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This book was -produced from scanned images of public domain material -from the Google Books project. - - - - - - - - - - Verstand schafft Leiden. - - - [[Kyrillisch: Gore ot` uma.]] - - Schauspiel in vier Akten - und - in Versen nach dem Russischen des Gribojädoff metrisch übertragen - von - Dr. Bertram. - - - Den Bühnen gegenüber als Manuscript zu betrachten. - - - Leipzig, - In Commission bei F. A. Brockhaus. - 1853. - - - - - Personen. - - - FÁMUSSOFF, Chef einer Kronsbehörde. - SOPHIE, dessen Tochter. - TSCHÁTZKI, ihr Jugendfreund. - MOLTSCHÁLIN, Fámussoff's Sekretair und in dessen Hause wohnend. - LISETTE, Sophiens Kammermädchen und Vertraute. - Oberst SCALOSÚB. - PLATÓN GÓRITSCHEFF. - NATALIE, dessen junge Frau. - REPETÍLOFF. - SAGORÉTZKI. - MAD. CHLESTOW, Fámussoff's Schwägerin. - Die Gräfin CHRUMIN. - Deren Enkelin, eine unverheirathete Dame. - Fürst TUGOÚCHOFFSKI. - Die Fürstin, dessen Gemahlin. - Die erste } - zweite } - dritte } - vierte } Fürstin Tochter. - fünfte } - sechste } - Herr N. - Herr D. - Gäste beiderlei Geschlechts, Diener, Lakeien &c. - - Das Stück spielt in Moscau, im Hause Fámussoff's, etwa zehn Jahre - nach dem französischen Kriege. - - - - - Requisite bei der Aufführung. - - - Erster Akt. - -Eine Spieluhr; ein Flöten- und Clavierspieler hinter der Scene. Ein -Leuchter mit einem brennenden Wachslicht. Eine Mappe (für Moltschálin). - - - Zweiter Akt. - -Ein Ofen mit hoher Spalte und einer kleinen Abstufung (auf welche -Fámussoff hinaufsteigen will). Ein Buch (Kalender) für den Diener. Ein -Glas Wasser. Ein schwarzes Tuch für Moltschálins Arm. - - - Dritter Akt. - -Ein Theaterbillet für Sagorétzki. Eine Karte für Moltschálin. - - - Vierter Akt. - -Pelze, Überschuhe, allerlei Tücher und Kappen. Brennende Lichter. -Laternen. - - - - - Erster Akt. - - - Saal mit einer Mittel- und einer Seitenthür, die zu Sophiens - Zimmer führt. Neben der Mittelthür steht eine hohe Wanduhr. Man - hört anfänglich die Töne einer Flöte und eines Klaviers. Es ist - früher Morgen. - - - Erste Scene. - - LISETTE - - (ist mitten im Zimmer auf einem Stuhl eingeschlafen. Sie erwacht, - steht auf und sieht sich erstaunt um). - - Es tagt? Wie schnell ist doch die Nacht vergangen! - Ich wollt zu Bett gehn gestern Abend -- Nein! - Es hieß -- Die Augen auf und schlafe ja nicht ein! - »_Der Freund kommt her_,« erhalt dich munter, - Und fielst du auch vom Stuhl herunter! - Nun schlief ich eben ein, da fängt es an zu tagen; -- - Ich muß es ihnen gleich nur sagen, - Die merken es sonst nie! - - (Sie klopft an die Seitenthür.) - - Nun meine Gnädigsten?! -- Fräulein Sophie! - Ihr Abend dauert bis zum hellen, lichten Tage; - Ums Himmelswill'n, so hören Sie doch was ich sage! - Mein Fräulein! Herr Moltschálin! Sind Sie taub? - - (Sie geht von der Thür weg.) - - Die haben jede Furcht vergessen! - Nun wartet nur, ich glaube fast - Der Alte kommt noch her als ungebetner Gast. - _Das_ ist ein Dienst bei Fräulein -- bei verliebten!![1] - -[Fußnote 1: Bis dahin muß die Musik immer zu hören sein.] - - (Sie geht wieder zur Thür.) - - So trennen Sie sich doch! -- Es ist ja Morgens früh! - Wie? - - SOPHIE (hinter der Scene). - - Wie viel Uhr ist's? - - LISETTE. - - Das ganze Haus erwacht. - - SOPHIE (wie oben). - - Wie viel Uhr ist's? - - LISETTE. - - Sechs, sieben, acht! - - SOPHIE (wie oben). - - Das ist nicht wahr! - - LISETTE. - - O Amor, du verwünschter Wicht! - Es ist doch klar, - Sie hören mich und können - Noch immer sich nicht trennen! - Und warum öffnen sie die Laden nicht? - - (Sie wendet sich zur Uhr.) - - Ich stell den Zeiger vor; ich weiß, es giebt Verdruß, - Allein ich muß! - Ich lasse alle Glocken spielen, - Denn wer nicht hören will -- muß fühlen! - - (Sie steigt auf einen Stuhl und stellt die Wanduhr, die zu spielen - anfängt.) - - - Zweite Scene. - - LISETTE und FAMUSSOFF (im Schlafrock, tritt durch die Mittelthür - ein, Lisette erschrickt und springt vom Stuhl herunter). - - LISETTE. - - O je, der Herr! - - FAMUSSOFF. - - Der Herr, nun ja! - Du Naseweis -- was machst Du da? - - (Er hält das Glockenspiel an.) - - Ich konnte den Spektakel nicht begreifen; - Das war ein Klingeln und ein Pfeifen! - Sophie -- die konnt's so früh nicht sein; - Bald klang's wie ein Klavier und bald wie eine Flöte. - Das fiel mir wirklich gar nicht ein, - Daß Du es seist, Du kleine Kröte. - - LISETTE. - - Ich weiß nicht recht, wie es geschehn -- - Ich kam daran ganz aus Versehn. - - FAMUSSOFF. - - Ganz aus Versehn? -- Vor euch nehm' man sich nur in Acht. - Du that'st es sicher mit Bedacht. - - (Er schäkert mit ihr.) - - Du kleiner netter Schelm! - - LISETTE. - - Ein Schelm sind Sie! Ich will das nicht! - Steht Ihnen das wohl zu Gesicht? - - FAMUSSOFF. - - O Tugendheldin, sei kein Kind! - Du hast im Kopf doch nichts als Wind. - - LISETTE. - - Windbeutel selbst! Sie denken nicht daran, - Daß Sie ein alter Mann. - - FAMUSSOFF. - - Nun, ja, - Beinah'! - - LISETTE. - - Und dann - Kommt wer, was fängt man an? - - FAMUSSOFF. - - Wer denn? Sophie schläft. - - LISETTE. - - Erst eben schlief sie ein. - - FAMUSSOFF. - - Erst eben? Und die Nacht? - - LISETTE. - - Das Fräulein las, und hat gewacht. - - FAMUSSOFF. - - Nun sieh' mal was das für Manieren! - - LISETTE. - - Französisch las sie laut bei festgeschlossnen Thüren. - - FAMUSSOFF. - - Sag ihr, sie soll sich nicht die Augen ruiniren. - Vom Lesen, muß ich frei gestehn, - Kann ich nicht großen Nutzen sehn: - _Ihr_ raubt den Schlummer die _französische_ Lectüre - Und mich -- mich schläfert's fürchterlich, - Sobald ich nur ein russisch Buch berühre. - - LISETTE. - - Wenn sie erwacht, sag' ich's Fräulein Sophie, - Doch jetzo, bitt' ich, gehen Sie! - - FAMUSSOFF. - - Warum? - - LISETTE. - - Sie wecken sie. - - FAMUSSOFF. - - Wodurch sollt' ich sie wecken? - Selbst läutet sie wahrhaftig zum Erschrecken - Mit ihrer Uhr, und trommelt aus der Ruh' - Die ganze Nachbarschaft mit ihrer Symphonie! - - LISETTE (sehr laut). - - Ach hören Sie doch auf, ich bitte Sie! - - FAMUSSOFF (hält ihr den Mund zu). - - Still doch, so schrei nicht, bist Du ganz von Sinnen? - - LISETTE. - - Ich fürcht', wenn Sie noch länger bleiben, daß -- - - FAMUSSOFF. - - Und was? - - LISETTE. - - Ach Herr, Sie wissen's doch, Sie sind kein Kind -- - Wie leicht erweckt die jungen Mädchen sind, - Kaum geht die Thür, kaum flüstert man ein Wort, - Gleich ist der süße Morgenschlummer fort. - Und Alles hören sie. - - FAMUSSOFF. - - Ach, Alles dummes Zeug! - - SOPHIE (hinter der Scene). - - Lisette! - - LISETTE. - - Gleich, mein Fräulein, gleich. - - FAMUSSOFF. - - St! (schleicht auf den Zehen fort.) - - LISETTE (allein). - - Ach Gott, von unsern Herrn - Halt' man am besten sich recht fern! - In jedem Augenblick ist man gewiß gewärtig, - Daß gleich ein neues Unglück fertig; - O wenn man doch von diesen beiden - Den größten Leiden - Verschont nur bliebe: - Von Herrenzorn und Herrenliebe! - - - Dritte Scene. - - LISETTE. SOPHIE (tritt mit einem Licht aus ihrem Zimmer) MOLTSCHÁLIN - (folgt ihr). - - SOPHIE. - - Lisette, welch ein Lärm! was fällt Dir ein? - - LISETTE. - - Die Trennung scheint recht schwer zu sein, - Verschlossen bis zum Tag, und doch nicht zur Genüge! - - SOPHIE. - - Wahrhaftig, es ist Tag! - - (Sie löscht das Licht aus) Der Tag - Erschien -- und auch der Kummer! -- -- -- ach! - Wie doch die Nächte schnell vergehn! - - LISETTE. - - Nur zu, Sie mögen sich beklagen, - Allein, das muß ich Ihnen sagen, - Für einen Dritten ists nicht auszustehn! - Der alte Herr war da - Und ich war einer Ohnmacht nah, - Ich wandt' mich hin und her - Und log ihm vor die Kreuz und Quer. - (Zu Moltschalin) Und Sie, was bleiben Sie denn noch? - So machen Sie Ihren Bückling doch - Nur schnelle! - Das Herz steht nicht an rechter Stelle! - So sehn Sie nach der Uhr! Sie glauben, daß ich spaße! - Die ganze Welt ist längst schon auf der Straße! - Im Haus ist Alles schon erwacht, - Man fegt, in Ordnung wird das Haus gebracht, - Und Sie, Sie stehn noch da wie angebunden! - - SOPHIE. - - Ach Glückliche -- -- die zählen nicht die Stunden! - - LISETTE. - - Nur immer zu! Ei sicherlich - Ist's angenehm, die Zeit sich zu versüßen; - Allein wer anders wohl als ich - Wird noch zuletzt für Alles büßen? - - SOPHIE (zu Moltschálin). - - So gehen Sie, wir müssen scheiden - Und einen ganzen Tag voll Langerweile leiden. - - LISETTE. - - So lassen Sie die Hände doch nur fahren! - (sie trennt sie) Nun endlich, -- laß uns Gott bewahren! - - (Moltschálin geht ab; wie er bei der Mittelthür ist, öffnet sie sich - und Famussoff tritt angekleidet herein, er bleibt stehn und sieht - Moltschálin verwundert an.) - - - Vierte Scene. - - DIE VORIGEN. FAMUSSOFF. - - FAMUSSOFF. - - Was tausend ist denn das? Sind Sie es wirklich? - - MOLTSCHÁLIN (sehr verlegen). - - Ja! - - FAMUSSOFF. - - Zu dieser Stunde hier? - (erblickt Sophie) Und auch Sophie? Ei guten Morgen - Sophie, Du bist auch da? - Was hast Du hier zu sorgen? - Wie hat Euch Gott zu dieser Stunde - So wunderlich zusammen hier gebracht? - - SOPHIE. - - Er kam herein in diesem Augenblick -- - - MOLTSCHÁLIN. - - Von einer Promenade erst zurück - Trat eben ich ins Haus. - - FAMUSSOFF. - - Freund, hören Sie, es könnt nicht schaden, - Sie suchten sich zu Morgenpromenaden - Ein andres Gäßchen aus! -- - Ei, Fräulein Tochter, ei, kaum aus dem Bett gesprungen - Zusammen gleich mit einem Herrn, - Mit einem jungen! - Sag, schickt sich das für Mädchen wohl von fern? - Des Nachts liest Du Romane und Gedichte, - Und das sind nun die saubern Früchte! - Das Alles nur kommt von der Schmiedebrücke - Und von den ewigen Franzosen her. - Da holen wir uns Moden, Musen, Dichter - Und ähnliches Gelichter, - Und drum ist Herz und Beutel leer! - Wann wird der Himmel uns erretten - Von ihren Hüten, Hauben, Ketten -- - Von ihren Salben und Pomaden - Und den Bisquit und Bücherladen!! - - SOPHIE. - - Verzeihen Sie --! Ich bin schon ganz benommen, - Und kann vor Ueberraschung nicht zu Athem kommen. - Sie traten ja so rasch und plötzlich ein -- - Wie sollt' ich nicht erschrocken sein? - - FAMUSSOFF. - - Ich danke ganz gehorsamst! -- Ei wie fein! - Ich lief, ich hab' erschreckt, ich kam so plötzlich! - Nicht wahr, das war von mir entsetzlich? - Ich, Fräulein Tochter, hab' den ganzen Tag zu thun, - Da ist kein Rasten und kein Ruh'n; - Der Kopf ist mir vom Dienste wie benommen, - Es ist ein ew'ges Gehn und Kommen, - Und ich -- auf dem schon Alles liegt, - Konnt ich erwarten, daß man mich betrügt? - - SOPHIE (in Thränen). - - Wie so mein Vater? - - FAMUSSOFF. - - Nicht geweint! - Gieb Acht, was ich Dir sage; freilich meint - Man immer, daß ich ohne Ursach schelte, - Doch, hör' mich an, wenn ich Dir noch was gelte; - Man that von deiner Wiege an - Für Dich, was man nur irgend kann. -- - Die Mutter starb; ich hatt' die glückliche Idee - Und nahm in der Madame Rosier - Dir eine zweite Mutter dann - Für eine starke Gage an. - Die goldene Alte -- folgte deinen Tritten -- - Klug war sie, sanft, von tadellosen Sitten; -- - -- Wenn Eins nur nicht gewesen wär'! - Eins habe ich ihr sehr verdacht: - Durch nur fünfhundert Rubel jährlich mehr - Ward sie uns abspenstig gemacht! -- - Doch lassen wir Madam' -- an der da lag es nicht. - Was brauchst Du anderer Exempel? - Mein Haus gleicht einem Tugendtempel, - Des Vaters Beispiel lehrt Dir Pflicht! - Da -- schau mich einmal an! - Ich sage nicht, ich sei ein junger Mann - An Jahren, -- - Doch bin ich frisch bei meinen grauen Haaren, - Dazu bin ich doch Wittwer, bin doch frei, - Herr meiner Handlungen dabei! - Und dennoch leb' ich so, daß jeder, der mich kennt, - Mein Leben exemplarisch nennt. - - LISETTE. - - Doch dürft' ich fragen, Herr, wie's -- -- - - FAMUSSOFF. - - Schweig'! - Ein schreckliches Jahrhundert! -- -- - Allein -- was ist man so verwundert, - Daß Alles altklug jetzt und weise vor den Jahren, - Und unsere Töchter ganz voran, - So daß man sie vor Thorheit und Gefahren - Mit Müh' und Noth kaum schützen kann. - Wir Einfaltspinsel! - Wir haben selbst das Unglück uns gebracht, - Ja! -- Die Manie zum fränkischen Gewinsel, - Die fremden Sprachen haben das gemacht. - Landstreicher nimmt man heutzutag ins Haus -- - Die Herrchen sollen Alles lehren - Dem Töchterchen -- Tanz und Gesang, - Mit Seufzern und mit Seelendrang - Und Ziererei -- -- - Gott steh uns bei! - Man möchte schwören, - Daß wir sie auferziehen traun! - Zu nichts als zu Seiltänzer-Fraun. - - (Er wendet sich zu Moltschálin.) - - Und nun zu Ihnen, junger Fant: -- - So also wird die Güte anerkannt? - Ein schöner Dank! - Bedenken Sie doch Ihren Lebenslauf! - Wer hob Sie aus dem Plebs herauf? - Wer schaffte Ihnen den Assessorrang? - Wer machte Sie zum Secretair? - Wer führte Sie nach Moskau über? - Ich war's -- und ohne mich, mein Lieber, - Versauert wären Sie in Ihrem Twer! - - SOPHIE. - - Wozu, mein Vater, zählen Sie das her? - Wozu der Streit -- - Um eine Kleinigkeit? - Moltschálin wohnt im Hause hier -- - Er tritt herein und irrt sich in der Thür. - - FAMUSSOFF. - - Er irrt' sich, oder wollte er sich irren? - Wie aber kam'st denn Du zu gleicher Zeit herein? - Das kann nicht bloßer Zufall sein. - - SOPHIE. - - Sie sollen das sogleich erfahren: - Als Sie hier erst mit Lisa waren - Hat Ihr Gespräch mich aus dem Schlaf erweckt, - Und darum rannt' ich her, ganz ungemein erschreckt. - - FAMUSSOFF. - - Am Ende kommt's heraus, daß mir die Schuld gehört, - Ich habe sie, wie's scheint, zur Unzeit hier gestört! - - SOPHIE. - - Die größte Kleinigkeit, ein Wort -- geflüstert kaum -- - Kann aus unruh'gem Schlaf mich wecken; - Wenn ich erzählte meinen Traum, - Verständen Sie auch meinen Schrecken. - - FAMUSSOFF. - - Ein neu Histörchen? - - SOPHIE. - - Was ich sah' - Im Traum, soll ich's erzählen? - - FAMUSSOFF. - - Nun, ja, ja! (er setzt sich.) - - SOPHIE. - - Ja -- sehen Sie -- ich stand von Blumen rings umblüht - Auf einer Flur -- und war bemüht - Ein Kraut zu suchen; -- müht' mich sehr -- - Doch welch ein Kraut es war, das weiß ich jetzt nicht mehr; - Da, -- plötzlich -- tritt ein junger Mann - Zu mir heran! - Ganz offenbar gehörte er zu Denen, - An die wir uns beim ersten Blick gewöhnen, - Und so -- als wären wir von Ewigkeit bekannt. - Wir wurden ganz vertraut, -- er war gewandt, - Einschmeichelnd, und er zeigte viel Verstand, - Doch war er schüchtern -- -- wie -- Sie wissen alle sind - Die arm geboren. - - FAMUSSOFF. - - Halt mein Kind, - Um's Himmelswill'n geh weiter nicht, - Für Dich passt doch kein armer Wicht! - - SOPHIE. - - Doch schnell war Himmel, so wie Flur verschwunden; - Wir haben plötzlich uns - In einem dunklen Raum gefunden, - Und denken Sie, wie wunderbar! - Der Boden öffnet sich -- und Sie mit struppigem Haar, - Blaß wie der Tod -- Sie steigen draus empor. - Nun riß sich donnernd auf ein Thor, - Und Ungeheuer, weder Mensch noch Thier, - Ergriffen ihn, der neben mir. - Sie quälten ihn, der all mein Lebensglück -- - Ich will zu ihm -- sie halten mich zurück -- - Geschrei und Röcheln, wie ein Höllenchor - Trifft mit Gewalt mein banges Ohr -- - Er ruft mir aus der Weite -- fern, - Ich will zu ihm so gern, so gern -- -- - Da wach' ich auf! man spricht -- es waren Sie! - Wie -- denke ich -- der Vater hier so früh? - Ich eile her und find' Sie alle beide. -- - - FAMUSSOFF (nach einer kurzen Pause). - - Ja freilich, dieser Traum war schlecht; - Da ist so allerlei, betrachtet man ihn recht, - Ein bischen Lüge, ohne Zweifel - Und Liebe, Blumen, Schreck und Teufel! - (Zu Moltschalin) Doch Sie Mosje? - - MOLTSCHÁLIN. - - Ich hörte Ihre Stimme, -- -- - - FAMUSSOFF. - - Nun das ist gut! -- -- - Was doch so eine Stimme thut! - Sie haben Alle sie gehört - Und sind vor Tagesanbruch aufgestört, - Sie suchten also mich? Was kann Sie zu mir führen? - - MOLTSCHÁLIN. - - Ich komme mit Papieren. -- - - FAMUSSOFF (springt auf). - - Dacht' ich's doch, - Das fehlte mir gerade noch! - Mein Gott, Sie sind ja wie versessen - Mit Einemmal auf Schreiberein? - - (Zu Sophie.) - - Nun, Töchterchen, wir wollen das vergessen! - Zwar können Träume seltsam sein, - Doch in der Wirklichkeit hört man von Dingen, - Die oft viel seltsamer noch klingen, - Als das, was uns im Traum erscheint. - Statt eines Kräutleins fand'st Du einen Freund, - Doch schlage Dir das dumme Zeug - Nur aus dem Sinne gleich. - Das Wunderliche hat nur selten Sinn, - Drum geh' hinein und leg' Dich wieder hin. - - (Zu Moltschálin.) - - Wir wollen gehn - Um die Papiere durchzusehn. - - MOLTSCHÁLIN. - - Ich bracht' sie eben dazu her, - Denn sie bedürfen dessen sehr: - Sie widersprechen sich und sind nicht in der Form. - - FAMUSSOFF. - - Herr Sekretair -- das nehmen Sie zur Norm: - Eins fürcht' ich wie die Pest -- - Wenn man sich Schriften häufen läßt. - Doch würdet Ihr nur Euren Willen haben, - Man säße in Papier begraben. - Drum merken Sie sich dieses Wort: - Was unterzeichnet ist, muß fort! - Ob's richtig, ob es falsch auch sei, - Mir einerlei! -- - - (Gehen ab, an der Thür läßt Famussoff den Moltschálin vorangehen). - - - Fünfte Scene. - - SOPHIE. LISETTE. - - LISETTE. - - Da haben Sie's! Das sind die Früchte! - Nun, eine saubere Geschichte! - Doch Scherz bei Seit', das war' nicht gut, - Ich bin ganz hin und mir ist schlecht zu Muth. - Ein Fehler ist ja doch nicht »alle Welt« -- - Doch schlimm ist's, wenn die Leute davon reden. - - SOPHIE. - - Mir einerlei, frei steht das einem jeden, - Und schwatzen mag er, wie es ihm gefällt. - Allein, der Vater wird uns was zu schaffen machen; - Er ist so heftig und so rauh in solchen Sachen, - Und so war's immer, - Allein von jetzt an wird's gewiß noch täglich schlimmer. - - LISETTE. - - Ich seh's ja; es ist Gott zu klagen! - Ich urtheil' nicht nach Hörensagen; - Drum -- denken wir an alle Fälle: - Sperrt er Sie ein und bleib' ich nur zur Stelle, - So steht die Sache immer noch ganz gut, - Doch, Gott bewahr', wollt' er in seiner Wuth - Mich und Moltschálin aus dem Hause jagen - Dann wären Sie doch wirklich zu beklagen! - - SOPHIE. - - Sieh', ist das Schicksal nicht voll Eigensinn! - Was Schlimmres geht uns oft so hin, - Und schlimm geht's wo wir gar nichts ahnen! - Sanft floß die Zeit in dem Genuß der Kunst, - Wir standen -- schien's -- beim Schicksal recht in Gunst, - Nicht Bangen noch Besorgniß fühlten wir, - Und sieh' -- das Unglück saß schon vor der Thür! - - LISETTE. - - Das kommt davon! -- Sie haben leider nie - Auf mich gehört und nun -- nun sehen Sie! -- - Was braucht es besserer Propheten? - Sie müssen dies Gefühl in Ihrem Herzen tödten. - Ich sage Ihnen: hier auf Erden - Wird draus in Ewigkeit nichts werden! - Ihr Vater ist gerade so gesinnt - Wie's Alle hier in Moskau sind: - Zum Schwiegersohne hätt' er einen gern - Mit hohem Rang und Ordensstern; - Doch trotz der Sterne und der Ränge - Ist mancher dennoch in der Enge, - Drum sucht er Ihnen auch noch einen reichen Mann, - Der Aufwand macht und Bälle geben kann; - Zum Beispiel: Scalosub gehört zu dieser Zahl -- - Ein Sack mit Gold gefüllt und nächstens General. - - SOPHIE. - - Das wäre schön! Ein solcher fehlt mir g'rade! - Er kennt ja nichts als Reih'n und Fronten und Parade. - So ein Kamaschenheld! - Aus seinem Mund, so lang er auf der Welt - Kam nie ein kluges Wort; - Geh' mir mit Deinem Oberst fort! - Ins Wasser springen -- ihn zum Ehgemahl, - Das wär' mir beides gleich fatal. - - LISETTE. - - Nun ja, er schwatzt und hat das Pulver nicht erfunden, - Doch sagen Sie mir unumwunden: - Wer hier wohl von Civil und Militair - Beredter, witziger und feiner wär - Als Tschatzki -- nun -- ich wollte Sie nicht necken -- - Das ist nun längst vorbei, Gott weiß, wo er mag stecken -- - Doch die Erinnerung -- -- - - SOPHIE. - - Oh, ich erinnere mich: - Die Leute zu verspotten wußt' er meisterlich! - Er amüsirte mich -- er wußte Spaß zu machen; - Mit jedem kann man ja zusammen lachen. - - LISETTE. - - Nur lachen? Ach, als er hier Abschied nahm, - Schwamm er in Thränen ganz, als er von Ihnen kam. - Ich sprach ihm zu: Was weinen Sie denn so? - Sie reisen doch und sind nicht froh! - »Ich weine, Lischen, nicht umsonst« sprach er, - »Die Trennung fällt mir, ach, so schwer! - »Kehr ich zurück, was steht mir dann bevor, - »Wer weiß zu sagen wohl, was ich alsdann verlor!« - Der arme Herr, ihm ahnt', daß in drei Jahren -- -- -- - - SOPHIE. - - Du könntest besser Deine Zunge wahren! - Ich geb' es zu, daß ich vielleicht - Ihn allzuschnell vergessen; - Leicht handelt' ich -- indessen - Sag mir frei, - Wem brach ich je die Treu'? - Mit Tschatzki -- freilich -- bin ich auferzogen, - Wir waren uns als Kinder recht gewogen, - Beisammen stets, zu allen Stunden, - Und durch Gewohnheit schon verbunden. - Doch später endete der Frieden, - Es kam mir vor, als hätt' er uns gemieden. - Es schien ihm hier nicht zu behagen, - Und selten kam er noch ins Haus -- - Dann kam er plötzlich wieder -- führte Klagen - Und sah verliebt und melancholisch aus. - Er war von Witz und Schwermuth die Vereinung, - Und scharf war für die Schwächen Anderer sein Blick; - Doch hatt' er in der Freundschaft sehr viel Glück - Und drum von sich die höchste Meinung. - Und wie veränderlich war nicht sein Sinn! - Die Lust zu reisen riß ihn plötzlich hin. - Ach, wer uns wirklich liebt, der sucht nicht weiter Geist - Und bleibt so lang nicht fort! - - LISETTE. - - Wo ist er hingereist? - In welchem Land, an welchem Ort? - Man sagte er curirt sich auf den Wässern; - Krank ist er nicht -- - Er mögte wohl die Laune sich verbessern. - - SOPHIE. - - Gewiß, dort ist er froh, wo Lächerliche sind! - Der, den ich liebe, ist nicht so gesinnt; - Der opfert sich für Andere mit Freuden, - Stets artig ist er, stets bescheiden. - Respectvoll ist er, niemals kühn -- - Verwegen sah ich niemals ihn. - Er nimmt die Hand mir, drückt sie dann und wann - An's volle Herz; - Dann seufzt er, recht aus tiefster Seele -- - Allein kein freier Scherz - Kommt über seine Lippen. -- Ich erzähle - Die Wahrheit Dir; wir sitzen Hand in Hand - Und blicken uns ins Auge unverwandt. - (Lisette lacht) Du lachst! warum? Sag', welch ein Grund - Ist hier, aus vollem Halse so zu lachen? - - LISETTE. - - Ach Gott, das Lachen ist gesund; - Ich lachte über andre Sachen: - An Ihre Tante hab' ich grad gedacht, - Und über sie hab' ich gelacht: - Der Schmerz der Guten war so tief, - Als der Franzose von ihr lief; - Das Täubchen wollte vor Verzweiflung sterben, - Ihr Haar zu färben - Vergaß sogar die arme Frau - Und in drei Tagen -- war sie grau! - - (Sie lacht.) - - SOPHIE (verdrießlich). - - Solch dummes Zeug wird man von mir auch sagen! - - LISETTE. - - Verzeihen Sie, das wird wohl Niemand wagen, - Ich hatte mir nur vorgenommen - Nach so viel ärgerlichen Dingen - Zum Lachen etwas Sie zu bringen. - - - Sechste Scene. - - DIE VORIGEN. EIN DIENER. - - DIENER. - - Herr Tschatzki ist so eben angekommen. - - (Ab.) - - - Siebente Scene. - - DIE VORIGEN. TSCHATZKI. - - TSCHATZKI. - - Kaum tagt's -- und ich bin da und lieg' zu Ihren Füßen! - - (Küßt ihr die Hand mit Feuer.) - - Was giebt's? Sie wollen mich nicht wieder küssen? -- - Sie haben mich erwartet? Nicht? - Sind sie erfreut? -- Ach nein! -- Sehn Sie mir ins Gesicht! - Sie sind verwirrt! -- Nichts mehr? -- Welch ein Empfang? - Als ob die Trennung keine Woche lang! - Als ob wir gestern uns zu zweien - Auf's schrecklichste gelangweilt hätten. - Kein Fünkchen Liebe, wie? Und ich -- der hundert Meilen - Durchflog in Sturm und Wetter ohne Weilen -- - Ich, voller Sehnsucht und mit Herzensbeben -- - Ich stürme her auf Tod und Leben -- - Wie oft warf nicht der Schlitten mit mir um -- - Nicht schloß mein Auge sich in fünf und vierzig Stunden, - Und _die_ Belohnung hat mein Heldenmuth gefunden! - - SOPHIE. - - Ach Tschatzki, wie mich's freut, Sie wieder hier zu sehn! - - TSCHATZKI. - - Sie sind erfreut? Ei das ist schön! - Doch muß ich aufrichtig gestehn: - Die Freude pflegt wohl anders auszusehn! - Mir scheint es fast zuletzt, - Als ob mein Jagen - Und Pferd- und Leute-Plagen - Mich wohl nur ganz allein ergötzt! - - LISETTE. - - Wenn Sie gelauscht doch an der Thür -- - Bei Gott, vor fünf Minuten sprachen wir - Von Ihnen noch! Das Fräulein wird es sagen! - Nicht wahr? Hier sprachen wir, in diesem Zimmer? - - SOPHIE (ironisch). - - Und nicht nur jetzt, nein -- immer! - Sie haben keinen Grund zu klagen, - Denn Niemand konnt' vom Ausland kommen, - Den ich um Nachricht nicht befragt: - Ob er von Ihnen nichts vernommen? - Doch Niemand hat mir was gesagt. - Wer nur besuchte unser Haus, - Selbst Weltumsegler fragt' ich aus, - Ob man Sie nicht gesehen hätte - In -- irgend einer Postcarette! - - TSCHATZKI. - - Schon gut, es mag drum sein! - Beglückt wer glaubt, ihm geht es wohl auf Erden! -- - Mein Gott! So ist es wahr, daß ich zurück! - Daß ich durchflog so weite Räume! - Daß ich Sie fand, doch nicht den alten Blick - Aus jener Zeit der Jugendträume? - Wo sind die Stunden hin, wo wir noch spielten - Und nichts als Lust im Busen fühlten!! - Hier pflegten wir uns zu verstecken, - Das war ein Lärmen, war ein Necken; - Wir sprangen über Stuhl und Bett -- - Ihr Vater spielte dort Piquet - Mit Ihrer alten, guten Bonne, - Und in dem dunkeln Winkel -- hier -- - Da saßen oft als frohe Kinder wir, - Und schreckten auf beim Knarren jeder Thür; - O Kinderzeit, o Zeit der Wonne! - - SOPHIE. - - Ja -- Kinderei'n! - - TSCHATZKI. - - Ja, Zeiten die da waren! - Sie wuchsen auf! -- Mit siebzehn Jahren - Sind Sie jetzt unvergleichlich schön, - Und wissen es, das müssen Sie gestehn, - Und darum schau'n Sie sittsam Niemand an. - Sind Sie verliebt? Und wär's mein Tod, - O, sagen Sie es schnell! Sie werden roth?! - - SOPHIE. - - Wer würde nicht verlegen werden - Bei solchen Fragen und Geberden? - - TSCHATZKI. - - So bitt' ich Sie, mir doch zu sagen: - Wonach sollt' ich in Moskau sonst wohl fragen? - Es herrscht doch stets das alte Einerlei; - Ein Ball ist heute, morgen zwei. - Der feiert Hochzeit, einem ist's gelungen -- - Ein andrer hat sich einen Korb errungen. - Die alte, ewige Geschichte, - Und in den Stammbüchern die nämlichen Gedichte! -- - - SOPHIE. - - Das arme Moskau! Ja, das kommt vom Reisen her! - Wo ist das Wunderland, wo es denn besser wär? - - TSCHATZKI. - - Wo wir _nicht_ sind! -- Ach sagen Sie mir doch: - Was macht Ihr Vater? Ist er noch - Dem Clubb, dem Englischen nach hies'gem Brauch - Stets treu ergeben bis zum letzten Hauch? - Und dann Ihr Ohm, sieht man ihn stets auf Bällen schweben? - Wie? Oder hat er endlich ausgetanzt? - Und Jener, nun, mit dem Zigeunerteint? - Ein Türke oder Griech' -- Sie wissen, wen ich meine -- - Er hatte wie ein Storch, so schrecklich lange Beine -- - Er war allüberall zu sehen - Auf Bällen und auf Assemblee'n, - Und ganz besonders immer - In jedem Speisezimmer? -- - Und dann die drei Lion's vom Boulevard? - Die jungen Herrn seit funfzig Jahr! - Die Ueberreichen -- an Verwandten; - Ich glaube sicherlich, - Daß an der Million nur wen'ge fehlten, - Da sie, durch ihrer Schwestern Hülfe, sich - Verwandt mit ganz Europa zählten. -- - Nun dann -- und unsere Theatersonne! - Der edle Mann, der keine höhere Wonne - Als Maskarad' und Schauspiel hat! - _Die_ Worte standen stets auf seiner Stirn geschrieben; - Wo ist der Treffliche geblieben? - Sein Haus war grün gemalt, wie ein Zigeunerlager, - Er war der größte Fettwanst in der Stadt, - Doch seine Künstler waren -- mager! - Auf einem Ball bei ihm, da stand, - Erinnern Sie's? verborgen hinter einer Wand - Ein Kerl dem er befohlen - Zu trillern und zu johlen - Wie eine Nachtigall; - Er sollt' uns von dem Ball - Wohl in den Lenz versetzen; - Ein herrliches Ergötzen! - Die Nachtigall, die Sängerin der Haine, - Auf einem Ball beim Lampenscheine! - Und Ihr schwindsücht'ger Vetter da, der Bücherfeind, - Der einst in dem gelehrten Comité erscheint - Und mit Geschrei und Eidschwur wollte, - Daß niemand lesen oder schreiben lernen sollte. - Die Alle soll ich wiedersehn!! - Die Plage ist kaum auszustehn. -- - Doch Fehl und Flecken - Kann man bei jedem wohl entdecken, - Und wer nach Hause kehret, dem - Ist auch - Der Rauch - Der Heimath süß und angenehm. - - SOPHIE. - - Ich säh' Sie einmal gern mit meiner Tante - Um durchzuhecheln sämmtliche Bekannte. - - TSCHATZKI. - - Das Hoffräulein, noch aus Cathrina's Zeit, - Die ganz Minerva's Dienste sich geweiht! - Ich glaub' sie war in ihrem ganzen Leben - Von kleinen Mädchen nur und Möpsen rings umgeben. - Doch _à propos_! Wie ist denn jetzt die Lehrmethode? - Ist es noch immer Mode - Ein Regiment von Lehrern aufzuweisen, - An Zahl vollauf, doch billigst in den Preisen? - Und nicht, als ob sie viel grad' brauchten zu versteh'n: - Befohlen ist's -- bei hohen Strafen - Historiker und Geographen - In jedem hergelauf'nen Wicht zu sehn. - Erinnern Sie sich jenes Alten - Der unser Mentor war? Er pflegte so zu halten - Den Zeigefinger ausgereckt -- - Fast einem Wegeweiser zu vergleichen, - und Rock und Käppchen der Gelahrtheit Zeichen! - Wie oft hat er als Kinder uns erschreckt! - Wie haben wir das oft vernommen, - Nur von dem Ausland könnt' das Heil uns kommen. - Wie sind wir überzeugt, wir armen Thoren, - Daß ohne Deutsche wir ganz rettungslos verloren! - Und der Franzose Guillaumé - Ganz Luft und Wind, - Knüpft er noch nicht das Band der Eh' - Mit irgend einem schönen Kind? - - SOPHIE. - - Mit wem? - - TSCHATZKI. - - Nun jede Fürstin, zum Exempel - Die gute Fürstin Julia - Ging' gern mit ihm in Hymens Tempel. - - SOPHIE. - - Tanzmeister ist er ja! - - TSCHATZKI. - - Und _Ritter_! Ja! -- Von uns verlangt die Welt - Geburt, Erziehung, Rang und Geld -- - Doch Guillaumé ........ - Wie ist der Ton denn heut zu Tage? - Herrscht noch das Sprachgewirr, die alte Ohrenplage? - Wird noch -- selbst auf der kleinsten Assemblee - Und von den Gästen - Bei Kirchweih-Festen - Französisch stets in Brocken aufgetischt? - - SOPHIE (zerstreut). - - Ein Sprachgewirr? - - TSCHATZKI. - - Zwei werden wenigstens gemischt. - - LISETTE. - - Nun, nun, es wär' doch schwer - Aus allen beiden Sprachen - Etwas zu machen, - Was Ihrer Sprache ähnlich wär'. - - TSCHATZKI. - - Ei, schwülstig spreche ich doch nie? -- - Da haben wir's -- da sehen Sie, - Ich nutze die Minuten! - Durch Ihren Anblick ganz in Gluthen - Kam ich in's tausendste hinein, - Und gleich läßt man mich schwatzhaft sein. - Doch weiß ich, daß es Zeiten gab - Wo ich verschlossen wie ein Grab, - Wo ich noch ärmer schien an Geist, - Als Ihres Vaters Secretair, - Moltschálin -- oder wie er heißt -- - Das stille Männchen da aus Twer, - Der stets so artig und geschniegelt! - Hat er sein Schweigen endlich jetzt entsiegelt? - Wo er ein Heft mit neuen Liedchen fand, - War er gleich höflich bei der Hand -- - Bat um Erlaubniß sie sich abzuschreiben; - Doch steigen freilich jetzt auch solcherlei Naturen, - Denn heut zu Tage liebt man stumme Creaturen. - - SOPHIE (bei Seite). - - O, diese Schlange! - (laut und gereizt) Ach, ich wollt' Sie fragen: - Ist's Ihnen wohl passirt, im Ernste oder Scherz - Von Jemand -- im Versehn -- was Gutes wohl zu sagen? - Wenn auch nicht jetzt, vielleicht in Ihrer Jugend? - - TSCHATZKI. - - Was weiß man da von Lastern und von Tugend? - Wozu so weit zurück? Ist es ein schlechter Zug, - Daß ich durch Sturm und Steppen, Tag und Nacht, - Selbst mit Gefahr des Lebens, - Zu Ihnen her den weiten Weg gemacht? - Und Alles, ach, vergebens! -- - Wie sind Sie stolz und kalt! - Ich schau' Sie an seit einer halben Stunde -- - Verloren in die liebliche Gestalt -- - Und ach, nur stärker blutet meine Wunde! - - (Kleine Pause.) - - Erlauben Sie mir diese Frage: - Ist wirklich Alles beißend was ich sage? - Und können Sie den Vorwurf auf mich laden, - Als wollt' ich jemand dadurch schaden? - Wahrhaftig, wenn mein Mund vielleicht auch so gesprochen, - So hat mein Herz doch nichts verbrochen, - Das Wunderliche pfleg' ich zu belachen, - Doch werd' ich ein Geschäft daraus mir niemals machen! - Gebieten Sie ins Feuer mir zu gehn - Für Sie, -- mit Freuden soll's geschehn. - - SOPHIE. - - Nun gut, -- verbrennen Sie! - Doch wenn's mißlänge? -- wie? - - - Achte Scene. - - DIE VORIGEN. FAMUSSOFF. - - FAMUSSOFF (in der Thür). - - Da haben wir's, da steht der Zweite! - - SOPHIE. - - Ach Väterchen, der Traum von heute! - - (Geht ab, Lisette folgt.) - - FAMUSSOFF (bei Seite). - - Verdammter Traum! - - - Neunte Scene. - - FAMUSSOFF. TSCHATZKI (sieht Sophien nach). - - FAMUSSOFF. - - Nun sag', was hast Du denn getrieben? - Wie, in drei Jahren nicht ein Wort geschrieben, - Und plötzlich fällst Du wie vom Himmel nieder! - - (Umarmt ihn.) - - Nun, sei willkommen Freund, willkommen! - Du alter Junge, Du! - Jetzt haben wir Dich wieder! - Nun, Abentheuer konnten Dir nicht fehlen, - Da setze Dich, und nun mußt Du erzählen. - - (Sie setzen sich.) - - TSCHATZKI (nachdenklich). - - Wie ist doch Ihre Tochter schön! - - FAMUSSOFF. - - Ihr junges Volk wißt auf nichts anderes zu sehn, - Als darauf, ob die Mädchen schön. - Da hat sie etwas obenhin gesagt, - Was Deiner Eigenliebe gleich behagt; - Doch Hoffnung hat schon oft betrogen! - - TSCHATZKI. - - Mich hat sie wahrlich nicht verzogen. - - FAMUSSOFF. - - Der Traum von heute -- sagte sie -- - Und Du, Du grübelst nach, ich wette, - Was denn Sophie - Geträumt wohl hätte? - - TSCHATZKI. - - Ich grüble nicht, es fiel mir niemals ein, - Den Sinn von Träumen auszulegen. - - FAMUSSOFF. - - Freund, traue nicht den Frauen! - - TSCHATZKI. - - Nur meinen Augen will ich trauen, - Und das muß offenherzig ich gestehn, - Das Fräulein ist ganz unvergleichlich schön! - - FAMUSSOFF (bei Seite). - - Er ist davon nicht abzubringen! - (laut) Doch sage mir vor allen Dingen: - Wo warst Du denn die ganze Zeit? - Drei Jahre fort, das will was heißen! - - TSCHATZKI. - - Unmöglich kann ich jetzt erzählen! - Die ganze Welt wollt' ich durchreisen - Und kam nicht tausend Stunden weit. - - (Steht schnell auf.) - - Ich muß jetzt fort -- durchaus -- - Ich eilte her und war noch nicht zu Haus. - Nach einer Stunde komm' ich wieder, - Dann setzen wir uns traulich nieder, - An Abentheuern soll es dann nicht fehlen -- - Sie können sie dann aller Welt erzählen. - - (Im Abgehen zu Sophiens Zimmer gewendet:) - - Wie ist sie schön! - - (Ab.) - - - Zehnte Scene. - - FAMUSSOFF (allein). - - Wer ist's nun von den Zwei'n? - »Ach Väterchen, der Traum trifft ein,« - Und sagt's mir laut! Ei, ei, ich muß gestehn - Ich habe mich versehn! - Ich habe einen Bock geschossen, - Und auf Moltschálin meine Galle erst ergossen, - Doch jetzt heißt's: Aus dem Regen in die Traufe! -- - _Der_ ist ein Bettler, _der_ als Seladon bekannt - Und als ein Muthwill und Verschwender - Bei Jung und Alt im ganzen Land! -- -- -- - Was machen uns -- Herr du Gerechter! -- - Für Plagen doch erwachs'ne Töchter! - - (Bleibt nachdenklich stehn. Der Vorhang fällt.) - - Ende des ersten Akts. - - - - - Zweiter Akt. - - - Ein Empfangzimmer mit mehreren Thüren, links ein Fenster. - - - Erste Scene. - - FAMUSSOFF. EIN DIENER. - - (Die Mittelthür wird von einem vorangehenden Diener rasch geöffnet - und Famussoff tritt, elegant gekleidet, herein; an der Thür - bleibt er etwas stehen, um den Diener zu mustern.) - - FAMUSSOFF. - - Hör'! Peter, hör'! An Dir ist stets was neu! - Nun ist am _Ellenbogen_ wieder was entzwei! - (Setzt sich) Nimm den Kalender. -- Doch den liest er - Gerade wie ein alter Küster! - Lies mit Gefühl, Verstand, und dann und wann - Bei Punct und Komma halte an. -- - Doch schreib erst lieber - Auf jenem leeren Blatte da, - Der nächsten Woche gegenüber: - »Am Dienstag zur Baronin Fladen - »Bin auf Forellen ich geladen!« -- - Wie ist die Welt doch wunderbar creirt! - Wenn man darüber erst philosophirt, - So schwindelt der Verstand. -- O je, o je! - Da nimmt man sich in Acht, und dann kommt ein Dinér! - Drei volle Stunden muß man kauen, - Und in drei Tagen kann man's kaum verdauen! - Bemerk' am selben Tag -- ach nein, - Am Donnerstag wird das Begräbniß sein! - O Menschenvolk -- mit deinem leichten Sinn! -- - Wir müssen Alle doch dahin! -- -- -- - In jenen Kasten kommt doch jedermann, - In dem man weder stehn noch sitzen kann. - Doch will sich jemand Lob und Ruhm erwerben: - Hier nehm' ein Beispiel er! - Der Sel'ge war ein achtungswerther Kammerherr -- - Er hatte hinten ja den Schlüssel, - Schafft' auch den Schlüssel seinem Sohn; - Selbst reich, ich weiß das ganz genau, - Vermählt' er sich mit einer reichen Frau, - Und fand Parthie'n für alle seine Töchter. - Nun ist er todt! Als Frommer und Gerechter - Ist er aus dieser Welt geschieden, - Und -- ruht in Frieden! - Und wird beweint von Kind und Kindeskind -- - Die all das schöne Gut nun von ihm erben. -- - Was doch in unserm Moskau hier - Für wicht'ge Männer sind - Und leben hier und -- sterben! -- - Am Donnerstag, schreib eins zum andern, Peter -- - Doch könnt's auch Freitag sein, - Wer weiß, vielleicht auch später, - Muß ich zur Doktorswittwe gehn - Gevatter stehn; - Zwar habe ich noch nichts vernommen, - Allein mir däucht es muß so kommen - Wenn meine Rechnung richtig -- - - - Zweite Scene. - - DIE VORIGEN. TSCHATZKI. - - FAMUSSOFF. - - Ah! -- - Alexander, Du bist da! - Nun -- setze Dich. - - TSCHATZKI. - - Es scheint mir, Sie beschäft'gen sich -- - - FAMUSSOFF (zum Diener). - - Geh, Peterchen. - - (Der Diener geht ab.) - - Ich merkt' Geschäfte an, - Die, Gott behüt's, man leicht vergessen kann. - - (Pause.) - - TSCHATZKI. - - Hab' ich die Stunde etwa schlecht gewählt? - Ich hoffe nicht, daß Ihrer Tochter etwas fehlt! -- - Ja, Sie sind mißvergnügt! Nicht wahr? - Ich seh' es am Gesicht, an Ihren Mienen, - Was fehlet Ihnen? - - FAMUSSOFF. - - Ach, bester Freund, was ist da sonderbar? - In meinem Alter -- ei es ist zum lachen! -- - Soll ich noch Capriolen machen? - - TSCHATZKI. - - Davon ist nicht die Rede, -- sagen Sie - Mir nur -- was macht Fräulein Sophie? -- - - FAMUSSOFF. - - Daß Dich! -- -- Nun Gott verzeih! - Fünftausend mal - Dasselbe Lied zu meiner Qual - Und stets das alte Einerlei: - Bald von dem schönen Fräulein Tochter - Bald von dem kranken Fräulein Tochter - Und nichts im Kopf, als meine Fräulein Tochter! - Sag mir, -- Du hast Dich lang herumgetrieben, - Und jetzt, so scheint mir's -- willst Du Dich verlieben, - Und angelst gar nach meiner Tochter Hand? - - TSCHATZKI. - - Wozu die Frage? - - FAMUSSOFF. - - Ei, mir scheint sie passlich! - Denn sieh', ich bin ein Bischen doch mit ihr verwandt! - Man hat zum Vater mich -- das ist doch fasslich, - Nicht grad' ins Blaue so hinein ernannt. - - TSCHATZKI. - - Und wollt' ich um die Tochter frein, - Was würd' des Vaters Antwort sein? - - FAMUSSOFF. - - Ich sagte Dir zuerst: sei kein Phantast! - Verwalte besser, was Du hast; - Allein vor allen Dingen - Mußt Du's im Dienste weiter bringen. - - TSCHATZKI. - - Dem Staate dient' ich gern -- allein - Ich möcht' - Nicht Knecht - Nicht Diener darum sein. - - FAMUSSOFF. - - Na! - Da haben wir den lieben Hochmuth ja! - Du solltest lieber fragen - Wie unsre Väter es gemacht, - Und mancher da in alten Tagen - Es so erstaunlich weit gebracht. - Wie kann man sich zu dienen schämen? - Ein Beispiel solltest Du am sel'gen Oheim nehmen: - Ja sieh' -- das war ein Mann, - Den man zum Muster nehmen kann! - Er speiste nicht auf Silber -- nein auf Gold! - Es wimmelte bei ihm von Dienern und Lakei'n, - Es mochten wohl an hundert sein! - Mit Orden ganz bedeckt kam er zu Hof gerollt. - Wenn man so sah -- wie ihn im langen Zug - Zum Pallast die Carosse trug, - Man wurde in Bewunderung versetzt. - Er lebte stets bei Hof -- und das war nicht wie jetzt -- - Das war vor Zeiten noch, ja ja! - Das war ein Hof -- wie nie die Welt ihn sah! - Und Männer gab's zu jener Zeit - Von centnerschwerer Wichtigkeit. - Du hättest Dich, wer weiß, wie tief gebückt, - Sie hätten kaum mit dem Toupé genickt, - Und war's ein Günstling, ein Bojar, - So ist's gewiß, daß es noch ärger war; - Sie aßen, tranken -- ganz von uns verschieden, - Nicht so, wie andre Sterbliche hienieden. - Der Ohm? Was sind jetzt Fürst und Graf dagegen! - Ein ernster Blick, ein stolzes Wesen - War stets auf seiner Stirn zu lesen. - Doch hätt' ich den wohl sehen mögen - Der, wenn es Noth that sich zu schmiegen, - So wußte sein Genick zu biegen! -- - An einem Gallatag, vor allen Leuten - Hatt' er das Unglück auszugleiten, - Und so -- daß er sich fast den Hals gebrochen. - Der Alte ächzt und krächzt -- - Und wie er endlich aufgekrochen, - Hat Ihre Majestät zu lächeln ihm geruht; - Ein Allerhöchstes Lächeln!! -- Und was thut - Der Schlaukopf nun! er macht's noch bunter - Und fällt zum zweitenmal und ärger noch herunter. - Man lacht noch mehr, es schallt der Saal, - Und er steht auf und fällt zum drittenmal! - Nun, wie gefällt das Euch? - Wir nennen's einen klugen Streich! - Krank fiel er hin, stand aber auf gesund. - Denn seit der Frist - Wen lud man öfter ein zum Whist? -- - Und wer hat schmeichelhafteres gehört? - Wer wurde so wie er geehrt? - Der Onkel! Und das nennt ihr Kleinigkeit! - Wer wußte so wie er mit Rängen zu belohnen? - Der Onkel, ja! - Wer schaffte so wie er Pensionen? - Der Onkel! Ah? -- - Und nu! - Ihr da, von heute, was sagt _Ihr_ dazu? - - TSCHATZKI. - - Ja, in der That, Sie können seufzend sagen: - Die Menschheit sei verdummt in unsern neusten Tagen. - Wie kann man auch -- nach solchen Streichen - Die neue mit der alten Zeit vergleichen! - Zwar frisch ist noch die Kunde: - Doch klingt sie glaublich nicht im Munde: - Daß der zu Würden kam, - Der nur die meisten Bücklinge geschnitten, - Der nicht des Kriegs ruhmvolle Narbe trug, - Nein, am Parquette sich die Stirn zerschlug! - Der jedem Niederen -- und lag' er auf den Knieen, - Begegnet' unerträglich stolz, - Doch wo ein Mächtiger erschien, - In Artigkeiten fast zerschmolz! -- -- - Man kann mit Recht bezeichnen jene Zeit - Als die der Furcht und Niedrigkeit: - Die niedrigsten und die gemeinsten Triebe - Maskirten sich als Unterthanenliebe; -- - Ich rechne Ihrem Onkel dies nicht zu, - Und lasse seine Asche gern in Ruh' -- - Doch sagen Sie, wer wohl in unsern Tagen -- - Und möcht' ihm Kriecherei auch noch so sehr behagen -- - Wer würd' es wagen - Auf's Spiel zu setzen sein Genick - Für einen gnäd'gen Lächelblick? - Allein in jener Zeit - Erregt' ein solcher Purzelbaum noch Neid, - Und mancher alte Herr hat still bei sich gedacht: - O hätt' ich's doch so klug gemacht! - Ja, Kriecherseelen giebt's auch jetzt auf Erden - Doch fürchtet jeder lächerlich zu werden; - Und nicht umsonst wird jetzt, da sie nun wen'ger kühn, - Von oben solchen Herrn auch weniger verlieh'n. - - FAMUSSOFF (bei Seite). - - Du großer Gott, er muß ein Carbonari sein! - - TSCHATZKI. - - Von solchen Flecken ist die heut'ge Welt wohl rein. - - FAMUSSOFF. - - Gefährlich ist der Mensch! - - TSCHATZKI. - - Jetzt athmet man doch frei, - Und Niemand drängt zum Heer der Narren sich herbei. - - FAMUSSOFF. - - Was spricht er da -- und redet wie gedruckt! - - TSCHATZKI. - - Beim Gönner dann die Decke anzugähnen! - Geduldig warten, höflichst schweigen. - Kratzfüsseln und den Rücken beugen, - Dann, fiel ein Schnupftuch zu den Füssen - Begierig los drauf schießen, - Nach Stühlen laufen, um am Gönnertisch zu speisen! -- - - FAMUSSOFF. - - Das also holt' er sich von seinen Reisen? - Die Freiheit predigt er! Nun eine saubre Führung! -- - - TSCHATZKI. - - Wer auf den Gütern lebt, wer in das Ausland reist -- - - FAMUSSOFF. - - Mein Gott, was ist doch Deine Zunge dreist, - Du sprichst ja gegen die Regierung! - - TSCHATZKI. - - Und wer sich gar erkühnt, - Daß er dem Chef nicht, nur der Sache dient! - - FAMUSSOFF. - - Wär' ich Monarch, ich hielte solche Herrn - Von meiner Hauptstadt fern - Auf einen Büchsenschuß. - - TSCHATZKI. - - Ich lasse Sie zufrieden endlich. - - FAMUSSOFF. - - Nicht auszuhalten ist es -- schändlich! - - TSCHATZKI. - - Ich schalt erbarmungslos auf Ihre Zeit, - Auf die Vergangenheit; - Doch hören Sie, wir wollen uns vergleichen; - Sie können einen Theil von all dem Tadel streichen - Und unsrer Zeit als Ueberschuß verleih'n, - Ich würde nicht darüber schrei'n. - - FAMUSSOFF. - - Ich habe nichts mit Ihnen mehr zu schaffen, - Irrlehren sind's, und solche leid' ich nicht. - - (Er hält sich die Ohren zu.) - - TSCHATZKI. - - Ich streckt' ja schon die Waffen, - Und niemand widerspricht. - - FAMUSSOFF. - - Gut, gut, ich halt' die Ohren zu! - - TSCHATZKI. - - Weshalb? Ich lass' Sie ja in Ruh'. - - FAMUSSOFF (heftig). - - Durchschnüffeln da den ganzen Erdenball, - Maulaffen überall -- - Dann geht's nach Haus, nun sag' mir einer offen, - Von solchen soll man was solides hoffen! - - TSCHATZKI. - - Ich hörte auf. - - FAMUSSOFF. - - Um Gotteswill'n lass' Dich bedeuten! - - TSCHATZKI. - - Ich wünsch' nicht weiter mehr zu streiten. - - FAMUSSOFF. - - Erbarme Dich, lass' mich in Ruh'! - - - Dritte Scene. - - DIE VORIGEN. EIN DIENER. - - DIENER. - - Der Oberst Scalosúb. - - FAMUSSOFF (ohne zu hören). - - Nur zu, nur immer zu! - Du kommst noch unter's Halsgericht! - Das ist gewiß, wie zwei mal zwei macht vier. - - TSCHATZKI. - - Es ist da jemand angekommen. - - FAMUSSOFF. - - Ich höre nichts! Vor's Halsgericht! - - TSCHATZKI. - - Sie haben falsch vernommen: - Es ist ein Fremder vor der Thür. - - FAMUSSOFF. - - Vor's Halsgericht, vor's Halsgericht mit Dir! - - TSCHATZKI. - - So kehren Sie sich um, Sie kriegten einen Gast. - - FAMUSSOFF (dreht sich um). - - Was? Krieg? Rebellion? - Auf Sodoms Schicksal bin ich längst gefasst. - - DIENER. - - Der Oberst Scalosúb hält vor der Thür, - Befehlen Sie ihn zu empfangen? - - FAMUSSOFF. - - Schaafskopf! Natürlich! sagt' ich's Dir - Nicht hundert mal schon? Schneller, lauf -- - Bitt' ihn ergebenst gleich herauf, - Sag', daß ich hocherfreut, sag' Wort für Wort, - Sag', daß ich ihn erwarte, -- pack Dich fort! -- - - (Diener ab.) - - (Zu Tschatzki.) - - Ich bitte Dich Mosje, folg' einmal mir: - Es ist ein angeseh'ner Offizier - Hat, für sein Alter unerhört -- - Schon einen Rang beneidenswerth, - Hat Orden ohne Zahl, - Ist heute oder morgen General, - Dazu ist er solid in seiner Denkungsart; - Ich bitt' Dich, nimm Dich jetzt zusammen. - - (Kopfschüttelnd.) - - Ach, lieber Tschatzki, -- nein! - Nicht alles ist mit Dir -- so wie es sollte sein! -- -- - Er ist recht oft und gerne hier -- - Du weißt empfangen wird ja jedermann von mir. - Die Leute hier vergrößern alles gleich; - Da spricht man in der ganzen Stadt, - Daß er ein Aug' geworfen hat - Auf mein Sophiechen -- dummes Zeug --! - Nun -- möglich wär's -- Sophie ist frisch und roth, - Allein sie ist noch jung; -- ich sehe keine Noth - So bald die Tochter aus dem Haus zu geben. - Er mag sie wohl -- wenn mich nicht alles trügt, - Doch übrigens, wie es der Himmel fügt. - Ich bitt' Dich, kommt er her, - So streite nicht die Kreuz und Quer. - Erwäge doch ein jedes Wort - Und wirf die albernen Ideen fort. - Indeß wo bleibt er denn? Was kann das sein? - Er ging gewiß zu mir, auf jene Seit', hinein. - - (Geht eiligst ab.) - - - Vierte Scene. - - TSCHATZKI (allein). - - Was kommt ihm an! Warum wohl so in Feuer! - Und wie steht's mit Sophie? Das ist bestimmt ein Freier. - Wann that sie je so fremd mit mir, - Und warum ist sie noch nicht hier? - Wer ist der Scalosub? - Dem Vater scheint er ja gewaltig theuer, - Doch ach, es könnte sein - Dem Vater nicht allein! ... - Ja, bleibt drei Jahre nur von Haus, - Dann ist's mit Lieb' und Treue aus. - - - Fünfte Scene. - - FAMUSSOFF. SCALOSÚB. TSCHATZKI (im Hintergrunde). - - FAMUSSOFF. - - Herr Oberster hierher, zu uns, hierher! - Hier ist es wärmer, bitte sehr! - Friert Sie? -- Die Wärme kann man gleich vermehren, - Ich öffne schnell die Ofenröhren. - - SCALOSÚB (im Bass). - - Was, selbst zu klettern, nein, das gebe ich nicht zu! - Auf Offiziersparol, das kann ich nicht erlauben. - - FAMUSSOFF. - - Sie wollen nicht, daß ich für Sie was thu'! - Mein theurer Freund, Sie können glauben - Für Sie, für einen Freund ist alles angenehm. - Nun -- machen Sie's sich recht bequem, - Den Hut hierher, fort mit dem Degen! - Wir wollen ihn bei Seite legen; - Hier ist ein Sopha, federweich. - - SCALOSÚB. - - Wo Sie befehlen -- mir ist's gleich. - - (Sie setzen sich.) - - FAMUSSOFF. - - Ach, bester Freund, hier ist es grad' am Ort! - Von unseren Verwandten erst ein Wort, - Zwar nur entfernt, zur Erbschaft kommt es nicht -- - Ihr guter Vetter gab mir unlängst drüber Licht -- - In welchem Grade ist verwandt - Natalja Nikolajewna mit Ihnen? - - SCALOSÚB. - - Damit kann ich nicht dienen, - Das ist mir nicht bekannt, - Wir dienten nicht bei einem Regimente. - - FAMUSSOFF. - - Herr Oberst! Wenn ich Sie nicht kennte! - Nein, wer mit mir verwandt, - Den such ich auf und wär's - Im Grund des Meers! - Da hab' zum Beispiel jetzt - Die ganze Kanzelei mit Vettern ich besetzt - Ich nehme selten Leute, die mir fremd -- - Sie wissen ja, die Haut ist näher, als das Hemd! -- - Mein Secretair allein ist nicht mit mir verwandt, - Ich nahm ihn wegen seiner schönen Hand. -- - Kommt nun die Zeit heran der Gratificationen, - Da giebt es Kreuzchen hier zu Land, - Und kleine Aemtchen -- allerhand -- - Wie sollte man Verwandte nicht belohnen! - Doch wollen wir zurück auf Ihren Vetter kommen - Der Ihrer Protection so viel im Dienst verdankt. - - SCALOSÚB. - - Ja, Anno dreizehn war's, wir thaten uns hervor, - Zuerst im zweiten, dann im sechsten Corps. - - FAMUSSOFF. - - Beglückt der Vater, dem ein solcher Sohn geworden, - Mich dünkt, im Knopfloch trug er einen Orden? - - SCALOSÚB. - - Ja, für den dritten Mai, Sie haben recht gesehn, - Wir saßen fest in den Transcheen; - Da galt's! -- - Er kriegt's im Knopfloch -- ich am Hals! - - FAMUSSOFF. - - Ein lieber Mann, - Man sieht ihm gleich den Helden an -- - Ein prächt'ger Mensch ist Ihr Herr Vetter! - - SCALOSÚB. - - Er hat sich leider jetzt - Gott weiß was in den Kopf gesetzt! - Er wäre eben avancirt, - Da hatt er grad' den Dienst quittirt, - Und ließ im Stiche Rang und Orden. - Drauf ging er auf sein Landgut hin - Und ist ein Bücherwurm geworden. - - FAMUSSOFF. - - Ja, ja, das Lesen -- o der jungen Thoren! - Was geht dadurch nicht später oft verloren! - Für Sie ist mir, was das betrifft, nicht bange; - Längst sind Sie Oberster und dienten doch nicht lange. - - SCALOSÚB. - - Ich hatt' mit meinen Cameraden sehr viel Glück: - Vacanzen fanden sich fast jeden Augenblick, - Da wurden ältre aus dem Dienst geschlossen, - Und andre -- plötzlich -- todtgeschossen. - - FAMUSSOFF. - - Ja, ja, nur der besteht, - Den Gott erwählet und erhöht! - - SCALOSÚB. - - Doch mancher hat noch größres Pferde-Glück! - Wir gehn nicht weit zurück -- - Da nehmen Sie doch nur einmal - Hier in der funfzehnten Division - Zum Beispiel den Brigadegeneral! - - FAMUSSOFF. - - Mein Gott, Sie müssen es doch selber sagen: - Sie können sich wahrhaftig nicht beklagen! - - SCALOSÚB. - - Ich thu's auch nicht, allein dennoch -- Sie wissen -- - Ich habe nach dem Regiment - Zwei lange Jahre laufen müssen. - - FAMUSSOFF. - - Zwei Jahre laufen -- Element! - Dafür in andern Dingen - Die Sie erreicht - Ist es Sie einzuholen wohl nicht leicht. - - SCALOSÚB. - - Ja, freilich wird im Corps man ältre finden. - Ich trat erst ein - Im Jahre achtzehnhundert neun. - Allein um rasch befördert sich zu sehn, - Kann man verschiedne Wege gehn, - Und hierin bin ich Philosoph, - Ein jeder Weg ist mir egal - Wenn er nur führt zum General. - - FAMUSSOFF. - - Sie haben so vollkommen Recht zu denken. - Gott mög' Gesundheit Ihnen schenken, - Und dann den General, - Und haben Sie den Rang einmal -- - Dann müssen Sie -- was soll das Zaudern sein? - Nach einer Generalin frei'n. - - SCALOSÚB. - - Ich sag' durchaus nicht nein! - - FAMUSSOFF. - - Und das ist doch so leicht, mein Bester! - Da hat _der_ eine Schwester, - _Der_ eine Tochter hier am Ort. - Die Bräute bringt man nicht aus Moskau fort, - Sie mehren sich mit jedem Jahr. - Ach lieber Freund, Sie müssen selbst gesteh'n - Wo kann man in der Welt ein zweites Moskau sehn! - - SCALOSÚB. - - Ja, ungeheure Plätze giebt's zum Exerciren. - - FAMUSSOFF. - - Nicht doch! ich meine den Geschmack und treffliche Manieren, - Die Sitten, die von Alters her noch rühren. - Zum Beispiel nur -- man ehrt den Sohn - Hier um des Vaters willen schon. - Ist auch nicht viel an ihm, es wird ihm doch nicht fehlen, - Besitzt er erblich nur so ein paar tausend Seelen -- - Der Bräutigam ist fertig -- - Und wär' er noch so widerwärtig. - Ein andrer, sei er auch gescheut - Voll Klugheit und Belesenheit - Und vollgepfropft mit hohen Dingen, - Er wird in unsere Verwandtschaft doch nicht dringen; - Denn darin sind wir ohne Tadel - Wir halten noch allein auf alten ächten Adel. - Und das ist's nicht allein! -- was Gastfreiheit betrifft! - Wer hat vollkommner sie gefunden, - Und hätt' er auch die ganze Welt umschifft --! - Die Thür ist auf -- zu allen Stunden; - Geladen oder nicht, es strömt der Gäste Menge, - Den Wirth erfreut besonders das Gedränge, - Ausländer, die natürlich ganz voran -- - Es sei ein Schelm, es sei ein Ehrenmann, - Das ist uns ziemlich gleich, in jedem Falle - Steht unser Mittagstisch gedeckt für Alle. - Ja -- wie man uns betrachten möge, - Vom Hacken bis zum Nacken -- - Wir Moskowiter haben ein absonderlich Gepräge. - Da, nehmen Sie zum Beispiel unsre Jugend - Die junge Welt, die Söhnchen, Enkelein; - O, die sind fein! - Zwar predigen wir streng Moral und Tugend, - Und doch kann oft mit funfzehn Jahren - Der Lehrer viel von ihnen schon erfahren. - Dann unsere alten Herren, welche Geister! - Im Disputiren sind sie Meister. - Wenn es so losgeht über Staat und Krone, - So sprechen sie wie lauter Salomone. - Ein jeder weiß, er ist aus altem Haus, - Was andre denken, was macht er sich draus! - Und die Regierung, wie mit der sie fahren! - Wenn's jemand hörte, lass' uns Gott bewahren! -- - Nicht daß sie grad' was neues wollten -- nein - Behüte Gott; allein sie schrei'n - Und streiten über dies und das - Und wissen selber oft nicht -- was. - So geht es fast bei jedem Schmaus, - Man lärmt und tobt und -- fährt nach Haus. - Wahrhaftig, lauter Kanzler außer Diensten! - - (Leiser.) - - Und im Vertraun -- noch unreif ist die Zeit -- - Doch ohne diese Herrn kommt man gewiß nicht weit. -- - Die Damen gar, das sind die höchsten Richter, - Doch richt' sie einer nur, da machen sie Gesichter, - Und wenn beim Kartenspiel die Stimme sie erheben - Da giebt es oft Tumult, - Daß wirklich alle Fenster beben. - Mit Frauen schenk' uns Gott Geduld, - Ich weiß es leider ganz genau - Ich selber hatt' ja eine Frau! - Wir haben Frau'n, wahrhaftig desperat! - Sie sind in allem firm, schickt sie in den Senat, - Schickt vor die Fronte sie; zum Beispiel da - Irina Wlássjewna, Lukérja Alexiéwna, - Tatjana Júrjewna, Pulcheria Andréewna! - Dann unsere Töchter! Ist's nicht wahr? - Die königliche Majestät im vor'gen Jahr - Als sie geruht zu uns zu kommen zum Besuch, - Konnt' sich verwundern nicht genug. - Sie fand sie grad' nicht klassisch schön, - Doch klassisch wohlerzogen. - Und wahrlich, unsere Töchter sind's auch -- ungelogen -- - Wie sie verstehen sich zu kleiden, - In Mousselin und Sammt und Seiden! - Sie können selbst -- es ist ein Ohrenschmaus - Französische Romanzen singen, - Und von den Noten zwingen - Die allerhöchsten sie heraus. -- - Besonders hängen sie am Militair, - Das -- kommt vom Patriotismus her. - Ja, ja, man suche nach in allen Reichen, - Man forsche nach von Land zu Land, - Nichts ist mit Moskau zu vergleichen. - - SCALOSÚB. - - Ja wohl, und seit dem großen Brand - Ist unser Moskau ganz charmant. - - FAMUSSOFF. - - O nichts davon! Da haben uns geklungen - Die Ohren schon genug! Ja, was für Neuerungen - Seitdem sieht doch ein jedes Haus, - Trottoirs und Straßen anders aus. - - TSCHATZKI (in den Vordergrund tretend). - - Die Häuser wurden neu, die Vorurtheile blieben! -- - Sie brauchen sich nicht zu betrüben. - Was können Moden, Jahre, Brand und Krieg! - Den Vorurtheilen blieb der Sieg. - - FAMUSSOFF (leise). - - Mach' Dir doch einen Knoten zum Gedächtniß. - Zu schweigen bat ich Dich so sehr, - Wird Dir denn das so schrecklich schwer? - - (Zu Scalosúb.) - - Herr Oberst -- hier -- wenn Sie erlauben -- - Des seel'gen Tschatzki, meines Freundes, Sohn, - Er dient nicht -- sollten Sie es glauben! - Ein Eigensinn! - Das heißt -- er sieht im Dienste nicht Gewinn. - Doch wenn er wollte, könnt' er vieles leisten. - Er schreibt vortrefflich, übersetzt -- - Schad, schade das, -- das muß man sagen! - - TSCHATZKI. - - Recht schade -- daß Sie nicht wen anders so beklagen, - Denn selbst Ihr Lob hat mich verletzt. -- - - FAMUSSOFF. - - So richt' ich nicht allein, ich höre es von Allen. - - TSCHATZKI. - - Und wer sind diese Richter? Wie? - Sind es nicht etwa die, - Die ihrer Glatze wegen schon allein - Uns Jugendsinn und Freiheit nicht verzeih'n? - Sie schlagen in Journälen nach - Und möchten alles Alte gleich vergöttern. - Sie schöpfen Urtheil aus vergessnen Zeitungsblättern, - Aus jener Zeit, die von Otschákoff sprach - Und der Eroberung der Krimm. -- - Woher der ew'ge Haß und Grimm? - Das neue lassen sie nicht gelten - Und singen stets das alte Lied, - Stets fertig sind sie nur zu schelten - Und sie bekritteln, was geschieht, - Und merken's an sich selber nimmer - Das: um so _älter_ um so _schlimmer_! - Wer nicht so denkt wie sie -- den nennen sie Verräther! - Wo sind sie denn, des Landes Väter, - Von denen man als Muster spricht! - Ich seh' sie nicht! -- - Ist's etwa der? - Ein Millionär - Durch Dieberei geworden? - Und der mit vollem Sack und seiner Brust voll Orden - Dem Schwerdt der Themis trat entgegen? - Natürlich sank der guten Göttin Degen - Herab, so viel Verdienst zu lieb, - Und sehen Sie -- nun baut der Dieb - Sich einen prächtigen Pallast - Wo festlich er mit dem gestohlnen Gute prasst, - Die Gäste strömen hin zu Hauf; - Doch stände wohl ein Gast - Als Kläger seines Wirthes auf? - Wer würde wohl in Moskau sich erfrechen - So weit zu gehn - Von irgend jemand schlecht zu sprechen, - Der Bälle giebt und Assembleen? -- - Ist wohl mein Richter der, vor dem ich einst den Rücken - In meiner Kindheit mußte bücken? - Gott weiß aus welchen räthselhaften Gründen! -- - Der Nestor -- alt und grau in Sünden, - Der seine Diener oft verwettet - Wenn er im Zorne und berauscht: - Und den, der Ehre ihm und Leben oft gerettet - Weil es ihm so gefällt, mit einem Windhund tauscht? -- - Ist's jener, der zu ganzleibeigenem Ballet - Die Kinder von den Aeltern reißt - Und sie nach Moskau kommen heißt? - Sie werden auch in großen Schaaren - Und fuderweis hierher gefahren - Wo er, der nur vom Zephyr träumt - Und Amoretten-Reigen - Stolz ist der Stadt sein Werk zu zeigen. - Doch leider steckt er sehr in Schulden, - Die Gläub'ger woll'n sich nicht gedulden - Und all die Seelen da, von ihm getauft - Zu Amoretten und Zephyren - Sie werden nun nach Rechtsgebühren - Stückweise unterm Hammerschlag verkauft! -- -- -- -- - Da haben Sie's! Und das sind unsre Richter! - Das sind die Sterne und die Lichter! - Das sind die Alten und die Weisen - Die Sie mir stets als Muster preisen. - Und was geschieht? Versuch's ein junger Mann, - Der nicht das Kriechen leiden kann -- - Und lege sich mit ganzer Kraft - Allein nur auf die Wissenschaft: - Er will nicht Stellen, will nicht Rang, - Er fühlt nun einmal einen andern Drang -- - Der Himmel goß vielleicht in seine Brust - Des künstlerischen Schaffens Lust, - Sogleich erhebt man ein Geschrei - Mordjo! Verrätherei! - Man fliehet ihn, wie einen tollen Hund - Und munkelt von geheimem Bund. -- - Die Uniform -- nur sie, ja! ja! -- In frührer Zeit - Hat ihre Stickerei manch Eselsohr bedeckt. - Wie viel Verächtlichkeit - Wird unter ihrem Glanz versteckt! - Und wir, wir sollen nun dieselben Wege gehn? - Es ist nicht auszustehn! - Und eben die Manie kann man ja schau'n - Bei unsern Mädchen, unsern Frau'n! - Ich selbst war unlängst noch verliebt in die Livrei, - Doch jetzo lach' ich über solche Narrethei. - Doch anders ging es damals her, - Wer war nicht ganz vernarrt in's Militär? - Einst bei'm Besuch von Gardeoffizieren - Schien unsre Damenwelt die Sinne zu verlieren: - Sie schrien Hurrah! Kaum ist's zu glauben, - Und warfen in die Luft die Hauben. - - FAMUSSOFF (bei Seite). - - Es wird ihm noch gelingen - In's Unglück mich zu bringen! -- - - (Laut zu Scalosúb.) - - Verzeihen Sie, Herr Oberst, ich muß fort, - Doch ich erwarte Sie im Kabinette dort. - - (Geht ab.) - - - Sechste Scene. - - SCALOSÚB und TSCHATZKI. - - SCALOSÚB. - - Was mich besonders intressirt - Ist, wie Sie so geschickt berührt - Die Vorurtheile unsrer Stadt - Die man hier für die Garde hat. - Die Garde -- das ist ihre Wonne! - Man schaut sie an wie eine Sonne. - Warum zieht man sie vor - Zum Beispiel unserm ersten Corps? - Worin blieb dieses vor der Garde je zurück? - Hat's schlecht're Taillen etwa und Geschick? - Was wollen diese Evastöchter, - Sitzt unsre Uniform denn schlechter? - Ich kann gleich ein'ge Offiziere nennen - Die selbst französch parliren können. - - - Siebente Scene. - - SCALOSÚB. TSCHATZKI. SOPHIE (stürzt zum Fenster). LISETTE. - - SOPHIE. - - Ach Gott -- er fiel -- er ist verloren! ah! - - (Sinkt hin auf einen Stuhl.) - - TSCHATZKI. - - Wer fiel? - - SCALOSÚB. - - Sag', was geschah? - - TSCHATZKI. - - Vor Schreck liegt sie in Ohnmacht ja! - - SCALOSÚB. - - Wer denn! Woher! Was ist passirt? - - TSCHATZKI. - - Hat sie sich weh gethan? - Stieß sie wo an? - Was ist geschehn? - - SCALOSÚB. - - Ist was dem Alten arrivirt? - - LISETTE (immer bei Sophien beschäftigt). - - Ach seinem Schicksal kann man nicht entgehn! - Moltschálin stieg zu Pferde - Es bäumte sich, er stürzt' zur Erde - Und grade Kopfvoran. - - SCALOSÚB. - - Zu straff zog er die Zügel an, - Ja, so ein Sonntagsreiter vom Civil! - Ich will doch hören wie er fiel - Ob seitwärts oder ob nach vorne. - - (Geht ab.) - - - Achte Scene. - - TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE (in Ohnmacht). - - TSCHATZKI. - - Wie soll man helfen, sage schneller! - - LISETTE. - - Dort steht ein Glas auf einem Teller. - - (Tschatzki läuft fort und holt Wasser -- alles wird halbleise und - schnell gesprochen.) - - Schnell gießen Sie 's ins Glas! - - TSCHATZKI. - - Das ist schon lang gescheh'n! - Lös ihr das Mieder! -- - Die Schläfen reib' mit Essig doch! - Besprenge sie mit Wasser noch! - So, so -- sie athmet wieder - Nun fächle sie. -- Sophie? - - (Sophie seufzt.) - - LISETTE. - - Da seufzte sie! - - TSCHATZKI. - - Sieh' aus dem Fenster -- da -- - Da steht Moltschálin ja! - Und diese Kleinigkeit konnt' sie erschrecken! - - LISETTE. - - Es muß in Damen-Nerven stecken. - Das Fräulein kann es nicht ertragen, - Fällt Jemand über Kopf und Kragen. - - TSCHATZKI. - - Besprenge sie mit Wasser doch, - So recht -- noch einmal -- noch! - - SOPHIE. - - Ach! - Was ist geschehn, mir ist so schwach! - Wer ist um mich? - - (Springt auf, heftig.) - - Wo ist er, sprich? - Was ist's mit ihm? - - TSCHATZKI. - - Ei, welch ein Ungestüm! - Ich wollt' er hätte sich den Hals gebrochen, - Er schreckte Sie zu Tode fast. - - SOPHIE. - - Das war unmenschlich doch gesprochen, - Sie wollen es, daß man Sie haßt! - - TSCHATZKI. - - Ich sollte mich auch noch mit ihm befassen? - - SOPHIE. - - Ja! eilen, laufen, ihn erretten! - - TSCHATZKI. - - Und Sie in Ohnmacht liegen lassen? - - SOPHIE. - - Was sind Sie mir? Doch war es fremdes Unglück ja! - Und läg' der eigne Vater da, - Sie rührt' es nicht. - - (Zu Lisette.) - - Komm' schnell, was stehst Du noch? - - LISETTE (führt Sophie zum Fenster). - - Wohin, besinnen Sie sich doch! - Er lebt, es ist ihm nichts geschehn, - Sie können ihn hier aus dem Fenster sehn. - - (Sophie eilt zum Fenster.) - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Entsetzen, Ohnmacht, Zorn! -- So kann man nur empfinden - Wenn den Geliebten man verliert! - - SOPHIE (zu Lisette). - - Siehst Du, wie sie den Arm ihm binden! - Er kommt, er wird herauf geführt! - - TSCHATZKI. - - Ich wollt', ich hätt' mit ihm den Hals gebrochen! - - LISETTE. - - _Per compagnie!_ Nun das ist brav gesprochen. - - SOPHIE. - - Ach, lassen Sie's beim Wunsch! - - - Neunte Scene. - - DIE VORIGEN. SCALOSÚB. MOLTSCHÁLIN (den Arm in der Binde). - - SCALOSÚB. - - Da ist er! Er erstand! - Und unverletzt! -- Nur seine Hand - Bekam was ab und etwas hier der Arm - Das ganze war »_un faux allarm_!« - - MOLTSCHÁLIN. - - Ich habe Sie erschreckt? Ach nein? - Mein Gott, Sie werden doch verzeih'n! - - SCALOSÚB. - - Ich glaubte nicht -- auf Ehre! - Daß man durch solche Kleinigkeit - Codille gleich verlöre! - Sie stürzten her in großer Eile, - Und ich erschrak, so wahr ich ehrlich bin! - Sie fielen gar in Ohnmacht hin - Und alles für die Langeweile! - Für nichts und wieder nichts. - - SOPHIE (ohne aufzublicken). - - Ich seh' es ein -- und doch - Am ganzen Leibe zittr' ich noch. - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Und zu Moltschálin nicht ein Wort? - - SOPHIE (wie oben). - - Es fehlt mir nicht an Muth - Wirft auch der Wagen um, ich fahr' gleich weiter fort -- - Doch konnt' ich nie mit kaltem Blut - Es sehn, wenn andre in Gefahr, - Und wenn es gleich ein Unbekannter war. -- - Und wenn der Schaden auch geringe - Es ist unmöglich, daß ich mich bezwinge. - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Will sie bei jenem sich vielleicht - Entschuldigen, daß sie Gefühl gezeigt - Für irgend einen in der Welt! - - SCALOSÚB. - - Erlauben Sie, da fällt - Mir ein Histörchen ein; - Die Fürstin Lassoff hier ist Reiterin, - Ob Wittwe zwar, von Profession, - Doch meistens reitet sie allein, - Den Cavalieren scheint sie nicht sehr zu gefallen. - Die Arme ist in diesen Tagen - Vom Pferd gefallen - Und hat sich arg zerschlagen; - Die Schuld lag an dem Tölpel von Jokei, - Er zählte Mücken wohl und sprang nicht schnell herbei! - Sie soll schon ohnedem sehr unbeholfen sein, - Nun, sagt man, soll ihr eine Rippe fehlen -- - Und darum möcht' sie wieder sich vermählen, - Und sucht jetzt eifrig einen Mann - Der sie als Rippe stützen kann. - - (Er lacht.) - - SOPHIE. - - Mein Gott, Herr Tschatzki, das ist was für Sie! - Was meinen Sie zu der Parthie? - Sie sollten recht so menschenfreundlich sein, - Als Rippe sich der Wittwe weih'n -- - Denn fremdes Unglück rührt Sie ja so ungemein! - - TSCHATZKI. - - Sie haben Recht! Ich hatte ja das Glück - Und rief zum Leben Sie zurück, - Als bleich und athemlos Sie hier in Ohnmacht lagen; - Allein für wen ich's that, das weiß ich nicht zu sagen. - - (Nimmt den Hut und geht ab.) - - - Zehnte Scene. - - DIE VORIGEN ohne TSCHATZKI. - - SOPHIE (zu Scalosúb). - - Nun heute Abend -- sehn wir Sie? - - SCALOSÚB. - - Wie früh? - - SOPHIE. - - Ich bitte nicht zu spät -- wir haben unser Kränzchen, - Und zum Klavier macht man ein Tänzchen, - Sie wissen ja, der Trauerfall - Gestattet jetzo keinen Ball, - Sie werden Freunde nur vom Hause sehn. - - SCALOSÚB. - - Sehr wohl -- doch muß ich jetzt zu Ihrem Vater gehn; - Ihr Diener! - - SOPHIE. - - Adieu! - - (Verbeugung und Abschiednehmen. Scalosúb geht ab, schüttelt aber - erst Moltschálin die Hand.) - - - Elfte Scene. - - DIE VORIGEN ohne SCALOSÚB. - - SOPHIE. - - Moltschálin, sprechen Sie, was haben Sie gemacht! - Ich weiß nicht, wie ich noch bei Sinnen, - Ach hätten Sie an mich gedacht, - Sie setzten nicht Ihr -- mir so theures Leben - So muthwillig auf's Spiel. - Doch sagen Sie -- wie ist's mit Ihrem Arm? - Hat sich der Schmerz gegeben? - Zum Doktor schicken Sie vor allen Dingen, - Soll man nicht Tropfen bringen? - - MOLTSCHÁLIN. - - Seitdem der Arm in dieser Binde - So schmerzt er nur noch ganz gelinde. - - LISETTE. - - Es ist ja nichts, ich will gleich wetten! - Die Binde steht ihm nur so gut -- - Doch wer kann Sie vor bösen Zungen retten, - Ich bitt' Sie, sei'n Sie auf der Hut. - Denn Tschatzki -- ach, der kann's schon machen, - Daß über Sie die Leute lachen; - Und wenn der Oberst erst sich in die Haare fährt - Um sein Toupé recht schön - Zurecht zu drehn, - Dann fängt er sicher an, die Ohnmacht zu erzählen - Und an Verschönerungen wird's nicht fehlen. - Selbst dieser Mensch will witzig sein! - Ach Gott! Wer ist nicht witzig heut zu Tage! - - SOPHIE. - - Als ob nach diesen Zwei'n ich frage! - Wer mir gefällt, den mag ich - Und was ich will, das sag' ich. - Moltschálin ach, wie hab' ich mich bezwungen! - Als Sie in's Zimmer traten, - Mich um Verzeihung baten, - Wie hab' ich da im Innersten gerungen! - Vor jenen durft' ich es nicht wagen - Sie anzusehn, Sie zu befragen. - - MOLTSCHÁLIN. - - Und doch -- Sie müßten besser sich verstellen. - - SOPHIE. - - Wie sollt' ich das, wenn alle Pulse schwellen! - Ich wollt' hinaus zum Fenster springen, - Ich war halb todt und sollte mich bezwingen. - Es mag die Herrn da ärgern und verdriessen, - Was geht's mich an, was mach' ich mir aus diesen, - Aus irgend jemand, aus der ganzen Welt! - Mag sie doch reden, wie es ihr gefällt? - - MOLTSCHÁLIN. - - Möcht' diese Offenheit uns nur nicht Schaden bringen! - - SOPHIE. - - Man wird Sie doch nicht zum Duelle zwingen? - - MOLTSCHÁLIN. - - Ach schlimmer wohl als Degen und Pistolen - Sind scharfe Zungen. - - LISETTE. - - Bei Ihrem Vater sind die Beiden drin, - Wie wär's, Sie gingen gleich dahin - Und stellten sich ganz unbefangen, - Wir glauben gern, was wir verlangen. -- - Den Tschatzki müssen Sie vor allen Dingen - Zum Schwatzen bringen -- - Indem Sie jene Jugendzeit berühren. - Ein bischen Liebelei, ein Wort, ein Blick - Damit kann man zum Glück - Bequem Verliebte an der Nase führen. - - MOLTSCHÁLIN. - - Ich wage Ihnen nicht zu rathen -- - - (Küßt Sophiens Hand.) - - SOPHIE. - - Wie? - Auch Sie? - Sie wollen's also auch? - Ach, liebenswürdig sein, mit Augen ganz in Thränen? - Ich kann mich an Verstellung nicht gewöhnen, - Es fällt mir nichts so schwer. - Was schickte Gott doch diesen Tschatzki her! - - (Geht ab.) - - - Zwölfte Scene. - - DIE VORIGEN ohne SOPHIE. - - MOLTSCHÁLIN. - - Du Engel, allerliebster Engel Du! - - LISETTE. - - Mein Gott, ihr seid schon zwei, laßt mich doch nur in Ruh! - - MOLTSCHÁLIN. - - Welch ein Gesichtchen! Höre: - Ich bin verliebt in Dich, auf Ehre! - - LISETTE. - - In mich -- verliebt? -- Sind Sie gescheut? - Ich denke doch -- Sophie, - Das Fräulein lieben Sie. - - MOLTSCHÁLIN. - - Dienstpflicht und Schuldigkeit; - Allein zu Dir fühl' ich die reinste Liebe -- - - LISETTE. - - Aus Langerweile? Ja -- - Ich kenne diese heißen Triebe! - Ich bitte Sie -- nur nicht zu nah -- - Nein, nein, nur fort! - - MOLTSCHÁLIN. - - Hör' nur -- ein Wort! - Ich habe drei ganz allerliebste Sachen, - Sie könnten manche glücklich machen; - Hör' nur Lisette: - Vor allem eine Toilette - Von einer Arbeit -- wunderfein! - Ein kleiner Spiegel drauf, ein kleiner Spiegel drin. - Und alles ringsum ächt vergoldet. - Ein Kissen, ganz mit Perlen ausgenäht - Und allerlei perlmutternes Geräth, - Und Nadelbüchsen gar zu niedlich! - Und Scheeren, alles so apptitlich! - Zerriebne Perlen -- Schminke auch dabei - Und dann auch sonst noch allerlei. - Verschiedene Pomaden - Für Lippensprung und andre Schaden. - - LISETTE. - - Sie wissen es -- ich bin nicht intressirt -- - Doch sagen Sie, woher das rührt, - Daß Sie so blöd beim Fräulein sind, - Und bei der Zofe recht ein Sausewind? - - MOLTSCHÁLIN. - - Ich bin heut' krank und komme nicht zum Essen, - Du schleiche zu mir unterdessen - Ich sag' Dir alles heimlich dort. - - (Geht ab.) - - - Dreizehnte Scene. - - LISETTE. SOPHIE. - - SOPHIE. - - Ich komm' vom Vater, Beide waren fort; - Ich bin nicht wohl und will nicht speisen mit dem Alten, - Geh' zu Moltschálin hin - Und bitte ihn - Daß er herauf kommt, mich zu unterhalten. - - (Geht ab.) - - - Vierzehnte Scene. - - LISETTE allein. - - Nun das ist eine tolle Wirthschaft hier! - Das ist ergötzlich. - _Sie_ läuft nach _ihm_, und _er_ nach _mir_, - Und _ich_ -- ich fürcht' die Liebe ganz entsetzlich, -- -- - Doch, -- -- unser Diener beim Büffet, - Der Peter -- ist doch gar zu nett!! - - (Der Vorhang fällt.) - - Ende des zweiten Akts. - - - - - Dritter Akt. - - - Eleganter Saal. - - - Erste Scene. - - TSCHATZKI, etwas später SOPHIE. - - TSCHATZKI. - - Erwarten will ich sie --; ich muß sie sehn. - Sie muß es mir gestehn - Wen sie denn liebt. Ist es der Sekretair, - Ist es der Oberst -- oder wer? - Moltschálin? dieses gute Tröpfchen! - Ein so armseliges Geschöpfchen! - Wie kam er zu Verstand? -- und Jener? lieber Gott! - Solch heis'res, halberwürgtes Baßfagott! -- - Gewohnt als Sternbild stolz zu glänzen - Bei den Maneuvern und Masurkatänzen! - Geschick der Liebe, du -- - Spielst mit uns blinde Kuh! - - (Sophie tritt auf.) - - Sie sind's? Wie mich's erfreut - Ich wünscht' es grad! - - SOPHIE (bei Seite). - - Zu äußerst ungelegner Zeit! - - TSCHATZKI. - - Mich suchten Sie zwar nicht?! - - SOPHIE. - - O nein! - - TSCHATZKI. - - Und freilich mag es nicht ganz passend sein, - Doch -- einerlei -- ich muß Sie drum befragen: - Wen lieben Sie? -- Ich bitt' es mir zu sagen! - - SOPHIE. - - Ach Gott! die ganze Welt! - - TSCHATZKI. - - Doch wer am besten Ihnen drin gefällt - Das sagen Sie. - - SOPHIE. - - Gar viele, -- die mit mir verwandt -- -- - - TSCHATZKI. - - Und Alle mehr als ich? - - SOPHIE. - - Ja -- einige! -- -- - - TSCHATZKI. - - Entschieden also ist's! Was ist dabei zu machen -- - Mich bringt's zum Rasen -- Sie zum Lachen! - - SOPHIE. - - Versteh'n Sie Wahrheit zu ertragen? -- - Ich möchte Ihnen nur zwei Worte sagen: - Warum ist Ihre Lust so groß - Giebt sich ein andrer etwas bloß? - Ist etwas lächerlich -- Sie werden's gleich gewahr, - Und selbst -- - - TSCHATZKI. - - Ich selbst bin lächerlich? Nicht wahr? - - SOPHIE. - - Ja -- dieser böse Blick -- der scharfe Ton, - In jedem Worte bittrer Hohn, -- - Und -- Sie besitzen - Unzähl'ge Eigenheiten noch, - Und Strenge gegen sich -- die könnte Ihnen nützen. - - TSCHATZKI. - - Ich eigen? Gut! So sagen Sie mir doch - Wer keine Eigenheiten zeigt? - Moltschálin wohl, der einem Dummkopf gleicht - So wie ein Ei dem andern? -- Wie? - - SOPHIE. - - Die alten Beispiele! Ich kenne sie! - Klar ist's, Sie sind gestimmt, auf Alle - Zu gießen Ihre schwarze Galle. - Ich -- stör' Sie ungern drin. - - (Will fort.) - - TSCHATZKI (hält sie auf). - - Sie wollen fort? - O hören Sie nur noch ein einz'ges Wort! - - (Bei Seite.) - - Einmal will heucheln ich -- und mich bezwingen. - - (Laut.) - - Den Streit -- den lassen wir -- vor allen Dingen -- - Sie haben Recht! Es thut mir Leid, - Und gegen ihn, Moltschálin, ging ich wohl zu weit. - Es sind verflossen fast drei Jahr, - Er ist vielleicht ein andrer, als er war. - Auf Erden sieht man vieles sich verändern, - Verfassungen und Sitten und Verstand, - Das Clima selbst von ganzen Ländern! - Gar wicht'ge Leute, wohlbekannt, - Die wurden früher Dummköpfe genannt, - Schlecht als Soldaten und Poeten; - Noch andre -- nun, ich fürcht' mich sie zu nennen - Sie werden sie -- wie alle Welt -- ja kennen -- - Von diesen hat man nun erfahren, - Daß in den letzten Jahren - Sie ganz gewaltig wurden klug. - Mag sein, Moltschálin ist -- ein solches Kraftgenie, - Doch frag' ich eins, versteht er Sie? - Und brennt in ihm ein solches Feuer, - Daß ihm auf Erden nichts so theuer - Und nichts so heilig ist, als Sie? - Sein Herz -- wird es mit schnellern Schlägen - Bei Ihrem Anblick sich bewegen? - Sind Sie die Seele seines Strebens? - Sind Sie der Endzweck seines Lebens? - Und so fühl' ich -- doch kann ich's nicht beschreiben. - Allein die stumpfe Wuth, die bittren Schmerzen - In meinem wundzerriss'nen Herzen, - Die wünsch' ich meinem Todfeind nicht! -- -- -- - Und er? -- Er schweigt - Und neigt - Das Köpfchen auf die Seite, - Natürlich ist er zahm, denn solche Leute - Die kennen edle Hitze nicht! - Gott weiß, was für ein Schatz in ihm verborgen liegt! - Gott weiß, mit was für Eigenschaft, - Mit welcher hohen Geisteskraft - Sie ihn geschmückt! -- Er dachte nicht daran. - Sie haben alles das aus ihm gemacht - Was Ihre Phantasie sich liebend ausgedacht; - Er ist an gar nichts schuld -- Sie sind's allein. - Nein, nein! - Ich gebe zu, was man auf Erden - Nur irgend kann. - Mag er doch klug sein, stündlich klüger werden; - Doch ist er Ihrer werth? - Das muß ich Sie nur fragen, - Um den Verlust mit kaltem Blut zu tragen. -- - Hierüber geben Sie mir Licht, - Als einem Bruder, einem Freund, - Der's immer ehrlich doch mit Ihnen hat gemeint. - Der einst mit Ihnen auferzogen - Und dem Sie doch als Kind gewogen; - Sobald ich überzeugt von Ihrem künft'gen Glück, - So zieh' ich mich sogleich zurück. - Dann will ich mich bemüh'n - Dem Wahnsinn zu entflieh'n. - Dann eil' ich in die Welt hinein - Um zu vergessen, um mich zu zerstreun - Und nie will ich mehr an die Liebe denken. - - SOPHIE (bei Seite). - - Da hab' ich einen toll gemacht - Und ohne daß ich dran gedacht. - - (Laut.) - - Was soll ich's läugnen? - Es konnte sich was Schreckliches ereignen -- - Moltschálin konnt' um seinen Arm erst kommen, - Und lebhaft hab' ich Antheil dran genommen; - Doch Sie vergaßen etwas zu bedenken: - Kann man nicht jedem Antheil schenken - Und ohne Ansehn der Person? - Doch könnte schon - In dem -- was Sie vermuthen -- Wahrheit sein, - Und eifrig will ich seinem Schutz mich weih'n. - Sie nehmen ihrer Zunge wenig wahr, - Sie achten niemand -- offenbar! - Und selbst der sanfteste -- kann's nicht vermeiden. - Er muß von Ihrem Zorne leiden - Und wird mit Spott von Ihnen überhäuft: - Wenn man ihn nennt -- wenn ihn Ihr Blick nur streift -- - So werden Sie gleich bitter - Und hageln ein Gewitter - Von Witz und Bosheit auf ihn los! - Ist wirklich der Genuß so groß? - Nur Scherz und immer Scherz! Welch ein Vergnügen! - Kann solches Ihrem Geiste wohl genügen? - - TSCHATZKI. - - Mein Gott -- gehör' ich wirklich zu den Schwachen, - Die nichts im Leben thun, als lachen? - Ich lache -- ja -- - Wenn ich recht lächerliche Leute sah, - Doch öfter noch sind sie mir ennuyant. - - SOPHIE. - - Vergeblich weisen Sie den Vorwurf von der Hand, - Und schieben andern zu, was Ihnen selbst gebührt; - Moltschálin hat Sie sicher niemals ennuyirt, - Denn wer, wie ich, ihn oft und näher sah -- - - TSCHATZKI (bitter). - - Wie traten Sie ihm denn so nah? - - SOPHIE. - - Ich sucht' ihn nicht, der Himmel hat's gewollt - Und hier im Hause ist ihm jeder hold. - Bei meinem Vater dient er nun drei Jahr, - Oft schilt der ihn, denn es ist wahr -- - Das Alter macht so eigen, - Doch stets entwaffnet er ihn durch sein Schweigen; - Verzeiht ihm alles -- weil er seelengut; -- - Er könnte doch, wie mancher andre thut - Auf Lustbarkeiten sich zerstreun - Doch nein! - Nie geht er aus. - Beim Alten bleibt er stets zu Haus - Und wenn wir andern lachen - Und scherzen, Possen machen, - Sitzt er beim Vater oft zu ganzen Tagen, - Es mag ihm -- oder mag ihm nicht behagen, - Und spielt mit ihm. -- - - TSCHATZKI. - - Er spielt, und wenn man schilt - So bleibt er ewig sanft und mild? - - (Bei Seite.) - - Nein, einen solchen Wicht - Den liebt sie nicht! - - SOPHIE. - - Zwar jenen Geist wird man in ihm nicht finden können, - Den einige Genie -- doch andre Pest benennen, - Und den nach kurzem Glanz wir überdrüssig werden, - Der tadelt was geschieht -- im Himmel und auf Erden, - Damit die Welt ihn nennt auf einen Augenblick; - Doch gründet solch ein Geist Familienglück? - - TSCHATZKI. - - Soll das Moral -- soll das Satyre sein? - - (Bei Seite.) - - Sie liebt ihn nicht, nein, nein! - - SOPHIE. - - Man kann Bewunderung ihm nicht versagen: - Wie nachgiebig, wie fein ist sein Betragen! - Nie hat sich seine Stirn in Falten je gelegt, - Selbst ruhig, läßt er andre auch in Ruh' - Und schlägt nicht gleich die Kreuz und Quere zu. - Und grade das, daß er so viel erträgt, - Das macht es, daß ich ihm gewogen. - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Sie scherzt -- sie liebt ihn nicht -- sie hat mich nur betrogen! - - (Laut.) - - Ich kenn' Moltschálin; sparen Sie - Sein Bild zu malen sich die Müh' -- -- - Doch Scalosúb -- das ist ein Mann - Bei dessen Anblick schon man sich vergessen kann. - Für unser Heer - Steht wie ein Felsen er, - Und ist durch seines Basses Allgewalt - Durch seine Taille und Gestalt - Ein Held -- - - SOPHIE (schnell). - - Nicht im Romane meines Lebens. - - TSCHATZKI. - - Sie zu errathen ist vergebens. - - - Zweite Scene. - - Die VORIGEN. LISETTE. - - LISETTE (leise zu Sophie). - - Mein Fräulein, kommen Sie herein, - Moltschálin wird sogleich bei Ihnen sein. - - SOPHIE (leise zu Tschatzki). - - Verzeihen Sie, wenn ich von Ihnen eile. - - TSCHATZKI. - - Wohin denn? - - SOPHIE. - - Zum Friseur. - - TSCHATZKI. - - Ei, das hat gute Weile! - - SOPHIE. - - Die Lockeneisen würden kalt. - - TSCHATZKI. - - Ei, immerhin! - - SOPHIE. - - Die Gäste kommen bald. - - TSCHATZKI. - - Nun Gott verzeih's! Sie lassen mich zurück - Mit einem Räthsel! -- Doch auf einen Augenblick - Erlauben Sie, daß ich in Ihr Zimmer gehe, - Damit ich jene Räume wiedersehe -- - Wo alles mir so lieb! -- Erwärmen möcht' ich mich, - Aufathmen möchte ich - Nur einmal wieder, - Der Zeit gedenkend, die dahin! - Ich bleib' nur zwei Minuten drin. - Und dann -- bedenken Sie -- Mitglied bin ich vom Clubb -- - Zum Dank will ich, zu aller Welt Erstaunen - Tagtäglich ausposaunen, - Daß klug Moltschálin ist, und geistreich Scalosúb. - - (Sophie zuckt mit den Achseln, geht ab und schließt die Thür hinter - sich. Lisette ist ihr gefolgt.) - - - Dritte Scene. - - TSCHATZKI, bald darauf MOLTSCHÁLIN. - - TSCHATZKI. - - Sophie! Ist wirklich dir bestimmt ein solcher Tropf? -- -- -- - Und warum nicht? -- Er hat nicht viel im Kopf, - Allein zur Vaterschaft - Wem fehlt es da an Geisteskraft! - Gefällig ist er -- artig -- und hat rothe Wangen. - - (Moltschálin schleicht herein und nähert sich zuerst Sophiens Thür, - als er aber Tschatzki bemerkt bleibt er stehn und macht sich was zu - schaffen.) - - Da ist er -- auf den Zeh'n! Und stumm, -- wie hat er's angefangen - Sich in Sophiens Herz zu stehlen? - Wie war es möglich den zu wählen? - - (Zu Moltschálin.) - - Sieh' da! Herr Sekretair! Wie geht's denn Ihnen? - Wir konnten uns noch nicht zwei Worte sagen. - Es geht doch gut? -- Ich brauch' Sie kaum zu fragen. - - MOLTSCHÁLIN (näher tretend). - - Ganz nach dem Alten stets -- zu dienen. - - TSCHATZKI. - - Das heißt? - - MOLTSCHÁLIN. - - Nun heut' wie gestern -- Tag für Tag. - - TSCHATZKI. - - Und immer pünktlich mit dem Schlag? - Am Tag die Feder, Abends die Parthie, - Gleich Fluth und Ebbe? -- Wie? - - MOLTSCHÁLIN. - - Ich bin hier beim Archiv drei Jahr im Dienst - Und für etwaiges Verdienst, - Und meinen Eifer zu belohnen - Erhielt ich dreimal Gratificationen. - - TSCHATZKI. - - Sie lockt der Glanz der Ehrenstellen? - - MOLTSCHÁLIN. - - Nein! - Allein -- - Da jeder Mensch so sein Talentchen hat -- - - TSCHATZKI. - - Sie haben -- --? - - MOLTSCHÁLIN. - - Zwei! - Ich bin bescheiden und bin accurat. - - TSCHATZKI. - - Nun, meiner Treu! - Das sind Talente wunderbar! -- -- - Doch -- es ist wahr -- - Sie wiegen all' die unsern auf. - - MOLTSCHÁLIN. - - Sie hatten nicht viel Glück in Ihres Dienstes Lauf? - - TSCHATZKI. - - Nicht jeder dienet sich herauf. - Durch Menschen wird der Rang erreicht, - Und Menschen täuschen sich so leicht. - - MOLTSCHÁLIN. - - Wir wunderten uns sehr! Wie konnte das geschehn? - - TSCHATZKI. - - Ich kann hierin nichts wunderbares sehn! - - MOLTSCHÁLIN. - - Bedauert wurden Sie. - - TSCHATZKI. - - Sie konnten sparen diese Müh'. - - MOLTSCHÁLIN. - - Tatjána Júrjewna, die Excellenz - Erzählt' bei ihrer Rückkehr aus der Residenz, - Sie wären gut von wicht'gen Männern aufgenommen, - Doch plötzlich sei dazwischen was gekommen. - - TSCHATZKI. - - Geschwätz von Frauenzimmern! - Was hat sich doch die Alte drum zu kümmern? - - MOLTSCHÁLIN. - - Tatjána Júrjewna, die Excellenz? - - TSCHATZKI. - - Ich kenn' sie nicht! - - MOLTSCHÁLIN. - - Tatjána Júrjewna?! Die Excellenz? - - TSCHATZKI. - - Daß wir uns nicht gesehn, ist ewig - lange her. - Doch hörte ich, daß abgeschmackt sie wär'. - - MOLTSCHÁLIN. - - Die Excellenz? Um's Himmelswillen -- nein -- - Das muß wohl eine andre sein. - Die Excellenz ist ja befreundet und verwandt - Mit allen, die in Moskau dienen, - Ich rathe Ihnen - Ihr einmal die Visite doch zu machen. - - TSCHATZKI. - - Ich dächte gar! Es wär' zum Lachen! - - MOLTSCHÁLIN. - - Wir finden Gönner oft - Wo wir es kaum gehofft. - - TSCHATZKI. - - Ich schätze, glauben Sie's, die Damen nicht geringe, - Und mache gern den Hof -- allein um andre Dinge. - - MOLTSCHÁLIN. - - Wie ist sie gut und wie gefällig, - Wie ist ihr Haus gesellig! - Den ganzen Winter giebt sie Bälle - Man kann nichts prachtvolleres sehn. - - TSCHATZKI. - - Ich werde über ihre Schwelle - Gewiß nicht gehn! - - MOLTSCHÁLIN. - - Im Sommer giebt sie Gartenfeste. - - TSCHATZKI. - - Ich bin nicht von der Zahl der Gäste. - - MOLTSCHÁLIN. - - Bedenken Sie, -- es kann doch dazu führen - Hier froh zu leben und zu avanciren! - - TSCHATZKI. - - Mein Herr, bin ich im Dienst, so bin ich ganz dabei, - Und trenne streng davon jedwede Narrethei. - Zwar giebt's gescheute Leute -- hier zumal -- - Die beides zu vereinigen verstehn, - Doch wie Sie sehn, -- - Gehör' ich nicht zu ihrer Zahl. - - MOLTSCHÁLIN. - - Verzeihen Sie -- ich seh' darin noch kein Verbrechen; - Sie werden, denk' ich, einst gewiß noch anders sprechen. - Phomá Phomítsch, zum Beispiel, den Sie kennen -- - - TSCHATZKI. - - Nun was? - - MOLTSCHÁLIN. - - Bei drei Ministern dient' er schon - Und stets als Chef bei einer Section, -- - Und jetzt -- -- - Ist er aus Petersburg hierher versetzt. - - TSCHATZKI. - - Nun das ist mir ein Mann von Kopf! - Ein Mensch, ganz ohne Geist -- ein leerer Tropf! - - MOLTSCHÁLIN. - - Erlauben Sie, von aller Welt - Wird hier sein Styl als Muster aufgestellt. - Sie haben ganz gewiß noch nichts von ihm gelesen? - - TSCHATZKI. - - So närrisch bin ich nie gewesen; - Nie las ich dummes Zeug und Musterdummheit gar! - - MOLTSCHÁLIN. - - Was ich so las schien mir vorzüglich -- zwar - Schriftsteller bin ich nicht -- - - TSCHATZKI. - - Ja, das ist klar, - An allem merkt man es. - - MOLTSCHÁLIN. - - Nie würd' ich mich erfrechen - Ein eignes Urtheil auszusprechen. - - TSCHATZKI. - - Warum denn so geheim? - - MOLTSCHÁLIN. - - Gott mög' in meinen Jahren - Vor eigner Meinung mich bewahren! - - TSCHATZKI. - - Mein Gott, Sie sprechen ja, als wären Sie noch Kind! - Als ob nur Meinungen von andern heilig sind! - - MOLTSCHÁLIN. - - Abhängig muß man doch einmal von andern sein. - - TSCHATZKI. - - Und weßhalb muß man's sein? - - MOLTSCHÁLIN. - - Ei nun -- mein Rang ist klein. - - TSCHATZKI (halb laut). - - Mit solcher Denkungsart, mit solchem Geist ihn lieben, - Sie hat mich nur getäuscht und ihren Scherz getrieben! - - - Vierte Scene. - - Im Grunde öffnen sich mehrere Thüren auf einen zweiten Saal, alles - ist erleuchtet, Diener treten auf. Moltschálin geht ab. Tschatzki - bleibt im Vordergrunde. - - EIN ÄLTERER DIENER. - - He Philipp, Thomas, rührt euch, frisch! - Hierher noch einen Kartentisch, - Bringt Lichte, Bürsten her und Kreide! - - (Er klopft an Sophiens Thür.) - - Mamsell _Lisette_, hören Sie, Sie können nur dem Fräulein sagen: - _Natalie Dmítrewna_ ist hier - Mit ihrem Mann, und vor der Thür - Hält schon ein zweiter Wagen. - - (Ab.) - - - Fünfte Scene. - - TSCHATZKI. NATALIE DMÍTREWNA. GORITSCHEFF. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Wie, seh' ich recht -- ja -- es sind seine Züge! - Herr _Tschatzki_, wenn ich mich nicht trüge? - - TSCHATZKI. - - Sie seh'n mich zweifelnd an, vom Kopf bis zu den Füßen. - Es wär' doch wunderbar, - Daß mich verändert so drei Jahr! - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Ich dacht' mir alles andre ehr - Als Sie in Moskau zu begrüßen. - Nun woher? - Wann sind Sie angelangt? - - TSCHATZKI. - - So eben. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Das ist schön! - Und auf wie lang? - - TSCHATZKI. - - Ich werde sehn! - Doch Sie? Ich kann nicht zu mir vor Erstaunen kommen. - Sie haben unbegreiflich zugenommen. - Was haben Sie nur angefangen? - Welch Gliederspiel und welche rothe Wangen! - Verjüngt, voll Geist, im Blicke welche Laune? - Was ist geschehen? Ich erstaune! - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Ich habe mich vermählt. - - TSCHATZKI. - - Das mußten längst Sie sagen! - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Mein Mann, ein einz'ger Mann -- ich darf mich nicht beklagen -- - Gleich ist er hier. -- Nicht wahr -- ich mache Sie bekannt? - - TSCHATZKI. - - Ich bitt' Sie drum! - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Gewiß, Sie finden ihn charmant. - Ein Blick genügt. - - TSCHATZKI. - - Ich glaub's! Es ist Ihr _Mann_. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - O deßhalb nicht allein, - Man kann nicht liebenswürd'ger sein. - Durch eignen Werth, durch Geist und durch Verstand - Ist mein Platon als ganz vorzüglich anerkannt. - Er ist jetzt Civilist, war früher Militair, - Er dient nicht mehr, und alle Welt bedauert dieses sehr. - Denn dient' er weiter -- sehen Sie -- - Bei solcher Tapferkeit und dem Genie - So meinen alle -- die ihn früher kannten -- - Er hätt's in Moskau hier gebracht - Ganz sicher bis zum Commandanten. - - - Sechste Scene. - - DIE VORIGEN. PLATON GORITSCHEFF. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Da ist er, mein _Platon Michailowitsch_! - - TSCHATZKI. - - Was, der? - Mein alter Freund! Nun sieh', welch Ungefähr! - - PLATON. - - Ah! -- -- -- - Willkommen Bruder, bist _Du_ wieder da! - - TSCHATZKI. - - _Platon_ mein Freund -- es macht Dir Ehre, - Du führst Dich ja vorzüglich, wie ich höre! - - PLATON. - - Ja -- sieh -- was alles noch aus einem werden kann. - In Moskau leb' ich jetzt und bin ein Ehemann. - - TSCHATZKI. - - Und jene Zeit, wo Du im Felde standst - Und höchste Lust im Lärm des Lagers fandst -- - Der Trommel und Trompete Ton -- - Vergessen also alles schon? - Ich glaub' Du liegst jetzt auf der faulen Bank, - Und trankst in vollen Zügen Lethe? - - PLATON. - - O nein, ich übe jetzt auf meiner Flöte - Ein großes Duo in _A-moll_. - - TSCHATZKI. - - Nun, das ist toll, - Das übtest Du bereits in deiner Jugend! - Indeß bei einem Ehemann - Ist's gut -- wenn man doch rühmen kann - Beständigkeit als seine erste Tugend. - - PLATON. - - Freund -- denke an mein Wort: - Wird Dir einst eine Frau zu Theile, - Du pfeifst gewiß vor Langerweile - Ein und dasselbe immerfort. - - TSCHATZKI. - - Wie Langeweile -- ei, das ist nicht gut! - Zahlst Du ihr wirklich schon Tribut? - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Mein Mann war früher an Beschäftigung gewöhnt, - Das fällt jetzt weg. -- Revue'n und die Parade, - Und dann die Reitbahn fehlt ihm Morgens nachgerade. - - TSCHATZKI. - - Was hält Dich ab, mein Freund? Zum Regiment mit Dir, - Such eine Eskadron -- Du bist wohl Stabsoff'zier? - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Ach nein, zu kränklich ist mein armer Mann! - - TSCHATZKI. - - Ist's möglich, wie, Du kränklich und seit wann? - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Er leidet an rheumatischen Beschwerden - Und auch am Kopf. - - TSCHATZKI. - - Hier wird's nicht besser werden. - Beweg' Dich, reite mehr, zieh' in den Süden hin. - Die Landluft ist allein schon ein Gewinn. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Mein Mann liebt Moskau gar zu sehr! - Er muß genießen doch sein Leben -- - Was soll er in die Wildniß sich begeben! - - TSCHATZKI. - - Du liebst die Stadt? Wer hätte das gedacht! - Entsinne Dich, wie oft hast Du sie nicht verlacht. - - PLATON. - - Ach Freund, die alten Zeiten sind nicht mehr. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Mein Männchen, komm recht fort! - Hier ist's so frisch -- hör' doch ein Wort -- - Dein Rock ist aufgeknöpft und auch die Weste -- - - PLATON. - - Ich bin nicht was ich war! - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Komm, knöpf' sie feste! - Hör' doch, mein Engelchen -- - - PLATON (ruhig). - - Ja, ja! - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Komm von der Thüre doch hierher, - Hier zieht der Wind. - - PLATON. - - Ja Bruder, ich bin nicht der alte mehr. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - So höre doch ein Wort, - Um's Himmelswillen komm von der Thüre fort! - - PLATON. - - Ach liebes Kind! - - TSCHATZKI. - - Nun das geht weit! - Verwandelt in so kurzer Zeit? - Bei'm Regiment im vor'gen Jahr - Warst Du ja noch der wackerste Husar! - Bei Tagesanbruch schon zu Pferde - Verspottetest Du jegliche Beschwerde. -- - Wie oft -- mit ungestümer Lust - Sah man auf wildem Hengst, mit offner Brust - Dem Herbst-Sturm Dich entgegenreiten! - - PLATON. - - Ach Camerad', das waren schöne Zeiten! - - - Siebente Scene. - - DIE VORIGEN. FÜRST TUGOÚCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und SECHS - TÖCHTERN. - - NATALIE DMÍTREWNA (aufkreischend). - - Fürst Peter Illjitsch, ah' die liebe Fürstin! - Und _ah mon Dieu_ -- Sisi, Mimi, die Lieben! - - (Geräuschvolle Begrüßung, auch Tschatzki verbeugt sich. Die Damen - setzen sich links in einen Halbkreis und betrachten einander von - oben bis unten.) - - ERSTE FÜRSTIN (zu Natalie). - - Wie allerliebst ist die Façon von Ihrem Kleide! - - ZWEITE FÜRSTIN. - - Mit Garnitur besetzt -- - - ERSTE FÜRSTIN. - - Und welche schöne Seide! - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Mein Atlastürluru -- das sollten Sie erst seh'n! - - DRITTE FÜRSTIN. - - Es hat mir eine Schärpe der Cousin gebracht, - Nein, -- die ist wunderschön! - - VIERTE FÜRSTIN. - - Ach ja, -- und von _barège_, eine Pracht! - - FÜNFTE FÜRSTIN. - - Ganz köstlich ist sie. - - SECHSTE FÜRSTIN. - - Herrlich, ja! - - DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie). - - Wer ist der junge Mann im Winkel da, - Er grüßte uns, als wir in's Zimmer traten? - Ich hab' schon hin und her gerathen. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Ein Angereister -- Tschatzki. - - DIE ALTE FÜRSTIN. - - Ah! - Hat er den Dienst verlassen? - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Ja, - Vom Ausland kehrt er eben erst zurück. - - DIE ALTE FÜRSTIN. - - Ist ledig er? - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Ja, noch _garçon_. - - DIE ALTE FÜRSTIN (zum Mann). - - Erlaucht, Erlaucht, -- auf einen Augenblick! - Geschwinder. - - DER FÜRST (nähert sich mit seinem Hörrohr). - - O! -- hm? -- - - DIE ALTE FÜRSTIN. - - Den jungen Herrn dort - Natalie Dmítrewna's Bekannten -- den da -- - Lad' ein zu unserm Ball, am Dienstag -- mach' nur fort! - - DER FÜRST. - - I--hm! - - (Er schleicht um Tschatzki herum und hustet.) - - DIE ALTE FÜRSTIN. - - So geht es, wenn man Kinder hat! - Ein Ball ist einmal ihr Vergnügen; - Man quält sich müd', man quält sich matt, - Und weiß oft Tänzer nicht zu kriegen! -- - Er ist doch Kammerjunker? - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Nein. - - DIE ALTE FÜRSTIN. - - Doch reich? - - NATALIE DMÍTREWNA. - - O, nein! - - DIE ALTE FÜRSTIN (so laut als möglich). - - Erlaucht, Erlaucht, zurück, zurück sogleich! - - - Achte Scene. - - DIE VORIGEN. Die GRÄFIN CHRUMIN und ihre GROSSTOCHTER. - - DIE JUNGE GRÄFIN. - - Ah! _grand-maman!_ Wer kommt denn auch so früh! - Wir sind die ersten hier! - - (Beide entfernen sich in einen andern Saal.) - - DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie). - - Nun hören Sie! - Sehr artig das! Die ersten hier! - Uns zählt sie nicht; ei welch ein Vornehmthun! - Ein boshaftes Geschöpf; und alte Jungfer nun - Schon eine Ewigkeit! Nun Gott verzeihe ihr! - - DIE JUNGE GRÄFIN - - (kommt zurück und nähert sich lorgnettirend Tschatzki). - - Ah! Monsieur Tschatzki hier? Wer hätte das gedacht! - Und noch der alte stets? - - TSCHATZKI. - - Warum sollt' ich mich ändern? - - DIE JUNGE GRÄFIN. - - Sie sind ja doch gereist in vielen fremden Ländern - Und haben keine Frau vom Ausland mitgebracht! - - TSCHATZKI. - - Vom Ausland? - - DIE JUNGE GRÄFIN. - - Ja! Bei diesen fremden Damen, - Da fragt man nicht nach Herkunft, Stand und Namen, - Und unsre jungen Herrn, wenn sie nach Hause kehren, - Die pflegen uns gewöhnlich zu bescheren - Mit Schwägerinnen und Cousinen - Aus Modemagazinen. - - TSCHATZKI. - - Die Unglücksel'gen -- ja! -- Von Damen, - Die sich Modistinnen zum Muster nahmen, - Da werden sie nun ausgeschmählt, - Daß sie, statt der Copien -- - Originale sich gewählt! - - - Neunte Scene. - - DIE VORIGEN. MEHRERE NEUE GÄSTE, darunter SAGORÉTZKI. Die Herren - scharren, grüßen und gehen weiter oder auf und ab. SOPHIE kommt - aus ihrem Zimmer, Alle ihr entgegen. - - DIE JUNGE GRÄFIN (zu ihr). - - _Eh bonsoir, vous voilà! Jamais trop diligente,_ - _Vous nous donnez toujours le plaisir de l'attente._ - - SAGORÉTZKI (zu Sophien). - - Zu morgen -- haben Sie - Schon ein Billet zur Komödie? - - SOPHIE. - - Ach nein! - - SAGORÉTZKI. - - Hier ist eins -- wenn Sie mir erlauben! - Allein Sie können es mir glauben - Vergeblich hätte Ihnen - Ein anderer versucht darin zu dienen; - Wie bin ich aber deshalb auch gelaufen! - Erst wollt' ich's an der Kasse kaufen -- - Doch -- auf mein Ehrenwort -- - Es war schon alles fort. - Nun fuhr ich zum Direktor hin, - Da ich sein guter Freund ja bin -- - Umsonst! -- Was glauben Sie! - Am Abend schon vorher konnt' niemand mehr was kriegen! - Zu dem -- zu jenem ging es nun in Einem Lauf -- - Ich hetzte Alle auf! - Um dieses endlich mußt' ich einen Freund betrügen, - Ich nahm es gradzu mit Gewalt. - Es ist ein Stubenhocker, schwach und alt, - Was konnt's ihm nützen - Er mag zu Hause ruhig sitzen. - - SOPHIE. - - Ich danke Ihnen für's Billet recht sehr, - Für Ihre Mühe aber noch viel mehr. - - (Es kommen NEUE GÄSTE. SAGORÉTZKI geht zu den Herren rechts.) - - SAGORÉTZKI (zu Platon). - - Ah, guten Abend! - - PLATON. - - Scher' Dich fort! - Geh pack' Dich dort - Zu deinen Damen, - Um deine Lügen auszukramen! - Wenn ich Dich schildre wie Du bist, - So kann von Dir ich manche Wahrheit sagen, - Die schlimmer wohl als jede Lüge ist. -- - - (Zu Tschatzki.) - - Hier präsentir' ich Dir den Herrn - Antón Antónitsch Sagorétzki. -- - Ich wüßte gern, - Wie man, doch ohne grob zu sein, - Dergleichen Leute fein - Und dennoch wahr bezeichnen könnte! - Er ist ein Weltmann und gewandt -- - Als Schelm von allen anerkannt --! - Nimm Dich in Acht vor ihm, denn was Du sagst - Das hört er mit besondern Ohren; - Und wenn Du gar zu spielen mit ihm wagst, - So bist Du ganz und gar verloren. - - SAGORÉTZKI. - - Origineller Murrkopf Du! - Nun -- schimpf' nur zu, - Kein Tröpfchen Galle ist in Deinen Scherzen. - - TSCHATZKI. - - Drum nehmen Sie sich's nicht zu Herzen! - Auch außer Ehrlichsein giebt es der Freuden viel, - Hier schimpft man, dort erreichet man das Ziel. - - PLATON. - - Ach Bester, nein - Man schimpft bei uns - Und -- ladet dennoch ein. - - (Sagorétzki verliert sich im Hintergrunde.) - - - Zehnte Scene. - - DIE VORIGEN. MADAME CHLESTOW. - - MADAME CHLESTOW (zu Sophien). - - Na! Leicht ist's nicht mit fünf und sechzig Jahren - So weit zu Deinem Ball zu fahren. - Ich brauchte eine ganze Stunde von Pokrow. - - (Setzt sich links in den Vorgrund neben Sophie.) - - Ich kann nicht mehr! -- Ach Nichtchen, welche Plage -- - Und dunkel ist's wie einst am jüngsten Tage. - Aus Langerweile nahm ich mit - Mein Mohrenmädchen und den Spitz -- ich bitt' - Befiehl, man soll sie heut' beim Abendessen - Zu füttern nicht vergessen. -- - Gott grüß' Sie, Fürstin! -- Ja, Sophie, ich sage Dir - Die Mohrin ist ein Wunderthier. - Ein Krauskopf -- krumm das Schulterblatt und Tatze -- - Voll Zorn und Bosheit -- ganz Manieren einer Katze. - Und ach wie schwarz und ach wie häßlich -- - Was hat doch alles Gott der Herr erschaffen! - Ich sag' Dir gräßlich! - Frappant der Satanas! -- Willst Du sie sehn? - - SOPHIE. - - Es kann ein andermal geschehn. - - MADAME CHLESTOW. - - Und stell' Dir vor, wie wilde Thiere - So führt man sie herum, um sie zu zeigen. - Man hat mir das erzählt, da ist so eine Stadt - In der Türkei, der Name klingt so eigen -- - Und rath' wer mir sie zum Präsent gemacht? -- -- - Der Sagorétzki hat sie mir gebracht. - - (Sagorétzki horcht auf und kommt näher.) - - Er lügt ein bischen, spielt auch falsch und ist ein Dieb -- - - (Sagorétzki geht eilig fort.) - - Allein er thut doch einem viel zu lieb. - Ich hatte mir schon ausgebeten - Er sollt' nicht über meine Schwelle treten, - Da bringt vom Jahrmarkt er die Mohrin mir -- - Er sagte zwar, daß er gekauft sie hätte, - Ich glaub' es aber nicht, -- ich wette - Er hat gewonnen sie - Im Kartenspiele irgendwie! - Gott schenk' Gesundheit ihm dafür. - - TSCHATZKI (zu Platon lachend). - - Von solchem Lob pflegt man nicht zu gesunden! - Selbst Sagorétzki hielt's nicht aus und ist verschwunden. - - MADAME CHLESTOW. - - Wer ist der lust'ge Mann, der dort so laut gelacht? - Weß Stand's? - - SOPHIE. - - Der Tschatzki ist's -- - - MADAME CHLESTOW. - - Das hab' ich gleich gedacht! - Was kann der Narr denn da zu lachen finden? - Es ist gewiß die größte aller Sünden - Sich über alte Leute lustig machen - Und graue Haare auszulachen. - Ich weiß, mit ihm hast Du als Kind getanzt, -- - Ich hab' ihn oft curanzt - Ich zupft' ihn an den Ohren tüchtig, - Allein noch viel zu wenig, das ist richtig! - - - Elfte Scene. - - DIE VORIGEN. FAMUSSOFF. - - FAMUSSOFF (sehr laut). - - Sieh' da, Erlaucht -- und Sie sind hier? - Und im Portraitsaal warten wir! - Ist denn der Oberst Scalosúb nicht hier, - Sergeí Sergéitsch? Wie? In aller Welt - Es ist ja doch ein Mann, der in die Augen fällt, - Der Oberst Scalosúb! - - MADAME CHLESTOW. - - Gott helfe mir! - Er hat mich ganz betäubt und schreit ja Zeter, - Und lärmt ja ärger noch als ein Trompeter! - - - Zwölfte Scene. - - DIE VORIGEN. SCALOSÚB. Später MOLTSCHÁLIN. - - FAMUSSOFF. - - Ah, ah, ah, ah! Herr Oberster, zu spät! -- Nach zehn!? - Wir warteten und warteten! -- Nun das ist schön! - Erlauben Sie -- hier meine Schwägerin -- - Die Sie dem Rufe nach schon lange kennt. - - MADAME CHLESTOW. - - Sie dienten -- glaub' ich -- hier -- beim Regiment -- - Wie heißt es gleich? Da bei den Grenadiren? - - SCALOSÚB. - - Sie meinen Seiner Hoheit Regiment - Von Neuland -- bei den Musketiren. - - MADAME CHLESTOW. - - Ich hab' es nicht zur Meisterschaft gebracht - Um all' die Unterschiede zu begreifen. - - SCALOSÚB. - - Dazu sind formgemäße Streifen; - Die Litzen, Latzen und Lampassen - An den Monturen muß - Man ganz zuerst ins Auge fassen. - - FAMUSSOFF. - - Sergeí Sergéitsch, kommen Sie! - Wir wollen gleich ein Whistchen machen; - Ich sage Ihnen, die Parthie - Ist wirklich um sich todt zu lachen. - - (Zum Fürsten.) - - Erlaucht, ich bitte, folgen Sie! - - MADAME CHLESTOW (zu Sophie). - - Nun, Gott sei Dank -- fast wäre ich erstickt! - Dein Vater ist ja rein verrückt, - Und scheint bezaubert von dem Goliath zu sein. - So, mir nichts, Dir nichts, macht er uns bekannt, - Und fragt nicht ob's mir lieb, ob es mir ennuyant. - - MOLTSCHÁLIN (mit einer Karte). - - Madame, ich bracht' für Sie - Zusammen Ihre Whistparthie. - _Phomá Phomítsch_ und Monsieur _Kock_ und -- ich. - - MADAME CHLESTOW. - - Ach, tausend Dank, mein Lieber! - - (Steht auf und nimmt Moltschálin's Arm.) - - MOLTSCHALIN. - - Ihr Spitz ist doch ein einz'ger Spitz! - Er ist ja wie ein Fingerhütchen klein - Ich streichelt' ihn, sein Fellchen ist so fein - Wie das von einem Biber. -- - - MADAME CHLESTOW. - - Ach, tausend Dank, mein Lieber. - - (Sie gehen ab, mehrere Gäste folgen ihnen.) - - - Dreizehnte Scene. - - TSCHATZKI. SOPHIE. -- Im Hintergrunde EINIGE GÄSTE. - - TSCHATZKI. - - Bravissimo! Die Wolke ist zerstoben! - - SOPHIE. - - Ich bitte -- - - TSCHATZKI. - - Ei, was fürchten Sie? - Den Zorn der Alten hat er ja gewendet, - Ich wollte ihn gerad' drum loben! - - SOPHIE. - - Mit einer Bosheit hätt' es doch geendet. - - TSCHATZKI. - - Soll ich jetzt sagen, was ich dachte? - Die alten Weiber sind verdrießlich, - Und darum ist's ersprießlich - Wenn man recht einen dienstbefliss'nen Mann - An ihre Seite stellen kann. - Moltschálin der erschien ja plötzlich - Dem Blitzableiter gleich. Es war ergötzlich! - Wer sänftigte wie er, so friedlich Zank und Streit? - Wer streichelt', so wie er, den Mops zu rechter Zeit? - Wer präsentirt' mit Scharfsinn und Geschick - Das Kärtchen in dem rechten Augenblick? - Nein, auf mein Wort, - In ihm lebt Sagorétzki einstmals fort. -- - Sie haben - Mir alle seine Gaben - Erst hergezählt; - Doch glaub' ich, daß noch vieles fehlt. - - (Ab.) - - - Vierzehnte Scene. - - SOPHIE allein, dann HERR N. N. - - SOPHIE. - - Ach dieser Mensch, wie er mich stets verstimmt, - Wie beißend ist er, wie ergrimmt, - Wie voller Neid - Und Bosheit und Hochmüthigkeit! - - N. N. - - So in Gedanken! Wie? - - SOPHIE. - - Ich dacht' an Tschatzki. - - N. N. - - Wie finden Sie ihn denn nach seiner Reise? - - SOPHIE. - - Ich finde ihn verrückt! - - N. N. - - Verrückt, wahrhaftig? Ist es möglich? - - SOPHIE (nach einer kleinen Pause). - - Nun toll -- das grade nicht! - - N. N. - - Doch merkt man etwas, wenn er spricht? - - SOPHIE. - - Mir scheint es so. - - (Sieht nach der Thür wo Tschatzki abging.) - - N. N. - - In seinen jungen Jahren - Wie konnt' ihm solch' ein Unglück widerfahren? - - SOPHIE. - - Ja, es ist schlimm! -- (bei Seite) Er glaubt daran! - Ah Tschatzki --! And're stets zu necken - Das lieben wir! -- Nun mag er's selber schmecken! - - (Ab.) - - - Fünfzehnte Scene. - - HERR N. N. HERR D. - - N. N. - - Verrückt -- so scheint es ihr! - Sehr möglich dünkt die Sache mir, - Wie wär' sie sonst auch drauf gekommen! - - (Zu D.) - - Ah, hast Du schon vernommen? - - HERR D. - - Und was? - - N. N. - - Von Tschatzki. - - HERR D. - - Nein, kein Wort! - - N. N. - - Er ist verrückt. - - Herr D. - - So geh' doch fort! - - N. N. - - Ich sag' es nicht, ich hab' es nur gehört. - - HERR D. - - Und bist nur froh, es weiter gleich zu tragen. - - N. N. - - Es wäre doch der Mühe werth - Auch noch bei andern nachzufragen. - - (Ab.) - - - Sechzehnte Scene. - - HERR D. allein, dann SAGORÉTZKI. - - HERR D. - - Ja, glaubt den Schwätzern nur! - Da hören sie das dümmste Zeug - Und wiederholen es sogleich. - - (Zu Sagorétzki.) - - Hast Du von Tschatzki was gehört? - - SAGORÉTZKI. - - Was denn? - - HERR D. - - Daß er gestört? - - SAGORÉTZKI. - - Ich weiß, ich weiß, wie sollt' ich das nicht wissen! - Wie oft schon hab' ich's hören müssen! - Es ging ja ganz besonders dabei her: - Dem pfiffigen Oheim ward's nicht schwer - Im Narrenhause ihn zu betten; - Sie banden ihn und nun sitzt er in Ketten. - - HERR D. - - Erbarme Dich, er war ja eben hier, - Vor einem Augenblick sah ich ihn neben Dir. - - SAGORÉTZKI. - - Dann ist's gewiß - Daß er sich los von seiner Kette riß. - - HERR D. - - Nun, liebster Freund -- mit Dir - Ist weiter keine Zeitung nöthig; - Doch will ich gleich und ohne Säumniß - Die andern dort befragen. - Doch darfst Du es beileibe niemand sagen -- - Noch ist es ein Geheimniß. - - (Ab.) - - - Siebzehnte Scene. - - SAGORÉTZKI, dann NATALIE DMÍTREWNA. - - SAGORÉTZKI. - - Was kann das für ein Tschatzki sein? - Verbreitet ist der Name -- - Mit einem Tschatzki war ich einst bekannt -- - - (Zu Natalie Dmítrewna.) - - Sie wissen's doch Madame? - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Was denn? - - SAGORÉTZKI. - - Von Tschatzki, nun, er stand noch eben hier. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Ich weiß -- er sprach mit mir. - - SAGORÉTZKI. - - So gratulir' ich Ihnen -- er ist toll! - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Was? - - SAGORÉTZKI. - - Ja; man sagt mir er verlor - So eben den Verstand. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Nun stellen Sie sich vor! - Ich merkt' es auch schon und was gilt die Wette, - Daß gleich das nämliche gesagt ich hätte. - - - Achtzehnte Scene. - - DIE VORIGEN. DIE ALTE GRÄFIN. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Nein das ist wunderbar, das ist was neues! - Gestört? - Frau Gräfin haben Sie gehört - Von dem _malheur_, das hier gescheh'n -- - Das ist doch einzig -- das ist schön! - - DIE ALTE GRÄFIN. - - Mein Schatz, es liegt mir in den Ohren heut', - Du mußt mir's etwas lauter sagen. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Ich hab' dazu durchaus nicht Zeit, - Ich muß die andern ja befragen. - _Il vous dira toute l'histoire._ - - (Ab.) - - - Neunzehnte Scene. - - DIE ALTE GRÄFIN. SAGORÉTZKI. - - DIE ALTE GRÄFIN. - - Wie, -- was, es ist hier doch nicht Feuer ausgebrochen? - - SAGORÉTZKI. - - Nein -- Tschatzki hat den Sturm erregt. - - DIE ALTE GRÄFIN. - - Was? Tschatzki hat man in den Thurm gelegt? - - SAGORÉTZKI. - - In der Türkei ist er verwundet worden - Beim Aug' und wurde davon toll. - - DIE ALTE GRÄFIN. - - Freimaurerorden? - Was, oder ist er Türk' geworden? - - SAGORÉTZKI. - - Der bringt man es nicht bei! - - (Ab.) - - DIE ALTE GRÄFIN. - - Antón Antónowitsch! Auch er läuft fort! - Erschreckt und außer sich scheint alles dort - Zu sein -- - - - Zwanzigste Scene. - - DIE ALTE GRÄFIN. DER FÜRST. - - DIE ALTE GRÄFIN. - - Erlaucht, Erlaucht! Ach Gott --! der alte Mann - Auf Bällen, wenn man kaum noch kriechen kann! - Na, haben Sie gehört? - - DER FÜRST. - - A? hm? -- - - DIE ALTE GRÄFIN. - - Er hört auch gar nichts mehr! - Vielleicht hat er's gesehn, - Was hier gescheh'n -- - War nicht die Polizei im Haus? - - DER FÜRST. - - E? hm? -- - - DIE ALTE GRÄFIN. - - Wer brachte Tschatzki hier hinaus? - - DER FÜRST. - - I! hm? -- - - DIE ALTE GRÄFIN. - - Ja, Tschatzki wird Soldat -- - Ist das ein Spaß? Er ist ein Renegat. - Er wurde ja Mahomedaner! - So ein verdammter Voltairianer! - Was? -- ah? -- Taub Alterchen? -- Sie hören schwer? - So geben Sie Ihr Rohrchen her. - Ach nein! - Es ist doch arg so taub zu sein! - - - Einundzwanzigste Scene. - - DIE GANZE GESELLSCHAFT, später FAMUSSOFF, zuletzt TSCHATZKI. - - MAD. CHLESTOW. - - Verrückt? Nun bitt' ich Sie! - Wie ist das so ganz plötzlich denn gekommen. - Sophie -- - Hast Du es schon vernommen? - - PLATON. - - Wer bracht' nur das Gerede aus? - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Ach, liebes Männchen -- Alle! - - PLATON. - - Nun freilich in dem Falle - Da muß ich hier - Wohl schweigen; - Doch zweifelhaft erscheint es mir. - - FAMUSSOFF (kommt rasch hinzu). - - Wie? Was? Von Tschatzki ist die Rede? - Und jemand zweifelt noch? Ich hab's zuerst entdeckt, - Und wunderte mich längst, daß er nicht eingesteckt. - Probier' es einer nur den Rücken - Vor irgend jemand tief zu bücken - Und sei der Mann auch noch so groß und mächtig -- - Ja, wär' es der Monarch -- - Gleich nennt er's niederträchtig. - - MAD. CHLESTOW. - - Ein Spötter ist er noch dabei: - Ich sagte erstlich was, da fing er an zu lachen. - - DIE JUNGE GRÄFIN. - - Mich wollt' er zur Modistin machen! - - MOLTSCHÁLIN. - - Mir sagte er -- ich rathe Ihnen - In Moskau beim Archive nicht zu dienen. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Und meinem Mann rieth er in Moskau nicht zu leben, - Er sollte fort und sich auf's Land begeben. - - SAGORÉTZKI. - - Aus allem klar: -- verrückt -- verrückt! - - DIE JUNGE GRÄFIN. - - Ich hab' es gleich in seinem Aug' erblickt. - - FAMUSSOFF. - - Er schlägt der Mutter nach. -- Es ist bekannt - Achtmal verlor die Sel'ge den Verstand. - - MAD. CHLESTOW. - - Was fällt nicht alles vor auf Erden! - In seinem Alter toll zu werden! - Er trank gewiß - Nicht im Verhältniß seiner Jahre. - - DIE ALTE FÜRSTIN. - - Gewiß! - - DIE JUNGE GRÄFIN. - - Das muß es sein! - - MAD. CHLESTOW. - - Champagner goß er gläserweis hinein. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Oh, nein, -- ich kann's betheuern - In Flaschen und dazu in ungeheuern! - - SAGORÉTZKI (eifrig). - - Was Flaschen, nein, ich weiß es besser - Er trank, Gott straf' mich, ganze Fässer. - - FAMUSSOFF. - - Ach geht mir doch -- ein großes Unglück das, - Guckt eine Mannsperson auch etwas tief in's Glas, - Nein, nein -- der Unterricht -- das ist die wahre Seuche, - Gelehrsamkeit die macht's, daß jetzt in unserm Reiche - Der Wahnsinn um sich greift und solche Schändlichkeiten - Und arge Meinungen sich mehr und mehr verbreiten. - - MAD. CHLESTOW. - - Und grad' heraus -- wie könnt' es anders sein? - Verrückt wird man schon ganz allein - Von dieser ungeheuren Zahl - Von Schulen und Pensionen und -- Geschichten, - Lyceen und _Landkartenschulen_ allzumal - Wo sie sich wechselseitig unterrichten. - - DIE ALTE FÜRSTIN. - - Ach nein! - Mir ist ein Institut in Petersburg bekannt, - Das Pä--da--go--gische, so, glaub' ich, wird's genannt, - Die Professoren legen sich dort recht auf Ketzerei'n! - Ein junger Mann, verwandt mit unserm Haus, - Studirte dort und kam vor kurzem erst heraus. - Was glauben Sie? Er könnte auf der Stelle - In jeder Apotheke sein Geselle! - Er flieht die Damen -- mich sogar -- der Spötter --! - Die Ränge haßt er, denken Sie! - Und treibt Botanik und Chymie -- - Fürst Theodor, mein Vetter! - - SCALOSÚB. - - Ich will Sie allgesammt erfreun - Mit einer Neuigkeit: Ganz allgemein - Sagt man, wie es im Werke sei, - Daß mit Gymnasien und Schulen und Lyceen - Ein großer Fortschritt soll geschehn: - Man wird dort lehren jetzt auf unsre Art: -- eins -- zwei! - Die Bücher aber hebt man auf - Für feierliche Fälle. - - FAMUSSOFF. - - Nein, Feuer drunter auf der Stelle! - Will man vom Bösen sich befrein, - So muß es mit der Wurzel sein. - - SAGORÉTZKI (mit affectirter Bescheidenheit). - - Bitt' um Vergebung sehr, - Die Bücher muß man unterscheiden. - Wenn ich, zum Beispiel, Censor wär', - Die Fabeln würde ich nicht leiden! - O Gott, die sind mein Tod! die ew'gen Witzelein - Auf Löw' und Adler da -- wie sie nach Raube dürsten -- - Man sage, was man will, es sind doch immer Fürsten. - - MAD. CHLESTOW. - - Ach meine Herrn, mir scheint es wirklich einerlei, - Wenn man verrückt wird, -- ob Gelehrsamkeit, - Ob Trinken Schuld dran sei! - Um Tschatzki thut's mir leid, - Aus Christenpflicht muß man ihn schon bedauern - Er hatte Mutterwitz und -- hat dreihundert Bauern. - - FAMUSSOFF. - - Vierhundert! - - MAD. CHLESTOW. - - Nein, mein Bester, drei! - - FAMUSSOFF. - - Vierhundert hat er. - - MAD. CHLESTOW. - - Drei! - - FAMUSSOFF. - - In dem Kalender steht's -- - - MAD. CHLESTOW. - - Ach die Kalender lügen! - - FAMUSSOFF. - - Vierhundert auf ein Haar -- - Das Schrei'n und Streiten ist nun Ihr Vergnügen. - - MAD. CHLESTOW. - - Es ist nicht wahr! - Dreihundert sind es -- drei -- - Als ob ich das nicht weiß, was andre Menschen haben. - - FAMUSSOFF. - - Begreifen Sie denn nicht! - Vierhundert sind's. - - MAD. CHLESTOW. - - Nein, drei, drei, drei! - - - Zweiundzwanzigste Scene. - - DIE VORIGEN. TSCHATZKI. - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Da kommt er selbst herbei! - - DIE JUNGE GRÄFIN. - - Scht! - - ALLE. - - Scht! - - (Ziehen sich zurück.) - - MAD. CHLESTOW. - - Nun, wenn er seinen Raptus kriegt, - So kommen wir noch alle vor's Gericht. - - FAMUSSOFF (bei Seite). - - Ach! Gott sei mir jetzt gnädig! - - (Laut.) - - Mein liebster Freund -- - Es scheint -- - Du bist nicht recht bei Laune. - Nach einer Reise braucht man Ruh'. - Zeig' deinen Puls -- ich glaube Du - Bist nicht ganz wohl? Geh' recht nach Haus. - - TSCHATZKI. - - Ich halt's auch nicht mehr aus! - Ich hab' so viel umarmen heut' gemußt, - Mir schmerzt davon die Brust; - Die Füße sind erlahmt vom Scharren und vom Bücken, - Die Ohren thun mir weh vom Schreien und Entzücken. - Und ach der Kopf ist fast - Verrückt von all dem dummen Zeuge! - - (Er nähert sich Sophien.) - - Mein Geist erliegt des Kummers Last; - Ich bin in dieser Menge wie verloren. - Warum ging ich nach Moskau hin, - Wo ich nicht mehr ich selber bin! - - MAD. CHLESTOW. - - Ei, hört doch an! - Nun ist gar Moskau Schuld daran. - - FAMUSSOFF (giebt Sophien Winke). - - Geh' nicht so nah' Sophie! -- - - (Bei Seite.) - - Sie hört nicht, was ich sage! - - SOPHIE (zu Tschatzki). - - Was hatten Sie denn nun für eine neue Plage? - - TSCHATZKI. - - Ach, eine Kleinigkeit! - Ein wind'ger Franzmann aus Bordeaux - Erzählt' dort ein'gen Damen froh, - Wie er sich früher unser Land gedacht, - Und was er für Ideen sich gemacht, - Und wie er fest geglaubt, daß wir Barbaren wären. - Doch alle Angst sei nun vorbei, - Man sollte, sagt' er, wirklich schwören, - Daß Moskau noch in Frankreich sei; - Denn Sitte, Sprache, so wie Moden - Versetzten ihn auf vaterländ'schen Boden. - Ihn freut' es ohne Gleichen, -- - Uns kann's zur Freude nicht gereichen. - Kaum endete der kleine Mann, - Als alle Welt zu seufzen laut begann: - Ah, Frankreich, einzig Land, ach göttliches Paris, - Ja Frankreich ist das ird'sche Paradies! - So stöhnten zwei geschminkte Damen, - Die mir so vor wie Papageien kamen, - Zwei Fürstinnen, die ihre Lection - Herplapperten aus der Pension. - Wo sollt' ich hin vor diesen Fürstinnen! - Ich stand unweit und äußerte bescheiden, - Doch laut genug, daß sie's gehört, - Gott möge diesen Geist, von dem wir so bethört, - Der blinden, knechtischen Nachahmung Sitte, - Ausrotten bald aus unserer Mitte. -- - Er mögte doch in irgend eine Brust, - Die selbstbewußt, - Ergießen Muth und Kraft, - Durch Beispiel und durch Wort - Zu zügeln unsere Leidenschaft, - Dies Schmachten nach der Fremde! - Und möcht' man einen Finsterling mich schelten, - Altgläubig möcht' ich ihnen gelten, - Mir schiene es -- der Geist in unserm Norden - Sei von der Zeit an schlecht geworden - Seitdem wir unserer Sprache Herrlichkeit - Und unsre alten herrlichen Gebräuche - Vertauscht mit dieser neuen Seuche. - Die schöne Volkstracht wurde abgelegt, - Damit nun jeder wie ein Narr sich trägt; - Sind wir mit diesem Schwalbenschweif - Nicht gradezu für's Tollhaus reif? - Ein lächerlicher Ausschnitt in der Mitten, - Und kaum kann man sich frei bewegen. - Und dann die Haare kurz verschnitten, - Vernunft und Klima gleich entgegen! - Wie lächerlich erscheint ein Graubart nicht, - Der sich rasirt das Greisenangesicht! - Kurzum -- ich mußt' gestehn, -- ich fand - So Haar als Kleider kurz, wie den Verstand. - Und müßt' es sein -- und sind wir einmal schon geschaffen - Zu fremder Völker Affen, - O möchten wir denn doch von den Chinesen lernen - Die fremden Sitten zu entfernen! - Ach, machen wir uns je wohl frei - Von fremder Moden Tyrannei, - Daß unser Volk, das bravste in der Welt - Uns unsrer Sprache nach nicht mehr für Fremde hält! - »Allein wie kann man denn Europas Sitten,« - Brummt' einer da aus ihrer Mitten, - »Mit Nationalgebräuchen - Und Volksgewohnheit wohl vergleichen! - Nun übersetzen Sie mir schnell - Madame oder Mademoiselle? - Sie werden doch nicht »»Herrin«« sagen? - Und haha! -- Herrin --! ach wie häßlich! - Und haha! -- Herrin! -- ach wie gräßlich!« - So wurd' auf meine Kosten nun gelacht; - Natürlich hat mich das doch aufgebracht, - Und eben -- auf mein Wort -- - Wollt' ich die derbste Antwort geben, - Da liefen alle fort --! - Das ist begegnet mir, - Und so was sehen täglich wir, - In Moskau und in Petersburg - Und in dem ganzen Reich geht das so durch -- - Kommt so ein Männlein aus Bordeaux - So drängt sich Alles um ihn froh, - Und alle Damen in der Runde, - Die hängen wie an seinem Munde. -- - Die Fürstinnen vor allen - Die haben dran ein Wohlgefallen. - Doch wer in unsern Residenzen - Es nicht versteht durch allerlei - Gezierte Redensart und Narrethei - Zu glänzen -- - Wer die verschriebenen Gesichter - Nicht leiden kann, - Und wer zum Unglück fünf bis sechs Gedanken, - Wodurch er aus der Menge ragt, - Frei auszusprechen wagt -- - Der sehe zu! - - (Er sieht sich um, die Tänze haben begonnen, die älteren Personen - haben sich zu den Kartentischen gesetzt -- er zieht sich zurück. - -- Zum Schluß eine französische Quadrille und Mazurka mit - Grotesktouren aus der Zeit des französischen Krieges. -- Der - Vorhang fällt.) - - Ende des dritten Akts. - - - - - Vierter Akt. - - - Schwach erleuchtete Hausflur im Erdgeschoß. Im Hintergrunde eine - Paradentreppe zu Famussoff's Wohnung. Links im Vorgrunde - Moltschálins Zimmerthür, -- rechts vorn die Thüre zum Portier, - weiter hin die Hausthür. Viele Bediente mit Mänteln und Pelzen - auf dem Arm, sitzen oder schlafen auf Stühlen und Bänken, man - hört noch Ballmusik. - - - Erste Scene. - - DIE ALTE und JUNGE GRÄFIN (kommen die Treppe herab.) - - DIENER (ruft zur Hausthür hinaus). - - Der Gräfin Chrumin Wagen! - - DIE JUNGE GRÄFIN. - - Das muß ich sagen, - Das war ein saub'rer Ball! - Wo Famussoff nur hergekriegt - Die Mißgeburten all'? - Ich wußt' wahrhaftig nicht - Mit wem ich sprechen oder tanzen sollte, - So gern ich beides wollte. - - DIE ALTE GRÄFIN. - - Ach, Liebchen, komm; ich bin recht mitgenommen, - Ich werde schwächer doch mit jedem Jahr; - Es wird gewiß noch einmal dazu kommen, - Daß ich vom Ball grad auf den Kirchhof fahr'! - - (Man hat ihnen die Pelze umgelegt, sie gehen ab.) - - - Zweite Scene. - - NATALIE DMÍTREWNA und PLATON GORITSCHEFF. - - DIENER (an der Hausthür). - - Der Goritscheff'sche Wagen! - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Mein Engelsmann, ich will Dich etwas fragen: - Mein Herzchen, meine Seele, - Erzähle: -- - - (Küßt ihn auf die Stirn.) - - Was fehlt' Dir heute, - Wo alle Welt sich doch so freute? - - PLATON. - - Ach, liebe Frau, ich kann mich nicht verstellen; - Ich -- schlafe auf den Bällen. - Du weißt, ich kann sie für den Tod nicht leiden, - Doch ist's nicht zu vermeiden, - Ich muß ja schon die Nächte dejouriren, - Für Dich ist ja ein Ball -- Genuß, -- - Allein wer auf Kommando tanzen muß, - Wie soll sich der nicht ennüyiren! - - NATALIE DMÍTREWNA. - - Du stellst Dich an! - O, ich durchschau' den Herrn; - Er möcht' den alten Mann - Schon spielen für sein Leben gern. - - (Geht ab, der Diener folgt.) - - PLATON (kaltblütig). - - Besieht die Sache man bei Licht, - So ist ein Ball so übel nicht, - Ich kann mich nur nicht in den Zwang bequemen; - Wer hieß ein Weib mich nehmen! - Ja -- manchem kann man's an der Wiege sagen -- - - DIENER (kommt zurück). - - Die Gnäd'ge sitzen schon im Wagen, - Und haben zu »verzürnen« sich geruht. - - PLATON (seufzend). - - Schon gut, schon gut! - - (Ab.) - - - Dritte Scene. - - TSCHATZKI. - - (Zum Diener.) Geh' -- such' den Wagen -- mach' geschwind! -- - - (Der Diener läuft hinaus.) - - So wär' der Tag dahin und alle Hirngespinste! -- - Der Hoffnung leichte Nebeldünste - Die meine Brust mit Täuschung füllten -- - Sie sind zerstreut -- verweht nach allen Winden! - Und was denn hoffte ich zu finden? - Wo ist der Antheil nur? Das Mitempfinden? - Wo ist der freudige Empfang? - Sie schreien, sind entzückt, umarmen - Und alles nichts als leerer Klang! - So ging es mir auf meiner Reise, - Die Rosse flogen auf dem Eise, - Und müssig blickt' ich aus dem Schlitten - Wie durch die Steppe hin wir glitten, - Die blau und endlos vor uns lag. - Man fährt und fährt -- aus Stunden wird ein Tag, - Und endlich ist das Nachtquartier erreicht, - Doch ach -- was sich dem Blick auch zeigt -- - Es ist das alte Bild, die alte Noth, - Dieselbe Wüste leer und todt. - O, es ist ärgerlich und unausstehlich, - Je länger man darüber sinnt; - Ist es nicht schmählich - Wie wenig Hoffnung oft gewinnt! -- - - DER DIENER. - - Der Kutscher ist nicht aufzutreiben. - - TSCHATZKI. - - So geh' und such' ihn auf; soll ich die Nacht hier bleiben? - - - Vierte Scene. - - TSCHATZKI. REPETÍLOFF (in Pelz gehüllt kommt eilig von außen, - stolpert auf der Schwelle und fällt hin; die Diener helfen ihm. - Er ist etwas angetrunken). - - REPETÍLOFF (springt hastig auf). - - Pfuh! -- Ungeschickt! -- Was? -- Güt'ger Gott! - Laß mich die Augen nur erst reiben; -- - Mein Herzensfreund, mein lieber Schatz -- _mon cher_! - Nun sieh' die Menschen da mit ihrem Spott: - Da sagen sie, daß ich ein Schwätzer sei - Und dumm und abergläub'sch dabei, - Weil ich für alles Zeichen - Und Vorgefühle habe. - Allein -- jetzt eben -- bitt' ich Dich -- erklär': - Als ob ich es gewußt -- so eilt' ich her -- - Mein Fuß hackt an -- und ich -- ich falle hin - So lang und breit ich bin! -- - Ja, lach' Du nur; denk' immerhin - Daß ich ein Narr und Lügner bin, - Ich weiß nicht, was es ist, - Und wie es kommt, daß Du mein Liebling bist. - Es ist ein Muß -- ich bin dazu gezwungen - Und bin von Liebe und Respekt ganz wie durchdrungen. - Für Dich möcht' ich - Die Frau -- die Kinder aus dem Hause treiben, - Für Dich könnt' meine Seele ich verschreiben. - Und sollte mich die ganze Welt verlassen -- - Und sollt' ich auf der Stelle hier erblassen -- - Und sollt' mich Gottes Donner gleich erschlagen -- - - TSCHATZKI. - - Ei, höre auf, den Unsinn da zu sagen! - - REPETÍLOFF. - - Du liebst mich nicht! Ach! Das ist ja natürlich! - Mit andern -- bah! Da bin ich nicht genirt, - Jedoch mit Dir -- Du hast mir unwillkührlich - Von jeher imponirt. - Ich bin ja ungebildet -- ohne Kopf -- - Ich bin ein Narr, ein lächerlicher Tropf! -- - - TSCHATZKI. - - Ein eigenes Bekenntniß! - - REPETÍLOFF. - - Dir mach' ich gerne das Geständniß; - Ich fluch' dem Tag, an welchem ich geboren; - Wenn ich bedenk', wie ich die Zeit verloren! - -- -- Was ist es an der Zeit? - - TSCHATZKI. - - Lang' Zeit zu Bett zu gehn. - Du wolltest auf den Ball? Da fahr' nur gleich nach Haus, - Denn grade eben ist er aus. - - REPETÍLOFF. - - Was Ball? Wo wir die Nacht bis in den Tag hinein - In Anstandsfesseln uns erfreu'n -- - In's Joch gespannt! Hast Du gelesen -- - Es giebt ein Buch -- - - TSCHATZKI. - - Du liest? - Wie soll ich dieses Räthsel lösen? - Bist Du denn _Repetíloff_? Wie? - - REPETÍLOFF. - - Nenn' gradezu mich ein Vandalenvieh; - Den Titel hab' ich redlich mir erworben: - Wie bin ich durch und durch verdorben! - Ach -- wie viel Zeit hab' ich nicht auf Gelagen - Mit Essen und mit Trinken todtgeschlagen! - Ich habe meine Kinder nicht erzogen; - Ich habe meine Frau betrogen; - Ich hab' gespielt und zwar so arg zuletzt, - Daß man mich unter Kuratel gesetzt -- - Und _nota bene_ -- _per Ukas_! -- - Ich liebte eine Tänzerin -- was -- nein -- - Ich hielt's zu gleicher Zeit mit drei'n. - Ich trank -- -- - Und schwärmt' allnächtlich wochenlang. - Ich warf von mir Gewissen und Verstand, - Gesetze, Glauben, Vaterland -- - - TSCHATZKI. - - Nun höre mal, das ist zu viel! - Lüg' immerhin, doch halte Maaß und Ziel. - Du sprichst von Dingen -- - Die könnten einen zur Verzweiflung bringen. - - REPETÍLOFF. - - Drum, Bester, wünsch' mir Glück, - Ich kam von diesem Rausch zurück. - Mit klugen Leuten geh' ich jetzt nur um - Und treibe mich nicht mehr des Nachts herum. - - TSCHATZKI. - - Zum Beispiel -- heute! -- -- - - REPETÍLOFF. - - Was -- eine Nacht -- die zählt nicht -- das ist klar! - Und dafür frag' mich -- wo ich war! - - TSCHATZKI. - - Das Räthsel ist nicht schwer zu lösen - Du bist gewiß im Klubb gewesen. - - REPETÍLOFF. - - Im Englischen -- um meine Beichte anzuheben. - Ich hatte mich zu einer Sitzung hinbegeben; - Es ging heut' äußerst stürmisch her -- - Ich gab mein Wort zu schweigen -- und - Ich bitt' Dich, schweig daher. - Es ist ein ganz geheimer Bund - Der sich versammelt an den Donnerstagen - Zu allerhand besondern Fragen. - - TSCHATZKI. - - Da hör' ich wundersame Dinge. - Im Klubb? - - REPETÍLOFF. - - Im Klubb. - - TSCHATZKI. - - Mein Bester, hör'! - Ich fürchte sehr - Kommt man Euch auf die Sprünge - So ist's um Euch und Euren Klubb geschehn. - - REPETÍLOFF. - - Du glaubst, daß es gefährlich ist? - Ei, wie Du immer ängstlich bist! - Wir schreien zwar, doch niemand kann's verstehn. - Ich selber -- fängt es an recht heiß erst herzugehn - Von Parlament und Jury -- oder kommt - Lord Byron auf's Tapet -- ich sag' Dir, wicht'ge Dinge! - Dann sitz' ich allermeist und höre zu wie stumm, - Es ist für mich zu hoch -- dann fühl' ich, daß ich dumm. - Freund -- Du bist nie bei uns gewesen -- - Ich sag' Dir, Männer auserlesen. - Hör', Alexandre, sei ein prächt'ger Junge - Und fahre gleich mit mir dahin; - Jetzt sind sie grade recht im Schwunge - Und recht im Disputiren drin. - Ach was für Köpfe! Ungewöhnlich, - Und mir nicht im Geringsten ähnlich. - Ich sage Dir, _mon cher_, die Quintessenz - Der jungen Herrn in unserer Residenz. - - TSCHATZKI. - - Ei geh' mit Gott! Das wäre schön! - Wozu? In tiefer Nacht? Ich will zu Bette gehn. - - REPETÍLOFF. - - Ach was! Wer schläft jetzt? Nein, noch heute, - Entscheide Dich -- denn wir -- wir sind entschiedne Leute. - Ein Dutzend heißer Köpfe -- ehrenwerth -- - Wenn man uns schreien hört, - So ist man ganz verwundert, - Man glaubt gewiß es seien an die hundert. - - TSCHATZKI. - - Doch sag' mir nur, wofür Ihr denn so schwärmt? - - REPETÍLOFF. - - Es wird gelärmt, mein Freund -- gelärmt. - - TSCHATZKI. - - Allein wozu? Das möcht' ich fragen. - - REPETÍLOFF. - - Es ist hier weder Zeit noch Ort Dir das zu sagen - Es ist so ein -- Verein. - Behutsamkeit muß bei der Sache sein. - Siehst Du, die Frucht braucht Zeit zur Reife, - Es geht nicht auf einmal. -- - Doch was für Köpfe -- _ah mon cher_ -- - Ich zähle sie der Reihe her: - Da ist zuerst -- der Fürst Gregor - Ein einz'ger Sonderling -- man lacht sich fast zu Tode! - Er ist ein Angloman und kleidet sich als Britte, - Die Haare kurz, nach englisch steifer Sitte. - Und spricht auch durch die Zähne so -- - Du kennst ihn nicht? Ich mach' euch gleich bekannt. - Ich sage Dir, er ist _charmant_. - Dann haben wir noch einen Sänger - Workuloff, -- Jewdokim -- - Er singt sublim! - Du solltest hören seine Lieder - Besonders seinen Bollero - _Ah, non lasciar mi no! no! no!_ - Dann sind auch noch zwei Brüder, - Zwei prächt'ge Jungen da, - Leon und Borinka. - Man weiß von ihnen sonst wohl nichts zu sagen. - Doch willst Du nach Genies mich fragen, - Dann nenne ich Dir unsern Hyppolit. - Du last doch was von ihm? Und wär' es nur ein Lied, - Lies sag' ich Dir -- doch leider schreibt er nichts! - Er ist Genie -- an Sitzfleisch nur gebricht's. - Mit Ruthen müßt' man solche Herrn zur Arbeit treiben - Und in die Ohren schreien: Schreiben, schreiben! - Doch fällt mir ein, daß für ein Zeitungsblatt - Er ein Fragment geschrieben hat, - »Ein Blick und Etwas« ist es überschrieben. - Und wovon, glaubst Du, daß dies Etwas handelt? - Von Allem, denk' Dir! Nichts ist unberührt geblieben. - Denn er weiß alles -- wir bewahren - Ihn uns auch für den Fall der Noth. - Doch unser Cheff -- nun da ist nicht zu streiten -- - Im ganzen Reiche giebt's nicht einen solchen zweiten - Ich brauche ihn Dir nicht zu nennen, - Du kannst ihn am Porträt erkennen. - Er ist ein Duellant von unerhörtem Muthe, - In böse Händel war er stets verstrickt. - Er wurde nach Kamtschatka einst verschickt, - Und kam zurück als Aleute. - Und freilich geht er nicht in reinen Schuh'n, - Denn lange Finger hat er -- doch was ist zu thun -- - Kein kluger Kopf kommt ehrlich durch das Leben. - Doch kann's nichts Herrlicheres geben, - Als wenn er von der Ehre deklamirt. - Wie oft hat er uns nicht dadurch gerührt! - Dann scheinen finstere Dämonen - Auf seiner Stirne Brau'n zu thronen, - Die Augen füllen sich mit Blut, - Er scheint in einer heil'gen Wuth, - Er selber weint -- und wir -- wir schluchzen. - Sieh', das sind Leute! Ich bin überzeugt, - Daß uns auf Erden niemand gleicht. - Ich freilich -- muß es selber sagen -- - Ich bin das fünfte Rad am Wagen, - Ich blieb zurück, - Weil ich entsetzlich faul im Denken. - Indeß, wenn ich mein bischen Hirn nur zwinge - Und hin mich setze -- keine Stunde -- - Da fährt mir unverhofft zum Munde - Ein Calembourg heraus. - Die andern putzen ihn dann aus, - Und thun zusammen sich zu sechsen, - Ein Vaudevill heraus zu hexen; - Sechs andre machen gleich im Nu - Die niedlichste Musik dazu, - Die andern klatschen, was das Zeug's nur hält, - Und -- lache wie Du willst -- mein Vaudevill gefällt! - Der Himmel gab mir nicht viel Fähigkeiten, - Allein mein gutes Herz gefällt den Leuten, - Und darum halten sie die Lügen mir zu gut. - - EIN DIENER (ruft hinaus). - - Den Wagen vor vom Oberst Scalosúb! - - REPETÍLOFF (kehrt sich um). - - Wie? Wessen Wagen vor? - - - Fünfte Scene. - - Die VORIGEN. SCALOSÚB. - - REPETÍLOFF - - (geht Scalosúb entgegen und erstickt ihn fast mit Umarmungen). - - Wie -- Seelenfreund -- halt an -- wohin? - Thu' mir die Liebe --! - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Wo soll ich nur vor diesen mich verbergen? - - (Er schlüpft in's Zimmer des Portiers.) - - REPETÍLOFF. - - Man hat ja lange nichts von Dir gehört - Es hieß Du seist zurück zum Regiment gekehrt. - Kennt ihr euch schon? - - (Sieht sich um.) - - Fort ist der Eigensinn! - Gleichviel, Dich hab' ich unverhofft getroffen, - Und Du mußt ohne weitres mit mir gehn. - Bei Fürst Gregor sind heute - Versammelt eine Menge Leute -- - Ein Stücker Vierzig wirst Du sehn, - Potz Tausend, was für große Geister! - Die ganze Nacht wird disputirt - Und niemand merkt's, daß er sich ennüyirt. - Zuerst sieh, daß Du in Champagner nicht ersäufst, - Und zweitens kriegst Du Dinge dort zu hören, - Die weder ich noch Du begreifst. - - SCALOSÚB. - - Ei, laß mich! Das gelehrte Zeug - Was man zu hören kriegt bei Euch, - Das lockt mich nicht. Wirb andre an - Und sag' an Fürst Gregor, ich sei erbötig - Euch zuzuschicken einen Korporal, - Den hättet ihr sehr nöthig. - Er stellte in drei Glieder euch - Vor allen Dingen - Und mukstet ihr, er würde gleich - Mit einem Blicke euch zur Ruhe bringen. - - REPETÍLOFF. - - Du hast nur stets den Dienst im Kopf, _mon cher_! - Sieh einmal her: - Ich blieb' gewiß nicht ohne Rang und Stelle - Und wäre ein gemachter Mann, - Allein ich hatte Unglücksfälle - Wie man nicht ärger haben kann. - Ich diente im Civil auch damals schon - Als Baron Klock Minister werden wollte - Und ich -- sein Schwiegersohn. - Ich ging ganz blindlings auf mein Ziel - Und ließ mich ein in solches Spiel - Mit ihm und seiner Frau. -- Die haben mich geschoren! - Herr Gott, was habe ich für Summen dort verloren! - An der Fontanka wohnt der Mann - Ich baute nebenan - Mir einen Palast auf - Mit ungeheueren Colonnen - Was gingen da für Summen auf den Lauf! - Die Tochter aber hatt' zuletzt ich doch gewonnen. - Allein -- o weh -- die Mitgift die war -- Gott zu klagen! - Und dann -- was wirst Du sagen: - Im Dienste wurd' ich doch nicht avancirt, - Es war ein Deutscher, doch wozu hat's mich geführt? - Er fürchtete den Vorwurf, siehst Du, - Daß er Verwandte protegirt' - Er fürchtet' -- hol' ihn der und jener -- - Mir half er nichts. - Dagegen seine Schreiber, seine frechen - Sekretaire, Dintenkleckser, Buben - Aus Schreiberstuben, - Die waren alle zu bestechen - Und sind nun avancirt - Und im Adreßkalender angeführt. - Der Henker hole Rang und Dienst und Orden! - Es ist doch nichts als Prellerei, - Lachmotjeff Selekstei - Hört' ich vortrefflich sagen - Daß hier ein radikales Mittel nöthig sei, - Verdauen will sie nicht mehr unser Magen -- - - (Er hält plötzlich an, da er statt Scalosúb, der fortgefahren ist, - Sagorétzki erblickt, der an Scalosúbs Stelle getreten ist.) - - - Sechste Scene. - - REPETÍLOFF. SAGORÉTZKI. - - SAGORÉTZKI. - - Ich bitte fahren Sie nur fort -- - O, ich versteh' Sie auf mein Wort! - Ich bin ja ganz wie Sie ein großer Liberaler, - Allein mir ging es noch fataler, - Ich trug zu kühn die Wahrheit vor, - Sie glauben nicht, was ich dadurch verlor. - - REPETÍLOFF (ärgerlich). - - Verschwunden! -- Alle fort! - Und sagen nicht ein Wort. - Erst der -- nun jener -- kaum sieht man sich um; - Erst hatt' ich Tschatzki hier gefunden, - Drauf Scalosúb und beide sind verschwunden! - - SAGORÉTZKI. - - Was meinen Sie von Tschatzki? - - REPETÍLOFF. - - Nun, er ist nicht dumm! - Wir sprachen hier von Possen -- allerhand, - Dann aber hat sich das Gespräch - Zum Vaudeville gewandt. - Ein wichtiges Gespräch! -- Sehr wichtig - Ist doch das Vaudevill, - Doch alles übrige ist nichtig. - Und ich und er -- ich hab' -- ich sag' es offen - Den nämlichen Geschmack bei ihm getroffen. - - SAGORÉTZKI. - - Bemerkten Sie denn nicht - Daß es bei ihm im Kopf nicht richtig? - - REPETÍLOFF. - - Ei was! - - SAGORÉTZKI. - - Ich sage nur, was jeder spricht. - - REPETÍLOFF. - - Wie abgeschmackt! - - SAGORÉTZKI. - - So fragen Sie doch! - - REPETÍLOFF. - - Wind! - - SAGORÉTZKI. - - Da kommt der Fürst mit Frau und Kind - Recht _à propos_. - - REPETÍLOFF. - - Ach Possen! - - - Siebente Scene. - - REPETÍLOFF. SAGORÉTZKI. FÜRST TUGOÚCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und - sechs TÖCHTERN; MAD. CHLESTOW von MOLTSCHÁLIN geführt. - - SAGORÉTZKI. - - Ich bitte Sie, Erlaucht, mir doch zu sagen: - Ist Tschatzki toll geworden oder nicht? - - ERSTE FÜRSTIN. - - Wer kann da zweifeln oder fragen? - - ZWEITE FÜRSTIN. - - Wovon die ganze Welt schon spricht! - - DRITTE FÜRSTIN. - - Kränklinski's, Schmuzowski's, - Dibrinki's, Klatschkowski's --! - - VIERTE FÜRSTIN. - - Das ist was altes schon. Wem ist die Sache neu? - - FÜNFTE FÜRSTIN. - - Wer zweifelt noch daran? - - REPETÍLOFF. - - Ei, - Dieser Mann! - - SECHSTE FÜRSTIN. - - Sie? - - ALLE ZUSAMMEN (ihn umringend). - - Wie? - _Msjë_ Repetíloff. Nein? - _Msjë_ Repetíloff, ach, wie kann das sein! - Was wollen Sie, man weiß es schon im ganzen Lande, - Was denken Sie? Es ist ja Sünd' und Schande! - - REPETÍLOFF (hält sich beide Ohren zu). - - Verzeih'n Sie mir, ich wußte nicht - Daß man davon so laut schon spricht. - - DIE ALTE FÜRSTIN. - - So laut? -- Nicht laut genug. -- Ei, das ist sonderbar! - Sie müssen wissen - Mit ihm zu sprechen bringt Gefahr. - Man hätte längst ihn binden müssen, - Er ist ja wüthend wie ein Tieger, - Und doch -- hört man ihn an -- - So scheint sein kleiner Finger klüger - -- Im Disputiren -- das versteht er -- - Als alle Welt -- und selbst mein Mann, Fürst Peter. - Ich glaube -- gradheraus -- er ist ein Jakobiner - Ihr saubrer Freund! -- Nun gute Nacht! - - REPETÍLOFF. - - Ihr Diener! - - DIE ALTE FÜRSTIN. - - Ach, Herr Gemahl, Du mußt Dich schon bequemen - Sisi und Kätchen mitzunehmen, - Wir haben, sechs Mann hoch, erst gar zu eng gesessen. - - MAD. CHLESTOW - - (erscheint oben und ruft herab). - - Eh, liebe Fürstin, eh! - Sie haben Ihre Kartenschuld vergessen. - - DIE ALTE FÜRSTIN. - - Notiren Sie's, mein Schatz. Adieu! - - ALLE (gegenseitig). - - Adieu, Adieu, Adieu! -- - - (Die fürstliche Familie und Sagorétzki ab.) - - - Achte Scene. - - REPETÍLOFF. MAD. CHLESTOW. MOLTSCHÁLIN. - - REPETÍLOFF. - - Du großer Gott! - Ach, meine Gnädigste, was soll man dazu sagen? - Der arme Tschatzki! Ach! die Weisheit ist nur Spott! - Und wozu hilft es nun mit Lernen sich zu plagen! - - MAD. CHLESTOW. - - Gott hat es ihm geschickt! Es ist ein schlimmer Fall, - Allein vielleicht ist er noch zu kuriren; - Indeß, mit Ihnen, Freund, würd' man die Zeit verlieren, - Ist das nun wohl erhört! Jetzt kommen Sie zum Ball! - - (Zu Moltschálin.) - - Nun, bester Freund, da ist dein Kämmerlein, - Geh' nur hinein - Und Gott behüt' Dich. (Moltschálin geht ab.) - - (Zu Repetíloff.) - - Nun, Alterchen, schön gute Nacht - Wie lange soll die Tollheit währen? - Ich dächt', es wäre Zeit, mit Rasen aufzuhören. - - (Ab.) - - - Neunte Scene. - - REPETÍLOFF und dessen DIENER. - - REPETÍLOFF. - - Wo fahre ich nun hin? - Es fängt wahrhaftig an zu tagen. - Mach' fort und hilf mir in den Wagen - Und fahr' gleichviel wohin. - - (Beide ab.) - - - Zehnte Scene. - - TSCHATZKI - - (kommt aus der Loge des Portiers). - - Wie? Hab' ich recht gehört --? Kann es wohl sein? - Ist's nicht ein Scherz? O nein - Nur reine Bosheit! Wie? - Durch welches Wunder, welche Zauberei - Verbreitet sich ein solch Geschrei? - Für ein'ge schien es ein Triumph zu sein, - Und and're schienen Mitleid mir zu weih'n. - O, könnt' man in der Menschenbrust doch lesen - Wer hier am meisten Schuld gewesen, - Ob ihre Zunge, ob ihr Herz. - Wer hat erdacht den abgeschmackten Scherz? - Der Dumme glaubt's und gleich muß er es weiter tragen, - Die alten Weiber sind gleich fertig Lärm zu schlagen, - Und allgemein wird's dann als Wahrheit anerkannt. - Das also ist mein Vaterland!! -- - Nein, nein -- ich fühl's -- bald habe ich genug - Von diesem herrlichen Besuch! -- - Ob wohl Sophie davon gehört? - Wahrscheinlich sagte man's auch ihr. - Sie ist gesinnt -- nicht g'rade feindlich mir, - Doch ihr ist's ein's, ob ich gestört - Ob es ein andrer ist; sie liebt ja keinen. - Allein, wie sollte ich damit die Ohnmacht einen? - Sind's ihre Nerven, die sich dazu neigen, - Ist's eine Schwäche, ihr nur eigen? - Ein Nichts erschreckt, ein Nichts beruhigt sie. - Ich glaubt' es wäre Sympathie, - Lebhafte Leidenschaft wär' hier im Spiel, - Ach, nicht die Spur davon! Vielleicht - Hätt' sie gezeigt - Das nämliche Gefühl - Wenn einer Katze, einem Hund' von ungefähr - Man auf den Schwanz getreten wär'! - - (Unterdessen ist die letzte Lampe erloschen.) - - SOPHIE - - (erscheint oben auf der Treppe mit einem Licht und beugt sich über - das Geländer). - - Moltschálin? Wie! - - (Sieht Tschatzki, zieht sich schnell zurück.) - - TSCHATZKI. - - O Himmel -- das war sie! -- - Sie selbst! -- Es kocht mein Blut, - Die Sinne schwanken wie in Fiebergluth. - War es ihr Geist? Verlor ich den Verstand? - Was geht hier vor? - Nein, keine Täuschung konnt' das sein; - Es war ein Stelldichein. - Wozu mich länger selbst noch täuschen, - Sie rief Moltschálin ja, - Und hier -- hier ist sein Zimmer! -- da! - - TSCHATZKI'S DIENER (kommt eilig von draußen). - - Der Wa-- -- -- - - TSCHATZKI. - - St! Fort mit Dir! - - (Diener ab.) - - Ich bleibe, muß es sein, selbst bis zum Morgen hier; - Soll ich den Kelch der Leiden trinken - So will ich's lieber auf einmal, - Durch Zaudern, ach, entgeht man nicht der Qual. - Man kommt! -- - - (Verbirgt sich hinter einem Pfeiler.) - - - Elfte Scene. - - TSCHATZKI (verborgen). LISETTE (mit einem Licht). - - LISETTE. - - O Gott, ich möcht' vor Angst vergehn! - Des Nachts im leeren Vorhaus hier zu stehn! -- - Ich fürcht' mich vor Gespenstern sehr - Und vor Lebend'gen noch viel mehr. - Gott mag dem Fräulein das verzeih'n - Da schickt sie mich gerad hinein. - Sie sagt, sie hätte Tschatzki hier gesehn: - Wie ein Gespenst sieht überall sie den. - - (Sieht sich um.) - - Das fehlte auch noch, hier zu bleiben, - Und sich im Vorhaus hier herum zu treiben! - Ich wette: - Der liegt mit seinen Liebessorgen - Schon längst zu Haus im Bette, - Und sinnt auf einen Plan zu morgen. - Doch muß ich ja zum Herzensfreunde geh'n, - - (Sie setzt das Licht auf den Boden und pocht an Moltschálin's - Zimmerthüre.) - - Moltschálin hören Sie? Ich bitt' Sie aufzustehn; - Das Fräulein ruft. Ich soll Sie gleich zum Fräulein führen. - Doch schnell, wir dürfen nicht die Zeit verlieren. - - - Zwölfte Scene. - - TSCHATZKI (verborgen). LISETTE. MOLTSCHÁLIN (gähnt und dehnt sich). - Bald darauf erscheint SOPHIE oben unbemerkt. - - LISETTE. - - Sind Sie von Eis heut' oder Stein? - - MOLTSCHÁLIN. - - Ach, Lieschen mein, - Kamst Du aus eignem Antrieb? Sprich! - - LISETTE. - - O nein, das Fräulein schickte mich. - - MOLTSCHÁLIN. - - Wer sollte glauben, daß in diesen Zügen, - In diesen Aederchen - Der Liebe sanft Erröthen nie gespielt! -- - Kann Dir das Botenlaufen denn genügen, - Hast Du denn selber Liebe nie gefühlt? - - LISETTE. - - Da Sie auf Freiersfüßen gehn - Kann ich Ihr Gähnen nicht verstehn. - Den lobte ich, der vor dem Hochzeitstag - Nicht essen und nicht schlafen mag. - - MOLTSCHÁLIN. - - Was Hochzeit? Und mit wem denn, sprich? - - LISETTE. - - Nun mit dem Fräulein, dächte ich. - - MOLTSCHÁLIN. - - Ach geh! Die Hoffnung liegt noch weit; - Auch ohne Hochzeit bringt man hin die Zeit. - - LISETTE. - - Ich weiß nicht recht, mein Herr, wie man so sprechen kann! - Wir wollen ja doch keinen andern Mann. - - MOLTSCHÁLIN. - - Mag sein! Ich hab' seither nur immer Angst gehabt, - Daß uns der Alte nicht ertappt. - Der würde uns verfluchen und verjagen! -- - Hör', soll ich Dir die Wahrheit sagen? - In Deinem Fräulein hab' ich niemals was erblickt - Was mich entzückt; - Ich wünsche ihr auf allen Wegen - Des Himmels reichsten Segen; - Doch sie hat Tschatzki gern gesehn, - Und nun! -- Mir wird's nicht besser gehn. - Ach Engel mein, ach könnte ich - Nur halb für sie empfinden, wie für Dich! -- - Ich thue was ich kann, - Ich stell' mich zärtlich an, - Allein -- der Himmel weiß -- - Sobald ich sie nur seh', so werde ich zu Eis. - - SOPHIE (bei Seite). - - Wie niedrig! O, kaum kann ich mich bezähmen! - - TSCHATZKI (bei Seite). - - Der Schuft! - - LISETTE. - - Sie sollten sich doch schämen! - - MOLTSCHÁLIN. - - Im Testament rieth mir mein Vater, daß ich _Allen_ - Bemüht sein müßte zu gefallen: - Dem Wirth des Hauses, wo ich im Quartier, - Sodann dem Chef, der über mir; - Auch dessen Diener, der die Kleider putzt, - Dem Schweizer und dem Hausknecht dann -- - Weil man sie oft benutzt, - Und suchen sollte ich - Des Knechtes Hund zum Freunde zu bekommen. - - LISETTE. - - Ei, ei, da haben Sie viel Arbeit übernommen! - - MOLTSCHÁLIN. - - Und darum stelle ich verliebt mich an, - Nur aus Gefälligkeit, - Weil sie die Tochter ist von einem solchen Mann. - - LISETTE. - - Durch den Sie gastfrei aufgenommen - Von dem Sie manchen Rang bekommen? - Doch bitt' ich eilen Sie --! - - MOLTSCHÁLIN. - - Wohlan, so laß uns zu Sophie - Zu unsrer weinerlichen _Coeur-madam_ - Mit ihrem Liebesgram. - Doch erst erlaub' mir mit Entzücken - Dich an dies volle Herz zu drücken. -- - - (Er will sie umarmen; sie entzieht sich ihm.) - - Warum ist sie nicht Du! - - (Indem er hinauf gehen will, tritt ihm Sophie entgegen.) - - SOPHIE. - - Zurück, ich hab' genug gehört! - O Ungeheuer Sie! So also mußt' es enden! - Ich schäm' mich vor mir selbst, ich schäm' mich vor den Wänden. - - MOLTSCHÁLIN. - - Sie da? - Sophie Pawlowna! - - SOPHIE. - - Um Himmelswill'n, kein Wort --! Sie schweigen! -- - Entschieden ist schon alles hier. - - MOLTSCHÁLIN (wirft sich zu ihren Füßen). - - Ach Gott, verzeih'n Sie mir, - Gedenken Sie, ach seh'n Sie auf mich her! - - SOPHIE. - - Ich denk an gar nichts mehr -- - Und schwiegen Sie, so wär' es besser. - O die Vergangenheit, sie ist ein scharfes Messer! - - MOLTSCHÁLIN. - - Erbarmen Sie sich doch! - - SOPHIE. - - Wozu dies Kriechen noch? - Wozu am Boden liegen! - Kein Wort! Ich weiß wie Sie betrügen. - - MOLTSCHÁLIN. - - Die einz'ge Gnade nur! -- - - SOPHIE. - - Nein, nein, nein! - - MOLTSCHÁLIN. - - Ich scherzte, sprach ja nur verschlafen, - O Gott, wie können Sie so hart mich strafen! - - SOPHIE. - - Auf, sage ich -- sonst wecke ich das Haus - Und dann ist's mit uns beiden aus. - - (Moltschálin steht schnell auf.) - - Von heute an will ich von Ihnen nicht mehr wissen; - Und daß Sie es zu denken selbst nicht wagen, - Als ob mit Thränen und mit Klagen - Sie von mir würden je beehrt -- - Das sind Sie wahrlich gar nicht werth. - Und daß Sie sich nicht untersteh'n - Ihr Auge länger hier zu zeigen. - - MOLTSCHÁLIN. - - Was Sie befehlen soll gescheh'n. - - SOPHIE. - - Ich würde nichts verschweigen, - Ich sagte Alles meinem Vater frei, - Mein Schicksal wär' mir einerlei. - Sie können gehn! Nein, halt! -- Es ist Ihr Glück - Daß Feigheit mehr Sie hielt zurück - Wenn ich in tiefster Nacht Sie sah, - Als selbst, wenn es am Tag geschah; - Sie sind so kühn nicht, wie gemein. - O ich bin froh, daß es jetzt Nacht und wir allein; - Daß Augenzeugen nicht zugegen! - Welch eine Meinung müßt' man von mir hegen; - Wenn, wie heut' Vormittag, - Als ich in Ohnmacht lag, - Hier Tschatzki wär'. - - TSCHATZKI - - (hinter dem Pfeiler rasch hervortretend). - - Hier ist er, Heuchlerin! - - LISETTE UND SOPHIE. - - Ach! -- Ach! -- - - (Lisette läßt das Licht vor Schrecken fallen. Moltschálin läuft in - sein Zimmer und verschließt es.) - - - Dreizehnte Scene. - - TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE. - - TSCHATZKI. - - Jetzt schnell in Ohnmacht hin! - Denn mehr als heute früh, wär's grade jetzt am Ort. - Das also war das große Räthselwort! - Und diesem bin ich aufgeopfert! - Ich weiß nicht, wie ich mich - Und meine Wuth bezähmte -- ha -- - Ich sah und schaut' und glaubt' nicht was ich sah! - Und dieses Herzblatt, das mir vorgezogen, - Für den Sie Ihren alten Freund betrogen, - Der Mensch, durch den Gefühl und Scham - Von Ihrer Wange kam, - Der läuft jetzt fort voll Angst und Schrecken - Sich hinter Schloß und Riegel zu verstecken. - Wer faßt des Schicksals launenhaftes Spiel! - Der Mann von Seele und Gefühl - Wird unter einer Last von Leiden fast erdrückt, - Und die Moltschálin's -- sind beglückt. - - SOPHIE - - (in Thränen zerfließend). - - Nichts mehr, ich bin voll Schuld -- ich sag' es frei -- - Doch konnt' ich's ahnen wohl, daß er so schändlich sei? - - LISETTE. - - Man kommt! Ihr Vater ist's, ach Gott, das ganze Haus! - Der Alte wird sich freu'n, nun ist auch alles aus! - - - Vierzehnte Scene. - - DIE VORIGEN. FAMUSSOFF (kommt mit mehreren Dienern, die Fackeln, - Lichte und Laternen tragen). - - FAMUSSOFF. - - Hierher! Mir nach! Geschwind, geschwind! - Mehr Licht! Laternen! Nun, wo sind - Denn die Gespenster? Wie? Was seh' ich da? - Wie? meine Tochter? Ha! - Verworfne Dirne, ohne Scham! - Und wo? Und sag' mit wem? Infam! - Ja! Topp auf Topp! Ganz auf ein Haar - Wie meine sel'ge Frau, wie ihre Mutter war. - Kehrt' ich den Rücken nur, so wußt' ich's schon' - Gleich steckt' sie irgendwo mit einer Mannsperson. - Du! fürchte Gott! - Wie hat Dich dieser Mensch denn so berückt? - Du selbst erklärtest ihn ja für verrückt; - Ja so!! -- Ich war ja blind und dumm! - Erfunden war's und alle wußten drum. - Er selbst war im Complott - Mit allen meinen Gästen. - Wodurch verdient' ich, lieber Gott, - Daß man mich also hält zum Besten! - - TSCHATZKI (zu Sophie). - - Das Mährchen also haben Sie erdacht? - - FAMUSSOFF. - - Schatz, keine Finten hier gemacht! - Ich lass' mich länger nicht betrügen - Und würdet ihr euch hier gleich in den Haaren liegen. - - (Zum Portier.) - - Du, Philipp, bist ein Klotz, wie ich nun deutlich seh' -- - Ein Rindvieh macht' ich zum Portier. - Er hört und sieht nicht; -- sag' -- wo hast Du denn gesteckt? - Wie hast Du denn nicht alles gleich entdeckt? - Warum verschlosst Du nicht die Thüre jetzt? - Und warum passest Du nicht auf bis ganz zuletzt? - - (Zu den übrigen Dienern.) - - Wo war't ihr alle hingelaufen? -- - Zur Arbeit -- nach Sibirien mit euch! - Für einen Groschen wär't ihr fertig gleich - Mich zu verrathen und mich zu verkaufen. - - (Zu Lisette.) - - Und das, Du Falkenaug', sind deine Schelmenstücke! - Da haben wir die Schmiedebrücke - Und Putz und Modennarrethei. - Da hast Du es gelernt - Wie man den Seladon läßt ein - Und wieder ihn entfernt. - Wart' nur, Dir leg' ich Deine Suiten, - Auf's Dorf mit Dir, da kannst Du Gänse hüten! - - (Zu Sophie.) - - Auch Du, Mamsell, Du bleibst nicht länger hier. - Zwei Tage Zeit noch geb' ich Dir, - Dann wirst Du fort aus Moskau gehn - Und nicht mehr Menschen sehn. - Ich halte Dich schon fern - Von solchen abgefeimten Herrn. - Zur Muhme, nach Saratow -- in die Wüste hin, - Das wird kuriren Deinen Sinn. - Da kannst Du seufzen in der Oede, - Von Liebelein ist dort nicht mehr die Rede; - Da kannst Du Dich am Rahmen dehnen - Und hinter der Postille gähnen. - - (Zu Tschatzki.) - - Erlauben Sie, mein Herr, daß ich Sie ernstlich bitte - Zu unterlassen alle weitern Schritte, - In jeder Art, nicht grad', nicht krumm -- - Sie werden schon für Ihre Streiche büßen, - Und hier im ganzen Publikum - Wird jede Thür vor Ihnen sich verschließen -- - Denn ich versprech's -- ich werde Lärmen schlagen, - Ich werde jedermann in Moskau fragen - Wie solch Betragen ihm gefällt. - Erfahren soll es alle Welt, - Ich schrei' es aus in alle Häuser, - Ich reich' es ein in den Senat, - Ich klag' es dem Ministerrath, - Ich gehe bis zum Kaiser! - - TSCHATZKI. - - Ich fass' es nicht, ich muß gestehn, - Ich hör' es zwar, doch kann ich's nicht begreifen. - Betäubt davon was hier geschehn - Steh' ich noch da und die Gedanken schweifen. - Ich Thor! Wo suchte ich den Preis für meine Leiden? - Ich eilte, flog, ich zitterte vor Freuden, - Dem Glück schon nah mich wähnend; - Nur Eines wünschend, Eins nur sehnend - Verschwendet' ich der Liebe heißes Flehn, - Und Sie -- Sie wählten -- wen?! -- - Und wollten Sie mich denn verschmäh'n -- - Warum denn heucheln - Und mir mit Hoffnung schmeicheln? - Warum mir denn nicht deutlich sagen: - Hin sei der Traum aus jenen Jugendtagen, - Und nur noch Gegenstand für Ihren Spott! - Warum mir denn nicht sagen, - Daß lau geworden die Erinnerung sogar - An die Gefühle, die wir theilten, - Und die in mir nicht Trennung, nicht die Zeit, - Zerstreuung nicht und weite Reisen heilten; - Die jedem Athemzug verwebt -- - Mit denen ich gelitten -- mit denen ich gelebt! - Ach hätten Sie die Wahrheit nicht gescheut, - Daß meine schnelle Rückkehr, mein Betragen, - Mein Anblick, meine Worte Ihnen nicht behagen, - Ich hätte Sie sogleich von mir befreit. - Ich hätte nicht in meinem blinden Wähnen - Nach _dem_ gestrebt, was er, Ihr Liebling da -- - - (Er lacht.) - - Haha! - Sie werden sich versöhnen! - Wenn reiflich Sie's bedenken, - Wozu sich selber kränken? - Und dann -- Sie können windeln ihn und plagen - Und in Geschäften aus dem Hause jagen, - Solch Ehejüngelchen, solch einen Eheknecht -- - Zum Pagen wie geschaffen - Für's ganze weibliche Geschlecht, - Der Eheherren hohes Ideal - In Moskau -- o -- ein sauberer Gemahl. - Genug! Es ist mein Stolz Sie zu vergessen. - - (Zu Famussoff.) - - Sie, alter Herr, auf Rang stets so versessen, - O träumen Sie unwissend -- glücklich fort! - Ich gebe Ihnen hier mein Ehrenwort: - Ich werbe nie um Ihrer Tochter Hand, - Weil sich ein andrer Ritter fand. - Ein Männlein sehr erfahren und geschickt, - Ein Speichellecker, der sich ewig bückt, - Und der auch ganz, so wie mir däucht, - Dem künft'gen Schwiegervater gleicht. - Die Schuppen ha, sind mir vom Aug' gefallen, - Die Binde sank -- die Täuschung hörte auf! - Jetzt thäte es mir wohl, zu gießen meine Galle - Und meinen Hohn - Auf Vater, Tochter, Schwiegersohn, - Mit einem Wort -- auf Alle! - Zu welchen Menschen führte mich - Das Schicksal doch so wunderlich! - Verfolgung, Spott, des Hohnes Klänge - Erfuhr ich nur von dieser blinden Menge; - Verräther an der Treu und Liebe, - Und unersättlich in des Hasses Triebe. - Unbänd'ge Schwätzer, boshaft alte Weiber, - Dummkluge Weise, - Verschmitzte tück'sche Pinsel, matte Greise, - Die zum Kind - Herabgesunken unter Possen sind! -- - Ihr habt posaunt in vollem Chor, - Daß ich Verstand und Sinn verlor! - Und Ihr habt Recht! -- Wenn ein verständ'ger Mann - Nur einen Tag mit Euch durchleben kann - Und es gelingt Euch nicht den Kopf ihm zu verdreh'n - So kann er dreist durch's Feuer gehn. - Aus Moskau fort! - Nein, Moskau ist nicht mehr das Ziel von meinen Reisen. - Ich suche nichts als einen stillen Ort - Um hin mein wundes Herz zu tragen. - Mein Wagen, schnell, wo ist mein Wagen! - - (Schnell ab.) - - - Fünfzehnte Scene. - - DIE VORIGEN (ohne Tschatzki). - - FAMUSSOFF. - - Nun siehst Du! Ist's nicht sonnenklar, - Daß niemand je verrückter war? - Sag' selbst, im Ernst, -- was sprach er gleich - Für tolles abgeschmacktes Zeug! - Von Speichelleckern fing er an - Von einem Schwiegervater dann; - Und das war sonderbar, - Was er auf Moskau böse war. - Doch Du -- Du bringst mich um -- ja Du! - Bin ich nicht _so_ schon zu beklagen? - Ach großer Gott, was wird dazu - Nun unsre alte Fürstin sagen!! - - (Gruppe. Der Vorhang fällt.) - - Ende des vierten und letzten Akts. - - - - - Bemerkungen - über das vorliegende Stück. - - -Über jedem ächten Kunstwerke liegt der Hauch der Ursprünglichkeit -gebreitet, den der Mechanismus des Copirens, der Nachbildung abstreift. --- Aber wer eine Statue, ein Bild copirt, arbeitet wenigstens in dem -nämlichen Stoff; -- der Übersetzer dagegen soll den geistigen Stoff in -einem ganz anderen Material, in einer anderen Sprache wiedergeben, und -Übersetzungen gleichen daher, wie der sonst verständige, tolle Junker -von la Mancha sagt, -- _verkehrten Tapeten_. Am schwierigsten erscheint -nun die Übersetzung eines dramatischen Stückes, wenn die Sprache je nach -den Characteren eine ganz verschiedene ist, und wenn verschiedene -Bildungsstufen und Zustände eigenthümlicher, ja lokaler Art dargestellt -sind. Und dieses ist der Fall mit dem vorliegenden Drama Gribojädoff's. -Es ist nicht schwer die Sprache von Sophie oder Tschatzki wiederzugeben: -sie sprechen die Sprache aller gebildeten Menschen; wer aber vermöchte -in einer andern Sprache solche eigenthümliche Erscheinungen -wiederzugeben, wie einen Famussoff, einen Scalosúb, einen Repetíloff. -Jeder von ihnen führt eine verschiedene Sprache, welche die -verschiedenen Bildungsstufen bezeichnet, auf der jeder sich befindet. - -Noch einer andern Schwierigkeit muß ich erwähnen: Oft ruft der Gegensatz -von Fremdwörtern mit der familiären Sprache eine unwiderstehliche Komik -hervor, die also nicht sowohl im Sinne als in der Wortstellung liegt. -Von solchen Stellen wimmeln die Reden Famussoff's, und wie selten kann -die treue Übersetzung zugleich mit einer ähnlichen Wortstellung -verbunden werden! - -Nach diesen Ansichten von Übersetzungen, nach diesem Bekenntniß des -Unvermögens wird man mir hoffentlich nicht die Absicht unterschieben -wollen, als ob ich diese Übersetzung unternommen hätte, um solchen, die -nicht russisch verstehen, das Original zu ersetzen. - -Mein Endzweck war ein ganz anderer. Ich schrieb diese Übersetzung nicht -sowohl für Deutsche oder solche die deutsch und nicht russisch -verstehen, sondern vor allen Dingen für -- Russen. Man verstehe mich -nicht unrecht. Jeder wird mir zugeben, daß es angenehm wäre eine Sprache -zu erlernen ohne das Lexicon immerfort aufschlagen zu müssen. Wenn nun -ein Russe z. B. deutsch lernen wollte, so würde er, glaube ich, dieses -am bequemsten aus getreuen Übersetzungen derjenigen russischen -Meisterwerke, die er bereits im Original auswendig kennt. Hierzu rechne -ich Kryloff's Fabeln, Puschkin's Onägin und das vorliegende Drama. In -meiner Übersetzung habe ich, dem Original Vers für Vers folgend, die -Redeweisen durch ähnliche deutsche wiederzugeben versucht. Hierbei ist -nicht zu vergessen, daß die Sprache des Stücks die gewöhnliche -Umgangssprache ist, und ich hoffe, daß man mir nicht den Vorwurf machen -wird, eine andere als die bürgerliche Conversationssprache in der -Übersetzung gebraucht zu haben. Der Russe wird also aus ihr deutsch -_sprechen_ lernen und zwar mit den _eigentlichsten_ Redeweisen an ihrem -Ort. - -Aber auch demjenigen, der russisch erlernen will kann ich keinen -besseren Rath ertheilen, als _Gore ot uma_ zu lesen, denn die Sprache -ist, wie gesagt, die Umgangssprache und durch die gebundene Rede ist der -Werth der Sylben, die Betonung, der Accent sogleich gegeben. Solchen -würde denn meine Übersetzung eine willkommene Beihülfe werden zum -Verständniß des Originals, da die dunkelsten Stellen nach sorgfältiger -Kritik der verschiedenen Auslegungen übersetzt sind. - -Die Idee, die diesem Stücke zu Grunde liegt, ist eine schon bekannte. -Sie ist in einer Gellert'schen Fabel anmuthig und bündig gegeben. - - »Du Narr willst klüger sein als wir? - »Man zwang den Pez davon zu laufen.« - -Goethe hat den nämlichen Gedanken in den schönen Versen im Faust -ausgedrückt: - - »Die Wenigen, die ihr Gefühl, ihr Schaun - »Dem Pöbel offenbarten - »Hat man von je gekreuzigt und verbrannt!« - -Wir sehen im _Gore ot uma_ einen strebenden, mit glühender -Vaterlandsliebe begabten, jungen Mann von seinen Reisen zurückkehren; -auf diesen hat er mit Verdruß erkannt, daß die Gesellschaft seiner Zeit -in Rußland eine Copie darstellt, und dieser Gedanke erfüllt ihn auf's -schmerzlichste. Mit diesem Unfrieden im Herzen kehrt er ins Vaterland -zurück, und findet zum Unglück noch seine Jugendgeliebte kalt und -abgewendet. Seine Mißstimmung steigert sich dadurch, sein Mund geht über -wovon sein Herz voll ist, er macht sich aller Welt verhaßt, und durch -ein Mißverständniß, das jeder befördert, sieht er sich für verrückt -erklärt und steht einsam da. - -Der Dichter schwingt die unbarmherzigste Geissel des Spottes über die -verderbten sozialen Zustände in einer Hauptstadt; alle Charactere sind -aus dem Leben gegriffen und von einer solchen inneren, menschlichen -Wahrheit, daß wir immer glauben bekannten Erscheinungen und Personen zu -begegnen, und dem Verfasser daher immer von Herzen Recht und Beifall -geben. - -Ich theile übrigens nicht die Ansicht Vieler, als ob Gribojädoff -geglaubt habe _Russen_ zu schildern; wenn er diese Ansicht hatte, so ist -es ihm ergangen wie Wilhelm Meister, der nur _Schauspieler_ kannte, sich -über sie bitter beschwerte und in ihrer Beschreibung auf's treffendste, -ohne es zu wissen, -- _Menschen_ schilderte. Ich glaube in jedem Lande -in Europa und besonders in den größeren Provinzialstädten wird man -ähnliche Erscheinungen mit geringer Modification, durch Nationalität -bedingt, wiederfinden, und eine freie und gehörig modificirte -Übersetzung würde daher gewiß in jedem Lande Beifall finden. Über den -Werth des Stücks hat die Zeit bereits entschieden, die strengste Kritik -muß entwaffnet werden durch die Thatsache, daß jedermann, ehe das Stück -gedruckt wurde -- es bereits in der Abschrift besaß und fast auswendig -wußte, so daß nach Polewoi's Ausdruck _die Buchdruckerkunst für -Gribojädoff nicht erfunden zu sein brauchte_. - -Die in den Namen der Personen in dem Wortlaut involvirte Bezeichnung der -Charactere wäre etwa folgende: - -Famussoff dürfte von _famose_ abzuleiten sein, in ironischem Sinne, wie -man z. B. sagt -- ein famoses Subject oder ein sauberes Subject. -Famussoff ist ein selbstzufriedener, geld- und titelsüchtiger gemeiner -Büreaucrat. - -Tschatzki (von [Kyrillisch: chad`] -- Dunst?), der einzige würdige -Character im ganzen Stück. Sein Schicksal ist in dem Titel des Stücks -ausgesprochen. Wollte der Dichter durch seinen Namen bezeichnen, daß er -ein Träumer war? Tschatzki macht sich freilich Luftschlösser, er -schwärmt -- aber er ist ein edler Schwärmer. - -Moltschálin (von [Kyrillisch: molchat'] -- stille sein, schweigen) ist -ein armseliger Character; ein Mensch von niederer Herkunft und -Gesinnung. Er spielt die Flöte und schreibt eine gute Hand. - -Scalosúb (Zähneblecker, Spottvogel), ein bornirter Kamaschenheld, der -keine Ahnung von der wahren Bedeutung eines Kriegers hat. -- Bezeichnend -ist es, daß er als Formenmensch nur immer Zahlen im Munde hat. - -Goritscheff (von [Kyrillisch: gorest'] -- Herzeleid), ehemals ein -tüchtiger Mensch, ist er durch eine sinnliche und herrschsüchtige Frau -ganz verweichlicht; er fühlt das und ist daher verdrüßlich und -melancholisch. - -Repetíloff (von _répéter_), ein leerer, verlebter Wüstling, der selbst -ohne Bedeutung sich an bedeutendere Naturen anhängt und repetirt was -andere sagen. Er ist das Bild eines Mannes, der schon im vorgerückten -Alter noch nicht zur Besinnung gekommen ist und der jung zu bleiben -glaubt, wenn er die Thorheiten und Ausschweifungen der Jugend in sein -Alter hinübernimmt. - -Sagorétzki (von [Kyrillisch: zagorät'] -- durch Brennen schwarz -werden?), ein berüchtigter (gebrandmarkter) Spieler, Lügner und Dieb, -der aber durch allerlei Gefälligkeiten, die ihm nichts kosten, in der -Gesellschaft sich zu erhalten weiß. Ein Beweis von dem Mangel einer -öffentlichen Meinung, von der laxen Moral großer Städte. - -Mad. Chlestow (von [Kyrillisch: khlest'] -- Spießruthe), eine alte, -brutale zänkische Dame. - -Chrumin (von [Kyrillisch: khromät'] -- lahm werden), eine abgelebte -Dame, die sich von dem schaalen Treiben der Bälle nicht losmachen kann. - -Tugoúchoffski (von [Kyrillisch: tugo] und [Kyrillisch: ukho] -- -Steifohr), ein stocktauber und armer Fürst. - - - - - Analyse des ersten Akts. - - -Die Personen dieses Aktes sind: Fámussoff, Sophie, Tschatzki, -Moltschálin, Lisa und ein Diener. Wir sehen in ein unheilvolles Innere. -Die Frau vom Hause ist längst verstorben, und die Erziehung ihres -einzigen hinterbliebenen Kindes hatte der vielbeschäftigte Vater, ein -Mann von laxer Moral, Miethlingen überlassen. Sehen wir nun, daß Sophie -mit einer lebhaften Sinnlichkeit, dem Erbtheil ihrer Eltern begabt und -mit einer listigen und leichtfertigen Soubrette wie Lisa zur Vertrauten, -in ihrem siebzehnten Jahre schon den zweiten Roman ihres Lebens spielt --- bedenken wir, daß diese Natur auf dem üppigen Boden einer großen -Stadt emporwuchs, so erscheint diese Frühreife ganz motivirt. Der Held -ihres ersten Romanes war ihr Vetter und Spielgefährte Tschatzki, der -Held auch des Stückes. Mit einer feurigen Einbildungs- und Urtheilskraft -und mit einem rechtlichen Sinne begabt, waren ihm seine -Dienstverhältnisse und dann besonders das ganze Wesen im Hause -Fámussoff's unerträglich geworden; drei Jahr vor Beginn des Stückes -hatte er Moskau plötzlich verlassen. Wie aus der zweiten Scene im -dritten Akt hervorgeht, hatte er sein Glück in Petersburg versucht, und -auch die Gunst eines Ministers gewonnen, aber er verlor sie ebenso bald -durch eine Lebhaftigkeit, die hochgebildeten, edlen Seelen nie gestattet -zu schweigen wo die Klugheit es auch gebietet. So hatte er durch seine -Reise nichts gewonnen, in seiner Abwesenheit aber das Herz Sophiens -verloren; denn das Sprichwort: _les absents ont tort_ bewahrheitet sich -wieder hier vor uns. Theils aus Langerweile -- denn aus einer -unerklärlichen Bizarrerie hat Tschatzki in den drei Jahren nichts von -sich hören lassen, -- theils aus Herzensbedürfniß hat Sophie sich einen -andern Helden gewählt, und dieser, der stärkste Gegensatz von Tschatzki, -der geistlose, geschniegelte Allerweltsdiener Moltschálin, mit einem -leidlichen Äußeren und einer hündischen Geduld ausgestattet -- -erheuchelt Gegenliebe, aus Furcht, die Tochter seines Chefs zu -beleidigen. Es folgt daraus eine ganz schiefe Stellung; -- das -Verhältniß muß vor dem ehrgeizigen Vater streng verheimlicht werden, und -Moltschálin, der die früheren Gefühle Sophiens für Tschatzki kennt, -betrachtet sich nur als Spielzeug ihrer Laune, und denkt nicht an die -Möglichkeit einer festen Verbindung. Ebenso unheimlich ist der Soubrette -zu Muthe, weil Moltschálin arm ist und bei Entdeckung des Verhältnisses -_sie_ vorzüglich als die Vertraute gestraft werden würde. -- Indeß muß -sie, von ihrer jungen Herrin gezwungen, die heimlichen Zusammenkünfte -bewachen, bei denen es übrigens durch Moltschálins Disposition nur auf -viel Musik und frostige Liebeleien herausläuft. -- Diese Beziehungen der -Hauptpersonen zu einander glaubte ich zu einem besseren Verständniß der -nun folgenden Scenen voranschicken zu müssen. - -Mit einer Nachtwache Lisa's und einer heimlichen musikalischen Soirée -die bis zum dämmernden Morgen gedauert hat, beginnt das Stück. -- Lisa -erwacht erschreckt, klopft an die Thür des Zimmers und sucht die -Liebenden zu trennen. Da nichts hilft, so will sie sie dadurch -auseinanderjagen, daß sie die Spieluhr in Bewegung setzt; darüber kommt -der Alte hinzu, der auf der andern Seite des Hauses wohnt, zu dem aber -auch allerlei Töne hinübergeklungen sind; die Spieluhr erklärt ihm -dieses so ziemlich, aber er traut doch dem listigen Kammermädchen nicht -recht und gestattet sich bei der Gelegenheit allerlei Freiheiten. -- -Indem hört man Sophiens Stimme und das böse Gewissen treibt den Alten -von der Scene; die jungen Leute treten nun auf und nehmen Abschied, aber -der Alte erscheint in dem Augenblick wieder und ist nicht wenig -erstaunt, sie schon so früh am Tage zusammenzufinden. Sein erster -Gedanke ist, daß es ein _Rendez-vous_ sei; es wäre ihm nichts verhaßter, -als wenn seine Tochter einen blutarmen Menschen zu lieben sich in den -Kopf gesetzt hätte, und in ärgerlicher Stimmung ergießt er in dieser -Scene seine Galle über die jungen Damen in Moskau, sowie über das -Unterrichtswesen und schiebt die Schuld alles Unheils schließlich auf -die Franzosen und ihre moralischen und physischen Leckereien. -- Er -geht, nur halb beruhigt, mit Moltschálin fort, und in dem Zwiegespräch -der beiden Mädchen erfahren wir nun, daß der Alte sich den reichen -Oberst Scalosúb zum Schwiegersohne wünscht, daß dieser aber durchaus -nicht Sophiens Beifall hat. Lisa horcht nun ihre Herrin in Bezug auf -Tschatzki aus, aber es ergiebt sich, daß ihre frühere Neigung zu ihm -einer vollkommenen Kälte Platz gemacht hat -- indessen hegt sie noch -große Achtung vor seinem gebildeten Geiste. In diesem Augenblick wird -die Ankunft Tschatzki's gemeldet. Sein Auftreten ist stürmisch und -feurig, Sophie ist kalt und einsylbig; Tschatzki erscheint ihr wie ein -Gespenst, wie ein lästiger Gläubiger, und sie ist nicht willens seine -Forderungen anzuerkennen. Tschatzki ist hier sowohl, als das ganze Stück -hindurch so verblendet wie ein wahrhaft Liebender. Es ist vergeblich, -daß Sophie sich voll des lebhaftesten Gefühls für Moltschálin zeigt und -gegen Tschatzki kalt, spitz, unbarmherzig, ja endlich im dritten Akt -ganz aufrichtig ist. -- Tschatzki hält es wohl für möglich, daß er ihr -Herz verloren habe, daß sie es aber an Moltschálin habe schenken können, -begreift er nicht, und sein ganzes Bestreben geht nun dahin, den -Nebenbuhler zu finden, der an dem kalten Empfang Schuld sein muß. -- -Tschatzki's Character, auf den wir durch Sophiens Schilderung schon -vorbereitet wurden, zeichnet sich in dieser Scene aufs trefflichste; -seine Bildung und ein tiefes Gefühl hebt ihn hoch über seine -Zeitgenossen und seine Umgebung, aber er handelt unrecht es merken zu -lassen, er lacht laut wo er lächerliche sieht und hieraus erfolgen -tausend Unannehmlichkeiten und jene Leiden, die der Dichter die _Leiden -des Gebildeten_ nennt. Sophie, obgleich durch Tschatzki's Erscheinung -beunruhigt, nimmt doch einen gewissen Antheil an seinen witzigen -Schilderungen lächerlicher Charactere von Moskau, wie er aber -unglücklicherweise auch Moltschálins erwähnt und ihn unbarmherzig -kritisirt, so verwandelt sich ihr Rest von Achtung in bittern Haß. Nun -tritt Fámussoff herein, abermals erschreckend über den neuen mißliebigen -Prätendenten; denn Tschatzki's Grundsätze, sowie sein sehr mittelmäßiges -Vermögen, lassen ihn als solchen durchaus nicht erwünscht erscheinen. -Sophie durchschaut alles schnell und mit ächt-weiblicher List wälzt sie -den Verdacht des Vaters von Moltschálin ab auf Tschatzki; -- der -Stoßseufzer Fámussoff's, der nun in Zweifeln zwischen zwei unerwünschten -Schwiegersöhnen über die Plage mit erwachsenen Töchtern klagt, schließt -den Akt ganz vorzüglich ab. - - - - - Analyse des zweiten Akts. - - -Personen: Sämmtliche Personen des ersten Akts und der Oberst Scalosúb. --- Es ist etwas später am Tage, aber noch Vormittags um die Zeit der -Visiten. Fámussoff kommt in seinen Empfangssalon und beschäftigt sich in -einem köstlichen Monologe Einladungen aller Art, die er erhalten hat, -durch einen Diener in einen Kalender eintragen zu lassen. Der erste -Fremde ist Tschatzki; in dem nun folgenden Gespräch zeichnet sich beider -Character aufs deutlichste; die Kluft zwischen ihren Ansichten deckt -sich auf; Tschatzki sagt die Wahrheit ganz freimüthig und als er gar die -Ideale Fámussoff's lächerlich und niedrig findet, so fängt letzterer an, -ihn entschieden zu hassen. Der Oberst Scalosúb erscheint nun und wird -von Fámussoff aufs schmeichelhafteste empfangen -- theils um ihn zu -gewinnen, theils um Tschatzki zu demüthigen. Der Oberst erscheint in -seinen lakonischen Reden, die sich nur um das handwerksmäßige seines -Standes drehen, als ein Glückspilz und gänzlich bornirter Kamaschenheld, -der von der höheren Bedeutung des Militairstandes keine Ahnung hat. -Nachdem Fámussoff ihm seinen Herzenswunsch, nämlich daß er um Sophiens -Hand werben möchte, sehr deutlich zu verstehen gegeben hat, geht er zu -einem allgemeinen Lobe Moskau's über, welches aber durch Übertriebenheit -und einen naiven Unverstand zur bittersten Persiflage wird. Tschatzki -mischt sich zum Ärger des Alten zuletzt ins Gespräch, geräth in Feuer -und schildert in einem lebhaften Gemälde eine Reihe von Schwächen oder -gar Schändlichkeiten, die in der vornehmen Welt Moskau's vorgekommen -waren. -- Der Alte ist in Verzweiflung, daß solche Reden in seinem Hause -gehört würden und läuft davon; gleich darauf stürzt Sophie außer sich -herein -- sie hat aus dem Fenster gesehen, daß Moltschálin vom Pferde -gestürzt ist und fällt darüber in Ohnmacht. Bei dieser Gelegenheit tritt -ihre Liebe zu Moltschálin und ihr Haß gegen Tschatzki immer schärfer -hervor; aber so gering denkt Tschatzki von Moltschálin, daß ihm ein -Liebesverhältniß Sophiens mit diesem doch ganz unmöglich erscheint. Von -Sophien gereizt und beleidigt geht er voller Sorge ab; Moltschálin -findet Gelegenheit Lisetten seine Liebeserklärung zu machen und diese -deckt in einem komischen Monologe die Liebesintriguen aller Personen des -Stücks auf. -- Tschatzki liebt Sophie, diese Moltschálin, dieser -Lisette, diese aber gesteht ihr Ideal im Silberdiener Petrúscha gefunden -zu haben. -- (Eine ähnliche Idee liegt einem Lustspiel von Calderon: -»das offene Geheimniß«, zum Grunde.) Wir erfahren in diesem Akt, daß am -Abend noch ein kleiner Ball bei Fámussoff Statt finden soll. - - - - - Analyse des dritten Akts. - - -Personen: Sämmtliche Personen des Stücks mit Ausnahme Repetíloff's. -- -Tschatzki, dem die Heftigkeit seiner Liebe keine Ruhe läßt, erscheint -noch vor der gewöhnlichen Versammlungszeit; er will endlich klar sehen -und seinen wahren Nebenbuhler entdecken. -- Ein leidenschaftliches -Gespräch mit Sophien dient nur dazu ihren Haß und Tschatzki's Schmerz zu -vermehren -- sie geht in ihr Zimmer, wo sie Moltschálin hinbestellt hat -und läßt ihn in seinem alten Zweifel; -- wie Moltschálin in Sophiens -Zimmer will, bemerkt er plötzlich Tschatzki, erschrickt und bleibt wie -eingewurzelt stehen. Tschatzki läßt sich in ein Gespräch ein, in dem -Moltschálin sich in der ganzen Jämmerlichkeit eines bornirten -Actenmenschen zeigt. Er ist das im Civil, was Scalosúb im Militair ist. -Tschatzki wird im Betreff Sophiens ganz beruhigt. Die Gesellschaft -versammelt sich indessen, und nacheinander treten allerlei moskau'sche -oder besser gesagt großstädtische und menschliche Charactere auf. Die -sinnliche Natalie, Góritscheff, der unter ihrem Pantoffel aus einem -tapfern Soldaten ein weibischer Ehemann geworden ist; eine armselige, -fürstliche Familie, -- eine alte taube Gräfin, die kaum noch lebt, aber -alle Bälle besucht, ihre Enkelin, eine ältliche Unvermählte, die mit -vielem Stolz auf die andern herabsieht; -- (bei der großen Unzahl -russischer Fürsten und der sehr begränzten Zahl russischer Grafen wird -auf letzteren Titel im Grunde fast ein höheres Gewicht gelegt.) -- -Sagorétzki, ein falscher Spieler, Lügner, Spion und Dieb -- dennoch -überall wegen seiner Dienstfertigkeit wohl aufgenommen, -- endlich eine -Tante vom Hause, eine unbarmherzige alte Klatschschwester, eine von den -Plagen einer Stadt, die, nach verblühten Reizen, durch eine böse Zunge -und unverschämte Intriguen sich einen Kreis von Verehrern und gefüllte -Salons zu verschaffen wissen. - -Tschatzki findet Gelegenheit sich mit all dieser Welt zu verfeinden ohne -ein schlimmes Wort gesagt zu haben, nur weil er so spricht und urtheilt, -wie ein gebildeter Mann. Durch ein Mißverständniß theils, theils durch -Sophiens Rachsucht wird er zuletzt für verrückt erklärt. -- Vortrefflich -hat der Verfasser den Gang des Gerüchts geschildert; und wie von Mund zu -Mund eine Sache in kurzer Zeit entstellt wird. Unser Autor findet in -diesem Akt häufig Gelegenheit zu einer lebendigen Sittenschilderung. Die -Grundsätze, die Sagorétzki, Fámussoff und Scalosúb an den Tag legen, -sind der Kern der Opposition, die der ungebildete Theil einer -Gesellschaft der Bildung und Civilisation stets entgegensetzen wird. So -erzählt Scalosúb mit frohem Munde, daß aller Unterricht fortan im -Exerciren bestehen soll, und daß Bücher nur für feierliche Gelegenheiten -aufbewahrt würden: -- Fámussoff will sie lieber alle verbrannt wissen. -Sagorétzki findet Fabeln vorzüglich gefährlich; die alte Fürstin erzählt -mit Schaudern, daß ihr Vetter, ein _Fürst_, in Petersburg _Chemie_ -studirt habe! -- Dagegen spricht Tschatzki die Ansichten einer andern -Fraction in Rußland aus, die gegen die Halbheit eifern, die eine Folge -einer zu schnellen Annäherung an den europäischen Westen war. In der -Annahme der Gebräuche des Abendlandes sieht er das größte Unglück für -Rußland; er opponirt gegen die _Form_, seine Gegner gegen das _innerste -Wesen_ des Westens. Vorzüglich ergrimmt ist er gegen die leichtsinnigen -Franzosen und die Einführung ihrer Sprache in alle geselligen -Verhältnisse, sowie gegen pedantische und unwissende Deutsche. Die -Schwächung des Nationalgefühls und eine demüthigende Abhängigkeit des -Urtheils scheint ihm die Folge solcher Zustände. -- Dieser Haß gegen das -Ausland ist das, was die beiden Extreme dieser Gesellschaft, Fámussoff -und Tschatzki, gemeinschaftlich haben; daß beide hierin übereinstimmen -ist beherzigenswerth. Doch gehen sie nicht beide zu weit? Fámussoff -sieht in den Fremden nicht den fleißigen Colonisten, nicht den -geschickten Fabrikanten, nicht den gebildeten Gelehrten, er sieht in den -nach Rußland strömenden Fremden nur die Hefe, Abentheurer, Landstreicher -und Kuchenbäcker. Tschatzki nimmt vorzüglich daran Anstoß, daß jedes -Französchen wie ein Orakel angehört wird und Tanzmeister Orden erhalten -und ihr Auge zu Fürstinnen zu erheben wagen, sowie daß man in jedem -Deutschen ein _Lumen mundi_ erblickt. -- Dieß mag einer jetzt -verschollenen Zeit angehören; die Aristokratie in Rußland mag liberal -genug denken, sie geht gern um mit Gebildeten, weß Standes diese auch -sein mögen; aber in gewisse Gesellschaften und Familienkreise wird kein -Adliger zweiten Rangs, ja kaum ein Würdenträger des Reichs gelangen, -wenn er nicht von altem, nationalem Adel ist. (Es giebt also wohl -Exclusivität, aber für gewisse Zeiten nur.) Mit Fremden nimmt man es -endlich nirgends sehr genau -- eine momentane, vorübergehende Artigkeit -verpflichtet ja zu nichts; wird der einfachste russische Reisende in -Paris nicht ebenso schnell zum Grafen und in Italien zum Principe -gestempelt? - -Wir können die Bemerkung nicht unterdrücken, daß unser Autor in den -Fehler der meisten russischen Lustspieldichter verfallen ist: er trägt -mit zu starken Farben auf. Manche Charactere sind dadurch ans Absurde -gerückt. Die nämliche Erscheinung wiederholt sich wohl bei allen jungen -Literaturen; Molière und Holberg wären solche Beispiele. - -Der Akt wird mit allerlei Tänzen aus der Restaurationszeit beschlossen; -eine ritterliche Mazurka von Scalosúb, wobei er zuletzt hinkniet und -sich von seiner Tänzerin umschweben läßt, verfehlt nie eine allgemeine -Hilarität hervorzurufen. - - - - - Analyse des vierten Akts. - - -Personen: Sämmtliche Personen des dritten Akts und Repetíloff. Die -Herren N. und D. brauchen nicht wieder zu erscheinen. Die Scene ist eine -Vorhalle mit Säulen und einer im Hintergrunde sichtbaren oberen Treppe, -die zur Thür des Balllokals im zweiten Stock führt; außer dieser Thür -sind noch drei Thüren unten zu merken, die Aussenthür und neben ihr die -des Portiers und gegenüber die Thür zu Moltschálins Zimmer. Es ist etwa -drei Uhr Morgens; der Ball ist zu Ende und die Gesellschaft zieht sich -nach und nach zurück. So begegnen wir allen nochmals und in kurzen -Worten prägt sich der Character eines jeden aufs wahrste und -ergötzlichste aus. Tschatzki kommt sehr unglücklich über diesen fatalen, -ersten Tag die Treppe herab, noch ahnt er nichts davon, was die -Gesellschaft über ihn erfunden hat. Er muß unten etwas auf seinen Wagen -warten und indem öffnet sich die Aussenthür und der Wüstling Repetíloff -fällt, so lang er ist, hinein. In einer starken Weinlaune überhäuft er -Tschatzki mit Freundschaftsversicherungen und Zärtlichkeiten und -beschwört ihn, mit ihm zu einer Compagnie von Bacchusbrüdern zu kommen, -in deren meisterhafter Schilderung man eine zu jener Zeit berüchtigte -Gesellschaft junger, unruhiger und unzufriedener Köpfe zu erkennen -gemeint hat. -- Tschatzki weiß nicht, wie er sich losmachen soll, da -kommt Scalosúb herbei; mit einer ähnlichen Aufforderung und gleicher -Zärtlichkeit geht Repetíloff auf diesen los und den Moment benutzt -Tschatzki um in die Loge des Portiers zu schlüpfen. -- Von hier hört er -mit seinen eigenen Ohren, was die fortgehenden Gäste über den -angeblichen Verlust seines Verstandes äußern. Als alle fort sind, tritt -Tschatzki empört hervor -- er kann es zuerst nicht fassen -- aber bald -denkt er sich den Zusammenhang, nur das ahnt er nicht, daß Sophie die -Urheberin des Gerüchts war, und daß diese mit wenigen Worten die -Lächerlichkeit desselben darthun konnte und es nicht that, ist auch das, -was man ihr nicht wohl verzeihen kann. - -Indem er der Quelle dieser Bosheit noch nachsinnt, erscheint Sophie oben -auf der Treppe, glaubt in ihm Moltschálin zu erkennen und ruft ihn leise -an, -- wie sie sieht, daß sie sich getäuscht hat, verliert sie ihre -gewöhnliche Geistesgegenwart und eilt schnell zurück. Diese Eile verräth -sie, -- denn jetzt erst entdeckt Tschatzki den wahren Zusammenhang der -Sache; -- er bleibt um keine Zweifel mehr zu haben, und versteckt sich -hinter einer Säule. Bald erscheint Lisa um sich nach Tschatzki umzusehen -und Moltschálin zum Fräulein zu beordern. Moltschálin kommt aus seiner -Stube und macht Lisetten ein aufrichtiges Bekenntniß von seinem -Verhältniß zu Sophien; oben horcht Sophie, die ihrer Soubrette leise -gefolgt war, wahrscheinlich auch aus Unruhe über Tschatzki's -Erscheinung; Tschatzki hinter dem Pfeiler verborgen, hört ebenso wie -Sophie alles mit an. Sophie wird empört über Moltschálin und behandelt -ihn überhaupt so, daß man sieht, es war nicht Liebe was sie zu ihm -fühlte, sie liebte sich nur selbst in ihm. -- Sie gebietet ihm für immer -das Haus zu verlassen. Nun tritt Tschatzki vor; Moltschálin entflieht; -Tschatzki überhäuft Sophie mit den bittersten Vorwürfen. -- Auf die -lauten Reden erscheint der Alte und glaubt an ein _Rendez-vous_, und in -seiner tragi-komischen Wuth droht er die Sache bis vor Senat und Kaiser -zu bringen. Tschatzki entfernt sich mit tiefgekränktem Gefühl im Herzen -und beissendem Spott auf den Lippen; er fühlt, daß seine Bildung ihn aus -diesem Kreise verbannt, und gekränkt in seinen heiligsten Empfindungen -einer glühenden Liebe zu Sophien und seiner Vaterstadt, entflieht er -beiden. - - - - - Anmerkung des Übersetzers. - - -Die Schwierigkeit einer Übersetzung des ganzen Stücks spiegelt sich -schon in der Übersetzung der Worte des Titels ab. _Verstand schafft -Leiden_ ist wohl zu allgemein gesagt -- und das meinte Gribojädoff -eigentlich nicht. Man könnte übersetzen: _Die Leiden der Bildung_ oder -_Bildung und Leiden, Verstand und Leiden_; -- meinem Ohr gefiel noch am -besten: _Verstand schafft Leiden. Kummer von Verstand_,[2] wie Schneider -in der Übersetzung in Prosa sagt, klang mir unerträglich. - -[Fußnote 2: C. v. Knorring übersetzte: _Leiden durch Bildung_.] - - - Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - -Die Schreibweise des Originales, auch der Personennamen (mit und ohne -Akzente), wurde weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler -wurden stillschweigend korrigert. - - - - - -End of Project Gutenberg's Verstand schafft Leiden, by Alexander Gribojedow - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSTAND SCHAFFT LEIDEN *** - -***** This file should be named 59773-8.txt or 59773-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/9/7/7/59773/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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