schon vorher konnt' niemand mehr was kriegen!
- Zu dem -- zu jenem ging es nun in Einem Lauf --
- Ich hetzte Alle auf!
- Um dieses endlich mut' ich einen Freund betrgen,
- Ich nahm es gradzu mit Gewalt.
- Es ist ein Stubenhocker, schwach und alt,
- Was konnt's ihm ntzen
- Er mag zu Hause ruhig sitzen.
-
- SOPHIE.
-
- Ich danke Ihnen fr's Billet recht sehr,
- Fr Ihre Mhe aber noch viel mehr.
-
- (Es kommen NEUE GSTE. SAGORTZKI geht zu den Herren rechts.)
-
- SAGORTZKI (zu Platon).
-
- Ah, guten Abend!
-
- PLATON.
-
- Scher' Dich fort!
- Geh pack' Dich dort
- Zu deinen Damen,
- Um deine Lgen auszukramen!
- Wenn ich Dich schildre wie Du bist,
- So kann von Dir ich manche Wahrheit sagen,
- Die schlimmer wohl als jede Lge ist. --
-
- (Zu Tschatzki.)
-
- Hier prsentir' ich Dir den Herrn
- Antn Antnitsch Sagortzki. --
- Ich wte gern,
- Wie man, doch ohne grob zu sein,
- Dergleichen Leute fein
- Und dennoch wahr bezeichnen knnte!
- Er ist ein Weltmann und gewandt --
- Als Schelm von allen anerkannt --!
- Nimm Dich in Acht vor ihm, denn was Du sagst
- Das hrt er mit besondern Ohren;
- Und wenn Du gar zu spielen mit ihm wagst,
- So bist Du ganz und gar verloren.
-
- SAGORTZKI.
-
- Origineller Murrkopf Du!
- Nun -- schimpf' nur zu,
- Kein Trpfchen Galle ist in Deinen Scherzen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Drum nehmen Sie sich's nicht zu Herzen!
- Auch auer Ehrlichsein giebt es der Freuden viel,
- Hier schimpft man, dort erreichet man das Ziel.
-
- PLATON.
-
- Ach Bester, nein
- Man schimpft bei uns
- Und -- ladet dennoch ein.
-
- (Sagortzki verliert sich im Hintergrunde.)
-
-
- Zehnte Scene.
-
- DIE VORIGEN. MADAME CHLESTOW.
-
- MADAME CHLESTOW (zu Sophien).
-
- Na! Leicht ist's nicht mit fnf und sechzig Jahren
- So weit zu Deinem Ball zu fahren.
- Ich brauchte eine ganze Stunde von Pokrow.
-
- (Setzt sich links in den Vorgrund neben Sophie.)
-
- Ich kann nicht mehr! -- Ach Nichtchen, welche Plage --
- Und dunkel ist's wie einst am jngsten Tage.
- Aus Langerweile nahm ich mit
- Mein Mohrenmdchen und den Spitz -- ich bitt'
- Befiehl, man soll sie heut' beim Abendessen
- Zu fttern nicht vergessen. --
- Gott gr' Sie, Frstin! -- Ja, Sophie, ich sage Dir
- Die Mohrin ist ein Wunderthier.
- Ein Krauskopf -- krumm das Schulterblatt und Tatze --
- Voll Zorn und Bosheit -- ganz Manieren einer Katze.
- Und ach wie schwarz und ach wie hlich --
- Was hat doch alles Gott der Herr erschaffen!
- Ich sag' Dir grlich!
- Frappant der Satanas! -- Willst Du sie sehn?
-
- SOPHIE.
-
- Es kann ein andermal geschehn.
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Und stell' Dir vor, wie wilde Thiere
- So fhrt man sie herum, um sie zu zeigen.
- Man hat mir das erzhlt, da ist so eine Stadt
- In der Trkei, der Name klingt so eigen --
- Und rath' wer mir sie zum Prsent gemacht? -- --
- Der Sagortzki hat sie mir gebracht.
-
- (Sagortzki horcht auf und kommt nher.)
-
- Er lgt ein bischen, spielt auch falsch und ist ein Dieb --
-
- (Sagortzki geht eilig fort.)
-
- Allein er thut doch einem viel zu lieb.
- Ich hatte mir schon ausgebeten
- Er sollt' nicht ber meine Schwelle treten,
- Da bringt vom Jahrmarkt er die Mohrin mir --
- Er sagte zwar, da er gekauft sie htte,
- Ich glaub' es aber nicht, -- ich wette
- Er hat gewonnen sie
- Im Kartenspiele irgendwie!
- Gott schenk' Gesundheit ihm dafr.
-
- TSCHATZKI (zu Platon lachend).
-
- Von solchem Lob pflegt man nicht zu gesunden!
- Selbst Sagortzki hielt's nicht aus und ist verschwunden.
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Wer ist der lust'ge Mann, der dort so laut gelacht?
- We Stand's?
-
- SOPHIE.
-
- Der Tschatzki ist's --
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Das hab' ich gleich gedacht!
- Was kann der Narr denn da zu lachen finden?
- Es ist gewi die grte aller Snden
- Sich ber alte Leute lustig machen
- Und graue Haare auszulachen.
- Ich wei, mit ihm hast Du als Kind getanzt, --
- Ich hab' ihn oft curanzt
- Ich zupft' ihn an den Ohren tchtig,
- Allein noch viel zu wenig, das ist richtig!
-
-
- Elfte Scene.
-
- DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.
-
- FAMUSSOFF (sehr laut).
-
- Sieh' da, Erlaucht -- und Sie sind hier?
- Und im Portraitsaal warten wir!
- Ist denn der Oberst Scalosb nicht hier,
- Serge Sergitsch? Wie? In aller Welt
- Es ist ja doch ein Mann, der in die Augen fllt,
- Der Oberst Scalosb!
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Gott helfe mir!
- Er hat mich ganz betubt und schreit ja Zeter,
- Und lrmt ja rger noch als ein Trompeter!
-
-
- Zwlfte Scene.
-
- DIE VORIGEN. SCALOSB. Spter MOLTSCHLIN.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ah, ah, ah, ah! Herr Oberster, zu spt! -- Nach zehn!?
- Wir warteten und warteten! -- Nun das ist schn!
- Erlauben Sie -- hier meine Schwgerin --
- Die Sie dem Rufe nach schon lange kennt.
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Sie dienten -- glaub' ich -- hier -- beim Regiment --
- Wie heit es gleich? Da bei den Grenadiren?
-
- SCALOSB.
-
- Sie meinen Seiner Hoheit Regiment
- Von Neuland -- bei den Musketiren.
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Ich hab' es nicht zur Meisterschaft gebracht
- Um all' die Unterschiede zu begreifen.
-
- SCALOSB.
-
- Dazu sind formgeme Streifen;
- Die Litzen, Latzen und Lampassen
- An den Monturen mu
- Man ganz zuerst ins Auge fassen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Serge Sergitsch, kommen Sie!
- Wir wollen gleich ein Whistchen machen;
- Ich sage Ihnen, die Parthie
- Ist wirklich um sich todt zu lachen.
-
- (Zum Frsten.)
-
- Erlaucht, ich bitte, folgen Sie!
-
- MADAME CHLESTOW (zu Sophie).
-
- Nun, Gott sei Dank -- fast wre ich erstickt!
- Dein Vater ist ja rein verrckt,
- Und scheint bezaubert von dem Goliath zu sein.
- So, mir nichts, Dir nichts, macht er uns bekannt,
- Und fragt nicht ob's mir lieb, ob es mir ennuyant.
-
- MOLTSCHLIN (mit einer Karte).
-
- Madame, ich bracht' fr Sie
- Zusammen Ihre Whistparthie.
- _Phom Phomtsch_ und Monsieur _Kock_ und -- ich.
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Ach, tausend Dank, mein Lieber!
-
- (Steht auf und nimmt Moltschlin's Arm.)
-
- MOLTSCHALIN.
-
- Ihr Spitz ist doch ein einz'ger Spitz!
- Er ist ja wie ein Fingerhtchen klein
- Ich streichelt' ihn, sein Fellchen ist so fein
- Wie das von einem Biber. --
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Ach, tausend Dank, mein Lieber.
-
- (Sie gehen ab, mehrere Gste folgen ihnen.)
-
-
- Dreizehnte Scene.
-
- TSCHATZKI. SOPHIE. -- Im Hintergrunde EINIGE GSTE.
-
- TSCHATZKI.
-
- Bravissimo! Die Wolke ist zerstoben!
-
- SOPHIE.
-
- Ich bitte --
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, was frchten Sie?
- Den Zorn der Alten hat er ja gewendet,
- Ich wollte ihn gerad' drum loben!
-
- SOPHIE.
-
- Mit einer Bosheit htt' es doch geendet.
-
- TSCHATZKI.
-
- Soll ich jetzt sagen, was ich dachte?
- Die alten Weiber sind verdrielich,
- Und darum ist's ersprielich
- Wenn man recht einen dienstbefliss'nen Mann
- An ihre Seite stellen kann.
- Moltschlin der erschien ja pltzlich
- Dem Blitzableiter gleich. Es war ergtzlich!
- Wer snftigte wie er, so friedlich Zank und Streit?
- Wer streichelt', so wie er, den Mops zu rechter Zeit?
- Wer prsentirt' mit Scharfsinn und Geschick
- Das Krtchen in dem rechten Augenblick?
- Nein, auf mein Wort,
- In ihm lebt Sagortzki einstmals fort. --
- Sie haben
- Mir alle seine Gaben
- Erst hergezhlt;
- Doch glaub' ich, da noch vieles fehlt.
-
- (Ab.)
-
-
- Vierzehnte Scene.
-
- SOPHIE allein, dann HERR N. N.
-
- SOPHIE.
-
- Ach dieser Mensch, wie er mich stets verstimmt,
- Wie beiend ist er, wie ergrimmt,
- Wie voller Neid
- Und Bosheit und Hochmthigkeit!
-
- N. N.
-
- So in Gedanken! Wie?
-
- SOPHIE.
-
- Ich dacht' an Tschatzki.
-
- N. N.
-
- Wie finden Sie ihn denn nach seiner Reise?
-
- SOPHIE.
-
- Ich finde ihn verrckt!
-
- N. N.
-
- Verrckt, wahrhaftig? Ist es mglich?
-
- SOPHIE (nach einer kleinen Pause).
-
- Nun toll -- das grade nicht!
-
- N. N.
-
- Doch merkt man etwas, wenn er spricht?
-
- SOPHIE.
-
- Mir scheint es so.
-
- (Sieht nach der Thr wo Tschatzki abging.)
-
- N. N.
-
- In seinen jungen Jahren
- Wie konnt' ihm solch' ein Unglck widerfahren?
-
- SOPHIE.
-
- Ja, es ist schlimm! -- (bei Seite) Er glaubt daran!
- Ah Tschatzki --! And're stets zu necken
- Das lieben wir! -- Nun mag er's selber schmecken!
-
- (Ab.)
-
-
- Fnfzehnte Scene.
-
- HERR N. N. HERR D.
-
- N. N.
-
- Verrckt -- so scheint es ihr!
- Sehr mglich dnkt die Sache mir,
- Wie wr' sie sonst auch drauf gekommen!
-
- (Zu D.)
-
- Ah, hast Du schon vernommen?
-
- HERR D.
-
- Und was?
-
- N. N.
-
- Von Tschatzki.
-
- HERR D.
-
- Nein, kein Wort!
-
- N. N.
-
- Er ist verrckt.
-
- Herr D.
-
- So geh' doch fort!
-
- N. N.
-
- Ich sag' es nicht, ich hab' es nur gehrt.
-
- HERR D.
-
- Und bist nur froh, es weiter gleich zu tragen.
-
- N. N.
-
- Es wre doch der Mhe werth
- Auch noch bei andern nachzufragen.
-
- (Ab.)
-
-
- Sechzehnte Scene.
-
- HERR D. allein, dann SAGORTZKI.
-
- HERR D.
-
- Ja, glaubt den Schwtzern nur!
- Da hren sie das dmmste Zeug
- Und wiederholen es sogleich.
-
- (Zu Sagortzki.)
-
- Hast Du von Tschatzki was gehrt?
-
- SAGORTZKI.
-
- Was denn?
-
- HERR D.
-
- Da er gestrt?
-
- SAGORTZKI.
-
- Ich wei, ich wei, wie sollt' ich das nicht wissen!
- Wie oft schon hab' ich's hren mssen!
- Es ging ja ganz besonders dabei her:
- Dem pfiffigen Oheim ward's nicht schwer
- Im Narrenhause ihn zu betten;
- Sie banden ihn und nun sitzt er in Ketten.
-
- HERR D.
-
- Erbarme Dich, er war ja eben hier,
- Vor einem Augenblick sah ich ihn neben Dir.
-
- SAGORTZKI.
-
- Dann ist's gewi
- Da er sich los von seiner Kette ri.
-
- HERR D.
-
- Nun, liebster Freund -- mit Dir
- Ist weiter keine Zeitung nthig;
- Doch will ich gleich und ohne Sumni
- Die andern dort befragen.
- Doch darfst Du es beileibe niemand sagen --
- Noch ist es ein Geheimni.
-
- (Ab.)
-
-
- Siebzehnte Scene.
-
- SAGORTZKI, dann NATALIE DMTREWNA.
-
- SAGORTZKI.
-
- Was kann das fr ein Tschatzki sein?
- Verbreitet ist der Name --
- Mit einem Tschatzki war ich einst bekannt --
-
- (Zu Natalie Dmtrewna.)
-
- Sie wissen's doch Madame?
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Was denn?
-
- SAGORTZKI.
-
- Von Tschatzki, nun, er stand noch eben hier.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Ich wei -- er sprach mit mir.
-
- SAGORTZKI.
-
- So gratulir' ich Ihnen -- er ist toll!
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Was?
-
- SAGORTZKI.
-
- Ja; man sagt mir er verlor
- So eben den Verstand.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Nun stellen Sie sich vor!
- Ich merkt' es auch schon und was gilt die Wette,
- Da gleich das nmliche gesagt ich htte.
-
-
- Achtzehnte Scene.
-
- DIE VORIGEN. DIE ALTE GRFIN.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Nein das ist wunderbar, das ist was neues!
- Gestrt?
- Frau Grfin haben Sie gehrt
- Von dem _malheur_, das hier gescheh'n --
- Das ist doch einzig -- das ist schn!
-
- DIE ALTE GRFIN.
-
- Mein Schatz, es liegt mir in den Ohren heut',
- Du mut mir's etwas lauter sagen.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Ich hab' dazu durchaus nicht Zeit,
- Ich mu die andern ja befragen.
- _Il vous dira toute l'histoire._
-
- (Ab.)
-
-
- Neunzehnte Scene.
-
- DIE ALTE GRFIN. SAGORTZKI.
-
- DIE ALTE GRFIN.
-
- Wie, -- was, es ist hier doch nicht Feuer ausgebrochen?
-
- SAGORTZKI.
-
- Nein -- Tschatzki hat den Sturm erregt.
-
- DIE ALTE GRFIN.
-
- Was? Tschatzki hat man in den Thurm gelegt?
-
- SAGORTZKI.
-
- In der Trkei ist er verwundet worden
- Beim Aug' und wurde davon toll.
-
- DIE ALTE GRFIN.
-
- Freimaurerorden?
- Was, oder ist er Trk' geworden?
-
- SAGORTZKI.
-
- Der bringt man es nicht bei!
-
- (Ab.)
-
- DIE ALTE GRFIN.
-
- Antn Antnowitsch! Auch er luft fort!
- Erschreckt und auer sich scheint alles dort
- Zu sein --
-
-
- Zwanzigste Scene.
-
- DIE ALTE GRFIN. DER FRST.
-
- DIE ALTE GRFIN.
-
- Erlaucht, Erlaucht! Ach Gott --! der alte Mann
- Auf Bllen, wenn man kaum noch kriechen kann!
- Na, haben Sie gehrt?
-
- DER FRST.
-
- A? hm? --
-
- DIE ALTE GRFIN.
-
- Er hrt auch gar nichts mehr!
- Vielleicht hat er's gesehn,
- Was hier gescheh'n --
- War nicht die Polizei im Haus?
-
- DER FRST.
-
- E? hm? --
-
- DIE ALTE GRFIN.
-
- Wer brachte Tschatzki hier hinaus?
-
- DER FRST.
-
- I! hm? --
-
- DIE ALTE GRFIN.
-
- Ja, Tschatzki wird Soldat --
- Ist das ein Spa? Er ist ein Renegat.
- Er wurde ja Mahomedaner!
- So ein verdammter Voltairianer!
- Was? -- ah? -- Taub Alterchen? -- Sie hren schwer?
- So geben Sie Ihr Rohrchen her.
- Ach nein!
- Es ist doch arg so taub zu sein!
-
-
- Einundzwanzigste Scene.
-
- DIE GANZE GESELLSCHAFT, spter FAMUSSOFF, zuletzt TSCHATZKI.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Verrckt? Nun bitt' ich Sie!
- Wie ist das so ganz pltzlich denn gekommen.
- Sophie --
- Hast Du es schon vernommen?
-
- PLATON.
-
- Wer bracht' nur das Gerede aus?
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Ach, liebes Mnnchen -- Alle!
-
- PLATON.
-
- Nun freilich in dem Falle
- Da mu ich hier
- Wohl schweigen;
- Doch zweifelhaft erscheint es mir.
-
- FAMUSSOFF (kommt rasch hinzu).
-
- Wie? Was? Von Tschatzki ist die Rede?
- Und jemand zweifelt noch? Ich hab's zuerst entdeckt,
- Und wunderte mich lngst, da er nicht eingesteckt.
- Probier' es einer nur den Rcken
- Vor irgend jemand tief zu bcken
- Und sei der Mann auch noch so gro und mchtig --
- Ja, wr' es der Monarch --
- Gleich nennt er's niedertrchtig.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Ein Sptter ist er noch dabei:
- Ich sagte erstlich was, da fing er an zu lachen.
-
- DIE JUNGE GRFIN.
-
- Mich wollt' er zur Modistin machen!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Mir sagte er -- ich rathe Ihnen
- In Moskau beim Archive nicht zu dienen.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Und meinem Mann rieth er in Moskau nicht zu leben,
- Er sollte fort und sich auf's Land begeben.
-
- SAGORTZKI.
-
- Aus allem klar: -- verrckt -- verrckt!
-
- DIE JUNGE GRFIN.
-
- Ich hab' es gleich in seinem Aug' erblickt.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Er schlgt der Mutter nach. -- Es ist bekannt
- Achtmal verlor die Sel'ge den Verstand.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Was fllt nicht alles vor auf Erden!
- In seinem Alter toll zu werden!
- Er trank gewi
- Nicht im Verhltni seiner Jahre.
-
- DIE ALTE FRSTIN.
-
- Gewi!
-
- DIE JUNGE GRFIN.
-
- Das mu es sein!
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Champagner go er glserweis hinein.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Oh, nein, -- ich kann's betheuern
- In Flaschen und dazu in ungeheuern!
-
- SAGORTZKI (eifrig).
-
- Was Flaschen, nein, ich wei es besser
- Er trank, Gott straf' mich, ganze Fsser.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ach geht mir doch -- ein groes Unglck das,
- Guckt eine Mannsperson auch etwas tief in's Glas,
- Nein, nein -- der Unterricht -- das ist die wahre Seuche,
- Gelehrsamkeit die macht's, da jetzt in unserm Reiche
- Der Wahnsinn um sich greift und solche Schndlichkeiten
- Und arge Meinungen sich mehr und mehr verbreiten.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Und grad' heraus -- wie knnt' es anders sein?
- Verrckt wird man schon ganz allein
- Von dieser ungeheuren Zahl
- Von Schulen und Pensionen und -- Geschichten,
- Lyceen und _Landkartenschulen_ allzumal
- Wo sie sich wechselseitig unterrichten.
-
- DIE ALTE FRSTIN.
-
- Ach nein!
- Mir ist ein Institut in Petersburg bekannt,
- Das P--da--go--gische, so, glaub' ich, wird's genannt,
- Die Professoren legen sich dort recht auf Ketzerei'n!
- Ein junger Mann, verwandt mit unserm Haus,
- Studirte dort und kam vor kurzem erst heraus.
- Was glauben Sie? Er knnte auf der Stelle
- In jeder Apotheke sein Geselle!
- Er flieht die Damen -- mich sogar -- der Sptter --!
- Die Rnge hat er, denken Sie!
- Und treibt Botanik und Chymie --
- Frst Theodor, mein Vetter!
-
- SCALOSB.
-
- Ich will Sie allgesammt erfreun
- Mit einer Neuigkeit: Ganz allgemein
- Sagt man, wie es im Werke sei,
- Da mit Gymnasien und Schulen und Lyceen
- Ein groer Fortschritt soll geschehn:
- Man wird dort lehren jetzt auf unsre Art: -- eins -- zwei!
- Die Bcher aber hebt man auf
- Fr feierliche Flle.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nein, Feuer drunter auf der Stelle!
- Will man vom Bsen sich befrein,
- So mu es mit der Wurzel sein.
-
- SAGORTZKI (mit affectirter Bescheidenheit).
-
- Bitt' um Vergebung sehr,
- Die Bcher mu man unterscheiden.
- Wenn ich, zum Beispiel, Censor wr',
- Die Fabeln wrde ich nicht leiden!
- O Gott, die sind mein Tod! die ew'gen Witzelein
- Auf Lw' und Adler da -- wie sie nach Raube drsten --
- Man sage, was man will, es sind doch immer Frsten.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Ach meine Herrn, mir scheint es wirklich einerlei,
- Wenn man verrckt wird, -- ob Gelehrsamkeit,
- Ob Trinken Schuld dran sei!
- Um Tschatzki thut's mir leid,
- Aus Christenpflicht mu man ihn schon bedauern
- Er hatte Mutterwitz und -- hat dreihundert Bauern.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Vierhundert!
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Nein, mein Bester, drei!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Vierhundert hat er.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Drei!
-
- FAMUSSOFF.
-
- In dem Kalender steht's --
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Ach die Kalender lgen!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Vierhundert auf ein Haar --
- Das Schrei'n und Streiten ist nun Ihr Vergngen.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Es ist nicht wahr!
- Dreihundert sind es -- drei --
- Als ob ich das nicht wei, was andre Menschen haben.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Begreifen Sie denn nicht!
- Vierhundert sind's.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Nein, drei, drei, drei!
-
-
- Zweiundzwanzigste Scene.
-
- DIE VORIGEN. TSCHATZKI.
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Da kommt er selbst herbei!
-
- DIE JUNGE GRFIN.
-
- Scht!
-
- ALLE.
-
- Scht!
-
- (Ziehen sich zurck.)
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Nun, wenn er seinen Raptus kriegt,
- So kommen wir noch alle vor's Gericht.
-
- FAMUSSOFF (bei Seite).
-
- Ach! Gott sei mir jetzt gndig!
-
- (Laut.)
-
- Mein liebster Freund --
- Es scheint --
- Du bist nicht recht bei Laune.
- Nach einer Reise braucht man Ruh'.
- Zeig' deinen Puls -- ich glaube Du
- Bist nicht ganz wohl? Geh' recht nach Haus.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich halt's auch nicht mehr aus!
- Ich hab' so viel umarmen heut' gemut,
- Mir schmerzt davon die Brust;
- Die Fe sind erlahmt vom Scharren und vom Bcken,
- Die Ohren thun mir weh vom Schreien und Entzcken.
- Und ach der Kopf ist fast
- Verrckt von all dem dummen Zeuge!
-
- (Er nhert sich Sophien.)
-
- Mein Geist erliegt des Kummers Last;
- Ich bin in dieser Menge wie verloren.
- Warum ging ich nach Moskau hin,
- Wo ich nicht mehr ich selber bin!
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Ei, hrt doch an!
- Nun ist gar Moskau Schuld daran.
-
- FAMUSSOFF (giebt Sophien Winke).
-
- Geh' nicht so nah' Sophie! --
-
- (Bei Seite.)
-
- Sie hrt nicht, was ich sage!
-
- SOPHIE (zu Tschatzki).
-
- Was hatten Sie denn nun fr eine neue Plage?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ach, eine Kleinigkeit!
- Ein wind'ger Franzmann aus Bordeaux
- Erzhlt' dort ein'gen Damen froh,
- Wie er sich frher unser Land gedacht,
- Und was er fr Ideen sich gemacht,
- Und wie er fest geglaubt, da wir Barbaren wren.
- Doch alle Angst sei nun vorbei,
- Man sollte, sagt' er, wirklich schwren,
- Da Moskau noch in Frankreich sei;
- Denn Sitte, Sprache, so wie Moden
- Versetzten ihn auf vaterlnd'schen Boden.
- Ihn freut' es ohne Gleichen, --
- Uns kann's zur Freude nicht gereichen.
- Kaum endete der kleine Mann,
- Als alle Welt zu seufzen laut begann:
- Ah, Frankreich, einzig Land, ach gttliches Paris,
- Ja Frankreich ist das ird'sche Paradies!
- So sthnten zwei geschminkte Damen,
- Die mir so vor wie Papageien kamen,
- Zwei Frstinnen, die ihre Lection
- Herplapperten aus der Pension.
- Wo sollt' ich hin vor diesen Frstinnen!
- Ich stand unweit und uerte bescheiden,
- Doch laut genug, da sie's gehrt,
- Gott mge diesen Geist, von dem wir so bethrt,
- Der blinden, knechtischen Nachahmung Sitte,
- Ausrotten bald aus unserer Mitte. --
- Er mgte doch in irgend eine Brust,
- Die selbstbewut,
- Ergieen Muth und Kraft,
- Durch Beispiel und durch Wort
- Zu zgeln unsere Leidenschaft,
- Dies Schmachten nach der Fremde!
- Und mcht' man einen Finsterling mich schelten,
- Altglubig mcht' ich ihnen gelten,
- Mir schiene es -- der Geist in unserm Norden
- Sei von der Zeit an schlecht geworden
- Seitdem wir unserer Sprache Herrlichkeit
- Und unsre alten herrlichen Gebruche
- Vertauscht mit dieser neuen Seuche.
- Die schne Volkstracht wurde abgelegt,
- Damit nun jeder wie ein Narr sich trgt;
- Sind wir mit diesem Schwalbenschweif
- Nicht gradezu fr's Tollhaus reif?
- Ein lcherlicher Ausschnitt in der Mitten,
- Und kaum kann man sich frei bewegen.
- Und dann die Haare kurz verschnitten,
- Vernunft und Klima gleich entgegen!
- Wie lcherlich erscheint ein Graubart nicht,
- Der sich rasirt das Greisenangesicht!
- Kurzum -- ich mut' gestehn, -- ich fand
- So Haar als Kleider kurz, wie den Verstand.
- Und mt' es sein -- und sind wir einmal schon geschaffen
- Zu fremder Vlker Affen,
- O mchten wir denn doch von den Chinesen lernen
- Die fremden Sitten zu entfernen!
- Ach, machen wir uns je wohl frei
- Von fremder Moden Tyrannei,
- Da unser Volk, das bravste in der Welt
- Uns unsrer Sprache nach nicht mehr fr Fremde hlt!
- Allein wie kann man denn Europas Sitten,
- Brummt' einer da aus ihrer Mitten,
- Mit Nationalgebruchen
- Und Volksgewohnheit wohl vergleichen!
- Nun bersetzen Sie mir schnell
- Madame oder Mademoiselle?
- Sie werden doch nicht Herrin sagen?
- Und haha! -- Herrin --! ach wie hlich!
- Und haha! -- Herrin! -- ach wie grlich!
- So wurd' auf meine Kosten nun gelacht;
- Natrlich hat mich das doch aufgebracht,
- Und eben -- auf mein Wort --
- Wollt' ich die derbste Antwort geben,
- Da liefen alle fort --!
- Das ist begegnet mir,
- Und so was sehen tglich wir,
- In Moskau und in Petersburg
- Und in dem ganzen Reich geht das so durch --
- Kommt so ein Mnnlein aus Bordeaux
- So drngt sich Alles um ihn froh,
- Und alle Damen in der Runde,
- Die hngen wie an seinem Munde. --
- Die Frstinnen vor allen
- Die haben dran ein Wohlgefallen.
- Doch wer in unsern Residenzen
- Es nicht versteht durch allerlei
- Gezierte Redensart und Narrethei
- Zu glnzen --
- Wer die verschriebenen Gesichter
- Nicht leiden kann,
- Und wer zum Unglck fnf bis sechs Gedanken,
- Wodurch er aus der Menge ragt,
- Frei auszusprechen wagt --
- Der sehe zu!
-
- (Er sieht sich um, die Tnze haben begonnen, die lteren Personen
- haben sich zu den Kartentischen gesetzt -- er zieht sich zurck.
- -- Zum Schlu eine franzsische Quadrille und Mazurka mit
- Grotesktouren aus der Zeit des franzsischen Krieges. -- Der
- Vorhang fllt.)
-
- Ende des dritten Akts.
-
-
-
-
- Vierter Akt.
-
-
- Schwach erleuchtete Hausflur im Erdgescho. Im Hintergrunde eine
- Paradentreppe zu Famussoff's Wohnung. Links im Vorgrunde
- Moltschlins Zimmerthr, -- rechts vorn die Thre zum Portier,
- weiter hin die Hausthr. Viele Bediente mit Mnteln und Pelzen
- auf dem Arm, sitzen oder schlafen auf Sthlen und Bnken, man
- hrt noch Ballmusik.
-
-
- Erste Scene.
-
- DIE ALTE und JUNGE GRFIN (kommen die Treppe herab.)
-
- DIENER (ruft zur Hausthr hinaus).
-
- Der Grfin Chrumin Wagen!
-
- DIE JUNGE GRFIN.
-
- Das mu ich sagen,
- Das war ein saub'rer Ball!
- Wo Famussoff nur hergekriegt
- Die Migeburten all'?
- Ich wut' wahrhaftig nicht
- Mit wem ich sprechen oder tanzen sollte,
- So gern ich beides wollte.
-
- DIE ALTE GRFIN.
-
- Ach, Liebchen, komm; ich bin recht mitgenommen,
- Ich werde schwcher doch mit jedem Jahr;
- Es wird gewi noch einmal dazu kommen,
- Da ich vom Ball grad auf den Kirchhof fahr'!
-
- (Man hat ihnen die Pelze umgelegt, sie gehen ab.)
-
-
- Zweite Scene.
-
- NATALIE DMTREWNA und PLATON GORITSCHEFF.
-
- DIENER (an der Hausthr).
-
- Der Goritscheff'sche Wagen!
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Mein Engelsmann, ich will Dich etwas fragen:
- Mein Herzchen, meine Seele,
- Erzhle: --
-
- (Kt ihn auf die Stirn.)
-
- Was fehlt' Dir heute,
- Wo alle Welt sich doch so freute?
-
- PLATON.
-
- Ach, liebe Frau, ich kann mich nicht verstellen;
- Ich -- schlafe auf den Bllen.
- Du weit, ich kann sie fr den Tod nicht leiden,
- Doch ist's nicht zu vermeiden,
- Ich mu ja schon die Nchte dejouriren,
- Fr Dich ist ja ein Ball -- Genu, --
- Allein wer auf Kommando tanzen mu,
- Wie soll sich der nicht ennyiren!
-
- NATALIE DMTREWNA.
-
- Du stellst Dich an!
- O, ich durchschau' den Herrn;
- Er mcht' den alten Mann
- Schon spielen fr sein Leben gern.
-
- (Geht ab, der Diener folgt.)
-
- PLATON (kaltbltig).
-
- Besieht die Sache man bei Licht,
- So ist ein Ball so bel nicht,
- Ich kann mich nur nicht in den Zwang bequemen;
- Wer hie ein Weib mich nehmen!
- Ja -- manchem kann man's an der Wiege sagen --
-
- DIENER (kommt zurck).
-
- Die Gnd'ge sitzen schon im Wagen,
- Und haben zu verzrnen sich geruht.
-
- PLATON (seufzend).
-
- Schon gut, schon gut!
-
- (Ab.)
-
-
- Dritte Scene.
-
- TSCHATZKI.
-
- (Zum Diener.) Geh' -- such' den Wagen -- mach' geschwind! --
-
- (Der Diener luft hinaus.)
-
- So wr' der Tag dahin und alle Hirngespinste! --
- Der Hoffnung leichte Nebeldnste
- Die meine Brust mit Tuschung fllten --
- Sie sind zerstreut -- verweht nach allen Winden!
- Und was denn hoffte ich zu finden?
- Wo ist der Antheil nur? Das Mitempfinden?
- Wo ist der freudige Empfang?
- Sie schreien, sind entzckt, umarmen
- Und alles nichts als leerer Klang!
- So ging es mir auf meiner Reise,
- Die Rosse flogen auf dem Eise,
- Und mssig blickt' ich aus dem Schlitten
- Wie durch die Steppe hin wir glitten,
- Die blau und endlos vor uns lag.
- Man fhrt und fhrt -- aus Stunden wird ein Tag,
- Und endlich ist das Nachtquartier erreicht,
- Doch ach -- was sich dem Blick auch zeigt --
- Es ist das alte Bild, die alte Noth,
- Dieselbe Wste leer und todt.
- O, es ist rgerlich und unausstehlich,
- Je lnger man darber sinnt;
- Ist es nicht schmhlich
- Wie wenig Hoffnung oft gewinnt! --
-
- DER DIENER.
-
- Der Kutscher ist nicht aufzutreiben.
-
- TSCHATZKI.
-
- So geh' und such' ihn auf; soll ich die Nacht hier bleiben?
-
-
- Vierte Scene.
-
- TSCHATZKI. REPETLOFF (in Pelz gehllt kommt eilig von auen,
- stolpert auf der Schwelle und fllt hin; die Diener helfen ihm.
- Er ist etwas angetrunken).
-
- REPETLOFF (springt hastig auf).
-
- Pfuh! -- Ungeschickt! -- Was? -- Gt'ger Gott!
- La mich die Augen nur erst reiben; --
- Mein Herzensfreund, mein lieber Schatz -- _mon cher_!
- Nun sieh' die Menschen da mit ihrem Spott:
- Da sagen sie, da ich ein Schwtzer sei
- Und dumm und aberglub'sch dabei,
- Weil ich fr alles Zeichen
- Und Vorgefhle habe.
- Allein -- jetzt eben -- bitt' ich Dich -- erklr':
- Als ob ich es gewut -- so eilt' ich her --
- Mein Fu hackt an -- und ich -- ich falle hin
- So lang und breit ich bin! --
- Ja, lach' Du nur; denk' immerhin
- Da ich ein Narr und Lgner bin,
- Ich wei nicht, was es ist,
- Und wie es kommt, da Du mein Liebling bist.
- Es ist ein Mu -- ich bin dazu gezwungen
- Und bin von Liebe und Respekt ganz wie durchdrungen.
- Fr Dich mcht' ich
- Die Frau -- die Kinder aus dem Hause treiben,
- Fr Dich knnt' meine Seele ich verschreiben.
- Und sollte mich die ganze Welt verlassen --
- Und sollt' ich auf der Stelle hier erblassen --
- Und sollt' mich Gottes Donner gleich erschlagen --
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, hre auf, den Unsinn da zu sagen!
-
- REPETLOFF.
-
- Du liebst mich nicht! Ach! Das ist ja natrlich!
- Mit andern -- bah! Da bin ich nicht genirt,
- Jedoch mit Dir -- Du hast mir unwillkhrlich
- Von jeher imponirt.
- Ich bin ja ungebildet -- ohne Kopf --
- Ich bin ein Narr, ein lcherlicher Tropf! --
-
- TSCHATZKI.
-
- Ein eigenes Bekenntni!
-
- REPETLOFF.
-
- Dir mach' ich gerne das Gestndni;
- Ich fluch' dem Tag, an welchem ich geboren;
- Wenn ich bedenk', wie ich die Zeit verloren!
- -- -- Was ist es an der Zeit?
-
- TSCHATZKI.
-
- Lang' Zeit zu Bett zu gehn.
- Du wolltest auf den Ball? Da fahr' nur gleich nach Haus,
- Denn grade eben ist er aus.
-
- REPETLOFF.
-
- Was Ball? Wo wir die Nacht bis in den Tag hinein
- In Anstandsfesseln uns erfreu'n --
- In's Joch gespannt! Hast Du gelesen --
- Es giebt ein Buch --
-
- TSCHATZKI.
-
- Du liest?
- Wie soll ich dieses Rthsel lsen?
- Bist Du denn _Repetloff_? Wie?
-
- REPETLOFF.
-
- Nenn' gradezu mich ein Vandalenvieh;
- Den Titel hab' ich redlich mir erworben:
- Wie bin ich durch und durch verdorben!
- Ach -- wie viel Zeit hab' ich nicht auf Gelagen
- Mit Essen und mit Trinken todtgeschlagen!
- Ich habe meine Kinder nicht erzogen;
- Ich habe meine Frau betrogen;
- Ich hab' gespielt und zwar so arg zuletzt,
- Da man mich unter Kuratel gesetzt --
- Und _nota bene_ -- _per Ukas_! --
- Ich liebte eine Tnzerin -- was -- nein --
- Ich hielt's zu gleicher Zeit mit drei'n.
- Ich trank -- --
- Und schwrmt' allnchtlich wochenlang.
- Ich warf von mir Gewissen und Verstand,
- Gesetze, Glauben, Vaterland --
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun hre mal, das ist zu viel!
- Lg' immerhin, doch halte Maa und Ziel.
- Du sprichst von Dingen --
- Die knnten einen zur Verzweiflung bringen.
-
- REPETLOFF.
-
- Drum, Bester, wnsch' mir Glck,
- Ich kam von diesem Rausch zurck.
- Mit klugen Leuten geh' ich jetzt nur um
- Und treibe mich nicht mehr des Nachts herum.
-
- TSCHATZKI.
-
- Zum Beispiel -- heute! -- --
-
- REPETLOFF.
-
- Was -- eine Nacht -- die zhlt nicht -- das ist klar!
- Und dafr frag' mich -- wo ich war!
-
- TSCHATZKI.
-
- Das Rthsel ist nicht schwer zu lsen
- Du bist gewi im Klubb gewesen.
-
- REPETLOFF.
-
- Im Englischen -- um meine Beichte anzuheben.
- Ich hatte mich zu einer Sitzung hinbegeben;
- Es ging heut' uerst strmisch her --
- Ich gab mein Wort zu schweigen -- und
- Ich bitt' Dich, schweig daher.
- Es ist ein ganz geheimer Bund
- Der sich versammelt an den Donnerstagen
- Zu allerhand besondern Fragen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Da hr' ich wundersame Dinge.
- Im Klubb?
-
- REPETLOFF.
-
- Im Klubb.
-
- TSCHATZKI.
-
- Mein Bester, hr'!
- Ich frchte sehr
- Kommt man Euch auf die Sprnge
- So ist's um Euch und Euren Klubb geschehn.
-
- REPETLOFF.
-
- Du glaubst, da es gefhrlich ist?
- Ei, wie Du immer ngstlich bist!
- Wir schreien zwar, doch niemand kann's verstehn.
- Ich selber -- fngt es an recht hei erst herzugehn
- Von Parlament und Jury -- oder kommt
- Lord Byron auf's Tapet -- ich sag' Dir, wicht'ge Dinge!
- Dann sitz' ich allermeist und hre zu wie stumm,
- Es ist fr mich zu hoch -- dann fhl' ich, da ich dumm.
- Freund -- Du bist nie bei uns gewesen --
- Ich sag' Dir, Mnner auserlesen.
- Hr', Alexandre, sei ein prcht'ger Junge
- Und fahre gleich mit mir dahin;
- Jetzt sind sie grade recht im Schwunge
- Und recht im Disputiren drin.
- Ach was fr Kpfe! Ungewhnlich,
- Und mir nicht im Geringsten hnlich.
- Ich sage Dir, _mon cher_, die Quintessenz
- Der jungen Herrn in unserer Residenz.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei geh' mit Gott! Das wre schn!
- Wozu? In tiefer Nacht? Ich will zu Bette gehn.
-
- REPETLOFF.
-
- Ach was! Wer schlft jetzt? Nein, noch heute,
- Entscheide Dich -- denn wir -- wir sind entschiedne Leute.
- Ein Dutzend heier Kpfe -- ehrenwerth --
- Wenn man uns schreien hrt,
- So ist man ganz verwundert,
- Man glaubt gewi es seien an die hundert.
-
- TSCHATZKI.
-
- Doch sag' mir nur, wofr Ihr denn so schwrmt?
-
- REPETLOFF.
-
- Es wird gelrmt, mein Freund -- gelrmt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Allein wozu? Das mcht' ich fragen.
-
- REPETLOFF.
-
- Es ist hier weder Zeit noch Ort Dir das zu sagen
- Es ist so ein -- Verein.
- Behutsamkeit mu bei der Sache sein.
- Siehst Du, die Frucht braucht Zeit zur Reife,
- Es geht nicht auf einmal. --
- Doch was fr Kpfe -- _ah mon cher_ --
- Ich zhle sie der Reihe her:
- Da ist zuerst -- der Frst Gregor
- Ein einz'ger Sonderling -- man lacht sich fast zu Tode!
- Er ist ein Angloman und kleidet sich als Britte,
- Die Haare kurz, nach englisch steifer Sitte.
- Und spricht auch durch die Zhne so --
- Du kennst ihn nicht? Ich mach' euch gleich bekannt.
- Ich sage Dir, er ist _charmant_.
- Dann haben wir noch einen Snger
- Workuloff, -- Jewdokim --
- Er singt sublim!
- Du solltest hren seine Lieder
- Besonders seinen Bollero
- _Ah, non lasciar mi no! no! no!_
- Dann sind auch noch zwei Brder,
- Zwei prcht'ge Jungen da,
- Leon und Borinka.
- Man wei von ihnen sonst wohl nichts zu sagen.
- Doch willst Du nach Genies mich fragen,
- Dann nenne ich Dir unsern Hyppolit.
- Du last doch was von ihm? Und wr' es nur ein Lied,
- Lies sag' ich Dir -- doch leider schreibt er nichts!
- Er ist Genie -- an Sitzfleisch nur gebricht's.
- Mit Ruthen mt' man solche Herrn zur Arbeit treiben
- Und in die Ohren schreien: Schreiben, schreiben!
- Doch fllt mir ein, da fr ein Zeitungsblatt
- Er ein Fragment geschrieben hat,
- Ein Blick und Etwas ist es berschrieben.
- Und wovon, glaubst Du, da dies Etwas handelt?
- Von Allem, denk' Dir! Nichts ist unberhrt geblieben.
- Denn er wei alles -- wir bewahren
- Ihn uns auch fr den Fall der Noth.
- Doch unser Cheff -- nun da ist nicht zu streiten --
- Im ganzen Reiche giebt's nicht einen solchen zweiten
- Ich brauche ihn Dir nicht zu nennen,
- Du kannst ihn am Portrt erkennen.
- Er ist ein Duellant von unerhrtem Muthe,
- In bse Hndel war er stets verstrickt.
- Er wurde nach Kamtschatka einst verschickt,
- Und kam zurck als Aleute.
- Und freilich geht er nicht in reinen Schuh'n,
- Denn lange Finger hat er -- doch was ist zu thun --
- Kein kluger Kopf kommt ehrlich durch das Leben.
- Doch kann's nichts Herrlicheres geben,
- Als wenn er von der Ehre deklamirt.
- Wie oft hat er uns nicht dadurch gerhrt!
- Dann scheinen finstere Dmonen
- Auf seiner Stirne Brau'n zu thronen,
- Die Augen fllen sich mit Blut,
- Er scheint in einer heil'gen Wuth,
- Er selber weint -- und wir -- wir schluchzen.
- Sieh', das sind Leute! Ich bin berzeugt,
- Da uns auf Erden niemand gleicht.
- Ich freilich -- mu es selber sagen --
- Ich bin das fnfte Rad am Wagen,
- Ich blieb zurck,
- Weil ich entsetzlich faul im Denken.
- Inde, wenn ich mein bischen Hirn nur zwinge
- Und hin mich setze -- keine Stunde --
- Da fhrt mir unverhofft zum Munde
- Ein Calembourg heraus.
- Die andern putzen ihn dann aus,
- Und thun zusammen sich zu sechsen,
- Ein Vaudevill heraus zu hexen;
- Sechs andre machen gleich im Nu
- Die niedlichste Musik dazu,
- Die andern klatschen, was das Zeug's nur hlt,
- Und -- lache wie Du willst -- mein Vaudevill gefllt!
- Der Himmel gab mir nicht viel Fhigkeiten,
- Allein mein gutes Herz gefllt den Leuten,
- Und darum halten sie die Lgen mir zu gut.
-
- EIN DIENER (ruft hinaus).
-
- Den Wagen vor vom Oberst Scalosb!
-
- REPETLOFF (kehrt sich um).
-
- Wie? Wessen Wagen vor?
-
-
- Fnfte Scene.
-
- Die VORIGEN. SCALOSB.
-
- REPETLOFF
-
- (geht Scalosb entgegen und erstickt ihn fast mit Umarmungen).
-
- Wie -- Seelenfreund -- halt an -- wohin?
- Thu' mir die Liebe --!
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Wo soll ich nur vor diesen mich verbergen?
-
- (Er schlpft in's Zimmer des Portiers.)
-
- REPETLOFF.
-
- Man hat ja lange nichts von Dir gehrt
- Es hie Du seist zurck zum Regiment gekehrt.
- Kennt ihr euch schon?
-
- (Sieht sich um.)
-
- Fort ist der Eigensinn!
- Gleichviel, Dich hab' ich unverhofft getroffen,
- Und Du mut ohne weitres mit mir gehn.
- Bei Frst Gregor sind heute
- Versammelt eine Menge Leute --
- Ein Stcker Vierzig wirst Du sehn,
- Potz Tausend, was fr groe Geister!
- Die ganze Nacht wird disputirt
- Und niemand merkt's, da er sich ennyirt.
- Zuerst sieh, da Du in Champagner nicht ersufst,
- Und zweitens kriegst Du Dinge dort zu hren,
- Die weder ich noch Du begreifst.
-
- SCALOSB.
-
- Ei, la mich! Das gelehrte Zeug
- Was man zu hren kriegt bei Euch,
- Das lockt mich nicht. Wirb andre an
- Und sag' an Frst Gregor, ich sei erbtig
- Euch zuzuschicken einen Korporal,
- Den httet ihr sehr nthig.
- Er stellte in drei Glieder euch
- Vor allen Dingen
- Und mukstet ihr, er wrde gleich
- Mit einem Blicke euch zur Ruhe bringen.
-
- REPETLOFF.
-
- Du hast nur stets den Dienst im Kopf, _mon cher_!
- Sieh einmal her:
- Ich blieb' gewi nicht ohne Rang und Stelle
- Und wre ein gemachter Mann,
- Allein ich hatte Unglcksflle
- Wie man nicht rger haben kann.
- Ich diente im Civil auch damals schon
- Als Baron Klock Minister werden wollte
- Und ich -- sein Schwiegersohn.
- Ich ging ganz blindlings auf mein Ziel
- Und lie mich ein in solches Spiel
- Mit ihm und seiner Frau. -- Die haben mich geschoren!
- Herr Gott, was habe ich fr Summen dort verloren!
- An der Fontanka wohnt der Mann
- Ich baute nebenan
- Mir einen Palast auf
- Mit ungeheueren Colonnen
- Was gingen da fr Summen auf den Lauf!
- Die Tochter aber hatt' zuletzt ich doch gewonnen.
- Allein -- o weh -- die Mitgift die war -- Gott zu klagen!
- Und dann -- was wirst Du sagen:
- Im Dienste wurd' ich doch nicht avancirt,
- Es war ein Deutscher, doch wozu hat's mich gefhrt?
- Er frchtete den Vorwurf, siehst Du,
- Da er Verwandte protegirt'
- Er frchtet' -- hol' ihn der und jener --
- Mir half er nichts.
- Dagegen seine Schreiber, seine frechen
- Sekretaire, Dintenkleckser, Buben
- Aus Schreiberstuben,
- Die waren alle zu bestechen
- Und sind nun avancirt
- Und im Adrekalender angefhrt.
- Der Henker hole Rang und Dienst und Orden!
- Es ist doch nichts als Prellerei,
- Lachmotjeff Selekstei
- Hrt' ich vortrefflich sagen
- Da hier ein radikales Mittel nthig sei,
- Verdauen will sie nicht mehr unser Magen --
-
- (Er hlt pltzlich an, da er statt Scalosb, der fortgefahren ist,
- Sagortzki erblickt, der an Scalosbs Stelle getreten ist.)
-
-
- Sechste Scene.
-
- REPETLOFF. SAGORTZKI.
-
- SAGORTZKI.
-
- Ich bitte fahren Sie nur fort --
- O, ich versteh' Sie auf mein Wort!
- Ich bin ja ganz wie Sie ein groer Liberaler,
- Allein mir ging es noch fataler,
- Ich trug zu khn die Wahrheit vor,
- Sie glauben nicht, was ich dadurch verlor.
-
- REPETLOFF (rgerlich).
-
- Verschwunden! -- Alle fort!
- Und sagen nicht ein Wort.
- Erst der -- nun jener -- kaum sieht man sich um;
- Erst hatt' ich Tschatzki hier gefunden,
- Drauf Scalosb und beide sind verschwunden!
-
- SAGORTZKI.
-
- Was meinen Sie von Tschatzki?
-
- REPETLOFF.
-
- Nun, er ist nicht dumm!
- Wir sprachen hier von Possen -- allerhand,
- Dann aber hat sich das Gesprch
- Zum Vaudeville gewandt.
- Ein wichtiges Gesprch! -- Sehr wichtig
- Ist doch das Vaudevill,
- Doch alles brige ist nichtig.
- Und ich und er -- ich hab' -- ich sag' es offen
- Den nmlichen Geschmack bei ihm getroffen.
-
- SAGORTZKI.
-
- Bemerkten Sie denn nicht
- Da es bei ihm im Kopf nicht richtig?
-
- REPETLOFF.
-
- Ei was!
-
- SAGORTZKI.
-
- Ich sage nur, was jeder spricht.
-
- REPETLOFF.
-
- Wie abgeschmackt!
-
- SAGORTZKI.
-
- So fragen Sie doch!
-
- REPETLOFF.
-
- Wind!
-
- SAGORTZKI.
-
- Da kommt der Frst mit Frau und Kind
- Recht _ propos_.
-
- REPETLOFF.
-
- Ach Possen!
-
-
- Siebente Scene.
-
- REPETLOFF. SAGORTZKI. FRST TUGOCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und
- sechs TCHTERN; MAD. CHLESTOW von MOLTSCHLIN gefhrt.
-
- SAGORTZKI.
-
- Ich bitte Sie, Erlaucht, mir doch zu sagen:
- Ist Tschatzki toll geworden oder nicht?
-
- ERSTE FRSTIN.
-
- Wer kann da zweifeln oder fragen?
-
- ZWEITE FRSTIN.
-
- Wovon die ganze Welt schon spricht!
-
- DRITTE FRSTIN.
-
- Krnklinski's, Schmuzowski's,
- Dibrinki's, Klatschkowski's --!
-
- VIERTE FRSTIN.
-
- Das ist was altes schon. Wem ist die Sache neu?
-
- FNFTE FRSTIN.
-
- Wer zweifelt noch daran?
-
- REPETLOFF.
-
- Ei,
- Dieser Mann!
-
- SECHSTE FRSTIN.
-
- Sie?
-
- ALLE ZUSAMMEN (ihn umringend).
-
- Wie?
- _Msj_ Repetloff. Nein?
- _Msj_ Repetloff, ach, wie kann das sein!
- Was wollen Sie, man wei es schon im ganzen Lande,
- Was denken Sie? Es ist ja Snd' und Schande!
-
- REPETLOFF (hlt sich beide Ohren zu).
-
- Verzeih'n Sie mir, ich wute nicht
- Da man davon so laut schon spricht.
-
- DIE ALTE FRSTIN.
-
- So laut? -- Nicht laut genug. -- Ei, das ist sonderbar!
- Sie mssen wissen
- Mit ihm zu sprechen bringt Gefahr.
- Man htte lngst ihn binden mssen,
- Er ist ja wthend wie ein Tieger,
- Und doch -- hrt man ihn an --
- So scheint sein kleiner Finger klger
- -- Im Disputiren -- das versteht er --
- Als alle Welt -- und selbst mein Mann, Frst Peter.
- Ich glaube -- gradheraus -- er ist ein Jakobiner
- Ihr saubrer Freund! -- Nun gute Nacht!
-
- REPETLOFF.
-
- Ihr Diener!
-
- DIE ALTE FRSTIN.
-
- Ach, Herr Gemahl, Du mut Dich schon bequemen
- Sisi und Ktchen mitzunehmen,
- Wir haben, sechs Mann hoch, erst gar zu eng gesessen.
-
- MAD. CHLESTOW
-
- (erscheint oben und ruft herab).
-
- Eh, liebe Frstin, eh!
- Sie haben Ihre Kartenschuld vergessen.
-
- DIE ALTE FRSTIN.
-
- Notiren Sie's, mein Schatz. Adieu!
-
- ALLE (gegenseitig).
-
- Adieu, Adieu, Adieu! --
-
- (Die frstliche Familie und Sagortzki ab.)
-
-
- Achte Scene.
-
- REPETLOFF. MAD. CHLESTOW. MOLTSCHLIN.
-
- REPETLOFF.
-
- Du groer Gott!
- Ach, meine Gndigste, was soll man dazu sagen?
- Der arme Tschatzki! Ach! die Weisheit ist nur Spott!
- Und wozu hilft es nun mit Lernen sich zu plagen!
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Gott hat es ihm geschickt! Es ist ein schlimmer Fall,
- Allein vielleicht ist er noch zu kuriren;
- Inde, mit Ihnen, Freund, wrd' man die Zeit verlieren,
- Ist das nun wohl erhrt! Jetzt kommen Sie zum Ball!
-
- (Zu Moltschlin.)
-
- Nun, bester Freund, da ist dein Kmmerlein,
- Geh' nur hinein
- Und Gott beht' Dich. (Moltschlin geht ab.)
-
- (Zu Repetloff.)
-
- Nun, Alterchen, schn gute Nacht
- Wie lange soll die Tollheit whren?
- Ich dcht', es wre Zeit, mit Rasen aufzuhren.
-
- (Ab.)
-
-
- Neunte Scene.
-
- REPETLOFF und dessen DIENER.
-
- REPETLOFF.
-
- Wo fahre ich nun hin?
- Es fngt wahrhaftig an zu tagen.
- Mach' fort und hilf mir in den Wagen
- Und fahr' gleichviel wohin.
-
- (Beide ab.)
-
-
- Zehnte Scene.
-
- TSCHATZKI
-
- (kommt aus der Loge des Portiers).
-
- Wie? Hab' ich recht gehrt --? Kann es wohl sein?
- Ist's nicht ein Scherz? O nein
- Nur reine Bosheit! Wie?
- Durch welches Wunder, welche Zauberei
- Verbreitet sich ein solch Geschrei?
- Fr ein'ge schien es ein Triumph zu sein,
- Und and're schienen Mitleid mir zu weih'n.
- O, knnt' man in der Menschenbrust doch lesen
- Wer hier am meisten Schuld gewesen,
- Ob ihre Zunge, ob ihr Herz.
- Wer hat erdacht den abgeschmackten Scherz?
- Der Dumme glaubt's und gleich mu er es weiter tragen,
- Die alten Weiber sind gleich fertig Lrm zu schlagen,
- Und allgemein wird's dann als Wahrheit anerkannt.
- Das also ist mein Vaterland!! --
- Nein, nein -- ich fhl's -- bald habe ich genug
- Von diesem herrlichen Besuch! --
- Ob wohl Sophie davon gehrt?
- Wahrscheinlich sagte man's auch ihr.
- Sie ist gesinnt -- nicht g'rade feindlich mir,
- Doch ihr ist's ein's, ob ich gestrt
- Ob es ein andrer ist; sie liebt ja keinen.
- Allein, wie sollte ich damit die Ohnmacht einen?
- Sind's ihre Nerven, die sich dazu neigen,
- Ist's eine Schwche, ihr nur eigen?
- Ein Nichts erschreckt, ein Nichts beruhigt sie.
- Ich glaubt' es wre Sympathie,
- Lebhafte Leidenschaft wr' hier im Spiel,
- Ach, nicht die Spur davon! Vielleicht
- Htt' sie gezeigt
- Das nmliche Gefhl
- Wenn einer Katze, einem Hund' von ungefhr
- Man auf den Schwanz getreten wr'!
-
- (Unterdessen ist die letzte Lampe erloschen.)
-
- SOPHIE
-
- (erscheint oben auf der Treppe mit einem Licht und beugt sich ber
- das Gelnder).
-
- Moltschlin? Wie!
-
- (Sieht Tschatzki, zieht sich schnell zurck.)
-
- TSCHATZKI.
-
- O Himmel -- das war sie! --
- Sie selbst! -- Es kocht mein Blut,
- Die Sinne schwanken wie in Fiebergluth.
- War es ihr Geist? Verlor ich den Verstand?
- Was geht hier vor?
- Nein, keine Tuschung konnt' das sein;
- Es war ein Stelldichein.
- Wozu mich lnger selbst noch tuschen,
- Sie rief Moltschlin ja,
- Und hier -- hier ist sein Zimmer! -- da!
-
- TSCHATZKI'S DIENER (kommt eilig von drauen).
-
- Der Wa-- -- --
-
- TSCHATZKI.
-
- St! Fort mit Dir!
-
- (Diener ab.)
-
- Ich bleibe, mu es sein, selbst bis zum Morgen hier;
- Soll ich den Kelch der Leiden trinken
- So will ich's lieber auf einmal,
- Durch Zaudern, ach, entgeht man nicht der Qual.
- Man kommt! --
-
- (Verbirgt sich hinter einem Pfeiler.)
-
-
- Elfte Scene.
-
- TSCHATZKI (verborgen). LISETTE (mit einem Licht).
-
- LISETTE.
-
- O Gott, ich mcht' vor Angst vergehn!
- Des Nachts im leeren Vorhaus hier zu stehn! --
- Ich frcht' mich vor Gespenstern sehr
- Und vor Lebend'gen noch viel mehr.
- Gott mag dem Frulein das verzeih'n
- Da schickt sie mich gerad hinein.
- Sie sagt, sie htte Tschatzki hier gesehn:
- Wie ein Gespenst sieht berall sie den.
-
- (Sieht sich um.)
-
- Das fehlte auch noch, hier zu bleiben,
- Und sich im Vorhaus hier herum zu treiben!
- Ich wette:
- Der liegt mit seinen Liebessorgen
- Schon lngst zu Haus im Bette,
- Und sinnt auf einen Plan zu morgen.
- Doch mu ich ja zum Herzensfreunde geh'n,
-
- (Sie setzt das Licht auf den Boden und pocht an Moltschlin's
- Zimmerthre.)
-
- Moltschlin hren Sie? Ich bitt' Sie aufzustehn;
- Das Frulein ruft. Ich soll Sie gleich zum Frulein fhren.
- Doch schnell, wir drfen nicht die Zeit verlieren.
-
-
- Zwlfte Scene.
-
- TSCHATZKI (verborgen). LISETTE. MOLTSCHLIN (ghnt und dehnt sich).
- Bald darauf erscheint SOPHIE oben unbemerkt.
-
- LISETTE.
-
- Sind Sie von Eis heut' oder Stein?
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Ach, Lieschen mein,
- Kamst Du aus eignem Antrieb? Sprich!
-
- LISETTE.
-
- O nein, das Frulein schickte mich.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Wer sollte glauben, da in diesen Zgen,
- In diesen Aederchen
- Der Liebe sanft Errthen nie gespielt! --
- Kann Dir das Botenlaufen denn gengen,
- Hast Du denn selber Liebe nie gefhlt?
-
- LISETTE.
-
- Da Sie auf Freiersfen gehn
- Kann ich Ihr Ghnen nicht verstehn.
- Den lobte ich, der vor dem Hochzeitstag
- Nicht essen und nicht schlafen mag.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Was Hochzeit? Und mit wem denn, sprich?
-
- LISETTE.
-
- Nun mit dem Frulein, dchte ich.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Ach geh! Die Hoffnung liegt noch weit;
- Auch ohne Hochzeit bringt man hin die Zeit.
-
- LISETTE.
-
- Ich wei nicht recht, mein Herr, wie man so sprechen kann!
- Wir wollen ja doch keinen andern Mann.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Mag sein! Ich hab' seither nur immer Angst gehabt,
- Da uns der Alte nicht ertappt.
- Der wrde uns verfluchen und verjagen! --
- Hr', soll ich Dir die Wahrheit sagen?
- In Deinem Frulein hab' ich niemals was erblickt
- Was mich entzckt;
- Ich wnsche ihr auf allen Wegen
- Des Himmels reichsten Segen;
- Doch sie hat Tschatzki gern gesehn,
- Und nun! -- Mir wird's nicht besser gehn.
- Ach Engel mein, ach knnte ich
- Nur halb fr sie empfinden, wie fr Dich! --
- Ich thue was ich kann,
- Ich stell' mich zrtlich an,
- Allein -- der Himmel wei --
- Sobald ich sie nur seh', so werde ich zu Eis.
-
- SOPHIE (bei Seite).
-
- Wie niedrig! O, kaum kann ich mich bezhmen!
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Der Schuft!
-
- LISETTE.
-
- Sie sollten sich doch schmen!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Im Testament rieth mir mein Vater, da ich _Allen_
- Bemht sein mte zu gefallen:
- Dem Wirth des Hauses, wo ich im Quartier,
- Sodann dem Chef, der ber mir;
- Auch dessen Diener, der die Kleider putzt,
- Dem Schweizer und dem Hausknecht dann --
- Weil man sie oft benutzt,
- Und suchen sollte ich
- Des Knechtes Hund zum Freunde zu bekommen.
-
- LISETTE.
-
- Ei, ei, da haben Sie viel Arbeit bernommen!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Und darum stelle ich verliebt mich an,
- Nur aus Geflligkeit,
- Weil sie die Tochter ist von einem solchen Mann.
-
- LISETTE.
-
- Durch den Sie gastfrei aufgenommen
- Von dem Sie manchen Rang bekommen?
- Doch bitt' ich eilen Sie --!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Wohlan, so la uns zu Sophie
- Zu unsrer weinerlichen _Coeur-madam_
- Mit ihrem Liebesgram.
- Doch erst erlaub' mir mit Entzcken
- Dich an dies volle Herz zu drcken. --
-
- (Er will sie umarmen; sie entzieht sich ihm.)
-
- Warum ist sie nicht Du!
-
- (Indem er hinauf gehen will, tritt ihm Sophie entgegen.)
-
- SOPHIE.
-
- Zurck, ich hab' genug gehrt!
- O Ungeheuer Sie! So also mut' es enden!
- Ich schm' mich vor mir selbst, ich schm' mich vor den Wnden.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Sie da?
- Sophie Pawlowna!
-
- SOPHIE.
-
- Um Himmelswill'n, kein Wort --! Sie schweigen! --
- Entschieden ist schon alles hier.
-
- MOLTSCHLIN (wirft sich zu ihren Fen).
-
- Ach Gott, verzeih'n Sie mir,
- Gedenken Sie, ach seh'n Sie auf mich her!
-
- SOPHIE.
-
- Ich denk an gar nichts mehr --
- Und schwiegen Sie, so wr' es besser.
- O die Vergangenheit, sie ist ein scharfes Messer!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Erbarmen Sie sich doch!
-
- SOPHIE.
-
- Wozu dies Kriechen noch?
- Wozu am Boden liegen!
- Kein Wort! Ich wei wie Sie betrgen.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Die einz'ge Gnade nur! --
-
- SOPHIE.
-
- Nein, nein, nein!
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Ich scherzte, sprach ja nur verschlafen,
- O Gott, wie knnen Sie so hart mich strafen!
-
- SOPHIE.
-
- Auf, sage ich -- sonst wecke ich das Haus
- Und dann ist's mit uns beiden aus.
-
- (Moltschlin steht schnell auf.)
-
- Von heute an will ich von Ihnen nicht mehr wissen;
- Und da Sie es zu denken selbst nicht wagen,
- Als ob mit Thrnen und mit Klagen
- Sie von mir wrden je beehrt --
- Das sind Sie wahrlich gar nicht werth.
- Und da Sie sich nicht untersteh'n
- Ihr Auge lnger hier zu zeigen.
-
- MOLTSCHLIN.
-
- Was Sie befehlen soll gescheh'n.
-
- SOPHIE.
-
- Ich wrde nichts verschweigen,
- Ich sagte Alles meinem Vater frei,
- Mein Schicksal wr' mir einerlei.
- Sie knnen gehn! Nein, halt! -- Es ist Ihr Glck
- Da Feigheit mehr Sie hielt zurck
- Wenn ich in tiefster Nacht Sie sah,
- Als selbst, wenn es am Tag geschah;
- Sie sind so khn nicht, wie gemein.
- O ich bin froh, da es jetzt Nacht und wir allein;
- Da Augenzeugen nicht zugegen!
- Welch eine Meinung mt' man von mir hegen;
- Wenn, wie heut' Vormittag,
- Als ich in Ohnmacht lag,
- Hier Tschatzki wr'.
-
- TSCHATZKI
-
- (hinter dem Pfeiler rasch hervortretend).
-
- Hier ist er, Heuchlerin!
-
- LISETTE UND SOPHIE.
-
- Ach! -- Ach! --
-
- (Lisette lt das Licht vor Schrecken fallen. Moltschlin luft in
- sein Zimmer und verschliet es.)
-
-
- Dreizehnte Scene.
-
- TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE.
-
- TSCHATZKI.
-
- Jetzt schnell in Ohnmacht hin!
- Denn mehr als heute frh, wr's grade jetzt am Ort.
- Das also war das groe Rthselwort!
- Und diesem bin ich aufgeopfert!
- Ich wei nicht, wie ich mich
- Und meine Wuth bezhmte -- ha --
- Ich sah und schaut' und glaubt' nicht was ich sah!
- Und dieses Herzblatt, das mir vorgezogen,
- Fr den Sie Ihren alten Freund betrogen,
- Der Mensch, durch den Gefhl und Scham
- Von Ihrer Wange kam,
- Der luft jetzt fort voll Angst und Schrecken
- Sich hinter Schlo und Riegel zu verstecken.
- Wer fat des Schicksals launenhaftes Spiel!
- Der Mann von Seele und Gefhl
- Wird unter einer Last von Leiden fast erdrckt,
- Und die Moltschlin's -- sind beglckt.
-
- SOPHIE
-
- (in Thrnen zerflieend).
-
- Nichts mehr, ich bin voll Schuld -- ich sag' es frei --
- Doch konnt' ich's ahnen wohl, da er so schndlich sei?
-
- LISETTE.
-
- Man kommt! Ihr Vater ist's, ach Gott, das ganze Haus!
- Der Alte wird sich freu'n, nun ist auch alles aus!
-
-
- Vierzehnte Scene.
-
- DIE VORIGEN. FAMUSSOFF (kommt mit mehreren Dienern, die Fackeln,
- Lichte und Laternen tragen).
-
- FAMUSSOFF.
-
- Hierher! Mir nach! Geschwind, geschwind!
- Mehr Licht! Laternen! Nun, wo sind
- Denn die Gespenster? Wie? Was seh' ich da?
- Wie? meine Tochter? Ha!
- Verworfne Dirne, ohne Scham!
- Und wo? Und sag' mit wem? Infam!
- Ja! Topp auf Topp! Ganz auf ein Haar
- Wie meine sel'ge Frau, wie ihre Mutter war.
- Kehrt' ich den Rcken nur, so wut' ich's schon'
- Gleich steckt' sie irgendwo mit einer Mannsperson.
- Du! frchte Gott!
- Wie hat Dich dieser Mensch denn so berckt?
- Du selbst erklrtest ihn ja fr verrckt;
- Ja so!! -- Ich war ja blind und dumm!
- Erfunden war's und alle wuten drum.
- Er selbst war im Complott
- Mit allen meinen Gsten.
- Wodurch verdient' ich, lieber Gott,
- Da man mich also hlt zum Besten!
-
- TSCHATZKI (zu Sophie).
-
- Das Mhrchen also haben Sie erdacht?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Schatz, keine Finten hier gemacht!
- Ich lass' mich lnger nicht betrgen
- Und wrdet ihr euch hier gleich in den Haaren liegen.
-
- (Zum Portier.)
-
- Du, Philipp, bist ein Klotz, wie ich nun deutlich seh' --
- Ein Rindvieh macht' ich zum Portier.
- Er hrt und sieht nicht; -- sag' -- wo hast Du denn gesteckt?
- Wie hast Du denn nicht alles gleich entdeckt?
- Warum verschlosst Du nicht die Thre jetzt?
- Und warum passest Du nicht auf bis ganz zuletzt?
-
- (Zu den brigen Dienern.)
-
- Wo war't ihr alle hingelaufen? --
- Zur Arbeit -- nach Sibirien mit euch!
- Fr einen Groschen wr't ihr fertig gleich
- Mich zu verrathen und mich zu verkaufen.
-
- (Zu Lisette.)
-
- Und das, Du Falkenaug', sind deine Schelmenstcke!
- Da haben wir die Schmiedebrcke
- Und Putz und Modennarrethei.
- Da hast Du es gelernt
- Wie man den Seladon lt ein
- Und wieder ihn entfernt.
- Wart' nur, Dir leg' ich Deine Suiten,
- Auf's Dorf mit Dir, da kannst Du Gnse hten!
-
- (Zu Sophie.)
-
- Auch Du, Mamsell, Du bleibst nicht lnger hier.
- Zwei Tage Zeit noch geb' ich Dir,
- Dann wirst Du fort aus Moskau gehn
- Und nicht mehr Menschen sehn.
- Ich halte Dich schon fern
- Von solchen abgefeimten Herrn.
- Zur Muhme, nach Saratow -- in die Wste hin,
- Das wird kuriren Deinen Sinn.
- Da kannst Du seufzen in der Oede,
- Von Liebelein ist dort nicht mehr die Rede;
- Da kannst Du Dich am Rahmen dehnen
- Und hinter der Postille ghnen.
-
- (Zu Tschatzki.)
-
- Erlauben Sie, mein Herr, da ich Sie ernstlich bitte
- Zu unterlassen alle weitern Schritte,
- In jeder Art, nicht grad', nicht krumm --
- Sie werden schon fr Ihre Streiche ben,
- Und hier im ganzen Publikum
- Wird jede Thr vor Ihnen sich verschlieen --
- Denn ich versprech's -- ich werde Lrmen schlagen,
- Ich werde jedermann in Moskau fragen
- Wie solch Betragen ihm gefllt.
- Erfahren soll es alle Welt,
- Ich schrei' es aus in alle Huser,
- Ich reich' es ein in den Senat,
- Ich klag' es dem Ministerrath,
- Ich gehe bis zum Kaiser!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich fass' es nicht, ich mu gestehn,
- Ich hr' es zwar, doch kann ich's nicht begreifen.
- Betubt davon was hier geschehn
- Steh' ich noch da und die Gedanken schweifen.
- Ich Thor! Wo suchte ich den Preis fr meine Leiden?
- Ich eilte, flog, ich zitterte vor Freuden,
- Dem Glck schon nah mich whnend;
- Nur Eines wnschend, Eins nur sehnend
- Verschwendet' ich der Liebe heies Flehn,
- Und Sie -- Sie whlten -- wen?! --
- Und wollten Sie mich denn verschmh'n --
- Warum denn heucheln
- Und mir mit Hoffnung schmeicheln?
- Warum mir denn nicht deutlich sagen:
- Hin sei der Traum aus jenen Jugendtagen,
- Und nur noch Gegenstand fr Ihren Spott!
- Warum mir denn nicht sagen,
- Da lau geworden die Erinnerung sogar
- An die Gefhle, die wir theilten,
- Und die in mir nicht Trennung, nicht die Zeit,
- Zerstreuung nicht und weite Reisen heilten;
- Die jedem Athemzug verwebt --
- Mit denen ich gelitten -- mit denen ich gelebt!
- Ach htten Sie die Wahrheit nicht gescheut,
- Da meine schnelle Rckkehr, mein Betragen,
- Mein Anblick, meine Worte Ihnen nicht behagen,
- Ich htte Sie sogleich von mir befreit.
- Ich htte nicht in meinem blinden Whnen
- Nach _dem_ gestrebt, was er, Ihr Liebling da --
-
- (Er lacht.)
-
- Haha!
- Sie werden sich vershnen!
- Wenn reiflich Sie's bedenken,
- Wozu sich selber krnken?
- Und dann -- Sie knnen windeln ihn und plagen
- Und in Geschften aus dem Hause jagen,
- Solch Ehejngelchen, solch einen Eheknecht --
- Zum Pagen wie geschaffen
- Fr's ganze weibliche Geschlecht,
- Der Eheherren hohes Ideal
- In Moskau -- o -- ein sauberer Gemahl.
- Genug! Es ist mein Stolz Sie zu vergessen.
-
- (Zu Famussoff.)
-
- Sie, alter Herr, auf Rang stets so versessen,
- O trumen Sie unwissend -- glcklich fort!
- Ich gebe Ihnen hier mein Ehrenwort:
- Ich werbe nie um Ihrer Tochter Hand,
- Weil sich ein andrer Ritter fand.
- Ein Mnnlein sehr erfahren und geschickt,
- Ein Speichellecker, der sich ewig bckt,
- Und der auch ganz, so wie mir ducht,
- Dem knft'gen Schwiegervater gleicht.
- Die Schuppen ha, sind mir vom Aug' gefallen,
- Die Binde sank -- die Tuschung hrte auf!
- Jetzt thte es mir wohl, zu gieen meine Galle
- Und meinen Hohn
- Auf Vater, Tochter, Schwiegersohn,
- Mit einem Wort -- auf Alle!
- Zu welchen Menschen fhrte mich
- Das Schicksal doch so wunderlich!
- Verfolgung, Spott, des Hohnes Klnge
- Erfuhr ich nur von dieser blinden Menge;
- Verrther an der Treu und Liebe,
- Und unersttlich in des Hasses Triebe.
- Unbnd'ge Schwtzer, boshaft alte Weiber,
- Dummkluge Weise,
- Verschmitzte tck'sche Pinsel, matte Greise,
- Die zum Kind
- Herabgesunken unter Possen sind! --
- Ihr habt posaunt in vollem Chor,
- Da ich Verstand und Sinn verlor!
- Und Ihr habt Recht! -- Wenn ein verstnd'ger Mann
- Nur einen Tag mit Euch durchleben kann
- Und es gelingt Euch nicht den Kopf ihm zu verdreh'n
- So kann er dreist durch's Feuer gehn.
- Aus Moskau fort!
- Nein, Moskau ist nicht mehr das Ziel von meinen Reisen.
- Ich suche nichts als einen stillen Ort
- Um hin mein wundes Herz zu tragen.
- Mein Wagen, schnell, wo ist mein Wagen!
-
- (Schnell ab.)
-
-
- Fnfzehnte Scene.
-
- DIE VORIGEN (ohne Tschatzki).
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nun siehst Du! Ist's nicht sonnenklar,
- Da niemand je verrckter war?
- Sag' selbst, im Ernst, -- was sprach er gleich
- Fr tolles abgeschmacktes Zeug!
- Von Speichelleckern fing er an
- Von einem Schwiegervater dann;
- Und das war sonderbar,
- Was er auf Moskau bse war.
- Doch Du -- Du bringst mich um -- ja Du!
- Bin ich nicht _so_ schon zu beklagen?
- Ach groer Gott, was wird dazu
- Nun unsre alte Frstin sagen!!
-
- (Gruppe. Der Vorhang fllt.)
-
- Ende des vierten und letzten Akts.
-
-
-
-
- Bemerkungen
- ber das vorliegende Stck.
-
-
-ber jedem chten Kunstwerke liegt der Hauch der Ursprnglichkeit
-gebreitet, den der Mechanismus des Copirens, der Nachbildung abstreift.
--- Aber wer eine Statue, ein Bild copirt, arbeitet wenigstens in dem
-nmlichen Stoff; -- der bersetzer dagegen soll den geistigen Stoff in
-einem ganz anderen Material, in einer anderen Sprache wiedergeben, und
-bersetzungen gleichen daher, wie der sonst verstndige, tolle Junker
-von la Mancha sagt, -- _verkehrten Tapeten_. Am schwierigsten erscheint
-nun die bersetzung eines dramatischen Stckes, wenn die Sprache je nach
-den Characteren eine ganz verschiedene ist, und wenn verschiedene
-Bildungsstufen und Zustnde eigenthmlicher, ja lokaler Art dargestellt
-sind. Und dieses ist der Fall mit dem vorliegenden Drama Gribojdoff's.
-Es ist nicht schwer die Sprache von Sophie oder Tschatzki wiederzugeben:
-sie sprechen die Sprache aller gebildeten Menschen; wer aber vermchte
-in einer andern Sprache solche eigenthmliche Erscheinungen
-wiederzugeben, wie einen Famussoff, einen Scalosb, einen Repetloff.
-Jeder von ihnen fhrt eine verschiedene Sprache, welche die
-verschiedenen Bildungsstufen bezeichnet, auf der jeder sich befindet.
-
-Noch einer andern Schwierigkeit mu ich erwhnen: Oft ruft der Gegensatz
-von Fremdwrtern mit der familiren Sprache eine unwiderstehliche Komik
-hervor, die also nicht sowohl im Sinne als in der Wortstellung liegt.
-Von solchen Stellen wimmeln die Reden Famussoff's, und wie selten kann
-die treue bersetzung zugleich mit einer hnlichen Wortstellung
-verbunden werden!
-
-Nach diesen Ansichten von bersetzungen, nach diesem Bekenntni des
-Unvermgens wird man mir hoffentlich nicht die Absicht unterschieben
-wollen, als ob ich diese bersetzung unternommen htte, um solchen, die
-nicht russisch verstehen, das Original zu ersetzen.
-
-Mein Endzweck war ein ganz anderer. Ich schrieb diese bersetzung nicht
-sowohl fr Deutsche oder solche die deutsch und nicht russisch
-verstehen, sondern vor allen Dingen fr -- Russen. Man verstehe mich
-nicht unrecht. Jeder wird mir zugeben, da es angenehm wre eine Sprache
-zu erlernen ohne das Lexicon immerfort aufschlagen zu mssen. Wenn nun
-ein Russe z. B. deutsch lernen wollte, so wrde er, glaube ich, dieses
-am bequemsten aus getreuen bersetzungen derjenigen russischen
-Meisterwerke, die er bereits im Original auswendig kennt. Hierzu rechne
-ich Kryloff's Fabeln, Puschkin's Ongin und das vorliegende Drama. In
-meiner bersetzung habe ich, dem Original Vers fr Vers folgend, die
-Redeweisen durch hnliche deutsche wiederzugeben versucht. Hierbei ist
-nicht zu vergessen, da die Sprache des Stcks die gewhnliche
-Umgangssprache ist, und ich hoffe, da man mir nicht den Vorwurf machen
-wird, eine andere als die brgerliche Conversationssprache in der
-bersetzung gebraucht zu haben. Der Russe wird also aus ihr deutsch
-_sprechen_ lernen und zwar mit den _eigentlichsten_ Redeweisen an ihrem
-Ort.
-
-Aber auch demjenigen, der russisch erlernen will kann ich keinen
-besseren Rath ertheilen, als _Gore ot uma_ zu lesen, denn die Sprache
-ist, wie gesagt, die Umgangssprache und durch die gebundene Rede ist der
-Werth der Sylben, die Betonung, der Accent sogleich gegeben. Solchen
-wrde denn meine bersetzung eine willkommene Beihlfe werden zum
-Verstndni des Originals, da die dunkelsten Stellen nach sorgfltiger
-Kritik der verschiedenen Auslegungen bersetzt sind.
-
-Die Idee, die diesem Stcke zu Grunde liegt, ist eine schon bekannte.
-Sie ist in einer Gellert'schen Fabel anmuthig und bndig gegeben.
-
- Du Narr willst klger sein als wir?
- Man zwang den Pez davon zu laufen.
-
-Goethe hat den nmlichen Gedanken in den schnen Versen im Faust
-ausgedrckt:
-
- Die Wenigen, die ihr Gefhl, ihr Schaun
- Dem Pbel offenbarten
- Hat man von je gekreuzigt und verbrannt!
-
-Wir sehen im _Gore ot uma_ einen strebenden, mit glhender
-Vaterlandsliebe begabten, jungen Mann von seinen Reisen zurckkehren;
-auf diesen hat er mit Verdru erkannt, da die Gesellschaft seiner Zeit
-in Ruland eine Copie darstellt, und dieser Gedanke erfllt ihn auf's
-schmerzlichste. Mit diesem Unfrieden im Herzen kehrt er ins Vaterland
-zurck, und findet zum Unglck noch seine Jugendgeliebte kalt und
-abgewendet. Seine Mistimmung steigert sich dadurch, sein Mund geht ber
-wovon sein Herz voll ist, er macht sich aller Welt verhat, und durch
-ein Miverstndni, das jeder befrdert, sieht er sich fr verrckt
-erklrt und steht einsam da.
-
-Der Dichter schwingt die unbarmherzigste Geissel des Spottes ber die
-verderbten sozialen Zustnde in einer Hauptstadt; alle Charactere sind
-aus dem Leben gegriffen und von einer solchen inneren, menschlichen
-Wahrheit, da wir immer glauben bekannten Erscheinungen und Personen zu
-begegnen, und dem Verfasser daher immer von Herzen Recht und Beifall
-geben.
-
-Ich theile brigens nicht die Ansicht Vieler, als ob Gribojdoff
-geglaubt habe _Russen_ zu schildern; wenn er diese Ansicht hatte, so ist
-es ihm ergangen wie Wilhelm Meister, der nur _Schauspieler_ kannte, sich
-ber sie bitter beschwerte und in ihrer Beschreibung auf's treffendste,
-ohne es zu wissen, -- _Menschen_ schilderte. Ich glaube in jedem Lande
-in Europa und besonders in den greren Provinzialstdten wird man
-hnliche Erscheinungen mit geringer Modification, durch Nationalitt
-bedingt, wiederfinden, und eine freie und gehrig modificirte
-bersetzung wrde daher gewi in jedem Lande Beifall finden. ber den
-Werth des Stcks hat die Zeit bereits entschieden, die strengste Kritik
-mu entwaffnet werden durch die Thatsache, da jedermann, ehe das Stck
-gedruckt wurde -- es bereits in der Abschrift besa und fast auswendig
-wute, so da nach Polewoi's Ausdruck _die Buchdruckerkunst fr
-Gribojdoff nicht erfunden zu sein brauchte_.
-
-Die in den Namen der Personen in dem Wortlaut involvirte Bezeichnung der
-Charactere wre etwa folgende:
-
-Famussoff drfte von _famose_ abzuleiten sein, in ironischem Sinne, wie
-man z. B. sagt -- ein famoses Subject oder ein sauberes Subject.
-Famussoff ist ein selbstzufriedener, geld- und titelschtiger gemeiner
-Breaucrat.
-
-Tschatzki (von [Kyrillisch: chad`] -- Dunst?), der einzige wrdige
-Character im ganzen Stck. Sein Schicksal ist in dem Titel des Stcks
-ausgesprochen. Wollte der Dichter durch seinen Namen bezeichnen, da er
-ein Trumer war? Tschatzki macht sich freilich Luftschlsser, er
-schwrmt -- aber er ist ein edler Schwrmer.
-
-Moltschlin (von [Kyrillisch: molchat'] -- stille sein, schweigen) ist
-ein armseliger Character; ein Mensch von niederer Herkunft und
-Gesinnung. Er spielt die Flte und schreibt eine gute Hand.
-
-Scalosb (Zhneblecker, Spottvogel), ein bornirter Kamaschenheld, der
-keine Ahnung von der wahren Bedeutung eines Kriegers hat. -- Bezeichnend
-ist es, da er als Formenmensch nur immer Zahlen im Munde hat.
-
-Goritscheff (von [Kyrillisch: gorest'] -- Herzeleid), ehemals ein
-tchtiger Mensch, ist er durch eine sinnliche und herrschschtige Frau
-ganz verweichlicht; er fhlt das und ist daher verdrlich und
-melancholisch.
-
-Repetloff (von _rpter_), ein leerer, verlebter Wstling, der selbst
-ohne Bedeutung sich an bedeutendere Naturen anhngt und repetirt was
-andere sagen. Er ist das Bild eines Mannes, der schon im vorgerckten
-Alter noch nicht zur Besinnung gekommen ist und der jung zu bleiben
-glaubt, wenn er die Thorheiten und Ausschweifungen der Jugend in sein
-Alter hinbernimmt.
-
-Sagortzki (von [Kyrillisch: zagort'] -- durch Brennen schwarz
-werden?), ein berchtigter (gebrandmarkter) Spieler, Lgner und Dieb,
-der aber durch allerlei Geflligkeiten, die ihm nichts kosten, in der
-Gesellschaft sich zu erhalten wei. Ein Beweis von dem Mangel einer
-ffentlichen Meinung, von der laxen Moral groer Stdte.
-
-Mad. Chlestow (von [Kyrillisch: khlest'] -- Spieruthe), eine alte,
-brutale znkische Dame.
-
-Chrumin (von [Kyrillisch: khromt'] -- lahm werden), eine abgelebte
-Dame, die sich von dem schaalen Treiben der Blle nicht losmachen kann.
-
-Tugochoffski (von [Kyrillisch: tugo] und [Kyrillisch: ukho] --
-Steifohr), ein stocktauber und armer Frst.
-
-
-
-
- Analyse des ersten Akts.
-
-
-Die Personen dieses Aktes sind: Fmussoff, Sophie, Tschatzki,
-Moltschlin, Lisa und ein Diener. Wir sehen in ein unheilvolles Innere.
-Die Frau vom Hause ist lngst verstorben, und die Erziehung ihres
-einzigen hinterbliebenen Kindes hatte der vielbeschftigte Vater, ein
-Mann von laxer Moral, Miethlingen berlassen. Sehen wir nun, da Sophie
-mit einer lebhaften Sinnlichkeit, dem Erbtheil ihrer Eltern begabt und
-mit einer listigen und leichtfertigen Soubrette wie Lisa zur Vertrauten,
-in ihrem siebzehnten Jahre schon den zweiten Roman ihres Lebens spielt
--- bedenken wir, da diese Natur auf dem ppigen Boden einer groen
-Stadt emporwuchs, so erscheint diese Frhreife ganz motivirt. Der Held
-ihres ersten Romanes war ihr Vetter und Spielgefhrte Tschatzki, der
-Held auch des Stckes. Mit einer feurigen Einbildungs- und Urtheilskraft
-und mit einem rechtlichen Sinne begabt, waren ihm seine
-Dienstverhltnisse und dann besonders das ganze Wesen im Hause
-Fmussoff's unertrglich geworden; drei Jahr vor Beginn des Stckes
-hatte er Moskau pltzlich verlassen. Wie aus der zweiten Scene im
-dritten Akt hervorgeht, hatte er sein Glck in Petersburg versucht, und
-auch die Gunst eines Ministers gewonnen, aber er verlor sie ebenso bald
-durch eine Lebhaftigkeit, die hochgebildeten, edlen Seelen nie gestattet
-zu schweigen wo die Klugheit es auch gebietet. So hatte er durch seine
-Reise nichts gewonnen, in seiner Abwesenheit aber das Herz Sophiens
-verloren; denn das Sprichwort: _les absents ont tort_ bewahrheitet sich
-wieder hier vor uns. Theils aus Langerweile -- denn aus einer
-unerklrlichen Bizarrerie hat Tschatzki in den drei Jahren nichts von
-sich hren lassen, -- theils aus Herzensbedrfni hat Sophie sich einen
-andern Helden gewhlt, und dieser, der strkste Gegensatz von Tschatzki,
-der geistlose, geschniegelte Allerweltsdiener Moltschlin, mit einem
-leidlichen ueren und einer hndischen Geduld ausgestattet --
-erheuchelt Gegenliebe, aus Furcht, die Tochter seines Chefs zu
-beleidigen. Es folgt daraus eine ganz schiefe Stellung; -- das
-Verhltni mu vor dem ehrgeizigen Vater streng verheimlicht werden, und
-Moltschlin, der die frheren Gefhle Sophiens fr Tschatzki kennt,
-betrachtet sich nur als Spielzeug ihrer Laune, und denkt nicht an die
-Mglichkeit einer festen Verbindung. Ebenso unheimlich ist der Soubrette
-zu Muthe, weil Moltschlin arm ist und bei Entdeckung des Verhltnisses
-_sie_ vorzglich als die Vertraute gestraft werden wrde. -- Inde mu
-sie, von ihrer jungen Herrin gezwungen, die heimlichen Zusammenknfte
-bewachen, bei denen es brigens durch Moltschlins Disposition nur auf
-viel Musik und frostige Liebeleien herausluft. -- Diese Beziehungen der
-Hauptpersonen zu einander glaubte ich zu einem besseren Verstndni der
-nun folgenden Scenen voranschicken zu mssen.
-
-Mit einer Nachtwache Lisa's und einer heimlichen musikalischen Soire
-die bis zum dmmernden Morgen gedauert hat, beginnt das Stck. -- Lisa
-erwacht erschreckt, klopft an die Thr des Zimmers und sucht die
-Liebenden zu trennen. Da nichts hilft, so will sie sie dadurch
-auseinanderjagen, da sie die Spieluhr in Bewegung setzt; darber kommt
-der Alte hinzu, der auf der andern Seite des Hauses wohnt, zu dem aber
-auch allerlei Tne hinbergeklungen sind; die Spieluhr erklrt ihm
-dieses so ziemlich, aber er traut doch dem listigen Kammermdchen nicht
-recht und gestattet sich bei der Gelegenheit allerlei Freiheiten. --
-Indem hrt man Sophiens Stimme und das bse Gewissen treibt den Alten
-von der Scene; die jungen Leute treten nun auf und nehmen Abschied, aber
-der Alte erscheint in dem Augenblick wieder und ist nicht wenig
-erstaunt, sie schon so frh am Tage zusammenzufinden. Sein erster
-Gedanke ist, da es ein _Rendez-vous_ sei; es wre ihm nichts verhater,
-als wenn seine Tochter einen blutarmen Menschen zu lieben sich in den
-Kopf gesetzt htte, und in rgerlicher Stimmung ergiet er in dieser
-Scene seine Galle ber die jungen Damen in Moskau, sowie ber das
-Unterrichtswesen und schiebt die Schuld alles Unheils schlielich auf
-die Franzosen und ihre moralischen und physischen Leckereien. -- Er
-geht, nur halb beruhigt, mit Moltschlin fort, und in dem Zwiegesprch
-der beiden Mdchen erfahren wir nun, da der Alte sich den reichen
-Oberst Scalosb zum Schwiegersohne wnscht, da dieser aber durchaus
-nicht Sophiens Beifall hat. Lisa horcht nun ihre Herrin in Bezug auf
-Tschatzki aus, aber es ergiebt sich, da ihre frhere Neigung zu ihm
-einer vollkommenen Klte Platz gemacht hat -- indessen hegt sie noch
-groe Achtung vor seinem gebildeten Geiste. In diesem Augenblick wird
-die Ankunft Tschatzki's gemeldet. Sein Auftreten ist strmisch und
-feurig, Sophie ist kalt und einsylbig; Tschatzki erscheint ihr wie ein
-Gespenst, wie ein lstiger Glubiger, und sie ist nicht willens seine
-Forderungen anzuerkennen. Tschatzki ist hier sowohl, als das ganze Stck
-hindurch so verblendet wie ein wahrhaft Liebender. Es ist vergeblich,
-da Sophie sich voll des lebhaftesten Gefhls fr Moltschlin zeigt und
-gegen Tschatzki kalt, spitz, unbarmherzig, ja endlich im dritten Akt
-ganz aufrichtig ist. -- Tschatzki hlt es wohl fr mglich, da er ihr
-Herz verloren habe, da sie es aber an Moltschlin habe schenken knnen,
-begreift er nicht, und sein ganzes Bestreben geht nun dahin, den
-Nebenbuhler zu finden, der an dem kalten Empfang Schuld sein mu. --
-Tschatzki's Character, auf den wir durch Sophiens Schilderung schon
-vorbereitet wurden, zeichnet sich in dieser Scene aufs trefflichste;
-seine Bildung und ein tiefes Gefhl hebt ihn hoch ber seine
-Zeitgenossen und seine Umgebung, aber er handelt unrecht es merken zu
-lassen, er lacht laut wo er lcherliche sieht und hieraus erfolgen
-tausend Unannehmlichkeiten und jene Leiden, die der Dichter die _Leiden
-des Gebildeten_ nennt. Sophie, obgleich durch Tschatzki's Erscheinung
-beunruhigt, nimmt doch einen gewissen Antheil an seinen witzigen
-Schilderungen lcherlicher Charactere von Moskau, wie er aber
-unglcklicherweise auch Moltschlins erwhnt und ihn unbarmherzig
-kritisirt, so verwandelt sich ihr Rest von Achtung in bittern Ha. Nun
-tritt Fmussoff herein, abermals erschreckend ber den neuen miliebigen
-Prtendenten; denn Tschatzki's Grundstze, sowie sein sehr mittelmiges
-Vermgen, lassen ihn als solchen durchaus nicht erwnscht erscheinen.
-Sophie durchschaut alles schnell und mit cht-weiblicher List wlzt sie
-den Verdacht des Vaters von Moltschlin ab auf Tschatzki; -- der
-Stoseufzer Fmussoff's, der nun in Zweifeln zwischen zwei unerwnschten
-Schwiegershnen ber die Plage mit erwachsenen Tchtern klagt, schliet
-den Akt ganz vorzglich ab.
-
-
-
-
- Analyse des zweiten Akts.
-
-
-Personen: Smmtliche Personen des ersten Akts und der Oberst Scalosb.
--- Es ist etwas spter am Tage, aber noch Vormittags um die Zeit der
-Visiten. Fmussoff kommt in seinen Empfangssalon und beschftigt sich in
-einem kstlichen Monologe Einladungen aller Art, die er erhalten hat,
-durch einen Diener in einen Kalender eintragen zu lassen. Der erste
-Fremde ist Tschatzki; in dem nun folgenden Gesprch zeichnet sich beider
-Character aufs deutlichste; die Kluft zwischen ihren Ansichten deckt
-sich auf; Tschatzki sagt die Wahrheit ganz freimthig und als er gar die
-Ideale Fmussoff's lcherlich und niedrig findet, so fngt letzterer an,
-ihn entschieden zu hassen. Der Oberst Scalosb erscheint nun und wird
-von Fmussoff aufs schmeichelhafteste empfangen -- theils um ihn zu
-gewinnen, theils um Tschatzki zu demthigen. Der Oberst erscheint in
-seinen lakonischen Reden, die sich nur um das handwerksmige seines
-Standes drehen, als ein Glckspilz und gnzlich bornirter Kamaschenheld,
-der von der hheren Bedeutung des Militairstandes keine Ahnung hat.
-Nachdem Fmussoff ihm seinen Herzenswunsch, nmlich da er um Sophiens
-Hand werben mchte, sehr deutlich zu verstehen gegeben hat, geht er zu
-einem allgemeinen Lobe Moskau's ber, welches aber durch bertriebenheit
-und einen naiven Unverstand zur bittersten Persiflage wird. Tschatzki
-mischt sich zum rger des Alten zuletzt ins Gesprch, gerth in Feuer
-und schildert in einem lebhaften Gemlde eine Reihe von Schwchen oder
-gar Schndlichkeiten, die in der vornehmen Welt Moskau's vorgekommen
-waren. -- Der Alte ist in Verzweiflung, da solche Reden in seinem Hause
-gehrt wrden und luft davon; gleich darauf strzt Sophie auer sich
-herein -- sie hat aus dem Fenster gesehen, da Moltschlin vom Pferde
-gestrzt ist und fllt darber in Ohnmacht. Bei dieser Gelegenheit tritt
-ihre Liebe zu Moltschlin und ihr Ha gegen Tschatzki immer schrfer
-hervor; aber so gering denkt Tschatzki von Moltschlin, da ihm ein
-Liebesverhltni Sophiens mit diesem doch ganz unmglich erscheint. Von
-Sophien gereizt und beleidigt geht er voller Sorge ab; Moltschlin
-findet Gelegenheit Lisetten seine Liebeserklrung zu machen und diese
-deckt in einem komischen Monologe die Liebesintriguen aller Personen des
-Stcks auf. -- Tschatzki liebt Sophie, diese Moltschlin, dieser
-Lisette, diese aber gesteht ihr Ideal im Silberdiener Petrscha gefunden
-zu haben. -- (Eine hnliche Idee liegt einem Lustspiel von Calderon:
-das offene Geheimni߫, zum Grunde.) Wir erfahren in diesem Akt, da am
-Abend noch ein kleiner Ball bei Fmussoff Statt finden soll.
-
-
-
-
- Analyse des dritten Akts.
-
-
-Personen: Smmtliche Personen des Stcks mit Ausnahme Repetloff's. --
-Tschatzki, dem die Heftigkeit seiner Liebe keine Ruhe lt, erscheint
-noch vor der gewhnlichen Versammlungszeit; er will endlich klar sehen
-und seinen wahren Nebenbuhler entdecken. -- Ein leidenschaftliches
-Gesprch mit Sophien dient nur dazu ihren Ha und Tschatzki's Schmerz zu
-vermehren -- sie geht in ihr Zimmer, wo sie Moltschlin hinbestellt hat
-und lt ihn in seinem alten Zweifel; -- wie Moltschlin in Sophiens
-Zimmer will, bemerkt er pltzlich Tschatzki, erschrickt und bleibt wie
-eingewurzelt stehen. Tschatzki lt sich in ein Gesprch ein, in dem
-Moltschlin sich in der ganzen Jmmerlichkeit eines bornirten
-Actenmenschen zeigt. Er ist das im Civil, was Scalosb im Militair ist.
-Tschatzki wird im Betreff Sophiens ganz beruhigt. Die Gesellschaft
-versammelt sich indessen, und nacheinander treten allerlei moskau'sche
-oder besser gesagt grostdtische und menschliche Charactere auf. Die
-sinnliche Natalie, Gritscheff, der unter ihrem Pantoffel aus einem
-tapfern Soldaten ein weibischer Ehemann geworden ist; eine armselige,
-frstliche Familie, -- eine alte taube Grfin, die kaum noch lebt, aber
-alle Blle besucht, ihre Enkelin, eine ltliche Unvermhlte, die mit
-vielem Stolz auf die andern herabsieht; -- (bei der groen Unzahl
-russischer Frsten und der sehr begrnzten Zahl russischer Grafen wird
-auf letzteren Titel im Grunde fast ein hheres Gewicht gelegt.) --
-Sagortzki, ein falscher Spieler, Lgner, Spion und Dieb -- dennoch
-berall wegen seiner Dienstfertigkeit wohl aufgenommen, -- endlich eine
-Tante vom Hause, eine unbarmherzige alte Klatschschwester, eine von den
-Plagen einer Stadt, die, nach verblhten Reizen, durch eine bse Zunge
-und unverschmte Intriguen sich einen Kreis von Verehrern und gefllte
-Salons zu verschaffen wissen.
-
-Tschatzki findet Gelegenheit sich mit all dieser Welt zu verfeinden ohne
-ein schlimmes Wort gesagt zu haben, nur weil er so spricht und urtheilt,
-wie ein gebildeter Mann. Durch ein Miverstndni theils, theils durch
-Sophiens Rachsucht wird er zuletzt fr verrckt erklrt. -- Vortrefflich
-hat der Verfasser den Gang des Gerchts geschildert; und wie von Mund zu
-Mund eine Sache in kurzer Zeit entstellt wird. Unser Autor findet in
-diesem Akt hufig Gelegenheit zu einer lebendigen Sittenschilderung. Die
-Grundstze, die Sagortzki, Fmussoff und Scalosb an den Tag legen,
-sind der Kern der Opposition, die der ungebildete Theil einer
-Gesellschaft der Bildung und Civilisation stets entgegensetzen wird. So
-erzhlt Scalosb mit frohem Munde, da aller Unterricht fortan im
-Exerciren bestehen soll, und da Bcher nur fr feierliche Gelegenheiten
-aufbewahrt wrden: -- Fmussoff will sie lieber alle verbrannt wissen.
-Sagortzki findet Fabeln vorzglich gefhrlich; die alte Frstin erzhlt
-mit Schaudern, da ihr Vetter, ein _Frst_, in Petersburg _Chemie_
-studirt habe! -- Dagegen spricht Tschatzki die Ansichten einer andern
-Fraction in Ruland aus, die gegen die Halbheit eifern, die eine Folge
-einer zu schnellen Annherung an den europischen Westen war. In der
-Annahme der Gebruche des Abendlandes sieht er das grte Unglck fr
-Ruland; er opponirt gegen die _Form_, seine Gegner gegen das _innerste
-Wesen_ des Westens. Vorzglich ergrimmt ist er gegen die leichtsinnigen
-Franzosen und die Einfhrung ihrer Sprache in alle geselligen
-Verhltnisse, sowie gegen pedantische und unwissende Deutsche. Die
-Schwchung des Nationalgefhls und eine demthigende Abhngigkeit des
-Urtheils scheint ihm die Folge solcher Zustnde. -- Dieser Ha gegen das
-Ausland ist das, was die beiden Extreme dieser Gesellschaft, Fmussoff
-und Tschatzki, gemeinschaftlich haben; da beide hierin bereinstimmen
-ist beherzigenswerth. Doch gehen sie nicht beide zu weit? Fmussoff
-sieht in den Fremden nicht den fleiigen Colonisten, nicht den
-geschickten Fabrikanten, nicht den gebildeten Gelehrten, er sieht in den
-nach Ruland strmenden Fremden nur die Hefe, Abentheurer, Landstreicher
-und Kuchenbcker. Tschatzki nimmt vorzglich daran Ansto, da jedes
-Franzschen wie ein Orakel angehrt wird und Tanzmeister Orden erhalten
-und ihr Auge zu Frstinnen zu erheben wagen, sowie da man in jedem
-Deutschen ein _Lumen mundi_ erblickt. -- Die mag einer jetzt
-verschollenen Zeit angehren; die Aristokratie in Ruland mag liberal
-genug denken, sie geht gern um mit Gebildeten, we Standes diese auch
-sein mgen; aber in gewisse Gesellschaften und Familienkreise wird kein
-Adliger zweiten Rangs, ja kaum ein Wrdentrger des Reichs gelangen,
-wenn er nicht von altem, nationalem Adel ist. (Es giebt also wohl
-Exclusivitt, aber fr gewisse Zeiten nur.) Mit Fremden nimmt man es
-endlich nirgends sehr genau -- eine momentane, vorbergehende Artigkeit
-verpflichtet ja zu nichts; wird der einfachste russische Reisende in
-Paris nicht ebenso schnell zum Grafen und in Italien zum Principe
-gestempelt?
-
-Wir knnen die Bemerkung nicht unterdrcken, da unser Autor in den
-Fehler der meisten russischen Lustspieldichter verfallen ist: er trgt
-mit zu starken Farben auf. Manche Charactere sind dadurch ans Absurde
-gerckt. Die nmliche Erscheinung wiederholt sich wohl bei allen jungen
-Literaturen; Molire und Holberg wren solche Beispiele.
-
-Der Akt wird mit allerlei Tnzen aus der Restaurationszeit beschlossen;
-eine ritterliche Mazurka von Scalosb, wobei er zuletzt hinkniet und
-sich von seiner Tnzerin umschweben lt, verfehlt nie eine allgemeine
-Hilaritt hervorzurufen.
-
-
-
-
- Analyse des vierten Akts.
-
-
-Personen: Smmtliche Personen des dritten Akts und Repetloff. Die
-Herren N. und D. brauchen nicht wieder zu erscheinen. Die Scene ist eine
-Vorhalle mit Sulen und einer im Hintergrunde sichtbaren oberen Treppe,
-die zur Thr des Balllokals im zweiten Stock fhrt; auer dieser Thr
-sind noch drei Thren unten zu merken, die Aussenthr und neben ihr die
-des Portiers und gegenber die Thr zu Moltschlins Zimmer. Es ist etwa
-drei Uhr Morgens; der Ball ist zu Ende und die Gesellschaft zieht sich
-nach und nach zurck. So begegnen wir allen nochmals und in kurzen
-Worten prgt sich der Character eines jeden aufs wahrste und
-ergtzlichste aus. Tschatzki kommt sehr unglcklich ber diesen fatalen,
-ersten Tag die Treppe herab, noch ahnt er nichts davon, was die
-Gesellschaft ber ihn erfunden hat. Er mu unten etwas auf seinen Wagen
-warten und indem ffnet sich die Aussenthr und der Wstling Repetloff
-fllt, so lang er ist, hinein. In einer starken Weinlaune berhuft er
-Tschatzki mit Freundschaftsversicherungen und Zrtlichkeiten und
-beschwrt ihn, mit ihm zu einer Compagnie von Bacchusbrdern zu kommen,
-in deren meisterhafter Schilderung man eine zu jener Zeit berchtigte
-Gesellschaft junger, unruhiger und unzufriedener Kpfe zu erkennen
-gemeint hat. -- Tschatzki wei nicht, wie er sich losmachen soll, da
-kommt Scalosb herbei; mit einer hnlichen Aufforderung und gleicher
-Zrtlichkeit geht Repetloff auf diesen los und den Moment benutzt
-Tschatzki um in die Loge des Portiers zu schlpfen. -- Von hier hrt er
-mit seinen eigenen Ohren, was die fortgehenden Gste ber den
-angeblichen Verlust seines Verstandes uern. Als alle fort sind, tritt
-Tschatzki emprt hervor -- er kann es zuerst nicht fassen -- aber bald
-denkt er sich den Zusammenhang, nur das ahnt er nicht, da Sophie die
-Urheberin des Gerchts war, und da diese mit wenigen Worten die
-Lcherlichkeit desselben darthun konnte und es nicht that, ist auch das,
-was man ihr nicht wohl verzeihen kann.
-
-Indem er der Quelle dieser Bosheit noch nachsinnt, erscheint Sophie oben
-auf der Treppe, glaubt in ihm Moltschlin zu erkennen und ruft ihn leise
-an, -- wie sie sieht, da sie sich getuscht hat, verliert sie ihre
-gewhnliche Geistesgegenwart und eilt schnell zurck. Diese Eile verrth
-sie, -- denn jetzt erst entdeckt Tschatzki den wahren Zusammenhang der
-Sache; -- er bleibt um keine Zweifel mehr zu haben, und versteckt sich
-hinter einer Sule. Bald erscheint Lisa um sich nach Tschatzki umzusehen
-und Moltschlin zum Frulein zu beordern. Moltschlin kommt aus seiner
-Stube und macht Lisetten ein aufrichtiges Bekenntni von seinem
-Verhltni zu Sophien; oben horcht Sophie, die ihrer Soubrette leise
-gefolgt war, wahrscheinlich auch aus Unruhe ber Tschatzki's
-Erscheinung; Tschatzki hinter dem Pfeiler verborgen, hrt ebenso wie
-Sophie alles mit an. Sophie wird emprt ber Moltschlin und behandelt
-ihn berhaupt so, da man sieht, es war nicht Liebe was sie zu ihm
-fhlte, sie liebte sich nur selbst in ihm. -- Sie gebietet ihm fr immer
-das Haus zu verlassen. Nun tritt Tschatzki vor; Moltschlin entflieht;
-Tschatzki berhuft Sophie mit den bittersten Vorwrfen. -- Auf die
-lauten Reden erscheint der Alte und glaubt an ein _Rendez-vous_, und in
-seiner tragi-komischen Wuth droht er die Sache bis vor Senat und Kaiser
-zu bringen. Tschatzki entfernt sich mit tiefgekrnktem Gefhl im Herzen
-und beissendem Spott auf den Lippen; er fhlt, da seine Bildung ihn aus
-diesem Kreise verbannt, und gekrnkt in seinen heiligsten Empfindungen
-einer glhenden Liebe zu Sophien und seiner Vaterstadt, entflieht er
-beiden.
-
-
-
-
- Anmerkung des bersetzers.
-
-
-Die Schwierigkeit einer bersetzung des ganzen Stcks spiegelt sich
-schon in der bersetzung der Worte des Titels ab. _Verstand schafft
-Leiden_ ist wohl zu allgemein gesagt -- und das meinte Gribojdoff
-eigentlich nicht. Man knnte bersetzen: _Die Leiden der Bildung_ oder
-_Bildung und Leiden, Verstand und Leiden_; -- meinem Ohr gefiel noch am
-besten: _Verstand schafft Leiden. Kummer von Verstand_,[2] wie Schneider
-in der bersetzung in Prosa sagt, klang mir unertrglich.
-
-[Funote 2: C. v. Knorring bersetzte: _Leiden durch Bildung_.]
-
-
- Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig.
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise des Originales, auch der Personennamen (mit und ohne
-Akzente), wurde weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler
-wurden stillschweigend korrigert.
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow
-
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
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-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
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-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/59773-h/59773-h.htm b/59773-h/59773-h.htm
index 780e976..fcb6158 100644
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-<pre>
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-Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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-
-
-Title: Verstand schafft Leiden
- Schauspiel in vier Akten
-
-Author: Alexander Gribojedow
-
-Translator: Georg Julius von Schultz
-
-Release Date: June 17, 2019 [EBook #59773]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSTAND SCHAFFT LEIDEN ***
-
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
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-produced from scanned images of public domain material
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+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59773 ***</div>
<div class="frontmatter chapter">
@@ -10631,380 +10593,7 @@ stillschweigend korrigert.
-<pre>
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-End of Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSTAND SCHAFFT LEIDEN ***
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