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-Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Verstand schafft Leiden
- Schauspiel in vier Akten
-
-Author: Alexander Gribojedow
-
-Translator: Georg Julius von Schultz
-
-Release Date: June 17, 2019 [EBook #59773]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSTAND SCHAFFT LEIDEN ***
-
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from scanned images of public domain material
-from the Google Books project.
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- Verstand schafft Leiden.
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-
- [[Kyrillisch: Gore ot` uma.]]
-
- Schauspiel in vier Akten
- und
- in Versen nach dem Russischen des Gribojädoff metrisch übertragen
- von
- Dr. Bertram.
-
-
- Den Bühnen gegenüber als Manuscript zu betrachten.
-
-
- Leipzig,
- In Commission bei F. A. Brockhaus.
- 1853.
-
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-
-
- Personen.
-
-
- FÁMUSSOFF, Chef einer Kronsbehörde.
- SOPHIE, dessen Tochter.
- TSCHÁTZKI, ihr Jugendfreund.
- MOLTSCHÁLIN, Fámussoff's Sekretair und in dessen Hause wohnend.
- LISETTE, Sophiens Kammermädchen und Vertraute.
- Oberst SCALOSÚB.
- PLATÓN GÓRITSCHEFF.
- NATALIE, dessen junge Frau.
- REPETÍLOFF.
- SAGORÉTZKI.
- MAD. CHLESTOW, Fámussoff's Schwägerin.
- Die Gräfin CHRUMIN.
- Deren Enkelin, eine unverheirathete Dame.
- Fürst TUGOÚCHOFFSKI.
- Die Fürstin, dessen Gemahlin.
- Die erste }
- zweite }
- dritte }
- vierte } Fürstin Tochter.
- fünfte }
- sechste }
- Herr N.
- Herr D.
- Gäste beiderlei Geschlechts, Diener, Lakeien &c.
-
- Das Stück spielt in Moscau, im Hause Fámussoff's, etwa zehn Jahre
- nach dem französischen Kriege.
-
-
-
-
- Requisite bei der Aufführung.
-
-
- Erster Akt.
-
-Eine Spieluhr; ein Flöten- und Clavierspieler hinter der Scene. Ein
-Leuchter mit einem brennenden Wachslicht. Eine Mappe (für Moltschálin).
-
-
- Zweiter Akt.
-
-Ein Ofen mit hoher Spalte und einer kleinen Abstufung (auf welche
-Fámussoff hinaufsteigen will). Ein Buch (Kalender) für den Diener. Ein
-Glas Wasser. Ein schwarzes Tuch für Moltschálins Arm.
-
-
- Dritter Akt.
-
-Ein Theaterbillet für Sagorétzki. Eine Karte für Moltschálin.
-
-
- Vierter Akt.
-
-Pelze, Überschuhe, allerlei Tücher und Kappen. Brennende Lichter.
-Laternen.
-
-
-
-
- Erster Akt.
-
-
- Saal mit einer Mittel- und einer Seitenthür, die zu Sophiens
- Zimmer führt. Neben der Mittelthür steht eine hohe Wanduhr. Man
- hört anfänglich die Töne einer Flöte und eines Klaviers. Es ist
- früher Morgen.
-
-
- Erste Scene.
-
- LISETTE
-
- (ist mitten im Zimmer auf einem Stuhl eingeschlafen. Sie erwacht,
- steht auf und sieht sich erstaunt um).
-
- Es tagt? Wie schnell ist doch die Nacht vergangen!
- Ich wollt zu Bett gehn gestern Abend -- Nein!
- Es hieß -- Die Augen auf und schlafe ja nicht ein!
- »_Der Freund kommt her_,« erhalt dich munter,
- Und fielst du auch vom Stuhl herunter!
- Nun schlief ich eben ein, da fängt es an zu tagen; --
- Ich muß es ihnen gleich nur sagen,
- Die merken es sonst nie!
-
- (Sie klopft an die Seitenthür.)
-
- Nun meine Gnädigsten?! -- Fräulein Sophie!
- Ihr Abend dauert bis zum hellen, lichten Tage;
- Ums Himmelswill'n, so hören Sie doch was ich sage!
- Mein Fräulein! Herr Moltschálin! Sind Sie taub?
-
- (Sie geht von der Thür weg.)
-
- Die haben jede Furcht vergessen!
- Nun wartet nur, ich glaube fast
- Der Alte kommt noch her als ungebetner Gast.
- _Das_ ist ein Dienst bei Fräulein -- bei verliebten!![1]
-
-[Fußnote 1: Bis dahin muß die Musik immer zu hören sein.]
-
- (Sie geht wieder zur Thür.)
-
- So trennen Sie sich doch! -- Es ist ja Morgens früh!
- Wie?
-
- SOPHIE (hinter der Scene).
-
- Wie viel Uhr ist's?
-
- LISETTE.
-
- Das ganze Haus erwacht.
-
- SOPHIE (wie oben).
-
- Wie viel Uhr ist's?
-
- LISETTE.
-
- Sechs, sieben, acht!
-
- SOPHIE (wie oben).
-
- Das ist nicht wahr!
-
- LISETTE.
-
- O Amor, du verwünschter Wicht!
- Es ist doch klar,
- Sie hören mich und können
- Noch immer sich nicht trennen!
- Und warum öffnen sie die Laden nicht?
-
- (Sie wendet sich zur Uhr.)
-
- Ich stell den Zeiger vor; ich weiß, es giebt Verdruß,
- Allein ich muß!
- Ich lasse alle Glocken spielen,
- Denn wer nicht hören will -- muß fühlen!
-
- (Sie steigt auf einen Stuhl und stellt die Wanduhr, die zu spielen
- anfängt.)
-
-
- Zweite Scene.
-
- LISETTE und FAMUSSOFF (im Schlafrock, tritt durch die Mittelthür
- ein, Lisette erschrickt und springt vom Stuhl herunter).
-
- LISETTE.
-
- O je, der Herr!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Der Herr, nun ja!
- Du Naseweis -- was machst Du da?
-
- (Er hält das Glockenspiel an.)
-
- Ich konnte den Spektakel nicht begreifen;
- Das war ein Klingeln und ein Pfeifen!
- Sophie -- die konnt's so früh nicht sein;
- Bald klang's wie ein Klavier und bald wie eine Flöte.
- Das fiel mir wirklich gar nicht ein,
- Daß Du es seist, Du kleine Kröte.
-
- LISETTE.
-
- Ich weiß nicht recht, wie es geschehn --
- Ich kam daran ganz aus Versehn.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ganz aus Versehn? -- Vor euch nehm' man sich nur in Acht.
- Du that'st es sicher mit Bedacht.
-
- (Er schäkert mit ihr.)
-
- Du kleiner netter Schelm!
-
- LISETTE.
-
- Ein Schelm sind Sie! Ich will das nicht!
- Steht Ihnen das wohl zu Gesicht?
-
- FAMUSSOFF.
-
- O Tugendheldin, sei kein Kind!
- Du hast im Kopf doch nichts als Wind.
-
- LISETTE.
-
- Windbeutel selbst! Sie denken nicht daran,
- Daß Sie ein alter Mann.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nun, ja,
- Beinah'!
-
- LISETTE.
-
- Und dann
- Kommt wer, was fängt man an?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Wer denn? Sophie schläft.
-
- LISETTE.
-
- Erst eben schlief sie ein.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Erst eben? Und die Nacht?
-
- LISETTE.
-
- Das Fräulein las, und hat gewacht.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nun sieh' mal was das für Manieren!
-
- LISETTE.
-
- Französisch las sie laut bei festgeschlossnen Thüren.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Sag ihr, sie soll sich nicht die Augen ruiniren.
- Vom Lesen, muß ich frei gestehn,
- Kann ich nicht großen Nutzen sehn:
- _Ihr_ raubt den Schlummer die _französische_ Lectüre
- Und mich -- mich schläfert's fürchterlich,
- Sobald ich nur ein russisch Buch berühre.
-
- LISETTE.
-
- Wenn sie erwacht, sag' ich's Fräulein Sophie,
- Doch jetzo, bitt' ich, gehen Sie!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Warum?
-
- LISETTE.
-
- Sie wecken sie.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Wodurch sollt' ich sie wecken?
- Selbst läutet sie wahrhaftig zum Erschrecken
- Mit ihrer Uhr, und trommelt aus der Ruh'
- Die ganze Nachbarschaft mit ihrer Symphonie!
-
- LISETTE (sehr laut).
-
- Ach hören Sie doch auf, ich bitte Sie!
-
- FAMUSSOFF (hält ihr den Mund zu).
-
- Still doch, so schrei nicht, bist Du ganz von Sinnen?
-
- LISETTE.
-
- Ich fürcht', wenn Sie noch länger bleiben, daß --
-
- FAMUSSOFF.
-
- Und was?
-
- LISETTE.
-
- Ach Herr, Sie wissen's doch, Sie sind kein Kind --
- Wie leicht erweckt die jungen Mädchen sind,
- Kaum geht die Thür, kaum flüstert man ein Wort,
- Gleich ist der süße Morgenschlummer fort.
- Und Alles hören sie.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ach, Alles dummes Zeug!
-
- SOPHIE (hinter der Scene).
-
- Lisette!
-
- LISETTE.
-
- Gleich, mein Fräulein, gleich.
-
- FAMUSSOFF.
-
- St! (schleicht auf den Zehen fort.)
-
- LISETTE (allein).
-
- Ach Gott, von unsern Herrn
- Halt' man am besten sich recht fern!
- In jedem Augenblick ist man gewiß gewärtig,
- Daß gleich ein neues Unglück fertig;
- O wenn man doch von diesen beiden
- Den größten Leiden
- Verschont nur bliebe:
- Von Herrenzorn und Herrenliebe!
-
-
- Dritte Scene.
-
- LISETTE. SOPHIE (tritt mit einem Licht aus ihrem Zimmer) MOLTSCHÁLIN
- (folgt ihr).
-
- SOPHIE.
-
- Lisette, welch ein Lärm! was fällt Dir ein?
-
- LISETTE.
-
- Die Trennung scheint recht schwer zu sein,
- Verschlossen bis zum Tag, und doch nicht zur Genüge!
-
- SOPHIE.
-
- Wahrhaftig, es ist Tag!
-
- (Sie löscht das Licht aus) Der Tag
- Erschien -- und auch der Kummer! -- -- -- ach!
- Wie doch die Nächte schnell vergehn!
-
- LISETTE.
-
- Nur zu, Sie mögen sich beklagen,
- Allein, das muß ich Ihnen sagen,
- Für einen Dritten ists nicht auszustehn!
- Der alte Herr war da
- Und ich war einer Ohnmacht nah,
- Ich wandt' mich hin und her
- Und log ihm vor die Kreuz und Quer.
- (Zu Moltschalin) Und Sie, was bleiben Sie denn noch?
- So machen Sie Ihren Bückling doch
- Nur schnelle!
- Das Herz steht nicht an rechter Stelle!
- So sehn Sie nach der Uhr! Sie glauben, daß ich spaße!
- Die ganze Welt ist längst schon auf der Straße!
- Im Haus ist Alles schon erwacht,
- Man fegt, in Ordnung wird das Haus gebracht,
- Und Sie, Sie stehn noch da wie angebunden!
-
- SOPHIE.
-
- Ach Glückliche -- -- die zählen nicht die Stunden!
-
- LISETTE.
-
- Nur immer zu! Ei sicherlich
- Ist's angenehm, die Zeit sich zu versüßen;
- Allein wer anders wohl als ich
- Wird noch zuletzt für Alles büßen?
-
- SOPHIE (zu Moltschálin).
-
- So gehen Sie, wir müssen scheiden
- Und einen ganzen Tag voll Langerweile leiden.
-
- LISETTE.
-
- So lassen Sie die Hände doch nur fahren!
- (sie trennt sie) Nun endlich, -- laß uns Gott bewahren!
-
- (Moltschálin geht ab; wie er bei der Mittelthür ist, öffnet sie sich
- und Famussoff tritt angekleidet herein, er bleibt stehn und sieht
- Moltschálin verwundert an.)
-
-
- Vierte Scene.
-
- DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Was tausend ist denn das? Sind Sie es wirklich?
-
- MOLTSCHÁLIN (sehr verlegen).
-
- Ja!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Zu dieser Stunde hier?
- (erblickt Sophie) Und auch Sophie? Ei guten Morgen
- Sophie, Du bist auch da?
- Was hast Du hier zu sorgen?
- Wie hat Euch Gott zu dieser Stunde
- So wunderlich zusammen hier gebracht?
-
- SOPHIE.
-
- Er kam herein in diesem Augenblick --
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Von einer Promenade erst zurück
- Trat eben ich ins Haus.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Freund, hören Sie, es könnt nicht schaden,
- Sie suchten sich zu Morgenpromenaden
- Ein andres Gäßchen aus! --
- Ei, Fräulein Tochter, ei, kaum aus dem Bett gesprungen
- Zusammen gleich mit einem Herrn,
- Mit einem jungen!
- Sag, schickt sich das für Mädchen wohl von fern?
- Des Nachts liest Du Romane und Gedichte,
- Und das sind nun die saubern Früchte!
- Das Alles nur kommt von der Schmiedebrücke
- Und von den ewigen Franzosen her.
- Da holen wir uns Moden, Musen, Dichter
- Und ähnliches Gelichter,
- Und drum ist Herz und Beutel leer!
- Wann wird der Himmel uns erretten
- Von ihren Hüten, Hauben, Ketten --
- Von ihren Salben und Pomaden
- Und den Bisquit und Bücherladen!!
-
- SOPHIE.
-
- Verzeihen Sie --! Ich bin schon ganz benommen,
- Und kann vor Ueberraschung nicht zu Athem kommen.
- Sie traten ja so rasch und plötzlich ein --
- Wie sollt' ich nicht erschrocken sein?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ich danke ganz gehorsamst! -- Ei wie fein!
- Ich lief, ich hab' erschreckt, ich kam so plötzlich!
- Nicht wahr, das war von mir entsetzlich?
- Ich, Fräulein Tochter, hab' den ganzen Tag zu thun,
- Da ist kein Rasten und kein Ruh'n;
- Der Kopf ist mir vom Dienste wie benommen,
- Es ist ein ew'ges Gehn und Kommen,
- Und ich -- auf dem schon Alles liegt,
- Konnt ich erwarten, daß man mich betrügt?
-
- SOPHIE (in Thränen).
-
- Wie so mein Vater?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nicht geweint!
- Gieb Acht, was ich Dir sage; freilich meint
- Man immer, daß ich ohne Ursach schelte,
- Doch, hör' mich an, wenn ich Dir noch was gelte;
- Man that von deiner Wiege an
- Für Dich, was man nur irgend kann. --
- Die Mutter starb; ich hatt' die glückliche Idee
- Und nahm in der Madame Rosier
- Dir eine zweite Mutter dann
- Für eine starke Gage an.
- Die goldene Alte -- folgte deinen Tritten --
- Klug war sie, sanft, von tadellosen Sitten; --
- -- Wenn Eins nur nicht gewesen wär'!
- Eins habe ich ihr sehr verdacht:
- Durch nur fünfhundert Rubel jährlich mehr
- Ward sie uns abspenstig gemacht! --
- Doch lassen wir Madam' -- an der da lag es nicht.
- Was brauchst Du anderer Exempel?
- Mein Haus gleicht einem Tugendtempel,
- Des Vaters Beispiel lehrt Dir Pflicht!
- Da -- schau mich einmal an!
- Ich sage nicht, ich sei ein junger Mann
- An Jahren, --
- Doch bin ich frisch bei meinen grauen Haaren,
- Dazu bin ich doch Wittwer, bin doch frei,
- Herr meiner Handlungen dabei!
- Und dennoch leb' ich so, daß jeder, der mich kennt,
- Mein Leben exemplarisch nennt.
-
- LISETTE.
-
- Doch dürft' ich fragen, Herr, wie's -- --
-
- FAMUSSOFF.
-
- Schweig'!
- Ein schreckliches Jahrhundert! -- --
- Allein -- was ist man so verwundert,
- Daß Alles altklug jetzt und weise vor den Jahren,
- Und unsere Töchter ganz voran,
- So daß man sie vor Thorheit und Gefahren
- Mit Müh' und Noth kaum schützen kann.
- Wir Einfaltspinsel!
- Wir haben selbst das Unglück uns gebracht,
- Ja! -- Die Manie zum fränkischen Gewinsel,
- Die fremden Sprachen haben das gemacht.
- Landstreicher nimmt man heutzutag ins Haus --
- Die Herrchen sollen Alles lehren
- Dem Töchterchen -- Tanz und Gesang,
- Mit Seufzern und mit Seelendrang
- Und Ziererei -- --
- Gott steh uns bei!
- Man möchte schwören,
- Daß wir sie auferziehen traun!
- Zu nichts als zu Seiltänzer-Fraun.
-
- (Er wendet sich zu Moltschálin.)
-
- Und nun zu Ihnen, junger Fant: --
- So also wird die Güte anerkannt?
- Ein schöner Dank!
- Bedenken Sie doch Ihren Lebenslauf!
- Wer hob Sie aus dem Plebs herauf?
- Wer schaffte Ihnen den Assessorrang?
- Wer machte Sie zum Secretair?
- Wer führte Sie nach Moskau über?
- Ich war's -- und ohne mich, mein Lieber,
- Versauert wären Sie in Ihrem Twer!
-
- SOPHIE.
-
- Wozu, mein Vater, zählen Sie das her?
- Wozu der Streit --
- Um eine Kleinigkeit?
- Moltschálin wohnt im Hause hier --
- Er tritt herein und irrt sich in der Thür.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Er irrt' sich, oder wollte er sich irren?
- Wie aber kam'st denn Du zu gleicher Zeit herein?
- Das kann nicht bloßer Zufall sein.
-
- SOPHIE.
-
- Sie sollen das sogleich erfahren:
- Als Sie hier erst mit Lisa waren
- Hat Ihr Gespräch mich aus dem Schlaf erweckt,
- Und darum rannt' ich her, ganz ungemein erschreckt.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Am Ende kommt's heraus, daß mir die Schuld gehört,
- Ich habe sie, wie's scheint, zur Unzeit hier gestört!
-
- SOPHIE.
-
- Die größte Kleinigkeit, ein Wort -- geflüstert kaum --
- Kann aus unruh'gem Schlaf mich wecken;
- Wenn ich erzählte meinen Traum,
- Verständen Sie auch meinen Schrecken.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ein neu Histörchen?
-
- SOPHIE.
-
- Was ich sah'
- Im Traum, soll ich's erzählen?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nun, ja, ja! (er setzt sich.)
-
- SOPHIE.
-
- Ja -- sehen Sie -- ich stand von Blumen rings umblüht
- Auf einer Flur -- und war bemüht
- Ein Kraut zu suchen; -- müht' mich sehr --
- Doch welch ein Kraut es war, das weiß ich jetzt nicht mehr;
- Da, -- plötzlich -- tritt ein junger Mann
- Zu mir heran!
- Ganz offenbar gehörte er zu Denen,
- An die wir uns beim ersten Blick gewöhnen,
- Und so -- als wären wir von Ewigkeit bekannt.
- Wir wurden ganz vertraut, -- er war gewandt,
- Einschmeichelnd, und er zeigte viel Verstand,
- Doch war er schüchtern -- -- wie -- Sie wissen alle sind
- Die arm geboren.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Halt mein Kind,
- Um's Himmelswill'n geh weiter nicht,
- Für Dich passt doch kein armer Wicht!
-
- SOPHIE.
-
- Doch schnell war Himmel, so wie Flur verschwunden;
- Wir haben plötzlich uns
- In einem dunklen Raum gefunden,
- Und denken Sie, wie wunderbar!
- Der Boden öffnet sich -- und Sie mit struppigem Haar,
- Blaß wie der Tod -- Sie steigen draus empor.
- Nun riß sich donnernd auf ein Thor,
- Und Ungeheuer, weder Mensch noch Thier,
- Ergriffen ihn, der neben mir.
- Sie quälten ihn, der all mein Lebensglück --
- Ich will zu ihm -- sie halten mich zurück --
- Geschrei und Röcheln, wie ein Höllenchor
- Trifft mit Gewalt mein banges Ohr --
- Er ruft mir aus der Weite -- fern,
- Ich will zu ihm so gern, so gern -- --
- Da wach' ich auf! man spricht -- es waren Sie!
- Wie -- denke ich -- der Vater hier so früh?
- Ich eile her und find' Sie alle beide. --
-
- FAMUSSOFF (nach einer kurzen Pause).
-
- Ja freilich, dieser Traum war schlecht;
- Da ist so allerlei, betrachtet man ihn recht,
- Ein bischen Lüge, ohne Zweifel
- Und Liebe, Blumen, Schreck und Teufel!
- (Zu Moltschalin) Doch Sie Mosje?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ich hörte Ihre Stimme, -- --
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nun das ist gut! -- --
- Was doch so eine Stimme thut!
- Sie haben Alle sie gehört
- Und sind vor Tagesanbruch aufgestört,
- Sie suchten also mich? Was kann Sie zu mir führen?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ich komme mit Papieren. --
-
- FAMUSSOFF (springt auf).
-
- Dacht' ich's doch,
- Das fehlte mir gerade noch!
- Mein Gott, Sie sind ja wie versessen
- Mit Einemmal auf Schreiberein?
-
- (Zu Sophie.)
-
- Nun, Töchterchen, wir wollen das vergessen!
- Zwar können Träume seltsam sein,
- Doch in der Wirklichkeit hört man von Dingen,
- Die oft viel seltsamer noch klingen,
- Als das, was uns im Traum erscheint.
- Statt eines Kräutleins fand'st Du einen Freund,
- Doch schlage Dir das dumme Zeug
- Nur aus dem Sinne gleich.
- Das Wunderliche hat nur selten Sinn,
- Drum geh' hinein und leg' Dich wieder hin.
-
- (Zu Moltschálin.)
-
- Wir wollen gehn
- Um die Papiere durchzusehn.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ich bracht' sie eben dazu her,
- Denn sie bedürfen dessen sehr:
- Sie widersprechen sich und sind nicht in der Form.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Herr Sekretair -- das nehmen Sie zur Norm:
- Eins fürcht' ich wie die Pest --
- Wenn man sich Schriften häufen läßt.
- Doch würdet Ihr nur Euren Willen haben,
- Man säße in Papier begraben.
- Drum merken Sie sich dieses Wort:
- Was unterzeichnet ist, muß fort!
- Ob's richtig, ob es falsch auch sei,
- Mir einerlei! --
-
- (Gehen ab, an der Thür läßt Famussoff den Moltschálin vorangehen).
-
-
- Fünfte Scene.
-
- SOPHIE. LISETTE.
-
- LISETTE.
-
- Da haben Sie's! Das sind die Früchte!
- Nun, eine saubere Geschichte!
- Doch Scherz bei Seit', das war' nicht gut,
- Ich bin ganz hin und mir ist schlecht zu Muth.
- Ein Fehler ist ja doch nicht »alle Welt« --
- Doch schlimm ist's, wenn die Leute davon reden.
-
- SOPHIE.
-
- Mir einerlei, frei steht das einem jeden,
- Und schwatzen mag er, wie es ihm gefällt.
- Allein, der Vater wird uns was zu schaffen machen;
- Er ist so heftig und so rauh in solchen Sachen,
- Und so war's immer,
- Allein von jetzt an wird's gewiß noch täglich schlimmer.
-
- LISETTE.
-
- Ich seh's ja; es ist Gott zu klagen!
- Ich urtheil' nicht nach Hörensagen;
- Drum -- denken wir an alle Fälle:
- Sperrt er Sie ein und bleib' ich nur zur Stelle,
- So steht die Sache immer noch ganz gut,
- Doch, Gott bewahr', wollt' er in seiner Wuth
- Mich und Moltschálin aus dem Hause jagen
- Dann wären Sie doch wirklich zu beklagen!
-
- SOPHIE.
-
- Sieh', ist das Schicksal nicht voll Eigensinn!
- Was Schlimmres geht uns oft so hin,
- Und schlimm geht's wo wir gar nichts ahnen!
- Sanft floß die Zeit in dem Genuß der Kunst,
- Wir standen -- schien's -- beim Schicksal recht in Gunst,
- Nicht Bangen noch Besorgniß fühlten wir,
- Und sieh' -- das Unglück saß schon vor der Thür!
-
- LISETTE.
-
- Das kommt davon! -- Sie haben leider nie
- Auf mich gehört und nun -- nun sehen Sie! --
- Was braucht es besserer Propheten?
- Sie müssen dies Gefühl in Ihrem Herzen tödten.
- Ich sage Ihnen: hier auf Erden
- Wird draus in Ewigkeit nichts werden!
- Ihr Vater ist gerade so gesinnt
- Wie's Alle hier in Moskau sind:
- Zum Schwiegersohne hätt' er einen gern
- Mit hohem Rang und Ordensstern;
- Doch trotz der Sterne und der Ränge
- Ist mancher dennoch in der Enge,
- Drum sucht er Ihnen auch noch einen reichen Mann,
- Der Aufwand macht und Bälle geben kann;
- Zum Beispiel: Scalosub gehört zu dieser Zahl --
- Ein Sack mit Gold gefüllt und nächstens General.
-
- SOPHIE.
-
- Das wäre schön! Ein solcher fehlt mir g'rade!
- Er kennt ja nichts als Reih'n und Fronten und Parade.
- So ein Kamaschenheld!
- Aus seinem Mund, so lang er auf der Welt
- Kam nie ein kluges Wort;
- Geh' mir mit Deinem Oberst fort!
- Ins Wasser springen -- ihn zum Ehgemahl,
- Das wär' mir beides gleich fatal.
-
- LISETTE.
-
- Nun ja, er schwatzt und hat das Pulver nicht erfunden,
- Doch sagen Sie mir unumwunden:
- Wer hier wohl von Civil und Militair
- Beredter, witziger und feiner wär
- Als Tschatzki -- nun -- ich wollte Sie nicht necken --
- Das ist nun längst vorbei, Gott weiß, wo er mag stecken --
- Doch die Erinnerung -- --
-
- SOPHIE.
-
- Oh, ich erinnere mich:
- Die Leute zu verspotten wußt' er meisterlich!
- Er amüsirte mich -- er wußte Spaß zu machen;
- Mit jedem kann man ja zusammen lachen.
-
- LISETTE.
-
- Nur lachen? Ach, als er hier Abschied nahm,
- Schwamm er in Thränen ganz, als er von Ihnen kam.
- Ich sprach ihm zu: Was weinen Sie denn so?
- Sie reisen doch und sind nicht froh!
- »Ich weine, Lischen, nicht umsonst« sprach er,
- »Die Trennung fällt mir, ach, so schwer!
- »Kehr ich zurück, was steht mir dann bevor,
- »Wer weiß zu sagen wohl, was ich alsdann verlor!«
- Der arme Herr, ihm ahnt', daß in drei Jahren -- -- --
-
- SOPHIE.
-
- Du könntest besser Deine Zunge wahren!
- Ich geb' es zu, daß ich vielleicht
- Ihn allzuschnell vergessen;
- Leicht handelt' ich -- indessen
- Sag mir frei,
- Wem brach ich je die Treu'?
- Mit Tschatzki -- freilich -- bin ich auferzogen,
- Wir waren uns als Kinder recht gewogen,
- Beisammen stets, zu allen Stunden,
- Und durch Gewohnheit schon verbunden.
- Doch später endete der Frieden,
- Es kam mir vor, als hätt' er uns gemieden.
- Es schien ihm hier nicht zu behagen,
- Und selten kam er noch ins Haus --
- Dann kam er plötzlich wieder -- führte Klagen
- Und sah verliebt und melancholisch aus.
- Er war von Witz und Schwermuth die Vereinung,
- Und scharf war für die Schwächen Anderer sein Blick;
- Doch hatt' er in der Freundschaft sehr viel Glück
- Und drum von sich die höchste Meinung.
- Und wie veränderlich war nicht sein Sinn!
- Die Lust zu reisen riß ihn plötzlich hin.
- Ach, wer uns wirklich liebt, der sucht nicht weiter Geist
- Und bleibt so lang nicht fort!
-
- LISETTE.
-
- Wo ist er hingereist?
- In welchem Land, an welchem Ort?
- Man sagte er curirt sich auf den Wässern;
- Krank ist er nicht --
- Er mögte wohl die Laune sich verbessern.
-
- SOPHIE.
-
- Gewiß, dort ist er froh, wo Lächerliche sind!
- Der, den ich liebe, ist nicht so gesinnt;
- Der opfert sich für Andere mit Freuden,
- Stets artig ist er, stets bescheiden.
- Respectvoll ist er, niemals kühn --
- Verwegen sah ich niemals ihn.
- Er nimmt die Hand mir, drückt sie dann und wann
- An's volle Herz;
- Dann seufzt er, recht aus tiefster Seele --
- Allein kein freier Scherz
- Kommt über seine Lippen. -- Ich erzähle
- Die Wahrheit Dir; wir sitzen Hand in Hand
- Und blicken uns ins Auge unverwandt.
- (Lisette lacht) Du lachst! warum? Sag', welch ein Grund
- Ist hier, aus vollem Halse so zu lachen?
-
- LISETTE.
-
- Ach Gott, das Lachen ist gesund;
- Ich lachte über andre Sachen:
- An Ihre Tante hab' ich grad gedacht,
- Und über sie hab' ich gelacht:
- Der Schmerz der Guten war so tief,
- Als der Franzose von ihr lief;
- Das Täubchen wollte vor Verzweiflung sterben,
- Ihr Haar zu färben
- Vergaß sogar die arme Frau
- Und in drei Tagen -- war sie grau!
-
- (Sie lacht.)
-
- SOPHIE (verdrießlich).
-
- Solch dummes Zeug wird man von mir auch sagen!
-
- LISETTE.
-
- Verzeihen Sie, das wird wohl Niemand wagen,
- Ich hatte mir nur vorgenommen
- Nach so viel ärgerlichen Dingen
- Zum Lachen etwas Sie zu bringen.
-
-
- Sechste Scene.
-
- DIE VORIGEN. EIN DIENER.
-
- DIENER.
-
- Herr Tschatzki ist so eben angekommen.
-
- (Ab.)
-
-
- Siebente Scene.
-
- DIE VORIGEN. TSCHATZKI.
-
- TSCHATZKI.
-
- Kaum tagt's -- und ich bin da und lieg' zu Ihren Füßen!
-
- (Küßt ihr die Hand mit Feuer.)
-
- Was giebt's? Sie wollen mich nicht wieder küssen? --
- Sie haben mich erwartet? Nicht?
- Sind sie erfreut? -- Ach nein! -- Sehn Sie mir ins Gesicht!
- Sie sind verwirrt! -- Nichts mehr? -- Welch ein Empfang?
- Als ob die Trennung keine Woche lang!
- Als ob wir gestern uns zu zweien
- Auf's schrecklichste gelangweilt hätten.
- Kein Fünkchen Liebe, wie? Und ich -- der hundert Meilen
- Durchflog in Sturm und Wetter ohne Weilen --
- Ich, voller Sehnsucht und mit Herzensbeben --
- Ich stürme her auf Tod und Leben --
- Wie oft warf nicht der Schlitten mit mir um --
- Nicht schloß mein Auge sich in fünf und vierzig Stunden,
- Und _die_ Belohnung hat mein Heldenmuth gefunden!
-
- SOPHIE.
-
- Ach Tschatzki, wie mich's freut, Sie wieder hier zu sehn!
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie sind erfreut? Ei das ist schön!
- Doch muß ich aufrichtig gestehn:
- Die Freude pflegt wohl anders auszusehn!
- Mir scheint es fast zuletzt,
- Als ob mein Jagen
- Und Pferd- und Leute-Plagen
- Mich wohl nur ganz allein ergötzt!
-
- LISETTE.
-
- Wenn Sie gelauscht doch an der Thür --
- Bei Gott, vor fünf Minuten sprachen wir
- Von Ihnen noch! Das Fräulein wird es sagen!
- Nicht wahr? Hier sprachen wir, in diesem Zimmer?
-
- SOPHIE (ironisch).
-
- Und nicht nur jetzt, nein -- immer!
- Sie haben keinen Grund zu klagen,
- Denn Niemand konnt' vom Ausland kommen,
- Den ich um Nachricht nicht befragt:
- Ob er von Ihnen nichts vernommen?
- Doch Niemand hat mir was gesagt.
- Wer nur besuchte unser Haus,
- Selbst Weltumsegler fragt' ich aus,
- Ob man Sie nicht gesehen hätte
- In -- irgend einer Postcarette!
-
- TSCHATZKI.
-
- Schon gut, es mag drum sein!
- Beglückt wer glaubt, ihm geht es wohl auf Erden! --
- Mein Gott! So ist es wahr, daß ich zurück!
- Daß ich durchflog so weite Räume!
- Daß ich Sie fand, doch nicht den alten Blick
- Aus jener Zeit der Jugendträume?
- Wo sind die Stunden hin, wo wir noch spielten
- Und nichts als Lust im Busen fühlten!!
- Hier pflegten wir uns zu verstecken,
- Das war ein Lärmen, war ein Necken;
- Wir sprangen über Stuhl und Bett --
- Ihr Vater spielte dort Piquet
- Mit Ihrer alten, guten Bonne,
- Und in dem dunkeln Winkel -- hier --
- Da saßen oft als frohe Kinder wir,
- Und schreckten auf beim Knarren jeder Thür;
- O Kinderzeit, o Zeit der Wonne!
-
- SOPHIE.
-
- Ja -- Kinderei'n!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ja, Zeiten die da waren!
- Sie wuchsen auf! -- Mit siebzehn Jahren
- Sind Sie jetzt unvergleichlich schön,
- Und wissen es, das müssen Sie gestehn,
- Und darum schau'n Sie sittsam Niemand an.
- Sind Sie verliebt? Und wär's mein Tod,
- O, sagen Sie es schnell! Sie werden roth?!
-
- SOPHIE.
-
- Wer würde nicht verlegen werden
- Bei solchen Fragen und Geberden?
-
- TSCHATZKI.
-
- So bitt' ich Sie, mir doch zu sagen:
- Wonach sollt' ich in Moskau sonst wohl fragen?
- Es herrscht doch stets das alte Einerlei;
- Ein Ball ist heute, morgen zwei.
- Der feiert Hochzeit, einem ist's gelungen --
- Ein andrer hat sich einen Korb errungen.
- Die alte, ewige Geschichte,
- Und in den Stammbüchern die nämlichen Gedichte! --
-
- SOPHIE.
-
- Das arme Moskau! Ja, das kommt vom Reisen her!
- Wo ist das Wunderland, wo es denn besser wär?
-
- TSCHATZKI.
-
- Wo wir _nicht_ sind! -- Ach sagen Sie mir doch:
- Was macht Ihr Vater? Ist er noch
- Dem Clubb, dem Englischen nach hies'gem Brauch
- Stets treu ergeben bis zum letzten Hauch?
- Und dann Ihr Ohm, sieht man ihn stets auf Bällen schweben?
- Wie? Oder hat er endlich ausgetanzt?
- Und Jener, nun, mit dem Zigeunerteint?
- Ein Türke oder Griech' -- Sie wissen, wen ich meine --
- Er hatte wie ein Storch, so schrecklich lange Beine --
- Er war allüberall zu sehen
- Auf Bällen und auf Assemblee'n,
- Und ganz besonders immer
- In jedem Speisezimmer? --
- Und dann die drei Lion's vom Boulevard?
- Die jungen Herrn seit funfzig Jahr!
- Die Ueberreichen -- an Verwandten;
- Ich glaube sicherlich,
- Daß an der Million nur wen'ge fehlten,
- Da sie, durch ihrer Schwestern Hülfe, sich
- Verwandt mit ganz Europa zählten. --
- Nun dann -- und unsere Theatersonne!
- Der edle Mann, der keine höhere Wonne
- Als Maskarad' und Schauspiel hat!
- _Die_ Worte standen stets auf seiner Stirn geschrieben;
- Wo ist der Treffliche geblieben?
- Sein Haus war grün gemalt, wie ein Zigeunerlager,
- Er war der größte Fettwanst in der Stadt,
- Doch seine Künstler waren -- mager!
- Auf einem Ball bei ihm, da stand,
- Erinnern Sie's? verborgen hinter einer Wand
- Ein Kerl dem er befohlen
- Zu trillern und zu johlen
- Wie eine Nachtigall;
- Er sollt' uns von dem Ball
- Wohl in den Lenz versetzen;
- Ein herrliches Ergötzen!
- Die Nachtigall, die Sängerin der Haine,
- Auf einem Ball beim Lampenscheine!
- Und Ihr schwindsücht'ger Vetter da, der Bücherfeind,
- Der einst in dem gelehrten Comité erscheint
- Und mit Geschrei und Eidschwur wollte,
- Daß niemand lesen oder schreiben lernen sollte.
- Die Alle soll ich wiedersehn!!
- Die Plage ist kaum auszustehn. --
- Doch Fehl und Flecken
- Kann man bei jedem wohl entdecken,
- Und wer nach Hause kehret, dem
- Ist auch
- Der Rauch
- Der Heimath süß und angenehm.
-
- SOPHIE.
-
- Ich säh' Sie einmal gern mit meiner Tante
- Um durchzuhecheln sämmtliche Bekannte.
-
- TSCHATZKI.
-
- Das Hoffräulein, noch aus Cathrina's Zeit,
- Die ganz Minerva's Dienste sich geweiht!
- Ich glaub' sie war in ihrem ganzen Leben
- Von kleinen Mädchen nur und Möpsen rings umgeben.
- Doch _à propos_! Wie ist denn jetzt die Lehrmethode?
- Ist es noch immer Mode
- Ein Regiment von Lehrern aufzuweisen,
- An Zahl vollauf, doch billigst in den Preisen?
- Und nicht, als ob sie viel grad' brauchten zu versteh'n:
- Befohlen ist's -- bei hohen Strafen
- Historiker und Geographen
- In jedem hergelauf'nen Wicht zu sehn.
- Erinnern Sie sich jenes Alten
- Der unser Mentor war? Er pflegte so zu halten
- Den Zeigefinger ausgereckt --
- Fast einem Wegeweiser zu vergleichen,
- und Rock und Käppchen der Gelahrtheit Zeichen!
- Wie oft hat er als Kinder uns erschreckt!
- Wie haben wir das oft vernommen,
- Nur von dem Ausland könnt' das Heil uns kommen.
- Wie sind wir überzeugt, wir armen Thoren,
- Daß ohne Deutsche wir ganz rettungslos verloren!
- Und der Franzose Guillaumé
- Ganz Luft und Wind,
- Knüpft er noch nicht das Band der Eh'
- Mit irgend einem schönen Kind?
-
- SOPHIE.
-
- Mit wem?
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun jede Fürstin, zum Exempel
- Die gute Fürstin Julia
- Ging' gern mit ihm in Hymens Tempel.
-
- SOPHIE.
-
- Tanzmeister ist er ja!
-
- TSCHATZKI.
-
- Und _Ritter_! Ja! -- Von uns verlangt die Welt
- Geburt, Erziehung, Rang und Geld --
- Doch Guillaumé ........
- Wie ist der Ton denn heut zu Tage?
- Herrscht noch das Sprachgewirr, die alte Ohrenplage?
- Wird noch -- selbst auf der kleinsten Assemblee
- Und von den Gästen
- Bei Kirchweih-Festen
- Französisch stets in Brocken aufgetischt?
-
- SOPHIE (zerstreut).
-
- Ein Sprachgewirr?
-
- TSCHATZKI.
-
- Zwei werden wenigstens gemischt.
-
- LISETTE.
-
- Nun, nun, es wär' doch schwer
- Aus allen beiden Sprachen
- Etwas zu machen,
- Was Ihrer Sprache ähnlich wär'.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, schwülstig spreche ich doch nie? --
- Da haben wir's -- da sehen Sie,
- Ich nutze die Minuten!
- Durch Ihren Anblick ganz in Gluthen
- Kam ich in's tausendste hinein,
- Und gleich läßt man mich schwatzhaft sein.
- Doch weiß ich, daß es Zeiten gab
- Wo ich verschlossen wie ein Grab,
- Wo ich noch ärmer schien an Geist,
- Als Ihres Vaters Secretair,
- Moltschálin -- oder wie er heißt --
- Das stille Männchen da aus Twer,
- Der stets so artig und geschniegelt!
- Hat er sein Schweigen endlich jetzt entsiegelt?
- Wo er ein Heft mit neuen Liedchen fand,
- War er gleich höflich bei der Hand --
- Bat um Erlaubniß sie sich abzuschreiben;
- Doch steigen freilich jetzt auch solcherlei Naturen,
- Denn heut zu Tage liebt man stumme Creaturen.
-
- SOPHIE (bei Seite).
-
- O, diese Schlange!
- (laut und gereizt) Ach, ich wollt' Sie fragen:
- Ist's Ihnen wohl passirt, im Ernste oder Scherz
- Von Jemand -- im Versehn -- was Gutes wohl zu sagen?
- Wenn auch nicht jetzt, vielleicht in Ihrer Jugend?
-
- TSCHATZKI.
-
- Was weiß man da von Lastern und von Tugend?
- Wozu so weit zurück? Ist es ein schlechter Zug,
- Daß ich durch Sturm und Steppen, Tag und Nacht,
- Selbst mit Gefahr des Lebens,
- Zu Ihnen her den weiten Weg gemacht?
- Und Alles, ach, vergebens! --
- Wie sind Sie stolz und kalt!
- Ich schau' Sie an seit einer halben Stunde --
- Verloren in die liebliche Gestalt --
- Und ach, nur stärker blutet meine Wunde!
-
- (Kleine Pause.)
-
- Erlauben Sie mir diese Frage:
- Ist wirklich Alles beißend was ich sage?
- Und können Sie den Vorwurf auf mich laden,
- Als wollt' ich jemand dadurch schaden?
- Wahrhaftig, wenn mein Mund vielleicht auch so gesprochen,
- So hat mein Herz doch nichts verbrochen,
- Das Wunderliche pfleg' ich zu belachen,
- Doch werd' ich ein Geschäft daraus mir niemals machen!
- Gebieten Sie ins Feuer mir zu gehn
- Für Sie, -- mit Freuden soll's geschehn.
-
- SOPHIE.
-
- Nun gut, -- verbrennen Sie!
- Doch wenn's mißlänge? -- wie?
-
-
- Achte Scene.
-
- DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.
-
- FAMUSSOFF (in der Thür).
-
- Da haben wir's, da steht der Zweite!
-
- SOPHIE.
-
- Ach Väterchen, der Traum von heute!
-
- (Geht ab, Lisette folgt.)
-
- FAMUSSOFF (bei Seite).
-
- Verdammter Traum!
-
-
- Neunte Scene.
-
- FAMUSSOFF. TSCHATZKI (sieht Sophien nach).
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nun sag', was hast Du denn getrieben?
- Wie, in drei Jahren nicht ein Wort geschrieben,
- Und plötzlich fällst Du wie vom Himmel nieder!
-
- (Umarmt ihn.)
-
- Nun, sei willkommen Freund, willkommen!
- Du alter Junge, Du!
- Jetzt haben wir Dich wieder!
- Nun, Abentheuer konnten Dir nicht fehlen,
- Da setze Dich, und nun mußt Du erzählen.
-
- (Sie setzen sich.)
-
- TSCHATZKI (nachdenklich).
-
- Wie ist doch Ihre Tochter schön!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ihr junges Volk wißt auf nichts anderes zu sehn,
- Als darauf, ob die Mädchen schön.
- Da hat sie etwas obenhin gesagt,
- Was Deiner Eigenliebe gleich behagt;
- Doch Hoffnung hat schon oft betrogen!
-
- TSCHATZKI.
-
- Mich hat sie wahrlich nicht verzogen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Der Traum von heute -- sagte sie --
- Und Du, Du grübelst nach, ich wette,
- Was denn Sophie
- Geträumt wohl hätte?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich grüble nicht, es fiel mir niemals ein,
- Den Sinn von Träumen auszulegen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Freund, traue nicht den Frauen!
-
- TSCHATZKI.
-
- Nur meinen Augen will ich trauen,
- Und das muß offenherzig ich gestehn,
- Das Fräulein ist ganz unvergleichlich schön!
-
- FAMUSSOFF (bei Seite).
-
- Er ist davon nicht abzubringen!
- (laut) Doch sage mir vor allen Dingen:
- Wo warst Du denn die ganze Zeit?
- Drei Jahre fort, das will was heißen!
-
- TSCHATZKI.
-
- Unmöglich kann ich jetzt erzählen!
- Die ganze Welt wollt' ich durchreisen
- Und kam nicht tausend Stunden weit.
-
- (Steht schnell auf.)
-
- Ich muß jetzt fort -- durchaus --
- Ich eilte her und war noch nicht zu Haus.
- Nach einer Stunde komm' ich wieder,
- Dann setzen wir uns traulich nieder,
- An Abentheuern soll es dann nicht fehlen --
- Sie können sie dann aller Welt erzählen.
-
- (Im Abgehen zu Sophiens Zimmer gewendet:)
-
- Wie ist sie schön!
-
- (Ab.)
-
-
- Zehnte Scene.
-
- FAMUSSOFF (allein).
-
- Wer ist's nun von den Zwei'n?
- »Ach Väterchen, der Traum trifft ein,«
- Und sagt's mir laut! Ei, ei, ich muß gestehn
- Ich habe mich versehn!
- Ich habe einen Bock geschossen,
- Und auf Moltschálin meine Galle erst ergossen,
- Doch jetzt heißt's: Aus dem Regen in die Traufe! --
- _Der_ ist ein Bettler, _der_ als Seladon bekannt
- Und als ein Muthwill und Verschwender
- Bei Jung und Alt im ganzen Land! -- -- --
- Was machen uns -- Herr du Gerechter! --
- Für Plagen doch erwachs'ne Töchter!
-
- (Bleibt nachdenklich stehn. Der Vorhang fällt.)
-
- Ende des ersten Akts.
-
-
-
-
- Zweiter Akt.
-
-
- Ein Empfangzimmer mit mehreren Thüren, links ein Fenster.
-
-
- Erste Scene.
-
- FAMUSSOFF. EIN DIENER.
-
- (Die Mittelthür wird von einem vorangehenden Diener rasch geöffnet
- und Famussoff tritt, elegant gekleidet, herein; an der Thür
- bleibt er etwas stehen, um den Diener zu mustern.)
-
- FAMUSSOFF.
-
- Hör'! Peter, hör'! An Dir ist stets was neu!
- Nun ist am _Ellenbogen_ wieder was entzwei!
- (Setzt sich) Nimm den Kalender. -- Doch den liest er
- Gerade wie ein alter Küster!
- Lies mit Gefühl, Verstand, und dann und wann
- Bei Punct und Komma halte an. --
- Doch schreib erst lieber
- Auf jenem leeren Blatte da,
- Der nächsten Woche gegenüber:
- »Am Dienstag zur Baronin Fladen
- »Bin auf Forellen ich geladen!« --
- Wie ist die Welt doch wunderbar creirt!
- Wenn man darüber erst philosophirt,
- So schwindelt der Verstand. -- O je, o je!
- Da nimmt man sich in Acht, und dann kommt ein Dinér!
- Drei volle Stunden muß man kauen,
- Und in drei Tagen kann man's kaum verdauen!
- Bemerk' am selben Tag -- ach nein,
- Am Donnerstag wird das Begräbniß sein!
- O Menschenvolk -- mit deinem leichten Sinn! --
- Wir müssen Alle doch dahin! -- -- --
- In jenen Kasten kommt doch jedermann,
- In dem man weder stehn noch sitzen kann.
- Doch will sich jemand Lob und Ruhm erwerben:
- Hier nehm' ein Beispiel er!
- Der Sel'ge war ein achtungswerther Kammerherr --
- Er hatte hinten ja den Schlüssel,
- Schafft' auch den Schlüssel seinem Sohn;
- Selbst reich, ich weiß das ganz genau,
- Vermählt' er sich mit einer reichen Frau,
- Und fand Parthie'n für alle seine Töchter.
- Nun ist er todt! Als Frommer und Gerechter
- Ist er aus dieser Welt geschieden,
- Und -- ruht in Frieden!
- Und wird beweint von Kind und Kindeskind --
- Die all das schöne Gut nun von ihm erben. --
- Was doch in unserm Moskau hier
- Für wicht'ge Männer sind
- Und leben hier und -- sterben! --
- Am Donnerstag, schreib eins zum andern, Peter --
- Doch könnt's auch Freitag sein,
- Wer weiß, vielleicht auch später,
- Muß ich zur Doktorswittwe gehn
- Gevatter stehn;
- Zwar habe ich noch nichts vernommen,
- Allein mir däucht es muß so kommen
- Wenn meine Rechnung richtig --
-
-
- Zweite Scene.
-
- DIE VORIGEN. TSCHATZKI.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ah! --
- Alexander, Du bist da!
- Nun -- setze Dich.
-
- TSCHATZKI.
-
- Es scheint mir, Sie beschäft'gen sich --
-
- FAMUSSOFF (zum Diener).
-
- Geh, Peterchen.
-
- (Der Diener geht ab.)
-
- Ich merkt' Geschäfte an,
- Die, Gott behüt's, man leicht vergessen kann.
-
- (Pause.)
-
- TSCHATZKI.
-
- Hab' ich die Stunde etwa schlecht gewählt?
- Ich hoffe nicht, daß Ihrer Tochter etwas fehlt! --
- Ja, Sie sind mißvergnügt! Nicht wahr?
- Ich seh' es am Gesicht, an Ihren Mienen,
- Was fehlet Ihnen?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ach, bester Freund, was ist da sonderbar?
- In meinem Alter -- ei es ist zum lachen! --
- Soll ich noch Capriolen machen?
-
- TSCHATZKI.
-
- Davon ist nicht die Rede, -- sagen Sie
- Mir nur -- was macht Fräulein Sophie? --
-
- FAMUSSOFF.
-
- Daß Dich! -- -- Nun Gott verzeih!
- Fünftausend mal
- Dasselbe Lied zu meiner Qual
- Und stets das alte Einerlei:
- Bald von dem schönen Fräulein Tochter
- Bald von dem kranken Fräulein Tochter
- Und nichts im Kopf, als meine Fräulein Tochter!
- Sag mir, -- Du hast Dich lang herumgetrieben,
- Und jetzt, so scheint mir's -- willst Du Dich verlieben,
- Und angelst gar nach meiner Tochter Hand?
-
- TSCHATZKI.
-
- Wozu die Frage?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ei, mir scheint sie passlich!
- Denn sieh', ich bin ein Bischen doch mit ihr verwandt!
- Man hat zum Vater mich -- das ist doch fasslich,
- Nicht grad' ins Blaue so hinein ernannt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Und wollt' ich um die Tochter frein,
- Was würd' des Vaters Antwort sein?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ich sagte Dir zuerst: sei kein Phantast!
- Verwalte besser, was Du hast;
- Allein vor allen Dingen
- Mußt Du's im Dienste weiter bringen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Dem Staate dient' ich gern -- allein
- Ich möcht'
- Nicht Knecht
- Nicht Diener darum sein.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Na!
- Da haben wir den lieben Hochmuth ja!
- Du solltest lieber fragen
- Wie unsre Väter es gemacht,
- Und mancher da in alten Tagen
- Es so erstaunlich weit gebracht.
- Wie kann man sich zu dienen schämen?
- Ein Beispiel solltest Du am sel'gen Oheim nehmen:
- Ja sieh' -- das war ein Mann,
- Den man zum Muster nehmen kann!
- Er speiste nicht auf Silber -- nein auf Gold!
- Es wimmelte bei ihm von Dienern und Lakei'n,
- Es mochten wohl an hundert sein!
- Mit Orden ganz bedeckt kam er zu Hof gerollt.
- Wenn man so sah -- wie ihn im langen Zug
- Zum Pallast die Carosse trug,
- Man wurde in Bewunderung versetzt.
- Er lebte stets bei Hof -- und das war nicht wie jetzt --
- Das war vor Zeiten noch, ja ja!
- Das war ein Hof -- wie nie die Welt ihn sah!
- Und Männer gab's zu jener Zeit
- Von centnerschwerer Wichtigkeit.
- Du hättest Dich, wer weiß, wie tief gebückt,
- Sie hätten kaum mit dem Toupé genickt,
- Und war's ein Günstling, ein Bojar,
- So ist's gewiß, daß es noch ärger war;
- Sie aßen, tranken -- ganz von uns verschieden,
- Nicht so, wie andre Sterbliche hienieden.
- Der Ohm? Was sind jetzt Fürst und Graf dagegen!
- Ein ernster Blick, ein stolzes Wesen
- War stets auf seiner Stirn zu lesen.
- Doch hätt' ich den wohl sehen mögen
- Der, wenn es Noth that sich zu schmiegen,
- So wußte sein Genick zu biegen! --
- An einem Gallatag, vor allen Leuten
- Hatt' er das Unglück auszugleiten,
- Und so -- daß er sich fast den Hals gebrochen.
- Der Alte ächzt und krächzt --
- Und wie er endlich aufgekrochen,
- Hat Ihre Majestät zu lächeln ihm geruht;
- Ein Allerhöchstes Lächeln!! -- Und was thut
- Der Schlaukopf nun! er macht's noch bunter
- Und fällt zum zweitenmal und ärger noch herunter.
- Man lacht noch mehr, es schallt der Saal,
- Und er steht auf und fällt zum drittenmal!
- Nun, wie gefällt das Euch?
- Wir nennen's einen klugen Streich!
- Krank fiel er hin, stand aber auf gesund.
- Denn seit der Frist
- Wen lud man öfter ein zum Whist? --
- Und wer hat schmeichelhafteres gehört?
- Wer wurde so wie er geehrt?
- Der Onkel! Und das nennt ihr Kleinigkeit!
- Wer wußte so wie er mit Rängen zu belohnen?
- Der Onkel, ja!
- Wer schaffte so wie er Pensionen?
- Der Onkel! Ah? --
- Und nu!
- Ihr da, von heute, was sagt _Ihr_ dazu?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ja, in der That, Sie können seufzend sagen:
- Die Menschheit sei verdummt in unsern neusten Tagen.
- Wie kann man auch -- nach solchen Streichen
- Die neue mit der alten Zeit vergleichen!
- Zwar frisch ist noch die Kunde:
- Doch klingt sie glaublich nicht im Munde:
- Daß der zu Würden kam,
- Der nur die meisten Bücklinge geschnitten,
- Der nicht des Kriegs ruhmvolle Narbe trug,
- Nein, am Parquette sich die Stirn zerschlug!
- Der jedem Niederen -- und lag' er auf den Knieen,
- Begegnet' unerträglich stolz,
- Doch wo ein Mächtiger erschien,
- In Artigkeiten fast zerschmolz! -- --
- Man kann mit Recht bezeichnen jene Zeit
- Als die der Furcht und Niedrigkeit:
- Die niedrigsten und die gemeinsten Triebe
- Maskirten sich als Unterthanenliebe; --
- Ich rechne Ihrem Onkel dies nicht zu,
- Und lasse seine Asche gern in Ruh' --
- Doch sagen Sie, wer wohl in unsern Tagen --
- Und möcht' ihm Kriecherei auch noch so sehr behagen --
- Wer würd' es wagen
- Auf's Spiel zu setzen sein Genick
- Für einen gnäd'gen Lächelblick?
- Allein in jener Zeit
- Erregt' ein solcher Purzelbaum noch Neid,
- Und mancher alte Herr hat still bei sich gedacht:
- O hätt' ich's doch so klug gemacht!
- Ja, Kriecherseelen giebt's auch jetzt auf Erden
- Doch fürchtet jeder lächerlich zu werden;
- Und nicht umsonst wird jetzt, da sie nun wen'ger kühn,
- Von oben solchen Herrn auch weniger verlieh'n.
-
- FAMUSSOFF (bei Seite).
-
- Du großer Gott, er muß ein Carbonari sein!
-
- TSCHATZKI.
-
- Von solchen Flecken ist die heut'ge Welt wohl rein.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Gefährlich ist der Mensch!
-
- TSCHATZKI.
-
- Jetzt athmet man doch frei,
- Und Niemand drängt zum Heer der Narren sich herbei.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Was spricht er da -- und redet wie gedruckt!
-
- TSCHATZKI.
-
- Beim Gönner dann die Decke anzugähnen!
- Geduldig warten, höflichst schweigen.
- Kratzfüsseln und den Rücken beugen,
- Dann, fiel ein Schnupftuch zu den Füssen
- Begierig los drauf schießen,
- Nach Stühlen laufen, um am Gönnertisch zu speisen! --
-
- FAMUSSOFF.
-
- Das also holt' er sich von seinen Reisen?
- Die Freiheit predigt er! Nun eine saubre Führung! --
-
- TSCHATZKI.
-
- Wer auf den Gütern lebt, wer in das Ausland reist --
-
- FAMUSSOFF.
-
- Mein Gott, was ist doch Deine Zunge dreist,
- Du sprichst ja gegen die Regierung!
-
- TSCHATZKI.
-
- Und wer sich gar erkühnt,
- Daß er dem Chef nicht, nur der Sache dient!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Wär' ich Monarch, ich hielte solche Herrn
- Von meiner Hauptstadt fern
- Auf einen Büchsenschuß.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich lasse Sie zufrieden endlich.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nicht auszuhalten ist es -- schändlich!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich schalt erbarmungslos auf Ihre Zeit,
- Auf die Vergangenheit;
- Doch hören Sie, wir wollen uns vergleichen;
- Sie können einen Theil von all dem Tadel streichen
- Und unsrer Zeit als Ueberschuß verleih'n,
- Ich würde nicht darüber schrei'n.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ich habe nichts mit Ihnen mehr zu schaffen,
- Irrlehren sind's, und solche leid' ich nicht.
-
- (Er hält sich die Ohren zu.)
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich streckt' ja schon die Waffen,
- Und niemand widerspricht.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Gut, gut, ich halt' die Ohren zu!
-
- TSCHATZKI.
-
- Weshalb? Ich lass' Sie ja in Ruh'.
-
- FAMUSSOFF (heftig).
-
- Durchschnüffeln da den ganzen Erdenball,
- Maulaffen überall --
- Dann geht's nach Haus, nun sag' mir einer offen,
- Von solchen soll man was solides hoffen!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich hörte auf.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Um Gotteswill'n lass' Dich bedeuten!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich wünsch' nicht weiter mehr zu streiten.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Erbarme Dich, lass' mich in Ruh'!
-
-
- Dritte Scene.
-
- DIE VORIGEN. EIN DIENER.
-
- DIENER.
-
- Der Oberst Scalosúb.
-
- FAMUSSOFF (ohne zu hören).
-
- Nur zu, nur immer zu!
- Du kommst noch unter's Halsgericht!
- Das ist gewiß, wie zwei mal zwei macht vier.
-
- TSCHATZKI.
-
- Es ist da jemand angekommen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ich höre nichts! Vor's Halsgericht!
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie haben falsch vernommen:
- Es ist ein Fremder vor der Thür.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Vor's Halsgericht, vor's Halsgericht mit Dir!
-
- TSCHATZKI.
-
- So kehren Sie sich um, Sie kriegten einen Gast.
-
- FAMUSSOFF (dreht sich um).
-
- Was? Krieg? Rebellion?
- Auf Sodoms Schicksal bin ich längst gefasst.
-
- DIENER.
-
- Der Oberst Scalosúb hält vor der Thür,
- Befehlen Sie ihn zu empfangen?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Schaafskopf! Natürlich! sagt' ich's Dir
- Nicht hundert mal schon? Schneller, lauf --
- Bitt' ihn ergebenst gleich herauf,
- Sag', daß ich hocherfreut, sag' Wort für Wort,
- Sag', daß ich ihn erwarte, -- pack Dich fort! --
-
- (Diener ab.)
-
- (Zu Tschatzki.)
-
- Ich bitte Dich Mosje, folg' einmal mir:
- Es ist ein angeseh'ner Offizier
- Hat, für sein Alter unerhört --
- Schon einen Rang beneidenswerth,
- Hat Orden ohne Zahl,
- Ist heute oder morgen General,
- Dazu ist er solid in seiner Denkungsart;
- Ich bitt' Dich, nimm Dich jetzt zusammen.
-
- (Kopfschüttelnd.)
-
- Ach, lieber Tschatzki, -- nein!
- Nicht alles ist mit Dir -- so wie es sollte sein! -- --
- Er ist recht oft und gerne hier --
- Du weißt empfangen wird ja jedermann von mir.
- Die Leute hier vergrößern alles gleich;
- Da spricht man in der ganzen Stadt,
- Daß er ein Aug' geworfen hat
- Auf mein Sophiechen -- dummes Zeug --!
- Nun -- möglich wär's -- Sophie ist frisch und roth,
- Allein sie ist noch jung; -- ich sehe keine Noth
- So bald die Tochter aus dem Haus zu geben.
- Er mag sie wohl -- wenn mich nicht alles trügt,
- Doch übrigens, wie es der Himmel fügt.
- Ich bitt' Dich, kommt er her,
- So streite nicht die Kreuz und Quer.
- Erwäge doch ein jedes Wort
- Und wirf die albernen Ideen fort.
- Indeß wo bleibt er denn? Was kann das sein?
- Er ging gewiß zu mir, auf jene Seit', hinein.
-
- (Geht eiligst ab.)
-
-
- Vierte Scene.
-
- TSCHATZKI (allein).
-
- Was kommt ihm an! Warum wohl so in Feuer!
- Und wie steht's mit Sophie? Das ist bestimmt ein Freier.
- Wann that sie je so fremd mit mir,
- Und warum ist sie noch nicht hier?
- Wer ist der Scalosub?
- Dem Vater scheint er ja gewaltig theuer,
- Doch ach, es könnte sein
- Dem Vater nicht allein! ...
- Ja, bleibt drei Jahre nur von Haus,
- Dann ist's mit Lieb' und Treue aus.
-
-
- Fünfte Scene.
-
- FAMUSSOFF. SCALOSÚB. TSCHATZKI (im Hintergrunde).
-
- FAMUSSOFF.
-
- Herr Oberster hierher, zu uns, hierher!
- Hier ist es wärmer, bitte sehr!
- Friert Sie? -- Die Wärme kann man gleich vermehren,
- Ich öffne schnell die Ofenröhren.
-
- SCALOSÚB (im Bass).
-
- Was, selbst zu klettern, nein, das gebe ich nicht zu!
- Auf Offiziersparol, das kann ich nicht erlauben.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Sie wollen nicht, daß ich für Sie was thu'!
- Mein theurer Freund, Sie können glauben
- Für Sie, für einen Freund ist alles angenehm.
- Nun -- machen Sie's sich recht bequem,
- Den Hut hierher, fort mit dem Degen!
- Wir wollen ihn bei Seite legen;
- Hier ist ein Sopha, federweich.
-
- SCALOSÚB.
-
- Wo Sie befehlen -- mir ist's gleich.
-
- (Sie setzen sich.)
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ach, bester Freund, hier ist es grad' am Ort!
- Von unseren Verwandten erst ein Wort,
- Zwar nur entfernt, zur Erbschaft kommt es nicht --
- Ihr guter Vetter gab mir unlängst drüber Licht --
- In welchem Grade ist verwandt
- Natalja Nikolajewna mit Ihnen?
-
- SCALOSÚB.
-
- Damit kann ich nicht dienen,
- Das ist mir nicht bekannt,
- Wir dienten nicht bei einem Regimente.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Herr Oberst! Wenn ich Sie nicht kennte!
- Nein, wer mit mir verwandt,
- Den such ich auf und wär's
- Im Grund des Meers!
- Da hab' zum Beispiel jetzt
- Die ganze Kanzelei mit Vettern ich besetzt
- Ich nehme selten Leute, die mir fremd --
- Sie wissen ja, die Haut ist näher, als das Hemd! --
- Mein Secretair allein ist nicht mit mir verwandt,
- Ich nahm ihn wegen seiner schönen Hand. --
- Kommt nun die Zeit heran der Gratificationen,
- Da giebt es Kreuzchen hier zu Land,
- Und kleine Aemtchen -- allerhand --
- Wie sollte man Verwandte nicht belohnen!
- Doch wollen wir zurück auf Ihren Vetter kommen
- Der Ihrer Protection so viel im Dienst verdankt.
-
- SCALOSÚB.
-
- Ja, Anno dreizehn war's, wir thaten uns hervor,
- Zuerst im zweiten, dann im sechsten Corps.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Beglückt der Vater, dem ein solcher Sohn geworden,
- Mich dünkt, im Knopfloch trug er einen Orden?
-
- SCALOSÚB.
-
- Ja, für den dritten Mai, Sie haben recht gesehn,
- Wir saßen fest in den Transcheen;
- Da galt's! --
- Er kriegt's im Knopfloch -- ich am Hals!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ein lieber Mann,
- Man sieht ihm gleich den Helden an --
- Ein prächt'ger Mensch ist Ihr Herr Vetter!
-
- SCALOSÚB.
-
- Er hat sich leider jetzt
- Gott weiß was in den Kopf gesetzt!
- Er wäre eben avancirt,
- Da hatt er grad' den Dienst quittirt,
- Und ließ im Stiche Rang und Orden.
- Drauf ging er auf sein Landgut hin
- Und ist ein Bücherwurm geworden.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ja, ja, das Lesen -- o der jungen Thoren!
- Was geht dadurch nicht später oft verloren!
- Für Sie ist mir, was das betrifft, nicht bange;
- Längst sind Sie Oberster und dienten doch nicht lange.
-
- SCALOSÚB.
-
- Ich hatt' mit meinen Cameraden sehr viel Glück:
- Vacanzen fanden sich fast jeden Augenblick,
- Da wurden ältre aus dem Dienst geschlossen,
- Und andre -- plötzlich -- todtgeschossen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ja, ja, nur der besteht,
- Den Gott erwählet und erhöht!
-
- SCALOSÚB.
-
- Doch mancher hat noch größres Pferde-Glück!
- Wir gehn nicht weit zurück --
- Da nehmen Sie doch nur einmal
- Hier in der funfzehnten Division
- Zum Beispiel den Brigadegeneral!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Mein Gott, Sie müssen es doch selber sagen:
- Sie können sich wahrhaftig nicht beklagen!
-
- SCALOSÚB.
-
- Ich thu's auch nicht, allein dennoch -- Sie wissen --
- Ich habe nach dem Regiment
- Zwei lange Jahre laufen müssen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Zwei Jahre laufen -- Element!
- Dafür in andern Dingen
- Die Sie erreicht
- Ist es Sie einzuholen wohl nicht leicht.
-
- SCALOSÚB.
-
- Ja, freilich wird im Corps man ältre finden.
- Ich trat erst ein
- Im Jahre achtzehnhundert neun.
- Allein um rasch befördert sich zu sehn,
- Kann man verschiedne Wege gehn,
- Und hierin bin ich Philosoph,
- Ein jeder Weg ist mir egal
- Wenn er nur führt zum General.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Sie haben so vollkommen Recht zu denken.
- Gott mög' Gesundheit Ihnen schenken,
- Und dann den General,
- Und haben Sie den Rang einmal --
- Dann müssen Sie -- was soll das Zaudern sein?
- Nach einer Generalin frei'n.
-
- SCALOSÚB.
-
- Ich sag' durchaus nicht nein!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Und das ist doch so leicht, mein Bester!
- Da hat _der_ eine Schwester,
- _Der_ eine Tochter hier am Ort.
- Die Bräute bringt man nicht aus Moskau fort,
- Sie mehren sich mit jedem Jahr.
- Ach lieber Freund, Sie müssen selbst gesteh'n
- Wo kann man in der Welt ein zweites Moskau sehn!
-
- SCALOSÚB.
-
- Ja, ungeheure Plätze giebt's zum Exerciren.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nicht doch! ich meine den Geschmack und treffliche Manieren,
- Die Sitten, die von Alters her noch rühren.
- Zum Beispiel nur -- man ehrt den Sohn
- Hier um des Vaters willen schon.
- Ist auch nicht viel an ihm, es wird ihm doch nicht fehlen,
- Besitzt er erblich nur so ein paar tausend Seelen --
- Der Bräutigam ist fertig --
- Und wär' er noch so widerwärtig.
- Ein andrer, sei er auch gescheut
- Voll Klugheit und Belesenheit
- Und vollgepfropft mit hohen Dingen,
- Er wird in unsere Verwandtschaft doch nicht dringen;
- Denn darin sind wir ohne Tadel
- Wir halten noch allein auf alten ächten Adel.
- Und das ist's nicht allein! -- was Gastfreiheit betrifft!
- Wer hat vollkommner sie gefunden,
- Und hätt' er auch die ganze Welt umschifft --!
- Die Thür ist auf -- zu allen Stunden;
- Geladen oder nicht, es strömt der Gäste Menge,
- Den Wirth erfreut besonders das Gedränge,
- Ausländer, die natürlich ganz voran --
- Es sei ein Schelm, es sei ein Ehrenmann,
- Das ist uns ziemlich gleich, in jedem Falle
- Steht unser Mittagstisch gedeckt für Alle.
- Ja -- wie man uns betrachten möge,
- Vom Hacken bis zum Nacken --
- Wir Moskowiter haben ein absonderlich Gepräge.
- Da, nehmen Sie zum Beispiel unsre Jugend
- Die junge Welt, die Söhnchen, Enkelein;
- O, die sind fein!
- Zwar predigen wir streng Moral und Tugend,
- Und doch kann oft mit funfzehn Jahren
- Der Lehrer viel von ihnen schon erfahren.
- Dann unsere alten Herren, welche Geister!
- Im Disputiren sind sie Meister.
- Wenn es so losgeht über Staat und Krone,
- So sprechen sie wie lauter Salomone.
- Ein jeder weiß, er ist aus altem Haus,
- Was andre denken, was macht er sich draus!
- Und die Regierung, wie mit der sie fahren!
- Wenn's jemand hörte, lass' uns Gott bewahren! --
- Nicht daß sie grad' was neues wollten -- nein
- Behüte Gott; allein sie schrei'n
- Und streiten über dies und das
- Und wissen selber oft nicht -- was.
- So geht es fast bei jedem Schmaus,
- Man lärmt und tobt und -- fährt nach Haus.
- Wahrhaftig, lauter Kanzler außer Diensten!
-
- (Leiser.)
-
- Und im Vertraun -- noch unreif ist die Zeit --
- Doch ohne diese Herrn kommt man gewiß nicht weit. --
- Die Damen gar, das sind die höchsten Richter,
- Doch richt' sie einer nur, da machen sie Gesichter,
- Und wenn beim Kartenspiel die Stimme sie erheben
- Da giebt es oft Tumult,
- Daß wirklich alle Fenster beben.
- Mit Frauen schenk' uns Gott Geduld,
- Ich weiß es leider ganz genau
- Ich selber hatt' ja eine Frau!
- Wir haben Frau'n, wahrhaftig desperat!
- Sie sind in allem firm, schickt sie in den Senat,
- Schickt vor die Fronte sie; zum Beispiel da
- Irina Wlássjewna, Lukérja Alexiéwna,
- Tatjana Júrjewna, Pulcheria Andréewna!
- Dann unsere Töchter! Ist's nicht wahr?
- Die königliche Majestät im vor'gen Jahr
- Als sie geruht zu uns zu kommen zum Besuch,
- Konnt' sich verwundern nicht genug.
- Sie fand sie grad' nicht klassisch schön,
- Doch klassisch wohlerzogen.
- Und wahrlich, unsere Töchter sind's auch -- ungelogen --
- Wie sie verstehen sich zu kleiden,
- In Mousselin und Sammt und Seiden!
- Sie können selbst -- es ist ein Ohrenschmaus
- Französische Romanzen singen,
- Und von den Noten zwingen
- Die allerhöchsten sie heraus. --
- Besonders hängen sie am Militair,
- Das -- kommt vom Patriotismus her.
- Ja, ja, man suche nach in allen Reichen,
- Man forsche nach von Land zu Land,
- Nichts ist mit Moskau zu vergleichen.
-
- SCALOSÚB.
-
- Ja wohl, und seit dem großen Brand
- Ist unser Moskau ganz charmant.
-
- FAMUSSOFF.
-
- O nichts davon! Da haben uns geklungen
- Die Ohren schon genug! Ja, was für Neuerungen
- Seitdem sieht doch ein jedes Haus,
- Trottoirs und Straßen anders aus.
-
- TSCHATZKI (in den Vordergrund tretend).
-
- Die Häuser wurden neu, die Vorurtheile blieben! --
- Sie brauchen sich nicht zu betrüben.
- Was können Moden, Jahre, Brand und Krieg!
- Den Vorurtheilen blieb der Sieg.
-
- FAMUSSOFF (leise).
-
- Mach' Dir doch einen Knoten zum Gedächtniß.
- Zu schweigen bat ich Dich so sehr,
- Wird Dir denn das so schrecklich schwer?
-
- (Zu Scalosúb.)
-
- Herr Oberst -- hier -- wenn Sie erlauben --
- Des seel'gen Tschatzki, meines Freundes, Sohn,
- Er dient nicht -- sollten Sie es glauben!
- Ein Eigensinn!
- Das heißt -- er sieht im Dienste nicht Gewinn.
- Doch wenn er wollte, könnt' er vieles leisten.
- Er schreibt vortrefflich, übersetzt --
- Schad, schade das, -- das muß man sagen!
-
- TSCHATZKI.
-
- Recht schade -- daß Sie nicht wen anders so beklagen,
- Denn selbst Ihr Lob hat mich verletzt. --
-
- FAMUSSOFF.
-
- So richt' ich nicht allein, ich höre es von Allen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Und wer sind diese Richter? Wie?
- Sind es nicht etwa die,
- Die ihrer Glatze wegen schon allein
- Uns Jugendsinn und Freiheit nicht verzeih'n?
- Sie schlagen in Journälen nach
- Und möchten alles Alte gleich vergöttern.
- Sie schöpfen Urtheil aus vergessnen Zeitungsblättern,
- Aus jener Zeit, die von Otschákoff sprach
- Und der Eroberung der Krimm. --
- Woher der ew'ge Haß und Grimm?
- Das neue lassen sie nicht gelten
- Und singen stets das alte Lied,
- Stets fertig sind sie nur zu schelten
- Und sie bekritteln, was geschieht,
- Und merken's an sich selber nimmer
- Das: um so _älter_ um so _schlimmer_!
- Wer nicht so denkt wie sie -- den nennen sie Verräther!
- Wo sind sie denn, des Landes Väter,
- Von denen man als Muster spricht!
- Ich seh' sie nicht! --
- Ist's etwa der?
- Ein Millionär
- Durch Dieberei geworden?
- Und der mit vollem Sack und seiner Brust voll Orden
- Dem Schwerdt der Themis trat entgegen?
- Natürlich sank der guten Göttin Degen
- Herab, so viel Verdienst zu lieb,
- Und sehen Sie -- nun baut der Dieb
- Sich einen prächtigen Pallast
- Wo festlich er mit dem gestohlnen Gute prasst,
- Die Gäste strömen hin zu Hauf;
- Doch stände wohl ein Gast
- Als Kläger seines Wirthes auf?
- Wer würde wohl in Moskau sich erfrechen
- So weit zu gehn
- Von irgend jemand schlecht zu sprechen,
- Der Bälle giebt und Assembleen? --
- Ist wohl mein Richter der, vor dem ich einst den Rücken
- In meiner Kindheit mußte bücken?
- Gott weiß aus welchen räthselhaften Gründen! --
- Der Nestor -- alt und grau in Sünden,
- Der seine Diener oft verwettet
- Wenn er im Zorne und berauscht:
- Und den, der Ehre ihm und Leben oft gerettet
- Weil es ihm so gefällt, mit einem Windhund tauscht? --
- Ist's jener, der zu ganzleibeigenem Ballet
- Die Kinder von den Aeltern reißt
- Und sie nach Moskau kommen heißt?
- Sie werden auch in großen Schaaren
- Und fuderweis hierher gefahren
- Wo er, der nur vom Zephyr träumt
- Und Amoretten-Reigen
- Stolz ist der Stadt sein Werk zu zeigen.
- Doch leider steckt er sehr in Schulden,
- Die Gläub'ger woll'n sich nicht gedulden
- Und all die Seelen da, von ihm getauft
- Zu Amoretten und Zephyren
- Sie werden nun nach Rechtsgebühren
- Stückweise unterm Hammerschlag verkauft! -- -- -- --
- Da haben Sie's! Und das sind unsre Richter!
- Das sind die Sterne und die Lichter!
- Das sind die Alten und die Weisen
- Die Sie mir stets als Muster preisen.
- Und was geschieht? Versuch's ein junger Mann,
- Der nicht das Kriechen leiden kann --
- Und lege sich mit ganzer Kraft
- Allein nur auf die Wissenschaft:
- Er will nicht Stellen, will nicht Rang,
- Er fühlt nun einmal einen andern Drang --
- Der Himmel goß vielleicht in seine Brust
- Des künstlerischen Schaffens Lust,
- Sogleich erhebt man ein Geschrei
- Mordjo! Verrätherei!
- Man fliehet ihn, wie einen tollen Hund
- Und munkelt von geheimem Bund. --
- Die Uniform -- nur sie, ja! ja! -- In frührer Zeit
- Hat ihre Stickerei manch Eselsohr bedeckt.
- Wie viel Verächtlichkeit
- Wird unter ihrem Glanz versteckt!
- Und wir, wir sollen nun dieselben Wege gehn?
- Es ist nicht auszustehn!
- Und eben die Manie kann man ja schau'n
- Bei unsern Mädchen, unsern Frau'n!
- Ich selbst war unlängst noch verliebt in die Livrei,
- Doch jetzo lach' ich über solche Narrethei.
- Doch anders ging es damals her,
- Wer war nicht ganz vernarrt in's Militär?
- Einst bei'm Besuch von Gardeoffizieren
- Schien unsre Damenwelt die Sinne zu verlieren:
- Sie schrien Hurrah! Kaum ist's zu glauben,
- Und warfen in die Luft die Hauben.
-
- FAMUSSOFF (bei Seite).
-
- Es wird ihm noch gelingen
- In's Unglück mich zu bringen! --
-
- (Laut zu Scalosúb.)
-
- Verzeihen Sie, Herr Oberst, ich muß fort,
- Doch ich erwarte Sie im Kabinette dort.
-
- (Geht ab.)
-
-
- Sechste Scene.
-
- SCALOSÚB und TSCHATZKI.
-
- SCALOSÚB.
-
- Was mich besonders intressirt
- Ist, wie Sie so geschickt berührt
- Die Vorurtheile unsrer Stadt
- Die man hier für die Garde hat.
- Die Garde -- das ist ihre Wonne!
- Man schaut sie an wie eine Sonne.
- Warum zieht man sie vor
- Zum Beispiel unserm ersten Corps?
- Worin blieb dieses vor der Garde je zurück?
- Hat's schlecht're Taillen etwa und Geschick?
- Was wollen diese Evastöchter,
- Sitzt unsre Uniform denn schlechter?
- Ich kann gleich ein'ge Offiziere nennen
- Die selbst französch parliren können.
-
-
- Siebente Scene.
-
- SCALOSÚB. TSCHATZKI. SOPHIE (stürzt zum Fenster). LISETTE.
-
- SOPHIE.
-
- Ach Gott -- er fiel -- er ist verloren! ah!
-
- (Sinkt hin auf einen Stuhl.)
-
- TSCHATZKI.
-
- Wer fiel?
-
- SCALOSÚB.
-
- Sag', was geschah?
-
- TSCHATZKI.
-
- Vor Schreck liegt sie in Ohnmacht ja!
-
- SCALOSÚB.
-
- Wer denn! Woher! Was ist passirt?
-
- TSCHATZKI.
-
- Hat sie sich weh gethan?
- Stieß sie wo an?
- Was ist geschehn?
-
- SCALOSÚB.
-
- Ist was dem Alten arrivirt?
-
- LISETTE (immer bei Sophien beschäftigt).
-
- Ach seinem Schicksal kann man nicht entgehn!
- Moltschálin stieg zu Pferde
- Es bäumte sich, er stürzt' zur Erde
- Und grade Kopfvoran.
-
- SCALOSÚB.
-
- Zu straff zog er die Zügel an,
- Ja, so ein Sonntagsreiter vom Civil!
- Ich will doch hören wie er fiel
- Ob seitwärts oder ob nach vorne.
-
- (Geht ab.)
-
-
- Achte Scene.
-
- TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE (in Ohnmacht).
-
- TSCHATZKI.
-
- Wie soll man helfen, sage schneller!
-
- LISETTE.
-
- Dort steht ein Glas auf einem Teller.
-
- (Tschatzki läuft fort und holt Wasser -- alles wird halbleise und
- schnell gesprochen.)
-
- Schnell gießen Sie 's ins Glas!
-
- TSCHATZKI.
-
- Das ist schon lang gescheh'n!
- Lös ihr das Mieder! --
- Die Schläfen reib' mit Essig doch!
- Besprenge sie mit Wasser noch!
- So, so -- sie athmet wieder
- Nun fächle sie. -- Sophie?
-
- (Sophie seufzt.)
-
- LISETTE.
-
- Da seufzte sie!
-
- TSCHATZKI.
-
- Sieh' aus dem Fenster -- da --
- Da steht Moltschálin ja!
- Und diese Kleinigkeit konnt' sie erschrecken!
-
- LISETTE.
-
- Es muß in Damen-Nerven stecken.
- Das Fräulein kann es nicht ertragen,
- Fällt Jemand über Kopf und Kragen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Besprenge sie mit Wasser doch,
- So recht -- noch einmal -- noch!
-
- SOPHIE.
-
- Ach!
- Was ist geschehn, mir ist so schwach!
- Wer ist um mich?
-
- (Springt auf, heftig.)
-
- Wo ist er, sprich?
- Was ist's mit ihm?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, welch ein Ungestüm!
- Ich wollt' er hätte sich den Hals gebrochen,
- Er schreckte Sie zu Tode fast.
-
- SOPHIE.
-
- Das war unmenschlich doch gesprochen,
- Sie wollen es, daß man Sie haßt!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich sollte mich auch noch mit ihm befassen?
-
- SOPHIE.
-
- Ja! eilen, laufen, ihn erretten!
-
- TSCHATZKI.
-
- Und Sie in Ohnmacht liegen lassen?
-
- SOPHIE.
-
- Was sind Sie mir? Doch war es fremdes Unglück ja!
- Und läg' der eigne Vater da,
- Sie rührt' es nicht.
-
- (Zu Lisette.)
-
- Komm' schnell, was stehst Du noch?
-
- LISETTE (führt Sophie zum Fenster).
-
- Wohin, besinnen Sie sich doch!
- Er lebt, es ist ihm nichts geschehn,
- Sie können ihn hier aus dem Fenster sehn.
-
- (Sophie eilt zum Fenster.)
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Entsetzen, Ohnmacht, Zorn! -- So kann man nur empfinden
- Wenn den Geliebten man verliert!
-
- SOPHIE (zu Lisette).
-
- Siehst Du, wie sie den Arm ihm binden!
- Er kommt, er wird herauf geführt!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich wollt', ich hätt' mit ihm den Hals gebrochen!
-
- LISETTE.
-
- _Per compagnie!_ Nun das ist brav gesprochen.
-
- SOPHIE.
-
- Ach, lassen Sie's beim Wunsch!
-
-
- Neunte Scene.
-
- DIE VORIGEN. SCALOSÚB. MOLTSCHÁLIN (den Arm in der Binde).
-
- SCALOSÚB.
-
- Da ist er! Er erstand!
- Und unverletzt! -- Nur seine Hand
- Bekam was ab und etwas hier der Arm
- Das ganze war »_un faux allarm_!«
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ich habe Sie erschreckt? Ach nein?
- Mein Gott, Sie werden doch verzeih'n!
-
- SCALOSÚB.
-
- Ich glaubte nicht -- auf Ehre!
- Daß man durch solche Kleinigkeit
- Codille gleich verlöre!
- Sie stürzten her in großer Eile,
- Und ich erschrak, so wahr ich ehrlich bin!
- Sie fielen gar in Ohnmacht hin
- Und alles für die Langeweile!
- Für nichts und wieder nichts.
-
- SOPHIE (ohne aufzublicken).
-
- Ich seh' es ein -- und doch
- Am ganzen Leibe zittr' ich noch.
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Und zu Moltschálin nicht ein Wort?
-
- SOPHIE (wie oben).
-
- Es fehlt mir nicht an Muth
- Wirft auch der Wagen um, ich fahr' gleich weiter fort --
- Doch konnt' ich nie mit kaltem Blut
- Es sehn, wenn andre in Gefahr,
- Und wenn es gleich ein Unbekannter war. --
- Und wenn der Schaden auch geringe
- Es ist unmöglich, daß ich mich bezwinge.
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Will sie bei jenem sich vielleicht
- Entschuldigen, daß sie Gefühl gezeigt
- Für irgend einen in der Welt!
-
- SCALOSÚB.
-
- Erlauben Sie, da fällt
- Mir ein Histörchen ein;
- Die Fürstin Lassoff hier ist Reiterin,
- Ob Wittwe zwar, von Profession,
- Doch meistens reitet sie allein,
- Den Cavalieren scheint sie nicht sehr zu gefallen.
- Die Arme ist in diesen Tagen
- Vom Pferd gefallen
- Und hat sich arg zerschlagen;
- Die Schuld lag an dem Tölpel von Jokei,
- Er zählte Mücken wohl und sprang nicht schnell herbei!
- Sie soll schon ohnedem sehr unbeholfen sein,
- Nun, sagt man, soll ihr eine Rippe fehlen --
- Und darum möcht' sie wieder sich vermählen,
- Und sucht jetzt eifrig einen Mann
- Der sie als Rippe stützen kann.
-
- (Er lacht.)
-
- SOPHIE.
-
- Mein Gott, Herr Tschatzki, das ist was für Sie!
- Was meinen Sie zu der Parthie?
- Sie sollten recht so menschenfreundlich sein,
- Als Rippe sich der Wittwe weih'n --
- Denn fremdes Unglück rührt Sie ja so ungemein!
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie haben Recht! Ich hatte ja das Glück
- Und rief zum Leben Sie zurück,
- Als bleich und athemlos Sie hier in Ohnmacht lagen;
- Allein für wen ich's that, das weiß ich nicht zu sagen.
-
- (Nimmt den Hut und geht ab.)
-
-
- Zehnte Scene.
-
- DIE VORIGEN ohne TSCHATZKI.
-
- SOPHIE (zu Scalosúb).
-
- Nun heute Abend -- sehn wir Sie?
-
- SCALOSÚB.
-
- Wie früh?
-
- SOPHIE.
-
- Ich bitte nicht zu spät -- wir haben unser Kränzchen,
- Und zum Klavier macht man ein Tänzchen,
- Sie wissen ja, der Trauerfall
- Gestattet jetzo keinen Ball,
- Sie werden Freunde nur vom Hause sehn.
-
- SCALOSÚB.
-
- Sehr wohl -- doch muß ich jetzt zu Ihrem Vater gehn;
- Ihr Diener!
-
- SOPHIE.
-
- Adieu!
-
- (Verbeugung und Abschiednehmen. Scalosúb geht ab, schüttelt aber
- erst Moltschálin die Hand.)
-
-
- Elfte Scene.
-
- DIE VORIGEN ohne SCALOSÚB.
-
- SOPHIE.
-
- Moltschálin, sprechen Sie, was haben Sie gemacht!
- Ich weiß nicht, wie ich noch bei Sinnen,
- Ach hätten Sie an mich gedacht,
- Sie setzten nicht Ihr -- mir so theures Leben
- So muthwillig auf's Spiel.
- Doch sagen Sie -- wie ist's mit Ihrem Arm?
- Hat sich der Schmerz gegeben?
- Zum Doktor schicken Sie vor allen Dingen,
- Soll man nicht Tropfen bringen?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Seitdem der Arm in dieser Binde
- So schmerzt er nur noch ganz gelinde.
-
- LISETTE.
-
- Es ist ja nichts, ich will gleich wetten!
- Die Binde steht ihm nur so gut --
- Doch wer kann Sie vor bösen Zungen retten,
- Ich bitt' Sie, sei'n Sie auf der Hut.
- Denn Tschatzki -- ach, der kann's schon machen,
- Daß über Sie die Leute lachen;
- Und wenn der Oberst erst sich in die Haare fährt
- Um sein Toupé recht schön
- Zurecht zu drehn,
- Dann fängt er sicher an, die Ohnmacht zu erzählen
- Und an Verschönerungen wird's nicht fehlen.
- Selbst dieser Mensch will witzig sein!
- Ach Gott! Wer ist nicht witzig heut zu Tage!
-
- SOPHIE.
-
- Als ob nach diesen Zwei'n ich frage!
- Wer mir gefällt, den mag ich
- Und was ich will, das sag' ich.
- Moltschálin ach, wie hab' ich mich bezwungen!
- Als Sie in's Zimmer traten,
- Mich um Verzeihung baten,
- Wie hab' ich da im Innersten gerungen!
- Vor jenen durft' ich es nicht wagen
- Sie anzusehn, Sie zu befragen.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Und doch -- Sie müßten besser sich verstellen.
-
- SOPHIE.
-
- Wie sollt' ich das, wenn alle Pulse schwellen!
- Ich wollt' hinaus zum Fenster springen,
- Ich war halb todt und sollte mich bezwingen.
- Es mag die Herrn da ärgern und verdriessen,
- Was geht's mich an, was mach' ich mir aus diesen,
- Aus irgend jemand, aus der ganzen Welt!
- Mag sie doch reden, wie es ihr gefällt?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Möcht' diese Offenheit uns nur nicht Schaden bringen!
-
- SOPHIE.
-
- Man wird Sie doch nicht zum Duelle zwingen?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ach schlimmer wohl als Degen und Pistolen
- Sind scharfe Zungen.
-
- LISETTE.
-
- Bei Ihrem Vater sind die Beiden drin,
- Wie wär's, Sie gingen gleich dahin
- Und stellten sich ganz unbefangen,
- Wir glauben gern, was wir verlangen. --
- Den Tschatzki müssen Sie vor allen Dingen
- Zum Schwatzen bringen --
- Indem Sie jene Jugendzeit berühren.
- Ein bischen Liebelei, ein Wort, ein Blick
- Damit kann man zum Glück
- Bequem Verliebte an der Nase führen.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ich wage Ihnen nicht zu rathen --
-
- (Küßt Sophiens Hand.)
-
- SOPHIE.
-
- Wie?
- Auch Sie?
- Sie wollen's also auch?
- Ach, liebenswürdig sein, mit Augen ganz in Thränen?
- Ich kann mich an Verstellung nicht gewöhnen,
- Es fällt mir nichts so schwer.
- Was schickte Gott doch diesen Tschatzki her!
-
- (Geht ab.)
-
-
- Zwölfte Scene.
-
- DIE VORIGEN ohne SOPHIE.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Du Engel, allerliebster Engel Du!
-
- LISETTE.
-
- Mein Gott, ihr seid schon zwei, laßt mich doch nur in Ruh!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Welch ein Gesichtchen! Höre:
- Ich bin verliebt in Dich, auf Ehre!
-
- LISETTE.
-
- In mich -- verliebt? -- Sind Sie gescheut?
- Ich denke doch -- Sophie,
- Das Fräulein lieben Sie.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Dienstpflicht und Schuldigkeit;
- Allein zu Dir fühl' ich die reinste Liebe --
-
- LISETTE.
-
- Aus Langerweile? Ja --
- Ich kenne diese heißen Triebe!
- Ich bitte Sie -- nur nicht zu nah --
- Nein, nein, nur fort!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Hör' nur -- ein Wort!
- Ich habe drei ganz allerliebste Sachen,
- Sie könnten manche glücklich machen;
- Hör' nur Lisette:
- Vor allem eine Toilette
- Von einer Arbeit -- wunderfein!
- Ein kleiner Spiegel drauf, ein kleiner Spiegel drin.
- Und alles ringsum ächt vergoldet.
- Ein Kissen, ganz mit Perlen ausgenäht
- Und allerlei perlmutternes Geräth,
- Und Nadelbüchsen gar zu niedlich!
- Und Scheeren, alles so apptitlich!
- Zerriebne Perlen -- Schminke auch dabei
- Und dann auch sonst noch allerlei.
- Verschiedene Pomaden
- Für Lippensprung und andre Schaden.
-
- LISETTE.
-
- Sie wissen es -- ich bin nicht intressirt --
- Doch sagen Sie, woher das rührt,
- Daß Sie so blöd beim Fräulein sind,
- Und bei der Zofe recht ein Sausewind?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ich bin heut' krank und komme nicht zum Essen,
- Du schleiche zu mir unterdessen
- Ich sag' Dir alles heimlich dort.
-
- (Geht ab.)
-
-
- Dreizehnte Scene.
-
- LISETTE. SOPHIE.
-
- SOPHIE.
-
- Ich komm' vom Vater, Beide waren fort;
- Ich bin nicht wohl und will nicht speisen mit dem Alten,
- Geh' zu Moltschálin hin
- Und bitte ihn
- Daß er herauf kommt, mich zu unterhalten.
-
- (Geht ab.)
-
-
- Vierzehnte Scene.
-
- LISETTE allein.
-
- Nun das ist eine tolle Wirthschaft hier!
- Das ist ergötzlich.
- _Sie_ läuft nach _ihm_, und _er_ nach _mir_,
- Und _ich_ -- ich fürcht' die Liebe ganz entsetzlich, -- --
- Doch, -- -- unser Diener beim Büffet,
- Der Peter -- ist doch gar zu nett!!
-
- (Der Vorhang fällt.)
-
- Ende des zweiten Akts.
-
-
-
-
- Dritter Akt.
-
-
- Eleganter Saal.
-
-
- Erste Scene.
-
- TSCHATZKI, etwas später SOPHIE.
-
- TSCHATZKI.
-
- Erwarten will ich sie --; ich muß sie sehn.
- Sie muß es mir gestehn
- Wen sie denn liebt. Ist es der Sekretair,
- Ist es der Oberst -- oder wer?
- Moltschálin? dieses gute Tröpfchen!
- Ein so armseliges Geschöpfchen!
- Wie kam er zu Verstand? -- und Jener? lieber Gott!
- Solch heis'res, halberwürgtes Baßfagott! --
- Gewohnt als Sternbild stolz zu glänzen
- Bei den Maneuvern und Masurkatänzen!
- Geschick der Liebe, du --
- Spielst mit uns blinde Kuh!
-
- (Sophie tritt auf.)
-
- Sie sind's? Wie mich's erfreut
- Ich wünscht' es grad!
-
- SOPHIE (bei Seite).
-
- Zu äußerst ungelegner Zeit!
-
- TSCHATZKI.
-
- Mich suchten Sie zwar nicht?!
-
- SOPHIE.
-
- O nein!
-
- TSCHATZKI.
-
- Und freilich mag es nicht ganz passend sein,
- Doch -- einerlei -- ich muß Sie drum befragen:
- Wen lieben Sie? -- Ich bitt' es mir zu sagen!
-
- SOPHIE.
-
- Ach Gott! die ganze Welt!
-
- TSCHATZKI.
-
- Doch wer am besten Ihnen drin gefällt
- Das sagen Sie.
-
- SOPHIE.
-
- Gar viele, -- die mit mir verwandt -- --
-
- TSCHATZKI.
-
- Und Alle mehr als ich?
-
- SOPHIE.
-
- Ja -- einige! -- --
-
- TSCHATZKI.
-
- Entschieden also ist's! Was ist dabei zu machen --
- Mich bringt's zum Rasen -- Sie zum Lachen!
-
- SOPHIE.
-
- Versteh'n Sie Wahrheit zu ertragen? --
- Ich möchte Ihnen nur zwei Worte sagen:
- Warum ist Ihre Lust so groß
- Giebt sich ein andrer etwas bloß?
- Ist etwas lächerlich -- Sie werden's gleich gewahr,
- Und selbst --
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich selbst bin lächerlich? Nicht wahr?
-
- SOPHIE.
-
- Ja -- dieser böse Blick -- der scharfe Ton,
- In jedem Worte bittrer Hohn, --
- Und -- Sie besitzen
- Unzähl'ge Eigenheiten noch,
- Und Strenge gegen sich -- die könnte Ihnen nützen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich eigen? Gut! So sagen Sie mir doch
- Wer keine Eigenheiten zeigt?
- Moltschálin wohl, der einem Dummkopf gleicht
- So wie ein Ei dem andern? -- Wie?
-
- SOPHIE.
-
- Die alten Beispiele! Ich kenne sie!
- Klar ist's, Sie sind gestimmt, auf Alle
- Zu gießen Ihre schwarze Galle.
- Ich -- stör' Sie ungern drin.
-
- (Will fort.)
-
- TSCHATZKI (hält sie auf).
-
- Sie wollen fort?
- O hören Sie nur noch ein einz'ges Wort!
-
- (Bei Seite.)
-
- Einmal will heucheln ich -- und mich bezwingen.
-
- (Laut.)
-
- Den Streit -- den lassen wir -- vor allen Dingen --
- Sie haben Recht! Es thut mir Leid,
- Und gegen ihn, Moltschálin, ging ich wohl zu weit.
- Es sind verflossen fast drei Jahr,
- Er ist vielleicht ein andrer, als er war.
- Auf Erden sieht man vieles sich verändern,
- Verfassungen und Sitten und Verstand,
- Das Clima selbst von ganzen Ländern!
- Gar wicht'ge Leute, wohlbekannt,
- Die wurden früher Dummköpfe genannt,
- Schlecht als Soldaten und Poeten;
- Noch andre -- nun, ich fürcht' mich sie zu nennen
- Sie werden sie -- wie alle Welt -- ja kennen --
- Von diesen hat man nun erfahren,
- Daß in den letzten Jahren
- Sie ganz gewaltig wurden klug.
- Mag sein, Moltschálin ist -- ein solches Kraftgenie,
- Doch frag' ich eins, versteht er Sie?
- Und brennt in ihm ein solches Feuer,
- Daß ihm auf Erden nichts so theuer
- Und nichts so heilig ist, als Sie?
- Sein Herz -- wird es mit schnellern Schlägen
- Bei Ihrem Anblick sich bewegen?
- Sind Sie die Seele seines Strebens?
- Sind Sie der Endzweck seines Lebens?
- Und so fühl' ich -- doch kann ich's nicht beschreiben.
- Allein die stumpfe Wuth, die bittren Schmerzen
- In meinem wundzerriss'nen Herzen,
- Die wünsch' ich meinem Todfeind nicht! -- -- --
- Und er? -- Er schweigt
- Und neigt
- Das Köpfchen auf die Seite,
- Natürlich ist er zahm, denn solche Leute
- Die kennen edle Hitze nicht!
- Gott weiß, was für ein Schatz in ihm verborgen liegt!
- Gott weiß, mit was für Eigenschaft,
- Mit welcher hohen Geisteskraft
- Sie ihn geschmückt! -- Er dachte nicht daran.
- Sie haben alles das aus ihm gemacht
- Was Ihre Phantasie sich liebend ausgedacht;
- Er ist an gar nichts schuld -- Sie sind's allein.
- Nein, nein!
- Ich gebe zu, was man auf Erden
- Nur irgend kann.
- Mag er doch klug sein, stündlich klüger werden;
- Doch ist er Ihrer werth?
- Das muß ich Sie nur fragen,
- Um den Verlust mit kaltem Blut zu tragen. --
- Hierüber geben Sie mir Licht,
- Als einem Bruder, einem Freund,
- Der's immer ehrlich doch mit Ihnen hat gemeint.
- Der einst mit Ihnen auferzogen
- Und dem Sie doch als Kind gewogen;
- Sobald ich überzeugt von Ihrem künft'gen Glück,
- So zieh' ich mich sogleich zurück.
- Dann will ich mich bemüh'n
- Dem Wahnsinn zu entflieh'n.
- Dann eil' ich in die Welt hinein
- Um zu vergessen, um mich zu zerstreun
- Und nie will ich mehr an die Liebe denken.
-
- SOPHIE (bei Seite).
-
- Da hab' ich einen toll gemacht
- Und ohne daß ich dran gedacht.
-
- (Laut.)
-
- Was soll ich's läugnen?
- Es konnte sich was Schreckliches ereignen --
- Moltschálin konnt' um seinen Arm erst kommen,
- Und lebhaft hab' ich Antheil dran genommen;
- Doch Sie vergaßen etwas zu bedenken:
- Kann man nicht jedem Antheil schenken
- Und ohne Ansehn der Person?
- Doch könnte schon
- In dem -- was Sie vermuthen -- Wahrheit sein,
- Und eifrig will ich seinem Schutz mich weih'n.
- Sie nehmen ihrer Zunge wenig wahr,
- Sie achten niemand -- offenbar!
- Und selbst der sanfteste -- kann's nicht vermeiden.
- Er muß von Ihrem Zorne leiden
- Und wird mit Spott von Ihnen überhäuft:
- Wenn man ihn nennt -- wenn ihn Ihr Blick nur streift --
- So werden Sie gleich bitter
- Und hageln ein Gewitter
- Von Witz und Bosheit auf ihn los!
- Ist wirklich der Genuß so groß?
- Nur Scherz und immer Scherz! Welch ein Vergnügen!
- Kann solches Ihrem Geiste wohl genügen?
-
- TSCHATZKI.
-
- Mein Gott -- gehör' ich wirklich zu den Schwachen,
- Die nichts im Leben thun, als lachen?
- Ich lache -- ja --
- Wenn ich recht lächerliche Leute sah,
- Doch öfter noch sind sie mir ennuyant.
-
- SOPHIE.
-
- Vergeblich weisen Sie den Vorwurf von der Hand,
- Und schieben andern zu, was Ihnen selbst gebührt;
- Moltschálin hat Sie sicher niemals ennuyirt,
- Denn wer, wie ich, ihn oft und näher sah --
-
- TSCHATZKI (bitter).
-
- Wie traten Sie ihm denn so nah?
-
- SOPHIE.
-
- Ich sucht' ihn nicht, der Himmel hat's gewollt
- Und hier im Hause ist ihm jeder hold.
- Bei meinem Vater dient er nun drei Jahr,
- Oft schilt der ihn, denn es ist wahr --
- Das Alter macht so eigen,
- Doch stets entwaffnet er ihn durch sein Schweigen;
- Verzeiht ihm alles -- weil er seelengut; --
- Er könnte doch, wie mancher andre thut
- Auf Lustbarkeiten sich zerstreun
- Doch nein!
- Nie geht er aus.
- Beim Alten bleibt er stets zu Haus
- Und wenn wir andern lachen
- Und scherzen, Possen machen,
- Sitzt er beim Vater oft zu ganzen Tagen,
- Es mag ihm -- oder mag ihm nicht behagen,
- Und spielt mit ihm. --
-
- TSCHATZKI.
-
- Er spielt, und wenn man schilt
- So bleibt er ewig sanft und mild?
-
- (Bei Seite.)
-
- Nein, einen solchen Wicht
- Den liebt sie nicht!
-
- SOPHIE.
-
- Zwar jenen Geist wird man in ihm nicht finden können,
- Den einige Genie -- doch andre Pest benennen,
- Und den nach kurzem Glanz wir überdrüssig werden,
- Der tadelt was geschieht -- im Himmel und auf Erden,
- Damit die Welt ihn nennt auf einen Augenblick;
- Doch gründet solch ein Geist Familienglück?
-
- TSCHATZKI.
-
- Soll das Moral -- soll das Satyre sein?
-
- (Bei Seite.)
-
- Sie liebt ihn nicht, nein, nein!
-
- SOPHIE.
-
- Man kann Bewunderung ihm nicht versagen:
- Wie nachgiebig, wie fein ist sein Betragen!
- Nie hat sich seine Stirn in Falten je gelegt,
- Selbst ruhig, läßt er andre auch in Ruh'
- Und schlägt nicht gleich die Kreuz und Quere zu.
- Und grade das, daß er so viel erträgt,
- Das macht es, daß ich ihm gewogen.
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Sie scherzt -- sie liebt ihn nicht -- sie hat mich nur betrogen!
-
- (Laut.)
-
- Ich kenn' Moltschálin; sparen Sie
- Sein Bild zu malen sich die Müh' -- --
- Doch Scalosúb -- das ist ein Mann
- Bei dessen Anblick schon man sich vergessen kann.
- Für unser Heer
- Steht wie ein Felsen er,
- Und ist durch seines Basses Allgewalt
- Durch seine Taille und Gestalt
- Ein Held --
-
- SOPHIE (schnell).
-
- Nicht im Romane meines Lebens.
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie zu errathen ist vergebens.
-
-
- Zweite Scene.
-
- Die VORIGEN. LISETTE.
-
- LISETTE (leise zu Sophie).
-
- Mein Fräulein, kommen Sie herein,
- Moltschálin wird sogleich bei Ihnen sein.
-
- SOPHIE (leise zu Tschatzki).
-
- Verzeihen Sie, wenn ich von Ihnen eile.
-
- TSCHATZKI.
-
- Wohin denn?
-
- SOPHIE.
-
- Zum Friseur.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, das hat gute Weile!
-
- SOPHIE.
-
- Die Lockeneisen würden kalt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, immerhin!
-
- SOPHIE.
-
- Die Gäste kommen bald.
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun Gott verzeih's! Sie lassen mich zurück
- Mit einem Räthsel! -- Doch auf einen Augenblick
- Erlauben Sie, daß ich in Ihr Zimmer gehe,
- Damit ich jene Räume wiedersehe --
- Wo alles mir so lieb! -- Erwärmen möcht' ich mich,
- Aufathmen möchte ich
- Nur einmal wieder,
- Der Zeit gedenkend, die dahin!
- Ich bleib' nur zwei Minuten drin.
- Und dann -- bedenken Sie -- Mitglied bin ich vom Clubb --
- Zum Dank will ich, zu aller Welt Erstaunen
- Tagtäglich ausposaunen,
- Daß klug Moltschálin ist, und geistreich Scalosúb.
-
- (Sophie zuckt mit den Achseln, geht ab und schließt die Thür hinter
- sich. Lisette ist ihr gefolgt.)
-
-
- Dritte Scene.
-
- TSCHATZKI, bald darauf MOLTSCHÁLIN.
-
- TSCHATZKI.
-
- Sophie! Ist wirklich dir bestimmt ein solcher Tropf? -- -- --
- Und warum nicht? -- Er hat nicht viel im Kopf,
- Allein zur Vaterschaft
- Wem fehlt es da an Geisteskraft!
- Gefällig ist er -- artig -- und hat rothe Wangen.
-
- (Moltschálin schleicht herein und nähert sich zuerst Sophiens Thür,
- als er aber Tschatzki bemerkt bleibt er stehn und macht sich was zu
- schaffen.)
-
- Da ist er -- auf den Zeh'n! Und stumm, -- wie hat er's angefangen
- Sich in Sophiens Herz zu stehlen?
- Wie war es möglich den zu wählen?
-
- (Zu Moltschálin.)
-
- Sieh' da! Herr Sekretair! Wie geht's denn Ihnen?
- Wir konnten uns noch nicht zwei Worte sagen.
- Es geht doch gut? -- Ich brauch' Sie kaum zu fragen.
-
- MOLTSCHÁLIN (näher tretend).
-
- Ganz nach dem Alten stets -- zu dienen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Das heißt?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Nun heut' wie gestern -- Tag für Tag.
-
- TSCHATZKI.
-
- Und immer pünktlich mit dem Schlag?
- Am Tag die Feder, Abends die Parthie,
- Gleich Fluth und Ebbe? -- Wie?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ich bin hier beim Archiv drei Jahr im Dienst
- Und für etwaiges Verdienst,
- Und meinen Eifer zu belohnen
- Erhielt ich dreimal Gratificationen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie lockt der Glanz der Ehrenstellen?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Nein!
- Allein --
- Da jeder Mensch so sein Talentchen hat --
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie haben -- --?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Zwei!
- Ich bin bescheiden und bin accurat.
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun, meiner Treu!
- Das sind Talente wunderbar! -- --
- Doch -- es ist wahr --
- Sie wiegen all' die unsern auf.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Sie hatten nicht viel Glück in Ihres Dienstes Lauf?
-
- TSCHATZKI.
-
- Nicht jeder dienet sich herauf.
- Durch Menschen wird der Rang erreicht,
- Und Menschen täuschen sich so leicht.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Wir wunderten uns sehr! Wie konnte das geschehn?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich kann hierin nichts wunderbares sehn!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Bedauert wurden Sie.
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie konnten sparen diese Müh'.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Tatjána Júrjewna, die Excellenz
- Erzählt' bei ihrer Rückkehr aus der Residenz,
- Sie wären gut von wicht'gen Männern aufgenommen,
- Doch plötzlich sei dazwischen was gekommen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Geschwätz von Frauenzimmern!
- Was hat sich doch die Alte drum zu kümmern?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Tatjána Júrjewna, die Excellenz?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich kenn' sie nicht!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Tatjána Júrjewna?! Die Excellenz?
-
- TSCHATZKI.
-
- Daß wir uns nicht gesehn, ist ewig
- lange her.
- Doch hörte ich, daß abgeschmackt sie wär'.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Die Excellenz? Um's Himmelswillen -- nein --
- Das muß wohl eine andre sein.
- Die Excellenz ist ja befreundet und verwandt
- Mit allen, die in Moskau dienen,
- Ich rathe Ihnen
- Ihr einmal die Visite doch zu machen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich dächte gar! Es wär' zum Lachen!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Wir finden Gönner oft
- Wo wir es kaum gehofft.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich schätze, glauben Sie's, die Damen nicht geringe,
- Und mache gern den Hof -- allein um andre Dinge.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Wie ist sie gut und wie gefällig,
- Wie ist ihr Haus gesellig!
- Den ganzen Winter giebt sie Bälle
- Man kann nichts prachtvolleres sehn.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich werde über ihre Schwelle
- Gewiß nicht gehn!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Im Sommer giebt sie Gartenfeste.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich bin nicht von der Zahl der Gäste.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Bedenken Sie, -- es kann doch dazu führen
- Hier froh zu leben und zu avanciren!
-
- TSCHATZKI.
-
- Mein Herr, bin ich im Dienst, so bin ich ganz dabei,
- Und trenne streng davon jedwede Narrethei.
- Zwar giebt's gescheute Leute -- hier zumal --
- Die beides zu vereinigen verstehn,
- Doch wie Sie sehn, --
- Gehör' ich nicht zu ihrer Zahl.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Verzeihen Sie -- ich seh' darin noch kein Verbrechen;
- Sie werden, denk' ich, einst gewiß noch anders sprechen.
- Phomá Phomítsch, zum Beispiel, den Sie kennen --
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun was?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Bei drei Ministern dient' er schon
- Und stets als Chef bei einer Section, --
- Und jetzt -- --
- Ist er aus Petersburg hierher versetzt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun das ist mir ein Mann von Kopf!
- Ein Mensch, ganz ohne Geist -- ein leerer Tropf!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Erlauben Sie, von aller Welt
- Wird hier sein Styl als Muster aufgestellt.
- Sie haben ganz gewiß noch nichts von ihm gelesen?
-
- TSCHATZKI.
-
- So närrisch bin ich nie gewesen;
- Nie las ich dummes Zeug und Musterdummheit gar!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Was ich so las schien mir vorzüglich -- zwar
- Schriftsteller bin ich nicht --
-
- TSCHATZKI.
-
- Ja, das ist klar,
- An allem merkt man es.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Nie würd' ich mich erfrechen
- Ein eignes Urtheil auszusprechen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Warum denn so geheim?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Gott mög' in meinen Jahren
- Vor eigner Meinung mich bewahren!
-
- TSCHATZKI.
-
- Mein Gott, Sie sprechen ja, als wären Sie noch Kind!
- Als ob nur Meinungen von andern heilig sind!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Abhängig muß man doch einmal von andern sein.
-
- TSCHATZKI.
-
- Und weßhalb muß man's sein?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ei nun -- mein Rang ist klein.
-
- TSCHATZKI (halb laut).
-
- Mit solcher Denkungsart, mit solchem Geist ihn lieben,
- Sie hat mich nur getäuscht und ihren Scherz getrieben!
-
-
- Vierte Scene.
-
- Im Grunde öffnen sich mehrere Thüren auf einen zweiten Saal, alles
- ist erleuchtet, Diener treten auf. Moltschálin geht ab. Tschatzki
- bleibt im Vordergrunde.
-
- EIN ÄLTERER DIENER.
-
- He Philipp, Thomas, rührt euch, frisch!
- Hierher noch einen Kartentisch,
- Bringt Lichte, Bürsten her und Kreide!
-
- (Er klopft an Sophiens Thür.)
-
- Mamsell _Lisette_, hören Sie, Sie können nur dem Fräulein sagen:
- _Natalie Dmítrewna_ ist hier
- Mit ihrem Mann, und vor der Thür
- Hält schon ein zweiter Wagen.
-
- (Ab.)
-
-
- Fünfte Scene.
-
- TSCHATZKI. NATALIE DMÍTREWNA. GORITSCHEFF.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Wie, seh' ich recht -- ja -- es sind seine Züge!
- Herr _Tschatzki_, wenn ich mich nicht trüge?
-
- TSCHATZKI.
-
- Sie seh'n mich zweifelnd an, vom Kopf bis zu den Füßen.
- Es wär' doch wunderbar,
- Daß mich verändert so drei Jahr!
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Ich dacht' mir alles andre ehr
- Als Sie in Moskau zu begrüßen.
- Nun woher?
- Wann sind Sie angelangt?
-
- TSCHATZKI.
-
- So eben.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Das ist schön!
- Und auf wie lang?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich werde sehn!
- Doch Sie? Ich kann nicht zu mir vor Erstaunen kommen.
- Sie haben unbegreiflich zugenommen.
- Was haben Sie nur angefangen?
- Welch Gliederspiel und welche rothe Wangen!
- Verjüngt, voll Geist, im Blicke welche Laune?
- Was ist geschehen? Ich erstaune!
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Ich habe mich vermählt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Das mußten längst Sie sagen!
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Mein Mann, ein einz'ger Mann -- ich darf mich nicht beklagen --
- Gleich ist er hier. -- Nicht wahr -- ich mache Sie bekannt?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich bitt' Sie drum!
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Gewiß, Sie finden ihn charmant.
- Ein Blick genügt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich glaub's! Es ist Ihr _Mann_.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- O deßhalb nicht allein,
- Man kann nicht liebenswürd'ger sein.
- Durch eignen Werth, durch Geist und durch Verstand
- Ist mein Platon als ganz vorzüglich anerkannt.
- Er ist jetzt Civilist, war früher Militair,
- Er dient nicht mehr, und alle Welt bedauert dieses sehr.
- Denn dient' er weiter -- sehen Sie --
- Bei solcher Tapferkeit und dem Genie
- So meinen alle -- die ihn früher kannten --
- Er hätt's in Moskau hier gebracht
- Ganz sicher bis zum Commandanten.
-
-
- Sechste Scene.
-
- DIE VORIGEN. PLATON GORITSCHEFF.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Da ist er, mein _Platon Michailowitsch_!
-
- TSCHATZKI.
-
- Was, der?
- Mein alter Freund! Nun sieh', welch Ungefähr!
-
- PLATON.
-
- Ah! -- -- --
- Willkommen Bruder, bist _Du_ wieder da!
-
- TSCHATZKI.
-
- _Platon_ mein Freund -- es macht Dir Ehre,
- Du führst Dich ja vorzüglich, wie ich höre!
-
- PLATON.
-
- Ja -- sieh -- was alles noch aus einem werden kann.
- In Moskau leb' ich jetzt und bin ein Ehemann.
-
- TSCHATZKI.
-
- Und jene Zeit, wo Du im Felde standst
- Und höchste Lust im Lärm des Lagers fandst --
- Der Trommel und Trompete Ton --
- Vergessen also alles schon?
- Ich glaub' Du liegst jetzt auf der faulen Bank,
- Und trankst in vollen Zügen Lethe?
-
- PLATON.
-
- O nein, ich übe jetzt auf meiner Flöte
- Ein großes Duo in _A-moll_.
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun, das ist toll,
- Das übtest Du bereits in deiner Jugend!
- Indeß bei einem Ehemann
- Ist's gut -- wenn man doch rühmen kann
- Beständigkeit als seine erste Tugend.
-
- PLATON.
-
- Freund -- denke an mein Wort:
- Wird Dir einst eine Frau zu Theile,
- Du pfeifst gewiß vor Langerweile
- Ein und dasselbe immerfort.
-
- TSCHATZKI.
-
- Wie Langeweile -- ei, das ist nicht gut!
- Zahlst Du ihr wirklich schon Tribut?
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Mein Mann war früher an Beschäftigung gewöhnt,
- Das fällt jetzt weg. -- Revue'n und die Parade,
- Und dann die Reitbahn fehlt ihm Morgens nachgerade.
-
- TSCHATZKI.
-
- Was hält Dich ab, mein Freund? Zum Regiment mit Dir,
- Such eine Eskadron -- Du bist wohl Stabsoff'zier?
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Ach nein, zu kränklich ist mein armer Mann!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ist's möglich, wie, Du kränklich und seit wann?
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Er leidet an rheumatischen Beschwerden
- Und auch am Kopf.
-
- TSCHATZKI.
-
- Hier wird's nicht besser werden.
- Beweg' Dich, reite mehr, zieh' in den Süden hin.
- Die Landluft ist allein schon ein Gewinn.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Mein Mann liebt Moskau gar zu sehr!
- Er muß genießen doch sein Leben --
- Was soll er in die Wildniß sich begeben!
-
- TSCHATZKI.
-
- Du liebst die Stadt? Wer hätte das gedacht!
- Entsinne Dich, wie oft hast Du sie nicht verlacht.
-
- PLATON.
-
- Ach Freund, die alten Zeiten sind nicht mehr.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Mein Männchen, komm recht fort!
- Hier ist's so frisch -- hör' doch ein Wort --
- Dein Rock ist aufgeknöpft und auch die Weste --
-
- PLATON.
-
- Ich bin nicht was ich war!
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Komm, knöpf' sie feste!
- Hör' doch, mein Engelchen --
-
- PLATON (ruhig).
-
- Ja, ja!
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Komm von der Thüre doch hierher,
- Hier zieht der Wind.
-
- PLATON.
-
- Ja Bruder, ich bin nicht der alte mehr.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- So höre doch ein Wort,
- Um's Himmelswillen komm von der Thüre fort!
-
- PLATON.
-
- Ach liebes Kind!
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun das geht weit!
- Verwandelt in so kurzer Zeit?
- Bei'm Regiment im vor'gen Jahr
- Warst Du ja noch der wackerste Husar!
- Bei Tagesanbruch schon zu Pferde
- Verspottetest Du jegliche Beschwerde. --
- Wie oft -- mit ungestümer Lust
- Sah man auf wildem Hengst, mit offner Brust
- Dem Herbst-Sturm Dich entgegenreiten!
-
- PLATON.
-
- Ach Camerad', das waren schöne Zeiten!
-
-
- Siebente Scene.
-
- DIE VORIGEN. FÜRST TUGOÚCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und SECHS
- TÖCHTERN.
-
- NATALIE DMÍTREWNA (aufkreischend).
-
- Fürst Peter Illjitsch, ah' die liebe Fürstin!
- Und _ah mon Dieu_ -- Sisi, Mimi, die Lieben!
-
- (Geräuschvolle Begrüßung, auch Tschatzki verbeugt sich. Die Damen
- setzen sich links in einen Halbkreis und betrachten einander von
- oben bis unten.)
-
- ERSTE FÜRSTIN (zu Natalie).
-
- Wie allerliebst ist die Façon von Ihrem Kleide!
-
- ZWEITE FÜRSTIN.
-
- Mit Garnitur besetzt --
-
- ERSTE FÜRSTIN.
-
- Und welche schöne Seide!
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Mein Atlastürluru -- das sollten Sie erst seh'n!
-
- DRITTE FÜRSTIN.
-
- Es hat mir eine Schärpe der Cousin gebracht,
- Nein, -- die ist wunderschön!
-
- VIERTE FÜRSTIN.
-
- Ach ja, -- und von _barège_, eine Pracht!
-
- FÜNFTE FÜRSTIN.
-
- Ganz köstlich ist sie.
-
- SECHSTE FÜRSTIN.
-
- Herrlich, ja!
-
- DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie).
-
- Wer ist der junge Mann im Winkel da,
- Er grüßte uns, als wir in's Zimmer traten?
- Ich hab' schon hin und her gerathen.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Ein Angereister -- Tschatzki.
-
- DIE ALTE FÜRSTIN.
-
- Ah!
- Hat er den Dienst verlassen?
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Ja,
- Vom Ausland kehrt er eben erst zurück.
-
- DIE ALTE FÜRSTIN.
-
- Ist ledig er?
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Ja, noch _garçon_.
-
- DIE ALTE FÜRSTIN (zum Mann).
-
- Erlaucht, Erlaucht, -- auf einen Augenblick!
- Geschwinder.
-
- DER FÜRST (nähert sich mit seinem Hörrohr).
-
- O! -- hm? --
-
- DIE ALTE FÜRSTIN.
-
- Den jungen Herrn dort
- Natalie Dmítrewna's Bekannten -- den da --
- Lad' ein zu unserm Ball, am Dienstag -- mach' nur fort!
-
- DER FÜRST.
-
- I--hm!
-
- (Er schleicht um Tschatzki herum und hustet.)
-
- DIE ALTE FÜRSTIN.
-
- So geht es, wenn man Kinder hat!
- Ein Ball ist einmal ihr Vergnügen;
- Man quält sich müd', man quält sich matt,
- Und weiß oft Tänzer nicht zu kriegen! --
- Er ist doch Kammerjunker?
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Nein.
-
- DIE ALTE FÜRSTIN.
-
- Doch reich?
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- O, nein!
-
- DIE ALTE FÜRSTIN (so laut als möglich).
-
- Erlaucht, Erlaucht, zurück, zurück sogleich!
-
-
- Achte Scene.
-
- DIE VORIGEN. Die GRÄFIN CHRUMIN und ihre GROSSTOCHTER.
-
- DIE JUNGE GRÄFIN.
-
- Ah! _grand-maman!_ Wer kommt denn auch so früh!
- Wir sind die ersten hier!
-
- (Beide entfernen sich in einen andern Saal.)
-
- DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie).
-
- Nun hören Sie!
- Sehr artig das! Die ersten hier!
- Uns zählt sie nicht; ei welch ein Vornehmthun!
- Ein boshaftes Geschöpf; und alte Jungfer nun
- Schon eine Ewigkeit! Nun Gott verzeihe ihr!
-
- DIE JUNGE GRÄFIN
-
- (kommt zurück und nähert sich lorgnettirend Tschatzki).
-
- Ah! Monsieur Tschatzki hier? Wer hätte das gedacht!
- Und noch der alte stets?
-
- TSCHATZKI.
-
- Warum sollt' ich mich ändern?
-
- DIE JUNGE GRÄFIN.
-
- Sie sind ja doch gereist in vielen fremden Ländern
- Und haben keine Frau vom Ausland mitgebracht!
-
- TSCHATZKI.
-
- Vom Ausland?
-
- DIE JUNGE GRÄFIN.
-
- Ja! Bei diesen fremden Damen,
- Da fragt man nicht nach Herkunft, Stand und Namen,
- Und unsre jungen Herrn, wenn sie nach Hause kehren,
- Die pflegen uns gewöhnlich zu bescheren
- Mit Schwägerinnen und Cousinen
- Aus Modemagazinen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Die Unglücksel'gen -- ja! -- Von Damen,
- Die sich Modistinnen zum Muster nahmen,
- Da werden sie nun ausgeschmählt,
- Daß sie, statt der Copien --
- Originale sich gewählt!
-
-
- Neunte Scene.
-
- DIE VORIGEN. MEHRERE NEUE GÄSTE, darunter SAGORÉTZKI. Die Herren
- scharren, grüßen und gehen weiter oder auf und ab. SOPHIE kommt
- aus ihrem Zimmer, Alle ihr entgegen.
-
- DIE JUNGE GRÄFIN (zu ihr).
-
- _Eh bonsoir, vous voilà! Jamais trop diligente,_
- _Vous nous donnez toujours le plaisir de l'attente._
-
- SAGORÉTZKI (zu Sophien).
-
- Zu morgen -- haben Sie
- Schon ein Billet zur Komödie?
-
- SOPHIE.
-
- Ach nein!
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Hier ist eins -- wenn Sie mir erlauben!
- Allein Sie können es mir glauben
- Vergeblich hätte Ihnen
- Ein anderer versucht darin zu dienen;
- Wie bin ich aber deshalb auch gelaufen!
- Erst wollt' ich's an der Kasse kaufen --
- Doch -- auf mein Ehrenwort --
- Es war schon alles fort.
- Nun fuhr ich zum Direktor hin,
- Da ich sein guter Freund ja bin --
- Umsonst! -- Was glauben Sie!
- Am Abend schon vorher konnt' niemand mehr was kriegen!
- Zu dem -- zu jenem ging es nun in Einem Lauf --
- Ich hetzte Alle auf!
- Um dieses endlich mußt' ich einen Freund betrügen,
- Ich nahm es gradzu mit Gewalt.
- Es ist ein Stubenhocker, schwach und alt,
- Was konnt's ihm nützen
- Er mag zu Hause ruhig sitzen.
-
- SOPHIE.
-
- Ich danke Ihnen für's Billet recht sehr,
- Für Ihre Mühe aber noch viel mehr.
-
- (Es kommen NEUE GÄSTE. SAGORÉTZKI geht zu den Herren rechts.)
-
- SAGORÉTZKI (zu Platon).
-
- Ah, guten Abend!
-
- PLATON.
-
- Scher' Dich fort!
- Geh pack' Dich dort
- Zu deinen Damen,
- Um deine Lügen auszukramen!
- Wenn ich Dich schildre wie Du bist,
- So kann von Dir ich manche Wahrheit sagen,
- Die schlimmer wohl als jede Lüge ist. --
-
- (Zu Tschatzki.)
-
- Hier präsentir' ich Dir den Herrn
- Antón Antónitsch Sagorétzki. --
- Ich wüßte gern,
- Wie man, doch ohne grob zu sein,
- Dergleichen Leute fein
- Und dennoch wahr bezeichnen könnte!
- Er ist ein Weltmann und gewandt --
- Als Schelm von allen anerkannt --!
- Nimm Dich in Acht vor ihm, denn was Du sagst
- Das hört er mit besondern Ohren;
- Und wenn Du gar zu spielen mit ihm wagst,
- So bist Du ganz und gar verloren.
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Origineller Murrkopf Du!
- Nun -- schimpf' nur zu,
- Kein Tröpfchen Galle ist in Deinen Scherzen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Drum nehmen Sie sich's nicht zu Herzen!
- Auch außer Ehrlichsein giebt es der Freuden viel,
- Hier schimpft man, dort erreichet man das Ziel.
-
- PLATON.
-
- Ach Bester, nein
- Man schimpft bei uns
- Und -- ladet dennoch ein.
-
- (Sagorétzki verliert sich im Hintergrunde.)
-
-
- Zehnte Scene.
-
- DIE VORIGEN. MADAME CHLESTOW.
-
- MADAME CHLESTOW (zu Sophien).
-
- Na! Leicht ist's nicht mit fünf und sechzig Jahren
- So weit zu Deinem Ball zu fahren.
- Ich brauchte eine ganze Stunde von Pokrow.
-
- (Setzt sich links in den Vorgrund neben Sophie.)
-
- Ich kann nicht mehr! -- Ach Nichtchen, welche Plage --
- Und dunkel ist's wie einst am jüngsten Tage.
- Aus Langerweile nahm ich mit
- Mein Mohrenmädchen und den Spitz -- ich bitt'
- Befiehl, man soll sie heut' beim Abendessen
- Zu füttern nicht vergessen. --
- Gott grüß' Sie, Fürstin! -- Ja, Sophie, ich sage Dir
- Die Mohrin ist ein Wunderthier.
- Ein Krauskopf -- krumm das Schulterblatt und Tatze --
- Voll Zorn und Bosheit -- ganz Manieren einer Katze.
- Und ach wie schwarz und ach wie häßlich --
- Was hat doch alles Gott der Herr erschaffen!
- Ich sag' Dir gräßlich!
- Frappant der Satanas! -- Willst Du sie sehn?
-
- SOPHIE.
-
- Es kann ein andermal geschehn.
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Und stell' Dir vor, wie wilde Thiere
- So führt man sie herum, um sie zu zeigen.
- Man hat mir das erzählt, da ist so eine Stadt
- In der Türkei, der Name klingt so eigen --
- Und rath' wer mir sie zum Präsent gemacht? -- --
- Der Sagorétzki hat sie mir gebracht.
-
- (Sagorétzki horcht auf und kommt näher.)
-
- Er lügt ein bischen, spielt auch falsch und ist ein Dieb --
-
- (Sagorétzki geht eilig fort.)
-
- Allein er thut doch einem viel zu lieb.
- Ich hatte mir schon ausgebeten
- Er sollt' nicht über meine Schwelle treten,
- Da bringt vom Jahrmarkt er die Mohrin mir --
- Er sagte zwar, daß er gekauft sie hätte,
- Ich glaub' es aber nicht, -- ich wette
- Er hat gewonnen sie
- Im Kartenspiele irgendwie!
- Gott schenk' Gesundheit ihm dafür.
-
- TSCHATZKI (zu Platon lachend).
-
- Von solchem Lob pflegt man nicht zu gesunden!
- Selbst Sagorétzki hielt's nicht aus und ist verschwunden.
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Wer ist der lust'ge Mann, der dort so laut gelacht?
- Weß Stand's?
-
- SOPHIE.
-
- Der Tschatzki ist's --
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Das hab' ich gleich gedacht!
- Was kann der Narr denn da zu lachen finden?
- Es ist gewiß die größte aller Sünden
- Sich über alte Leute lustig machen
- Und graue Haare auszulachen.
- Ich weiß, mit ihm hast Du als Kind getanzt, --
- Ich hab' ihn oft curanzt
- Ich zupft' ihn an den Ohren tüchtig,
- Allein noch viel zu wenig, das ist richtig!
-
-
- Elfte Scene.
-
- DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.
-
- FAMUSSOFF (sehr laut).
-
- Sieh' da, Erlaucht -- und Sie sind hier?
- Und im Portraitsaal warten wir!
- Ist denn der Oberst Scalosúb nicht hier,
- Sergeí Sergéitsch? Wie? In aller Welt
- Es ist ja doch ein Mann, der in die Augen fällt,
- Der Oberst Scalosúb!
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Gott helfe mir!
- Er hat mich ganz betäubt und schreit ja Zeter,
- Und lärmt ja ärger noch als ein Trompeter!
-
-
- Zwölfte Scene.
-
- DIE VORIGEN. SCALOSÚB. Später MOLTSCHÁLIN.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ah, ah, ah, ah! Herr Oberster, zu spät! -- Nach zehn!?
- Wir warteten und warteten! -- Nun das ist schön!
- Erlauben Sie -- hier meine Schwägerin --
- Die Sie dem Rufe nach schon lange kennt.
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Sie dienten -- glaub' ich -- hier -- beim Regiment --
- Wie heißt es gleich? Da bei den Grenadiren?
-
- SCALOSÚB.
-
- Sie meinen Seiner Hoheit Regiment
- Von Neuland -- bei den Musketiren.
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Ich hab' es nicht zur Meisterschaft gebracht
- Um all' die Unterschiede zu begreifen.
-
- SCALOSÚB.
-
- Dazu sind formgemäße Streifen;
- Die Litzen, Latzen und Lampassen
- An den Monturen muß
- Man ganz zuerst ins Auge fassen.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Sergeí Sergéitsch, kommen Sie!
- Wir wollen gleich ein Whistchen machen;
- Ich sage Ihnen, die Parthie
- Ist wirklich um sich todt zu lachen.
-
- (Zum Fürsten.)
-
- Erlaucht, ich bitte, folgen Sie!
-
- MADAME CHLESTOW (zu Sophie).
-
- Nun, Gott sei Dank -- fast wäre ich erstickt!
- Dein Vater ist ja rein verrückt,
- Und scheint bezaubert von dem Goliath zu sein.
- So, mir nichts, Dir nichts, macht er uns bekannt,
- Und fragt nicht ob's mir lieb, ob es mir ennuyant.
-
- MOLTSCHÁLIN (mit einer Karte).
-
- Madame, ich bracht' für Sie
- Zusammen Ihre Whistparthie.
- _Phomá Phomítsch_ und Monsieur _Kock_ und -- ich.
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Ach, tausend Dank, mein Lieber!
-
- (Steht auf und nimmt Moltschálin's Arm.)
-
- MOLTSCHALIN.
-
- Ihr Spitz ist doch ein einz'ger Spitz!
- Er ist ja wie ein Fingerhütchen klein
- Ich streichelt' ihn, sein Fellchen ist so fein
- Wie das von einem Biber. --
-
- MADAME CHLESTOW.
-
- Ach, tausend Dank, mein Lieber.
-
- (Sie gehen ab, mehrere Gäste folgen ihnen.)
-
-
- Dreizehnte Scene.
-
- TSCHATZKI. SOPHIE. -- Im Hintergrunde EINIGE GÄSTE.
-
- TSCHATZKI.
-
- Bravissimo! Die Wolke ist zerstoben!
-
- SOPHIE.
-
- Ich bitte --
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, was fürchten Sie?
- Den Zorn der Alten hat er ja gewendet,
- Ich wollte ihn gerad' drum loben!
-
- SOPHIE.
-
- Mit einer Bosheit hätt' es doch geendet.
-
- TSCHATZKI.
-
- Soll ich jetzt sagen, was ich dachte?
- Die alten Weiber sind verdrießlich,
- Und darum ist's ersprießlich
- Wenn man recht einen dienstbefliss'nen Mann
- An ihre Seite stellen kann.
- Moltschálin der erschien ja plötzlich
- Dem Blitzableiter gleich. Es war ergötzlich!
- Wer sänftigte wie er, so friedlich Zank und Streit?
- Wer streichelt', so wie er, den Mops zu rechter Zeit?
- Wer präsentirt' mit Scharfsinn und Geschick
- Das Kärtchen in dem rechten Augenblick?
- Nein, auf mein Wort,
- In ihm lebt Sagorétzki einstmals fort. --
- Sie haben
- Mir alle seine Gaben
- Erst hergezählt;
- Doch glaub' ich, daß noch vieles fehlt.
-
- (Ab.)
-
-
- Vierzehnte Scene.
-
- SOPHIE allein, dann HERR N. N.
-
- SOPHIE.
-
- Ach dieser Mensch, wie er mich stets verstimmt,
- Wie beißend ist er, wie ergrimmt,
- Wie voller Neid
- Und Bosheit und Hochmüthigkeit!
-
- N. N.
-
- So in Gedanken! Wie?
-
- SOPHIE.
-
- Ich dacht' an Tschatzki.
-
- N. N.
-
- Wie finden Sie ihn denn nach seiner Reise?
-
- SOPHIE.
-
- Ich finde ihn verrückt!
-
- N. N.
-
- Verrückt, wahrhaftig? Ist es möglich?
-
- SOPHIE (nach einer kleinen Pause).
-
- Nun toll -- das grade nicht!
-
- N. N.
-
- Doch merkt man etwas, wenn er spricht?
-
- SOPHIE.
-
- Mir scheint es so.
-
- (Sieht nach der Thür wo Tschatzki abging.)
-
- N. N.
-
- In seinen jungen Jahren
- Wie konnt' ihm solch' ein Unglück widerfahren?
-
- SOPHIE.
-
- Ja, es ist schlimm! -- (bei Seite) Er glaubt daran!
- Ah Tschatzki --! And're stets zu necken
- Das lieben wir! -- Nun mag er's selber schmecken!
-
- (Ab.)
-
-
- Fünfzehnte Scene.
-
- HERR N. N. HERR D.
-
- N. N.
-
- Verrückt -- so scheint es ihr!
- Sehr möglich dünkt die Sache mir,
- Wie wär' sie sonst auch drauf gekommen!
-
- (Zu D.)
-
- Ah, hast Du schon vernommen?
-
- HERR D.
-
- Und was?
-
- N. N.
-
- Von Tschatzki.
-
- HERR D.
-
- Nein, kein Wort!
-
- N. N.
-
- Er ist verrückt.
-
- Herr D.
-
- So geh' doch fort!
-
- N. N.
-
- Ich sag' es nicht, ich hab' es nur gehört.
-
- HERR D.
-
- Und bist nur froh, es weiter gleich zu tragen.
-
- N. N.
-
- Es wäre doch der Mühe werth
- Auch noch bei andern nachzufragen.
-
- (Ab.)
-
-
- Sechzehnte Scene.
-
- HERR D. allein, dann SAGORÉTZKI.
-
- HERR D.
-
- Ja, glaubt den Schwätzern nur!
- Da hören sie das dümmste Zeug
- Und wiederholen es sogleich.
-
- (Zu Sagorétzki.)
-
- Hast Du von Tschatzki was gehört?
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Was denn?
-
- HERR D.
-
- Daß er gestört?
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Ich weiß, ich weiß, wie sollt' ich das nicht wissen!
- Wie oft schon hab' ich's hören müssen!
- Es ging ja ganz besonders dabei her:
- Dem pfiffigen Oheim ward's nicht schwer
- Im Narrenhause ihn zu betten;
- Sie banden ihn und nun sitzt er in Ketten.
-
- HERR D.
-
- Erbarme Dich, er war ja eben hier,
- Vor einem Augenblick sah ich ihn neben Dir.
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Dann ist's gewiß
- Daß er sich los von seiner Kette riß.
-
- HERR D.
-
- Nun, liebster Freund -- mit Dir
- Ist weiter keine Zeitung nöthig;
- Doch will ich gleich und ohne Säumniß
- Die andern dort befragen.
- Doch darfst Du es beileibe niemand sagen --
- Noch ist es ein Geheimniß.
-
- (Ab.)
-
-
- Siebzehnte Scene.
-
- SAGORÉTZKI, dann NATALIE DMÍTREWNA.
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Was kann das für ein Tschatzki sein?
- Verbreitet ist der Name --
- Mit einem Tschatzki war ich einst bekannt --
-
- (Zu Natalie Dmítrewna.)
-
- Sie wissen's doch Madame?
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Was denn?
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Von Tschatzki, nun, er stand noch eben hier.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Ich weiß -- er sprach mit mir.
-
- SAGORÉTZKI.
-
- So gratulir' ich Ihnen -- er ist toll!
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Was?
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Ja; man sagt mir er verlor
- So eben den Verstand.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Nun stellen Sie sich vor!
- Ich merkt' es auch schon und was gilt die Wette,
- Daß gleich das nämliche gesagt ich hätte.
-
-
- Achtzehnte Scene.
-
- DIE VORIGEN. DIE ALTE GRÄFIN.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Nein das ist wunderbar, das ist was neues!
- Gestört?
- Frau Gräfin haben Sie gehört
- Von dem _malheur_, das hier gescheh'n --
- Das ist doch einzig -- das ist schön!
-
- DIE ALTE GRÄFIN.
-
- Mein Schatz, es liegt mir in den Ohren heut',
- Du mußt mir's etwas lauter sagen.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Ich hab' dazu durchaus nicht Zeit,
- Ich muß die andern ja befragen.
- _Il vous dira toute l'histoire._
-
- (Ab.)
-
-
- Neunzehnte Scene.
-
- DIE ALTE GRÄFIN. SAGORÉTZKI.
-
- DIE ALTE GRÄFIN.
-
- Wie, -- was, es ist hier doch nicht Feuer ausgebrochen?
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Nein -- Tschatzki hat den Sturm erregt.
-
- DIE ALTE GRÄFIN.
-
- Was? Tschatzki hat man in den Thurm gelegt?
-
- SAGORÉTZKI.
-
- In der Türkei ist er verwundet worden
- Beim Aug' und wurde davon toll.
-
- DIE ALTE GRÄFIN.
-
- Freimaurerorden?
- Was, oder ist er Türk' geworden?
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Der bringt man es nicht bei!
-
- (Ab.)
-
- DIE ALTE GRÄFIN.
-
- Antón Antónowitsch! Auch er läuft fort!
- Erschreckt und außer sich scheint alles dort
- Zu sein --
-
-
- Zwanzigste Scene.
-
- DIE ALTE GRÄFIN. DER FÜRST.
-
- DIE ALTE GRÄFIN.
-
- Erlaucht, Erlaucht! Ach Gott --! der alte Mann
- Auf Bällen, wenn man kaum noch kriechen kann!
- Na, haben Sie gehört?
-
- DER FÜRST.
-
- A? hm? --
-
- DIE ALTE GRÄFIN.
-
- Er hört auch gar nichts mehr!
- Vielleicht hat er's gesehn,
- Was hier gescheh'n --
- War nicht die Polizei im Haus?
-
- DER FÜRST.
-
- E? hm? --
-
- DIE ALTE GRÄFIN.
-
- Wer brachte Tschatzki hier hinaus?
-
- DER FÜRST.
-
- I! hm? --
-
- DIE ALTE GRÄFIN.
-
- Ja, Tschatzki wird Soldat --
- Ist das ein Spaß? Er ist ein Renegat.
- Er wurde ja Mahomedaner!
- So ein verdammter Voltairianer!
- Was? -- ah? -- Taub Alterchen? -- Sie hören schwer?
- So geben Sie Ihr Rohrchen her.
- Ach nein!
- Es ist doch arg so taub zu sein!
-
-
- Einundzwanzigste Scene.
-
- DIE GANZE GESELLSCHAFT, später FAMUSSOFF, zuletzt TSCHATZKI.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Verrückt? Nun bitt' ich Sie!
- Wie ist das so ganz plötzlich denn gekommen.
- Sophie --
- Hast Du es schon vernommen?
-
- PLATON.
-
- Wer bracht' nur das Gerede aus?
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Ach, liebes Männchen -- Alle!
-
- PLATON.
-
- Nun freilich in dem Falle
- Da muß ich hier
- Wohl schweigen;
- Doch zweifelhaft erscheint es mir.
-
- FAMUSSOFF (kommt rasch hinzu).
-
- Wie? Was? Von Tschatzki ist die Rede?
- Und jemand zweifelt noch? Ich hab's zuerst entdeckt,
- Und wunderte mich längst, daß er nicht eingesteckt.
- Probier' es einer nur den Rücken
- Vor irgend jemand tief zu bücken
- Und sei der Mann auch noch so groß und mächtig --
- Ja, wär' es der Monarch --
- Gleich nennt er's niederträchtig.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Ein Spötter ist er noch dabei:
- Ich sagte erstlich was, da fing er an zu lachen.
-
- DIE JUNGE GRÄFIN.
-
- Mich wollt' er zur Modistin machen!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Mir sagte er -- ich rathe Ihnen
- In Moskau beim Archive nicht zu dienen.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Und meinem Mann rieth er in Moskau nicht zu leben,
- Er sollte fort und sich auf's Land begeben.
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Aus allem klar: -- verrückt -- verrückt!
-
- DIE JUNGE GRÄFIN.
-
- Ich hab' es gleich in seinem Aug' erblickt.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Er schlägt der Mutter nach. -- Es ist bekannt
- Achtmal verlor die Sel'ge den Verstand.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Was fällt nicht alles vor auf Erden!
- In seinem Alter toll zu werden!
- Er trank gewiß
- Nicht im Verhältniß seiner Jahre.
-
- DIE ALTE FÜRSTIN.
-
- Gewiß!
-
- DIE JUNGE GRÄFIN.
-
- Das muß es sein!
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Champagner goß er gläserweis hinein.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Oh, nein, -- ich kann's betheuern
- In Flaschen und dazu in ungeheuern!
-
- SAGORÉTZKI (eifrig).
-
- Was Flaschen, nein, ich weiß es besser
- Er trank, Gott straf' mich, ganze Fässer.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Ach geht mir doch -- ein großes Unglück das,
- Guckt eine Mannsperson auch etwas tief in's Glas,
- Nein, nein -- der Unterricht -- das ist die wahre Seuche,
- Gelehrsamkeit die macht's, daß jetzt in unserm Reiche
- Der Wahnsinn um sich greift und solche Schändlichkeiten
- Und arge Meinungen sich mehr und mehr verbreiten.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Und grad' heraus -- wie könnt' es anders sein?
- Verrückt wird man schon ganz allein
- Von dieser ungeheuren Zahl
- Von Schulen und Pensionen und -- Geschichten,
- Lyceen und _Landkartenschulen_ allzumal
- Wo sie sich wechselseitig unterrichten.
-
- DIE ALTE FÜRSTIN.
-
- Ach nein!
- Mir ist ein Institut in Petersburg bekannt,
- Das Pä--da--go--gische, so, glaub' ich, wird's genannt,
- Die Professoren legen sich dort recht auf Ketzerei'n!
- Ein junger Mann, verwandt mit unserm Haus,
- Studirte dort und kam vor kurzem erst heraus.
- Was glauben Sie? Er könnte auf der Stelle
- In jeder Apotheke sein Geselle!
- Er flieht die Damen -- mich sogar -- der Spötter --!
- Die Ränge haßt er, denken Sie!
- Und treibt Botanik und Chymie --
- Fürst Theodor, mein Vetter!
-
- SCALOSÚB.
-
- Ich will Sie allgesammt erfreun
- Mit einer Neuigkeit: Ganz allgemein
- Sagt man, wie es im Werke sei,
- Daß mit Gymnasien und Schulen und Lyceen
- Ein großer Fortschritt soll geschehn:
- Man wird dort lehren jetzt auf unsre Art: -- eins -- zwei!
- Die Bücher aber hebt man auf
- Für feierliche Fälle.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nein, Feuer drunter auf der Stelle!
- Will man vom Bösen sich befrein,
- So muß es mit der Wurzel sein.
-
- SAGORÉTZKI (mit affectirter Bescheidenheit).
-
- Bitt' um Vergebung sehr,
- Die Bücher muß man unterscheiden.
- Wenn ich, zum Beispiel, Censor wär',
- Die Fabeln würde ich nicht leiden!
- O Gott, die sind mein Tod! die ew'gen Witzelein
- Auf Löw' und Adler da -- wie sie nach Raube dürsten --
- Man sage, was man will, es sind doch immer Fürsten.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Ach meine Herrn, mir scheint es wirklich einerlei,
- Wenn man verrückt wird, -- ob Gelehrsamkeit,
- Ob Trinken Schuld dran sei!
- Um Tschatzki thut's mir leid,
- Aus Christenpflicht muß man ihn schon bedauern
- Er hatte Mutterwitz und -- hat dreihundert Bauern.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Vierhundert!
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Nein, mein Bester, drei!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Vierhundert hat er.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Drei!
-
- FAMUSSOFF.
-
- In dem Kalender steht's --
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Ach die Kalender lügen!
-
- FAMUSSOFF.
-
- Vierhundert auf ein Haar --
- Das Schrei'n und Streiten ist nun Ihr Vergnügen.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Es ist nicht wahr!
- Dreihundert sind es -- drei --
- Als ob ich das nicht weiß, was andre Menschen haben.
-
- FAMUSSOFF.
-
- Begreifen Sie denn nicht!
- Vierhundert sind's.
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Nein, drei, drei, drei!
-
-
- Zweiundzwanzigste Scene.
-
- DIE VORIGEN. TSCHATZKI.
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Da kommt er selbst herbei!
-
- DIE JUNGE GRÄFIN.
-
- Scht!
-
- ALLE.
-
- Scht!
-
- (Ziehen sich zurück.)
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Nun, wenn er seinen Raptus kriegt,
- So kommen wir noch alle vor's Gericht.
-
- FAMUSSOFF (bei Seite).
-
- Ach! Gott sei mir jetzt gnädig!
-
- (Laut.)
-
- Mein liebster Freund --
- Es scheint --
- Du bist nicht recht bei Laune.
- Nach einer Reise braucht man Ruh'.
- Zeig' deinen Puls -- ich glaube Du
- Bist nicht ganz wohl? Geh' recht nach Haus.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich halt's auch nicht mehr aus!
- Ich hab' so viel umarmen heut' gemußt,
- Mir schmerzt davon die Brust;
- Die Füße sind erlahmt vom Scharren und vom Bücken,
- Die Ohren thun mir weh vom Schreien und Entzücken.
- Und ach der Kopf ist fast
- Verrückt von all dem dummen Zeuge!
-
- (Er nähert sich Sophien.)
-
- Mein Geist erliegt des Kummers Last;
- Ich bin in dieser Menge wie verloren.
- Warum ging ich nach Moskau hin,
- Wo ich nicht mehr ich selber bin!
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Ei, hört doch an!
- Nun ist gar Moskau Schuld daran.
-
- FAMUSSOFF (giebt Sophien Winke).
-
- Geh' nicht so nah' Sophie! --
-
- (Bei Seite.)
-
- Sie hört nicht, was ich sage!
-
- SOPHIE (zu Tschatzki).
-
- Was hatten Sie denn nun für eine neue Plage?
-
- TSCHATZKI.
-
- Ach, eine Kleinigkeit!
- Ein wind'ger Franzmann aus Bordeaux
- Erzählt' dort ein'gen Damen froh,
- Wie er sich früher unser Land gedacht,
- Und was er für Ideen sich gemacht,
- Und wie er fest geglaubt, daß wir Barbaren wären.
- Doch alle Angst sei nun vorbei,
- Man sollte, sagt' er, wirklich schwören,
- Daß Moskau noch in Frankreich sei;
- Denn Sitte, Sprache, so wie Moden
- Versetzten ihn auf vaterländ'schen Boden.
- Ihn freut' es ohne Gleichen, --
- Uns kann's zur Freude nicht gereichen.
- Kaum endete der kleine Mann,
- Als alle Welt zu seufzen laut begann:
- Ah, Frankreich, einzig Land, ach göttliches Paris,
- Ja Frankreich ist das ird'sche Paradies!
- So stöhnten zwei geschminkte Damen,
- Die mir so vor wie Papageien kamen,
- Zwei Fürstinnen, die ihre Lection
- Herplapperten aus der Pension.
- Wo sollt' ich hin vor diesen Fürstinnen!
- Ich stand unweit und äußerte bescheiden,
- Doch laut genug, daß sie's gehört,
- Gott möge diesen Geist, von dem wir so bethört,
- Der blinden, knechtischen Nachahmung Sitte,
- Ausrotten bald aus unserer Mitte. --
- Er mögte doch in irgend eine Brust,
- Die selbstbewußt,
- Ergießen Muth und Kraft,
- Durch Beispiel und durch Wort
- Zu zügeln unsere Leidenschaft,
- Dies Schmachten nach der Fremde!
- Und möcht' man einen Finsterling mich schelten,
- Altgläubig möcht' ich ihnen gelten,
- Mir schiene es -- der Geist in unserm Norden
- Sei von der Zeit an schlecht geworden
- Seitdem wir unserer Sprache Herrlichkeit
- Und unsre alten herrlichen Gebräuche
- Vertauscht mit dieser neuen Seuche.
- Die schöne Volkstracht wurde abgelegt,
- Damit nun jeder wie ein Narr sich trägt;
- Sind wir mit diesem Schwalbenschweif
- Nicht gradezu für's Tollhaus reif?
- Ein lächerlicher Ausschnitt in der Mitten,
- Und kaum kann man sich frei bewegen.
- Und dann die Haare kurz verschnitten,
- Vernunft und Klima gleich entgegen!
- Wie lächerlich erscheint ein Graubart nicht,
- Der sich rasirt das Greisenangesicht!
- Kurzum -- ich mußt' gestehn, -- ich fand
- So Haar als Kleider kurz, wie den Verstand.
- Und müßt' es sein -- und sind wir einmal schon geschaffen
- Zu fremder Völker Affen,
- O möchten wir denn doch von den Chinesen lernen
- Die fremden Sitten zu entfernen!
- Ach, machen wir uns je wohl frei
- Von fremder Moden Tyrannei,
- Daß unser Volk, das bravste in der Welt
- Uns unsrer Sprache nach nicht mehr für Fremde hält!
- »Allein wie kann man denn Europas Sitten,«
- Brummt' einer da aus ihrer Mitten,
- »Mit Nationalgebräuchen
- Und Volksgewohnheit wohl vergleichen!
- Nun übersetzen Sie mir schnell
- Madame oder Mademoiselle?
- Sie werden doch nicht »»Herrin«« sagen?
- Und haha! -- Herrin --! ach wie häßlich!
- Und haha! -- Herrin! -- ach wie gräßlich!«
- So wurd' auf meine Kosten nun gelacht;
- Natürlich hat mich das doch aufgebracht,
- Und eben -- auf mein Wort --
- Wollt' ich die derbste Antwort geben,
- Da liefen alle fort --!
- Das ist begegnet mir,
- Und so was sehen täglich wir,
- In Moskau und in Petersburg
- Und in dem ganzen Reich geht das so durch --
- Kommt so ein Männlein aus Bordeaux
- So drängt sich Alles um ihn froh,
- Und alle Damen in der Runde,
- Die hängen wie an seinem Munde. --
- Die Fürstinnen vor allen
- Die haben dran ein Wohlgefallen.
- Doch wer in unsern Residenzen
- Es nicht versteht durch allerlei
- Gezierte Redensart und Narrethei
- Zu glänzen --
- Wer die verschriebenen Gesichter
- Nicht leiden kann,
- Und wer zum Unglück fünf bis sechs Gedanken,
- Wodurch er aus der Menge ragt,
- Frei auszusprechen wagt --
- Der sehe zu!
-
- (Er sieht sich um, die Tänze haben begonnen, die älteren Personen
- haben sich zu den Kartentischen gesetzt -- er zieht sich zurück.
- -- Zum Schluß eine französische Quadrille und Mazurka mit
- Grotesktouren aus der Zeit des französischen Krieges. -- Der
- Vorhang fällt.)
-
- Ende des dritten Akts.
-
-
-
-
- Vierter Akt.
-
-
- Schwach erleuchtete Hausflur im Erdgeschoß. Im Hintergrunde eine
- Paradentreppe zu Famussoff's Wohnung. Links im Vorgrunde
- Moltschálins Zimmerthür, -- rechts vorn die Thüre zum Portier,
- weiter hin die Hausthür. Viele Bediente mit Mänteln und Pelzen
- auf dem Arm, sitzen oder schlafen auf Stühlen und Bänken, man
- hört noch Ballmusik.
-
-
- Erste Scene.
-
- DIE ALTE und JUNGE GRÄFIN (kommen die Treppe herab.)
-
- DIENER (ruft zur Hausthür hinaus).
-
- Der Gräfin Chrumin Wagen!
-
- DIE JUNGE GRÄFIN.
-
- Das muß ich sagen,
- Das war ein saub'rer Ball!
- Wo Famussoff nur hergekriegt
- Die Mißgeburten all'?
- Ich wußt' wahrhaftig nicht
- Mit wem ich sprechen oder tanzen sollte,
- So gern ich beides wollte.
-
- DIE ALTE GRÄFIN.
-
- Ach, Liebchen, komm; ich bin recht mitgenommen,
- Ich werde schwächer doch mit jedem Jahr;
- Es wird gewiß noch einmal dazu kommen,
- Daß ich vom Ball grad auf den Kirchhof fahr'!
-
- (Man hat ihnen die Pelze umgelegt, sie gehen ab.)
-
-
- Zweite Scene.
-
- NATALIE DMÍTREWNA und PLATON GORITSCHEFF.
-
- DIENER (an der Hausthür).
-
- Der Goritscheff'sche Wagen!
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Mein Engelsmann, ich will Dich etwas fragen:
- Mein Herzchen, meine Seele,
- Erzähle: --
-
- (Küßt ihn auf die Stirn.)
-
- Was fehlt' Dir heute,
- Wo alle Welt sich doch so freute?
-
- PLATON.
-
- Ach, liebe Frau, ich kann mich nicht verstellen;
- Ich -- schlafe auf den Bällen.
- Du weißt, ich kann sie für den Tod nicht leiden,
- Doch ist's nicht zu vermeiden,
- Ich muß ja schon die Nächte dejouriren,
- Für Dich ist ja ein Ball -- Genuß, --
- Allein wer auf Kommando tanzen muß,
- Wie soll sich der nicht ennüyiren!
-
- NATALIE DMÍTREWNA.
-
- Du stellst Dich an!
- O, ich durchschau' den Herrn;
- Er möcht' den alten Mann
- Schon spielen für sein Leben gern.
-
- (Geht ab, der Diener folgt.)
-
- PLATON (kaltblütig).
-
- Besieht die Sache man bei Licht,
- So ist ein Ball so übel nicht,
- Ich kann mich nur nicht in den Zwang bequemen;
- Wer hieß ein Weib mich nehmen!
- Ja -- manchem kann man's an der Wiege sagen --
-
- DIENER (kommt zurück).
-
- Die Gnäd'ge sitzen schon im Wagen,
- Und haben zu »verzürnen« sich geruht.
-
- PLATON (seufzend).
-
- Schon gut, schon gut!
-
- (Ab.)
-
-
- Dritte Scene.
-
- TSCHATZKI.
-
- (Zum Diener.) Geh' -- such' den Wagen -- mach' geschwind! --
-
- (Der Diener läuft hinaus.)
-
- So wär' der Tag dahin und alle Hirngespinste! --
- Der Hoffnung leichte Nebeldünste
- Die meine Brust mit Täuschung füllten --
- Sie sind zerstreut -- verweht nach allen Winden!
- Und was denn hoffte ich zu finden?
- Wo ist der Antheil nur? Das Mitempfinden?
- Wo ist der freudige Empfang?
- Sie schreien, sind entzückt, umarmen
- Und alles nichts als leerer Klang!
- So ging es mir auf meiner Reise,
- Die Rosse flogen auf dem Eise,
- Und müssig blickt' ich aus dem Schlitten
- Wie durch die Steppe hin wir glitten,
- Die blau und endlos vor uns lag.
- Man fährt und fährt -- aus Stunden wird ein Tag,
- Und endlich ist das Nachtquartier erreicht,
- Doch ach -- was sich dem Blick auch zeigt --
- Es ist das alte Bild, die alte Noth,
- Dieselbe Wüste leer und todt.
- O, es ist ärgerlich und unausstehlich,
- Je länger man darüber sinnt;
- Ist es nicht schmählich
- Wie wenig Hoffnung oft gewinnt! --
-
- DER DIENER.
-
- Der Kutscher ist nicht aufzutreiben.
-
- TSCHATZKI.
-
- So geh' und such' ihn auf; soll ich die Nacht hier bleiben?
-
-
- Vierte Scene.
-
- TSCHATZKI. REPETÍLOFF (in Pelz gehüllt kommt eilig von außen,
- stolpert auf der Schwelle und fällt hin; die Diener helfen ihm.
- Er ist etwas angetrunken).
-
- REPETÍLOFF (springt hastig auf).
-
- Pfuh! -- Ungeschickt! -- Was? -- Güt'ger Gott!
- Laß mich die Augen nur erst reiben; --
- Mein Herzensfreund, mein lieber Schatz -- _mon cher_!
- Nun sieh' die Menschen da mit ihrem Spott:
- Da sagen sie, daß ich ein Schwätzer sei
- Und dumm und abergläub'sch dabei,
- Weil ich für alles Zeichen
- Und Vorgefühle habe.
- Allein -- jetzt eben -- bitt' ich Dich -- erklär':
- Als ob ich es gewußt -- so eilt' ich her --
- Mein Fuß hackt an -- und ich -- ich falle hin
- So lang und breit ich bin! --
- Ja, lach' Du nur; denk' immerhin
- Daß ich ein Narr und Lügner bin,
- Ich weiß nicht, was es ist,
- Und wie es kommt, daß Du mein Liebling bist.
- Es ist ein Muß -- ich bin dazu gezwungen
- Und bin von Liebe und Respekt ganz wie durchdrungen.
- Für Dich möcht' ich
- Die Frau -- die Kinder aus dem Hause treiben,
- Für Dich könnt' meine Seele ich verschreiben.
- Und sollte mich die ganze Welt verlassen --
- Und sollt' ich auf der Stelle hier erblassen --
- Und sollt' mich Gottes Donner gleich erschlagen --
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei, höre auf, den Unsinn da zu sagen!
-
- REPETÍLOFF.
-
- Du liebst mich nicht! Ach! Das ist ja natürlich!
- Mit andern -- bah! Da bin ich nicht genirt,
- Jedoch mit Dir -- Du hast mir unwillkührlich
- Von jeher imponirt.
- Ich bin ja ungebildet -- ohne Kopf --
- Ich bin ein Narr, ein lächerlicher Tropf! --
-
- TSCHATZKI.
-
- Ein eigenes Bekenntniß!
-
- REPETÍLOFF.
-
- Dir mach' ich gerne das Geständniß;
- Ich fluch' dem Tag, an welchem ich geboren;
- Wenn ich bedenk', wie ich die Zeit verloren!
- -- -- Was ist es an der Zeit?
-
- TSCHATZKI.
-
- Lang' Zeit zu Bett zu gehn.
- Du wolltest auf den Ball? Da fahr' nur gleich nach Haus,
- Denn grade eben ist er aus.
-
- REPETÍLOFF.
-
- Was Ball? Wo wir die Nacht bis in den Tag hinein
- In Anstandsfesseln uns erfreu'n --
- In's Joch gespannt! Hast Du gelesen --
- Es giebt ein Buch --
-
- TSCHATZKI.
-
- Du liest?
- Wie soll ich dieses Räthsel lösen?
- Bist Du denn _Repetíloff_? Wie?
-
- REPETÍLOFF.
-
- Nenn' gradezu mich ein Vandalenvieh;
- Den Titel hab' ich redlich mir erworben:
- Wie bin ich durch und durch verdorben!
- Ach -- wie viel Zeit hab' ich nicht auf Gelagen
- Mit Essen und mit Trinken todtgeschlagen!
- Ich habe meine Kinder nicht erzogen;
- Ich habe meine Frau betrogen;
- Ich hab' gespielt und zwar so arg zuletzt,
- Daß man mich unter Kuratel gesetzt --
- Und _nota bene_ -- _per Ukas_! --
- Ich liebte eine Tänzerin -- was -- nein --
- Ich hielt's zu gleicher Zeit mit drei'n.
- Ich trank -- --
- Und schwärmt' allnächtlich wochenlang.
- Ich warf von mir Gewissen und Verstand,
- Gesetze, Glauben, Vaterland --
-
- TSCHATZKI.
-
- Nun höre mal, das ist zu viel!
- Lüg' immerhin, doch halte Maaß und Ziel.
- Du sprichst von Dingen --
- Die könnten einen zur Verzweiflung bringen.
-
- REPETÍLOFF.
-
- Drum, Bester, wünsch' mir Glück,
- Ich kam von diesem Rausch zurück.
- Mit klugen Leuten geh' ich jetzt nur um
- Und treibe mich nicht mehr des Nachts herum.
-
- TSCHATZKI.
-
- Zum Beispiel -- heute! -- --
-
- REPETÍLOFF.
-
- Was -- eine Nacht -- die zählt nicht -- das ist klar!
- Und dafür frag' mich -- wo ich war!
-
- TSCHATZKI.
-
- Das Räthsel ist nicht schwer zu lösen
- Du bist gewiß im Klubb gewesen.
-
- REPETÍLOFF.
-
- Im Englischen -- um meine Beichte anzuheben.
- Ich hatte mich zu einer Sitzung hinbegeben;
- Es ging heut' äußerst stürmisch her --
- Ich gab mein Wort zu schweigen -- und
- Ich bitt' Dich, schweig daher.
- Es ist ein ganz geheimer Bund
- Der sich versammelt an den Donnerstagen
- Zu allerhand besondern Fragen.
-
- TSCHATZKI.
-
- Da hör' ich wundersame Dinge.
- Im Klubb?
-
- REPETÍLOFF.
-
- Im Klubb.
-
- TSCHATZKI.
-
- Mein Bester, hör'!
- Ich fürchte sehr
- Kommt man Euch auf die Sprünge
- So ist's um Euch und Euren Klubb geschehn.
-
- REPETÍLOFF.
-
- Du glaubst, daß es gefährlich ist?
- Ei, wie Du immer ängstlich bist!
- Wir schreien zwar, doch niemand kann's verstehn.
- Ich selber -- fängt es an recht heiß erst herzugehn
- Von Parlament und Jury -- oder kommt
- Lord Byron auf's Tapet -- ich sag' Dir, wicht'ge Dinge!
- Dann sitz' ich allermeist und höre zu wie stumm,
- Es ist für mich zu hoch -- dann fühl' ich, daß ich dumm.
- Freund -- Du bist nie bei uns gewesen --
- Ich sag' Dir, Männer auserlesen.
- Hör', Alexandre, sei ein prächt'ger Junge
- Und fahre gleich mit mir dahin;
- Jetzt sind sie grade recht im Schwunge
- Und recht im Disputiren drin.
- Ach was für Köpfe! Ungewöhnlich,
- Und mir nicht im Geringsten ähnlich.
- Ich sage Dir, _mon cher_, die Quintessenz
- Der jungen Herrn in unserer Residenz.
-
- TSCHATZKI.
-
- Ei geh' mit Gott! Das wäre schön!
- Wozu? In tiefer Nacht? Ich will zu Bette gehn.
-
- REPETÍLOFF.
-
- Ach was! Wer schläft jetzt? Nein, noch heute,
- Entscheide Dich -- denn wir -- wir sind entschiedne Leute.
- Ein Dutzend heißer Köpfe -- ehrenwerth --
- Wenn man uns schreien hört,
- So ist man ganz verwundert,
- Man glaubt gewiß es seien an die hundert.
-
- TSCHATZKI.
-
- Doch sag' mir nur, wofür Ihr denn so schwärmt?
-
- REPETÍLOFF.
-
- Es wird gelärmt, mein Freund -- gelärmt.
-
- TSCHATZKI.
-
- Allein wozu? Das möcht' ich fragen.
-
- REPETÍLOFF.
-
- Es ist hier weder Zeit noch Ort Dir das zu sagen
- Es ist so ein -- Verein.
- Behutsamkeit muß bei der Sache sein.
- Siehst Du, die Frucht braucht Zeit zur Reife,
- Es geht nicht auf einmal. --
- Doch was für Köpfe -- _ah mon cher_ --
- Ich zähle sie der Reihe her:
- Da ist zuerst -- der Fürst Gregor
- Ein einz'ger Sonderling -- man lacht sich fast zu Tode!
- Er ist ein Angloman und kleidet sich als Britte,
- Die Haare kurz, nach englisch steifer Sitte.
- Und spricht auch durch die Zähne so --
- Du kennst ihn nicht? Ich mach' euch gleich bekannt.
- Ich sage Dir, er ist _charmant_.
- Dann haben wir noch einen Sänger
- Workuloff, -- Jewdokim --
- Er singt sublim!
- Du solltest hören seine Lieder
- Besonders seinen Bollero
- _Ah, non lasciar mi no! no! no!_
- Dann sind auch noch zwei Brüder,
- Zwei prächt'ge Jungen da,
- Leon und Borinka.
- Man weiß von ihnen sonst wohl nichts zu sagen.
- Doch willst Du nach Genies mich fragen,
- Dann nenne ich Dir unsern Hyppolit.
- Du last doch was von ihm? Und wär' es nur ein Lied,
- Lies sag' ich Dir -- doch leider schreibt er nichts!
- Er ist Genie -- an Sitzfleisch nur gebricht's.
- Mit Ruthen müßt' man solche Herrn zur Arbeit treiben
- Und in die Ohren schreien: Schreiben, schreiben!
- Doch fällt mir ein, daß für ein Zeitungsblatt
- Er ein Fragment geschrieben hat,
- »Ein Blick und Etwas« ist es überschrieben.
- Und wovon, glaubst Du, daß dies Etwas handelt?
- Von Allem, denk' Dir! Nichts ist unberührt geblieben.
- Denn er weiß alles -- wir bewahren
- Ihn uns auch für den Fall der Noth.
- Doch unser Cheff -- nun da ist nicht zu streiten --
- Im ganzen Reiche giebt's nicht einen solchen zweiten
- Ich brauche ihn Dir nicht zu nennen,
- Du kannst ihn am Porträt erkennen.
- Er ist ein Duellant von unerhörtem Muthe,
- In böse Händel war er stets verstrickt.
- Er wurde nach Kamtschatka einst verschickt,
- Und kam zurück als Aleute.
- Und freilich geht er nicht in reinen Schuh'n,
- Denn lange Finger hat er -- doch was ist zu thun --
- Kein kluger Kopf kommt ehrlich durch das Leben.
- Doch kann's nichts Herrlicheres geben,
- Als wenn er von der Ehre deklamirt.
- Wie oft hat er uns nicht dadurch gerührt!
- Dann scheinen finstere Dämonen
- Auf seiner Stirne Brau'n zu thronen,
- Die Augen füllen sich mit Blut,
- Er scheint in einer heil'gen Wuth,
- Er selber weint -- und wir -- wir schluchzen.
- Sieh', das sind Leute! Ich bin überzeugt,
- Daß uns auf Erden niemand gleicht.
- Ich freilich -- muß es selber sagen --
- Ich bin das fünfte Rad am Wagen,
- Ich blieb zurück,
- Weil ich entsetzlich faul im Denken.
- Indeß, wenn ich mein bischen Hirn nur zwinge
- Und hin mich setze -- keine Stunde --
- Da fährt mir unverhofft zum Munde
- Ein Calembourg heraus.
- Die andern putzen ihn dann aus,
- Und thun zusammen sich zu sechsen,
- Ein Vaudevill heraus zu hexen;
- Sechs andre machen gleich im Nu
- Die niedlichste Musik dazu,
- Die andern klatschen, was das Zeug's nur hält,
- Und -- lache wie Du willst -- mein Vaudevill gefällt!
- Der Himmel gab mir nicht viel Fähigkeiten,
- Allein mein gutes Herz gefällt den Leuten,
- Und darum halten sie die Lügen mir zu gut.
-
- EIN DIENER (ruft hinaus).
-
- Den Wagen vor vom Oberst Scalosúb!
-
- REPETÍLOFF (kehrt sich um).
-
- Wie? Wessen Wagen vor?
-
-
- Fünfte Scene.
-
- Die VORIGEN. SCALOSÚB.
-
- REPETÍLOFF
-
- (geht Scalosúb entgegen und erstickt ihn fast mit Umarmungen).
-
- Wie -- Seelenfreund -- halt an -- wohin?
- Thu' mir die Liebe --!
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Wo soll ich nur vor diesen mich verbergen?
-
- (Er schlüpft in's Zimmer des Portiers.)
-
- REPETÍLOFF.
-
- Man hat ja lange nichts von Dir gehört
- Es hieß Du seist zurück zum Regiment gekehrt.
- Kennt ihr euch schon?
-
- (Sieht sich um.)
-
- Fort ist der Eigensinn!
- Gleichviel, Dich hab' ich unverhofft getroffen,
- Und Du mußt ohne weitres mit mir gehn.
- Bei Fürst Gregor sind heute
- Versammelt eine Menge Leute --
- Ein Stücker Vierzig wirst Du sehn,
- Potz Tausend, was für große Geister!
- Die ganze Nacht wird disputirt
- Und niemand merkt's, daß er sich ennüyirt.
- Zuerst sieh, daß Du in Champagner nicht ersäufst,
- Und zweitens kriegst Du Dinge dort zu hören,
- Die weder ich noch Du begreifst.
-
- SCALOSÚB.
-
- Ei, laß mich! Das gelehrte Zeug
- Was man zu hören kriegt bei Euch,
- Das lockt mich nicht. Wirb andre an
- Und sag' an Fürst Gregor, ich sei erbötig
- Euch zuzuschicken einen Korporal,
- Den hättet ihr sehr nöthig.
- Er stellte in drei Glieder euch
- Vor allen Dingen
- Und mukstet ihr, er würde gleich
- Mit einem Blicke euch zur Ruhe bringen.
-
- REPETÍLOFF.
-
- Du hast nur stets den Dienst im Kopf, _mon cher_!
- Sieh einmal her:
- Ich blieb' gewiß nicht ohne Rang und Stelle
- Und wäre ein gemachter Mann,
- Allein ich hatte Unglücksfälle
- Wie man nicht ärger haben kann.
- Ich diente im Civil auch damals schon
- Als Baron Klock Minister werden wollte
- Und ich -- sein Schwiegersohn.
- Ich ging ganz blindlings auf mein Ziel
- Und ließ mich ein in solches Spiel
- Mit ihm und seiner Frau. -- Die haben mich geschoren!
- Herr Gott, was habe ich für Summen dort verloren!
- An der Fontanka wohnt der Mann
- Ich baute nebenan
- Mir einen Palast auf
- Mit ungeheueren Colonnen
- Was gingen da für Summen auf den Lauf!
- Die Tochter aber hatt' zuletzt ich doch gewonnen.
- Allein -- o weh -- die Mitgift die war -- Gott zu klagen!
- Und dann -- was wirst Du sagen:
- Im Dienste wurd' ich doch nicht avancirt,
- Es war ein Deutscher, doch wozu hat's mich geführt?
- Er fürchtete den Vorwurf, siehst Du,
- Daß er Verwandte protegirt'
- Er fürchtet' -- hol' ihn der und jener --
- Mir half er nichts.
- Dagegen seine Schreiber, seine frechen
- Sekretaire, Dintenkleckser, Buben
- Aus Schreiberstuben,
- Die waren alle zu bestechen
- Und sind nun avancirt
- Und im Adreßkalender angeführt.
- Der Henker hole Rang und Dienst und Orden!
- Es ist doch nichts als Prellerei,
- Lachmotjeff Selekstei
- Hört' ich vortrefflich sagen
- Daß hier ein radikales Mittel nöthig sei,
- Verdauen will sie nicht mehr unser Magen --
-
- (Er hält plötzlich an, da er statt Scalosúb, der fortgefahren ist,
- Sagorétzki erblickt, der an Scalosúbs Stelle getreten ist.)
-
-
- Sechste Scene.
-
- REPETÍLOFF. SAGORÉTZKI.
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Ich bitte fahren Sie nur fort --
- O, ich versteh' Sie auf mein Wort!
- Ich bin ja ganz wie Sie ein großer Liberaler,
- Allein mir ging es noch fataler,
- Ich trug zu kühn die Wahrheit vor,
- Sie glauben nicht, was ich dadurch verlor.
-
- REPETÍLOFF (ärgerlich).
-
- Verschwunden! -- Alle fort!
- Und sagen nicht ein Wort.
- Erst der -- nun jener -- kaum sieht man sich um;
- Erst hatt' ich Tschatzki hier gefunden,
- Drauf Scalosúb und beide sind verschwunden!
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Was meinen Sie von Tschatzki?
-
- REPETÍLOFF.
-
- Nun, er ist nicht dumm!
- Wir sprachen hier von Possen -- allerhand,
- Dann aber hat sich das Gespräch
- Zum Vaudeville gewandt.
- Ein wichtiges Gespräch! -- Sehr wichtig
- Ist doch das Vaudevill,
- Doch alles übrige ist nichtig.
- Und ich und er -- ich hab' -- ich sag' es offen
- Den nämlichen Geschmack bei ihm getroffen.
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Bemerkten Sie denn nicht
- Daß es bei ihm im Kopf nicht richtig?
-
- REPETÍLOFF.
-
- Ei was!
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Ich sage nur, was jeder spricht.
-
- REPETÍLOFF.
-
- Wie abgeschmackt!
-
- SAGORÉTZKI.
-
- So fragen Sie doch!
-
- REPETÍLOFF.
-
- Wind!
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Da kommt der Fürst mit Frau und Kind
- Recht _à propos_.
-
- REPETÍLOFF.
-
- Ach Possen!
-
-
- Siebente Scene.
-
- REPETÍLOFF. SAGORÉTZKI. FÜRST TUGOÚCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und
- sechs TÖCHTERN; MAD. CHLESTOW von MOLTSCHÁLIN geführt.
-
- SAGORÉTZKI.
-
- Ich bitte Sie, Erlaucht, mir doch zu sagen:
- Ist Tschatzki toll geworden oder nicht?
-
- ERSTE FÜRSTIN.
-
- Wer kann da zweifeln oder fragen?
-
- ZWEITE FÜRSTIN.
-
- Wovon die ganze Welt schon spricht!
-
- DRITTE FÜRSTIN.
-
- Kränklinski's, Schmuzowski's,
- Dibrinki's, Klatschkowski's --!
-
- VIERTE FÜRSTIN.
-
- Das ist was altes schon. Wem ist die Sache neu?
-
- FÜNFTE FÜRSTIN.
-
- Wer zweifelt noch daran?
-
- REPETÍLOFF.
-
- Ei,
- Dieser Mann!
-
- SECHSTE FÜRSTIN.
-
- Sie?
-
- ALLE ZUSAMMEN (ihn umringend).
-
- Wie?
- _Msjë_ Repetíloff. Nein?
- _Msjë_ Repetíloff, ach, wie kann das sein!
- Was wollen Sie, man weiß es schon im ganzen Lande,
- Was denken Sie? Es ist ja Sünd' und Schande!
-
- REPETÍLOFF (hält sich beide Ohren zu).
-
- Verzeih'n Sie mir, ich wußte nicht
- Daß man davon so laut schon spricht.
-
- DIE ALTE FÜRSTIN.
-
- So laut? -- Nicht laut genug. -- Ei, das ist sonderbar!
- Sie müssen wissen
- Mit ihm zu sprechen bringt Gefahr.
- Man hätte längst ihn binden müssen,
- Er ist ja wüthend wie ein Tieger,
- Und doch -- hört man ihn an --
- So scheint sein kleiner Finger klüger
- -- Im Disputiren -- das versteht er --
- Als alle Welt -- und selbst mein Mann, Fürst Peter.
- Ich glaube -- gradheraus -- er ist ein Jakobiner
- Ihr saubrer Freund! -- Nun gute Nacht!
-
- REPETÍLOFF.
-
- Ihr Diener!
-
- DIE ALTE FÜRSTIN.
-
- Ach, Herr Gemahl, Du mußt Dich schon bequemen
- Sisi und Kätchen mitzunehmen,
- Wir haben, sechs Mann hoch, erst gar zu eng gesessen.
-
- MAD. CHLESTOW
-
- (erscheint oben und ruft herab).
-
- Eh, liebe Fürstin, eh!
- Sie haben Ihre Kartenschuld vergessen.
-
- DIE ALTE FÜRSTIN.
-
- Notiren Sie's, mein Schatz. Adieu!
-
- ALLE (gegenseitig).
-
- Adieu, Adieu, Adieu! --
-
- (Die fürstliche Familie und Sagorétzki ab.)
-
-
- Achte Scene.
-
- REPETÍLOFF. MAD. CHLESTOW. MOLTSCHÁLIN.
-
- REPETÍLOFF.
-
- Du großer Gott!
- Ach, meine Gnädigste, was soll man dazu sagen?
- Der arme Tschatzki! Ach! die Weisheit ist nur Spott!
- Und wozu hilft es nun mit Lernen sich zu plagen!
-
- MAD. CHLESTOW.
-
- Gott hat es ihm geschickt! Es ist ein schlimmer Fall,
- Allein vielleicht ist er noch zu kuriren;
- Indeß, mit Ihnen, Freund, würd' man die Zeit verlieren,
- Ist das nun wohl erhört! Jetzt kommen Sie zum Ball!
-
- (Zu Moltschálin.)
-
- Nun, bester Freund, da ist dein Kämmerlein,
- Geh' nur hinein
- Und Gott behüt' Dich. (Moltschálin geht ab.)
-
- (Zu Repetíloff.)
-
- Nun, Alterchen, schön gute Nacht
- Wie lange soll die Tollheit währen?
- Ich dächt', es wäre Zeit, mit Rasen aufzuhören.
-
- (Ab.)
-
-
- Neunte Scene.
-
- REPETÍLOFF und dessen DIENER.
-
- REPETÍLOFF.
-
- Wo fahre ich nun hin?
- Es fängt wahrhaftig an zu tagen.
- Mach' fort und hilf mir in den Wagen
- Und fahr' gleichviel wohin.
-
- (Beide ab.)
-
-
- Zehnte Scene.
-
- TSCHATZKI
-
- (kommt aus der Loge des Portiers).
-
- Wie? Hab' ich recht gehört --? Kann es wohl sein?
- Ist's nicht ein Scherz? O nein
- Nur reine Bosheit! Wie?
- Durch welches Wunder, welche Zauberei
- Verbreitet sich ein solch Geschrei?
- Für ein'ge schien es ein Triumph zu sein,
- Und and're schienen Mitleid mir zu weih'n.
- O, könnt' man in der Menschenbrust doch lesen
- Wer hier am meisten Schuld gewesen,
- Ob ihre Zunge, ob ihr Herz.
- Wer hat erdacht den abgeschmackten Scherz?
- Der Dumme glaubt's und gleich muß er es weiter tragen,
- Die alten Weiber sind gleich fertig Lärm zu schlagen,
- Und allgemein wird's dann als Wahrheit anerkannt.
- Das also ist mein Vaterland!! --
- Nein, nein -- ich fühl's -- bald habe ich genug
- Von diesem herrlichen Besuch! --
- Ob wohl Sophie davon gehört?
- Wahrscheinlich sagte man's auch ihr.
- Sie ist gesinnt -- nicht g'rade feindlich mir,
- Doch ihr ist's ein's, ob ich gestört
- Ob es ein andrer ist; sie liebt ja keinen.
- Allein, wie sollte ich damit die Ohnmacht einen?
- Sind's ihre Nerven, die sich dazu neigen,
- Ist's eine Schwäche, ihr nur eigen?
- Ein Nichts erschreckt, ein Nichts beruhigt sie.
- Ich glaubt' es wäre Sympathie,
- Lebhafte Leidenschaft wär' hier im Spiel,
- Ach, nicht die Spur davon! Vielleicht
- Hätt' sie gezeigt
- Das nämliche Gefühl
- Wenn einer Katze, einem Hund' von ungefähr
- Man auf den Schwanz getreten wär'!
-
- (Unterdessen ist die letzte Lampe erloschen.)
-
- SOPHIE
-
- (erscheint oben auf der Treppe mit einem Licht und beugt sich über
- das Geländer).
-
- Moltschálin? Wie!
-
- (Sieht Tschatzki, zieht sich schnell zurück.)
-
- TSCHATZKI.
-
- O Himmel -- das war sie! --
- Sie selbst! -- Es kocht mein Blut,
- Die Sinne schwanken wie in Fiebergluth.
- War es ihr Geist? Verlor ich den Verstand?
- Was geht hier vor?
- Nein, keine Täuschung konnt' das sein;
- Es war ein Stelldichein.
- Wozu mich länger selbst noch täuschen,
- Sie rief Moltschálin ja,
- Und hier -- hier ist sein Zimmer! -- da!
-
- TSCHATZKI'S DIENER (kommt eilig von draußen).
-
- Der Wa-- -- --
-
- TSCHATZKI.
-
- St! Fort mit Dir!
-
- (Diener ab.)
-
- Ich bleibe, muß es sein, selbst bis zum Morgen hier;
- Soll ich den Kelch der Leiden trinken
- So will ich's lieber auf einmal,
- Durch Zaudern, ach, entgeht man nicht der Qual.
- Man kommt! --
-
- (Verbirgt sich hinter einem Pfeiler.)
-
-
- Elfte Scene.
-
- TSCHATZKI (verborgen). LISETTE (mit einem Licht).
-
- LISETTE.
-
- O Gott, ich möcht' vor Angst vergehn!
- Des Nachts im leeren Vorhaus hier zu stehn! --
- Ich fürcht' mich vor Gespenstern sehr
- Und vor Lebend'gen noch viel mehr.
- Gott mag dem Fräulein das verzeih'n
- Da schickt sie mich gerad hinein.
- Sie sagt, sie hätte Tschatzki hier gesehn:
- Wie ein Gespenst sieht überall sie den.
-
- (Sieht sich um.)
-
- Das fehlte auch noch, hier zu bleiben,
- Und sich im Vorhaus hier herum zu treiben!
- Ich wette:
- Der liegt mit seinen Liebessorgen
- Schon längst zu Haus im Bette,
- Und sinnt auf einen Plan zu morgen.
- Doch muß ich ja zum Herzensfreunde geh'n,
-
- (Sie setzt das Licht auf den Boden und pocht an Moltschálin's
- Zimmerthüre.)
-
- Moltschálin hören Sie? Ich bitt' Sie aufzustehn;
- Das Fräulein ruft. Ich soll Sie gleich zum Fräulein führen.
- Doch schnell, wir dürfen nicht die Zeit verlieren.
-
-
- Zwölfte Scene.
-
- TSCHATZKI (verborgen). LISETTE. MOLTSCHÁLIN (gähnt und dehnt sich).
- Bald darauf erscheint SOPHIE oben unbemerkt.
-
- LISETTE.
-
- Sind Sie von Eis heut' oder Stein?
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ach, Lieschen mein,
- Kamst Du aus eignem Antrieb? Sprich!
-
- LISETTE.
-
- O nein, das Fräulein schickte mich.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Wer sollte glauben, daß in diesen Zügen,
- In diesen Aederchen
- Der Liebe sanft Erröthen nie gespielt! --
- Kann Dir das Botenlaufen denn genügen,
- Hast Du denn selber Liebe nie gefühlt?
-
- LISETTE.
-
- Da Sie auf Freiersfüßen gehn
- Kann ich Ihr Gähnen nicht verstehn.
- Den lobte ich, der vor dem Hochzeitstag
- Nicht essen und nicht schlafen mag.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Was Hochzeit? Und mit wem denn, sprich?
-
- LISETTE.
-
- Nun mit dem Fräulein, dächte ich.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ach geh! Die Hoffnung liegt noch weit;
- Auch ohne Hochzeit bringt man hin die Zeit.
-
- LISETTE.
-
- Ich weiß nicht recht, mein Herr, wie man so sprechen kann!
- Wir wollen ja doch keinen andern Mann.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Mag sein! Ich hab' seither nur immer Angst gehabt,
- Daß uns der Alte nicht ertappt.
- Der würde uns verfluchen und verjagen! --
- Hör', soll ich Dir die Wahrheit sagen?
- In Deinem Fräulein hab' ich niemals was erblickt
- Was mich entzückt;
- Ich wünsche ihr auf allen Wegen
- Des Himmels reichsten Segen;
- Doch sie hat Tschatzki gern gesehn,
- Und nun! -- Mir wird's nicht besser gehn.
- Ach Engel mein, ach könnte ich
- Nur halb für sie empfinden, wie für Dich! --
- Ich thue was ich kann,
- Ich stell' mich zärtlich an,
- Allein -- der Himmel weiß --
- Sobald ich sie nur seh', so werde ich zu Eis.
-
- SOPHIE (bei Seite).
-
- Wie niedrig! O, kaum kann ich mich bezähmen!
-
- TSCHATZKI (bei Seite).
-
- Der Schuft!
-
- LISETTE.
-
- Sie sollten sich doch schämen!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Im Testament rieth mir mein Vater, daß ich _Allen_
- Bemüht sein müßte zu gefallen:
- Dem Wirth des Hauses, wo ich im Quartier,
- Sodann dem Chef, der über mir;
- Auch dessen Diener, der die Kleider putzt,
- Dem Schweizer und dem Hausknecht dann --
- Weil man sie oft benutzt,
- Und suchen sollte ich
- Des Knechtes Hund zum Freunde zu bekommen.
-
- LISETTE.
-
- Ei, ei, da haben Sie viel Arbeit übernommen!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Und darum stelle ich verliebt mich an,
- Nur aus Gefälligkeit,
- Weil sie die Tochter ist von einem solchen Mann.
-
- LISETTE.
-
- Durch den Sie gastfrei aufgenommen
- Von dem Sie manchen Rang bekommen?
- Doch bitt' ich eilen Sie --!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Wohlan, so laß uns zu Sophie
- Zu unsrer weinerlichen _Coeur-madam_
- Mit ihrem Liebesgram.
- Doch erst erlaub' mir mit Entzücken
- Dich an dies volle Herz zu drücken. --
-
- (Er will sie umarmen; sie entzieht sich ihm.)
-
- Warum ist sie nicht Du!
-
- (Indem er hinauf gehen will, tritt ihm Sophie entgegen.)
-
- SOPHIE.
-
- Zurück, ich hab' genug gehört!
- O Ungeheuer Sie! So also mußt' es enden!
- Ich schäm' mich vor mir selbst, ich schäm' mich vor den Wänden.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Sie da?
- Sophie Pawlowna!
-
- SOPHIE.
-
- Um Himmelswill'n, kein Wort --! Sie schweigen! --
- Entschieden ist schon alles hier.
-
- MOLTSCHÁLIN (wirft sich zu ihren Füßen).
-
- Ach Gott, verzeih'n Sie mir,
- Gedenken Sie, ach seh'n Sie auf mich her!
-
- SOPHIE.
-
- Ich denk an gar nichts mehr --
- Und schwiegen Sie, so wär' es besser.
- O die Vergangenheit, sie ist ein scharfes Messer!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Erbarmen Sie sich doch!
-
- SOPHIE.
-
- Wozu dies Kriechen noch?
- Wozu am Boden liegen!
- Kein Wort! Ich weiß wie Sie betrügen.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Die einz'ge Gnade nur! --
-
- SOPHIE.
-
- Nein, nein, nein!
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Ich scherzte, sprach ja nur verschlafen,
- O Gott, wie können Sie so hart mich strafen!
-
- SOPHIE.
-
- Auf, sage ich -- sonst wecke ich das Haus
- Und dann ist's mit uns beiden aus.
-
- (Moltschálin steht schnell auf.)
-
- Von heute an will ich von Ihnen nicht mehr wissen;
- Und daß Sie es zu denken selbst nicht wagen,
- Als ob mit Thränen und mit Klagen
- Sie von mir würden je beehrt --
- Das sind Sie wahrlich gar nicht werth.
- Und daß Sie sich nicht untersteh'n
- Ihr Auge länger hier zu zeigen.
-
- MOLTSCHÁLIN.
-
- Was Sie befehlen soll gescheh'n.
-
- SOPHIE.
-
- Ich würde nichts verschweigen,
- Ich sagte Alles meinem Vater frei,
- Mein Schicksal wär' mir einerlei.
- Sie können gehn! Nein, halt! -- Es ist Ihr Glück
- Daß Feigheit mehr Sie hielt zurück
- Wenn ich in tiefster Nacht Sie sah,
- Als selbst, wenn es am Tag geschah;
- Sie sind so kühn nicht, wie gemein.
- O ich bin froh, daß es jetzt Nacht und wir allein;
- Daß Augenzeugen nicht zugegen!
- Welch eine Meinung müßt' man von mir hegen;
- Wenn, wie heut' Vormittag,
- Als ich in Ohnmacht lag,
- Hier Tschatzki wär'.
-
- TSCHATZKI
-
- (hinter dem Pfeiler rasch hervortretend).
-
- Hier ist er, Heuchlerin!
-
- LISETTE UND SOPHIE.
-
- Ach! -- Ach! --
-
- (Lisette läßt das Licht vor Schrecken fallen. Moltschálin läuft in
- sein Zimmer und verschließt es.)
-
-
- Dreizehnte Scene.
-
- TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE.
-
- TSCHATZKI.
-
- Jetzt schnell in Ohnmacht hin!
- Denn mehr als heute früh, wär's grade jetzt am Ort.
- Das also war das große Räthselwort!
- Und diesem bin ich aufgeopfert!
- Ich weiß nicht, wie ich mich
- Und meine Wuth bezähmte -- ha --
- Ich sah und schaut' und glaubt' nicht was ich sah!
- Und dieses Herzblatt, das mir vorgezogen,
- Für den Sie Ihren alten Freund betrogen,
- Der Mensch, durch den Gefühl und Scham
- Von Ihrer Wange kam,
- Der läuft jetzt fort voll Angst und Schrecken
- Sich hinter Schloß und Riegel zu verstecken.
- Wer faßt des Schicksals launenhaftes Spiel!
- Der Mann von Seele und Gefühl
- Wird unter einer Last von Leiden fast erdrückt,
- Und die Moltschálin's -- sind beglückt.
-
- SOPHIE
-
- (in Thränen zerfließend).
-
- Nichts mehr, ich bin voll Schuld -- ich sag' es frei --
- Doch konnt' ich's ahnen wohl, daß er so schändlich sei?
-
- LISETTE.
-
- Man kommt! Ihr Vater ist's, ach Gott, das ganze Haus!
- Der Alte wird sich freu'n, nun ist auch alles aus!
-
-
- Vierzehnte Scene.
-
- DIE VORIGEN. FAMUSSOFF (kommt mit mehreren Dienern, die Fackeln,
- Lichte und Laternen tragen).
-
- FAMUSSOFF.
-
- Hierher! Mir nach! Geschwind, geschwind!
- Mehr Licht! Laternen! Nun, wo sind
- Denn die Gespenster? Wie? Was seh' ich da?
- Wie? meine Tochter? Ha!
- Verworfne Dirne, ohne Scham!
- Und wo? Und sag' mit wem? Infam!
- Ja! Topp auf Topp! Ganz auf ein Haar
- Wie meine sel'ge Frau, wie ihre Mutter war.
- Kehrt' ich den Rücken nur, so wußt' ich's schon'
- Gleich steckt' sie irgendwo mit einer Mannsperson.
- Du! fürchte Gott!
- Wie hat Dich dieser Mensch denn so berückt?
- Du selbst erklärtest ihn ja für verrückt;
- Ja so!! -- Ich war ja blind und dumm!
- Erfunden war's und alle wußten drum.
- Er selbst war im Complott
- Mit allen meinen Gästen.
- Wodurch verdient' ich, lieber Gott,
- Daß man mich also hält zum Besten!
-
- TSCHATZKI (zu Sophie).
-
- Das Mährchen also haben Sie erdacht?
-
- FAMUSSOFF.
-
- Schatz, keine Finten hier gemacht!
- Ich lass' mich länger nicht betrügen
- Und würdet ihr euch hier gleich in den Haaren liegen.
-
- (Zum Portier.)
-
- Du, Philipp, bist ein Klotz, wie ich nun deutlich seh' --
- Ein Rindvieh macht' ich zum Portier.
- Er hört und sieht nicht; -- sag' -- wo hast Du denn gesteckt?
- Wie hast Du denn nicht alles gleich entdeckt?
- Warum verschlosst Du nicht die Thüre jetzt?
- Und warum passest Du nicht auf bis ganz zuletzt?
-
- (Zu den übrigen Dienern.)
-
- Wo war't ihr alle hingelaufen? --
- Zur Arbeit -- nach Sibirien mit euch!
- Für einen Groschen wär't ihr fertig gleich
- Mich zu verrathen und mich zu verkaufen.
-
- (Zu Lisette.)
-
- Und das, Du Falkenaug', sind deine Schelmenstücke!
- Da haben wir die Schmiedebrücke
- Und Putz und Modennarrethei.
- Da hast Du es gelernt
- Wie man den Seladon läßt ein
- Und wieder ihn entfernt.
- Wart' nur, Dir leg' ich Deine Suiten,
- Auf's Dorf mit Dir, da kannst Du Gänse hüten!
-
- (Zu Sophie.)
-
- Auch Du, Mamsell, Du bleibst nicht länger hier.
- Zwei Tage Zeit noch geb' ich Dir,
- Dann wirst Du fort aus Moskau gehn
- Und nicht mehr Menschen sehn.
- Ich halte Dich schon fern
- Von solchen abgefeimten Herrn.
- Zur Muhme, nach Saratow -- in die Wüste hin,
- Das wird kuriren Deinen Sinn.
- Da kannst Du seufzen in der Oede,
- Von Liebelein ist dort nicht mehr die Rede;
- Da kannst Du Dich am Rahmen dehnen
- Und hinter der Postille gähnen.
-
- (Zu Tschatzki.)
-
- Erlauben Sie, mein Herr, daß ich Sie ernstlich bitte
- Zu unterlassen alle weitern Schritte,
- In jeder Art, nicht grad', nicht krumm --
- Sie werden schon für Ihre Streiche büßen,
- Und hier im ganzen Publikum
- Wird jede Thür vor Ihnen sich verschließen --
- Denn ich versprech's -- ich werde Lärmen schlagen,
- Ich werde jedermann in Moskau fragen
- Wie solch Betragen ihm gefällt.
- Erfahren soll es alle Welt,
- Ich schrei' es aus in alle Häuser,
- Ich reich' es ein in den Senat,
- Ich klag' es dem Ministerrath,
- Ich gehe bis zum Kaiser!
-
- TSCHATZKI.
-
- Ich fass' es nicht, ich muß gestehn,
- Ich hör' es zwar, doch kann ich's nicht begreifen.
- Betäubt davon was hier geschehn
- Steh' ich noch da und die Gedanken schweifen.
- Ich Thor! Wo suchte ich den Preis für meine Leiden?
- Ich eilte, flog, ich zitterte vor Freuden,
- Dem Glück schon nah mich wähnend;
- Nur Eines wünschend, Eins nur sehnend
- Verschwendet' ich der Liebe heißes Flehn,
- Und Sie -- Sie wählten -- wen?! --
- Und wollten Sie mich denn verschmäh'n --
- Warum denn heucheln
- Und mir mit Hoffnung schmeicheln?
- Warum mir denn nicht deutlich sagen:
- Hin sei der Traum aus jenen Jugendtagen,
- Und nur noch Gegenstand für Ihren Spott!
- Warum mir denn nicht sagen,
- Daß lau geworden die Erinnerung sogar
- An die Gefühle, die wir theilten,
- Und die in mir nicht Trennung, nicht die Zeit,
- Zerstreuung nicht und weite Reisen heilten;
- Die jedem Athemzug verwebt --
- Mit denen ich gelitten -- mit denen ich gelebt!
- Ach hätten Sie die Wahrheit nicht gescheut,
- Daß meine schnelle Rückkehr, mein Betragen,
- Mein Anblick, meine Worte Ihnen nicht behagen,
- Ich hätte Sie sogleich von mir befreit.
- Ich hätte nicht in meinem blinden Wähnen
- Nach _dem_ gestrebt, was er, Ihr Liebling da --
-
- (Er lacht.)
-
- Haha!
- Sie werden sich versöhnen!
- Wenn reiflich Sie's bedenken,
- Wozu sich selber kränken?
- Und dann -- Sie können windeln ihn und plagen
- Und in Geschäften aus dem Hause jagen,
- Solch Ehejüngelchen, solch einen Eheknecht --
- Zum Pagen wie geschaffen
- Für's ganze weibliche Geschlecht,
- Der Eheherren hohes Ideal
- In Moskau -- o -- ein sauberer Gemahl.
- Genug! Es ist mein Stolz Sie zu vergessen.
-
- (Zu Famussoff.)
-
- Sie, alter Herr, auf Rang stets so versessen,
- O träumen Sie unwissend -- glücklich fort!
- Ich gebe Ihnen hier mein Ehrenwort:
- Ich werbe nie um Ihrer Tochter Hand,
- Weil sich ein andrer Ritter fand.
- Ein Männlein sehr erfahren und geschickt,
- Ein Speichellecker, der sich ewig bückt,
- Und der auch ganz, so wie mir däucht,
- Dem künft'gen Schwiegervater gleicht.
- Die Schuppen ha, sind mir vom Aug' gefallen,
- Die Binde sank -- die Täuschung hörte auf!
- Jetzt thäte es mir wohl, zu gießen meine Galle
- Und meinen Hohn
- Auf Vater, Tochter, Schwiegersohn,
- Mit einem Wort -- auf Alle!
- Zu welchen Menschen führte mich
- Das Schicksal doch so wunderlich!
- Verfolgung, Spott, des Hohnes Klänge
- Erfuhr ich nur von dieser blinden Menge;
- Verräther an der Treu und Liebe,
- Und unersättlich in des Hasses Triebe.
- Unbänd'ge Schwätzer, boshaft alte Weiber,
- Dummkluge Weise,
- Verschmitzte tück'sche Pinsel, matte Greise,
- Die zum Kind
- Herabgesunken unter Possen sind! --
- Ihr habt posaunt in vollem Chor,
- Daß ich Verstand und Sinn verlor!
- Und Ihr habt Recht! -- Wenn ein verständ'ger Mann
- Nur einen Tag mit Euch durchleben kann
- Und es gelingt Euch nicht den Kopf ihm zu verdreh'n
- So kann er dreist durch's Feuer gehn.
- Aus Moskau fort!
- Nein, Moskau ist nicht mehr das Ziel von meinen Reisen.
- Ich suche nichts als einen stillen Ort
- Um hin mein wundes Herz zu tragen.
- Mein Wagen, schnell, wo ist mein Wagen!
-
- (Schnell ab.)
-
-
- Fünfzehnte Scene.
-
- DIE VORIGEN (ohne Tschatzki).
-
- FAMUSSOFF.
-
- Nun siehst Du! Ist's nicht sonnenklar,
- Daß niemand je verrückter war?
- Sag' selbst, im Ernst, -- was sprach er gleich
- Für tolles abgeschmacktes Zeug!
- Von Speichelleckern fing er an
- Von einem Schwiegervater dann;
- Und das war sonderbar,
- Was er auf Moskau böse war.
- Doch Du -- Du bringst mich um -- ja Du!
- Bin ich nicht _so_ schon zu beklagen?
- Ach großer Gott, was wird dazu
- Nun unsre alte Fürstin sagen!!
-
- (Gruppe. Der Vorhang fällt.)
-
- Ende des vierten und letzten Akts.
-
-
-
-
- Bemerkungen
- über das vorliegende Stück.
-
-
-Über jedem ächten Kunstwerke liegt der Hauch der Ursprünglichkeit
-gebreitet, den der Mechanismus des Copirens, der Nachbildung abstreift.
--- Aber wer eine Statue, ein Bild copirt, arbeitet wenigstens in dem
-nämlichen Stoff; -- der Übersetzer dagegen soll den geistigen Stoff in
-einem ganz anderen Material, in einer anderen Sprache wiedergeben, und
-Übersetzungen gleichen daher, wie der sonst verständige, tolle Junker
-von la Mancha sagt, -- _verkehrten Tapeten_. Am schwierigsten erscheint
-nun die Übersetzung eines dramatischen Stückes, wenn die Sprache je nach
-den Characteren eine ganz verschiedene ist, und wenn verschiedene
-Bildungsstufen und Zustände eigenthümlicher, ja lokaler Art dargestellt
-sind. Und dieses ist der Fall mit dem vorliegenden Drama Gribojädoff's.
-Es ist nicht schwer die Sprache von Sophie oder Tschatzki wiederzugeben:
-sie sprechen die Sprache aller gebildeten Menschen; wer aber vermöchte
-in einer andern Sprache solche eigenthümliche Erscheinungen
-wiederzugeben, wie einen Famussoff, einen Scalosúb, einen Repetíloff.
-Jeder von ihnen führt eine verschiedene Sprache, welche die
-verschiedenen Bildungsstufen bezeichnet, auf der jeder sich befindet.
-
-Noch einer andern Schwierigkeit muß ich erwähnen: Oft ruft der Gegensatz
-von Fremdwörtern mit der familiären Sprache eine unwiderstehliche Komik
-hervor, die also nicht sowohl im Sinne als in der Wortstellung liegt.
-Von solchen Stellen wimmeln die Reden Famussoff's, und wie selten kann
-die treue Übersetzung zugleich mit einer ähnlichen Wortstellung
-verbunden werden!
-
-Nach diesen Ansichten von Übersetzungen, nach diesem Bekenntniß des
-Unvermögens wird man mir hoffentlich nicht die Absicht unterschieben
-wollen, als ob ich diese Übersetzung unternommen hätte, um solchen, die
-nicht russisch verstehen, das Original zu ersetzen.
-
-Mein Endzweck war ein ganz anderer. Ich schrieb diese Übersetzung nicht
-sowohl für Deutsche oder solche die deutsch und nicht russisch
-verstehen, sondern vor allen Dingen für -- Russen. Man verstehe mich
-nicht unrecht. Jeder wird mir zugeben, daß es angenehm wäre eine Sprache
-zu erlernen ohne das Lexicon immerfort aufschlagen zu müssen. Wenn nun
-ein Russe z. B. deutsch lernen wollte, so würde er, glaube ich, dieses
-am bequemsten aus getreuen Übersetzungen derjenigen russischen
-Meisterwerke, die er bereits im Original auswendig kennt. Hierzu rechne
-ich Kryloff's Fabeln, Puschkin's Onägin und das vorliegende Drama. In
-meiner Übersetzung habe ich, dem Original Vers für Vers folgend, die
-Redeweisen durch ähnliche deutsche wiederzugeben versucht. Hierbei ist
-nicht zu vergessen, daß die Sprache des Stücks die gewöhnliche
-Umgangssprache ist, und ich hoffe, daß man mir nicht den Vorwurf machen
-wird, eine andere als die bürgerliche Conversationssprache in der
-Übersetzung gebraucht zu haben. Der Russe wird also aus ihr deutsch
-_sprechen_ lernen und zwar mit den _eigentlichsten_ Redeweisen an ihrem
-Ort.
-
-Aber auch demjenigen, der russisch erlernen will kann ich keinen
-besseren Rath ertheilen, als _Gore ot uma_ zu lesen, denn die Sprache
-ist, wie gesagt, die Umgangssprache und durch die gebundene Rede ist der
-Werth der Sylben, die Betonung, der Accent sogleich gegeben. Solchen
-würde denn meine Übersetzung eine willkommene Beihülfe werden zum
-Verständniß des Originals, da die dunkelsten Stellen nach sorgfältiger
-Kritik der verschiedenen Auslegungen übersetzt sind.
-
-Die Idee, die diesem Stücke zu Grunde liegt, ist eine schon bekannte.
-Sie ist in einer Gellert'schen Fabel anmuthig und bündig gegeben.
-
- »Du Narr willst klüger sein als wir?
- »Man zwang den Pez davon zu laufen.«
-
-Goethe hat den nämlichen Gedanken in den schönen Versen im Faust
-ausgedrückt:
-
- »Die Wenigen, die ihr Gefühl, ihr Schaun
- »Dem Pöbel offenbarten
- »Hat man von je gekreuzigt und verbrannt!«
-
-Wir sehen im _Gore ot uma_ einen strebenden, mit glühender
-Vaterlandsliebe begabten, jungen Mann von seinen Reisen zurückkehren;
-auf diesen hat er mit Verdruß erkannt, daß die Gesellschaft seiner Zeit
-in Rußland eine Copie darstellt, und dieser Gedanke erfüllt ihn auf's
-schmerzlichste. Mit diesem Unfrieden im Herzen kehrt er ins Vaterland
-zurück, und findet zum Unglück noch seine Jugendgeliebte kalt und
-abgewendet. Seine Mißstimmung steigert sich dadurch, sein Mund geht über
-wovon sein Herz voll ist, er macht sich aller Welt verhaßt, und durch
-ein Mißverständniß, das jeder befördert, sieht er sich für verrückt
-erklärt und steht einsam da.
-
-Der Dichter schwingt die unbarmherzigste Geissel des Spottes über die
-verderbten sozialen Zustände in einer Hauptstadt; alle Charactere sind
-aus dem Leben gegriffen und von einer solchen inneren, menschlichen
-Wahrheit, daß wir immer glauben bekannten Erscheinungen und Personen zu
-begegnen, und dem Verfasser daher immer von Herzen Recht und Beifall
-geben.
-
-Ich theile übrigens nicht die Ansicht Vieler, als ob Gribojädoff
-geglaubt habe _Russen_ zu schildern; wenn er diese Ansicht hatte, so ist
-es ihm ergangen wie Wilhelm Meister, der nur _Schauspieler_ kannte, sich
-über sie bitter beschwerte und in ihrer Beschreibung auf's treffendste,
-ohne es zu wissen, -- _Menschen_ schilderte. Ich glaube in jedem Lande
-in Europa und besonders in den größeren Provinzialstädten wird man
-ähnliche Erscheinungen mit geringer Modification, durch Nationalität
-bedingt, wiederfinden, und eine freie und gehörig modificirte
-Übersetzung würde daher gewiß in jedem Lande Beifall finden. Über den
-Werth des Stücks hat die Zeit bereits entschieden, die strengste Kritik
-muß entwaffnet werden durch die Thatsache, daß jedermann, ehe das Stück
-gedruckt wurde -- es bereits in der Abschrift besaß und fast auswendig
-wußte, so daß nach Polewoi's Ausdruck _die Buchdruckerkunst für
-Gribojädoff nicht erfunden zu sein brauchte_.
-
-Die in den Namen der Personen in dem Wortlaut involvirte Bezeichnung der
-Charactere wäre etwa folgende:
-
-Famussoff dürfte von _famose_ abzuleiten sein, in ironischem Sinne, wie
-man z. B. sagt -- ein famoses Subject oder ein sauberes Subject.
-Famussoff ist ein selbstzufriedener, geld- und titelsüchtiger gemeiner
-Büreaucrat.
-
-Tschatzki (von [Kyrillisch: chad`] -- Dunst?), der einzige würdige
-Character im ganzen Stück. Sein Schicksal ist in dem Titel des Stücks
-ausgesprochen. Wollte der Dichter durch seinen Namen bezeichnen, daß er
-ein Träumer war? Tschatzki macht sich freilich Luftschlösser, er
-schwärmt -- aber er ist ein edler Schwärmer.
-
-Moltschálin (von [Kyrillisch: molchat'] -- stille sein, schweigen) ist
-ein armseliger Character; ein Mensch von niederer Herkunft und
-Gesinnung. Er spielt die Flöte und schreibt eine gute Hand.
-
-Scalosúb (Zähneblecker, Spottvogel), ein bornirter Kamaschenheld, der
-keine Ahnung von der wahren Bedeutung eines Kriegers hat. -- Bezeichnend
-ist es, daß er als Formenmensch nur immer Zahlen im Munde hat.
-
-Goritscheff (von [Kyrillisch: gorest'] -- Herzeleid), ehemals ein
-tüchtiger Mensch, ist er durch eine sinnliche und herrschsüchtige Frau
-ganz verweichlicht; er fühlt das und ist daher verdrüßlich und
-melancholisch.
-
-Repetíloff (von _répéter_), ein leerer, verlebter Wüstling, der selbst
-ohne Bedeutung sich an bedeutendere Naturen anhängt und repetirt was
-andere sagen. Er ist das Bild eines Mannes, der schon im vorgerückten
-Alter noch nicht zur Besinnung gekommen ist und der jung zu bleiben
-glaubt, wenn er die Thorheiten und Ausschweifungen der Jugend in sein
-Alter hinübernimmt.
-
-Sagorétzki (von [Kyrillisch: zagorät'] -- durch Brennen schwarz
-werden?), ein berüchtigter (gebrandmarkter) Spieler, Lügner und Dieb,
-der aber durch allerlei Gefälligkeiten, die ihm nichts kosten, in der
-Gesellschaft sich zu erhalten weiß. Ein Beweis von dem Mangel einer
-öffentlichen Meinung, von der laxen Moral großer Städte.
-
-Mad. Chlestow (von [Kyrillisch: khlest'] -- Spießruthe), eine alte,
-brutale zänkische Dame.
-
-Chrumin (von [Kyrillisch: khromät'] -- lahm werden), eine abgelebte
-Dame, die sich von dem schaalen Treiben der Bälle nicht losmachen kann.
-
-Tugoúchoffski (von [Kyrillisch: tugo] und [Kyrillisch: ukho] --
-Steifohr), ein stocktauber und armer Fürst.
-
-
-
-
- Analyse des ersten Akts.
-
-
-Die Personen dieses Aktes sind: Fámussoff, Sophie, Tschatzki,
-Moltschálin, Lisa und ein Diener. Wir sehen in ein unheilvolles Innere.
-Die Frau vom Hause ist längst verstorben, und die Erziehung ihres
-einzigen hinterbliebenen Kindes hatte der vielbeschäftigte Vater, ein
-Mann von laxer Moral, Miethlingen überlassen. Sehen wir nun, daß Sophie
-mit einer lebhaften Sinnlichkeit, dem Erbtheil ihrer Eltern begabt und
-mit einer listigen und leichtfertigen Soubrette wie Lisa zur Vertrauten,
-in ihrem siebzehnten Jahre schon den zweiten Roman ihres Lebens spielt
--- bedenken wir, daß diese Natur auf dem üppigen Boden einer großen
-Stadt emporwuchs, so erscheint diese Frühreife ganz motivirt. Der Held
-ihres ersten Romanes war ihr Vetter und Spielgefährte Tschatzki, der
-Held auch des Stückes. Mit einer feurigen Einbildungs- und Urtheilskraft
-und mit einem rechtlichen Sinne begabt, waren ihm seine
-Dienstverhältnisse und dann besonders das ganze Wesen im Hause
-Fámussoff's unerträglich geworden; drei Jahr vor Beginn des Stückes
-hatte er Moskau plötzlich verlassen. Wie aus der zweiten Scene im
-dritten Akt hervorgeht, hatte er sein Glück in Petersburg versucht, und
-auch die Gunst eines Ministers gewonnen, aber er verlor sie ebenso bald
-durch eine Lebhaftigkeit, die hochgebildeten, edlen Seelen nie gestattet
-zu schweigen wo die Klugheit es auch gebietet. So hatte er durch seine
-Reise nichts gewonnen, in seiner Abwesenheit aber das Herz Sophiens
-verloren; denn das Sprichwort: _les absents ont tort_ bewahrheitet sich
-wieder hier vor uns. Theils aus Langerweile -- denn aus einer
-unerklärlichen Bizarrerie hat Tschatzki in den drei Jahren nichts von
-sich hören lassen, -- theils aus Herzensbedürfniß hat Sophie sich einen
-andern Helden gewählt, und dieser, der stärkste Gegensatz von Tschatzki,
-der geistlose, geschniegelte Allerweltsdiener Moltschálin, mit einem
-leidlichen Äußeren und einer hündischen Geduld ausgestattet --
-erheuchelt Gegenliebe, aus Furcht, die Tochter seines Chefs zu
-beleidigen. Es folgt daraus eine ganz schiefe Stellung; -- das
-Verhältniß muß vor dem ehrgeizigen Vater streng verheimlicht werden, und
-Moltschálin, der die früheren Gefühle Sophiens für Tschatzki kennt,
-betrachtet sich nur als Spielzeug ihrer Laune, und denkt nicht an die
-Möglichkeit einer festen Verbindung. Ebenso unheimlich ist der Soubrette
-zu Muthe, weil Moltschálin arm ist und bei Entdeckung des Verhältnisses
-_sie_ vorzüglich als die Vertraute gestraft werden würde. -- Indeß muß
-sie, von ihrer jungen Herrin gezwungen, die heimlichen Zusammenkünfte
-bewachen, bei denen es übrigens durch Moltschálins Disposition nur auf
-viel Musik und frostige Liebeleien herausläuft. -- Diese Beziehungen der
-Hauptpersonen zu einander glaubte ich zu einem besseren Verständniß der
-nun folgenden Scenen voranschicken zu müssen.
-
-Mit einer Nachtwache Lisa's und einer heimlichen musikalischen Soirée
-die bis zum dämmernden Morgen gedauert hat, beginnt das Stück. -- Lisa
-erwacht erschreckt, klopft an die Thür des Zimmers und sucht die
-Liebenden zu trennen. Da nichts hilft, so will sie sie dadurch
-auseinanderjagen, daß sie die Spieluhr in Bewegung setzt; darüber kommt
-der Alte hinzu, der auf der andern Seite des Hauses wohnt, zu dem aber
-auch allerlei Töne hinübergeklungen sind; die Spieluhr erklärt ihm
-dieses so ziemlich, aber er traut doch dem listigen Kammermädchen nicht
-recht und gestattet sich bei der Gelegenheit allerlei Freiheiten. --
-Indem hört man Sophiens Stimme und das böse Gewissen treibt den Alten
-von der Scene; die jungen Leute treten nun auf und nehmen Abschied, aber
-der Alte erscheint in dem Augenblick wieder und ist nicht wenig
-erstaunt, sie schon so früh am Tage zusammenzufinden. Sein erster
-Gedanke ist, daß es ein _Rendez-vous_ sei; es wäre ihm nichts verhaßter,
-als wenn seine Tochter einen blutarmen Menschen zu lieben sich in den
-Kopf gesetzt hätte, und in ärgerlicher Stimmung ergießt er in dieser
-Scene seine Galle über die jungen Damen in Moskau, sowie über das
-Unterrichtswesen und schiebt die Schuld alles Unheils schließlich auf
-die Franzosen und ihre moralischen und physischen Leckereien. -- Er
-geht, nur halb beruhigt, mit Moltschálin fort, und in dem Zwiegespräch
-der beiden Mädchen erfahren wir nun, daß der Alte sich den reichen
-Oberst Scalosúb zum Schwiegersohne wünscht, daß dieser aber durchaus
-nicht Sophiens Beifall hat. Lisa horcht nun ihre Herrin in Bezug auf
-Tschatzki aus, aber es ergiebt sich, daß ihre frühere Neigung zu ihm
-einer vollkommenen Kälte Platz gemacht hat -- indessen hegt sie noch
-große Achtung vor seinem gebildeten Geiste. In diesem Augenblick wird
-die Ankunft Tschatzki's gemeldet. Sein Auftreten ist stürmisch und
-feurig, Sophie ist kalt und einsylbig; Tschatzki erscheint ihr wie ein
-Gespenst, wie ein lästiger Gläubiger, und sie ist nicht willens seine
-Forderungen anzuerkennen. Tschatzki ist hier sowohl, als das ganze Stück
-hindurch so verblendet wie ein wahrhaft Liebender. Es ist vergeblich,
-daß Sophie sich voll des lebhaftesten Gefühls für Moltschálin zeigt und
-gegen Tschatzki kalt, spitz, unbarmherzig, ja endlich im dritten Akt
-ganz aufrichtig ist. -- Tschatzki hält es wohl für möglich, daß er ihr
-Herz verloren habe, daß sie es aber an Moltschálin habe schenken können,
-begreift er nicht, und sein ganzes Bestreben geht nun dahin, den
-Nebenbuhler zu finden, der an dem kalten Empfang Schuld sein muß. --
-Tschatzki's Character, auf den wir durch Sophiens Schilderung schon
-vorbereitet wurden, zeichnet sich in dieser Scene aufs trefflichste;
-seine Bildung und ein tiefes Gefühl hebt ihn hoch über seine
-Zeitgenossen und seine Umgebung, aber er handelt unrecht es merken zu
-lassen, er lacht laut wo er lächerliche sieht und hieraus erfolgen
-tausend Unannehmlichkeiten und jene Leiden, die der Dichter die _Leiden
-des Gebildeten_ nennt. Sophie, obgleich durch Tschatzki's Erscheinung
-beunruhigt, nimmt doch einen gewissen Antheil an seinen witzigen
-Schilderungen lächerlicher Charactere von Moskau, wie er aber
-unglücklicherweise auch Moltschálins erwähnt und ihn unbarmherzig
-kritisirt, so verwandelt sich ihr Rest von Achtung in bittern Haß. Nun
-tritt Fámussoff herein, abermals erschreckend über den neuen mißliebigen
-Prätendenten; denn Tschatzki's Grundsätze, sowie sein sehr mittelmäßiges
-Vermögen, lassen ihn als solchen durchaus nicht erwünscht erscheinen.
-Sophie durchschaut alles schnell und mit ächt-weiblicher List wälzt sie
-den Verdacht des Vaters von Moltschálin ab auf Tschatzki; -- der
-Stoßseufzer Fámussoff's, der nun in Zweifeln zwischen zwei unerwünschten
-Schwiegersöhnen über die Plage mit erwachsenen Töchtern klagt, schließt
-den Akt ganz vorzüglich ab.
-
-
-
-
- Analyse des zweiten Akts.
-
-
-Personen: Sämmtliche Personen des ersten Akts und der Oberst Scalosúb.
--- Es ist etwas später am Tage, aber noch Vormittags um die Zeit der
-Visiten. Fámussoff kommt in seinen Empfangssalon und beschäftigt sich in
-einem köstlichen Monologe Einladungen aller Art, die er erhalten hat,
-durch einen Diener in einen Kalender eintragen zu lassen. Der erste
-Fremde ist Tschatzki; in dem nun folgenden Gespräch zeichnet sich beider
-Character aufs deutlichste; die Kluft zwischen ihren Ansichten deckt
-sich auf; Tschatzki sagt die Wahrheit ganz freimüthig und als er gar die
-Ideale Fámussoff's lächerlich und niedrig findet, so fängt letzterer an,
-ihn entschieden zu hassen. Der Oberst Scalosúb erscheint nun und wird
-von Fámussoff aufs schmeichelhafteste empfangen -- theils um ihn zu
-gewinnen, theils um Tschatzki zu demüthigen. Der Oberst erscheint in
-seinen lakonischen Reden, die sich nur um das handwerksmäßige seines
-Standes drehen, als ein Glückspilz und gänzlich bornirter Kamaschenheld,
-der von der höheren Bedeutung des Militairstandes keine Ahnung hat.
-Nachdem Fámussoff ihm seinen Herzenswunsch, nämlich daß er um Sophiens
-Hand werben möchte, sehr deutlich zu verstehen gegeben hat, geht er zu
-einem allgemeinen Lobe Moskau's über, welches aber durch Übertriebenheit
-und einen naiven Unverstand zur bittersten Persiflage wird. Tschatzki
-mischt sich zum Ärger des Alten zuletzt ins Gespräch, geräth in Feuer
-und schildert in einem lebhaften Gemälde eine Reihe von Schwächen oder
-gar Schändlichkeiten, die in der vornehmen Welt Moskau's vorgekommen
-waren. -- Der Alte ist in Verzweiflung, daß solche Reden in seinem Hause
-gehört würden und läuft davon; gleich darauf stürzt Sophie außer sich
-herein -- sie hat aus dem Fenster gesehen, daß Moltschálin vom Pferde
-gestürzt ist und fällt darüber in Ohnmacht. Bei dieser Gelegenheit tritt
-ihre Liebe zu Moltschálin und ihr Haß gegen Tschatzki immer schärfer
-hervor; aber so gering denkt Tschatzki von Moltschálin, daß ihm ein
-Liebesverhältniß Sophiens mit diesem doch ganz unmöglich erscheint. Von
-Sophien gereizt und beleidigt geht er voller Sorge ab; Moltschálin
-findet Gelegenheit Lisetten seine Liebeserklärung zu machen und diese
-deckt in einem komischen Monologe die Liebesintriguen aller Personen des
-Stücks auf. -- Tschatzki liebt Sophie, diese Moltschálin, dieser
-Lisette, diese aber gesteht ihr Ideal im Silberdiener Petrúscha gefunden
-zu haben. -- (Eine ähnliche Idee liegt einem Lustspiel von Calderon:
-»das offene Geheimniß«, zum Grunde.) Wir erfahren in diesem Akt, daß am
-Abend noch ein kleiner Ball bei Fámussoff Statt finden soll.
-
-
-
-
- Analyse des dritten Akts.
-
-
-Personen: Sämmtliche Personen des Stücks mit Ausnahme Repetíloff's. --
-Tschatzki, dem die Heftigkeit seiner Liebe keine Ruhe läßt, erscheint
-noch vor der gewöhnlichen Versammlungszeit; er will endlich klar sehen
-und seinen wahren Nebenbuhler entdecken. -- Ein leidenschaftliches
-Gespräch mit Sophien dient nur dazu ihren Haß und Tschatzki's Schmerz zu
-vermehren -- sie geht in ihr Zimmer, wo sie Moltschálin hinbestellt hat
-und läßt ihn in seinem alten Zweifel; -- wie Moltschálin in Sophiens
-Zimmer will, bemerkt er plötzlich Tschatzki, erschrickt und bleibt wie
-eingewurzelt stehen. Tschatzki läßt sich in ein Gespräch ein, in dem
-Moltschálin sich in der ganzen Jämmerlichkeit eines bornirten
-Actenmenschen zeigt. Er ist das im Civil, was Scalosúb im Militair ist.
-Tschatzki wird im Betreff Sophiens ganz beruhigt. Die Gesellschaft
-versammelt sich indessen, und nacheinander treten allerlei moskau'sche
-oder besser gesagt großstädtische und menschliche Charactere auf. Die
-sinnliche Natalie, Góritscheff, der unter ihrem Pantoffel aus einem
-tapfern Soldaten ein weibischer Ehemann geworden ist; eine armselige,
-fürstliche Familie, -- eine alte taube Gräfin, die kaum noch lebt, aber
-alle Bälle besucht, ihre Enkelin, eine ältliche Unvermählte, die mit
-vielem Stolz auf die andern herabsieht; -- (bei der großen Unzahl
-russischer Fürsten und der sehr begränzten Zahl russischer Grafen wird
-auf letzteren Titel im Grunde fast ein höheres Gewicht gelegt.) --
-Sagorétzki, ein falscher Spieler, Lügner, Spion und Dieb -- dennoch
-überall wegen seiner Dienstfertigkeit wohl aufgenommen, -- endlich eine
-Tante vom Hause, eine unbarmherzige alte Klatschschwester, eine von den
-Plagen einer Stadt, die, nach verblühten Reizen, durch eine böse Zunge
-und unverschämte Intriguen sich einen Kreis von Verehrern und gefüllte
-Salons zu verschaffen wissen.
-
-Tschatzki findet Gelegenheit sich mit all dieser Welt zu verfeinden ohne
-ein schlimmes Wort gesagt zu haben, nur weil er so spricht und urtheilt,
-wie ein gebildeter Mann. Durch ein Mißverständniß theils, theils durch
-Sophiens Rachsucht wird er zuletzt für verrückt erklärt. -- Vortrefflich
-hat der Verfasser den Gang des Gerüchts geschildert; und wie von Mund zu
-Mund eine Sache in kurzer Zeit entstellt wird. Unser Autor findet in
-diesem Akt häufig Gelegenheit zu einer lebendigen Sittenschilderung. Die
-Grundsätze, die Sagorétzki, Fámussoff und Scalosúb an den Tag legen,
-sind der Kern der Opposition, die der ungebildete Theil einer
-Gesellschaft der Bildung und Civilisation stets entgegensetzen wird. So
-erzählt Scalosúb mit frohem Munde, daß aller Unterricht fortan im
-Exerciren bestehen soll, und daß Bücher nur für feierliche Gelegenheiten
-aufbewahrt würden: -- Fámussoff will sie lieber alle verbrannt wissen.
-Sagorétzki findet Fabeln vorzüglich gefährlich; die alte Fürstin erzählt
-mit Schaudern, daß ihr Vetter, ein _Fürst_, in Petersburg _Chemie_
-studirt habe! -- Dagegen spricht Tschatzki die Ansichten einer andern
-Fraction in Rußland aus, die gegen die Halbheit eifern, die eine Folge
-einer zu schnellen Annäherung an den europäischen Westen war. In der
-Annahme der Gebräuche des Abendlandes sieht er das größte Unglück für
-Rußland; er opponirt gegen die _Form_, seine Gegner gegen das _innerste
-Wesen_ des Westens. Vorzüglich ergrimmt ist er gegen die leichtsinnigen
-Franzosen und die Einführung ihrer Sprache in alle geselligen
-Verhältnisse, sowie gegen pedantische und unwissende Deutsche. Die
-Schwächung des Nationalgefühls und eine demüthigende Abhängigkeit des
-Urtheils scheint ihm die Folge solcher Zustände. -- Dieser Haß gegen das
-Ausland ist das, was die beiden Extreme dieser Gesellschaft, Fámussoff
-und Tschatzki, gemeinschaftlich haben; daß beide hierin übereinstimmen
-ist beherzigenswerth. Doch gehen sie nicht beide zu weit? Fámussoff
-sieht in den Fremden nicht den fleißigen Colonisten, nicht den
-geschickten Fabrikanten, nicht den gebildeten Gelehrten, er sieht in den
-nach Rußland strömenden Fremden nur die Hefe, Abentheurer, Landstreicher
-und Kuchenbäcker. Tschatzki nimmt vorzüglich daran Anstoß, daß jedes
-Französchen wie ein Orakel angehört wird und Tanzmeister Orden erhalten
-und ihr Auge zu Fürstinnen zu erheben wagen, sowie daß man in jedem
-Deutschen ein _Lumen mundi_ erblickt. -- Dieß mag einer jetzt
-verschollenen Zeit angehören; die Aristokratie in Rußland mag liberal
-genug denken, sie geht gern um mit Gebildeten, weß Standes diese auch
-sein mögen; aber in gewisse Gesellschaften und Familienkreise wird kein
-Adliger zweiten Rangs, ja kaum ein Würdenträger des Reichs gelangen,
-wenn er nicht von altem, nationalem Adel ist. (Es giebt also wohl
-Exclusivität, aber für gewisse Zeiten nur.) Mit Fremden nimmt man es
-endlich nirgends sehr genau -- eine momentane, vorübergehende Artigkeit
-verpflichtet ja zu nichts; wird der einfachste russische Reisende in
-Paris nicht ebenso schnell zum Grafen und in Italien zum Principe
-gestempelt?
-
-Wir können die Bemerkung nicht unterdrücken, daß unser Autor in den
-Fehler der meisten russischen Lustspieldichter verfallen ist: er trägt
-mit zu starken Farben auf. Manche Charactere sind dadurch ans Absurde
-gerückt. Die nämliche Erscheinung wiederholt sich wohl bei allen jungen
-Literaturen; Molière und Holberg wären solche Beispiele.
-
-Der Akt wird mit allerlei Tänzen aus der Restaurationszeit beschlossen;
-eine ritterliche Mazurka von Scalosúb, wobei er zuletzt hinkniet und
-sich von seiner Tänzerin umschweben läßt, verfehlt nie eine allgemeine
-Hilarität hervorzurufen.
-
-
-
-
- Analyse des vierten Akts.
-
-
-Personen: Sämmtliche Personen des dritten Akts und Repetíloff. Die
-Herren N. und D. brauchen nicht wieder zu erscheinen. Die Scene ist eine
-Vorhalle mit Säulen und einer im Hintergrunde sichtbaren oberen Treppe,
-die zur Thür des Balllokals im zweiten Stock führt; außer dieser Thür
-sind noch drei Thüren unten zu merken, die Aussenthür und neben ihr die
-des Portiers und gegenüber die Thür zu Moltschálins Zimmer. Es ist etwa
-drei Uhr Morgens; der Ball ist zu Ende und die Gesellschaft zieht sich
-nach und nach zurück. So begegnen wir allen nochmals und in kurzen
-Worten prägt sich der Character eines jeden aufs wahrste und
-ergötzlichste aus. Tschatzki kommt sehr unglücklich über diesen fatalen,
-ersten Tag die Treppe herab, noch ahnt er nichts davon, was die
-Gesellschaft über ihn erfunden hat. Er muß unten etwas auf seinen Wagen
-warten und indem öffnet sich die Aussenthür und der Wüstling Repetíloff
-fällt, so lang er ist, hinein. In einer starken Weinlaune überhäuft er
-Tschatzki mit Freundschaftsversicherungen und Zärtlichkeiten und
-beschwört ihn, mit ihm zu einer Compagnie von Bacchusbrüdern zu kommen,
-in deren meisterhafter Schilderung man eine zu jener Zeit berüchtigte
-Gesellschaft junger, unruhiger und unzufriedener Köpfe zu erkennen
-gemeint hat. -- Tschatzki weiß nicht, wie er sich losmachen soll, da
-kommt Scalosúb herbei; mit einer ähnlichen Aufforderung und gleicher
-Zärtlichkeit geht Repetíloff auf diesen los und den Moment benutzt
-Tschatzki um in die Loge des Portiers zu schlüpfen. -- Von hier hört er
-mit seinen eigenen Ohren, was die fortgehenden Gäste über den
-angeblichen Verlust seines Verstandes äußern. Als alle fort sind, tritt
-Tschatzki empört hervor -- er kann es zuerst nicht fassen -- aber bald
-denkt er sich den Zusammenhang, nur das ahnt er nicht, daß Sophie die
-Urheberin des Gerüchts war, und daß diese mit wenigen Worten die
-Lächerlichkeit desselben darthun konnte und es nicht that, ist auch das,
-was man ihr nicht wohl verzeihen kann.
-
-Indem er der Quelle dieser Bosheit noch nachsinnt, erscheint Sophie oben
-auf der Treppe, glaubt in ihm Moltschálin zu erkennen und ruft ihn leise
-an, -- wie sie sieht, daß sie sich getäuscht hat, verliert sie ihre
-gewöhnliche Geistesgegenwart und eilt schnell zurück. Diese Eile verräth
-sie, -- denn jetzt erst entdeckt Tschatzki den wahren Zusammenhang der
-Sache; -- er bleibt um keine Zweifel mehr zu haben, und versteckt sich
-hinter einer Säule. Bald erscheint Lisa um sich nach Tschatzki umzusehen
-und Moltschálin zum Fräulein zu beordern. Moltschálin kommt aus seiner
-Stube und macht Lisetten ein aufrichtiges Bekenntniß von seinem
-Verhältniß zu Sophien; oben horcht Sophie, die ihrer Soubrette leise
-gefolgt war, wahrscheinlich auch aus Unruhe über Tschatzki's
-Erscheinung; Tschatzki hinter dem Pfeiler verborgen, hört ebenso wie
-Sophie alles mit an. Sophie wird empört über Moltschálin und behandelt
-ihn überhaupt so, daß man sieht, es war nicht Liebe was sie zu ihm
-fühlte, sie liebte sich nur selbst in ihm. -- Sie gebietet ihm für immer
-das Haus zu verlassen. Nun tritt Tschatzki vor; Moltschálin entflieht;
-Tschatzki überhäuft Sophie mit den bittersten Vorwürfen. -- Auf die
-lauten Reden erscheint der Alte und glaubt an ein _Rendez-vous_, und in
-seiner tragi-komischen Wuth droht er die Sache bis vor Senat und Kaiser
-zu bringen. Tschatzki entfernt sich mit tiefgekränktem Gefühl im Herzen
-und beissendem Spott auf den Lippen; er fühlt, daß seine Bildung ihn aus
-diesem Kreise verbannt, und gekränkt in seinen heiligsten Empfindungen
-einer glühenden Liebe zu Sophien und seiner Vaterstadt, entflieht er
-beiden.
-
-
-
-
- Anmerkung des Übersetzers.
-
-
-Die Schwierigkeit einer Übersetzung des ganzen Stücks spiegelt sich
-schon in der Übersetzung der Worte des Titels ab. _Verstand schafft
-Leiden_ ist wohl zu allgemein gesagt -- und das meinte Gribojädoff
-eigentlich nicht. Man könnte übersetzen: _Die Leiden der Bildung_ oder
-_Bildung und Leiden, Verstand und Leiden_; -- meinem Ohr gefiel noch am
-besten: _Verstand schafft Leiden. Kummer von Verstand_,[2] wie Schneider
-in der Übersetzung in Prosa sagt, klang mir unerträglich.
-
-[Fußnote 2: C. v. Knorring übersetzte: _Leiden durch Bildung_.]
-
-
- Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise des Originales, auch der Personennamen (mit und ohne
-Akzente), wurde weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler
-wurden stillschweigend korrigert.
-
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-
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-End of Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSTAND SCHAFFT LEIDEN ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
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-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-particular state visit http://pglaf.org
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-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
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-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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