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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Geschichten aus den vier Winden - -Author: Max Dauthendey - -Release Date: December 3, 2019 [EBook #60836] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN AUS DEN VIER WINDEN *** - - - - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - -Geschichten aus den vier Winden - - - - - Ein Verzeichnis - sämtlicher Bücher von - Max Dauthendey - findet sich am Schluß - dieses Buches - - - - - Max Dauthendey - - Geschichten aus den - vier Winden - - 6. bis 8. Tausend - - Albert Langen Verlag, München - 1921 - - - - - Copyright 1915 by Albert Langen, Munich - Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung. - (Siehe auch Art. III der Übereinkunft zwischen - Deutschland und Rußland zum Schutze von Werken - der Literatur und Kunst vom August 1913.) - - _Albert Langen_ _Max Dauthendey_ - - Druck von Hesse & Becker in Leipzig - Einbände von E. Ä. Enders in Leipzig - - - - -Geschichten aus den vier Winden - - - Seite - - Das Giftfläschchen 7 - - Himalayafinsternis 41 - - Hecksel und die Bergwerkflöhe 77 - - Zwei Reiter am Meer 129 - - Auf dem Weg zu den Eulenkäfigen 143 - - Nächtliche Schaufenster 173 - - An eine Sechzehnjährige 195 - - Zur Stunde der Maus 209 - - Die Kurzsichtige und der Komet 241 - - Das Iguanodon 281 - - - - -Das Giftfläschchen - - -Berlin war ein Feuerbrand von Sonne. Die Dächer der Häuser und die -Fenster zitterten vor Junihitze, so wie die Hitzeluft über Steinwüsten -zittert. Es war, als heizten die Scharen der Autos mit ihren -Benzindämpfen die Straßen, wie fliegende Öfen. Und die Sonne schien -an diesem heißen Junitag nicht von der Stelle zu wandern. Überall war -Sonne, überall Höllenhitze. - -Vom Stettiner Bahnhof in Berlin fuhr abends der Zug voll von -Skandinaviern nach Saßnitz. Es war, als ob alle Menschen vor der -deutschen Junihitze flüchteten. Das vornehme palastartige Fährboot, das -in vier Stunden in der Nacht von Saßnitz übers Meer nach Trelleborg -fährt, landete aber am Morgen in Schweden im flachen Schonen immer noch -wie von der berliner Hitze begleitet. - -Der Drang, möglichst rasch nach dem kühleren Norden zu kommen, ließ uns -nirgends Halt machen. Wir, die Frau, die ich liebe, und ich, hatten -uns vorgenommen, zuerst die Route an der Westküste von Trelleborg bis -Strömstad zu fahren und dann nach Lappland zu reisen. Wir reisten die -zwölf Stunden von Trelleborg bis zur nördlichen Grenze Schwedens an der -Westküste ohne Aufenthalt, mit Ausnahme einer kurzen Mittagpause in -Gothenburg, und wir waren am Abend um sieben Uhr am Ende unserer ersten -Reiseroute in Strömstad angekommen. - -Zweiundzwanzig Stunden trennten mich hier von Berlin, so sagte mir der -Fahrplan. Aber meine Augen hatten mir unterwegs von Stunde zu Stunde -gesagt: jede Stunde wird hier ein Jahrtausend, und in Strömstad trennen -dich zweiundzwanzig Jahrtausende von Berlin. - -Kaum stieg ich am Ende der Sackbahn in Strömstad aus, so versank ich -in diese Jahrtausende wie ein Meteor, das von einem fremden Stern auf -die Erde gefallen ist. Und nicht nur zwei kleine Stufen stieg ich -vom Trittbrett der Eisenbahn bis zum Perron der schwedischen Erde, -sondern ich war wie zweiundzwanzig Tausend Meilen tief in eine fremde -Erde -- bei einem fremden Meer, bei einem fremden Himmel, bei einer -fremden Sonne -- eingedrungen, als ich in Strömstad aus dem Waggon -gestiegen war. Und ich kam nicht mehr los und saß dort bei Strömstad -auf einer Insel im Meer und ließ mir neue Ohren wachsen, und soviel -Haare ich sonst auf dem Kopf hatte, so viele Augen schien ich jetzt im -Kopf zu haben. Mein Herz, das sonst in Deutschland im Gewohnten und -Althergebrachten eingekapselt saß, flutete und löste sich und wurde wie -das Herz Adams am Tag, da Gott ihm das Paradies zeigte und alle Bäume. - -Die Insel, auf der ich saß, und wo ich die Reisebillette meiner anderen -beiden großen Reiserouten in Schweden verfallen ließ, hieß Koster. -Es ist eine Insel im Kattegat, und sie wird dreimal in der Woche von -einem Dampfschiff angelaufen, das den Weg in dreiviertel Stunden von -Strömstad zurücklegt und die Post bringt. Das macht aber nichts, wenn -auch die Post dreimal in der Woche dorthin kommt, diese Insel ist und -bleibt doch für mich immer und ewig ein Pünktchen am Ende der Welt. - -Schon »am Ende der Welt« angekommen zu sein -- nachdem man noch -zweiundzwanzig Stunden vorher in Berlin die Automobile rasen sah ---, das ist etwas Verblüffendes und Erstaunliches, und ich habe -mir vorgenommen, ein ganzes dickes Buch über die Insel Koster zu -schreiben. Aber mit dieser kleinen Erzählung hier will ich euch nur den -Mund wässerig machen auf dieses Pünktchen am Ende der Welt, auf diese -Insel, dieses Kopfkissen aller Seligkeit. Ob das Buch, das ich einmal -über diese Insel schreiben will »die Königstöchter von Koster« heißen -soll, oder »die Insel der heiligen Kühe«, oder »wilde Rosen, Wachholder -und Urgestein«, oder »die Insel am Ende der Welt«, das weiß ich heute -noch nicht genau zu sagen. Die Titel verrate ich aber hier nur deshalb, -weil sie andeuten, was dort alles zu finden ist für den, der sich ein -Billett nimmt und in zweiundzwanzig Stunden von Berlin hinreist und -zweiundzwanzig Jahrtausende in der Zeit zurück, in der Urzeit dort -ankommt. - -Stellt euch meine Insel vor. Nachdem wir in Südschweden, in Schonen, -aus dem Eisenbahnfenster zuerst weite Kornflächen gesehen hatten und -grüne Waldzüge, aus denen die herrlichsten Buchen und die stämmigsten -Eichen nah am Meer die Luft mit Blätter- und Rindenduft würzen -und die reichen Gehöfte dort umwehen, verläßt uns plötzlich die -weiche sinnliche Erde. Statt der runden Buchenwälder wachsen runde -Granithügel auf, und von allen Bäumen bleiben nur noch die Tannen am -Wege, die Birken und die Eichen. Aber der Buche, dem Ahorn, der Pappel, -dem Nußbaum und der Kastanie, -- allen diesen geht der Atem aus vor dem -Granit, der mit rostroten Eisenadern gezeichnet ist. Das Land ist dort -mit Granit gepanzert, und hinter Gothenburg beginnt eine Steinzone, -wie sie sich kein Deutscher in keiner Ecke Deutschlands träumen kann, -nicht in den Alpen, nicht im Riesengebirge, -- nirgends; und auf -meiner Reise um die ganze Erde, die ich vor fünf Jahren machte, bin -ich niemals, selbst nicht am Himalaja, einer solch grotesken Steinwelt -begegnet, wie die ist, die sich von Gothenburg bis nach Strömstad -breitet. Am Meer ist die unterhaltendste Partie dieser Steinwelt die -Station Fjellbacka, die nur eine Schiffstation ist und keine Eisenbahn -hat. An der Eisenbahn aber, zwischen Gothenburg und Strömstad, ist es -hauptsächlich der Umkreis um die Station Tanum; hier ist die Steinwelt -derart furchtbar, daß das Land hier nicht mehr von Menschen bevölkert -scheint, nicht von Tieren, nicht von Vögeln, nicht von Bäumen, sondern -von gigantischen blauen und grauen Granitfiguren. - -Das Meer, das vor Jahrhunderten noch hier in das Land hereinreichte, -hat das Steinreich in ein Figurenreich verwandelt, durch urewige -Waschungen. Die gerundeten Bergfiguren gleichen bald riesigen -versteinerten Walrossen, bald meilenlangen Herdenzügen von Mammuttieren -und den Rücken versteinerter Elefantenherden. Dazwischen lagern -Schichten von versteinerten Urweltbäumen, von denen mancher eine Meile -lang scheint; und von der Totenstille, die dieser blaugraue Granit -ausströmt, macht sich kein Ohr, das bisher nur in Gebirgen, Feldern und -in Wäldern gelebt hat, eine Vorstellung. - -Hier und da sitzen eine Holzhütte, ein zwerghafter Baum, ein winziges -Fleckchen Rasen wie verschollen zwischen diesen ungeschlachten grauen -Granitungeheuern. Das graue Land dort am Meer scheint wie mit einer -einzigen Rüstung voll Eisenbuckeln bedeckt. Und wo der Bahnweg den -Granit mit Dynamit zersprengt hat, wirkt der Mensch im Vorbeifahren -wie eine Ameise, vor der Geste eines einzigen gespaltenen Blockes, -der auch nach der Sprengung seinen Starrsinn nicht aufgegeben hat -und herausfordernd daliegt, wie ein Gigant, den das Dynamit nur ein -bißchen auf die Seite gerollt hat, an dem aber das Dynamit wie machtlos -verrauchte. Denn wenn auch der gigantische Riesenblock gespalten wurde, -er ist ja nur ein Sandkorn, auf das das Dynamit hintrat, und auf Meilen -liegt hier die Welt voll neuer Granitbuckel. Und der Gedanke kommt -einem, daß es kein Zufall ist, daß in Schweden, dem Granitlande, Nobel, -der Erfinder des Dynamits, geboren wurde. Schweden, dieses Stein- und -Eisenland von ursprünglichster Kraft, forderte direkt das menschliche -Gehirn dazu auf, dem Steintrotz einen Menschentrotz entgegenzustemmen -und das Dynamit zu erfinden. - -Ebenso steinig wie der Küstenlandstreifen von Gothenburg bis Strömstad -sind auch die Inseln, die Schären, die dem Küstenstreifen vorgelagert -sind. Und die Insel Koster ist ungefähr eine der letzten großen Schären -im Norden, ehe das Meer in die Kristianiabucht einschneidet. Diese -Steininseln und der Steinlandstreifen waren einst die eigentliche -Heimat der alten Wikinger. Hier sind noch Inschriften, Runensteine, und -bei Strömstad auf einem Hügel das berühmte steinerne Wikingschiff. - -Auf der Insel Koster gibt es aber in den Talsenkungen einige Bäume: -Erlen und kurze Eichen. Die ganze Insel wirkt durch ihre seltsamen -Zwergbäume, Zwergeichen und Zwergwacholder, die in gedrungenen grünen -Figuren auf dem manchmal himmelblauen Granitgestein wachsen, zwerghaft -wie die Landschaft eines japanischen Gartens. - -Zwischen dem Heidekraut auf dieser Insel und bei den reichen wilden -Rosenbüschen, die ganz überschüttet von rosa Kelchen dastanden, als -ich im Juni landete, liegen die seltsamsten Steine zerstreut; dort ein -blendend weißer, wie ein großes Marmorei, dort ein gelber, wie ein -harter Honigbrocken oder wie ein Stück Bernstein, dort ein rosenroter -wie eine Fleischkeule von einem geschlachteten Tier, dort ein schwarzer -flacher wie ein Rabenflügel oder ein runder wie ein Seehundkopf. Hinter -den Wacholderfiguren und unter den schirmartigen kurzen Eichen, deren -Kronen flach wie grüne Teller auf dem Stamm wachsen, von den Seewinden -wie mit einem Messer beschnitten, -- bei diesen kleinen Eichen und -großen Wacholderbüschen weiden glänzende rothaarige Kühe und Kühe, weiß -und schwarz gesprenkelt, als hätten sie sich von der Nacht bemalen -lassen mit dunkeln Flecken und mit weißen Flecken vom Mond, mit gelben -und roten Flecken von der Sonne. Und die wandernden Kühe mit ihren -Flecken, auf der totstillen Insel bei den Flecken der fleischfarbenen -schwarzen, weißen und blauen Steine, wandern in der feuerblauen -Meerumrahmung, zwischen den grünen Sonnenflecken unter den Eichen, -zwischen den rosa Flecken der Rosenbüsche und im Weihrauchgeruch der -Wacholderbüsche, wie vierbeinige kauende Götzenbilder. Tags fressen sie -immer alle nach einer Richtung hin gewendet, den Sonnenschein zwischen -den geschweiften Hörnern auf der Stirne tragend, und hinter ihnen -kreischen die silberweißen Flecken von Möwenscharen im indigoblauen -Junihimmel. Nachts, in den Sommernächten, in denen die Sonne kaum für -eine Viertelstunde um Mitternacht untergeht, liegen die Kühe draußen -unter den Eichen und schlafen alle mit der Stirn nach Osten gerichtet -und liegen beieinander in der lauen Dämmerung der hellen Nacht und -unter den Schirmen der Eichen wie ein schwarzweißer Teppich von -Hermelin. - -Kleine Hütten sind überall zerstreut. In einer, bei einem großen -Getreidefelde, wohnt der König von Koster. Es ist der älteste und der -reichste Fischer und hat fast die ganze Insel mit seinen Söhnen und -Töchtern bevölkert. Die Königstöchter waschen und bügeln, schlagen Gras -und mähen Korn, melken die Kühe und singen abends. Die Königssöhne -spielen abends auf Fideln und Mundharmonikas, nähen tags Fischernetze, -fahren Mist, liegen draußen in den Booten, sehen nach ihren -Hummerkästen und angeln Makrelen und Dorsche, drehen Taue und teeren -Taue und ziehen im Winter hinunter nach Gothenburg auf den Heringsfang. - -Manche Fischer wurden Kapitäne auf Last- und Personendampfern an -der Steinküste, andere wurden Matrosen und fahren rund um die Erde. -Andere wanderten nach Amerika aus und wollten Gold holen in Klondyke, -und kamen heim statt mit Gold mit amerikanischen Zeitungspapieren -in den Taschen und gingen wieder zurück zu ihren Hummerkästen und -Angelschnüren. - -_Nie aber, solange die Könige, die Königstöchter und die Königssöhne -von Koster zurückdenken können, hat es auf dieser Insel einen Diebstahl -oder gar einen Totschlag gegeben. Niemals war eine Gerichtssitzung -oder ein Polizist auf Koster gewesen._ Die Menschen dieser Insel sind -unschuldig wie der Mensch am ersten Tage der Schöpfung. - -Dies alles muß man vorher wissen, um die winzige Geschichte von dem -winzigen Giftfläschchen zu verstehen. -- - -Es war kurz nach Johanni, als das große Makrelenboot abfuhr, das -die jungen Leute von Koster und von den umliegenden Inseln abgeholt -hatte, um hinaus in die Nordsee zu fahren und draußen während des -Makrelenfangs liegen zu bleiben, bis es Herbst wurde. Dieser war der -wichtigste Sommertag für alle Bewohner der Insel: der Abfahrtstag des -Makrelenbootes. Im kleinen Hafensund schwamm, als das große Boot mit -seinen großen rotbraunen Segeln wie eine Riesenpflugschar im Meer um -die Ecke der Insel verschwand, ein Dutzend Rudernachen. In jedem Boot -saßen ein oder zwei Frauensleute und hielten ihre Schürzen vor das -Gesicht und weinten. Es waren Frauen, die ihre Männer fortsegeln sahen, -Bräute ihre Bräutigams und Mütter ihre Söhne. - -Das ganze weibliche Königsgeschlecht von Koster saß dort auf dem Wasser -und weinte, und auf dem Mammutrücken der blauen Granitklippen standen -vereinzelt einige Hofhunde, die hinter ihren fortziehenden Herren -herbellten, und neben den weinenden Frauen in den Booten bellten andere -Hunde, so daß die Luft voll Schluchzen und Bellen war. - -Ein älterer Mann, den alle den »Heiden« nannten, weil er fürchterlich -fluchen konnte und seit Jahren niemals bei einer Kirchenversammlung -auf einer der Inseln gesehen wurde, er, der früher Kapitän gewesen -war und zwei Dampfschiffe verloren hatte, trat jetzt auf mich zu und -reichte mir ein kleines Fläschchen mit einem zusammengefalteten kleinen -Zettel. Der Alte war blaurot im Gesicht, und sein grauer Spitzbart -saß ihm trotzig kurzgeschnitten am Kinn. Er hatte seinen guten blauen -sonntäglichen Tuchanzug an und seine alte Kapitänsmütze auf, mit einer -goldenen Borte daran. - -»Sir,« sagte er, denn er sprach mit Vorliebe einige Brocken Englisch, -um seine höhere Weltkenntnis vor den andern Bewohnern der Insel -hervorzutun. Er untermischte immer seine Rede mit »Well« und »Allright« -und verabschiedete sich nie, ohne »Goodbye« zu sagen. - -»Sir, ich habe das gefunden,« sagte er und schob mir das kleine -Fläschchen aufdringlich in die Hand, als wenn dieses mir eben erst aus -der Tasche gefallen wäre. Und breitspurig wanderte er davon. - -»Ich habe das nicht verloren,« rief ich ihm nach. Er aber sah sich -nicht mehr um und stolperte über die Granitbuckel und über das -Heidekraut und zeigte mir seinen breiten ungeheuren Rücken, der so -viereckig war, als trüge er eine große Schulschiefertafel unter dem -Rock. - -Auf dem kleinen Zettel, den er mir mit dem Fläschchen gegeben hatte, -und an welchem man noch den Abdruck des Fläschchens bemerkte, das -in das Papier eingewickelt gewesen war, auf diesem Zettel stand -mit vergilbter alter Tinte das Wort »Gift« geschrieben, dreimal -unterstrichen und dann: - -»_Zehn Tropfen_ reizen die Sinnlichkeit (es war ein derberes Wort -gebraucht, das ich hier nicht wiedergeben kann). - -_Zwanzig Tropfen_ bringen den _Wahnsinn_ und - -_jeder Tropfen_ darüber -- _den Tod_.« So stand auf dem Zettel. -- - -Ich betrachtete das Fläschchen verblüfft. Es war mit einer -gelbwässerigen Flüssigkeit zur Hälfte gefüllt und mochte vielleicht -vierzig Tropfen enthalten. - -Da stand ich nun plötzlich mitten auf der großen unschuldigen -Steininsel, umgeben von der Freudigkeit des Sommerhimmels, umgeben von -der unendlichen Festlichkeit des durchdringend blauen Sommermeeres, -sah die unschuldigen buntscheckigen Kühe ihre vollen Euter über das -Heidekraut tragen, sah sie in friedlichen gutmütigen Reihen wildes -Rosenlaub, Eichenlaub und Kräuter auf dem Granit abweiden, diese -Kühe, die gutmütig wie die Erdgüte selber waren; ich hörte die wilden -Bienen und die Hummeln, die sich über die Blüten des Heidekrauts -summend verbreiteten, und sah sie Honig suchen, Sonnensüße für den -Winter sammeln; ich sah dann über die Insel hin, auf welcher niemals -noch eine böse Tat begangen worden war, wo man nicht Gefängnis, nicht -Gericht und keine menschliche Niedertracht kennen gelernt hatte. -Und ich, ich hatte da plötzlich ein schauderhaftes Gift in einem -kleinen Fläschchen zwischen meinen Fingern, eine kleine Hölle von -vierzig Tropfen. Mit diesen vierzig Tropfen konnte ich Selbstmord -begehen und Mord. Ich schaute auf die weinenden Bräute hinunter, auf -die jungen weinenden Frauen, die in den Booten neben den bellenden -Hunden jetzt langsam wieder zum Ufer zurückruderten, und die von -ihren Männern verlassen waren. Hier konnte ich Unheil stiften, ich -konnte blindlings den Verführer spielen. Ein paar Tropfen in ein Glas -Milch, ein paar Tropfen in einen Teller Suppe hätten die züchtigen, -unschuldigen, aber zu derber Sinnlichkeit veranlagten Fischermädchen in -geile, gierige, männertolle Furien verwandeln können. Ich schauderte -vor diesen ekelhaften Gedanken, die mir von diesem Giftfläschchen -aufgezwungen wurden, und wunderte mich. Ich schauderte vor dem winzigen -Giftfläschchen, das da plötzlich in meine Hände gekommen war, hier -fern von aller überreizten Kultur, fern von dem großen Menschentrubel -Europas, fern von jener Welt, in der Abenteuer, Morde und Selbstmorde -täglich die Zeilen der Zeitungen überschwemmten. Hier, sozusagen am -Ende der Welt, wie kam hier, zweiundzwanzig Jahrtausende hinter Berlin, -auf diese unschuldige Erde dieses rasend und liebestoll machende Gift? - -Die Geschichte des Fläschchens war die: - -Der Heide, der alte Kapitän, erzählte sie mir endlich notgezwungen -nach ein paar Tagen. Ich traf ihn zufällig wieder, bei einem Besuch -in einer Hütte, wo man seit ein paar Wochen einen plötzlich tobsüchtig -gewordenen jungen Mann eingesperrt hielt. Die Leute sagten, der junge -Mann hätte beim Fischen auf offener See einen Sonnenstich bekommen, -und einige Männer, die nicht mit dem Makrelenboot auf den Nordseefang -hinausgezogen waren, mußten abwechselnd bei dem Tobsüchtigen Wache -halten, denn die Gemeinde hatte sich noch nicht entscheiden können, -diesen als wahnsinnig in ein Spital einer der Städte an der Küste -abzuliefern. Ich hatte bis jetzt noch nichts von dem geheimgehaltenen -Wahnsinnigen der Insel gewußt und fand auf einem Spaziergang durch -Zufall die Hütte, im Innern der Insel, wo der Tobsüchtige von seiner -Wache von vier Männern, die sich täglich ablösten, festgehalten wurde. - -Dort fand ich auch unter den Wachthabenden den alten Kapitän, der mir -das Giftfläschchen gegeben hatte. - -Er war besonders dort begehrt, da er, wie die Leute sagten, »feste -Handschuhe anhabe«, womit sie seine straffen Fäuste meinten. Nach dem -zufälligen Zusammentreffen am Makrelenbootstag mit dem Kapitän, hatte -ich diesen täglich in seiner Hütte aufgesucht und ihn niemals daheim -getroffen. Jetzt nahm ich ihn zur Seite und bestand darauf, daß er mir -die genaue Herkunft des Giftfläschchens berichten sollte. - -Da hörte ich endlich nach vielem unverständlichem Geknurre: wohl habe -er die Flasche »gefunden«; aber das war schon ungefähr _dreißig Jahre_ -her. Er fand sie in der Kapitänskabine eines Dampfers, den er sich -gekauft hatte, und der ihm dann gestrandet war. In einem Geheimfach des -Schiffsbücherschrankes stand dies Fläschchen in Papier eingewickelt, -und der Alte behauptete, er habe bis heute keinen Tropfen daraus -vergossen. Ich glaubte es ihm. - -Wir hockten einander gegenüber auf zwei Steinen im Heidekraut. In der -Nähe bei uns rannte eine schwarze angepflockte Ziege, schwarz wie des -Teufels Großmutter, meckernd hin und her. Und obwohl es schon gegen -Abend war, wo sich die Kühle des Meeres mit der Granitwärme der Steine -vermengt, wischte sich der alte Kapitän, während er mir erzählte, -doch fortgesetzt die blaurote Stirn ab, auf welcher ihm ein steter -Angstschweiß zu perlen schien. - -Ich hatte in den paar Tagen vorher niemals richtig den Entschluß fassen -können, das Fläschchen ins Meer zu schleudern oder an einem Steine zu -zerschellen oder es zu öffnen und den Inhalt auszuschütten. Hundert -Gründe spukten in meinem Hirn und sprachen dafür und dagegen, das -Fläschchen los zu werden. Welches Unglück konnte es anrichten, wenn das -Fläschchen, das fest verkittet war, im Meer weiterschwamm und von einem -Fischernetz oder einem Hummerkasten aufgefischt wurde! - -Oder wenn sein Inhalt, wenn ich es zerschellte, herumspritzte und -vielleicht auf eine Erdbeere, eine Wacholderbeere oder irgend ein -Teekraut fiel, welches Kinder sammelten. Ins Feuer werfen! Wer weiß -ob das Fläschchen verbrannte und nicht in der Asche gefunden wurde. -Irgendwo vergraben! Auch das war recht unzuverlässig. Ich durfte es -nicht einmal mehr in meinem Zimmer stehen lassen, nicht in meinem -Koffer. Seit ich dieses Giftfläschchen in die Hand bekommen hatte, -lebte ich nicht mehr mein eigenes Leben. Ich lebte so wie die Wache, -die einen Tobsüchtigen bewacht und ihre Aufmerksamkeit zersplittern -muß zwischen Verstand und Irrsinn. Ich war nicht mehr harmloser -Beobachter des Lebens. Ich trug mit dem Giftfläschchen wie ein -Zauberer geheimnisvolle Kräfte der schwarzen Magie in der Tasche, ich -erschien mir über alle menschlichen Begriffe einer dämonischen Kraft, -einer Willkür, preisgegeben. Mit einem Wort, -- ich war nicht mehr ich. -Ich war der Sklave dieses Giftfläschchens geworden. Ich schrie nachts -im Traum auf, träumte vom Vergiften und Morden; und so wie der Kapitän -jetzt, hatte ich mir in den letzten drei Tagen, seit ich das Gift -besaß, hundertmal den Angstschweiß von der Stirn wischen müssen. - -»Dreißig Jahre,« hatte der Kapitän erzählt, »habe ich das Fläschchen -mit mir getragen und habe es nicht los werden können. Jahrelang habe -ich eine Lust gehabt, es zu behalten, jahrelang eine Lust, es zu -vernichten. Mein ganzes Leben ist von diesem Fläschchen gelenkt worden. -Bald fühlte ich mich übermütig allmächtig durch den Giftbesitz, bald -unheimlich verfolgt. Die Leute nennen mich, seitdem ich das Gift -besitze, den ›_Heiden_‹.« - -Ich begriff den alten Mann. Ich war in den drei Tagen, in denen ich das -Gift besaß, mir selbst fremd geworden. Aber ich hätte das Fläschchen um -keinen Preis hergegeben, wenn man es von mir gefordert hätte. Und als -der Alte sagte: »Was haben Sie mit dem Giftfläschchen getan?« log ich -mitten im Sonnenschein, zwischen den gütig kauenden Kühen, umgeben vom -himmelblauen Meer, log ich mich aus dem Paradies hinaus. »Ich habe es -fortgeworfen,« sagte ich, damit es der Alte nicht zurückfordern konnte. --- - -Was wollte ich mit dem Fläschchen tun? Ich wollte es doch los sein! -Warum gab ich es ihm nicht? Warum warf ich es ihm nicht vor die Füße? -Ich fühlte, wie mich das viereckige Fläschchen in meinem weißen -Flanellsommeranzug unbequem drückte, und ich fuhr seitdem ängstlich, -oft mitten in den ruhigsten Stunden, plötzlich mit der Hand nach meiner -Westentasche. Ich wich dem Kapitän von diesem Tage an aus, damit er -nicht nach dem Fläschchen fragen sollte. -- - -Mitten in dem herrlichen Gesicht dieses Sommers 1910, mitten in dem -herrlichen Gesicht dieser Insel am Ende der Welt, die nie eine Schuld, -nie ein Verbrechen, nie eine Niedertracht kannte, trug ich nun diesen -Ekelfleck mit mir in der Westentasche herum, diesen Giftfund, dieses -Giftfläschchen. Täglich wünschte ich das Gift zu behalten und täglich, -es los zu werden. -- - -Ein nordischer Sommer ist schnell verflogen, ist schnell abgekühlt. -Schon ein paar Wochen nach Johanni, wenn die Nächte wieder die -Dunkelheit wie eine schwarze Maske über das Land legen und die -paar Wiesenflecken abgemäht sind, die es da gibt, und die paar -Kornstrecken, und Ende Juli schon der Stillstand eines frühen Herbstes -die Bäume aussehen läßt, als wären sie aus verblichenem grünem Papier -angefertigt, dann werden all die Kühe in die Ställe zu den Hütten -heimgetrieben, und eine Totenstille, Langweile und Leere sitzt bald an -Stelle des Saftes und der Frische im Steingesicht dieser Insel. Die -kleinen Hütten ertrinken abends im Nebel. An Stelle der Kühe laufen -weiße Möwenscharen auf den abgemähten Wiesen herum, Wiesen, die nur -jährlich einmal Gras geben, dann nicht mehr wachsen und sich mit den -weißen Möwen bedecken, die des Morgens vor Sonnenaufgang anzusehen sind -wie der Vorschein frühen Schnees. - -Oft habe ich des Morgens vor Sonnenaufgang, da ich Bayer bin und in dem -katholischen Lande an Morgenläuten, Mittag- und Abendläuten gewöhnt -bin, hinausgehorcht. Aber nichts rührte sich. Es gab auf der Insel -keine Kirche, keine einzige Glocke, und die Leute fuhren ihre Kinder -zur Taufe mit Kähnen auf andere Inseln. Ebenso mußten die Brautpaare -und die Leichen oft tagelang auf guten Segelwind warten, um zur -Hochzeit oder ins Grab auf die ferne Kircheninsel zu kommen. - -Die Insel Koster selbst lag glockenlos in der großen blauen Glocke des -Himmels, und der »Heide«, der alte Kapitän, hatte recht, wenn er einmal -in der Handelsbude, in dem einzigen Kaufladen, den es auf der Insel -gibt, dröhnend auf den Tisch schlug und ausrief: - -»Was brauchen wir hier Christentum, wir auf Koster! In alter Zeit waren -wir Heiden und Helden. Und jetzt ist uns das Heldentum verboten. Aber -Heiden sind wir immer noch im Grunde. Wir zahlen unsere Steuern, und -die Sonne scheint nicht schöner, ob wir Christen sind oder Heiden. Und -die Makrelen und die Heringe lassen sich so gut fangen von den Heiden, -wie von den Christen.« - -Und das stämmige Königsgeschlecht von Koster lächelt gutmütig über -seinen Stammheiden, über den Kapitän. - -Der Sommer war hier früher zu Ende, als man sich in Deutschland -vorstellen kann. Und in den ersten Tagen des August sahen die Frau, -die ich liebe, und der ich noch nichts von dem Giftfläschchen in meiner -Westentasche erzählt hatte, und ich, wir beide sahen mit Frösteln das -schnelle Müdewerden der nordischen Sommersonne. Und eine unbändige -Sehnsucht nach neuer Sonne wachte jeden Morgen mit uns auf und war -jeden Abend unser letztes Gespräch. - -Frauen, die sich sehr geliebt fühlen, fassen immer resoluteste -Entschlüsse. So sagte diese Frau eines Tages: - -»Wir wollen nach Italien. Dort ist es noch Hochsommer. Es ist viel zu -spät für die lappländische Reise. Wir würden nur den schönen Eindruck -von Koster verwischen. Schweden ist zu schön, als daß man es in -einem Sommer flüchtig durchreisen kann. Man muß viele Sommer darauf -verwenden, um alle seine Schönheiten zu erreisen. Damit wir den Norden -recht verstehen, sollen wir jetzt als Kontrast den Süden aufsuchen.« - -Ich deutete schwerfällig und gewissenhaft wie jeder Mann auf den großen -Koffer, in welchem die Wintersachen für Lappland lagen, auf Pelz und -Wolle. »Sollen die ganz umsonst hieher gewandert sein?« fragte ich. - -Aber hartnäckig, weil sie meine Sehnsucht nach Sonne kannte, sagte die -Frau: - -»Wenn du soviel Respekt vor Koffern hast, möchte ich sie schon gleich -ins Meer versenken.« - -»Gerade so wie ich mein Giftfläschchen,« entfuhr es mir. Und nun mußte -ich die ganze Geschichte vom Giftfläschchen, das mir wie ein Dämon in -der Westentasche saß, und das den Kapitän wie ein Dämon dreißig Jahre -lang gefoltert hatte, meiner Geliebten erzählen. - -»Das ist ein neuer Grund,« rief diese erfinderisch aus. »Ich sehe, -du und ich, wir werden dieses Giftfläschchen ebensowenig los wie der -Heide, der Kapitän. Aber es fällt mir gar nicht ein, deine Liebe mit -einer Giftflasche zu teilen. Wir müssen nach Rom und das Gift an der -einzigen Stelle der Welt, wo es hingehört und keinen Schaden anrichtet, -abliefern.« - -»Ja, wenn noch in Rom die alten Römer leben würden,« meinte ich. »Aber -dort sind ja nur Ruinen, wie du selbst immer sagst.« - -»Dort ist der heilige Vater! Seiner Heiligkeit drückst du einfach das -Fläschchen in die Hand, so wie es der Kapitän dir plötzlich in die Hand -gedrückt hat.« - -»Liebende Frauen sind weise Frauen,« sagte ich. Und indessen sie die -Koffer packte und die Wolle für Lappland zu unterst stopfte und dabei -italienische Lieder vor sich hinsang, reiste ich in sechzig Stunden von -Strömstad direkt nach Rom, immer das Giftfläschchen in der Westentasche -betastend, daß es mir nicht auskäme. - -Als ich in Rom dann das Fläschchen Seiner Heiligkeit in die Hand -drückte, wie es mir die weise und liebe Frau geraten hatte, lächelte -Pius und sagte verständnisvoll: - -»Das macht nichts, das kommt öfters vor.« - -»Natürlich,« sagte ich eilfertig aus Verlegenheit. »Darf ich Eure -Heiligkeit fragen, was Sie damit anfangen werden,« setzte ich neugierig -hinzu. - -»Das stellen wir zu den andern,« nickte der Papst. Und ebenso nickte -Seine Eminenz, der Kardinal del Val, der bei meiner Audienz zugegen -war: »Das stellen wir zu den andern.« - -Das Gespräch wurde in den vatikanischen Gärten geführt, die mir -durch ihre Regelmäßigkeit, regelrecht gestutzte Taxushecken, etwas -pedantisch und langweilig vorkamen, mir, der ich gerade von der _Insel -der heiligen Kühe_ kam, _vom Lande, wo die Steine sprechen_, von -_Wacholder_, _wilden Rosen_ und _Urgestein_, _von_ der _schwedischen -Heideninsel_, wo in der blauen Glocke des Himmels die Sonne täglich -zu einem Fest geglänzt hatte, wo das große freie Meer geläutet hatte, -und wo die Fischerleute arm, bescheiden und ehrlich waren wie der -Fischer Petrus und wie die Apostel, welche einst Fischer waren am See -Genezareth. - -»Und um die Erde sind Sie auch gereist?« meinte Seine Eminenz der -Kardinal. »Und haben einen amerikanischen Bischof unterwegs getroffen, -der von allen Göttern der Welt ein Probebild mit nach Philadelphia -nahm! Der ganze Vatikan hat diesen Winter »die geflügelte Erde« -studiert. Wenn die sündige Erde wirklich rundum so voll schöner Wunder -ist, wie Sie da beschreiben, dann gibt sie uns hier vieles Nachdenken. -Wir hatten wirklich nicht geglaubt, daß noch etwas irdisch Schönes -an der Welt wäre. Wir dachten, wir hätten alles Verführerische mit -heiliger Christenstrenge ausgemerzt.« - -»O!« rief ich aus und machte meinen Mund größer auf, als in den -vatikanischen Gärten erlaubt ist, »wenn Sie nur ›die geflügelte Erde‹ -gelesen haben, dann haben Sie noch nicht vom Schönsten gehört, was ich -gesehen habe.« - -Seine Heiligkeit, welche wir auf den Wegen des Gartens zwischen uns -gehen ließen, setzte sich auf das Stühlchen, das die Schweizer Wache, -die hinter uns ging, ihm unterschob. Der Papst hielt immer noch mein -Giftfläschchen zwischen den Fingern, obwohl es ihm der Kardinal öfters -hatte abnehmen wollen. Der Papst hielt das Giftfläschchen gegen die -Sonne: - -»Wieviel Gifttropfen sind darin und wie wirken sie?« - -Ah, dachte ich. Dem Papst geht es jetzt wie dem Heiden auf Koster. Der -Kapitän hat das Fläschchen auch nicht mehr hergegeben, als er es einmal -zwischen den Fingern hatte. Und obwohl ich vom Allerschönsten, was es -auf der Welt gab, eben hatte erzählen wollen, hatte der Papst nicht -zugehört, sondern immer an das Gift denken müssen. - -Der Kardinal kam mir zuvor und beantwortete die Fragen, die das Gift -betrafen, und ich bewunderte dabei des Kardinals scharfes Gedächtnis, -der alles genau behalten hatte, was ich ihm über das Giftfläschchen -vorher mitgeteilt hatte. - -»Was gibt es Schöneres in der Welt als Rom,« fragte der Papst, -schwärmerisch durch das Giftfläschchen den römischen Himmel betrachtend. - -»Die Insel Koster,« sagte ich prompt. »Dort würden Eure Heiligkeit sich -einmal recht von allem Glockengeläute erholen.« - -Auch der Kardinal ließ sich jetzt von der Schweizer Wache, die auf -seinen Wink herbei eilte, ein Stühlchen unterschieben. - -Da saßen sie nun vor mir in dem Taxusheckengang, Seine milde Heiligkeit -im weißen fleckenlosen Gewand und der Kardinal im Scharlachkleid. - -Wenn jetzt nur die Frau, die ich liebe, und die ich auf Koster singend -beim Kofferpacken zurückgelassen habe, aus der Taxushecke käme! Nur sie -könnte mir jetzt aus der peinlichen Verlegenheit helfen, dachte ich. -Denn dieses mit dem Glockengeläute habe ich verkehrt gesagt, das sah -ich den beiden Italienern an den gelben Gesichtern an. - -»Die Insel Koster, trotzdem sie keine Kirche und keine Glocken hat,« -fuhr ich fort und eilte mich mit den Worten, um mich bei den Italienern -wieder in Gunst zu reden, »diese Insel Koster ist nämlich heute noch -der unschuldigste Platz der Welt. Dort gab es noch nie eine Lüge, nie -einen Diebstahl, nie einen Mord; nie mußte dort jemals das Gericht -einschreiten und keine Polizei. Die Menschen dort sind noch die -reinsten unschuldigsten Heiden,« platzte ich heraus, weil mich die -hochmütigen Gesichter der römischen Herren ärgerten. - -Meine Worte mußten sehr gut gewirkt haben, denn Seine Heiligkeit -lächelte Seine Eminenz an, und Seine Eminenz lächelte Seine Heiligkeit -an. Und diese Lächeln gingen miteinander über die Taxushecken, über die -Palmen und über die weißen Geländer der Terrassen des vatikanischen -Gartens, versöhnlich hinauf bis in den üppigen blauen römischen Himmel. - -Der Papst hob das Giftfläschchen, das zugleich mit dem großen Ring am -Daumen seiner Hand funkelte, wieder ans Licht. - -Die Allmacht dieses Siegelringes zuckte mir zu gleicher Zeit mit dem -Schiller des Giftfläschchens entgegen. Ich verstand nicht sogleich, -daß diese Geste des Papstes mir meine schöne unschuldige Insel Koster -beleidigen wollte. - -»Menschliches Gift kann lange im Verborgenen leben,« sagte der alte -Mann mit den blassen Wangen, mit dem blassen Kinn, mit der blassen Nase -und mit den blassen Augen, die mir plötzlich unheimlich lebensmüde aus -dem dunkelgrünen schwülen Palmengarten entgegenleuchteten. - -»Lieber Dichter, habt Ihr nicht dieses Gift, wie Ihr erzählet, von -jener Barbareninsel gebracht?« tönte es ironisch von seinen blassen -Lippen. - -»Ja,« sagte ich eifrig, meine Insel Koster verteidigend. »Das Gift -kam von der Welt dorthin. Aber jetzt ist kein Gifttropfen mehr dort. -Ich habe alles Gift Eurer Heiligkeit gebracht, direkt nach einer -Sechzigstundenfahrt, und das Giftfläschchen gleich übergeben, damit -Eure Heiligkeit es aus der Welt schaffen.« - -»Mein Lieber,« sagte die weiße Figur vor mir, die da unter dem blauen -römischen Himmel im Garten zugleich mit dem Kardinal von dem Stühlchen -aufstand, und deren weiße Lippen tief Atem holten, als wollten sie mir -eine tiefe Wahrheit sagen, und ich dachte schon vorschnell: - -Seine Heiligkeit wird sagen: _nichts kann das Gift der Welt aus der -Welt schaffen, nicht der Papst, nicht der Dichter, nicht die Christen, -nicht die Heiden. Und ich dachte, daß ich mit dieser großen Weisheit -dann entlassen würde._ - -Aber nein, -- Pius reichte mir nur die Hand, die das Giftfläschchen -hielt, zum Abschiedskuß, und mit den Augen auf das Fläschchen deutend: - -»Mein Lieber, wir werden es zu den andern stellen.« -- -- -- - -»Wenn das nur nicht großes Unglück anstiftet,« sagte später die Frau, -die ich liebe, zu mir. »Das kann nicht gut sein, wenn man im Vatikan -ein Giftfläschchen zum andern stellt. Der Kapitän auf Koster, der -dreißig Jahre das Fläschchen aufbewahrt hatte, ist ganz wild davon -geworden, und die Leute nannten ihn schließlich einen Heiden. Wenn nur -nicht der ganze Vatikan von dem Kostergift wild wird!« - -Und wirklich, die vielgeliebte Frau hatte wieder recht. Ein paar Wochen -später schon begann die Geschichte mit den Modernisteneiden, und die -Bannflüche fliegen seitdem wie Giftpfeile aus dem Vatikan über die -Alpen. - -»Das kommt davon,« sage ich zu meiner Frau (wenn ich die Bayerische -Landeszeitung aus der Hand lege, worin der Memminger so genau die -Zustände und die Aufregungen des Papstes schildert), -- »das kommt -davon, daß der Papst als Ratgeber nur Kardinäle und keine Frau hat. Die -Liebe einer Frau ratet besser als alle Kardinäle.« -- - - - - -Himalajafinsternis - - -Das ist der Fluch und zugleich die Wollust des Reisens, daß es dir -Orte, die dir vorher in der Unendlichkeit und in der Unerreichbarkeit -lagen, endlich und erreichbar macht. Diese Endlichkeit und -Erreichbarkeit zieht dir aber geistige Grenzen, die du nie mehr los -werden wirst. - -Wenn sich deine Seele, ohne daß dein Leib reist, an einen Ort hin -versetzt, in dem du nie warst, so kann sie an dem Ort bald im -Sonnenschein, bald im Regen, bald im Winter, bald im Frühling wandern, -geisterleicht in einer Geisterlandschaft. Hast du aber den Ort einmal -reisend mit deinem Leib erreicht und wirkliche Tage dort erlebt, so -bist du dem Gefängnis der Wirklichkeit verfallen. Sobald du dich in -späteren Jahren an den bereisten Ort im Geist zurückversetzt, kommst du -nicht über die Grenzen der ehemaligen wirklichen Tage hinaus. Du siehst -jenen Ort immer wieder, in ermüdender Wiederkehr, in derselben Tages- -oder Jahreszeitstimmung, in der du ihn damals gesehen. Du kannst ihn -nicht willkürlich mehr verwandeln. Du bist verdammt, ihn ewig genau -so zu sehen, wie er sich dir auf der Reise gezeigt hat. Dies ist der -Fluch, der die Seele des Reisenden belastet. Die Flügel der Geistigkeit -werden ihm von der Wirklichkeit beschnitten. Der Vielgereiste haftet -mehr an der Erde als der Niegereiste. Er erscheint mir sterblicher als -die übrigen Sterblichen. - -Es gibt eine einzige Möglichkeit, den Wirklichkeitsbann des -Reisens zu durchbrechen und abzuschütteln. Das geschieht, wenn wir -unsterbliche Erlebnisse heimbringen; wenn sich das Schicksal des -Reisenden mit Menschenschicksalen fremder Orte so verknüpft, daß der -Ort, die Landschaft, das Gesehene ganz an Bedeutung verlieren, ins -Nichts sinken, und das am eigenen Schicksal Erfahrene Zeit, Ort und -Wirklichkeit überragt. - -Solche Erlebnisse sind selten, aber eins, zwei solcher Erlebnisse auf -großen Reisen bleiben einem im Blut und Geist haften und überfallen -einen zeitweise in der Erinnerung, und solche Erlebnisse können -uns modernen Menschen den Schauer, die Ehrfurcht und die Erhebung -ersetzen, die die früheren naiven Menschen in Gotteshäusern vor ihren -Altären und Göttern empfanden, vor Göttern, die wir Modernen längst zum -alten Eisen gelegt haben. - -Ehe ich auf meinen Reisen oben im Himalajagebirge gewesen, konnte ich -mir diese höchsten Erdzinken immer nur tief in weißem Schnee und unter -ewig eisigblauem Himmel vorstellen, ähnlich den Erinnerungsbildern, die -ich vom Montblanc, von den Dolomiten und den Schweizer Alpen mit mir -trug. Jetzt aber, nachdem ich vor Jahren am Himalaja war, sehe ich dort -im Geist keine ehernen Gletscher, keinen eisblauen Himmel mehr. Ich -sehe dort die Erde grau in grau wandern, denn es war im Februar, als -die Nebel aus der indischen Talsohle wie graue Felder heraufstiegen, -Nebel in allen Schattierungen, in Schatten und Beleuchtungen wechselnd. -Es war, als flögen die Berge; dann wieder versanken sie. In den -Sternennächten wirbelten diese Nebel im Mondschein. Der riesige -Himalaja schien sich fortzuwälzen. Bald stellten sich die Nebel wie -Riesentreppen auf, schlugen sich zum Himmel hinauf und drehten sich -um ihre Achsen wie ungeheuere Windmühlenflügel. Es blieb kein Oben, -kein Unten, kein Links und kein Rechts mehr bestehen, als wäre der -Himalaja eine Gedankenwelt geworden, in der sich fluchtartig Bilder und -Eindrücke, Wirklichkeit und Unwirklichkeit jagten. - -Siebentausend Fuß hoch oben in Darjeeling, dem weltbekannten -Erholungsort der englisch-indischen Beamten, Offiziere und reichen -Kaufleute, waren im Februar die meisten Villen geschlossen. Sie liegen -mit ihren Glaswänden und Glasveranden wie aus Bergkristall aufgebaut -an der Berglehne der hohen Gelände von Darjeeling. Dazwischen ziehen -sich Teegärten mit niedrigem Teegebüsch hin, denn der Tropenbrodem, -der vom großen indischen Reiche am Fuße des Himalaja zu den Höhen von -Darjeeling heraufraucht, bringt einen Atem von Fruchtbarkeit über diese -Südabhänge des Himalaja. - -Heimgekehrt nach Europa, wäre ich jetzt, wenn ich an den Himalaja -zurückdenke, ewig dazu verbannt, dort droben in Darjeeling den -unendlichen, lautlosen, träufelnden Februarregen zu sehen, der aus den -Nebelschwaden niedertroff, und ich müßte immer in die nebelwandernden -Berge schauen, die mir nie mehr stillstehen würden, wäre mir nicht -dort jenes Erlebnis begegnet, das mich zeitlos und weltlos ansieht, -nicht gebunden an Tag und Jahreszeiten, sondern nur gebunden an die -Allmenschlichkeit, an das Menschenherz, das rund um die Erde, an allen -Orten gleich handelnd liebt und leidet, als wäre es ein einziges Herz. - -Eines Nachmittags hatten mich die fünf Tibetaner, die meine Rikscha -schoben, nach dem einzigen tibetanischen Tempel gefahren, der an einem -Ende des Bergdorfes Darjeeling, nach langen Fahrten, auf verschlungenen -Wegen erreicht wird. Der Tempel war einfach wie ein weißgekalktes -Scheunenhaus und unterschied sich fast in nichts von tibetanischen -Bauernhäusern. Er lag am senkrechten Abhang, von einigen verwilderten -Bäumen umstanden, ein wenig einfach, und man hätte ihn ebensogut von -weitem für einen kleinen Gasthof halten können. - -Ich mußte einen nassen Vorgarten durchschreiten und hörte von weitem -einen regelmäßig klingenden Ton. Es war der Laut der Gebetsmühlen, die -nach jeder Umdrehung antönen. Unter dem Vordach des Tempelhauses stand -eine mannshohe und mannsdicke gelbe Röhre aufgerichtet. Sie war von -oben bis unten eng mit Gebeten beschrieben. Ein Tempelknabe in gelber -Kutte drehte mit der Hand den gelben Zylinder, der sich auf einem -Gestell rund um eine Achse bewegte. Jede Umdrehung des Zylinders galt -soviel als das vollständige Ablesen der tausend Gebete, die eingedrängt -auf ihr geschrieben waren. - -Drinnen im Tempel war es dunkel wie in einem Stall. Hinter dicken -Holzgittern standen die geschnitzten Götter, deren alte gebräunte -Vergoldung kaum noch glänzte. Da war kein friedlicher Gott darunter. -Alle Götter standen oder hockten in wilden verrenkten Stellungen, als -wären sie den verzerrten Nebeln draußen nachgebildet. - -Aus unzähligen Ölnäpfchen, voll kleiner Nachtlichter, flimmerten -winzige Flämmchen. Wie die Futtertröge der Götter, so standen sie da -vor den Gittern und nährten die speckigen Goldgesichter mit ihrem Ruß -und belebten sie mit dem Gewimmel ihrer knisternden Flämmchen. - -Nicht an allen Wänden standen Götterbilder. Es waren da Lücken, und -dort am berußten und schmutzigen Wandkalk entdeckte ich Photographien, -Ansichtspostkarten und Holzschnitte aus illustrierten englischen -Zeitungen. Es waren Bilder von englischen, deutschen, französischen, -russischen Prinzen und Generälen und Abbildungen von neuerfundenen -Maschinen, Bilder, welche von den tibetanischen Priestern heilig -gesprochen waren, vielleicht um den Europäern zu schmeicheln, -vielleicht auch aus abergläubischer Furcht vor unbekannten fremden -Seelenkräften. - -Am Fußboden in einer Ecke bemerkte ich geleerte englische Bierflaschen. -Ein paar tibetanische Priester mit glattrasierten kahlen Köpfen, in -schmutziggelben Kutten, hockten am Boden und rauchten, lehnten mit dem -Rücken an der Wand und stierten zur offenen Tür hinaus, zu der ein -wenig Tageslicht in den fensterlosen Raum hereinfiel und glasig auf den -Augäpfeln der Priester glänzte. - -Die knisternden Reihen von Nachtlichtern, die blöden Augen der -Priester und hie und da hinter den Gittern ein Götterbauch, an -dessen abgenütztem Gold sich die Ölflämmchen spiegelten, der -süßliche Tabakrauch aus den Priesterpfeifen und ein noch süßlicherer -Geruch von erkaltetem Räucherwerk, die grotesken Papierfetzen aus -illustrierten europäischen Zeitschriften, -- dieser Wirrwarr von -zeitlosem Spuk --, und draußen im Türviereck die ewig im Nebel -fortwandernden Himalajaberge wie Spuklandschaften, die bald in den -Himmel stiegen, bald zur Erde fielen, ein Nebelgekröse, das plötzlich -bis zur Tür herankroch; die gelben Ungeheuer der Gebetmühlen, die sich -einförmig drehten und in regelmäßigen Zwischenräumen mit einem dünnen -Metallton anschlugen, -- all das sah abenteuerlich aus, einfältig und -ungeheuerlich zu gleicher Zeit. Denn es bestand schon seit Tausenden -von Jahren und schien unvergänglich wie die Götter der Dummheit, -die neben den Göttern des Verstandes und des Gefühls ewig die Erde -beherrschen. - -Aber wie die Abgründe draußen vor der Tempeltür, an deren Rändern -das Schwindelgefühl saß, das Menschen, Tiere und Steinmassen in die -Himalajaschluchten reißen konnte, so lag hinter dem Gefühl der dumpfen -Dummheit, die in dieser stallartigen Tempelstube hockte, zugleich -eine kaltblütige Grausamkeit. Sie blickte beinahe schelmisch aus den -stieren Augen der kahlköpfigen tibetanischen Priester und grinste -grotesk freundlich aus den lachenden Mäulern der Gesichtsmasken der im -Halbdunkel hockenden Götterfiguren. - -Meine fünf tibetanischen Wagenschieber, die wie Eskimos in sackartigen -Kleidern vermummt steckten und von hünenhaften Kräften waren, fuhren -mich dann im Rikschawagen zurück, an fast senkrechten Bergwegen -hinauf. Dabei wieherten sie wie Pferdchen, meckerten wie Geißböcke -und prusteten wie Walrosse. Zugleich verfolgten meinen Wagen drei -tibetanische Riesenweiber, die ihre Schmuckketten aus kleinen -blauen Türkisen, Brocken Bergkristall und Stücken ungereinigter -Silberbronze, mit rötlichem Carneol verarbeitet, vom Hals und von den -Armgelenken rissen und mir zum Verkauf vor mein Gesicht hielten. Immer -gestikulierend sprangen die Tibetfrauen neben meinen Wagenrädern hin -und her, umgeben von einer bellenden Schar wilder Himalajahunde. - -Eine der Frauen nahm sich während des Springens die Türkisenohrringe -ab, eine andere drehte von ihrer Hand einen plumpen Silberring mit -rotem Carneolstein, die dritte zog sich bronzene Haarpfeile aus ihrem -ungekämmten, verwilderten und vom Regen nassen Haarknoten. Einige Worte -Englisch und hundert geschnatterte tibetanische Worte, durchsetzt -mit Hundegebell und begleitet vom Gelächter und Geschnauf meiner -schwitzenden Wagenschieber, schallten mir unausgesetzt vor den Ohren. - -Endlich kaufte ich dem einen Weib einen Ring ab, und da der -Rikschawagen an den Abhangwegen im Fahren keinen Augenblick halten -konnte, wurde der bewegte Handel durch Zuwerfen des Ringes und -Zurückwerfen des Geldes abgeschlossen. - -Zwei der Frauen blieben jetzt zurück. Nur das dritte Weib, das immer -noch ihre Haarpfeile verkaufslustig in der Luft schwang, haftete noch -an der Seite meines Wagens, vom Gekläff der Hunde umgeben. - -Als die Tibetanerin mich kaufunlustig sah, lockte sie mit den Augen, -so daß ihr die Wagenschieber tibetanische Scherzworte zuriefen, gegen -die sie sich eifrig verteidigte. Da mich die Haarpfeile nicht reizten -und des Weibes Augen mich nicht überreden konnten, fuhr sie immer neben -dem Wagen herspringend, mit den Händen in die Falten ihres sackgroben -Mantelkleides und fand in irgend einer Tasche eine kleine Silberkette, -die mir aber ebensowenig gefiel. Zugleich aber, wie sie die Kette in -der Luft schüttelte, flog, zwischen ihren Fingern durch, ein kleines -Bronzeamulett, das an einer Darmseite angebunden gewesen, und flog zu -mir in den Wagen auf meinen Schoß. - -Mit einem Blick sah ich, daß das Amulett ein echtes kleines -Bronze-Götzenbild war, nicht größer als ein Fingerglied. Es stellte in -viereckigen primitiven Formen zwei winzige Menschen dar, einen nackten -Mann, an welchem eine nackte Frau emporkletterte. - -Ich schloß meine Hand, in die das Amulett gefallen war, griff mit -der andern Hand in meine Westentasche, in der ich loses Silbergeld -trug, und warf dem Weib ein paar große Silbermünzen zu. Sie sah mich -erstaunt an, fing blitzschnell das Geld auf und blieb zurück. Zufällig -bog der Wagen um eine Wegecke. Ich konnte jetzt das Weib, das in dem -Haufen der bellenden Hunde stillstand, noch einmal von weitem sehen. -Sie schüttelte fortwährend den Kopf, als verstünde sie nicht, wie sie -zu dem Gelde gekommen sei. Sie hielt die Haarpfeile im Mund zwischen -den Zähnen und wickelte die Geldstücke in ein kleines Stückchen gelben -Tuches. Vielleicht war es dasselbe Stückchen Tuch, in welchem vorher -die Silberkette und das Amulett eingewickelt gewesen. - -Ich vergaß die Begebenheit, denn es ereignete sich jeden Augenblick -viel Neues in der mich umgebenden Reisewelt. Ich entsinne mich nur, -daß, als ich eine halbe Stunde später im Hotel das Amulett betrachtete, -mir nicht mehr dieses eine Weib in Erinnerung kam, sondern die zwei -anderen, die zurückgeblieben waren, und deren Wangen mit einer -roten Masse eingerieben waren. Ich fragte einen der tibetanischen -Fellverkäufer, die in der Vorhalle des Hotels bei ihren Pelzwaren -kauerten, und die alle Englisch sprachen, mit was sich die Weiber hier -die Wangen einrieben, daß sie so braunrot würden. Er sagte, daß die -Farbe Ochsenblut sei. Aber nur die Witwen bestreichen sich die Wangen -mit Ochsenblut und nur diejenigen Witfrauen, die den Männern zeigen -möchten, daß sie wieder heiraten wollen. - -Während ich noch sprach, läutete die erste Dinnerglocke im Stiegenhaus -des Hotels, die Glocke, welche die reisenden Damen und Herren darauf -aufmerksam macht, daß es an der Zeit ist, sich für das Mittagessen, daß -um 7 Uhr serviert wird, umzukleiden. Denn auch hoch oben im Himalaja -erscheinen die englischen Herren abends in Frack und Smoking und die -Damen in Schleppkleidern, tief ausgeschnitten und frisiert, als wären -sie für eine Galaoper geschmückt. - -Ich ging in mein Zimmer, wo eben ein tibetanischer Zimmerbursche das -Kaminfeuer angezündet hatte und jetzt nebenan im Baderaum, welcher zum -Zimmer gehörte, Wasser in die Badewanne schleppte. - -Der Baderaum hatte einen besonderen Eingang durch einen Balkon, der an -der Rückseite des Hauses entlang lief. Nachdem das Bad hergerichtet -war, murmelte der tibetanische Diener sein »all right Sir« und -verschwand durch die Hintertür des Badezimmers. - -Nachdem ich ins Bad gestiegen war und aufrecht im dampfenden Wasser -stand und einige Turnübungen ausführte, fühlte ich im Rücken einen -eiskalten Luftstrom, als ob jemand die Hintertür des Baderaumes zum -Balkon geöffnet habe. Ich rufe auf Englisch: »Tür zu!« Und um mich vor -dem eisigen Luftstrom zu schützen, tauche ich im heißen Wasser der -Badewanne bis zum Hals unter. Ich bemerke zugleich durch den Dampf, der -das Zimmer füllte, den Schatten einer Gestalt und frage: »Wer ist da?« - -Nur der Strahl des Kaminfeuers fiel von meinem Schlafzimmer in den -Baderaum herein, und ich merkte zu meinem Erstaunen, daß die kleine -Lampe, welche der Diener in eine Fensternische gestellt hatte, die aber -vorher kaum leuchtete, jetzt vollständig ausgegangen war. - -Als ich auf meine zweimaligen Zurufe keine Antwort bekam, erhob ich -mich wieder aus dem dampfenden Wasser. Im selben Augenblick fühlte ich -wieder den Eishauch von der Türe her, die wahrscheinlich wieder hinter -dem Dampfnebel geöffnet worden war. Der menschliche Schatten, den ich -vorher gesehen hatte, war aber verschwunden. - -Mir schien, wenn ich mir die Gestalt vergegenwärtigte, als wäre es eine -Frau gewesen, die vorher eingetreten und die jetzt wieder verschwunden -war. - -Ich tastete in den Dampfnebel, fragte noch ein paar Mal, beendete dann -mein Bad schneller, als ich es sonst getan hätte, wickelte mich ins -Badelaken, machte Licht im Schlafzimmer und leuchtete in den Baderaum, -fand aber niemand. Dann kleidete ich mich an, klingelte und fragte den -Diener, ob man jemand hereingelassen, während ich im Bad war. - -Dieser schüttelte den Kopf und wußte von nichts. - -Ich vergaß auch diese Begebenheit wieder. Aber nach Mitternacht, als -ich mich zu Bett legte, schloß ich vorsichtig alle Türen. - -Das Amulett hatte ich genau betrachtet, und nach dem Alter der -Darmseite zu schließen, an die es gebunden und die vom Tragen sehr -abgenützt war, konnte ich mir vorstellen, daß das Amulett wohl schon -mehrere Menschenalter um den Hals verschiedener Personen gehangen -und auf der Brust verschiedener Leute geruht haben mußte. Bis diese -starke Darmseite sich abnützen und durchwetzen konnte, mußten manche -Menschenleben dahingegangen sein. - -Die an der Männergestalt emporkletternde kleine Frauengestalt war von -geschwärzter Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze zu sein. - -Klobig, simpel, primitiv war die nußgroße Figurengruppe -zusammengeschweißt, wahrscheinlich in irgend einer Bergschmiede -tief im Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer tibetanischen -Klosterschmiede gearbeitet, in einem jener ungeheuerlichen Klöster, -die an unzugänglichen Stellen, an Bergabhängen und Bergseen zerstreut -liegen auf der Straße nach Lassa hin, jener Straße, die zu der -geheimnisvollsten Klosterstadt der Welt führt. - -Ich mußte wieder an das stattliche Tibetweib denken, wie es da mitten -im Haufen bellender Hunde gestanden und gedankenvoll mein Geld in das -gelbe Tuch gewickelt hatte. - -Plötzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten Gesicht zu schließen, -hatte die Frau, als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht -gewußt, daß sie es mir zugeworfen hatte. Sie hatte eine Silberkette -in der Hand geschüttelt, und wenn ich jetzt darüber nachdachte, so -schien es mir, als wäre ihr unbewußt das Amulett aus den Fingern -geglitten, denn ihr Gesicht war verblüfft und nachdenklich, als sie -meine Silbermünzen auffing und einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich -das Amulett mit meinem Gelde bezahlt, und es war mein. So sagte ich mir -und legte mich beruhigt zu Bett. - -Ich weiß nicht, wie viel Stunden ich geschlafen hatte, als ich durch -einen Knall und ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr auf und -hörte ein Geräusch wie von flatternden Flügelschlägen. - -Das Kaminfeuer war vollständig niedergebrannt, und der kleine -Glutbrocken leuchtete nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht mehr an -die Wände, von wo aus das klatschende Flügelschlagen herkam. - -Ich machte Licht und sah ein schwarzes Tier, groß wie eine Eule, von -Winkel zu Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg, sah ich, daß -es eine große Vampirfledermaus war. Ich öffnete die Schlafzimmertüre, -die nach der Treppe ging, weit, und rief ins Treppenhaus hinunter, -indessen ich mich in meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer -saßen immer einige Diener, die die Nachtwache hatten. Einer von -den Männern kam nun herauf, riß die Bettdecke von meinem Bett und -schlug mit dem Tuch nach dem Tier in die Luft und scheuchte die -Riesenfledermaus durchs geöffnete Fenster in die Nacht hinaus. - -Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke der Scheibe eingestoßen. -Doch unerklärlich war es mir, wie die weiche und zartknochige -Fledermaus es fertig gebracht hatte, die harte Fensterscheibe -einzustoßen. - -In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Ich ließ das Licht brennen und -befahl dem Diener, das Kaminfeuer zu schüren. Ich setzte mich dann an -den Kamin und las, das heißt, ich wollte lesen, um nicht einzuschlafen. -Aber mehrmals mußte ich aufhorchen. Es war mir, als hörte ich Schritte -auf dem Balkon, auf welchen das zerbrochene Fenster führte. - -Ich sah vom Lesen nicht auf. Ich sagte mir, es wird einer der Diener -sein, der sich überzeugen will, ob mein Kaminfeuer noch brennt, und der -mich nicht zu stören wagt und deshalb auf dem Balkon herumschleicht und -hereinsieht. - -Nach einer Stunde war mir, als verbreite sich ein durchdringender -Blumengeruch im Zimmer. Ich schloß die Augen, lehnte meinen Kopf im -Ledersessel zurück und überlegte, ob die Nachtnebel, die aus den -Himalajateegärten und aus der indischen Tiefebene heraufstiegen, -solch einen betäubenden Blütengeruch mit sich führen können. Durch -das zerbrochene Fenster schien der Geruch mit dem Nebelrauch -hereinzuziehen, denn ich sah einen feinen bläulichen Dampf, der vom -zerbrochenen Fenster her das Zimmer erfüllte. Ich wollte aufstehen, ein -Handtuch oder einen Reiseschal nehmen und die zerbrochene Scheibenecke -zustopfen, um den betäubenden Nebel abzuwehren. - -Aber es blieb bei dem in meinem Gehirn sich immer wiederholenden -Wunsch, aufzustehen. Meine Augen fielen zu. Einige Zeit hielt ich das -Buch noch in der einen Hand fest. Aber das Buch schien immer größer -und schwerer zu werden. Das Buch wuchs und stand vor mir wie die Wand -so groß. Und immer, wenn ich mich aufrichten wollte, stand vor mir das -aufgerichtete wandgroße Buch. Es war mir, als wohne ich nicht mehr -in einem Zimmer. Ich wohnte in einem Buch. Und ich hatte das Gefühl, -dieses Riesenbuch könnte zuklappen und mich zwischen seinen Seiten -erdrücken. Das Buch roch so süß wie die Süße aus einem alten Schrank, -in welchem getrocknete Blumen und Lavendel lagen. Mit diesem gemischten -Gefühl von Süße und drückender Bangigkeit verbrachte ich, wie es mir -schien, Jahre, ohne daß sich etwas in meinem Zustande änderte. - -Ich wachte durch ein Klopfen auf. Es klopfte irgendwo jemand auf meinen -Schädel. Es wurde lange und heftig geklopft. Bald war es mir auch -wieder, als klopfe man schon jahrelang. Ich horchte auf. Meine Augen -öffneten sich und sahen immer noch Kaminglut. Draußen war es immer noch -Nacht. Das Klopfen kam von den verschiedenen Zimmertüren im Korridor. -Die Hotelgäste wurden geweckt. - -Ich erinnerte mich jetzt, daß unsere Reisegesellschaft, die zehn Damen -und Herren, die sich hier in Darjeeling im Hotel zusammengefunden, -verabredet hatten, um drei Uhr morgens bei Mondschein aufzubrechen, -um auf Paßwegen zu dem zweitausend Fuß höher gelegenen »Tigerhill« zu -reiten, wo man den Sonnenaufgang über dem Mont Everest und anderen -Riesen des Himalaja erwarten wollte. - -Im Zimmer war noch immer der süßliche Dunst. Ich kleidete mich im -halbtrunkenen Zustand an. Ein Diener brachte mir dann den Morgentee und -sagte, daß die Pferde gesattelt seien und unten an der Veranda warten. - -Als ich ein paar Minuten später aufs Pferd stieg, freute ich mich über -die klare Bergluft, über den eisklaren Halbmond, der am Himmel hing, -und über den reinen Neuschnee, der gefallen war, und ich hatte bald -ganz und gar den Blumendunst vergessen und die letzten Stunden jenes -schweren Schlafes, der mehr einem Alpdruck als einem gesunden Schlaf -ähnlich gewesen. - -Auf den schmalen Paßwegen, auf denen die Pferde hintereinander -schreiten mußten, schwiegen das Geplauder und Gelächter der Damen und -Herren. Es war, als ritten wir nicht auf der Erde, sondern auf Wolken, -an Wolkenrändern entlang. Die Mondsichel hatte nicht Kraft genug, die -Himalajagründe auszuleuchten. Meere von Finsternis lagen an den Rändern -der Paßwege, die nur einige Hufbreiten breit auf den Berggraten entlang -zogen. Bäume, die so alt waren, daß sie kein Blatt mehr trieben und nur -wie moosbehangene Skelette ragten, waren durch Nebel und Schnee wie vom -Erdboden abgeschnitten und hingen in der Luft wie vom Himmel herab. -Einige waren wie hausgroße Skelette ungeheuerlicher Fledermäuse. Diese -Gespensterbäume und der jasminweiße Mond auf dem grünlichen Nachtäther -erinnerten mich wieder an mein Nachterlebnis. Aber die großen -geöffneten unergründlichen Himalajaabgründe, die den Eindruck gaben, -als könnte man so tief in die finstere Erde hineinsehen, so tief wie in -den Nachthimmel, diese Abgründe, an denen die Pferde zagend und tastend -und lautlos im glitschigen Schnee wie balancierend zwischen Leben und -Tod entlang gingen, verschluckten Rückerinnerungen und Gedanken, diese -Abgründe wollten mich einschläfern, stärker noch als der Blumengeruch -es vorher getan hatte. - -Der warme, schweißdampfende Pferderücken, der mich trug und der mich -rüttelte, war das einzige Stück Wirklichkeit, das ich noch fühlte, -denn der Traumzustand der Gespensterlandschaft wollte sich mit dem -Traumzustand meiner noch nicht völlig wachen Gedanken vermischen und -mich in die Abgründe ziehen. - -Endlich verflüchtete sich die Nacht, und wir erreichten in der -blaugrauen Dämmerung, die dem Sonnenaufgang vorausgeht, die Höhe des -Tigerhills. - -Tibetanische Diener waren vom Hotel vorausgeschickt worden. Ein großer -Holzstoß war angezündet worden, aber das Holz war naß und rauchte mehr -als es brannte. Der Schnee war im Umkreis des Feuers weggeschmolzen. -Wir versuchten, unsere vom Reiten erstarrten Füße beim Feuer zu wärmen, -umwanderten stampfend den qualmenden Holzstoß, vertrieben uns die Zeit -mit Teetrinken und warteten auf die ersten Zeichen des Sonnenaufgangs. - -Auf einmal sagte jemand neben mir: »Das ist der -Schmetterlingshändler!« Der Genannte war ein Deutsch-Engländer aus -Darjeeling, der einen tibetanischen Antiquitätenladen dort hatte und -zugleich einen Handel mit Himalajaschmetterlingen trieb, von denen er -die schönsten Exemplare auf Bestellung nach Europa sandte. - -Wie der Mann auf den Tigerhill gekommen, ob er uns auf einer -Nachtreise aus dem Inneren des Gebirges begegnet war, oder ob er -die Reisegesellschaft von Darjeeling aus begleitet hatte, wußte -ich nicht. Ich dachte nur im selben Augenblick, wie ich das Wort -»Schmetterlingshändler« hörte, an die seltsame Trommel, die ich in -seinem Laden zwei Tage vorher gekauft hatte; eine Trommel, angefertigt -aus den Hirnschalen zweier Menschen, aus der Hirnschale eines Mannes -und aus der eines Weibes. Jede Schalenhöhle war mit einer Membrane -überzogen; an der Wölbung aber waren die beiden Gehirnschalen -zusammengeschweißt, so daß sie zwei kleine Trommeln bildeten. -Schüttelte man diese, so schlug in jeder Schädelhöhle eine kleine, -hinter der Membrane eingesperrte Elfenbeinkugel an die Schädelwand und -an die Membrane und trommelte unausgesetzt. Der Schmetterlingshändler -hatte mir erzählt: - -»Ich habe diese Trommel von einem tibetanischen Priester in einem -tibetanischen Tempel gekauft. Es sind die Schädelschalen eines -treulosen Mannes und eines treulosen Weibes. Diese Trommel wurde -täglich zur Gebetstunde angeschlagen, denn die Treulosen sollen, ewig -aneinander gekittet, im Tode keine Ruhe haben. Der Priester, der auf -dem Leichenstein beim Tempel die Leichen zu zerschneiden und den -Vögeln hinzuwerfen hat, hat das Recht, die Schädelschalen zweier, -die die Treue gebrochen haben, nach dem Tode zu solchen Trommeln zu -verarbeiten.« -- - -Mit großer Mühe hatte der Schmetterlingshändler die Trommel aus dem -Tempel erhalten. - -Machte es die dünne hohe Gebirgsluft, daß meine Ohren jetzt plötzlich -aus allen finstern Himalajaabgründen ein Donnern hörten, als seien die -Bergschlünde trommelnde Schädelhöhlen von Ungetreuen? - -»Hören Sie die Lawinen, die bei Sonnenaufgang sich von den Gletschern -lösen und in die Tiefe donnern?« sagte ein Herr neben mir zu einer -Dame. Dann war tiefe Stille. Keine Teetasse klapperte, kein Schritt im -Schnee knirschte mehr. Die Pferde spitzten die Ohren und schnupperten. -Drüben im Nebel, über einem tageweiten Abgrund, erschien der fleischige -Arm eines Riesen, die rosige fleischige Brust einer Frau, Nacken, -Schultern, Hüften in gigantischen Dimensionen. Es waren die Umrisse des -Mount Everest und des Kantschindschanga, die wie ein nacktes Riesenpaar -höher als der Mond im Himmel lagen. - -»Die Sonne,« flüsterte eine Dame. - -Ich sah über meine Schulter von den Bergen fort und entdeckte eine rote -glühende Lawine, die sich auf Nebelfeldern kaum merklich fortrollte und -größer und röter wurde, -- die Sonne. Wie eine große rote Sintflut gab -sie den Gletschern Blut und machte den Schnee zu Fleisch. - -Im selben Augenblick, mitten in diesem feierlichsten Augenblick des -Sonnenaufgangs, nahm jemand meine Hand, führte meine Finger in eine -Westentasche und sagte: Wo ist das Amulett, das du gestern kauftest? -Sehen die großen fleischfarbenen Gletscher dort nicht aus wie die -Männer- und die Frauenfigur deines Amuletts, das du der Tibetfrau -gestern abkauftest? - -Das Amulett war nicht in meiner Westentasche. Aber das Geld, das ich -dafür bezahlt hatte, die drei großen Silberstücke, befand sich wieder -in meiner Westentasche. - -Der Gedanke an das Amulett hatte meine Hand in die Westentasche -geschoben. - -Wer hat jetzt laut gelacht? Alle Gesichter sahen sich nach mir um. Es -wurde mir unheimlich vor mir selbst. Wie ich meinen Pelzrock geöffnet -hatte, um das Amulett zu suchen, stieg mir aus der Kleiderwärme -wieder jener geheimnisvolle Blumengeruch entgegen. Aber jetzt bei der -aufgehenden Sonne, in der Schneefrische des Morgens, erkannte ich in -dem Geruch ein betäubendes tibetanisches Tempelräucherwerk, das, in -großen Massen eingeatmet, einschläfert und Visionen verschafft, und -dieser Geruch steckte noch von der Nacht her in meinen Kleidern. - -Auf dem Pferderücken vorhin war mir schon der Geruch stark in die Nase -gestiegen. Ich selbst war aber noch zu sehr von der Schlafzimmerluft -betäubt gewesen, um seinen Ursprung zu erkennen. - -Jetzt wandte ich mich mit einem energischen Ruck an den -Schmetterlingshändler, um ihn zu fragen: »Glauben Sie, daß es Amulette -gibt, die ihren Besitzern so teuer sind, daß sie sie für nichts -verkaufen würden? Glauben Sie, daß, wenn ein tibetanisches Weib -ein solches Amulett zufällig von sich geschleudert hätte, es alle -Listen seiner listigen Natur anwenden würde, um das Amulett wieder -zu erhalten? Glauben Sie, daß es durch Hintertüren in die Häuser -eindringen würde und sich nicht scheuen würde ein Fenster einzustoßen, -um das Amulett zu erhalten? - -Sie werden mir sagen: ›Das zerbrechende Fenster würde jedermann -wecken!‹ Aber ich sage Ihnen: Man kann zugleich durch das zerbrochene -Fenster eine lebende Fledermaus ins Zimmer werfen, die die -Aufmerksamkeit auf sich lenkt und nicht den Gedanken aufkommen läßt, -daß ein Mensch mit Absicht das Fenster zerschlagen hätte. Betäubt man -dann noch durch eine Räucherstange den im Zimmer Anwesenden, so ist es -ein leichtes, nachher mit dem Arm durch die zerbrochene Fensterscheibe -in das Zimmer zu langen, den Fensterknopf von innen aufzudrücken, -durchs geöffnete Fenster vom Balkon hineinzusteigen, das verlorene -Amulett zu suchen, zu finden und, wenn eine Kaufsumme dafür hergegeben -war, das Geld wieder hinzulegen und das Amulett mitzunehmen.« - -Alles dieses wollte ich mit energischem Entschluß den -Schmetterlingshändler jetzt fragen. Ich öffnete den Mund. Aber die -Worte, die ich sprechen wollte, verwandelten sich in Atemrauch, und ich -hörte in meinen Ohren, daß ich sagte: »Wenn Sie wieder einige seltene -Exemplare von Himalajaschmetterlingen haben, können Sie mir dieselben -an meine Adresse nach Europa senden.« Dabei nahm ich aus meiner -Westentasche dasselbe Silbergeld, womit ich gestern schon das Amulett -bezahlt hatte, und bezahlte im voraus den Preis für drei Schmetterlinge. - -Ich hatte nichts mehr gesprochen. Die Sonne war bald wieder in Nebeln -verschwunden, und wir ritten im Tageslicht, das aber mehr dem Mondlicht -glich, an den nebelnden Abgründen zurück nach Darjeeling. - -Das Amulett fand ich nicht mehr. Es war nicht auf meinem Tisch zu Hause -im Hotelzimmer, nicht in meinen Taschen, nicht in meinen Koffern. - -Ich erinnerte mich jetzt, daß, als ich gestern abend nach dem -Diner durch die Billardsäle zu den Spielzimmern gegangen war, wo -die befrackten Herren und die dekolletierten Damen an den grünen -Spieltischen vor den lodernden Kaminen saßen, mich einen Augenblick -eine Sehnsucht gepackt hatte, fortzukommen aus den europäischen Sälen, -die man hier in Asien sogar noch hoch im Himalaja für verwöhnte -Millionäre und Milliardäre hingestellt hat. - -Ich war dann auf die breite Hotelterrasse hinausgetreten und hatte -dem Hexenspiel der rollenden Bergnebel über den Schluchten zugesehen -und den Sternen, die über den bewegten Nebeln zu tanzen schienen. -Dann fielen ein paar Regentropfen, mit Schneeflocken untermischt, aus -fortflüchtenden Nebelwellen, die um den Mond kreiselten. - -Als ich wieder ins Hotel zurückgehen wollte, war mir, als sähe ich -ein großes Tier unter der Terrassenbrüstung um die Hausecke laufen. -Gestern abend hatte ich gedacht, es sei ein Hund. Jetzt wußte ich -aber, daß es ein Mensch gewesen, der auf allen vieren ging, eine Frau, -wahrscheinlich die Frau, deren Amulett ich besaß, die während der -ganzen Nacht um das Hotel geschlichen war, und die sich mit aller List -das Amulett aus meinem Zimmer von meinem Tisch geholt hatte. - -Dies bedachte ich jetzt nach der Rückkunft vom Mondscheinritt im -Hotel und sehnte mich, mit jemandem darüber zu sprechen. Aber meine -europäischen Reisegefährten schienen mir alle zu banal, als daß -ich Lust gehabt hätte, sie in die Mystik dieses Nachterlebnisses -einzuweihen. - -Nachmittags um drei Uhr sollte mein Zug abgehen, der mich zum Abend -wieder hinunter in die Kaffeegärten und Zuckerrohrpflanzungen Indiens -bringen würde, und der am nächsten Morgen mit mir in Kalkutta -eintreffen sollte. - -Auf dem Weg zum Bergbahnhof konnte ich mich nicht enthalten, die -Rikscha am Laden des Schmetterlingshändlers warten zu lassen. Ich stieg -aus. Als ich die Ladentüre öffnen will, wird seltsamerweise dieselbe -schon von Innen aufgemacht, und an mir vorbei läuft ein tibetanisches -Weib heraus. Ich hätte aber die Frau kaum wiedererkannt, da mir alle -Tibetanerinnen untereinander so ähnlich schienen, sowie auch die Neger -und Chinesen für den Europäer immer einander ähnlich sehen, hätte die -Frau nicht mit einer heftig erschrockenen Bewegung in die Brustfalten -ihres Mantelrockes gegriffen, als wolle sie dort etwas beschützen, was -ich ihr hätte entreißen können. Mir schien, als ob sie hohläugiger und -blasser wäre als am Tage vorher. Laut mit sich selbst sprechend und -mit den Ellenbogen in die Luft fuchtelnd, als müßte sie hundert Hände -abwehren, die sich nach ihr streckten, stürzte sie die Bergstraße -hinunter fort, begleitet vom Gelächter meiner Rikschaschieber, welche -das Gebaren der Frau noch sonderbarer fanden als ich. - -Im Laden kam ich nicht dazu, dem Schmetterlingshändler vom Amulett -zu sprechen, denn ehe ich noch den Mund öffnen konnte, zeigte er -mir in einem geschnitzten Kästchen einen aufgespießten sogenannten -Handflächenschmetterling. Jene Frau hatte ihm eben den seltenen -Schmetterling verkauft. Er wurde in einem Kästchen aus Kampferholz -aufbewahrt, denn der Geruch dieses Holzes schützt die Schmetterlinge -gegen zerstörende Witterungseinflüsse. Durch Generationen hindurch -kann man einen solchen Schmetterling im Kampferholz bei vollem Glanz -erhalten. Auch diese Frau hatte den Schmetterling schon lange als ein -Erbstück ihrer Familie besessen. Warum sie ihn verkaufen wollte, da er -doch unbezahlbar war, konnte der Schmetterlingshändler nicht begreifen, -denn ein Handflächenschmetterling wird alle hundert Jahre einmal -im Gebirge gefunden. Auf seinen Flügeln sind dunkle Linien, deren -Zeichnung den Linien in der Handfläche einer Menschenhand gleichen. - -»Diese Frau,« sagte der Schmetterlingshändler, »muß vielleicht für -irgendeine eingebildete Schuld ein Tempelopfer bringen, da sie mit -einem solchen Schmetterling ihren besten Familienschatz verkauft, um -Opfergeld zu erlangen.« - -Ich erstand den Schmetterling. Und kaum hatte ich ihn in Händen, -so wurde mir auch, ohne daß ich fragte, eine Erklärung über meinen -Amulettverlust zuteil. - -Der Schmetterlingshändler erzählte mir, daß jene Frau eine sogenannte -»ewige Witwe« sei, eine von jenen, die ihre Wangen nicht mit Ochsenblut -bemalen und nicht mehr das Verlangen haben, einen anderen Mann als -den Gestorbenen zu lieben. Um aber auch des Toten sicher zu sein, daß -dieser ihr im nächsten Leben treu wird, wie sie ihm treu sein will, -trägt eine solche Frau an einer unzerreißbaren Darmseite ein Amulett -an der Brust, welches ein Menschenpaar darstellt. Wenn die Witwe -aber dieses Amulett verliert, -- denn ein Amulett wird eine Frau nie -verkaufen, -- hat sie damit die Treue des Toten verloren und wird -ihren Geliebten im nächsten Leben nicht wieder finden. - -Ein solches Amulett wird niemals verkauft, und sollte es verloren -gehen, so setzt eine jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um das -kostbare Amulett der Treue wieder zu erhalten. -- - -Während dieses Nachmittags, als ich im Zug saß und in die finsteren -Abgründe des Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf, der aus der -Lokomotive kam, und der in den Dschungelwäldern und an den Urwaldästen -hängen blieb, hunderte Male die Gestalt jener ewigen Witwe, wie sie -bald gebückt und geduckt suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte -über die Urwaldwipfel, wie sie die Arme an die Brust drückte und nach -dem Amulett fühlte, das ihr die Treue und die Liebe ihres Geliebten im -nächsten Leben versprach. - -Dann, als es dunkel wurde und ich draußen keinen Wald und keinen -Dampf mehr sah, betrachtete ich lange bei der trüben Wagenlampe den -großen Handflächenschmetterling in dem Kampferkästchen, dessen Linien -so verschlungen sind wie die Schicksalslinien in den Handflächen -der Menschen und dessen Linien in dunkle Nachtränder auslaufen, in -unergründliche Finsternisse, ähnlich den Himalajaabgründen, die voll -Finsternis und Aberglauben draußen dicht bei den Schienengeleisen der -Bergbahn drohten. - - - - -Häcksel und die Bergwerkflöhe - - -Häcksel war der Sohn des Finsterer, und der war Bergmann im Annaschacht -gewesen. Und Finsterer war der Sohn des Labemann, und der war Bergmann -im Annaschacht gewesen. Und Labemann war der Sohn des Flegels, und -Flegel war Bergmann im Annaschacht gewesen. Keiner von denen war -ehelich geboren. Dieses aber ist der Stammbaum der Geliebten der Mütter -jener Bergmänner. - -Häcksel war, was alle seine außerehelichen Vorfahren gewesen, Bergmann, -und er war mehr unter der Erde als auf der Erde zu Hause. - -Der junge Bursch von fünfundzwanzig Jahren war, solange er sich unter -der Erde befand, höflich, friedlich und zufrieden. Aber oben auf der -Erdoberfläche, beim Tageslicht besehen, schien Häcksel das Gegenteil zu -sein, störrisch, unfreundlich und ungemütlich. Teils war es das Licht -und die laute Welt, die ihn im Gegensatz zur molligen Grabesstille -und traulichen Dunkelheit, an die er unter der Erde gewöhnt war, -immer wieder von neuem reizten. Aber Licht und Lärm waren es nicht -allein, die den stillen harmlosen Burschen in ein widerhaariges Ekel -verwandelten. Wenn Häcksel sichs klar gemacht hätte, warum er sich oben -auf der Erde, außerhalb des Schachtes, verwandelte, so würde er erzählt -haben, daß ihm draußen im Leben, außerhalb der Kohlengrube, seine -liebsten Unterhalter fehlten, die Bergwerkflöhe, denen er zugetan war, -und die neben der Arbeit seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. - -Die Bergwerkflöhe aber lieben nur die laue Wärme, die im Erdinnern -herrscht, und sind nicht zu bewegen, jemals an die Oberfläche zu -kommen. Sie begleiten den Bergmann, den sie sich als Nahrungsfeld -ausersehen haben, nie ans Licht. Sie springen immer im letzten -Augenblick ab, ehe der Förderkorb den Schacht verläßt. - -Häcksel hatte sich durch nichts als durch sein süßes Blut bei den -Flöhen des Annaschachtes beliebt gemacht. Vielleicht war er deshalb -beliebter, weil sein Blut seit Geschlechtern außerehelich, also -wildsüß, gezeugt worden war. - -Wenn keiner einen Floh im Schacht hatte, Häcksel hatte immer einen zur -Unterhaltung bereit, und dieses verschaffte ihm manchen wahren Freund -im Bergwerk. Denn die Bergleute rechnen in ihrem unterirdischen Dasein -die Anregung und Unterhaltung, die ihnen die Bergwerkflöhe bieten, als -eine Erhöhung ihrer lahmgelegten Lebenslust. - -Wenn irgendwo in einem entlegenen Stollen zur Erhöhung der Geselligkeit -ein Floh fehlte, schickten die Leute hin zu Häcksel und erhielten auch -schon für einen Schluck kalten Kaffee einen schönen ausgewachsenen Floh -von Häcksel geliefert. - -Man weiß aber, daß durch fortgesetzte Inzucht auch die lebhaftesten -Flöhe allmählich verblöden können, und das geschah, -- nachdem aus den -Zeiten Flegels, Labemanns und Finsterers, die, solange das Bergwerk -bestand, drei Menschengeschlechter hindurch, immer nur untereinander -gelebt und sich fortgezeugt hatten, -- zur Zeit, da Häcksel -fünfundzwanzig Jahre alt wurde und von Schwächezuständen befallen war. -Die Bergleute stellten fest, daß die heutigen Flöhe ihres Geschlechtes -nicht mehr so hoch springen konnten, daß sie sich auch nicht mehr so -lebhaft untereinander angezogen fühlten, nicht mehr dieselben Tänze -vollführten, die vorher die halbnackten Bergleute auf Brust und Rücken -ihrer Kameraden bewundert hatten. Man konnte ihrem Mutterwitz nicht -mehr vertrauen. Sie ließen sich von jeder täppischen Hand fangen. Sie -versimpelten so sehr, daß es eine Schande für das ganze Bergwerk war. - -Eines Tages, es war im Februar, im Taumonat, der die Erde aufweckt und -auch die Triebe der Bergwerkflöhe in der Erde beleben kann, fühlte sich -Häcksel, der eben Feierabend machen wollte und seinen Pickel, womit -er Kohlen gehackt hatte, an die Flötzmauer stellte, besonders lebhaft -hinterm linken Ohr gebissen, so lebhaft, wie seit langem nicht mehr. -Häcksel glaubte, es sei Stänker, sein Leibfloh, der frühlingslustig -geworden wäre. Aber als der Bergmann mit dem Zeigefinger hinters Ohr -fühlte, merkte er, daß ein kleiner, zierlicher, weiblicher Floh dasaß, -und er erkannte auch bald, daß es Zinnoberchen war, eine Flöhin, die -so genannt wurde, weil sie am rötesten von allen Flohdamen leuchtete, -wenn sie sich an Menschenblut satt getrunken hatte und man sie auf -der Hand vor das Grubenlicht hielt. Zinnoberchen war so zart, daß das -Menschenblut aus ihrem Körper einen rötlichen Schatten neben sie legte, -wo sie gerade saß. - -Häcksel war über den unerwarteten Besuch ein wenig erstaunt. Denn um -die Feierabendstunde, die die Flöhe gut kannten, war meistens jede -Unterhaltung zwischen den Bergleuten und ihren lieben Leibtierchen zu -Ende. Die kleinen Herrschaften zogen sich jeden Abend unaufgefordert -in den Pferdestall des Bergwerks zurück. Dieser Stall lag neben den -Kohlenschachten und befand sich ebenso wie diese viele Hundert Fuß -unter der Erde. Die alten Gäule, die dort fern vom Tageslicht in der -Grube zum Ziehen der Kohlenkarren gehalten wurden, bekamen niemals -die Sonne zu sehen und wurden mit der Zeit blind. Im Mähnenhaar der -Blinden, auf den Rückenwirbeln und in den Schwanzhaaren übernachteten -die Bergwerkflöhe mit Vorliebe. Dorthin eilten sie, wenn die -Feierabendstunde nahte. - -»Ich dachte, du wärest schon schlafen gegangen,« sagte Häcksel, als er -Zinnoberchen auf seinem Zeigefinger ans Grubenlicht hielt. »Du bist ja -ganz abgehärmt, liebes Kind,« fuhr er in Gedanken lautlos zu reden -fort. »Ich weiß, Euch fehlt neues Blut.« Er nickte und hüstelte. - -Der junge Häcksel war nicht stark. Er war schwer lungenleidend. Seine -Vorfahren, die da unter der Erde in der weichlichen Luft seit einem -Jahrhundert Kohlenstaub schluckten, hatten ihm keine starke Lunge -vererben können. Der Bergwerksarzt hatte zu dem schwindsüchtigen -Häcksel gesagt, ein schwacher Mann wie er dürfe nicht heiraten, und er -dürfe auch keine Frau küssen, da er mit Kuß und Umarmung nur Unheil -anstiften könne. Ein Schwindsüchtiger müsse nicht daran denken, Kinder -zu zeugen. Durch ihn würden nur armselige kranke Menschen entstehen, -die ihm und der Welt zur Last fallen würden. - -Häcksel hatte es am Feierabend darum nie so eilig wie seine Kameraden, -um hinauf ans Licht der Welt zurückzukehren. Ihm war im Bauch der -Erde wohl, wo es in Dunkel und Einsamkeit keine Wünsche gab. Nichts -erwartete ihn außerhalb des Bergwerkes als ein Strohsack in seiner -Kammer, und es lockte ihn nicht einmal dieser, da das Stroh ein -Geheimnis verbarg. Häcksel hatte im Stroh seit Jahren eine alte -Geldtasche verborgen. Die war voll alter Silbergulden. Die hatte er -in einem blinden Stollen unter der Erde gefunden, in einem Gang des -Bergwerks, der nur ihm allein bekannt war, und der im Bergwerksbuch -als vor Jahren von einem schlagenden Wetter verschüttet aus dem -Bergwerkplan ausgestrichen und nur als blinder Stollen bezeichnet stand. - -Häcksel hatte von jenem Unglück von seinem Vater öfters erzählen -hören. Der Alte hatte behauptet, bei den Verschütteten dort in dem -blinden Stollen müsse sich auch Geld befinden, denn es war bei den -Verunglückten damals ein zufälliger Besucher des Bergwerks mit -umgekommen. Man hatte wohl versucht, nachzugraben, hatte aber die -mühsamen Arbeiten bald eingestellt und den Stollen verlassen. - -Häcksel strolchte dort gern im Bergwerk herum und klopfte mit seinem -Pickel jahraus jahrein nach Feierabend in dem verschütteten Gang das -Gestein zur Seite. Eines Tages stieß er auf ein Gerippe, bald auf ein -zweites und drittes Gerippe, und dort fand er auch die alte Geldkatze -voll alter Silbergulden bei den Gebeinen liegen. - -Häcksel konnte gut schweigen. Wenn ihn manchmal der Gedanke lockte, -seinen Kameraden von dem Fund zu erzählen, so hustete er sich schnell -und heftig den Sprechreiz aus Brust und Kehle fort. - -Das Bergwerk lag in der Nähe eines oberbayrischen Sees, in den -Vorbergen der Alpen, und eine kleine Bummelbahn führte von dort an den -Dörfern vorüber bis München. In mancher Nacht, wenn Häcksel daheim in -seiner Hütte die alten Silbergulden mit gepulverter Kreide blankputzte, -nahm er sich vor, am nächsten Tag hinein nach München zu fahren und -das Geld bei einem Wechsler in Markstücke umzutauschen. Aber er hatte -sich fest vorgenommen: zum Leben wollte er nichts von diesem Geld -ausgeben. Das Geld sollte nur für sein Begräbnis ausgegeben werden. -Denn der Todesgedanke war Häcksels Lieblingsgedanke. Er sagte sich -immer, vom Tod könne er nur das Beste erwarten. Vor allem erwartete er -vom Tod Gesundheit. Wenn er diesen kranken, elenden, ewig hüstelnden -Körper abgelegt hätte, dann würde er gesund auferstehn, meinte Häcksel. -Es stand fest und klar in ihm, daß er mit seinem Tod ein neues und -gesundes Dasein beginnen würde. Darum war sein Sterben sein schönstes -und stolzestes Ereignis, das er zu erwarten hatte, und er wünschte -sich, um diese Verwandlung von Krankheit zur Gesundheit würdig zu -begehen, ein würdiges Begräbnis, eine teuere Seelenmesse, mit Orgel, -Musik und Glockengeläute, ebenso wie das, das unlängst der Hauptmann -der Feuerwehr des Bauernortes, in welchem Häcksel wohnte, bekommen -hatte, welches ein erstklassiges Begräbnis gewesen war. Ob nun das -Silbergeld im Berg bei den Gerippen lag, untätig und unnütz, oder ob es -für ein schönes Grab und einen schönen Sarg Verwendung finden würde, -das konnte den Gebeinen des Kaufmanns, den der Kohlenschutt deckte, -wohl gleich sein. - -An diesem Feierabend, an welchem Häcksel auf seinem Zeigefinger die -kleine Flöhin Zinnoberchen vor das Grubenlicht hielt, dachte er eben -lebhaft daran, einen Tag festzusetzen, um endlich die Silbergulden in -der Stadt in Markstücke umzuwandeln, als ihm die Flöhin lebhaft hinter -das linke Ohr gebissen hatte. Dann ging er mit dem Tierchen nach dem -Pferdestall, um Zinnoberchen sorgsam auf einen Pferderücken zu setzen. -Aber auf halbem Weg war ihm seine alte Flohbekanntschaft vom Finger -verschwunden. Er glaubte, sie habe allein den Weg zum Pferdestall -gesucht. Der Floh aber war auf seine Bergwerkmütze gesprungen. Dort saß -er zwischen Hutschirm und Band, und in der Nacht in Häcksels Kammer -blieb er beharrlich auf Häcksels Mütze sitzen, und als es ganz still -im Zimmer war, hörte der Bursch den Floh auf der flachen Mütze leise -springen. - -»Ah,« sagte Häcksel zu sich, »Zinnoberchen hat meinen Entschluß gehört! -Vielleicht habe ich laut vor mich hingesprochen im Bergwerk unten? -Zinnoberchen will mit nach München.« - -»Ja, das will ich,« gab der fröhlich hüpfende Floh durch Tanzlaute auf -der Mütze kund. - -In der Nacht noch band sich Häcksel die alte Geldtasche voll -Silbergulden um den Leib. Ehe das Tageslicht kam, setzte er seine -Mütze auf, auf der der Floh Sprünge machte, die, wenn man sie in Töne -umgesetzt hätte, Juchzer gewesen wären. - -Der Bursch ging durch den Wald zur nächsten Bahnstation. Es war -Sonntagmorgen, und er wollte nicht vom Bahnhof des Heimatortes -abreisen, damit man seine Reise nicht bemerken sollte. Am nächsten Tag -wollte Häcksel wieder zurückkehren und wollte eine Ausrede gebrauchen. -Er wollte sich im Bergwerk entschuldigen und sagen, er habe sich zwei -Tage im Walde verirrt und verlaufen. - -Der Floh, den morgens im kalten Februarwald fror, setzte sich -hinter Häcksels linke Ohrmuschel unter das warme Haar des Burschen -und betrachtete von dort die Gegend. Bald merkte Häcksel, daß alle -Gedanken, die er im linken Ohr hörte, ihm von Zinnoberchen eingegeben -waren, und nur die Gedanken im rechten Ohr waren seine eigenen. So -schritt er mit den zweierlei Gedanken wie im Frage- und Antwortspiel -über den holprigen Waldweg, wo der Schnee getaut war und fast laues -Vorfrühlingswetter herrschte. - -»Ich bin der erste Bergwerkfloh der Welt, der an das Tageslicht kommt,« -sagte Zinnoberchen zum linken Ohre Häcksels. - -»Nun weiß ich, warum ich so zufrieden bin,« meinte das rechte Ohr zum -linken Ohr, »weil ich Bergwerkgesellschaft habe am hellen Tag.« - -Zinnoberchen hing sich an einem Schläfenhaar fest und schaukelte an -diesem Haar im Winde hin und her, denn es war ihm kreuzwohl. - -Plötzlich aber fuhr dem Häcksel ein schrecklicher Gedanke durch das -rechte Ohr, und fuhr ihm vom Ohr in Hals und Brust, so daß er heftig -und schmerzhaft husten mußte. - -Die Flöhin sprang bei der Erschütterung aus dem Haar fort und rasch -hinter Häcksels Ohr, kam aber gleich wieder zurück, unerschrocken, und -hing sich wieder fest an das Schläfenhaar und schaukelte weiter. - -Der wilde Gedanke schoß aber in Häcksel kreuz und quer und rief: - -»Vielleicht ist dir deshalb heute ein Bergwerkfloh zum erstenmal ans -Tageslicht gefolgt, weil es heute in der Grube ein Unglück gibt. Denn -man sagt, die Bergwerkflöhe verlassen nur dann die tiefen Stollen, wenn -sie schlagende Wetter vorauswittern.« - -Dieses wußte Häcksel aus dem Munde seines seligen, außerehelichen -Vaters. - -»Nein, nein und nochmals nein,« antwortete aber darauf das linke Ohr, -das von Zinnoberchen beraten war. »Es ist eine höhere Notwendigkeit, -warum ich das Bergwerk heute verließ.« - -»Eine höhere Notwendigkeit?« echote es in Häcksel erstaunt. - -»Jawohl,« rief die Flöhin auf Häcksels Kopf von links. »Daß ich -heute reise, geschieht aus allerhöchster Notwendigkeit. Ich bin eine -Abgesandte. Ich muß Flohmänner ins Bergwerk herbeiholen, frische -kräftige gesunde starke Flohkerle.« - -»Warum ist Stänker, mein Leibfloh, zu diesem Auftrag nicht gut genug -gewesen,« fragte Häcksel ein wenig verletzt die Flöhin. - -»Hat man je gehört, daß ein Flohkerl so reizend ist, daß seinetwegen -andere Flohkerle einen Sprung machen? Es muß schon eine Flöhin kommen, -wenn Flohmänner sich holen lassen sollen.« - -»Und da hat man dich also, die Zarteste, mit mir nach München -geschickt?« - -»Ach was! Man hat nicht mich mit dir geschickt. Sondern du bist von -mir und uns allen ausersehen worden, mich nach München zu bringen,« -behauptete die Abgesandte hinter Häcksels Ohr. - -»Ich gehe meinethalben und nicht deinethalben, nicht in -Flohangelegenheiten, sondern in meinen gesunden Todesangelegenheiten -gehe ich nach München,« meinte Häcksel störrisch, als eben das -Morgenlicht aus den Waldbäumen grell auf seine Nase schien. »Licht und -Lärm kommen immer zusammen,« fügte er mürrisch und gereizt hinzu. -»Wenn ich nun aber umkehre?« setzte er fort. »Was dann?« - -»Dann lassen wir dir irgend etwas Schlechtes geschehen. Unsere Art zu -erhalten, dazu ist uns kein Ausweg zu ungeheuer. Und ein Menschenleben -ist noch lange kein Flohleben wert, noch dazu ein so wackeliges -Menschenleben wie deines, das nur noch an einem Faden, sagen wir -lieber, nur noch an einem Fädchen hängt.« - -»Ich wußte es ja,« schmunzelte Häcksel plötzlich aufgeräumt. »Ich -sterbe bald. Ich habe es auch nur deshalb so eilig, weil ich die alten -Gulden umwechseln will, um Geld zu einem schönen Begräbnis bereit zu -haben.« - -»Den Glauben will ich dir gern lassen,« meinte die Flöhin zweideutig. - -»Wie meinst du das?« fuhr Häcksel auf. »Werde ich am Ende doch nicht -bald sterben? Oder werde ich das Geld am Ende gar nicht zum Begräbnis -verwenden dürfen?« - -»Das kommt darauf an. Versprechungen oder gar Belehrungen teilen wir -Flöhe eigentlich selten aus. Wir denken zuerst an uns. Und da du als -Mensch in unserer Flohgewalt bist, mußt du gehorchen.« - -»Hoho!« hustete Häcksel und hustete sich blaurot vor Eifer. »Ich bin in -niemandes Gewalt. Ich bin ein freier Bergwerkarbeiter. Nicht mal der -Grubenherr hat mir außerhalb des Bergwerkes etwas zu sagen. Heutzutage -herrscht Freiheit im Arbeitervolk. Wir sind keine altmodischen Knechte -mehr.« - -»Daß ich nicht lach,« kicherte Zinnoberchen und ließ das schaukelnde -Schläfenhaar los, sprang zurück und biß herzhaft dem Häcksel in das -linke Ohrwatschel, so daß ein Blutstropfen, groß wie der dickste Floh, -dem Burschen aus der Haut quoll. - -Häcksel hielt wie immer still, wenn ihn ein Floh biß, teils um seiner -Gesellschaft nicht verlustig zu gehen, teils weil er es so seit -Väterszeiten im Bergwerk gewöhnt war. - -Zinnoberchen setzte sich an den Blutstropfen, sagte nichts mehr und -frühstückte lebhaft beschäftigt, während der arme Bursche unter den -kahlen Waldbäumen ging, manchmal von Husten geschüttelt und von Hunger -gekrümmt. - -Als die Flöhin von Menschenblut satt war, sagte sie nicht einmal -»danke«, sondern kroch unter dem Mützenrand unten durch auf Häcksels -Kopf, wo die Luft zwischen Haar und Mützenfutter gemütlich warm war. -Dort machte sie sich's bequem. Zuerst putzte sie ihre furchtbaren -Beißwerkzeuge, strich dann ihre gewaltigen Springbeine glatt, dehnte -sich und streckte sich auf dem weichen fettigen Haarboden zu einem -Verdauungsschläfchen aus. Sie hüstelte nicht, sie dachte nicht an den -Tod. Sie dachte nur an Lebensfortsetzung und Lebensgenuß. Sie murmelte -im Einschlafen, indem sie mit den Hinterbeinen zum Vergnügen ein wenig -auf den Haarboden trommelte: »Dummkopf! Dummkopf! Du meinst, du bist -der Stärkere! Du, der mir doch zum Frühstück dienen muß!« Dann schlief -die altadlige Flöhin aus dem vornehmen Bergwerkgeschlecht sanft ein, -indessen der hungrige Bergmann unter ihr wie ein Kamel weitertrabte und -hungernd und hustend den Bahnhof des nächsten Dorfes erreichte. - -Häcksel hatte auf der letzten Strecke zum Bahnhof stark nachgegrübelt, -wie er unauffällig mit dem nächsten Zug nach München kommen könnte. -Niemand sollte seine Abwesenheit oder seine Reise bemerken. Da war ihm -eingefallen, daß immer ein langer Kohlengüterzug um diese Morgenstunde -nach München fuhr. Er kannte aber den Bremser des Zuges, und dieses -schien ihm gefährlich, denn er wollte sich niemandem anvertrauen, um -seine Silbergulden ungestört umwechseln zu können. Er beschloß, sich -unter einem Kohlenwagen anzuklammern und dort in dem Versteck sich nach -München fahren zu lassen. - -Der Kohlenzug kam immer langsam und gemächlich daher und hielt einen -Augenblick draußen vor dem Bahnhof, bis die Weiche gestellt wurde und -er dann ebenso gemächlich weitertrotten konnte. Dieses hatte Häcksel -früher beobachtet, und diesen Augenblick wollte er benutzen und sich -unter den Wagen an den Ketten dort anhängen. Der Platz war schrecklich -unheimlich und grauenhaft qualvoll, und der Güterzug würde erst in -der Nacht in München ankommen. Aber was machte das dem Burschen, der -so dringend ein reiches Begräbnis erster Klasse haben wollte. Für die -Ehren, die seinen Leichnam später dann einmal erwarten würden, hätte er -gern noch Schlimmeres ertragen. - -Indessen nun der junge Bergmann eingeklemmt und gemartert zwischen -Rädern, Ketten und Eisenstangen hing und in ewiger Todesgefahr schwebte -und der furchtbare Eisenlärm, das Schütteln und Rasseln und Stampfen -des Wagens, unter dem er schweißtriefend angeklammert war, ihn zu -betäuben drohte, schlief die Flöhin im Kopfhaar des Burschen köstlich, -und wenn sie hungrig wurde, krabbelte sie an Häcksels Nacken entlang -und suchte sich eine möglichst zarte Stelle seines Rückens oder seiner -Brust aus, biß herzhaft zu und sog das süße heiße Menschenblut in sich -ein. - -So kamen beide, jedes auf seine Art, vorwärts. Der Mensch geplagt, -geängstigt und verliebt in seinen Tod, der Floh zufrieden, gesättigt -und verliebt in Blut und Leben. - -Spät in der Nacht fuhr der Güterzug langsam in den Bahngeleisen von -München ein. Unbemerkt machte der erschöpfte blinde Mitreisende sich -unter dem Wagen los und schlich sich im Güterbahnhof auf Seitenwegen -über Schienen, über einen Stachelzaun und eine Plankenwand kletternd -davon. - -Der Güterbahnhof lag abseits, und in dem Stadtviertel in nächster Nähe -standen einfache schweigende Häuserreihen, und in weiten Abständen -brannten einsame Laternen. Häcksel wollte einen Gasthof aufsuchen und -am nächsten Morgen die alten Guldenstücke umwechseln und dann mit -der Bahn gemächlich auf einem Sitzplatz zurückfahren und auf einer -Haltestelle, etwas entfernt vom Heimatdorf, aussteigen. So würde dann -die Reise unbemerkt geblieben sein, er wäre dann nur als Waldverirrter -in die Kohlengrube zurückgekehrt und hätte ohne viel Worte seine Arbeit -im Stollen aufgenommen, nachdem das gewechselte Geld im Strohsack -versteckt und eingenäht worden wäre. - -Aber es sind immer bei Entschlüssen mehrere Mächte mitbeteiligt, und -niemand führt einen Entschluß allein aus. Das sollte jeder bedenken, -ehe er Heimliches tun will. Unser Alleinsein ist immer nur ein -scheinbares, in Wirklichkeit ist jedes Handeln unsichtbar mit tausend -Mithandelnden verknüpft. - -So hatte Häcksel nicht daran gedacht, daß nach der langen Fahrt unter -dem Kohlenwagen sein Kopf betäubt, seine Kräfte erschöpft, sein Herz -schreckhaft und gedankenlos sein würde, wie es nicht am Morgen, da er -frisch ausgeschlafen die Reise angetreten, gewesen war. - -Außerdem hatte er vergessen, daß es Fastnachtsonntag war. Der -Fastnachttrubel in der Großstadt München war ihm ganz unbekannt. -Häcksel lebte jahraus, jahrein menschenscheu und ins Bergwerkleben -versunken, so daß er ganz abseits stand von allen Lebenserfahrungen. -Nie war er in einer Stadt gewesen, nichts wußte er von Faschingstagen, -nichts vom närrischen Treiben einer Maskenwelt, die er nie gesehen oder -erlebt hatte. - -So ging er, in München angekommen, mit schwankenden müden Knien unter -den dunkeln Vorstadthäusern hin, die ihn mit ihren vielen Stockwerken -und ihren vielen dunkeln Fenstern einschüchterten. Als seine Schritte -in der Nacht so einsam auf dem leeren Vorstadtpflaster hallten, wurde -ihm schwindlig vor Hunger, Schwäche und Aufregung. Und ängstlich -gemacht, weil er glaubte, die stillen Häuserbewohner wecken zu können, -zog er seine harten Stiefel aus und ging auf lautlosen Socken weiter. - -Er hatte keine Ahnung, daß in den leeren Häusern, die meistens -Neubauten waren, noch gar keine Menschen wohnten, und so schlich er an -den unbewohnten frischweißen Häusern stumm und behutsam und lautlos -wie ein Nachtvogel hin und wußte nicht, daß er wie ein ertappter Dieb -aussah. - -Zinnoberchen aber, seine Flohherrin, war längst wach und aufmerksam -und witterte mit Begierde, von Häcksels linker Schläfe aus, die -tausend Flöhe der Stadt München, die jetzt in der Nacht alle auf -waren und springend bei Tanz und Leibesfreuden wacher als die Sterne -am kalten Februarhimmel lebten. Trotzdem die Häuser hier unbewohnt -waren, witterte die eifrige Flöhin den menschlichen Blutgeruch aus den -nächsten bewohnten Stadtteilen, und Häcksels Beine gingen ihr viel zu -langsam vorwärts; sie wäre am liebsten in großen Sprüngen über die -nächsten Dächer dem vor Schwäche taumelnden Häcksel vorausgeeilt. - -Und nun stieß Häcksel gar mit dem Kopf an einen Laternenpfahl, wankte -und fiel, von Hunger und Überanstrengung geschwächt, besinnungslos -neben der Laterne nieder. - -Das brachte die Flöhin ganz aus ihrer Ruhe, und sie stieß einen jener -Pfiffe aus, den nur die feinen Flohohren hören können, der aber weiter -zu hören ist als jeder Menschenruf. Dem groben Menschenohr aber ist ein -Flohpfiff zu fein, das menschliche Trommelfell steht wie eine Mauer -tot dort, wo ein Flohohr noch Laute hört. Sofort antwortete der Flöhin -ein Antwortpfiff. Es war aber kein Floh, sondern auch eine Flöhin, -die sich aus einem Neubau bemerkbar machte. Im dunkeln Bau brannte -ein rotglühender Trockenofen und dort bei dem Arbeiter, der den Ofen -bewachte, saß ein Mädchen auf ein paar aufgeschichteten Backsteinen. -Das hatte die Flöhin, die Häcksels Flöhin zupfiff, im Nacken sitzen. -Der Arbeiter vor dem Ofen hatte eine Teufelsmaske auf seine Stirn -hinaufgerückt, so zeigte er zwei Gesichter übereinander. Der Mann war -gerade von einem Maskenball in der Nacht auf den Bau gekommen, und -seine Tänzerin, die eine »Königin der Nacht« vorstellte, hatte ihn -begleitet. Beide stritten eben, wer von ihnen das meiste seiner Habe -zum Pfandhaus getragen habe. Das Mädchen behauptete, sie habe nur noch -einen Sonnenschirm bei einer Tante vergessen, den könne sie morgen noch -versetzen. Der Arbeiter aber behauptete, das Mädchen habe ihn betrogen, -weil sie bei einer Freundin noch ein Bügeleisen verborgen halte, das -sie nicht versetzen wolle. Er sagte, er wolle morgen nicht mehr mit ihr -zum Tanzen gehen, sie solle sich einen andern Tänzer suchen. - -»Ich habe auch noch einen Floh, den ich nicht versetzt habe,« lachte -das Mädchen übermütig und sagte frech, sie werde sich nicht erst -morgen, sondern gleich für diese Karnevalsnacht noch einen neuen Tänzer -suchen. - -Der Arbeiter gab ihr einen Tritt, daß sie von den Backsteinen aufflog -und es an der Zeit fand zu verschwinden. Aber ehe sie ging, warf sie -noch einen Backstein hinter sich in den Trockenofen, so daß Funken und -Feuer dem fluchenden Mann um seine zwei Gesichter flogen. - -Die Königin der Nacht öffnete rasch die Plankenzauntüre und wollte -nochmals dem Arbeiter eine rohe Antwort zurückrufen, als sie nahe bei -sich unter der nächsten Laterne den ohnmächtigen Häcksel liegen sah. - -Inzwischen hatten sich aber die beiden Flohweiber schon laut -verständigt und verstanden. - -»Ich habe da einen Esel von einem Kerl,« rief Zinnoberchen der andern -Flöhin, die sich »Vielliebchen« nannte, zu. »Ich will nicht in der -Nacht mit dem Dickschädel zusammen erfrieren. Wissen Sie nicht, wie -man einen solchen Tölpel zur Besinnung zurückruft? Ich habe nämlich -Eile und will auf ihm weiterreiten. Nein, was einen doch manchmal die -Menschentiere ärgern können! Ich habe ihn schon in den Augendeckel -gebissen, aber er schlägt die Augen nicht auf.« - -»Guten Abend,« rief Vielliebchen vom Nacken des Mädchens. »Ist Ihnen -Ihr Mensch gestürzt? Ach Gott, springen Sie doch lieber ab und kommen -Sie herüber zu mir. Ich nehme Sie auf meinem Vieh mit zur Stadt.« - -»Ach, nein, das geht nicht,« pfiff Zinnoberchen, »ich würde den -Schwächling schon gern verlassen, da er doch bald krepiert, der Kerl. -Aber erst muß er mich doch noch nach unserem Bergwerk zurücktragen.« - -»Ah, ah, Sie sind aus einem Bergwerk,« wunderte sich die Stadtflöhin -laut. »Sie sind wohl zum Tanzvergnügen in die Stadt gekommen?« - -»Ja, hm, hm,« meinte die Flöhin Häcksels, welche sich ärgerte, daß die -Rednerin kein Floh war, den sie hätte ins Bergwerk einladen können. -Doch ihren Auftrag, Männer zu suchen, wollte sie nicht gleich verraten. - -Der Kopf der »Königin der Nacht« bog sich eben ganz nah über -Häcksels Kopf, und die beiden Flohfrauen konnten sich schweigend -betrachten, indessen die maskierte Menschenfrau die Westentaschen des -besinnungslosen Bergmannes nach Geld durchsuchte. Als sie nichts fand, -nahm sie die Stiefel, die neben Häcksel lagen, und warf den einen über -den Bretterzaun dem Arbeiter am Ofen an den Kopf. - -»Das geht nicht. Den Stiefel her, sie muß sofort den Stiefel wieder -holen,« begehrte heftig ärgerlich Zinnoberchen. »Wir brauchen den -Stiefel zum Heimweg.« - -»Den Stiefel her,« rief jetzt auch Vielliebchen. - -»Er kommt schon,« antwortete ein dritter weiblicher Floh fernher vom -Bauch des Arbeiters am Trockenofen. Und zugleich warf der erboste -Arbeiter, der das Wurfgeschoß im Eifer für einen zweiten Backstein -gehalten hatte, den Stiefel über den Zaun zurück, und er fiel Häcksel -auf die Stirn, so daß der Besinnungslose erwachte, als eben die -Maskierte seine Hosentasche nach Geld durchsuchen wollte. - -»O, o,« seufzte Häcksel und starrte auf die in schwarze Schleier -gehüllte Gestalt, an der unzählige stählerne aufgenähte -Paillettensterne im Laternenlicht bläulich glitzerten. »Wer bist du?« -fragte der Erwachte. - -»Wer ich bin? Ich bin halt eine von der Gasse. Ach, du betrachtest -meine Sterne am Gewand! Ja, ich stelle nämlich die Königin der Nacht -vor. So heißt man meine Maskentracht.« - -Verdutzt und verblödet vor Schwäche und Staunen schüttelte Häcksel den -Kopf. - -»Wenn ich nur was zu essen hätte,« murmelte er, »dann wär alles gut.« - -»Wenn du ein Geld hast, gehst halt mit mir; ich bring dich schon wohin, -wo du bald satt wirst.« - -Erschrocken fuhr Häcksel mit den Händen um seinen Leib und tastete -nach seinem Leibgurt, und er wurde kräftig, als er merkte, daß ihm die -Silbergulden nicht fehlten. - -Nachdem er verwundert zugesehen, wie ihm die Königin der Nacht -geholfen, die Stiefel anzuziehen, wanderten beide nebeneinander weiter. - -Aber vorher sah Häcksel noch etwas Schreckliches. Er erblickte durch -die offenstehende Plankentür im Erdgeschoß eines Hauses einen großen -fensterlosen Raum, dort stand ein glühender Ofen, und vor der offenen -roten Ofentüre stocherte ein Mann mit zwei Gesichtern im Feuer herum. - -»Was tut der dort?« stotterte Häcksel erschrocken. - -»Komm weiter!« sagte die geheimnisvolle Schwarzverschleierte, »das ist -mein Schatz gewesen, der war mit mir beim Tanzen heute. Aber ich laß -ihn laufen, weil der arme Teufel kein Geld nie hat. Du bist jetzt mein -Schatz, wenn du ein Geld hast. Aber erst zeigen!« - -»Was zeigen?« fragte Häcksel. - -»Geld zeigen,« schnauzte ihn die Königin der Nacht barsch an. - -»Niemals,« gab der Verwirrte zurück. »Das ist mein Begräbnisgeld, das -verausgabe ich nicht fürs Tanzen. Das gäb ich auch nicht dem Teufel!« - -»Was, du Aff, du blöder,« kreischte ihn das Frauenzimmer an. »Von mir -aus kannst du dich auf dem Mist begraben lassen!« Und da sie von fern -den Schritt eines Schutzmannes hörte, gab das Frauenzimmer dem Häcksel -eine sausende Ohrfeige und sprang in die Nacht davon. - -Dieser Backenstreich hatte das Gute, daß er den Burschen wärmer machte, -als wenn er einen Kognak bekommen hätte. Und ganz wach geworden, begann -auch er zu laufen, so rasch er konnte, dorthin, wo am Ende der dunklen -Neubautenstraße der Nachthimmel heller leuchtete, und wo ihm Leben zu -sein schien, das ihn lockte. - -»Danke Ihnen!« hatte Zinnoberchen dem Vielliebchen noch nachgerufen, -als sie spürte, wie ihr Menschenvieh wieder flott weitertrabte. Sie -hatte, während Häcksel sich mit Hilfe des Mädchens aufgerafft hatte, -allerhand Ratschläge von der Flöhin erhalten, besonders nachdem -sie berichtet hatte, welches ihr Reisezweck war. »Sie müssen Ihren -Kerl in ein Haftlokal lenken,« hatte ihr die kluge Stadtflöhin noch -zuletzt geraten. »Dort wimmelt es von allerhand Möglichkeiten, -Flohmännerbekanntschaften zu schließen.« Dann hatte sie ihrem -Menschenvieh ins Ohr geschrien: »Haue ihm eine Ohrfeige hin.« Was -auch geschah. Also ermuntert von dem guten Einfall Vielliebchens, war -Häcksel stark und unternehmend ins Leben zurückgekehrt und fühlte -sein Blut besonders auf der linken Gesichtshälfte, wo der Schlag -hingefallen, angenehm warm kreisen. - -Man ist doch in der Hauptstadt gleich mitten im Leben, dachte heiß -der Geohrfeigte. Die Königin der Nacht und der Teufel sind mir schon -begegnet. In unserem Bergwerk daheim werden die Flöhe staunen, wenn sie -davon hören. - -Und er überzeugte sich, mit dem Zeigefinger hinter sein Ohr tastend, -daß er die Flöhin Zinnoberchen noch nicht verloren hatte, und war -zufrieden darüber. - -Dann fand Häcksel endlich eine lebhaftere Straße, und da funkelte -Licht, und erleuchtete Wagen ohne Pferde surrten heran und jagten -vorüber. Und in der nächsten Straße war so viel Licht, als wenn Häcksel -einen Schlag mit der Faust ins Auge bekommen hätte und Feuerfunken -tanzen sehen könnte. Menschen, Männer und Frauen, Arm in Arm, sich -wiegend und lachend und kreischend, kamen herangezogen. Manche hatten -weiße, andere rote, andere schwarze Gesichter, und einige hatten -besonders große Nasen vom Gesicht abstehen, aber alle grinsten -vergnügt. Häcksel hatte niemals ähnliche Menschen gesehen und wurde -scheu und ängstlich. Und wie er an ein besonders hellerleuchtetes -Haus kam, dachte er, das müsse ein Gasthaus sein. Denn es war ein -leuchtendes Schild davor, das glänzte auf und verschwand, und der Wirt, -der das Gasthaus besaß, hieß »Kino«. - -Der Mann stand in einem langen grünen Rock vor der hellerleuchteten -Türe, und viele goldene Knöpfe glänzten an ihm und goldene Tressen. - -»Ach, Herr Wirt,« grüßte Häcksel den Türwächter des Kinotheaters, das -er für ein Wirtshaus hielt, »kann ich hier ein Glas Bier trinken.« - -»Natürlich,« nickte der, »Bier gibt es auch in den Zwischenpausen.« - -Dann mußte Häcksel an einer Kasse einen Platz für das Biertrinken -bezahlen und kam in einen dunkeln Saal, wo man mit dem Licht sparte. -Das kam ihm seltsam vor. Im dunkeln Saal war nur eine helle Wand, durch -die sah man hinaus auf eine lebendige Welt. - -Häcksel dachte: Die Leute sitzen hier wie in der Kirche, und die -Dunkelheit ist gruselig, vielleicht ist das das Jüngste Gericht. Denn -alle Anwesenden waren totenstill und alle sahen auf Schattenmenschen, -die auf einer Wand erschienen und zitternd in einem Lichtstrahl -vorüberliefen, lautlos und ohne Stimme, und dazu ertönte von -unsichtbaren Musikanten eine Musik. Aber Häcksel nahm sich vor, -lieber auch auf das Glas Bier zu verzichten, als sich dem totstillen -Jüngsten Gericht auszuliefern und einzugestehen, daß er einen Gurt voll -unrechtmäßig erworbener Silbergulden bei sich habe. - -Er drehte sich rasch entschlossen auf dem Absatz um und lief wieder -auf die Straße hinaus. - -Da kam ein erleuchteter langer Straßenbahnwagen gefahren, und Häcksel -sah, daß viele Leute dort in den Wagen einstiegen. Und allen Leuten -glitzerten bunte Kleider unter den Mänteln, und alle trugen bunte -Mützen, und die Frauen hatten Kapuzen überm Kopf, und alle kicherten -und lachten und kreischten, und sie waren so vergnügt, als ob sie in -den Himmel führen. - -Und Häcksel drängte auch mit in den Wagen, und als das Gefährt sich -bewegte, begann er zu schwanken und fiel auf den Schoß eines Mannes, -der hatte einen pechschwarzen Backenbart um ein rosiges Gesicht -hängen. Und er hatte einen breiten Leibgurt und war in tiroler Tracht -gekleidet, und auf dem Gurt stand mit silbernen Fäden gestickt: -»Andreas Hofer«. - -Daß das der Andreas Hofer selbst war, glaubte Häcksel nicht. Er müßte -höchstens dann von den Toten auferstanden sein. Aber es war vielleicht -ein Verwandter von Andreas Hofer, der den Gurt geerbt hatte, meinte der -Bergmann. Und wie er noch ganz verblüfft dem Andreas Hofer im Schoß -saß, schien ihm der Mann so anziehend, als wenn er gar kein Mann, -sondern eine Frau wäre. Und er blieb ruhig sitzen, wo er warm und weich -saß, weil gar kein Platz im Wagen war als auf dem Schoß von Andreas -Hofer. - -Inzwischen flüsterte ihm dieser heimlich ins Ohr: »Ich heiße Ida -Fliegenhitzer. Willst mit? Dann bist gern eingeladen!« - -Der Häcksel war zwar ein schwachbrüstiger, sonst aber ein ganz -schmucker Bursch. Wenn er nicht die Schwindsucht gehabt hätte, wäre er -eine Männerschönheit gewesen. Es fehlte ihm nichts als rote Backen und -ein Brustkasten. - -Eine wunderschöne Stadt, diese Stadt München! Die Männer verwandeln -sich in Weiber, sogar wenn sie vorher Andreas Hofer geheißen haben und -einen schwarzen Backenbart besitzen. - -Also ging Häcksel mit der Ida Fliegenhitzer in ein Bräu, nachdem sie -ihm vorher gezeigt hatte, daß ihr Bart nicht angewachsen war. In dem -Brauhaus war es noch erstaunlicher als auf der Straße. - -Im Gedräng erschien dort plötzlich ein Mann mit goldener Krone auf dem -Kopf, das war der König, und er hatte auch einen roten Mantel und ein -goldenes Zepter. Der nahm augenblicklich dem Häcksel die Andreas Hofer -vor der Nase weg und hob sie auf seine Schulter und trug sie davon. - -Der Häcksel staunte schon bald über gar nichts mehr, auch nicht, als -er sich ein Glas Bier bestellte und es ihm von einem vorübertanzenden -Neger mitgenommen und ausgetrunken wurde. - -In der Straßenbahn war der Bergmann im Gedräng mitgefahren, ohne zu -bezahlen; im Kino hatte er das einzige Zehnmarkstück, das er bei -sich hatte, aus der Hand verloren oder hatte es dem Andreas Hofer in -den Schoß fallen lassen; er wußte es nicht mehr genau. Er wußte nur, -daß er plötzlich kein Geld hatte als die ungewechselten altmodischen -Silbergulden. Als ihm das Bier ausgetrunken wurde, bezahlte er es -nicht, sondern drückte sich heimlich auf die Straße zurück. - -Dabei fühlte Häcksel plötzlich, daß ihm viel Leben in die Kleider -gekommen war. Denn die Bergwerkflöhin hatte überall im Gedräng -Flohgenossen gewittert und diese laut zu sich eingeladen, und die -Neuangekommenen untersuchten nun das Vieh, das die Flöhin ritt, um -sich zu entscheiden, ob diese Menschenart ihnen zusagte, ehe sie -einwilligen wollten, die Reise nach dem Bergwerk mitanzutreten. - -Das Zinnoberchen lobte Häcksels Blut über alle Maßen. Es wäre besonders -süß, sagte sie, da der Bursch immer Fieber habe, und deshalb sei sein -Blut immer um einiges wärmer, als Menschenblut sonst ist. - -Die Flöhe aber waren alle zimperliche verwöhnte Stadtherren und fanden -gar keinen Gefallen an Häcksel. Sie nahmen sich vor, einer nach dem -andern wieder im Gedränge abzuspringen und die Bergwerkflöhin mit ihrem -Menschenvieh allein zu lassen, denn sie fanden sein Blut matt und -abgestanden. Trotz der Ohrfeige, die, wie die Flöhin ihnen versicherte, -das Vieh eben bekommen habe, fanden sie das Bergmannblut nicht süß, -sondern säuerlich. Ein älterer Flohherr gab der Bergwerkflöhin noch -rasch einen guten Rat, ehe er zum Absprung ansetzte. Sie müsse den -Menschenkerl in ein Haftlokal bringen, dort wäre manchmal eine Zufuhr -von frischen Arbeiter- und Kroatenflöhen vorrätig. Diese könnten dem -Bergwerk gut zur Auffrischung der Lebenslust dienen. - -Häcksel, dessen Magen leer und überhungert war, schwankte wieder in -das Brauhaus zurück, denn es war ihm zu seinem Hunger auch noch ein -großer Schrecken in die Glieder gefahren. Er hatte draußen unter einer -Laterne den leibhaftigen Tod aus einer Droschke aussteigen sehen. -Eine lange weiße Gestalt mit einer Sense in der Knochenhand hatte -er gesehen, und unter einem weißen Laken grinste ihn ein Totenkopf -so schaurig an, wie nur die Totenköpfe der Verschütteten ausgesehen -hatten, die Häcksel im blinden Stollen ausgegraben, ehe er auf den -Geldgurt gestoßen war. - -Rasch wendete sich Häcksel, am ganzen Leibe schlotternd, wieder in -das Brauhaus zurück und ließ sich vom Gedränge vorwärtsschieben, halb -erwürgt von Hunger, Durst, Schwäche und Angst. - -Da stand ein hübsches Mädchengesicht vor ihm; das war von einem -Vergißmeinnichtkranz umrahmt, und kleine flachsblonde Locken kräuselten -sich ihr zierlich um Stirn und Nacken und verdeckten die Ohren. Vom -Kopf fiel ein bräutlicher Schleier, der war dem blonden Geschöpf unterm -Kinn zusammengebunden und hüllte auch den Körper zart und dicht ein. -Auch Silberspangen und Silbergürtel glänzten an ihr. - -»Bist du mein Schutzengel?« stieß der geängstigte Häcksel hervor. Die -weiße Gestalt nickte geheimnisvoll und hing sich an seinen Arm und -legte ihren weißbehandschuhten Zeigefinger auf ihren Mund, zum Zeichen, -daß sie schweigen müsse. - -Der Bursche war froh, daß er nach dem Anblick des Totenkopfes jetzt von -dem vergißmeinnichtbekränzten Mädchen begleitet wurde. Er bestellte bei -der Kellnerin zwei Glas Bier und vieles Essen und entschloß sich, die -Zeche von seinem Begräbnisgeld zu bezahlen. - -»Du bist ja so blaß,« wisperte der Schutzengel und schmiegte sich am -Biertisch, der dichtbesetzt war, auf Häcksels Schoß. Die Bekränzte -reichte ihm dann aus ihrem Handtäschchen einen Spiegel und einen roten -Stift. Während Häcksel in den Spiegel guckte, malte das Mädchen ihm -gesunde rote Backen und eine kräftige rote Nase in sein Gesicht. - -Häcksel mußte lachen und sich wundern über das, was die Schutzengel -alles verstehen. Er, der kranke blasse Häcksel, sah nun wie das -glühende Leben aus. Mindestens so rot, als ob er zwei neue Ohrfeigen -links und rechts und einen Faustschlag auf die Nase bekommen hätte. - -Während er eben erleichtert aufatmen wollte, fand er sich ums -Zwerchfell besonders leicht geworden, und er bemerkte, wie ihm sein -Schutzengel den schweren Geldgurt abgeknöpft hatte, indessen er in sein -gesundes rotbackiges Spiegelbild vertieft gewesen. Der Schutzengel -wollte eben den Gurt in der Tiefe seiner Schleier verschwinden lassen, -als Häcksel zugriff und den Gurt heftig an sich riß. - -Dieses geschah im gleichen Augenblick, als die Kellnerin mit vielen -Tellern und Schüsseln, voll mit leckerem Braten, Kraut, Kartoffeln -und Brot und mit Biergläsern beladen, sich über den Tisch beugte und -Essen und Trunk vor Häcksel niedersetzte. Die Bratendämpfe stiegen dem -schwachen Burschen wunderbar anregend in die Nase, und er vergaß den -Schutzengel einen Dieb zu nennen, da Bier und Speisen, die vor ihm -hingerückt waren, ihn ganz mit Essensgier erfüllten. - -Aber ein lautes Klingeln und Rollen von vielen Silberstücken unter -Tisch und Stühlen und der offene leichte Geldgurt, aus dem ihm alle -Silbergulden fortgerollt waren, erschreckten ihn, und er fuhr auf. -Der helle Schutzengel, der sich noch nach einigen Silbergulden gebückt -hatte, verschwand rasch im Gedränge zwischen den nächsten Tischen. - -Die Leute in nächster Nähe, die das viele Geldherumrollen hörten, -bückten sich alle zugleich und suchten nach dem Geld. Viele halfen die -Gulden aufheben. Man lachte und brachte die Gulden zurück, aber viele -Gulden blieben auch in den Händen der Suchenden und unter ihren Füßen, -die sich fest daraufstellten und nicht weiterrückten. - -Häcksel bekam nicht die Hälfte der Gulden zurück, und der Gurt war viel -leichter als vorher, und es schmerzte den Burschen sehr, als er dachte, -um wievieles weniger schön sein Begräbnis nun werden würde. Und Schuld -daran war sein diebischer Schutzengel. - -Inzwischen hatten sich auch einige Bratenteller geleert und das Bier -war verschwunden, und nur ein Teller mit Brot war vor Häcksel stehen -geblieben. Er war eben dabei, ein Brot zu nehmen und den ersten -Bissen, den er an diesem Tag bekam, in den Mund zu stecken, als ihm -das Brot aus der Hand genommen wurde und der Schutzengel wieder mit -einem rothaarigen Menschen vor Häcksel stand und diesen für einen -Falschmünzer erklärte. - -Die alten Gulden wären nachgemachte Gulden aus Zinn, erklärte der -Rothaarige und forderte von Häcksel, daß er ihm augenblicklich den -Ledergurt mit den Münzen ausliefere. - -Häcksel sagte das, was er sich für alle Fälle vorher zurechtgelegt -hatte, er habe die Silbergulden geerbt. - -»Es sind Zinnmünzen,« erklärte der Rothaarige und winkte einem -Schutzmann, der den Schutzengel und Häcksel beide zum Saal -hinausdrängte. Viel Volk begleitete sie, und draußen wurden beide in -die Droschke gepackt, aus der vorher der Tod ausgestiegen war. - -Dem Häcksel schwirrte der Kopf. Der Schutzengel aber und der -Schutzmann, die mit ihm in der Droschke saßen, flüsterten miteinander. -Dann hielt der Wagen, und beide stiegen aus und hießen ihn warten. -Der Rothaarige, der beim Kutscher auf dem Bock gesessen hatte, sagte, -nachdem er sich mit dem Schutzengel am Wagenschlag leise besprochen -hatte, Häcksel müsse aussteigen und an einem Tor warten, bis sie -wiederkämen. Wenn er sich aber rühren würde, dann kämen die Bluthunde -hinter dem Zaun hervor und würden ihn zerreißen. - -Häcksel, der kaum noch vor Hunger und Aufregung sehen und hören konnte, -setzte sich auf einen Prellstein am Tor nieder. - -Dort fand ihn nach mehreren Stunden ein seltsames Paar. Ein in ein Fell -eingenähter Mensch, der einen künstlichen Löwenkopf aufgestülpt hatte, -und ein kahlköpfiger Alter in grauem Kaftan, der eine Laterne in der -Hand trug, die fanden Häcksel tief eingeschlafen. - -Der Löwe beschnupperte den Schlafenden, und der Laternenmann -beleuchtete ihn, und dann setzten sich Löwe und Greis zu beiden Seiten -neben Häcksel nieder und schliefen neben Häcksel ein. Die Laterne, -die auf dem Pflaster stand, beleuchtete alle drei Gesichter, und -auf Häcksels Stirn kamen seine Schicksalslenker zusammen. Das waren -stattliche Flohkerle, die aus den Polstern der alten Droschkenkissen zu -Häcksels Flöhin Zinnoberchen gehüpft waren. Die Flöhe berieten, was aus -ihnen werden sollte, denn sie hatten gesehen, wie der Rothaarige, der -Schutzmann und der Schutzengel Häcksels ganzes Geld behalten hatten, -und sie wußten, daß diese Leute Spitzbuben gewesen waren. - -»Seid nur ruhig!« sagte ein Floh des Laternenmannes. »Wir treffen alle -zusammen im Haftlokal wieder. Sie sind schon verhaftet worden, weil die -vielen Silbergulden, die sie ausgaben, Verdacht erweckten.« - -Und ein Floh aus dem Löwenfell machte Zinnoberchen stark den Hof und -tat sehr verliebt und versicherte, ihr bis ans Weltende folgen zu -wollen. Als er aber von ihr seinen verliebten Willen erreicht hatte, -sprang er vergnügt hoch in die Luft, kam aber aus der Luft nicht mehr -zurück. Denn er war heimlich hinter den Plankenzaun gesprungen, wo ein -Hühnerhaus stand, und dort ließ er es sich wohl sein bei den Flöhen der -Hühner. - -Die Laterne brannte noch, als es schon Tag wurde, und der Löwe, der -Greis und Häcksel, alle drei schliefen fest und schnarchten wie -besessen, trotzdem die Bäckerjungen auf Fahrrädern mit Körben und -Säcken voll Brot an ihnen vorbeiradelten und ihr Morgenlied pfiffen. - -Einmal aber versah sich einer der Bäcker aus Erstaunen über die drei -Schläfer, so daß sein Rad an den Straßenrand stieß und sein Korb mit -Brot im Bogen fortflog und gerade dem schlafenden Häcksel an die Stirn -fiel. - -Häcksel erwachte, sah vor sich einen offenen Korb, der voll duftender -frischer Brötchen war. Er griff mit beiden Händen zu, und er hatte -bereits zwei Wecken verschlungen, als der gestürzte Bäckerbursche -herbeigelaufen kam und ein großes Geschrei aufschlug, weil er Häcksel -sah, der ein Brot nach dem andern verzehren wollte. Auch der Löwe -und der Greis waren erwacht und griffen, da es sie hungerte, nach -dem Brot. Als der Bäcker so sehr schrie, warf ihm der eine die -brennende Laterne an den Kopf. Zuletzt aber, wie der Bäcker die -drei einträchtlich seine Brötchen verschlingen sah und sie genauer -betrachtete, lachte er hellauf und fuhr rasch radelnd davon, denn er -war in der Nacht als weiblicher Schutzengel verkleidet gewesen und -erkannte plötzlich Häcksel wieder, dem er das Silbergeld gestohlen -hatte. Er war entschlüpft, als man seine Kameraden, den Rothaarigen -und den Schutzmann, verhaftet hatte und hatte zu Hause seinen -Vergißmeinnichtkranz, seine blonde Perrücke und sein Schleiergewand -abgelegt und war in seine Bäckerei, wo er Lehrling war, geeilt, weil -er die Wecken austragen mußte. Jetzt aber fürchtete er, von Häcksel -erkannt zu werden, und eilte schleunigst fort. - -In dem Korb waren aber auch Bierbrezeln, und als der Löwe und der Greis -sich satt gegessen hatten, ließen sie Häcksel den Korb und sagten, -als er ihnen klagte, daß ihm sein Geld gestohlen sei, er solle die -Bierbrezeln in den Wirtshäusern verkaufen, damit er Heimreisegeld -bekäme. Dann raffte der Greis seine Laterne auf, und der Löwe verbeugte -sich, und beide verschwanden am Ende der Straße im Morgennebel. - -Häcksel aber, dem der Mund trocken war, ging zu einer Straßenpumpe, -wo eben ein Kutscher seinem Gaul Wasser gab. Er bat den Kutscher, daß -er ihm vom Wasser aus der Pferdekufe trinken lasse. Als er getrunken -hatte und sich aufrichtete, erzählte er auch diesem Kutscher, daß man -ihm sein Geld gestohlen hatte. Der sagte, er habe schon davon gehört. -Ein Kollege habe ihm heute morgen erzählt, daß zwei Fahrgäste, ein -Rothaariger und einer, der als Schutzmann verkleidet war, einem Mann -einen Ledergurt mit Silbergulden gestohlen hätten, und daß beide von -wirklichen Schutzleuten zum Haftlokal geführt worden seien. - -Dem Häcksel wurde ganz wohl, als er das hörte, und er schenkte dem -Kutscher die Bierbrezeln und bat, ihn dafür zu jener Polizeistation zu -fahren, da er seinen Ledergurt wiederholen wollte. - -Der Kutscher tat das auch. Und Zinnoberchen, als es hörte, daß Häcksel -freiwillig zum Haftlokal fahren wollte, war vergnügt und guter Dinge -und vermißte ihren treulosen Floh aus dem Löwenfell nicht länger. - -Aber auch Flöhe bekommen nicht in allem ihren Willen. Häcksel wurde -nicht ins Haftzimmer, sondern nur in die Polizeiwachtstube geführt. -Dort fand die Flöhin gar nicht, was sie wollte. - -Man gab Häcksel seinen Gurt zwar nicht zurück, aber man zeigte ihm -denselben, und er erkannte ihn als den seinen. - -Dann wurde ein Polizist beauftragt, Häcksel in sein Heimatdorf zu -begleiten und dort in Erfahrung zu bringen, wie Häcksel zu dem -Silbergeld gekommen sei. - -Häcksel behauptete immer noch, er habe es geerbt. So kam Häcksel auf -Polizeikosten zurück in sein Heimatdorf. Nach langem Fragen glaubte -man endlich Häcksel, und man ließ ihn wieder seine Bergwerkarbeit -antreten. - -Zinnoberchen bekam inzwischen viele Junge. Es waren Flohkinder, von -ihm, der damals in der Nacht über den Plankenzaun in den Hühnerstall -geflüchtet war. Die Flohmänner waren ihr unterwegs alle wieder abhanden -gekommen. Sie kehrte einsam und nur mit vielen Kindern beschenkt mit -Häcksel ins Bergwerk zurück. - -Häcksel aber bekam zwar jenen Geldgurt zurück, doch fand sich kein -einziger Silbergulden mehr in dem Gurt. Die letzten waren auf der -Polizei herausgerollt, und niemand wußte wohin. - -Als Häcksel den leeren Gurt umschnallte, wurde er schwermütig. Er -fieberte täglich heftiger und heftiger und wollte doch nicht sterben, -da ihn kein Begräbnis erster Klasse erwartete. - -Häcksel hat sich dann im Bergwerkpferdestall anstellen lassen und kam -gar nicht mehr an die Erdoberfläche. Davon, daß er überhaupt nicht -mehr die Luft wechselte und immer in der durchwärmten Schachtluft -wohlbeschützt dahinlebte, heilte seine Lunge aus, und er genas von -seiner Schwindsucht und dem Fieber. - -Aber eines Tages schlug ihm ein Pferd, als er sich eben bückte, mit dem -Hinterfuß vor den Kopf, da Häcksels Leibfloh das Pferd unsanfter als -sonst in die Weichen gebissen hatte. - -Eine ganze Nacht lag Häcksel in seinem Blut unter dem Pferd. Niemand -war da, und nur die Flöhe sahen von allen Pferderücken herunter -neugierig zu, wie so ein Menschenvieh endlich einmal stirbt. Sie -lachten und kicherten, bissen in die Pferdeweichen und hatten es -wunderschön, indessen Häcksel nochmals die Nacht durchlebte, da er -alles Geld verloren hat. Der Teufel mit zwei Gesichtern setzte sich -auf eine Pferdekrippe in die Stallecke, wo der rote Laternenschein -den Stall schwach aufhellte, und von der Decke über dem Heu, wo die -Spinnweben dick festhingen, löste sich die Königin der Nacht los -und krallte eine Hand in Häcksels Kopfwunde, die ihm der Pferdehuf -geschlagen hatte. - -»Laß mich, laß mich,« krächzte der Verwundete und wälzte sich zum -Vergnügen der jungen Flöhe hin und her. Und er sah dann, wie der -schwarzbärtige Andreas Hofer mit der Königin der Nacht zu ringen -begann. Es wurde im Stall heller, weil die Nacht von Andreas Hofer -besiegt wurde. - -Dann nahte der vergißmeinnichtbekränzte Schutzengel und fragte Häcksel -streng, ob er noch etwas zu gestehen hätte, er solle sich das Herz -durch ein Geständnis erleichtern. - -Die Flöhe verfolgten von den Pferderücken herunter dieses Theater im -fiebernden Hirn des Sterbenden mit Spannung. Denn da sie ihr Lebenlang -mit dem Menschenblut des Häcksels aufgefüttert waren, verstanden sie -dieses Blutes Sprache gut und sahen alles, was der Sterbende zu sehen -vermeinte. - -»Ich wette, er wird nichts gestehen,« lachte der Jüngste der Flohbrut. -»Gesteh nichts, sag nichts, es ist dein gutes Recht zu schweigen,« rief -er mit Eifer zu Häcksel herunter. - -»Nein, sage es nur! Er weiß es ja schon selber, daß du die Silbergulden -aus dem blinden Stollen gestohlen hast,« kreischte der Chor der andern -frech und lustig. - -Häcksel schwieg und ächzte. Er schwieg auch, als alle Toten aus dem -blinden Schacht mit vorwurfsvollen Gesichtern an ihm vorüberzogen. - -Da winkte der Teufel in der Ecke des Stalles, und herein sprang der -Höllenhund und stand wie ein großer Löwe mitten im Stall und schüttelte -sich knurrend. - -Aber zugleich kam auch ein Greis herein -- das war Petrus -- und faßte -den Höllenhund an der Mähne, so daß er sich nicht auf Häcksel stürzen -konnte. - -»Gesteh, daß du das Silbergeld nicht geerbt hast,« drohte der -glatzköpfige Petrus und griff nach der Stallaterne und drohte, -daß er das Lebenslicht in der Laterne, das dem Häcksel gehörte, -ausblasen würde, so daß der Halsstarrige dann vom finstern Höllenhund -verschlungen werden müßte. - -»Bravo,« lachten die Flöhe und höhnten, »siehst du, jetzt hast du dein -erstklassiges Begräbnis im Bauch des Höllenhundes.« - -»Ich habe das Geld -- das gar kein Geld war, von dem ich gar nichts -ausgegeben habe, von dem ich mir nicht einmal ein Glas Bier bezahlt -habe, -- im Stollen ausgegraben und nicht geerbt,« schrie Häcksel. - -»Hier hast du ein Stück Holzkohle aus dem Feuerbecken des Teufels. Mit -diesem schreibe dein Geständnis an die Kalkwand des Stalles, damit die -Leute dein Geständnis schwarz auf weiß haben.« - -Dann, als Häcksel geschrieben hatte, sagte Petrus und hob den -Zeigefinger drohend: - -»Siehst du, mein lieber Häcksel, du hast es erleben sollen, daß -unehrlich angeeignetes Gut nicht den kleinsten Genuß bereitet. Und daß -Diebstahl einem mehr Mühe, Schweiß und Ärger bereitet als die härteste -ehrliche Arbeit, das weißt du jetzt. - -Da du aber im Leben bereits deine Tat gebüßt hast, will ich dir nun -doch ein Begräbnis erster Klasse auf himmlische Staatskosten bereiten. -Komm und steige in die Himmelskutsche, die vor der Stalltüre steht. Mit -dir wird aber auch Zinnoberchen den Himmel und das Begräbnis erster -Klasse teilen, denn der Pferdehuf hat sie auf deiner Stirn zertreten, -als er dich traf.« - -Da erst erfuhr die Flohbrut den Tot ihrer Mutter. Und nun duckten sie -sich alle vor Schrecken. Und das Pferdeblut und das Menschenblut in -ihren Leibern wurde ganz blaß, und sie sprangen für diese Nacht weit -fort in das Bergwerk und kehrten erst nach Tagen in den Stall zurück, -als man Häcksels Leichnam an die Erdoberfläche gebracht und dort wieder -in die Erde gebettet hatte. - -Dieses ist die Geschichte von Häcksel und den Bergwerkflöhen. Und wenn -die Flöhe inzwischen im Bergwerk nicht doch ausgestorben sind, so leben -sie heute noch dort, so frech wie damals. - - - - -Zwei Reiter am Meer - - -Einige Gäste erhoben sich und verabschiedeten sich von der in Trauer -gekleideten Hausfrau und vom Hausherrn, der die Abschiednehmenden durch -die Diele zum Vorzimmer begleitete. - -Ein Herr und ich waren allein die Letzten in dem großen -Bibliothekzimmer, wo wir nach dem Abendessen, zu dem wir geladen -gewesen, alle um einen runden Mahagonitisch beim Licht einer -grünverschleierten elektrischen Hängelampe plaudernd gesessen hatten. - -Ich hatte mich an diesem Abend nicht viel am Gespräch beteiligen -können. Die weitgeöffneten Türen in die erleuchteten Nebenräume, in das -Musikzimmer, in den Speisesaal und in das Teezimmer, in denen überall -sanftes Licht und eine unendliche Ruhe sich ausbreiteten, hatten meine -Gedanken immer weiter von mir fortgezogen, und es war mir, als stünde -mein Stuhl nicht im Bibliothekzimmer eines vornehmen Landhauses -draußen im Waldhäuserviertel am Rande einer Weltstadt, sondern am -Rande eines Weltteils stand ich und sah auf ein Weltmeer, auf einen -grauen Ozean, dessen Wasserlinie in der Ferne zu Himmelswolken wurde, -zu Nebelbrodem; und nur in weiten Abständen warf manches Mal eine -langgezogene Strandwelle eine weiße Sprühschaumwolke in die Luft. Nur -diese eine große Wellenzuckung zeigte Leben auf jenem Wasserweltteil. -Sonst waren Himmel und Wasserfläche atemlos ausgebreitet und -verschwanden weit draußen im Nichts der Unendlichkeit. - -Vor mir aber, ganz nahe am Wasserrand im Dünensande, lebte das rassige -Gliederspiel zweier vorüberschreitender Reitpferde, die von zwei -Menschen geritten wurden, die ich aber nicht näher beachtete, weil -vorerst nur die beiden Pferde und das einheitliche ungeheuerliche -Weltalleben von Meer und Himmel meine Aufmerksamkeit anzogen. - -Der Glanz von den Flanken der spiegelglatten Tiere und hie und da der -Glanz im Meer, der von den weithin streichenden Linienwellen angeregt -auf- und abzuckte, machten Pferde und Reiter wie zu Spiegelgebilden, -zu Schattentänzern vor dem weiten Luft- und Wasserraum. - -Es war ein hoheitsvolles Schreiten in den Beinen und Fesseln der -spielend und tänzelnd auftretenden Pferdegestalten. Es war wie ein -Musizieren in der Luft, ein gaukelndes Tönespiel in der adligen -Beweglichkeit der Tiere, als müßten das Meer und der Himmel zu einem -riesigen Instrument werden, auf dem Melodien geboren wurden beim -rhythmischen Vorwärtsschreiten beider Reitpferde. - -Es kam mir nicht zum Bewußtsein, daß der lautlose Dünensand alle -Geräusche verschlucken könnte. Auch der Sand, schien mir, wurde zu -rieselnden Tönen unter der Berührung der zierlichen und rassigen -Glieder der Pferde. - -Das Weltall um die Reitenden tönte bald gedämpft jauchzend auf, bald -klang es schneidend weh zu mir her wie die Geräusche der langen -schneidenden Linien der flachen Strandwellen. - -Dieses Bild, das ich so lebendig sah, das Bild der zwei Reiter am Meer, -hing im nächsten Zimmer, im Musiksaal, in goldenem Rahmen über dem -Flügel. Ich konnte es vom Bibliothekzimmer aus nicht mehr sehen, aber -das Bild kam immer wieder zu mir. - -Der Hausherr hatte mich, als wir nach dem Abendessen aus dem Speisesaal -kamen, auf das Bild, das ihm das Lieblingsgemälde seines Hauses war, -aufmerksam gemacht. Und ich hatte mich einen Augenblick auf eine -Sessellehne gestützt und hatte meinen Körper am Sessel verlassen und -war mit meinem Geist durch den Rahmen des Bildes aus dem Haus, aus dem -Land weit fort gegangen und an den Meerrand getreten. Als wir dann -später im Bibliothekzimmer um den runden Tisch saßen, war es, wie -ich es eben beschrieb. Das Bild kam immer wieder zu mir. Es hob die -Wände der Zimmer fort. Die Ruhe der beleuchteten Nebensäle wurde zur -Ruhe des Weltmeeres, das gedämpfte Licht in den Räumen zur Ruhe des -Himmelslichtes über den Urwassern. - -So wußte ich, als ich mechanisch aufgestanden war und der Hausherr mit -einigen Gästen das Zimmer verließ, bald nicht mehr, was Wirklichkeit -und was Unwirklichkeit war. - -Es stand eine weite gedämpfte Festlichkeit um mich, von der ich mich -halb nicht trennen konnte, und halb wieder getrennt fühlte, da diese -Festlichkeit nicht mir gehörte. Denn es war die Festlichkeit der -Schmerz und Freude ausgleichenden Todesstunde, die aus den Zimmern -dieses Hauses noch nicht gewichen war, die den Alltagsräumen eine -höhere Verklärung hatte geben können, als es sonst hier laute Feste -vermocht hatten. - -Ich war in demselben Hause vor Jahren zu einem großen Abendfest -gewesen, aber die erlesen geschmückten Frauen und geistesgewandten -Männer hatten bei Tanzschritten, Witz und Fröhlichkeit, bei Wein und -Musik keine ähnliche Größe der Festlichkeit schaffen können, keine -ähnliche Erhöhung des Hauses, wie es jetzt ein einziger Mensch getan, -ein junger Mensch, der einzige Sohn, der durch seinen Todesschritt das -Haus an den Rand der Unendlichkeit gestellt hatte. Wie diesem war es -nur dem Künstler gelungen, das Haus fortzuheben, ihm, der jenes Gemälde -geschaffen, das nicht bloß über dem Flügel im Nebenzimmer hing, sondern -das die Kraft hatte, Haus und Beschauer an das Erdende zu entrücken, -dorthin, wo das Reich der fliehenden Wasser, das menschenleere Reich -der Ozeane beginnt, darauf der Mensch nur zeitweiliger Gast sein, aber -nicht Fuß fassen kann, wo ihn Tiefe und Weite verschlängen, wenn er die -Grenze von der Wirklichkeit zum Nichts überschreiten würde. - -Ich stand noch unschlüssig, überlegend, ob ich den Gästen, die gegangen -waren, folgen sollte, oder ob ich noch bei der Todesfestlichkeit, die -in diesen Räumen lag und mich anzog, verweilen durfte. - -Der Gestorbene war ein junger Musiker gewesen. Drüben am Flügel -hatten Mutter und Sohn oft Stunden verbracht, wenn sie sang, was -der junge Mann erdacht; wenn er ihr vorspielte, was die Stimme -seiner Jünglingsgefühle, seines Jünglingsernstes und seiner -Jünglingseinsamkeit auftönen lassen mußte. - -Damals waren beider Herzen, das der Mutter und das des Sohnes, wie die -zwei Reiter am Meer gewesen, deren Pferde im gleichen Takt schritten, -und die melodisch vor der Unendlichkeit des Himmels und des Meeres, vor -der Zukunft und vor der Vergangenheit hinzogen. - -Nun war die Einheit zerrissen. Die zarte und zierliche, tief getroffene -Mutter stand noch fassungslos vor dem unfaßbaren Schmerz. Die Melodie -der Einheit war abgebrochen. Das Leben gab keinen Klang mehr als den -des Schluchzens. Schluchzen noch nachts in den Träumen, Schluchzen -morgens beim Erwachen, Schluchzen am Tage beim Schreiten durch die -lautlosen Räume des Hauses und durch den noch lautloseren Raum des -eigenen Herzens. - -In den letzten Sommertagen war der junge Mann noch Leben und Lebenslust -gewesen. Dann war er erkrankt. Seine Lunge fieberte. Die Sprache, seine -Stimme, starb zuerst. Dann entglitt der Blick, die Augen erlöschten, -und der warme Körper, den die Mutter umschlang, entfremdete sich selbst -dem Mutterherzen und verschwand in der Kälte des Todes. - -Nun waren Monate vergangen. Niemals mehr hatte die Mutter den Flügel -im Musikzimmer öffnen können. Sie hatte den Sohn immer noch begraben -müssen, den Gestorbenen immer wieder begraben. Sie hatte noch nicht -die Kraft gehabt, den Sohn verklärt vor sich auferstehen zu lassen. -Aber alles Abschiednehmen muß von einem Wiederkommen abgelöst werden. -Auf die Trennung, die das Sterben bringt, folgt die Wiederkehr, die -Stunde der Auferstehung. Das Leben läßt sich nicht bis ins Unendliche -begraben, auch das tote Leben nicht. Auch im Tod ist ein Wellenschlag. -Das Land hat seine Berge und Hügel, das Meer seine Wellen und Wogen, -der Himmel seine Wolken und seine Glätte. Und auch das vergangene Leben -hat sein Gehen und Wiederkehren. - -An diesem Abend war mir unbewußt klar geworden: der Tote war zu seiner -Mutter und zu seinem Vater verklärt wiedergekehrt. Er war wieder -auferstanden in den Räumen des Hauses. Der junge Mann stand neben uns -und wollte uns von seiner Übersinnlichkeit einen Ausdruck geben. Seine -Todeswelle, raumloser als die räumlichen Wellen, die wir Lebenden -fühlen, wollte sich vor uns verkörpern. - -Dieser feierliche Schauder berührte mich noch, als die trauernde Frau -des Hauses zu mir sagte und auf den Gast deutete, der außer mir noch im -Zimmer geblieben war: - -»Sie gehen doch noch nicht? Ich dachte, wir wollten heute abend noch -ein wenig Musik hören. Sie wissen, es ist seit Monaten kein Ton in -diesem Hause gespielt worden.« - -Der junge Mann, den sie zum Spielen aufforderte, war ein sehr feiner, -künstlerisch ernster und gewandter Klavierspieler. Er spielte uns dann -gute Werke großer Komponisten vor, verabschiedete sich aber bald. - -Mich jedoch hielt eine Spannung fest, eine Erwartung, eine Sehnsucht -nach der Verkörperung der überirdischen Festlichkeit des Todes, die -mich in diesen Räumen nicht verließ. - -Die beiden Klavierlampen brannten noch am offenstehenden Flügel. Unweit -von mir auf einem kleinen Damenschreibtisch stand die Photographie des -jungen Verstorbenen. - -Draußen vor den weißverschleierten Fenstern des Hauses lehnte das -Schweigen des dunkeln Gartens, des dunkeln Waldes. Ich wußte, die -Nachtlandschaft draußen war schneelos und winterlich düster. Es -war Februar, und das Grab des Toten lag fern irgendwo in einem der -mächtigen Großstadtfriedhöfe. Und jenes Grab unterschied sich in nichts -von der Wintererde und in nichts von den andern Millionen Grabhügeln, -die überall auf der Welt jahraus, jahrein hervorwachsen, die im Sommer -begrünt sind wie die Wälder und Wiesen und im Winter verlassen scheinen -wie die Wälder und Wiesen. - -Der Geist der Toten aber lebt Sommer und Winter in einer verklärten -Jahreszeit, die wir auf Erden nicht kennen, die sich aber auf uns -herabsenkt, wenn sich ein Toter uns mitteilen will. Beim Gemisch der -eisigen Wellen des Toten und der Wärmewellen unseres Herzens entsteht -jene schauersüße Stimmung, in der wir fröstelnd fühlen, der Tote ist -auferstanden und kehrt verklärt bei uns ein. - -Ich wagte unter dem Bann dieser Stimmung die Frage an die trauernde -Mutter, ob sie nicht ein Lied ihres verstorbenen Sohnes singen oder ein -Musikstück von ihm spielen möchte. - -Sie lächelte schmerzlich und ging zum Flügel. Aber als wenn sie sich -selbst vom gleichen Wunsch zum Klavier hingezogen gefühlt hätte, schien -sie mir dabei freudiger im Gang, von einer verhaltenen Freude umgeben. -Allein im Hause, hätte sie es vielleicht nicht gewagt, jetzt schon vor -dem Vater des Verstorbenen Lieder und Töne aufleben zu lassen. - -Als die Trauernde sich zwischen die zwei hellen verschleierten Lampen -an den schwarzglänzenden Flügel setzte und ihre schwarz eingehüllten -schmalen Schultern sich von den schneeweißen Tüllvorhängen abhoben, die -senkrecht vor den Fenstern hinter ihr herabhingen, da war es mir noch -nicht gewiß, ob Leben aus dem Flügel erwachen würde. Ich mußte immer -noch denken, daß diese in tiefe Trauer gehüllte Mutter den Sohn immer -noch begrub. Der Flügel vor ihr wurde mir wie zum glänzend schwarzen -Sarg, an dem sie sich, wie mir schien, niederlassen mußte, um zu -schluchzen, um zu weinen und zu begraben. - -Ich wußte nicht, ob die Trauernde schon reif war, den Toten auferstehen -zu lassen, in jener Verklärung, in der ich als Fremder ihn bereits in -den Räumen eingetreten fühlte. - -Es würde mich nicht verwundert haben, wenn die noch schwer Erschütterte -nach den ersten Tönen das Spiel abgebrochen und ihr Gesicht in die -Hände vergraben hätte. - -Aber sie war reif zum Empfang des Zurückkehrenden. Mit einem -wunderbaren Mut, als überschritte sie selbst freudig die Schwelle vom -Leben zum Tod, entlockte sie dem Flügel die alten Wohllaute, die nur -ihr vertrauten einsamen Jünglingsgefühle des Sohnes, die männlich junge -Lust und die männlich jungen Zweifel, die einst in ihm gerungen hatten. - -Und als sie eines der letzten seiner Lieder sang, geschah vor -meinen Augen das Wunderbare: die reife schöne Frau sang sich an den -jugendlichen Weisen ihres Sohnes zur eigenen frühesten Jugend zurück. -Und ihr Frauengesicht wurde mädchenhaft, aller Enttäuschungen bar. -Mädchenhaft gläubig und vertrauend wurden die Augen beim Aus- und -Einatmen der Musik. Die Vergrämte verklärte sich unter der Verklärung -des Toten. Und ich sah Mutter und Sohn auf zwei großen, überweltlich -großen, jugendlichen Rossen, von denen jedes die Verkörperung eines -Schicksals zu sein schien, am Meer der Unendlichkeit hinreiten. - -So sehe ich beide dort heute noch und in Ewigkeit als zwei Reiter am -ungeheuren Meer am Rand der Welt. - -Und wenn ich in neuen Stunden und in anderen Räumen dieser Frau -wiederbegegnen werde, sie wird für mich immer die vom Todesschmerz -mädchenhaft verklärte Mutter sein, die, auf der Linie zwischen Leben -und Tod, lebender in der Entrückung auflebt als im Irdischen. - - - - -Auf dem Weg zu den Eulenkäfigen - - -Ich habe manchmal darüber nachgedacht, wenn ich Frau Claudia nach -Jahren in dieser oder jener Weltstadt wiedersah, womit sich ihre Augen -vergleichen ließen. Es machte mich oft in ihrer Nähe unruhig, daß ich -keinen Maßstab für ihre Augen fand, und wenn ich aus der Ferne, bei -Gesprächen oder in Gedanken, das Bild Claudias vor mich hinstellte, -stotterte meine Vorstellung, möchte ich sagen, und brachte niemals -einen Vergleich zustande, eine Beschreibung jener Frauenaugen. - -Sie sind schwarz, aber man kann sie nicht einfach schwarz nennen, denn -sie sind nicht schwarz, wenn sie einen treffen. Sie sind von einer -Dunkelheit, die ist über Schwarz hinaus, eine abgründigere Farbe, -vielleicht müßte man diese Augen Saturnschwarz nennen. - -Einmal habe ich von Claudia, welche die Frau eines meiner Freunde ist, -und mit der mich nur rein freundschaftliche Beziehungen verbinden, ein -wenig ehebrecherisch geträumt. - -Es war ein ziemlich harmloser Ehebruchstraum. Da ich gar nicht für -Vielweiberei veranlagt bin, erstaunte mich der Traum, und ich mußte am -Morgen ein kleines Gedicht darüber schreiben. Das Gedicht schilderte -ein paar Tanzschritte, die ich im Traum mit Claudia tanzte. Sie war -vom Hals bis zum Fuß in einen weißen Seidenschal schlank eingewickelt, -und wir hielten uns zum Tanz nah, und dabei sahen Claudias Augen, jene -unbeschreibbaren Augen, unerbittlich in mich hinein. Ich fand auch in -jenem Gedicht wieder keinen zutreffenden Vergleich für diesen Blick, -sondern nur den ganz blöden romanhaften, daß Claudias Auge ähnlich -einer Messerklinge war, die auf schwarzem Samt liegt. - -Dieser Vergleich mag mir deshalb gekommen sein, weil Claudia einmal in -einer zornigen Aufwallung ein spitzes Messer nach ihrem leichtlebigen -Gatten geschleudert hatte. Dieses Messer sauste damals, ich weiß nicht, -ob ich sagen soll zum Glück oder zum Unglück, an dem sich behend -Duckenden vorbei, blieb aber senkrecht wie ein Stahlpfeil im Türbrett -stecken, wo es noch eine lange Weile zitterte. - -Nur deshalb verzieh ich mir in dem Gedicht jenen romantischen -Vergleich. Aber jetzt brauche ich mich überhaupt nicht mehr abzumühen, -mir die Augen Claudias zu erklären. Sie selbst hat es neulich getan. - -Es war im Winter, ich hatte mich mit einigen Freunden und Freundinnen, -unter denen auch Claudia war, verabredet, mich mit ihnen am Eingang -des Zoologischen Gartens zu treffen. Ich kam etwas verspätet aus -einer Kunstausstellung und dachte, daß alle Freunde schon gekommen -wären. Durch die großen Scheiben des Autos blickte ich unruhig der -Fahrt voraus, um schnell zu wissen, ob ich wirklich der letzte sei, -denn die Verspätung ärgerte mich. Meine Uhr aber schien falsch zu -gehen. Ich war noch zu zeitig da, sogar einer der ersten, denn nur -Claudia wartete schon vor dem Eingang. Ich sah sie dort im schwarzen -Samtmantel mit schwarzem Skunksschal, schwarzer Samtkappe mit schwarzem -Reiher, schwarz auf dem hellen kahlen Asphaltpflaster im kahlen -Januarnachmittag stehen und sich nach meinem vorfahrenden Auto umsehen. - -Aber es ist nicht richtig, wenn ich sage, daß ich all dieses Schwarz, -in dem Frau Claudia jetzt immer mit Vorliebe auf der Straße erschien, -zuerst gesehen hätte. Ich sah zuerst nur jene schwarzen Augen, nachdem -mich ihr Blick aus dem immer todbleichen Gesicht traf. Auch Claudias -Haar ist schwarz, wie ihre Kleidung. Dieses schwarze Haar trennt sich -aber vom Gesicht nicht mehr als das Kleid. Es lebt nicht mehr als -dieses. Leben haben nur Claudias Augen, ein Leben, das ungeheuerlich -weit aus dem Gesicht fortgerückt scheint. Nicht Leben, das einem -entgegenkommt. Man könnte sagen, daß man eine aufgezeichnete Landkarte -vom Leben, Weltteile von einem Leben, in den schwarzen Augen schaute, -wenn der Blick jener Frau einen traf. - -Nach einer Weile kamen die andern Freunde, und wir traten in den leeren -Zoologischen Garten ein, wo die blätterlosen Bäume öde gegen den -mattgrauen Winterhimmel standen und, ebenso wie die Augen Claudias, -nur Lebenslinien, hoch von der Erde weggerückt, Haltung und Bestimmung -zeigten, aber keine blätterrauschende Sommerfreude. - -»Wo wollen wir zuerst hin?« fragte einer den andern. - -Jemand schlug vor, zu den Raubtieren zu gehen. Ein anderer wollte -zu den Affen. Ein dritter zu den Papageien. Nur Claudia sagte immer -dazwischen: - -»Aber zu den Eulen müssen wir auch gehen! Ihr wißt nicht, wie schön die -Eulen sind. Ihr habt ihre Augen sicher nie betrachtet. Ich sage euch, -es sind wunderschöne Vögel. Ich gehe nie aus dem Zoologischen Garten -fort, ohne bei den Eulen gewesen zu sein.« - -Als Claudia so eifrig die Eulen bevorzugte, ging sie in der Mitte -der kleinen Gesellschaft, von den Damen und Herren umgeben, und sie -blickte nur ab und zu nach links und rechts, und sie lächelte. Und ich -mußte an den Rattenfänger von Hameln denken, der an der Spitze einer -Kinderschar schreitet und diese mit seinen eindringlichen gleichmäßigen -Flötenlauten in einen finsteren Berg lockt, der sich bald hinter den -Ahnungslosen schließen wird. - -So gingen diese schwarzen Augen, die ich bis zu jener Stunde immer noch -nicht beschreiben konnte, allen anderen Augen voran, von denen keine -mit so schicksalstiefen Blicken, unheimlichen Flötenlauten ähnlich, -anziehen konnten wie Claudias Augen. Mir schien, wir andern wären -plötzlich alle schwarz wie Claudia gekleidet, als sie uns immer wieder -von den düsteren Eulen sprach. Eulen waren ihr die liebsten Tiere des -ganzen Gartens und die schönsten Vögel der Welt. Und ich konnte mich -bald nicht mehr des Wunsches erwehren, zu keinen anderen Tieren zu -gehen als zu den Eulen. So ging es schließlich allen, die um Claudia -waren. Die Eulen wurden für jeden der Mittelpunkt des Gartens. Und -während die Stimme der schwarzäugigen Frau die Eulen pries, wie ich es -noch nie von jemandem gehört hatte, und während einer nach dem andern -seine eigenen Wünsche fallen ließ, sah ich auf dem Fünfminutenweg hin -zu den Eulenkäfigen Claudias Leben, das sich rasend vor mir abspielte. -Man sagt, daß einem von einem Turm oder Berg Stürzenden innerhalb -der Sturzsekunden das Leben in blitzartigen Bildern vor den Augen -vorüberrase. So geschah es mir mit Claudias Leben auf dem Weg zu den -Eulenkäfigen. - -Vorher hatte ich es nie im Zusammenhang gesehen. Nie hatte sie -selbst mir viel erzählt. Nur Andeutungen, nur Sätze und nur kurze -Geschehnisse, erzählt von gemeinsamen Freunden über sie, lagen -zerstreut in mir. - -Nun aber schossen mir alle diese Eindrücke, wie von einem Magneten -angezogen, auf dem Weg zu den Eulen zu einem so tragischen -Lebensbilde zusammen, daß mich jeder Schritt marterte, den ich neben -Claudia weitergehen mußte. Und doch lockte mich die Erhabenheit -eines verfinsterten Menschenlebens, so wie schmerzliche Flötenlaute -bestricken und uns fortführen können in ein Dickicht, durch Stacheln -und Dornen. - -Claudia war einst eine starke, mutige, das Leben herausfordernde, -tapfere, junge Studentin gewesen. Der Mann, den sie heute noch liebt, -trotzdem er ihr Grauen einflößt, trotzdem er täglich Mühlsteine an -ihre Seele hängt, war damals ein hoher schlanker Student. Claudia -hatte ihm den Namen Dagon gegeben; Dagon, der biamesische Gott des -Ungeheuerlichen, der Gott des Verschlingens ohne Ende, der Gott der -Lebensunsicherheit, zu dem alle Sterblichen beten, und der ihnen nichts -für ihr Gebet gibt, keine andere Gewißheit als den Tod. Dagon, der -Gott des grauenhaften Nichts, der Schicksalsrachen, der die Menschheit -zermalmt, dem niemand Widerstand leisten kann, der Gott, für den die -Blumen welken, die Vögel tot aus dem Himmel fallen, vor dem aus Furcht -die Erde zu zwei Dritteilen in das bittere Angstwasser ihrer Meere -gehüllt steht, während nur ein Drittel der Erde Dagon die Stirnen der -Berge als Widerstand hinstellt. - -Claudia hatte diesen Namen wie in einer Vorahnung ihres Schicksals dem -jungen Studenten gegeben, damals noch nicht wissend, wie tief erkennend -sie dabei war. Denn wie stark der Gott allmächtiger Willkür in dem -Geliebten verkörpert war, das erfuhr sie erst im Laufe der Zeit. - -Es waren zuerst nur Kleinigkeiten gewesen, die Claudia den Namen Dagon -und damit die Erscheinung des gruseligen Gottes vor die Augen führte, -wenn sie den jungen Mann und zukünftigen Lebensgefährten beobachtete. -Es belustigte sie, den Geliebten auf Widersprüchen zu ertappen, aus -denen er sich lächelnd und kühl überlegend oder mit einem gewandten -Geistessprung ins Blaue ihren starken schwarzen Augen entrückte. Damals -merkte sie zuerst, daß jener Mann in noch einer ihr fremden Dimension -lebte, die sie nicht an anderen Menschen kannte, die Dimension des -Fabelhaften, die Dimension, in der die Wirklichkeit und der Schein, -die Wahrheit und die Lüge nebelhaft ineinander gleiten. Eine Welt -war in ihm, wo Wirklichkeit auf dem Kopf steht und Unwirklichkeit -wird, ähnlich wie Häuser am Ufer eines Flusses im Spiegelglanz des -Wassers mit dem Dach nach unten stehen und scheinbar auf einer anderen -Weltseite leben, einer Welt, die tief scheinen will, unergründlich -aussehen will, die aber nichts ist als ein auf den Kopf gestelltes -Zerrbild der Wirklichkeit. - -So spiegelte das Gehirn jenes Mannes, mit scheinbaren -Unergründlichkeiten verblüffend, die Ufer des Lebens wieder, indem -es das Feste beweglich machte, es wahnwitzig verzerrte, es für -unergründlich ausgab. - -Ehe Claudia sich mit dem Studenten verlobte, war ein anderer Mann -ihrem schwarzen Blick verfallen, ein junger Adeliger, der sich von -ihrer Anziehungskraft nicht losmachen konnte, trotzdem er von Claudia -nichts zu hoffen hatte. Sie trug damals ihr schwarzes Haar kurzlockig -geschnitten und, nach Knabenart, in der Mitte gescheitelt. Sie rauchte -auch, als es noch nicht allgemein war, daß Frauen Zigaretten rauchten. -Sie wäre vielleicht auch am liebsten in Herrenkleidung ausgegangen. Ihr -immer elfenbeinblasses Gesicht zeigte rote frische trotzige Lippen, und -alles Verwegene, Herausfordernde, menschlich Kühne erregte sie, da ihr -eigener junger Körper der Welt knabenhaft verwegen und widerspruchsvoll -gegenübertrat. - -Ein Freund jenes jungen Adeligen suchte sie eines Tages in ihrem -Studentenzimmer auf und bat sie, sich doch zu entscheiden, ob sie -nicht die Frau seines Freundes werden wollte. Als sie »nein« sagte, -schlug der Abgesandte, der ein ernster und zielbewußter Mensch war, -in ehrlichem Zorn mit der Hand auf den Tisch und fragte Claudia, was -sie veranlasse, die Hand eines ehrbaren jungen Mannes mit einem Nein -abzuweisen. - -Die Gefragte sagte ganz einfach, daß sie bereits gewählt habe, und -nannte den Namen Dagons. - -»Dann prophezeie ich Ihnen, daß sie niemals glücklich werden,« entfuhr -es dem heftig Erregten, der seinen Freund verdrängt sah von einem, der -ihm Widerwillen einflößte. »Aber sagen Sie mir, ehe ich gehe,« fügte er -hinzu, »was haben Sie gegen meinen Freund einzuwenden?« - -»Daß er adelig ist,« antwortete ihm frei und stolz die junge Studentin, -»ist der Grund, der immer bleiben würde, wenn ich nicht bereits einen -andern vor ihm gewählt hätte. Ich will nicht, daß man in seiner Familie -auf mich als auf eine Bürgerliche herabschaut.« - -Claudia prahlte niemals mit ihren Anbetern. Nur einmal, als ich sie -tief unglücklich antraf und ganz natürlich fragte: »Wie sind Sie denn -mit diesem Mann zusammengekommen, der Ihnen jetzt so viel Qualen -bereitet?«, da erzählte sie diese kleine Verlobungsperiode, und sie -schloß: »Gerade weil mich der Freund jenes Adeligen vor Dagon warnte -und mir Unheil prophezeite, gerade das war es, was mich herausforderte, -Dagon erst recht zu wählen. Es machte mir Lust, mit meinem Geliebten -Seele gegen Seele zu ringen. Das fabelhaft Verwandlungsfähige seiner -Seele reizte die eisernen, starren und gefestigten Lebensbegriffe in -mir. Mir war, als könnte Dagon alles Feste in Wolken auflösen. Mir -war, als sähe ich einem Zauberer zu, wenn er mich leise und lächelnd -schon in der ersten Zeit unseres Bekanntwerdens belügen konnte. Dann -drang ich mit meinen Augen in ihn ein, und mir war, als müßte ich das -Lügen aus ihm ausbrennen. Er lächelte wieder und log hilflos weiter und -tat, als hätte ich wirklich das leichte Lügen an der feinsten Wurzel -in ihm abgetötet. Aber ich ahnte ja nicht, daß er immer wieder neue -Fäden der Lüge hinter sich herziehen konnte, wie die Spinne ihre Fäden, -daran sie tanzt, daran sie sich über Abgründe schwingt. Während ich -aber glaubte, in Dagon die Lüge abzutöten, wurde ich langsam von ihm -abgetötet, entkräftet. Denn Unheil ist sein Schaffen, und nur Unheil -war er für mein ganzes Leben.« - -Und Claudia erzählte weiter: - -»Am ersten Weihnachtsfest, das wir zusammen als Verlobte feiern -wollten, reiste ich zum erstenmal in meinem Leben zum Fest nicht nach -Hause, trotz der Bitten meiner Eltern und Geschwister und obwohl -ich wußte, daß mein Vater alt und krank war. Aber am Nachmittag des -Weihnachtsabends, auf den ich mich so sehr gefreut hatte, bekam ich -ein Telegramm, das mir den Tod meines Vaters anzeigte. Ich saß eine -Stunde später im Eisenbahnzug und durfte den Abend weder bei dem -geliebten Mann, noch in meiner geliebten Familie verbringen, sondern -war in einer Hölle von Einsamkeit, zwischen zwei Zielen hin und her -schwankend, zwischen dem Ziel des Lebens und dem Ziel des Todes. -Leidend, weinend und erschüttert saß ich in der weihevollen Nacht als -einziger Reisender im leeren Zug, von Selbstvorwürfen gepeinigt, weil -ich meinem toten Vater den letzten Wunsch nicht erfüllt hatte, ihn auf -seinem Krankenbett am Weihnachtsabend zu besuchen. - -Ich hatte nun an diesem Abend nichts, weder den Geliebten, noch das -Heim. Ich hatte die Leere. Das war der Anfang des Verschlingens, das -von Dagon ausgeht. Aber ich hatte mir Dagon gewählt, das mußte ich mir -immer wieder sagen. Ich hätte auf dem Landgut des Adeligen vielleicht -ein ruhiges, seßhaftes Leben führen können, gepflegt von einem mich -aufrichtig Liebenden. Ich hatte es nicht gewollt. Mich hat der Kampf -mit dem Unklaren, Ungewissen gelockt. Ich wußte es damals nicht: es ist -der Kampf mit dem Nichts gewesen.« - -So erzählte mir Claudia ohne Pathos, ohne große Geste, mit -schwarzblanken Augen, die glänzend zu sein schienen von den Abgründen -ihres Unglückes. Es war auch, als triumphiere in ihrem Blick das -Bewußtsein des Unentrinnbaren, als käme sich jene Frau selbst -erstaunlich vor und als ließe sie ihr Erstaunen über sich aus ihrer -Augenschwärze strahlen. Deshalb klagte sie eigentlich nicht, wie andere -klagen, wenn sie Grauenhaftes, Martervolles erleben. Sie lebt in einer -Unglücksekstase, und mir scheint, ihre Augen werden immer glänzender, -je unglücklicher sie von Jahr zu Jahr wird. - -Nur einmal in jenem Winter erschrak ich. Da verflüchtigte sich das -Feuer ihres Willens zum Unglück. Ihre Augen sahen so verklärt aus, als -ginge sie nur noch mit den Zehenspitzen wie eine Traumwandlerin auf den -Dächern der Welt. - -Als Claudia und Dagon ein Jahr verheiratet waren und sie sich schwanger -werden fühlte, waren sie beide nach Kanada ausgewandert. Sie wußte -nicht mehr, wer zuerst den Plan gehegt hatte. Sicher blieb nur, daß -es ihr Unglück war, daß er ausgeführt wurde. Sie, die schon damals -fühlte, daß sie in dem Mann so wenig Sicherheit hatte, als wenn sie -sich an seinen Schatten anklammern würde, hatte begeistert den Weg ins -freiheitliche Amerika angetreten, schwärmend für alles Großzügige, -Unbegrenzte, nie Dagewesene. Dort in dem jugendlichen Land Amerika, -wo die Frau den Mann regiert, hoffte Claudia vielleicht, Dagon allein -für sich zu bekommen und seine Augen, die alle Frauen wie Irrlichter -umgleiten konnten, zum festen Blick zu zwingen, der sich dann von -ihrem Herzen nicht mehr abwenden sollte. Denn Claudia wollte Dagons -eidechsenhaften Seelenbewegungen die schwerthafte Stärke ihrer Augen -geben. - -Aber was half es ihr. Alle ihre Kraft verpuffte nur wie nasses Pulver, -da Dagons Schicksal feindlich gegen ihr Schicksal gerichtet war. - -Kaum waren beide in Amerika gelandet, so erhielten sie die -Nachricht, daß Dagon seinen Vater verloren habe und wegen wichtiger -Erbschaftsangelegenheiten nach Deutschland zurückkehren müsse. - -Claudia konnte nicht umkehren; sie hatte eben ihr erstes Kind geboren -und lag zu Bett. Und Dagon entglitt ihr, wie sie es immer erwartet -hatte. Der Ozean trennte sie bald. Sie, die keine Stunde ohne ihn sein -wollte, war gezwungen, ihm von einem Weltteil zum andern nachzuklagen. -Und als Dagon später Claudia nachkommen ließ und sie in Europa -erwartete, hatten sie nicht den Ozean hinter sich gelassen, als sie -sich wieder die Hände reichten. Zwischen ihrer beider Augen blieb der -erste Ozean der Trennung, und viele Ozeane folgten, die sich einer an -den andern reihten. Denn Dagon hatte Claudia von da ab mit der und -jener Frau betrogen, mit der und jener Freundin. Wenn sie auch immer -Geständnisse aus ihm herauslockte, das Urversprechen einer Treue, einer -männlichen Festigkeit, auf der ihre schwarzen Augen ruhen wollten, -konnte sie Dagon nie abringen. - -Claudia warf sich dann auf die Arbeit. Sie hatte studiert, hatte -ihr Examen gemacht. Sie wurde Ärztin und arbeitete an Dagons Seite -unentwegt und damals noch ungelähmt. Sie tat ihre Arbeit gern, um ihren -Mann zu ihrem Schuldner zu machen. Denn Dagon hatte kein Vermögen -geerbt, wie sie beide es erwartet hatten. Dagons Geschwister hatten es -vermocht, den sterbenden Vater zu veranlassen, seinen leichtlebigen -Sohn zu enterben, ihn nur auf Pflichtteil zu setzen, und dieses Geld -sollte Claudias Kindern und nicht Dagon ausgezahlt werden. - -Sie verdiente nun neben ihrem Mann, denn sie hatten beide hohe -Lebensansprüche. Die Luft um Dagon wurde immer trüber. Er blieb halbe -Tage fort, ohne daß Claudia wußte, wo er war. Sie erfuhr immer wieder -von neuen kleinen Leidenschaften zu Frauen aller Kreise, die Dagon -fesselten und die er ausleben mußte. - -Er selbst spaßte nur darüber, als wären seine Liebeserlebnisse nicht -mehr als kleine Warzen an der Hand, die kommen und gehen und dem -Wohlergehen nicht weiter schädlich sind. - -Bei jedem neuen Erlebnis ihres Mannes hoffte Claudia, es würde das -letzte sein. In jener Zeit war es einmal, daß ihr die Geduld plötzlich -riß und sie ein Messer nach Dagon schleuderte, das in der Tür stecken -blieb. Und endlich mußte sie erkennen, daß ihres Mannes Seele, wenn -sie nach ihr griff, immer ihrer Hand entglitt, so wie man den feinen -Wüstensand nicht in der Hand behalten kann; denn wenn man die Faust -zudrückt, rieselt dieser ewig bewegliche und ewig erhitzte Sand durch -die Fingerritzen, und wenn man die Faust öffnet, hat man nichts in der -Hand. - -So war das Herz Dagons in der Hand Claudias. Wenn sie es noch eben -festhielt, -- es war nicht mehr da, wenn sie die Hand öffnete und -nachsah. - -Darüber wurde ihr eigenes Herz dürr. Es wurde von den Leiden und -Schmerzen und von der Leidenschaft versüßt wie getrocknete Datteln, -die zuckriges Fleisch um einen steinharten Kern tragen. Den Stein -in Claudias Herzen löste nichts auf. Der Stein saß im süßen Fleisch -unbeweglich, und das süße Fleisch welkte und dörrte. - -Da wurde eines Tages Claudia von Verzweiflung gepackt. Ich war damals -nicht in ihrer Nähe und hörte nur aus Briefen meiner Freunde, daß jene -Frau ihrem Mann Gleiches mit Gleichem vergolten und sich einen Freund -genommen hatte, einen jungen Kaukasier, mit dem sie fortgereist war, -um ihre gereizten Gefühle zu beschwichtigen. Später hörte ich, daß sie -diesen Freund wieder verlassen, ihr und Dagons Kind zu sich genommen -habe und in verschiedenen Weltteilen allein herumreise. Sie hatte -nach dem Tode ihrer Mutter ein Vermögen geerbt, und da ihr die Arbeit -keine Freude mehr machte, lebte sie in dem Genuß des Müßiggangs. Die -Liebeslust und die Arbeitslust waren in ihr abgetötet. Sie lebte dem -Kinde, das sie fernhalten wollte von dem Unheilschatten jenes Mannes, -dem sie glaubte entronnen zu sein. - -Er aber lebte wie ein Junggeselle, bald hier, bald dort, in den -verschiedensten Städten, vertiefte sich in Wissenschaften, wie er sich -in Frauen vertiefte, hastig, blendend und geblendet. - -Dann plötzlich eines Tages, als ich in jene Großstadt kam, wo -Claudia und Dagon vorher gewohnt hatten, hörte ich, daß beide wieder -zusammenlebten. Ich besuchte sie. Da hingen im Korridor große welke -Kränze mit langen breiten Seidenbändern. Dagon glaubte plötzlich eine -musikalische Begabung bei sich entdeckt zu haben und hatte öffentlich -eigene Kompositionen gespielt und seine ersten Konzerte gegeben. - -Seltsamerweise hatten alle Wohnungen, welche jene beiden Menschen -bewohnten, den gleichen hellen und lichten Reiz eines glücklichen -Heims. Niemand konnte in diesen weiten, behaglichen und lässig vornehm -eingerichteten Räumen vermuten, daß hier zwei hausten, die sich -marterten. Beider Zartfühligkeit traf sich hier und vereinigte sich im -Ausdruck von Möbeln, Spiegel und Bildern. Die innere Zartfühligkeit -Claudias gab den Räumen vornehme Ruhe, und die äußere Zartfühligkeit -Dagons gab den Räumen jene unnachahmbare lässige Vornehmheit, die den -Besucher glücklich einlullte. Erlesene Bücher, erlesene Kunstwerke -und Musikinstrumente täuschten jeden, der nicht eingeweiht war in -die Herzensschrecknisse, die sich hier zwischen zwei Lebenskameraden -abspielten. - -Claudia leitete ihr Haus lautlos, erzog ihr Kind glücklich und wußte -sich immer ihren Freunden in ihrem Äußeren reizvoll modisch in Kleid, -Haartracht und Schmuck zu zeigen. - -Nie fehlen Blumen auf ihrem Teetisch, nie geht bürgerlich langweilige -Luft durch ihre Zimmer. Es ist Claudia ein Genuß, wenigstens äußerlich -glücklich zu wirken -- auf die nicht Eingeweihten, die nicht in ihren -schwarzen Augen zu lesen verstehen. - -Lange Zeit erschien sie immer als glückliche Gattin, die, leicht die -Achsel zuckend, die Lebensweise ihres Mannes hinzunehmen schien. Und -viele mögen verblüfft gewesen sein, als Claudia plötzlich mit dem -Kaukasier verschwand. Aber nicht einer hatte es ihr beim näheren -Hinsehen verdenken können. - -Und nun zurückgekehrt, scheint sie die Rolle der Glücklichen nicht mehr -harmlos spielen zu können. Dazu ist ihr Gesicht doch zu blaß geworden, -und ihre Züge sind wachsmaskenartig erstarrt. Ihre Augen funkeln nicht -mehr lebenstrotzig. Der Trotz sieht versteinert aus und steckt als Kern -in ihrem Herzen. - -Am Weihnachtsabend, als ich bei Claudia und Dagon mit einigen -Gästen eingeladen war und jene Frau uns alle unter den brennenden -Weihnachtsbäumen ihres Salons beschenkte, da schien es für Sekunden, -als könnte doch vielleicht das Wachs ihres Gesichtes nochmals weich -werden und schmelzen. Dann aber, als es während des Abendessens -klingelte und unter den Geschenken, die von Bekannten geschickt wurden, -auch Aufmerksamkeiten von einigen Damen waren, deren Gunst Dagon in -letzter Zeit errungen hatte, da sah ich, wie Claudia zu frieren begann. -Trotzdem die Zimmer von der Wärmeleitung und den Weihnachtskerzen -heiß waren, bat sie, daß man die Fenster schließen möchte, die eine -der eingeladenen Damen geöffnet hatte. Die Gepeinigte fror von innen -heraus. Ich glaube, sie muß ihr Herz in diesem Augenblick so schmerzend -gefühlt haben, wie man in der Winternacht das Eisen einer Türklinke -brennend kalt fühlt, wenn man die Hand darauf legt. - -Dagon hat schon längst keine Geheimnisse mehr vor seiner Frau. Das -letzte Schamgefühl ist zwischen ihnen gefallen. Im Gegenteil, er -will, daß Claudia nichts fühlen soll und nichts mit ihm teilen soll -als die Lust, die ihm seine Abenteuer geben. Sie soll die Lust an dem -Verbrechen, das er an ihrer Liebe begeht, sich selbst verleugnend mit -ihm genießen. - -Wieder haben jetzt beide eine Wohnung, in der kein Hauch von Unglück -zu spüren ist. Die hellen weißen und himmelblauen Gemächer, mit -gelbseiden verschleierten elektrischen Lampen und voll mit Bildern und -Büchern und von zierlichen asiatischen Nippes belebt, sind wie eine -irisierende Haut über einem Pfuhl von pechschwarzem Wasser. - -Aber die einzige tiefe Empfindung, die man in diesen hellen und -gefälligen Räumen erlebt, kommt nicht von den Büchern in den -Schränken und nicht von den Kunstwerken aus, sie geht aus von den -unglücksglänzenden schwarzen Augen Claudias; diese Augen, denen das -Weinen schon längst kein Trost und keine Erlösung mehr ist, glänzen vor -Schmerzen. - -Bald nach dem Weihnachtsfest sah ich Claudia bei einem Besuch wieder. -Sie stand an ihrem Teetisch und trug über dem schwarzen Seidenrock -eine goldgelbe Seidenjacke, die war von einem etwas dunkleren Goldgelb -als die Schleier ihrer Lampen. Sie schien Ruhe und Wärme auszuströmen, -und ich fragte mich erstaunt: was geht in ihr vor? Ihre Augen -waren entkräftet und schienen außerhalb des Zimmers traumwandelnd -herumzugehen. Ich erfuhr dann, daß sie krank sei, sie hustete, sie -hatte Fieber. Es war eine rein äußerliche Krankheit, und Claudia trug -diese Krankheit wie ein Weihnachtsgeschenk des Himmels mit sich. Sie, -die einstmals so stark war, daß sie nicht für den Tod geboren schien, -freute sich, daß ihr Fieber täglich stieg, freute sich, daß ihre Augen -erlöschen wollten. Und wenn man sagte, daß sie sich pflegen müßte, -lächelte sie nur. Sie erwartete das Sterben und freute sich. - -Der Tod kam nicht. Die Schwäche ging vorüber. »Weshalb?« fragte sie -erschrocken. - -Sie lebt jetzt immer noch im selben Hause mit dem, mit dem sie einst -gerungen und gekämpft hat. Sie lebt kampflos jetzt. Beide sehen sich -täglich, aber sie sprechen sich wenig. Claudia weiß nie, wohin Dagon -geht, wenn er abends seinen Frack anzieht. Sie will es auch gar nicht -wissen. - -Und er fragt nicht, wenn Claudia ins Theater fährt, wohin sie geht. Und -das ist vielleicht noch schmerzlicher für sie zu ertragen, daß er sie -gehen läßt, wohin sie will. - -Das Kind, ihre Tochter, ist bald erwachsen und sieht und versteht und -hört alles. Und das ist das Allerschmerzlichste für Claudia. - -Der selbstherrliche Mann schont die beiden Frauen nicht, nicht die -Tochter und nicht die Mutter. Er lächelt über sie hinweg, plaudert zu -den beiden von seinen Erfolgen bei den Frauen, will, daß sie mit ihm -über die Scherze, die er mit dem Liebesleben und seinem eigenen Herzen -treibt, lachen sollen. - -Und Dagon lächelt sein allesverschlingendes Lächeln, wenn die beiden -Frauen ihm ausweichen. Wenn die beiden Frauen anklagen, lächelt er und -verschlingt ihre Anklagen. Wenn die beiden Frauen ihn morden wollen, -lächelt er und verschlingt ihre Mordgedanken. - -Er ist liebenswürdig, spaßhaft; er ist nie mürrisch. Er ist nur -launenhaft verschlossen, wo er sich fürchtet zu sprechen, weil er sich -bei aller lächelnder Offenheit nie ganz offen gibt. - -Seine lächelnde Offenheit ist ein Abgrund, in den er die Offenheit -der andern hineinlockt. Und er sieht lächelnd zu, wie Menschen in -diesen stürzen, die er angelockt hat. Er lächelt und gleitet über die -Angstblicke, die er sehen müßte, hinweg. - -Welches ist das Schicksal, das ihn ereilen wird? Wo ist die Grenze, die -seiner Unendlichkeit im Grausamsein gesetzt ist? - -Seht, dieses sind die Blicke, die als einziges Leben aus den -Augen Claudias starren. Will sie sein Ende erleben, und ist sie -deshalb noch nicht gestorben? fragte ich mich. Das ungeheuerliche -Ende, die ungeheuerliche Todesstunde, die in der Brust Dagons das -lächelnde Herz voll Ungeheuerlichkeiten töten wird, die ihm und sein -allesverschlingendes Lächeln aus der Welt schaffen wird, -- wartet -Claudia darauf? -- - -Als wir zu den Eulenkäfigen kamen, trug ich diese letzte Frage in -mir. Da saßen wie seltsame weiße und graue Federgruppen die Eulen, -diese weichen, lautlosen Nachtgeschöpfe, auf den Ästen abgestorbener -Bäume hinter den Gitterstäben. Einige konnten die Köpfe ganz rund -um den Nacken drehen. Andere spitzten die katzenartigen Ohren. Aber -alle saßen da wie ausgestopfte Federbälge. Die einen hatten wunderbar -silberweißes Gefieder, und es wirkte jeder weiße Vogel wie eine einzige -ungeheuerliche Riesenschneeflocke. Andere graue Eulen waren wie ein -dicker Ballen Spinnweben. Und wenn sie nicht manchmal die Köpfe rundum -gedreht hätten, so daß das Gesicht nicht auf der Brust, sondern -plötzlich auf den Rücken stand, so hätte man in ihnen kein Leben -vermutet. - -So sahen die Eulen aus, als wir von weitem an die Käfige kamen. Aber -als wir nähertraten, da verschwanden die Federkörper. Da standen nur -in der Luft über den abgestorbenen Baumästen paarweise ungeheuerliche -schwarze Augen. Augen, die so groß und rund in ihrer Schwärze starrten, -als müßten sie alles und nichts sehen; als könnten sie die Tiefe des -ganzen Weltalls umfassen, alle Schmerzen und alle Trostlosigkeiten der -Abgründe des Lebens. - -Während sich alle meine Freunde beim Näherkommen über die Federn, die -Haltung, die Kopfwendungen der Eulen ereifert hatten, wurden sie jetzt -stumm. Und nur Claudia, die vorher stumm gewesen war, als wir die Eulen -zuerst erblickten, wurde jetzt vor den Eulenaugen laut und begeistert. - -»Haben diese Vögel nicht die schönsten Augen der Welt? Da sprechen -die Menschen immer von glotzenden Eulenaugen, und ich finde, es -sind die feierlichsten, ausdrucksvollsten, geheimnisreichsten und -schicksalsschwersten Blicke, mit denen nur je ein lebendes Wesen auf -die Welt herabsehen kann. Solche Augen möchte ich haben,« setzte -Claudia hinzu. »Wie ich diese Tiere um ihre Augen beneide! Auf was -warten sie nur, diese Eulenaugen?« -- - -Als wir uns später unter dem schwerhölzernen, blutroten chinesischen -Tor am Ausgang des Zoologischen Gartens trennten und der Abend schon -über den Straßenschachten dunkelnd lag, die elektrischen Lampen in -den Straßenfluchten aufleuchteten, ging ich einsam heim. Der Himmel -wurde immer nachtdunkler, und als ich in den nachtschwarzen Äther sah, -der noch sternlos über den Dächern der Häuser stand, erkannte ich in -dem schwarzen Himmelsabgrund, den Eulenaugen und Claudias Augen eine -Einheit. In der Nacht und in jenen Augen war kein Blick mehr, den man -hätte fühlen können. Sie schienen alles innere Leben hergegeben zu -haben. Und nur ein Wille war in ihrer Finsternis. Der: mit stummer -Macht den Untergang der Lebenden, auf die sie herabsahen, zu erwarten. - - - - -Nächtliche Schaufenster - - -Wenn ich spät nach Mitternacht in der Potsdamerstraße nach Hause -ging, eilte ich mich meistens nicht sehr, denn die Nachtluft kam mir -erfrischend entgegen. Sie war wie ein Wanderer, der aus Grenzwäldern -über Flüsse und Seen herkam und über Berlin hinschritt. Und während -ich von einer Laterne zur andern ging, war die Nachtluft schon über -die Provinz Brandenburg fortgezogen an die Elbe, an den Rhein, und im -Vorübergehen hatte sie mich leicht verhext und hatte mir Meilengedanken -gegeben, so daß ich darnach nicht mehr zwischen Laternen weiter ging, -sondern fort über mich selbst. - -Auf einer Plakatsäule sah ich in einer Nacht einen großen Tigerkopf. -Darunter stand »Indien in Berlin«. Der gefleckte Tigerkopf sah aus -gelbem Bambusröhricht heraus und war ein praller Katzenkopf; über ihm -lag ein bleichblau gemalter Himmel. - -Eine Weile schien mir dann, als ginge ich durch indische Dschungeln, -indessen ich doch nur auf dem Streifen breiter Pflasterplatten -wandelte, die sich als eine lange Zeile in der Mitte des Bürgersteiges -hinzogen. - -Die vielen offenen und dunkeln Schaufensterscheiben glitzerten -neben mir wie mondbeschienene Gewässer auf, ähnlich den heimlichen -Tränkestätten von Raubtieren, die unhörbar durch die Dschungeln -schleichen. Eine Autohuppe brüllte manchmal in einer Nebengasse. Dieser -Laut wurde mir fast zu Löwengeheul. Und schleifte der Gummireifen eines -vorbeisausenden Autos mit surrendem Laut über den glatten Asphalt des -Fahrdammes, dann waren da in der Vorstellung galoppierende Dickhäuter, -pfauchende Nashornherden und aufgescheuchte Scharen von Nachtvögeln, -die vorbeifegten. - -Ich blieb an einem Schaufenster stehen. Das kannte ich gut. Dort stand -ich immer eine Weile in jeder Nacht und nahm mir vor dem Schlafengehen -Zeit, die lebende gefiederte Ware einer Vogelhandlung zu bedauern. - -Da waren chinesische Nachtigallen in Drahtkäfigen mit roten Schnäbeln -und grüngelber Brust. Und smaragdgrüne Sittiche aus Australien -und afrikanische Finken, silbergrau wie deutsche Schwalben und mit -korallenroten Schnäbeln. In einem Käfig allein saß eine deutsche -schwarze Amsel, und ein anderer Käfig war voll mit zitronengelben -Kanarienvögeln. Da waren auch Käfige mit Turteltauben, deren Federleib -war silbrig und weiß wie Holzasche. - -Alle diese Vögel saßen in ihren Drahtzellen wie bestrafte Verbrecher. -Die meisten von ihnen waren zwar im Käfig geboren, aber ich mußte -nachgrübeln, was wohl ihre Vorfahren in China, Afrika, Australien -begangen haben mochten, daß ihre Kindeskinder hier, verbannt und -gefangen, im Schaufenster der Potsdamerstraße ihre Lebenstage -verbringen mußten. - -Das elektrische Licht der nächsten Straßenlaterne sah schrecklich grell -durch die glänzenden Drahtstäbe der Gitter auf die dünnen geschlossenen -Augenhäute der kleinen unruhigen Schläfer. Das scharfe unnatürliche -Licht mußte noch den Schlaf der Gefangenen schmerzhaft machen. Und die -brüllenden Autohuppen, deren Fahrzeuge mit Gedröhn während der ganzen -Nacht die große Stadt durchrasten, mußten die feinen musikalischen -Ohren der Singvögel noch im Schlaf quälen. - -Vögel, die gewöhnt sind, in lauschigen Buschverstecken in der Urstille -ewiger Wälder zu nisten, zu picken, zu flattern und die grünen -Dämmerungen der Blättergehäuse alter Bäume zu durchfliegen, hatten hier -einen kaum fußbreiten Raum zwischen den blitzenden Metallgittern. Aber -sie schienen sich sanft und gütig zu bescheiden und schienen mir weiser -zu sein als ihre gefangenen Wärter. - -Einmal hatte ich am Tage hier an dem Schaufenster um die Mittagstunde -mit den Händen in den Taschen einen armen, ganz dürftig gekleideten -Arbeiter stehen sehen. Der schien sich in das Leid der Vögel -hineingedacht zu haben. Er sah andächtig jedes Tierchen an und war -verwundert, wie mir schien, daß diese schönen geflügelten Geschöpfe -kein besseres Schicksal hatten als das des Gefängnisses. Nicht einmal -ihren Gesang konnten sie genießen. Denn es singen die verschiedenen -Vogelarten zu gleicher Zeit lärmend durcheinander. Es sang der Weltteil -Afrika, der Weltteil Australien, der Weltteil Asien. Die Spitzen der -Flugfedern an Schwanz und Flügeln haben sich die Vögel an den Gittern -abgestoßen. Am Tag fallen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und nachts -reißen sie sie auf vor Schrecken und gequält von dem stechenden, -kaltweißen Bogenlicht der Straße und von den wütend jagenden -Automobilen. - -Um zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr nachts rücken die armen Vögel immer -noch unruhig hin und her, zu müde, um wach sein zu können, und zu wach -gehalten, um einschlafen zu können. - -Ich kam mir unbehaglich wie ein großer wandelnder Turm vor, solange -ich vor den winzigen Vögelchen stand, und so ging ich weiter, an den -Glaswänden der Schaufenster entlang. Es ist da auch ein Blumenladen, -den eine Dame besitzt, die am Tage immer mit schönen frauenhaften -Bewegungen frische Blumen dort ausstellt, geschmackvoll in Vasen und -Körben geordnet, und die ein Band oder ein Buch in die Nähe der Blumen -legt und an den grauen Wandschirm, der im Hintergrund des Schaufensters -steht, ein Bild hinhängt, das einer beliebten Tänzerin, oder einen -alten Kupferstich, darstellend eine längst verstorbene Prinzessin. - -Hier erhole ich mich etwas von meinem Leid. Vielleicht leiden -abgeschnittene Blumen ebensoviel wie eingesperrte Vögel. Aber sie sind -nicht Fleisch und Blut, und deshalb leide ich bei ihnen ebenso wenig, -als ich mit meinen Haaren leide, wenn ich sie schneiden lasse. - -Wie gerne möchte ich einer Einbrecherbande angehören, dachte ich -neulich. Die müßte aber nicht einbrechen des Diebstahls wegen, sondern -der Ordnung wegen. Dann würde ich nachts die Tür der Vogelhandlung -aufbrechen und mit meinen Spießgesellen alle Käfige herausholen. -Fliegen würde ich die Vögel nicht lassen. Sie würden sonst verhungern -und erfrieren. Ich würde aber die Tür auch des Blumenladens aufbrechen, -und dort in der lauwarmen Luft wollte ich alle Futternäpfe der Vögel -zwischen die Schalen der Anemonenvasen stellen, zwischen die Körbe voll -Hyazinthen, zwischen die dicken Efeukränze und um den hohen Krug, darin -die Weidenruten voll Silberkätzchen stecken. Und über den Töpfen der -Mimosen bei den gespenstig geformten Figuren der Orchideenblüten und -bei den geisterhaft weißen Bechern der Callablüten, dort würde ich die -fliegenden Bewohner von Afrika, Australien und Asien es sich wohl sein -lassen. - -Einige Häuser weiter von dieser Blumenhandlung ist, ehe ich zu meiner -Haustüre komme, noch solch ein exotischer Sklavenmarkt. Dort sitzen -im Schaufenster neben kleinen Affen und Papageien in winzigen Käfigen -weiße Mäuse und in Gläsern Laubfrösche. - -Kein Schaufenster von ganz Berlin ist am Tage so von Leuten aller -Stände besucht wie dieses, an dem ich immer vorüber muß, wenn ich -aus dem Hause trete. Dort habe ich Bekanntschaft gemacht mit einem -Mammosettäffchen. Ich habe keine Ahnung, warum das Tier Mammosett -heißt. Aber der Name steht auf einem Zettel am Käfig. Und ich denke -immer, der Name müßte von Mimose kommen, da das Tier von mimosenhafter -Empfindsamkeit ist. »Wird sehr zahm« steht auch daneben. Das glaube -ich gern. Gewöhnlich, wenn die Tiere sehr zahm geworden sind, sterben -sie weg, wie jenes Pferd, von dem der Bauer behauptete, daß es von der -Luft allein leben könnte, und das starb, als es sich eben ans Hungern -gewöhnt hatte. - -Mammosett erschien um die Weihnachtszeit im Schaufenster. Trotzdem -es in diesen Tagen Lawinen schneite, blieben alle Leute stehen, um -Mammosett zu betrachten. Das winzige, nur handgroße Äffchen ist »das -kleinste Äffchen der Welt«, -- das steht auch auf dem Zettel am -Käfig. Aber ich finde, trotzdem hätte man Mammosett nicht in einen -Kanarienvogelkäfig sperren dürfen. Denn auch seine Winzigkeit verlangt -Bewegung und Freiheit. In den ersten Tagen sprang das Tierchen wie -irrsinnig in seinem Käfig herum, ähnlich den weißen Tanzmäusen in den -Nebenkäfigen, die Tag und Nacht um eine Spule rennen. Die kamen mir -immer vor wie kleine tanzende Derwische, die heftig rund herum rennen, -damit sie eines Tages tot umfallen und so aus der Gefangenschaft des -Lebens befreit sind. - -Ich erkundigte mich in der Tierhandlung, was Mammosett kostet. Aber ich -hörte am selben Tag von einer Dame, daß diese Äffchen, wenn sie zahm -werden, alles zerreißen, was ihnen unter die Finger kommt. Seit ich das -weiß, möchte ich auch hier beim Mammosettäffchen Einbrecher werden und -Mammosett befreien. Und ich hab mir schon eine Geschichte ausgedacht, -wie dieses Mammosettäffchen, frei gelassen, alle seine Mitgefangenen, -die Papageien, die Mäuse und die Laubfrösche, und zuletzt den -Tierhändler selbst in kleine Stückchen zerreißen würde. Vom Tierhändler -müßte das Äffchen jeden Tag nur ein Stückchen abreißen, einmal ein -Ohrläppchen, einmal einen Nasenflügel, einmal einen Haarschopf, bis der -Tierhändler daläge wie ein zerstückelter Brief im Papierkorb. - -Jetzt, nach zwei Monaten, ist das Äffchen in seinem Käfig ruhiger -geworden, »zahm« würde der Tierhändler sagen. Ich sage »todesmatt«. -Es kauert in einem Häufchen Holzwolle und knabbert manchmal an einem -Kuchenstück und zittert den ganzen Tag. - -Auf der Stange des Käfigs, darauf eigentlich ein Kanarienvogel sitzen -sollte, kauert mühsam das Äffchen. Die Stange ist zu schmal, und es -fällt oft herunter. Wenn es sich in dem winzigen Gitterraum bewegen -wollte, müßte es sich rund um sich selbst bewegen wie die weißen Mäuse -und müßte irrsinnig werden. Weil es aber ein sanftes Tierchen ist, -so will es keines irrsinnigen, sondern eines sanften Todes sterben. -Es wird also scheinbar zahm, das heißt, es sitzt auf einem Fleck und -stirbt langsam ab. - -Wenn ich die nächtlichen Straßen hinauf und hinunter sehe, so scheinen -mir die menschlichen Häuser auch nichts anderes als steinerne Käfige -zum Zahmwerden und zum Absterben. - -An einer Straßenecke stand während zweier Monate in jeder Nacht um -zwei, drei, vier Uhr eine und dieselbe Frau. Sie war gekleidet wie eine -Hausmeisterin in ein einfaches Hauskleid und hatte nur ein wollenes -Tuch über dem Kopf und über der wollenen Manteljacke. Armselig, aber -atemlos lauernd, stand sie immer am selben Fleck. Sie _wartete_ nicht -auf jemanden, aber sie _horchte_ nach jemandem hin. Sie horchte -nach der Richtung einer Haustüre hin. Sie war eine vertrocknete, -abgearbeitete Frau, die sich durch Spionage einen Nachtverdienst -machte, das erfuhr ich eines Abends. Im Haus aber, das sie behorchte, -sang oft in der Nacht im Oberstock eine Frauenstimme. - -Wenn ich mit Freunden dort vorbei ging, oder wenn ich allein aus -Theatern und Gesellschaften kam, immer stand diese Aufpasserin an dem -Gitter des Vorgartens, angewurzelt wie ein Baum. Immer horchte sie -nach jener Haustüre hin, aber nicht immer sang die Frauenstimme in der -einzelnen Villa. - -Eines Abends, als ich eben wieder von meiner Vogelhandlung und von dort -zur Blumenhandlung und von dort zum Mammosettäffchen gewandert war, kam -eine vornehme Dame aus dem Schatten eines Haustores. Sie schien mir -wie von der Nachtluft aus irgend einer fremden Stadt hergeweht auf die -Potsdamer Straße. Vielleicht hatte sie mich schon längst beobachtet und -hatte mich bei den gefangenen Vögeln, dann bei den gefangenen Blumen -und jetzt bei dem gefangenen Äffchen stehen sehen. - -»O, mein Herr,« sagte sie, »darf ich Sie um einen Dienst ersuchen?« Und -ihre Stimme war wehklagend wie die Stimme einer Gefangenen. »Würden -Sie mir den Gefallen tun, jene Frau dort um die Ecke anzureden und zu -fragen, warum sie immer Nacht für Nacht dort steht, und wer sie dort -hingestellt hat zum Aufpassen?« - -»Gern,« sagte ich. »Ich bin selbst neugierig, es zu wissen.« - -»Ich werde Sie hier erwarten,« sagte die erregte Dame. Ihre Brust hob -und senkte sich, und ihr zitternder Atem kam wie ein feiner Nebel aus -ihrem Schleier und verflüchtigte sich in der eisigen Nachtluft. - -Dieser feine graue Hauch aus den Lippen der sichtbar Geängstigten, -trieb mich zur Eile an. - -Ich ging und zwang meine Schritte, daß sie möglichst gleichgültig -schienen. Ich bog um die Straßenecke und ging dort zuerst an dem -horchenden kleinen ältlichen Weib vorbei. Ich sah sie gar nicht an. -Dann wendete ich wieder einige Schritte um und ging langsam denselben -Weg zurück. Dabei betrachtete ich die Aufpasserin genau, denn sie sah -mir unter der Laterne, wo sie stand, ins Gesicht. - -Ihr dumpfrotes dickes Kopftuch war ein wenig vom Schädel -zurückgerutscht, und sie sah mit dem grauen platten Haar elend -und armselig aus. Aber ihre kleine Stirn hatte etwas hartnäckig -Ausdauerndes wie ein Stein, den man vergeblich auf Steine stößt und -der nicht zerspringt. Mager und blutleer, ausgekältet von ewigen -Nachtfrösten, stand sie dort. Aber nicht zusammengekauert vom Elend, -sondern verzweifelt, halsstarrig wie ein Nagel, der spitz aus einer -Kiste heraussteht, und an dem sich alle Vorübergehenden die Kleider -zerreißen. Der Nagel aber weicht nicht, er sticht und reißt jeden in -die Haut, der unvorsichtig in seine Nähe kommt. So stand diese Gestalt -seit Monaten von Mitternacht bis zum Morgengrauen und wich nicht und -änderte ihren Standplatz nie. - -Sie hatte keinen wirklichen Blick in ihren Augen. Trotzdem sie mich -anstarrte, schien sie mich nicht zu sehen. Sie horchte nur, immer -weilte ihre Aufmerksamkeit nur in ihren Ohren. Man merkte es ihr aber -an, daß sie geschäftsmäßig, auf Bestellung und für Bezahlung dastand, -denn sie zeigte in Haltung und Miene ärmlich weiblichen Pflichteifer. - -»Sagen Sie mir,« fragte ich laut und dabei lächelnd und blieb eine -Sekunde im Gehen stehen, »warum um Gottes willen warten Sie Nacht um -Nacht bis zum Morgen hier? Ich habe Sie nun schon oft beobachtet. -- -Dürfen Sie es nicht sagen?« fuhr ich fort, als sie schwieg. Sie hatte -mich einen Augenblick von der Seite angesehen, beinahe ebenfalls -belustigt wie ich, dann aber starrte sie mit abgewendetem Gesicht nach -einer andern Himmelsrichtung, wie ein Hund, den man anredet, und der -fortsieht und sich besinnt, ob er böse werden soll oder nicht. - -»Na, wenn Sie es nicht sagen wollen,« sagte ich gedehnt und wartete, um -ihr Zeit zu lassen. Sie aber sah immer starr in die Seitenstraße und -rührte sich nicht. - -»Wenn Sie nichts sagen dürfen --,« lachte ich und ging langsam und -nahm mir vor, wenn nicht heute, dann doch morgen von neuem zu fragen. -Aber diese Frau würde sicher nie antworten, sagte ich mir zugleich. -Sie mußte ihr Geld verdienen und verdiente es nur, wenn sie schwieg -und horchte. Mir schien, man hätte ihr ein Stemmeisen zwischen die -Lippen stoßen können, sie hätte keinen Laut von sich gegeben und den -Mund nicht geöffnet. Dieses war mein Eindruck. Welch schrecklicher -Gefangenwärter war sie! Und wessen Gefängnis mochte sie bewachen? -- - -Ich bog in die Seitenstraße und ging bis zur Potsdamer Straße zurück. -Dort fand ich die Dame im Schatten eines tiefen Haustores, auch stand -ein Automobil am Straßenrand, dessen Tür offen war. - -Ich schüttelte von weitem den Kopf, und die Fremde nickte und kam mir -entgegen. »Ich wußte, daß diese Kreatur nichts verraten würde,« klagte -die Dame enttäuscht. »Ich habe sie neulich bereits selbst gefragt und -habe sie befragen lassen, aber sie antwortet niemandem. Sie bewacht -nämlich die Haustüre einer unglücklichen Freundin von mir. Und ich -möchte wissen, ob der ungetreue Mann meiner Freundin oder andere Leute -diese reinste aller Frauen beobachten lassen, um sie in Verdacht -zu bringen.« Sie dankte mir dann und entschuldigte sich und ging -zum Auto, das ein Privatwagen war. Ich hatte das Fahrzeug vorher in -meiner Überraschung, und da ich in Gedanken am Schaufenster bei dem -Mammosettäffchen gestanden hatte, gar nicht bemerkt. Der Wagenschlag -wurde vom Kutscher zugeworfen, und die Dame flog wie der Nachtwind aus -meiner Sehweite fort. Ich stand und wunderte mich eigentlich gar nicht. -Denn daß ein Geheimnis, eine Grausamkeit, eine Ungerechtigkeit mit der -geheimnisvollen nachtwachenden Kreatur drüben um die Straßenecke in -Verbindung stand, das hatte ich mir schon lange gedacht. - -An einem der nächsten Abende begleitete ich eine mir befreundete Dame -vom Künstlertheater nach Hause, und da es eine sternhelle Nacht war, -wollte meine Begleiterin nicht fahren, sondern sie wollte schlendern -und die Nachtluft atmen. Wir kamen in der Nettelbeckstraße an dem -Schaufenster eines Juweliers vorüber, das die ganze Nacht über -beleuchtet dasteht. In diesem Laden gibt es nur alte Schmucksachen, -alte Familienschmuckstücke, Familiensilber, altmodische Fingerringe. -Da sind viele ergraute Perlen, müde gewordene Edelsteine, graue matte -Rosensteine in grauen, trüb gewordenen Silberfassungen. - -Wir standen und ließen unsere Augen wühlen und freuten uns, uns -gegenseitig zu überraschen mit unserer Vorliebe für die verschiedenen -Steine, indem wir in allen Verstecken des Schaufensters nach besonders -edlen Fassungen und besonders schönen Schmuckstücken suchten. - -Bei diesem lässigen Spiel kam mir der Gedanke, daß die alten -Schmuckwaren hinter der Glasscheibe mehr Sorge als Freude in sich -trügen, und daß das Schaufenster aussah wie voll Gefangener, die da, -herausgerissen aus ihren Lebenswegen, warten mußten, bis sie aus dem -Fenster befreit würden, bis sie wieder an warmen Menschenhänden, an -zarten Frauennacken, in Frauenhaaren und an Frauenwangen leuchten, -aufleben und frei sein durften. Denn das Leben der Steine beginnt -erst, wenn sie in Schönheit getragen werden, bei festlichem Licht und -festlichem Blut. - -Und ich mußte bei den alten gefangenen Edelsteinen an die Schaufenster -voll gefangener Vögel, Blumen und Affen denken. - -Ich sagte dieses zu meiner Begleiterin, und im Anschluß an die -Erzählung von meinen nächtlichen Schaufenstern berichtete ich ihr -auch mein Erlebnis mit der Dame und der Aufpasserin, die jenes Haus -allnächtlich bewachte. - -Meine Freundin wollte sofort, daß wir die Aufpasserin besuchen sollten. -Wir kamen dann vor jenes Haus, aber wir vermieden die Häuserseite und -gingen unter den winterkahlen Bäumen der anderen Straßenseite am Rande -eines schwarzen Kanalwassers entlang. - -Wir sahen die Frau wieder horchend am Eisengitter des Vorgartens -stehen, oben aber in der Villa, deren Tür die Aufpasserin ins Auge -gefaßt hatte, waren zwei erleuchtete Fenster. - -Meine Begleiterin, die ein sehr feines Gehör besitzt, sagte plötzlich -zu mir: »Hören Sie doch, im Hause singt eine Frauenstimme!« - -Wir standen hinter einem breiten Baumstamm still, und in den Pausen, -die zwischen dem Lärm vorübersausender Autos nur sekundenweise -eintraten, hörten wir einen wundervollen Gesang. Dazu die feine -Begleitung eines Instrumentes. - -Ich hätte die Autos aufhalten mögen, die sich immer wieder an dem Kanal -und der Baumreihe entlangstürzten und die mich nur kleine Stücke des -großen Liedes auffangen ließen. - -»Eine Sängerin,« sagte meine Begleiterin mit begeisterten Augen. »Und -zwar muß es eine große Sängerin sein, denn ihre Stimme ist herrlich.« -»Sie singt,« sagte ich, »sie singt so erschütternd und ergreifend. Es -ist, als schluchzt sie die Töne, als wäre sie eine weinende Quelle in -einem heiligen Hain, wo die Bäume dunkel und feierlich nicht rauschen -dürfen, solange die Quellenstimme singt.« - -Wir standen lange still. Dann verdunkelte sich oben das eine Fenster, -und für einen Augenblick erschien der dunkle Umriß einer schöngebauten -Frauengestalt hinter dem Vorhang, die in Haltung und Wuchs edel war -wie ihr Lied. Es war eine hoheitsvolle mütterliche Erscheinung. Der -Kopf schien in den bestirnten Nachthimmel zu schauen, und mir war, -als trüge sie noch die Rhythmen des Liedes wie große Schwingen an -ihrer aufgerichteten Gestalt. Das Aufpasserweib unten am Vorgarten -stierte hoch und ging langsam, wie beunruhigt, einige Schritte von der -Haustüre fort. Dann wurde nach einer Weile das Licht oben ausgelöscht. -Das Haus lag wie ein toter Käfig bei den andern Häuserkäfigen. Und -die Aufpasserin stand wieder an ihrem Platz wie eine Schildwache. Wir -gingen dann weiter. Meine Begleiterin war nachdenklich geworden. Sie -schien im Geist in jenes Haus eingedrungen zu sein, um die bewachte und -singende Frau dort auszuforschen. Aber sie schien dabei ebenso wenig -eine Antwort zu bekommen wie ich damals, als ich die Aufpasserin in -jener Nacht gefragt hatte. - -»Sie ist unglücklich und kann dabei noch singen, wunderschön singen, -verstehen Sie das?« fragte sie mich dann. - -»Das tun die Nachtigallen auch, die unglücklich sind, wenn sie -eingesperrt sind, sie singen um so schöner, je dunkler es um sie wird,« -mußte ich erwidern. »Aber warum ist sie bewacht, wenn sie engelrein -ist, wie ihre Freundin sagte? Verstehen Sie das?« fragte sie mich -hartnäckig weiter. - -»Der Schuldige belauert immer den Unschuldigen. Ihr Mann soll ihr -untreu sein, hat jene Dame neulich nachts gesagt,« suchte ich zu -erklären. - -»Aber warum trennen die beiden sich nicht, warum? Können Sie mir das -erklären?« - -»Das kann ich nicht erklären,« sagte ich darauf. - -»Aber Sie müssen es mir erklären,« bat meine Begleiterin ängstlich. -»Ich fühle, ich kann in dieser Nacht nicht schlafen und werde immer an -jene singende Frau denken müssen, die ihren Gram, ihren Herzkummer und -ihre Einsamkeit sich fortsingen muß.« - -Und welche Stimme, dachte ich bei mir: so singen nur die Erzengel vor -Gottes Thron, so mächtig, wenn sie aufweinen über die Schmerzen der -Welt. - -»Erklären Sie mir das Geheimnis! Erklären Sie mir, wie kann man -Ungerechtigkeit erdulden, ohne sich zu wehren?« - -»Wie wehren sich die gefangenen Singvögel, wie wehren sich wehrlose -Frauen? Sie singen aus Notwehr, wenn sie Stimme und angeborene Musik -in sich tragen; sie singen sich ihr Weh vom Leibe. Sie singen sich vom -Gift der Qualen frei. Anders wehren sich die, die innerlich singen -können, nie.« - - - - -An eine Sechzehnjährige - - -Wenn ich an Oda denke, wird mein altes Herz süß wie eine Blume, die man -sich gedankenlos zwischen die Zähne steckt und am Stiel hin und her -dreht, während man eine selbsterfundene Melodie ohne Anfang, ohne Ende, -nur einem selbst hörbar, vor sich hinsummt. - -Oda ist knapp sechzehn Jahre alt. - -Die Luft um Odas Augen ist ohne Licht, nicht bloß, weil Sechzehnjährige -eine Binde tragen, da sie mit dem Leben noch Blindekuh spielen, sondern -weil die Sonne, die so viele Millionen Jahre alt ist, für dieses Alter -gar nicht aufgehen mag. Denn sie hat für dieses Alter gar kein Licht, -das jung genug wäre. - -In Odas Nähe reizt mich vor allem immer eine gewisse natürliche und -doch jungfräulich mystische Dunkelheit, in der Oda sich selbst Licht -spendet. Nur ein zerstreutes Licht ist um sie, nicht mehr als um ein -Küken im Ei, ehe es die Schale zerbrochen hat. - -Und doch -- wie glänzen Odas mohnrote Augen! Ich behaupte, die -Jugendliche hat mohnrote Augen. Ich fühle Röte und viele Träume in -ihren Augen, Träume, wie nur ein Opiumraucher sie haben kann. - -Wenn Oda dieses lesen würde, würde sie finden, daß ich alles das, was -ich von ihr schreibe, über mich selbst schreibe. Denn sie glaubt sich -klar zu sehen wie eine Photographie. Das mag sein, ich gebe ihr recht. -Ich beschreibe nicht Odas Augenbild, sondern ihr Wirkungsbild. - -Ich habe noch niemals Frauen sehen, sondern stets nur fühlen können. -Ich fühle sie mit den Augen, fühle sie mit den Ohren, fühle sie mit dem -Blut. - -Liebe Oda, da du dich also nicht fühlen kannst, wie das Feuer sich -nicht als heiß und hell fühlt, das Wasser sich nicht selbst als naß und -weich fühlt, -- so mußt auch du, wenn du dieses einmal über dich lesen -wirst, mir glauben, wie du von mir gefühlt wirst. - -Du möchtest Schauspielerin werden, und ich zittere für dich, daß du -Wege gehen mußt, die dich weglos wie einen Kometen in eine Irrwelt -werfen können. - -Aber du willst, und alle wollen mit dir, was du willst. Und wenn ich -das bedenke, müßte ich eigentlich nicht mehr für dich zittern, denn -deine Wege können höchstens Umwege, aber keine Abwege werden, wie ich -dich kenne. Wenn du nur immer weißt, daß du willst. - -Du kommst und setzt dich, wenn alle Damen in deiner Mutter Teestunde -schon, eifrig plaudernd, das Zimmer unruhig wie ein auf- und -abwankendes Fahrzeug machen. Du setzt dich mit deiner sechzehnjährigen -Mädchenruhe in einen leeren Diwanwinkel und hast deine Glieder, wie -nackt ohne Kleid, ohne Bewußtheit, mitgebracht und hast nicht deinen -Körper vergessen, wie viele der viel zuviel gekleideten Damen es tun. - -Dein Mund redete noch nicht, auch deine Glieder reden noch nichts. -Du fühlst auch noch nichts. Und du bist da in deiner Dunkelheit vor -mir, von deiner Mutter mit Sorgfalt in einfache zarte Kittel aus Seide -gekleidet. Neulich war es grüne, herbgrüne Seide, deren Grün nichts -gemein hatte mit Pflanzen oder Metallen oder Tierfarben. Es war ein -fernweltliches Grün, weil aus dir ein Erlebnis strahlte. Du kamst aus -einer Welt her, wo eine grüne Sonne geschienen hatte, und davon warst -du noch feierlich zartglänzend und lieblich leuchtend. - -Du sitzt auffällig in deiner Unauffälligkeit vor mir, und ich höre -alles, was du nicht redest, lauter als rundum die glänzenden Reden der -Sprechenden. Dein Herz aber ist flüssig, wenn es so, nichts sprechend, -mit uns allen und mit niemandem spricht. Während uns die Teetassen -in den Fingern zittern und der Witz der Nachbarn uns benachrichtigen -will von Geschehnissen, die uns anfallen, bald kalt, bald glitzernd -von Neugier, Eitelkeit und geistreicher Gewandtheit, bist du, Oda, -verschwunden und wieder erschienen. Es rief dich irgend ein göttlich -zweckloser Zweck. - -Neulich, als ich zum ersten Mal seit Jahren wieder zu euch zu Besuch -kam, war es der kleine zahme Kanarienvogel, den du in der Hand -brachtest und mir auf den Ärmel setztest; und du lachtest, als ich -verwundert aufschaute. - -Warum brachtest du nicht alle Kanarienvögel der Stadt, damit ich dich -hätte tausendmal lachen hören können! Ich sah den zahmen kleinen -Vogel kaum, ich fühlte nur mein Herz schmerzen, weil du nur so kurz -gelacht hattest, und weil, wenn du laut wirst wie die andern, ich -dann unendlich viel Wirklichkeit von dir erleben möchte, von deinem -unwirklichen und noch weltfernen Dasein. - -Bei meinem zweiten Besuch fand ich dich, ein Tabakhäufchen zwischen -zwei Fingern zu einer kleinen Kugel drehend, am Schreibtisch deines -Vaters, und du stopftest eine kleine japanische Silberpfeife, die -du dann rauchtest. Und du lachtest wieder kurz auf, als ich aus dem -Nebenzimmer von den andern fortgegangen war, von Tee und Musik, und -dich fand. Wie ein Eichhorn in einem Waldbusch versteckt, so kauertest -du auf der Ottomane unter dem blauen Nebel des Tabakrauches und ließest -dich nicht stören. Du lachtest einmal nur dieses kurze, gestoßene -Lachen, und wieder schmerzte durch einen kleinen Ruck mein großes altes -Herz, weil du einmal und nicht tausendmal lachen konntest. Weil die -Lust so kurz ist, die du anschlägst und auslöschst. - -Warum schmerzte aber mein Herz nicht, als du ein andermal am gleichen -Schreibtisch, ans Telephon gerufen, mit einem jungen Kameraden -lachtest? Er wollte dich mit andern jungen Damen abholen und zum -Eisplatz zum Schlittschuhlaufen begleiten. Hinter dir aber stand -dein Vater wie ein lang gen die Zimmerdecke gezeichneter Schatten -und lächelte und war neckisch und sagte dir, da du um eine Antwort -am Telephon verlegen warst, daß du absagen müßtest. Der Bursche am -Telephon sei fad und nicht klug genug für dich. Du lachtest kurz auf, -aber ich fühlte nichts bei diesem Lachen, diesmal nicht den Seufzer, -nicht den zitternden Wunsch, dich noch mehr lachen zu hören. - -Und wieder an einem andern Sonntag, zu einer andern -Nachmittagsteestunde, als ein Freund eures Hauses, ein beweglicher, -nicht alter, nicht junger Mann, vor dir hockte und vom Theater -plauderte und du in einem Sessel, an die hohe Lehne zurückgedrückt, vor -dem Sprecher saßest, da zitterte Schrecken in mir. Denn der Erzähler -war ein gewandter Frauenverführer, und er war geistreich, weltlustig -und zielte mit seinen Augen auf dich wie ein geübter Revolverschütze -auf eine Scheibe. Und wie eine Zielscheibe flach lehntest du, in -den Sessel tief zurückgedrückt, an der Sessellehne, und diese deine -Stellung war jenem Mann Triumph genug. Und gleich wandte er sich an -deine Mutter und machte den Vorschlag, dich mit ihm die Probe eines -neuen Stückes besuchen zu lassen, der er beiwohnen wollte. - -Und ich sah seinen vorgebeugten, glattrasierten Kopf, der wie ein -Straußenei unterm Kronleuchter glänzte, und sah, wie er mit Eifer deine -Mutter davon überzeugte, daß diese Theaterprobe dir nützen würde für -deine Theaterkenntnis, die du dir aneignen möchtest. - -Und es wurde verabredet, daß du an einem der nächsten Morgen um 11 -Uhr in seine Loge kommen solltest, um die Probe zu sehen. Er hob den -Zeigefinger und sagte: - -»Aber es darf kein Geräusch gemacht werden, denn die Regie ist streng, -und es darf eigentlich niemand wissen, daß wir zur Probe kommen. Aber -im dunkeln Theaterraum und in der finsteren Loge wird niemand uns -finden, wenn wir ganz leise sind.« - -Ich sah dich bereits im Geist lautlos in jener dunkeln Loge und fühlte, -wie du neben deinem Verführer im Dunkeln kaum zu atmen wagtest aus Lust -am Theater, wie jener aber kaum zu atmen wagte aus Lust an dir. - -Es waren drei Tage bis zu jenem Tage der Verabredung, die du, Oda, mit -dem andern hattest. Und in jeder Nacht von diesen beiden Nächten, die -zwischen den drei Tagen lagen, wachte ich auf und horchte. Ich hörte -zuerst nur ferne Automobile durch die todstillen Straßen surren. Ich -fühlte aber dann, wie sich die Häuser auflösten und wie sie ihre Mauern -und ihre Steine nach mir warfen. Die ganze große Stadt steinigte meine -Brust. Ich stöhnte, und morgens erwachte ich wie zerschlagen. Und -mitten am Tage in meiner Arbeit wollte ich ans Telephon gehen. Es war -mir, als müßte ich deine Mutter rufen und weiter nichts zu ihr sagen -als: »Hilfe, Hilfe!« wie einer, der ein Unglück sieht und ratlos ist. - -Zufällig hörte ich dann später von deiner Mutter, du würdest doch nicht -zu jener Theaterprobe gehen. Aber ich glaubte es nicht. Warum glaubte -ich es nicht? Warum atmete ich nicht auf? Ich glaubte es nicht, weil du -ja doch deine Umwege oder Irrwege gehen mußt, wie wir alle sie gingen, -denn keine andern führen ins Leben. - -Als ich nach Wochen wieder einmal zu deinem Vater kam, nötigte er mich, -zum Mittagessen zu bleiben. Ganz flüchtig sollte der Besuch sein, denn -wir hatten nur geschäftlich zu sprechen. - -Du warst mit deiner Mutter in der Stadt, und ihr machtet an diesem Tage -andere Besuche und wart nicht zum Essen zu Hause. - -Dein kleiner Bruder Nickel, der flinke und geweckte Junge, sprang -mit seinem graublonden Lockenkopf mitten beim Essen vom Tisch auf und -holte plötzlich den kleinen Kanarienvogel aus dem Bauer und setzte ihn -auf das Tischtuch. Dort spazierte das hellgelbe Vögelchen zwischen dem -weißen Porzellan und den Kristallgläsern und um das Silbergeräte und -pickte und lugte mich mit einem Auge an. - -Der kleine Kanarienvogel war erbärmlich anzusehen. Ein Beinchen war -ihm gebrochen, das schleifte er nach sich. Aber der Bruch war schon -geheilt und schmerzte ihn nicht mehr. Doch sein Köpfchen war ganz kahl. -Er hatte alle Federn am Kopf verloren, und man sah, was man sonst nie -sehen konnte, die großen Ohrlöcher des Vogels zu beiden Seiten des -Köpfchens. Sie waren im nackten Schädel wie Löcher, durch die eine -Kugel gegangen war. - -Wieviel hat dieser Vogel gefühlt mit diesen Ohrlöchern? Wieviel Weh- -und Wohllaute zogen durch den kleinen Schädel in das Herz ein? - -Er hat Oda lachen und weinen gehört. Er hat Oda tanzen gehört und auch -gehört, wie sie aufstampfte im Zorn. Er hat Oda besungen, wenn er -andächtig wurde. - -So gerupft gehen wir alle aus der Lebensandacht hervor, dachte ich bei -mir. Früher oder später zieht das Herz einen geknickten Fuß nach. Oder -man verliert die Locken des Mutes. - -Nach dem Essen, als ich noch einen Augenblick in deines Vaters -Schreibzimmer im Ledersessel saß, las und rauchte und auf deinen -Vater wartete, der sich zum Ausgehen umzog, da tönte des gerupften -blankschädligen Vögeleins Singstimme aus dem Nebenzimmer. - -O, er sang, als wäre er gerührt über sich selbst. Er sang so schmelzend -und zärtlich, als hätte dein Bruder Nickel einen Spiegel geholt und -der Kanarienvogel hätte sein verunglücktes Bild im Glase gesehen. Und -er sang, um den trauernden gerupften Vogel im Spiegel zu trösten, sein -lebenssüßestes Lied. Denn er erkannte sich selbst nicht und glaubte für -einen Fremden zu singen. - -Da hätte ich gewünscht, Oda, du hättest mit meinen Ohren hören, mit -meinen Augen sehen können. - -Ich habe Wiedersehen gefeiert mit eigenem Leid. In deinen -sechzehnjährigen Augen sehe ich meine eigenen Gebrechen wie in einem -Spiegel, alle Wunden, die mir das Leben angetan. - -An einem der nächsten Abende, zu dem ich mich mit deinen Eltern -verabredet hatte, wurde ich zu Hause bei mir ans Telephon gerufen. - -Als ich Antwort gab, rief mir eine Stimme zu: »Ich bin es!« - -»Wer?« fragte ich ahnungslos. - -»Ich, ich, ich,« riefst du mir zu, und es belustigte dich, daß ich -deine Stimme nicht gleich erkannte. - -Wie seltsam, daß ich deine Stimme nicht wiedererkannte! - -Aber da lachtest du das kurze Stoßlachen, das immer wieder zu rasch -auslöscht. - -Da erkannte ich dich wieder. - -Noch oft im Leben werde ich dich nicht erkennen, wenn du sprichst, aber -ich hoffe, daß ich dich immer erkennen werde, wenn du lachst. - - - - -Zur Stunde der Maus - - -In einer Stadt der Provinz hatte ein Südfrüchtenhändler einen Laden -eingerichtet, der sich über einem tiefen Keller befand, zu welchem eine -Falltüre hinunterführte. - -Aus diesem Keller kamen jede Nacht die Mäuse in Scharen in die -Südfrüchtenhandlung herauf. Sie nagten dort die schönen, in -Seidenpapier eingewickelten Kalvillenäpfel an, sie fraßen Datteln -und Feigen, Rosinen und Bananen und schonten auch nicht die -jungen Gemüse und die Maltakartoffeln. Keine Ware, die sich in -der Südfrüchtenhandlung befand, war vor den kleinen zudringlichen -Nagetieren zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang sicher. - -Solange nachts Lärm auf den Straßen war und die Wagen fuhren, hielten -sich die Mäuse noch still im Keller. Aber sobald es Mitternacht -geschlagen hatte und es still in jener Straße wurde, kamen sie in -Scharen, vergnügten sich an den süßen Vorräten und feierten wahre -Freßorgien, deren Spuren den Südfrüchtenhändler jeden Morgen beim -Betreten des Ladens in Verzweiflung setzten. - -Den Laden zu räumen und einen anderen zu beziehen, das ging nicht gut -an, da hier im Mittelpunkt der Stadt ein gutes Absatzgebiet war und dem -Händler durch einen Umzug wahrscheinlich viele Kunden verloren gegangen -wären. - -Und so versuchte er, sich auf alle Weise gegen die Mäuse zu schützen. -Er schaffte sich Katzen an, aber er mußte sie wieder abschaffen, da es -vorgekommen war, daß die Tiere in der Nacht den Ladenraum verunreinigt -hatten und der Geruch davon, der am Morgen nicht auszutreiben war, die -Käufer entsetzt hatte. - -Er schaffte sich dann Hunde, Rattenfänger, an. Aber diese stürmischen -Tiere schlugen in den Nächten ein wildes Gebell auf, wenn sie hinter -den Mäusen herjagten, und sie warfen dabei, wenn sie über die mit Obst -gefüllten Körbe sprangen, Früchte und Körbe über den Haufen, so daß der -Händler auch die Hunde wieder abschaffen mußte, weil die Nachbarn sich -über das nächtliche Gebell beschwert hatten und der Schaden, den die -hetzenden Hunde anstifteten, dem Schaden der Mäuse gleichkam. - -Gift gegen die Mäuse zu legen, war nicht ratsam, da die halbvergifteten -Tiere das Gift über die Eßwaren verschleppen konnten und dann großes -Unglück durch die Vergiftung von Früchten hätte entstehen können. - -So blieb dem armen, von Mäusen geplagten Südfrüchtenhändler nichts -übrig, als sich um Mitternacht, zur Stunde der Maus, in den Ladenraum -zu begeben und, versehen mit einem Stock, seine Fruchtkörbe selbst zu -bewachen und durch Händeklatschen und Fußstampfen die eindringenden -Mäusescharen zu verjagen. - -Er allein konnte nicht Nacht um Nacht wachen, und so teilte er sich mit -seiner Frau in die Nachtwachen. Aber dieses ermüdete auf die Dauer die -beiden sehr. - -Da kamen sie auf den Gedanken, eine entfernte Verwandte, die gerade -eine Stellung suchte, zu sich ins Haus zu nehmen, damit diese die -Mäusewache jede dritte Nacht übernähme. - -Der Südfrüchtenhändler hatte es sich aber zur Pflicht gemacht, manchmal -nachzusehen, wenn das junge Mädchen die Wache hatte, ob es nicht -eingeschlafen wäre. - -Er traf das Mädchen aber niemals schlafend an, denn es vertrieb sich -die Zeit mit Lesen von Balladen und Romanzen, für die es eine Vorliebe -hatte. - -Mit der Zeit waren dem Händler die Augenblicke, die er zur Stunde der -Maus mit dem jungen Mädchen verplauderte, wenn sie im Laden zusammen -hinter die Körbe schauten, um die kleinen Ladenräuber zu verjagen, oder -wenn sie ihm eine ihrer Romanzen vortrug, die sie bald alle auswendig -kannte und die sie bei der Nachtwache laut hersagte, damit sie mit -ihrer Stimme die Mäuse verjagte, -- so zur angenehmen Gewohnheit -geworden, daß er die Minuten im Laden unbewußt immer länger ausdehnte -und sich eines Nachts klar wurde, daß er sich in das junge Mädchen -verliebt habe. - -Das kam, als das junge Fräulein ihn eines Nachts, da er wieder lange -ihren Balladen zugehört hatte und noch eine Romanze zu hören wünschte, -daran erinnerte, es sei Zeit, daß er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu -seiner Frau ginge. Und sie hatte lachend hinzugesetzt, sie wisse, daß -er recht glücklich verheiratet wäre. - -Dabei hatte sie den Kalvillenapfel, den er als den schönsten für sie -ausgesucht und ihr für ihren Balladenvortrag zum Geschenk gemacht -hatte, vorsichtig wieder in das schützende Seidenpapier eingewickelt -und hatte ihn auf die Apfelpyramide zurückgelegt, von wo ihn der -Händler genommen hatte. - -»Für mich sind weniger schöne Äpfel auch gut genug. Auch wird sich -vielleicht Ihre Frau ärgern, wenn ich den besten Apfel, der im Laden -ist, aufesse.« - -Als sie dieses gesagt, hatte sie leise geseufzt, und der Mann war aus -dem Laden gegangen. Vorher hatte er ihr noch lachend zugerufen: - -»Natürlich bin ich glücklich verheiratet, sogar sehr glücklich.« - -Aber seit dieser Stunde, seit dieser Versicherung seines Glückes, -war der Mann von einer Unruhe geplagt, die ihn unglücklich machte. -Es war ihm, als habe er im Augenblicke der öffentlichen Feststellung -seines Eheglückes den Gipfelpunkt dieses Glückes schon überschritten. -Denn er war abergläubisch und glaubte bestimmt daran, daß er mit dem -Eingeständnis seines Glückes sich ein Unglück ins Haus eingeladen -habe. Er war aber zugleich ein ehrlicher und treuer Mann, der seine -ihm angetraute Frau niemals betrogen hatte, und dessen Herz heftig -erschreckte, als es zur Stunde der Maus seine Augen dabei ertappte, -wie sie mit Wohlgefallen an dem Gedichte vortragenden Mädchen im -mitternächtigen Laden hängen geblieben waren, so daß er die Zeit und -den Schlaf vergessen konnte. - -Das junge Geschöpf mit seinen erdbraunen Augen und seinen tabakfarbenen -Haaren paßte gut zwischen die Pyramiden von Blutorangen und goldgrünen -Zitronen und neben die weinduftenden Ananasfrüchte. Und oft am Tage, -wenn der Südfrüchtenhändler die Kunden bediente und das Mädchen gar -nicht im Laden anwesend war, schien ihm, als ob in den leichten flachen -Holzschachteln die plattgepreßten gedörrten Malagatrauben oder die -in Silberstanniol eingewickelten spanischen Mandarinen den gleichen -Duft ausströmten, der ihm vom Nacken jenes Mädchens, von den feinen -Haarwurzeln ihrer tabakbraunen Locken entgegengeströmt war und den er -deutlich kannte von den Augenblicken, da sie beide zur Stunde der Maus -hinter den Säcken mit Maltakartoffeln und hinter den Körben voll von -afrikanischem Blumenkohl mit Stöcken nach den Mäusen geschlagen hatten. - -Des Händlers Unruhe wuchs allmählich, besonders seiner Frau gegenüber, -die er wirklich aufrichtig liebte und die er mit seiner Untreue nicht -betrüben wollte. - -Er wußte sich keinen Rat mehr, wenn er sich auch vornahm, das junge -Mädchen zur Zeit, da es Wache hatte, nicht mehr im Laden aufzusuchen. -Doch nützte ihm das nicht viel, denn er traf es am Tage, und er konnte -nicht daran denken, es fortzuschicken, weil es für die Nachtwachen -unentbehrlich war; und er hätte auch gar keinen Grund gehabt als den -seiner Zuneigung, den er aber natürlich kaum sich selbst eingestehen -wollte und den er noch weniger jemand anderem offenbaren konnte. - -Es geschah auch, daß, wenn er dem Mädchen jetzt am Tage auf der Treppe -oder im Ladenraum oder in seiner Wohnung begegnete, er ein kühleres -Gesicht aufsetzte, um seine Gefühle mit Gewalt zu verleugnen. Und ihm -schien es dann, als ob das junge Mädchen durch sein verändertes Wesen -verletzt wurde, und daß es ihn leicht verächtlich behandelte. - -Es war ihm in der Erinnerung unangenehm, daß er zu dem Mädchen gesagt -hatte, er sei glücklich, sehr glücklich. Er fand es roh und häßlich, -daß er glücklich sein sollte, während das junge Geschöpf glücklos war -und die Lebenstage nur für die bezahlte Arbeit kommen und gehen sah. - -Bei einem größeren Einkauf einer Warensendung, die er immer in der -nächsten Hafenstadt, wo die Frachtschiffe aus dem Süden ankamen, machen -mußte, wurde ihm der Vorschlag unterbreitet, ein Zweiggeschäft in -jener großen Seestadt zu gründen, damit er die durch die Verpackung -und Reise schon etwas beschädigten, aber noch guten Obstvorräte, denen -eine Eisenbahnversendung nicht gut bekommen würde, an Ort und Stelle -absetzen könnte. - -Der Händler ging mit Freuden auf dieses Geschäftsunternehmen ein. -Und da ihn die Fruchtversteigerungen oft nach der Hafenstadt gerufen -hatten, so fand auch seine Frau es ganz in der Ordnung, wenn ihr Mann -dem neuen Zweiggeschäft in der Hafenstadt vorstünde, wogegen sie den -Laden in der Provinzstadt weiterführen wollte. - -Für die Festtage des Jahres hatten die Eheleute verabredet, sich zu -besuchen. Da aber die Frau zur Weihnachtszeit nicht von dem Laden -abkommen konnte, erwartete sie der Mann erst zum Neujahrsabend, zur -Silvesterfeier. - -In der ersten Zeit der Trennung war der Südfrüchtenhändler von seinem -neuen Geschäft so in Anspruch genommen, daß er weder seine Frau noch -das junge Mädchen, das nach wie vor in dem Laden in der Provinz die -Nachtwache hatte, vermißte. - -Aber als das neue Geschäft im Gang war und sich eintönig abwickelte, -kehrten seine Erinnerungen doppelt heftig zurück, und die Gerüche der -Früchte im Laden, die ihre Süßigkeit durch die Luft verbreiteten, -erweckten wieder, besonders, wenn er abends den Laden geschlossen, -seine Rechnungsbücher durchgesehen und zugeklappt hatte und sich -der Beschaulichkeit und dem Träumen überlassen durfte, das Bild des -Mädchens und den Duft ihres Leibes, wie er ihm begegnet war vormals zur -Stunde der Maus. - -Er merkte, daß er sich sogar einzelner Verse jener Balladen und -Romanzen erinnerte, die sie immer in der nächtlichen Stille im -Kreis der Fruchtkörbe vorgetragen hatte, und die ihn auf ferne -Inseln und zu fernen Ländern, unter fremdartige Bäume, zu feurigen -und fremdgearteten Menschen versetzt hatten, deren Sprache voll -auffallender Leidenschaftsworte lebhaft leuchtete, wie die Farben der -Südfrüchte, die von den nüchternen Eisensäulen des Ladens, von den -kahlen Kalkwänden und vom strengen Kassenpult wie bengalische Feuer -abstachen, die man im nüchternen Tageslicht abbrennt. - -Wenn der Mann dann aus dem Laden in sein Zimmer in einem der höher -gelegenen Stockwerke des Hauses kam, wo er jetzt ohne Weib hausen -mußte, gingen die Düfte der südlichen Länder, die an seinem Rock -hafteten, mit in seine Träume. Und er umarmte in seinem Schlaf nicht -sein Weib, sondern er zog das junge Mädchen an sein Herz, während ihm -ihre Brüste wie zwei frische Kalvillenäpfel entgegendufteten. - -Und besonders zur Stunde der Maus lag er oft auf dem Kissen wach, mit -den verschränkten Armen unter seinem Kopf, und stellte sich seinen -Laden in der Provinz vor, wo eine der Gaslampen brannte und sie, die er -ersehnte, mit hochgezogenen Beinen auf dem Drehstuhl beim Ladentisch -saß und ihre Balladen sprach und dazwischen aufsprang und nach einer -Ecke schlich, wo überall Mausefallen waren, die aber den Mäusen so -bekannt waren, daß keine mehr Lust hatte, sich fangen zu lassen. - -Dann sah er, wie sie sich bückte und eine Falle, die von selbst -zugeklappt war, wieder aufstellte, wobei sie vielleicht den Vers -hersagte: - - Ein Held, deß' Herz wie Feuer war, - Ritt durch die Wälder sieben Jahr. - Verschwiegen hat er sieben Jahr, - Daß er ein Fraß der Flammen war. - -Bald mußte sich der Händler auch am Tage mit seinen verliebten Träumen -beschäftigen. Und der Gedanke, daß seine Sehnsucht die Ersehnte -vielleicht herziehen könnte, wollte nicht mehr von ihm weichen. - -Er nahm sich endlich vor, einen Brief zu schreiben und seiner Frau -zu sagen, daß er eine Hilfe im Laden brauche und daß er nicht -immer die Ladentüre abschließen könne, wenn er stundenlang zu den -Fruchtversteigerungen gehen müsse, und er wollte ganz harmlos im Briefe -bemerken, daß sie ihm jene Verwandte schicken sollte. - -Er hatte den Brief im Geist vielleicht tausendmal abgefaßt, nachts und -am Tag. Wo er ging und stand, schrieb er diesen Brief in Gedanken. - -Aber er konnte sich nicht entschließen, die Feder in die Hand zu -nehmen, die Tinte und das Briefpapier. Er wäre sich wie ein Verräter -vorgekommen, Verräter an der Treue, die er seiner Frau halten wollte, -und Verräter an seinem Herzen, das ehrlich bleiben wollte. - -So schrieb er diesen Brief nur mit den Augen in die Luft. Er schrieb -ihn abends stundenlang, wenn er seine Rechnungen abgeschlossen -hatte, unter die Summen der Zahlen ins Hauptbuch, in das er brütend -starrte. Er schrieb den Brief mit den Augen auf die Kistendeckel der -Orangensendungen, wenn er das Kistenbrett in der Hand hielt und in -Gedanken anstarrte, statt es in eine Ecke zu stellen. Er schrieb den -Brief auf die rötlichen blanken Schalen der Blutorangen. Er schrieb den -Brief an die leeren Kalkwände seines Verkaufsgewölbes, und er las ihn -am Tag hundertmal, während er Früchte in die weißen Tüten hineinzählte, -die er den jungen Mädchen und Frauen zureichen mußte. Auf allen -Frauenhänden, die die Fruchttüten aus seiner Hand empfingen, las er -jenen Brief, den seine Augen unaufhörlich schrieben. - -Aber wie man sich scheut, mit bloßen Füßen durch brennendes Feuer zu -gehen oder die bloßen Hände in helles Feuer zu legen, so scheute er -sich, seine Hände und seinen Willen dazu herzugeben, den Brief zu -schreiben und abzusenden, den Brief, der die heimlich Ersehnte zu ihm -bestellen sollte. - -Der Gefolterte suchte sich mit der Zeit die brennende Sehnsucht nur -dadurch ein wenig zu erleichtern, indem er tat, als ginge er auf die -Forderungen seines Blutes scheinbar ein. Er ging, wenn es ihm seine -Zeit erlaubte, in die Warenhäuser und kaufte Dinge für sein Zimmer ein, -die er sonst nie für sich gekauft hätte, und die er aufstellte wie -zum Empfang für diejenige, die er noch nie empfangen hatte. Er kaufte -Kissen für das Sofa, unnütze Vasen, in die er Blumensträuße stellte, -die er aber verwelken ließ wie die Stunden seiner Träume. Er kaufte -romantische Bilder, mit denen er die Wände schmückte, kaufte Balladen- -und Romanzenbücher, die er auf ein Bücherbrett aufreihte. Er kaufte -Weingläser, eine Porzellanschale für Kuchen, eine Kristallschale für -Früchte und eine große seidene Bettdecke. - -Er kaufte sich neben seinen gewöhnlichen Zigarren, die er täglich -rauchte, eine Schachtel bester und teuerster Havannastengel, die er -nur dann rauchen wollte, wenn der ersehnte Besuch gekommen sein würde. - -Mit diesen und noch mancherlei Einkäufen beschwichtigte er das still -schwellende Sehnsuchtsfieber, das in ihm umging wie ein unheimlicher -Feueratem, der ihn entfachen wollte. - -Aber den Brief, den er hätte schreiben müssen, schrieb er nicht. - -Oft, wenn ihm ein Besuch angezeigt wurde, fuhr er erschreckt zusammen -und dachte, jenes Mädchen könne plötzlich auf seiner Türschwelle -stehen, gerufen von den lautlosen Hilfeschreien seines geknebelten -Herzens. - -Zum Silvester kam dann, wie es verabredet war, seine ahnungslose Frau -zu ihm zu Besuch. - -Sie war, seit er den Laden in der Hafenstadt aufgemacht hatte, noch -nicht bei ihm gewesen. Und als er sie jetzt vom Bahnhof abholte und in -sein Zimmer führte, wo von der Decke eine rosa Glasampel hing, die er -angezündet hatte, da schlug die gute Frau erstaunt die Hände zusammen -und vergaß, den Hut und den Mantel abzulegen. Sie drehte sich auf -einem Fleck, mitten im Zimmer stehend, um sich selbst und ließ die -zerbrechlichen feinen Vasen mit Blumen auf sich wirken, die schönen -gebundenen aufgereihten Bücher auf dem Bord, den Porzellanteller mit -Kuchen, die Kristallschale mit Früchten, die vielen romantischen Bilder -an den Wänden. Und als sie zuletzt gar die gleißende Seidendecke auf -dem breiten Bett bemerkte, da gingen ihr gerührt die Augen über, und -sie umarmte ihren Gatten und bedankte sich, daß er so zärtlich alles -für ihren Empfang hergerichtet hatte. - -Der sagte nichts und umarmte seine Frau wieder. Denn während er diese -Dinge zum Schmuck des Zimmers alle eingekauft und aufgestellt hatte, -hatte er auch da nie mit Bewußtheit und Offenheit sich eingestanden, -daß er dies nicht für seine Frau, sondern für das junge Mädchen tat. - -Er hatte wie ein Schlafwandelnder gehandelt, getrieben von einer -inneren Lust, sein Zimmer zu schmücken, handelnd zwischen Wachen und -Träumen. Und wie er nun seine Frau, die er immer noch treu liebte und -vor der er sich keine untreue Handlung vorzuwerfen hatte, umarmte, -schien es ihm wirklich einen Augenblick als wahrscheinlich, daß er für -sie und sich zur Silvesterfeier und zum Wiedersehen das Zimmer so -sorgsam und festlich geschmückt hatte. - -Am Abend gingen Mann und Frau mit Bekannten in eine Weinstube, und dort -tranken sie, bis es zwölf Uhr schlug und das neue Jahr anbrach. Und von -Glühwein und Bowle erhitzt, wurde der Südfrüchtenhändler lustig und -ausgelassen, wie ihn seine Frau selten gesehen hatte. - -Als nun das neue Jahr mit vielen »Prosit« empfangen worden war, sehnte -sich die Frau aus dem lärmenden Kreis der Menschen fort und dachte an -das schön geschmückte Zimmer, das sie beide erwartete, das ihr Mann -mit soviel Zärtlichkeit hergerichtet hatte, und wo sie ihm jetzt mit -gleicher Zärtlichkeit zu danken wünschte. - -Sie zupfte ihren Mann am Ärmel, aber der schien an gar kein -Nachhausegehen denken zu wollen und trank immer wieder seinen Freunden -zu und ließ sich zutrinken und bestellte neuen Wein. - -Aber es waren auch noch andere Frauen im Kreise, die auch heimzugehen -wünschten, und die Frauen verabredeten sich untereinander und standen -auf und setzten ihre Hüte auf und zogen ihre Mäntel an und traten -dann angekleidet vor die im Tabakrauch und Weindunst laut schwatzenden -Männer und baten sie, heimgeführt zu werden. - -Die Männer wollten auch folgsam alle gehen. Nur der Südfrüchtenhändler -wollte ans Aufbrechen nicht denken. Der saß auf seinem Stuhl fest und -behauptete, er ginge nicht zur Stunde der Maus nach Hause, denn da -gingen Gespenster bei ihm um. - -»Was für Gespenster?« fragten ihn alle. - -»Mäuse und junge Mädchen,« entfuhr es dem etwas Angetrunkenen. - -Die Männer lachten und warfen sich zwinkernde Blicke zu. Die Frauen -aber trieben beharrlich zum Aufbruch an. - -Die Frau des Südfrüchtenhändlers war bei der Rede ihres Mannes -plötzlich blaß und zitternd geworden, und auf der Straße zog sie ihren -Gatten auf die Seite: - -»Was hast du da geschwatzt von Gespenstern, von Mäusen und jungen -Mädchen, die bei dir umgehen? Nun weiß ich es, für wen du das Zimmer so -festlich geschmückt hast! Jedenfalls nicht für mich.« - -»Was?« sagte der unschuldige Mann. »Was habe ich von jungen Mädchen -gesagt?« und er hielt seinen Hut in der Hand und ließ die eisige -Nachtluft seinen erhitzten Kopf abkühlen. »Du glaubst wohl gar, daß ich -junge Mädchen nachts bei mir empfange?« - -»Ja, was soll ich denn anderes glauben?« wimmerte die weinende Frau und -drückte ihren Muff vors Gesicht. »Du hast es ja selbst vorhin vor allen -Freunden gesagt, daß zur Stunde der Maus junge Mädchen bei dir umgehen.« - -»Da habe ich im Weinnebel Dummheiten gesprochen,« verteidigte sich der -Mann. »Mein Zimmer hat niemals ein anderer Frauenfuß betreten als der -deinige, mit Ausnahme des alten Weibes, das dort Ordnung macht und -täglich die Stube reinigt.« - -»Ist das wahr?« sagte die Frau des Südfrüchtenhändlers und sah ihren -Mann an und zog ihn am Arm, damit er ihr ins Gesicht sehen sollte. - -»Ich schwöre es dir,« beteuerte er. Aber er sah sie nicht an, sondern -starrte hinauf in den Himmel, wo die Sterne wie Pyramiden aufgehäufter -goldener Früchte glänzten. - -Die Frau atmete auf und lachte sich selbst aus, daß sie so schnell -Übles gedacht hatte von dem, den sie immer als rechtschaffen und treu -gekannt hatte. Und sie nahm sich jetzt erst recht vor, zärtlich zu -ihm zu sein, da er nun doch das Zimmer nur für sie so schön geschmückt -hatte. - -Zu Hause, als sie den Mantel abgelegt, sah sie, wie ihr Mann, nachdem -er nach der Uhr gesehen, nach einem der Balladenbücher griff und es vom -Bücherbord herunterlangte. Und statt sich auszukleiden, streckte er -seine Beine auf dem Sofa aus und schlug das Buch auf und las für sich. - -Die Frau entkleidete sich inzwischen und kämmte ihr Haar am Spiegel -aus, schlüpfte dann ins Bett unter die seidene Bettdecke und verhielt -sich eine Weile mäuschenstill, um abzuwarten, bis ihr Mann ausgelesen -hatte. - -Nach einer Weile klappte er das Buch zu, und sie sah, wie er sich aus -einer bisher ungeöffneten Zigarrenschachtel eine große Zigarre holte -und diese anzündete. Und als sie den fein duftenden Rauch roch, dachte -sie bei sich: so gute Zigarren raucht er doch sonst nicht. Die hat er -auch zu meinem Empfang gekauft. - -Und sie nahm jede Rauchwolke, die er von sich blies, als eine Huldigung -dar. - -Dabei kam ihr der Gedanke, daß sie eigentlich noch gern einen Schluck -schwarzen Kaffee getrunken hätte. Und da fragte sie ihn: - -»Hättest du nicht auch gern ein Täßchen Kaffee zu deiner guten Zigarre?« - -Da stand er auf und ging zu einem kleinen Kredenzschrank, holte eine -neue vernickelte Kaffeemaschine und zwei winzige Mokkatassen, stellte -sie auf den runden Tisch unter die Ampel und goß Spiritus in den -Brenner, nahm aus einer Büchse gemahlenen Kaffee und schickte sich an, -den Kaffee zu bereiten, von dem sie gesprochen. - -Sie sah vom Bett aus mit Erstaunen seinen Händen nach, und plötzlich -schienen ihr die Hände des lautlosen Mannes, die da am Tisch handelten, -die gespensterhaften Hände eines Traumwandlers zu sein. Und sie -fühlte mit den Augen einer liebenden Frau, wie das Herz dessen, der -da umherging, nicht im Zimmer anwesend war. Sie wurde wieder bestürzt -und ratlos und fühlte, daß Gespenster umgingen hier im Zimmer zur -Stunde der Maus, so wie es ihr Mann vorher beim Wein gesagt hatte. -Zugleich wußte sie auch, daß ihr Mann sie niemals belügen konnte. Und -sie schaute in die fremde Welt des fremdgeschmückten Zimmers, wo sie -den, den sie liebte, nicht mehr erkannte. Nur wie ein Gespenst saß er -dort auf dem Sofa. Auch sein Rauchen war unnatürlich und gezwungen. -Seine Augen sahen in die Spiritusflamme, die da unter dem Kessel -leise sauste, und dabei schienen sie die Flamme doch nicht zu sehen. -Seine Ohren schienen auf die summende Kaffeemaschine zu lauschen und -schienen doch noch anderes zu hören. Seine eine Hand aber streichelte -unausgesetzt und wie abwesend den Deckel des Buches, das vor ihm lag. -Und mit eifersüchtigem Liebessinn wurde die Frau von jenem Buche -angezogen. Und als das Kaffeewasser kochte und ihr Mann an die Maschine -trat, um den Kaffee in die Tassen einzuschenken, da stieg sie leise aus -dem Bett und zog, scheinbar harmlos, das Buch vom Tisch an sich. Sie -blätterte darin und erkannte sofort, daß es Balladen waren, die jene -junge Verwandte, die sie daheim hatte, immer las und vortrug. - -Sie wußte jetzt mit raschem Gedankengang plötzlich, wer das Gespenst -war, wer das junge Mädchen war, das um die Stunde der Maus im Zimmer -ihres Mannes umging. - -Sie fühlte, daß seine Gedanken nur bei jener Verwandten weilten, und -sie wurde zornig, da sie glaubte, er habe sie in jenen Augenblicken, da -er das Mädchen zur Nachtwache im Provinzladen aufgesucht, daheim schon -betrogen. - -Als der Mann mit der gefüllten Kaffeetasse zu ihr ans Bett trat, wies -sie den Kaffee zurück, wandte das Gesicht gegen die Wand und brach -in Schluchzen aus. Und auf seine Fragen stürzten ihr Vorwürfe über -die Lippen. Aber er konnte ruhig entgegnen, daß kein Wort und nichts -zwischen ihm und jenem Mädchen ausgetauscht worden war, was seine Treue -hätte in Frage stellen können. - -»Es muß aber doch etwas zwischen euch gewesen sein,« fuhr die Frau -hartnäckig fort, »denn ich erinnere mich jetzt, daß du ganz plötzlich -deine Aufsicht über die Nachtwachen im Laden abgebrochen hast. Sage -mir, was war das letzte Wort, das ihr dort zusammen spracht?« - -»Ich sagte ihr, daß ich glücklich, sehr glücklich verheiratet bin,« -erwiderte der Mann nach einigem Nachdenken. - -Die Frau sah erstaunt mit tränendem Gesicht zu ihm auf und sagte: »Ich -glaube dir's. Aber ich weiß doch, daß sie allein das Gespenst ist, das -nach Mitternacht hier umgeht. Kannst du mir wirklich versichern, daß du -alles das, die Tassen, die Kaffeemaschine und alle Dinge im Zimmer nur -für mich und dich gekauft hast und die andere im Geist niemals neben -dir hast sitzen sehen?« - -Da sagte er einfach und langsam: »Wenn ich jetzt um diese Stunde an das -Mädchen erinnert werde, wird es mir klar, daß ich alles, was du hier -siehst, eingekauft habe, um sie und nicht dich zu empfangen. In allen -andern Stunden wußte ich nichts davon.« - -Da weinte die Frau. Und als ihr Mann sich neben sie aufs Bett setzte -und die seidene Decke über sie legte, stieß sie die Decke heftig -zurück. Und ihm war es, als habe sie mit dieser Bewegung nach dem -Mädchen gestoßen, das er neben ihr heimlich liebte. - -Da löste sich sein geknebeltes Herz auf. Und er ging und setzte sich -in eine entfernte Zimmerecke und bedeckte sein Gesicht mit den beiden -Händen. - -Gegen Morgen, als das Geräusch der vorüberfahrenden Milchwagen und der -ersten Straßenbahn die Fensterscheiben leise klirren machte, rief die -Frau vom Bett aus ihres Mannes Namen. Aber als er dann zu ihr trat, -brach sie wieder in Weinen aus. - -»Es ist dir nichts geschehen und wird dir nichts geschehen, denn ich -werde mich nie diesem Mädchen verraten. Meine Gedanken an sie werden -mit der Zeit erkalten müssen. Wenn du mich nicht an sie verrätst, werde -ich sie vergessen können.« - -Und die Frau versprach ihm, wenn sie heimkommen würde, dem Mädchen, -das so unschuldig war wie ihr Mann, nicht gram sein zu wollen und über -alles zu schweigen, was sie von ihm in dieser Nacht erfahren. Er wußte, -was sie versprochen habe, würde sie auch halten. - -Nachdem die Frau wieder abgereist war, nahm der Mann bald ein Bild -nach dem andern von den Wänden herab und rückte die Vasen in eine Ecke -eines hohen Schrankes, wo er sie nicht sehen konnte, rollte die seidene -Decke zusammen und packte sie fort. Auch die Balladenbücher nahm er -vom Brett und legte sie in eine Schublade, die er verschloß. Denn seit -jener Aussprache in der Silvesternacht war der Geist des Mädchens, der -sonst um die Stunde der Maus in seinem Herzen schwül umgegangen war, -von ihm ferngeblieben, und die stille Leidenschaft starb in dem Mann -allmählich ab. Der Händler ging eifrig seinen Geschäften nach, vermied -es, die Abende allein zu verbringen, suchte Freunde und Bekannte auf -und schien allmählich vollständig zu genesen von dem Liebesalp, der ihn -so lange heimlich bedrückt hatte. - -Da erhielt er eines Tages ein Telegramm, worin seine Frau ihn bat, -schleunigst nach Hause zu kommen, da jener jungen Verwandten ein -schweres Unglück zugestoßen wäre. - -Der Mann zitterte einen Augenblick, als er das Papier mit der Nachricht -in den Händen hielt. Dann aber machte er sich kühl und hart gegen alte -auflodernde Gefühle und reiste mit dem nächsten Zug nach Hause. - -Die Frau empfing ihn mit verweinten Augen und schluchzte an seinem Hals -und sagte ihm, daß das junge Mädchen durch einen plötzlichen Unfall -getötet worden war. Dabei aber stotterte sie: - -»Du wirst glauben, ich bin schuld an ihrem Tod. Aber ich schwöre dir, -ich bin unschuldig.« - -Der Mann erstaunte und fragte, welches Unglück sich ereignet habe, und -hörte dann von der schluchzenden Frau, daß das Mädchen durch einen -unvorsichtigen Schritt in die geöffnete Falltür, die sich im Fußboden -des Ladens befand, abends im Dunkeln, als sie eben die Nachtwache -antreten wollte, in den tiefen Keller gestürzt war, auf dessen mit -Steinplatten gepflastertem Boden man die Unglückliche mit gebrochenem -Rückgrat tot aufgefunden hatte. - -»Aber wer hat denn die Tür in den Keller aufstehen lassen?« fragte der -Südfrüchtenhändler entsetzt. - -Die Frau verbarg das Gesicht an seiner Brust und schluchzte von neuem: - -»Ich bin es gewesen, ich. Ich bin wohl an ihrem Tode schuld, aber ich -habe ihn nicht absichtlich verschuldet.« - -Da durchlief den Mann ein Schauder, und er zog sich aus der Umarmung -seiner Frau zurück. - -Sie aber klammerte sich fest an ihn und rief verzweifelt: »Als es -mir plötzlich einfiel, daß ich die Kellertür offen gelassen hatte, -bin ich oben aus dem Zimmer in das Stiegenhaus gestürzt und habe ihr -nachgerufen, sie solle nicht in den Laden gehen, da die Falltür zu dem -Keller offen wäre. Im selben Augenblick aber hörte ich schon einen -Schreckensruf und den polternden Aufschlag eines Körpers im tiefen -Gewölbe.« - -Die Frau setzte sich auf einen Stuhl und schluchzte in ihre beiden -Hände. Und als sie nach einer Weile wieder aufsah, war das Zimmer leer. - -Sie glaubte, der Mann wäre auf den Kirchhof in die Leichenhalle -gegangen, um das Mädchen noch einmal zu sehen. Aber er war, ohne -Abschied zu nehmen, in sein Geschäft in der Hafenstadt zurückgereist -und ließ seine Frau deutlich fühlen, daß er es nicht glauben konnte, -sie habe die Falltür ohne Absicht offenstehen lassen. - -Gleich nach der Beerdigung des Mädchens reiste sie zu ihm und erklärte -ihm noch einmal, daß sie unschuldig wäre. Er aber ging wieder aus dem -Zimmer und wollte nicht mit ihr sprechen. - -Sie kehrte in den Laden in der Provinz zurück, verzweifelt darüber, daß -sie ihren Mann nicht zum Glauben an ihre Unschuld bringen konnte. - -Von dem ausgestandenen Schrecken und von dem Schweigen ihres fernen -Mannes gefoltert, wurde sie immer schwächer und erkrankte zuletzt an -einem Gehirnfieber. - -Eines Tages erhielt der Südfrüchtenhändler einen Eilbrief von einem -Arzt, der ihn aufforderte, schleunigst zu kommen, wenn er seine Frau -noch am Leben finden wollte, denn ihre Stunden wären gezählt. - -Der Mann kam, aber die Fiebernde kannte ihn nicht mehr. Der Arzt sagte, -er solle sich an ihr Bett niedersetzen, es wäre möglich, daß sie kurz -vor dem Sterben zum Bewußtsein kommen und ihn erkennen würde. - -Da saß er nun und hörte die Fiebergespräche, in denen sie immer wieder -die Worte wiederholte, daß sie unschuldig wäre. Aber er konnte es doch -nicht glauben. Sie hat aus Eifersucht getötet, sagte er zu sich selbst. - -Plötzlich richtete sich die Fiebernde im Bett auf und erkannte ihren -Mann. - -»Bist du gekommen, mir zu glauben?« rief sie erleichtert aus. - -Da sah er in ihre Augen, und beim Ton ihrer Stimme mußte er glauben, -daß sie unschuldig war am Tod der andern. - -Und er bat in seinem Herzen das Schicksal um ein Wunder: Die Sterbende -soll leben bleiben und gesund werden, wenn sie unschuldig ist, sagte er -in seinem Schweigen. - -Er sah ihr fest ins Auge und beschwor ihr fliehendes Leben mit seinem -innersten Wunsch. - -»Ich glaube dir. Du bist unschuldig. Wir haben beide keine Schuld und -wollen glücklich und ruhig weiterleben,« sagte er laut zu der Kranken, -deren Kopf erschöpft auf die Seite sank, während ihre Augen ihn -halbverklärt betrachteten. - -»Ich will schlafen, und wenn ich aufwache, will ich mit dir glücklich -sein wie früher,« sagte die Frau mit schwacher Stimme. - -Seine Hände betteten ihren Kopf sorgsam in die Kissen. Er wachte dann -zwölf Stunden an ihrem Bette, und in all der Zeit hielt er ihre Hände -in seinen Händen. - -Nach zwölf Stunden schlug die Frau einen Augenblick die Augen auf, und -als sie sein Gesicht neben sich sah, lächelte sie. - -»Schlafe dich gesund!« sagte ihr Mann. Sie schloß wieder die Augen und -schlief noch einmal zwölf Stunden. Und nach der vierundzwanzigsten -Stunde saß der Mann immer noch wach an ihrem Bett und hielt ihre Hände -fest wie in der ersten Stunde. - -Sie schlug die Augen auf, und als sie ihn immer noch neben sich -sah, war sie glücklich und gestärkt und fühlte, daß sie zum Leben -zurückkehrte. Und sie fuhr streichelnd mit der Hand über die Augen -ihres Mannes. Dann sank sein Kopf zu ihr auf die Kissen, und er schlief -ein, und sie schliefen beide noch einmal zwölf Stunden. - -Dann erwachte sie gesund und gestärkt. Und seit dieser Stunde war bei -ihnen alles Vergangene vergessen, und ihr Leben wurde von jetzt ab -glücklich wie in den ersten Jahren ihrer Ehe. - - - - -Die Kurzsichtige und der Komet - - -Es war in einem Winter, als die Astronomen von Europa einen bisher -unbekannt gewesenen kleinen Kometen entdeckt hatten, der kurz nach -Sonnenuntergang am Abendhimmel mit bloßen Augen zu sehen sein sollte, -später in der Nacht aber hinterm Horizont verschwand. - -In jenem Winter sah man täglich um die fünfte Abendstunde die Leute mit -Operngläsern in den Händen auf verschiedenen freien Plätzen von Berlin -sich zusammenrotten. Und einer versuchte vom andern die Stellung des -neuen Kometen zu erfahren. Indessen der Wagenstrom laut und lärmend -wie immer auf dem Straßendamm rollte, stockte auf den Bürgersteigen -der Verkehr. Die Leute schoben und drängten und standen den Eilenden -im Wege, und niemals haben zu gleicher Zeit nachts so viele Augen in -den Sternen gesucht als in jenen Winterabenden in der Stunde nach -Sonnenuntergang in Berlin und in ganz Europa. - -Ich hatte mehrmals am Potsdamer Platz versucht, den Kometen für mich -zu entdecken, aber die Lichtreklamen, die dort über den Kaffeehäusern -und über den Dächern der Potsdamer Straße und der Königsgrätzer Straße -gegen den Himmel auf- und abflammten, erschwerten das ruhige Betrachten -des Nachthimmels. - -Deshalb war ich eines Abends mit der elektrischen Straßenbahn nach -dem südlichen Teil der Stadt zum Kreuzberg gefahren, um dort von den -Parkanlagen des Hügels aus beschaulicher nach dem Kometen suchen zu -können. - -Als ich in der Nähe des Kreuzbergs aus der Straßenbahn stieg, bemerkte -ich, daß viele Leute denselben Weg nahmen wie ich. Ganze Familien -gingen in Reihen vor mir her. Auch laute Schulknaben, die sich -zusammengerottet hatten, und stille Liebespaare stiegen dort in den -Parkwegen hügelaufwärts und Hunderte kamen vom Kreuzberg herunter. Es -war ein allgemeines Wandern, als wäre da oben ein Jahrmarkt. - -Die Wege waren ziemlich dunkel; selten brannte eine Laterne. Schnee -lag in dünner Schicht vor den finstern Tannengruppen, und der klare, -eisige Winterhimmel war trotz der späten Stunde noch leicht hell und -schimmerte zwischen den finstern Bäumen. - -Dort, wo es in den Anlagen ganz dunkel war und Treppenstufen zwischen -künstlichen aufgetürmten Stufen emporstiegen, halfen sich die Menschen -mit lautem Gelächter weiter. Die Heruntersteigenden lachten, und die -Hinaufkletternden lachten. Und man tastete sich aneinander vorüber, -und die jungen Mädchen, in Pelzmäntel vermummt, kicherten, und die -jungen Männer erschreckten sie mit plötzlichen Zurufen; und mancher -zündete ein Streichholz an, um ein Geländer oder eine Treppenstufe zu -beleuchten. - -Ich hatte mich an meinem Spazierstock bergauf getastet und traf, bald -oben, auf der Höhe des Hügels unter den Bäumen eines verschneiten -Grasplanes wohl hundert Menschen, die über die Häuserwelt von Berlin -wegsahen und, gen Westen gewendet, den Himmel absuchten, wo die Sonne -untergegangen war und ein Stückchen vom zunehmenden Mond blinkte. - -Mir kam es aber vor, als ob keiner den Kometen wirklich fände, alle -aber ihn im Geiste sahen. Und da sie ihn heftig gern zu sehen -wünschten, deuteten sie auch alle nach einer Richtung, wo hier und da -ein Stern blitzte, und jeder vermeinte, in diesem oder jenem Stern den -Kometen zu sehen. Ich glaube, jeder fand sich seinen eigenen Kometen. -Die, die keinen am Himmel entdeckten, fanden ihn sicher auf der Erde. -Denn es streifte im Dunkeln manch blitzendes Auge umher. Alle Menschen -hier hatten den einen Zweck, herumzustehen, und manche durften sich -anreden und ihrer Redelust Luft machen und ihrer Wissenslust und ihrem -Gefühlsdrang Raum geben beim Schauen in den aufrichtigen Nachthimmel, -auf diesem Hügel, der da im weiten steinernen Häuserkranz Berlins wie -eine Insel zwischen Wellenkämmen lag. - -Man lieh sich gegenseitig Gläser und Brillen und Fernrohre. Man half -sich, im nächtlichen Garten des Himmels spazierenzugehen, wobei die -Augen als Füße dienten, und man unterstützte sich gegenseitig hilfreich -im Lustwandeln am Nachtfirmament. - -Manche Pärchen sonderten sich ab und setzten sich trotz Kälte und -Schnee auf einsame Bänke, die da auf der Hügelhöhe standen. - -Einige Knaben bildeten Gruppen, einzelne rauchten verbotene Zigaretten, -und die anderen leisteten ihnen neidisch Gesellschaft. - -Ältere Herren im Kreise von Bekannten erzählten von früheren -Kometenjahren, und auch Fremde stellten sich um sie herum und gaben -ihre Weisheit dazu. - -Von der Stadt sah man nur einige mattgelb erleuchtete Straßenzüge -mit unzähligen glitzernden Fenstern. Aber eigentlich fühlte man von -der großen Stadt hier oben nichts mehr. Berlin war nur noch ein -gespenstiger Körper rund um den Hügel, ein Körper, der sich ins -Unendliche verlor und hier und da aus seinen Poren Feuerstaub zu atmen -schien. - -Ich hatte so eine Weile in Betrachtung der Stadt, der Menschen und des -Himmels mich an meinem Stock gelehnt, den ich wagrecht gegen den Stamm -eines Kiefernbaumes gestemmt hatte. - -Vor mir lichtete und verdichtete sich das Gedränge der Menschen. Nur -der Himmel über mir blieb immer gleich klar und unbeweglich. - -Ich stellte mir eben vor: so aller Berufe entkleidet, so gleichgemacht -und von dem einen einzigen Gedanken der Ewigkeit und Unendlichkeit -entrückt, müßten auf irgendeinem Eiland, wenn es das gäbe, die Schatten -der Gestorbenen umhergehen, aufgestiegen in Höhen, wo sich keine -Weltunrast mehr findet, und hingegeben einzig dem Betrachten der -Ewigkeit in uns und um uns... - -Schatten gingen und neue Schatten kamen über den weißen, leicht -beschneiten Grasflächen. Menschen lösten sich aus Bäumen, und andere -schienen in Bäume zu verschwinden. - -Der Schnee, der fein bläulich schimmerte wie eine Phosphormasse, -schien mir aus weißen, eisigen Blüten zu bestehen, den Blumen der -Vergessenheit, die diesem Eiland im Weltraum unklares Licht gaben, und -über denen die Schatten der Menschen sich lautlos begegneten. - -Sobald wir vergessen können, sind wir selbst nicht mehr und werden -unendliches Gefühl ohne Wissen... - -Wie ich noch diesem Gedanken nachhing, sah ich eine Dame, ein wenig -vorgebeugt, mit unsicheren kleinen Schritten über den Schnee kommen, -und ich erkannte sie sofort, trotzdem ich nichts sah als den schwarzen -Schattenriß ihrer Gestalt. Sie war aus einer dunklen Baummasse -hervorgetreten, und wie ein Teil des Dunkels erinnerte sie mich an -Geschehnisse, an Herzenserlebnisse, die in meiner Vergangenheit lagen, -in jener gespenstigen Vergangenheit, die wir im Rückblick Jugend nennen. - -Wer kann aber sagen, daß er jemals altert! - -Die zierliche kleine Dame kam näher, und ich sah, wie sie sich -bückte. Zu beiden Seiten ihrer Füße stand je ein kleiner Hund, und -sie band diese beiden Tierchen an einen Riemen. Die Tiere liefen dann -aneinandergekoppelt vor ihr her, indessen sie die Riemenschnur in der -Hand hielt. - -Sie kam gerade auf den Baum zu, an dessen Stamm gestützt ich meinen -Stock hielt. Mir schien es, als wollte sie die Hunde an den Baumstamm -anbinden. - -An ihrem Gang und ihrer Art merkte ich, daß sie noch immer sehr -kurzsichtig war, und ich erinnerte mich jetzt, daß sie schon viele -Abenteuer infolge dieser starken Kurzsichtigkeit hatte erleiden müssen. - -Ich wollte abwarten, bis die Dame ihre Hunde an den Baum gebunden habe, -und wollte dann zu ihr treten und sie begrüßen. - -Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen, seit langen Jahren uns aus -den Augen verloren, und vielleicht wäre es gar nicht gut, wenn ich die -beinah Vergessene begrüßen würde. Vielleicht würden die Erinnerungen, -die wir aufwühlen mußten, Martern werden. - -Man lernt sein eigenes Wesen niemals ganz kennen und weiß niemals, wie -tief die Wunden zuheilen. Wir wissen auch nicht, ob wir Unheilbares in -uns tragen, oder ob wir unverwundbar sind. Solange wir atmen in diesem -warmen Leibe, den wir uns aufgebaut haben, studieren wir diesen Leib, -von dem wir wissen, daß er nur künstlich und vergänglich ist. Aber wir -schaudern oft im geheimen vor seinem Dasein, weil unser Leib uns ebenso -fremd bleibt wie unser ewiges Teil. Weil der Leib plötzlich im Blut -Sehnsüchte wie Abgründe öffnen kann. - -Gottlob, daß Leib und Seele nicht mit Zahlen, nicht mit Gesetzen, nicht -mit Maßstäben, nicht mit Erfahrungen zu begreifen und zu ergründen -sind. In seiner Unbegreiflichkeit ergänzt der sterbliche Teil den -ewigen Teil. - -Ich wußte nicht, sollte ich jene Dame grüßen oder sollte ich ihr -ausweichen. Ich wollte eben meinen Spazierstock, den ich in der Höhe -meiner Hüfte wagrecht gegen den Baumstamm gestellt hatte, zurückziehen -und wollte einige Schritte weitergehen. - -Da sehe und fühle ich erstaunend, daß die Dame ihre Foxterrier an -meinen Spazierstock, den sie wohl für einen Baumast hielt, festband. - -Ich hielt den Stock jetzt belustigt still, während mich der eine Hund -beschnüffelte und der andere an seine Herrin hochsprang. - -Diese war ganz in ihre mühsame Arbeit vertieft und band die -Riemenschnur um meinen Stock zu einem festen Knoten. Vorher hatte sie -ganz flüchtig mit ihrer behandschuhten Hand meinen nicht glatten, -sondern etwas knorrigen Stock abgetastet und sich überzeugt, daß er -fest genug war, um die beiden Hunde zu halten. - -Viele Leute kamen und gingen. Ich fiel der Dame nicht weiter auf, sie -hielt mich eben für einen der vielen Herumstehenden, die nach dem -Kometen suchten. - -Wie seltsam war dieses Wiedersehen! Tragisch-komisch, wie alle -kurzsichtigen Abenteuer jener Dame. - -Ich sah, daß sie ein Opernglas umhängen hatte, und zugleich baumelte an -einer langen Kette über ihrem Mantel ein Lorgnon, das ich so gut aus -früheren Jahren kannte. - -Die Dame entfernte sich jetzt einige Schritte, nachdem sie ihren Hunden -geboten hatte, sich niederzulegen. - -Die Tiere aber gehorchten nicht gleich. Sie zerrten an der Schnur, und -ich mußte mich mit meiner ganzen Kraft mit dem Stock gegen den Baum -stützen und hatte alle Mühe, meinen Spazierstock festzuhalten. - -Sie aber sah nichts anderes als ihre Hunde. Sie rief ihnen nochmals zu, -und da sie glaubte, daß sie sie an einem Baumast festgebunden, ging sie -weiter, wobei sie ihr Opernglas aus dem Lederbehälter nahm. - -Ich kannte die Hunde beim Namen, und als die Dame weit genug über -den Schnee fortgegangen war, flüsterte ich den Tieren ihre Namen zu. -Sie sahen erstaunt nach mir und stellten das gemeinsame Kläffen ein, -beschnüffelten mich nochmals, wedelten ein wenig belustigt mit ihren -Schweifstummeln und setzten sich still zu meinen Füßen nebeneinander. - -Ich nahm mir vor, die Terrier festzuhalten und meinen Stock einen -Baumast vorstellen zu lassen, bis die Hunde von der Kurzsichtigen -wieder abgeholt wurden. - -Ich sah die zierliche Gestalt der Dame sich am Rand der Hügelfläche -gegen den Nachthimmel abzeichnen und sah, wie sie abwechselnd das -Lorgnon nahm und dann wieder das Opernglas, um unter den Menschen zu -suchen und unter den Sternen am Himmel. - -Es war eine Unruhe über ihr, die mir von ihrer Kurzsichtigkeit -auszugehen schien. Und während alle Leute den Kometen im Westen finden -wollten, hatte sie sich allein nach der östlichen Himmelsrichtung -gewendet, wo sie den Kometen sicher niemals erblicken konnte. -- - -Wir hatten uns vor Jahren auf eine sonderbare Weise kennen gelernt. - -Ich saß damals eines Tages auf der Terrasse des Café Josti am -Potsdamer Platz. Es war an einem Nachmittag zur Pfingstzeit. -Frühlingslebhaftigkeit war über allen Menschen. Blumenverkäuferinnen -mit Flieder, Schneeballen und Pfingstrosen standen mit ihren breiten -Körben draußen vor der Terrassenbrüstung neben den Zeitungsverkäufern. -Damen mit neuen Sommerhüten und Herren mit neuen Strohhüten spazierten, -eilten und schlenderten vorüber. - -Die langen Reihen der Straßenbahnen, die Autos und Lastkarren -stockten manchmal, wenn einer der vielen Polizisten an den breiten -Straßenmündungen die weißbehandschuhte Hand hob. - -Ich sah zufällig über den Platz hin und bemerkte, daß ein Schutzmann -eine junge Dame, die mit zwei Foxterrier den Fahrdamm überschreiten -wollte, herübergeleitete, und daß die Dame, am Trottoirrand angekommen, -ihr Portemonnaie zog, um den Schutzmann ein Trinkgeld zu geben. - -Die Umstehenden lachten. Der vielbeschäftigte Schutzmann aber grüßte -nur kurz und ließ die Dame stehen. Diese erkannte die Verlegenheit, in -die sie den Schutzmann und die Umstehenden gebracht hatte, und darüber -etwas ratlos, gab sie das Geldstück, das sie nun einmal in der Hand -hielt, einer Blumenverkäuferin. - -Diese meinte natürlich, die Dame wolle eines ihrer kleinen -Moosrosensträußchen kaufen, und beeilte sich, ihr einen Strauß aus -ihrem Korb zu geben. Indessen schritt aber die Kurzsichtige schon zum -Eingang der Terrasse des Cafés. Die Blumenverkäuferin wußte nun nicht, -wem sie das Sträußchen geben sollte, und gab es einem Herrn, der den -Verkauf beobachtet hatte, und bat ihn, der Dame nachzueilen. - -Der Herr lachte und holte die Dame gerade am Eingang des Cafés ein. -Dort zog er höflich den neuen Strohhut, verneigte sich und reichte -der Kurzsichtigen den kleinen Rosenstrauß. Sie sah den Herrn erstaunt -von der Seite an. Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ließ sie ihn -mit den Blumen stehen, denn sie hielt ihn augenscheinlich für einen -Zudringlichen und glaubte wahrscheinlich, die Überreichung des -Sträußchens bezwecke eine Annäherung. Dann stieg die Dame die wenigen -Stufen zur Caféhausterrasse empor, und die Foxterrier, die in der Hitze -mit offenen Mäulern stoßweise atmeten, zogen die Dame seltsamerweise -nach meinem Tisch hin. - -Vielleicht hatten die Terrier mein Interesse, das ich an ihrer Herrin -nahm, in Fernwirkung empfunden. Denn ich hatte die Ankommende zwischen, -über und neben den Köpfen der um mich Sitzenden mit meinen Augen -aufmerksam verfolgt. - -Und nun saß sie nach einer Weile neben mir. Die Hunde lagen unter -dem Tisch. Sie entnahm einer Handtasche ein kleines Taschentuch und -säuberte eifrig die Gläser ihres Lorgnons. - -Sie war unauffällig geschmackvoll gekleidet. Ich erinnere mich, daß -ein großer, brauner Strohhut mit sehr breiter Krempe mir ihr Gesicht -verdeckte, das ich nur einen Augenblick vorher gesehen hatte. Es war -mild und blaß, und zwei dunkelbraune Augen schauten aus ihm in die -Welt, ohne die Welt genau zu sehen. - -Die Dame kam mir damals vor, als ginge sie in einer Dunkelheit und -müsse sich im Gehen und Handeln mehr auf ihren Instinkt als auf ihre -Augen verlassen. - -Sie hatte bei dem vorüberrennenden Kellner eine Limonade bestellt. Der -Kellner hatte mir eben auch meine Limonade gebracht. Ich las dann aber -in meiner Zeitung weiter und wurde für ein paar Augenblicke von einem -Artikel gefesselt. Als ich wieder aufsah, trank die Kurzsichtige neben -mir meine Limonade aus meinem Glase. - -Ich rührte mich nicht und ließ die Dame im Glauben, daß das ihre -Limonade war. Bis der Kellner kam, hatte sie das Glas ausgetrunken. Und -als er die bestellte Limonade vor sie hinsetzte, sah sie ihn erstaunt -an, nahm ihr Lorgnon vor die Augen und bemerkte nun auch mich. Aus -ihren Bewegungen konnte ich ersehen, wie sie sich über sich ärgerte. -Ich dachte, sie würde mir jetzt ihre Limonade anbieten und eine -Entschuldigung vorbringen. Sie aber ließ ihr Lorgnon fallen, zuckte -mit der einen Schulter, legte rasch Geld aus ihrem Portemonnaie auf -den Tisch und murmelte dabei: »Das ist doch unverschämt.« Dann stand -sie mit einem Rucke auf, zog ihre Hunde, die sich eben zum Schlafen -hingestreckt hatten, hinter sich her und verließ offensichtlich -geärgert die Terrasse. - -In der Schnelligkeit hatte sie nicht bemerkt, daß ihr Taschentuch -von ihrem Schoß unter den Tisch gefallen war. Ich war aber durch den -Ausspruch »Das ist unverschämt« so verwundert, daß ich mich nicht -gleich bücken mochte. Dann aber belustigte mich das Ganze. Ich nahm das -Taschentuch an mich, und als der Kellner kam, fragte ich ihn, ob er die -Dame kenne, die eben da gesessen. - -»Ja,« sagte er, »sie hat ein paar Mal morgens ihren Kaffee hier -getrunken. Sie scheint sehr zerstreut zu sein. Neulich hat sie in -Gedanken unsere Getränkekarte beim Aufstehen mitgenommen, und als einer -von uns sie darauf aufmerksam machte, zeigte es sich, daß sie geglaubt -hatte, ihr Notenheft in der Hand zu halten. Sie ist Musikschülerin, und -ich sah sie auch schon öfters mit einem Geigenkasten vorübergehen. Sie -muß hier in der Nähe wohnen.« - -Ich hatte das Taschentuch zu mir gesteckt und mir vorgenommen, es der -jungen Dame selbst auszuhändigen, wenn ich sie einmal wieder sehen -sollte. - -Gleich am nächsten Nachmittag, ungefähr um die selbe Stunde, traf ich -die Kurzsichtige wieder. Diesmal war sie ohne ihre Hunde. - -Sie stand an dem Schaufenster eines Photographen und betrachtete -durch ihr Lorgnon die Bilder. Der Kasten befand sich dicht an einer -Straßenecke. - -Ich war auf der anderen Seite der Straße und mußte einige Automobile -vorüberfahren lassen, ehe ich den Fahrdamm überschreiten konnte. Als -ich dann durch das Wagengedränge hinüberkam, sah ich, wie die Dame, -immer noch mit dem Lorgnon vor den Augen, um die Ecke der Straße ging. -Dort mußte sich ein zweiter Photographenkasten befinden, denn sie sah -mit voller Aufmerksamkeit gegen das Haus. - -Ich zögerte einen Augenblick, ihr sofort zu folgen, und stellte mich -vor die Bilder an den Kasten, vor dem sie vorher gestanden. Mein Herz -klopfte ein wenig, als ich überlegte, mit welchen Worten ich ihr das -Taschentuch überreichen sollte hier an der Straßenecke. Wahrscheinlich -würde sie mich gar nicht anhören, wenn ich mich verbeugen und meinen -Hut ziehen würde. Vielleicht würde sie mich kurz angebunden stehen -lassen, wie sie den Herrn neulich mit dem von ihr selbst bezahlten -Rosenstrauß hatte stehen lassen. - -Nur wenige Augenblicke überlegte ich das alles und stellte mir vor: -wenn ich jetzt um die Ecke des Hauses treten würde, wollte ich mich -zuerst neben sie stellen und die Widerspiegelung ihres Gesichtes in -dem Schaukasten ein wenig beobachten, ehe ich sie anspräche. Ich -konnte sehen, daß sie noch dort stand, denn ich sah die Spitze ihres -grünseidenen Sonnenschirms. - -Zugleich bemerkte ich aber jetzt, daß die meisten Leute, die an -der Dame vorübergegangen waren und um jene Straßenecke bogen, sich -erstaunt, verblüfft oder belustigt lachend nach ihr, die nur mir noch -verborgen war, umsahen. - -Es war doch nicht möglich, daß sie alle diese Leute kannte! Auch sah -ich nicht, daß ein einziger von ihnen grüßte oder gegrüßt hatte. Einige -sogar kehrten um, und ich sah an den Schatten, die über den weißen -Asphalt der Straße fielen, daß sich Menschen dort ansammelten, wo sie -stand. - -Was ist da nur so Urkomisches an dem Schaukasten des Photographen zu -sehen, fragte ich mich. - -Ich trat nun um die Ecke des Hauses. Da war gar kein Photographenkasten -an der Wand. Da war auch kein Plakat, keine Inschrift. Da war nur eine -leere Mauer, eine einfach gekalkte Wand, an deren Mörtel für mich -nichts zu sehen war. Aber vor der Wand stand jene Dame, die ich suchte, -mit ihrem Lorgnon vor den Augen und sah so hin und her an der Wand, ein -wenig hinauf, ein wenig zur Seite, ebenso wie sie es vorher vor dem -Schaufenster getan hatte. - -In einigem Abstand hinter ihr waren die Leute stehen geblieben, -vorübergehende Herren und Damen, Dienstboten und Arbeiter, die sich mit -Gesten und Blicken stumme Zeichen machten. - -Ich begriff nun: die Kurzsichtige mußte tief in Gedanken sein, und weil -sie an der einen Seite der Ecke vorher Bilder betrachtet hatte, schien -sie auch hier Bilder erwartet zu haben, und schien im Geist auch solche -zu sehen. - -Das Ganze spielte nur wenige Sekunden. Dann schien die Dame sich bewußt -zu werden, daß die Wand leer war. - -Auf diesen Augenblick mußten alle Umstehenden gewartet haben. Mit -demselben Ruck, mit dem die Kurzsichtige gestern vom Tisch aufgestanden -war, trennte sie sich plötzlich von der leeren Wand, erleuchtet von -einer schreckhaften Erkenntnis ihrer Zerstreutheit. Dann schob sie das -Lorgnon zusammen und schritt energisch an den Leuten vorbei, in Flucht -vor dem grausamen Lächeln der anderen. Sie überquerte den Fahrdamm und -trat drüben mit demselben Ruck und Eifer in einen Schreibwarenladen ein. - -Nun wußte ich, ich würde ihr öfters begegnen, und ich beeilte mich -nicht, ihr mit dem Taschentuch nachzulaufen. Ich hatte an ihrem Gang -gemerkt, daß sie in dieser Straße zu Hause war. Sie schien immer zu -dieser Stunde Besorgungen oder einen Spaziergang zu machen. - -Ich hatte aber nicht gedacht, daß ich bald ihren Namen erfahren würde, -ohne sie danach gefragt zu haben. - -Einen Tag später merkte ich zu meinem Erstaunen, daß von dem -Schreibwarenladen, in welchem jene Dame neulich eingetreten war, bis zu -einem Haus nahe bei jenem, in welchem meine Wohnung lag, Visitenkarten -reihenweise hingefallen lagen. Es regnete, und einige Karten waren -von den Füßen der Straßengänger in den Rinnstein geschoben worden. -Dort schwammen sie im Regenbach entlang der Straße, wie weiße, kleine -Gondeln. - -Als ich eben an der Haustüre, wo das letzte Visitenkartenhäufchen lag, -vorübergehen wollte, öffnete sich diese und eine Frau trat heraus, -die die Hausmeisterin jenes Hauses sein mußte. Sie schlug die Hände -zusammen und sah schmunzelnd und lachend auf die verlorenen Karten. Und -als sie mich auch staunen sah, erklärte sie mir, in ihrem Hause wohne -eine kurzsichtige und sehr zerstreute Geigenspielerin. Die habe ein -Paketchen Visitenkarten so ungeschickt nach Hause getragen, daß sie -alle Karten auf dem Wege zwischen dem Laden und der Haustüre verloren -habe. Die Schachtel, die seitlich zu öffnen gewesen, habe sie leer nach -Hause gebracht, da die Gummischnur unterwegs zerrissen war, die das -Päckchen zusammengehalten hatte. Die Dame schäme sich nun fürchterlich -oben in ihrem Zimmer, und darum habe sie die Hausmeisterin gebeten, -hinauszugehen und die Visitenkarten aufzulesen. - -Ich benützte die Gelegenheit und gab der Hausmeisterin, als sie mir -eine Visitenkarte gezeigt hatte, das Taschentuch, das die Dame neulich -im Café hatte liegen lassen. - -»O,« sagte die Frau, »sie weiß nie, wohin ihre Taschentücher -verschwinden. Aber über die ganze Stadt liegen ihre Taschentücher -zerstreut.« - -Dann fragte mich die Hausmeisterin, ob ich der Herr sei, der im -Nebenhause die Atelierwohnung gemietet habe. - -Als ich es bejahte, sagte sie, das kurzsichtige Fräulein habe die -gleiche Wohnung in diesem Hause, Atelier, Schlafzimmer und Küche. Die -Häuser seien Zwillingshäuser und hätten dieselbe Einteilung. - -Da schoß es mir durch den Kopf, daß vor einigen Wochen jemand nachts -um zwölf Uhr, als ich mich ausgekleidet hatte, um zu Bett zu gehen, -am Schloß meiner Flurtür mit einem Schlüssel herumgestochert hatte. -Erst hatte ich geglaubt, es wäre ein Einbrecher, dann war mir das -Geräusch doch zu selbstverständlich erschienen, und ich dachte, es -müßte sich jemand im Stockwerk geirrt haben. Als nun die Hausmeisterin -weiter erzählte, daß die kurzsichtige Dame eines Nachts die Haustüren -verwechselt hätte, wußte ich, daß es die Kurzsichtige gewesen war, die -mich an meiner Tür erschreckt hatte. - -Am nächsten Nachmittag war schönes Wetter, und ich stellte mich ans -Fenster, um die Dame, wenn sie ausgehen würde, zu beobachten. Sie -kam auch, wie ich mir gedacht hatte. Sie hielt in der einen Hand -einen Brief, und dann sah ich, wie sie den Brief in ihre Seitentasche -schob und langsamen Schrittes am Bürgersteig hinging bis zum nächsten -Briefkasten. Dort aber steckte sie nicht den Brief in den Kasten, -sondern ein kleines Futteral, das nur ein Brillenfutteral sein konnte. - -Ich mußte herzlich für mich lachen. Ich sah der Dame weiter nach. Sie -überschritt die Straße und ging in eine Konditorei, wo sie in einem -stillen Hinterzimmer ungestört ihren Nachmittagskaffee trinken wollte. - -Die Arme hat ihre Brille in den Briefkasten geworfen und wird sie sehr -bald vermissen! Ich muß ihr die Brille wieder verschaffen und sie ihr -in die Konditorei bringen. - -Sie war wie eine hübsche kleine Japanerin, harmlos und gedankenvoll, -scheinbar immer der Welt entrückt. - -Ich nahm Hut und Stock und ging hinunter an den Briefkasten und -wartete, bis der Radler auf seinem Postrad kam, der den Briefkasten in -seine große braune Leinwandtasche leeren sollte. Ich sagte ihm, ich -hätte aus Versehen mit einem Brief zusammen mein Brillenfutteral in den -Briefkasten gesteckt. - -Er begriff mich erst nicht, und ich mußte meine Rede wiederholen. -Dann lachte er, und mich ein wenig geringschätzig von Kopf bis zu Fuß -ansehend, wie man einen bedauerlichen Dummkopf betrachtet, händigte er -mir, nachdem er den Kasten aufgeschlossen, ein viel gebrauchtes und -abgenütztes Brillenfutteral ein, in welchem eine Brille klapperte. - -In der Konditorei drüben fand ich die Dame dann bei einer Zeitung -sitzend. - -Ich näherte mich ihr. Sie hatte ihr Lorgnon schnell bei der Hand, und -es kam mir vor, als habe sie mich erstaunlicherweise erkannt; und doch -war sie ein wenig sprachlos, denn wir kannten uns ja gar nicht. Aber -die Hausmeisterin mußte ihr erzählt haben, daß ich ihr Taschentuch -aufgehoben hatte. - -»Können Sie denn meinen Brief schon haben?« fragte sie. Bin ich denn -stundenlang hier gesessen und weiß es gar nicht? setzten ihre unruhigen -Augen hinzu. - -»Nein, Ihren Brief habe ich nicht bekommen. Aber ich habe Ihr -Brillenfutteral, das ich Ihnen hier bringe.« - -»Um Gottes willen, wo habe ich das wieder liegen lassen?« stieß sie -gequält hervor und sank auf einen Stuhl. - -»Im Briefkasten lag es,« sagte ich und zwang mich, ein möglichst -harmloses Gesicht zu machen. - -Sie begriff sofort, und mit jenem Ruck, den es ihr immer gab, wenn eine -blitzartige Erkenntnis über sie kam, griff sie nach ihrer Manteltasche -und tastete darin nach dem Brief, den ich knistern hörte. - -Ohne aber den Brief aus der Tasche zu ziehen, bat sie mich, Platz -zu nehmen, und berichtete mir, sie habe mir geschrieben und für das -Taschentuch gedankt und zugleich um Entschuldigung gebeten, daß sie -einen harten Ausdruck gegen mich gebraucht habe. Das Wort »unverschämt« -sei ihr aber entfahren, weil sie mich für jenen Herrn gehalten habe, -der ihr unverschämterweise einen Rosenstrauß am Eingang des Cafés -angeboten. Sie hätte im Brief dazugesetzt, daß sie sich persönlich -entschuldigen wollte, wenn wir uns einmal begegnen würden. - -Dann erzählte sie mir seufzend, daß ihre Kurzsichtigkeit und ihre -Zerstreutheit ihr schon viel Schabernack gespielt habe. - -Das wußte ich schon. Wir sprachen dann von etwas anderem, von Musik, -von Tagesangelegenheiten, und waren nach einer Weile wie alte Bekannte -geworden. - -Die Konditorei hatte noch ein kleines Nebenzimmer, in welchem an einer -Säule ein Springbrunnen plätscherte, um den Wassergläser standen, die -zum Kaffee gereicht wurden. - -Der Springbrunnen störte mich ein wenig mit seinem plätschernden Laut, -der so einförmig wie ein Regenfall war. Es fiel mir auf, daß während -unseres Gespräches die kurzsichtige Dame öfters leicht bekümmert zur -Seite horchte, und dann sprach sie vom schlechten Wetter der letzten -Tage. - -Ich hielt das für eine Eigenart von ihr und dachte, sie leide -vielleicht bei schlechtem Wetter an Gliederreißen oder etwas Ähnlichem. - -Nach einer Weile stand ich auf und verabschiedete mich von ihr. Sie -sagte, daß sie das Wetter erst abwarten wollte. - -Ich glaubte, sie fühle ein heraufziehendes Gewitter kommen und fürchte -sich zu Hause allein zu sein. - -Ich ging, und als ich nach ein paar Stunden wieder am Laden vorüberkam --- es war inzwischen kein Unwetter gewesen, schöner stiller Himmel und -Sommerabend voll Sterne und Klarheit --, da stand der Konditor unter -der Türe und blinzelte mir mit den Augen zu und sagte: - -»Ihre Dame ist eben erst fortgegangen!« - -»Welche Dame?« fragte ich ganz in Gedanken und erstaunt. - -»Nun, die Kurzsichtige, die im Hause neben Ihnen wohnt. Sie hat beim -Geräusch von meinem Springbrunnen geglaubt, daß es regnet, und hat -Kaffee getrunken und Chokolade getrunken und Limonade getrunken und -alle Zeitungen gelesen, weil sie bei dem trostlosen Regenabend, wie sie -sagte, nicht zu Hause sitzen wollte, und weil sie ein Kleid anhatte, -von dem sie behauptete, daß es von den Regentropfen Flecken bekommen -könnte. Dann hat sie gegessen und getrunken und gelesen. Endlich -hat sie einen meiner Gehilfen zu sich gerufen und hat ihn zu ihrer -Hausmeisterin hinübergeschickt und hat sich ihren Schirm holen lassen. -Die Frau konnte gar nicht begreifen, warum das gnädige Fräulein bei dem -schönen klaren Abend einen Schirm nötig habe. Wir waren ebenfalls sehr -erstaunt, bis die Dame beim Fortgehen zur Ladentür kam und verwundert -entdeckte, daß kein Tropfen Regen fiel. Dann ist sie aber ganz wütend -über sich selbst fortgerannt, und war wahrscheinlich ärgerlich, -daß sie den schönen Abend im Laden verbracht und den plätschernden -Springbrunnen für einen Regen gehalten hatte.« - -Sie lebte das Leben auf ihre eigene Weise. Und als ich sie einmal -befragte, ob sie sich nicht fürchte, überfahren zu werden, wenn sie so -in Gedanken sei, sagte sie: »Nein, ich habe meinen eigenen Gott, dessen -Schutz ich mich immer empfehle.« - -»Was ist das für ein Gott?« fragte ich. - -»Der Gott der Idioten,« sagte sie schmunzelnd und kicherte ein feines -Lachen, das ihr sehr gut stand. - -Unter anderem war ihr auch einmal passiert, daß sie nach einem -Mittagessen in einem Restaurant beim Fortgehen einen großen silbernen -Löffel senkrecht vor sich hergetragen. Und als der Kellner sie -aufmerksam gemacht, daß sie ja einen silbernen Löffel mitnähme, war -sie zu Tod erschrocken gewesen, denn sie hatte geglaubt, sie halte den -silbernen Griff ihres Sonnenschirms in der Hand. - -Als ich sie dann zum letztenmal sah, es war an einem Hochsommerabend, -da ich von einem Ausflug heimradelte, begegnete sie mir in unserer -Straße. Sie schien sehr in Hast zu sein, als wenn sich wieder etwas -ereignet hätte, was sie kopflos machte. - -Ich ließ meine Fahrradklingel trillern, vielleicht etwas heftiger als -sonst, da ich die Dame zum Aufschauen zwingen wollte, um sie grüßen zu -können. Aber mein Schrecken war groß. Kaum, daß meine Glocke schrillte, -lag die junge Dame flach auf der Erde wie umgeklappt, als wenn ein -unsichtbares Fahrrad über sie fortgeradelt wäre. - -Ich sprang ab und half ihr auf und entschuldigte mich, sie erschreckt -zu haben. - -Sie war tief in Gedanken gewesen, sagte sie, und das laute Klingeln -schien ihr so nah, daß sie sich geduckt hatte, ausgeglitten und -gefallen war mit dem Gefühl, sie sei überfahren worden. - -Nachdem sie sich aufgerichtet und ein wenig erholt hatte, erklärte sie -mir, sie wäre so schreckhaft, weil oben bei ihr ein betrunkener Mensch -auf der Treppe läge. Sie wolle morgen aufs Land reisen und habe ihren -Koffer gepackt, und sie würde erst im Herbst in die Stadt zurückkehren. -Sie fürchtete, der Betrunkene sei vielleicht ein Einbrecher gewesen, -der sie bestohlen habe. Sie habe die Hausmeisterin rufen wollen, diese -sei aber nicht zu Hause gewesen, und nun wäre sie fortgerannt, um an -der nächsten Straßenecke einen Polizisten zu holen, denn jener liege -quer über den Treppenabsatz, und sie getraue sich nicht, über ihn -hinwegzusteigen. - -Ich erbot mich mit ihr hinaufzugehen, um den Betrunkenen aufzuwecken -und fortzuweisen. - -Sie dankte mir, und wir gingen in ihr Haus, und atemlos horchend -stiegen wir zusammen hinauf. - -In dem Stockwerk, das unter ihrer Wohnung lag, sagte ich, sie solle -warten. Mit meinem Stock tüchtig aufstampfend, um den unverschämten -Eindringling zu stören, ging ich allein höher. - -Nichts regte sich in der Dämmerung des Treppenhauses. Auf dem -Treppenabsatz stand in der Ecke ein gepackter Korbkoffer und quer -bei der Treppe, in einen Plaidriemen eingeschnallt, lag ein langer -zusammengerollter Reiseschal. Diesen muß die Kurzsichtige für einen -Menschen gehalten haben. - -Ich rief ins Treppenhaus hinunter, und die Dame kam scheu und -vorsichtig heraufgestiegen und wollte es mir nicht glauben, daß kein -Mensch da wäre und daß nur ihr zusammengerollter Reiseschal sie -erschreckt hätte. Sie behauptete, der Mensch wäre fortgelaufen. - -Ich sah es ihr an, wie sie sich schämte, es sich selbst einzugestehen, -daß sie wieder getäuscht worden sei. Ich fragte, ob sie den Menschen -durch ihr Lorgnon gesehen hätte. Nein, sie hatte ihr Lorgnon vergessen, -wollte aber trotzdem nicht zugeben, daß sie den Reiseschal für einen -Menschen angesehen hatte. Dann bat sie mich, da ich mal oben war, einen -Augenblick bei ihr einzutreten. - -Drinnen in den Zimmern war alles in größter Unordnung. Wie buntes -Gemüse lagen die Dinge durcheinander, und sie entschuldigte sich, -daß sie mit dem Packen noch nicht fertig sei. Ich mußte zwischen -verschiedenen Gegenständen in einer Ecke des Sofas Platz nehmen. - -Dann ging sie in die Küche, wo die Terrier eingeschlossen waren, die -ihr sehr zugetan schienen. Sie konnte aber den Knoten der Schnur, die -an die Türklinke angebunden war, nicht aufmachen, und so ging ich hinzu -und half ihr. - -Mein Blick fiel zufällig, während ich den Knoten löste, auf -einen Kohlenkasten, der da stand, und ich wurde von ein paar -seltsam blauen Papieren, die dort lagen, angezogen. Es schienen -zerknitterte Geldscheine zu sein. Ich hob dann auch wirklich ein -paar Hundertmarkscheine auf, die, wie sich herausstellte, das ganze -Reisegeld der Dame waren. Das Geld hatte sie vorher erst von der Bank -geholt. In der Meinung, es seien alte blaue Briefumschläge, hatte sie -die Geldscheine in der Hast des Packens fortgeworfen, während sie den -leeren Briefumschlag sorgfältig in ihre Handtasche gesteckt hatte. - -Nun begann sie vor Schrecken zu weinen, und wie zu ihrer Entschuldigung -sagte sie: - -»Jemand hat mir nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Kopf -gestohlen.« - -Später, als sie mir sehr schön auf ihrer Violine vorgespielt hatte, -sagte ich ihr, sie müsse mir das Bild dessen zeigen, der sie dem Gott -der Idioten ausgeliefert habe. - -Sie zeigte mir das Bild eines jungen Kapellmeisters, der außer einem -großen Haarbüschel, der ihm in die Stirn hing, nichts besonderes zu -bieten schien. Und ich war sicher, daß auch hier, in der Liebe zu dem -Musikanten, ihre Kurzsichtigkeit ihr einen Streich spielte. Sicher -liebte sie mehr die unklare Vorstellung, die sie sich von dem Menschen -machte, als das klare Bild des Mannes selbst, das sie niemals sehen -konnte. - -Ich war eifersüchtig auf diesen Haarmenschen, das fühlte ich, und -ich fühlte auch, wie leicht es sein würde, diesen Nebenbuhler zu -verdrängen, der, wie mir schien, seine Rolle im Herzen der jungen Dame -bereits ausgespielt hatte. Ich tat, wozu mich mein Herz drängte, und -warb von dieser Stunde an um jenes Mädchen. Ich folgte ihr nach aufs -Land, wo sie den Sommer verbrachte, und im nächsten Winter besuchte ich -in Berlin mit ihr Konzerte und Vergnügungen. - -Nachdem wir glückliche Monate verlebt hatten, in denen ich ihre -Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit zuerst als eine belustigende -Lebenswürze genossen hatte, wurde ich allmählich von dem Doppelleben, -das sie führte, nervös, denn es war auf die Dauer unheimlich, wieviel -Zeit und Lebenskraft sie aufwenden mußte, um die Abenteuer zu -überstehen, die ihr ihre Zerstreutheit und Kurzsichtigkeit bereiteten. -Und Tage reichten oft nicht aus, gut zu machen, was sie in Sekunden der -Zerstreutheit harmlos sich und anderen angetan hatte. - -Sie ging später auf Konzertreisen, und wir schrieben uns immer -seltener. Ohne daß wir uns Vorwürfe machten, fühlten wir beide, daß die -Zeit unserer Innigkeit vorüber war. Die junge Dame fand viele Verehrer, -denn sie war liebreizend und von heiterer Gemütsart und wurde nicht -einmal verstimmt, wenn sie an ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit -erinnert wurde. -- - -Nun stand sie dort, nicht weit von mir, im Schnee und suchte den -Kometen, der im Westen stand, mit ihrem Opernglas im Osten. Und ich -hielt ihre beiden Terrier, die zitternd zu meinen Füßen saßen, an -meinem Spazierstock, den sie für einen Baumast gehalten hatte, fest. - -Bald aber bemerkte ich, daß meine Freundin ihr Opernglas gar nicht mehr -zum Himmel richtete, sondern daß sie den Hügelabhang hinuntersah, wo -immer noch einzelne Menschen bergauf stiegen. - -Während ihre Augen noch suchten, trat die dunkle Gestalt eines jungen -Mannes an ihre Seite. Er hielt einen Schneeballen in der Hand. Er -schien sie zu begrüßen und schien der zu sein, den sie mit ihrem -Opernglas im Himmel und auf Erden gesucht hatte. Er streckte ihr den -Schneeballen hin, den sie in ihrer Kurzsichtigkeit für seine Hand -hielt, worüber er laut auflachte. Worauf sie den Schneeballen nahm und -ihm denselben vertraulich an die Brust warf. - -Da zog ich meinen Stock vom Baum zurück und streifte den Riemen, an -denen die Hunde gebunden waren, vom Spazierstock ab und sagte zu den -beiden Tieren: »Lauft!« - -Die munteren Tiere verstanden mich sofort und sprangen kläffend zu -ihrer Herrin. Ich ging indessen langsam zu einer Bank, wo ich mich -niedersetzte. - -Von der Kurzsichtigen hörte ich einen Ausruf des Erstaunens. Sie -glaubte, die Hunde hätten den Baumast abgebrochen. - -Der junge Mann lachte und rief laut: »Das glaube ich niemals. Du wirst -die Hunde an die Luft angebunden haben.« - -Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben mögen, da er so -respektlos zu ihr sprach. Aber ich sagte mir, er wird wahrscheinlich -mit ihr schon hundert ähnliche Fälle erlebt haben und hatte das Recht -zum Lachen. - -Nun hörte ich, wie die junge Dame sagte, sie wolle den Baumast ansehen. -Er könne sich überzeugen. Der Ast müsse abgebrochen sein. - -Ich sah, wie sie zum Baum ging und dort in die Luft fühlte, wo mein -Stock gewesen. Aber da war in ihrer Handhöhe weder oben noch unten -irgendein Zweig am Stamm. In doppelter Menschenhöhe erst setzten die -Zweige der Tanne an. - -Sie sah sprachlos am Baum empor und begriff jetzt erst, daß sie sich -getäuscht haben müsse. - -»Aber es war doch ein daumendicker Ast da,« hörte ich sie versichern. - -»Was du gesehen und gefühlt hast, braucht noch lange nicht ein Ast -gewesen zu sein,« höhnte der junge Mann. - -»Es war ein Ast. Ich habe das Holz gefühlt. Wo ich bin, ist die Welt -immer verhext,« erklärte sie zuletzt. »Denke dir, was mir gestern -wieder passiert ist!« - -Sie kamen beide im Sprechen näher zur Bank, auf der ich mit -hochgeschlagenem Mantelkragen und mit in die Stirn gezogener Pelzmütze -saß und in den Himmel starrte. Ich brauchte bei ihrer Kurzsichtigkeit -nicht zu fürchten, daß sie mich erkennen würde. Sie ließ sich in der -Mitte der Bank nieder, kaum eine Handbreite von mir weg, während ihr -Begleiter sich neben sie setzte. - -»Gestern abend, als du nicht kamst, wollte ich mir die Zeit vertreiben, -und da ich Appetit auf einen Pfannkuchen hatte und ich seit Ewigkeit -keinen selbstgebackenen Pfannkuchen gegessen habe, ging ich aus, um -alles zum Backen Nötige einzukaufen. Ich kaufte die Sachen gleich -in allernächster Nachbarschaft, Milch, Mehl und Eier. Unterwegs kam -ich an einem Postkartenstand vorbei, wo in kleinen offenen Kasten -Ansichtspostkarten geschlichtet lagen. Ich bücke mich mit Milchflasche, -Mehltüte und Eiertüte und gehe langsam an dem Kasten entlang und -betrachte mir die Postkarten. Plötzlich höre ich einen glucksenden Laut -und sehe, daß die letzten Tropfen meiner Milchflasche auslaufen. Ich -hatte beim Entlanggehen an dem Kasten meinen ganzen Milchvorrat über -die verschiedenen Serienfächer des Ansichtskartenverkaufes gegossen, -denn der Kork hatte sich von der Flasche gelöst. Ich war außer mir vor -Schrecken und rannte davon. - -In meiner Aufregung presse ich aber unterwegs die Mehltüte und das -Eierpaket fest an mich, um sie ja nicht zu verlieren. Bei meiner -Haustür angekommen, scheint mir die Mehltüte unverhältnismäßig dünn -geworden zu sein. Ich ahne nichts Gutes und bemerke auch zugleich -hinter mir eine weiße Mehlfährte, die von der Postkartenhandlung bis -zu meiner Haustüre führte. Die Tüte war geplatzt, und das Mehl war -ausgelaufen. Ich warf die leere Tüte in den Rinnstein. Als ich oben in -meinem Zimmer die Eiertüte öffnete, war nur noch eine gelbe Brühe und -zerbrochene Eierschalen im Papier. Verzweifelt habe ich mich aufs Sofa -gesetzt, habe gehungert und geweint und endlich musiziert.« - -Diese letzten Worte sprach die Kurzsichtige zu mir, denn sie hatte -wahrscheinlich vergessen, auf welcher Seite der Bank ihr Begleiter -saß. Dann nahm sie ihr Lorgnon, und ich dachte schon, sie wolle sich -klar machen, daß sie nach der falschen Seite hinsprach. Aber nein. -Sie betrachtete meinen Stock, griff mit der Hand danach, immer noch -meinend, daß ich ihr Begleiter sei und rief jubelnd: - -»Da hast du ja den Baumast in der Hand! O, du Falscher, du hast ihn -heimlich abgebrochen, damit ich glauben sollte, ich hätte mich geirrt.« - -»Entschuldigen Sie, das ist mein Stock,« erwiderte ich ruhig und stand -auf. - -Ich wußte, sie hatte meine Stimme erkannt, denn es wurde grabstill -neben mir. Da rief der junge Mann, der während der ganzen Zeit mit dem -Opernglas den Himmel abgesucht hatte, laut: - -»Ich habe den Kometen gefunden!« - -Ich hörte noch wie sie tief aufatmete und doppelsinnig sagte: »Ich habe -auch einen entdeckt, trotz meiner Kurzsichtigkeit, aber er ging so -schnell, wie er einmal kam.« - - - - -Das Iguanodon - - -In einem überheißen August kam ich über die Alpen durch Tirol an den -Gardasee. - -Ehe man in Torbole oder Riva aussteigt hat der Zug hinter Mori ein -ungeheueres, von einem vorzeitlichen Bergsturz verwüstetes Gesteintal -durchklettert, darin ein grüner sterbender Seetümpel liegt. Dort an den -zackigen Steinblöcken, die um den Tümpel liegen und zu Tausenden das -Tal füllen, lebt auch noch im Sonnenschweigen vor deinem inneren Ohr -das Gekrach und Gedröhn jener furchtbaren Minuten auf, als hier einst -in grauester Vergangenheit ein Berg den anderen erschlagen wollte. Man -glaubt, ein wahnwitziger Fluch sei damals ausgestoßen worden und habe -rundum die Steine und die Bergwände in Bewegung gesetzt. - -Die Legende erzählt, daß sich Dante hier den Eingang zur Hölle -vorgestellt hätte, den er in der Göttlichen Komödie schildert. Wie -ungeheuerliche, versteinerte Qualen, wie ein himmelragender steinerner -Dornenkranz starrt das spitzige, verwitterte Gebirge, von Wolken -umraucht, im Norden des Gardasees in den Himmel. Es sieht aus, als -wären höllische Blitze und höllische Erdbeben die Baumeister dieser -Bergungetüme gewesen. - -Während im Süden der Gardasee sich in breiter sonniger Fläche dem -heiteren Himmel Italiens und unendlicher Fruchtbarkeit entgegenstreckt, -ragen im Norden die kahlen Alpenketten wie Ambosse der Götter in den -Himmel, und es ist, als würden dort furchtbare Schicksale geschmiedet. - -Freunde hatten mir geraten, in Torbole zu wohnen, wo viele Österreicher -im Sommer baden, und wo am See ein lustiges Leben herrscht. Andere -hatten mir das stillere Malcesine empfohlen, das am Fuß einer Burg bei -schönen Gärten liegt. - -Ich kannte den Gardasee noch nicht, und nachdem ich mir die beiden Orte -angesehen, war mir der eine zu lebhaft, der andere zu langweilig schön. -Und eines Morgens ließ ich mich von einem Schiffer auf die Seefläche -segeln, um hier zwischen Himmel und Wasser zu überlegen und Entschlüsse -zu fassen, wo ich bleiben wollte. - -Ich hatte an diesem Morgen zuerst den Ponalewasserfall besucht, der -unweit Riva, zwischen zwei Felsen eingeklemmt, aus Himmelhöhe gegen -den See niederstürzt. Da kam mir der Gedanke, daß ich auf dem Weg -nach Malcesine, auf der anderen Seeseite am Tag vorher, einen Ort -hatte liegen gesehen, am Fuß senkrechter Felsenwände, und daß mir dort -die schönen Reihen der weißen Pfeiler von Zitronengärten von weitem -aufgefallen waren. Diese sahen in der Ferne aus wie die marmornen -Tasten einer riesigen Orgel, und eine weihevolle Festlichkeit lag -über diesen Hunderten von Säulen, die da, regelmäßig gereiht, die -Felsenabhänge schmückten. Eine hübsche Kirche mit freistehendem -Glockenstuhl und eine Schar dichtgedrängter hellgelber und rosenroter -Häuser um einen kleinen Hafen, in welchem winzige italienische -Motorboote lagen, waren mir noch gut in Erinnerung. Den Ort selbst -hatte ich von meinen Bekannten nie nennen hören, und ich hatte ihn auch -im Reisehandbuch übersehen. Ich bedeutete nun den Fischer, mich dorthin -zu fahren. - -Jeder, der in Riva einmal übernachtet hat oder in Torbole am Gardasee, -weiß, daß ihn dort nachts, wenn die ersten Sterne heraufziehen, ein -seltsames Blitzlicht in Erstaunen setzte, das wie ein Wetterleuchten -weit draußen mitten in der Seefläche auftaucht und bis in die Fenster -des Hotels hereinleuchtet und auch kalkweiß über die Gesichter derer -hinstreicht, die am Seeufer im Dunkeln einen Abendweg machen. - -Der Lichtstrahl sticht Nacht um Nacht an den beiden Seiten der -Felsenwände hoch, die den See einschließen, und zeichnet für Sekunden -scharf jeden Olivenbaum, jeden Ziegel der einsamsten Hütte am -Felsengehäng und haut, wie ein weißes Schwert zertrennend, einen -weißen Keil in die Finsternis. Ich mußte immer an das Flammenschwert -denken, das den Eingang zum Paradies bewacht, wenn dieser Lichtstrahl -unermüdlich Wasser und Gebirge bestrich in allen Stunden der Nacht. - -Ich erfuhr dann, daß jenes spukhafte Licht von den Scheinwerfern der -kleinen italienischen Wachtschiffe kam, die dort, wo die Grenze von -Italien quer über den See geht, in jeder Nacht hin und her fuhren, die -Bergscheide und das Wasser nach Schmugglern abzuleuchten. Denn Tabak -und Zucker wurden gern zur Nachtzeit von Österreich nach Italien über -die Grenze geschleppt. - -Die Station dieser Nachtboote befand sich in jenem kleinen Ort, zu dem -ich wollte, den die Dampfschiffe nur kurz bei der Rundfahrt um den See -berühren, den nur manchmal einige Segelboote von Riva aus besuchen, -und in dem sich noch kein Fremdengetriebe breit machte. Hart bei jenem -Ort, ehe man um einen Felsenabhang segelte, zog sich, an Zitronengärten -vorbei, die italienische Grenze hin. - -Dieses berichtete mir der Schiffer während der Segelfahrt und nannte -mir den Namen des Ortes, der Limone heißt, dahin er mich jetzt bringen -sollte. - -In der Seemitte packte plötzlich einer jener Sturmwinde unser Boot, -die dort jählings ohne Vorboten einsetzen und den Segelnden gefährlich -werden können. - -Wir flogen in dem kleinen Kahn vor dem Stoßwind her, und der See begann -zu knirschen; schäumende Wasserwalzen rollten schneller, als das Boot -fliehen konnte, an uns vorbei; Seile und Segel ächzten und schienen -zerreißen zu wollen. Der See lebte ungeheuerlich. Seine Wellen schienen -eine wandernde Tierherde zu sein, die sich durcheinanderschob, und -alle Wellentiere schienen nach einer Richtung fortzustürzen. - -Knapp, ehe der Sturm seine Höhe erreichte, jagten wir mit dem Boot in -das kleine Hafenviereck von Limone ein. - -Der Wind klirrte und fegte draußen über das Wasser. Aber hier in der -Bucht war es windstill, schwül und dunstig. Die Riesenmauern des -Berghintergrundes hielten jeden Windatem ab, und die Zitronen konnten -hier gut reifen, wie Eier in einem Brutkasten. Das dachte ich, als ich -den Fuß ans Land setzte. - -Land kann man zu dem Erdstreifchen dort nicht gut sagen, denn es ist -nur spärlich Raum zwischen dem Felsengetürm eines ungeschlachten Berges -und der Seefläche. Die einzige größere Gasse, die der Ort hat, ist so -eng, daß sich die Leute von Haus zu Haus die Hände reichen können. - -Es war Mittag, und ich begegnete nur einigen Marinesoldaten der -Zollflottille. Die Handwerker arbeiteten, ohne aufzuschauen, unter -ihren Türen. Ein Esel schrie an einer Straßenecke, und die hohe -Bergwand drückte beengend die Luft in den Gassen zusammen, in denen es -nach Fischen und Olivenöl roch. - -Der Schiffer führte mich zum einzigen Gasthaus, das ein schmuckes altes -Herrenhaus war und in einem Blumengarten gegen den See hin lag. - -In der Weltverlorenheit dieses italienischen Nestes fühlte ich mich -wohl. Es war nichts banal Schönes hier. Aber etwas Geheimnisvolles, -das mich schon aus der Ferne an diesen Ort gelockt hatte, tat mir -auch jetzt wohl. Es schien mich hier etwas zu erwarten, vielleicht -ein ungeheurer Schrecken, mit darauffolgendem süßem Aufatmen. -Jedenfalls spürte ich ein neugieriges und angenehmes Gruseln an diesem -totenstillen Flecken, wo keine Fremdenschwärme, keine Gasthäuser das -Dasein kindisch machten. - -Es war mir zumute, wie wenn man nach langen eintönigen heißen Tagen -ein Gewitter nahen fühlt, das mit seiner großen elektrischen Spannung -die Welt auf den Kopf stellen, Totes lebendig machen und Leben in Tod -verwandeln kann. - -Ich lese gern in der feurigen Schrift der Blitze. Wenn sie ihre großen -Aussprüche auf das sonst so leere Blatt des Himmels schreiben, so ist -mir, als läse ich in den Augen alter Propheten, und Schrecken und -Erschütterungen, die sie über der Alltagswelt verbreiten, machen mich -fruchtbar. Gewitter stärken mein Herz. - -Und unsichtbare Seelengewitter schienen hier in dem stillbrütenden, -der Welt unbekannten kleinen Ort auf den Fremden zu lauern. Vom -Augenblick an, da ich mich entschloß, durch den Schiffer, der mich -hergesegelt, meinen Koffer aus Torbole holen zu lassen und hier in -Limone zu bleiben, kam ich mir wie ein gewaltiger Unglücksucher vor. -Wie einer, der in eine unterirdische Tropfsteinhöhle eingedrungen ist, -die nur wenige vor ihm betreten haben, und die ihn in ein unheimliches -Labyrinth lockt. - -Zwei Dinge, die ich liebe, waren es, die mich bestimmten, in Limone zu -bleiben. Das erste war meine Vorliebe für den Duft von Zitronen und -Zitronenblüten, das zweite meine Sehnsucht nach brütender Wärme. - -Von diesen beiden Genüssen wurde ich reichlich hier gesättigt. Aber ich -erwartete mehr als nur Gefühlsbefriedigungen. Ich weiß, daß aus Hitze -und Duft Gebilde im Menschenhirn entstehen, wie aus den verschiedenen -Elektrizitäten zweier Wolken die Blitze. - -Auch war es mir wunderbar, jetzt an dem Ort zu sein, von dem nachts das -große flammende Schwert des Scheinwerfers auf den See hinausgesendet -wurde. Hier im Hafen lagen die kleinen Eisenboote, die die Seewache -hatten von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Und ich fühlte mich -wohl dabei, daß ich mich nicht mehr zu dem Lichtschein, der mich in -Torbole nachts immer aufschauen gemacht und in die Ferne gelockt hatte, -hinsehnen mußte. Ich war jetzt dort, wo das nächtliche Feuer geboren -wurde. - -Der Wirt des Gasthauses, der zugleich Bürgermeister war, hatte ein -langes Tiergesicht, und sein Körper war so sonderbar gebaut, daß er, -wenn er vor mir stand, aussah, als stünde er bis zu den Knien im -Erdboden. - -Er war noch jung, einige dreißig Jahre alt, sah aber müde aus wie -jene grauen nickenden Esel, die lange schweigen und plötzlich -ohrenbetäubende Schreie ausstoßen können. Dieser Mann war aber sonst -ein angenehmer, höflicher und sorgsamer Wirt und arbeitete tagsüber -in seinem gutgepflegten Garten, in welchem Oleanderbäume, Bambus, -Geranienbüsche, Rosen und Myrten zu Seiten eines langen beschatteten -Weinlaubenweges standen. In diesem grün überwölbten Weg hingen dicke -dunkle Trauben, und am Ende lag dicht vor der weißen Steinschwelle und -den weißen Steinpfosten der Gartentür das blaue Wasser des Sees wie ein -abgrundtiefer Himmel. - -An der einen Seite des Gartens war eine überlaubte Spielbahn, wo -nachmittags die italienischen Soldaten, Sizilianer, Neapolitaner, -Genuesen, schwarzhaarige und braunhäutige Kerle, zwischen Vesper und -Abendläuten mit viel Lachen und Witz ihr Boccia spielten. - -Die Küche des Gasthauses war bescheiden, der Wein gut und feurig. -Mein steingepflastertes Zimmer, sauber und geräumig, sah nach dem See -und dem Berg Monte Alto. Die Tageszeiten in Limone wurden nicht bloß -durch das viele Läuten der Kirche eingeteilt, sondern auch von dem -dreimaligen Vorüberfahren der großen Passagierdampfer, die täglich die -Rundreise um den See machten. - -Unter einem großen japanischen Mispelbaum im Garten bei der Haustreppe -nahm ich meine Mahlzeiten ein. Und hier spielten sich auch die Szenen -jenes inneren Gewitters ab, das ich beim Betreten jenes schwülen, scheu -versteckten Ortes vorausgeahnt hatte. - -Nach dem Mittagessen am Tage meiner Ankunft, nachdem ich auf meinem -neuen Zimmer ausgeruht hatte, schlenderte ich in der Abenddämmerung -durch den Ort. Als ich aus dem Garten auf die Straße trete, höre ich -ein Gekicher, und an meiner Seite vorüber läuft ein zwergartiger -Mann mit gewaltigen langen Armen, großem, höckerigem Kopf, wie ein -Orangutang anzusehen, in eine Seitengasse hinein. - -Ein paar Frauenzimmer, die vor einer Haustüre auf niedrigen Hockern -kauerten, rieben sich mit der Handfläche Mund und Wangen ab und -deuteten mir mit ihren Augen an, daß der Zwergmensch sie beide -unversehens eben umarmt und geküßt hatte. Die eine, die Ältere, drohte -hinter ihm her mit ihrem Holzpantoffel, die andere hatte noch seine -Mütze in der Hand, die sie ihm wahrscheinlich vom Kopf gerissen hatte, -und sie schleuderte die Kappe dem Fortstürmenden mit einem kreischenden -Zuruf nach. - -Ich war verblüfft über die Häßlichkeit des Zwerggeschöpfes, das sich so -männlich und so kindlich zu gleicher Zeit gebärden konnte, und das sich -jetzt aus der Ferne umschaute, seine Mütze an sich riß und den Frauen -die Zunge herausstreckte. - -Ein wenig weiter fort begegnete ich einem kleinen verwachsenen Weib, -das einen melonengroßen Kopf hatte. Die Frau reichte mir nicht bis zur -Hüfte. Einen Krug trug sie in der Hand, den sie kaum schleppen konnte. - -Überall sah ich ähnliche Wesen. Neben den gut gewachsenen Gestalten -unter den Ladentüren und in den Werkstätten stand oder saß oder -schabernakte ein koboldartiges Zwergwesen. Es schien mir, als sei jede -Familie mit solch einem Geschenk der Hölle belastet. - -Ich war bei meinem Weg durch die Gasse an alten eisernen kleinen Türen -vorübergekommen. Die waren nur eine rostige Masse. Das verwitterte -Eisen schälte sich wie die Rinde von Bäumen. Über die Türschlösser und -Angeln und über das Gitter des Guckloches hingen verfilzte Spinnweben. -Ganze Familien von großen Kreuzspinnen hausten da seit Jahrhunderten -ungestört. Auch waren da ebenso zugesponnene und mit rostigen Gittern -versehene, alte, erblindete Fenstervierecke. An die grauen Mauern dort -waren mit Rötelstift und Kohle unflätige, brünstige Bilder mit ein -paar Linien hingezeichnet, Bilder, wie sie nur in den Hirnen dieser -ungebändigten und verwilderten Krüppelgestalten entstehen konnten. - -Als ich in der Abenddämmerung vor den Ort hinaus unter alte Olivenbäume -kam, die dort in verrenkten Stellungen, verkrümmt und verwachsen, in -Scharen mit ihrem graunebeligen dünnen Laubwerk in den Bergfeldern -stehen, war mir, als seien die Zwerggeschöpfe der Stadt aus jenen -ungestalten gespenstigen Olivenstämmen geboren worden. - -Als in der Dämmerung ein Esel, auf dem ein Weib und ein Knabe saßen, -mit humpelndem Gang in dem unheimlichen Olivenhain, darin sich -kein Blatt rührte, auftauchte, schauderte mich, weil ich in diesem -zusammengepackten Tier- und Menschenhaufen wieder neue Verkrüppelungen -zu sehen glaubte. - -Unter dem schleierartigen dünnen Laubgewebe der Oliven, deren Zweige -sich nicht wiegen, durch die der blasse Abendhimmel fein zerkritzelt -zur Erde sieht, hatte ich das Gefühl, als ob ein Netz von unheimlichen -Erregungen -- das mich hier in Limone bald umgeben sollte -- schon nah -über mir hing. - -Ich konnte nach kurzer Zeit in dem Hain nicht mehr weitergehen. Das -stille Grauen in mir nahm so überhand, daß es mich forttrieb aus dem -Kreise der grimassenreißenden Baumstämme, die umherstanden, gespalten -und zerschlitzt, dreibeinig und zehnbeinig, mehr Tieren als Bäumen -ähnlich. - -Ich wollte lieber zu den krüppligen Menschen des Ortes zurückkehren, -als hier länger bei den hölzernen Urvätern der Krüppel zu weilen, die -trocken und herzlos wie halbtote Greise, in sich versunken und in sich -gekrümmt, den Weg begleiteten, der Schar aller Mühseligkeiten ähnlich, -die einem lang Lebenden begegnen können. - -Zurückgekommen zum eisernen Gitter des Gasthausgartens sah ich -gegenüber unter der trüben Petroleumlaterne, die als Straßenbeleuchtung -an einer Hausecke hing, in einem kahlen Ladengelaß wieder einen -Zwerg mit einem Stock stehen. Der Stock war ein Stück größer als -der Zwerg, und es war doch nur ein gewöhnlicher Spazierstock. Mit -diesem Stock deutete der Krüppel wichtig und sich höflich verneigend -auf einen Tisch, an den er kaum mit der Nase hinaufreichen konnte. -Dort lagen, sorgfältig nebeneinander gereiht, einzelne Birnen, große -dicke Kochbirnen, die wir in Deutschland Katzenköpfe nennen. An -der Tischkante stand eine brennende, flackernde Kerze, die in einem -Zinnleuchter stak. - -Der Laden war ganz kahl. Ich hatte beim Fortgehen vor einer Stunde -diesen Fruchtverkäufer noch nicht bemerkt. Es schien mir, als habe -er seinen Verkaufsstand eben erst eingerichtet, vielleicht weil er -gehört hatte, daß ein Fremder ins Gasthaus eingezogen war, was ihn -unternehmungslustig gemacht haben mochte. - -Ein paar Schritte weiter bei einem Schuhmacher kauerte jener Zwerg, der -vorhin die Weiber geküßt hatte; er glotzte in die beleuchtete Glaskugel -des Schusters, bei deren grellem Blendlicht der Meister und seine -Gesellen, auf dem Straßenpflaster hockend, arbeiteten. - -Die Gassen hinter den beleuchteten Köpfen verschwanden in Gewinkel und -Finsternis, manchmal geteilt von kleinen Lichtscheinen, die aus Türen -oder Fensterluken auf das Pflaster fielen. - -Auf der Mauer beim Gartentor meines Gasthauses hockten zwei -andere Zwerge, die mich schweigend und argwöhnisch, wie zwei -aneinanderhängende Affen, von der Mauerhöhe herunter beobachteten. - -Ich war verblüfft über die Unzahl von Mißgeburten und auch ermüdet -von den neuen Reiseeindrücken, so daß ich schweigend vorüberging und -nur mit einem Kopfnicken die lauten feierlichen Grüße der Krüppel -beantwortete. - -Als ich dann in den Garten eingetreten war und mich zum Abendessen -unter den Mispelbaum setzen wollte, unter eine wenig leuchtende -Petroleumlampe, die in den Zweigen des Baumes hing, kam der Wirt zu -mir und sagte mir, morgen würde das Zimmer neben dem meinigen besetzt. -Er habe eben mit dem Abenddampfschiff einen Brief von einer Russin -erhalten, die schon voriges Jahr den Herbst hier verbracht hatte. Die -Dame habe zugleich geschrieben, daß ihr das Portemonnaie unterwegs -gestohlen worden sei, und der Wirt hatte ihr noch mit dem selben -Nachtschiff Geld nach Desenzano geschickt, wo sie übernachten wollte. - -Ich dachte sofort an eine Nihilistin, denn einer wohlhabenden -Russin konnte es wohl kaum einfallen, dieses weltentlegene Ufernest -aufzusuchen und hier einen Herbst zuzubringen; aber später hörte ich, -daß die Dame die Gattin eines Generals war. - -Am nächsten Tag saß ich gegen Mittag auf dem Steinbalkon, der gegen den -Garten hin vor dem Eßzimmer lag, unter dem sich die Küchenhalle befand. -Ich schrieb Briefe und saß ohne Hut, und die Mittagssonne brannte auf -meinem Kopf. - -Als ich mich später in dem Speisesaal, dessen Decke mit bunten -mittelalterlichen Malereien, Wappen und Blumen bemalt war, zu Tisch -setzte, sah ich vor der Glastüre, die auf den Korridor führte, eine -kleine ältere Dame stehen, die, während sie einen Schleier um ihren -Kopf band, zwischen den Vorhängen an der Glasscheibe hindurchblinzelte. -Dann trat sie ein, und der Wirt folgte ihr und stellte sie als die -russische Dame vor. - -Die Generalin hatte kleine, lebhafte, etwas belustigt zwinkernde Augen -und machte viele kleine Bewegungen, die ihr etwas rührend Kindliches -gaben. Als sie sich vor ihren Teller gesetzt hatte, begann sie sogleich -mit mir eine lebhafte Unterhaltung und erzählte vom Comosee, von dem -sie eben kam, und vom italienischen Dichter Fogazzaro, den sie dort in -seiner Villa besucht hatte. - -Sie forderte blindlings Interesse von mir, weil sie sich für Fogazzaro -und den Comosee interessierte. Aber mein Kopf schmerzte mich. Er -wurde schwer, als wollte er anschwellen wie ein Zwergenkopf, und ich -fühlte bald, daß ich beim barhäuptigen Sitzen in der Mittagsonne einen -Sonnenstich bekommen hatte. - -Es wurde mir grau und weiß vor den Augen, und das ganze Zimmer mit der -buntbemalten Decke und dem rotsteinernen Fußboden kreiselte um mich, -als wäre es eine russische Schaukel. - -Ich wollte vom Tisch aufstehen, aber ich fühlte, daß ich umfallen -würde. Während die Russin immer weiter sprach und mir nichts anmerkte, -wartete ich still ab, bis ich mich wieder so stark fühlen würde, daß -ich mein Zimmer ohne Hilfe erreichen konnte. Ich sagte dann der Dame -im Fortgehen, daß ich glaubte, ich sei von einem Sonnenstich unwohl -geworden. - -Ich legte mich auf mein Bett und ließ mir Eis bringen. Mir war bei -jeder Bewegung sehr übel. Zugleich begann mich ein heftiges Fieber zu -schütteln. - -Nach einer Weile klopfte es an meiner Tür, und die Russin brachte mir -ein großes Senfpflaster, das sollte ich auf meinen Rücken legen. -Während sie noch im Zimmer war, klopfte es wieder, und ich hörte die -Stimme einer jungen Dame, die draußen mit dem Dienstmädchen sprach. -Sie sagte, sie hätte im Hotel in Torbole im Fremdenbuch meinen Namen -gelesen, und es war ihr gesagt worden, daß ich nach Limone gezogen sei. -Ich erkannte die Stimme einer jungen Bekannten, die ich seit einem -Jahre nicht gesehen hatte. Die Neuangekommene wollte, daß ich ihr -Limone zeigen sollte. - -Ich ließ ihr sagen, daß ich halb im Sterben läge, und sie möchte -entweder meinen Tod oder meine Genesung abwarten. - -Sie ließ mir darauf zur Antwort geben, daß sie einige Tage im gleichen -Gasthaus in Limone wohnen bliebe. - -Den Sonnenstich im Kopf, ein Senfpflaster auf dem Rücken, einen -Eisumschlag auf der Stirn und einen Herzchock in der Brust, -hervorgebracht durch das bevorstehende Wiedersehen mit einem seltsamen, -reizend schönen Mädchen, an das ich lange nicht mehr gedacht hatte, --- so lag ich auf meinem Bett und mußte mich gedulden, bis die -Sonne untergegangen war und in der kühleren Abendluft, bei den weit -geöffneten Fenstern, der Blutandrang zum Gehirn schwächer wurde, und -ich mich allmählich wieder gesund werden fühlte. - -Ulrike, die junge Dame, die mich so plötzlich besuchte, war Studentin -der Chemie, und ich kannte sie aus Freiburg, wo sie studierte. Sie war -eine jener schönen rothaarigen Frauen, die jetzt in Deutschland so -selten werden. Sie hatte jene milchweiße Hautfarbe, mit leichtem rosa -Hauch, die wie eine sanfte Kamelienblüte unter blauem Himmel leuchtet. - -Aber es ging nicht die Kühle der Blüte von diesem schönen Geschöpf -aus. Das leuchtende Milchfleisch ihrer Wangen und ihres Nackens neben -dem dumpfroten Haar war von einer leuchtenden Lüsternheit verklärt. -Man hätte das junge Mädchen nie unverschleiert gehen lassen dürfen, da -ihre Reize so stark waren, daß ihr Gesicht, ihre Hände und ihr Nacken -beinahe schamlos wirkten, wie enthüllte Blößen. - -Im Mittelalter wurden solche verwirrend schöne Frauen den -Folterknechten als Hexen hingegeben, und die Männerfäuste schlugen mit -Wollust Wunden in dieses allzu aufreizende Frauenfleisch. - -So war Ulrike, die hier plötzlich auftauchte in jener Luft, in der -ich seit Stunden das Herannahen ereignisschwangerer Augenblicke -vorausgefühlt hatte. - -»Was suchen Sie hier?« fragte ich sie hundertmal in meinem Herzen, -während meine Tür geschlossen war und ich den Besuch noch nicht gesehen -hatte. Und Ulrikes Geist antwortete mir: »Ich suche Unruhe, Fieber. Ich -suche, wenn es nicht Glück sein kann, Unglück, Vernichtung, wie du, wie -ihr alle.« - -Als ich dann, des Fragens müde, erschöpft eingeschlafen war, weckten -mich Mandolinenmusik und italienischer Gesang aus dem Garten. - -Ich stand auf. Es war Nacht geworden. Es mußte neun oder zehn Uhr -sein. Ich fühlte mich ganz gesund. Draußen auf dem See suchte der -Scheinwerfer des Wachbootes die Berge ab und schoß ab und zu in den -Garten unten, wie ein Eindringling, zwischen die Bäume, und mir war, -als müßte es jedesmal einen schrillen Laut in den Blättern geben, -wenn der Lichtpfeil durch das schlafende Laub schoß, das dann wie -Metallschlacken hell und dunkel aufglänzte. - -Wahrscheinlich hatte Ulrike schon den ganzen Ort zu Freunden. Während -der paar Stunden, in denen ich schlief, und in denen die Russin, die -fließend italienisch sprach, sie spazieren führte, hatte sie, das -wußte ich gewiß, blendender als jener Lichtstrahl, der da ruckweise vom -See in den Garten fegte, schon alle Männer des Ortes geblendet. - -Als ich im großen steinernen Treppenhause von meinem Zimmer in den -unteren Stock hinabstieg, schallte mir einzig Ulrikes Stimme entgegen. -Sie hielt einen Vortrag über Politik, über die Notwendigkeit, daß -Italien zu Deutschland aufschaue, da es von Deutschland viel zu lernen -hätte. - -Sie sagte in ihrer unverfrorenen norddeutschen Art, daß die Italiener -lügen, betrügen, daß sie falsch seien und faul, kurz, sie sagte alle -diese ungerechten Aussprüche, die unwissende Deutsche immer schnell -bereit haben, wenn über Italien geredet wird. - -Ulrike erlaubte sich, da sie immer nur anbetenden Männeraugen -begegnete, alles das in die Luft zu schreien, was man bei einigem -Überlegen taktvoll zu verschweigen hat. Aber wahrscheinlich reizte es -sie, daß alle Männer Honig aus ihrer Schönheit sogen, und sie wollte -Widersprüche erwecken. Denn da ihr Gesicht Süße austeilte, wollte ihre -Seele Bitternisse in die Seelen der anderen träufeln, damit nicht das -Leben um sie vor lauter Anbetung verstummte. - -Ich stand im halbdämmerigen Hausflur und beobachtete durch die -offenstehende Haustüre die Gesellschaft im tiefer gelegenen Garten, -die dort an einem länglichen Tisch unter dem Mispelbaum saß, mit der -Hängelampe über den Köpfen und vom weißen Tischtuch beleuchtet. - -An der Spitze des Tisches saß wie eine immer bewegte, surrende, graue -Spindel die silberhaarige Generalin, in Mäntel, Schals und Reisedecken -eingemummt; und nur ihr kleines, blasses Gesicht mit dem einen -geschlossenen Auge und mit dem andern zwinkernden Auge sah belustigt -und mit sich selbst vergnügt von einem zum andern. - -Neben ihr an der Tischecke auf einem Stuhl, den sie hintüber hin und -her bewegte, schaukelte mit übereinandergeschlagenen Beinen Ulrike und -hielt sich dabei mit der einen Hand an der Lehne des Stuhles der Russin -fest. - -An derselben Längsseite des Tisches, nicht weit von ihr, saßen zwei -junge Männer. Der eine war ein blasser italienischer Student, auf -seine Art ebenso schön wie Ulrike. Er war aber eine jener altmodisch -schmachtenden Jünglingsschönheiten, wie man sie bei jungen Heiligen -auf glasgemalten italienischen Kirchenbildern des zwölften und -dreizehnten Jahrhunderts findet. Ein elastischer Jünglingskörper, von -einem schwärmerischen Geist wie von einer blauen Flamme durchwallt. -An ihm war nichts von der durch Sport und Gedankenzucht straffen -Jungemännerschönheit, die jetzt im nördlichen Europa den altmodischen, -altchristlichen Schönheitstypus verdrängt. - -Es war rührend zu sehen, wie der junge, schwarzgekleidete, schmale -Mensch jetzt eben ein Lied zu singen anhob, einen gewöhnlichen -italienischen Gassenhauer, den er sicher noch nie in anständiger -Gesellschaft gesungen hatte, und den er mit einer einfältigen Andacht -vortrug, als handele es sich um eine Heldensage. Und dies alles nur -deshalb, weil Ulrike den jungen Mann bereits entgeistert hatte. In -seinem Herzen sang er sicher ein hohes Lied festlicher Liebesanbetung -vor ihr. Davon trug sein Gesicht den andächtigen Ausdruck. Aber sein -Mund mußte einen Gassenhauer hinsingen, weil die ungeduldige Ulrike nur -Straßenkunst hören wollte. - -Neben dem jetzt singenden Studenten spielte ein anderer junger Mann -eine Mandoline, die er auf dem einen Knie hielt, bei der er tief -gebückt saß, und deren Saiten er so innig zärtlich zupfte, als wären -sie aus dem verführerischen roten Haar der jungen Deutschen gesponnen. -Denn Ulrike machte sein alltägliches, reizloses Gesicht blutrot -aufleuchten, wenn er zufällig beim Mandolinenspiel zu ihr hinübersah. - -Der Spieler hatte grobe Hände, die tagsüber in einem Drogenladen -im Ort, der ihm gehörte, Leinöl und Petroleum in Krüge füllte und -Farbstoffe auf einer Wagschale wog, wovon seine Nägelränder noch -bläulich, rötlich und gelblich schimmerten. Er schlug trotz aller -Innigkeit grob und derb die Saiten. Er war nicht viel älter als der -Student, aber er tat laut erzählend sich etwas darauf zugut, bereister -zu sein als jener, und er versuchte, aus Notwehr gegen Ulrikes -auffallendes verführerisches Frauenfleisch, sich mit einer Grobheit zu -panzern, die ihn kaltblütig erscheinen lassen sollte. - -Ich hatte gehört, wie er vorhin, kurz ehe das Lied anhob, Ulrike ins -Gesicht gesagt hatte, er hasse alle Österreicher, und er gab an, -daß jene die Eigenschaften hätten, die die Deutschen den Italienern -zuschieben. - -Ulrike war keine Österreicherin. Darum hörte sie auf seinen Haß gar -nicht hin, sondern forderte ein neues Lied. Sie wußte wahrscheinlich -auch, daß ihre weiße Hand, die sich an die Stuhllehne der Russin hielt, -aufmerksam, ebenso wie ihr Nacken, von einem Zolloffizier beobachtet -wurde, der hinter ihr an einem kleinen, runden gedeckten Tisch saß, wo -er zu Abend gespeist hatte, und wo er jetzt seinen Kaffee trank, mit -einer Zeitung rasselte und seine Zigarette rauchte. - -Vor dem Offizier brannte ein Windlicht auf dem Tisch, sein Lichtkreis -traf noch Ulrikes roten Haarknoten und ihren weißen Nacken, dessen -Biegung sich dem Offizier hinhielt, als wollte dieser Nacken -gestreichelt und geküßt werden. - -Am Stamm des Mispelbaumes lehnte der junge Wirt mit seinem langen, -schmalen Tiergesicht. Seine Augen schienen ganz verblödet zu sein vom -langen Hinstieren auf Ulrike. Er stand dort ziemlich unbemerkt im -Schatten und war nur von den Knien abwärts beleuchtet. - -Über ihm im weiten Geäst des schlangenartig geformten Baumes kauerten -die Hauskatzen. Es hockten dort drei, vier Katzen und Kater wie -buckelige Auswüchse auf den glatten, ausgestreckten Ästen, und -manchmal jagte ein Tier das andere, und sie flohen höher in die dunkle -Laubkrone. Dann sah Ulrike hinauf und rief: »Miau«. Gleich standen die -Katzen still und kauerten sich nieder, denn der Katzenlaut, den das -junge Mädchen rief, war verblüffend naturgetreu. - -Von meinem erhöhten Standpunkt im Hausflur sah ich auch ein Stück vom -Gittertor neben der Gartenmauer, und dort kauerten, aufgereiht wie -Kürbisse zum Trocknen, die mumienhaften, großgesichtigen Köpfe jener -Zwerge, denen ich vorher auf der Straße begegnet war. - -Die Zwerge entdeckte ich aber erst, als der Scheinwerfer vom See für -Augenblicke seinen Lichtstrahl in die Gartentiefe hereinwarf. - -Daß hier ein Unglück wucherte und in irgendeiner Gestalt aufstehen -würde, fühlte ich an der seltsamen Gruppierung der Menschen, der Tiere -und der Dinge, die alle von dem magnetischen Wesen Ulrikes angezogen -waren. Die Spannung und die Unsicherheit, die diese junge Dame um sich -verbreitete, machte, daß alles, was im Garten anwesend war, wie auf -einer dünnen Eisfläche lebte, die jeden Augenblick irgendwo einbrechen -und irgendeinem der Anwesenden tödlich verhängnisvoll werden konnte. -Aber sie schienen alle das Unglück begierig zu suchen. - -Ich trat jetzt vom Haus hinaus auf die Treppe, die zum Garten -hinunterführte. Bei meinem Schritt sah ich niemand als Ulrike an. -Aber sie schien sich nicht klarmachen zu können, von welcher Seite -das Geräusch der Schritte kam, und so sah sie zuerst unwillkürlich -nach dem Gartentor und der Gartenmauer. Im selben Augenblick erhellte -ein neuer Lichtstrahl des Scheinwerfers die Köpfe der ungeheuerlichen -Mißgestalten der Zwerge, die dort lauschten. - -Ulrike schnellt empor, läuft von ihrem Stuhl fort und schlägt unter der -Mauer ein fröhliches und fast kindliches Gelächter auf, aber wendet -den Kopf nach mir, und nachdem sie den Zwergen ein spöttisches »Guten -Abend« zugerufen, kommt sie zu mir gelaufen und begrüßt mich in ihrer -sprudelnden Sprechweise. - -»Welchen abenteuerlichen Ort haben Sie da aufgesucht!« rief sie mir -zu. »Welch ein Talent Sie haben, schauerliche Szenerien zu entdecken!« -Und mit einer Geste, mit einer stummen, aber höhnenden Geste, deutet -sie über den andächtig singenden Studenten, über den Baum, in dem die -Katzen sprangen, und nach dem Gartentor, wo jetzt die Zwerge im Dunkel -beieinander hockten, und auf den Scheinwerfer, der jetzt hoch im Himmel -den Monte Alto grell aufhellte. - -Sie hatte recht. Wo sang man sonst Gassenhauer wie Kirchenlieder, -während Katzen in den Bäumen buhlten, Zwergköpfe auf der Mauer wuchsen -und dazu ein irrsinnig wandernder Lichtstrahl aus dem Dunkel Berge vom -Himmel fallen ließ. - -An diesem Abend geschah nichts weiter, er war nur der Auftakt für die -nächsten Ereignisse. Der Student lud, als er und sein Freund, der -Drogenhändler, aufbrachen, Ulrike und mich zum nächsten Morgen in -den Weingarten seines Freundes ein, wo beide täglich mit Leimruten -Singvögel einfingen, da die Zeit des Durchzuges der nordischen -Singvögel war. Aber auch der Zolloffizier ließ uns durch den Wirt -sagen, wenn wir das Scheinwerferboot nachts besuchen wollten, sollten -wir es ihn wissen lassen. - -Die Zwerge aber stießen kreischende Pfiffe aus und riefen zur -Verabschiedung Ulrike ein geheultes »Guten Abend« zu. - -Ulrike war müde und zog sich schon bald auf ihr Zimmer zurück, nachdem -wir nur noch ein wenig geplaudert hatten. Ich blieb bei der Russin -sitzen, die aus ihren Schals und Mänteln wie aus einer gepolsterten -Loge hervorsah, von der aus sie den Anfang eines Dramas gespannt -verfolgte. - -»Sie ist für die Männer, was der Baldrian für die Katzen ist«, sagte -die Russin, als Ulrike gegangen war. Sie wiegte sich in ihren Decken. -»Welch eine Sippe hat sich hier zusammengefunden! Wo ich hinkomme, ist -aber auch immer etwas Unheimliches los. So war es immer, so lange ich -lebe. Zwar brechen durch mich nicht Ereignisse herein. Aber ich habe -eine im Blut liegende Witterung für aufregende Zeiten, Menschen und -Gegenden, und werde wahrscheinlich unsichtbar angezogen von Zuständen, -bei denen eine gewisse Spannung in der Luft liegt. - -Als Sie heute bei Tisch so blaß wurden und den Sonnenstich fühlten, -dachte ich bei mir: Da bist du ja gerade recht gekommen, um gleich -ein Unglück vorzufinden und helfen zu können. In den meisten Fällen -aber kann ich nicht helfen. Da muß ich nur Zuschauer sein und muß froh -sein, wenn ich nicht selbst dabei den Kopf verliere. Denn sehen Sie, -einen leichten Schlaganfall habe ich schon einmal gehabt. Den erhielt -ich infolge eines Schreckens, als ich Mann, Kind und Vermögen in einem -Augenblick verlor.« - -Und dann erzählte die russische Dame mir ihr Leben. Sie stammte von -deutschen Eltern, war aber in Rußland geboren und hatte einen Russen -geheiratet. Ihr Mann war Leutnant, als sie Hochzeit machten. Aber sie -waren nur wenige Wochen vermählt gewesen, da brach der Krimkrieg aus, -und die junge Frau wußte, daß ihr Mann fort von ihrer Seite in den -Krieg und vielleicht in den Tod ziehen mußte. - -Sie machte sich auf, besuchte seinen General und bat ihn, daß sie als -Krankenschwester dem Regiment ihres Mannes folgen dürfte. Das wurde ihr -gewährt. - -Ihren Mann, der in den Schlachten war, sah sie natürlich nur selten, -und wenn sie mit den anderen Rotekreuzschwestern nach den Kämpfen die -Verwundeten in den Feldern aufsuchte, dann zitterte ihr Herz jedesmal, -wenn sie einem am Boden Liegenden den Kopf umwendete und das Gesicht zu -sehen suchte, denn sie vermeinte immer, ihren Mann zu finden. - -Und eines Tages wurde sie auch zu ihm gerufen. Er lag verwundet in -einem Schanzgraben. Nur sein Bursche war bei ihm. Die junge Frau -brachte wochenlang in dem Schanzloch zu und hütete und pflegte ihren -Mann. - -Von dieser Kriegszeit her, die sie bei Blut, Grausen und Ängsten auf -schmerzdurchkreischten Schlachtfeldern durchgemacht hatte, war ihr ein -schwaches Herz geblieben. - -Nach vielen Jahren, als sie schon einen großen Sohn, einen -hübschen Knaben hatte, traf sie aber ein viel schlimmeres Weh, als -jener Krieg ihr antun konnte. Ihr Knabe wurde am Meer von einer -Dampferlandungsbrücke durch eine Sturmwelle ins Wasser gerissen, und -ihr Mann sprang rasch entschlossen hinter seinem Kinde her, um es zu -retten. Aber das Meer gab sie nicht mehr zurück. Beide ertranken. -Außerdem hatte der General gerade an diesem Tage seine Wertpapiere, -die er auf eine Bank bringen sollte, in der Brusttasche. So waren der -Russin in einer Sekunde Mann, Sohn und Vermögen entrissen worden. - -Seit jener Zeit beobachtete sie, daß sie einen Instinkt für Unglück -hatte. - -Als sie zum erstenmal zum italienischen Schriftsteller Fogazzaro kam, -war diesem eben sein Kind ertrunken. Als sie vor Jahren zum erstenmal -an den Gardasee kam, geschah dort das größte Unglück, das der See je -erlebt hatte. Durch Platzen des Dampfkessels eines Vergnügungsdampfers -verloren Hunderte von Menschen ihr Leben. Und so wußte sie noch viele -Fälle zu berichten. Und sie war gar nicht verwundert, als ich heute den -Sonnenstich erlitt. Sie hatte immer eine ganze Hausapotheke bei sich, -da sie ja die Begleiterin hundertfacher Unglücke gewesen war. - -»Es ist besser,« sagte ich ihr, »wenn Ulrike bald wieder abreist. Der -junge Student ist schon ganz blaß verliebt in sie und sieht krank aus, -als ob er in ihrer Nähe ein betäubendes Gas eingeatmet hätte. Und -die andern, der Offizier und der Drogist, stolpern über ihre eigenen -Beine vor Verwirrtheit, wenn sie sich vor der schönen Ulrike verbeugen -sollen. Sie wird auch noch die Zwerge und die Katzen in sich vernarrt -machen, die Berge werden umfallen wollen, um zu ihr zu kommen, und der -See wird wandern wollen, um ihr nachzulaufen.« - -»Daran ist nichts zu ändern,« sagte die Russin. »Es kann sogar sein, -daß wir auch Schaden nehmen dabei. Denn wo ein Unglückswirbel einsetzt, -reißt er auch Fernstehende um. Heute, als Sie schliefen und oben in -Ihrem Zimmer krank lagen, spielte Ulrike Boccia hier im Garten mit den -italienischen Zollsoldaten. Die Männer bekamen fast eine Schlägerei, -denn jeder wollte ihr zuerst den Ball zureichen dürfen. Und auf der -Straße, als Ulrike einem Zwerg eine Zigarette schenkte, entriß der -andere Zwerg dem ersten das Geschenk und verbarg die Zigarette an -seinem Herzen. Der Beraubte zog dann sein Taschenmesser und wollte auf -den Rivalen losstechen. Der aber zog auch ein Messer und stach wieder -zurück. Und wenn die Soldaten die beiden Krüppel nicht getrennt hätten, -würden sie sich in Stücke zerschnitten haben. Ich bin gespannt, wie es -morgen wird«, setzte die Russin hinzu. »Der Wirt, der Bürgermeister, -hat mir heute schon gesagt, er wolle sich eine deutsche Grammatik -anschaffen, damit er Fräulein Ulrike schreiben könne, wenn sie wieder -in Deutschland sein würde. Und im Winter wollte er dann eine Reise -nach Deutschland machen. Alle sind in Ulrike vernarrt wie die Fliegen -in ein Stück Zucker. Sie hat wie ein roter Blitz hier in den Ort -eingeschlagen.« - - * * * * * - -Am nächsten Morgen früh, als die Wiesen am See und ihre gelben -Dotterblumen noch taufeucht waren, stand ich am Fenster, kurz nachdem -das erste Dampfschiff getutet hatte. Da hörte ich, daß im Garten unten -Neuangekommene nach Zimmern fragten. Es war jetzt Anfang September, und -der Wirt hier hatte im September doch einige immer wiederkehrende Gäste -in seinem Hause, denn der Herbst ist die Jahreszeit, in der auch jeder -entlegenste Winkel des Gardasees von Naturschwärmern aufgesucht wird. - -Als ich mich rasiert hatte, sah ich wieder vom Fenster hinunter in den -Garten, und da saß eine seltsame Gesellschaft um einen Tisch auf dem -weiten Steinbalkon, auf dem ich mir gestern den Sonnenstich geholt -hatte. Zwei Vettern des Wirtes, die ein paar hübsche Fischerburschen -waren, hatten ein Ehepaar an einen Tisch geleitet. Sie setzten sich -soeben alle nieder. Ein älterer Mann von fünfzig Jahren und eine -dreißigjährige Frau. - -Der Mann schien nicht ganz bei Verstand zu sein. Ich sah ihm zu, -wie er Dutzende von Chenilleäffchen verschiedener Größen aus einer -Handtasche auspackte und zu gleicher Zeit kleine Bändchen und Fähnchen. -Und nun begannen die Burschen, die Frau und der Mann, die Affenpuppen -mit Bändern zu schmücken, und alle vier spielten kindisch mit ihnen -und kitzelten sich gegenseitig am Gesicht und am Hals mit den Äffchen. -Dabei hatte der Mann ein katholisches Traktätchen, eine gedruckte -Zeitschrift, neben sich liegen, in welcher Heilige abgebildet waren, -aus welcher er gern ab und zu Erbauungsgebete vorlas. - -Ich hatte bereits von Annunziata, dem Dienstmädchen, gehört, daß ein -ganz verrücktes Ehepaar erwartet würde. Das Mädchen war nicht sehr -erbaut von seiner Ankunft, denn die Frau, sagte sie, wäre verliebt -in die beiden Fischerburschen, denen sie im Winter, und überhaupt -vom Tag ihrer Abreise an bis zu ihrer Wiederkunft, fast täglich die -zärtlichsten Briefe schriebe. Aber Annunziata selbst liebte den einen -Burschen und fand es abscheulich, daß, so lange das Ehepaar im Gasthaus -wohnte, sie auf ihre Liebe verzichten sollte. - -Ich hatte in meinem Leben vorher nie etwas Widerlicheres gesehen, als -diesen mageren, bebrillten, greisenhaften, kichernden Mann und seine -schwammige, übel aufgeputzte Frau. Sie lehnte mit ihrem Kinn auf ihrem -üppigen Busen, der in eine Seidenbluse eingespannt war, und er grinste -über seine schmale Hakennase und über die Brillenränder zu den Burschen -hin, wenn seine Frau die Burschen mit den Chenilleäffchen hinter die -offenen Hemdkragen kitzelte. - -Der eine Bursche hielt einen Leierkasten unter dem Arm, in welchen -Platten eingelegt wurden, und auf dem man wahrscheinlich bald Musik -machen wollte. - -Der Wirt hatte mir erzählt, das Ehepaar habe eine Seidenblumenfabrik in -Norddeutschland. - -Ich sah mit einem Blick: wenn der Leierkasten spielen und die -Chenilleaffen tanzen würden, wenn die Zwerge, die Marinesoldaten, -der Student, der Drogist, der Zolloffizier sich untereinander Duelle -wünschen und die Russin wie eine Unke neues Unglück prophezeien würde, -wäre meines Bleibens hier nicht lange, und ich würde bald von diesem -Ort fortflüchten müssen. Das wäre vielleicht das einzige Unglück, das -mir passieren könnte. Denn ich hatte ein keimendes Abenteuer im Herzen, -von dem ich mich nicht gern eher getrennt hätte, als bis es erlebt war. - -Das Haus, in welchem sich der Gasthof befand, war halbiert. Der vorige -Besitzer hatte das Anwesen in zwei Hälften verkaufen müssen. In der -Mitte waren durch das Haus, durch die Prunksäle, Wände durchgezogen -worden. Dahinter in der zweiten Hälfte hauste jetzt der einzige -Briefträger des Ortes mit einer Unzahl von Kindern. Auf dem Balkon aber -hielt seine älteste Tochter, eine bleiche Italienerin, jeden Morgen -Nähstunden ab für ihre jüngeren Geschwister und ihre Freundinnen. Im -Saal, neben meinem Zimmer, wo, dem Schall nach zu urteilen, sich kein -einziges Möbelstück befand als ein alter Flügel, ließ der Briefträger -den ganzen Tag seine Hände galoppieren und braute Melodien, zu denen -die Geister aller Komponisten Europas zitiert wurden. - -Niemals war mir vorher ein so entsetzlich musikalischer Briefträger -begegnet. Er hatte nur dreimal am Tage, wenn die Dampfschiffe kamen, -Post auszutragen, und diese Botengänge waren nur kurz; da die Gassen -des kleinen Ortes kurz waren und die Leute hier nur wenig mit der -Außenwelt in Verbindung standen, so blieb ihm viel Zeit zum rasenden -Spiel. - -Die Frau des Briefträgers war bei der Geburt des letzten Kindes -gestorben, und die zwanzigjährige Tochter mußte die zwölf jüngeren -Geschwister erziehen. Der Vater aber wies, so sagte man, jedem Freier, -der, angelockt von der Madonnenschönheit der Zwanzigjährigen, sich über -die Schwelle wagen wollte, brüsk die Tür. - -»Sie hat Pflichten,« rief er jedem mit italienischem Pathos zu, -»Pflichten gegen ihren Vater und ihre zwölf Schwestern, und ich erwürge -den mit meinen zehn Fingern, der es wagen sollte, meine Tochter diesen -ihren Pflichten abspenstig zu machen.« - -Er selbst aber schien keine anderen Pflichten für seine Familie zu -fühlen als die, das mutterlose leere Haus mit seinem Klaviergetöse -anzufüllen. Er kam sich gewiß wie ein Ritter der Musik vor. Die adligen -Räume, die er zufällig, mit seiner ganzen Ärmlichkeit, bewohnen mußte, -schienen es ihm angetan zu haben. Die altitalienischen Wappen an den -Decken, die griechischen Götter, die dort auf abendroten Wolken saßen, -grell hingemalt in Perspektiven an den Deckenkalk, so daß der arme -Briefträger kein ruhiges Dach über seinem Schädel hatte, der gemalte -Regenbogen über seinem Kopf, auf dem die neun Musen samt Apollo saßen -und ihre wohlgeformten nackten Beine über den alten Klavierkasten -herunterhängen ließen, -- das alles schien den Mann in Ekstasen zu -versetzen, die ihn fähig machten, stundenlang bei Trillern und Läufen -am Tastenwerk auszuhalten. Dazwischen stieß er gegen seine Kinder -Flüche und Drohungen aus, die von Blut und Mordgedanken trieften. - -Ich hörte täglich den Musiklärm und seine fluchende Stimme nah -wie durch eine Papierwand. Im Treppenhaus war eine verriegelte -Verbindungstür zwischen den zwei Haushälften. Diese stand einmal -zufällig offen, und ich hatte einen Augenblick im Vorübergehen den -schrecklich bunten Apollosaal für einige Sekunden bewundern können. - -Die Tochter des Musikgespenstes grüßte öfters mit einem leisen Lächeln -im Gesicht zu mir herüber, wenn ich ans Fenster trat, indessen ihr -Vater drinnen fluchte oder musizierte. Dieser Gruß war, als wollte sie -um Vergebung bitten für den unaufhörlichen Lärm, an dem sie sich doch -schuldlos fühlte. - -Ich hatte mir den Spaß gemacht und manchmal den Kindern drüben in -Stanniol gewickelte Schokoladestückchen zugeworfen. Nun kannten sie -mich alle und sahen erwartungsvoll nach mir, wie kleine Vögel, die man -vom Fenster aus füttert. - -Am letzten Nachmittag war ich der ältesten Tochter begegnet, am -Seeufer, das hart vor dem Garten lag. Sie stand bei den Weibern, -die dort am Wasser knieten und wuschen, und sie hatte einige ihrer -Geschwister um sich und nähte wie immer, -- sie nähte auch, während -sie spazieren ging. Aber mit den Weibern am Ufer Wäsche waschen, das -durfte sie nicht. Das wäre zu erniedrigend gewesen für die Tochter des -wichtigen Staatsbeamten, für den sich der Briefträger hielt. - -Bei dieser Begegnung war mir der Gedanke gekommen, das schöne Geschöpf -zu fragen, ob sie nicht in der Mondnacht mit mir eine kleine Kahnfahrt -auf dem See machen wollte. Aber der Wind rauschte in den großen -Silberpappeln am Ufer, und ich hätte laut schreien müssen, um diese -Frage zu stellen, und die waschenden Weiber hätten dann ihre Köpfe -gewendet und große Augen gemacht. Darum unterdrückte ich den Wunsch, -der auch nicht heftig genug war, um sich gegen alle Widerstände -durchzusetzen. - -Aber heute abend, wenn Ulrike auf das Scheinwerferboot gehen würde, vom -Zolloffizier eingeladen und vom singenden Studenten und dem die Gitarre -spielenden Drogisten begleitet, dann wollte ich, dem Briefträger zum -Trotz, das schöne Mädchen zu einer Nacht- und Nebelfahrt auffordern. - -Während ich noch dieses träumte, erschien unten im Garten Ulrikes -roter Kopf und stand gegen den blauen See wie eine große dunkelrote -Geranienblüte. Sie beschattete mit den immer lebendigen Fingern ihre -Augen, sah zu mir herauf und rief mir zu, sie sei fertig angekleidet, -um mit mir in jenen Weingarten der Italiener zu gehen, wo die Leimruten -für den Vogelfang aufgestellt wären. - -Jetzt im Morgen schien mir Ulrike nicht mehr wie der Brennpunkt alles -Lebenden zu sein. Wohl stand sie rotleuchtend im Garten, aber ihr -helles Gesicht und ihre Hände blitzten kühl und blank wie die Seewellen -draußen. Und es fiel mir auf, daß ihre Schönheit, beim starken -Tageslicht besehen, beim frischen Morgenwellenschlag des Sees, unterm -unendlichen silberblauen Morgenhimmel, bei dem die mächtigen Berge -wie alte tausendjährige Propheten saßen, eigentlich nicht mehr Kraft -ausstrahlte als die silberne Flaumfeder einer Seemöwe, die zwischen ihr -und mir jetzt eben in der Gartenluft vorüberschwebte. - -Freilich, gestern in der Rembrandtbeleuchtung des nächtlichen Gartens, -wo die Welt rundum schwarz ausgelöscht war, lebte ihr weißes Fleisch -magnetisch im Kreis der Männer. Und heute Abend, das wußte ich, würde -es wieder mit gleicher Kraft seine Anziehung ausstrahlen. Der Tag aber -wollte Gegenwart, lebende Wirklichkeit. Die Nacht nur ist wie von -Vergangenheit ausgefüllt, und alle Dinge wachsen dann in Jahrtausende -zurück, machen eine Rückentwickelung durch, vergrößern sich im Finstern -und nehmen Gestalten der Urzeit an, Gestalten vorsündflutlicher, -ausgestorbener Geschlechter. Es ist, als würden dann in der Finsternis -jene Formen wieder lebendig, von denen wir Menschen nur Ahnungen aus -den Gesteinschichten bekommen, wenn wir die Abdrücke versunkener -Riesengeschlechter, gigantischer Farren und gigantischer Amphibien -finden, -- Gestalten, von denen wir kaum feststellen können, ob sie -dem Luft-, dem Erd- oder dem Wasserreich angehörten. - -Von solch ungewissen, grauenhaften Ungeheuern schien mir der Garten -gestern Abend angefüllt gewesen zu sein. Jeder war da im Dunkeln -über sich hinausgewachsen, die Menschen, die Zwerge, die Musik, die -Lampe, der Mispelbaum, die Katzen und die vom Scheinwerfer ruckweise -belichtete Seelandschaft. - -Harmlos war das alles jetzt am Morgen, und der Morgen selbst unschuldig -wie ein Ei, das eine Henne ins Stroh fallen ließ, unschuldig wie die -Milch der Kühe, unschuldig klar wie frisches Wasser in einem Glas, und -ich atmete jetzt auf und verbannte im hellen Morgen die Schrecken, die -ich gestern Nacht gefürchtet, leicht von mir, wie man den Rauch einer -Zigarette rasch von sich bläst. - -Ulrike und ich hatten nicht weit zu gehen, keine fünf Minuten vom -Gasthaus durch die höckerige Straße, die dort anstieg und sich hinaus -in den Olivenhain verlor. Dort hinter den Mauern, die am Ende der -Häuser noch eine Weile den Weg einengten, lagen alte Weingärten. -Hier und da war eine Pforte oder eine Nische mit einem verstaubten -Madonnenbild in den Mauern; und an den Mauerflächen huschten graublaue -winzige Eidechsen hin. Verschlungene Feigenbäume streckten ihre -Fünffingerblätter aus und ließen schwarzblaue Früchte reifen. Niemand -begegnete uns als spielende Kinder und ein paar meckernde Ziegen, und -weißer wirbelnder Staub flog am Wege hinter uns her. - -Auch hier waren am Morgen keine Gespenster mehr am Wege, und als uns -einer der orangutangähnlichen Zwerge einholte, der für uns den Klöppel -am Gartentor anschlug, in das wir eintreten sollten, da sah auch der -arme verwachsene Kerl dürftig und unschädlich aus wie ein humpelnder -Hase, schreckhaft und ängstlich. - -Ulrike stellte sich etwas wunderbar Lustiges unter dem Vogelfang vor. -Sie dachte, man fängt die Vögel mit der Hand wie Schmetterlinge von -den Blumen. Und sie dachte, es müßte ein so hübsches Geschäft sein wie -Gärtnerei oder Mandolinenspiel. - -Drinnen aber im Weingarten stockte uns beiden der Atem. Mit etwas -bleichen, übernächtigen Gesichtern fanden wir dort den Studenten und -den Drogisten bei ihrer Henkerarbeit. - -Am Ende des Gartens, der zum See abfiel, lag eine Wiese, und dort -in einem Mauerwinkel, auf einer breiten Böschung, saß der Student, -nur mit Hose und Hemd bekleidet wie ein Cowboy. Die Andacht und -der Schmelz, mit dem er gestern Abend gesungen, waren aus seinem -Gesicht wie fortgeblasen. Er war nur voll Eifer beim mörderischen -Vogelfang, durchdrungen vom Ernst eines Sachkenners. Man durfte nicht -laut sprechen, man durfte nicht laut auftreten. Man mußte wie bei -Wegelagerern im Hinterhalt lauern. - -Zwischen den nächsten Büschen waren lange, dünne Ruten gesteckt. Die -waren mit klebrigem Leim bestrichen, der nicht trocknete. - -In seinem Mauerwinkel lugte der Student durch eine Art Schießscharte -nach seinen Ruten und pfiff ab und zu auf einer kleinen silbernen -Vogelpfeife. Die gab einen leisen zwitschernden Laut. Der Lockruf wurde -manchesmal von einem Baum oder aus den Büschen beantwortet. - -An einigen Rutenspitzen waren auch ein paar winzige Vögelchen -angebunden. Die flatterten und versuchten vergeblich, sich loszumachen. -Die in der Luft vorüberziehenden Vögel glaubten, von jenen käme das -Gezwitscher, und ab und zu kam ein Vöglein vom nächsten Baum oder aus -der Luft herbei und setzte sich auf eine der Leimruten, um zu erfragen, -warum die Flatternden nicht fortfliegen wollten, und warum sie riefen. - -Bald aber mußte der Neugierige dann seine Freiheit lassen. Sein -Brustflaum klebte an der Rute fest, ebenso seine feinen Krallen. -Allmählich hafteten auch seine Flügel, mit denen er um sich schlug, an -dem Klebstoff der Rute. Und wie eine Fliege im Sirup, so quälte sich -der kleine Vogel vergebens loszukommen. Andere flogen dann auf das -jammernde Gepieps der Kameraden herbei. Auch sie blieben haften. Und -die Ruten schaukelten unter dem Gezappel der jämmerlich verstörten und -zu Tode geängstigten Tierchen heftig in der Luft hin und her. Und immer -neue kamen neugierig und hilfsbereit und umflatterten mitleidig die -piepsenden Gefangenen, die sich trotz aller Anstrengung nicht von den -Leimruten befreien konnten. - -Das gestern so andächtige Auge des schmächtigen Studenten glitzerte -jetzt wie ein Wieselauge, und auch sein Rücken bewegte sich unruhig und -lauernd, wenn er durch die Mauerscharte spähte. Ab und zu flüsterte er -uns die sich steigernde Zahl der an den Leimruten zappelnden Opfer zu. - -»Vier, sieben, zehn, hui, -- vierzehn!« stieß er begierig hervor. -Dann sprang er plötzlich aus seinem Versteck, war mit drei, vier -Sätzen bei den Ruten, griff mit langen Armen und großen Händen in -die Luft über die Büsche und pflückte die Vögel von den Ruten ab. Er -stopfte die Vögel in seine Tasche, wo sie, vom Leim besudelt, alle -aneinanderklebten und bald nur noch ermattet zuckten. Dann stellte der -junge Mann schleunigst mit frischem Leim angestrichene Ruten in die -Büsche. Es geschah geschäftig und blitzartig, als wäre jede Minute -seiner Handlung kostbar für die Weltgeschichte. - -Nachdem er wieder zu uns in das Versteck zurückgekehrt war, holte -er Stück um Stück der Vögel aus seiner Tasche und zerdrückte jedem -zappelnden Tierchen zwischen seinem Daumen und dem Zeigefinger das -Köpfchen. Dann warf er den blutenden Vogelbalg zu dem Beutehaufen -ins Gras, wo bereits dreißig bis fünfzig Stück, die er in diesen -Morgenstunden gefangen, als tote Klumpen beieinander lagen. - -Ulrike wurde blaß und wendete sich ab. Aber der Student grinste und -sagte achselzuckend: »Das ist Jagd.« Aber es war mir, wie er grinste, -als wäre sein Gesicht schwarz wie das eines menschenfressenden Negers -geworden. Schwarz vor Schuld, Scham und Verlegenheit, -- so sah ich ihn -für einen Augenblick vor meinem inneren Auge. - -Über unseren Köpfen waren hier bei der Mauer Stangen auf -Backsteinpfeiler gelegt. Sie trugen ein Rebengewirr, durch dessen Laub -die Sonne grün leuchtete. Und große Trauben, goldgelbe und dunkelblaue, -hingen darin zum Greifen nah. - -Trotzdem der italienische Student die Verstimmung deutlich merkte, die -sein grauenhafter Jagdsport in unseren deutschen Gemütern anrichtete, -bewahrte er seine südlich lässige Höflichkeit und lud uns ein, von -den Trauben zu pflücken. Und der Zwerg, der dabei stand, kletterte -behend an einem Pfeiler hoch und riß ein paar Trauben ab, die er uns -hinreichte. - -Mir aber saß noch das Herz im Hals von der Vogelmetzelei, die ich hier -gesehen hatte, hier im harmlosen blauen Morgen, den die Wiesenblumen -und das Vogelgezirp schmücken sollten, und wo man unter den laubigen -Traubengängen keine Verräter und Mörder der Morgenunschuld vermuten -konnte. - -Ich mochte keine Traube anrühren, und auch Ulrike legte die ihr -zugereichte Traube, ganz beklommen dankend, neben sich ins Gras. - -Sie sagte mir leise, sie wolle gehen. Der Student verstand es und -sagte, er wolle uns noch in den Weingarten führen, wo sein Freund viele -Netze aufgespannt hätte und die Vögel in einer anderen Weise einfinge -als er. - -Im Garten droben nahm uns dann der Drogist in Empfang. Er führte uns -durch die dichten Laubengänge, in denen hohe Rebenstöcke standen, die -an Drähten ausgebreitet wuchsen und hohe Korridore bildeten. In diesen -Gängen, an den Traubenwänden entlang, waren große haardünne Netze -aufgespannt. In ihnen verfingen sich die kleinen Vögel im Durchfliegen. -Sie zappelten hier in den Maschen wie die anderen vorhin an den -Leimruten. Aber das Erschütterndste hier waren nicht die Netze, es war -nicht die Fangart, sondern die Lockweise. Es waren da eine Reihe Käfige -an der Wand. In denen hielt sich der Drogist geblendete Nachtigallen. -Den Nachtigallen, die er gefangen hatte, hatte er die Augen -ausgestochen, damit sie in ewiger Finsternis besser singen sollten. -Die armen Tiere waren also doppelt gefangen, doppelt geängstigt, und -ihre Klagen wurden doppelt schmelzend, doppelt sehnsüchtig. - -»Das haben Sie getan?« fragte Ulrike unbefangen, aber zugleich blieb -sie wie erstarrt vor einer blinden Nachtigall stehen. Sie konnte es -noch gar nicht begreifen, daß es schändliche Wirklichkeit war, was -sie sah. Und der Drogist grinste. Aber er hatte eine seltsame Art, -über die Köpfe der Menschen fortzusprechen. Was er nicht hören wollte, -übersprach er. Nur sein Blut, das ihm leicht zu Kopf stieg, zeigte, daß -er gehört hatte. - -Auch mir grauste es jetzt vor diesem Garten, der da am See hinter -hohen Mauern eingeschlossen wie eine große Mördergrube lag. Von außen -hätte man der harmlosen Mauer nicht ansehen können, daß dahinter die -freiesten Geschöpfe der Erde, die kleinen, dem Menschenherzen so -wohlgefälligen Nachtigallen und andere Singvögel, lebenslängliche -Folterqualen und Tausende von ihnen einen gräßlichen Tod erleiden -mußten. - -Also dieses war das Grauen, dachte ich, als ich mit Ulrike den Garten -verlassen hatte, das ich durch die Mauern gefühlt habe, als ich am -ersten Abend durch den kleinen, brütend schwülen Ort hinaus zu den -grimassenschneidenden Olivenhainen am Bergabhang gewandert war. - -»Ich will keine Musik mehr von diesen beiden hören und kein Lied«, -sagte Ulrike ganz erschüttert. »Pfui! Wenn ich das gestern abend gewußt -hätte, daß die beiden solche Scheusale sind!« - -»Sie werden aber heute abend doch mit den jungen Leuten auf das -Scheinwerferboot gehen und über den See kreuzen, wozu Sie gestern abend -der Offizier eingeladen hat.« - -»Nein, nein,« rief sie heftig. »Ich habe den beiden eben gesagt, -sie sollten lieber elende Schmuggler werden. Denn besser als die -Vogeltöterei ist dann doch das Schmuggeln. Sie haben natürlich -verstanden, daß ich sie nicht mehr sehen will, und wurden beide blaß -und rot.« - -Im Gasthaus mußte ich ein kräftiges Glas Wein trinken, um die Übelkeit -herunterzuspülen und das Grauen, das mich befiel, wenn ich an die -Vogelfänger zurückdachte. - -Ulrike, in ihrer lebhaften Art, sagte, sie hätte am liebsten beiden die -Augen eigenhändig ausgestochen und die Frevler lebenslänglich mit den -Leimruten gepeitscht. - -Der Tag wurde dann sehr heiß. Die Russin, Ulrike und ich saßen im -Garten umher oder im kühlen Speisesaal, lesend oder schreibend. Nach -dem Mittagessen war die Glut aufs höchste gestiegen, und der See -draußen leuchtete mit seinen Lichtflammen brennend in die Zimmer -herein. Nirgends war Schutz vor der Hitze. - -Die Damen hatten sich zum Schlafen zurückgezogen. Ich lag in einer -Hängematte unter dem Mispelbaum, und mir schwand bald das Bewußtsein, -aber Schlaf war es nicht, denn ich wachte und erlebte Seltsames dabei. - -Die Hitze betäubte meinen Verstand, aber meine Augen und Ohren wurden -unendlich wach und hatten ein Gesicht, das kein Traum war. - -Ich schaute durch den Laubengang hindurch hinaus auf die -lichtüberrieselte Seefläche, und dort sah ich ein Tier aufsteigen. Das -hatte den Kopf einer Eidechse, den Hals einer Giraffe, den Bauch einer -watschelnden Ente und den langen Schweif eines Krokodils. - -Mitten im See hob es sich, grüngrau, wie aus tausendjährigem Schlamm -geboren. Seine Haut hatte menschenkopfgroße Warzen. - -Das Tier nickte mit seinem langen Hals wie ein Vogel Strauß. Das -glitzernde Wasser rieselte in Bächlein an ihm nieder, und Büschel von -großen Seepflanzen wuchsen dem Tier auf dem Rücken. Es sah aus, als -habe es jahrhundertelang in der Seetiefe geschlafen und richtete sich -jetzt auf, um Umschau zu halten, ehe es weiterschlief. - -Ich erinnerte mich, ich hatte dieses Tier in einer lebensgroßen -Nachahmung aus Stein im Zoologischen Garten in Berlin, an der -Freitreppe zum Aquariumhaus gesehen, und wußte auch, daß auf einer -Tafel darunter »Iguanodon« stand, und »seit zwanzig Millionen Jahren -auf der Erde ausgestorben«. Es war eines jener vorsündflutlichen Tiere, -an die ich gestern abend gedacht hatte, als Ulrike den Garten verhexte -mit ihrer über alle menschlichen Begriffe starken Anziehungskraft, die -die Zwerge, die Katzen und alle Männer entzündete. Vor meinem inneren -Blick war Ulrike da in ein Fabelwesen verwandelt worden, für das man -keine gewohnten Maßstäbe findet. Und nun sah ich am hellen, heißen -Nachmittag ein Iguanodon seinen zwanzig Millionen Jahre langen Schlaf -unterbrechen und mitten im See aufsteigen und Rundschau nach den Ufern -halten, als wollte sich die langhalsige Gestalt mit einem ebenbürtigen -Feinde messen, der es heraufgerufen und zum Zweikampf herausgefordert -hätte. - -Und seltsam, -- ich erkannte plötzlich die Berge, die sonst Erde und -Stein waren, auf dem anderen Seeufer und über meinen Häuptern und -hinter den Hausdächern des am Berg hinaufkletternden Ortes nicht -mehr. Diese einzelnen Berge schienen die Stümpfe von Urweltbäumen zu -sein, deren jeder ein paar Meilen im Durchmesser maß. Und gegen diese -riesigen Baumstümpfe wirkte das haushohe Iguanodon wie eine winzige -Ameise. Die vorsündflutliche Welt, in der der Mensch weniger als ein -Infusionstierchen in einem Tropfen Wasser war, erschreckte mich nicht; -sie stand schrecklich schön im Sonnenschein vor mir. Und auch als das -Iguanodon eine pfeilartige weiße Zunge, wie eine lange dünne Röhre, -ausstreckte, die es langsam anwachsen ließ, erschrak ich noch nicht. -Erst als die Zunge wie ein dünner Sauger die Ufer, die Berge und -endlich die einzelnen Häuserflächen, die nach dem Wasser sahen, von der -Mitte des Sees aus abtastete, da packte mich ein panischer Schrecken. -Denn der weiße Strahl der Zunge zog sich, wenn er ein Haus berührt -hatte, wie ein langer Schneckenfühler wieder zu dem Tier zurück. - -Mit einem Male hörte ich Geschrei, ein Angstgezirp, ähnlich dem, das -die zappelnden Vögel an den Leimruten im Morgen gezirpt hatten. Ich sah -mit Entsetzen, daß die Zunge des vorsündflutlichen Tieres jedesmal, -wenn sie ein Haus berührte, ein Fenster oder einen Laden eindrückte und -sich einen Menschen aus den Zimmern holte, und der Geraubte verschwand -angeklebt mit der eingezogenen Zunge im Schnabelrachen des Tieres. - -Das Iguanodon, das ich hier sah, war wohl zwanzigmal größer als die -Abbildung, die ich einmal in Stein, von einem Bildhauer gearbeitet, in -Berlin gesehen hatte. Den Menschen, den die Riesenbestie verschluckte, -sah man im langen dünnen Tierhals nicht hinabgleiten, denn der -Hautbehang des Halses schien fest und dick zu sein wie Panzerplatten. - -Mein Grauen wuchs. Jetzt stürzten unter der Gartentür vom See her -in den Garten herein die Weiber, die am Ufer gewaschen hatten, und -viel Volk ihnen nach, das vor der Zunge des Tieres flüchtete. Ich -fühlte aber, daß ich mich mit den Fußspitzen und meinen Armen in dem -Maschennetz der Hängematte verwickelt hatte, so daß ich mich nicht -zur Flucht aufrichten konnte. Nur meinen Kopf konnte ich hin und her -bewegen. - -Ich sah, wie auf den Lärm im Garten der Wirt, die russische Generalin, -das heute morgen angekommene Ehepaar und die zwei Fischerknaben, -letztere mit den Chenilleaffen und der Drehorgel bepackt, aus dem Hause -kamen und nach der Kellertür strömten, die der Wirt öffnete, und wohin -alles, was im Garten war, dem Wirt nachdrängte, der dann, als alle in -den Keller geflohen waren, behutsam die Kellertür von innen schloß. Ich -hörte, wie der Wirt zuriegelte, und wie die Leute drinnen erst alle -durcheinanderschwatzten, und wie es dann atemlos still wurde und sie -alle zu horchen schienen. Jetzt war die Zunge des Tieres, glänzend weiß -wie der Lichtstrahl eines Scheinwerfers und pfeifend über die Krone des -Baumes, unter dem ich in der Hängematte gefesselt lag, auf das Gasthaus -zugeschossen und hatte die Glastür im Speisesaal eingedrückt, deren -Scherben laut klingend auf den steingepflasterten Fußboden fielen. - -Alle Leute im Keller waren in Sicherheit. Auch die Tochter des -Briefträgers war vorhin mit den Menschen dort hinuntergeflüchtet, und -ich staunte nachträglich noch, wie furchtlos sie eigentlich gewesen -war. Das junge Ding schien nur vom Strom der Flüchtlinge mitgerissen -worden zu sein. Denn sie nähte, während sie in den Keller stieg, ruhig -an ihrer Arbeit weiter. - -Nur Ulrike hatte ich nicht aus dem Haus fliehen sehen. Aber ich wußte -doch, daß sie in ihrem Zimmer oben war und Siesta hielt. Plötzlich zog -sich die Tierzunge, die dünne, tastende und saugende Zungenspitze des -Iguanodons, vom Hause zurück und schnellte wie eine zurückgeworfene -Leimrute hoch in die Luft, gleichsam, als sei das vorsündflutliche Tier -draußen im See tief erschreckt worden. - -Mich schüttelten Frost und Kälte. Wie leicht konnte die Zunge jetzt -pfeilschnell durch das Geäst des Baumes wieder zurückschießen und mich -aus der Hängematte ziehen! - -Da aber hörte ich, daß sich ein Fenster im Zimmer Ulrikes öffnete, -und ich wollte dem schönen Mädchen zurufen, sie solle fliehen und -sich verbergen, als ich sah, wie ein eben solcher Tierkopf, nur viel -kleiner als der des Ungeheuers auf dem See draußen, sich aus dem -Fenster reckte. Sein Hals wuchs und stand wie eine lange ungeheure -Fahnenstange aus der Fensteröffnung. Seine Zunge schoß aus dem Rachen -und züngelte lebhaft. Aber statt der Warzen hatte dieses neue Tier -rote lockige Haarbüschel an seinem Giraffenhals, Haare, so rot wie -Ulrikes Haar. Zugleich aber sah ich, daß die Zunge, die dieses Tier -ausstreckte, keine lange Saugröhre war, sondern daß elektrische -Flammen, elektrische Strahlenbündel, die viel schneller und viel -gewaltiger waren als die Zunge des anderen Tieres, weit auf den See -hinaussprühten und furchtbare Schläge ins Wasser austeilten. Und wo -dieses Tieres Elektrizität hinschlug, schien der See bis in die Tiefe -zu kochen. - -Das Iguanodon draußen in der Seemitte hatte seine Zunge eingezogen, -legte seinen Hals flach wie einen schwimmenden Baumstamm aufs -Wasser, und es schien mir, als überlege es, ob es den Kampf mit der -Nebenbuhlerin am Ufer aufnehmen, oder ob es wieder versinken sollte in -sein jahrtausendealtes Wassergrab. - -Plötzlich aber dröhnte die Erde. Der Baum, an dem meine Hängematte -hing, zitterte und schüttelte sich, als wenn ihn ein Schauder -durchführe. Zwischen den hohen vorweltlichen Baumstümpfen, die die -Höhe des Monte Alto hatten, flog eine Herde blutfarbener Drachen auf. -Die hatten mächtige Fledermausflügel aus roten Häuten. Der Himmel -verfinsterte sich blutrot. Und die Drachen zeigten gelbe Bäuche und -grünliche Brüste, hinter denen ich einen dunkelblauen Herzwulst pochen -sah. - -Im See aber tauchte lautlos das Iguanodon unter. Auch das Tier im Hause -hörte auf, Blitze zu werfen, und zog seinen langen Hals in das Fenster -zurück und verschwand. Die roten Drachen aber füllten die ganze Luft -und wurden zu Millionen Drachen. - -Ich sah eine Weile noch den Sonnenschein, der die vielen ausgespannten -Drachenflügel rot durchleuchtete. Und von dieser Röte wurde auch der -Baumstamm, unter dem ich lag, rot beschienen und ebenso Äste und -Blätter. Der rote Stamm sah wie die blutige Gurgelröhre aus, die man -einem mächtigen Tier ausgenommen hat. Und der Baum begann zu sprechen, -und seine Äste begannen sich im Wind zu ballen wie Fäuste, und sie -wuchsen und schlugen an die verschlossene Kellertüre, dahinter sich die -Menschen des Hauses geflüchtet hatten. Und der Baum schrie zuletzt -auf, und ich verstand jedes Wort, und mich schauderte, als er mich in -der Hängematte hin und her schleuderte. Des Baumes Stimme aber rief: - -»So lange ihr Menschengezücht euch höher dünkt und gewaltiger als das -Höhenreich und das Unterreich, so lange sollt ihr keinen Frieden haben, -da ihr keinen Frieden geben wollt. Ihr sollt nicht sicher sein in euren -Häusern, nicht sicher in euren Betten, nicht sicher unter uns Bäumen. -Wir werden immer wieder zu euch hereinbrechen, wir aus dem Unterreich -und aus dem Höhenreich, deren Leben ihr erloschen glaubt. Und ihr -werdet kämpfen müssen, so lange ihr Kampf wollt. Die roten Drachen, sie -werden über euch geschickt, sie werden euch immer wieder besiegen, auch -wenn eure Kämpfer elektrisches Feuer speien. Die roten Drachen, die aus -dem Urblut aufstiegen, aus dem auch ihr gezeugt wurdet, sie sind es, -die euch züchtigen sollen.« - -Nachdem der Baum also dröhnend gesprochen hatte, wurde es still. Die -rote Dunkelheit, die die Landschaft und alles um mich entrückt hatte, -wich allmählich, und es wurde hell wie vorher. Der erhitzte Garten im -Nachmittagslicht, voll blühender roter Nelken und roter Geranien, -lag am See, trocken und scharf beleuchtet. Niemand sprach. Nichts -Ungewöhnliches war zu sehen. Im Hause schien noch alles zu schlafen. -Gerade vor mir an der Gartenmauer reckten sich einige blaugrüne, -tierähnliche Kakteenstauden. Auf den fleischigen, gepanzerten Pflanzen -sonnten sich grünschillernde Fliegen, und neben ihnen züngelte eine -kleine Eidechse. - -Meine Füße waren ein wenig in der Hängematte verwickelt. Ich konnte -aber doch leicht aufstehen, ging zum Tisch und setzte mich in einen -Strohsessel im Schatten des Hauses und dachte über das sonderbare -vorsündflutliche Gesicht nach, das ich zwischen Wachen und Träumen eben -erlebt hatte. - -Später kamen die Damen zur Kaffeestunde aus ihren Zimmern in den -Garten, und wie wir da zusammen unter dem Mispelbaum saßen, wollte ich -ihnen mein Traumgesicht beschreiben. Aber als ich den Mund zum Sprechen -öffnen wollte, tauchten mir ganz andere Bilder auf. Ein innerer Wille -zwang mich, ganz andere Worte zu sprechen als die, die ich hätte sagen -wollen. Es war von jenem Gesicht her eine unerklärliche Angst in mir -geblieben, die mir ergab, daß ich neuen Schrecken, der sich hier -entwickeln konnte, dadurch im voraus Einhalt tun könnte, daß ich die -Zukunft den Damen so schilderte, als wäre sie bereits Ereignis gewesen. - -Und ich erzählte: - -»Vorhin war es Nacht hier im Garten und draußen auf dem See. Die Lampe -unterm Mispelbaum brannte, und auf Ihrem Stuhl hier saßen Sie, gnädige -Frau« -- und ich verneigte mich leicht gegen die russische Dame. -»Zu Ihren Füßen lagerten alle Katzen des Hauses, graue und schwarze -nebeneinander, scheinbar schlafend, aber eigentlich mit Ihnen in die -Dunkelheit horchend. Um den Tisch herum saßen alle Zwerge des Ortes. -Der eine Zwerg hatte eine Kappe voll Birnen vor sich liegen, der andere -Zwerg seine Kappe voll Trauben, der dritte seine Kappe voll getöteter -Singvögel. Die anderen Zwerge, die neben Ihnen saßen, hatten leere -Kappen, aber sie warteten, so schien es mir, jeder einen unbewachten -Augenblick ab, um aus den drei gefüllten Kappen etwas zu stehlen. -Aber die drei Zwerge mit den gefüllten Kappen horchten mit Ihnen -und den Katzen gegen den See hin, wo eben nach dem Abendläuten das -Scheinwerferboot tutete, das dann das kleine Hafenbassin von Limone -verließ und seine Nachtwache an dem Ufer entlang antrat.« - -Die um den Tisch Sitzenden mußten angestrengt horchen, da tief im -Hause, in einem der letzten Zimmer, der Drehorgelkasten gespielt wurde. -Der am Morgen angekommene alte Herr spielte das kreischende Instrument, -während seine Frau mit den beiden Fischerbuben schlurchend über den -Steinboden tanzte. - -»Ich selbst befand mich auf dem See in einem Nachen und ruderte. Am -Ende des Bootes saß die schöne Tochter des Briefträgers. Sie hatte den -neuen Vollmond vor sich auf dem Schoß liegen wie ein Stück Weißzeug. -Der Mond war entzweigerissen, und sie nähte mit einer großen goldenen -Nadel seine Risse zusammen. - -Alles Unnatürliche in meinem Traum war so selbstverständlich, wie wir -jetzt hiersitzen und Kaffee trinken. Ich konnte überall zu gleicher -Zeit sein, im Garten, im Haus, im Kahn und auf dem Scheinwerferboot«, -erzählte ich weiter. - -»Auf dem Zollboot, das wie ein langer schmaler Walfisch aus Eisen, -nur wenig erhöht, über die Wasserfläche hinschoß, sah ich, umgeben -von Zolloffizieren und Matrosen, Ulrike stehen. Es unterhielt sie -besonders, einem Manne zuzusehen, der den Scheinwerfer handhabte. -Vom Boot war über dem Wasser nichts zu sehen als nur ein kleiner -Schornstein, der Lichtapparat des Scheinwerfers und ein dünnes -Eisengeländer, das um das längliche Verdeck lief. In der Form einer -Zigarre, und einem Wasserkäfer ähnlich, eilte das Boot auf der -Seefläche hin und kreuzte pfeilartig von Ufer zu Ufer. Die Offiziere -rauchten Zigaretten und freuten sich über Ulrike und über ihr -rotleuchtendes Haar, das in der Nacht noch stark mit seiner Feuerfarbe -lockte. - -Plötzlich kam Bewegung unter die Matrosen. Ein Offizier neben dem -Scheinwerfermann gab leise Befehle, und alle andern Offiziere drängten -sich zu ihm heran, und jeder sah durch ein neben dem Scheinwerfer -angebrachtes Fernrohr eifrig und lebhaft erregt hinauf ans Ufer. - -Man hatte Schmuggler entdeckt. Ich aber wußte, da ich auch zugleich -oben auf dem Berg sein konnte, daß die vom Fernrohr entdeckten -Gestalten im weißen Lichtstrahl des Scheinwerfers dort oben -keine Schmuggler waren, sondern der Student und der Drogist, die -der Aufforderung Ulrikes nachgekommen waren und die Schmuggler -spielten, nur um die Abendfahrt für Ulrike auf dem Scheinwerferboot -unterhaltender zu machen. - -Die Offiziere aber sagten Ulrike nicht, daß sie Schmuggler entdeckt -hätten. Einer bot ihr den Arm und führte sie auf den Wink der andern -in die Kajüte, wo er ihr einen Spiegel zeigte, in welchem man nicht -sich, sondern sein vorsündflutliches Urbild sehen konnte. Ulrike lachte -herzlich, als sie sich in dem Spiegelglas als eine Art Iguanodon -erkannte. - -Im selben Augenblick hörte Ulrike ein Tuten, und es wurden Befehle -durch ein Sprachrohr an die Bergwand hinauf zu den Schmugglern gerufen: -›Stillgestanden! Oder wir geben Feuer!‹ - -Ulrike wandte sich vom Spiegel ab und zeigte dem Offizier ihr schönes -Mädchengesicht und sagte: - -›Ihr werdet doch nicht auf den Studenten und auf den Drogisten -schießen, die nur zum Spaß die Schmuggler machen?‹ - -Im selben Augenblick krachten aber fünf Schüsse knapp hintereinander -aus einem Maschinengewehr, das am Kiel des Bootes angeschraubt war. -Vom Berg hörte man ein Niederrasseln von Steinen. Nach ein paar -Augenblicken rauschte das Seewasser vom Fall zweier Körper schäumend -auf. - -›Ihr habt zwei Menschen getötet,‹ schrie Ulrike. - -Die Schüsse aber in der Nacht wurden zu hundert Echos in den Bergen. -Und in den Häusern von Limone erhellten sich viele Fenster. Viele Leute -kamen aufgestört mit Lichtern und Laternen an den Strand, und viele -Frauen warfen sich am Wasser händeringend auf den Boden und riefen: -›Man hat uns unsere Männer getötet!‹ Denn diese waren Schmuggler und -befanden sich in dieser Nacht auf den Paßwegen mit Waren beladen, die -sie im Finstern über die Grenze schleppen sollten. - -Zugleich rannte der Briefträger kreischend am Ufer entlang und schrie: -›Meine Tochter ist verschwunden! Mit diesen meinen Händen werde ich den -erwürgen, der sie entführt hat.‹ - -In der allgemeinen Aufregung gellte noch die Stimme Annunziatas, des -Dienstmädchens im Gasthause. Die rief einem alten Herrn, der sie -schüttelte, ins Gesicht: - -›Jawohl, ich habe dem Mann die Frau vergiftet, weil sie immer mit -meinem Geliebten tanzt und nicht genug an einem Mann und einem -Geliebten hat, sondern einen Mann und zwei Geliebte haben will.‹ - -Der Wirt des Gasthauses aber verwandelte sich in einen Esel, stand an -einer Straßenecke auf vier gespreizten Beinen und wehklagte in die -Nacht. - -Im Garten starrte die Generalin, die bei den Katzen und den Zwergen -saß, wie entgeistert nach der Haustüre des Gasthofes, wo der alte Mann -herauswankte, der den Drehorgelkasten gespielt hatte, und dessen Frau -tot war. In ihm erkannte die Generalin plötzlich ihren vor Jahren -ins Meer gestürzten Gemahl, dem damals im Schreck, als sein Sohn -ertrank, das Erinnerungsvermögen geschwunden war, der sich aus dem -Meer gerettet hatte, aber nicht mehr wußte, wer er war, und der damals -nach Deutschland gereist war, eine künstliche Blumenfabrik gekauft und -wieder geheiratet hatte. - -Jetzt stürzte dieser Mann wie die andern nach dem Strand, wo ein -allgemeines Geschrei und Gerufe durch die Nacht hallte. - -Die Generalin erlitt vom Erkennungsschreck einen Schlaganfall. Sie sank -einseitig gelähmt vom Stuhl. Die Katzen im Garten flohen alle in den -offenen Keller, und auch die Zwerge erschraken und liefen hinter den -Katzen in das Kellerversteck. Dort balgten sie sich um die Birnen, die -Trauben und die toten Vögel. - -Birnen und Trauben schmatzend und tote Vögel zerkauend, kamen die -Zwerge nach einer Weile aus dem Keller vorsichtig hervorgekrochen. Sie -zupften die umgefallene Generalin am Ohr und an der Nase und schleiften -sie, mutig geworden, weil sie sich nicht rührte, am Mantel und an den -Schalzipfeln den Garten hinunter an den See, wo sie sie unter Gekicher -von der Landungsbrücke ins Wasser stießen. - -Die Tochter des Briefträgers im Kahn hatte die Risse im Mond -zusammengenäht und gab die Mondscheibe frei, die aus ihrem Schoß fort -an den Himmel hinaufschwebte, wo sie im Zenit stehen blieb, und wo sie -nun die Seelandschaft mit ihrem Licht wieder verklärend beleuchtete. -Das Mädchen selbst aber sprang aus dem Boot, nachdem sie zu mir noch -gesagt hatte: ›Mein Vater ruft mich. Er darf mich nicht bei Ihnen -finden. Dann sind Sie des Todes.‹ Dann war sie leicht über das Wasser -fortgelaufen, als wäre der See eine Glasplatte, und sie kam heil an das -Ufer, wo sie ihrem Hause zueilte. - -Ich aber wollte nicht mehr nach Limone zurück. Ich hatte genug von -dem abenteuerlichen Aufenthalt und wollte noch in der Nacht nach -Torbole rudern. Da glitt das Scheinwerferschiff an mir vorbei, und mit -dem verzweifelten Schrei: ›Nehmen Sie mich auf!‹ sprang Ulrike vom -Boot herunter zu mir in den Kahn. Dann ruderte ich aus Leibeskräften -und schloß die Augen und ruderte, nur von dem Gedanken der Flucht -angetrieben. - -Ulrike aber hing mir an meinem Halse während ich ruderte, und die junge -Dame flehte mich an, sie zu ihrem Bräutigam nach Freiburg zu rudern, da -sie gewiß nie mehr einen anderen Mann ansehen wollte als ihn und kein -Unglück mehr suchen wollte, sondern das Glück der Ehe, soweit das einem -Iguanodon möglich sei.« - -Also hatte ich gefabelt. - -Ulrike, die längst ein Taschentuch vor den Mund gehalten und öfters -während meiner Erzählung wiehernd aufgelacht hatte, stöhnte jetzt: - -»Uff, uff, Sie haben recht. Ich werde heute noch nach Freiburg -abreisen, um nicht all das Unglück anzustiften, das Sie mit solcher -Wollust auf den Kaffeetisch malen. Es ist nur so schade, daß ich -allein reisen soll, und daß ich Sie beide in dem stimmungsvollen -Weltwinkel hier zurücklassen soll, während ich vor meiner -Iguanodonseele fliehen muß.« - -»Daß Sie mich aber auf so schreckliche Weise umbringen lassen! Ich -soll im Wasser umkommen, nachdem ich meinen ertrunken geglaubten Mann -wiedergesehen habe! Was habe ich Ihnen getan, daß Sie mir ein so -fürchterliches Schicksal ausdenken?« rief die Generalin, ihr Unglück -genießend, aus. - -»Sie haben nichts getan, als daß Sie sich immer in Ihrem Innersten -dramatische Schicksale gewünscht haben. Sie dramatisieren mit Ihrer -Sehnsucht zum Unglück Ihr eigenes Schicksal, da Sie Angst haben, daß es -sich sonst friedlich wie ein Idyll entwickeln könnte,« antwortete ich -ihr. - -»O, Sie haben eine sonderbare Art,« sagte die Russin, »einem -Aufklärungen über sich selbst beizubringen. Sie nehmen einem Unglücke -vorweg, die man das Recht hatte, zu erwarten,« fügte sie beinahe -schmollend hinzu. - -»Ich habe nichts anderes hier erwartet,« rief Ulrike jetzt, gleichfalls -schmollend. »Sie glauben, daß wir alle an Sonnenstichen leiden, -und Sie legen uns eine Eiskompresse aufs Herz. Dafür bin ich Ihnen -eigentlich doch dankbar. Sie leuchten wie ein Scheinwerfer in uns -hinein und erzählen uns dann Märchen, die Sie in uns gesehen haben, wie -ein Großpapa seinen Enkeln Gruseln macht. Und recht belehrende Märchen -sind das, das muß ich sagen.« - -Die Russin ereiferte sich aber und meinte: - -»Jedenfalls ist die Gewitterstimmung hier zerstört. Ich bin dagegen, -daß man die Menschen von ihren Handlungen, die sie tun müßten, -durch solch haarsträubenden Anschauungsunterricht vom blinden -Leidenschaftsweg abschreckt. Jetzt wird Ulrike sicherlich nicht heute -Abend mit dem Offizier auf das Scheinwerferboot gehen wollen. Der -Student und der Drogist sind durch Tod abgeschafft. Ich finde, der -Erzähler solcher Märchen müßte jetzt wenigstens neue Menschen und neue -Ereignisse herbeischaffen. Denn damit, daß eine erzählte Geschichte aus -ist, ist doch nicht das Leben der Zuhörer aus. Wir leben weiter und -wollen erleben.« - -»Hier kommt schon neues Leben,« rief Ulrike. - -Mit dem Wirt traten zum Gartentor zwei fremde Herren in den Garten -herein. Sie trugen kleine Handtaschen, und der Wirt stellte uns die -Herren im Vorübergehen als zwei italienische Ärzte vor, die für einige -Wochen hier bleiben sollten, und die soeben erst mit dem Dampfschiff -angekommen wären. - -Wir hörten nur noch, wie die Herren zum Wirt sagten, sie wollten nur -rasch ihre Hände waschen, und dann die Wiese aufsuchen und den Platz -bezeichnen, wo die Krankenzelte aufgeschlagen werden sollten. - -»Ja, ist denn eine Epidemie ausgebrochen?« rief die Generalin, mit -ihrem einen Auge belustigt zwinkernd, und richtete sich aufgeräumt aus -ihren Schals und Mänteln empor. - -Die Herren waren aber schon mit dem Wirt ins Haus getreten und hatten -beim Geräusch der Schritte die Frage überhört. - -Wir sahen einander verwundert an. Ich erinnerte mich, in der Zeitung -gelesen zu haben, daß in Venedig Cholerafälle vorgekommen seien. Aber -ich verschwieg es, um die Damen nicht zu erschrecken. - -Jetzt kam Annunziata, das Dienstmädchen. Sie hatte am Gartentor dem -Briefträger die Post abgenommen und brachte uns Zeitungen und Briefe. -Dabei sagte sie geheimnisvoll: - -»Die Dame, die heute morgen angekommen ist, ist sehr krank. Der Wirt -hat gesagt, die Krankheit könne Cholera sein.« - -»Da haben wir es, das Unglück,« rief die Russin begeistert aus. »Ich -packe sofort meine Koffer.« - -Ulrike und ich lachten, und Ulrike sagte: - -»Jetzt bekomme ich es, wie ich es gewollt habe. Jetzt werden alle -mit mir abreisen. Wie froh ich bin, daß sich doch etwas Allgemeines -ereignet, und daß meine Abreise nicht allein das Tagesereignis sein -muß.« - -Ich hatte inzwischen rasch die neue Zeitung aufgeschlagen und las, -daß verschiedene Cholerafälle in Venedig und auch am Gardasee -gemeldet waren. Ich schlug dann den Damen vor, zusammen noch einen -letzten Abschiedsspaziergang nach den Wiesen zu machen, was die -Damen auch gerne taten. Draußen vor dem Ort, in der Nähe eines alten -Pestfriedhofes, der jetzt wie ein harmloser Rosengarten zwischen -prächtig düsteren Zypressen lag, trafen wir die beiden Ärzte, die -den Arbeitern zusahen, welche dort ein großes vitriolgrünes Zelt -errichteten. - -Bei der Farbe des Zeltes mußte ich an das Haus des vorsündflutlichen -Tieres denken, das sich in meinem Traum aus dem See gereckt hatte -und mit seiner Zunge in die Häuser eingedrungen war, aus denen es die -Menschen einzeln herausgezogen hatte, um sie zu verschlingen. Bald -würden hier Tragbahren ankommen. Bald würden die Häuser des kleinen -Ortes einzelne ihrer Bewohner als Opfer der Cholera in dieses Zelt dem -unerbittlichen Choleragespenst hingeben müssen. - -Während wir noch dastanden, wurde schon auf einer verhüllten Bahre die -erste Kranke aus dem Gasthaus, in dem wir wohnten, gebracht, die Dame, -die mit ihrem Mann heute morgen aus Venedig angekommen war. Der Wirt -mit seinem demütigen Eselsgesicht stand neben mir und stöhnte laut und -hörbar, denn er wußte, jetzt würden seine Gäste fortziehen und alle -Bewohner des Ortes sein Haus meiden. Und wer wußte es denn, ob nicht -er und alle, die hier standen, bereits vom geheimnisvollen Choleratod -gezeichnet waren? - -Es war aber gar nicht mehr so leicht, dem Ort des Schreckens zu -entfliehen. Die Dampfschiffe weigerten sich, in Limone anzulegen, und -das Schiff, das die Ärzte gebracht hatte, war das letzte gewesen, das -die Landungsbrücke berühren wollte. - -In der Nacht, als der Mond, von einer dünnen Wolke in zwei Teile -geteilt, über dem See und dem Monte Alto hing, stießen geheimnisvoll -zwei Boote bei der Gartentüre des Gasthauses ab. In dem einen saß ich -und ruderte Ulrike und unsere Koffer, da wir uns keinem Bootsmann -vertrauen wollten. Im anderen Boot saßen die russische Generalin und -der Mann der vor zwei Stunden gestorbenen Frau, der eine heillose -Angst hatte und nicht einmal die Beerdigung seines toten Weibes hatte -abwarten wollen. Dieses Boot ruderten die beiden Fischerknaben, da es -schwer und mit den großen Koffern der Generalin beladen war. - -Während der ganzen Nacht ruderten die Boote lautlos Seite an Seite, und -als wir die Bucht von Limone verlassen hatten, war in der Dunkelheit -nichts mehr von diesem Ort bei uns als der säuerliche Duft der -Zitronenfrüchte, der uns aus den Säulengärten in der milden Nacht über -das Wasser noch nachkam, lockend und verführerisch, wie ein lebendes -Wesen, das auf den Wellen wandern kann, ohne zu versinken. - -Aber der Scheinwerfer des Wachtbootes, der sonst die Nacht so unruhig -machte, war in der Mondhelle, in welcher keiner zu schmuggeln wagte, -auf der anderen Seite des Sees tätig, und er streifte drüben mit seinem -weißen Strahl die vom Mondschatten verdunkelten Bergwände ab. - -Als wir einige Zeit gerudert hatten, riefen die Fischerknaben vom -anderen Boot mir zu: - -»Jetzt sind wir über die Grenze gekommen. Jetzt sind wir auf -österreichischem Seegebiet.« - -»Jetzt sind wir bald in Freiburg,« lachte Ulrike. Sie war im Geist -längst nicht mehr auf dem See, sondern weit über den Alpen bei ihrem -Bräutigam. - -Ich aber war froh, daß wir dem Abenteuerherd entrannen, den ich vom -ersten Augenblick an, als ich im Sturmwind in das kleine Wasserbassin -von Limone hineingefegt worden war, beim Betreten des Landes mit allen -Sinnen gewittert hatte. - -Aber die Russin meinte, Abenteuerherde müsse es überall geben, denn -sonst wäre das Leben eine Einöde. Und sie suchte begierig nach neuem -Unglück. - - - - -Notizen des Bearbeiters: - -gesperrter Text markiert durch _ ... _ - -Das Verzeichnis "sämtlicher Bücher von Max Dauthendey", das auf der -zweiten Seite angekündigt wird, befindet sich nicht in den zu -bearbeitenden Seiten. - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - - - - -End of Project Gutenberg's Geschichten aus den vier Winden, by Max Dauthendey - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN AUS DEN VIER WINDEN *** - -***** This file should be named 60836-0.txt or 60836-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/8/3/60836/ - -Produced by Norbert H. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Geschichten aus den vier Winden - -Author: Max Dauthendey - -Release Date: December 3, 2019 [EBook #60836] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN AUS DEN VIER WINDEN *** - - - - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_1">[S. 1]</a></span></p> - - -<h1>Geschichten aus den vier<br /> -Winden</h1> - -<p class="pmb3" /> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_2">[S. 2]</a></span></p> - - - -<p class="p3 center font12">Ein Verzeichnis</p> -<p class="center font10">sämtlicher Bücher von</p> -<p class="center font14">Max Dauthendey</p> -<p class="center font10 pmb3">findet sich am Schluß<br /> -dieses Buches</p> -<p class="pmb3" /> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_3">[S. 3]</a></span></p> - - -<p class="p2 center font15">Max Dauthendey</p> - -<p class="center font24 pmb3">Geschichten aus den<br /> -vier Winden</p> -<p class="pmb3" /> - -<p class="p3 center font09 pmb3">6. bis 8. Tausend</p> - -<p class="center font12 pmb3">Albert Langen Verlag, München<br /> -1921</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_4">[S. 4]</a></span></p> - - -<p class="p3 center font10 pmb1"> -Copyright 1915 by Albert Langen, Munich<br /> -Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung.<br /> -(Siehe auch Art. III der Übereinkunft zwischen<br /> -Deutschland und Rußland zum Schutze von Werken<br /> -der Literatur und Kunst vom August 1913.)</p> - -<p class="center font11 pmb3"><em class="gesperrt">Albert Langen</em> -<em class="gesperrt">Max Dauthendey</em></p> -<p class="pmb3" /> - -<p class="center font08 pmb3">Druck von Hesse & Becker in Leipzig<br /> -Einbände von E. Ä. Enders in Leipzig</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span></p> - - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="Geschichten_aus_den_vier_Winden">Geschichten aus den vier Winden</h2> -</div> - - -<table border="0" cellspacing="3" cellpadding="0" class="tdl" summary="Contents"> - <tr> - <td colspan="2" align="right"><span class="vsmall">Seite</span></td> - </tr> - <tr> - <td >Das Giftfläschchen</td> - <td align="right"><a href="#Page_7">7</a></td> - </tr> - <tr> - <td >Himalayafinsternis</td> - <td align="right"><a href="#Page_41">41</a></td> - </tr> - <tr> - <td >Hecksel und die Bergwerkflöhe</td> - <td align="right"><a href="#Page_77">77</a></td> - </tr> - <tr> - <td >Zwei Reiter am Meer</td> - <td align="right"><a href="#Page_129">129</a></td> - </tr> - <tr> - <td >Auf dem Weg zu den Eulenkäfigen</td> - <td align="right"><a href="#Page_143">143</a></td> - </tr> - <tr> - <td >Nächtliche Schaufenster</td> - <td align="right"><a href="#Page_173">173</a></td> - </tr> - <tr> - <td >An eine Sechzehnjährige</td> - <td align="right"><a href="#Page_195">195</a></td> - </tr> - <tr> - <td >Zur Stunde der Maus</td> - <td align="right"><a href="#Page_209">209</a></td> - </tr> - <tr> - <td >Die Kurzsichtige und der Komet</td> - <td align="right"><a href="#Page_241">241</a></td> - </tr> - <tr> - <td >Das Iguanodon</td> - <td align="right"><a href="#Page_281">281</a></td> - </tr> -</table> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span></p> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_7"></a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span></p> - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="Das_Giftflaschchen">Das Giftfläschchen</h2> -</div> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span></p> - -<p class="p3">Berlin war ein Feuerbrand von Sonne. -Die Dächer der Häuser und die Fenster -zitterten vor Junihitze, so wie die Hitzeluft -über Steinwüsten zittert. Es war, als heizten -die Scharen der Autos mit ihren Benzindämpfen -die Straßen, wie fliegende Öfen. Und die -Sonne schien an diesem heißen Junitag nicht -von der Stelle zu wandern. Überall war Sonne, -überall Höllenhitze.</p> - -<p>Vom Stettiner Bahnhof in Berlin fuhr abends -der Zug voll von Skandinaviern nach Saßnitz. -Es war, als ob alle Menschen vor der deutschen -Junihitze flüchteten. Das vornehme palastartige -Fährboot, das in vier Stunden in der -Nacht von Saßnitz übers Meer nach Trelleborg -fährt, landete aber am Morgen in Schweden -im flachen Schonen immer noch wie von der -berliner Hitze begleitet.</p> - -<p>Der Drang, möglichst rasch nach dem kühleren -Norden zu kommen, ließ uns nirgends -Halt machen. Wir, die Frau, die ich liebe, - <span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span> -und ich, hatten uns vorgenommen, zuerst die -Route an der Westküste von Trelleborg bis -Strömstad zu fahren und dann nach Lappland -zu reisen. Wir reisten die zwölf Stunden von -Trelleborg bis zur nördlichen Grenze Schwedens -an der Westküste ohne Aufenthalt, mit -Ausnahme einer kurzen Mittagpause in Gothenburg, -und wir waren am Abend um sieben Uhr -am Ende unserer ersten Reiseroute in Strömstad -angekommen.</p> - -<p>Zweiundzwanzig Stunden trennten mich hier -von Berlin, so sagte mir der Fahrplan. Aber -meine Augen hatten mir unterwegs von Stunde -zu Stunde gesagt: jede Stunde wird hier ein -Jahrtausend, und in Strömstad trennen dich -zweiundzwanzig Jahrtausende von Berlin.</p> - -<p>Kaum stieg ich am Ende der Sackbahn in -Strömstad aus, so versank ich in diese Jahrtausende -wie ein Meteor, das von einem fremden -Stern auf die Erde gefallen ist. Und nicht -nur zwei kleine Stufen stieg ich vom Trittbrett -der Eisenbahn bis zum Perron der schwedischen -Erde, sondern ich war wie zweiundzwanzig -Tausend Meilen tief in eine fremde -Erde — bei einem fremden Meer, bei einem -fremden Himmel, bei einer fremden Sonne — -eingedrungen, als ich in Strömstad aus dem - <span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span> -Waggon gestiegen war. Und ich kam nicht -mehr los und saß dort bei Strömstad auf einer -Insel im Meer und ließ mir neue Ohren wachsen, -und soviel Haare ich sonst auf dem Kopf -hatte, so viele Augen schien ich jetzt im Kopf -zu haben. Mein Herz, das sonst in Deutschland -im Gewohnten und Althergebrachten eingekapselt -saß, flutete und löste sich und wurde -wie das Herz Adams am Tag, da Gott ihm -das Paradies zeigte und alle Bäume.</p> - -<p>Die Insel, auf der ich saß, und wo ich die -Reisebillette meiner anderen beiden großen -Reiserouten in Schweden verfallen ließ, hieß -Koster. Es ist eine Insel im Kattegat, und sie -wird dreimal in der Woche von einem Dampfschiff -angelaufen, das den Weg in dreiviertel -Stunden von Strömstad zurücklegt und die Post -bringt. Das macht aber nichts, wenn auch -die Post dreimal in der Woche dorthin kommt, -diese Insel ist und bleibt doch für mich -immer und ewig ein Pünktchen am Ende der -Welt.</p> - -<p>Schon »am Ende der Welt« angekommen -zu sein — nachdem man noch zweiundzwanzig -Stunden vorher in Berlin die Automobile -rasen sah —, das ist etwas Verblüffendes -und Erstaunliches, und ich habe mir vorgenommen, - <span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span> -ein ganzes dickes Buch über die -Insel Koster zu schreiben. Aber mit dieser -kleinen Erzählung hier will ich euch nur den -Mund wässerig machen auf dieses Pünktchen -am Ende der Welt, auf diese Insel, dieses -Kopfkissen aller Seligkeit. Ob das Buch, das -ich einmal über diese Insel schreiben will -»die Königstöchter von Koster« heißen soll, -oder »die Insel der heiligen Kühe«, oder -»wilde Rosen, Wachholder und Urgestein«, -oder »die Insel am Ende der Welt«, das weiß -ich heute noch nicht genau zu sagen. Die -Titel verrate ich aber hier nur deshalb, weil -sie andeuten, was dort alles zu finden ist -für den, der sich ein Billett nimmt und in -zweiundzwanzig Stunden von Berlin hinreist -und zweiundzwanzig Jahrtausende in der Zeit -zurück, in der Urzeit dort ankommt.</p> - -<p>Stellt euch meine Insel vor. Nachdem wir -in Südschweden, in Schonen, aus dem Eisenbahnfenster -zuerst weite Kornflächen gesehen -hatten und grüne Waldzüge, aus denen die -herrlichsten Buchen und die stämmigsten Eichen -nah am Meer die Luft mit Blätter- und Rindenduft -würzen und die reichen Gehöfte dort -umwehen, verläßt uns plötzlich die weiche sinnliche -Erde. Statt der runden Buchenwälder - <span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span> -wachsen runde Granithügel auf, und von allen -Bäumen bleiben nur noch die Tannen am Wege, -die Birken und die Eichen. Aber der Buche, dem -Ahorn, der Pappel, dem Nußbaum und der -Kastanie, — allen diesen geht der Atem aus vor -dem Granit, der mit rostroten Eisenadern gezeichnet -ist. Das Land ist dort mit Granit -gepanzert, und hinter Gothenburg beginnt -eine Steinzone, wie sie sich kein Deutscher in -keiner Ecke Deutschlands träumen kann, nicht -in den Alpen, nicht im Riesengebirge, — nirgends; -und auf meiner Reise um die ganze -Erde, die ich vor fünf Jahren machte, bin ich niemals, -selbst nicht am Himalaja, einer solch grotesken -Steinwelt begegnet, wie die ist, die sich -von Gothenburg bis nach Strömstad breitet. -Am Meer ist die unterhaltendste Partie dieser -Steinwelt die Station Fjellbacka, die nur eine -Schiffstation ist und keine Eisenbahn hat. An -der Eisenbahn aber, zwischen Gothenburg und -Strömstad, ist es hauptsächlich der Umkreis -um die Station Tanum; hier ist die Steinwelt -derart furchtbar, daß das Land hier nicht -mehr von Menschen bevölkert scheint, nicht -von Tieren, nicht von Vögeln, nicht von -Bäumen, sondern von gigantischen blauen und -grauen Granitfiguren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span></p> - -<p>Das Meer, das vor Jahrhunderten noch hier -in das Land hereinreichte, hat das Steinreich -in ein Figurenreich verwandelt, durch urewige -Waschungen. Die gerundeten Bergfiguren -gleichen bald riesigen versteinerten Walrossen, -bald meilenlangen Herdenzügen von Mammuttieren -und den Rücken versteinerter Elefantenherden. -Dazwischen lagern Schichten von -versteinerten Urweltbäumen, von denen mancher -eine Meile lang scheint; und von der -Totenstille, die dieser blaugraue Granit ausströmt, -macht sich kein Ohr, das bisher nur -in Gebirgen, Feldern und in Wäldern gelebt -hat, eine Vorstellung.</p> - -<p>Hier und da sitzen eine Holzhütte, ein -zwerghafter Baum, ein winziges Fleckchen -Rasen wie verschollen zwischen diesen ungeschlachten -grauen Granitungeheuern. Das -graue Land dort am Meer scheint wie mit -einer einzigen Rüstung voll Eisenbuckeln bedeckt. -Und wo der Bahnweg den Granit -mit Dynamit zersprengt hat, wirkt der Mensch -im Vorbeifahren wie eine Ameise, vor der -Geste eines einzigen gespaltenen Blockes, der -auch nach der Sprengung seinen Starrsinn nicht -aufgegeben hat und herausfordernd daliegt, -wie ein Gigant, den das Dynamit nur ein - <span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span> -bißchen auf die Seite gerollt hat, an dem aber -das Dynamit wie machtlos verrauchte. Denn -wenn auch der gigantische Riesenblock gespalten -wurde, er ist ja nur ein Sandkorn, auf -das das Dynamit hintrat, und auf Meilen liegt -hier die Welt voll neuer Granitbuckel. Und -der Gedanke kommt einem, daß es kein Zufall -ist, daß in Schweden, dem Granitlande, -Nobel, der Erfinder des Dynamits, geboren -wurde. Schweden, dieses Stein- und Eisenland -von ursprünglichster Kraft, forderte direkt -das menschliche Gehirn dazu auf, dem Steintrotz -einen Menschentrotz entgegenzustemmen -und das Dynamit zu erfinden.</p> - -<p>Ebenso steinig wie der Küstenlandstreifen -von Gothenburg bis Strömstad sind auch die -Inseln, die Schären, die dem Küstenstreifen -vorgelagert sind. Und die Insel Koster ist -ungefähr eine der letzten großen Schären im -Norden, ehe das Meer in die Kristianiabucht -einschneidet. Diese Steininseln und der Steinlandstreifen -waren einst die eigentliche Heimat -der alten Wikinger. Hier sind noch -Inschriften, Runensteine, und bei Strömstad -auf einem Hügel das berühmte steinerne -Wikingschiff.</p> - -<p>Auf der Insel Koster gibt es aber in den<span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span> -Talsenkungen einige Bäume: Erlen und kurze -Eichen. Die ganze Insel wirkt durch ihre -seltsamen Zwergbäume, Zwergeichen und -Zwergwacholder, die in gedrungenen grünen -Figuren auf dem manchmal himmelblauen -Granitgestein wachsen, zwerghaft wie die Landschaft -eines japanischen Gartens.</p> - -<p>Zwischen dem Heidekraut auf dieser Insel -und bei den reichen wilden Rosenbüschen, -die ganz überschüttet von rosa Kelchen dastanden, -als ich im Juni landete, liegen die -seltsamsten Steine zerstreut; dort ein blendend -weißer, wie ein großes Marmorei, dort ein -gelber, wie ein harter Honigbrocken oder -wie ein Stück Bernstein, dort ein rosenroter -wie eine Fleischkeule von einem geschlachteten -Tier, dort ein schwarzer flacher wie ein -Rabenflügel oder ein runder wie ein Seehundkopf. -Hinter den Wacholderfiguren und -unter den schirmartigen kurzen Eichen, deren -Kronen flach wie grüne Teller auf dem Stamm -wachsen, von den Seewinden wie mit einem -Messer beschnitten, — bei diesen kleinen Eichen -und großen Wacholderbüschen weiden glänzende -rothaarige Kühe und Kühe, weiß und -schwarz gesprenkelt, als hätten sie sich von -der Nacht bemalen lassen mit dunkeln Flecken<span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span> -und mit weißen Flecken vom Mond, mit gelben -und roten Flecken von der Sonne. Und die -wandernden Kühe mit ihren Flecken, auf der -totstillen Insel bei den Flecken der fleischfarbenen -schwarzen, weißen und blauen Steine, -wandern in der feuerblauen Meerumrahmung, -zwischen den grünen Sonnenflecken unter den -Eichen, zwischen den rosa Flecken der Rosenbüsche -und im Weihrauchgeruch der Wacholderbüsche, -wie vierbeinige kauende Götzenbilder. -Tags fressen sie immer alle nach einer -Richtung hin gewendet, den Sonnenschein -zwischen den geschweiften Hörnern auf der -Stirne tragend, und hinter ihnen kreischen die -silberweißen Flecken von Möwenscharen im -indigoblauen Junihimmel. Nachts, in den -Sommernächten, in denen die Sonne kaum für -eine Viertelstunde um Mitternacht untergeht, -liegen die Kühe draußen unter den Eichen -und schlafen alle mit der Stirn nach Osten -gerichtet und liegen beieinander in der lauen -Dämmerung der hellen Nacht und unter den -Schirmen der Eichen wie ein schwarzweißer -Teppich von Hermelin.</p> - -<p>Kleine Hütten sind überall zerstreut. In -einer, bei einem großen Getreidefelde, wohnt -der König von Koster. Es ist der älteste und<span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span> -der reichste Fischer und hat fast die ganze -Insel mit seinen Söhnen und Töchtern bevölkert. -Die Königstöchter waschen und bügeln, -schlagen Gras und mähen Korn, melken -die Kühe und singen abends. Die Königssöhne -spielen abends auf Fideln und Mundharmonikas, -nähen tags Fischernetze, fahren -Mist, liegen draußen in den Booten, sehen -nach ihren Hummerkästen und angeln Makrelen -und Dorsche, drehen Taue und teeren -Taue und ziehen im Winter hinunter nach -Gothenburg auf den Heringsfang.</p> - -<p>Manche Fischer wurden Kapitäne auf Last- -und Personendampfern an der Steinküste, -andere wurden Matrosen und fahren rund um -die Erde. Andere wanderten nach Amerika -aus und wollten Gold holen in Klondyke, und -kamen heim statt mit Gold mit amerikanischen -Zeitungspapieren in den Taschen und gingen -wieder zurück zu ihren Hummerkästen und -Angelschnüren.</p> - -<p><em class="gesperrt">Nie aber, solange die Könige, die -Königstöchter und die Königssöhne von -Koster zurückdenken können, hat es -auf dieser Insel einen Diebstahl oder -gar einen Totschlag gegeben. Niemals -war eine Gerichtssitzung oder ein Polizist - <span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span> -auf Koster gewesen.</em> Die Menschen -dieser Insel sind unschuldig wie der Mensch -am ersten Tage der Schöpfung.</p> - -<p>Dies alles muß man vorher wissen, um die -winzige Geschichte von dem winzigen Giftfläschchen -zu verstehen. —</p> - -<p>Es war kurz nach Johanni, als das große -Makrelenboot abfuhr, das die jungen Leute -von Koster und von den umliegenden Inseln -abgeholt hatte, um hinaus in die Nordsee -zu fahren und draußen während des Makrelenfangs -liegen zu bleiben, bis es Herbst wurde. -Dieser war der wichtigste Sommertag für -alle Bewohner der Insel: der Abfahrtstag -des Makrelenbootes. Im kleinen Hafensund -schwamm, als das große Boot mit seinen -großen rotbraunen Segeln wie eine Riesenpflugschar -im Meer um die Ecke der Insel -verschwand, ein Dutzend Rudernachen. In -jedem Boot saßen ein oder zwei Frauensleute -und hielten ihre Schürzen vor das Gesicht -und weinten. Es waren Frauen, die ihre -Männer fortsegeln sahen, Bräute ihre Bräutigams -und Mütter ihre Söhne.</p> - -<p>Das ganze weibliche Königsgeschlecht von -Koster saß dort auf dem Wasser und weinte, -und auf dem Mammutrücken der blauen Granitklippen - <span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span> -standen vereinzelt einige Hofhunde, -die hinter ihren fortziehenden Herren herbellten, -und neben den weinenden Frauen in -den Booten bellten andere Hunde, so daß die -Luft voll Schluchzen und Bellen war.</p> - -<p>Ein älterer Mann, den alle den »Heiden« -nannten, weil er fürchterlich fluchen konnte -und seit Jahren niemals bei einer Kirchenversammlung -auf einer der Inseln gesehen -wurde, er, der früher Kapitän gewesen war -und zwei Dampfschiffe verloren hatte, trat -jetzt auf mich zu und reichte mir ein kleines -Fläschchen mit einem zusammengefalteten kleinen -Zettel. Der Alte war blaurot im Gesicht, -und sein grauer Spitzbart saß ihm trotzig -kurzgeschnitten am Kinn. Er hatte seinen -guten blauen sonntäglichen Tuchanzug an und -seine alte Kapitänsmütze auf, mit einer goldenen -Borte daran.</p> - -<p>»Sir,« sagte er, denn er sprach mit Vorliebe -einige Brocken Englisch, um seine höhere -Weltkenntnis vor den andern Bewohnern der -Insel hervorzutun. Er untermischte immer -seine Rede mit »Well« und »Allright« und -verabschiedete sich nie, ohne »Goodbye« zu -sagen.</p> - -<p>»Sir, ich habe das gefunden,« sagte er und - <span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span> -schob mir das kleine Fläschchen aufdringlich -in die Hand, als wenn dieses mir eben erst -aus der Tasche gefallen wäre. Und breitspurig -wanderte er davon.</p> - -<p>»Ich habe das nicht verloren,« rief ich ihm -nach. Er aber sah sich nicht mehr um und -stolperte über die Granitbuckel und über das -Heidekraut und zeigte mir seinen breiten ungeheuren -Rücken, der so viereckig war, als -trüge er eine große Schulschiefertafel unter -dem Rock.</p> - -<p>Auf dem kleinen Zettel, den er mir mit dem -Fläschchen gegeben hatte, und an welchem -man noch den Abdruck des Fläschchens bemerkte, -das in das Papier eingewickelt gewesen -war, auf diesem Zettel stand mit vergilbter -alter Tinte das Wort »Gift« geschrieben, -dreimal unterstrichen und dann:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Zehn Tropfen</em> reizen die Sinnlichkeit -(es war ein derberes Wort gebraucht, das ich -hier nicht wiedergeben kann).</p> - -<p><em class="gesperrt">Zwanzig Tropfen</em> bringen den <em class="gesperrt">Wahnsinn</em> -und</p> - -<p><em class="gesperrt">jeder Tropfen</em> darüber — <em class="gesperrt">den Tod</em>.« -So stand auf dem Zettel. —</p> - -<p>Ich betrachtete das Fläschchen verblüfft. -Es war mit einer gelbwässerigen Flüssigkeit - <span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span> -zur Hälfte gefüllt und mochte vielleicht vierzig -Tropfen enthalten.</p> - -<p>Da stand ich nun plötzlich mitten auf der -großen unschuldigen Steininsel, umgeben von -der Freudigkeit des Sommerhimmels, umgeben -von der unendlichen Festlichkeit des durchdringend -blauen Sommermeeres, sah die unschuldigen -buntscheckigen Kühe ihre vollen -Euter über das Heidekraut tragen, sah sie in -friedlichen gutmütigen Reihen wildes Rosenlaub, -Eichenlaub und Kräuter auf dem Granit -abweiden, diese Kühe, die gutmütig wie die -Erdgüte selber waren; ich hörte die wilden -Bienen und die Hummeln, die sich über die -Blüten des Heidekrauts summend verbreiteten, -und sah sie Honig suchen, Sonnensüße für -den Winter sammeln; ich sah dann über die -Insel hin, auf welcher niemals noch eine böse -Tat begangen worden war, wo man nicht Gefängnis, -nicht Gericht und keine menschliche -Niedertracht kennen gelernt hatte. Und ich, ich -hatte da plötzlich ein schauderhaftes Gift in -einem kleinen Fläschchen zwischen meinen -Fingern, eine kleine Hölle von vierzig Tropfen. -Mit diesen vierzig Tropfen konnte ich Selbstmord -begehen und Mord. Ich schaute auf -die weinenden Bräute hinunter, auf die jungen - <span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span> -weinenden Frauen, die in den Booten neben -den bellenden Hunden jetzt langsam wieder -zum Ufer zurückruderten, und die von ihren -Männern verlassen waren. Hier konnte ich -Unheil stiften, ich konnte blindlings den Verführer -spielen. Ein paar Tropfen in ein Glas -Milch, ein paar Tropfen in einen Teller Suppe -hätten die züchtigen, unschuldigen, aber zu -derber Sinnlichkeit veranlagten Fischermädchen -in geile, gierige, männertolle Furien verwandeln -können. Ich schauderte vor diesen ekelhaften -Gedanken, die mir von diesem Giftfläschchen -aufgezwungen wurden, und wunderte mich. -Ich schauderte vor dem winzigen Giftfläschchen, -das da plötzlich in meine Hände gekommen -war, hier fern von aller überreizten -Kultur, fern von dem großen Menschentrubel -Europas, fern von jener Welt, in der Abenteuer, -Morde und Selbstmorde täglich die -Zeilen der Zeitungen überschwemmten. Hier, -sozusagen am Ende der Welt, wie kam hier, -zweiundzwanzig Jahrtausende hinter Berlin, -auf diese unschuldige Erde dieses rasend und -liebestoll machende Gift?</p> - -<p>Die Geschichte des Fläschchens war die:</p> - -<p>Der Heide, der alte Kapitän, erzählte sie -mir endlich notgezwungen nach ein paar Tagen.<span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span> -Ich traf ihn zufällig wieder, bei einem Besuch -in einer Hütte, wo man seit ein paar Wochen -einen plötzlich tobsüchtig gewordenen jungen -Mann eingesperrt hielt. Die Leute sagten, der -junge Mann hätte beim Fischen auf offener -See einen Sonnenstich bekommen, und einige -Männer, die nicht mit dem Makrelenboot auf -den Nordseefang hinausgezogen waren, mußten -abwechselnd bei dem Tobsüchtigen Wache -halten, denn die Gemeinde hatte sich noch -nicht entscheiden können, diesen als wahnsinnig -in ein Spital einer der Städte an der Küste -abzuliefern. Ich hatte bis jetzt noch nichts -von dem geheimgehaltenen Wahnsinnigen der -Insel gewußt und fand auf einem Spaziergang -durch Zufall die Hütte, im Innern der Insel, -wo der Tobsüchtige von seiner Wache von -vier Männern, die sich täglich ablösten, festgehalten -wurde.</p> - -<p>Dort fand ich auch unter den Wachthabenden -den alten Kapitän, der mir das Giftfläschchen -gegeben hatte.</p> - -<p>Er war besonders dort begehrt, da er, wie -die Leute sagten, »feste Handschuhe anhabe«, -womit sie seine straffen Fäuste meinten. Nach -dem zufälligen Zusammentreffen am Makrelenbootstag -mit dem Kapitän, hatte ich diesen<span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span> -täglich in seiner Hütte aufgesucht und ihn -niemals daheim getroffen. Jetzt nahm ich ihn -zur Seite und bestand darauf, daß er mir die -genaue Herkunft des Giftfläschchens berichten -sollte.</p> - -<p>Da hörte ich endlich nach vielem unverständlichem -Geknurre: wohl habe er die Flasche -»gefunden«; aber das war schon ungefähr -<em class="gesperrt">dreißig Jahre</em> her. Er fand sie in der Kapitänskabine -eines Dampfers, den er sich gekauft -hatte, und der ihm dann gestrandet war. -In einem Geheimfach des Schiffsbücherschrankes -stand dies Fläschchen in Papier eingewickelt, -und der Alte behauptete, er habe bis -heute keinen Tropfen daraus vergossen. Ich -glaubte es ihm.</p> - -<p>Wir hockten einander gegenüber auf zwei -Steinen im Heidekraut. In der Nähe bei uns -rannte eine schwarze angepflockte Ziege, schwarz -wie des Teufels Großmutter, meckernd hin -und her. Und obwohl es schon gegen Abend -war, wo sich die Kühle des Meeres mit der -Granitwärme der Steine vermengt, wischte -sich der alte Kapitän, während er mir erzählte, -doch fortgesetzt die blaurote Stirn ab, auf -welcher ihm ein steter Angstschweiß zu perlen -schien.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span></p> - -<p>Ich hatte in den paar Tagen vorher niemals -richtig den Entschluß fassen können, das Fläschchen -ins Meer zu schleudern oder an einem -Steine zu zerschellen oder es zu öffnen und -den Inhalt auszuschütten. Hundert Gründe -spukten in meinem Hirn und sprachen dafür -und dagegen, das Fläschchen los zu werden. -Welches Unglück konnte es anrichten, wenn -das Fläschchen, das fest verkittet war, im Meer -weiterschwamm und von einem Fischernetz -oder einem Hummerkasten aufgefischt wurde!</p> - -<p>Oder wenn sein Inhalt, wenn ich es zerschellte, -herumspritzte und vielleicht auf eine -Erdbeere, eine Wacholderbeere oder irgend -ein Teekraut fiel, welches Kinder sammelten. -Ins Feuer werfen! Wer weiß ob das Fläschchen -verbrannte und nicht in der Asche gefunden -wurde. Irgendwo vergraben! Auch -das war recht unzuverlässig. Ich durfte es -nicht einmal mehr in meinem Zimmer stehen -lassen, nicht in meinem Koffer. Seit ich dieses -Giftfläschchen in die Hand bekommen hatte, -lebte ich nicht mehr mein eigenes Leben. Ich -lebte so wie die Wache, die einen Tobsüchtigen -bewacht und ihre Aufmerksamkeit zersplittern -muß zwischen Verstand und Irrsinn. -Ich war nicht mehr harmloser Beobachter des<span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span> -Lebens. Ich trug mit dem Giftfläschchen wie -ein Zauberer geheimnisvolle Kräfte der schwarzen -Magie in der Tasche, ich erschien mir -über alle menschlichen Begriffe einer dämonischen -Kraft, einer Willkür, preisgegeben. -Mit einem Wort, — ich war nicht mehr ich. -Ich war der Sklave dieses Giftfläschchens geworden. -Ich schrie nachts im Traum auf, träumte -vom Vergiften und Morden; und so wie der -Kapitän jetzt, hatte ich mir in den letzten drei -Tagen, seit ich das Gift besaß, hundertmal -den Angstschweiß von der Stirn wischen müssen.</p> - -<p>»Dreißig Jahre,« hatte der Kapitän erzählt, -»habe ich das Fläschchen mit mir getragen und -habe es nicht los werden können. Jahrelang -habe ich eine Lust gehabt, es zu behalten, -jahrelang eine Lust, es zu vernichten. Mein -ganzes Leben ist von diesem Fläschchen gelenkt -worden. Bald fühlte ich mich übermütig -allmächtig durch den Giftbesitz, bald unheimlich -verfolgt. Die Leute nennen mich, seitdem -ich das Gift besitze, den ›<em class="gesperrt">Heiden</em>‹.«</p> - -<p>Ich begriff den alten Mann. Ich war in -den drei Tagen, in denen ich das Gift besaß, -mir selbst fremd geworden. Aber ich hätte -das Fläschchen um keinen Preis hergegeben, -wenn man es von mir gefordert hätte. Und<span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span> -als der Alte sagte: »Was haben Sie mit dem -Giftfläschchen getan?« log ich mitten im Sonnenschein, -zwischen den gütig kauenden Kühen, -umgeben vom himmelblauen Meer, log ich -mich aus dem Paradies hinaus. »Ich habe es -fortgeworfen,« sagte ich, damit es der Alte -nicht zurückfordern konnte. —</p> - -<p>Was wollte ich mit dem Fläschchen tun? -Ich wollte es doch los sein! Warum gab ich -es ihm nicht? Warum warf ich es ihm nicht -vor die Füße? Ich fühlte, wie mich das viereckige -Fläschchen in meinem weißen Flanellsommeranzug -unbequem drückte, und ich fuhr -seitdem ängstlich, oft mitten in den ruhigsten -Stunden, plötzlich mit der Hand nach meiner -Westentasche. Ich wich dem Kapitän von -diesem Tage an aus, damit er nicht nach dem -Fläschchen fragen sollte. —</p> - -<p>Mitten in dem herrlichen Gesicht dieses -Sommers 1910, mitten in dem herrlichen Gesicht -dieser Insel am Ende der Welt, die nie -eine Schuld, nie ein Verbrechen, nie eine -Niedertracht kannte, trug ich nun diesen Ekelfleck -mit mir in der Westentasche herum, -diesen Giftfund, dieses Giftfläschchen. Täglich -wünschte ich das Gift zu behalten und -täglich, es los zu werden. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span></p> - -<p>Ein nordischer Sommer ist schnell verflogen, -ist schnell abgekühlt. Schon ein paar Wochen -nach Johanni, wenn die Nächte wieder die -Dunkelheit wie eine schwarze Maske über das -Land legen und die paar Wiesenflecken abgemäht -sind, die es da gibt, und die paar -Kornstrecken, und Ende Juli schon der Stillstand -eines frühen Herbstes die Bäume aussehen -läßt, als wären sie aus verblichenem -grünem Papier angefertigt, dann werden all -die Kühe in die Ställe zu den Hütten heimgetrieben, -und eine Totenstille, Langweile und -Leere sitzt bald an Stelle des Saftes und der -Frische im Steingesicht dieser Insel. Die kleinen -Hütten ertrinken abends im Nebel. An Stelle -der Kühe laufen weiße Möwenscharen auf den -abgemähten Wiesen herum, Wiesen, die nur -jährlich einmal Gras geben, dann nicht mehr -wachsen und sich mit den weißen Möwen -bedecken, die des Morgens vor Sonnenaufgang -anzusehen sind wie der Vorschein frühen -Schnees.</p> - -<p>Oft habe ich des Morgens vor Sonnenaufgang, -da ich Bayer bin und in dem katholischen -Lande an Morgenläuten, Mittag- und -Abendläuten gewöhnt bin, hinausgehorcht. -Aber nichts rührte sich. Es gab auf der Insel<span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span> -keine Kirche, keine einzige Glocke, und die -Leute fuhren ihre Kinder zur Taufe mit Kähnen -auf andere Inseln. Ebenso mußten die Brautpaare -und die Leichen oft tagelang auf guten -Segelwind warten, um zur Hochzeit oder ins -Grab auf die ferne Kircheninsel zu kommen.</p> - -<p>Die Insel Koster selbst lag glockenlos in -der großen blauen Glocke des Himmels, und -der »Heide«, der alte Kapitän, hatte recht, -wenn er einmal in der Handelsbude, in dem -einzigen Kaufladen, den es auf der Insel -gibt, dröhnend auf den Tisch schlug und -ausrief:</p> - -<p>»Was brauchen wir hier Christentum, wir -auf Koster! In alter Zeit waren wir Heiden -und Helden. Und jetzt ist uns das Heldentum -verboten. Aber Heiden sind wir immer -noch im Grunde. Wir zahlen unsere Steuern, -und die Sonne scheint nicht schöner, ob wir -Christen sind oder Heiden. Und die Makrelen -und die Heringe lassen sich so gut fangen -von den Heiden, wie von den Christen.«</p> - -<p>Und das stämmige Königsgeschlecht von -Koster lächelt gutmütig über seinen Stammheiden, -über den Kapitän.</p> - -<p>Der Sommer war hier früher zu Ende, als -man sich in Deutschland vorstellen kann. Und - <span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span> -in den ersten Tagen des August sahen die -Frau, die ich liebe, und der ich noch nichts -von dem Giftfläschchen in meiner Westentasche -erzählt hatte, und ich, wir beide sahen -mit Frösteln das schnelle Müdewerden der -nordischen Sommersonne. Und eine unbändige -Sehnsucht nach neuer Sonne wachte jeden -Morgen mit uns auf und war jeden Abend -unser letztes Gespräch.</p> - -<p>Frauen, die sich sehr geliebt fühlen, fassen -immer resoluteste Entschlüsse. So sagte diese -Frau eines Tages:</p> - -<p>»Wir wollen nach Italien. Dort ist es noch -Hochsommer. Es ist viel zu spät für die lappländische -Reise. Wir würden nur den schönen -Eindruck von Koster verwischen. Schweden -ist zu schön, als daß man es in einem Sommer -flüchtig durchreisen kann. Man muß viele -Sommer darauf verwenden, um alle seine -Schönheiten zu erreisen. Damit wir den Norden -recht verstehen, sollen wir jetzt als Kontrast -den Süden aufsuchen.«</p> - -<p>Ich deutete schwerfällig und gewissenhaft -wie jeder Mann auf den großen Koffer, in -welchem die Wintersachen für Lappland lagen, -auf Pelz und Wolle. »Sollen die ganz umsonst -hieher gewandert sein?« fragte ich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span></p> - -<p>Aber hartnäckig, weil sie meine Sehnsucht -nach Sonne kannte, sagte die Frau:</p> - -<p>»Wenn du soviel Respekt vor Koffern hast, -möchte ich sie schon gleich ins Meer versenken.«</p> - -<p>»Gerade so wie ich mein Giftfläschchen,« -entfuhr es mir. Und nun mußte ich die ganze -Geschichte vom Giftfläschchen, das mir wie -ein Dämon in der Westentasche saß, und -das den Kapitän wie ein Dämon dreißig Jahre -lang gefoltert hatte, meiner Geliebten erzählen.</p> - -<p>»Das ist ein neuer Grund,« rief diese erfinderisch -aus. »Ich sehe, du und ich, wir -werden dieses Giftfläschchen ebensowenig los -wie der Heide, der Kapitän. Aber es fällt -mir gar nicht ein, deine Liebe mit einer Giftflasche -zu teilen. Wir müssen nach Rom und -das Gift an der einzigen Stelle der Welt, wo -es hingehört und keinen Schaden anrichtet, -abliefern.«</p> - -<p>»Ja, wenn noch in Rom die alten Römer -leben würden,« meinte ich. »Aber dort sind -ja nur Ruinen, wie du selbst immer sagst.«</p> - -<p>»Dort ist der heilige Vater! Seiner Heiligkeit -drückst du einfach das Fläschchen in die -Hand, so wie es der Kapitän dir plötzlich in -die Hand gedrückt hat.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span></p> - -<p>»Liebende Frauen sind weise Frauen,« sagte -ich. Und indessen sie die Koffer packte und -die Wolle für Lappland zu unterst stopfte -und dabei italienische Lieder vor sich hinsang, -reiste ich in sechzig Stunden von Strömstad -direkt nach Rom, immer das Giftfläschchen -in der Westentasche betastend, daß es -mir nicht auskäme.</p> - -<p>Als ich in Rom dann das Fläschchen Seiner -Heiligkeit in die Hand drückte, wie es mir -die weise und liebe Frau geraten hatte, lächelte -Pius und sagte verständnisvoll:</p> - -<p>»Das macht nichts, das kommt öfters vor.«</p> - -<p>»Natürlich,« sagte ich eilfertig aus Verlegenheit. -»Darf ich Eure Heiligkeit fragen, was -Sie damit anfangen werden,« setzte ich neugierig -hinzu.</p> - -<p>»Das stellen wir zu den andern,« nickte -der Papst. Und ebenso nickte Seine Eminenz, -der Kardinal del Val, der bei meiner Audienz -zugegen war: »Das stellen wir zu den andern.«</p> - -<p>Das Gespräch wurde in den vatikanischen -Gärten geführt, die mir durch ihre Regelmäßigkeit, -regelrecht gestutzte Taxushecken, -etwas pedantisch und langweilig vorkamen, -mir, der ich gerade von der <em class="gesperrt">Insel der heiligen -Kühe</em> kam, <em class="gesperrt">vom Lande, wo die Steine - <span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span> -sprechen</em>, von <em class="gesperrt">Wacholder</em>, <em class="gesperrt">wilden Rosen</em> -und <em class="gesperrt">Urgestein</em>, <em class="gesperrt">von</em> der <em class="gesperrt">schwedischen -Heideninsel</em>, wo in der blauen Glocke des -Himmels die Sonne täglich zu einem Fest geglänzt -hatte, wo das große freie Meer geläutet -hatte, und wo die Fischerleute arm, bescheiden -und ehrlich waren wie der Fischer Petrus -und wie die Apostel, welche einst Fischer -waren am See Genezareth.</p> - -<p>»Und um die Erde sind Sie auch gereist?« -meinte Seine Eminenz der Kardinal. »Und -haben einen amerikanischen Bischof unterwegs -getroffen, der von allen Göttern der -Welt ein Probebild mit nach Philadelphia -nahm! Der ganze Vatikan hat diesen Winter -»die geflügelte Erde« studiert. Wenn die -sündige Erde wirklich rundum so voll schöner -Wunder ist, wie Sie da beschreiben, dann gibt -sie uns hier vieles Nachdenken. Wir hatten -wirklich nicht geglaubt, daß noch etwas irdisch -Schönes an der Welt wäre. Wir dachten, wir -hätten alles Verführerische mit heiliger Christenstrenge -ausgemerzt.«</p> - -<p>»O!« rief ich aus und machte meinen -Mund größer auf, als in den vatikanischen -Gärten erlaubt ist, »wenn Sie nur ›die geflügelte -Erde‹ gelesen haben, dann haben Sie - <span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span> -noch nicht vom Schönsten gehört, was ich gesehen -habe.«</p> - -<p>Seine Heiligkeit, welche wir auf den Wegen -des Gartens zwischen uns gehen ließen, setzte -sich auf das Stühlchen, das die Schweizer -Wache, die hinter uns ging, ihm unterschob. -Der Papst hielt immer noch mein Giftfläschchen -zwischen den Fingern, obwohl es ihm -der Kardinal öfters hatte abnehmen wollen. -Der Papst hielt das Giftfläschchen gegen die -Sonne:</p> - -<p>»Wieviel Gifttropfen sind darin und wie -wirken sie?«</p> - -<p>Ah, dachte ich. Dem Papst geht es jetzt -wie dem Heiden auf Koster. Der Kapitän -hat das Fläschchen auch nicht mehr hergegeben, -als er es einmal zwischen den Fingern -hatte. Und obwohl ich vom Allerschönsten, -was es auf der Welt gab, eben hatte erzählen -wollen, hatte der Papst nicht zugehört, sondern -immer an das Gift denken müssen.</p> - -<p>Der Kardinal kam mir zuvor und beantwortete -die Fragen, die das Gift betrafen, und -ich bewunderte dabei des Kardinals scharfes -Gedächtnis, der alles genau behalten hatte, -was ich ihm über das Giftfläschchen vorher -mitgeteilt hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span></p> - -<p>»Was gibt es Schöneres in der Welt als -Rom,« fragte der Papst, schwärmerisch durch -das Giftfläschchen den römischen Himmel betrachtend.</p> - -<p>»Die Insel Koster,« sagte ich prompt. »Dort -würden Eure Heiligkeit sich einmal recht von -allem Glockengeläute erholen.«</p> - -<p>Auch der Kardinal ließ sich jetzt von der -Schweizer Wache, die auf seinen Wink herbei -eilte, ein Stühlchen unterschieben.</p> - -<p>Da saßen sie nun vor mir in dem Taxusheckengang, -Seine milde Heiligkeit im weißen -fleckenlosen Gewand und der Kardinal im -Scharlachkleid.</p> - -<p>Wenn jetzt nur die Frau, die ich liebe, -und die ich auf Koster singend beim Kofferpacken -zurückgelassen habe, aus der Taxushecke -käme! Nur sie könnte mir jetzt aus -der peinlichen Verlegenheit helfen, dachte ich. -Denn dieses mit dem Glockengeläute habe -ich verkehrt gesagt, das sah ich den beiden -Italienern an den gelben Gesichtern an.</p> - -<p>»Die Insel Koster, trotzdem sie keine Kirche -und keine Glocken hat,« fuhr ich fort und -eilte mich mit den Worten, um mich bei den -Italienern wieder in Gunst zu reden, »diese -Insel Koster ist nämlich heute noch der unschuldigste - <span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span> -Platz der Welt. Dort gab es noch -nie eine Lüge, nie einen Diebstahl, nie einen -Mord; nie mußte dort jemals das Gericht einschreiten -und keine Polizei. Die Menschen -dort sind noch die reinsten unschuldigsten -Heiden,« platzte ich heraus, weil mich die -hochmütigen Gesichter der römischen Herren -ärgerten.</p> - -<p>Meine Worte mußten sehr gut gewirkt -haben, denn Seine Heiligkeit lächelte Seine -Eminenz an, und Seine Eminenz lächelte Seine -Heiligkeit an. Und diese Lächeln gingen -miteinander über die Taxushecken, über die -Palmen und über die weißen Geländer der -Terrassen des vatikanischen Gartens, versöhnlich -hinauf bis in den üppigen blauen römischen -Himmel.</p> - -<p>Der Papst hob das Giftfläschchen, das zugleich -mit dem großen Ring am Daumen seiner -Hand funkelte, wieder ans Licht.</p> - -<p>Die Allmacht dieses Siegelringes zuckte mir -zu gleicher Zeit mit dem Schiller des Giftfläschchens -entgegen. Ich verstand nicht sogleich, -daß diese Geste des Papstes mir meine -schöne unschuldige Insel Koster beleidigen -wollte.</p> - -<p>»Menschliches Gift kann lange im Verborgenen - <span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span> -leben,« sagte der alte Mann mit den -blassen Wangen, mit dem blassen Kinn, mit -der blassen Nase und mit den blassen Augen, -die mir plötzlich unheimlich lebensmüde aus -dem dunkelgrünen schwülen Palmengarten entgegenleuchteten.</p> - -<p>»Lieber Dichter, habt Ihr nicht dieses Gift, -wie Ihr erzählet, von jener Barbareninsel gebracht?« -tönte es ironisch von seinen blassen -Lippen.</p> - -<p>»Ja,« sagte ich eifrig, meine Insel Koster -verteidigend. »Das Gift kam von der Welt -dorthin. Aber jetzt ist kein Gifttropfen mehr -dort. Ich habe alles Gift Eurer Heiligkeit -gebracht, direkt nach einer Sechzigstundenfahrt, -und das Giftfläschchen gleich übergeben, -damit Eure Heiligkeit es aus der Welt -schaffen.«</p> - -<p>»Mein Lieber,« sagte die weiße Figur vor -mir, die da unter dem blauen römischen Himmel -im Garten zugleich mit dem Kardinal von dem -Stühlchen aufstand, und deren weiße Lippen -tief Atem holten, als wollten sie mir eine -tiefe Wahrheit sagen, und ich dachte schon -vorschnell:</p> - -<p>Seine Heiligkeit wird sagen: <em class="gesperrt">nichts kann -das Gift der Welt aus der Welt schaffen, - <span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span> -nicht der Papst, nicht der Dichter, nicht -die Christen, nicht die Heiden. Und -ich dachte, daß ich mit dieser großen -Weisheit dann entlassen würde.</em></p> - -<p>Aber nein, — Pius reichte mir nur die Hand, -die das Giftfläschchen hielt, zum Abschiedskuß, -und mit den Augen auf das Fläschchen -deutend:</p> - -<p>»Mein Lieber, wir werden es zu den andern -stellen.« — — —</p> - -<p>»Wenn das nur nicht großes Unglück anstiftet,« -sagte später die Frau, die ich liebe, -zu mir. »Das kann nicht gut sein, wenn man -im Vatikan ein Giftfläschchen zum andern -stellt. Der Kapitän auf Koster, der dreißig -Jahre das Fläschchen aufbewahrt hatte, ist -ganz wild davon geworden, und die Leute -nannten ihn schließlich einen Heiden. Wenn -nur nicht der ganze Vatikan von dem Kostergift -wild wird!«</p> - -<p>Und wirklich, die vielgeliebte Frau hatte -wieder recht. Ein paar Wochen später schon -begann die Geschichte mit den Modernisteneiden, -und die Bannflüche fliegen seitdem wie -Giftpfeile aus dem Vatikan über die Alpen.</p> - -<p class="pmb3">»Das kommt davon,« sage ich zu meiner -Frau (wenn ich die Bayerische Landeszeitung - <span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span> -aus der Hand lege, worin der Memminger so -genau die Zustände und die Aufregungen -des Papstes schildert), — »das kommt davon, -daß der Papst als Ratgeber nur Kardinäle und -keine Frau hat. Die Liebe einer Frau ratet -besser als alle Kardinäle.« —</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span></p> - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="Himalajafinsternis">Himalajafinsternis</h2> -</div> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span></p> - - -<p>Das ist der Fluch und zugleich die Wollust -des Reisens, daß es dir Orte, die -dir vorher in der Unendlichkeit und in der -Unerreichbarkeit lagen, endlich und erreichbar -macht. Diese Endlichkeit und Erreichbarkeit -zieht dir aber geistige Grenzen, die du -nie mehr los werden wirst.</p> - -<p>Wenn sich deine Seele, ohne daß dein Leib -reist, an einen Ort hin versetzt, in dem du -nie warst, so kann sie an dem Ort bald im -Sonnenschein, bald im Regen, bald im Winter, -bald im Frühling wandern, geisterleicht in -einer Geisterlandschaft. Hast du aber den -Ort einmal reisend mit deinem Leib erreicht -und wirkliche Tage dort erlebt, so bist du -dem Gefängnis der Wirklichkeit verfallen. -Sobald du dich in späteren Jahren an den -bereisten Ort im Geist zurückversetzt, kommst -du nicht über die Grenzen der ehemaligen -wirklichen Tage hinaus. Du siehst jenen Ort -immer wieder, in ermüdender Wiederkehr, in - <span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span> -derselben Tages- oder Jahreszeitstimmung, in -der du ihn damals gesehen. Du kannst ihn -nicht willkürlich mehr verwandeln. Du bist -verdammt, ihn ewig genau so zu sehen, wie -er sich dir auf der Reise gezeigt hat. Dies -ist der Fluch, der die Seele des Reisenden -belastet. Die Flügel der Geistigkeit werden -ihm von der Wirklichkeit beschnitten. Der -Vielgereiste haftet mehr an der Erde als der -Niegereiste. Er erscheint mir sterblicher als -die übrigen Sterblichen.</p> - -<p>Es gibt eine einzige Möglichkeit, den Wirklichkeitsbann -des Reisens zu durchbrechen -und abzuschütteln. Das geschieht, wenn wir -unsterbliche Erlebnisse heimbringen; wenn sich -das Schicksal des Reisenden mit Menschenschicksalen -fremder Orte so verknüpft, daß -der Ort, die Landschaft, das Gesehene ganz -an Bedeutung verlieren, ins Nichts sinken, und -das am eigenen Schicksal Erfahrene Zeit, Ort -und Wirklichkeit überragt.</p> - -<p>Solche Erlebnisse sind selten, aber eins, -zwei solcher Erlebnisse auf großen Reisen -bleiben einem im Blut und Geist haften und -überfallen einen zeitweise in der Erinnerung, -und solche Erlebnisse können uns modernen -Menschen den Schauer, die Ehrfurcht und - <span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span> -die Erhebung ersetzen, die die früheren naiven -Menschen in Gotteshäusern vor ihren Altären -und Göttern empfanden, vor Göttern, die wir -Modernen längst zum alten Eisen gelegt haben.</p> - -<p>Ehe ich auf meinen Reisen oben im Himalajagebirge -gewesen, konnte ich mir diese -höchsten Erdzinken immer nur tief in weißem -Schnee und unter ewig eisigblauem Himmel -vorstellen, ähnlich den Erinnerungsbildern, die -ich vom Montblanc, von den Dolomiten und -den Schweizer Alpen mit mir trug. Jetzt aber, -nachdem ich vor Jahren am Himalaja war, -sehe ich dort im Geist keine ehernen Gletscher, -keinen eisblauen Himmel mehr. Ich -sehe dort die Erde grau in grau wandern, -denn es war im Februar, als die Nebel aus -der indischen Talsohle wie graue Felder heraufstiegen, -Nebel in allen Schattierungen, in -Schatten und Beleuchtungen wechselnd. Es -war, als flögen die Berge; dann wieder versanken -sie. In den Sternennächten wirbelten -diese Nebel im Mondschein. Der riesige -Himalaja schien sich fortzuwälzen. Bald stellten -sich die Nebel wie Riesentreppen auf, -schlugen sich zum Himmel hinauf und drehten -sich um ihre Achsen wie ungeheuere -Windmühlenflügel. Es blieb kein Oben, kein - <span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span> -Unten, kein Links und kein Rechts mehr bestehen, -als wäre der Himalaja eine Gedankenwelt -geworden, in der sich fluchtartig Bilder -und Eindrücke, Wirklichkeit und Unwirklichkeit -jagten.</p> - -<p>Siebentausend Fuß hoch oben in Darjeeling, -dem weltbekannten Erholungsort der -englisch-indischen Beamten, Offiziere und -reichen Kaufleute, waren im Februar die -meisten Villen geschlossen. Sie liegen mit -ihren Glaswänden und Glasveranden wie aus -Bergkristall aufgebaut an der Berglehne der -hohen Gelände von Darjeeling. Dazwischen -ziehen sich Teegärten mit niedrigem Teegebüsch -hin, denn der Tropenbrodem, der -vom großen indischen Reiche am Fuße des -Himalaja zu den Höhen von Darjeeling heraufraucht, -bringt einen Atem von Fruchtbarkeit -über diese Südabhänge des Himalaja.</p> - -<p>Heimgekehrt nach Europa, wäre ich jetzt, -wenn ich an den Himalaja zurückdenke, ewig -dazu verbannt, dort droben in Darjeeling den -unendlichen, lautlosen, träufelnden Februarregen -zu sehen, der aus den Nebelschwaden -niedertroff, und ich müßte immer in die nebelwandernden -Berge schauen, die mir nie mehr -stillstehen würden, wäre mir nicht dort jenes - <span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span> -Erlebnis begegnet, das mich zeitlos und weltlos -ansieht, nicht gebunden an Tag und Jahreszeiten, -sondern nur gebunden an die Allmenschlichkeit, -an das Menschenherz, das rund -um die Erde, an allen Orten gleich handelnd -liebt und leidet, als wäre es ein einziges Herz.</p> - -<p>Eines Nachmittags hatten mich die fünf -Tibetaner, die meine Rikscha schoben, nach -dem einzigen tibetanischen Tempel gefahren, -der an einem Ende des Bergdorfes Darjeeling, -nach langen Fahrten, auf verschlungenen -Wegen erreicht wird. Der Tempel war einfach -wie ein weißgekalktes Scheunenhaus und -unterschied sich fast in nichts von tibetanischen -Bauernhäusern. Er lag am senkrechten Abhang, -von einigen verwilderten Bäumen umstanden, -ein wenig einfach, und man hätte ihn -ebensogut von weitem für einen kleinen Gasthof -halten können.</p> - -<p>Ich mußte einen nassen Vorgarten durchschreiten -und hörte von weitem einen regelmäßig -klingenden Ton. Es war der Laut der -Gebetsmühlen, die nach jeder Umdrehung -antönen. Unter dem Vordach des Tempelhauses -stand eine mannshohe und mannsdicke -gelbe Röhre aufgerichtet. Sie war von oben -bis unten eng mit Gebeten beschrieben. Ein - <span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span> -Tempelknabe in gelber Kutte drehte mit der -Hand den gelben Zylinder, der sich auf einem -Gestell rund um eine Achse bewegte. Jede -Umdrehung des Zylinders galt soviel als das -vollständige Ablesen der tausend Gebete, die -eingedrängt auf ihr geschrieben waren.</p> - -<p>Drinnen im Tempel war es dunkel wie in -einem Stall. Hinter dicken Holzgittern standen -die geschnitzten Götter, deren alte gebräunte -Vergoldung kaum noch glänzte. Da -war kein friedlicher Gott darunter. Alle Götter -standen oder hockten in wilden verrenkten -Stellungen, als wären sie den verzerrten Nebeln -draußen nachgebildet.</p> - -<p>Aus unzähligen Ölnäpfchen, voll kleiner -Nachtlichter, flimmerten winzige Flämmchen. -Wie die Futtertröge der Götter, so standen -sie da vor den Gittern und nährten die -speckigen Goldgesichter mit ihrem Ruß und -belebten sie mit dem Gewimmel ihrer knisternden -Flämmchen.</p> - -<p>Nicht an allen Wänden standen Götterbilder. -Es waren da Lücken, und dort am -berußten und schmutzigen Wandkalk entdeckte -ich Photographien, Ansichtspostkarten -und Holzschnitte aus illustrierten englischen -Zeitungen. Es waren Bilder von englischen, - <span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span> -deutschen, französischen, russischen Prinzen -und Generälen und Abbildungen von neuerfundenen -Maschinen, Bilder, welche von -den tibetanischen Priestern heilig gesprochen -waren, vielleicht um den Europäern zu schmeicheln, -vielleicht auch aus abergläubischer -Furcht vor unbekannten fremden Seelenkräften.</p> - -<p>Am Fußboden in einer Ecke bemerkte ich -geleerte englische Bierflaschen. Ein paar tibetanische -Priester mit glattrasierten kahlen -Köpfen, in schmutziggelben Kutten, hockten -am Boden und rauchten, lehnten mit dem -Rücken an der Wand und stierten zur offenen -Tür hinaus, zu der ein wenig Tageslicht -in den fensterlosen Raum hereinfiel und glasig -auf den Augäpfeln der Priester glänzte.</p> - -<p>Die knisternden Reihen von Nachtlichtern, -die blöden Augen der Priester und hie und -da hinter den Gittern ein Götterbauch, an -dessen abgenütztem Gold sich die Ölflämmchen -spiegelten, der süßliche Tabakrauch aus -den Priesterpfeifen und ein noch süßlicherer -Geruch von erkaltetem Räucherwerk, die grotesken -Papierfetzen aus illustrierten europäischen -Zeitschriften, — dieser Wirrwarr von -zeitlosem Spuk —, und draußen im Türviereck -die ewig im Nebel fortwandernden Himalajaberge - <span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span> -wie Spuklandschaften, die bald in den -Himmel stiegen, bald zur Erde fielen, ein -Nebelgekröse, das plötzlich bis zur Tür herankroch; -die gelben Ungeheuer der Gebetmühlen, -die sich einförmig drehten und in -regelmäßigen Zwischenräumen mit einem dünnen -Metallton anschlugen, — all das sah abenteuerlich -aus, einfältig und ungeheuerlich zu -gleicher Zeit. Denn es bestand schon seit -Tausenden von Jahren und schien unvergänglich -wie die Götter der Dummheit, die neben -den Göttern des Verstandes und des Gefühls -ewig die Erde beherrschen.</p> - -<p>Aber wie die Abgründe draußen vor der -Tempeltür, an deren Rändern das Schwindelgefühl -saß, das Menschen, Tiere und Steinmassen -in die Himalajaschluchten reißen -konnte, so lag hinter dem Gefühl der dumpfen -Dummheit, die in dieser stallartigen -Tempelstube hockte, zugleich eine kaltblütige -Grausamkeit. Sie blickte beinahe schelmisch -aus den stieren Augen der kahlköpfigen tibetanischen -Priester und grinste grotesk freundlich -aus den lachenden Mäulern der Gesichtsmasken -der im Halbdunkel hockenden Götterfiguren.</p> - -<p>Meine fünf tibetanischen Wagenschieber, - <span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span> -die wie Eskimos in sackartigen Kleidern vermummt -steckten und von hünenhaften Kräften -waren, fuhren mich dann im Rikschawagen -zurück, an fast senkrechten Bergwegen hinauf. -Dabei wieherten sie wie Pferdchen, meckerten -wie Geißböcke und prusteten wie Walrosse. -Zugleich verfolgten meinen Wagen drei tibetanische -Riesenweiber, die ihre Schmuckketten -aus kleinen blauen Türkisen, Brocken Bergkristall -und Stücken ungereinigter Silberbronze, -mit rötlichem Carneol verarbeitet, vom -Hals und von den Armgelenken rissen und -mir zum Verkauf vor mein Gesicht hielten. -Immer gestikulierend sprangen die Tibetfrauen -neben meinen Wagenrädern hin und her, umgeben -von einer bellenden Schar wilder Himalajahunde.</p> - -<p>Eine der Frauen nahm sich während des -Springens die Türkisenohrringe ab, eine andere -drehte von ihrer Hand einen plumpen Silberring -mit rotem Carneolstein, die dritte zog -sich bronzene Haarpfeile aus ihrem ungekämmten, -verwilderten und vom Regen nassen -Haarknoten. Einige Worte Englisch und -hundert geschnatterte tibetanische Worte, -durchsetzt mit Hundegebell und begleitet vom -Gelächter und Geschnauf meiner schwitzenden - <span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span> -Wagenschieber, schallten mir unausgesetzt vor -den Ohren.</p> - -<p>Endlich kaufte ich dem einen Weib einen -Ring ab, und da der Rikschawagen an den -Abhangwegen im Fahren keinen Augenblick -halten konnte, wurde der bewegte Handel -durch Zuwerfen des Ringes und Zurückwerfen -des Geldes abgeschlossen.</p> - -<p>Zwei der Frauen blieben jetzt zurück. Nur -das dritte Weib, das immer noch ihre Haarpfeile -verkaufslustig in der Luft schwang, -haftete noch an der Seite meines Wagens, vom -Gekläff der Hunde umgeben.</p> - -<p>Als die Tibetanerin mich kaufunlustig sah, -lockte sie mit den Augen, so daß ihr die -Wagenschieber tibetanische Scherzworte zuriefen, -gegen die sie sich eifrig verteidigte. Da -mich die Haarpfeile nicht reizten und des -Weibes Augen mich nicht überreden konnten, -fuhr sie immer neben dem Wagen herspringend, -mit den Händen in die Falten ihres sackgroben -Mantelkleides und fand in irgend einer Tasche -eine kleine Silberkette, die mir aber ebensowenig -gefiel. Zugleich aber, wie sie die Kette -in der Luft schüttelte, flog, zwischen ihren -Fingern durch, ein kleines Bronzeamulett, das -an einer Darmseite angebunden gewesen, - <span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span> -und flog zu mir in den Wagen auf meinen -Schoß.</p> - -<p>Mit einem Blick sah ich, daß das Amulett -ein echtes kleines Bronze-Götzenbild war, -nicht größer als ein Fingerglied. Es stellte in -viereckigen primitiven Formen zwei winzige -Menschen dar, einen nackten Mann, an welchem -eine nackte Frau emporkletterte.</p> - -<p>Ich schloß meine Hand, in die das Amulett -gefallen war, griff mit der andern Hand -in meine Westentasche, in der ich loses Silbergeld -trug, und warf dem Weib ein paar große -Silbermünzen zu. Sie sah mich erstaunt an, -fing blitzschnell das Geld auf und blieb zurück. -Zufällig bog der Wagen um eine Wegecke. -Ich konnte jetzt das Weib, das in dem -Haufen der bellenden Hunde stillstand, noch -einmal von weitem sehen. Sie schüttelte fortwährend -den Kopf, als verstünde sie nicht, -wie sie zu dem Gelde gekommen sei. Sie -hielt die Haarpfeile im Mund zwischen den -Zähnen und wickelte die Geldstücke in ein -kleines Stückchen gelben Tuches. Vielleicht war -es dasselbe Stückchen Tuch, in welchem vorher -die Silberkette und das Amulett eingewickelt -gewesen.</p> - -<p>Ich vergaß die Begebenheit, denn es ereignete - <span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span> -sich jeden Augenblick viel Neues in -der mich umgebenden Reisewelt. Ich entsinne -mich nur, daß, als ich eine halbe Stunde -später im Hotel das Amulett betrachtete, mir -nicht mehr dieses eine Weib in Erinnerung -kam, sondern die zwei anderen, die zurückgeblieben -waren, und deren Wangen mit einer -roten Masse eingerieben waren. Ich fragte -einen der tibetanischen Fellverkäufer, die in -der Vorhalle des Hotels bei ihren Pelzwaren -kauerten, und die alle Englisch sprachen, mit -was sich die Weiber hier die Wangen einrieben, -daß sie so braunrot würden. Er sagte, -daß die Farbe Ochsenblut sei. Aber nur die -Witwen bestreichen sich die Wangen mit -Ochsenblut und nur diejenigen Witfrauen, -die den Männern zeigen möchten, daß sie -wieder heiraten wollen.</p> - -<p>Während ich noch sprach, läutete die erste -Dinnerglocke im Stiegenhaus des Hotels, die -Glocke, welche die reisenden Damen und -Herren darauf aufmerksam macht, daß es an -der Zeit ist, sich für das Mittagessen, daß um -7 Uhr serviert wird, umzukleiden. Denn auch -hoch oben im Himalaja erscheinen die englischen -Herren abends in Frack und Smoking -und die Damen in Schleppkleidern, tief - <span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span> -ausgeschnitten und frisiert, als wären sie für -eine Galaoper geschmückt.</p> - -<p>Ich ging in mein Zimmer, wo eben ein -tibetanischer Zimmerbursche das Kaminfeuer -angezündet hatte und jetzt nebenan im Baderaum, -welcher zum Zimmer gehörte, Wasser -in die Badewanne schleppte.</p> - -<p>Der Baderaum hatte einen besonderen Eingang -durch einen Balkon, der an der Rückseite -des Hauses entlang lief. Nachdem das -Bad hergerichtet war, murmelte der tibetanische -Diener sein »all right Sir« und verschwand -durch die Hintertür des Badezimmers.</p> - -<p>Nachdem ich ins Bad gestiegen war und -aufrecht im dampfenden Wasser stand und -einige Turnübungen ausführte, fühlte ich im -Rücken einen eiskalten Luftstrom, als ob jemand -die Hintertür des Baderaumes zum Balkon -geöffnet habe. Ich rufe auf Englisch: -»Tür zu!« Und um mich vor dem eisigen -Luftstrom zu schützen, tauche ich im heißen -Wasser der Badewanne bis zum Hals unter. -Ich bemerke zugleich durch den Dampf, der -das Zimmer füllte, den Schatten einer Gestalt -und frage: »Wer ist da?«</p> - -<p>Nur der Strahl des Kaminfeuers fiel von - <span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span> -meinem Schlafzimmer in den Baderaum herein, -und ich merkte zu meinem Erstaunen, daß -die kleine Lampe, welche der Diener in eine -Fensternische gestellt hatte, die aber vorher -kaum leuchtete, jetzt vollständig ausgegangen -war.</p> - -<p>Als ich auf meine zweimaligen Zurufe keine -Antwort bekam, erhob ich mich wieder aus -dem dampfenden Wasser. Im selben Augenblick -fühlte ich wieder den Eishauch von der -Türe her, die wahrscheinlich wieder hinter -dem Dampfnebel geöffnet worden war. Der -menschliche Schatten, den ich vorher gesehen -hatte, war aber verschwunden.</p> - -<p>Mir schien, wenn ich mir die Gestalt vergegenwärtigte, -als wäre es eine Frau gewesen, -die vorher eingetreten und die jetzt wieder -verschwunden war.</p> - -<p>Ich tastete in den Dampfnebel, fragte noch -ein paar Mal, beendete dann mein Bad schneller, -als ich es sonst getan hätte, wickelte -mich ins Badelaken, machte Licht im Schlafzimmer -und leuchtete in den Baderaum, -fand aber niemand. Dann kleidete ich -mich an, klingelte und fragte den Diener, ob -man jemand hereingelassen, während ich im -Bad war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span></p> - -<p>Dieser schüttelte den Kopf und wußte von -nichts.</p> - -<p>Ich vergaß auch diese Begebenheit wieder. -Aber nach Mitternacht, als ich mich zu Bett -legte, schloß ich vorsichtig alle Türen.</p> - -<p>Das Amulett hatte ich genau betrachtet, -und nach dem Alter der Darmseite zu schließen, -an die es gebunden und die vom Tragen -sehr abgenützt war, konnte ich mir vorstellen, -daß das Amulett wohl schon mehrere Menschenalter -um den Hals verschiedener Personen -gehangen und auf der Brust verschiedener -Leute geruht haben mußte. Bis diese -starke Darmseite sich abnützen und durchwetzen -konnte, mußten manche Menschenleben -dahingegangen sein.</p> - -<p>Die an der Männergestalt emporkletternde -kleine Frauengestalt war von geschwärzter -Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze -zu sein.</p> - -<p>Klobig, simpel, primitiv war die nußgroße -Figurengruppe zusammengeschweißt, wahrscheinlich -in irgend einer Bergschmiede tief -im Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer -tibetanischen Klosterschmiede gearbeitet, in -einem jener ungeheuerlichen Klöster, die an -unzugänglichen Stellen, an Bergabhängen und - <span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span> -Bergseen zerstreut liegen auf der Straße nach -Lassa hin, jener Straße, die zu der geheimnisvollsten -Klosterstadt der Welt führt.</p> - -<p>Ich mußte wieder an das stattliche Tibetweib -denken, wie es da mitten im Haufen -bellender Hunde gestanden und gedankenvoll -mein Geld in das gelbe Tuch gewickelt hatte.</p> - -<p>Plötzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten -Gesicht zu schließen, hatte die Frau, -als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht -gewußt, daß sie es mir zugeworfen hatte. -Sie hatte eine Silberkette in der Hand geschüttelt, -und wenn ich jetzt darüber nachdachte, -so schien es mir, als wäre ihr unbewußt -das Amulett aus den Fingern geglitten, -denn ihr Gesicht war verblüfft und nachdenklich, -als sie meine Silbermünzen auffing und -einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich das Amulett -mit meinem Gelde bezahlt, und es war -mein. So sagte ich mir und legte mich beruhigt -zu Bett.</p> - -<p>Ich weiß nicht, wie viel Stunden ich geschlafen -hatte, als ich durch einen Knall und -ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr -auf und hörte ein Geräusch wie von flatternden -Flügelschlägen.</p> - -<p>Das Kaminfeuer war vollständig niedergebrannt, - <span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span> -und der kleine Glutbrocken leuchtete -nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht -mehr an die Wände, von wo aus das klatschende -Flügelschlagen herkam.</p> - -<p>Ich machte Licht und sah ein schwarzes -Tier, groß wie eine Eule, von Winkel zu -Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg, -sah ich, daß es eine große Vampirfledermaus -war. Ich öffnete die Schlafzimmertüre, die -nach der Treppe ging, weit, und rief ins -Treppenhaus hinunter, indessen ich mich in -meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer -saßen immer einige Diener, die die -Nachtwache hatten. Einer von den Männern -kam nun herauf, riß die Bettdecke von meinem -Bett und schlug mit dem Tuch nach dem Tier -in die Luft und scheuchte die Riesenfledermaus -durchs geöffnete Fenster in die Nacht -hinaus.</p> - -<p>Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke -der Scheibe eingestoßen. Doch unerklärlich -war es mir, wie die weiche und zartknochige -Fledermaus es fertig gebracht hatte, die harte -Fensterscheibe einzustoßen.</p> - -<p>In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Ich -ließ das Licht brennen und befahl dem Diener, -das Kaminfeuer zu schüren. Ich setzte mich - <span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span> -dann an den Kamin und las, das heißt, ich -wollte lesen, um nicht einzuschlafen. Aber -mehrmals mußte ich aufhorchen. Es war mir, -als hörte ich Schritte auf dem Balkon, auf -welchen das zerbrochene Fenster führte.</p> - -<p>Ich sah vom Lesen nicht auf. Ich sagte -mir, es wird einer der Diener sein, der sich -überzeugen will, ob mein Kaminfeuer noch -brennt, und der mich nicht zu stören wagt -und deshalb auf dem Balkon herumschleicht -und hereinsieht.</p> - -<p>Nach einer Stunde war mir, als verbreite -sich ein durchdringender Blumengeruch im -Zimmer. Ich schloß die Augen, lehnte meinen -Kopf im Ledersessel zurück und überlegte, -ob die Nachtnebel, die aus den Himalajateegärten -und aus der indischen Tiefebene -heraufstiegen, solch einen betäubenden Blütengeruch -mit sich führen können. Durch -das zerbrochene Fenster schien der Geruch -mit dem Nebelrauch hereinzuziehen, denn ich -sah einen feinen bläulichen Dampf, der vom -zerbrochenen Fenster her das Zimmer erfüllte. -Ich wollte aufstehen, ein Handtuch oder einen -Reiseschal nehmen und die zerbrochene Scheibenecke -zustopfen, um den betäubenden Nebel -abzuwehren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span></p> - -<p>Aber es blieb bei dem in meinem Gehirn -sich immer wiederholenden Wunsch, aufzustehen. -Meine Augen fielen zu. Einige Zeit -hielt ich das Buch noch in der einen Hand -fest. Aber das Buch schien immer größer -und schwerer zu werden. Das Buch wuchs -und stand vor mir wie die Wand so groß. Und -immer, wenn ich mich aufrichten wollte, stand -vor mir das aufgerichtete wandgroße Buch. -Es war mir, als wohne ich nicht mehr in -einem Zimmer. Ich wohnte in einem Buch. -Und ich hatte das Gefühl, dieses Riesenbuch -könnte zuklappen und mich zwischen seinen -Seiten erdrücken. Das Buch roch so süß wie -die Süße aus einem alten Schrank, in welchem -getrocknete Blumen und Lavendel lagen. Mit -diesem gemischten Gefühl von Süße und -drückender Bangigkeit verbrachte ich, wie es -mir schien, Jahre, ohne daß sich etwas in -meinem Zustande änderte.</p> - -<p>Ich wachte durch ein Klopfen auf. Es -klopfte irgendwo jemand auf meinen Schädel. -Es wurde lange und heftig geklopft. Bald -war es mir auch wieder, als klopfe man schon -jahrelang. Ich horchte auf. Meine Augen -öffneten sich und sahen immer noch Kaminglut. -Draußen war es immer noch Nacht. - <span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span> -Das Klopfen kam von den verschiedenen -Zimmertüren im Korridor. Die Hotelgäste -wurden geweckt.</p> - -<p>Ich erinnerte mich jetzt, daß unsere Reisegesellschaft, -die zehn Damen und Herren, die -sich hier in Darjeeling im Hotel zusammengefunden, -verabredet hatten, um drei Uhr -morgens bei Mondschein aufzubrechen, um -auf Paßwegen zu dem zweitausend Fuß höher -gelegenen »Tigerhill« zu reiten, wo man den -Sonnenaufgang über dem Mont Everest und -anderen Riesen des Himalaja erwarten wollte.</p> - -<p>Im Zimmer war noch immer der süßliche -Dunst. Ich kleidete mich im halbtrunkenen -Zustand an. Ein Diener brachte mir dann -den Morgentee und sagte, daß die Pferde -gesattelt seien und unten an der Veranda -warten.</p> - -<p>Als ich ein paar Minuten später aufs Pferd -stieg, freute ich mich über die klare Bergluft, -über den eisklaren Halbmond, der am Himmel -hing, und über den reinen Neuschnee, der -gefallen war, und ich hatte bald ganz und -gar den Blumendunst vergessen und die letzten -Stunden jenes schweren Schlafes, der -mehr einem Alpdruck als einem gesunden -Schlaf ähnlich gewesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span></p> - -<p>Auf den schmalen Paßwegen, auf denen -die Pferde hintereinander schreiten mußten, -schwiegen das Geplauder und Gelächter der -Damen und Herren. Es war, als ritten wir -nicht auf der Erde, sondern auf Wolken, an -Wolkenrändern entlang. Die Mondsichel hatte -nicht Kraft genug, die Himalajagründe auszuleuchten. -Meere von Finsternis lagen an -den Rändern der Paßwege, die nur einige -Hufbreiten breit auf den Berggraten entlang -zogen. Bäume, die so alt waren, daß sie kein -Blatt mehr trieben und nur wie moosbehangene -Skelette ragten, waren durch Nebel und -Schnee wie vom Erdboden abgeschnitten und -hingen in der Luft wie vom Himmel herab. -Einige waren wie hausgroße Skelette ungeheuerlicher -Fledermäuse. Diese Gespensterbäume -und der jasminweiße Mond auf dem -grünlichen Nachtäther erinnerten mich wieder -an mein Nachterlebnis. Aber die großen geöffneten -unergründlichen Himalajaabgründe, -die den Eindruck gaben, als könnte man so -tief in die finstere Erde hineinsehen, so tief -wie in den Nachthimmel, diese Abgründe, an -denen die Pferde zagend und tastend und -lautlos im glitschigen Schnee wie balancierend -zwischen Leben und Tod entlang gingen, - <span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span> -verschluckten Rückerinnerungen und Gedanken, -diese Abgründe wollten mich einschläfern, -stärker noch als der Blumengeruch es vorher -getan hatte.</p> - -<p>Der warme, schweißdampfende Pferderücken, -der mich trug und der mich rüttelte, war das -einzige Stück Wirklichkeit, das ich noch fühlte, -denn der Traumzustand der Gespensterlandschaft -wollte sich mit dem Traumzustand -meiner noch nicht völlig wachen Gedanken -vermischen und mich in die Abgründe ziehen.</p> - -<p>Endlich verflüchtete sich die Nacht, und -wir erreichten in der blaugrauen Dämmerung, -die dem Sonnenaufgang vorausgeht, die Höhe -des Tigerhills.</p> - -<p>Tibetanische Diener waren vom Hotel vorausgeschickt -worden. Ein großer Holzstoß -war angezündet worden, aber das Holz war -naß und rauchte mehr als es brannte. Der -Schnee war im Umkreis des Feuers weggeschmolzen. -Wir versuchten, unsere vom Reiten -erstarrten Füße beim Feuer zu wärmen, umwanderten -stampfend den qualmenden Holzstoß, -vertrieben uns die Zeit mit Teetrinken -und warteten auf die ersten Zeichen des -Sonnenaufgangs.</p> - -<p>Auf einmal sagte jemand neben mir: »Das - <span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span> -ist der Schmetterlingshändler!« Der Genannte -war ein Deutsch-Engländer aus Darjeeling, -der einen tibetanischen Antiquitätenladen dort -hatte und zugleich einen Handel mit Himalajaschmetterlingen -trieb, von denen er die schönsten -Exemplare auf Bestellung nach Europa sandte.</p> - -<p>Wie der Mann auf den Tigerhill gekommen, -ob er uns auf einer Nachtreise aus dem -Inneren des Gebirges begegnet war, oder ob -er die Reisegesellschaft von Darjeeling aus -begleitet hatte, wußte ich nicht. Ich dachte -nur im selben Augenblick, wie ich das Wort -»Schmetterlingshändler« hörte, an die seltsame -Trommel, die ich in seinem Laden zwei Tage -vorher gekauft hatte; eine Trommel, angefertigt -aus den Hirnschalen zweier Menschen, -aus der Hirnschale eines Mannes und aus der -eines Weibes. Jede Schalenhöhle war mit -einer Membrane überzogen; an der Wölbung -aber waren die beiden Gehirnschalen zusammengeschweißt, -so daß sie zwei kleine -Trommeln bildeten. Schüttelte man diese, so -schlug in jeder Schädelhöhle eine kleine, hinter -der Membrane eingesperrte Elfenbeinkugel an -die Schädelwand und an die Membrane und -trommelte unausgesetzt. Der Schmetterlingshändler -hatte mir erzählt:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span></p> - -<p>»Ich habe diese Trommel von einem tibetanischen -Priester in einem tibetanischen Tempel -gekauft. Es sind die Schädelschalen eines -treulosen Mannes und eines treulosen Weibes. -Diese Trommel wurde täglich zur Gebetstunde -angeschlagen, denn die Treulosen sollen, ewig -aneinander gekittet, im Tode keine Ruhe -haben. Der Priester, der auf dem Leichenstein -beim Tempel die Leichen zu zerschneiden -und den Vögeln hinzuwerfen hat, hat das -Recht, die Schädelschalen zweier, die die -Treue gebrochen haben, nach dem Tode zu -solchen Trommeln zu verarbeiten.« —</p> - -<p>Mit großer Mühe hatte der Schmetterlingshändler -die Trommel aus dem Tempel erhalten.</p> - -<p>Machte es die dünne hohe Gebirgsluft, daß -meine Ohren jetzt plötzlich aus allen finstern -Himalajaabgründen ein Donnern hörten, als -seien die Bergschlünde trommelnde Schädelhöhlen -von Ungetreuen?</p> - -<p>»Hören Sie die Lawinen, die bei Sonnenaufgang -sich von den Gletschern lösen und -in die Tiefe donnern?« sagte ein Herr neben -mir zu einer Dame. Dann war tiefe Stille. -Keine Teetasse klapperte, kein Schritt im Schnee -knirschte mehr. Die Pferde spitzten die Ohren - <span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span> -und schnupperten. Drüben im Nebel, über -einem tageweiten Abgrund, erschien der fleischige -Arm eines Riesen, die rosige fleischige -Brust einer Frau, Nacken, Schultern, Hüften -in gigantischen Dimensionen. Es waren die -Umrisse des Mount Everest und des Kantschindschanga, -die wie ein nacktes Riesenpaar -höher als der Mond im Himmel lagen.</p> - -<p>»Die Sonne,« flüsterte eine Dame.</p> - -<p>Ich sah über meine Schulter von den Bergen -fort und entdeckte eine rote glühende Lawine, -die sich auf Nebelfeldern kaum merklich fortrollte -und größer und röter wurde, — die Sonne. -Wie eine große rote Sintflut gab sie den -Gletschern Blut und machte den Schnee zu -Fleisch.</p> - -<p>Im selben Augenblick, mitten in diesem -feierlichsten Augenblick des Sonnenaufgangs, -nahm jemand meine Hand, führte meine Finger -in eine Westentasche und sagte: Wo ist das -Amulett, das du gestern kauftest? Sehen die -großen fleischfarbenen Gletscher dort nicht -aus wie die Männer- und die Frauenfigur deines -Amuletts, das du der Tibetfrau gestern abkauftest?</p> - -<p>Das Amulett war nicht in meiner Westentasche. -Aber das Geld, das ich dafür bezahlt - <span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span> -hatte, die drei großen Silberstücke, befand -sich wieder in meiner Westentasche.</p> - -<p>Der Gedanke an das Amulett hatte meine -Hand in die Westentasche geschoben.</p> - -<p>Wer hat jetzt laut gelacht? Alle Gesichter -sahen sich nach mir um. Es wurde mir unheimlich -vor mir selbst. Wie ich meinen -Pelzrock geöffnet hatte, um das Amulett zu -suchen, stieg mir aus der Kleiderwärme wieder -jener geheimnisvolle Blumengeruch entgegen. -Aber jetzt bei der aufgehenden Sonne, in der -Schneefrische des Morgens, erkannte ich in -dem Geruch ein betäubendes tibetanisches -Tempelräucherwerk, das, in großen Massen -eingeatmet, einschläfert und Visionen verschafft, -und dieser Geruch steckte noch von -der Nacht her in meinen Kleidern.</p> - -<p>Auf dem Pferderücken vorhin war mir -schon der Geruch stark in die Nase gestiegen. -Ich selbst war aber noch zu sehr von der -Schlafzimmerluft betäubt gewesen, um seinen -Ursprung zu erkennen.</p> - -<p>Jetzt wandte ich mich mit einem energischen -Ruck an den Schmetterlingshändler, um ihn -zu fragen: »Glauben Sie, daß es Amulette -gibt, die ihren Besitzern so teuer sind, daß -sie sie für nichts verkaufen würden? Glauben - <span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span> -Sie, daß, wenn ein tibetanisches Weib ein -solches Amulett zufällig von sich geschleudert -hätte, es alle Listen seiner listigen Natur -anwenden würde, um das Amulett wieder zu -erhalten? Glauben Sie, daß es durch Hintertüren -in die Häuser eindringen würde und -sich nicht scheuen würde ein Fenster einzustoßen, -um das Amulett zu erhalten?</p> - -<p>Sie werden mir sagen: ›Das zerbrechende -Fenster würde jedermann wecken!‹ Aber ich -sage Ihnen: Man kann zugleich durch das -zerbrochene Fenster eine lebende Fledermaus -ins Zimmer werfen, die die Aufmerksamkeit -auf sich lenkt und nicht den Gedanken aufkommen -läßt, daß ein Mensch mit Absicht -das Fenster zerschlagen hätte. Betäubt man -dann noch durch eine Räucherstange den im -Zimmer Anwesenden, so ist es ein leichtes, -nachher mit dem Arm durch die zerbrochene -Fensterscheibe in das Zimmer zu langen, den -Fensterknopf von innen aufzudrücken, durchs -geöffnete Fenster vom Balkon hineinzusteigen, -das verlorene Amulett zu suchen, zu finden -und, wenn eine Kaufsumme dafür hergegeben -war, das Geld wieder hinzulegen und das -Amulett mitzunehmen.«</p> - -<p>Alles dieses wollte ich mit energischem Entschluß - <span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span> -den Schmetterlingshändler jetzt fragen. -Ich öffnete den Mund. Aber die Worte, die -ich sprechen wollte, verwandelten sich in -Atemrauch, und ich hörte in meinen Ohren, -daß ich sagte: »Wenn Sie wieder einige seltene -Exemplare von Himalajaschmetterlingen -haben, können Sie mir dieselben an meine -Adresse nach Europa senden.« Dabei nahm -ich aus meiner Westentasche dasselbe Silbergeld, -womit ich gestern schon das Amulett -bezahlt hatte, und bezahlte im voraus den -Preis für drei Schmetterlinge.</p> - -<p>Ich hatte nichts mehr gesprochen. Die Sonne -war bald wieder in Nebeln verschwunden, -und wir ritten im Tageslicht, das aber mehr -dem Mondlicht glich, an den nebelnden Abgründen -zurück nach Darjeeling.</p> - -<p>Das Amulett fand ich nicht mehr. Es war -nicht auf meinem Tisch zu Hause im Hotelzimmer, -nicht in meinen Taschen, nicht in -meinen Koffern.</p> - -<p>Ich erinnerte mich jetzt, daß, als ich gestern -abend nach dem Diner durch die Billardsäle -zu den Spielzimmern gegangen war, wo die -befrackten Herren und die dekolletierten -Damen an den grünen Spieltischen vor den -lodernden Kaminen saßen, mich einen Augenblick - <span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span> -eine Sehnsucht gepackt hatte, fortzukommen -aus den europäischen Sälen, die man -hier in Asien sogar noch hoch im Himalaja -für verwöhnte Millionäre und Milliardäre hingestellt -hat.</p> - -<p>Ich war dann auf die breite Hotelterrasse -hinausgetreten und hatte dem Hexenspiel der -rollenden Bergnebel über den Schluchten zugesehen -und den Sternen, die über den bewegten -Nebeln zu tanzen schienen. Dann -fielen ein paar Regentropfen, mit Schneeflocken -untermischt, aus fortflüchtenden Nebelwellen, -die um den Mond kreiselten.</p> - -<p>Als ich wieder ins Hotel zurückgehen wollte, -war mir, als sähe ich ein großes Tier unter -der Terrassenbrüstung um die Hausecke laufen. -Gestern abend hatte ich gedacht, es sei -ein Hund. Jetzt wußte ich aber, daß es ein -Mensch gewesen, der auf allen vieren ging, -eine Frau, wahrscheinlich die Frau, deren Amulett -ich besaß, die während der ganzen Nacht -um das Hotel geschlichen war, und die sich -mit aller List das Amulett aus meinem Zimmer -von meinem Tisch geholt hatte.</p> - -<p>Dies bedachte ich jetzt nach der Rückkunft -vom Mondscheinritt im Hotel und sehnte -mich, mit jemandem darüber zu sprechen. - <span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span> -Aber meine europäischen Reisegefährten schienen -mir alle zu banal, als daß ich Lust gehabt -hätte, sie in die Mystik dieses Nachterlebnisses -einzuweihen.</p> - -<p>Nachmittags um drei Uhr sollte mein Zug -abgehen, der mich zum Abend wieder hinunter -in die Kaffeegärten und Zuckerrohrpflanzungen -Indiens bringen würde, und der -am nächsten Morgen mit mir in Kalkutta eintreffen -sollte.</p> - -<p>Auf dem Weg zum Bergbahnhof konnte -ich mich nicht enthalten, die Rikscha am Laden -des Schmetterlingshändlers warten zu lassen. -Ich stieg aus. Als ich die Ladentüre öffnen -will, wird seltsamerweise dieselbe schon von -Innen aufgemacht, und an mir vorbei läuft -ein tibetanisches Weib heraus. Ich hätte aber -die Frau kaum wiedererkannt, da mir alle -Tibetanerinnen untereinander so ähnlich schienen, -sowie auch die Neger und Chinesen für den -Europäer immer einander ähnlich sehen, hätte -die Frau nicht mit einer heftig erschrockenen -Bewegung in die Brustfalten ihres Mantelrockes -gegriffen, als wolle sie dort etwas beschützen, -was ich ihr hätte entreißen können. -Mir schien, als ob sie hohläugiger und blasser -wäre als am Tage vorher. Laut mit sich selbst - <span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span> -sprechend und mit den Ellenbogen in die -Luft fuchtelnd, als müßte sie hundert Hände -abwehren, die sich nach ihr streckten, stürzte -sie die Bergstraße hinunter fort, begleitet vom -Gelächter meiner Rikschaschieber, welche das -Gebaren der Frau noch sonderbarer fanden -als ich.</p> - -<p>Im Laden kam ich nicht dazu, dem Schmetterlingshändler -vom Amulett zu sprechen, denn -ehe ich noch den Mund öffnen konnte, zeigte -er mir in einem geschnitzten Kästchen einen -aufgespießten sogenannten Handflächenschmetterling. -Jene Frau hatte ihm eben den -seltenen Schmetterling verkauft. Er wurde -in einem Kästchen aus Kampferholz aufbewahrt, -denn der Geruch dieses Holzes schützt -die Schmetterlinge gegen zerstörende Witterungseinflüsse. -Durch Generationen hindurch -kann man einen solchen Schmetterling im -Kampferholz bei vollem Glanz erhalten. Auch -diese Frau hatte den Schmetterling schon lange -als ein Erbstück ihrer Familie besessen. Warum -sie ihn verkaufen wollte, da er doch -unbezahlbar war, konnte der Schmetterlingshändler -nicht begreifen, denn ein Handflächenschmetterling -wird alle hundert Jahre einmal -im Gebirge gefunden. Auf seinen Flügeln - <span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span> -sind dunkle Linien, deren Zeichnung den -Linien in der Handfläche einer Menschenhand -gleichen.</p> - -<p>»Diese Frau,« sagte der Schmetterlingshändler, -»muß vielleicht für irgendeine eingebildete -Schuld ein Tempelopfer bringen, da sie mit -einem solchen Schmetterling ihren besten -Familienschatz verkauft, um Opfergeld zu erlangen.«</p> - -<p>Ich erstand den Schmetterling. Und kaum -hatte ich ihn in Händen, so wurde mir auch, -ohne daß ich fragte, eine Erklärung über meinen -Amulettverlust zuteil.</p> - -<p>Der Schmetterlingshändler erzählte mir, daß -jene Frau eine sogenannte »ewige Witwe« sei, -eine von jenen, die ihre Wangen nicht mit -Ochsenblut bemalen und nicht mehr das Verlangen -haben, einen anderen Mann als den -Gestorbenen zu lieben. Um aber auch des -Toten sicher zu sein, daß dieser ihr im nächsten -Leben treu wird, wie sie ihm treu sein -will, trägt eine solche Frau an einer unzerreißbaren -Darmseite ein Amulett an der Brust, -welches ein Menschenpaar darstellt. Wenn -die Witwe aber dieses Amulett verliert, — -denn ein Amulett wird eine Frau nie verkaufen, -— hat sie damit die Treue des Toten - <span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span> -verloren und wird ihren Geliebten im nächsten -Leben nicht wieder finden.</p> - -<p>Ein solches Amulett wird niemals verkauft, -und sollte es verloren gehen, so setzt eine -jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um -das kostbare Amulett der Treue wieder zu -erhalten. —</p> - -<p>Während dieses Nachmittags, als ich im -Zug saß und in die finsteren Abgründe des -Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf, -der aus der Lokomotive kam, und der in den -Dschungelwäldern und an den Urwaldästen -hängen blieb, hunderte Male die Gestalt jener -ewigen Witwe, wie sie bald gebückt und geduckt -suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte -über die Urwaldwipfel, wie sie die -Arme an die Brust drückte und nach dem -Amulett fühlte, das ihr die Treue und die -Liebe ihres Geliebten im nächsten Leben versprach.</p> - -<p class="pmb3">Dann, als es dunkel wurde und ich draußen -keinen Wald und keinen Dampf mehr sah, -betrachtete ich lange bei der trüben Wagenlampe -den großen Handflächenschmetterling -in dem Kampferkästchen, dessen Linien so -verschlungen sind wie die Schicksalslinien in -den Handflächen der Menschen und dessen - <span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span> -Linien in dunkle Nachtränder auslaufen, in -unergründliche Finsternisse, ähnlich den Himalajaabgründen, -die voll Finsternis und Aberglauben -draußen dicht bei den Schienengeleisen -der Bergbahn drohten.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span></p> - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="Hacksel_und_die_Bergwerkflohe">Häcksel und die Bergwerkflöhe</h2> -</div> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span></p> - - -<p>Häcksel war der Sohn des Finsterer, und -der war Bergmann im Annaschacht -gewesen. Und Finsterer war der Sohn des -Labemann, und der war Bergmann im Annaschacht -gewesen. Und Labemann war der -Sohn des Flegels, und Flegel war Bergmann -im Annaschacht gewesen. Keiner von denen -war ehelich geboren. Dieses aber ist der -Stammbaum der Geliebten der Mütter jener -Bergmänner.</p> - -<p>Häcksel war, was alle seine außerehelichen -Vorfahren gewesen, Bergmann, und er war -mehr unter der Erde als auf der Erde zu -Hause.</p> - -<p>Der junge Bursch von fünfundzwanzig -Jahren war, solange er sich unter der Erde -befand, höflich, friedlich und zufrieden. Aber -oben auf der Erdoberfläche, beim Tageslicht -besehen, schien Häcksel das Gegenteil zu -sein, störrisch, unfreundlich und ungemütlich. -Teils war es das Licht und die laute Welt, - <span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span> -die ihn im Gegensatz zur molligen Grabesstille -und traulichen Dunkelheit, an die er -unter der Erde gewöhnt war, immer wieder -von neuem reizten. Aber Licht und Lärm -waren es nicht allein, die den stillen harmlosen -Burschen in ein widerhaariges Ekel verwandelten. -Wenn Häcksel sichs klar gemacht -hätte, warum er sich oben auf der Erde, -außerhalb des Schachtes, verwandelte, so würde -er erzählt haben, daß ihm draußen im Leben, -außerhalb der Kohlengrube, seine liebsten -Unterhalter fehlten, die Bergwerkflöhe, denen -er zugetan war, und die neben der Arbeit -seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch -nahmen.</p> - -<p>Die Bergwerkflöhe aber lieben nur die laue -Wärme, die im Erdinnern herrscht, und sind -nicht zu bewegen, jemals an die Oberfläche -zu kommen. Sie begleiten den Bergmann, -den sie sich als Nahrungsfeld ausersehen -haben, nie ans Licht. Sie springen immer im -letzten Augenblick ab, ehe der Förderkorb -den Schacht verläßt.</p> - -<p>Häcksel hatte sich durch nichts als durch -sein süßes Blut bei den Flöhen des Annaschachtes -beliebt gemacht. Vielleicht war er -deshalb beliebter, weil sein Blut seit Geschlechtern -<span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span> -außerehelich, also wildsüß, gezeugt -worden war.</p> - -<p>Wenn keiner einen Floh im Schacht hatte, -Häcksel hatte immer einen zur Unterhaltung -bereit, und dieses verschaffte ihm manchen -wahren Freund im Bergwerk. Denn die Bergleute -rechnen in ihrem unterirdischen Dasein -die Anregung und Unterhaltung, die ihnen -die Bergwerkflöhe bieten, als eine Erhöhung -ihrer lahmgelegten Lebenslust.</p> - -<p>Wenn irgendwo in einem entlegenen Stollen -zur Erhöhung der Geselligkeit ein Floh fehlte, -schickten die Leute hin zu Häcksel und erhielten -auch schon für einen Schluck kalten -Kaffee einen schönen ausgewachsenen Floh -von Häcksel geliefert.</p> - -<p>Man weiß aber, daß durch fortgesetzte Inzucht -auch die lebhaftesten Flöhe allmählich -verblöden können, und das geschah, — nachdem -aus den Zeiten Flegels, Labemanns und Finsterers, -die, solange das Bergwerk bestand, drei -Menschengeschlechter hindurch, immer nur -untereinander gelebt und sich fortgezeugt -hatten, — zur Zeit, da Häcksel fünfundzwanzig -Jahre alt wurde und von Schwächezuständen -befallen war. Die Bergleute stellten fest, daß -die heutigen Flöhe ihres Geschlechtes nicht - <span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span> -mehr so hoch springen konnten, daß sie sich -auch nicht mehr so lebhaft untereinander angezogen -fühlten, nicht mehr dieselben Tänze -vollführten, die vorher die halbnackten Bergleute -auf Brust und Rücken ihrer Kameraden -bewundert hatten. Man konnte ihrem Mutterwitz -nicht mehr vertrauen. Sie ließen sich von -jeder täppischen Hand fangen. Sie versimpelten -so sehr, daß es eine Schande für das -ganze Bergwerk war.</p> - -<p>Eines Tages, es war im Februar, im Taumonat, -der die Erde aufweckt und auch die -Triebe der Bergwerkflöhe in der Erde beleben -kann, fühlte sich Häcksel, der eben Feierabend -machen wollte und seinen Pickel, womit er -Kohlen gehackt hatte, an die Flötzmauer -stellte, besonders lebhaft hinterm linken Ohr -gebissen, so lebhaft, wie seit langem nicht -mehr. Häcksel glaubte, es sei Stänker, sein -Leibfloh, der frühlingslustig geworden wäre. -Aber als der Bergmann mit dem Zeigefinger -hinters Ohr fühlte, merkte er, daß ein kleiner, -zierlicher, weiblicher Floh dasaß, und er erkannte -auch bald, daß es Zinnoberchen war, -eine Flöhin, die so genannt wurde, weil sie -am rötesten von allen Flohdamen leuchtete, -wenn sie sich an Menschenblut satt getrunken - <span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span> -hatte und man sie auf der Hand vor das -Grubenlicht hielt. Zinnoberchen war so zart, -daß das Menschenblut aus ihrem Körper einen -rötlichen Schatten neben sie legte, wo sie gerade -saß.</p> - -<p>Häcksel war über den unerwarteten Besuch -ein wenig erstaunt. Denn um die Feierabendstunde, -die die Flöhe gut kannten, war meistens -jede Unterhaltung zwischen den Bergleuten -und ihren lieben Leibtierchen zu Ende. Die -kleinen Herrschaften zogen sich jeden Abend -unaufgefordert in den Pferdestall des Bergwerks -zurück. Dieser Stall lag neben den -Kohlenschachten und befand sich ebenso wie -diese viele Hundert Fuß unter der Erde. Die -alten Gäule, die dort fern vom Tageslicht in -der Grube zum Ziehen der Kohlenkarren gehalten -wurden, bekamen niemals die Sonne zu sehen -und wurden mit der Zeit blind. Im Mähnenhaar -der Blinden, auf den Rückenwirbeln und -in den Schwanzhaaren übernachteten die Bergwerkflöhe -mit Vorliebe. Dorthin eilten sie, -wenn die Feierabendstunde nahte.</p> - -<p>»Ich dachte, du wärest schon schlafen gegangen,« -sagte Häcksel, als er Zinnoberchen -auf seinem Zeigefinger ans Grubenlicht hielt. -»Du bist ja ganz abgehärmt, liebes Kind,« - <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span> -fuhr er in Gedanken lautlos zu reden fort. -»Ich weiß, Euch fehlt neues Blut.« Er nickte -und hüstelte.</p> - -<p>Der junge Häcksel war nicht stark. Er -war schwer lungenleidend. Seine Vorfahren, -die da unter der Erde in der weichlichen -Luft seit einem Jahrhundert Kohlenstaub -schluckten, hatten ihm keine starke Lunge -vererben können. Der Bergwerksarzt hatte -zu dem schwindsüchtigen Häcksel gesagt, ein -schwacher Mann wie er dürfe nicht heiraten, -und er dürfe auch keine Frau küssen, da er -mit Kuß und Umarmung nur Unheil anstiften -könne. Ein Schwindsüchtiger müsse nicht -daran denken, Kinder zu zeugen. Durch -ihn würden nur armselige kranke Menschen -entstehen, die ihm und der Welt zur Last -fallen würden.</p> - -<p>Häcksel hatte es am Feierabend darum nie -so eilig wie seine Kameraden, um hinauf ans -Licht der Welt zurückzukehren. Ihm war im -Bauch der Erde wohl, wo es in Dunkel und -Einsamkeit keine Wünsche gab. Nichts erwartete -ihn außerhalb des Bergwerkes als ein -Strohsack in seiner Kammer, und es lockte -ihn nicht einmal dieser, da das Stroh ein Geheimnis -verbarg. Häcksel hatte im Stroh seit - <span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span> -Jahren eine alte Geldtasche verborgen. Die -war voll alter Silbergulden. Die hatte er in -einem blinden Stollen unter der Erde gefunden, -in einem Gang des Bergwerks, der nur -ihm allein bekannt war, und der im Bergwerksbuch -als vor Jahren von einem schlagenden -Wetter verschüttet aus dem Bergwerkplan -ausgestrichen und nur als blinder Stollen -bezeichnet stand.</p> - -<p>Häcksel hatte von jenem Unglück von seinem -Vater öfters erzählen hören. Der Alte hatte -behauptet, bei den Verschütteten dort in dem -blinden Stollen müsse sich auch Geld befinden, -denn es war bei den Verunglückten damals -ein zufälliger Besucher des Bergwerks -mit umgekommen. Man hatte wohl versucht, -nachzugraben, hatte aber die mühsamen Arbeiten -bald eingestellt und den Stollen verlassen.</p> - -<p>Häcksel strolchte dort gern im Bergwerk -herum und klopfte mit seinem Pickel jahraus -jahrein nach Feierabend in dem verschütteten -Gang das Gestein zur Seite. Eines Tages -stieß er auf ein Gerippe, bald auf ein zweites -und drittes Gerippe, und dort fand er auch -die alte Geldkatze voll alter Silbergulden bei -den Gebeinen liegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span></p> - -<p>Häcksel konnte gut schweigen. Wenn ihn -manchmal der Gedanke lockte, seinen Kameraden -von dem Fund zu erzählen, so hustete -er sich schnell und heftig den Sprechreiz aus -Brust und Kehle fort.</p> - -<p>Das Bergwerk lag in der Nähe eines oberbayrischen -Sees, in den Vorbergen der Alpen, -und eine kleine Bummelbahn führte von dort -an den Dörfern vorüber bis München. In -mancher Nacht, wenn Häcksel daheim in -seiner Hütte die alten Silbergulden mit gepulverter -Kreide blankputzte, nahm er sich -vor, am nächsten Tag hinein nach München -zu fahren und das Geld bei einem Wechsler -in Markstücke umzutauschen. Aber er hatte -sich fest vorgenommen: zum Leben wollte er -nichts von diesem Geld ausgeben. Das Geld -sollte nur für sein Begräbnis ausgegeben werden. -Denn der Todesgedanke war Häcksels -Lieblingsgedanke. Er sagte sich immer, vom -Tod könne er nur das Beste erwarten. Vor -allem erwartete er vom Tod Gesundheit. Wenn -er diesen kranken, elenden, ewig hüstelnden -Körper abgelegt hätte, dann würde er gesund -auferstehn, meinte Häcksel. Es stand fest -und klar in ihm, daß er mit seinem Tod ein -neues und gesundes Dasein beginnen würde. - <span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span> -Darum war sein Sterben sein schönstes und -stolzestes Ereignis, das er zu erwarten hatte, und -er wünschte sich, um diese Verwandlung von -Krankheit zur Gesundheit würdig zu begehen, -ein würdiges Begräbnis, eine teuere Seelenmesse, -mit Orgel, Musik und Glockengeläute, ebenso -wie das, das unlängst der Hauptmann der Feuerwehr -des Bauernortes, in welchem Häcksel -wohnte, bekommen hatte, welches ein erstklassiges -Begräbnis gewesen war. Ob nun -das Silbergeld im Berg bei den Gerippen -lag, untätig und unnütz, oder ob es für ein -schönes Grab und einen schönen Sarg Verwendung -finden würde, das konnte den Gebeinen -des Kaufmanns, den der Kohlenschutt -deckte, wohl gleich sein.</p> - -<p>An diesem Feierabend, an welchem Häcksel -auf seinem Zeigefinger die kleine Flöhin -Zinnoberchen vor das Grubenlicht hielt, dachte -er eben lebhaft daran, einen Tag festzusetzen, -um endlich die Silbergulden in der Stadt in -Markstücke umzuwandeln, als ihm die Flöhin -lebhaft hinter das linke Ohr gebissen hatte. -Dann ging er mit dem Tierchen nach dem -Pferdestall, um Zinnoberchen sorgsam auf -einen Pferderücken zu setzen. Aber auf halbem -Weg war ihm seine alte Flohbekanntschaft - <span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span> -vom Finger verschwunden. Er glaubte, sie -habe allein den Weg zum Pferdestall gesucht. -Der Floh aber war auf seine Bergwerkmütze -gesprungen. Dort saß er zwischen Hutschirm -und Band, und in der Nacht in Häcksels -Kammer blieb er beharrlich auf Häcksels -Mütze sitzen, und als es ganz still im Zimmer -war, hörte der Bursch den Floh auf der -flachen Mütze leise springen.</p> - -<p>»Ah,« sagte Häcksel zu sich, »Zinnoberchen -hat meinen Entschluß gehört! Vielleicht habe -ich laut vor mich hingesprochen im Bergwerk -unten? Zinnoberchen will mit nach -München.«</p> - -<p>»Ja, das will ich,« gab der fröhlich hüpfende -Floh durch Tanzlaute auf der Mütze kund.</p> - -<p>In der Nacht noch band sich Häcksel die -alte Geldtasche voll Silbergulden um den -Leib. Ehe das Tageslicht kam, setzte er seine -Mütze auf, auf der der Floh Sprünge machte, -die, wenn man sie in Töne umgesetzt hätte, -Juchzer gewesen wären.</p> - -<p>Der Bursch ging durch den Wald zur -nächsten Bahnstation. Es war Sonntagmorgen, -und er wollte nicht vom Bahnhof des Heimatortes -abreisen, damit man seine Reise nicht -bemerken sollte. Am nächsten Tag wollte - <span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span> -Häcksel wieder zurückkehren und wollte eine -Ausrede gebrauchen. Er wollte sich im Bergwerk -entschuldigen und sagen, er habe sich -zwei Tage im Walde verirrt und verlaufen.</p> - -<p>Der Floh, den morgens im kalten Februarwald -fror, setzte sich hinter Häcksels linke -Ohrmuschel unter das warme Haar des Burschen -und betrachtete von dort die Gegend. -Bald merkte Häcksel, daß alle Gedanken, die -er im linken Ohr hörte, ihm von Zinnoberchen -eingegeben waren, und nur die Gedanken -im rechten Ohr waren seine eigenen. So -schritt er mit den zweierlei Gedanken wie im -Frage- und Antwortspiel über den holprigen -Waldweg, wo der Schnee getaut war und -fast laues Vorfrühlingswetter herrschte.</p> - -<p>»Ich bin der erste Bergwerkfloh der Welt, -der an das Tageslicht kommt,« sagte Zinnoberchen -zum linken Ohre Häcksels.</p> - -<p>»Nun weiß ich, warum ich so zufrieden -bin,« meinte das rechte Ohr zum linken Ohr, -»weil ich Bergwerkgesellschaft habe am hellen -Tag.«</p> - -<p>Zinnoberchen hing sich an einem Schläfenhaar -fest und schaukelte an diesem Haar im -Winde hin und her, denn es war ihm kreuzwohl.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span></p> - -<p>Plötzlich aber fuhr dem Häcksel ein schrecklicher -Gedanke durch das rechte Ohr, und -fuhr ihm vom Ohr in Hals und Brust, so -daß er heftig und schmerzhaft husten mußte.</p> - -<p>Die Flöhin sprang bei der Erschütterung -aus dem Haar fort und rasch hinter Häcksels -Ohr, kam aber gleich wieder zurück, unerschrocken, -und hing sich wieder fest an das -Schläfenhaar und schaukelte weiter.</p> - -<p>Der wilde Gedanke schoß aber in Häcksel -kreuz und quer und rief:</p> - -<p>»Vielleicht ist dir deshalb heute ein Bergwerkfloh -zum erstenmal ans Tageslicht gefolgt, -weil es heute in der Grube ein Unglück -gibt. Denn man sagt, die Bergwerkflöhe -verlassen nur dann die tiefen Stollen, -wenn sie schlagende Wetter vorauswittern.«</p> - -<p>Dieses wußte Häcksel aus dem Munde -seines seligen, außerehelichen Vaters.</p> - -<p>»Nein, nein und nochmals nein,« antwortete -aber darauf das linke Ohr, das von Zinnoberchen -beraten war. »Es ist eine höhere Notwendigkeit, -warum ich das Bergwerk heute -verließ.«</p> - -<p>»Eine höhere Notwendigkeit?« echote es -in Häcksel erstaunt.</p> - -<p>»Jawohl,« rief die Flöhin auf Häcksels - <span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span> -Kopf von links. »Daß ich heute reise, geschieht -aus allerhöchster Notwendigkeit. Ich -bin eine Abgesandte. Ich muß Flohmänner -ins Bergwerk herbeiholen, frische kräftige gesunde -starke Flohkerle.«</p> - -<p>»Warum ist Stänker, mein Leibfloh, zu -diesem Auftrag nicht gut genug gewesen,« -fragte Häcksel ein wenig verletzt die Flöhin.</p> - -<p>»Hat man je gehört, daß ein Flohkerl so -reizend ist, daß seinetwegen andere Flohkerle -einen Sprung machen? Es muß schon eine -Flöhin kommen, wenn Flohmänner sich holen -lassen sollen.«</p> - -<p>»Und da hat man dich also, die Zarteste, -mit mir nach München geschickt?«</p> - -<p>»Ach was! Man hat nicht mich mit dir -geschickt. Sondern du bist von mir und uns -allen ausersehen worden, mich nach München -zu bringen,« behauptete die Abgesandte hinter -Häcksels Ohr.</p> - -<p>»Ich gehe meinethalben und nicht deinethalben, -nicht in Flohangelegenheiten, sondern -in meinen gesunden Todesangelegenheiten -gehe ich nach München,« meinte Häcksel -störrisch, als eben das Morgenlicht aus den -Waldbäumen grell auf seine Nase schien. -»Licht und Lärm kommen immer zusammen,« - <span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span> -fügte er mürrisch und gereizt hinzu. »Wenn -ich nun aber umkehre?« setzte er fort. »Was -dann?«</p> - -<p>»Dann lassen wir dir irgend etwas Schlechtes -geschehen. Unsere Art zu erhalten, dazu ist -uns kein Ausweg zu ungeheuer. Und ein -Menschenleben ist noch lange kein Flohleben -wert, noch dazu ein so wackeliges Menschenleben -wie deines, das nur noch an einem -Faden, sagen wir lieber, nur noch an einem -Fädchen hängt.«</p> - -<p>»Ich wußte es ja,« schmunzelte Häcksel -plötzlich aufgeräumt. »Ich sterbe bald. Ich -habe es auch nur deshalb so eilig, weil ich -die alten Gulden umwechseln will, um Geld -zu einem schönen Begräbnis bereit zu haben.«</p> - -<p>»Den Glauben will ich dir gern lassen,« -meinte die Flöhin zweideutig.</p> - -<p>»Wie meinst du das?« fuhr Häcksel auf. -»Werde ich am Ende doch nicht bald sterben? -Oder werde ich das Geld am Ende gar nicht -zum Begräbnis verwenden dürfen?«</p> - -<p>»Das kommt darauf an. Versprechungen -oder gar Belehrungen teilen wir Flöhe eigentlich -selten aus. Wir denken zuerst an uns. -Und da du als Mensch in unserer Flohgewalt -bist, mußt du gehorchen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span></p> - -<p>»Hoho!« hustete Häcksel und hustete sich -blaurot vor Eifer. »Ich bin in niemandes -Gewalt. Ich bin ein freier Bergwerkarbeiter. -Nicht mal der Grubenherr hat mir außerhalb -des Bergwerkes etwas zu sagen. Heutzutage -herrscht Freiheit im Arbeitervolk. Wir sind -keine altmodischen Knechte mehr.«</p> - -<p>»Daß ich nicht lach,« kicherte Zinnoberchen -und ließ das schaukelnde Schläfenhaar los, -sprang zurück und biß herzhaft dem Häcksel -in das linke Ohrwatschel, so daß ein Blutstropfen, -groß wie der dickste Floh, dem Burschen -aus der Haut quoll.</p> - -<p>Häcksel hielt wie immer still, wenn ihn -ein Floh biß, teils um seiner Gesellschaft -nicht verlustig zu gehen, teils weil er es so -seit Väterszeiten im Bergwerk gewöhnt war.</p> - -<p>Zinnoberchen setzte sich an den Blutstropfen, -sagte nichts mehr und frühstückte -lebhaft beschäftigt, während der arme Bursche -unter den kahlen Waldbäumen ging, manchmal -von Husten geschüttelt und von Hunger -gekrümmt.</p> - -<p>Als die Flöhin von Menschenblut satt war, -sagte sie nicht einmal »danke«, sondern kroch -unter dem Mützenrand unten durch auf -Häcksels Kopf, wo die Luft zwischen Haar - <span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span> -und Mützenfutter gemütlich warm war. Dort -machte sie sich's bequem. Zuerst putzte sie -ihre furchtbaren Beißwerkzeuge, strich dann -ihre gewaltigen Springbeine glatt, dehnte sich -und streckte sich auf dem weichen fettigen -Haarboden zu einem Verdauungsschläfchen -aus. Sie hüstelte nicht, sie dachte nicht an -den Tod. Sie dachte nur an Lebensfortsetzung -und Lebensgenuß. Sie murmelte im Einschlafen, -indem sie mit den Hinterbeinen zum -Vergnügen ein wenig auf den Haarboden -trommelte: »Dummkopf! Dummkopf! Du -meinst, du bist der Stärkere! Du, der mir -doch zum Frühstück dienen muß!« Dann -schlief die altadlige Flöhin aus dem vornehmen -Bergwerkgeschlecht sanft ein, indessen -der hungrige Bergmann unter ihr wie -ein Kamel weitertrabte und hungernd und -hustend den Bahnhof des nächsten Dorfes -erreichte.</p> - -<p>Häcksel hatte auf der letzten Strecke zum -Bahnhof stark nachgegrübelt, wie er unauffällig -mit dem nächsten Zug nach München -kommen könnte. Niemand sollte seine Abwesenheit -oder seine Reise bemerken. Da -war ihm eingefallen, daß immer ein langer -Kohlengüterzug um diese Morgenstunde nach - <span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span> -München fuhr. Er kannte aber den Bremser -des Zuges, und dieses schien ihm gefährlich, -denn er wollte sich niemandem anvertrauen, -um seine Silbergulden ungestört umwechseln -zu können. Er beschloß, sich unter einem -Kohlenwagen anzuklammern und dort in dem -Versteck sich nach München fahren zu lassen.</p> - -<p>Der Kohlenzug kam immer langsam und -gemächlich daher und hielt einen Augenblick -draußen vor dem Bahnhof, bis die Weiche -gestellt wurde und er dann ebenso gemächlich -weitertrotten konnte. Dieses hatte Häcksel -früher beobachtet, und diesen Augenblick -wollte er benutzen und sich unter den Wagen -an den Ketten dort anhängen. Der Platz war -schrecklich unheimlich und grauenhaft qualvoll, -und der Güterzug würde erst in der -Nacht in München ankommen. Aber was -machte das dem Burschen, der so dringend -ein reiches Begräbnis erster Klasse haben -wollte. Für die Ehren, die seinen Leichnam -später dann einmal erwarten würden, hätte er -gern noch Schlimmeres ertragen.</p> - -<p>Indessen nun der junge Bergmann eingeklemmt -und gemartert zwischen Rädern, Ketten -und Eisenstangen hing und in ewiger Todesgefahr -schwebte und der furchtbare Eisenlärm, - <span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span> -das Schütteln und Rasseln und Stampfen -des Wagens, unter dem er schweißtriefend -angeklammert war, ihn zu betäuben drohte, -schlief die Flöhin im Kopfhaar des Burschen -köstlich, und wenn sie hungrig wurde, krabbelte -sie an Häcksels Nacken entlang und -suchte sich eine möglichst zarte Stelle seines -Rückens oder seiner Brust aus, biß herzhaft -zu und sog das süße heiße Menschenblut in -sich ein.</p> - -<p>So kamen beide, jedes auf seine Art, vorwärts. -Der Mensch geplagt, geängstigt und -verliebt in seinen Tod, der Floh zufrieden, -gesättigt und verliebt in Blut und Leben.</p> - -<p>Spät in der Nacht fuhr der Güterzug langsam -in den Bahngeleisen von München ein. -Unbemerkt machte der erschöpfte blinde Mitreisende -sich unter dem Wagen los und -schlich sich im Güterbahnhof auf Seitenwegen -über Schienen, über einen Stachelzaun und -eine Plankenwand kletternd davon.</p> - -<p>Der Güterbahnhof lag abseits, und in dem -Stadtviertel in nächster Nähe standen einfache -schweigende Häuserreihen, und in weiten Abständen -brannten einsame Laternen. Häcksel -wollte einen Gasthof aufsuchen und am -nächsten Morgen die alten Guldenstücke umwechseln - <span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span> -und dann mit der Bahn gemächlich -auf einem Sitzplatz zurückfahren und auf -einer Haltestelle, etwas entfernt vom Heimatdorf, -aussteigen. So würde dann die Reise -unbemerkt geblieben sein, er wäre dann nur -als Waldverirrter in die Kohlengrube zurückgekehrt -und hätte ohne viel Worte seine -Arbeit im Stollen aufgenommen, nachdem das -gewechselte Geld im Strohsack versteckt und -eingenäht worden wäre.</p> - -<p>Aber es sind immer bei Entschlüssen mehrere -Mächte mitbeteiligt, und niemand führt einen -Entschluß allein aus. Das sollte jeder bedenken, -ehe er Heimliches tun will. Unser -Alleinsein ist immer nur ein scheinbares, in -Wirklichkeit ist jedes Handeln unsichtbar mit -tausend Mithandelnden verknüpft.</p> - -<p>So hatte Häcksel nicht daran gedacht, daß -nach der langen Fahrt unter dem Kohlenwagen -sein Kopf betäubt, seine Kräfte erschöpft, -sein Herz schreckhaft und gedankenlos -sein würde, wie es nicht am Morgen, da -er frisch ausgeschlafen die Reise angetreten, -gewesen war.</p> - -<p>Außerdem hatte er vergessen, daß es Fastnachtsonntag -war. Der Fastnachttrubel in -der Großstadt München war ihm ganz unbekannt. - <span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span> -Häcksel lebte jahraus, jahrein menschenscheu -und ins Bergwerkleben versunken, -so daß er ganz abseits stand von allen Lebenserfahrungen. -Nie war er in einer Stadt gewesen, -nichts wußte er von Faschingstagen, -nichts vom närrischen Treiben einer Maskenwelt, -die er nie gesehen oder erlebt hatte.</p> - -<p>So ging er, in München angekommen, mit -schwankenden müden Knien unter den dunkeln -Vorstadthäusern hin, die ihn mit ihren vielen -Stockwerken und ihren vielen dunkeln Fenstern -einschüchterten. Als seine Schritte in der -Nacht so einsam auf dem leeren Vorstadtpflaster -hallten, wurde ihm schwindlig vor -Hunger, Schwäche und Aufregung. Und -ängstlich gemacht, weil er glaubte, die stillen -Häuserbewohner wecken zu können, zog er -seine harten Stiefel aus und ging auf lautlosen -Socken weiter.</p> - -<p>Er hatte keine Ahnung, daß in den leeren -Häusern, die meistens Neubauten waren, noch -gar keine Menschen wohnten, und so schlich -er an den unbewohnten frischweißen Häusern -stumm und behutsam und lautlos wie ein -Nachtvogel hin und wußte nicht, daß er wie -ein ertappter Dieb aussah.</p> - -<p>Zinnoberchen aber, seine Flohherrin, war - <span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span> -längst wach und aufmerksam und witterte mit -Begierde, von Häcksels linker Schläfe aus, -die tausend Flöhe der Stadt München, die -jetzt in der Nacht alle auf waren und springend -bei Tanz und Leibesfreuden wacher als die -Sterne am kalten Februarhimmel lebten. Trotzdem -die Häuser hier unbewohnt waren, witterte -die eifrige Flöhin den menschlichen Blutgeruch -aus den nächsten bewohnten Stadtteilen, -und Häcksels Beine gingen ihr viel zu -langsam vorwärts; sie wäre am liebsten in -großen Sprüngen über die nächsten Dächer -dem vor Schwäche taumelnden Häcksel vorausgeeilt.</p> - -<p>Und nun stieß Häcksel gar mit dem Kopf -an einen Laternenpfahl, wankte und fiel, von -Hunger und Überanstrengung geschwächt, besinnungslos -neben der Laterne nieder.</p> - -<p>Das brachte die Flöhin ganz aus ihrer Ruhe, -und sie stieß einen jener Pfiffe aus, den nur -die feinen Flohohren hören können, der aber -weiter zu hören ist als jeder Menschenruf. Dem -groben Menschenohr aber ist ein Flohpfiff zu -fein, das menschliche Trommelfell steht wie -eine Mauer tot dort, wo ein Flohohr noch -Laute hört. Sofort antwortete der Flöhin ein -Antwortpfiff. Es war aber kein Floh, sondern - <span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span> -auch eine Flöhin, die sich aus einem Neubau -bemerkbar machte. Im dunkeln Bau brannte -ein rotglühender Trockenofen und dort bei -dem Arbeiter, der den Ofen bewachte, saß -ein Mädchen auf ein paar aufgeschichteten -Backsteinen. Das hatte die Flöhin, die Häcksels -Flöhin zupfiff, im Nacken sitzen. Der Arbeiter -vor dem Ofen hatte eine Teufelsmaske -auf seine Stirn hinaufgerückt, so zeigte er -zwei Gesichter übereinander. Der Mann war -gerade von einem Maskenball in der Nacht -auf den Bau gekommen, und seine Tänzerin, -die eine »Königin der Nacht« vorstellte, hatte -ihn begleitet. Beide stritten eben, wer von -ihnen das meiste seiner Habe zum Pfandhaus -getragen habe. Das Mädchen behauptete, sie -habe nur noch einen Sonnenschirm bei einer -Tante vergessen, den könne sie morgen noch -versetzen. Der Arbeiter aber behauptete, das -Mädchen habe ihn betrogen, weil sie bei -einer Freundin noch ein Bügeleisen verborgen -halte, das sie nicht versetzen wolle. Er sagte, -er wolle morgen nicht mehr mit ihr zum -Tanzen gehen, sie solle sich einen andern -Tänzer suchen.</p> - -<p>»Ich habe auch noch einen Floh, den ich -nicht versetzt habe,« lachte das Mädchen übermütig - <span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span> -und sagte frech, sie werde sich nicht -erst morgen, sondern gleich für diese Karnevalsnacht -noch einen neuen Tänzer suchen.</p> - -<p>Der Arbeiter gab ihr einen Tritt, daß sie -von den Backsteinen aufflog und es an der -Zeit fand zu verschwinden. Aber ehe sie -ging, warf sie noch einen Backstein hinter -sich in den Trockenofen, so daß Funken und -Feuer dem fluchenden Mann um seine zwei -Gesichter flogen.</p> - -<p>Die Königin der Nacht öffnete rasch die -Plankenzauntüre und wollte nochmals dem -Arbeiter eine rohe Antwort zurückrufen, als -sie nahe bei sich unter der nächsten Laterne -den ohnmächtigen Häcksel liegen sah.</p> - -<p>Inzwischen hatten sich aber die beiden -Flohweiber schon laut verständigt und verstanden.</p> - -<p>»Ich habe da einen Esel von einem Kerl,« -rief Zinnoberchen der andern Flöhin, die sich -»Vielliebchen« nannte, zu. »Ich will nicht in -der Nacht mit dem Dickschädel zusammen -erfrieren. Wissen Sie nicht, wie man einen -solchen Tölpel zur Besinnung zurückruft? Ich -habe nämlich Eile und will auf ihm weiterreiten. -Nein, was einen doch manchmal die -Menschentiere ärgern können! Ich habe ihn - <span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span> -schon in den Augendeckel gebissen, aber er -schlägt die Augen nicht auf.«</p> - -<p>»Guten Abend,« rief Vielliebchen vom -Nacken des Mädchens. »Ist Ihnen Ihr Mensch -gestürzt? Ach Gott, springen Sie doch lieber -ab und kommen Sie herüber zu mir. Ich -nehme Sie auf meinem Vieh mit zur Stadt.«</p> - -<p>»Ach, nein, das geht nicht,« pfiff Zinnoberchen, -»ich würde den Schwächling schon -gern verlassen, da er doch bald krepiert, der -Kerl. Aber erst muß er mich doch noch nach -unserem Bergwerk zurücktragen.«</p> - -<p>»Ah, ah, Sie sind aus einem Bergwerk,« -wunderte sich die Stadtflöhin laut. »Sie sind -wohl zum Tanzvergnügen in die Stadt gekommen?«</p> - -<p>»Ja, hm, hm,« meinte die Flöhin Häcksels, -welche sich ärgerte, daß die Rednerin kein -Floh war, den sie hätte ins Bergwerk einladen -können. Doch ihren Auftrag, Männer zu -suchen, wollte sie nicht gleich verraten.</p> - -<p>Der Kopf der »Königin der Nacht« bog sich -eben ganz nah über Häcksels Kopf, und die -beiden Flohfrauen konnten sich schweigend -betrachten, indessen die maskierte Menschenfrau -die Westentaschen des besinnungslosen -Bergmannes nach Geld durchsuchte. Als sie - <span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span> -nichts fand, nahm sie die Stiefel, die neben -Häcksel lagen, und warf den einen über den -Bretterzaun dem Arbeiter am Ofen an den -Kopf.</p> - -<p>»Das geht nicht. Den Stiefel her, sie muß -sofort den Stiefel wieder holen,« begehrte -heftig ärgerlich Zinnoberchen. »Wir brauchen -den Stiefel zum Heimweg.«</p> - -<p>»Den Stiefel her,« rief jetzt auch Vielliebchen.</p> - -<p>»Er kommt schon,« antwortete ein dritter -weiblicher Floh fernher vom Bauch des Arbeiters -am Trockenofen. Und zugleich warf der erboste -Arbeiter, der das Wurfgeschoß im Eifer -für einen zweiten Backstein gehalten hatte, -den Stiefel über den Zaun zurück, und er fiel -Häcksel auf die Stirn, so daß der Besinnungslose -erwachte, als eben die Maskierte seine -Hosentasche nach Geld durchsuchen wollte.</p> - -<p>»O, o,« seufzte Häcksel und starrte auf die -in schwarze Schleier gehüllte Gestalt, an der -unzählige stählerne aufgenähte Paillettensterne -im Laternenlicht bläulich glitzerten. »Wer -bist du?« fragte der Erwachte.</p> - -<p>»Wer ich bin? Ich bin halt eine von der -Gasse. Ach, du betrachtest meine Sterne am -Gewand! Ja, ich stelle nämlich die Königin - <span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span> -der Nacht vor. So heißt man meine Maskentracht.«</p> - -<p>Verdutzt und verblödet vor Schwäche und -Staunen schüttelte Häcksel den Kopf.</p> - -<p>»Wenn ich nur was zu essen hätte,« murmelte -er, »dann wär alles gut.«</p> - -<p>»Wenn du ein Geld hast, gehst halt mit -mir; ich bring dich schon wohin, wo du bald -satt wirst.«</p> - -<p>Erschrocken fuhr Häcksel mit den Händen -um seinen Leib und tastete nach seinem Leibgurt, -und er wurde kräftig, als er merkte, daß -ihm die Silbergulden nicht fehlten.</p> - -<p>Nachdem er verwundert zugesehen, wie ihm -die Königin der Nacht geholfen, die Stiefel -anzuziehen, wanderten beide nebeneinander -weiter.</p> - -<p>Aber vorher sah Häcksel noch etwas Schreckliches. -Er erblickte durch die offenstehende -Plankentür im Erdgeschoß eines Hauses einen -großen fensterlosen Raum, dort stand ein -glühender Ofen, und vor der offenen roten -Ofentüre stocherte ein Mann mit zwei Gesichtern -im Feuer herum.</p> - -<p>»Was tut der dort?« stotterte Häcksel erschrocken.</p> - -<p>»Komm weiter!« sagte die geheimnisvolle - <span class="pagenum"><a id="Page_105">[S. 105]</a></span> -Schwarzverschleierte, »das ist mein Schatz gewesen, -der war mit mir beim Tanzen heute. -Aber ich laß ihn laufen, weil der arme Teufel -kein Geld nie hat. Du bist jetzt mein Schatz, -wenn du ein Geld hast. Aber erst zeigen!«</p> - -<p>»Was zeigen?« fragte Häcksel.</p> - -<p>»Geld zeigen,« schnauzte ihn die Königin -der Nacht barsch an.</p> - -<p>»Niemals,« gab der Verwirrte zurück. »Das -ist mein Begräbnisgeld, das verausgabe ich -nicht fürs Tanzen. Das gäb ich auch nicht -dem Teufel!«</p> - -<p>»Was, du Aff, du blöder,« kreischte ihn -das Frauenzimmer an. »Von mir aus kannst -du dich auf dem Mist begraben lassen!« Und -da sie von fern den Schritt eines Schutzmannes -hörte, gab das Frauenzimmer dem Häcksel -eine sausende Ohrfeige und sprang in die -Nacht davon.</p> - -<p>Dieser Backenstreich hatte das Gute, daß -er den Burschen wärmer machte, als wenn er -einen Kognak bekommen hätte. Und ganz -wach geworden, begann auch er zu laufen, -so rasch er konnte, dorthin, wo am Ende der -dunklen Neubautenstraße der Nachthimmel -heller leuchtete, und wo ihm Leben zu sein -schien, das ihn lockte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[S. 106]</a></span></p> - -<p>»Danke Ihnen!« hatte Zinnoberchen dem -Vielliebchen noch nachgerufen, als sie spürte, -wie ihr Menschenvieh wieder flott weitertrabte. -Sie hatte, während Häcksel sich mit -Hilfe des Mädchens aufgerafft hatte, allerhand -Ratschläge von der Flöhin erhalten, besonders -nachdem sie berichtet hatte, welches ihr Reisezweck -war. »Sie müssen Ihren Kerl in ein -Haftlokal lenken,« hatte ihr die kluge Stadtflöhin -noch zuletzt geraten. »Dort wimmelt -es von allerhand Möglichkeiten, Flohmännerbekanntschaften -zu schließen.« Dann hatte -sie ihrem Menschenvieh ins Ohr geschrien: -»Haue ihm eine Ohrfeige hin.« Was auch -geschah. Also ermuntert von dem guten Einfall -Vielliebchens, war Häcksel stark und unternehmend -ins Leben zurückgekehrt und fühlte -sein Blut besonders auf der linken Gesichtshälfte, -wo der Schlag hingefallen, angenehm -warm kreisen.</p> - -<p>Man ist doch in der Hauptstadt gleich -mitten im Leben, dachte heiß der Geohrfeigte. -Die Königin der Nacht und der Teufel sind -mir schon begegnet. In unserem Bergwerk -daheim werden die Flöhe staunen, wenn sie -davon hören.</p> - -<p>Und er überzeugte sich, mit dem Zeigefinger - <span class="pagenum"><a id="Page_107">[S. 107]</a></span> -hinter sein Ohr tastend, daß er die -Flöhin Zinnoberchen noch nicht verloren hatte, -und war zufrieden darüber.</p> - -<p>Dann fand Häcksel endlich eine lebhaftere -Straße, und da funkelte Licht, und erleuchtete -Wagen ohne Pferde surrten heran und jagten -vorüber. Und in der nächsten Straße war -so viel Licht, als wenn Häcksel einen Schlag -mit der Faust ins Auge bekommen hätte und -Feuerfunken tanzen sehen könnte. Menschen, -Männer und Frauen, Arm in Arm, sich wiegend -und lachend und kreischend, kamen herangezogen. -Manche hatten weiße, andere rote, -andere schwarze Gesichter, und einige hatten -besonders große Nasen vom Gesicht abstehen, -aber alle grinsten vergnügt. Häcksel hatte -niemals ähnliche Menschen gesehen und wurde -scheu und ängstlich. Und wie er an ein besonders -hellerleuchtetes Haus kam, dachte er, -das müsse ein Gasthaus sein. Denn es war ein -leuchtendes Schild davor, das glänzte auf und -verschwand, und der Wirt, der das Gasthaus -besaß, hieß »Kino«.</p> - -<p>Der Mann stand in einem langen grünen -Rock vor der hellerleuchteten Türe, und viele -goldene Knöpfe glänzten an ihm und goldene -Tressen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[S. 108]</a></span></p> - -<p>»Ach, Herr Wirt,« grüßte Häcksel den -Türwächter des Kinotheaters, das er für ein -Wirtshaus hielt, »kann ich hier ein Glas Bier -trinken.«</p> - -<p>»Natürlich,« nickte der, »Bier gibt es auch -in den Zwischenpausen.«</p> - -<p>Dann mußte Häcksel an einer Kasse einen -Platz für das Biertrinken bezahlen und kam -in einen dunkeln Saal, wo man mit dem Licht -sparte. Das kam ihm seltsam vor. Im dunkeln -Saal war nur eine helle Wand, durch -die sah man hinaus auf eine lebendige Welt.</p> - -<p>Häcksel dachte: Die Leute sitzen hier wie -in der Kirche, und die Dunkelheit ist gruselig, -vielleicht ist das das Jüngste Gericht. -Denn alle Anwesenden waren totenstill und -alle sahen auf Schattenmenschen, die auf einer -Wand erschienen und zitternd in einem Lichtstrahl -vorüberliefen, lautlos und ohne Stimme, -und dazu ertönte von unsichtbaren Musikanten -eine Musik. Aber Häcksel nahm sich -vor, lieber auch auf das Glas Bier zu verzichten, -als sich dem totstillen Jüngsten Gericht -auszuliefern und einzugestehen, daß er -einen Gurt voll unrechtmäßig erworbener -Silbergulden bei sich habe.</p> - -<p>Er drehte sich rasch entschlossen auf dem - <span class="pagenum"><a id="Page_109">[S. 109]</a></span> -Absatz um und lief wieder auf die Straße -hinaus.</p> - -<p>Da kam ein erleuchteter langer Straßenbahnwagen -gefahren, und Häcksel sah, daß -viele Leute dort in den Wagen einstiegen. -Und allen Leuten glitzerten bunte Kleider -unter den Mänteln, und alle trugen bunte -Mützen, und die Frauen hatten Kapuzen überm -Kopf, und alle kicherten und lachten und -kreischten, und sie waren so vergnügt, als ob -sie in den Himmel führen.</p> - -<p>Und Häcksel drängte auch mit in den -Wagen, und als das Gefährt sich bewegte, -begann er zu schwanken und fiel auf den -Schoß eines Mannes, der hatte einen pechschwarzen -Backenbart um ein rosiges Gesicht -hängen. Und er hatte einen breiten Leibgurt -und war in tiroler Tracht gekleidet, und auf -dem Gurt stand mit silbernen Fäden gestickt: -»Andreas Hofer«.</p> - -<p>Daß das der Andreas Hofer selbst war, -glaubte Häcksel nicht. Er müßte höchstens -dann von den Toten auferstanden sein. Aber -es war vielleicht ein Verwandter von Andreas -Hofer, der den Gurt geerbt hatte, meinte der -Bergmann. Und wie er noch ganz verblüfft -dem Andreas Hofer im Schoß saß, schien ihm - <span class="pagenum"><a id="Page_110">[S. 110]</a></span> -der Mann so anziehend, als wenn er gar kein -Mann, sondern eine Frau wäre. Und er blieb -ruhig sitzen, wo er warm und weich saß, weil -gar kein Platz im Wagen war als auf dem -Schoß von Andreas Hofer.</p> - -<p>Inzwischen flüsterte ihm dieser heimlich ins -Ohr: »Ich heiße Ida Fliegenhitzer. Willst mit? -Dann bist gern eingeladen!«</p> - -<p>Der Häcksel war zwar ein schwachbrüstiger, -sonst aber ein ganz schmucker Bursch. Wenn -er nicht die Schwindsucht gehabt hätte, wäre -er eine Männerschönheit gewesen. Es fehlte -ihm nichts als rote Backen und ein Brustkasten.</p> - -<p>Eine wunderschöne Stadt, diese Stadt München! -Die Männer verwandeln sich in Weiber, -sogar wenn sie vorher Andreas Hofer geheißen -haben und einen schwarzen Backenbart -besitzen.</p> - -<p>Also ging Häcksel mit der Ida Fliegenhitzer -in ein Bräu, nachdem sie ihm vorher -gezeigt hatte, daß ihr Bart nicht angewachsen -war. In dem Brauhaus war es noch erstaunlicher -als auf der Straße.</p> - -<p>Im Gedräng erschien dort plötzlich ein -Mann mit goldener Krone auf dem Kopf, das -war der König, und er hatte auch einen roten - <span class="pagenum"><a id="Page_111">[S. 111]</a></span> -Mantel und ein goldenes Zepter. Der nahm - -augenblicklich dem Häcksel die Andreas Hofer -vor der Nase weg und hob sie auf seine -Schulter und trug sie davon.</p> - -<p>Der Häcksel staunte schon bald über gar -nichts mehr, auch nicht, als er sich ein Glas -Bier bestellte und es ihm von einem vorübertanzenden -Neger mitgenommen und ausgetrunken -wurde.</p> - -<p>In der Straßenbahn war der Bergmann im -Gedräng mitgefahren, ohne zu bezahlen; im -Kino hatte er das einzige Zehnmarkstück, das -er bei sich hatte, aus der Hand verloren oder -hatte es dem Andreas Hofer in den Schoß -fallen lassen; er wußte es nicht mehr genau. -Er wußte nur, daß er plötzlich kein Geld -hatte als die ungewechselten altmodischen -Silbergulden. Als ihm das Bier ausgetrunken -wurde, bezahlte er es nicht, sondern drückte -sich heimlich auf die Straße zurück.</p> - -<p>Dabei fühlte Häcksel plötzlich, daß ihm -viel Leben in die Kleider gekommen war. -Denn die Bergwerkflöhin hatte überall im -Gedräng Flohgenossen gewittert und diese -laut zu sich eingeladen, und die Neuangekommenen -untersuchten nun das Vieh, das -die Flöhin ritt, um sich zu entscheiden, ob - <span class="pagenum"><a id="Page_112">[S. 112]</a></span> -diese Menschenart ihnen zusagte, ehe sie einwilligen -wollten, die Reise nach dem Bergwerk -mitanzutreten.</p> - -<p>Das Zinnoberchen lobte Häcksels Blut über -alle Maßen. Es wäre besonders süß, sagte -sie, da der Bursch immer Fieber habe, und -deshalb sei sein Blut immer um einiges wärmer, -als Menschenblut sonst ist.</p> - -<p>Die Flöhe aber waren alle zimperliche verwöhnte -Stadtherren und fanden gar keinen Gefallen -an Häcksel. Sie nahmen sich vor, einer -nach dem andern wieder im Gedränge abzuspringen -und die Bergwerkflöhin mit ihrem -Menschenvieh allein zu lassen, denn sie fanden -sein Blut matt und abgestanden. Trotz -der Ohrfeige, die, wie die Flöhin ihnen versicherte, -das Vieh eben bekommen habe, fanden -sie das Bergmannblut nicht süß, sondern -säuerlich. Ein älterer Flohherr gab der Bergwerkflöhin -noch rasch einen guten Rat, ehe -er zum Absprung ansetzte. Sie müsse den -Menschenkerl in ein Haftlokal bringen, dort -wäre manchmal eine Zufuhr von frischen -Arbeiter- und Kroatenflöhen vorrätig. Diese -könnten dem Bergwerk gut zur Auffrischung -der Lebenslust dienen.</p> - -<p>Häcksel, dessen Magen leer und überhungert<span class="pagenum"><a id="Page_113">[S. 113]</a></span> -war, schwankte wieder in das Brauhaus zurück, -denn es war ihm zu seinem Hunger -auch noch ein großer Schrecken in die Glieder -gefahren. Er hatte draußen unter einer Laterne -den leibhaftigen Tod aus einer Droschke aussteigen -sehen. Eine lange weiße Gestalt mit -einer Sense in der Knochenhand hatte er gesehen, -und unter einem weißen Laken grinste -ihn ein Totenkopf so schaurig an, wie nur -die Totenköpfe der Verschütteten ausgesehen -hatten, die Häcksel im blinden Stollen ausgegraben, -ehe er auf den Geldgurt gestoßen war.</p> - -<p>Rasch wendete sich Häcksel, am ganzen -Leibe schlotternd, wieder in das Brauhaus -zurück und ließ sich vom Gedränge vorwärtsschieben, -halb erwürgt von Hunger, -Durst, Schwäche und Angst.</p> - -<p>Da stand ein hübsches Mädchengesicht vor -ihm; das war von einem Vergißmeinnichtkranz -umrahmt, und kleine flachsblonde Locken -kräuselten sich ihr zierlich um Stirn und Nacken -und verdeckten die Ohren. Vom Kopf fiel -ein bräutlicher Schleier, der war dem blonden -Geschöpf unterm Kinn zusammengebunden -und hüllte auch den Körper zart und dicht -ein. Auch Silberspangen und Silbergürtel -glänzten an ihr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[S. 114]</a></span></p> - -<p>»Bist du mein Schutzengel?« stieß der geängstigte -Häcksel hervor. Die weiße Gestalt -nickte geheimnisvoll und hing sich an seinen -Arm und legte ihren weißbehandschuhten -Zeigefinger auf ihren Mund, zum Zeichen, -daß sie schweigen müsse.</p> - -<p>Der Bursche war froh, daß er nach dem -Anblick des Totenkopfes jetzt von dem vergißmeinnichtbekränzten -Mädchen begleitet -wurde. Er bestellte bei der Kellnerin zwei -Glas Bier und vieles Essen und entschloß -sich, die Zeche von seinem Begräbnisgeld zu -bezahlen.</p> - -<p>»Du bist ja so blaß,« wisperte der Schutzengel -und schmiegte sich am Biertisch, der -dichtbesetzt war, auf Häcksels Schoß. Die -Bekränzte reichte ihm dann aus ihrem Handtäschchen -einen Spiegel und einen roten Stift. -Während Häcksel in den Spiegel guckte, -malte das Mädchen ihm gesunde rote Backen -und eine kräftige rote Nase in sein Gesicht.</p> - -<p>Häcksel mußte lachen und sich wundern -über das, was die Schutzengel alles verstehen. -Er, der kranke blasse Häcksel, sah nun wie -das glühende Leben aus. Mindestens so rot, -als ob er zwei neue Ohrfeigen links und<span class="pagenum"><a id="Page_115">[S. 115]</a></span> -rechts und einen Faustschlag auf die Nase -bekommen hätte.</p> - -<p>Während er eben erleichtert aufatmen wollte, -fand er sich ums Zwerchfell besonders leicht -geworden, und er bemerkte, wie ihm sein -Schutzengel den schweren Geldgurt abgeknöpft -hatte, indessen er in sein gesundes -rotbackiges Spiegelbild vertieft gewesen. Der -Schutzengel wollte eben den Gurt in der -Tiefe seiner Schleier verschwinden lassen, als -Häcksel zugriff und den Gurt heftig an -sich riß.</p> - -<p>Dieses geschah im gleichen Augenblick, als -die Kellnerin mit vielen Tellern und Schüsseln, -voll mit leckerem Braten, Kraut, Kartoffeln -und Brot und mit Biergläsern beladen, sich -über den Tisch beugte und Essen und Trunk -vor Häcksel niedersetzte. Die Bratendämpfe -stiegen dem schwachen Burschen wunderbar -anregend in die Nase, und er vergaß den -Schutzengel einen Dieb zu nennen, da Bier -und Speisen, die vor ihm hingerückt waren, -ihn ganz mit Essensgier erfüllten.</p> - -<p>Aber ein lautes Klingeln und Rollen von -vielen Silberstücken unter Tisch und Stühlen -und der offene leichte Geldgurt, aus dem ihm -alle Silbergulden fortgerollt waren, erschreckten<span class="pagenum"><a id="Page_116">[S. 116]</a></span> -ihn, und er fuhr auf. Der helle Schutzengel, -der sich noch nach einigen Silbergulden gebückt -hatte, verschwand rasch im Gedränge -zwischen den nächsten Tischen.</p> - -<p>Die Leute in nächster Nähe, die das viele -Geldherumrollen hörten, bückten sich alle zugleich -und suchten nach dem Geld. Viele -halfen die Gulden aufheben. Man lachte und -brachte die Gulden zurück, aber viele Gulden -blieben auch in den Händen der Suchenden -und unter ihren Füßen, die sich fest daraufstellten -und nicht weiterrückten.</p> - -<p>Häcksel bekam nicht die Hälfte der Gulden -zurück, und der Gurt war viel leichter als -vorher, und es schmerzte den Burschen sehr, -als er dachte, um wievieles weniger schön sein -Begräbnis nun werden würde. Und Schuld -daran war sein diebischer Schutzengel.</p> - -<p>Inzwischen hatten sich auch einige Bratenteller -geleert und das Bier war verschwunden, -und nur ein Teller mit Brot war vor Häcksel -stehen geblieben. Er war eben dabei, ein -Brot zu nehmen und den ersten Bissen, den -er an diesem Tag bekam, in den Mund zu -stecken, als ihm das Brot aus der Hand genommen -wurde und der Schutzengel wieder -mit einem rothaarigen Menschen vor Häcksel<span class="pagenum"><a id="Page_117">[S. 117]</a></span> -stand und diesen für einen Falschmünzer erklärte.</p> - -<p>Die alten Gulden wären nachgemachte -Gulden aus Zinn, erklärte der Rothaarige und -forderte von Häcksel, daß er ihm augenblicklich -den Ledergurt mit den Münzen ausliefere.</p> - -<p>Häcksel sagte das, was er sich für alle Fälle -vorher zurechtgelegt hatte, er habe die Silbergulden -geerbt.</p> - -<p>»Es sind Zinnmünzen,« erklärte der Rothaarige -und winkte einem Schutzmann, der den -Schutzengel und Häcksel beide zum Saal hinausdrängte. -Viel Volk begleitete sie, und -draußen wurden beide in die Droschke gepackt, -aus der vorher der Tod ausgestiegen -war.</p> - -<p>Dem Häcksel schwirrte der Kopf. Der -Schutzengel aber und der Schutzmann, die -mit ihm in der Droschke saßen, flüsterten -miteinander. Dann hielt der Wagen, und beide -stiegen aus und hießen ihn warten. Der Rothaarige, -der beim Kutscher auf dem Bock -gesessen hatte, sagte, nachdem er sich mit dem -Schutzengel am Wagenschlag leise besprochen -hatte, Häcksel müsse aussteigen und an einem -Tor warten, bis sie wiederkämen. Wenn er<span class="pagenum"><a id="Page_118">[S. 118]</a></span> -sich aber rühren würde, dann kämen die Bluthunde -hinter dem Zaun hervor und würden -ihn zerreißen.</p> - -<p>Häcksel, der kaum noch vor Hunger und -Aufregung sehen und hören konnte, setzte -sich auf einen Prellstein am Tor nieder.</p> - -<p>Dort fand ihn nach mehreren Stunden ein -seltsames Paar. Ein in ein Fell eingenähter -Mensch, der einen künstlichen Löwenkopf -aufgestülpt hatte, und ein kahlköpfiger Alter -in grauem Kaftan, der eine Laterne in der -Hand trug, die fanden Häcksel tief eingeschlafen.</p> - -<p>Der Löwe beschnupperte den Schlafenden, -und der Laternenmann beleuchtete ihn, und -dann setzten sich Löwe und Greis zu beiden -Seiten neben Häcksel nieder und schliefen -neben Häcksel ein. Die Laterne, die auf dem -Pflaster stand, beleuchtete alle drei Gesichter, -und auf Häcksels Stirn kamen seine Schicksalslenker -zusammen. Das waren stattliche -Flohkerle, die aus den Polstern der alten -Droschkenkissen zu Häcksels Flöhin Zinnoberchen -gehüpft waren. Die Flöhe berieten, -was aus ihnen werden sollte, denn sie hatten -gesehen, wie der Rothaarige, der Schutzmann -und der Schutzengel Häcksels ganzes Geld - <span class="pagenum"><a id="Page_119">[S. 119]</a></span> -behalten hatten, und sie wußten, daß diese -Leute Spitzbuben gewesen waren.</p> - -<p>»Seid nur ruhig!« sagte ein Floh des Laternenmannes. -»Wir treffen alle zusammen im -Haftlokal wieder. Sie sind schon verhaftet -worden, weil die vielen Silbergulden, die sie -ausgaben, Verdacht erweckten.«</p> - -<p>Und ein Floh aus dem Löwenfell machte -Zinnoberchen stark den Hof und tat sehr verliebt -und versicherte, ihr bis ans Weltende -folgen zu wollen. Als er aber von ihr seinen -verliebten Willen erreicht hatte, sprang er vergnügt -hoch in die Luft, kam aber aus der -Luft nicht mehr zurück. Denn er war heimlich -hinter den Plankenzaun gesprungen, wo -ein Hühnerhaus stand, und dort ließ er es sich -wohl sein bei den Flöhen der Hühner.</p> - -<p>Die Laterne brannte noch, als es schon -Tag wurde, und der Löwe, der Greis und -Häcksel, alle drei schliefen fest und schnarchten -wie besessen, trotzdem die Bäckerjungen auf -Fahrrädern mit Körben und Säcken voll Brot -an ihnen vorbeiradelten und ihr Morgenlied -pfiffen.</p> - -<p>Einmal aber versah sich einer der Bäcker -aus Erstaunen über die drei Schläfer, so -daß sein Rad an den Straßenrand stieß<span class="pagenum"><a id="Page_120">[S. 120]</a></span> -und sein Korb mit Brot im Bogen fortflog -und gerade dem schlafenden Häcksel an die -Stirn fiel.</p> - -<p>Häcksel erwachte, sah vor sich einen offenen -Korb, der voll duftender frischer Brötchen -war. Er griff mit beiden Händen zu, und -er hatte bereits zwei Wecken verschlungen, -als der gestürzte Bäckerbursche herbeigelaufen -kam und ein großes Geschrei aufschlug, weil -er Häcksel sah, der ein Brot nach dem andern -verzehren wollte. Auch der Löwe und der -Greis waren erwacht und griffen, da es sie -hungerte, nach dem Brot. Als der Bäcker so -sehr schrie, warf ihm der eine die brennende -Laterne an den Kopf. Zuletzt aber, wie der -Bäcker die drei einträchtlich seine Brötchen -verschlingen sah und sie genauer betrachtete, -lachte er hellauf und fuhr rasch radelnd -davon, denn er war in der Nacht als weiblicher -Schutzengel verkleidet gewesen und erkannte -plötzlich Häcksel wieder, dem er das -Silbergeld gestohlen hatte. Er war entschlüpft, -als man seine Kameraden, den Rothaarigen -und den Schutzmann, verhaftet hatte und hatte -zu Hause seinen Vergißmeinnichtkranz, seine -blonde Perrücke und sein Schleiergewand abgelegt -und war in seine Bäckerei, wo er<span class="pagenum"><a id="Page_121">[S. 121]</a></span> -Lehrling war, geeilt, weil er die Wecken austragen -mußte. Jetzt aber fürchtete er, von -Häcksel erkannt zu werden, und eilte schleunigst -fort.</p> - -<p>In dem Korb waren aber auch Bierbrezeln, -und als der Löwe und der Greis sich satt gegessen -hatten, ließen sie Häcksel den Korb -und sagten, als er ihnen klagte, daß ihm sein -Geld gestohlen sei, er solle die Bierbrezeln -in den Wirtshäusern verkaufen, damit er -Heimreisegeld bekäme. Dann raffte der Greis -seine Laterne auf, und der Löwe verbeugte -sich, und beide verschwanden am Ende der -Straße im Morgennebel.</p> - -<p>Häcksel aber, dem der Mund trocken war, -ging zu einer Straßenpumpe, wo eben ein -Kutscher seinem Gaul Wasser gab. Er bat -den Kutscher, daß er ihm vom Wasser aus -der Pferdekufe trinken lasse. Als er getrunken -hatte und sich aufrichtete, erzählte er auch -diesem Kutscher, daß man ihm sein Geld gestohlen -hatte. Der sagte, er habe schon davon -gehört. Ein Kollege habe ihm heute -morgen erzählt, daß zwei Fahrgäste, ein Rothaariger -und einer, der als Schutzmann verkleidet -war, einem Mann einen Ledergurt mit -Silbergulden gestohlen hätten, und daß beide<span class="pagenum"><a id="Page_122">[S. 122]</a></span> -von wirklichen Schutzleuten zum Haftlokal -geführt worden seien.</p> - -<p>Dem Häcksel wurde ganz wohl, als er das -hörte, und er schenkte dem Kutscher die Bierbrezeln -und bat, ihn dafür zu jener Polizeistation -zu fahren, da er seinen Ledergurt wiederholen -wollte.</p> - -<p>Der Kutscher tat das auch. Und Zinnoberchen, -als es hörte, daß Häcksel freiwillig zum -Haftlokal fahren wollte, war vergnügt und -guter Dinge und vermißte ihren treulosen Floh -aus dem Löwenfell nicht länger.</p> - -<p>Aber auch Flöhe bekommen nicht in allem -ihren Willen. Häcksel wurde nicht ins Haftzimmer, -sondern nur in die Polizeiwachtstube -geführt. Dort fand die Flöhin gar nicht, was -sie wollte.</p> - -<p>Man gab Häcksel seinen Gurt zwar nicht -zurück, aber man zeigte ihm denselben, und -er erkannte ihn als den seinen.</p> - -<p>Dann wurde ein Polizist beauftragt, Häcksel -in sein Heimatdorf zu begleiten und dort in -Erfahrung zu bringen, wie Häcksel zu dem -Silbergeld gekommen sei.</p> - -<p>Häcksel behauptete immer noch, er habe -es geerbt. So kam Häcksel auf Polizeikosten -zurück in sein Heimatdorf. Nach langem<span class="pagenum"><a id="Page_123">[S. 123]</a></span> -Fragen glaubte man endlich Häcksel, und -man ließ ihn wieder seine Bergwerkarbeit antreten.</p> - -<p>Zinnoberchen bekam inzwischen viele Junge. -Es waren Flohkinder, von ihm, der damals -in der Nacht über den Plankenzaun in den -Hühnerstall geflüchtet war. Die Flohmänner -waren ihr unterwegs alle wieder abhanden -gekommen. Sie kehrte einsam und nur mit -vielen Kindern beschenkt mit Häcksel ins -Bergwerk zurück.</p> - -<p>Häcksel aber bekam zwar jenen Geldgurt -zurück, doch fand sich kein einziger Silbergulden -mehr in dem Gurt. Die letzten waren -auf der Polizei herausgerollt, und niemand -wußte wohin.</p> - -<p>Als Häcksel den leeren Gurt umschnallte, -wurde er schwermütig. Er fieberte täglich -heftiger und heftiger und wollte doch nicht -sterben, da ihn kein Begräbnis erster Klasse -erwartete.</p> - -<p>Häcksel hat sich dann im Bergwerkpferdestall -anstellen lassen und kam gar nicht mehr -an die Erdoberfläche. Davon, daß er überhaupt -nicht mehr die Luft wechselte und -immer in der durchwärmten Schachtluft wohlbeschützt -dahinlebte, heilte seine Lunge aus,<span class="pagenum"><a id="Page_124">[S. 124]</a></span> -und er genas von seiner Schwindsucht und -dem Fieber.</p> - -<p>Aber eines Tages schlug ihm ein Pferd, als -er sich eben bückte, mit dem Hinterfuß vor -den Kopf, da Häcksels Leibfloh das Pferd -unsanfter als sonst in die Weichen gebissen -hatte.</p> - -<p>Eine ganze Nacht lag Häcksel in seinem -Blut unter dem Pferd. Niemand war da, und -nur die Flöhe sahen von allen Pferderücken -herunter neugierig zu, wie so ein Menschenvieh -endlich einmal stirbt. Sie lachten und -kicherten, bissen in die Pferdeweichen und -hatten es wunderschön, indessen Häcksel nochmals -die Nacht durchlebte, da er alles Geld -verloren hat. Der Teufel mit zwei Gesichtern -setzte sich auf eine Pferdekrippe in die Stallecke, -wo der rote Laternenschein den Stall -schwach aufhellte, und von der Decke über -dem Heu, wo die Spinnweben dick festhingen, -löste sich die Königin der Nacht los und -krallte eine Hand in Häcksels Kopfwunde, -die ihm der Pferdehuf geschlagen hatte.</p> - -<p>»Laß mich, laß mich,« krächzte der Verwundete -und wälzte sich zum Vergnügen der -jungen Flöhe hin und her. Und er sah dann, -wie der schwarzbärtige Andreas Hofer mit<span class="pagenum"><a id="Page_125">[S. 125]</a></span> -der Königin der Nacht zu ringen begann. Es -wurde im Stall heller, weil die Nacht von -Andreas Hofer besiegt wurde.</p> - -<p>Dann nahte der vergißmeinnichtbekränzte -Schutzengel und fragte Häcksel streng, ob er -noch etwas zu gestehen hätte, er solle sich -das Herz durch ein Geständnis erleichtern.</p> - -<p>Die Flöhe verfolgten von den Pferderücken -herunter dieses Theater im fiebernden Hirn -des Sterbenden mit Spannung. Denn da sie -ihr Lebenlang mit dem Menschenblut des -Häcksels aufgefüttert waren, verstanden sie -dieses Blutes Sprache gut und sahen alles, -was der Sterbende zu sehen vermeinte.</p> - -<p>»Ich wette, er wird nichts gestehen,« lachte -der Jüngste der Flohbrut. »Gesteh nichts, -sag nichts, es ist dein gutes Recht zu schweigen,« -rief er mit Eifer zu Häcksel herunter.</p> - -<p>»Nein, sage es nur! Er weiß es ja schon -selber, daß du die Silbergulden aus dem -blinden Stollen gestohlen hast,« kreischte der -Chor der andern frech und lustig.</p> - -<p>Häcksel schwieg und ächzte. Er schwieg -auch, als alle Toten aus dem blinden Schacht -mit vorwurfsvollen Gesichtern an ihm vorüberzogen.</p> - -<p>Da winkte der Teufel in der Ecke des<span class="pagenum"><a id="Page_126">[S. 126]</a></span> -Stalles, und herein sprang der Höllenhund -und stand wie ein großer Löwe mitten im -Stall und schüttelte sich knurrend.</p> - -<p>Aber zugleich kam auch ein Greis herein -— das war Petrus — und faßte den Höllenhund -an der Mähne, so daß er sich nicht auf -Häcksel stürzen konnte.</p> - -<p>»Gesteh, daß du das Silbergeld nicht geerbt -hast,« drohte der glatzköpfige Petrus und griff -nach der Stallaterne und drohte, daß er das -Lebenslicht in der Laterne, das dem Häcksel -gehörte, ausblasen würde, so daß der Halsstarrige -dann vom finstern Höllenhund verschlungen -werden müßte.</p> - -<p>»Bravo,« lachten die Flöhe und höhnten, -»siehst du, jetzt hast du dein erstklassiges Begräbnis -im Bauch des Höllenhundes.«</p> - -<p>»Ich habe das Geld — das gar kein Geld -war, von dem ich gar nichts ausgegeben habe, -von dem ich mir nicht einmal ein Glas Bier -bezahlt habe, — im Stollen ausgegraben und -nicht geerbt,« schrie Häcksel.</p> - -<p>»Hier hast du ein Stück Holzkohle aus -dem Feuerbecken des Teufels. Mit diesem -schreibe dein Geständnis an die Kalkwand des -Stalles, damit die Leute dein Geständnis schwarz -auf weiß haben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_127">[S. 127]</a></span></p> - -<p>Dann, als Häcksel geschrieben hatte, sagte -Petrus und hob den Zeigefinger drohend:</p> - -<p>»Siehst du, mein lieber Häcksel, du hast es -erleben sollen, daß unehrlich angeeignetes -Gut nicht den kleinsten Genuß bereitet. Und -daß Diebstahl einem mehr Mühe, Schweiß -und Ärger bereitet als die härteste ehrliche -Arbeit, das weißt du jetzt.</p> - -<p>Da du aber im Leben bereits deine Tat -gebüßt hast, will ich dir nun doch ein Begräbnis -erster Klasse auf himmlische Staatskosten -bereiten. Komm und steige in die -Himmelskutsche, die vor der Stalltüre steht. -Mit dir wird aber auch Zinnoberchen den -Himmel und das Begräbnis erster Klasse teilen, -denn der Pferdehuf hat sie auf deiner Stirn -zertreten, als er dich traf.«</p> - -<p>Da erst erfuhr die Flohbrut den Tot ihrer -Mutter. Und nun duckten sie sich alle vor -Schrecken. Und das Pferdeblut und das -Menschenblut in ihren Leibern wurde ganz -blaß, und sie sprangen für diese Nacht weit -fort in das Bergwerk und kehrten erst nach -Tagen in den Stall zurück, als man Häcksels -Leichnam an die Erdoberfläche gebracht und -dort wieder in die Erde gebettet hatte.</p> - -<p class="pmb3">Dieses ist die Geschichte von Häcksel und - <span class="pagenum"><a id="Page_128">[S. 128]</a></span> -den Bergwerkflöhen. Und wenn die Flöhe -inzwischen im Bergwerk nicht doch ausgestorben -sind, so leben sie heute noch dort, -so frech wie damals.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_129">[S. 129]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[S. 130]</a></span></p> - - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="Zwei_Reiter_am_Meer">Zwei Reiter am Meer</h2> -</div> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_131">[S. 131]</a></span></p> - - -<p>Einige Gäste erhoben sich und verabschiedeten -sich von der in Trauer gekleideten -Hausfrau und vom Hausherrn, der die Abschiednehmenden -durch die Diele zum Vorzimmer -begleitete.</p> - -<p>Ein Herr und ich waren allein die Letzten -in dem großen Bibliothekzimmer, wo wir -nach dem Abendessen, zu dem wir geladen -gewesen, alle um einen runden Mahagonitisch -beim Licht einer grünverschleierten -elektrischen Hängelampe plaudernd gesessen -hatten.</p> - -<p>Ich hatte mich an diesem Abend nicht viel -am Gespräch beteiligen können. Die weitgeöffneten -Türen in die erleuchteten Nebenräume, -in das Musikzimmer, in den Speisesaal -und in das Teezimmer, in denen überall sanftes -Licht und eine unendliche Ruhe sich ausbreiteten, -hatten meine Gedanken immer weiter -von mir fortgezogen, und es war mir, als -stünde mein Stuhl nicht im Bibliothekzimmer - <span class="pagenum"><a id="Page_132">[S. 132]</a></span> -eines vornehmen Landhauses draußen im -Waldhäuserviertel am Rande einer Weltstadt, -sondern am Rande eines Weltteils stand ich -und sah auf ein Weltmeer, auf einen grauen -Ozean, dessen Wasserlinie in der Ferne zu -Himmelswolken wurde, zu Nebelbrodem; und -nur in weiten Abständen warf manches Mal -eine langgezogene Strandwelle eine weiße -Sprühschaumwolke in die Luft. Nur diese -eine große Wellenzuckung zeigte Leben auf -jenem Wasserweltteil. Sonst waren Himmel -und Wasserfläche atemlos ausgebreitet und -verschwanden weit draußen im Nichts der -Unendlichkeit.</p> - -<p>Vor mir aber, ganz nahe am Wasserrand im -Dünensande, lebte das rassige Gliederspiel -zweier vorüberschreitender Reitpferde, die von -zwei Menschen geritten wurden, die ich aber -nicht näher beachtete, weil vorerst nur die -beiden Pferde und das einheitliche ungeheuerliche -Weltalleben von Meer und Himmel meine -Aufmerksamkeit anzogen.</p> - -<p>Der Glanz von den Flanken der spiegelglatten -Tiere und hie und da der Glanz im -Meer, der von den weithin streichenden Linienwellen -angeregt auf- und abzuckte, machten -Pferde und Reiter wie zu Spiegelgebilden, - <span class="pagenum"><a id="Page_133">[S. 133]</a></span> -zu Schattentänzern vor dem weiten Luft- und -Wasserraum.</p> - -<p>Es war ein hoheitsvolles Schreiten in den -Beinen und Fesseln der spielend und tänzelnd -auftretenden Pferdegestalten. Es war wie ein -Musizieren in der Luft, ein gaukelndes Tönespiel -in der adligen Beweglichkeit der Tiere, -als müßten das Meer und der Himmel zu -einem riesigen Instrument werden, auf dem -Melodien geboren wurden beim rhythmischen -Vorwärtsschreiten beider Reitpferde.</p> - -<p>Es kam mir nicht zum Bewußtsein, daß der -lautlose Dünensand alle Geräusche verschlucken -könnte. Auch der Sand, schien mir, wurde -zu rieselnden Tönen unter der Berührung der -zierlichen und rassigen Glieder der Pferde.</p> - -<p>Das Weltall um die Reitenden tönte bald -gedämpft jauchzend auf, bald klang es schneidend -weh zu mir her wie die Geräusche der -langen schneidenden Linien der flachen Strandwellen.</p> - -<p>Dieses Bild, das ich so lebendig sah, das Bild -der zwei Reiter am Meer, hing im nächsten -Zimmer, im Musiksaal, in goldenem Rahmen -über dem Flügel. Ich konnte es vom Bibliothekzimmer -aus nicht mehr sehen, aber das -Bild kam immer wieder zu mir.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[S. 134]</a></span></p> - -<p>Der Hausherr hatte mich, als wir nach dem -Abendessen aus dem Speisesaal kamen, auf -das Bild, das ihm das Lieblingsgemälde seines -Hauses war, aufmerksam gemacht. Und ich -hatte mich einen Augenblick auf eine Sessellehne -gestützt und hatte meinen Körper am -Sessel verlassen und war mit meinem Geist -durch den Rahmen des Bildes aus dem Haus, -aus dem Land weit fort gegangen und an den -Meerrand getreten. Als wir dann später im -Bibliothekzimmer um den runden Tisch saßen, -war es, wie ich es eben beschrieb. Das Bild -kam immer wieder zu mir. Es hob die Wände -der Zimmer fort. Die Ruhe der beleuchteten -Nebensäle wurde zur Ruhe des Weltmeeres, -das gedämpfte Licht in den Räumen zur Ruhe -des Himmelslichtes über den Urwassern.</p> - -<p>So wußte ich, als ich mechanisch aufgestanden -war und der Hausherr mit einigen Gästen -das Zimmer verließ, bald nicht mehr, was -Wirklichkeit und was Unwirklichkeit war.</p> - -<p>Es stand eine weite gedämpfte Festlichkeit -um mich, von der ich mich halb nicht trennen -konnte, und halb wieder getrennt fühlte, da -diese Festlichkeit nicht mir gehörte. Denn es -war die Festlichkeit der Schmerz und Freude -ausgleichenden Todesstunde, die aus den - <span class="pagenum"><a id="Page_135">[S. 135]</a></span> -Zimmern dieses Hauses noch nicht gewichen -war, die den Alltagsräumen eine höhere Verklärung -hatte geben können, als es sonst hier -laute Feste vermocht hatten.</p> - -<p>Ich war in demselben Hause vor Jahren zu -einem großen Abendfest gewesen, aber die -erlesen geschmückten Frauen und geistesgewandten -Männer hatten bei Tanzschritten, -Witz und Fröhlichkeit, bei Wein und Musik -keine ähnliche Größe der Festlichkeit schaffen -können, keine ähnliche Erhöhung des Hauses, -wie es jetzt ein einziger Mensch getan, ein -junger Mensch, der einzige Sohn, der durch -seinen Todesschritt das Haus an den Rand -der Unendlichkeit gestellt hatte. Wie diesem -war es nur dem Künstler gelungen, das Haus -fortzuheben, ihm, der jenes Gemälde geschaffen, -das nicht bloß über dem Flügel im Nebenzimmer -hing, sondern das die Kraft hatte, -Haus und Beschauer an das Erdende zu entrücken, -dorthin, wo das Reich der fliehenden -Wasser, das menschenleere Reich der Ozeane -beginnt, darauf der Mensch nur zeitweiliger -Gast sein, aber nicht Fuß fassen kann, wo -ihn Tiefe und Weite verschlängen, wenn er -die Grenze von der Wirklichkeit zum Nichts -überschreiten würde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_136">[S. 136]</a></span></p> - -<p>Ich stand noch unschlüssig, überlegend, ob -ich den Gästen, die gegangen waren, folgen -sollte, oder ob ich noch bei der Todesfestlichkeit, -die in diesen Räumen lag und mich -anzog, verweilen durfte.</p> - -<p>Der Gestorbene war ein junger Musiker -gewesen. Drüben am Flügel hatten Mutter -und Sohn oft Stunden verbracht, wenn sie -sang, was der junge Mann erdacht; wenn -er ihr vorspielte, was die Stimme seiner -Jünglingsgefühle, seines Jünglingsernstes und -seiner Jünglingseinsamkeit auftönen lassen -mußte.</p> - -<p>Damals waren beider Herzen, das der Mutter -und das des Sohnes, wie die zwei Reiter -am Meer gewesen, deren Pferde im gleichen -Takt schritten, und die melodisch vor der Unendlichkeit -des Himmels und des Meeres, vor -der Zukunft und vor der Vergangenheit hinzogen.</p> - -<p>Nun war die Einheit zerrissen. Die zarte -und zierliche, tief getroffene Mutter stand -noch fassungslos vor dem unfaßbaren Schmerz. -Die Melodie der Einheit war abgebrochen. -Das Leben gab keinen Klang mehr als den -des Schluchzens. Schluchzen noch nachts in -den Träumen, Schluchzen morgens beim Erwachen, - <span class="pagenum"><a id="Page_137">[S. 137]</a></span> -Schluchzen am Tage beim Schreiten -durch die lautlosen Räume des Hauses und -durch den noch lautloseren Raum des eigenen -Herzens.</p> - -<p>In den letzten Sommertagen war der junge -Mann noch Leben und Lebenslust gewesen. -Dann war er erkrankt. Seine Lunge fieberte. -Die Sprache, seine Stimme, starb zuerst. Dann -entglitt der Blick, die Augen erlöschten, und -der warme Körper, den die Mutter umschlang, -entfremdete sich selbst dem Mutterherzen -und verschwand in der Kälte des Todes.</p> - -<p>Nun waren Monate vergangen. Niemals -mehr hatte die Mutter den Flügel im Musikzimmer -öffnen können. Sie hatte den Sohn -immer noch begraben müssen, den Gestorbenen -immer wieder begraben. Sie hatte noch nicht -die Kraft gehabt, den Sohn verklärt vor sich -auferstehen zu lassen. Aber alles Abschiednehmen -muß von einem Wiederkommen abgelöst -werden. Auf die Trennung, die das -Sterben bringt, folgt die Wiederkehr, die -Stunde der Auferstehung. Das Leben läßt -sich nicht bis ins Unendliche begraben, auch -das tote Leben nicht. Auch im Tod ist ein -Wellenschlag. Das Land hat seine Berge und -Hügel, das Meer seine Wellen und Wogen, - <span class="pagenum"><a id="Page_138">[S. 138]</a></span> -der Himmel seine Wolken und seine Glätte. -Und auch das vergangene Leben hat sein -Gehen und Wiederkehren.</p> - -<p>An diesem Abend war mir unbewußt klar -geworden: der Tote war zu seiner Mutter und -zu seinem Vater verklärt wiedergekehrt. Er -war wieder auferstanden in den Räumen des -Hauses. Der junge Mann stand neben uns -und wollte uns von seiner Übersinnlichkeit -einen Ausdruck geben. Seine Todeswelle, -raumloser als die räumlichen Wellen, die wir -Lebenden fühlen, wollte sich vor uns verkörpern.</p> - -<p>Dieser feierliche Schauder berührte mich -noch, als die trauernde Frau des Hauses zu -mir sagte und auf den Gast deutete, der außer -mir noch im Zimmer geblieben war:</p> - -<p>»Sie gehen doch noch nicht? Ich dachte, -wir wollten heute abend noch ein wenig Musik -hören. Sie wissen, es ist seit Monaten kein -Ton in diesem Hause gespielt worden.«</p> - -<p>Der junge Mann, den sie zum Spielen aufforderte, -war ein sehr feiner, künstlerisch -ernster und gewandter Klavierspieler. Er -spielte uns dann gute Werke großer Komponisten -vor, verabschiedete sich aber bald.</p> - -<p>Mich jedoch hielt eine Spannung fest, eine - <span class="pagenum"><a id="Page_139">[S. 139]</a></span> -Erwartung, eine Sehnsucht nach der Verkörperung -der überirdischen Festlichkeit des Todes, -die mich in diesen Räumen nicht verließ.</p> - -<p>Die beiden Klavierlampen brannten noch -am offenstehenden Flügel. Unweit von mir -auf einem kleinen Damenschreibtisch stand -die Photographie des jungen Verstorbenen.</p> - -<p>Draußen vor den weißverschleierten Fenstern -des Hauses lehnte das Schweigen des dunkeln -Gartens, des dunkeln Waldes. Ich wußte, -die Nachtlandschaft draußen war schneelos -und winterlich düster. Es war Februar, und -das Grab des Toten lag fern irgendwo in -einem der mächtigen Großstadtfriedhöfe. Und -jenes Grab unterschied sich in nichts von der -Wintererde und in nichts von den andern -Millionen Grabhügeln, die überall auf der -Welt jahraus, jahrein hervorwachsen, die -im Sommer begrünt sind wie die Wälder und -Wiesen und im Winter verlassen scheinen -wie die Wälder und Wiesen.</p> - -<p>Der Geist der Toten aber lebt Sommer und -Winter in einer verklärten Jahreszeit, die wir -auf Erden nicht kennen, die sich aber auf -uns herabsenkt, wenn sich ein Toter uns mitteilen -will. Beim Gemisch der eisigen Wellen -des Toten und der Wärmewellen unseres - <span class="pagenum"><a id="Page_140">[S. 140]</a></span> -Herzens entsteht jene schauersüße Stimmung, -in der wir fröstelnd fühlen, der Tote ist auferstanden -und kehrt verklärt bei uns ein.</p> - -<p>Ich wagte unter dem Bann dieser Stimmung -die Frage an die trauernde Mutter, ob sie -nicht ein Lied ihres verstorbenen Sohnes singen -oder ein Musikstück von ihm spielen möchte.</p> - -<p>Sie lächelte schmerzlich und ging zum Flügel. -Aber als wenn sie sich selbst vom gleichen -Wunsch zum Klavier hingezogen gefühlt hätte, -schien sie mir dabei freudiger im Gang, von -einer verhaltenen Freude umgeben. Allein im -Hause, hätte sie es vielleicht nicht gewagt, -jetzt schon vor dem Vater des Verstorbenen -Lieder und Töne aufleben zu lassen.</p> - -<p>Als die Trauernde sich zwischen die zwei -hellen verschleierten Lampen an den schwarzglänzenden -Flügel setzte und ihre schwarz -eingehüllten schmalen Schultern sich von den -schneeweißen Tüllvorhängen abhoben, die -senkrecht vor den Fenstern hinter ihr herabhingen, -da war es mir noch nicht gewiß, -ob Leben aus dem Flügel erwachen würde. -Ich mußte immer noch denken, daß diese -in tiefe Trauer gehüllte Mutter den Sohn -immer noch begrub. Der Flügel vor ihr -wurde mir wie zum glänzend schwarzen Sarg, - <span class="pagenum"><a id="Page_141">[S. 141]</a></span> -an dem sie sich, wie mir schien, niederlassen -mußte, um zu schluchzen, um zu weinen und -zu begraben.</p> - -<p>Ich wußte nicht, ob die Trauernde schon -reif war, den Toten auferstehen zu lassen, -in jener Verklärung, in der ich als Fremder -ihn bereits in den Räumen eingetreten -fühlte.</p> - -<p>Es würde mich nicht verwundert haben, -wenn die noch schwer Erschütterte nach den -ersten Tönen das Spiel abgebrochen und ihr -Gesicht in die Hände vergraben hätte.</p> - -<p>Aber sie war reif zum Empfang des Zurückkehrenden. -Mit einem wunderbaren Mut, -als überschritte sie selbst freudig die Schwelle -vom Leben zum Tod, entlockte sie dem Flügel -die alten Wohllaute, die nur ihr vertrauten -einsamen Jünglingsgefühle des Sohnes, die -männlich junge Lust und die männlich jungen -Zweifel, die einst in ihm gerungen hatten.</p> - -<p>Und als sie eines der letzten seiner Lieder -sang, geschah vor meinen Augen das Wunderbare: -die reife schöne Frau sang sich an den -jugendlichen Weisen ihres Sohnes zur eigenen -frühesten Jugend zurück. Und ihr Frauengesicht -wurde mädchenhaft, aller Enttäuschungen -bar. Mädchenhaft gläubig und vertrauend - <span class="pagenum"><a id="Page_142">[S. 142]</a></span> -wurden die Augen beim Aus- und Einatmen -der Musik. Die Vergrämte verklärte sich -unter der Verklärung des Toten. Und ich -sah Mutter und Sohn auf zwei großen, überweltlich -großen, jugendlichen Rossen, von -denen jedes die Verkörperung eines Schicksals -zu sein schien, am Meer der Unendlichkeit -hinreiten.</p> - -<p>So sehe ich beide dort heute noch und in -Ewigkeit als zwei Reiter am ungeheuren Meer -am Rand der Welt.</p> - -<p class="pmb3">Und wenn ich in neuen Stunden und in -anderen Räumen dieser Frau wiederbegegnen -werde, sie wird für mich immer die vom -Todesschmerz mädchenhaft verklärte Mutter -sein, die, auf der Linie zwischen Leben und -Tod, lebender in der Entrückung auflebt als -im Irdischen.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[S. 143]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[S. 144]</a></span></p> - - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="Auf_dem_Weg">Auf dem Weg<br /> -zu den Eulenkäfigen</h2> -</div> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_145">[S. 145]</a></span></p> - - -<p>Ich habe manchmal darüber nachgedacht, -wenn ich Frau Claudia nach Jahren in dieser -oder jener Weltstadt wiedersah, womit sich -ihre Augen vergleichen ließen. Es machte -mich oft in ihrer Nähe unruhig, daß ich -keinen Maßstab für ihre Augen fand, und -wenn ich aus der Ferne, bei Gesprächen oder -in Gedanken, das Bild Claudias vor mich -hinstellte, stotterte meine Vorstellung, möchte -ich sagen, und brachte niemals einen Vergleich -zustande, eine Beschreibung jener Frauenaugen.</p> - -<p>Sie sind schwarz, aber man kann sie nicht -einfach schwarz nennen, denn sie sind nicht -schwarz, wenn sie einen treffen. Sie sind -von einer Dunkelheit, die ist über Schwarz -hinaus, eine abgründigere Farbe, vielleicht -müßte man diese Augen Saturnschwarz nennen.</p> - -<p>Einmal habe ich von Claudia, welche die -Frau eines meiner Freunde ist, und mit der -mich nur rein freundschaftliche Beziehungen -verbinden, ein wenig ehebrecherisch geträumt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_146">[S. 146]</a></span></p> - -<p>Es war ein ziemlich harmloser Ehebruchstraum. -Da ich gar nicht für Vielweiberei -veranlagt bin, erstaunte mich der Traum, und -ich mußte am Morgen ein kleines Gedicht -darüber schreiben. Das Gedicht schilderte -ein paar Tanzschritte, die ich im Traum mit -Claudia tanzte. Sie war vom Hals bis zum -Fuß in einen weißen Seidenschal schlank eingewickelt, -und wir hielten uns zum Tanz nah, -und dabei sahen Claudias Augen, jene unbeschreibbaren -Augen, unerbittlich in mich -hinein. Ich fand auch in jenem Gedicht wieder -keinen zutreffenden Vergleich für diesen -Blick, sondern nur den ganz blöden romanhaften, -daß Claudias Auge ähnlich einer Messerklinge -war, die auf schwarzem Samt liegt.</p> - -<p>Dieser Vergleich mag mir deshalb gekommen -sein, weil Claudia einmal in einer zornigen -Aufwallung ein spitzes Messer nach ihrem -leichtlebigen Gatten geschleudert hatte. Dieses -Messer sauste damals, ich weiß nicht, ob ich -sagen soll zum Glück oder zum Unglück, an -dem sich behend Duckenden vorbei, blieb -aber senkrecht wie ein Stahlpfeil im Türbrett -stecken, wo es noch eine lange Weile zitterte.</p> - -<p>Nur deshalb verzieh ich mir in dem Gedicht -jenen romantischen Vergleich. Aber - <span class="pagenum"><a id="Page_147">[S. 147]</a></span> -jetzt brauche ich mich überhaupt nicht mehr -abzumühen, mir die Augen Claudias zu erklären. -Sie selbst hat es neulich getan.</p> - -<p>Es war im Winter, ich hatte mich mit einigen -Freunden und Freundinnen, unter denen auch -Claudia war, verabredet, mich mit ihnen am -Eingang des Zoologischen Gartens zu treffen. -Ich kam etwas verspätet aus einer Kunstausstellung -und dachte, daß alle Freunde schon -gekommen wären. Durch die großen Scheiben -des Autos blickte ich unruhig der Fahrt voraus, -um schnell zu wissen, ob ich wirklich -der letzte sei, denn die Verspätung ärgerte -mich. Meine Uhr aber schien falsch zu gehen. -Ich war noch zu zeitig da, sogar einer der -ersten, denn nur Claudia wartete schon vor dem -Eingang. Ich sah sie dort im schwarzen Samtmantel -mit schwarzem Skunksschal, schwarzer -Samtkappe mit schwarzem Reiher, schwarz -auf dem hellen kahlen Asphaltpflaster im -kahlen Januarnachmittag stehen und sich nach -meinem vorfahrenden Auto umsehen.</p> - -<p>Aber es ist nicht richtig, wenn ich sage, -daß ich all dieses Schwarz, in dem Frau -Claudia jetzt immer mit Vorliebe auf der -Straße erschien, zuerst gesehen hätte. Ich sah -zuerst nur jene schwarzen Augen, nachdem - <span class="pagenum"><a id="Page_148">[S. 148]</a></span> -mich ihr Blick aus dem immer todbleichen -Gesicht traf. Auch Claudias Haar ist schwarz, -wie ihre Kleidung. Dieses schwarze Haar -trennt sich aber vom Gesicht nicht mehr als -das Kleid. Es lebt nicht mehr als dieses. -Leben haben nur Claudias Augen, ein Leben, -das ungeheuerlich weit aus dem Gesicht fortgerückt -scheint. Nicht Leben, das einem entgegenkommt. -Man könnte sagen, daß man -eine aufgezeichnete Landkarte vom Leben, -Weltteile von einem Leben, in den schwarzen -Augen schaute, wenn der Blick jener Frau -einen traf.</p> - -<p>Nach einer Weile kamen die andern Freunde, -und wir traten in den leeren Zoologischen -Garten ein, wo die blätterlosen Bäume öde -gegen den mattgrauen Winterhimmel standen -und, ebenso wie die Augen Claudias, nur -Lebenslinien, hoch von der Erde weggerückt, -Haltung und Bestimmung zeigten, aber keine -blätterrauschende Sommerfreude.</p> - -<p>»Wo wollen wir zuerst hin?« fragte einer -den andern.</p> - -<p>Jemand schlug vor, zu den Raubtieren zu -gehen. Ein anderer wollte zu den Affen. -Ein dritter zu den Papageien. Nur Claudia -sagte immer dazwischen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_149">[S. 149]</a></span></p> - -<p>»Aber zu den Eulen müssen wir auch gehen! -Ihr wißt nicht, wie schön die Eulen sind. -Ihr habt ihre Augen sicher nie betrachtet. -Ich sage euch, es sind wunderschöne Vögel. -Ich gehe nie aus dem Zoologischen Garten -fort, ohne bei den Eulen gewesen zu sein.«</p> - -<p>Als Claudia so eifrig die Eulen bevorzugte, -ging sie in der Mitte der kleinen Gesellschaft, -von den Damen und Herren umgeben, -und sie blickte nur ab und zu nach -links und rechts, und sie lächelte. Und ich -mußte an den Rattenfänger von Hameln -denken, der an der Spitze einer Kinderschar -schreitet und diese mit seinen eindringlichen -gleichmäßigen Flötenlauten in einen finsteren -Berg lockt, der sich bald hinter den Ahnungslosen -schließen wird.</p> - -<p>So gingen diese schwarzen Augen, die ich -bis zu jener Stunde immer noch nicht beschreiben -konnte, allen anderen Augen voran, -von denen keine mit so schicksalstiefen Blicken, -unheimlichen Flötenlauten ähnlich, anziehen -konnten wie Claudias Augen. Mir schien, -wir andern wären plötzlich alle schwarz wie -Claudia gekleidet, als sie uns immer wieder -von den düsteren Eulen sprach. Eulen waren -ihr die liebsten Tiere des ganzen Gartens - <span class="pagenum"><a id="Page_150">[S. 150]</a></span> -und die schönsten Vögel der Welt. Und ich -konnte mich bald nicht mehr des Wunsches -erwehren, zu keinen anderen Tieren zu gehen -als zu den Eulen. So ging es schließlich allen, die -um Claudia waren. Die Eulen wurden für jeden -der Mittelpunkt des Gartens. Und während die -Stimme der schwarzäugigen Frau die Eulen -pries, wie ich es noch nie von jemandem gehört -hatte, und während einer nach dem andern -seine eigenen Wünsche fallen ließ, sah -ich auf dem Fünfminutenweg hin zu den Eulenkäfigen -Claudias Leben, das sich rasend vor -mir abspielte. Man sagt, daß einem von einem -Turm oder Berg Stürzenden innerhalb der -Sturzsekunden das Leben in blitzartigen Bildern -vor den Augen vorüberrase. So geschah -es mir mit Claudias Leben auf dem -Weg zu den Eulenkäfigen.</p> - -<p>Vorher hatte ich es nie im Zusammenhang -gesehen. Nie hatte sie selbst mir viel erzählt. -Nur Andeutungen, nur Sätze und -nur kurze Geschehnisse, erzählt von gemeinsamen -Freunden über sie, lagen zerstreut -in mir.</p> - -<p>Nun aber schossen mir alle diese Eindrücke, -wie von einem Magneten angezogen, auf dem -Weg zu den Eulen zu einem so tragischen - <span class="pagenum"><a id="Page_151">[S. 151]</a></span> -Lebensbilde zusammen, daß mich jeder Schritt -marterte, den ich neben Claudia weitergehen -mußte. Und doch lockte mich die Erhabenheit -eines verfinsterten Menschenlebens, so wie -schmerzliche Flötenlaute bestricken und uns -fortführen können in ein Dickicht, durch -Stacheln und Dornen.</p> - -<p>Claudia war einst eine starke, mutige, das -Leben herausfordernde, tapfere, junge Studentin -gewesen. Der Mann, den sie heute noch -liebt, trotzdem er ihr Grauen einflößt, trotzdem -er täglich Mühlsteine an ihre Seele hängt, -war damals ein hoher schlanker Student. -Claudia hatte ihm den Namen Dagon gegeben; -Dagon, der biamesische Gott des Ungeheuerlichen, -der Gott des Verschlingens -ohne Ende, der Gott der Lebensunsicherheit, -zu dem alle Sterblichen beten, und der -ihnen nichts für ihr Gebet gibt, keine andere -Gewißheit als den Tod. Dagon, der Gott -des grauenhaften Nichts, der Schicksalsrachen, -der die Menschheit zermalmt, dem niemand -Widerstand leisten kann, der Gott, für den -die Blumen welken, die Vögel tot aus dem -Himmel fallen, vor dem aus Furcht die Erde -zu zwei Dritteilen in das bittere Angstwasser -ihrer Meere gehüllt steht, während nur ein - <span class="pagenum"><a id="Page_152">[S. 152]</a></span> -Drittel der Erde Dagon die Stirnen der Berge -als Widerstand hinstellt.</p> - -<p>Claudia hatte diesen Namen wie in einer -Vorahnung ihres Schicksals dem jungen Studenten -gegeben, damals noch nicht wissend, -wie tief erkennend sie dabei war. Denn wie -stark der Gott allmächtiger Willkür in dem -Geliebten verkörpert war, das erfuhr sie erst -im Laufe der Zeit.</p> - -<p>Es waren zuerst nur Kleinigkeiten gewesen, -die Claudia den Namen Dagon und damit -die Erscheinung des gruseligen Gottes vor die -Augen führte, wenn sie den jungen Mann und -zukünftigen Lebensgefährten beobachtete. Es -belustigte sie, den Geliebten auf Widersprüchen -zu ertappen, aus denen er sich lächelnd und kühl -überlegend oder mit einem gewandten Geistessprung -ins Blaue ihren starken schwarzen Augen -entrückte. Damals merkte sie zuerst, daß -jener Mann in noch einer ihr fremden Dimension -lebte, die sie nicht an anderen Menschen -kannte, die Dimension des Fabelhaften, die -Dimension, in der die Wirklichkeit und der -Schein, die Wahrheit und die Lüge nebelhaft -ineinander gleiten. Eine Welt war in ihm, -wo Wirklichkeit auf dem Kopf steht und -Unwirklichkeit wird, ähnlich wie Häuser am<span class="pagenum"><a id="Page_153">[S. 153]</a></span> -Ufer eines Flusses im Spiegelglanz des Wassers -mit dem Dach nach unten stehen und scheinbar -auf einer anderen Weltseite leben, einer -Welt, die tief scheinen will, unergründlich -aussehen will, die aber nichts ist als ein auf -den Kopf gestelltes Zerrbild der Wirklichkeit.</p> - -<p>So spiegelte das Gehirn jenes Mannes, mit -scheinbaren Unergründlichkeiten verblüffend, -die Ufer des Lebens wieder, indem es das -Feste beweglich machte, es wahnwitzig verzerrte, -es für unergründlich ausgab.</p> - -<p>Ehe Claudia sich mit dem Studenten verlobte, -war ein anderer Mann ihrem schwarzen -Blick verfallen, ein junger Adeliger, der sich -von ihrer Anziehungskraft nicht losmachen -konnte, trotzdem er von Claudia nichts zu -hoffen hatte. Sie trug damals ihr schwarzes Haar -kurzlockig geschnitten und, nach Knabenart, in -der Mitte gescheitelt. Sie rauchte auch, als es -noch nicht allgemein war, daß Frauen Zigaretten -rauchten. Sie wäre vielleicht auch am -liebsten in Herrenkleidung ausgegangen. Ihr -immer elfenbeinblasses Gesicht zeigte rote -frische trotzige Lippen, und alles Verwegene, -Herausfordernde, menschlich Kühne erregte sie, -da ihr eigener junger Körper der Welt knabenhaft -verwegen und widerspruchsvoll gegenübertrat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[S. 154]</a></span></p> - -<p>Ein Freund jenes jungen Adeligen suchte -sie eines Tages in ihrem Studentenzimmer -auf und bat sie, sich doch zu entscheiden, -ob sie nicht die Frau seines Freundes werden -wollte. Als sie »nein« sagte, schlug der Abgesandte, -der ein ernster und zielbewußter -Mensch war, in ehrlichem Zorn mit der Hand -auf den Tisch und fragte Claudia, was sie -veranlasse, die Hand eines ehrbaren jungen -Mannes mit einem Nein abzuweisen.</p> - -<p>Die Gefragte sagte ganz einfach, daß sie -bereits gewählt habe, und nannte den Namen -Dagons.</p> - -<p>»Dann prophezeie ich Ihnen, daß sie niemals -glücklich werden,« entfuhr es dem heftig -Erregten, der seinen Freund verdrängt sah von -einem, der ihm Widerwillen einflößte. »Aber -sagen Sie mir, ehe ich gehe,« fügte er hinzu, -»was haben Sie gegen meinen Freund einzuwenden?«</p> - -<p>»Daß er adelig ist,« antwortete ihm frei und -stolz die junge Studentin, »ist der Grund, der -immer bleiben würde, wenn ich nicht bereits -einen andern vor ihm gewählt hätte. Ich will -nicht, daß man in seiner Familie auf mich als -auf eine Bürgerliche herabschaut.«</p> - -<p>Claudia prahlte niemals mit ihren Anbetern.<span class="pagenum"><a id="Page_155">[S. 155]</a></span> -Nur einmal, als ich sie tief unglücklich antraf -und ganz natürlich fragte: »Wie sind Sie -denn mit diesem Mann zusammengekommen, -der Ihnen jetzt so viel Qualen bereitet?«, da -erzählte sie diese kleine Verlobungsperiode, -und sie schloß: »Gerade weil mich der Freund -jenes Adeligen vor Dagon warnte und mir -Unheil prophezeite, gerade das war es, was -mich herausforderte, Dagon erst recht zu -wählen. Es machte mir Lust, mit meinem Geliebten -Seele gegen Seele zu ringen. Das fabelhaft -Verwandlungsfähige seiner Seele reizte -die eisernen, starren und gefestigten Lebensbegriffe -in mir. Mir war, als könnte Dagon -alles Feste in Wolken auflösen. Mir war, -als sähe ich einem Zauberer zu, wenn er mich -leise und lächelnd schon in der ersten Zeit -unseres Bekanntwerdens belügen konnte. Dann -drang ich mit meinen Augen in ihn ein, und mir -war, als müßte ich das Lügen aus ihm ausbrennen. -Er lächelte wieder und log hilflos weiter -und tat, als hätte ich wirklich das leichte Lügen -an der feinsten Wurzel in ihm abgetötet. -Aber ich ahnte ja nicht, daß er immer wieder -neue Fäden der Lüge hinter sich herziehen -konnte, wie die Spinne ihre Fäden, daran sie -tanzt, daran sie sich über Abgründe schwingt.<span class="pagenum"><a id="Page_156">[S. 156]</a></span> -Während ich aber glaubte, in Dagon die Lüge -abzutöten, wurde ich langsam von ihm abgetötet, -entkräftet. Denn Unheil ist sein Schaffen, -und nur Unheil war er für mein ganzes Leben.«</p> - -<p>Und Claudia erzählte weiter:</p> - -<p>»Am ersten Weihnachtsfest, das wir zusammen -als Verlobte feiern wollten, reiste ich -zum erstenmal in meinem Leben zum Fest -nicht nach Hause, trotz der Bitten meiner -Eltern und Geschwister und obwohl ich wußte, -daß mein Vater alt und krank war. Aber am -Nachmittag des Weihnachtsabends, auf den -ich mich so sehr gefreut hatte, bekam ich ein -Telegramm, das mir den Tod meines Vaters -anzeigte. Ich saß eine Stunde später im Eisenbahnzug -und durfte den Abend weder bei -dem geliebten Mann, noch in meiner geliebten -Familie verbringen, sondern war in einer -Hölle von Einsamkeit, zwischen zwei Zielen -hin und her schwankend, zwischen dem Ziel -des Lebens und dem Ziel des Todes. Leidend, -weinend und erschüttert saß ich in der weihevollen -Nacht als einziger Reisender im leeren -Zug, von Selbstvorwürfen gepeinigt, weil ich -meinem toten Vater den letzten Wunsch nicht -erfüllt hatte, ihn auf seinem Krankenbett am -Weihnachtsabend zu besuchen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_157">[S. 157]</a></span></p> - -<p>Ich hatte nun an diesem Abend nichts, -weder den Geliebten, noch das Heim. Ich -hatte die Leere. Das war der Anfang des -Verschlingens, das von Dagon ausgeht. Aber -ich hatte mir Dagon gewählt, das mußte ich -mir immer wieder sagen. Ich hätte auf dem -Landgut des Adeligen vielleicht ein ruhiges, -seßhaftes Leben führen können, gepflegt von -einem mich aufrichtig Liebenden. Ich hatte -es nicht gewollt. Mich hat der Kampf mit -dem Unklaren, Ungewissen gelockt. Ich wußte -es damals nicht: es ist der Kampf mit dem -Nichts gewesen.«</p> - -<p>So erzählte mir Claudia ohne Pathos, ohne -große Geste, mit schwarzblanken Augen, die -glänzend zu sein schienen von den Abgründen -ihres Unglückes. Es war auch, als triumphiere -in ihrem Blick das Bewußtsein des -Unentrinnbaren, als käme sich jene Frau selbst -erstaunlich vor und als ließe sie ihr Erstaunen -über sich aus ihrer Augenschwärze strahlen. -Deshalb klagte sie eigentlich nicht, wie andere -klagen, wenn sie Grauenhaftes, Martervolles -erleben. Sie lebt in einer Unglücksekstase, und -mir scheint, ihre Augen werden immer glänzender, -je unglücklicher sie von Jahr zu Jahr -wird.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_158">[S. 158]</a></span></p> - -<p>Nur einmal in jenem Winter erschrak ich. -Da verflüchtigte sich das Feuer ihres Willens -zum Unglück. Ihre Augen sahen so verklärt -aus, als ginge sie nur noch mit den Zehenspitzen -wie eine Traumwandlerin auf den -Dächern der Welt.</p> - -<p>Als Claudia und Dagon ein Jahr verheiratet -waren und sie sich schwanger werden fühlte, -waren sie beide nach Kanada ausgewandert. -Sie wußte nicht mehr, wer zuerst den Plan gehegt -hatte. Sicher blieb nur, daß es ihr Unglück -war, daß er ausgeführt wurde. Sie, die schon -damals fühlte, daß sie in dem Mann so wenig -Sicherheit hatte, als wenn sie sich an seinen -Schatten anklammern würde, hatte begeistert -den Weg ins freiheitliche Amerika angetreten, -schwärmend für alles Großzügige, Unbegrenzte, -nie Dagewesene. Dort in dem -jugendlichen Land Amerika, wo die Frau den -Mann regiert, hoffte Claudia vielleicht, Dagon -allein für sich zu bekommen und seine Augen, -die alle Frauen wie Irrlichter umgleiten konnten, -zum festen Blick zu zwingen, der sich dann -von ihrem Herzen nicht mehr abwenden sollte. -Denn Claudia wollte Dagons eidechsenhaften -Seelenbewegungen die schwerthafte Stärke ihrer -Augen geben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_159">[S. 159]</a></span></p> - -<p>Aber was half es ihr. Alle ihre Kraft verpuffte -nur wie nasses Pulver, da Dagons -Schicksal feindlich gegen ihr Schicksal gerichtet -war.</p> - -<p>Kaum waren beide in Amerika gelandet, so -erhielten sie die Nachricht, daß Dagon seinen -Vater verloren habe und wegen wichtiger Erbschaftsangelegenheiten -nach Deutschland zurückkehren -müsse.</p> - -<p>Claudia konnte nicht umkehren; sie hatte -eben ihr erstes Kind geboren und lag zu Bett. -Und Dagon entglitt ihr, wie sie es immer erwartet -hatte. Der Ozean trennte sie bald. -Sie, die keine Stunde ohne ihn sein wollte, -war gezwungen, ihm von einem Weltteil zum -andern nachzuklagen. Und als Dagon später -Claudia nachkommen ließ und sie in Europa -erwartete, hatten sie nicht den Ozean hinter -sich gelassen, als sie sich wieder die Hände -reichten. Zwischen ihrer beider Augen blieb -der erste Ozean der Trennung, und viele Ozeane -folgten, die sich einer an den andern reihten. -Denn Dagon hatte Claudia von da ab mit -der und jener Frau betrogen, mit der und -jener Freundin. Wenn sie auch immer Geständnisse -aus ihm herauslockte, das Urversprechen -einer Treue, einer männlichen Festigkeit,<span class="pagenum"><a id="Page_160">[S. 160]</a></span> -auf der ihre schwarzen Augen ruhen -wollten, konnte sie Dagon nie abringen.</p> - -<p>Claudia warf sich dann auf die Arbeit. -Sie hatte studiert, hatte ihr Examen gemacht. -Sie wurde Ärztin und arbeitete an Dagons -Seite unentwegt und damals noch ungelähmt. -Sie tat ihre Arbeit gern, um ihren Mann zu -ihrem Schuldner zu machen. Denn Dagon -hatte kein Vermögen geerbt, wie sie beide es -erwartet hatten. Dagons Geschwister hatten -es vermocht, den sterbenden Vater zu veranlassen, -seinen leichtlebigen Sohn zu enterben, -ihn nur auf Pflichtteil zu setzen, und -dieses Geld sollte Claudias Kindern und nicht -Dagon ausgezahlt werden.</p> - -<p>Sie verdiente nun neben ihrem Mann, denn -sie hatten beide hohe Lebensansprüche. Die -Luft um Dagon wurde immer trüber. Er blieb -halbe Tage fort, ohne daß Claudia wußte, -wo er war. Sie erfuhr immer wieder von -neuen kleinen Leidenschaften zu Frauen aller -Kreise, die Dagon fesselten und die er ausleben -mußte.</p> - -<p>Er selbst spaßte nur darüber, als wären seine -Liebeserlebnisse nicht mehr als kleine Warzen -an der Hand, die kommen und gehen und dem -Wohlergehen nicht weiter schädlich sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[S. 161]</a></span></p> - -<p>Bei jedem neuen Erlebnis ihres Mannes -hoffte Claudia, es würde das letzte sein. In -jener Zeit war es einmal, daß ihr die Geduld -plötzlich riß und sie ein Messer nach Dagon -schleuderte, das in der Tür stecken blieb. -Und endlich mußte sie erkennen, daß ihres -Mannes Seele, wenn sie nach ihr griff, immer -ihrer Hand entglitt, so wie man den feinen -Wüstensand nicht in der Hand behalten kann; -denn wenn man die Faust zudrückt, rieselt -dieser ewig bewegliche und ewig erhitzte -Sand durch die Fingerritzen, und wenn man -die Faust öffnet, hat man nichts in der Hand.</p> - -<p>So war das Herz Dagons in der Hand -Claudias. Wenn sie es noch eben festhielt, — -es war nicht mehr da, wenn sie die Hand -öffnete und nachsah.</p> - -<p>Darüber wurde ihr eigenes Herz dürr. Es -wurde von den Leiden und Schmerzen und -von der Leidenschaft versüßt wie getrocknete -Datteln, die zuckriges Fleisch um einen steinharten -Kern tragen. Den Stein in Claudias -Herzen löste nichts auf. Der Stein saß im -süßen Fleisch unbeweglich, und das süße -Fleisch welkte und dörrte.</p> - -<p>Da wurde eines Tages Claudia von Verzweiflung -gepackt. Ich war damals nicht in<span class="pagenum"><a id="Page_162">[S. 162]</a></span> -ihrer Nähe und hörte nur aus Briefen meiner -Freunde, daß jene Frau ihrem Mann Gleiches -mit Gleichem vergolten und sich einen Freund -genommen hatte, einen jungen Kaukasier, mit -dem sie fortgereist war, um ihre gereizten Gefühle -zu beschwichtigen. Später hörte ich, -daß sie diesen Freund wieder verlassen, ihr -und Dagons Kind zu sich genommen habe -und in verschiedenen Weltteilen allein herumreise. -Sie hatte nach dem Tode ihrer Mutter -ein Vermögen geerbt, und da ihr die Arbeit -keine Freude mehr machte, lebte sie in dem -Genuß des Müßiggangs. Die Liebeslust und -die Arbeitslust waren in ihr abgetötet. Sie -lebte dem Kinde, das sie fernhalten wollte von -dem Unheilschatten jenes Mannes, dem sie -glaubte entronnen zu sein.</p> - -<p>Er aber lebte wie ein Junggeselle, bald hier, -bald dort, in den verschiedensten Städten, -vertiefte sich in Wissenschaften, wie er sich -in Frauen vertiefte, hastig, blendend und geblendet.</p> - -<p>Dann plötzlich eines Tages, als ich in jene -Großstadt kam, wo Claudia und Dagon vorher -gewohnt hatten, hörte ich, daß beide wieder -zusammenlebten. Ich besuchte sie. Da -hingen im Korridor große welke Kränze mit<span class="pagenum"><a id="Page_163">[S. 163]</a></span> -langen breiten Seidenbändern. Dagon glaubte -plötzlich eine musikalische Begabung bei sich -entdeckt zu haben und hatte öffentlich eigene -Kompositionen gespielt und seine ersten Konzerte -gegeben.</p> - -<p>Seltsamerweise hatten alle Wohnungen, -welche jene beiden Menschen bewohnten, den -gleichen hellen und lichten Reiz eines glücklichen -Heims. Niemand konnte in diesen -weiten, behaglichen und lässig vornehm eingerichteten -Räumen vermuten, daß hier zwei -hausten, die sich marterten. Beider Zartfühligkeit -traf sich hier und vereinigte sich -im Ausdruck von Möbeln, Spiegel und Bildern. -Die innere Zartfühligkeit Claudias gab -den Räumen vornehme Ruhe, und die äußere -Zartfühligkeit Dagons gab den Räumen jene -unnachahmbare lässige Vornehmheit, die den -Besucher glücklich einlullte. Erlesene Bücher, -erlesene Kunstwerke und Musikinstrumente -täuschten jeden, der nicht eingeweiht war in -die Herzensschrecknisse, die sich hier zwischen -zwei Lebenskameraden abspielten.</p> - -<p>Claudia leitete ihr Haus lautlos, erzog ihr -Kind glücklich und wußte sich immer ihren -Freunden in ihrem Äußeren reizvoll modisch -in Kleid, Haartracht und Schmuck zu zeigen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_164">[S. 164]</a></span></p> - -<p>Nie fehlen Blumen auf ihrem Teetisch, nie -geht bürgerlich langweilige Luft durch ihre -Zimmer. Es ist Claudia ein Genuß, wenigstens -äußerlich glücklich zu wirken — auf die nicht -Eingeweihten, die nicht in ihren schwarzen -Augen zu lesen verstehen.</p> - -<p>Lange Zeit erschien sie immer als glückliche -Gattin, die, leicht die Achsel zuckend, -die Lebensweise ihres Mannes hinzunehmen -schien. Und viele mögen verblüfft gewesen -sein, als Claudia plötzlich mit dem Kaukasier -verschwand. Aber nicht einer hatte es ihr -beim näheren Hinsehen verdenken können.</p> - -<p>Und nun zurückgekehrt, scheint sie die -Rolle der Glücklichen nicht mehr harmlos -spielen zu können. Dazu ist ihr Gesicht -doch zu blaß geworden, und ihre Züge sind -wachsmaskenartig erstarrt. Ihre Augen funkeln -nicht mehr lebenstrotzig. Der Trotz sieht -versteinert aus und steckt als Kern in ihrem -Herzen.</p> - -<p>Am Weihnachtsabend, als ich bei Claudia -und Dagon mit einigen Gästen eingeladen war -und jene Frau uns alle unter den brennenden -Weihnachtsbäumen ihres Salons beschenkte, -da schien es für Sekunden, als könnte doch -vielleicht das Wachs ihres Gesichtes nochmals<span class="pagenum"><a id="Page_165">[S. 165]</a></span> -weich werden und schmelzen. Dann aber, -als es während des Abendessens klingelte und -unter den Geschenken, die von Bekannten -geschickt wurden, auch Aufmerksamkeiten von -einigen Damen waren, deren Gunst Dagon -in letzter Zeit errungen hatte, da sah ich, wie -Claudia zu frieren begann. Trotzdem die -Zimmer von der Wärmeleitung und den Weihnachtskerzen -heiß waren, bat sie, daß man -die Fenster schließen möchte, die eine der -eingeladenen Damen geöffnet hatte. Die Gepeinigte -fror von innen heraus. Ich glaube, -sie muß ihr Herz in diesem Augenblick so -schmerzend gefühlt haben, wie man in der -Winternacht das Eisen einer Türklinke brennend -kalt fühlt, wenn man die Hand darauf legt.</p> - -<p>Dagon hat schon längst keine Geheimnisse -mehr vor seiner Frau. Das letzte Schamgefühl -ist zwischen ihnen gefallen. Im Gegenteil, -er will, daß Claudia nichts fühlen soll -und nichts mit ihm teilen soll als die Lust, -die ihm seine Abenteuer geben. Sie soll die -Lust an dem Verbrechen, das er an ihrer -Liebe begeht, sich selbst verleugnend mit ihm -genießen.</p> - -<p>Wieder haben jetzt beide eine Wohnung, -in der kein Hauch von Unglück zu spüren<span class="pagenum"><a id="Page_166">[S. 166]</a></span> -ist. Die hellen weißen und himmelblauen -Gemächer, mit gelbseiden verschleierten elektrischen -Lampen und voll mit Bildern und -Büchern und von zierlichen asiatischen Nippes -belebt, sind wie eine irisierende Haut über -einem Pfuhl von pechschwarzem Wasser.</p> - -<p>Aber die einzige tiefe Empfindung, die man -in diesen hellen und gefälligen Räumen erlebt, -kommt nicht von den Büchern in den Schränken -und nicht von den Kunstwerken aus, sie -geht aus von den unglücksglänzenden schwarzen -Augen Claudias; diese Augen, denen das -Weinen schon längst kein Trost und keine -Erlösung mehr ist, glänzen vor Schmerzen.</p> - -<p>Bald nach dem Weihnachtsfest sah ich Claudia -bei einem Besuch wieder. Sie stand an -ihrem Teetisch und trug über dem schwarzen -Seidenrock eine goldgelbe Seidenjacke, die -war von einem etwas dunkleren Goldgelb -als die Schleier ihrer Lampen. Sie schien -Ruhe und Wärme auszuströmen, und ich -fragte mich erstaunt: was geht in ihr vor? -Ihre Augen waren entkräftet und schienen -außerhalb des Zimmers traumwandelnd herumzugehen. -Ich erfuhr dann, daß sie krank sei, -sie hustete, sie hatte Fieber. Es war eine rein -äußerliche Krankheit, und Claudia trug diese<span class="pagenum"><a id="Page_167">[S. 167]</a></span> -Krankheit wie ein Weihnachtsgeschenk des -Himmels mit sich. Sie, die einstmals so stark -war, daß sie nicht für den Tod geboren -schien, freute sich, daß ihr Fieber täglich stieg, -freute sich, daß ihre Augen erlöschen wollten. -Und wenn man sagte, daß sie sich pflegen -müßte, lächelte sie nur. Sie erwartete das -Sterben und freute sich.</p> - -<p>Der Tod kam nicht. Die Schwäche ging -vorüber. »Weshalb?« fragte sie erschrocken.</p> - -<p>Sie lebt jetzt immer noch im selben Hause -mit dem, mit dem sie einst gerungen und gekämpft -hat. Sie lebt kampflos jetzt. Beide -sehen sich täglich, aber sie sprechen sich wenig. -Claudia weiß nie, wohin Dagon geht, wenn -er abends seinen Frack anzieht. Sie will es -auch gar nicht wissen.</p> - -<p>Und er fragt nicht, wenn Claudia ins Theater -fährt, wohin sie geht. Und das ist vielleicht -noch schmerzlicher für sie zu ertragen, daß -er sie gehen läßt, wohin sie will.</p> - -<p>Das Kind, ihre Tochter, ist bald erwachsen -und sieht und versteht und hört alles. Und -das ist das Allerschmerzlichste für Claudia.</p> - -<p>Der selbstherrliche Mann schont die beiden -Frauen nicht, nicht die Tochter und nicht die -Mutter. Er lächelt über sie hinweg, plaudert<span class="pagenum"><a id="Page_168">[S. 168]</a></span> -zu den beiden von seinen Erfolgen bei den -Frauen, will, daß sie mit ihm über die Scherze, -die er mit dem Liebesleben und seinem eigenen -Herzen treibt, lachen sollen.</p> - -<p>Und Dagon lächelt sein allesverschlingendes -Lächeln, wenn die beiden Frauen ihm -ausweichen. Wenn die beiden Frauen anklagen, -lächelt er und verschlingt ihre Anklagen. -Wenn die beiden Frauen ihn morden -wollen, lächelt er und verschlingt ihre Mordgedanken.</p> - -<p>Er ist liebenswürdig, spaßhaft; er ist nie -mürrisch. Er ist nur launenhaft verschlossen, -wo er sich fürchtet zu sprechen, weil er sich bei -aller lächelnder Offenheit nie ganz offen gibt.</p> - -<p>Seine lächelnde Offenheit ist ein Abgrund, -in den er die Offenheit der andern hineinlockt. -Und er sieht lächelnd zu, wie Menschen -in diesen stürzen, die er angelockt hat. -Er lächelt und gleitet über die Angstblicke, -die er sehen müßte, hinweg.</p> - -<p>Welches ist das Schicksal, das ihn ereilen -wird? Wo ist die Grenze, die seiner Unendlichkeit -im Grausamsein gesetzt ist?</p> - -<p>Seht, dieses sind die Blicke, die als einziges -Leben aus den Augen Claudias starren. Will -sie sein Ende erleben, und ist sie deshalb<span class="pagenum"><a id="Page_169">[S. 169]</a></span> -noch nicht gestorben? fragte ich mich. Das -ungeheuerliche Ende, die ungeheuerliche Todesstunde, -die in der Brust Dagons das lächelnde -Herz voll Ungeheuerlichkeiten töten wird, die -ihm und sein allesverschlingendes Lächeln -aus der Welt schaffen wird, — wartet Claudia -darauf? —</p> - -<p>Als wir zu den Eulenkäfigen kamen, trug -ich diese letzte Frage in mir. Da saßen wie -seltsame weiße und graue Federgruppen die -Eulen, diese weichen, lautlosen Nachtgeschöpfe, -auf den Ästen abgestorbener Bäume hinter -den Gitterstäben. Einige konnten die Köpfe -ganz rund um den Nacken drehen. Andere -spitzten die katzenartigen Ohren. Aber alle -saßen da wie ausgestopfte Federbälge. Die -einen hatten wunderbar silberweißes Gefieder, -und es wirkte jeder weiße Vogel wie eine -einzige ungeheuerliche Riesenschneeflocke. Andere -graue Eulen waren wie ein dicker Ballen -Spinnweben. Und wenn sie nicht manchmal -die Köpfe rundum gedreht hätten, so daß -das Gesicht nicht auf der Brust, sondern -plötzlich auf den Rücken stand, so hätte man -in ihnen kein Leben vermutet.</p> - -<p>So sahen die Eulen aus, als wir von weitem -an die Käfige kamen. Aber als wir nähertraten,<span class="pagenum"><a id="Page_170">[S. 170]</a></span> -da verschwanden die Federkörper. Da -standen nur in der Luft über den abgestorbenen -Baumästen paarweise ungeheuerliche schwarze -Augen. Augen, die so groß und rund in -ihrer Schwärze starrten, als müßten sie alles -und nichts sehen; als könnten sie die Tiefe -des ganzen Weltalls umfassen, alle Schmerzen -und alle Trostlosigkeiten der Abgründe des -Lebens.</p> - -<p>Während sich alle meine Freunde beim -Näherkommen über die Federn, die Haltung, -die Kopfwendungen der Eulen ereifert hatten, -wurden sie jetzt stumm. Und nur Claudia, -die vorher stumm gewesen war, als wir die -Eulen zuerst erblickten, wurde jetzt vor den -Eulenaugen laut und begeistert.</p> - -<p>»Haben diese Vögel nicht die schönsten -Augen der Welt? Da sprechen die Menschen -immer von glotzenden Eulenaugen, und ich -finde, es sind die feierlichsten, ausdrucksvollsten, -geheimnisreichsten und schicksalsschwersten -Blicke, mit denen nur je ein lebendes -Wesen auf die Welt herabsehen kann. -Solche Augen möchte ich haben,« setzte Claudia -hinzu. »Wie ich diese Tiere um ihre -Augen beneide! Auf was warten sie nur, diese -Eulenaugen?« —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[S. 171]</a></span></p> - -<p class="pmb3">Als wir uns später unter dem schwerhölzernen, -blutroten chinesischen Tor am Ausgang des -Zoologischen Gartens trennten und der Abend -schon über den Straßenschachten dunkelnd -lag, die elektrischen Lampen in den Straßenfluchten -aufleuchteten, ging ich einsam heim. -Der Himmel wurde immer nachtdunkler, und -als ich in den nachtschwarzen Äther sah, der -noch sternlos über den Dächern der Häuser -stand, erkannte ich in dem schwarzen Himmelsabgrund, -den Eulenaugen und Claudias Augen -eine Einheit. In der Nacht und in jenen -Augen war kein Blick mehr, den man hätte -fühlen können. Sie schienen alles innere -Leben hergegeben zu haben. Und nur ein -Wille war in ihrer Finsternis. Der: mit stummer -Macht den Untergang der Lebenden, auf -die sie herabsahen, zu erwarten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_172">[S. 172]</a></span></p> - -<p class="pmb3" /> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_173">[S. 173]</a></span></p> - - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="Nachtliche_Schaufenster">Nächtliche Schaufenster</h2> -</div> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_174"></a></span></p> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_175">[S. 175]</a></span></p> - -<p>Wenn ich spät nach Mitternacht in der -Potsdamerstraße nach Hause ging, eilte -ich mich meistens nicht sehr, denn die Nachtluft -kam mir erfrischend entgegen. Sie war -wie ein Wanderer, der aus Grenzwäldern über -Flüsse und Seen herkam und über Berlin -hinschritt. Und während ich von einer Laterne -zur andern ging, war die Nachtluft schon -über die Provinz Brandenburg fortgezogen an -die Elbe, an den Rhein, und im Vorübergehen -hatte sie mich leicht verhext und hatte mir -Meilengedanken gegeben, so daß ich darnach -nicht mehr zwischen Laternen weiter ging, -sondern fort über mich selbst.</p> - -<p>Auf einer Plakatsäule sah ich in einer Nacht -einen großen Tigerkopf. Darunter stand »Indien -in Berlin«. Der gefleckte Tigerkopf sah aus -gelbem Bambusröhricht heraus und war ein -praller Katzenkopf; über ihm lag ein bleichblau -gemalter Himmel.</p> - -<p>Eine Weile schien mir dann, als ginge ich<span class="pagenum"><a id="Page_176">[S. 176]</a></span> -durch indische Dschungeln, indessen ich doch -nur auf dem Streifen breiter Pflasterplatten -wandelte, die sich als eine lange Zeile in der -Mitte des Bürgersteiges hinzogen.</p> - -<p>Die vielen offenen und dunkeln Schaufensterscheiben -glitzerten neben mir wie mondbeschienene -Gewässer auf, ähnlich den heimlichen -Tränkestätten von Raubtieren, die unhörbar -durch die Dschungeln schleichen. -Eine Autohuppe brüllte manchmal in einer -Nebengasse. Dieser Laut wurde mir fast zu -Löwengeheul. Und schleifte der Gummireifen -eines vorbeisausenden Autos mit surrendem -Laut über den glatten Asphalt des Fahrdammes, -dann waren da in der Vorstellung galoppierende -Dickhäuter, pfauchende Nashornherden und -aufgescheuchte Scharen von Nachtvögeln, die -vorbeifegten.</p> - -<p>Ich blieb an einem Schaufenster stehen. -Das kannte ich gut. Dort stand ich immer -eine Weile in jeder Nacht und nahm mir -vor dem Schlafengehen Zeit, die lebende -gefiederte Ware einer Vogelhandlung zu bedauern.</p> - -<p>Da waren chinesische Nachtigallen in Drahtkäfigen -mit roten Schnäbeln und grüngelber -Brust. Und smaragdgrüne Sittiche aus Australien<span class="pagenum"><a id="Page_177">[S. 177]</a></span> -und afrikanische Finken, silbergrau wie deutsche -Schwalben und mit korallenroten Schnäbeln. -In einem Käfig allein saß eine deutsche -schwarze Amsel, und ein anderer Käfig war -voll mit zitronengelben Kanarienvögeln. Da -waren auch Käfige mit Turteltauben, deren -Federleib war silbrig und weiß wie Holzasche.</p> - -<p>Alle diese Vögel saßen in ihren Drahtzellen -wie bestrafte Verbrecher. Die meisten von -ihnen waren zwar im Käfig geboren, aber ich -mußte nachgrübeln, was wohl ihre Vorfahren -in China, Afrika, Australien begangen haben -mochten, daß ihre Kindeskinder hier, verbannt -und gefangen, im Schaufenster der Potsdamerstraße -ihre Lebenstage verbringen mußten.</p> - -<p>Das elektrische Licht der nächsten Straßenlaterne -sah schrecklich grell durch die glänzenden -Drahtstäbe der Gitter auf die dünnen -geschlossenen Augenhäute der kleinen unruhigen -Schläfer. Das scharfe unnatürliche -Licht mußte noch den Schlaf der Gefangenen -schmerzhaft machen. Und die brüllenden -Autohuppen, deren Fahrzeuge mit Gedröhn -während der ganzen Nacht die große Stadt -durchrasten, mußten die feinen musikalischen -Ohren der Singvögel noch im Schlaf quälen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_178">[S. 178]</a></span></p> - -<p>Vögel, die gewöhnt sind, in lauschigen -Buschverstecken in der Urstille ewiger Wälder -zu nisten, zu picken, zu flattern und die grünen -Dämmerungen der Blättergehäuse alter -Bäume zu durchfliegen, hatten hier einen kaum -fußbreiten Raum zwischen den blitzenden -Metallgittern. Aber sie schienen sich sanft -und gütig zu bescheiden und schienen mir -weiser zu sein als ihre gefangenen Wärter.</p> - -<p>Einmal hatte ich am Tage hier an dem -Schaufenster um die Mittagstunde mit den -Händen in den Taschen einen armen, ganz -dürftig gekleideten Arbeiter stehen sehen. Der -schien sich in das Leid der Vögel hineingedacht -zu haben. Er sah andächtig jedes -Tierchen an und war verwundert, wie mir -schien, daß diese schönen geflügelten Geschöpfe -kein besseres Schicksal hatten als das -des Gefängnisses. Nicht einmal ihren Gesang -konnten sie genießen. Denn es singen die -verschiedenen Vogelarten zu gleicher Zeit -lärmend durcheinander. Es sang der Weltteil -Afrika, der Weltteil Australien, der Weltteil -Asien. Die Spitzen der Flugfedern an Schwanz -und Flügeln haben sich die Vögel an den -Gittern abgestoßen. Am Tag fallen ihnen -die Augen vor Müdigkeit zu, und nachts - <span class="pagenum"><a id="Page_179">[S. 179]</a></span> -reißen sie sie auf vor Schrecken und gequält -von dem stechenden, kaltweißen Bogenlicht -der Straße und von den wütend jagenden -Automobilen.</p> - -<p>Um zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr nachts -rücken die armen Vögel immer noch unruhig -hin und her, zu müde, um wach sein zu können, -und zu wach gehalten, um einschlafen zu -können.</p> - -<p>Ich kam mir unbehaglich wie ein großer -wandelnder Turm vor, solange ich vor den -winzigen Vögelchen stand, und so ging ich -weiter, an den Glaswänden der Schaufenster -entlang. Es ist da auch ein Blumenladen, -den eine Dame besitzt, die am Tage -immer mit schönen frauenhaften Bewegungen -frische Blumen dort ausstellt, geschmackvoll -in Vasen und Körben geordnet, und die ein -Band oder ein Buch in die Nähe der Blumen -legt und an den grauen Wandschirm, der im -Hintergrund des Schaufensters steht, ein Bild -hinhängt, das einer beliebten Tänzerin, oder -einen alten Kupferstich, darstellend eine längst -verstorbene Prinzessin.</p> - -<p>Hier erhole ich mich etwas von meinem -Leid. Vielleicht leiden abgeschnittene Blumen -ebensoviel wie eingesperrte Vögel. Aber sie<span class="pagenum"><a id="Page_180">[S. 180]</a></span> -sind nicht Fleisch und Blut, und deshalb -leide ich bei ihnen ebenso wenig, als ich -mit meinen Haaren leide, wenn ich sie schneiden -lasse.</p> - -<p>Wie gerne möchte ich einer Einbrecherbande -angehören, dachte ich neulich. Die müßte -aber nicht einbrechen des Diebstahls wegen, -sondern der Ordnung wegen. Dann würde -ich nachts die Tür der Vogelhandlung aufbrechen -und mit meinen Spießgesellen alle -Käfige herausholen. Fliegen würde ich die -Vögel nicht lassen. Sie würden sonst verhungern -und erfrieren. Ich würde aber die -Tür auch des Blumenladens aufbrechen, und -dort in der lauwarmen Luft wollte ich alle -Futternäpfe der Vögel zwischen die Schalen -der Anemonenvasen stellen, zwischen die -Körbe voll Hyazinthen, zwischen die dicken -Efeukränze und um den hohen Krug, darin -die Weidenruten voll Silberkätzchen stecken. -Und über den Töpfen der Mimosen bei -den gespenstig geformten Figuren der Orchideenblüten -und bei den geisterhaft weißen -Bechern der Callablüten, dort würde ich die -fliegenden Bewohner von Afrika, Australien -und Asien es sich wohl sein lassen.</p> - -<p>Einige Häuser weiter von dieser Blumenhandlung<span class="pagenum"><a id="Page_181">[S. 181]</a></span> -ist, ehe ich zu meiner Haustüre komme, -noch solch ein exotischer Sklavenmarkt. Dort -sitzen im Schaufenster neben kleinen Affen -und Papageien in winzigen Käfigen weiße -Mäuse und in Gläsern Laubfrösche.</p> - -<p>Kein Schaufenster von ganz Berlin ist am -Tage so von Leuten aller Stände besucht wie -dieses, an dem ich immer vorüber muß, wenn -ich aus dem Hause trete. Dort habe ich Bekanntschaft -gemacht mit einem Mammosettäffchen. -Ich habe keine Ahnung, warum das -Tier Mammosett heißt. Aber der Name steht -auf einem Zettel am Käfig. Und ich denke -immer, der Name müßte von Mimose kommen, -da das Tier von mimosenhafter Empfindsamkeit -ist. »Wird sehr zahm« steht -auch daneben. Das glaube ich gern. Gewöhnlich, -wenn die Tiere sehr zahm geworden -sind, sterben sie weg, wie jenes Pferd, von -dem der Bauer behauptete, daß es von der -Luft allein leben könnte, und das starb, als -es sich eben ans Hungern gewöhnt hatte.</p> - -<p>Mammosett erschien um die Weihnachtszeit -im Schaufenster. Trotzdem es in diesen Tagen -Lawinen schneite, blieben alle Leute stehen, -um Mammosett zu betrachten. Das winzige, -nur handgroße Äffchen ist »das kleinste Äffchen<span class="pagenum"><a id="Page_182">[S. 182]</a></span> -der Welt«, — das steht auch auf dem Zettel -am Käfig. Aber ich finde, trotzdem hätte -man Mammosett nicht in einen Kanarienvogelkäfig -sperren dürfen. Denn auch seine Winzigkeit -verlangt Bewegung und Freiheit. In -den ersten Tagen sprang das Tierchen wie -irrsinnig in seinem Käfig herum, ähnlich den -weißen Tanzmäusen in den Nebenkäfigen, -die Tag und Nacht um eine Spule rennen. -Die kamen mir immer vor wie kleine tanzende -Derwische, die heftig rund herum rennen, -damit sie eines Tages tot umfallen und so aus -der Gefangenschaft des Lebens befreit sind.</p> - -<p>Ich erkundigte mich in der Tierhandlung, -was Mammosett kostet. Aber ich hörte am -selben Tag von einer Dame, daß diese Äffchen, -wenn sie zahm werden, alles zerreißen, -was ihnen unter die Finger kommt. Seit ich -das weiß, möchte ich auch hier beim Mammosettäffchen -Einbrecher werden und Mammosett -befreien. Und ich hab mir schon eine -Geschichte ausgedacht, wie dieses Mammosettäffchen, -frei gelassen, alle seine Mitgefangenen, -die Papageien, die Mäuse und die Laubfrösche, -und zuletzt den Tierhändler selbst in kleine -Stückchen zerreißen würde. Vom Tierhändler -müßte das Äffchen jeden Tag nur ein<span class="pagenum"><a id="Page_183">[S. 183]</a></span> -Stückchen abreißen, einmal ein Ohrläppchen, -einmal einen Nasenflügel, einmal einen Haarschopf, -bis der Tierhändler daläge wie ein -zerstückelter Brief im Papierkorb.</p> - -<p>Jetzt, nach zwei Monaten, ist das Äffchen in -seinem Käfig ruhiger geworden, »zahm« würde -der Tierhändler sagen. Ich sage »todesmatt«. -Es kauert in einem Häufchen Holzwolle und -knabbert manchmal an einem Kuchenstück und -zittert den ganzen Tag.</p> - -<p>Auf der Stange des Käfigs, darauf eigentlich -ein Kanarienvogel sitzen sollte, kauert mühsam -das Äffchen. Die Stange ist zu schmal, -und es fällt oft herunter. Wenn es sich in dem -winzigen Gitterraum bewegen wollte, müßte -es sich rund um sich selbst bewegen wie die -weißen Mäuse und müßte irrsinnig werden. -Weil es aber ein sanftes Tierchen ist, so will -es keines irrsinnigen, sondern eines sanften -Todes sterben. Es wird also scheinbar zahm, -das heißt, es sitzt auf einem Fleck und stirbt -langsam ab.</p> - -<p>Wenn ich die nächtlichen Straßen hinauf und -hinunter sehe, so scheinen mir die menschlichen -Häuser auch nichts anderes als steinerne Käfige -zum Zahmwerden und zum Absterben.</p> - -<p>An einer Straßenecke stand während zweier<span class="pagenum"><a id="Page_184">[S. 184]</a></span> -Monate in jeder Nacht um zwei, drei, vier -Uhr eine und dieselbe Frau. Sie war gekleidet -wie eine Hausmeisterin in ein einfaches -Hauskleid und hatte nur ein wollenes Tuch -über dem Kopf und über der wollenen Manteljacke. -Armselig, aber atemlos lauernd, stand -sie immer am selben Fleck. Sie <em class="gesperrt">wartete</em> nicht -auf jemanden, aber sie <em class="gesperrt">horchte</em> nach jemandem -hin. Sie horchte nach der Richtung einer -Haustüre hin. Sie war eine vertrocknete, abgearbeitete -Frau, die sich durch Spionage -einen Nachtverdienst machte, das erfuhr ich -eines Abends. Im Haus aber, das sie behorchte, -sang oft in der Nacht im Oberstock -eine Frauenstimme.</p> - -<p>Wenn ich mit Freunden dort vorbei ging, -oder wenn ich allein aus Theatern und Gesellschaften -kam, immer stand diese Aufpasserin -an dem Gitter des Vorgartens, angewurzelt -wie ein Baum. Immer horchte sie nach jener -Haustüre hin, aber nicht immer sang die -Frauenstimme in der einzelnen Villa.</p> - -<p>Eines Abends, als ich eben wieder von -meiner Vogelhandlung und von dort zur -Blumenhandlung und von dort zum Mammosettäffchen -gewandert war, kam eine vornehme -Dame aus dem Schatten eines Haustores.<span class="pagenum"><a id="Page_185">[S. 185]</a></span> -Sie schien mir wie von der Nachtluft -aus irgend einer fremden Stadt hergeweht auf -die Potsdamer Straße. Vielleicht hatte sie mich -schon längst beobachtet und hatte mich bei -den gefangenen Vögeln, dann bei den gefangenen -Blumen und jetzt bei dem gefangenen -Äffchen stehen sehen.</p> - -<p>»O, mein Herr,« sagte sie, »darf ich Sie -um einen Dienst ersuchen?« Und ihre Stimme -war wehklagend wie die Stimme einer Gefangenen. -»Würden Sie mir den Gefallen -tun, jene Frau dort um die Ecke anzureden -und zu fragen, warum sie immer Nacht für -Nacht dort steht, und wer sie dort hingestellt -hat zum Aufpassen?«</p> - -<p>»Gern,« sagte ich. »Ich bin selbst neugierig, -es zu wissen.«</p> - -<p>»Ich werde Sie hier erwarten,« sagte die erregte -Dame. Ihre Brust hob und senkte -sich, und ihr zitternder Atem kam wie ein -feiner Nebel aus ihrem Schleier und verflüchtigte -sich in der eisigen Nachtluft.</p> - -<p>Dieser feine graue Hauch aus den Lippen -der sichtbar Geängstigten, trieb mich zur -Eile an.</p> - -<p>Ich ging und zwang meine Schritte, daß sie -möglichst gleichgültig schienen. Ich bog um<span class="pagenum"><a id="Page_186">[S. 186]</a></span> -die Straßenecke und ging dort zuerst an dem -horchenden kleinen ältlichen Weib vorbei. -Ich sah sie gar nicht an. Dann wendete ich -wieder einige Schritte um und ging langsam -denselben Weg zurück. Dabei betrachtete -ich die Aufpasserin genau, denn sie -sah mir unter der Laterne, wo sie stand, ins -Gesicht.</p> - -<p>Ihr dumpfrotes dickes Kopftuch war ein -wenig vom Schädel zurückgerutscht, und sie -sah mit dem grauen platten Haar elend und -armselig aus. Aber ihre kleine Stirn hatte -etwas hartnäckig Ausdauerndes wie ein Stein, -den man vergeblich auf Steine stößt und der -nicht zerspringt. Mager und blutleer, ausgekältet -von ewigen Nachtfrösten, stand sie dort. Aber -nicht zusammengekauert vom Elend, sondern -verzweifelt, halsstarrig wie ein Nagel, der spitz -aus einer Kiste heraussteht, und an dem sich alle -Vorübergehenden die Kleider zerreißen. Der -Nagel aber weicht nicht, er sticht und reißt -jeden in die Haut, der unvorsichtig in seine -Nähe kommt. So stand diese Gestalt seit -Monaten von Mitternacht bis zum Morgengrauen -und wich nicht und änderte ihren -Standplatz nie.</p> - -<p>Sie hatte keinen wirklichen Blick in ihren<span class="pagenum"><a id="Page_187">[S. 187]</a></span> -Augen. Trotzdem sie mich anstarrte, schien -sie mich nicht zu sehen. Sie horchte nur, -immer weilte ihre Aufmerksamkeit nur in -ihren Ohren. Man merkte es ihr aber an, -daß sie geschäftsmäßig, auf Bestellung und -für Bezahlung dastand, denn sie zeigte in -Haltung und Miene ärmlich weiblichen Pflichteifer.</p> - -<p>»Sagen Sie mir,« fragte ich laut und dabei -lächelnd und blieb eine Sekunde im Gehen -stehen, »warum um Gottes willen warten Sie -Nacht um Nacht bis zum Morgen hier? Ich -habe Sie nun schon oft beobachtet. — Dürfen -Sie es nicht sagen?« fuhr ich fort, als sie schwieg. -Sie hatte mich einen Augenblick von der Seite -angesehen, beinahe ebenfalls belustigt wie ich, -dann aber starrte sie mit abgewendetem Gesicht -nach einer andern Himmelsrichtung, wie -ein Hund, den man anredet, und der fortsieht -und sich besinnt, ob er böse werden soll -oder nicht.</p> - -<p>»Na, wenn Sie es nicht sagen wollen,« sagte -ich gedehnt und wartete, um ihr Zeit zu lassen. -Sie aber sah immer starr in die Seitenstraße -und rührte sich nicht.</p> - -<p>»Wenn Sie nichts sagen dürfen —,« lachte -ich und ging langsam und nahm mir vor, wenn<span class="pagenum"><a id="Page_188">[S. 188]</a></span> -nicht heute, dann doch morgen von neuem -zu fragen. Aber diese Frau würde sicher nie -antworten, sagte ich mir zugleich. Sie mußte -ihr Geld verdienen und verdiente es nur, wenn -sie schwieg und horchte. Mir schien, man hätte -ihr ein Stemmeisen zwischen die Lippen stoßen -können, sie hätte keinen Laut von sich gegeben -und den Mund nicht geöffnet. Dieses -war mein Eindruck. Welch schrecklicher Gefangenwärter -war sie! Und wessen Gefängnis -mochte sie bewachen? —</p> - -<p>Ich bog in die Seitenstraße und ging bis -zur Potsdamer Straße zurück. Dort fand ich -die Dame im Schatten eines tiefen Haustores, -auch stand ein Automobil am Straßenrand, -dessen Tür offen war.</p> - -<p>Ich schüttelte von weitem den Kopf, und -die Fremde nickte und kam mir entgegen. -»Ich wußte, daß diese Kreatur nichts verraten -würde,« klagte die Dame enttäuscht. -»Ich habe sie neulich bereits selbst gefragt -und habe sie befragen lassen, aber sie antwortet -niemandem. Sie bewacht nämlich die -Haustüre einer unglücklichen Freundin von -mir. Und ich möchte wissen, ob der ungetreue -Mann meiner Freundin oder andere -Leute diese reinste aller Frauen beobachten<span class="pagenum"><a id="Page_189">[S. 189]</a></span> -lassen, um sie in Verdacht zu bringen.« Sie -dankte mir dann und entschuldigte sich und -ging zum Auto, das ein Privatwagen war. -Ich hatte das Fahrzeug vorher in meiner Überraschung, -und da ich in Gedanken am Schaufenster -bei dem Mammosettäffchen gestanden -hatte, gar nicht bemerkt. Der Wagenschlag -wurde vom Kutscher zugeworfen, und die Dame -flog wie der Nachtwind aus meiner Sehweite -fort. Ich stand und wunderte mich eigentlich -gar nicht. Denn daß ein Geheimnis, eine -Grausamkeit, eine Ungerechtigkeit mit der geheimnisvollen -nachtwachenden Kreatur drüben -um die Straßenecke in Verbindung stand, das -hatte ich mir schon lange gedacht.</p> - -<p>An einem der nächsten Abende begleitete ich -eine mir befreundete Dame vom Künstlertheater -nach Hause, und da es eine sternhelle Nacht war, -wollte meine Begleiterin nicht fahren, sondern -sie wollte schlendern und die Nachtluft atmen. -Wir kamen in der Nettelbeckstraße an dem -Schaufenster eines Juweliers vorüber, das die -ganze Nacht über beleuchtet dasteht. In diesem -Laden gibt es nur alte Schmucksachen, alte -Familienschmuckstücke, Familiensilber, altmodische -Fingerringe. Da sind viele ergraute -Perlen, müde gewordene Edelsteine, graue<span class="pagenum"><a id="Page_190">[S. 190]</a></span> -matte Rosensteine in grauen, trüb gewordenen -Silberfassungen.</p> - -<p>Wir standen und ließen unsere Augen wühlen -und freuten uns, uns gegenseitig zu überraschen -mit unserer Vorliebe für die verschiedenen -Steine, indem wir in allen Verstecken -des Schaufensters nach besonders edlen Fassungen -und besonders schönen Schmuckstücken -suchten.</p> - -<p>Bei diesem lässigen Spiel kam mir der Gedanke, -daß die alten Schmuckwaren hinter -der Glasscheibe mehr Sorge als Freude in sich -trügen, und daß das Schaufenster aussah wie -voll Gefangener, die da, herausgerissen aus -ihren Lebenswegen, warten mußten, bis sie -aus dem Fenster befreit würden, bis sie wieder -an warmen Menschenhänden, an zarten Frauennacken, -in Frauenhaaren und an Frauenwangen -leuchten, aufleben und frei sein durften. -Denn das Leben der Steine beginnt erst, wenn -sie in Schönheit getragen werden, bei festlichem -Licht und festlichem Blut.</p> - -<p>Und ich mußte bei den alten gefangenen -Edelsteinen an die Schaufenster voll gefangener -Vögel, Blumen und Affen denken.</p> - -<p>Ich sagte dieses zu meiner Begleiterin, und -im Anschluß an die Erzählung von meinen<span class="pagenum"><a id="Page_191">[S. 191]</a></span> -nächtlichen Schaufenstern berichtete ich ihr -auch mein Erlebnis mit der Dame und der -Aufpasserin, die jenes Haus allnächtlich bewachte.</p> - -<p>Meine Freundin wollte sofort, daß wir die -Aufpasserin besuchen sollten. Wir kamen -dann vor jenes Haus, aber wir vermieden die -Häuserseite und gingen unter den winterkahlen -Bäumen der anderen Straßenseite am -Rande eines schwarzen Kanalwassers entlang.</p> - -<p>Wir sahen die Frau wieder horchend am -Eisengitter des Vorgartens stehen, oben aber in -der Villa, deren Tür die Aufpasserin ins Auge -gefaßt hatte, waren zwei erleuchtete Fenster.</p> - -<p>Meine Begleiterin, die ein sehr feines Gehör -besitzt, sagte plötzlich zu mir: »Hören Sie -doch, im Hause singt eine Frauenstimme!«</p> - -<p>Wir standen hinter einem breiten Baumstamm -still, und in den Pausen, die zwischen -dem Lärm vorübersausender Autos nur sekundenweise -eintraten, hörten wir einen wundervollen -Gesang. Dazu die feine Begleitung -eines Instrumentes.</p> - -<p>Ich hätte die Autos aufhalten mögen, die -sich immer wieder an dem Kanal und der Baumreihe -entlangstürzten und die mich nur kleine -Stücke des großen Liedes auffangen ließen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_192">[S. 192]</a></span></p> - -<p>»Eine Sängerin,« sagte meine Begleiterin -mit begeisterten Augen. »Und zwar muß es -eine große Sängerin sein, denn ihre Stimme -ist herrlich.« »Sie singt,« sagte ich, »sie singt -so erschütternd und ergreifend. Es ist, als -schluchzt sie die Töne, als wäre sie eine -weinende Quelle in einem heiligen Hain, wo -die Bäume dunkel und feierlich nicht rauschen -dürfen, solange die Quellenstimme singt.«</p> - -<p>Wir standen lange still. Dann verdunkelte -sich oben das eine Fenster, und für einen Augenblick -erschien der dunkle Umriß einer schöngebauten -Frauengestalt hinter dem Vorhang, -die in Haltung und Wuchs edel war wie ihr -Lied. Es war eine hoheitsvolle mütterliche -Erscheinung. Der Kopf schien in den bestirnten -Nachthimmel zu schauen, und mir war, -als trüge sie noch die Rhythmen des Liedes -wie große Schwingen an ihrer aufgerichteten -Gestalt. Das Aufpasserweib unten am Vorgarten -stierte hoch und ging langsam, wie beunruhigt, -einige Schritte von der Haustüre -fort. Dann wurde nach einer Weile das Licht -oben ausgelöscht. Das Haus lag wie ein toter -Käfig bei den andern Häuserkäfigen. Und -die Aufpasserin stand wieder an ihrem Platz -wie eine Schildwache. Wir gingen dann weiter.<span class="pagenum"><a id="Page_193">[S. 193]</a></span> -Meine Begleiterin war nachdenklich geworden. -Sie schien im Geist in jenes Haus eingedrungen -zu sein, um die bewachte und singende -Frau dort auszuforschen. Aber sie schien -dabei ebenso wenig eine Antwort zu bekommen -wie ich damals, als ich die Aufpasserin -in jener Nacht gefragt hatte.</p> - -<p>»Sie ist unglücklich und kann dabei noch -singen, wunderschön singen, verstehen Sie -das?« fragte sie mich dann.</p> - -<p>»Das tun die Nachtigallen auch, die unglücklich -sind, wenn sie eingesperrt sind, sie -singen um so schöner, je dunkler es um sie -wird,« mußte ich erwidern. »Aber warum -ist sie bewacht, wenn sie engelrein ist, wie -ihre Freundin sagte? Verstehen Sie das?« -fragte sie mich hartnäckig weiter.</p> - -<p>»Der Schuldige belauert immer den Unschuldigen. -Ihr Mann soll ihr untreu sein, -hat jene Dame neulich nachts gesagt,« suchte -ich zu erklären.</p> - -<p>»Aber warum trennen die beiden sich nicht, -warum? Können Sie mir das erklären?«</p> - -<p>»Das kann ich nicht erklären,« sagte ich -darauf.</p> - -<p>»Aber Sie müssen es mir erklären,« bat -meine Begleiterin ängstlich. »Ich fühle, ich<span class="pagenum"><a id="Page_194">[S. 194]</a></span> -kann in dieser Nacht nicht schlafen und -werde immer an jene singende Frau denken -müssen, die ihren Gram, ihren Herzkummer -und ihre Einsamkeit sich fortsingen muß.«</p> - -<p>Und welche Stimme, dachte ich bei mir: -so singen nur die Erzengel vor Gottes Thron, -so mächtig, wenn sie aufweinen über die -Schmerzen der Welt.</p> - -<p>»Erklären Sie mir das Geheimnis! Erklären -Sie mir, wie kann man Ungerechtigkeit erdulden, -ohne sich zu wehren?«</p> - -<p class="pmb3">»Wie wehren sich die gefangenen Singvögel, -wie wehren sich wehrlose Frauen? Sie singen -aus Notwehr, wenn sie Stimme und angeborene -Musik in sich tragen; sie singen sich -ihr Weh vom Leibe. Sie singen sich vom -Gift der Qualen frei. Anders wehren sich -die, die innerlich singen können, nie.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_195">[S. 195]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_196">[S. 196]</a></span></p> - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="An_eine_Sechzehnjahrige">An eine Sechzehnjährige</h2> -</div> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_197">[S. 197]</a></span></p> - - -<p>Wenn ich an Oda denke, wird mein altes -Herz süß wie eine Blume, die man -sich gedankenlos zwischen die Zähne steckt -und am Stiel hin und her dreht, während man -eine selbsterfundene Melodie ohne Anfang, -ohne Ende, nur einem selbst hörbar, vor sich -hinsummt.</p> - -<p>Oda ist knapp sechzehn Jahre alt.</p> - -<p>Die Luft um Odas Augen ist ohne Licht, -nicht bloß, weil Sechzehnjährige eine Binde -tragen, da sie mit dem Leben noch Blindekuh -spielen, sondern weil die Sonne, die so viele -Millionen Jahre alt ist, für dieses Alter gar -nicht aufgehen mag. Denn sie hat für dieses -Alter gar kein Licht, das jung genug wäre.</p> - -<p>In Odas Nähe reizt mich vor allem immer -eine gewisse natürliche und doch jungfräulich -mystische Dunkelheit, in der Oda sich selbst -Licht spendet. Nur ein zerstreutes Licht ist -um sie, nicht mehr als um ein Küken im Ei, -ehe es die Schale zerbrochen hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_198">[S. 198]</a></span></p> - -<p>Und doch — wie glänzen Odas mohnrote -Augen! Ich behaupte, die Jugendliche hat -mohnrote Augen. Ich fühle Röte und viele -Träume in ihren Augen, Träume, wie nur ein -Opiumraucher sie haben kann.</p> - -<p>Wenn Oda dieses lesen würde, würde sie -finden, daß ich alles das, was ich von ihr -schreibe, über mich selbst schreibe. Denn sie -glaubt sich klar zu sehen wie eine Photographie. -Das mag sein, ich gebe ihr recht. -Ich beschreibe nicht Odas Augenbild, sondern -ihr Wirkungsbild.</p> - -<p>Ich habe noch niemals Frauen sehen, sondern -stets nur fühlen können. Ich fühle sie -mit den Augen, fühle sie mit den Ohren, -fühle sie mit dem Blut.</p> - -<p>Liebe Oda, da du dich also nicht fühlen -kannst, wie das Feuer sich nicht als heiß und -hell fühlt, das Wasser sich nicht selbst als -naß und weich fühlt, — so mußt auch du, -wenn du dieses einmal über dich lesen wirst, -mir glauben, wie du von mir gefühlt wirst.</p> - -<p>Du möchtest Schauspielerin werden, und ich -zittere für dich, daß du Wege gehen mußt, -die dich weglos wie einen Kometen in eine -Irrwelt werfen können.</p> - -<p>Aber du willst, und alle wollen mit dir,<span class="pagenum"><a id="Page_199">[S. 199]</a></span> -was du willst. Und wenn ich das bedenke, -müßte ich eigentlich nicht mehr für dich -zittern, denn deine Wege können höchstens -Umwege, aber keine Abwege werden, wie ich -dich kenne. Wenn du nur immer weißt, daß -du willst.</p> - -<p>Du kommst und setzt dich, wenn alle -Damen in deiner Mutter Teestunde schon, -eifrig plaudernd, das Zimmer unruhig wie ein -auf- und abwankendes Fahrzeug machen. Du -setzt dich mit deiner sechzehnjährigen Mädchenruhe -in einen leeren Diwanwinkel und -hast deine Glieder, wie nackt ohne Kleid, -ohne Bewußtheit, mitgebracht und hast nicht -deinen Körper vergessen, wie viele der viel -zuviel gekleideten Damen es tun.</p> - -<p>Dein Mund redete noch nicht, auch deine -Glieder reden noch nichts. Du fühlst auch -noch nichts. Und du bist da in deiner Dunkelheit -vor mir, von deiner Mutter mit Sorgfalt -in einfache zarte Kittel aus Seide gekleidet. -Neulich war es grüne, herbgrüne Seide, deren -Grün nichts gemein hatte mit Pflanzen oder -Metallen oder Tierfarben. Es war ein fernweltliches -Grün, weil aus dir ein Erlebnis -strahlte. Du kamst aus einer Welt her, wo -eine grüne Sonne geschienen hatte, und davon<span class="pagenum"><a id="Page_200">[S. 200]</a></span> -warst du noch feierlich zartglänzend und lieblich -leuchtend.</p> - -<p>Du sitzt auffällig in deiner Unauffälligkeit -vor mir, und ich höre alles, was du nicht -redest, lauter als rundum die glänzenden Reden -der Sprechenden. Dein Herz aber ist flüssig, -wenn es so, nichts sprechend, mit uns allen und -mit niemandem spricht. Während uns die -Teetassen in den Fingern zittern und der Witz -der Nachbarn uns benachrichtigen will von -Geschehnissen, die uns anfallen, bald kalt, -bald glitzernd von Neugier, Eitelkeit und -geistreicher Gewandtheit, bist du, Oda, verschwunden -und wieder erschienen. Es rief -dich irgend ein göttlich zweckloser Zweck.</p> - -<p>Neulich, als ich zum ersten Mal seit Jahren -wieder zu euch zu Besuch kam, war es der -kleine zahme Kanarienvogel, den du in der -Hand brachtest und mir auf den Ärmel setztest; -und du lachtest, als ich verwundert aufschaute.</p> - -<p>Warum brachtest du nicht alle Kanarienvögel -der Stadt, damit ich dich hätte tausendmal -lachen hören können! Ich sah den zahmen -kleinen Vogel kaum, ich fühlte nur mein Herz -schmerzen, weil du nur so kurz gelacht hattest, -und weil, wenn du laut wirst wie die andern,<span class="pagenum"><a id="Page_201">[S. 201]</a></span> -ich dann unendlich viel Wirklichkeit von dir -erleben möchte, von deinem unwirklichen und -noch weltfernen Dasein.</p> - -<p>Bei meinem zweiten Besuch fand ich dich, -ein Tabakhäufchen zwischen zwei Fingern zu -einer kleinen Kugel drehend, am Schreibtisch -deines Vaters, und du stopftest eine kleine -japanische Silberpfeife, die du dann rauchtest. -Und du lachtest wieder kurz auf, als ich aus -dem Nebenzimmer von den andern fortgegangen -war, von Tee und Musik, und dich -fand. Wie ein Eichhorn in einem Waldbusch -versteckt, so kauertest du auf der Ottomane -unter dem blauen Nebel des Tabakrauches -und ließest dich nicht stören. Du lachtest einmal -nur dieses kurze, gestoßene Lachen, und -wieder schmerzte durch einen kleinen Ruck mein -großes altes Herz, weil du einmal und nicht -tausendmal lachen konntest. Weil die Lust -so kurz ist, die du anschlägst und auslöschst.</p> - -<p>Warum schmerzte aber mein Herz nicht, -als du ein andermal am gleichen Schreibtisch, -ans Telephon gerufen, mit einem jungen Kameraden -lachtest? Er wollte dich mit andern -jungen Damen abholen und zum Eisplatz zum -Schlittschuhlaufen begleiten. Hinter dir aber -stand dein Vater wie ein lang gen die Zimmerdecke<span class="pagenum"><a id="Page_202">[S. 202]</a></span> -gezeichneter Schatten und lächelte und -war neckisch und sagte dir, da du um eine -Antwort am Telephon verlegen warst, daß du -absagen müßtest. Der Bursche am Telephon sei -fad und nicht klug genug für dich. Du lachtest -kurz auf, aber ich fühlte nichts bei diesem Lachen, -diesmal nicht den Seufzer, nicht den zitternden -Wunsch, dich noch mehr lachen zu hören.</p> - -<p>Und wieder an einem andern Sonntag, zu -einer andern Nachmittagsteestunde, als ein -Freund eures Hauses, ein beweglicher, nicht -alter, nicht junger Mann, vor dir hockte und -vom Theater plauderte und du in einem -Sessel, an die hohe Lehne zurückgedrückt, -vor dem Sprecher saßest, da zitterte Schrecken -in mir. Denn der Erzähler war ein gewandter -Frauenverführer, und er war geistreich, weltlustig -und zielte mit seinen Augen auf dich -wie ein geübter Revolverschütze auf eine -Scheibe. Und wie eine Zielscheibe flach lehntest -du, in den Sessel tief zurückgedrückt, -an der Sessellehne, und diese deine Stellung -war jenem Mann Triumph genug. Und gleich -wandte er sich an deine Mutter und machte -den Vorschlag, dich mit ihm die Probe -eines neuen Stückes besuchen zu lassen, der -er beiwohnen wollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_203">[S. 203]</a></span></p> - -<p>Und ich sah seinen vorgebeugten, glattrasierten -Kopf, der wie ein Straußenei unterm Kronleuchter glänzte, -und sah, wie er mit Eifer deine -Mutter davon überzeugte, daß diese Theaterprobe -dir nützen würde für deine Theaterkenntnis, -die du dir aneignen möchtest.</p> - -<p>Und es wurde verabredet, daß du an einem -der nächsten Morgen um 11 Uhr in seine -Loge kommen solltest, um die Probe zu sehen. -Er hob den Zeigefinger und sagte:</p> - -<p>»Aber es darf kein Geräusch gemacht werden, -denn die Regie ist streng, und es darf eigentlich -niemand wissen, daß wir zur Probe kommen. -Aber im dunkeln Theaterraum und in -der finsteren Loge wird niemand uns finden, -wenn wir ganz leise sind.«</p> - -<p>Ich sah dich bereits im Geist lautlos in -jener dunkeln Loge und fühlte, wie du neben -deinem Verführer im Dunkeln kaum zu atmen -wagtest aus Lust am Theater, wie jener aber -kaum zu atmen wagte aus Lust an dir.</p> - -<p>Es waren drei Tage bis zu jenem Tage der -Verabredung, die du, Oda, mit dem andern -hattest. Und in jeder Nacht von diesen beiden -Nächten, die zwischen den drei Tagen lagen, -wachte ich auf und horchte. Ich hörte zuerst -nur ferne Automobile durch die todstillen<span class="pagenum"><a id="Page_204">[S. 204]</a></span> -Straßen surren. Ich fühlte aber dann, wie sich -die Häuser auflösten und wie sie ihre Mauern -und ihre Steine nach mir warfen. Die ganze -große Stadt steinigte meine Brust. Ich stöhnte, -und morgens erwachte ich wie zerschlagen. -Und mitten am Tage in meiner Arbeit wollte -ich ans Telephon gehen. Es war mir, als -müßte ich deine Mutter rufen und weiter -nichts zu ihr sagen als: »Hilfe, Hilfe!« wie -einer, der ein Unglück sieht und ratlos ist.</p> - -<p>Zufällig hörte ich dann später von deiner -Mutter, du würdest doch nicht zu jener -Theaterprobe gehen. Aber ich glaubte es -nicht. Warum glaubte ich es nicht? Warum -atmete ich nicht auf? Ich glaubte es nicht, -weil du ja doch deine Umwege oder Irrwege -gehen mußt, wie wir alle sie gingen, denn -keine andern führen ins Leben.</p> - -<p>Als ich nach Wochen wieder einmal zu -deinem Vater kam, nötigte er mich, zum -Mittagessen zu bleiben. Ganz flüchtig sollte -der Besuch sein, denn wir hatten nur geschäftlich -zu sprechen.</p> - -<p>Du warst mit deiner Mutter in der Stadt, -und ihr machtet an diesem Tage andere Besuche -und wart nicht zum Essen zu Hause.</p> - -<p>Dein kleiner Bruder Nickel, der flinke und<span class="pagenum"><a id="Page_205">[S. 205]</a></span> -geweckte Junge, sprang mit seinem graublonden -Lockenkopf mitten beim Essen vom Tisch auf -und holte plötzlich den kleinen Kanarienvogel -aus dem Bauer und setzte ihn auf das Tischtuch. -Dort spazierte das hellgelbe Vögelchen -zwischen dem weißen Porzellan und den -Kristallgläsern und um das Silbergeräte und -pickte und lugte mich mit einem Auge an.</p> - -<p>Der kleine Kanarienvogel war erbärmlich -anzusehen. Ein Beinchen war ihm gebrochen, -das schleifte er nach sich. Aber der Bruch -war schon geheilt und schmerzte ihn nicht -mehr. Doch sein Köpfchen war ganz kahl. -Er hatte alle Federn am Kopf verloren, und -man sah, was man sonst nie sehen konnte, -die großen Ohrlöcher des Vogels zu beiden -Seiten des Köpfchens. Sie waren im nackten -Schädel wie Löcher, durch die eine Kugel gegangen -war.</p> - -<p>Wieviel hat dieser Vogel gefühlt mit diesen -Ohrlöchern? Wieviel Weh- und Wohllaute -zogen durch den kleinen Schädel in das -Herz ein?</p> - -<p>Er hat Oda lachen und weinen gehört. Er -hat Oda tanzen gehört und auch gehört, wie -sie aufstampfte im Zorn. Er hat Oda besungen, -wenn er andächtig wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_206">[S. 206]</a></span></p> - -<p>So gerupft gehen wir alle aus der Lebensandacht -hervor, dachte ich bei mir. Früher -oder später zieht das Herz einen geknickten -Fuß nach. Oder man verliert die Locken des -Mutes.</p> - -<p>Nach dem Essen, als ich noch einen Augenblick -in deines Vaters Schreibzimmer im Ledersessel -saß, las und rauchte und auf deinen -Vater wartete, der sich zum Ausgehen umzog, -da tönte des gerupften blankschädligen -Vögeleins Singstimme aus dem Nebenzimmer.</p> - -<p>O, er sang, als wäre er gerührt über sich -selbst. Er sang so schmelzend und zärtlich, -als hätte dein Bruder Nickel einen Spiegel -geholt und der Kanarienvogel hätte sein verunglücktes -Bild im Glase gesehen. Und er -sang, um den trauernden gerupften Vogel im -Spiegel zu trösten, sein lebenssüßestes Lied. -Denn er erkannte sich selbst nicht und -glaubte für einen Fremden zu singen.</p> - -<p>Da hätte ich gewünscht, Oda, du hättest -mit meinen Ohren hören, mit meinen Augen -sehen können.</p> - -<p>Ich habe Wiedersehen gefeiert mit eigenem -Leid. In deinen sechzehnjährigen Augen sehe -ich meine eigenen Gebrechen wie in einem -Spiegel, alle Wunden, die mir das Leben angetan.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_207">[S. 207]</a></span></p> - -<p>An einem der nächsten Abende, zu dem -ich mich mit deinen Eltern verabredet hatte, -wurde ich zu Hause bei mir ans Telephon -gerufen.</p> - -<p>Als ich Antwort gab, rief mir eine Stimme -zu: »Ich bin es!«</p> - -<p>»Wer?« fragte ich ahnungslos.</p> - -<p>»Ich, ich, ich,« riefst du mir zu, und es belustigte -dich, daß ich deine Stimme nicht gleich -erkannte.</p> - -<p>Wie seltsam, daß ich deine Stimme nicht -wiedererkannte!</p> - -<p>Aber da lachtest du das kurze Stoßlachen, -das immer wieder zu rasch auslöscht.</p> - -<p>Da erkannte ich dich wieder.</p> - -<p class="pmb3">Noch oft im Leben werde ich dich nicht -erkennen, wenn du sprichst, aber ich hoffe, -daß ich dich immer erkennen werde, wenn -du lachst.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_208">[S. 208]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_209">[S. 209]</a></span></p> - - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="Zur_Stunde_der_Maus">Zur Stunde der Maus</h2> -</div> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_210"></a></span></p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_211">[S. 211]</a></span></p> - - -<p>In einer Stadt der Provinz hatte ein Südfrüchtenhändler -einen Laden eingerichtet, -der sich über einem tiefen Keller befand, zu -welchem eine Falltüre hinunterführte.</p> - -<p>Aus diesem Keller kamen jede Nacht die -Mäuse in Scharen in die Südfrüchtenhandlung -herauf. Sie nagten dort die schönen, in Seidenpapier -eingewickelten Kalvillenäpfel an, sie -fraßen Datteln und Feigen, Rosinen und Bananen -und schonten auch nicht die jungen -Gemüse und die Maltakartoffeln. Keine Ware, -die sich in der Südfrüchtenhandlung befand, -war vor den kleinen zudringlichen Nagetieren -zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang -sicher.</p> - -<p>Solange nachts Lärm auf den Straßen war -und die Wagen fuhren, hielten sich die Mäuse -noch still im Keller. Aber sobald es Mitternacht -geschlagen hatte und es still in jener -Straße wurde, kamen sie in Scharen, vergnügten - <span class="pagenum"><a id="Page_212">[S. 212]</a></span> -sich an den süßen Vorräten und feierten wahre -Freßorgien, deren Spuren den Südfrüchtenhändler -jeden Morgen beim Betreten des Ladens -in Verzweiflung setzten.</p> - -<p>Den Laden zu räumen und einen anderen -zu beziehen, das ging nicht gut an, da hier -im Mittelpunkt der Stadt ein gutes Absatzgebiet -war und dem Händler durch einen -Umzug wahrscheinlich viele Kunden verloren -gegangen wären.</p> - -<p>Und so versuchte er, sich auf alle Weise -gegen die Mäuse zu schützen. Er schaffte -sich Katzen an, aber er mußte sie wieder -abschaffen, da es vorgekommen war, daß die -Tiere in der Nacht den Ladenraum verunreinigt -hatten und der Geruch davon, der -am Morgen nicht auszutreiben war, die -Käufer entsetzt hatte.</p> - -<p>Er schaffte sich dann Hunde, Rattenfänger, -an. Aber diese stürmischen Tiere schlugen in -den Nächten ein wildes Gebell auf, wenn sie -hinter den Mäusen herjagten, und sie warfen -dabei, wenn sie über die mit Obst gefüllten -Körbe sprangen, Früchte und Körbe über den -Haufen, so daß der Händler auch die Hunde -wieder abschaffen mußte, weil die Nachbarn -sich über das nächtliche Gebell beschwert - <span class="pagenum"><a id="Page_213">[S. 213]</a></span> -hatten und der Schaden, den die hetzenden -Hunde anstifteten, dem Schaden der Mäuse -gleichkam.</p> - -<p>Gift gegen die Mäuse zu legen, war nicht -ratsam, da die halbvergifteten Tiere das Gift -über die Eßwaren verschleppen konnten und -dann großes Unglück durch die Vergiftung -von Früchten hätte entstehen können.</p> - -<p>So blieb dem armen, von Mäusen geplagten -Südfrüchtenhändler nichts übrig, als sich um -Mitternacht, zur Stunde der Maus, in den -Ladenraum zu begeben und, versehen mit -einem Stock, seine Fruchtkörbe selbst zu bewachen -und durch Händeklatschen und Fußstampfen -die eindringenden Mäusescharen zu -verjagen.</p> - -<p>Er allein konnte nicht Nacht um Nacht -wachen, und so teilte er sich mit seiner Frau -in die Nachtwachen. Aber dieses ermüdete -auf die Dauer die beiden sehr.</p> - -<p>Da kamen sie auf den Gedanken, eine entfernte -Verwandte, die gerade eine Stellung -suchte, zu sich ins Haus zu nehmen, damit -diese die Mäusewache jede dritte Nacht übernähme.</p> - -<p>Der Südfrüchtenhändler hatte es sich aber -zur Pflicht gemacht, manchmal nachzusehen, - <span class="pagenum"><a id="Page_214">[S. 214]</a></span> -wenn das junge Mädchen die Wache hatte, ob -es nicht eingeschlafen wäre.</p> - -<p>Er traf das Mädchen aber niemals schlafend -an, denn es vertrieb sich die Zeit mit Lesen -von Balladen und Romanzen, für die es eine -Vorliebe hatte.</p> - -<p>Mit der Zeit waren dem Händler die Augenblicke, -die er zur Stunde der Maus mit dem -jungen Mädchen verplauderte, wenn sie im -Laden zusammen hinter die Körbe schauten, -um die kleinen Ladenräuber zu verjagen, oder -wenn sie ihm eine ihrer Romanzen vortrug, -die sie bald alle auswendig kannte und die -sie bei der Nachtwache laut hersagte, damit -sie mit ihrer Stimme die Mäuse verjagte, — -so zur angenehmen Gewohnheit geworden, -daß er die Minuten im Laden unbewußt -immer länger ausdehnte und sich eines Nachts -klar wurde, daß er sich in das junge Mädchen -verliebt habe.</p> - -<p>Das kam, als das junge Fräulein ihn eines -Nachts, da er wieder lange ihren Balladen -zugehört hatte und noch eine Romanze zu -hören wünschte, daran erinnerte, es sei Zeit, -daß er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu seiner -Frau ginge. Und sie hatte lachend hinzugesetzt, -sie wisse, daß er recht glücklich verheiratet wäre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[S. 215]</a></span></p> - -<p>Dabei hatte sie den Kalvillenapfel, den er als -den schönsten für sie ausgesucht und ihr für -ihren Balladenvortrag zum Geschenk gemacht -hatte, vorsichtig wieder in das schützende -Seidenpapier eingewickelt und hatte ihn auf -die Apfelpyramide zurückgelegt, von wo ihn -der Händler genommen hatte.</p> - -<p>»Für mich sind weniger schöne Äpfel auch -gut genug. Auch wird sich vielleicht Ihre -Frau ärgern, wenn ich den besten Apfel, der -im Laden ist, aufesse.«</p> - -<p>Als sie dieses gesagt, hatte sie leise geseufzt, -und der Mann war aus dem Laden gegangen. -Vorher hatte er ihr noch lachend zugerufen:</p> - -<p>»Natürlich bin ich glücklich verheiratet, -sogar sehr glücklich.«</p> - -<p>Aber seit dieser Stunde, seit dieser Versicherung -seines Glückes, war der Mann von -einer Unruhe geplagt, die ihn unglücklich -machte. Es war ihm, als habe er im Augenblicke -der öffentlichen Feststellung seines Eheglückes -den Gipfelpunkt dieses Glückes schon -überschritten. Denn er war abergläubisch und -glaubte bestimmt daran, daß er mit dem Eingeständnis -seines Glückes sich ein Unglück ins -Haus eingeladen habe. Er war aber zugleich -ein ehrlicher und treuer Mann, der seine ihm - <span class="pagenum"><a id="Page_216">[S. 216]</a></span> -angetraute Frau niemals betrogen hatte, und -dessen Herz heftig erschreckte, als es zur -Stunde der Maus seine Augen dabei ertappte, -wie sie mit Wohlgefallen an dem Gedichte -vortragenden Mädchen im mitternächtigen Laden -hängen geblieben waren, so daß er die -Zeit und den Schlaf vergessen konnte.</p> - -<p>Das junge Geschöpf mit seinen erdbraunen -Augen und seinen tabakfarbenen Haaren -paßte gut zwischen die Pyramiden von Blutorangen -und goldgrünen Zitronen und neben -die weinduftenden Ananasfrüchte. Und oft -am Tage, wenn der Südfrüchtenhändler die -Kunden bediente und das Mädchen gar nicht -im Laden anwesend war, schien ihm, als ob -in den leichten flachen Holzschachteln die -plattgepreßten gedörrten Malagatrauben oder -die in Silberstanniol eingewickelten spanischen -Mandarinen den gleichen Duft ausströmten, -der ihm vom Nacken jenes Mädchens, von -den feinen Haarwurzeln ihrer tabakbraunen -Locken entgegengeströmt war und den er deutlich -kannte von den Augenblicken, da sie -beide zur Stunde der Maus hinter den Säcken -mit Maltakartoffeln und hinter den Körben -voll von afrikanischem Blumenkohl mit Stöcken -nach den Mäusen geschlagen hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[S. 217]</a></span></p> - -<p>Des Händlers Unruhe wuchs allmählich, -besonders seiner Frau gegenüber, die er wirklich -aufrichtig liebte und die er mit seiner -Untreue nicht betrüben wollte.</p> - -<p>Er wußte sich keinen Rat mehr, wenn er -sich auch vornahm, das junge Mädchen zur -Zeit, da es Wache hatte, nicht mehr im Laden -aufzusuchen. Doch nützte ihm das nicht viel, -denn er traf es am Tage, und er konnte nicht -daran denken, es fortzuschicken, weil es für -die Nachtwachen unentbehrlich war; und er -hätte auch gar keinen Grund gehabt als den -seiner Zuneigung, den er aber natürlich kaum -sich selbst eingestehen wollte und den er noch -weniger jemand anderem offenbaren konnte.</p> - -<p>Es geschah auch, daß, wenn er dem Mädchen -jetzt am Tage auf der Treppe oder im Ladenraum -oder in seiner Wohnung begegnete, er -ein kühleres Gesicht aufsetzte, um seine Gefühle -mit Gewalt zu verleugnen. Und ihm -schien es dann, als ob das junge Mädchen -durch sein verändertes Wesen verletzt -wurde, und daß es ihn leicht verächtlich behandelte.</p> - -<p>Es war ihm in der Erinnerung unangenehm, -daß er zu dem Mädchen gesagt hatte, er sei -glücklich, sehr glücklich. Er fand es roh und - <span class="pagenum"><a id="Page_218">[S. 218]</a></span> -häßlich, daß er glücklich sein sollte, während -das junge Geschöpf glücklos war und die -Lebenstage nur für die bezahlte Arbeit kommen -und gehen sah.</p> - -<p>Bei einem größeren Einkauf einer Warensendung, -die er immer in der nächsten Hafenstadt, -wo die Frachtschiffe aus dem Süden -ankamen, machen mußte, wurde ihm der Vorschlag -unterbreitet, ein Zweiggeschäft in jener -großen Seestadt zu gründen, damit er die -durch die Verpackung und Reise schon etwas -beschädigten, aber noch guten Obstvorräte, -denen eine Eisenbahnversendung nicht gut -bekommen würde, an Ort und Stelle absetzen -könnte.</p> - -<p>Der Händler ging mit Freuden auf dieses -Geschäftsunternehmen ein. Und da ihn die -Fruchtversteigerungen oft nach der Hafenstadt -gerufen hatten, so fand auch seine Frau es -ganz in der Ordnung, wenn ihr Mann dem -neuen Zweiggeschäft in der Hafenstadt vorstünde, -wogegen sie den Laden in der Provinzstadt -weiterführen wollte.</p> - -<p>Für die Festtage des Jahres hatten die Eheleute -verabredet, sich zu besuchen. Da aber -die Frau zur Weihnachtszeit nicht von dem -Laden abkommen konnte, erwartete sie der - <span class="pagenum"><a id="Page_219">[S. 219]</a></span> -Mann erst zum Neujahrsabend, zur Silvesterfeier.</p> - -<p>In der ersten Zeit der Trennung war der -Südfrüchtenhändler von seinem neuen Geschäft -so in Anspruch genommen, daß er -weder seine Frau noch das junge Mädchen, -das nach wie vor in dem Laden in der Provinz -die Nachtwache hatte, vermißte.</p> - -<p>Aber als das neue Geschäft im Gang war -und sich eintönig abwickelte, kehrten seine -Erinnerungen doppelt heftig zurück, und die -Gerüche der Früchte im Laden, die ihre -Süßigkeit durch die Luft verbreiteten, erweckten -wieder, besonders, wenn er abends -den Laden geschlossen, seine Rechnungsbücher -durchgesehen und zugeklappt hatte -und sich der Beschaulichkeit und dem Träumen -überlassen durfte, das Bild des Mädchens -und den Duft ihres Leibes, wie er -ihm begegnet war vormals zur Stunde der -Maus.</p> - -<p>Er merkte, daß er sich sogar einzelner Verse -jener Balladen und Romanzen erinnerte, die -sie immer in der nächtlichen Stille im Kreis -der Fruchtkörbe vorgetragen hatte, und die -ihn auf ferne Inseln und zu fernen Ländern, -unter fremdartige Bäume, zu feurigen und - <span class="pagenum"><a id="Page_220">[S. 220]</a></span> -fremdgearteten Menschen versetzt hatten, deren -Sprache voll auffallender Leidenschaftsworte -lebhaft leuchtete, wie die Farben der Südfrüchte, -die von den nüchternen Eisensäulen -des Ladens, von den kahlen Kalkwänden und -vom strengen Kassenpult wie bengalische Feuer -abstachen, die man im nüchternen Tageslicht -abbrennt.</p> - -<p>Wenn der Mann dann aus dem Laden in -sein Zimmer in einem der höher gelegenen -Stockwerke des Hauses kam, wo er jetzt ohne -Weib hausen mußte, gingen die Düfte der -südlichen Länder, die an seinem Rock hafteten, -mit in seine Träume. Und er umarmte in -seinem Schlaf nicht sein Weib, sondern er -zog das junge Mädchen an sein Herz, während -ihm ihre Brüste wie zwei frische Kalvillenäpfel -entgegendufteten.</p> - -<p>Und besonders zur Stunde der Maus lag -er oft auf dem Kissen wach, mit den verschränkten -Armen unter seinem Kopf, und -stellte sich seinen Laden in der Provinz vor, -wo eine der Gaslampen brannte und sie, die -er ersehnte, mit hochgezogenen Beinen auf -dem Drehstuhl beim Ladentisch saß und ihre -Balladen sprach und dazwischen aufsprang -und nach einer Ecke schlich, wo überall - <span class="pagenum"><a id="Page_221">[S. 221]</a></span> -Mausefallen waren, die aber den Mäusen so -bekannt waren, daß keine mehr Lust hatte, -sich fangen zu lassen.</p> - -<p>Dann sah er, wie sie sich bückte und eine -Falle, die von selbst zugeklappt war, wieder -aufstellte, wobei sie vielleicht den Vers hersagte:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ein Held, deß' Herz wie Feuer war,<br /></span> -<span class="i0">Ritt durch die Wälder sieben Jahr.<br /></span> -<span class="i0">Verschwiegen hat er sieben Jahr,<br /></span> -<span class="i0">Daß er ein Fraß der Flammen war.<br /></span> -</div></div> - -<p>Bald mußte sich der Händler auch am Tage -mit seinen verliebten Träumen beschäftigen. -Und der Gedanke, daß seine Sehnsucht die -Ersehnte vielleicht herziehen könnte, wollte -nicht mehr von ihm weichen.</p> - -<p>Er nahm sich endlich vor, einen Brief zu -schreiben und seiner Frau zu sagen, daß er -eine Hilfe im Laden brauche und daß er nicht -immer die Ladentüre abschließen könne, wenn -er stundenlang zu den Fruchtversteigerungen -gehen müsse, und er wollte ganz harmlos im -Briefe bemerken, daß sie ihm jene Verwandte -schicken sollte.</p> - -<p>Er hatte den Brief im Geist vielleicht tausendmal -abgefaßt, nachts und am Tag. Wo - <span class="pagenum"><a id="Page_222">[S. 222]</a></span> -er ging und stand, schrieb er diesen Brief in -Gedanken.</p> - -<p>Aber er konnte sich nicht entschließen, die -Feder in die Hand zu nehmen, die Tinte und -das Briefpapier. Er wäre sich wie ein Verräter -vorgekommen, Verräter an der Treue, -die er seiner Frau halten wollte, und Verräter -an seinem Herzen, das ehrlich bleiben wollte.</p> - -<p>So schrieb er diesen Brief nur mit den -Augen in die Luft. Er schrieb ihn abends -stundenlang, wenn er seine Rechnungen abgeschlossen -hatte, unter die Summen der Zahlen -ins Hauptbuch, in das er brütend starrte. Er -schrieb den Brief mit den Augen auf die -Kistendeckel der Orangensendungen, wenn er -das Kistenbrett in der Hand hielt und in Gedanken -anstarrte, statt es in eine Ecke zu stellen. -Er schrieb den Brief auf die rötlichen blanken -Schalen der Blutorangen. Er schrieb den Brief an -die leeren Kalkwände seines Verkaufsgewölbes, -und er las ihn am Tag hundertmal, während -er Früchte in die weißen Tüten hineinzählte, -die er den jungen Mädchen und Frauen zureichen -mußte. Auf allen Frauenhänden, die -die Fruchttüten aus seiner Hand empfingen, -las er jenen Brief, den seine Augen unaufhörlich -schrieben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[S. 223]</a></span></p> - -<p>Aber wie man sich scheut, mit bloßen Füßen -durch brennendes Feuer zu gehen oder die -bloßen Hände in helles Feuer zu legen, so -scheute er sich, seine Hände und seinen -Willen dazu herzugeben, den Brief zu schreiben -und abzusenden, den Brief, der die heimlich -Ersehnte zu ihm bestellen sollte.</p> - -<p>Der Gefolterte suchte sich mit der Zeit die -brennende Sehnsucht nur dadurch ein wenig -zu erleichtern, indem er tat, als ginge er auf -die Forderungen seines Blutes scheinbar ein. -Er ging, wenn es ihm seine Zeit erlaubte, in -die Warenhäuser und kaufte Dinge für sein -Zimmer ein, die er sonst nie für sich gekauft -hätte, und die er aufstellte wie zum Empfang -für diejenige, die er noch nie empfangen hatte. -Er kaufte Kissen für das Sofa, unnütze Vasen, -in die er Blumensträuße stellte, die er aber -verwelken ließ wie die Stunden seiner Träume. -Er kaufte romantische Bilder, mit denen er -die Wände schmückte, kaufte Balladen- und -Romanzenbücher, die er auf ein Bücherbrett -aufreihte. Er kaufte Weingläser, eine Porzellanschale -für Kuchen, eine Kristallschale -für Früchte und eine große seidene Bettdecke.</p> - -<p>Er kaufte sich neben seinen gewöhnlichen -Zigarren, die er täglich rauchte, eine Schachtel - <span class="pagenum"><a id="Page_224">[S. 224]</a></span> -bester und teuerster Havannastengel, die er -nur dann rauchen wollte, wenn der ersehnte -Besuch gekommen sein würde.</p> - -<p>Mit diesen und noch mancherlei Einkäufen -beschwichtigte er das still schwellende Sehnsuchtsfieber, -das in ihm umging wie ein unheimlicher -Feueratem, der ihn entfachen wollte.</p> - -<p>Aber den Brief, den er hätte schreiben -müssen, schrieb er nicht.</p> - -<p>Oft, wenn ihm ein Besuch angezeigt wurde, -fuhr er erschreckt zusammen und dachte, jenes -Mädchen könne plötzlich auf seiner Türschwelle -stehen, gerufen von den lautlosen -Hilfeschreien seines geknebelten Herzens.</p> - -<p>Zum Silvester kam dann, wie es verabredet -war, seine ahnungslose Frau zu ihm zu Besuch.</p> - -<p>Sie war, seit er den Laden in der Hafenstadt -aufgemacht hatte, noch nicht bei ihm -gewesen. Und als er sie jetzt vom Bahnhof -abholte und in sein Zimmer führte, wo von -der Decke eine rosa Glasampel hing, die er -angezündet hatte, da schlug die gute Frau erstaunt -die Hände zusammen und vergaß, den -Hut und den Mantel abzulegen. Sie drehte sich -auf einem Fleck, mitten im Zimmer stehend, -um sich selbst und ließ die zerbrechlichen - <span class="pagenum"><a id="Page_225">[S. 225]</a></span> -feinen Vasen mit Blumen auf sich wirken, -die schönen gebundenen aufgereihten Bücher -auf dem Bord, den Porzellanteller mit Kuchen, -die Kristallschale mit Früchten, die vielen -romantischen Bilder an den Wänden. Und -als sie zuletzt gar die gleißende Seidendecke -auf dem breiten Bett bemerkte, da gingen ihr -gerührt die Augen über, und sie umarmte -ihren Gatten und bedankte sich, daß er so -zärtlich alles für ihren Empfang hergerichtet -hatte.</p> - -<p>Der sagte nichts und umarmte seine Frau -wieder. Denn während er diese Dinge zum -Schmuck des Zimmers alle eingekauft und -aufgestellt hatte, hatte er auch da nie mit Bewußtheit -und Offenheit sich eingestanden, -daß er dies nicht für seine Frau, sondern für -das junge Mädchen tat.</p> - -<p>Er hatte wie ein Schlafwandelnder gehandelt, -getrieben von einer inneren Lust, sein -Zimmer zu schmücken, handelnd zwischen -Wachen und Träumen. Und wie er nun seine -Frau, die er immer noch treu liebte und vor -der er sich keine untreue Handlung vorzuwerfen -hatte, umarmte, schien es ihm wirklich -einen Augenblick als wahrscheinlich, daß -er für sie und sich zur Silvesterfeier und zum - <span class="pagenum"><a id="Page_226">[S. 226]</a></span> -Wiedersehen das Zimmer so sorgsam und -festlich geschmückt hatte.</p> - -<p>Am Abend gingen Mann und Frau mit -Bekannten in eine Weinstube, und dort tranken -sie, bis es zwölf Uhr schlug und das neue -Jahr anbrach. Und von Glühwein und Bowle -erhitzt, wurde der Südfrüchtenhändler lustig -und ausgelassen, wie ihn seine Frau selten gesehen -hatte.</p> - -<p>Als nun das neue Jahr mit vielen »Prosit« -empfangen worden war, sehnte sich die Frau -aus dem lärmenden Kreis der Menschen fort -und dachte an das schön geschmückte Zimmer, -das sie beide erwartete, das ihr Mann -mit soviel Zärtlichkeit hergerichtet hatte, und -wo sie ihm jetzt mit gleicher Zärtlichkeit zu -danken wünschte.</p> - -<p>Sie zupfte ihren Mann am Ärmel, aber der -schien an gar kein Nachhausegehen denken -zu wollen und trank immer wieder seinen -Freunden zu und ließ sich zutrinken und bestellte -neuen Wein.</p> - -<p>Aber es waren auch noch andere Frauen -im Kreise, die auch heimzugehen wünschten, -und die Frauen verabredeten sich untereinander -und standen auf und setzten ihre Hüte -auf und zogen ihre Mäntel an und traten - <span class="pagenum"><a id="Page_227">[S. 227]</a></span> -dann angekleidet vor die im Tabakrauch und -Weindunst laut schwatzenden Männer und -baten sie, heimgeführt zu werden.</p> - -<p>Die Männer wollten auch folgsam alle gehen. -Nur der Südfrüchtenhändler wollte ans Aufbrechen -nicht denken. Der saß auf seinem -Stuhl fest und behauptete, er ginge nicht zur -Stunde der Maus nach Hause, denn da gingen -Gespenster bei ihm um.</p> - -<p>»Was für Gespenster?« fragten ihn alle.</p> - -<p>»Mäuse und junge Mädchen,« entfuhr es -dem etwas Angetrunkenen.</p> - -<p>Die Männer lachten und warfen sich zwinkernde -Blicke zu. Die Frauen aber trieben -beharrlich zum Aufbruch an.</p> - -<p>Die Frau des Südfrüchtenhändlers war bei -der Rede ihres Mannes plötzlich blaß und -zitternd geworden, und auf der Straße zog -sie ihren Gatten auf die Seite:</p> - -<p>»Was hast du da geschwatzt von Gespenstern, -von Mäusen und jungen Mädchen, die -bei dir umgehen? Nun weiß ich es, für wen -du das Zimmer so festlich geschmückt hast! -Jedenfalls nicht für mich.«</p> - -<p>»Was?« sagte der unschuldige Mann. »Was -habe ich von jungen Mädchen gesagt?« und -er hielt seinen Hut in der Hand und ließ - <span class="pagenum"><a id="Page_228">[S. 228]</a></span> -die eisige Nachtluft seinen erhitzten Kopf abkühlen. -»Du glaubst wohl gar, daß ich junge -Mädchen nachts bei mir empfange?«</p> - -<p>»Ja, was soll ich denn anderes glauben?« -wimmerte die weinende Frau und drückte -ihren Muff vors Gesicht. »Du hast es ja -selbst vorhin vor allen Freunden gesagt, daß -zur Stunde der Maus junge Mädchen bei dir -umgehen.«</p> - -<p>»Da habe ich im Weinnebel Dummheiten -gesprochen,« verteidigte sich der Mann. »Mein -Zimmer hat niemals ein anderer Frauenfuß -betreten als der deinige, mit Ausnahme des -alten Weibes, das dort Ordnung macht und -täglich die Stube reinigt.«</p> - -<p>»Ist das wahr?« sagte die Frau des Südfrüchtenhändlers -und sah ihren Mann an und -zog ihn am Arm, damit er ihr ins Gesicht -sehen sollte.</p> - -<p>»Ich schwöre es dir,« beteuerte er. Aber -er sah sie nicht an, sondern starrte hinauf in -den Himmel, wo die Sterne wie Pyramiden -aufgehäufter goldener Früchte glänzten.</p> - -<p>Die Frau atmete auf und lachte sich selbst -aus, daß sie so schnell Übles gedacht hatte -von dem, den sie immer als rechtschaffen und -treu gekannt hatte. Und sie nahm sich jetzt - <span class="pagenum"><a id="Page_229">[S. 229]</a></span> -erst recht vor, zärtlich zu ihm zu sein, da er -nun doch das Zimmer nur für sie so schön -geschmückt hatte.</p> - -<p>Zu Hause, als sie den Mantel abgelegt, sah -sie, wie ihr Mann, nachdem er nach der Uhr -gesehen, nach einem der Balladenbücher griff -und es vom Bücherbord herunterlangte. Und -statt sich auszukleiden, streckte er seine Beine -auf dem Sofa aus und schlug das Buch auf -und las für sich.</p> - -<p>Die Frau entkleidete sich inzwischen und -kämmte ihr Haar am Spiegel aus, schlüpfte -dann ins Bett unter die seidene Bettdecke -und verhielt sich eine Weile mäuschenstill, -um abzuwarten, bis ihr Mann ausgelesen -hatte.</p> - -<p>Nach einer Weile klappte er das Buch zu, -und sie sah, wie er sich aus einer bisher ungeöffneten -Zigarrenschachtel eine große Zigarre -holte und diese anzündete. Und als sie -den fein duftenden Rauch roch, dachte sie -bei sich: so gute Zigarren raucht er doch -sonst nicht. Die hat er auch zu meinem -Empfang gekauft.</p> - -<p>Und sie nahm jede Rauchwolke, die er von -sich blies, als eine Huldigung dar.</p> - -<p>Dabei kam ihr der Gedanke, daß sie - <span class="pagenum"><a id="Page_230">[S. 230]</a></span> -eigentlich noch gern einen Schluck schwarzen -Kaffee getrunken hätte. Und da fragte -sie ihn:</p> - -<p>»Hättest du nicht auch gern ein Täßchen -Kaffee zu deiner guten Zigarre?«</p> - -<p>Da stand er auf und ging zu einem kleinen -Kredenzschrank, holte eine neue vernickelte -Kaffeemaschine und zwei winzige Mokkatassen, -stellte sie auf den runden Tisch unter -die Ampel und goß Spiritus in den Brenner, -nahm aus einer Büchse gemahlenen Kaffee -und schickte sich an, den Kaffee zu bereiten, -von dem sie gesprochen.</p> - -<p>Sie sah vom Bett aus mit Erstaunen seinen -Händen nach, und plötzlich schienen ihr die -Hände des lautlosen Mannes, die da am Tisch -handelten, die gespensterhaften Hände eines -Traumwandlers zu sein. Und sie fühlte mit -den Augen einer liebenden Frau, wie das -Herz dessen, der da umherging, nicht im -Zimmer anwesend war. Sie wurde wieder -bestürzt und ratlos und fühlte, daß Gespenster -umgingen hier im Zimmer zur Stunde der -Maus, so wie es ihr Mann vorher beim Wein -gesagt hatte. Zugleich wußte sie auch, daß -ihr Mann sie niemals belügen konnte. Und -sie schaute in die fremde Welt des fremdgeschmückten - <span class="pagenum"><a id="Page_231">[S. 231]</a></span> -Zimmers, wo sie den, den sie -liebte, nicht mehr erkannte. Nur wie ein Gespenst -saß er dort auf dem Sofa. Auch sein -Rauchen war unnatürlich und gezwungen. -Seine Augen sahen in die Spiritusflamme, die -da unter dem Kessel leise sauste, und dabei -schienen sie die Flamme doch nicht zu sehen. -Seine Ohren schienen auf die summende -Kaffeemaschine zu lauschen und schienen doch -noch anderes zu hören. Seine eine Hand aber -streichelte unausgesetzt und wie abwesend -den Deckel des Buches, das vor ihm lag. -Und mit eifersüchtigem Liebessinn wurde die -Frau von jenem Buche angezogen. Und als -das Kaffeewasser kochte und ihr Mann an -die Maschine trat, um den Kaffee in die -Tassen einzuschenken, da stieg sie leise aus -dem Bett und zog, scheinbar harmlos, das -Buch vom Tisch an sich. Sie blätterte darin -und erkannte sofort, daß es Balladen waren, -die jene junge Verwandte, die sie daheim -hatte, immer las und vortrug.</p> - -<p>Sie wußte jetzt mit raschem Gedankengang -plötzlich, wer das Gespenst war, wer das -junge Mädchen war, das um die Stunde der -Maus im Zimmer ihres Mannes umging.</p> - -<p>Sie fühlte, daß seine Gedanken nur bei - <span class="pagenum"><a id="Page_232">[S. 232]</a></span> -jener Verwandten weilten, und sie wurde -zornig, da sie glaubte, er habe sie in jenen -Augenblicken, da er das Mädchen zur Nachtwache -im Provinzladen aufgesucht, daheim -schon betrogen.</p> - -<p>Als der Mann mit der gefüllten Kaffeetasse -zu ihr ans Bett trat, wies sie den Kaffee zurück, -wandte das Gesicht gegen die Wand -und brach in Schluchzen aus. Und auf seine -Fragen stürzten ihr Vorwürfe über die Lippen. -Aber er konnte ruhig entgegnen, daß kein -Wort und nichts zwischen ihm und jenem -Mädchen ausgetauscht worden war, was seine -Treue hätte in Frage stellen können.</p> - -<p>»Es muß aber doch etwas zwischen euch -gewesen sein,« fuhr die Frau hartnäckig fort, -»denn ich erinnere mich jetzt, daß du ganz -plötzlich deine Aufsicht über die Nachtwachen -im Laden abgebrochen hast. Sage mir, was -war das letzte Wort, das ihr dort zusammen -spracht?«</p> - -<p>»Ich sagte ihr, daß ich glücklich, sehr glücklich -verheiratet bin,« erwiderte der Mann nach -einigem Nachdenken.</p> - -<p>Die Frau sah erstaunt mit tränendem Gesicht -zu ihm auf und sagte: »Ich glaube dir's. -Aber ich weiß doch, daß sie allein das Gespenst - <span class="pagenum"><a id="Page_233">[S. 233]</a></span> -ist, das nach Mitternacht hier umgeht. -Kannst du mir wirklich versichern, daß du -alles das, die Tassen, die Kaffeemaschine und -alle Dinge im Zimmer nur für mich und dich -gekauft hast und die andere im Geist niemals -neben dir hast sitzen sehen?«</p> - -<p>Da sagte er einfach und langsam: »Wenn -ich jetzt um diese Stunde an das Mädchen -erinnert werde, wird es mir klar, daß ich -alles, was du hier siehst, eingekauft habe, um -sie und nicht dich zu empfangen. In allen -andern Stunden wußte ich nichts davon.«</p> - -<p>Da weinte die Frau. Und als ihr Mann -sich neben sie aufs Bett setzte und die -seidene Decke über sie legte, stieß sie die -Decke heftig zurück. Und ihm war es, als -habe sie mit dieser Bewegung nach dem Mädchen -gestoßen, das er neben ihr heimlich -liebte.</p> - -<p>Da löste sich sein geknebeltes Herz auf. -Und er ging und setzte sich in eine entfernte -Zimmerecke und bedeckte sein Gesicht mit -den beiden Händen.</p> - -<p>Gegen Morgen, als das Geräusch der vorüberfahrenden -Milchwagen und der ersten -Straßenbahn die Fensterscheiben leise klirren -machte, rief die Frau vom Bett aus ihres - <span class="pagenum"><a id="Page_234">[S. 234]</a></span> -Mannes Namen. Aber als er dann zu ihr -trat, brach sie wieder in Weinen aus.</p> - -<p>»Es ist dir nichts geschehen und wird dir -nichts geschehen, denn ich werde mich nie -diesem Mädchen verraten. Meine Gedanken -an sie werden mit der Zeit erkalten müssen. -Wenn du mich nicht an sie verrätst, werde -ich sie vergessen können.«</p> - -<p>Und die Frau versprach ihm, wenn sie heimkommen -würde, dem Mädchen, das so unschuldig -war wie ihr Mann, nicht gram sein -zu wollen und über alles zu schweigen, was -sie von ihm in dieser Nacht erfahren. Er -wußte, was sie versprochen habe, würde sie -auch halten.</p> - -<p>Nachdem die Frau wieder abgereist war, -nahm der Mann bald ein Bild nach dem andern -von den Wänden herab und rückte die -Vasen in eine Ecke eines hohen Schrankes, -wo er sie nicht sehen konnte, rollte die seidene -Decke zusammen und packte sie fort. -Auch die Balladenbücher nahm er vom Brett -und legte sie in eine Schublade, die er verschloß. -Denn seit jener Aussprache in der -Silvesternacht war der Geist des Mädchens, -der sonst um die Stunde der Maus in seinem -Herzen schwül umgegangen war, von ihm ferngeblieben, - <span class="pagenum"><a id="Page_235">[S. 235]</a></span> -und die stille Leidenschaft starb in -dem Mann allmählich ab. Der Händler ging -eifrig seinen Geschäften nach, vermied es, die -Abende allein zu verbringen, suchte Freunde -und Bekannte auf und schien allmählich vollständig -zu genesen von dem Liebesalp, der -ihn so lange heimlich bedrückt hatte.</p> - -<p>Da erhielt er eines Tages ein Telegramm, -worin seine Frau ihn bat, schleunigst nach -Hause zu kommen, da jener jungen Verwandten -ein schweres Unglück zugestoßen -wäre.</p> - -<p>Der Mann zitterte einen Augenblick, als er -das Papier mit der Nachricht in den Händen -hielt. Dann aber machte er sich kühl und -hart gegen alte auflodernde Gefühle und reiste -mit dem nächsten Zug nach Hause.</p> - -<p>Die Frau empfing ihn mit verweinten Augen -und schluchzte an seinem Hals und sagte ihm, -daß das junge Mädchen durch einen plötzlichen -Unfall getötet worden war. Dabei aber -stotterte sie:</p> - -<p>»Du wirst glauben, ich bin schuld an ihrem -Tod. Aber ich schwöre dir, ich bin unschuldig.«</p> - -<p>Der Mann erstaunte und fragte, welches -Unglück sich ereignet habe, und hörte dann - <span class="pagenum"><a id="Page_236">[S. 236]</a></span> -von der schluchzenden Frau, daß das Mädchen -durch einen unvorsichtigen Schritt in die -geöffnete Falltür, die sich im Fußboden des -Ladens befand, abends im Dunkeln, als sie -eben die Nachtwache antreten wollte, in den -tiefen Keller gestürzt war, auf dessen mit -Steinplatten gepflastertem Boden man die Unglückliche -mit gebrochenem Rückgrat tot aufgefunden -hatte.</p> - -<p>»Aber wer hat denn die Tür in den Keller -aufstehen lassen?« fragte der Südfrüchtenhändler -entsetzt.</p> - -<p>Die Frau verbarg das Gesicht an seiner -Brust und schluchzte von neuem:</p> - -<p>»Ich bin es gewesen, ich. Ich bin wohl an -ihrem Tode schuld, aber ich habe ihn nicht -absichtlich verschuldet.«</p> - -<p>Da durchlief den Mann ein Schauder, und -er zog sich aus der Umarmung seiner Frau -zurück.</p> - -<p>Sie aber klammerte sich fest an ihn und -rief verzweifelt: »Als es mir plötzlich einfiel, -daß ich die Kellertür offen gelassen hatte, bin -ich oben aus dem Zimmer in das Stiegenhaus -gestürzt und habe ihr nachgerufen, sie solle -nicht in den Laden gehen, da die Falltür zu -dem Keller offen wäre. Im selben Augenblick - <span class="pagenum"><a id="Page_237">[S. 237]</a></span> -aber hörte ich schon einen Schreckensruf -und den polternden Aufschlag eines Körpers -im tiefen Gewölbe.«</p> - -<p>Die Frau setzte sich auf einen Stuhl und -schluchzte in ihre beiden Hände. Und als -sie nach einer Weile wieder aufsah, war das -Zimmer leer.</p> - -<p>Sie glaubte, der Mann wäre auf den -Kirchhof in die Leichenhalle gegangen, um -das Mädchen noch einmal zu sehen. Aber -er war, ohne Abschied zu nehmen, in sein -Geschäft in der Hafenstadt zurückgereist und -ließ seine Frau deutlich fühlen, daß er es -nicht glauben konnte, sie habe die Falltür -ohne Absicht offenstehen lassen.</p> - -<p>Gleich nach der Beerdigung des Mädchens -reiste sie zu ihm und erklärte ihm noch einmal, -daß sie unschuldig wäre. Er aber ging -wieder aus dem Zimmer und wollte nicht mit -ihr sprechen.</p> - -<p>Sie kehrte in den Laden in der Provinz zurück, -verzweifelt darüber, daß sie ihren Mann nicht -zum Glauben an ihre Unschuld bringen konnte.</p> - -<p>Von dem ausgestandenen Schrecken und -von dem Schweigen ihres fernen Mannes gefoltert, -wurde sie immer schwächer und erkrankte -zuletzt an einem Gehirnfieber.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_238">[S. 238]</a></span></p> - -<p>Eines Tages erhielt der Südfrüchtenhändler -einen Eilbrief von einem Arzt, der ihn aufforderte, -schleunigst zu kommen, wenn er -seine Frau noch am Leben finden wollte, denn -ihre Stunden wären gezählt.</p> - -<p>Der Mann kam, aber die Fiebernde kannte -ihn nicht mehr. Der Arzt sagte, er solle sich -an ihr Bett niedersetzen, es wäre möglich, daß -sie kurz vor dem Sterben zum Bewußtsein -kommen und ihn erkennen würde.</p> - -<p>Da saß er nun und hörte die Fiebergespräche, -in denen sie immer wieder die Worte -wiederholte, daß sie unschuldig wäre. Aber -er konnte es doch nicht glauben. Sie hat -aus Eifersucht getötet, sagte er zu sich selbst.</p> - -<p>Plötzlich richtete sich die Fiebernde im Bett -auf und erkannte ihren Mann.</p> - -<p>»Bist du gekommen, mir zu glauben?« rief -sie erleichtert aus.</p> - -<p>Da sah er in ihre Augen, und beim Ton -ihrer Stimme mußte er glauben, daß sie unschuldig -war am Tod der andern.</p> - -<p>Und er bat in seinem Herzen das Schicksal -um ein Wunder: Die Sterbende soll leben -bleiben und gesund werden, wenn sie unschuldig -ist, sagte er in seinem Schweigen.</p> - -<p>Er sah ihr fest ins Auge und beschwor - <span class="pagenum"><a id="Page_239">[S. 239]</a></span> -ihr fliehendes Leben mit seinem innersten -Wunsch.</p> - -<p>»Ich glaube dir. Du bist unschuldig. Wir -haben beide keine Schuld und wollen glücklich -und ruhig weiterleben,« sagte er laut zu -der Kranken, deren Kopf erschöpft auf die -Seite sank, während ihre Augen ihn halbverklärt -betrachteten.</p> - -<p>»Ich will schlafen, und wenn ich aufwache, -will ich mit dir glücklich sein wie früher,« -sagte die Frau mit schwacher Stimme.</p> - -<p>Seine Hände betteten ihren Kopf sorgsam -in die Kissen. Er wachte dann zwölf Stunden -an ihrem Bette, und in all der Zeit hielt -er ihre Hände in seinen Händen.</p> - -<p>Nach zwölf Stunden schlug die Frau einen -Augenblick die Augen auf, und als sie sein -Gesicht neben sich sah, lächelte sie.</p> - -<p>»Schlafe dich gesund!« sagte ihr Mann. Sie -schloß wieder die Augen und schlief noch -einmal zwölf Stunden. Und nach der vierundzwanzigsten -Stunde saß der Mann immer -noch wach an ihrem Bett und hielt ihre Hände -fest wie in der ersten Stunde.</p> - -<p>Sie schlug die Augen auf, und als sie ihn -immer noch neben sich sah, war sie glücklich -und gestärkt und fühlte, daß sie zum Leben - <span class="pagenum"><a id="Page_240">[S. 240]</a></span> -zurückkehrte. Und sie fuhr streichelnd mit -der Hand über die Augen ihres Mannes. -Dann sank sein Kopf zu ihr auf die Kissen, -und er schlief ein, und sie schliefen beide -noch einmal zwölf Stunden.</p> - -<p class="pmb3">Dann erwachte sie gesund und gestärkt. -Und seit dieser Stunde war bei ihnen alles -Vergangene vergessen, und ihr Leben wurde -von jetzt ab glücklich wie in den ersten Jahren -ihrer Ehe.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_241">[S. 241]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_242">[S. 242]</a></span></p> - - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="Die_Kurzsichtige_und">Die Kurzsichtige und<br /> -der Komet</h2> -</div> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_243">[S. 243]</a></span></p> - - -<p>Es war in einem Winter, als die Astronomen -von Europa einen bisher unbekannt -gewesenen kleinen Kometen entdeckt hatten, -der kurz nach Sonnenuntergang am Abendhimmel -mit bloßen Augen zu sehen sein -sollte, später in der Nacht aber hinterm Horizont -verschwand.</p> - -<p>In jenem Winter sah man täglich um die -fünfte Abendstunde die Leute mit Operngläsern -in den Händen auf verschiedenen freien Plätzen -von Berlin sich zusammenrotten. Und einer -versuchte vom andern die Stellung des neuen -Kometen zu erfahren. Indessen der Wagenstrom -laut und lärmend wie immer auf dem -Straßendamm rollte, stockte auf den Bürgersteigen -der Verkehr. Die Leute schoben und -drängten und standen den Eilenden im Wege, -und niemals haben zu gleicher Zeit nachts so -viele Augen in den Sternen gesucht als in -jenen Winterabenden in der Stunde nach -Sonnenuntergang in Berlin und in ganz Europa.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_244">[S. 244]</a></span></p> - -<p>Ich hatte mehrmals am Potsdamer Platz versucht, -den Kometen für mich zu entdecken, -aber die Lichtreklamen, die dort über den -Kaffeehäusern und über den Dächern der -Potsdamer Straße und der Königsgrätzer Straße -gegen den Himmel auf- und abflammten, erschwerten -das ruhige Betrachten des Nachthimmels.</p> - -<p>Deshalb war ich eines Abends mit der elektrischen -Straßenbahn nach dem südlichen Teil -der Stadt zum Kreuzberg gefahren, um dort -von den Parkanlagen des Hügels aus beschaulicher -nach dem Kometen suchen zu -können.</p> - -<p>Als ich in der Nähe des Kreuzbergs aus -der Straßenbahn stieg, bemerkte ich, daß -viele Leute denselben Weg nahmen wie ich. -Ganze Familien gingen in Reihen vor mir -her. Auch laute Schulknaben, die sich zusammengerottet -hatten, und stille Liebespaare -stiegen dort in den Parkwegen hügelaufwärts -und Hunderte kamen vom Kreuzberg herunter. -Es war ein allgemeines Wandern, als -wäre da oben ein Jahrmarkt.</p> - -<p>Die Wege waren ziemlich dunkel; selten -brannte eine Laterne. Schnee lag in dünner -Schicht vor den finstern Tannengruppen, und - <span class="pagenum"><a id="Page_245">[S. 245]</a></span> -der klare, eisige Winterhimmel war trotz der -späten Stunde noch leicht hell und schimmerte -zwischen den finstern Bäumen.</p> - -<p>Dort, wo es in den Anlagen ganz dunkel -war und Treppenstufen zwischen künstlichen -aufgetürmten Stufen emporstiegen, halfen sich -die Menschen mit lautem Gelächter weiter. -Die Heruntersteigenden lachten, und die Hinaufkletternden -lachten. Und man tastete sich -aneinander vorüber, und die jungen Mädchen, -in Pelzmäntel vermummt, kicherten, und die -jungen Männer erschreckten sie mit plötzlichen -Zurufen; und mancher zündete ein Streichholz -an, um ein Geländer oder eine Treppenstufe -zu beleuchten.</p> - -<p>Ich hatte mich an meinem Spazierstock -bergauf getastet und traf, bald oben, auf der -Höhe des Hügels unter den Bäumen eines -verschneiten Grasplanes wohl hundert Menschen, -die über die Häuserwelt von Berlin -wegsahen und, gen Westen gewendet, den -Himmel absuchten, wo die Sonne untergegangen -war und ein Stückchen vom zunehmenden -Mond blinkte.</p> - -<p>Mir kam es aber vor, als ob keiner den Kometen -wirklich fände, alle aber ihn im Geiste -sahen. Und da sie ihn heftig gern zu sehen - <span class="pagenum"><a id="Page_246">[S. 246]</a></span> -wünschten, deuteten sie auch alle nach einer -Richtung, wo hier und da ein Stern blitzte, und -jeder vermeinte, in diesem oder jenem Stern -den Kometen zu sehen. Ich glaube, jeder fand -sich seinen eigenen Kometen. Die, die keinen -am Himmel entdeckten, fanden ihn sicher auf -der Erde. Denn es streifte im Dunkeln manch -blitzendes Auge umher. Alle Menschen hier -hatten den einen Zweck, herumzustehen, und -manche durften sich anreden und ihrer Redelust -Luft machen und ihrer Wissenslust und ihrem -Gefühlsdrang Raum geben beim Schauen in den -aufrichtigen Nachthimmel, auf diesem Hügel, -der da im weiten steinernen Häuserkranz Berlins -wie eine Insel zwischen Wellenkämmen lag.</p> - -<p>Man lieh sich gegenseitig Gläser und Brillen -und Fernrohre. Man half sich, im nächtlichen -Garten des Himmels spazierenzugehen, wobei -die Augen als Füße dienten, und man unterstützte -sich gegenseitig hilfreich im Lustwandeln -am Nachtfirmament.</p> - -<p>Manche Pärchen sonderten sich ab und -setzten sich trotz Kälte und Schnee auf einsame -Bänke, die da auf der Hügelhöhe standen.</p> - -<p>Einige Knaben bildeten Gruppen, einzelne -rauchten verbotene Zigaretten, und die anderen -leisteten ihnen neidisch Gesellschaft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_247">[S. 247]</a></span></p> - -<p>Ältere Herren im Kreise von Bekannten erzählten -von früheren Kometenjahren, und -auch Fremde stellten sich um sie herum und -gaben ihre Weisheit dazu.</p> - -<p>Von der Stadt sah man nur einige mattgelb -erleuchtete Straßenzüge mit unzähligen -glitzernden Fenstern. Aber eigentlich fühlte -man von der großen Stadt hier oben nichts -mehr. Berlin war nur noch ein gespenstiger -Körper rund um den Hügel, ein Körper, der -sich ins Unendliche verlor und hier und da -aus seinen Poren Feuerstaub zu atmen schien.</p> - -<p>Ich hatte so eine Weile in Betrachtung der -Stadt, der Menschen und des Himmels mich -an meinem Stock gelehnt, den ich wagrecht -gegen den Stamm eines Kiefernbaumes gestemmt -hatte.</p> - -<p>Vor mir lichtete und verdichtete sich das -Gedränge der Menschen. Nur der Himmel -über mir blieb immer gleich klar und unbeweglich.</p> - -<p>Ich stellte mir eben vor: so aller Berufe -entkleidet, so gleichgemacht und von dem -einen einzigen Gedanken der Ewigkeit und -Unendlichkeit entrückt, müßten auf irgendeinem -Eiland, wenn es das gäbe, die Schatten -der Gestorbenen umhergehen, aufgestiegen in - <span class="pagenum"><a id="Page_248">[S. 248]</a></span> -Höhen, wo sich keine Weltunrast mehr findet, -und hingegeben einzig dem Betrachten der -Ewigkeit in uns und um uns...</p> - -<p>Schatten gingen und neue Schatten kamen -über den weißen, leicht beschneiten Grasflächen. -Menschen lösten sich aus Bäumen, -und andere schienen in Bäume zu verschwinden.</p> - -<p>Der Schnee, der fein bläulich schimmerte -wie eine Phosphormasse, schien mir aus weißen, -eisigen Blüten zu bestehen, den Blumen der -Vergessenheit, die diesem Eiland im Weltraum -unklares Licht gaben, und über denen -die Schatten der Menschen sich lautlos begegneten.</p> - -<p>Sobald wir vergessen können, sind wir selbst -nicht mehr und werden unendliches Gefühl -ohne Wissen...</p> - -<p>Wie ich noch diesem Gedanken nachhing, -sah ich eine Dame, ein wenig vorgebeugt, -mit unsicheren kleinen Schritten über den -Schnee kommen, und ich erkannte sie sofort, -trotzdem ich nichts sah als den schwarzen -Schattenriß ihrer Gestalt. Sie war aus einer -dunklen Baummasse hervorgetreten, und wie -ein Teil des Dunkels erinnerte sie mich an -Geschehnisse, an Herzenserlebnisse, die in - <span class="pagenum"><a id="Page_249">[S. 249]</a></span> -meiner Vergangenheit lagen, in jener gespenstigen -Vergangenheit, die wir im Rückblick -Jugend nennen.</p> - -<p>Wer kann aber sagen, daß er jemals altert!</p> - -<p>Die zierliche kleine Dame kam näher, und -ich sah, wie sie sich bückte. Zu beiden Seiten -ihrer Füße stand je ein kleiner Hund, und -sie band diese beiden Tierchen an einen -Riemen. Die Tiere liefen dann aneinandergekoppelt -vor ihr her, indessen sie die Riemenschnur -in der Hand hielt.</p> - -<p>Sie kam gerade auf den Baum zu, an dessen -Stamm gestützt ich meinen Stock hielt. Mir -schien es, als wollte sie die Hunde an den -Baumstamm anbinden.</p> - -<p>An ihrem Gang und ihrer Art merkte ich, -daß sie noch immer sehr kurzsichtig war, und -ich erinnerte mich jetzt, daß sie schon viele -Abenteuer infolge dieser starken Kurzsichtigkeit -hatte erleiden müssen.</p> - -<p>Ich wollte abwarten, bis die Dame ihre -Hunde an den Baum gebunden habe, und -wollte dann zu ihr treten und sie begrüßen.</p> - -<p>Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen, -seit langen Jahren uns aus den Augen verloren, -und vielleicht wäre es gar nicht gut, wenn ich -die beinah Vergessene begrüßen würde. Vielleicht - <span class="pagenum"><a id="Page_250">[S. 250]</a></span> -würden die Erinnerungen, die wir aufwühlen -mußten, Martern werden.</p> - -<p>Man lernt sein eigenes Wesen niemals ganz -kennen und weiß niemals, wie tief die Wunden -zuheilen. Wir wissen auch nicht, ob wir -Unheilbares in uns tragen, oder ob wir unverwundbar -sind. Solange wir atmen in diesem -warmen Leibe, den wir uns aufgebaut haben, -studieren wir diesen Leib, von dem wir wissen, -daß er nur künstlich und vergänglich ist. Aber -wir schaudern oft im geheimen vor seinem -Dasein, weil unser Leib uns ebenso fremd -bleibt wie unser ewiges Teil. Weil der Leib -plötzlich im Blut Sehnsüchte wie Abgründe -öffnen kann.</p> - -<p>Gottlob, daß Leib und Seele nicht mit -Zahlen, nicht mit Gesetzen, nicht mit Maßstäben, -nicht mit Erfahrungen zu begreifen und -zu ergründen sind. In seiner Unbegreiflichkeit -ergänzt der sterbliche Teil den ewigen Teil.</p> - -<p>Ich wußte nicht, sollte ich jene Dame -grüßen oder sollte ich ihr ausweichen. Ich -wollte eben meinen Spazierstock, den ich in -der Höhe meiner Hüfte wagrecht gegen den -Baumstamm gestellt hatte, zurückziehen und -wollte einige Schritte weitergehen.</p> - -<p>Da sehe und fühle ich erstaunend, daß die - <span class="pagenum"><a id="Page_251">[S. 251]</a></span> -Dame ihre Foxterrier an meinen Spazierstock, -den sie wohl für einen Baumast hielt, festband.</p> - -<p>Ich hielt den Stock jetzt belustigt still, -während mich der eine Hund beschnüffelte -und der andere an seine Herrin hochsprang.</p> - -<p>Diese war ganz in ihre mühsame Arbeit -vertieft und band die Riemenschnur um -meinen Stock zu einem festen Knoten. Vorher -hatte sie ganz flüchtig mit ihrer behandschuhten -Hand meinen nicht glatten, sondern -etwas knorrigen Stock abgetastet und sich -überzeugt, daß er fest genug war, um die -beiden Hunde zu halten.</p> - -<p>Viele Leute kamen und gingen. Ich fiel der -Dame nicht weiter auf, sie hielt mich eben -für einen der vielen Herumstehenden, die nach -dem Kometen suchten.</p> - -<p>Wie seltsam war dieses Wiedersehen! Tragisch-komisch, -wie alle kurzsichtigen Abenteuer -jener Dame.</p> - -<p>Ich sah, daß sie ein Opernglas umhängen -hatte, und zugleich baumelte an einer langen -Kette über ihrem Mantel ein Lorgnon, das -ich so gut aus früheren Jahren kannte.</p> - -<p>Die Dame entfernte sich jetzt einige Schritte, -nachdem sie ihren Hunden geboten hatte, sich -niederzulegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_252">[S. 252]</a></span></p> - -<p>Die Tiere aber gehorchten nicht gleich. Sie -zerrten an der Schnur, und ich mußte mich -mit meiner ganzen Kraft mit dem Stock gegen -den Baum stützen und hatte alle Mühe, meinen -Spazierstock festzuhalten.</p> - -<p>Sie aber sah nichts anderes als ihre Hunde. -Sie rief ihnen nochmals zu, und da sie glaubte, -daß sie sie an einem Baumast festgebunden, -ging sie weiter, wobei sie ihr Opernglas aus -dem Lederbehälter nahm.</p> - -<p>Ich kannte die Hunde beim Namen, und -als die Dame weit genug über den Schnee -fortgegangen war, flüsterte ich den Tieren -ihre Namen zu. Sie sahen erstaunt nach mir -und stellten das gemeinsame Kläffen ein, -beschnüffelten mich nochmals, wedelten ein -wenig belustigt mit ihren Schweifstummeln -und setzten sich still zu meinen Füßen nebeneinander.</p> - -<p>Ich nahm mir vor, die Terrier festzuhalten -und meinen Stock einen Baumast vorstellen -zu lassen, bis die Hunde von der Kurzsichtigen -wieder abgeholt wurden.</p> - -<p>Ich sah die zierliche Gestalt der Dame -sich am Rand der Hügelfläche gegen den -Nachthimmel abzeichnen und sah, wie sie -abwechselnd das Lorgnon nahm und dann - <span class="pagenum"><a id="Page_253">[S. 253]</a></span> -wieder das Opernglas, um unter den Menschen -zu suchen und unter den Sternen am -Himmel.</p> - -<p>Es war eine Unruhe über ihr, die mir von -ihrer Kurzsichtigkeit auszugehen schien. Und -während alle Leute den Kometen im Westen -finden wollten, hatte sie sich allein nach der -östlichen Himmelsrichtung gewendet, wo sie -den Kometen sicher niemals erblicken konnte. —</p> - -<p>Wir hatten uns vor Jahren auf eine sonderbare -Weise kennen gelernt.</p> - -<p>Ich saß damals eines Tages auf der Terrasse -des Café Josti am Potsdamer Platz. Es war -an einem Nachmittag zur Pfingstzeit. Frühlingslebhaftigkeit -war über allen Menschen. -Blumenverkäuferinnen mit Flieder, Schneeballen -und Pfingstrosen standen mit ihren -breiten Körben draußen vor der Terrassenbrüstung -neben den Zeitungsverkäufern. Damen -mit neuen Sommerhüten und Herren -mit neuen Strohhüten spazierten, eilten und -schlenderten vorüber.</p> - -<p>Die langen Reihen der Straßenbahnen, die -Autos und Lastkarren stockten manchmal, -wenn einer der vielen Polizisten an den breiten -Straßenmündungen die weißbehandschuhte -Hand hob.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_254">[S. 254]</a></span></p> - -<p>Ich sah zufällig über den Platz hin und -bemerkte, daß ein Schutzmann eine junge -Dame, die mit zwei Foxterrier den Fahrdamm -überschreiten wollte, herübergeleitete, und daß -die Dame, am Trottoirrand angekommen, ihr -Portemonnaie zog, um den Schutzmann ein -Trinkgeld zu geben.</p> - -<p>Die Umstehenden lachten. Der vielbeschäftigte -Schutzmann aber grüßte nur kurz und -ließ die Dame stehen. Diese erkannte die -Verlegenheit, in die sie den Schutzmann und -die Umstehenden gebracht hatte, und darüber -etwas ratlos, gab sie das Geldstück, das sie -nun einmal in der Hand hielt, einer Blumenverkäuferin.</p> - -<p>Diese meinte natürlich, die Dame wolle eines -ihrer kleinen Moosrosensträußchen kaufen, und -beeilte sich, ihr einen Strauß aus ihrem Korb zu -geben. Indessen schritt aber die Kurzsichtige -schon zum Eingang der Terrasse des Cafés. -Die Blumenverkäuferin wußte nun nicht, wem -sie das Sträußchen geben sollte, und gab -es einem Herrn, der den Verkauf beobachtet -hatte, und bat ihn, der Dame nachzueilen.</p> - -<p>Der Herr lachte und holte die Dame gerade -am Eingang des Cafés ein. Dort zog -er höflich den neuen Strohhut, verneigte sich - <span class="pagenum"><a id="Page_255">[S. 255]</a></span> -und reichte der Kurzsichtigen den kleinen -Rosenstrauß. Sie sah den Herrn erstaunt -von der Seite an. Ohne ihn einer Antwort -zu würdigen, ließ sie ihn mit den Blumen -stehen, denn sie hielt ihn augenscheinlich -für einen Zudringlichen und glaubte wahrscheinlich, -die Überreichung des Sträußchens -bezwecke eine Annäherung. Dann stieg die -Dame die wenigen Stufen zur Caféhausterrasse -empor, und die Foxterrier, die in der -Hitze mit offenen Mäulern stoßweise atmeten, -zogen die Dame seltsamerweise nach meinem -Tisch hin.</p> - -<p>Vielleicht hatten die Terrier mein Interesse, -das ich an ihrer Herrin nahm, in Fernwirkung -empfunden. Denn ich hatte die Ankommende -zwischen, über und neben den Köpfen der -um mich Sitzenden mit meinen Augen aufmerksam -verfolgt.</p> - -<p>Und nun saß sie nach einer Weile neben -mir. Die Hunde lagen unter dem Tisch. Sie -entnahm einer Handtasche ein kleines Taschentuch -und säuberte eifrig die Gläser ihres -Lorgnons.</p> - -<p>Sie war unauffällig geschmackvoll gekleidet. -Ich erinnere mich, daß ein großer, brauner -Strohhut mit sehr breiter Krempe mir ihr - <span class="pagenum"><a id="Page_256">[S. 256]</a></span> -Gesicht verdeckte, das ich nur einen Augenblick -vorher gesehen hatte. Es war mild und blaß, -und zwei dunkelbraune Augen schauten aus -ihm in die Welt, ohne die Welt genau zu sehen.</p> - -<p>Die Dame kam mir damals vor, als ginge -sie in einer Dunkelheit und müsse sich im -Gehen und Handeln mehr auf ihren Instinkt -als auf ihre Augen verlassen.</p> - -<p>Sie hatte bei dem vorüberrennenden Kellner -eine Limonade bestellt. Der Kellner hatte mir -eben auch meine Limonade gebracht. Ich las -dann aber in meiner Zeitung weiter und wurde -für ein paar Augenblicke von einem Artikel -gefesselt. Als ich wieder aufsah, trank die -Kurzsichtige neben mir meine Limonade aus -meinem Glase.</p> - -<p>Ich rührte mich nicht und ließ die Dame -im Glauben, daß das ihre Limonade war. Bis -der Kellner kam, hatte sie das Glas ausgetrunken. -Und als er die bestellte Limonade -vor sie hinsetzte, sah sie ihn erstaunt an, -nahm ihr Lorgnon vor die Augen und bemerkte -nun auch mich. Aus ihren Bewegungen -konnte ich ersehen, wie sie sich -über sich ärgerte. Ich dachte, sie würde mir -jetzt ihre Limonade anbieten und eine Entschuldigung -vorbringen. Sie aber ließ ihr - <span class="pagenum"><a id="Page_257">[S. 257]</a></span> -Lorgnon fallen, zuckte mit der einen Schulter, -legte rasch Geld aus ihrem Portemonnaie auf -den Tisch und murmelte dabei: »Das ist doch -unverschämt.« Dann stand sie mit einem Rucke -auf, zog ihre Hunde, die sich eben zum -Schlafen hingestreckt hatten, hinter sich her -und verließ offensichtlich geärgert die Terrasse.</p> - -<p>In der Schnelligkeit hatte sie nicht bemerkt, -daß ihr Taschentuch von ihrem Schoß unter -den Tisch gefallen war. Ich war aber durch den -Ausspruch »Das ist unverschämt« so verwundert, -daß ich mich nicht gleich bücken mochte. -Dann aber belustigte mich das Ganze. Ich -nahm das Taschentuch an mich, und als der -Kellner kam, fragte ich ihn, ob er die Dame -kenne, die eben da gesessen.</p> - -<p>»Ja,« sagte er, »sie hat ein paar Mal morgens -ihren Kaffee hier getrunken. Sie scheint sehr -zerstreut zu sein. Neulich hat sie in Gedanken -unsere Getränkekarte beim Aufstehen -mitgenommen, und als einer von uns sie -darauf aufmerksam machte, zeigte es sich, daß -sie geglaubt hatte, ihr Notenheft in der Hand -zu halten. Sie ist Musikschülerin, und ich -sah sie auch schon öfters mit einem Geigenkasten -vorübergehen. Sie muß hier in der -Nähe wohnen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[S. 258]</a></span></p> - -<p>Ich hatte das Taschentuch zu mir gesteckt -und mir vorgenommen, es der jungen Dame -selbst auszuhändigen, wenn ich sie einmal -wieder sehen sollte.</p> - -<p>Gleich am nächsten Nachmittag, ungefähr -um die selbe Stunde, traf ich die Kurzsichtige -wieder. Diesmal war sie ohne ihre Hunde.</p> - -<p>Sie stand an dem Schaufenster eines Photographen -und betrachtete durch ihr Lorgnon -die Bilder. Der Kasten befand sich dicht an -einer Straßenecke.</p> - -<p>Ich war auf der anderen Seite der Straße -und mußte einige Automobile vorüberfahren -lassen, ehe ich den Fahrdamm überschreiten -konnte. Als ich dann durch das Wagengedränge -hinüberkam, sah ich, wie die Dame, -immer noch mit dem Lorgnon vor den Augen, -um die Ecke der Straße ging. Dort mußte -sich ein zweiter Photographenkasten befinden, -denn sie sah mit voller Aufmerksamkeit gegen -das Haus.</p> - -<p>Ich zögerte einen Augenblick, ihr sofort zu -folgen, und stellte mich vor die Bilder an den -Kasten, vor dem sie vorher gestanden. Mein -Herz klopfte ein wenig, als ich überlegte, -mit welchen Worten ich ihr das Taschentuch -überreichen sollte hier an der Straßenecke. - <span class="pagenum"><a id="Page_259">[S. 259]</a></span> -Wahrscheinlich würde sie mich gar nicht anhören, -wenn ich mich verbeugen und meinen -Hut ziehen würde. Vielleicht würde sie mich -kurz angebunden stehen lassen, wie sie den -Herrn neulich mit dem von ihr selbst bezahlten -Rosenstrauß hatte stehen lassen.</p> - -<p>Nur wenige Augenblicke überlegte ich das -alles und stellte mir vor: wenn ich jetzt um -die Ecke des Hauses treten würde, wollte ich -mich zuerst neben sie stellen und die Widerspiegelung -ihres Gesichtes in dem Schaukasten -ein wenig beobachten, ehe ich sie anspräche. Ich -konnte sehen, daß sie noch dort stand, denn ich -sah die Spitze ihres grünseidenen Sonnenschirms.</p> - -<p>Zugleich bemerkte ich aber jetzt, daß die -meisten Leute, die an der Dame vorübergegangen -waren und um jene Straßenecke -bogen, sich erstaunt, verblüfft oder belustigt -lachend nach ihr, die nur mir noch verborgen -war, umsahen.</p> - -<p>Es war doch nicht möglich, daß sie alle -diese Leute kannte! Auch sah ich nicht, daß -ein einziger von ihnen grüßte oder gegrüßt -hatte. Einige sogar kehrten um, und ich sah -an den Schatten, die über den weißen Asphalt -der Straße fielen, daß sich Menschen dort ansammelten, -wo sie stand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_260">[S. 260]</a></span></p> - -<p>Was ist da nur so Urkomisches an dem -Schaukasten des Photographen zu sehen, fragte -ich mich.</p> - -<p>Ich trat nun um die Ecke des Hauses. Da -war gar kein Photographenkasten an der Wand. -Da war auch kein Plakat, keine Inschrift. Da -war nur eine leere Mauer, eine einfach gekalkte -Wand, an deren Mörtel für mich nichts -zu sehen war. Aber vor der Wand stand -jene Dame, die ich suchte, mit ihrem Lorgnon -vor den Augen und sah so hin und her an -der Wand, ein wenig hinauf, ein wenig zur -Seite, ebenso wie sie es vorher vor dem Schaufenster -getan hatte.</p> - -<p>In einigem Abstand hinter ihr waren die Leute -stehen geblieben, vorübergehende Herren und -Damen, Dienstboten und Arbeiter, die sich mit -Gesten und Blicken stumme Zeichen machten.</p> - -<p>Ich begriff nun: die Kurzsichtige mußte -tief in Gedanken sein, und weil sie an der -einen Seite der Ecke vorher Bilder betrachtet -hatte, schien sie auch hier Bilder erwartet zu -haben, und schien im Geist auch solche zu -sehen.</p> - -<p>Das Ganze spielte nur wenige Sekunden. -Dann schien die Dame sich bewußt zu werden, -daß die Wand leer war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_261">[S. 261]</a></span></p> - -<p>Auf diesen Augenblick mußten alle Umstehenden -gewartet haben. Mit demselben -Ruck, mit dem die Kurzsichtige gestern vom -Tisch aufgestanden war, trennte sie sich plötzlich -von der leeren Wand, erleuchtet von einer -schreckhaften Erkenntnis ihrer Zerstreutheit. -Dann schob sie das Lorgnon zusammen und -schritt energisch an den Leuten vorbei, in -Flucht vor dem grausamen Lächeln der anderen. -Sie überquerte den Fahrdamm und -trat drüben mit demselben Ruck und Eifer -in einen Schreibwarenladen ein.</p> - -<p>Nun wußte ich, ich würde ihr öfters begegnen, -und ich beeilte mich nicht, ihr mit -dem Taschentuch nachzulaufen. Ich hatte an -ihrem Gang gemerkt, daß sie in dieser Straße -zu Hause war. Sie schien immer zu dieser -Stunde Besorgungen oder einen Spaziergang -zu machen.</p> - -<p>Ich hatte aber nicht gedacht, daß ich bald -ihren Namen erfahren würde, ohne sie danach -gefragt zu haben.</p> - -<p>Einen Tag später merkte ich zu meinem -Erstaunen, daß von dem Schreibwarenladen, -in welchem jene Dame neulich eingetreten -war, bis zu einem Haus nahe bei jenem, in -welchem meine Wohnung lag, Visitenkarten - <span class="pagenum"><a id="Page_262">[S. 262]</a></span> -reihenweise hingefallen lagen. Es regnete, -und einige Karten waren von den Füßen -der Straßengänger in den Rinnstein geschoben -worden. Dort schwammen sie im Regenbach -entlang der Straße, wie weiße, kleine -Gondeln.</p> - -<p>Als ich eben an der Haustüre, wo das -letzte Visitenkartenhäufchen lag, vorübergehen -wollte, öffnete sich diese und eine Frau trat -heraus, die die Hausmeisterin jenes Hauses -sein mußte. Sie schlug die Hände zusammen -und sah schmunzelnd und lachend auf die -verlorenen Karten. Und als sie mich auch -staunen sah, erklärte sie mir, in ihrem Hause -wohne eine kurzsichtige und sehr zerstreute -Geigenspielerin. Die habe ein Paketchen Visitenkarten -so ungeschickt nach Hause getragen, -daß sie alle Karten auf dem Wege -zwischen dem Laden und der Haustüre verloren -habe. Die Schachtel, die seitlich zu -öffnen gewesen, habe sie leer nach Hause gebracht, -da die Gummischnur unterwegs zerrissen -war, die das Päckchen zusammengehalten -hatte. Die Dame schäme sich nun -fürchterlich oben in ihrem Zimmer, und darum -habe sie die Hausmeisterin gebeten, hinauszugehen -und die Visitenkarten aufzulesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_263">[S. 263]</a></span></p> - -<p>Ich benützte die Gelegenheit und gab der -Hausmeisterin, als sie mir eine Visitenkarte -gezeigt hatte, das Taschentuch, das die Dame -neulich im Café hatte liegen lassen.</p> - -<p>»O,« sagte die Frau, »sie weiß nie, wohin -ihre Taschentücher verschwinden. Aber über -die ganze Stadt liegen ihre Taschentücher zerstreut.«</p> - -<p>Dann fragte mich die Hausmeisterin, ob ich -der Herr sei, der im Nebenhause die Atelierwohnung -gemietet habe.</p> - -<p>Als ich es bejahte, sagte sie, das kurzsichtige -Fräulein habe die gleiche Wohnung in -diesem Hause, Atelier, Schlafzimmer und -Küche. Die Häuser seien Zwillingshäuser und -hätten dieselbe Einteilung.</p> - -<p>Da schoß es mir durch den Kopf, daß vor -einigen Wochen jemand nachts um zwölf Uhr, -als ich mich ausgekleidet hatte, um zu Bett -zu gehen, am Schloß meiner Flurtür mit einem -Schlüssel herumgestochert hatte. Erst hatte ich -geglaubt, es wäre ein Einbrecher, dann war -mir das Geräusch doch zu selbstverständlich -erschienen, und ich dachte, es müßte -sich jemand im Stockwerk geirrt haben. Als -nun die Hausmeisterin weiter erzählte, daß -die kurzsichtige Dame eines Nachts die Haustüren - <span class="pagenum"><a id="Page_264">[S. 264]</a></span> -verwechselt hätte, wußte ich, daß es die -Kurzsichtige gewesen war, die mich an meiner -Tür erschreckt hatte.</p> - -<p>Am nächsten Nachmittag war schönes -Wetter, und ich stellte mich ans Fenster, -um die Dame, wenn sie ausgehen würde, zu -beobachten. Sie kam auch, wie ich mir gedacht -hatte. Sie hielt in der einen Hand -einen Brief, und dann sah ich, wie sie den -Brief in ihre Seitentasche schob und langsamen -Schrittes am Bürgersteig hinging -bis zum nächsten Briefkasten. Dort aber -steckte sie nicht den Brief in den Kasten, -sondern ein kleines Futteral, das nur ein -Brillenfutteral sein konnte.</p> - -<p>Ich mußte herzlich für mich lachen. Ich -sah der Dame weiter nach. Sie überschritt die -Straße und ging in eine Konditorei, wo sie -in einem stillen Hinterzimmer ungestört ihren -Nachmittagskaffee trinken wollte.</p> - -<p>Die Arme hat ihre Brille in den Briefkasten -geworfen und wird sie sehr bald vermissen! -Ich muß ihr die Brille wieder -verschaffen und sie ihr in die Konditorei -bringen.</p> - -<p>Sie war wie eine hübsche kleine Japanerin, - <span class="pagenum"><a id="Page_265">[S. 265]</a></span> -harmlos und gedankenvoll, scheinbar immer -der Welt entrückt.</p> - -<p>Ich nahm Hut und Stock und ging hinunter -an den Briefkasten und wartete, bis der -Radler auf seinem Postrad kam, der den Briefkasten -in seine große braune Leinwandtasche -leeren sollte. Ich sagte ihm, ich hätte aus -Versehen mit einem Brief zusammen mein -Brillenfutteral in den Briefkasten gesteckt.</p> - -<p>Er begriff mich erst nicht, und ich mußte -meine Rede wiederholen. Dann lachte er, und -mich ein wenig geringschätzig von Kopf bis -zu Fuß ansehend, wie man einen bedauerlichen -Dummkopf betrachtet, händigte er mir, -nachdem er den Kasten aufgeschlossen, ein -viel gebrauchtes und abgenütztes Brillenfutteral -ein, in welchem eine Brille klapperte.</p> - -<p>In der Konditorei drüben fand ich die Dame -dann bei einer Zeitung sitzend.</p> - -<p>Ich näherte mich ihr. Sie hatte ihr Lorgnon -schnell bei der Hand, und es kam mir vor, -als habe sie mich erstaunlicherweise erkannt; -und doch war sie ein wenig sprachlos, denn -wir kannten uns ja gar nicht. Aber die Hausmeisterin -mußte ihr erzählt haben, daß ich -ihr Taschentuch aufgehoben hatte.</p> - -<p>»Können Sie denn meinen Brief schon - <span class="pagenum"><a id="Page_266">[S. 266]</a></span> -haben?« fragte sie. Bin ich denn stundenlang -hier gesessen und weiß es gar nicht? -setzten ihre unruhigen Augen hinzu.</p> - -<p>»Nein, Ihren Brief habe ich nicht bekommen. -Aber ich habe Ihr Brillenfutteral, das ich -Ihnen hier bringe.«</p> - -<p>»Um Gottes willen, wo habe ich das wieder -liegen lassen?« stieß sie gequält hervor und -sank auf einen Stuhl.</p> - -<p>»Im Briefkasten lag es,« sagte ich und -zwang mich, ein möglichst harmloses Gesicht -zu machen.</p> - -<p>Sie begriff sofort, und mit jenem Ruck, -den es ihr immer gab, wenn eine blitzartige -Erkenntnis über sie kam, griff sie nach ihrer -Manteltasche und tastete darin nach dem -Brief, den ich knistern hörte.</p> - -<p>Ohne aber den Brief aus der Tasche zu -ziehen, bat sie mich, Platz zu nehmen, und -berichtete mir, sie habe mir geschrieben und -für das Taschentuch gedankt und zugleich -um Entschuldigung gebeten, daß sie einen -harten Ausdruck gegen mich gebraucht habe. -Das Wort »unverschämt« sei ihr aber entfahren, -weil sie mich für jenen Herrn gehalten -habe, der ihr unverschämterweise einen Rosenstrauß -am Eingang des Cafés angeboten. Sie - <span class="pagenum"><a id="Page_267">[S. 267]</a></span> -hätte im Brief dazugesetzt, daß sie sich persönlich -entschuldigen wollte, wenn wir uns -einmal begegnen würden.</p> - -<p>Dann erzählte sie mir seufzend, daß ihre -Kurzsichtigkeit und ihre Zerstreutheit ihr schon -viel Schabernack gespielt habe.</p> - -<p>Das wußte ich schon. Wir sprachen dann -von etwas anderem, von Musik, von Tagesangelegenheiten, -und waren nach einer Weile -wie alte Bekannte geworden.</p> - -<p>Die Konditorei hatte noch ein kleines Nebenzimmer, -in welchem an einer Säule ein Springbrunnen -plätscherte, um den Wassergläser -standen, die zum Kaffee gereicht wurden.</p> - -<p>Der Springbrunnen störte mich ein wenig -mit seinem plätschernden Laut, der so einförmig -wie ein Regenfall war. Es fiel mir auf, -daß während unseres Gespräches die kurzsichtige -Dame öfters leicht bekümmert zur -Seite horchte, und dann sprach sie vom schlechten -Wetter der letzten Tage.</p> - -<p>Ich hielt das für eine Eigenart von ihr -und dachte, sie leide vielleicht bei schlechtem -Wetter an Gliederreißen oder etwas Ähnlichem.</p> - -<p>Nach einer Weile stand ich auf und verabschiedete -mich von ihr. Sie sagte, daß sie -das Wetter erst abwarten wollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_268">[S. 268]</a></span></p> - -<p>Ich glaubte, sie fühle ein heraufziehendes -Gewitter kommen und fürchte sich zu Hause -allein zu sein.</p> - -<p>Ich ging, und als ich nach ein paar Stunden -wieder am Laden vorüberkam — es war inzwischen -kein Unwetter gewesen, schöner stiller -Himmel und Sommerabend voll Sterne und -Klarheit —, da stand der Konditor unter der -Türe und blinzelte mir mit den Augen zu -und sagte:</p> - -<p>»Ihre Dame ist eben erst fortgegangen!«</p> - -<p>»Welche Dame?« fragte ich ganz in Gedanken -und erstaunt.</p> - -<p>»Nun, die Kurzsichtige, die im Hause neben -Ihnen wohnt. Sie hat beim Geräusch von -meinem Springbrunnen geglaubt, daß es regnet, -und hat Kaffee getrunken und Chokolade getrunken -und Limonade getrunken und alle -Zeitungen gelesen, weil sie bei dem trostlosen -Regenabend, wie sie sagte, nicht zu Hause -sitzen wollte, und weil sie ein Kleid anhatte, -von dem sie behauptete, daß es von den Regentropfen -Flecken bekommen könnte. Dann hat -sie gegessen und getrunken und gelesen. Endlich -hat sie einen meiner Gehilfen zu sich gerufen -und hat ihn zu ihrer Hausmeisterin hinübergeschickt -und hat sich ihren Schirm holen - <span class="pagenum"><a id="Page_269">[S. 269]</a></span> -lassen. Die Frau konnte gar nicht begreifen, -warum das gnädige Fräulein bei dem schönen -klaren Abend einen Schirm nötig habe. Wir -waren ebenfalls sehr erstaunt, bis die Dame -beim Fortgehen zur Ladentür kam und verwundert -entdeckte, daß kein Tropfen Regen -fiel. Dann ist sie aber ganz wütend über -sich selbst fortgerannt, und war wahrscheinlich -ärgerlich, daß sie den schönen Abend im -Laden verbracht und den plätschernden Springbrunnen -für einen Regen gehalten hatte.«</p> - -<p>Sie lebte das Leben auf ihre eigene Weise. -Und als ich sie einmal befragte, ob sie sich -nicht fürchte, überfahren zu werden, wenn -sie so in Gedanken sei, sagte sie: »Nein, ich -habe meinen eigenen Gott, dessen Schutz ich -mich immer empfehle.«</p> - -<p>»Was ist das für ein Gott?« fragte ich.</p> - -<p>»Der Gott der Idioten,« sagte sie schmunzelnd -und kicherte ein feines Lachen, das ihr -sehr gut stand.</p> - -<p>Unter anderem war ihr auch einmal passiert, -daß sie nach einem Mittagessen in einem Restaurant -beim Fortgehen einen großen silbernen -Löffel senkrecht vor sich hergetragen. Und -als der Kellner sie aufmerksam gemacht, daß -sie ja einen silbernen Löffel mitnähme, war - <span class="pagenum"><a id="Page_270">[S. 270]</a></span> -sie zu Tod erschrocken gewesen, denn sie -hatte geglaubt, sie halte den silbernen Griff -ihres Sonnenschirms in der Hand.</p> - -<p>Als ich sie dann zum letztenmal sah, es war -an einem Hochsommerabend, da ich von einem -Ausflug heimradelte, begegnete sie mir in -unserer Straße. Sie schien sehr in Hast zu -sein, als wenn sich wieder etwas ereignet hätte, -was sie kopflos machte.</p> - -<p>Ich ließ meine Fahrradklingel trillern, vielleicht -etwas heftiger als sonst, da ich die Dame -zum Aufschauen zwingen wollte, um sie grüßen -zu können. Aber mein Schrecken war groß. -Kaum, daß meine Glocke schrillte, lag die -junge Dame flach auf der Erde wie umgeklappt, -als wenn ein unsichtbares Fahrrad über -sie fortgeradelt wäre.</p> - -<p>Ich sprang ab und half ihr auf und entschuldigte -mich, sie erschreckt zu haben.</p> - -<p>Sie war tief in Gedanken gewesen, sagte sie, -und das laute Klingeln schien ihr so nah, daß -sie sich geduckt hatte, ausgeglitten und gefallen -war mit dem Gefühl, sie sei überfahren -worden.</p> - -<p>Nachdem sie sich aufgerichtet und ein wenig -erholt hatte, erklärte sie mir, sie wäre so schreckhaft, -weil oben bei ihr ein betrunkener Mensch - <span class="pagenum"><a id="Page_271">[S. 271]</a></span> -auf der Treppe läge. Sie wolle morgen aufs -Land reisen und habe ihren Koffer gepackt, -und sie würde erst im Herbst in die Stadt -zurückkehren. Sie fürchtete, der Betrunkene -sei vielleicht ein Einbrecher gewesen, der sie -bestohlen habe. Sie habe die Hausmeisterin -rufen wollen, diese sei aber nicht zu Hause -gewesen, und nun wäre sie fortgerannt, um -an der nächsten Straßenecke einen Polizisten -zu holen, denn jener liege quer über den -Treppenabsatz, und sie getraue sich nicht, über -ihn hinwegzusteigen.</p> - -<p>Ich erbot mich mit ihr hinaufzugehen, um -den Betrunkenen aufzuwecken und fortzuweisen.</p> - -<p>Sie dankte mir, und wir gingen in ihr Haus, -und atemlos horchend stiegen wir zusammen -hinauf.</p> - -<p>In dem Stockwerk, das unter ihrer Wohnung -lag, sagte ich, sie solle warten. Mit meinem -Stock tüchtig aufstampfend, um den unverschämten -Eindringling zu stören, ging ich allein -höher.</p> - -<p>Nichts regte sich in der Dämmerung des -Treppenhauses. Auf dem Treppenabsatz stand -in der Ecke ein gepackter Korbkoffer und -quer bei der Treppe, in einen Plaidriemen - <span class="pagenum"><a id="Page_272">[S. 272]</a></span> -eingeschnallt, lag ein langer zusammengerollter -Reiseschal. Diesen muß die Kurzsichtige für -einen Menschen gehalten haben.</p> - -<p>Ich rief ins Treppenhaus hinunter, und die -Dame kam scheu und vorsichtig heraufgestiegen -und wollte es mir nicht glauben, daß -kein Mensch da wäre und daß nur ihr zusammengerollter -Reiseschal sie erschreckt hätte. -Sie behauptete, der Mensch wäre fortgelaufen.</p> - -<p>Ich sah es ihr an, wie sie sich schämte, es -sich selbst einzugestehen, daß sie wieder getäuscht -worden sei. Ich fragte, ob sie den -Menschen durch ihr Lorgnon gesehen hätte. -Nein, sie hatte ihr Lorgnon vergessen, wollte -aber trotzdem nicht zugeben, daß sie den -Reiseschal für einen Menschen angesehen hatte. -Dann bat sie mich, da ich mal oben war, -einen Augenblick bei ihr einzutreten.</p> - -<p>Drinnen in den Zimmern war alles in größter -Unordnung. Wie buntes Gemüse lagen die -Dinge durcheinander, und sie entschuldigte -sich, daß sie mit dem Packen noch nicht fertig -sei. Ich mußte zwischen verschiedenen Gegenständen -in einer Ecke des Sofas Platz -nehmen.</p> - -<p>Dann ging sie in die Küche, wo die Terrier -eingeschlossen waren, die ihr sehr zugetan - <span class="pagenum"><a id="Page_273">[S. 273]</a></span> -schienen. Sie konnte aber den Knoten der -Schnur, die an die Türklinke angebunden war, -nicht aufmachen, und so ging ich hinzu und -half ihr.</p> - -<p>Mein Blick fiel zufällig, während ich den -Knoten löste, auf einen Kohlenkasten, der da -stand, und ich wurde von ein paar seltsam -blauen Papieren, die dort lagen, angezogen. -Es schienen zerknitterte Geldscheine zu sein. -Ich hob dann auch wirklich ein paar Hundertmarkscheine -auf, die, wie sich herausstellte, -das ganze Reisegeld der Dame waren. Das -Geld hatte sie vorher erst von der Bank geholt. -In der Meinung, es seien alte blaue -Briefumschläge, hatte sie die Geldscheine in -der Hast des Packens fortgeworfen, während -sie den leeren Briefumschlag sorgfältig in ihre -Handtasche gesteckt hatte.</p> - -<p>Nun begann sie vor Schrecken zu weinen, -und wie zu ihrer Entschuldigung sagte sie:</p> - -<p>»Jemand hat mir nicht nur mein Herz, -sondern auch meinen Kopf gestohlen.«</p> - -<p>Später, als sie mir sehr schön auf ihrer Violine -vorgespielt hatte, sagte ich ihr, sie müsse -mir das Bild dessen zeigen, der sie dem Gott -der Idioten ausgeliefert habe.</p> - -<p>Sie zeigte mir das Bild eines jungen Kapellmeisters, - <span class="pagenum"><a id="Page_274">[S. 274]</a></span> -der außer einem großen Haarbüschel, -der ihm in die Stirn hing, nichts besonderes -zu bieten schien. Und ich war sicher, daß -auch hier, in der Liebe zu dem Musikanten, -ihre Kurzsichtigkeit ihr einen Streich spielte. -Sicher liebte sie mehr die unklare Vorstellung, -die sie sich von dem Menschen machte, als -das klare Bild des Mannes selbst, das sie niemals -sehen konnte.</p> - -<p>Ich war eifersüchtig auf diesen Haarmenschen, -das fühlte ich, und ich fühlte auch, -wie leicht es sein würde, diesen Nebenbuhler -zu verdrängen, der, wie mir schien, seine Rolle -im Herzen der jungen Dame bereits ausgespielt -hatte. Ich tat, wozu mich mein Herz -drängte, und warb von dieser Stunde an um -jenes Mädchen. Ich folgte ihr nach aufs -Land, wo sie den Sommer verbrachte, und im -nächsten Winter besuchte ich in Berlin mit -ihr Konzerte und Vergnügungen.</p> - -<p>Nachdem wir glückliche Monate verlebt -hatten, in denen ich ihre Kurzsichtigkeit und -Zerstreutheit zuerst als eine belustigende Lebenswürze -genossen hatte, wurde ich allmählich -von dem Doppelleben, das sie führte, -nervös, denn es war auf die Dauer unheimlich, -wieviel Zeit und Lebenskraft sie aufwenden - <span class="pagenum"><a id="Page_275">[S. 275]</a></span> -mußte, um die Abenteuer zu überstehen, die -ihr ihre Zerstreutheit und Kurzsichtigkeit bereiteten. -Und Tage reichten oft nicht aus, -gut zu machen, was sie in Sekunden der Zerstreutheit -harmlos sich und anderen angetan -hatte.</p> - -<p>Sie ging später auf Konzertreisen, und wir -schrieben uns immer seltener. Ohne daß wir -uns Vorwürfe machten, fühlten wir beide, daß -die Zeit unserer Innigkeit vorüber war. Die -junge Dame fand viele Verehrer, denn sie -war liebreizend und von heiterer Gemütsart -und wurde nicht einmal verstimmt, wenn sie -an ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit erinnert -wurde. —</p> - -<p>Nun stand sie dort, nicht weit von mir, im -Schnee und suchte den Kometen, der im -Westen stand, mit ihrem Opernglas im Osten. -Und ich hielt ihre beiden Terrier, die zitternd -zu meinen Füßen saßen, an meinem Spazierstock, -den sie für einen Baumast gehalten -hatte, fest.</p> - -<p>Bald aber bemerkte ich, daß meine Freundin -ihr Opernglas gar nicht mehr zum Himmel -richtete, sondern daß sie den Hügelabhang -hinuntersah, wo immer noch einzelne Menschen -bergauf stiegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_276">[S. 276]</a></span></p> - -<p>Während ihre Augen noch suchten, trat die -dunkle Gestalt eines jungen Mannes an ihre -Seite. Er hielt einen Schneeballen in der -Hand. Er schien sie zu begrüßen und schien -der zu sein, den sie mit ihrem Opernglas im -Himmel und auf Erden gesucht hatte. Er -streckte ihr den Schneeballen hin, den sie in -ihrer Kurzsichtigkeit für seine Hand hielt, -worüber er laut auflachte. Worauf sie den -Schneeballen nahm und ihm denselben vertraulich -an die Brust warf.</p> - -<p>Da zog ich meinen Stock vom Baum zurück -und streifte den Riemen, an denen die -Hunde gebunden waren, vom Spazierstock ab -und sagte zu den beiden Tieren: »Lauft!«</p> - -<p>Die munteren Tiere verstanden mich sofort -und sprangen kläffend zu ihrer Herrin. Ich -ging indessen langsam zu einer Bank, wo ich -mich niedersetzte.</p> - -<p>Von der Kurzsichtigen hörte ich einen Ausruf -des Erstaunens. Sie glaubte, die Hunde -hätten den Baumast abgebrochen.</p> - -<p>Der junge Mann lachte und rief laut: »Das -glaube ich niemals. Du wirst die Hunde an -die Luft angebunden haben.«</p> - -<p>Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige -geben mögen, da er so respektlos zu ihr sprach. - <span class="pagenum"><a id="Page_277">[S. 277]</a></span> -Aber ich sagte mir, er wird wahrscheinlich -mit ihr schon hundert ähnliche Fälle erlebt -haben und hatte das Recht zum Lachen.</p> - -<p>Nun hörte ich, wie die junge Dame sagte, -sie wolle den Baumast ansehen. Er könne -sich überzeugen. Der Ast müsse abgebrochen -sein.</p> - -<p>Ich sah, wie sie zum Baum ging und dort -in die Luft fühlte, wo mein Stock gewesen. -Aber da war in ihrer Handhöhe weder oben -noch unten irgendein Zweig am Stamm. In -doppelter Menschenhöhe erst setzten die Zweige -der Tanne an.</p> - -<p>Sie sah sprachlos am Baum empor und begriff -jetzt erst, daß sie sich getäuscht haben -müsse.</p> - -<p>»Aber es war doch ein daumendicker Ast -da,« hörte ich sie versichern.</p> - -<p>»Was du gesehen und gefühlt hast, braucht -noch lange nicht ein Ast gewesen zu sein,« -höhnte der junge Mann.</p> - -<p>»Es war ein Ast. Ich habe das Holz gefühlt. -Wo ich bin, ist die Welt immer verhext,« -erklärte sie zuletzt. »Denke dir, was -mir gestern wieder passiert ist!«</p> - -<p>Sie kamen beide im Sprechen näher zur -Bank, auf der ich mit hochgeschlagenem - <span class="pagenum"><a id="Page_278">[S. 278]</a></span> -Mantelkragen und mit in die Stirn gezogener -Pelzmütze saß und in den Himmel starrte. -Ich brauchte bei ihrer Kurzsichtigkeit nicht -zu fürchten, daß sie mich erkennen würde. -Sie ließ sich in der Mitte der Bank nieder, -kaum eine Handbreite von mir weg, während -ihr Begleiter sich neben sie setzte.</p> - -<p>»Gestern abend, als du nicht kamst, wollte -ich mir die Zeit vertreiben, und da ich Appetit -auf einen Pfannkuchen hatte und ich seit -Ewigkeit keinen selbstgebackenen Pfannkuchen -gegessen habe, ging ich aus, um alles zum -Backen Nötige einzukaufen. Ich kaufte die -Sachen gleich in allernächster Nachbarschaft, -Milch, Mehl und Eier. Unterwegs kam ich -an einem Postkartenstand vorbei, wo in kleinen -offenen Kasten Ansichtspostkarten geschlichtet -lagen. Ich bücke mich mit Milchflasche, Mehltüte -und Eiertüte und gehe langsam an dem -Kasten entlang und betrachte mir die Postkarten. -Plötzlich höre ich einen glucksenden -Laut und sehe, daß die letzten Tropfen meiner -Milchflasche auslaufen. Ich hatte beim Entlanggehen -an dem Kasten meinen ganzen -Milchvorrat über die verschiedenen Serienfächer -des Ansichtskartenverkaufes gegossen, -denn der Kork hatte sich von der Flasche gelöst. - <span class="pagenum"><a id="Page_279">[S. 279]</a></span> -Ich war außer mir vor Schrecken und -rannte davon.</p> - -<p>In meiner Aufregung presse ich aber unterwegs -die Mehltüte und das Eierpaket fest an -mich, um sie ja nicht zu verlieren. Bei meiner -Haustür angekommen, scheint mir die Mehltüte -unverhältnismäßig dünn geworden zu -sein. Ich ahne nichts Gutes und bemerke -auch zugleich hinter mir eine weiße Mehlfährte, -die von der Postkartenhandlung bis zu -meiner Haustüre führte. Die Tüte war geplatzt, -und das Mehl war ausgelaufen. Ich -warf die leere Tüte in den Rinnstein. Als ich -oben in meinem Zimmer die Eiertüte öffnete, -war nur noch eine gelbe Brühe und zerbrochene -Eierschalen im Papier. Verzweifelt -habe ich mich aufs Sofa gesetzt, habe gehungert -und geweint und endlich musiziert.«</p> - -<p>Diese letzten Worte sprach die Kurzsichtige -zu mir, denn sie hatte wahrscheinlich vergessen, -auf welcher Seite der Bank ihr Begleiter saß. -Dann nahm sie ihr Lorgnon, und ich dachte -schon, sie wolle sich klar machen, daß sie -nach der falschen Seite hinsprach. Aber nein. -Sie betrachtete meinen Stock, griff mit der -Hand danach, immer noch meinend, daß ich -ihr Begleiter sei und rief jubelnd:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_280">[S. 280]</a></span></p> - -<p>»Da hast du ja den Baumast in der Hand! -O, du Falscher, du hast ihn heimlich abgebrochen, -damit ich glauben sollte, ich hätte -mich geirrt.«</p> - -<p>»Entschuldigen Sie, das ist mein Stock,« erwiderte -ich ruhig und stand auf.</p> - -<p>Ich wußte, sie hatte meine Stimme erkannt, -denn es wurde grabstill neben mir. Da rief -der junge Mann, der während der ganzen Zeit -mit dem Opernglas den Himmel abgesucht -hatte, laut:</p> - -<p>»Ich habe den Kometen gefunden!«</p> - -<p class="pmb3">Ich hörte noch wie sie tief aufatmete und -doppelsinnig sagte: »Ich habe auch einen entdeckt, -trotz meiner Kurzsichtigkeit, aber er -ging so schnell, wie er einmal kam.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_281">[S. 281]</a></span></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_282">[S. 282]</a></span></p> - - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="Das_Iguanodon">Das Iguanodon</h2> -</div> - -<p class="pmb3" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_283">[S. 283]</a></span></p> - - -<p>In einem überheißen August kam ich über -die Alpen durch Tirol an den Gardasee.</p> - -<p>Ehe man in Torbole oder Riva aussteigt -hat der Zug hinter Mori ein ungeheueres, -von einem vorzeitlichen Bergsturz verwüstetes -Gesteintal durchklettert, darin ein grüner -sterbender Seetümpel liegt. Dort an den -zackigen Steinblöcken, die um den Tümpel -liegen und zu Tausenden das Tal füllen, lebt -auch noch im Sonnenschweigen vor deinem -inneren Ohr das Gekrach und Gedröhn jener -furchtbaren Minuten auf, als hier einst in -grauester Vergangenheit ein Berg den anderen -erschlagen wollte. Man glaubt, ein wahnwitziger -Fluch sei damals ausgestoßen worden -und habe rundum die Steine und die -Bergwände in Bewegung gesetzt.</p> - -<p>Die Legende erzählt, daß sich Dante hier -den Eingang zur Hölle vorgestellt hätte, den -er in der Göttlichen Komödie schildert. Wie -ungeheuerliche, versteinerte Qualen, wie ein - <span class="pagenum"><a id="Page_284">[S. 284]</a></span> -himmelragender steinerner Dornenkranz starrt -das spitzige, verwitterte Gebirge, von Wolken -umraucht, im Norden des Gardasees in den -Himmel. Es sieht aus, als wären höllische -Blitze und höllische Erdbeben die Baumeister -dieser Bergungetüme gewesen.</p> - -<p>Während im Süden der Gardasee sich in -breiter sonniger Fläche dem heiteren Himmel -Italiens und unendlicher Fruchtbarkeit entgegenstreckt, -ragen im Norden die kahlen -Alpenketten wie Ambosse der Götter in den -Himmel, und es ist, als würden dort furchtbare -Schicksale geschmiedet.</p> - -<p>Freunde hatten mir geraten, in Torbole zu -wohnen, wo viele Österreicher im Sommer -baden, und wo am See ein lustiges Leben -herrscht. Andere hatten mir das stillere Malcesine -empfohlen, das am Fuß einer Burg bei -schönen Gärten liegt.</p> - -<p>Ich kannte den Gardasee noch nicht, und -nachdem ich mir die beiden Orte angesehen, -war mir der eine zu lebhaft, der andere zu -langweilig schön. Und eines Morgens ließ -ich mich von einem Schiffer auf die Seefläche -segeln, um hier zwischen Himmel und Wasser -zu überlegen und Entschlüsse zu fassen, wo -ich bleiben wollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_285">[S. 285]</a></span></p> - -<p>Ich hatte an diesem Morgen zuerst den -Ponalewasserfall besucht, der unweit Riva, -zwischen zwei Felsen eingeklemmt, aus Himmelhöhe -gegen den See niederstürzt. Da kam mir -der Gedanke, daß ich auf dem Weg nach -Malcesine, auf der anderen Seeseite am Tag -vorher, einen Ort hatte liegen gesehen, am -Fuß senkrechter Felsenwände, und daß mir -dort die schönen Reihen der weißen Pfeiler -von Zitronengärten von weitem aufgefallen -waren. Diese sahen in der Ferne aus wie die -marmornen Tasten einer riesigen Orgel, und -eine weihevolle Festlichkeit lag über diesen -Hunderten von Säulen, die da, regelmäßig -gereiht, die Felsenabhänge schmückten. Eine -hübsche Kirche mit freistehendem Glockenstuhl -und eine Schar dichtgedrängter hellgelber -und rosenroter Häuser um einen kleinen -Hafen, in welchem winzige italienische Motorboote -lagen, waren mir noch gut in Erinnerung. -Den Ort selbst hatte ich von meinen -Bekannten nie nennen hören, und ich hatte -ihn auch im Reisehandbuch übersehen. Ich -bedeutete nun den Fischer, mich dorthin zu -fahren.</p> - -<p>Jeder, der in Riva einmal übernachtet hat -oder in Torbole am Gardasee, weiß, daß ihn - <span class="pagenum"><a id="Page_286">[S. 286]</a></span> -dort nachts, wenn die ersten Sterne heraufziehen, -ein seltsames Blitzlicht in Erstaunen -setzte, das wie ein Wetterleuchten weit draußen -mitten in der Seefläche auftaucht und bis in -die Fenster des Hotels hereinleuchtet und auch -kalkweiß über die Gesichter derer hinstreicht, -die am Seeufer im Dunkeln einen Abendweg -machen.</p> - -<p>Der Lichtstrahl sticht Nacht um Nacht an -den beiden Seiten der Felsenwände hoch, die -den See einschließen, und zeichnet für Sekunden -scharf jeden Olivenbaum, jeden -Ziegel der einsamsten Hütte am Felsengehäng -und haut, wie ein weißes Schwert zertrennend, -einen weißen Keil in die Finsternis. -Ich mußte immer an das Flammenschwert -denken, das den Eingang zum Paradies bewacht, -wenn dieser Lichtstrahl unermüdlich -Wasser und Gebirge bestrich in allen Stunden -der Nacht.</p> - -<p>Ich erfuhr dann, daß jenes spukhafte Licht -von den Scheinwerfern der kleinen italienischen -Wachtschiffe kam, die dort, wo die Grenze -von Italien quer über den See geht, in jeder -Nacht hin und her fuhren, die Bergscheide -und das Wasser nach Schmugglern abzuleuchten. -Denn Tabak und Zucker wurden - <span class="pagenum"><a id="Page_287">[S. 287]</a></span> -gern zur Nachtzeit von Österreich nach Italien -über die Grenze geschleppt.</p> - -<p>Die Station dieser Nachtboote befand sich -in jenem kleinen Ort, zu dem ich wollte, -den die Dampfschiffe nur kurz bei der Rundfahrt -um den See berühren, den nur manchmal -einige Segelboote von Riva aus besuchen, -und in dem sich noch kein Fremdengetriebe -breit machte. Hart bei jenem Ort, ehe -man um einen Felsenabhang segelte, zog sich, -an Zitronengärten vorbei, die italienische -Grenze hin.</p> - -<p>Dieses berichtete mir der Schiffer während -der Segelfahrt und nannte mir den Namen -des Ortes, der Limone heißt, dahin er mich -jetzt bringen sollte.</p> - -<p>In der Seemitte packte plötzlich einer jener -Sturmwinde unser Boot, die dort jählings ohne -Vorboten einsetzen und den Segelnden gefährlich -werden können.</p> - -<p>Wir flogen in dem kleinen Kahn vor dem -Stoßwind her, und der See begann zu knirschen; -schäumende Wasserwalzen rollten schneller, -als das Boot fliehen konnte, an uns vorbei; -Seile und Segel ächzten und schienen -zerreißen zu wollen. Der See lebte ungeheuerlich. -Seine Wellen schienen eine wandernde - <span class="pagenum"><a id="Page_288">[S. 288]</a></span> -Tierherde zu sein, die sich durcheinanderschob, -und alle Wellentiere schienen nach -einer Richtung fortzustürzen.</p> - -<p>Knapp, ehe der Sturm seine Höhe erreichte, -jagten wir mit dem Boot in das kleine Hafenviereck -von Limone ein.</p> - -<p>Der Wind klirrte und fegte draußen über -das Wasser. Aber hier in der Bucht war es -windstill, schwül und dunstig. Die Riesenmauern -des Berghintergrundes hielten jeden -Windatem ab, und die Zitronen konnten hier -gut reifen, wie Eier in einem Brutkasten. Das -dachte ich, als ich den Fuß ans Land setzte.</p> - -<p>Land kann man zu dem Erdstreifchen dort -nicht gut sagen, denn es ist nur spärlich Raum -zwischen dem Felsengetürm eines ungeschlachten -Berges und der Seefläche. Die einzige -größere Gasse, die der Ort hat, ist so eng, -daß sich die Leute von Haus zu Haus die -Hände reichen können.</p> - -<p>Es war Mittag, und ich begegnete nur -einigen Marinesoldaten der Zollflottille. Die -Handwerker arbeiteten, ohne aufzuschauen, -unter ihren Türen. Ein Esel schrie an einer -Straßenecke, und die hohe Bergwand drückte -beengend die Luft in den Gassen zusammen, -in denen es nach Fischen und Olivenöl roch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_289">[S. 289]</a></span></p> - -<p>Der Schiffer führte mich zum einzigen Gasthaus, -das ein schmuckes altes Herrenhaus -war und in einem Blumengarten gegen den -See hin lag.</p> - -<p>In der Weltverlorenheit dieses italienischen -Nestes fühlte ich mich wohl. Es war nichts -banal Schönes hier. Aber etwas Geheimnisvolles, -das mich schon aus der Ferne an diesen -Ort gelockt hatte, tat mir auch jetzt wohl. -Es schien mich hier etwas zu erwarten, vielleicht -ein ungeheurer Schrecken, mit darauffolgendem -süßem Aufatmen. Jedenfalls spürte -ich ein neugieriges und angenehmes Gruseln -an diesem totenstillen Flecken, wo keine -Fremdenschwärme, keine Gasthäuser das Dasein -kindisch machten.</p> - -<p>Es war mir zumute, wie wenn man nach -langen eintönigen heißen Tagen ein Gewitter -nahen fühlt, das mit seiner großen elektrischen -Spannung die Welt auf den Kopf stellen, -Totes lebendig machen und Leben in Tod verwandeln -kann.</p> - -<p>Ich lese gern in der feurigen Schrift der -Blitze. Wenn sie ihre großen Aussprüche auf -das sonst so leere Blatt des Himmels schreiben, -so ist mir, als läse ich in den Augen -alter Propheten, und Schrecken und Erschütterungen, - <span class="pagenum"><a id="Page_290">[S. 290]</a></span> -die sie über der Alltagswelt verbreiten, -machen mich fruchtbar. Gewitter -stärken mein Herz.</p> - -<p>Und unsichtbare Seelengewitter schienen -hier in dem stillbrütenden, der Welt unbekannten -kleinen Ort auf den Fremden zu -lauern. Vom Augenblick an, da ich mich entschloß, -durch den Schiffer, der mich hergesegelt, -meinen Koffer aus Torbole holen zu -lassen und hier in Limone zu bleiben, kam ich -mir wie ein gewaltiger Unglücksucher vor. Wie -einer, der in eine unterirdische Tropfsteinhöhle -eingedrungen ist, die nur wenige vor -ihm betreten haben, und die ihn in ein unheimliches -Labyrinth lockt.</p> - -<p>Zwei Dinge, die ich liebe, waren es, die -mich bestimmten, in Limone zu bleiben. Das -erste war meine Vorliebe für den Duft von -Zitronen und Zitronenblüten, das zweite meine -Sehnsucht nach brütender Wärme.</p> - -<p>Von diesen beiden Genüssen wurde ich -reichlich hier gesättigt. Aber ich erwartete -mehr als nur Gefühlsbefriedigungen. Ich -weiß, daß aus Hitze und Duft Gebilde -im Menschenhirn entstehen, wie aus den verschiedenen -Elektrizitäten zweier Wolken die -Blitze.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_291">[S. 291]</a></span></p> - -<p>Auch war es mir wunderbar, jetzt an -dem Ort zu sein, von dem nachts das große -flammende Schwert des Scheinwerfers auf -den See hinausgesendet wurde. Hier im -Hafen lagen die kleinen Eisenboote, die -die Seewache hatten von Sonnenuntergang -bis Sonnenaufgang. Und ich fühlte mich -wohl dabei, daß ich mich nicht mehr zu -dem Lichtschein, der mich in Torbole nachts -immer aufschauen gemacht und in die Ferne -gelockt hatte, hinsehnen mußte. Ich war -jetzt dort, wo das nächtliche Feuer geboren -wurde.</p> - -<p>Der Wirt des Gasthauses, der zugleich -Bürgermeister war, hatte ein langes Tiergesicht, -und sein Körper war so sonderbar gebaut, -daß er, wenn er vor mir stand, aussah, als -stünde er bis zu den Knien im Erdboden.</p> - -<p>Er war noch jung, einige dreißig Jahre alt, -sah aber müde aus wie jene grauen nickenden -Esel, die lange schweigen und plötzlich ohrenbetäubende -Schreie ausstoßen können. Dieser -Mann war aber sonst ein angenehmer, höflicher -und sorgsamer Wirt und arbeitete tagsüber -in seinem gutgepflegten Garten, in welchem -Oleanderbäume, Bambus, Geranienbüsche, -Rosen und Myrten zu Seiten eines langen - <span class="pagenum"><a id="Page_292">[S. 292]</a></span> -beschatteten Weinlaubenweges standen. In -diesem grün überwölbten Weg hingen dicke -dunkle Trauben, und am Ende lag dicht vor -der weißen Steinschwelle und den weißen -Steinpfosten der Gartentür das blaue Wasser -des Sees wie ein abgrundtiefer Himmel.</p> - -<p>An der einen Seite des Gartens war eine -überlaubte Spielbahn, wo nachmittags die italienischen -Soldaten, Sizilianer, Neapolitaner, -Genuesen, schwarzhaarige und braunhäutige -Kerle, zwischen Vesper und Abendläuten mit -viel Lachen und Witz ihr Boccia spielten.</p> - -<p>Die Küche des Gasthauses war bescheiden, -der Wein gut und feurig. Mein steingepflastertes -Zimmer, sauber und geräumig, sah -nach dem See und dem Berg Monte Alto. -Die Tageszeiten in Limone wurden nicht bloß -durch das viele Läuten der Kirche eingeteilt, -sondern auch von dem dreimaligen Vorüberfahren -der großen Passagierdampfer, die täglich -die Rundreise um den See machten.</p> - -<p>Unter einem großen japanischen Mispelbaum -im Garten bei der Haustreppe nahm ich meine -Mahlzeiten ein. Und hier spielten sich auch -die Szenen jenes inneren Gewitters ab, das -ich beim Betreten jenes schwülen, scheu versteckten -Ortes vorausgeahnt hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_293">[S. 293]</a></span></p> - -<p>Nach dem Mittagessen am Tage meiner Ankunft, -nachdem ich auf meinem neuen Zimmer -ausgeruht hatte, schlenderte ich in der Abenddämmerung -durch den Ort. Als ich aus dem -Garten auf die Straße trete, höre ich ein Gekicher, -und an meiner Seite vorüber läuft ein -zwergartiger Mann mit gewaltigen langen Armen, -großem, höckerigem Kopf, wie ein Orangutang -anzusehen, in eine Seitengasse hinein.</p> - -<p>Ein paar Frauenzimmer, die vor einer Haustüre -auf niedrigen Hockern kauerten, rieben -sich mit der Handfläche Mund und Wangen -ab und deuteten mir mit ihren Augen an, -daß der Zwergmensch sie beide unversehens -eben umarmt und geküßt hatte. Die eine, -die Ältere, drohte hinter ihm her mit ihrem -Holzpantoffel, die andere hatte noch seine -Mütze in der Hand, die sie ihm wahrscheinlich -vom Kopf gerissen hatte, und sie schleuderte -die Kappe dem Fortstürmenden mit -einem kreischenden Zuruf nach.</p> - -<p>Ich war verblüfft über die Häßlichkeit des -Zwerggeschöpfes, das sich so männlich und -so kindlich zu gleicher Zeit gebärden konnte, -und das sich jetzt aus der Ferne umschaute, -seine Mütze an sich riß und den Frauen die -Zunge herausstreckte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_294">[S. 294]</a></span></p> - -<p>Ein wenig weiter fort begegnete ich einem -kleinen verwachsenen Weib, das einen melonengroßen -Kopf hatte. Die Frau reichte mir -nicht bis zur Hüfte. Einen Krug trug sie in -der Hand, den sie kaum schleppen konnte.</p> - -<p>Überall sah ich ähnliche Wesen. Neben -den gut gewachsenen Gestalten unter den -Ladentüren und in den Werkstätten stand -oder saß oder schabernakte ein koboldartiges -Zwergwesen. Es schien mir, als sei jede Familie -mit solch einem Geschenk der Hölle -belastet.</p> - -<p>Ich war bei meinem Weg durch die Gasse -an alten eisernen kleinen Türen vorübergekommen. -Die waren nur eine rostige Masse. Das -verwitterte Eisen schälte sich wie die Rinde -von Bäumen. Über die Türschlösser und -Angeln und über das Gitter des Guckloches -hingen verfilzte Spinnweben. Ganze Familien -von großen Kreuzspinnen hausten da seit -Jahrhunderten ungestört. Auch waren da -ebenso zugesponnene und mit rostigen Gittern -versehene, alte, erblindete Fenstervierecke. -An die grauen Mauern dort waren mit Rötelstift -und Kohle unflätige, brünstige Bilder -mit ein paar Linien hingezeichnet, Bilder, wie -sie nur in den Hirnen dieser ungebändigten - <span class="pagenum"><a id="Page_295">[S. 295]</a></span> -und verwilderten Krüppelgestalten entstehen -konnten.</p> - -<p>Als ich in der Abenddämmerung vor den -Ort hinaus unter alte Olivenbäume kam, die -dort in verrenkten Stellungen, verkrümmt und -verwachsen, in Scharen mit ihrem graunebeligen -dünnen Laubwerk in den Bergfeldern -stehen, war mir, als seien die Zwerggeschöpfe -der Stadt aus jenen ungestalten gespenstigen -Olivenstämmen geboren worden.</p> - -<p>Als in der Dämmerung ein Esel, auf dem -ein Weib und ein Knabe saßen, mit humpelndem -Gang in dem unheimlichen Olivenhain, -darin sich kein Blatt rührte, auftauchte, -schauderte mich, weil ich in diesem zusammengepackten -Tier- und Menschenhaufen -wieder neue Verkrüppelungen zu sehen glaubte.</p> - -<p>Unter dem schleierartigen dünnen Laubgewebe -der Oliven, deren Zweige sich nicht -wiegen, durch die der blasse Abendhimmel -fein zerkritzelt zur Erde sieht, hatte ich das -Gefühl, als ob ein Netz von unheimlichen -Erregungen — das mich hier in Limone -bald umgeben sollte — schon nah über mir -hing.</p> - -<p>Ich konnte nach kurzer Zeit in dem Hain -nicht mehr weitergehen. Das stille Grauen - <span class="pagenum"><a id="Page_296">[S. 296]</a></span> -in mir nahm so überhand, daß es mich forttrieb -aus dem Kreise der grimassenreißenden -Baumstämme, die umherstanden, gespalten -und zerschlitzt, dreibeinig und zehnbeinig, -mehr Tieren als Bäumen ähnlich.</p> - -<p>Ich wollte lieber zu den krüppligen Menschen -des Ortes zurückkehren, als hier länger -bei den hölzernen Urvätern der Krüppel zu -weilen, die trocken und herzlos wie halbtote -Greise, in sich versunken und in sich gekrümmt, -den Weg begleiteten, der Schar aller Mühseligkeiten -ähnlich, die einem lang Lebenden -begegnen können.</p> - -<p>Zurückgekommen zum eisernen Gitter des -Gasthausgartens sah ich gegenüber unter der -trüben Petroleumlaterne, die als Straßenbeleuchtung -an einer Hausecke hing, in einem -kahlen Ladengelaß wieder einen Zwerg mit -einem Stock stehen. Der Stock war ein Stück -größer als der Zwerg, und es war doch nur -ein gewöhnlicher Spazierstock. Mit diesem -Stock deutete der Krüppel wichtig und sich -höflich verneigend auf einen Tisch, an den -er kaum mit der Nase hinaufreichen konnte. -Dort lagen, sorgfältig nebeneinander gereiht, -einzelne Birnen, große dicke Kochbirnen, die -wir in Deutschland Katzenköpfe nennen. An - <span class="pagenum"><a id="Page_297">[S. 297]</a></span> -der Tischkante stand eine brennende, flackernde -Kerze, die in einem Zinnleuchter stak.</p> - -<p>Der Laden war ganz kahl. Ich hatte beim -Fortgehen vor einer Stunde diesen Fruchtverkäufer -noch nicht bemerkt. Es schien mir, -als habe er seinen Verkaufsstand eben erst eingerichtet, -vielleicht weil er gehört hatte, daß -ein Fremder ins Gasthaus eingezogen war, -was ihn unternehmungslustig gemacht haben -mochte.</p> - -<p>Ein paar Schritte weiter bei einem Schuhmacher -kauerte jener Zwerg, der vorhin die -Weiber geküßt hatte; er glotzte in die beleuchtete -Glaskugel des Schusters, bei deren -grellem Blendlicht der Meister und seine Gesellen, -auf dem Straßenpflaster hockend, arbeiteten.</p> - -<p>Die Gassen hinter den beleuchteten Köpfen -verschwanden in Gewinkel und Finsternis, -manchmal geteilt von kleinen Lichtscheinen, -die aus Türen oder Fensterluken auf das -Pflaster fielen.</p> - -<p>Auf der Mauer beim Gartentor meines Gasthauses -hockten zwei andere Zwerge, die mich -schweigend und argwöhnisch, wie zwei aneinanderhängende -Affen, von der Mauerhöhe -herunter beobachteten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_298">[S. 298]</a></span></p> - -<p>Ich war verblüfft über die Unzahl von Mißgeburten -und auch ermüdet von den neuen -Reiseeindrücken, so daß ich schweigend vorüberging -und nur mit einem Kopfnicken die -lauten feierlichen Grüße der Krüppel beantwortete.</p> - -<p>Als ich dann in den Garten eingetreten war -und mich zum Abendessen unter den Mispelbaum -setzen wollte, unter eine wenig leuchtende -Petroleumlampe, die in den Zweigen des -Baumes hing, kam der Wirt zu mir und sagte -mir, morgen würde das Zimmer neben dem -meinigen besetzt. Er habe eben mit dem -Abenddampfschiff einen Brief von einer Russin -erhalten, die schon voriges Jahr den Herbst -hier verbracht hatte. Die Dame habe zugleich -geschrieben, daß ihr das Portemonnaie unterwegs -gestohlen worden sei, und der Wirt -hatte ihr noch mit dem selben Nachtschiff -Geld nach Desenzano geschickt, wo sie übernachten -wollte.</p> - -<p>Ich dachte sofort an eine Nihilistin, denn -einer wohlhabenden Russin konnte es wohl -kaum einfallen, dieses weltentlegene Ufernest -aufzusuchen und hier einen Herbst zuzubringen; -aber später hörte ich, daß die Dame -die Gattin eines Generals war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_299">[S. 299]</a></span></p> - -<p>Am nächsten Tag saß ich gegen Mittag -auf dem Steinbalkon, der gegen den Garten -hin vor dem Eßzimmer lag, unter dem sich -die Küchenhalle befand. Ich schrieb Briefe -und saß ohne Hut, und die Mittagssonne -brannte auf meinem Kopf.</p> - -<p>Als ich mich später in dem Speisesaal, dessen -Decke mit bunten mittelalterlichen Malereien, -Wappen und Blumen bemalt war, zu Tisch -setzte, sah ich vor der Glastüre, die auf den -Korridor führte, eine kleine ältere Dame -stehen, die, während sie einen Schleier um -ihren Kopf band, zwischen den Vorhängen -an der Glasscheibe hindurchblinzelte. Dann -trat sie ein, und der Wirt folgte ihr und stellte -sie als die russische Dame vor.</p> - -<p>Die Generalin hatte kleine, lebhafte, etwas -belustigt zwinkernde Augen und machte viele -kleine Bewegungen, die ihr etwas rührend -Kindliches gaben. Als sie sich vor ihren -Teller gesetzt hatte, begann sie sogleich mit -mir eine lebhafte Unterhaltung und erzählte -vom Comosee, von dem sie eben kam, und -vom italienischen Dichter Fogazzaro, den sie -dort in seiner Villa besucht hatte.</p> - -<p>Sie forderte blindlings Interesse von mir, -weil sie sich für Fogazzaro und den Comosee - <span class="pagenum"><a id="Page_300">[S. 300]</a></span> -interessierte. Aber mein Kopf schmerzte -mich. Er wurde schwer, als wollte er anschwellen -wie ein Zwergenkopf, und ich -fühlte bald, daß ich beim barhäuptigen Sitzen -in der Mittagsonne einen Sonnenstich bekommen -hatte.</p> - -<p>Es wurde mir grau und weiß vor den Augen, -und das ganze Zimmer mit der buntbemalten -Decke und dem rotsteinernen Fußboden kreiselte -um mich, als wäre es eine russische -Schaukel.</p> - -<p>Ich wollte vom Tisch aufstehen, aber ich -fühlte, daß ich umfallen würde. Während -die Russin immer weiter sprach und mir nichts -anmerkte, wartete ich still ab, bis ich mich -wieder so stark fühlen würde, daß ich mein -Zimmer ohne Hilfe erreichen konnte. Ich -sagte dann der Dame im Fortgehen, daß ich -glaubte, ich sei von einem Sonnenstich unwohl -geworden.</p> - -<p>Ich legte mich auf mein Bett und ließ mir -Eis bringen. Mir war bei jeder Bewegung -sehr übel. Zugleich begann mich ein heftiges -Fieber zu schütteln.</p> - -<p>Nach einer Weile klopfte es an meiner Tür, -und die Russin brachte mir ein großes Senfpflaster, -das sollte ich auf meinen Rücken - <span class="pagenum"><a id="Page_301">[S. 301]</a></span> -legen. Während sie noch im Zimmer war, -klopfte es wieder, und ich hörte die Stimme -einer jungen Dame, die draußen mit dem -Dienstmädchen sprach. Sie sagte, sie hätte -im Hotel in Torbole im Fremdenbuch meinen -Namen gelesen, und es war ihr gesagt -worden, daß ich nach Limone gezogen sei. -Ich erkannte die Stimme einer jungen Bekannten, -die ich seit einem Jahre nicht gesehen -hatte. Die Neuangekommene wollte, -daß ich ihr Limone zeigen sollte.</p> - -<p>Ich ließ ihr sagen, daß ich halb im Sterben -läge, und sie möchte entweder meinen Tod -oder meine Genesung abwarten.</p> - -<p>Sie ließ mir darauf zur Antwort geben, daß -sie einige Tage im gleichen Gasthaus in Limone -wohnen bliebe.</p> - -<p>Den Sonnenstich im Kopf, ein Senfpflaster -auf dem Rücken, einen Eisumschlag auf der -Stirn und einen Herzchock in der Brust, hervorgebracht -durch das bevorstehende Wiedersehen -mit einem seltsamen, reizend schönen -Mädchen, an das ich lange nicht mehr gedacht -hatte, — so lag ich auf meinem Bett -und mußte mich gedulden, bis die Sonne -untergegangen war und in der kühleren Abendluft, -bei den weit geöffneten Fenstern, der - <span class="pagenum"><a id="Page_302">[S. 302]</a></span> -Blutandrang zum Gehirn schwächer wurde, -und ich mich allmählich wieder gesund werden -fühlte.</p> - -<p>Ulrike, die junge Dame, die mich so plötzlich -besuchte, war Studentin der Chemie, und -ich kannte sie aus Freiburg, wo sie studierte. -Sie war eine jener schönen rothaarigen Frauen, -die jetzt in Deutschland so selten werden. -Sie hatte jene milchweiße Hautfarbe, mit -leichtem rosa Hauch, die wie eine sanfte Kamelienblüte -unter blauem Himmel leuchtet.</p> - -<p>Aber es ging nicht die Kühle der Blüte von -diesem schönen Geschöpf aus. Das leuchtende -Milchfleisch ihrer Wangen und ihres Nackens -neben dem dumpfroten Haar war von einer -leuchtenden Lüsternheit verklärt. Man hätte -das junge Mädchen nie unverschleiert gehen -lassen dürfen, da ihre Reize so stark waren, -daß ihr Gesicht, ihre Hände und ihr Nacken -beinahe schamlos wirkten, wie enthüllte Blößen.</p> - -<p>Im Mittelalter wurden solche verwirrend -schöne Frauen den Folterknechten als Hexen -hingegeben, und die Männerfäuste schlugen -mit Wollust Wunden in dieses allzu aufreizende -Frauenfleisch.</p> - -<p>So war Ulrike, die hier plötzlich auftauchte -in jener Luft, in der ich seit Stunden das - <span class="pagenum"><a id="Page_303">[S. 303]</a></span> -Herannahen ereignisschwangerer Augenblicke -vorausgefühlt hatte.</p> - -<p>»Was suchen Sie hier?« fragte ich sie hundertmal -in meinem Herzen, während meine -Tür geschlossen war und ich den Besuch -noch nicht gesehen hatte. Und Ulrikes Geist -antwortete mir: »Ich suche Unruhe, Fieber. -Ich suche, wenn es nicht Glück sein kann, -Unglück, Vernichtung, wie du, wie ihr alle.«</p> - -<p>Als ich dann, des Fragens müde, erschöpft -eingeschlafen war, weckten mich Mandolinenmusik -und italienischer Gesang aus dem Garten.</p> - -<p>Ich stand auf. Es war Nacht geworden. -Es mußte neun oder zehn Uhr sein. Ich -fühlte mich ganz gesund. Draußen auf dem -See suchte der Scheinwerfer des Wachbootes -die Berge ab und schoß ab und zu in den -Garten unten, wie ein Eindringling, zwischen -die Bäume, und mir war, als müßte es jedesmal -einen schrillen Laut in den Blättern geben, -wenn der Lichtpfeil durch das schlafende Laub -schoß, das dann wie Metallschlacken hell und -dunkel aufglänzte.</p> - -<p>Wahrscheinlich hatte Ulrike schon den -ganzen Ort zu Freunden. Während der paar -Stunden, in denen ich schlief, und in denen -die Russin, die fließend italienisch sprach, sie - <span class="pagenum"><a id="Page_304">[S. 304]</a></span> -spazieren führte, hatte sie, das wußte ich -gewiß, blendender als jener Lichtstrahl, der -da ruckweise vom See in den Garten fegte, -schon alle Männer des Ortes geblendet.</p> - -<p>Als ich im großen steinernen Treppenhause -von meinem Zimmer in den unteren Stock -hinabstieg, schallte mir einzig Ulrikes Stimme -entgegen. Sie hielt einen Vortrag über Politik, -über die Notwendigkeit, daß Italien zu Deutschland -aufschaue, da es von Deutschland viel -zu lernen hätte.</p> - -<p>Sie sagte in ihrer unverfrorenen norddeutschen -Art, daß die Italiener lügen, betrügen, daß sie -falsch seien und faul, kurz, sie sagte alle -diese ungerechten Aussprüche, die unwissende -Deutsche immer schnell bereit haben, wenn -über Italien geredet wird.</p> - -<p>Ulrike erlaubte sich, da sie immer nur anbetenden -Männeraugen begegnete, alles das -in die Luft zu schreien, was man bei einigem -Überlegen taktvoll zu verschweigen hat. Aber -wahrscheinlich reizte es sie, daß alle Männer -Honig aus ihrer Schönheit sogen, und sie wollte -Widersprüche erwecken. Denn da ihr Gesicht -Süße austeilte, wollte ihre Seele Bitternisse in die -Seelen der anderen träufeln, damit nicht das -Leben um sie vor lauter Anbetung verstummte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_305">[S. 305]</a></span></p> - -<p>Ich stand im halbdämmerigen Hausflur und -beobachtete durch die offenstehende Haustüre -die Gesellschaft im tiefer gelegenen Garten, -die dort an einem länglichen Tisch unter -dem Mispelbaum saß, mit der Hängelampe -über den Köpfen und vom weißen Tischtuch -beleuchtet.</p> - -<p>An der Spitze des Tisches saß wie eine -immer bewegte, surrende, graue Spindel die -silberhaarige Generalin, in Mäntel, Schals -und Reisedecken eingemummt; und nur ihr -kleines, blasses Gesicht mit dem einen geschlossenen -Auge und mit dem andern zwinkernden -Auge sah belustigt und mit sich -selbst vergnügt von einem zum andern.</p> - -<p>Neben ihr an der Tischecke auf einem Stuhl, -den sie hintüber hin und her bewegte, schaukelte -mit übereinandergeschlagenen Beinen -Ulrike und hielt sich dabei mit der einen -Hand an der Lehne des Stuhles der Russin -fest.</p> - -<p>An derselben Längsseite des Tisches, nicht -weit von ihr, saßen zwei junge Männer. Der -eine war ein blasser italienischer Student, auf -seine Art ebenso schön wie Ulrike. Er war -aber eine jener altmodisch schmachtenden -Jünglingsschönheiten, wie man sie bei jungen - <span class="pagenum"><a id="Page_306">[S. 306]</a></span> -Heiligen auf glasgemalten italienischen Kirchenbildern -des zwölften und dreizehnten -Jahrhunderts findet. Ein elastischer Jünglingskörper, -von einem schwärmerischen Geist -wie von einer blauen Flamme durchwallt. An -ihm war nichts von der durch Sport und Gedankenzucht -straffen Jungemännerschönheit, -die jetzt im nördlichen Europa den altmodischen, -altchristlichen Schönheitstypus verdrängt.</p> - -<p>Es war rührend zu sehen, wie der junge, -schwarzgekleidete, schmale Mensch jetzt eben -ein Lied zu singen anhob, einen gewöhnlichen -italienischen Gassenhauer, den er sicher noch -nie in anständiger Gesellschaft gesungen hatte, -und den er mit einer einfältigen Andacht vortrug, -als handele es sich um eine Heldensage. -Und dies alles nur deshalb, weil Ulrike den -jungen Mann bereits entgeistert hatte. In -seinem Herzen sang er sicher ein hohes Lied -festlicher Liebesanbetung vor ihr. Davon trug -sein Gesicht den andächtigen Ausdruck. Aber -sein Mund mußte einen Gassenhauer hinsingen, -weil die ungeduldige Ulrike nur -Straßenkunst hören wollte.</p> - -<p>Neben dem jetzt singenden Studenten spielte -ein anderer junger Mann eine Mandoline, die - <span class="pagenum"><a id="Page_307">[S. 307]</a></span> -er auf dem einen Knie hielt, bei der er tief -gebückt saß, und deren Saiten er so innig -zärtlich zupfte, als wären sie aus dem verführerischen -roten Haar der jungen Deutschen -gesponnen. Denn Ulrike machte sein alltägliches, -reizloses Gesicht blutrot aufleuchten, -wenn er zufällig beim Mandolinenspiel zu -ihr hinübersah.</p> - -<p>Der Spieler hatte grobe Hände, die tagsüber -in einem Drogenladen im Ort, der ihm -gehörte, Leinöl und Petroleum in Krüge füllte -und Farbstoffe auf einer Wagschale wog, -wovon seine Nägelränder noch bläulich, rötlich -und gelblich schimmerten. Er schlug -trotz aller Innigkeit grob und derb die -Saiten. Er war nicht viel älter als der Student, -aber er tat laut erzählend sich etwas -darauf zugut, bereister zu sein als jener, und -er versuchte, aus Notwehr gegen Ulrikes auffallendes -verführerisches Frauenfleisch, sich -mit einer Grobheit zu panzern, die ihn kaltblütig -erscheinen lassen sollte.</p> - -<p>Ich hatte gehört, wie er vorhin, kurz ehe -das Lied anhob, Ulrike ins Gesicht gesagt -hatte, er hasse alle Österreicher, und er gab -an, daß jene die Eigenschaften hätten, die die -Deutschen den Italienern zuschieben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_308">[S. 308]</a></span></p> - -<p>Ulrike war keine Österreicherin. Darum -hörte sie auf seinen Haß gar nicht hin, sondern -forderte ein neues Lied. Sie wußte wahrscheinlich -auch, daß ihre weiße Hand, die -sich an die Stuhllehne der Russin hielt, aufmerksam, -ebenso wie ihr Nacken, von einem -Zolloffizier beobachtet wurde, der hinter ihr -an einem kleinen, runden gedeckten Tisch -saß, wo er zu Abend gespeist hatte, und wo -er jetzt seinen Kaffee trank, mit einer Zeitung -rasselte und seine Zigarette rauchte.</p> - -<p>Vor dem Offizier brannte ein Windlicht -auf dem Tisch, sein Lichtkreis traf noch Ulrikes -roten Haarknoten und ihren weißen -Nacken, dessen Biegung sich dem Offizier -hinhielt, als wollte dieser Nacken gestreichelt -und geküßt werden.</p> - -<p>Am Stamm des Mispelbaumes lehnte der -junge Wirt mit seinem langen, schmalen Tiergesicht. -Seine Augen schienen ganz verblödet -zu sein vom langen Hinstieren auf Ulrike. -Er stand dort ziemlich unbemerkt im Schatten -und war nur von den Knien abwärts beleuchtet.</p> - -<p>Über ihm im weiten Geäst des schlangenartig -geformten Baumes kauerten die Hauskatzen. -Es hockten dort drei, vier Katzen - <span class="pagenum"><a id="Page_309">[S. 309]</a></span> -und Kater wie buckelige Auswüchse auf den -glatten, ausgestreckten Ästen, und manchmal -jagte ein Tier das andere, und sie flohen -höher in die dunkle Laubkrone. Dann sah -Ulrike hinauf und rief: »Miau«. Gleich standen -die Katzen still und kauerten sich nieder, -denn der Katzenlaut, den das junge Mädchen -rief, war verblüffend naturgetreu.</p> - -<p>Von meinem erhöhten Standpunkt im Hausflur -sah ich auch ein Stück vom Gittertor -neben der Gartenmauer, und dort kauerten, -aufgereiht wie Kürbisse zum Trocknen, die -mumienhaften, großgesichtigen Köpfe jener -Zwerge, denen ich vorher auf der Straße begegnet -war.</p> - -<p>Die Zwerge entdeckte ich aber erst, als der -Scheinwerfer vom See für Augenblicke seinen -Lichtstrahl in die Gartentiefe hereinwarf.</p> - -<p>Daß hier ein Unglück wucherte und in -irgendeiner Gestalt aufstehen würde, fühlte ich -an der seltsamen Gruppierung der Menschen, -der Tiere und der Dinge, die alle von dem -magnetischen Wesen Ulrikes angezogen waren. -Die Spannung und die Unsicherheit, die diese -junge Dame um sich verbreitete, machte, daß -alles, was im Garten anwesend war, wie auf einer -dünnen Eisfläche lebte, die jeden Augenblick - <span class="pagenum"><a id="Page_310">[S. 310]</a></span> -irgendwo einbrechen und irgendeinem der -Anwesenden tödlich verhängnisvoll werden -konnte. Aber sie schienen alle das Unglück -begierig zu suchen.</p> - -<p>Ich trat jetzt vom Haus hinaus auf die -Treppe, die zum Garten hinunterführte. Bei -meinem Schritt sah ich niemand als Ulrike an. -Aber sie schien sich nicht klarmachen zu -können, von welcher Seite das Geräusch der -Schritte kam, und so sah sie zuerst unwillkürlich -nach dem Gartentor und der Gartenmauer. -Im selben Augenblick erhellte ein -neuer Lichtstrahl des Scheinwerfers die Köpfe -der ungeheuerlichen Mißgestalten der Zwerge, -die dort lauschten.</p> - -<p>Ulrike schnellt empor, läuft von ihrem Stuhl -fort und schlägt unter der Mauer ein fröhliches -und fast kindliches Gelächter auf, aber -wendet den Kopf nach mir, und nachdem sie -den Zwergen ein spöttisches »Guten Abend« -zugerufen, kommt sie zu mir gelaufen und begrüßt -mich in ihrer sprudelnden Sprechweise.</p> - -<p>»Welchen abenteuerlichen Ort haben Sie -da aufgesucht!« rief sie mir zu. »Welch ein -Talent Sie haben, schauerliche Szenerien zu -entdecken!« Und mit einer Geste, mit einer -stummen, aber höhnenden Geste, deutet sie - <span class="pagenum"><a id="Page_311">[S. 311]</a></span> -über den andächtig singenden Studenten, über -den Baum, in dem die Katzen sprangen, und -nach dem Gartentor, wo jetzt die Zwerge im -Dunkel beieinander hockten, und auf den -Scheinwerfer, der jetzt hoch im Himmel den -Monte Alto grell aufhellte.</p> - -<p>Sie hatte recht. Wo sang man sonst Gassenhauer -wie Kirchenlieder, während Katzen in -den Bäumen buhlten, Zwergköpfe auf der -Mauer wuchsen und dazu ein irrsinnig wandernder -Lichtstrahl aus dem Dunkel Berge -vom Himmel fallen ließ.</p> - -<p>An diesem Abend geschah nichts weiter, -er war nur der Auftakt für die nächsten Ereignisse. -Der Student lud, als er und sein -Freund, der Drogenhändler, aufbrachen, Ulrike -und mich zum nächsten Morgen in den -Weingarten seines Freundes ein, wo beide -täglich mit Leimruten Singvögel einfingen, da -die Zeit des Durchzuges der nordischen Singvögel -war. Aber auch der Zolloffizier ließ -uns durch den Wirt sagen, wenn wir das -Scheinwerferboot nachts besuchen wollten, -sollten wir es ihn wissen lassen.</p> - -<p>Die Zwerge aber stießen kreischende Pfiffe -aus und riefen zur Verabschiedung Ulrike ein -geheultes »Guten Abend« zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_312">[S. 312]</a></span></p> - -<p>Ulrike war müde und zog sich schon bald -auf ihr Zimmer zurück, nachdem wir nur -noch ein wenig geplaudert hatten. Ich blieb -bei der Russin sitzen, die aus ihren Schals -und Mänteln wie aus einer gepolsterten Loge -hervorsah, von der aus sie den Anfang eines -Dramas gespannt verfolgte.</p> - -<p>»Sie ist für die Männer, was der Baldrian -für die Katzen ist«, sagte die Russin, als Ulrike -gegangen war. Sie wiegte sich in ihren -Decken. »Welch eine Sippe hat sich hier -zusammengefunden! Wo ich hinkomme, ist -aber auch immer etwas Unheimliches los. So -war es immer, so lange ich lebe. Zwar brechen -durch mich nicht Ereignisse herein. Aber -ich habe eine im Blut liegende Witterung für -aufregende Zeiten, Menschen und Gegenden, -und werde wahrscheinlich unsichtbar angezogen -von Zuständen, bei denen eine gewisse -Spannung in der Luft liegt.</p> - -<p>Als Sie heute bei Tisch so blaß wurden -und den Sonnenstich fühlten, dachte ich bei -mir: Da bist du ja gerade recht gekommen, -um gleich ein Unglück vorzufinden und helfen -zu können. In den meisten Fällen aber kann -ich nicht helfen. Da muß ich nur Zuschauer -sein und muß froh sein, wenn ich nicht selbst - <span class="pagenum"><a id="Page_313">[S. 313]</a></span> -dabei den Kopf verliere. Denn sehen Sie, -einen leichten Schlaganfall habe ich schon -einmal gehabt. Den erhielt ich infolge eines -Schreckens, als ich Mann, Kind und Vermögen -in einem Augenblick verlor.«</p> - -<p>Und dann erzählte die russische Dame mir -ihr Leben. Sie stammte von deutschen Eltern, -war aber in Rußland geboren und hatte einen -Russen geheiratet. Ihr Mann war Leutnant, -als sie Hochzeit machten. Aber sie waren nur -wenige Wochen vermählt gewesen, da brach -der Krimkrieg aus, und die junge Frau wußte, -daß ihr Mann fort von ihrer Seite in den -Krieg und vielleicht in den Tod ziehen mußte.</p> - -<p>Sie machte sich auf, besuchte seinen General -und bat ihn, daß sie als Krankenschwester -dem Regiment ihres Mannes folgen dürfte. -Das wurde ihr gewährt.</p> - -<p>Ihren Mann, der in den Schlachten war, sah -sie natürlich nur selten, und wenn sie mit den -anderen Rotekreuzschwestern nach den Kämpfen -die Verwundeten in den Feldern aufsuchte, -dann zitterte ihr Herz jedesmal, wenn sie -einem am Boden Liegenden den Kopf umwendete -und das Gesicht zu sehen suchte, -denn sie vermeinte immer, ihren Mann zu -finden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_314">[S. 314]</a></span></p> - -<p>Und eines Tages wurde sie auch zu ihm -gerufen. Er lag verwundet in einem Schanzgraben. -Nur sein Bursche war bei ihm. Die -junge Frau brachte wochenlang in dem -Schanzloch zu und hütete und pflegte ihren -Mann.</p> - -<p>Von dieser Kriegszeit her, die sie bei Blut, -Grausen und Ängsten auf schmerzdurchkreischten -Schlachtfeldern durchgemacht hatte, -war ihr ein schwaches Herz geblieben.</p> - -<p>Nach vielen Jahren, als sie schon einen -großen Sohn, einen hübschen Knaben hatte, -traf sie aber ein viel schlimmeres Weh, als -jener Krieg ihr antun konnte. Ihr Knabe -wurde am Meer von einer Dampferlandungsbrücke -durch eine Sturmwelle ins Wasser gerissen, -und ihr Mann sprang rasch entschlossen -hinter seinem Kinde her, um es zu retten. -Aber das Meer gab sie nicht mehr zurück. -Beide ertranken. Außerdem hatte der General -gerade an diesem Tage seine Wertpapiere, -die er auf eine Bank bringen sollte, in der -Brusttasche. So waren der Russin in einer -Sekunde Mann, Sohn und Vermögen entrissen -worden.</p> - -<p>Seit jener Zeit beobachtete sie, daß sie -einen Instinkt für Unglück hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_315">[S. 315]</a></span></p> - -<p>Als sie zum erstenmal zum italienischen -Schriftsteller Fogazzaro kam, war diesem eben -sein Kind ertrunken. Als sie vor Jahren zum -erstenmal an den Gardasee kam, geschah dort -das größte Unglück, das der See je erlebt -hatte. Durch Platzen des Dampfkessels eines -Vergnügungsdampfers verloren Hunderte von -Menschen ihr Leben. Und so wußte sie -noch viele Fälle zu berichten. Und sie -war gar nicht verwundert, als ich heute den -Sonnenstich erlitt. Sie hatte immer eine ganze -Hausapotheke bei sich, da sie ja die Begleiterin -hundertfacher Unglücke gewesen war.</p> - -<p>»Es ist besser,« sagte ich ihr, »wenn Ulrike -bald wieder abreist. Der junge Student ist -schon ganz blaß verliebt in sie und sieht -krank aus, als ob er in ihrer Nähe ein betäubendes -Gas eingeatmet hätte. Und die andern, -der Offizier und der Drogist, stolpern -über ihre eigenen Beine vor Verwirrtheit, -wenn sie sich vor der schönen Ulrike verbeugen -sollen. Sie wird auch noch die Zwerge -und die Katzen in sich vernarrt machen, die -Berge werden umfallen wollen, um zu ihr zu -kommen, und der See wird wandern wollen, -um ihr nachzulaufen.«</p> - -<p>»Daran ist nichts zu ändern,« sagte die - <span class="pagenum"><a id="Page_316">[S. 316]</a></span> -Russin. »Es kann sogar sein, daß wir auch -Schaden nehmen dabei. Denn wo ein Unglückswirbel -einsetzt, reißt er auch Fernstehende -um. Heute, als Sie schliefen und oben -in Ihrem Zimmer krank lagen, spielte Ulrike -Boccia hier im Garten mit den italienischen -Zollsoldaten. Die Männer bekamen fast eine -Schlägerei, denn jeder wollte ihr zuerst den -Ball zureichen dürfen. Und auf der Straße, -als Ulrike einem Zwerg eine Zigarette schenkte, -entriß der andere Zwerg dem ersten das Geschenk -und verbarg die Zigarette an seinem -Herzen. Der Beraubte zog dann sein Taschenmesser -und wollte auf den Rivalen losstechen. -Der aber zog auch ein Messer und stach wieder -zurück. Und wenn die Soldaten die beiden -Krüppel nicht getrennt hätten, würden sie sich -in Stücke zerschnitten haben. Ich bin gespannt, -wie es morgen wird«, setzte die Russin -hinzu. »Der Wirt, der Bürgermeister, hat mir -heute schon gesagt, er wolle sich eine deutsche -Grammatik anschaffen, damit er Fräulein Ulrike -schreiben könne, wenn sie wieder in -Deutschland sein würde. Und im Winter -wollte er dann eine Reise nach Deutschland -machen. Alle sind in Ulrike vernarrt wie -die Fliegen in ein Stück Zucker. Sie hat - <span class="pagenum"><a id="Page_317">[S. 317]</a></span> -wie ein roter Blitz hier in den Ort eingeschlagen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am nächsten Morgen früh, als die Wiesen -am See und ihre gelben Dotterblumen noch -taufeucht waren, stand ich am Fenster, kurz -nachdem das erste Dampfschiff getutet hatte. -Da hörte ich, daß im Garten unten Neuangekommene -nach Zimmern fragten. Es war -jetzt Anfang September, und der Wirt hier -hatte im September doch einige immer wiederkehrende -Gäste in seinem Hause, denn der -Herbst ist die Jahreszeit, in der auch jeder -entlegenste Winkel des Gardasees von Naturschwärmern -aufgesucht wird.</p> - -<p>Als ich mich rasiert hatte, sah ich wieder -vom Fenster hinunter in den Garten, und da -saß eine seltsame Gesellschaft um einen Tisch -auf dem weiten Steinbalkon, auf dem ich mir -gestern den Sonnenstich geholt hatte. Zwei -Vettern des Wirtes, die ein paar hübsche -Fischerburschen waren, hatten ein Ehepaar an -einen Tisch geleitet. Sie setzten sich soeben -alle nieder. Ein älterer Mann von fünfzig -Jahren und eine dreißigjährige Frau.</p> - -<p>Der Mann schien nicht ganz bei Verstand - <span class="pagenum"><a id="Page_318">[S. 318]</a></span> -zu sein. Ich sah ihm zu, wie er Dutzende -von Chenilleäffchen verschiedener Größen aus -einer Handtasche auspackte und zu gleicher -Zeit kleine Bändchen und Fähnchen. Und -nun begannen die Burschen, die Frau und -der Mann, die Affenpuppen mit Bändern zu -schmücken, und alle vier spielten kindisch mit -ihnen und kitzelten sich gegenseitig am Gesicht -und am Hals mit den Äffchen. Dabei -hatte der Mann ein katholisches Traktätchen, -eine gedruckte Zeitschrift, neben sich liegen, -in welcher Heilige abgebildet waren, aus -welcher er gern ab und zu Erbauungsgebete -vorlas.</p> - -<p>Ich hatte bereits von Annunziata, dem -Dienstmädchen, gehört, daß ein ganz verrücktes -Ehepaar erwartet würde. Das Mädchen -war nicht sehr erbaut von seiner Ankunft, -denn die Frau, sagte sie, wäre verliebt in die -beiden Fischerburschen, denen sie im Winter, -und überhaupt vom Tag ihrer Abreise an bis -zu ihrer Wiederkunft, fast täglich die zärtlichsten -Briefe schriebe. Aber Annunziata -selbst liebte den einen Burschen und fand es -abscheulich, daß, so lange das Ehepaar im -Gasthaus wohnte, sie auf ihre Liebe verzichten -sollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_319">[S. 319]</a></span></p> - -<p>Ich hatte in meinem Leben vorher nie etwas -Widerlicheres gesehen, als diesen mageren, bebrillten, -greisenhaften, kichernden Mann und -seine schwammige, übel aufgeputzte Frau. Sie -lehnte mit ihrem Kinn auf ihrem üppigen -Busen, der in eine Seidenbluse eingespannt -war, und er grinste über seine schmale Hakennase -und über die Brillenränder zu den Burschen -hin, wenn seine Frau die Burschen mit -den Chenilleäffchen hinter die offenen Hemdkragen -kitzelte.</p> - -<p>Der eine Bursche hielt einen Leierkasten -unter dem Arm, in welchen Platten eingelegt -wurden, und auf dem man wahrscheinlich bald -Musik machen wollte.</p> - -<p>Der Wirt hatte mir erzählt, das Ehepaar -habe eine Seidenblumenfabrik in Norddeutschland.</p> - -<p>Ich sah mit einem Blick: wenn der Leierkasten -spielen und die Chenilleaffen tanzen würden, -wenn die Zwerge, die Marinesoldaten, der -Student, der Drogist, der Zolloffizier sich untereinander -Duelle wünschen und die Russin wie -eine Unke neues Unglück prophezeien würde, -wäre meines Bleibens hier nicht lange, und ich -würde bald von diesem Ort fortflüchten müssen. -Das wäre vielleicht das einzige Unglück, das - <span class="pagenum"><a id="Page_320">[S. 320]</a></span> -mir passieren könnte. Denn ich hatte ein -keimendes Abenteuer im Herzen, von dem -ich mich nicht gern eher getrennt hätte, als -bis es erlebt war.</p> - -<p>Das Haus, in welchem sich der Gasthof -befand, war halbiert. Der vorige Besitzer -hatte das Anwesen in zwei Hälften verkaufen -müssen. In der Mitte waren durch das -Haus, durch die Prunksäle, Wände durchgezogen -worden. Dahinter in der zweiten -Hälfte hauste jetzt der einzige Briefträger des -Ortes mit einer Unzahl von Kindern. Auf -dem Balkon aber hielt seine älteste Tochter, -eine bleiche Italienerin, jeden Morgen Nähstunden -ab für ihre jüngeren Geschwister und -ihre Freundinnen. Im Saal, neben meinem -Zimmer, wo, dem Schall nach zu urteilen, sich -kein einziges Möbelstück befand als ein alter -Flügel, ließ der Briefträger den ganzen Tag -seine Hände galoppieren und braute Melodien, -zu denen die Geister aller Komponisten Europas -zitiert wurden.</p> - -<p>Niemals war mir vorher ein so entsetzlich -musikalischer Briefträger begegnet. Er hatte -nur dreimal am Tage, wenn die Dampfschiffe -kamen, Post auszutragen, und diese Botengänge -waren nur kurz; da die Gassen des - <span class="pagenum"><a id="Page_321">[S. 321]</a></span> -kleinen Ortes kurz waren und die Leute hier -nur wenig mit der Außenwelt in Verbindung -standen, so blieb ihm viel Zeit zum rasenden -Spiel.</p> - -<p>Die Frau des Briefträgers war bei der Geburt -des letzten Kindes gestorben, und die -zwanzigjährige Tochter mußte die zwölf jüngeren -Geschwister erziehen. Der Vater aber wies, -so sagte man, jedem Freier, der, angelockt -von der Madonnenschönheit der Zwanzigjährigen, -sich über die Schwelle wagen wollte, -brüsk die Tür.</p> - -<p>»Sie hat Pflichten,« rief er jedem mit italienischem -Pathos zu, »Pflichten gegen ihren -Vater und ihre zwölf Schwestern, und ich erwürge -den mit meinen zehn Fingern, der es -wagen sollte, meine Tochter diesen ihren -Pflichten abspenstig zu machen.«</p> - -<p>Er selbst aber schien keine anderen Pflichten -für seine Familie zu fühlen als die, das mutterlose -leere Haus mit seinem Klaviergetöse anzufüllen. -Er kam sich gewiß wie ein Ritter -der Musik vor. Die adligen Räume, die er -zufällig, mit seiner ganzen Ärmlichkeit, bewohnen -mußte, schienen es ihm angetan zu -haben. Die altitalienischen Wappen an den -Decken, die griechischen Götter, die dort auf - <span class="pagenum"><a id="Page_322">[S. 322]</a></span> -abendroten Wolken saßen, grell hingemalt in -Perspektiven an den Deckenkalk, so daß der -arme Briefträger kein ruhiges Dach über seinem -Schädel hatte, der gemalte Regenbogen -über seinem Kopf, auf dem die neun Musen -samt Apollo saßen und ihre wohlgeformten -nackten Beine über den alten Klavierkasten -herunterhängen ließen, — das alles schien den -Mann in Ekstasen zu versetzen, die ihn fähig -machten, stundenlang bei Trillern und Läufen -am Tastenwerk auszuhalten. Dazwischen -stieß er gegen seine Kinder Flüche und Drohungen -aus, die von Blut und Mordgedanken -trieften.</p> - -<p>Ich hörte täglich den Musiklärm und seine -fluchende Stimme nah wie durch eine Papierwand. -Im Treppenhaus war eine verriegelte -Verbindungstür zwischen den zwei Haushälften. -Diese stand einmal zufällig offen, und -ich hatte einen Augenblick im Vorübergehen -den schrecklich bunten Apollosaal für einige -Sekunden bewundern können.</p> - -<p>Die Tochter des Musikgespenstes grüßte -öfters mit einem leisen Lächeln im Gesicht -zu mir herüber, wenn ich ans Fenster trat, -indessen ihr Vater drinnen fluchte oder musizierte. -Dieser Gruß war, als wollte sie um - <span class="pagenum"><a id="Page_323">[S. 323]</a></span> -Vergebung bitten für den unaufhörlichen -Lärm, an dem sie sich doch schuldlos fühlte.</p> - -<p>Ich hatte mir den Spaß gemacht und manchmal -den Kindern drüben in Stanniol gewickelte -Schokoladestückchen zugeworfen. Nun kannten -sie mich alle und sahen erwartungsvoll -nach mir, wie kleine Vögel, die man vom -Fenster aus füttert.</p> - -<p>Am letzten Nachmittag war ich der ältesten -Tochter begegnet, am Seeufer, das hart vor -dem Garten lag. Sie stand bei den Weibern, -die dort am Wasser knieten und wuschen, -und sie hatte einige ihrer Geschwister um sich -und nähte wie immer, — sie nähte auch, während -sie spazieren ging. Aber mit den Weibern -am Ufer Wäsche waschen, das durfte -sie nicht. Das wäre zu erniedrigend gewesen -für die Tochter des wichtigen Staatsbeamten, -für den sich der Briefträger hielt.</p> - -<p>Bei dieser Begegnung war mir der Gedanke -gekommen, das schöne Geschöpf zu fragen, -ob sie nicht in der Mondnacht mit mir eine -kleine Kahnfahrt auf dem See machen wollte. -Aber der Wind rauschte in den großen Silberpappeln -am Ufer, und ich hätte laut schreien -müssen, um diese Frage zu stellen, und die -waschenden Weiber hätten dann ihre Köpfe - <span class="pagenum"><a id="Page_324">[S. 324]</a></span> -gewendet und große Augen gemacht. Darum -unterdrückte ich den Wunsch, der auch nicht -heftig genug war, um sich gegen alle Widerstände -durchzusetzen.</p> - -<p>Aber heute abend, wenn Ulrike auf das -Scheinwerferboot gehen würde, vom Zolloffizier -eingeladen und vom singenden Studenten und -dem die Gitarre spielenden Drogisten begleitet, -dann wollte ich, dem Briefträger zum -Trotz, das schöne Mädchen zu einer Nacht- -und Nebelfahrt auffordern.</p> - -<p>Während ich noch dieses träumte, erschien -unten im Garten Ulrikes roter Kopf und stand -gegen den blauen See wie eine große dunkelrote -Geranienblüte. Sie beschattete mit den -immer lebendigen Fingern ihre Augen, sah -zu mir herauf und rief mir zu, sie sei fertig -angekleidet, um mit mir in jenen Weingarten -der Italiener zu gehen, wo die Leimruten für -den Vogelfang aufgestellt wären.</p> - -<p>Jetzt im Morgen schien mir Ulrike nicht -mehr wie der Brennpunkt alles Lebenden zu -sein. Wohl stand sie rotleuchtend im Garten, -aber ihr helles Gesicht und ihre Hände -blitzten kühl und blank wie die Seewellen -draußen. Und es fiel mir auf, daß ihre Schönheit, -beim starken Tageslicht besehen, beim - <span class="pagenum"><a id="Page_325">[S. 325]</a></span> -frischen Morgenwellenschlag des Sees, unterm -unendlichen silberblauen Morgenhimmel, bei -dem die mächtigen Berge wie alte tausendjährige -Propheten saßen, eigentlich nicht mehr -Kraft ausstrahlte als die silberne Flaumfeder -einer Seemöwe, die zwischen ihr und mir jetzt -eben in der Gartenluft vorüberschwebte.</p> - -<p>Freilich, gestern in der Rembrandtbeleuchtung -des nächtlichen Gartens, wo die Welt -rundum schwarz ausgelöscht war, lebte ihr -weißes Fleisch magnetisch im Kreis der Männer. -Und heute Abend, das wußte ich, würde es -wieder mit gleicher Kraft seine Anziehung -ausstrahlen. Der Tag aber wollte Gegenwart, -lebende Wirklichkeit. Die Nacht nur ist -wie von Vergangenheit ausgefüllt, und alle -Dinge wachsen dann in Jahrtausende zurück, -machen eine Rückentwickelung durch, vergrößern -sich im Finstern und nehmen Gestalten -der Urzeit an, Gestalten vorsündflutlicher, -ausgestorbener Geschlechter. Es ist, als würden -dann in der Finsternis jene Formen wieder -lebendig, von denen wir Menschen nur -Ahnungen aus den Gesteinschichten bekommen, -wenn wir die Abdrücke versunkener Riesengeschlechter, -gigantischer Farren und gigantischer -Amphibien finden, — Gestalten, von denen wir - <span class="pagenum"><a id="Page_326">[S. 326]</a></span> -kaum feststellen können, ob sie dem Luft-, -dem Erd- oder dem Wasserreich angehörten.</p> - -<p>Von solch ungewissen, grauenhaften Ungeheuern -schien mir der Garten gestern Abend -angefüllt gewesen zu sein. Jeder war da im -Dunkeln über sich hinausgewachsen, die Menschen, -die Zwerge, die Musik, die Lampe, der -Mispelbaum, die Katzen und die vom Scheinwerfer -ruckweise belichtete Seelandschaft.</p> - -<p>Harmlos war das alles jetzt am Morgen, -und der Morgen selbst unschuldig wie ein -Ei, das eine Henne ins Stroh fallen ließ, unschuldig -wie die Milch der Kühe, unschuldig -klar wie frisches Wasser in einem Glas, und -ich atmete jetzt auf und verbannte im hellen -Morgen die Schrecken, die ich gestern Nacht -gefürchtet, leicht von mir, wie man den Rauch -einer Zigarette rasch von sich bläst.</p> - -<p>Ulrike und ich hatten nicht weit zu gehen, -keine fünf Minuten vom Gasthaus durch die -höckerige Straße, die dort anstieg und sich -hinaus in den Olivenhain verlor. Dort hinter -den Mauern, die am Ende der Häuser noch -eine Weile den Weg einengten, lagen alte -Weingärten. Hier und da war eine Pforte -oder eine Nische mit einem verstaubten Madonnenbild -in den Mauern; und an den Mauerflächen - <span class="pagenum"><a id="Page_327">[S. 327]</a></span> -huschten graublaue winzige Eidechsen -hin. Verschlungene Feigenbäume streckten ihre -Fünffingerblätter aus und ließen schwarzblaue -Früchte reifen. Niemand begegnete uns als -spielende Kinder und ein paar meckernde -Ziegen, und weißer wirbelnder Staub flog am -Wege hinter uns her.</p> - -<p>Auch hier waren am Morgen keine Gespenster -mehr am Wege, und als uns einer -der orangutangähnlichen Zwerge einholte, der -für uns den Klöppel am Gartentor anschlug, -in das wir eintreten sollten, da sah auch der -arme verwachsene Kerl dürftig und unschädlich -aus wie ein humpelnder Hase, schreckhaft -und ängstlich.</p> - -<p>Ulrike stellte sich etwas wunderbar Lustiges -unter dem Vogelfang vor. Sie dachte, man -fängt die Vögel mit der Hand wie Schmetterlinge -von den Blumen. Und sie dachte, es -müßte ein so hübsches Geschäft sein wie -Gärtnerei oder Mandolinenspiel.</p> - -<p>Drinnen aber im Weingarten stockte uns -beiden der Atem. Mit etwas bleichen, übernächtigen -Gesichtern fanden wir dort den -Studenten und den Drogisten bei ihrer Henkerarbeit.</p> - -<p>Am Ende des Gartens, der zum See abfiel, - <span class="pagenum"><a id="Page_328">[S. 328]</a></span> -lag eine Wiese, und dort in einem Mauerwinkel, -auf einer breiten Böschung, saß der -Student, nur mit Hose und Hemd bekleidet -wie ein Cowboy. Die Andacht und -der Schmelz, mit dem er gestern Abend gesungen, -waren aus seinem Gesicht wie fortgeblasen. -Er war nur voll Eifer beim mörderischen -Vogelfang, durchdrungen vom Ernst -eines Sachkenners. Man durfte nicht laut -sprechen, man durfte nicht laut auftreten. -Man mußte wie bei Wegelagerern im Hinterhalt -lauern.</p> - -<p>Zwischen den nächsten Büschen waren lange, -dünne Ruten gesteckt. Die waren mit klebrigem -Leim bestrichen, der nicht trocknete.</p> - -<p>In seinem Mauerwinkel lugte der Student -durch eine Art Schießscharte nach seinen -Ruten und pfiff ab und zu auf einer kleinen -silbernen Vogelpfeife. Die gab einen leisen -zwitschernden Laut. Der Lockruf wurde -manchesmal von einem Baum oder aus den -Büschen beantwortet.</p> - -<p>An einigen Rutenspitzen waren auch ein -paar winzige Vögelchen angebunden. Die -flatterten und versuchten vergeblich, sich loszumachen. -Die in der Luft vorüberziehenden -Vögel glaubten, von jenen käme das Gezwitscher, - <span class="pagenum"><a id="Page_329">[S. 329]</a></span> -und ab und zu kam ein Vöglein vom nächsten -Baum oder aus der Luft herbei und setzte -sich auf eine der Leimruten, um zu erfragen, -warum die Flatternden nicht fortfliegen wollten, -und warum sie riefen.</p> - -<p>Bald aber mußte der Neugierige dann seine -Freiheit lassen. Sein Brustflaum klebte an der -Rute fest, ebenso seine feinen Krallen. Allmählich -hafteten auch seine Flügel, mit denen -er um sich schlug, an dem Klebstoff der Rute. -Und wie eine Fliege im Sirup, so quälte sich -der kleine Vogel vergebens loszukommen. -Andere flogen dann auf das jammernde -Gepieps der Kameraden herbei. Auch sie -blieben haften. Und die Ruten schaukelten -unter dem Gezappel der jämmerlich verstörten -und zu Tode geängstigten Tierchen heftig in -der Luft hin und her. Und immer neue -kamen neugierig und hilfsbereit und umflatterten -mitleidig die piepsenden Gefangenen, -die sich trotz aller Anstrengung nicht von -den Leimruten befreien konnten.</p> - -<p>Das gestern so andächtige Auge des -schmächtigen Studenten glitzerte jetzt wie ein -Wieselauge, und auch sein Rücken bewegte -sich unruhig und lauernd, wenn er durch die -Mauerscharte spähte. Ab und zu flüsterte er - <span class="pagenum"><a id="Page_330">[S. 330]</a></span> -uns die sich steigernde Zahl der an den Leimruten -zappelnden Opfer zu.</p> - -<p>»Vier, sieben, zehn, hui, — vierzehn!« stieß -er begierig hervor. Dann sprang er plötzlich -aus seinem Versteck, war mit drei, vier Sätzen -bei den Ruten, griff mit langen Armen und -großen Händen in die Luft über die Büsche -und pflückte die Vögel von den Ruten ab. -Er stopfte die Vögel in seine Tasche, wo -sie, vom Leim besudelt, alle aneinanderklebten -und bald nur noch ermattet zuckten. Dann -stellte der junge Mann schleunigst mit frischem -Leim angestrichene Ruten in die Büsche. Es -geschah geschäftig und blitzartig, als wäre -jede Minute seiner Handlung kostbar für die -Weltgeschichte.</p> - -<p>Nachdem er wieder zu uns in das Versteck -zurückgekehrt war, holte er Stück um Stück -der Vögel aus seiner Tasche und zerdrückte -jedem zappelnden Tierchen zwischen seinem -Daumen und dem Zeigefinger das Köpfchen. -Dann warf er den blutenden Vogelbalg zu -dem Beutehaufen ins Gras, wo bereits dreißig -bis fünfzig Stück, die er in diesen Morgenstunden -gefangen, als tote Klumpen beieinander -lagen.</p> - -<p>Ulrike wurde blaß und wendete sich ab. - <span class="pagenum"><a id="Page_331">[S. 331]</a></span> -Aber der Student grinste und sagte achselzuckend: -»Das ist Jagd.« Aber es war mir, -wie er grinste, als wäre sein Gesicht schwarz -wie das eines menschenfressenden Negers geworden. -Schwarz vor Schuld, Scham und Verlegenheit, -— so sah ich ihn für einen Augenblick -vor meinem inneren Auge.</p> - -<p>Über unseren Köpfen waren hier bei der -Mauer Stangen auf Backsteinpfeiler gelegt. -Sie trugen ein Rebengewirr, durch dessen -Laub die Sonne grün leuchtete. Und große -Trauben, goldgelbe und dunkelblaue, hingen -darin zum Greifen nah.</p> - -<p>Trotzdem der italienische Student die Verstimmung -deutlich merkte, die sein grauenhafter -Jagdsport in unseren deutschen Gemütern -anrichtete, bewahrte er seine südlich -lässige Höflichkeit und lud uns ein, von den -Trauben zu pflücken. Und der Zwerg, der -dabei stand, kletterte behend an einem Pfeiler -hoch und riß ein paar Trauben ab, die er uns -hinreichte.</p> - -<p>Mir aber saß noch das Herz im Hals von -der Vogelmetzelei, die ich hier gesehen hatte, -hier im harmlosen blauen Morgen, den die -Wiesenblumen und das Vogelgezirp schmücken -sollten, und wo man unter den laubigen Traubengängen - <span class="pagenum"><a id="Page_332">[S. 332]</a></span> -keine Verräter und Mörder der Morgenunschuld -vermuten konnte.</p> - -<p>Ich mochte keine Traube anrühren, und auch -Ulrike legte die ihr zugereichte Traube, ganz -beklommen dankend, neben sich ins Gras.</p> - -<p>Sie sagte mir leise, sie wolle gehen. Der -Student verstand es und sagte, er wolle uns -noch in den Weingarten führen, wo sein -Freund viele Netze aufgespannt hätte und die -Vögel in einer anderen Weise einfinge als er.</p> - -<p>Im Garten droben nahm uns dann der -Drogist in Empfang. Er führte uns durch die -dichten Laubengänge, in denen hohe Rebenstöcke -standen, die an Drähten ausgebreitet -wuchsen und hohe Korridore bildeten. In -diesen Gängen, an den Traubenwänden entlang, -waren große haardünne Netze aufgespannt. -In ihnen verfingen sich die kleinen -Vögel im Durchfliegen. Sie zappelten hier in -den Maschen wie die anderen vorhin an den -Leimruten. Aber das Erschütterndste hier waren -nicht die Netze, es war nicht die Fangart, -sondern die Lockweise. Es waren da eine -Reihe Käfige an der Wand. In denen hielt -sich der Drogist geblendete Nachtigallen. Den -Nachtigallen, die er gefangen hatte, hatte er -die Augen ausgestochen, damit sie in ewiger - <span class="pagenum"><a id="Page_333">[S. 333]</a></span> -Finsternis besser singen sollten. Die armen -Tiere waren also doppelt gefangen, doppelt -geängstigt, und ihre Klagen wurden doppelt -schmelzend, doppelt sehnsüchtig.</p> - -<p>»Das haben Sie getan?« fragte Ulrike unbefangen, -aber zugleich blieb sie wie erstarrt vor -einer blinden Nachtigall stehen. Sie konnte -es noch gar nicht begreifen, daß es schändliche -Wirklichkeit war, was sie sah. Und der -Drogist grinste. Aber er hatte eine seltsame -Art, über die Köpfe der Menschen fortzusprechen. -Was er nicht hören wollte, übersprach -er. Nur sein Blut, das ihm leicht zu -Kopf stieg, zeigte, daß er gehört hatte.</p> - -<p>Auch mir grauste es jetzt vor diesem Garten, -der da am See hinter hohen Mauern eingeschlossen -wie eine große Mördergrube lag. Von -außen hätte man der harmlosen Mauer nicht -ansehen können, daß dahinter die freiesten -Geschöpfe der Erde, die kleinen, dem Menschenherzen -so wohlgefälligen Nachtigallen und -andere Singvögel, lebenslängliche Folterqualen -und Tausende von ihnen einen gräßlichen Tod -erleiden mußten.</p> - -<p>Also dieses war das Grauen, dachte ich, als -ich mit Ulrike den Garten verlassen hatte, das -ich durch die Mauern gefühlt habe, als ich - <span class="pagenum"><a id="Page_334">[S. 334]</a></span> -am ersten Abend durch den kleinen, brütend -schwülen Ort hinaus zu den grimassenschneidenden -Olivenhainen am Bergabhang gewandert -war.</p> - -<p>»Ich will keine Musik mehr von diesen beiden -hören und kein Lied«, sagte Ulrike ganz erschüttert. -»Pfui! Wenn ich das gestern abend gewußt -hätte, daß die beiden solche Scheusale sind!«</p> - -<p>»Sie werden aber heute abend doch mit -den jungen Leuten auf das Scheinwerferboot -gehen und über den See kreuzen, wozu Sie -gestern abend der Offizier eingeladen hat.«</p> - -<p>»Nein, nein,« rief sie heftig. »Ich habe den -beiden eben gesagt, sie sollten lieber elende -Schmuggler werden. Denn besser als die -Vogeltöterei ist dann doch das Schmuggeln. -Sie haben natürlich verstanden, daß ich sie -nicht mehr sehen will, und wurden beide blaß -und rot.«</p> - -<p>Im Gasthaus mußte ich ein kräftiges Glas -Wein trinken, um die Übelkeit herunterzuspülen -und das Grauen, das mich befiel, wenn -ich an die Vogelfänger zurückdachte.</p> - -<p>Ulrike, in ihrer lebhaften Art, sagte, sie -hätte am liebsten beiden die Augen eigenhändig -ausgestochen und die Frevler lebenslänglich -mit den Leimruten gepeitscht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_335">[S. 335]</a></span></p> - -<p>Der Tag wurde dann sehr heiß. Die Russin, -Ulrike und ich saßen im Garten umher oder -im kühlen Speisesaal, lesend oder schreibend. -Nach dem Mittagessen war die Glut aufs -höchste gestiegen, und der See draußen leuchtete -mit seinen Lichtflammen brennend in die -Zimmer herein. Nirgends war Schutz vor der -Hitze.</p> - -<p>Die Damen hatten sich zum Schlafen zurückgezogen. -Ich lag in einer Hängematte unter -dem Mispelbaum, und mir schwand bald das -Bewußtsein, aber Schlaf war es nicht, denn -ich wachte und erlebte Seltsames dabei.</p> - -<p>Die Hitze betäubte meinen Verstand, aber -meine Augen und Ohren wurden unendlich -wach und hatten ein Gesicht, das kein Traum -war.</p> - -<p>Ich schaute durch den Laubengang hindurch -hinaus auf die lichtüberrieselte Seefläche, und -dort sah ich ein Tier aufsteigen. Das hatte -den Kopf einer Eidechse, den Hals einer Giraffe, -den Bauch einer watschelnden Ente und den -langen Schweif eines Krokodils.</p> - -<p>Mitten im See hob es sich, grüngrau, wie -aus tausendjährigem Schlamm geboren. Seine -Haut hatte menschenkopfgroße Warzen.</p> - -<p>Das Tier nickte mit seinem langen Hals wie - <span class="pagenum"><a id="Page_336">[S. 336]</a></span> -ein Vogel Strauß. Das glitzernde Wasser -rieselte in Bächlein an ihm nieder, und Büschel -von großen Seepflanzen wuchsen dem Tier -auf dem Rücken. Es sah aus, als habe es -jahrhundertelang in der Seetiefe geschlafen und -richtete sich jetzt auf, um Umschau zu halten, -ehe es weiterschlief.</p> - -<p>Ich erinnerte mich, ich hatte dieses Tier in -einer lebensgroßen Nachahmung aus Stein im -Zoologischen Garten in Berlin, an der Freitreppe -zum Aquariumhaus gesehen, und wußte -auch, daß auf einer Tafel darunter »Iguanodon« -stand, und »seit zwanzig Millionen Jahren auf -der Erde ausgestorben«. Es war eines jener -vorsündflutlichen Tiere, an die ich gestern -abend gedacht hatte, als Ulrike den Garten -verhexte mit ihrer über alle menschlichen Begriffe -starken Anziehungskraft, die die Zwerge, -die Katzen und alle Männer entzündete. Vor -meinem inneren Blick war Ulrike da in ein -Fabelwesen verwandelt worden, für das man -keine gewohnten Maßstäbe findet. Und nun -sah ich am hellen, heißen Nachmittag ein -Iguanodon seinen zwanzig Millionen Jahre -langen Schlaf unterbrechen und mitten im See -aufsteigen und Rundschau nach den Ufern -halten, als wollte sich die langhalsige Gestalt - <span class="pagenum"><a id="Page_337">[S. 337]</a></span> -mit einem ebenbürtigen Feinde messen, der es -heraufgerufen und zum Zweikampf herausgefordert -hätte.</p> - -<p>Und seltsam, — ich erkannte plötzlich die -Berge, die sonst Erde und Stein waren, auf -dem anderen Seeufer und über meinen Häuptern -und hinter den Hausdächern des am Berg -hinaufkletternden Ortes nicht mehr. Diese -einzelnen Berge schienen die Stümpfe von -Urweltbäumen zu sein, deren jeder ein paar -Meilen im Durchmesser maß. Und gegen diese -riesigen Baumstümpfe wirkte das haushohe -Iguanodon wie eine winzige Ameise. Die vorsündflutliche -Welt, in der der Mensch weniger -als ein Infusionstierchen in einem Tropfen -Wasser war, erschreckte mich nicht; sie stand -schrecklich schön im Sonnenschein vor mir. -Und auch als das Iguanodon eine pfeilartige -weiße Zunge, wie eine lange dünne Röhre, -ausstreckte, die es langsam anwachsen ließ, -erschrak ich noch nicht. Erst als die Zunge -wie ein dünner Sauger die Ufer, die Berge -und endlich die einzelnen Häuserflächen, die -nach dem Wasser sahen, von der Mitte des Sees -aus abtastete, da packte mich ein panischer -Schrecken. Denn der weiße Strahl der Zunge -zog sich, wenn er ein Haus berührt hatte, wie - <span class="pagenum"><a id="Page_338">[S. 338]</a></span> -ein langer Schneckenfühler wieder zu dem Tier -zurück.</p> - -<p>Mit einem Male hörte ich Geschrei, ein -Angstgezirp, ähnlich dem, das die zappelnden -Vögel an den Leimruten im Morgen gezirpt -hatten. Ich sah mit Entsetzen, daß die Zunge -des vorsündflutlichen Tieres jedesmal, wenn -sie ein Haus berührte, ein Fenster oder einen -Laden eindrückte und sich einen Menschen -aus den Zimmern holte, und der Geraubte -verschwand angeklebt mit der eingezogenen -Zunge im Schnabelrachen des Tieres.</p> - -<p>Das Iguanodon, das ich hier sah, war wohl -zwanzigmal größer als die Abbildung, die ich -einmal in Stein, von einem Bildhauer gearbeitet, -in Berlin gesehen hatte. Den Menschen, -den die Riesenbestie verschluckte, sah -man im langen dünnen Tierhals nicht hinabgleiten, -denn der Hautbehang des Halses schien -fest und dick zu sein wie Panzerplatten.</p> - -<p>Mein Grauen wuchs. Jetzt stürzten unter -der Gartentür vom See her in den Garten herein -die Weiber, die am Ufer gewaschen hatten, -und viel Volk ihnen nach, das vor der Zunge -des Tieres flüchtete. Ich fühlte aber, daß ich -mich mit den Fußspitzen und meinen Armen -in dem Maschennetz der Hängematte verwickelt - <span class="pagenum"><a id="Page_339">[S. 339]</a></span> -hatte, so daß ich mich nicht zur Flucht aufrichten -konnte. Nur meinen Kopf konnte ich -hin und her bewegen.</p> - -<p>Ich sah, wie auf den Lärm im Garten der -Wirt, die russische Generalin, das heute morgen -angekommene Ehepaar und die zwei Fischerknaben, -letztere mit den Chenilleaffen und -der Drehorgel bepackt, aus dem Hause kamen -und nach der Kellertür strömten, die der Wirt -öffnete, und wohin alles, was im Garten war, -dem Wirt nachdrängte, der dann, als alle in -den Keller geflohen waren, behutsam die Kellertür -von innen schloß. Ich hörte, wie der Wirt -zuriegelte, und wie die Leute drinnen erst alle -durcheinanderschwatzten, und wie es dann atemlos -still wurde und sie alle zu horchen schienen. -Jetzt war die Zunge des Tieres, glänzend weiß -wie der Lichtstrahl eines Scheinwerfers und -pfeifend über die Krone des Baumes, unter -dem ich in der Hängematte gefesselt lag, auf -das Gasthaus zugeschossen und hatte die Glastür -im Speisesaal eingedrückt, deren Scherben -laut klingend auf den steingepflasterten Fußboden -fielen.</p> - -<p>Alle Leute im Keller waren in Sicherheit. -Auch die Tochter des Briefträgers war vorhin -mit den Menschen dort hinuntergeflüchtet, - <span class="pagenum"><a id="Page_340">[S. 340]</a></span> -und ich staunte nachträglich noch, wie furchtlos -sie eigentlich gewesen war. Das junge -Ding schien nur vom Strom der Flüchtlinge -mitgerissen worden zu sein. Denn sie nähte, -während sie in den Keller stieg, ruhig an ihrer -Arbeit weiter.</p> - -<p>Nur Ulrike hatte ich nicht aus dem Haus -fliehen sehen. Aber ich wußte doch, daß sie -in ihrem Zimmer oben war und Siesta hielt. -Plötzlich zog sich die Tierzunge, die dünne, -tastende und saugende Zungenspitze des Iguanodons, -vom Hause zurück und schnellte wie -eine zurückgeworfene Leimrute hoch in die -Luft, gleichsam, als sei das vorsündflutliche -Tier draußen im See tief erschreckt worden.</p> - -<p>Mich schüttelten Frost und Kälte. Wie -leicht konnte die Zunge jetzt pfeilschnell -durch das Geäst des Baumes wieder zurückschießen -und mich aus der Hängematte -ziehen!</p> - -<p>Da aber hörte ich, daß sich ein Fenster im -Zimmer Ulrikes öffnete, und ich wollte dem -schönen Mädchen zurufen, sie solle fliehen und -sich verbergen, als ich sah, wie ein eben -solcher Tierkopf, nur viel kleiner als der des -Ungeheuers auf dem See draußen, sich aus dem -Fenster reckte. Sein Hals wuchs und stand - <span class="pagenum"><a id="Page_341">[S. 341]</a></span> -wie eine lange ungeheure Fahnenstange aus -der Fensteröffnung. Seine Zunge schoß aus -dem Rachen und züngelte lebhaft. Aber statt -der Warzen hatte dieses neue Tier rote lockige -Haarbüschel an seinem Giraffenhals, Haare, so -rot wie Ulrikes Haar. Zugleich aber sah ich, -daß die Zunge, die dieses Tier ausstreckte, -keine lange Saugröhre war, sondern daß elektrische -Flammen, elektrische Strahlenbündel, -die viel schneller und viel gewaltiger waren als -die Zunge des anderen Tieres, weit auf den -See hinaussprühten und furchtbare Schläge -ins Wasser austeilten. Und wo dieses Tieres -Elektrizität hinschlug, schien der See bis in -die Tiefe zu kochen.</p> - -<p>Das Iguanodon draußen in der Seemitte -hatte seine Zunge eingezogen, legte seinen -Hals flach wie einen schwimmenden Baumstamm -aufs Wasser, und es schien mir, als -überlege es, ob es den Kampf mit der Nebenbuhlerin -am Ufer aufnehmen, oder ob es -wieder versinken sollte in sein jahrtausendealtes -Wassergrab.</p> - -<p>Plötzlich aber dröhnte die Erde. Der Baum, -an dem meine Hängematte hing, zitterte und -schüttelte sich, als wenn ihn ein Schauder -durchführe. Zwischen den hohen vorweltlichen - <span class="pagenum"><a id="Page_342">[S. 342]</a></span> -Baumstümpfen, die die Höhe des Monte -Alto hatten, flog eine Herde blutfarbener -Drachen auf. Die hatten mächtige Fledermausflügel -aus roten Häuten. Der Himmel verfinsterte -sich blutrot. Und die Drachen zeigten -gelbe Bäuche und grünliche Brüste, hinter -denen ich einen dunkelblauen Herzwulst -pochen sah.</p> - -<p>Im See aber tauchte lautlos das Iguanodon -unter. Auch das Tier im Hause hörte auf, -Blitze zu werfen, und zog seinen langen Hals -in das Fenster zurück und verschwand. Die -roten Drachen aber füllten die ganze Luft -und wurden zu Millionen Drachen.</p> - -<p>Ich sah eine Weile noch den Sonnenschein, -der die vielen ausgespannten Drachenflügel -rot durchleuchtete. Und von dieser Röte -wurde auch der Baumstamm, unter dem ich -lag, rot beschienen und ebenso Äste und -Blätter. Der rote Stamm sah wie die blutige -Gurgelröhre aus, die man einem mächtigen -Tier ausgenommen hat. Und der Baum begann -zu sprechen, und seine Äste begannen -sich im Wind zu ballen wie Fäuste, und sie -wuchsen und schlugen an die verschlossene -Kellertüre, dahinter sich die Menschen des -Hauses geflüchtet hatten. Und der Baum - <span class="pagenum"><a id="Page_343">[S. 343]</a></span> -schrie zuletzt auf, und ich verstand jedes Wort, -und mich schauderte, als er mich in der Hängematte -hin und her schleuderte. Des Baumes -Stimme aber rief:</p> - -<p>»So lange ihr Menschengezücht euch höher -dünkt und gewaltiger als das Höhenreich und -das Unterreich, so lange sollt ihr keinen Frieden -haben, da ihr keinen Frieden geben wollt. -Ihr sollt nicht sicher sein in euren Häusern, -nicht sicher in euren Betten, nicht sicher unter -uns Bäumen. Wir werden immer wieder zu -euch hereinbrechen, wir aus dem Unterreich -und aus dem Höhenreich, deren Leben ihr -erloschen glaubt. Und ihr werdet kämpfen -müssen, so lange ihr Kampf wollt. Die roten -Drachen, sie werden über euch geschickt, sie -werden euch immer wieder besiegen, auch -wenn eure Kämpfer elektrisches Feuer speien. -Die roten Drachen, die aus dem Urblut aufstiegen, -aus dem auch ihr gezeugt wurdet, -sie sind es, die euch züchtigen sollen.«</p> - -<p>Nachdem der Baum also dröhnend gesprochen -hatte, wurde es still. Die rote Dunkelheit, -die die Landschaft und alles um mich -entrückt hatte, wich allmählich, und es wurde -hell wie vorher. Der erhitzte Garten im Nachmittagslicht, -voll blühender roter Nelken und - <span class="pagenum"><a id="Page_344">[S. 344]</a></span> -roter Geranien, lag am See, trocken und scharf -beleuchtet. Niemand sprach. Nichts Ungewöhnliches -war zu sehen. Im Hause schien -noch alles zu schlafen. Gerade vor mir an -der Gartenmauer reckten sich einige blaugrüne, -tierähnliche Kakteenstauden. Auf den -fleischigen, gepanzerten Pflanzen sonnten sich -grünschillernde Fliegen, und neben ihnen -züngelte eine kleine Eidechse.</p> - -<p>Meine Füße waren ein wenig in der Hängematte -verwickelt. Ich konnte aber doch leicht -aufstehen, ging zum Tisch und setzte mich in -einen Strohsessel im Schatten des Hauses und -dachte über das sonderbare vorsündflutliche -Gesicht nach, das ich zwischen Wachen und -Träumen eben erlebt hatte.</p> - -<p>Später kamen die Damen zur Kaffeestunde -aus ihren Zimmern in den Garten, und wie -wir da zusammen unter dem Mispelbaum -saßen, wollte ich ihnen mein Traumgesicht -beschreiben. Aber als ich den Mund zum -Sprechen öffnen wollte, tauchten mir ganz -andere Bilder auf. Ein innerer Wille zwang -mich, ganz andere Worte zu sprechen als die, -die ich hätte sagen wollen. Es war von jenem -Gesicht her eine unerklärliche Angst in mir -geblieben, die mir ergab, daß ich neuen - <span class="pagenum"><a id="Page_345">[S. 345]</a></span> -Schrecken, der sich hier entwickeln konnte, -dadurch im voraus Einhalt tun könnte, daß -ich die Zukunft den Damen so schilderte, -als wäre sie bereits Ereignis gewesen.</p> - -<p>Und ich erzählte:</p> - -<p>»Vorhin war es Nacht hier im Garten und -draußen auf dem See. Die Lampe unterm -Mispelbaum brannte, und auf Ihrem Stuhl -hier saßen Sie, gnädige Frau« — und ich verneigte -mich leicht gegen die russische Dame. -»Zu Ihren Füßen lagerten alle Katzen des -Hauses, graue und schwarze nebeneinander, -scheinbar schlafend, aber eigentlich mit Ihnen -in die Dunkelheit horchend. Um den Tisch -herum saßen alle Zwerge des Ortes. Der eine -Zwerg hatte eine Kappe voll Birnen vor sich -liegen, der andere Zwerg seine Kappe voll -Trauben, der dritte seine Kappe voll getöteter -Singvögel. Die anderen Zwerge, die neben -Ihnen saßen, hatten leere Kappen, aber sie warteten, -so schien es mir, jeder einen unbewachten -Augenblick ab, um aus den drei gefüllten -Kappen etwas zu stehlen. Aber die drei Zwerge -mit den gefüllten Kappen horchten mit Ihnen -und den Katzen gegen den See hin, wo eben -nach dem Abendläuten das Scheinwerferboot -tutete, das dann das kleine Hafenbassin von - <span class="pagenum"><a id="Page_346">[S. 346]</a></span> -Limone verließ und seine Nachtwache an dem -Ufer entlang antrat.«</p> - -<p>Die um den Tisch Sitzenden mußten angestrengt -horchen, da tief im Hause, in einem -der letzten Zimmer, der Drehorgelkasten gespielt -wurde. Der am Morgen angekommene -alte Herr spielte das kreischende Instrument, -während seine Frau mit den beiden Fischerbuben -schlurchend über den Steinboden tanzte.</p> - -<p>»Ich selbst befand mich auf dem See in einem -Nachen und ruderte. Am Ende des Bootes -saß die schöne Tochter des Briefträgers. Sie -hatte den neuen Vollmond vor sich auf dem -Schoß liegen wie ein Stück Weißzeug. Der -Mond war entzweigerissen, und sie nähte mit -einer großen goldenen Nadel seine Risse zusammen.</p> - -<p>Alles Unnatürliche in meinem Traum war -so selbstverständlich, wie wir jetzt hiersitzen -und Kaffee trinken. Ich konnte überall zu -gleicher Zeit sein, im Garten, im Haus, im -Kahn und auf dem Scheinwerferboot«, erzählte -ich weiter.</p> - -<p>»Auf dem Zollboot, das wie ein langer -schmaler Walfisch aus Eisen, nur wenig erhöht, -über die Wasserfläche hinschoß, sah -ich, umgeben von Zolloffizieren und Matrosen, - <span class="pagenum"><a id="Page_347">[S. 347]</a></span> -Ulrike stehen. Es unterhielt sie besonders, -einem Manne zuzusehen, der den Scheinwerfer -handhabte. Vom Boot war über dem Wasser -nichts zu sehen als nur ein kleiner Schornstein, -der Lichtapparat des Scheinwerfers und ein -dünnes Eisengeländer, das um das längliche -Verdeck lief. In der Form einer Zigarre, und -einem Wasserkäfer ähnlich, eilte das Boot auf -der Seefläche hin und kreuzte pfeilartig von -Ufer zu Ufer. Die Offiziere rauchten Zigaretten -und freuten sich über Ulrike und über -ihr rotleuchtendes Haar, das in der Nacht -noch stark mit seiner Feuerfarbe lockte.</p> - -<p>Plötzlich kam Bewegung unter die Matrosen. -Ein Offizier neben dem Scheinwerfermann -gab leise Befehle, und alle andern Offiziere -drängten sich zu ihm heran, und jeder sah -durch ein neben dem Scheinwerfer angebrachtes -Fernrohr eifrig und lebhaft erregt hinauf ans -Ufer.</p> - -<p>Man hatte Schmuggler entdeckt. Ich aber -wußte, da ich auch zugleich oben auf dem -Berg sein konnte, daß die vom Fernrohr entdeckten -Gestalten im weißen Lichtstrahl des -Scheinwerfers dort oben keine Schmuggler -waren, sondern der Student und der Drogist, -die der Aufforderung Ulrikes nachgekommen - <span class="pagenum"><a id="Page_348">[S. 348]</a></span> -waren und die Schmuggler spielten, nur um die -Abendfahrt für Ulrike auf dem Scheinwerferboot -unterhaltender zu machen.</p> - -<p>Die Offiziere aber sagten Ulrike nicht, daß sie -Schmuggler entdeckt hätten. Einer bot ihr den -Arm und führte sie auf den Wink der andern -in die Kajüte, wo er ihr einen Spiegel zeigte, -in welchem man nicht sich, sondern sein vorsündflutliches -Urbild sehen konnte. Ulrike -lachte herzlich, als sie sich in dem Spiegelglas -als eine Art Iguanodon erkannte.</p> - -<p>Im selben Augenblick hörte Ulrike ein -Tuten, und es wurden Befehle durch ein -Sprachrohr an die Bergwand hinauf zu den -Schmugglern gerufen: ›Stillgestanden! Oder -wir geben Feuer!‹</p> - -<p>Ulrike wandte sich vom Spiegel ab und -zeigte dem Offizier ihr schönes Mädchengesicht -und sagte:</p> - -<p>›Ihr werdet doch nicht auf den Studenten -und auf den Drogisten schießen, die nur zum -Spaß die Schmuggler machen?‹</p> - -<p>Im selben Augenblick krachten aber fünf -Schüsse knapp hintereinander aus einem Maschinengewehr, -das am Kiel des Bootes angeschraubt -war. Vom Berg hörte man ein Niederrasseln -von Steinen. Nach ein paar Augenblicken - <span class="pagenum"><a id="Page_349">[S. 349]</a></span> -rauschte das Seewasser vom Fall zweier -Körper schäumend auf.</p> - -<p>›Ihr habt zwei Menschen getötet,‹ schrie -Ulrike.</p> - -<p>Die Schüsse aber in der Nacht wurden zu -hundert Echos in den Bergen. Und in den -Häusern von Limone erhellten sich viele Fenster. -Viele Leute kamen aufgestört mit Lichtern -und Laternen an den Strand, und viele Frauen -warfen sich am Wasser händeringend auf den -Boden und riefen: ›Man hat uns unsere Männer -getötet!‹ Denn diese waren Schmuggler und -befanden sich in dieser Nacht auf den Paßwegen -mit Waren beladen, die sie im Finstern -über die Grenze schleppen sollten.</p> - -<p>Zugleich rannte der Briefträger kreischend -am Ufer entlang und schrie: ›Meine Tochter -ist verschwunden! Mit diesen meinen Händen -werde ich den erwürgen, der sie entführt -hat.‹</p> - -<p>In der allgemeinen Aufregung gellte noch -die Stimme Annunziatas, des Dienstmädchens -im Gasthause. Die rief einem alten Herrn, -der sie schüttelte, ins Gesicht:</p> - -<p>›Jawohl, ich habe dem Mann die Frau vergiftet, -weil sie immer mit meinem Geliebten -tanzt und nicht genug an einem Mann und - <span class="pagenum"><a id="Page_350">[S. 350]</a></span> -einem Geliebten hat, sondern einen Mann und -zwei Geliebte haben will.‹</p> - -<p>Der Wirt des Gasthauses aber verwandelte -sich in einen Esel, stand an einer Straßenecke -auf vier gespreizten Beinen und wehklagte in -die Nacht.</p> - -<p>Im Garten starrte die Generalin, die bei -den Katzen und den Zwergen saß, wie entgeistert -nach der Haustüre des Gasthofes, -wo der alte Mann herauswankte, der den -Drehorgelkasten gespielt hatte, und dessen -Frau tot war. In ihm erkannte die Generalin -plötzlich ihren vor Jahren ins Meer gestürzten -Gemahl, dem damals im Schreck, als sein -Sohn ertrank, das Erinnerungsvermögen geschwunden -war, der sich aus dem Meer gerettet -hatte, aber nicht mehr wußte, wer er -war, und der damals nach Deutschland gereist -war, eine künstliche Blumenfabrik gekauft und -wieder geheiratet hatte.</p> - -<p>Jetzt stürzte dieser Mann wie die andern -nach dem Strand, wo ein allgemeines Geschrei -und Gerufe durch die Nacht hallte.</p> - -<p>Die Generalin erlitt vom Erkennungsschreck -einen Schlaganfall. Sie sank einseitig gelähmt -vom Stuhl. Die Katzen im Garten flohen alle -in den offenen Keller, und auch die Zwerge - <span class="pagenum"><a id="Page_351">[S. 351]</a></span> -erschraken und liefen hinter den Katzen in -das Kellerversteck. Dort balgten sie sich um -die Birnen, die Trauben und die toten Vögel.</p> - -<p>Birnen und Trauben schmatzend und tote -Vögel zerkauend, kamen die Zwerge nach -einer Weile aus dem Keller vorsichtig hervorgekrochen. -Sie zupften die umgefallene Generalin -am Ohr und an der Nase und schleiften -sie, mutig geworden, weil sie sich nicht rührte, -am Mantel und an den Schalzipfeln den Garten -hinunter an den See, wo sie sie unter -Gekicher von der Landungsbrücke ins Wasser -stießen.</p> - -<p>Die Tochter des Briefträgers im Kahn hatte -die Risse im Mond zusammengenäht und gab -die Mondscheibe frei, die aus ihrem Schoß -fort an den Himmel hinaufschwebte, wo sie -im Zenit stehen blieb, und wo sie nun die -Seelandschaft mit ihrem Licht wieder verklärend -beleuchtete. Das Mädchen selbst aber -sprang aus dem Boot, nachdem sie zu mir noch -gesagt hatte: ›Mein Vater ruft mich. Er darf -mich nicht bei Ihnen finden. Dann sind Sie -des Todes.‹ Dann war sie leicht über das -Wasser fortgelaufen, als wäre der See eine -Glasplatte, und sie kam heil an das Ufer, wo -sie ihrem Hause zueilte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_352">[S. 352]</a></span></p> - -<p>Ich aber wollte nicht mehr nach Limone -zurück. Ich hatte genug von dem abenteuerlichen -Aufenthalt und wollte noch in der Nacht -nach Torbole rudern. Da glitt das Scheinwerferschiff -an mir vorbei, und mit dem verzweifelten -Schrei: ›Nehmen Sie mich auf!‹ -sprang Ulrike vom Boot herunter zu mir in -den Kahn. Dann ruderte ich aus Leibeskräften -und schloß die Augen und ruderte, -nur von dem Gedanken der Flucht angetrieben.</p> - -<p>Ulrike aber hing mir an meinem Halse -während ich ruderte, und die junge Dame -flehte mich an, sie zu ihrem Bräutigam nach -Freiburg zu rudern, da sie gewiß nie mehr -einen anderen Mann ansehen wollte als ihn -und kein Unglück mehr suchen wollte, sondern -das Glück der Ehe, soweit das einem -Iguanodon möglich sei.«</p> - -<p>Also hatte ich gefabelt.</p> - -<p>Ulrike, die längst ein Taschentuch vor den -Mund gehalten und öfters während meiner -Erzählung wiehernd aufgelacht hatte, stöhnte -jetzt:</p> - -<p>»Uff, uff, Sie haben recht. Ich werde heute -noch nach Freiburg abreisen, um nicht all das -Unglück anzustiften, das Sie mit solcher Wollust - <span class="pagenum"><a id="Page_353">[S. 353]</a></span> -auf den Kaffeetisch malen. Es ist nur so -schade, daß ich allein reisen soll, und daß -ich Sie beide in dem stimmungsvollen Weltwinkel -hier zurücklassen soll, während ich -vor meiner Iguanodonseele fliehen muß.«</p> - -<p>»Daß Sie mich aber auf so schreckliche -Weise umbringen lassen! Ich soll im Wasser -umkommen, nachdem ich meinen ertrunken -geglaubten Mann wiedergesehen habe! Was -habe ich Ihnen getan, daß Sie mir ein so -fürchterliches Schicksal ausdenken?« rief die -Generalin, ihr Unglück genießend, aus.</p> - -<p>»Sie haben nichts getan, als daß Sie sich -immer in Ihrem Innersten dramatische Schicksale -gewünscht haben. Sie dramatisieren mit -Ihrer Sehnsucht zum Unglück Ihr eigenes -Schicksal, da Sie Angst haben, daß es sich -sonst friedlich wie ein Idyll entwickeln könnte,« -antwortete ich ihr.</p> - -<p>»O, Sie haben eine sonderbare Art,« sagte -die Russin, »einem Aufklärungen über sich -selbst beizubringen. Sie nehmen einem Unglücke -vorweg, die man das Recht hatte, zu -erwarten,« fügte sie beinahe schmollend hinzu.</p> - -<p>»Ich habe nichts anderes hier erwartet,« rief -Ulrike jetzt, gleichfalls schmollend. »Sie glauben, -daß wir alle an Sonnenstichen leiden, und - <span class="pagenum"><a id="Page_354">[S. 354]</a></span> -Sie legen uns eine Eiskompresse aufs Herz. Dafür -bin ich Ihnen eigentlich doch dankbar. Sie -leuchten wie ein Scheinwerfer in uns hinein -und erzählen uns dann Märchen, die Sie in -uns gesehen haben, wie ein Großpapa seinen -Enkeln Gruseln macht. Und recht belehrende -Märchen sind das, das muß ich sagen.«</p> - -<p>Die Russin ereiferte sich aber und meinte:</p> - -<p>»Jedenfalls ist die Gewitterstimmung hier -zerstört. Ich bin dagegen, daß man die Menschen -von ihren Handlungen, die sie tun -müßten, durch solch haarsträubenden Anschauungsunterricht -vom blinden Leidenschaftsweg -abschreckt. Jetzt wird Ulrike sicherlich -nicht heute Abend mit dem Offizier auf das -Scheinwerferboot gehen wollen. Der Student -und der Drogist sind durch Tod abgeschafft. -Ich finde, der Erzähler solcher Märchen müßte -jetzt wenigstens neue Menschen und neue Ereignisse -herbeischaffen. Denn damit, daß eine -erzählte Geschichte aus ist, ist doch nicht das -Leben der Zuhörer aus. Wir leben weiter -und wollen erleben.«</p> - -<p>»Hier kommt schon neues Leben,« rief -Ulrike.</p> - -<p>Mit dem Wirt traten zum Gartentor zwei -fremde Herren in den Garten herein. Sie trugen - <span class="pagenum"><a id="Page_355">[S. 355]</a></span> -kleine Handtaschen, und der Wirt stellte uns -die Herren im Vorübergehen als zwei italienische -Ärzte vor, die für einige Wochen hier -bleiben sollten, und die soeben erst mit dem -Dampfschiff angekommen wären.</p> - -<p>Wir hörten nur noch, wie die Herren zum -Wirt sagten, sie wollten nur rasch ihre Hände -waschen, und dann die Wiese aufsuchen und -den Platz bezeichnen, wo die Krankenzelte -aufgeschlagen werden sollten.</p> - -<p>»Ja, ist denn eine Epidemie ausgebrochen?« -rief die Generalin, mit ihrem einen Auge belustigt -zwinkernd, und richtete sich aufgeräumt -aus ihren Schals und Mänteln empor.</p> - -<p>Die Herren waren aber schon mit dem Wirt -ins Haus getreten und hatten beim Geräusch -der Schritte die Frage überhört.</p> - -<p>Wir sahen einander verwundert an. Ich -erinnerte mich, in der Zeitung gelesen zu -haben, daß in Venedig Cholerafälle vorgekommen -seien. Aber ich verschwieg es, um -die Damen nicht zu erschrecken.</p> - -<p>Jetzt kam Annunziata, das Dienstmädchen. -Sie hatte am Gartentor dem Briefträger -die Post abgenommen und brachte uns -Zeitungen und Briefe. Dabei sagte sie geheimnisvoll:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_356">[S. 356]</a></span></p> - -<p>»Die Dame, die heute morgen angekommen -ist, ist sehr krank. Der Wirt hat gesagt, -die Krankheit könne Cholera sein.«</p> - -<p>»Da haben wir es, das Unglück,« rief die -Russin begeistert aus. »Ich packe sofort meine -Koffer.«</p> - -<p>Ulrike und ich lachten, und Ulrike sagte:</p> - -<p>»Jetzt bekomme ich es, wie ich es gewollt -habe. Jetzt werden alle mit mir abreisen. Wie -froh ich bin, daß sich doch etwas Allgemeines -ereignet, und daß meine Abreise nicht allein -das Tagesereignis sein muß.«</p> - -<p>Ich hatte inzwischen rasch die neue Zeitung -aufgeschlagen und las, daß verschiedene -Cholerafälle in Venedig und auch am Gardasee -gemeldet waren. Ich schlug dann den -Damen vor, zusammen noch einen letzten Abschiedsspaziergang -nach den Wiesen zu machen, -was die Damen auch gerne taten. Draußen -vor dem Ort, in der Nähe eines alten Pestfriedhofes, -der jetzt wie ein harmloser Rosengarten -zwischen prächtig düsteren Zypressen -lag, trafen wir die beiden Ärzte, die den Arbeitern -zusahen, welche dort ein großes vitriolgrünes -Zelt errichteten.</p> - -<p>Bei der Farbe des Zeltes mußte ich an das -Haus des vorsündflutlichen Tieres denken, das - <span class="pagenum"><a id="Page_357">[S. 357]</a></span> -sich in meinem Traum aus dem See gereckt -hatte und mit seiner Zunge in die Häuser -eingedrungen war, aus denen es die Menschen -einzeln herausgezogen hatte, um sie zu verschlingen. -Bald würden hier Tragbahren ankommen. -Bald würden die Häuser des kleinen -Ortes einzelne ihrer Bewohner als Opfer der -Cholera in dieses Zelt dem unerbittlichen -Choleragespenst hingeben müssen.</p> - -<p>Während wir noch dastanden, wurde schon -auf einer verhüllten Bahre die erste Kranke -aus dem Gasthaus, in dem wir wohnten, gebracht, -die Dame, die mit ihrem Mann heute -morgen aus Venedig angekommen war. Der -Wirt mit seinem demütigen Eselsgesicht stand -neben mir und stöhnte laut und hörbar, denn -er wußte, jetzt würden seine Gäste fortziehen -und alle Bewohner des Ortes sein Haus meiden. -Und wer wußte es denn, ob nicht er -und alle, die hier standen, bereits vom geheimnisvollen -Choleratod gezeichnet waren?</p> - -<p>Es war aber gar nicht mehr so leicht, dem -Ort des Schreckens zu entfliehen. Die Dampfschiffe -weigerten sich, in Limone anzulegen, -und das Schiff, das die Ärzte gebracht hatte, -war das letzte gewesen, das die Landungsbrücke -berühren wollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_358">[S. 358]</a></span></p> - -<p>In der Nacht, als der Mond, von einer -dünnen Wolke in zwei Teile geteilt, über -dem See und dem Monte Alto hing, -stießen geheimnisvoll zwei Boote bei der -Gartentüre des Gasthauses ab. In dem einen -saß ich und ruderte Ulrike und unsere Koffer, -da wir uns keinem Bootsmann vertrauen wollten. -Im anderen Boot saßen die russische Generalin -und der Mann der vor zwei Stunden gestorbenen -Frau, der eine heillose Angst hatte und -nicht einmal die Beerdigung seines toten Weibes -hatte abwarten wollen. Dieses Boot ruderten -die beiden Fischerknaben, da es schwer und mit -den großen Koffern der Generalin beladen war.</p> - -<p>Während der ganzen Nacht ruderten die -Boote lautlos Seite an Seite, und als wir die -Bucht von Limone verlassen hatten, war in -der Dunkelheit nichts mehr von diesem Ort -bei uns als der säuerliche Duft der Zitronenfrüchte, -der uns aus den Säulengärten in der -milden Nacht über das Wasser noch nachkam, -lockend und verführerisch, wie ein lebendes -Wesen, das auf den Wellen wandern kann, -ohne zu versinken.</p> - -<p>Aber der Scheinwerfer des Wachtbootes, -der sonst die Nacht so unruhig machte, war -in der Mondhelle, in welcher keiner zu - <span class="pagenum"><a id="Page_359">[S. 359]</a></span> -schmuggeln wagte, auf der anderen Seite des -Sees tätig, und er streifte drüben mit seinem -weißen Strahl die vom Mondschatten verdunkelten -Bergwände ab.</p> - -<p>Als wir einige Zeit gerudert hatten, riefen -die Fischerknaben vom anderen Boot mir zu:</p> - -<p>»Jetzt sind wir über die Grenze gekommen. -Jetzt sind wir auf österreichischem Seegebiet.«</p> - -<p>»Jetzt sind wir bald in Freiburg,« lachte -Ulrike. Sie war im Geist längst nicht mehr -auf dem See, sondern weit über den Alpen -bei ihrem Bräutigam.</p> - -<p>Ich aber war froh, daß wir dem Abenteuerherd -entrannen, den ich vom ersten Augenblick an, -als ich im Sturmwind in das kleine Wasserbassin -von Limone hineingefegt worden war, beim -Betreten des Landes mit allen Sinnen gewittert -hatte.</p> - -<p class="pmb3">Aber die Russin meinte, Abenteuerherde -müsse es überall geben, denn sonst wäre das -Leben eine Einöde. Und sie suchte begierig -nach neuem Unglück.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> - -<div class="transnote"> -<p><b>Notizen des Bearbeiters:</b><br /></p> - -<p>— Das Verzeichnis "sämtlicher Bücher von Max Dauthendey", das auf der -zweiten Seite angekündigt wird, befindet sich nicht in den zu bearbeitenden Seiten!</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Geschichten aus den vier Winden, by Max Dauthendey - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN AUS DEN VIER WINDEN *** - -***** This file should be named 60836-h.htm or 60836-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/8/3/60836/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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