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-Project Gutenberg's Geschichten aus den vier Winden, by Max Dauthendey
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Geschichten aus den vier Winden
-
-Author: Max Dauthendey
-
-Release Date: December 3, 2019 [EBook #60836]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN AUS DEN VIER WINDEN ***
-
-
-
-
-Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-
-Geschichten aus den vier Winden
-
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-
- Ein Verzeichnis
- sämtlicher Bücher von
- Max Dauthendey
- findet sich am Schluß
- dieses Buches
-
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-
-
- Max Dauthendey
-
- Geschichten aus den
- vier Winden
-
- 6. bis 8. Tausend
-
- Albert Langen Verlag, München
- 1921
-
-
-
-
- Copyright 1915 by Albert Langen, Munich
- Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung.
- (Siehe auch Art. III der Übereinkunft zwischen
- Deutschland und Rußland zum Schutze von Werken
- der Literatur und Kunst vom August 1913.)
-
- _Albert Langen_ _Max Dauthendey_
-
- Druck von Hesse & Becker in Leipzig
- Einbände von E. Ä. Enders in Leipzig
-
-
-
-
-Geschichten aus den vier Winden
-
-
- Seite
-
- Das Giftfläschchen 7
-
- Himalayafinsternis 41
-
- Hecksel und die Bergwerkflöhe 77
-
- Zwei Reiter am Meer 129
-
- Auf dem Weg zu den Eulenkäfigen 143
-
- Nächtliche Schaufenster 173
-
- An eine Sechzehnjährige 195
-
- Zur Stunde der Maus 209
-
- Die Kurzsichtige und der Komet 241
-
- Das Iguanodon 281
-
-
-
-
-Das Giftfläschchen
-
-
-Berlin war ein Feuerbrand von Sonne. Die Dächer der Häuser und die
-Fenster zitterten vor Junihitze, so wie die Hitzeluft über Steinwüsten
-zittert. Es war, als heizten die Scharen der Autos mit ihren
-Benzindämpfen die Straßen, wie fliegende Öfen. Und die Sonne schien
-an diesem heißen Junitag nicht von der Stelle zu wandern. Überall war
-Sonne, überall Höllenhitze.
-
-Vom Stettiner Bahnhof in Berlin fuhr abends der Zug voll von
-Skandinaviern nach Saßnitz. Es war, als ob alle Menschen vor der
-deutschen Junihitze flüchteten. Das vornehme palastartige Fährboot, das
-in vier Stunden in der Nacht von Saßnitz übers Meer nach Trelleborg
-fährt, landete aber am Morgen in Schweden im flachen Schonen immer noch
-wie von der berliner Hitze begleitet.
-
-Der Drang, möglichst rasch nach dem kühleren Norden zu kommen, ließ uns
-nirgends Halt machen. Wir, die Frau, die ich liebe, und ich, hatten
-uns vorgenommen, zuerst die Route an der Westküste von Trelleborg bis
-Strömstad zu fahren und dann nach Lappland zu reisen. Wir reisten die
-zwölf Stunden von Trelleborg bis zur nördlichen Grenze Schwedens an der
-Westküste ohne Aufenthalt, mit Ausnahme einer kurzen Mittagpause in
-Gothenburg, und wir waren am Abend um sieben Uhr am Ende unserer ersten
-Reiseroute in Strömstad angekommen.
-
-Zweiundzwanzig Stunden trennten mich hier von Berlin, so sagte mir der
-Fahrplan. Aber meine Augen hatten mir unterwegs von Stunde zu Stunde
-gesagt: jede Stunde wird hier ein Jahrtausend, und in Strömstad trennen
-dich zweiundzwanzig Jahrtausende von Berlin.
-
-Kaum stieg ich am Ende der Sackbahn in Strömstad aus, so versank ich
-in diese Jahrtausende wie ein Meteor, das von einem fremden Stern auf
-die Erde gefallen ist. Und nicht nur zwei kleine Stufen stieg ich
-vom Trittbrett der Eisenbahn bis zum Perron der schwedischen Erde,
-sondern ich war wie zweiundzwanzig Tausend Meilen tief in eine fremde
-Erde -- bei einem fremden Meer, bei einem fremden Himmel, bei einer
-fremden Sonne -- eingedrungen, als ich in Strömstad aus dem Waggon
-gestiegen war. Und ich kam nicht mehr los und saß dort bei Strömstad
-auf einer Insel im Meer und ließ mir neue Ohren wachsen, und soviel
-Haare ich sonst auf dem Kopf hatte, so viele Augen schien ich jetzt im
-Kopf zu haben. Mein Herz, das sonst in Deutschland im Gewohnten und
-Althergebrachten eingekapselt saß, flutete und löste sich und wurde wie
-das Herz Adams am Tag, da Gott ihm das Paradies zeigte und alle Bäume.
-
-Die Insel, auf der ich saß, und wo ich die Reisebillette meiner anderen
-beiden großen Reiserouten in Schweden verfallen ließ, hieß Koster.
-Es ist eine Insel im Kattegat, und sie wird dreimal in der Woche von
-einem Dampfschiff angelaufen, das den Weg in dreiviertel Stunden von
-Strömstad zurücklegt und die Post bringt. Das macht aber nichts, wenn
-auch die Post dreimal in der Woche dorthin kommt, diese Insel ist und
-bleibt doch für mich immer und ewig ein Pünktchen am Ende der Welt.
-
-Schon »am Ende der Welt« angekommen zu sein -- nachdem man noch
-zweiundzwanzig Stunden vorher in Berlin die Automobile rasen sah
---, das ist etwas Verblüffendes und Erstaunliches, und ich habe
-mir vorgenommen, ein ganzes dickes Buch über die Insel Koster zu
-schreiben. Aber mit dieser kleinen Erzählung hier will ich euch nur den
-Mund wässerig machen auf dieses Pünktchen am Ende der Welt, auf diese
-Insel, dieses Kopfkissen aller Seligkeit. Ob das Buch, das ich einmal
-über diese Insel schreiben will »die Königstöchter von Koster« heißen
-soll, oder »die Insel der heiligen Kühe«, oder »wilde Rosen, Wachholder
-und Urgestein«, oder »die Insel am Ende der Welt«, das weiß ich heute
-noch nicht genau zu sagen. Die Titel verrate ich aber hier nur deshalb,
-weil sie andeuten, was dort alles zu finden ist für den, der sich ein
-Billett nimmt und in zweiundzwanzig Stunden von Berlin hinreist und
-zweiundzwanzig Jahrtausende in der Zeit zurück, in der Urzeit dort
-ankommt.
-
-Stellt euch meine Insel vor. Nachdem wir in Südschweden, in Schonen,
-aus dem Eisenbahnfenster zuerst weite Kornflächen gesehen hatten und
-grüne Waldzüge, aus denen die herrlichsten Buchen und die stämmigsten
-Eichen nah am Meer die Luft mit Blätter- und Rindenduft würzen
-und die reichen Gehöfte dort umwehen, verläßt uns plötzlich die
-weiche sinnliche Erde. Statt der runden Buchenwälder wachsen runde
-Granithügel auf, und von allen Bäumen bleiben nur noch die Tannen am
-Wege, die Birken und die Eichen. Aber der Buche, dem Ahorn, der Pappel,
-dem Nußbaum und der Kastanie, -- allen diesen geht der Atem aus vor dem
-Granit, der mit rostroten Eisenadern gezeichnet ist. Das Land ist dort
-mit Granit gepanzert, und hinter Gothenburg beginnt eine Steinzone,
-wie sie sich kein Deutscher in keiner Ecke Deutschlands träumen kann,
-nicht in den Alpen, nicht im Riesengebirge, -- nirgends; und auf
-meiner Reise um die ganze Erde, die ich vor fünf Jahren machte, bin
-ich niemals, selbst nicht am Himalaja, einer solch grotesken Steinwelt
-begegnet, wie die ist, die sich von Gothenburg bis nach Strömstad
-breitet. Am Meer ist die unterhaltendste Partie dieser Steinwelt die
-Station Fjellbacka, die nur eine Schiffstation ist und keine Eisenbahn
-hat. An der Eisenbahn aber, zwischen Gothenburg und Strömstad, ist es
-hauptsächlich der Umkreis um die Station Tanum; hier ist die Steinwelt
-derart furchtbar, daß das Land hier nicht mehr von Menschen bevölkert
-scheint, nicht von Tieren, nicht von Vögeln, nicht von Bäumen, sondern
-von gigantischen blauen und grauen Granitfiguren.
-
-Das Meer, das vor Jahrhunderten noch hier in das Land hereinreichte,
-hat das Steinreich in ein Figurenreich verwandelt, durch urewige
-Waschungen. Die gerundeten Bergfiguren gleichen bald riesigen
-versteinerten Walrossen, bald meilenlangen Herdenzügen von Mammuttieren
-und den Rücken versteinerter Elefantenherden. Dazwischen lagern
-Schichten von versteinerten Urweltbäumen, von denen mancher eine Meile
-lang scheint; und von der Totenstille, die dieser blaugraue Granit
-ausströmt, macht sich kein Ohr, das bisher nur in Gebirgen, Feldern und
-in Wäldern gelebt hat, eine Vorstellung.
-
-Hier und da sitzen eine Holzhütte, ein zwerghafter Baum, ein winziges
-Fleckchen Rasen wie verschollen zwischen diesen ungeschlachten grauen
-Granitungeheuern. Das graue Land dort am Meer scheint wie mit einer
-einzigen Rüstung voll Eisenbuckeln bedeckt. Und wo der Bahnweg den
-Granit mit Dynamit zersprengt hat, wirkt der Mensch im Vorbeifahren
-wie eine Ameise, vor der Geste eines einzigen gespaltenen Blockes,
-der auch nach der Sprengung seinen Starrsinn nicht aufgegeben hat
-und herausfordernd daliegt, wie ein Gigant, den das Dynamit nur ein
-bißchen auf die Seite gerollt hat, an dem aber das Dynamit wie machtlos
-verrauchte. Denn wenn auch der gigantische Riesenblock gespalten wurde,
-er ist ja nur ein Sandkorn, auf das das Dynamit hintrat, und auf Meilen
-liegt hier die Welt voll neuer Granitbuckel. Und der Gedanke kommt
-einem, daß es kein Zufall ist, daß in Schweden, dem Granitlande, Nobel,
-der Erfinder des Dynamits, geboren wurde. Schweden, dieses Stein- und
-Eisenland von ursprünglichster Kraft, forderte direkt das menschliche
-Gehirn dazu auf, dem Steintrotz einen Menschentrotz entgegenzustemmen
-und das Dynamit zu erfinden.
-
-Ebenso steinig wie der Küstenlandstreifen von Gothenburg bis Strömstad
-sind auch die Inseln, die Schären, die dem Küstenstreifen vorgelagert
-sind. Und die Insel Koster ist ungefähr eine der letzten großen Schären
-im Norden, ehe das Meer in die Kristianiabucht einschneidet. Diese
-Steininseln und der Steinlandstreifen waren einst die eigentliche
-Heimat der alten Wikinger. Hier sind noch Inschriften, Runensteine, und
-bei Strömstad auf einem Hügel das berühmte steinerne Wikingschiff.
-
-Auf der Insel Koster gibt es aber in den Talsenkungen einige Bäume:
-Erlen und kurze Eichen. Die ganze Insel wirkt durch ihre seltsamen
-Zwergbäume, Zwergeichen und Zwergwacholder, die in gedrungenen grünen
-Figuren auf dem manchmal himmelblauen Granitgestein wachsen, zwerghaft
-wie die Landschaft eines japanischen Gartens.
-
-Zwischen dem Heidekraut auf dieser Insel und bei den reichen wilden
-Rosenbüschen, die ganz überschüttet von rosa Kelchen dastanden, als
-ich im Juni landete, liegen die seltsamsten Steine zerstreut; dort ein
-blendend weißer, wie ein großes Marmorei, dort ein gelber, wie ein
-harter Honigbrocken oder wie ein Stück Bernstein, dort ein rosenroter
-wie eine Fleischkeule von einem geschlachteten Tier, dort ein schwarzer
-flacher wie ein Rabenflügel oder ein runder wie ein Seehundkopf. Hinter
-den Wacholderfiguren und unter den schirmartigen kurzen Eichen, deren
-Kronen flach wie grüne Teller auf dem Stamm wachsen, von den Seewinden
-wie mit einem Messer beschnitten, -- bei diesen kleinen Eichen und
-großen Wacholderbüschen weiden glänzende rothaarige Kühe und Kühe, weiß
-und schwarz gesprenkelt, als hätten sie sich von der Nacht bemalen
-lassen mit dunkeln Flecken und mit weißen Flecken vom Mond, mit gelben
-und roten Flecken von der Sonne. Und die wandernden Kühe mit ihren
-Flecken, auf der totstillen Insel bei den Flecken der fleischfarbenen
-schwarzen, weißen und blauen Steine, wandern in der feuerblauen
-Meerumrahmung, zwischen den grünen Sonnenflecken unter den Eichen,
-zwischen den rosa Flecken der Rosenbüsche und im Weihrauchgeruch der
-Wacholderbüsche, wie vierbeinige kauende Götzenbilder. Tags fressen sie
-immer alle nach einer Richtung hin gewendet, den Sonnenschein zwischen
-den geschweiften Hörnern auf der Stirne tragend, und hinter ihnen
-kreischen die silberweißen Flecken von Möwenscharen im indigoblauen
-Junihimmel. Nachts, in den Sommernächten, in denen die Sonne kaum für
-eine Viertelstunde um Mitternacht untergeht, liegen die Kühe draußen
-unter den Eichen und schlafen alle mit der Stirn nach Osten gerichtet
-und liegen beieinander in der lauen Dämmerung der hellen Nacht und
-unter den Schirmen der Eichen wie ein schwarzweißer Teppich von
-Hermelin.
-
-Kleine Hütten sind überall zerstreut. In einer, bei einem großen
-Getreidefelde, wohnt der König von Koster. Es ist der älteste und der
-reichste Fischer und hat fast die ganze Insel mit seinen Söhnen und
-Töchtern bevölkert. Die Königstöchter waschen und bügeln, schlagen Gras
-und mähen Korn, melken die Kühe und singen abends. Die Königssöhne
-spielen abends auf Fideln und Mundharmonikas, nähen tags Fischernetze,
-fahren Mist, liegen draußen in den Booten, sehen nach ihren
-Hummerkästen und angeln Makrelen und Dorsche, drehen Taue und teeren
-Taue und ziehen im Winter hinunter nach Gothenburg auf den Heringsfang.
-
-Manche Fischer wurden Kapitäne auf Last- und Personendampfern an
-der Steinküste, andere wurden Matrosen und fahren rund um die Erde.
-Andere wanderten nach Amerika aus und wollten Gold holen in Klondyke,
-und kamen heim statt mit Gold mit amerikanischen Zeitungspapieren
-in den Taschen und gingen wieder zurück zu ihren Hummerkästen und
-Angelschnüren.
-
-_Nie aber, solange die Könige, die Königstöchter und die Königssöhne
-von Koster zurückdenken können, hat es auf dieser Insel einen Diebstahl
-oder gar einen Totschlag gegeben. Niemals war eine Gerichtssitzung
-oder ein Polizist auf Koster gewesen._ Die Menschen dieser Insel sind
-unschuldig wie der Mensch am ersten Tage der Schöpfung.
-
-Dies alles muß man vorher wissen, um die winzige Geschichte von dem
-winzigen Giftfläschchen zu verstehen. --
-
-Es war kurz nach Johanni, als das große Makrelenboot abfuhr, das
-die jungen Leute von Koster und von den umliegenden Inseln abgeholt
-hatte, um hinaus in die Nordsee zu fahren und draußen während des
-Makrelenfangs liegen zu bleiben, bis es Herbst wurde. Dieser war der
-wichtigste Sommertag für alle Bewohner der Insel: der Abfahrtstag des
-Makrelenbootes. Im kleinen Hafensund schwamm, als das große Boot mit
-seinen großen rotbraunen Segeln wie eine Riesenpflugschar im Meer um
-die Ecke der Insel verschwand, ein Dutzend Rudernachen. In jedem Boot
-saßen ein oder zwei Frauensleute und hielten ihre Schürzen vor das
-Gesicht und weinten. Es waren Frauen, die ihre Männer fortsegeln sahen,
-Bräute ihre Bräutigams und Mütter ihre Söhne.
-
-Das ganze weibliche Königsgeschlecht von Koster saß dort auf dem Wasser
-und weinte, und auf dem Mammutrücken der blauen Granitklippen standen
-vereinzelt einige Hofhunde, die hinter ihren fortziehenden Herren
-herbellten, und neben den weinenden Frauen in den Booten bellten andere
-Hunde, so daß die Luft voll Schluchzen und Bellen war.
-
-Ein älterer Mann, den alle den »Heiden« nannten, weil er fürchterlich
-fluchen konnte und seit Jahren niemals bei einer Kirchenversammlung
-auf einer der Inseln gesehen wurde, er, der früher Kapitän gewesen
-war und zwei Dampfschiffe verloren hatte, trat jetzt auf mich zu und
-reichte mir ein kleines Fläschchen mit einem zusammengefalteten kleinen
-Zettel. Der Alte war blaurot im Gesicht, und sein grauer Spitzbart
-saß ihm trotzig kurzgeschnitten am Kinn. Er hatte seinen guten blauen
-sonntäglichen Tuchanzug an und seine alte Kapitänsmütze auf, mit einer
-goldenen Borte daran.
-
-»Sir,« sagte er, denn er sprach mit Vorliebe einige Brocken Englisch,
-um seine höhere Weltkenntnis vor den andern Bewohnern der Insel
-hervorzutun. Er untermischte immer seine Rede mit »Well« und »Allright«
-und verabschiedete sich nie, ohne »Goodbye« zu sagen.
-
-»Sir, ich habe das gefunden,« sagte er und schob mir das kleine
-Fläschchen aufdringlich in die Hand, als wenn dieses mir eben erst aus
-der Tasche gefallen wäre. Und breitspurig wanderte er davon.
-
-»Ich habe das nicht verloren,« rief ich ihm nach. Er aber sah sich
-nicht mehr um und stolperte über die Granitbuckel und über das
-Heidekraut und zeigte mir seinen breiten ungeheuren Rücken, der so
-viereckig war, als trüge er eine große Schulschiefertafel unter dem
-Rock.
-
-Auf dem kleinen Zettel, den er mir mit dem Fläschchen gegeben hatte,
-und an welchem man noch den Abdruck des Fläschchens bemerkte, das
-in das Papier eingewickelt gewesen war, auf diesem Zettel stand
-mit vergilbter alter Tinte das Wort »Gift« geschrieben, dreimal
-unterstrichen und dann:
-
-»_Zehn Tropfen_ reizen die Sinnlichkeit (es war ein derberes Wort
-gebraucht, das ich hier nicht wiedergeben kann).
-
-_Zwanzig Tropfen_ bringen den _Wahnsinn_ und
-
-_jeder Tropfen_ darüber -- _den Tod_.« So stand auf dem Zettel. --
-
-Ich betrachtete das Fläschchen verblüfft. Es war mit einer
-gelbwässerigen Flüssigkeit zur Hälfte gefüllt und mochte vielleicht
-vierzig Tropfen enthalten.
-
-Da stand ich nun plötzlich mitten auf der großen unschuldigen
-Steininsel, umgeben von der Freudigkeit des Sommerhimmels, umgeben von
-der unendlichen Festlichkeit des durchdringend blauen Sommermeeres,
-sah die unschuldigen buntscheckigen Kühe ihre vollen Euter über das
-Heidekraut tragen, sah sie in friedlichen gutmütigen Reihen wildes
-Rosenlaub, Eichenlaub und Kräuter auf dem Granit abweiden, diese
-Kühe, die gutmütig wie die Erdgüte selber waren; ich hörte die wilden
-Bienen und die Hummeln, die sich über die Blüten des Heidekrauts
-summend verbreiteten, und sah sie Honig suchen, Sonnensüße für den
-Winter sammeln; ich sah dann über die Insel hin, auf welcher niemals
-noch eine böse Tat begangen worden war, wo man nicht Gefängnis, nicht
-Gericht und keine menschliche Niedertracht kennen gelernt hatte.
-Und ich, ich hatte da plötzlich ein schauderhaftes Gift in einem
-kleinen Fläschchen zwischen meinen Fingern, eine kleine Hölle von
-vierzig Tropfen. Mit diesen vierzig Tropfen konnte ich Selbstmord
-begehen und Mord. Ich schaute auf die weinenden Bräute hinunter, auf
-die jungen weinenden Frauen, die in den Booten neben den bellenden
-Hunden jetzt langsam wieder zum Ufer zurückruderten, und die von
-ihren Männern verlassen waren. Hier konnte ich Unheil stiften, ich
-konnte blindlings den Verführer spielen. Ein paar Tropfen in ein Glas
-Milch, ein paar Tropfen in einen Teller Suppe hätten die züchtigen,
-unschuldigen, aber zu derber Sinnlichkeit veranlagten Fischermädchen in
-geile, gierige, männertolle Furien verwandeln können. Ich schauderte
-vor diesen ekelhaften Gedanken, die mir von diesem Giftfläschchen
-aufgezwungen wurden, und wunderte mich. Ich schauderte vor dem winzigen
-Giftfläschchen, das da plötzlich in meine Hände gekommen war, hier
-fern von aller überreizten Kultur, fern von dem großen Menschentrubel
-Europas, fern von jener Welt, in der Abenteuer, Morde und Selbstmorde
-täglich die Zeilen der Zeitungen überschwemmten. Hier, sozusagen am
-Ende der Welt, wie kam hier, zweiundzwanzig Jahrtausende hinter Berlin,
-auf diese unschuldige Erde dieses rasend und liebestoll machende Gift?
-
-Die Geschichte des Fläschchens war die:
-
-Der Heide, der alte Kapitän, erzählte sie mir endlich notgezwungen
-nach ein paar Tagen. Ich traf ihn zufällig wieder, bei einem Besuch
-in einer Hütte, wo man seit ein paar Wochen einen plötzlich tobsüchtig
-gewordenen jungen Mann eingesperrt hielt. Die Leute sagten, der junge
-Mann hätte beim Fischen auf offener See einen Sonnenstich bekommen,
-und einige Männer, die nicht mit dem Makrelenboot auf den Nordseefang
-hinausgezogen waren, mußten abwechselnd bei dem Tobsüchtigen Wache
-halten, denn die Gemeinde hatte sich noch nicht entscheiden können,
-diesen als wahnsinnig in ein Spital einer der Städte an der Küste
-abzuliefern. Ich hatte bis jetzt noch nichts von dem geheimgehaltenen
-Wahnsinnigen der Insel gewußt und fand auf einem Spaziergang durch
-Zufall die Hütte, im Innern der Insel, wo der Tobsüchtige von seiner
-Wache von vier Männern, die sich täglich ablösten, festgehalten wurde.
-
-Dort fand ich auch unter den Wachthabenden den alten Kapitän, der mir
-das Giftfläschchen gegeben hatte.
-
-Er war besonders dort begehrt, da er, wie die Leute sagten, »feste
-Handschuhe anhabe«, womit sie seine straffen Fäuste meinten. Nach dem
-zufälligen Zusammentreffen am Makrelenbootstag mit dem Kapitän, hatte
-ich diesen täglich in seiner Hütte aufgesucht und ihn niemals daheim
-getroffen. Jetzt nahm ich ihn zur Seite und bestand darauf, daß er mir
-die genaue Herkunft des Giftfläschchens berichten sollte.
-
-Da hörte ich endlich nach vielem unverständlichem Geknurre: wohl habe
-er die Flasche »gefunden«; aber das war schon ungefähr _dreißig Jahre_
-her. Er fand sie in der Kapitänskabine eines Dampfers, den er sich
-gekauft hatte, und der ihm dann gestrandet war. In einem Geheimfach des
-Schiffsbücherschrankes stand dies Fläschchen in Papier eingewickelt,
-und der Alte behauptete, er habe bis heute keinen Tropfen daraus
-vergossen. Ich glaubte es ihm.
-
-Wir hockten einander gegenüber auf zwei Steinen im Heidekraut. In der
-Nähe bei uns rannte eine schwarze angepflockte Ziege, schwarz wie des
-Teufels Großmutter, meckernd hin und her. Und obwohl es schon gegen
-Abend war, wo sich die Kühle des Meeres mit der Granitwärme der Steine
-vermengt, wischte sich der alte Kapitän, während er mir erzählte,
-doch fortgesetzt die blaurote Stirn ab, auf welcher ihm ein steter
-Angstschweiß zu perlen schien.
-
-Ich hatte in den paar Tagen vorher niemals richtig den Entschluß fassen
-können, das Fläschchen ins Meer zu schleudern oder an einem Steine zu
-zerschellen oder es zu öffnen und den Inhalt auszuschütten. Hundert
-Gründe spukten in meinem Hirn und sprachen dafür und dagegen, das
-Fläschchen los zu werden. Welches Unglück konnte es anrichten, wenn das
-Fläschchen, das fest verkittet war, im Meer weiterschwamm und von einem
-Fischernetz oder einem Hummerkasten aufgefischt wurde!
-
-Oder wenn sein Inhalt, wenn ich es zerschellte, herumspritzte und
-vielleicht auf eine Erdbeere, eine Wacholderbeere oder irgend ein
-Teekraut fiel, welches Kinder sammelten. Ins Feuer werfen! Wer weiß
-ob das Fläschchen verbrannte und nicht in der Asche gefunden wurde.
-Irgendwo vergraben! Auch das war recht unzuverlässig. Ich durfte es
-nicht einmal mehr in meinem Zimmer stehen lassen, nicht in meinem
-Koffer. Seit ich dieses Giftfläschchen in die Hand bekommen hatte,
-lebte ich nicht mehr mein eigenes Leben. Ich lebte so wie die Wache,
-die einen Tobsüchtigen bewacht und ihre Aufmerksamkeit zersplittern
-muß zwischen Verstand und Irrsinn. Ich war nicht mehr harmloser
-Beobachter des Lebens. Ich trug mit dem Giftfläschchen wie ein
-Zauberer geheimnisvolle Kräfte der schwarzen Magie in der Tasche, ich
-erschien mir über alle menschlichen Begriffe einer dämonischen Kraft,
-einer Willkür, preisgegeben. Mit einem Wort, -- ich war nicht mehr ich.
-Ich war der Sklave dieses Giftfläschchens geworden. Ich schrie nachts
-im Traum auf, träumte vom Vergiften und Morden; und so wie der Kapitän
-jetzt, hatte ich mir in den letzten drei Tagen, seit ich das Gift
-besaß, hundertmal den Angstschweiß von der Stirn wischen müssen.
-
-»Dreißig Jahre,« hatte der Kapitän erzählt, »habe ich das Fläschchen
-mit mir getragen und habe es nicht los werden können. Jahrelang habe
-ich eine Lust gehabt, es zu behalten, jahrelang eine Lust, es zu
-vernichten. Mein ganzes Leben ist von diesem Fläschchen gelenkt worden.
-Bald fühlte ich mich übermütig allmächtig durch den Giftbesitz, bald
-unheimlich verfolgt. Die Leute nennen mich, seitdem ich das Gift
-besitze, den ›_Heiden_‹.«
-
-Ich begriff den alten Mann. Ich war in den drei Tagen, in denen ich das
-Gift besaß, mir selbst fremd geworden. Aber ich hätte das Fläschchen um
-keinen Preis hergegeben, wenn man es von mir gefordert hätte. Und als
-der Alte sagte: »Was haben Sie mit dem Giftfläschchen getan?« log ich
-mitten im Sonnenschein, zwischen den gütig kauenden Kühen, umgeben vom
-himmelblauen Meer, log ich mich aus dem Paradies hinaus. »Ich habe es
-fortgeworfen,« sagte ich, damit es der Alte nicht zurückfordern konnte.
---
-
-Was wollte ich mit dem Fläschchen tun? Ich wollte es doch los sein!
-Warum gab ich es ihm nicht? Warum warf ich es ihm nicht vor die Füße?
-Ich fühlte, wie mich das viereckige Fläschchen in meinem weißen
-Flanellsommeranzug unbequem drückte, und ich fuhr seitdem ängstlich,
-oft mitten in den ruhigsten Stunden, plötzlich mit der Hand nach meiner
-Westentasche. Ich wich dem Kapitän von diesem Tage an aus, damit er
-nicht nach dem Fläschchen fragen sollte. --
-
-Mitten in dem herrlichen Gesicht dieses Sommers 1910, mitten in dem
-herrlichen Gesicht dieser Insel am Ende der Welt, die nie eine Schuld,
-nie ein Verbrechen, nie eine Niedertracht kannte, trug ich nun diesen
-Ekelfleck mit mir in der Westentasche herum, diesen Giftfund, dieses
-Giftfläschchen. Täglich wünschte ich das Gift zu behalten und täglich,
-es los zu werden. --
-
-Ein nordischer Sommer ist schnell verflogen, ist schnell abgekühlt.
-Schon ein paar Wochen nach Johanni, wenn die Nächte wieder die
-Dunkelheit wie eine schwarze Maske über das Land legen und die
-paar Wiesenflecken abgemäht sind, die es da gibt, und die paar
-Kornstrecken, und Ende Juli schon der Stillstand eines frühen Herbstes
-die Bäume aussehen läßt, als wären sie aus verblichenem grünem Papier
-angefertigt, dann werden all die Kühe in die Ställe zu den Hütten
-heimgetrieben, und eine Totenstille, Langweile und Leere sitzt bald an
-Stelle des Saftes und der Frische im Steingesicht dieser Insel. Die
-kleinen Hütten ertrinken abends im Nebel. An Stelle der Kühe laufen
-weiße Möwenscharen auf den abgemähten Wiesen herum, Wiesen, die nur
-jährlich einmal Gras geben, dann nicht mehr wachsen und sich mit den
-weißen Möwen bedecken, die des Morgens vor Sonnenaufgang anzusehen sind
-wie der Vorschein frühen Schnees.
-
-Oft habe ich des Morgens vor Sonnenaufgang, da ich Bayer bin und in dem
-katholischen Lande an Morgenläuten, Mittag- und Abendläuten gewöhnt
-bin, hinausgehorcht. Aber nichts rührte sich. Es gab auf der Insel
-keine Kirche, keine einzige Glocke, und die Leute fuhren ihre Kinder
-zur Taufe mit Kähnen auf andere Inseln. Ebenso mußten die Brautpaare
-und die Leichen oft tagelang auf guten Segelwind warten, um zur
-Hochzeit oder ins Grab auf die ferne Kircheninsel zu kommen.
-
-Die Insel Koster selbst lag glockenlos in der großen blauen Glocke des
-Himmels, und der »Heide«, der alte Kapitän, hatte recht, wenn er einmal
-in der Handelsbude, in dem einzigen Kaufladen, den es auf der Insel
-gibt, dröhnend auf den Tisch schlug und ausrief:
-
-»Was brauchen wir hier Christentum, wir auf Koster! In alter Zeit waren
-wir Heiden und Helden. Und jetzt ist uns das Heldentum verboten. Aber
-Heiden sind wir immer noch im Grunde. Wir zahlen unsere Steuern, und
-die Sonne scheint nicht schöner, ob wir Christen sind oder Heiden. Und
-die Makrelen und die Heringe lassen sich so gut fangen von den Heiden,
-wie von den Christen.«
-
-Und das stämmige Königsgeschlecht von Koster lächelt gutmütig über
-seinen Stammheiden, über den Kapitän.
-
-Der Sommer war hier früher zu Ende, als man sich in Deutschland
-vorstellen kann. Und in den ersten Tagen des August sahen die Frau,
-die ich liebe, und der ich noch nichts von dem Giftfläschchen in meiner
-Westentasche erzählt hatte, und ich, wir beide sahen mit Frösteln das
-schnelle Müdewerden der nordischen Sommersonne. Und eine unbändige
-Sehnsucht nach neuer Sonne wachte jeden Morgen mit uns auf und war
-jeden Abend unser letztes Gespräch.
-
-Frauen, die sich sehr geliebt fühlen, fassen immer resoluteste
-Entschlüsse. So sagte diese Frau eines Tages:
-
-»Wir wollen nach Italien. Dort ist es noch Hochsommer. Es ist viel zu
-spät für die lappländische Reise. Wir würden nur den schönen Eindruck
-von Koster verwischen. Schweden ist zu schön, als daß man es in
-einem Sommer flüchtig durchreisen kann. Man muß viele Sommer darauf
-verwenden, um alle seine Schönheiten zu erreisen. Damit wir den Norden
-recht verstehen, sollen wir jetzt als Kontrast den Süden aufsuchen.«
-
-Ich deutete schwerfällig und gewissenhaft wie jeder Mann auf den großen
-Koffer, in welchem die Wintersachen für Lappland lagen, auf Pelz und
-Wolle. »Sollen die ganz umsonst hieher gewandert sein?« fragte ich.
-
-Aber hartnäckig, weil sie meine Sehnsucht nach Sonne kannte, sagte die
-Frau:
-
-»Wenn du soviel Respekt vor Koffern hast, möchte ich sie schon gleich
-ins Meer versenken.«
-
-»Gerade so wie ich mein Giftfläschchen,« entfuhr es mir. Und nun mußte
-ich die ganze Geschichte vom Giftfläschchen, das mir wie ein Dämon in
-der Westentasche saß, und das den Kapitän wie ein Dämon dreißig Jahre
-lang gefoltert hatte, meiner Geliebten erzählen.
-
-»Das ist ein neuer Grund,« rief diese erfinderisch aus. »Ich sehe,
-du und ich, wir werden dieses Giftfläschchen ebensowenig los wie der
-Heide, der Kapitän. Aber es fällt mir gar nicht ein, deine Liebe mit
-einer Giftflasche zu teilen. Wir müssen nach Rom und das Gift an der
-einzigen Stelle der Welt, wo es hingehört und keinen Schaden anrichtet,
-abliefern.«
-
-»Ja, wenn noch in Rom die alten Römer leben würden,« meinte ich. »Aber
-dort sind ja nur Ruinen, wie du selbst immer sagst.«
-
-»Dort ist der heilige Vater! Seiner Heiligkeit drückst du einfach das
-Fläschchen in die Hand, so wie es der Kapitän dir plötzlich in die Hand
-gedrückt hat.«
-
-»Liebende Frauen sind weise Frauen,« sagte ich. Und indessen sie die
-Koffer packte und die Wolle für Lappland zu unterst stopfte und dabei
-italienische Lieder vor sich hinsang, reiste ich in sechzig Stunden von
-Strömstad direkt nach Rom, immer das Giftfläschchen in der Westentasche
-betastend, daß es mir nicht auskäme.
-
-Als ich in Rom dann das Fläschchen Seiner Heiligkeit in die Hand
-drückte, wie es mir die weise und liebe Frau geraten hatte, lächelte
-Pius und sagte verständnisvoll:
-
-»Das macht nichts, das kommt öfters vor.«
-
-»Natürlich,« sagte ich eilfertig aus Verlegenheit. »Darf ich Eure
-Heiligkeit fragen, was Sie damit anfangen werden,« setzte ich neugierig
-hinzu.
-
-»Das stellen wir zu den andern,« nickte der Papst. Und ebenso nickte
-Seine Eminenz, der Kardinal del Val, der bei meiner Audienz zugegen
-war: »Das stellen wir zu den andern.«
-
-Das Gespräch wurde in den vatikanischen Gärten geführt, die mir
-durch ihre Regelmäßigkeit, regelrecht gestutzte Taxushecken, etwas
-pedantisch und langweilig vorkamen, mir, der ich gerade von der _Insel
-der heiligen Kühe_ kam, _vom Lande, wo die Steine sprechen_, von
-_Wacholder_, _wilden Rosen_ und _Urgestein_, _von_ der _schwedischen
-Heideninsel_, wo in der blauen Glocke des Himmels die Sonne täglich
-zu einem Fest geglänzt hatte, wo das große freie Meer geläutet hatte,
-und wo die Fischerleute arm, bescheiden und ehrlich waren wie der
-Fischer Petrus und wie die Apostel, welche einst Fischer waren am See
-Genezareth.
-
-»Und um die Erde sind Sie auch gereist?« meinte Seine Eminenz der
-Kardinal. »Und haben einen amerikanischen Bischof unterwegs getroffen,
-der von allen Göttern der Welt ein Probebild mit nach Philadelphia
-nahm! Der ganze Vatikan hat diesen Winter »die geflügelte Erde«
-studiert. Wenn die sündige Erde wirklich rundum so voll schöner Wunder
-ist, wie Sie da beschreiben, dann gibt sie uns hier vieles Nachdenken.
-Wir hatten wirklich nicht geglaubt, daß noch etwas irdisch Schönes
-an der Welt wäre. Wir dachten, wir hätten alles Verführerische mit
-heiliger Christenstrenge ausgemerzt.«
-
-»O!« rief ich aus und machte meinen Mund größer auf, als in den
-vatikanischen Gärten erlaubt ist, »wenn Sie nur ›die geflügelte Erde‹
-gelesen haben, dann haben Sie noch nicht vom Schönsten gehört, was ich
-gesehen habe.«
-
-Seine Heiligkeit, welche wir auf den Wegen des Gartens zwischen uns
-gehen ließen, setzte sich auf das Stühlchen, das die Schweizer Wache,
-die hinter uns ging, ihm unterschob. Der Papst hielt immer noch mein
-Giftfläschchen zwischen den Fingern, obwohl es ihm der Kardinal öfters
-hatte abnehmen wollen. Der Papst hielt das Giftfläschchen gegen die
-Sonne:
-
-»Wieviel Gifttropfen sind darin und wie wirken sie?«
-
-Ah, dachte ich. Dem Papst geht es jetzt wie dem Heiden auf Koster. Der
-Kapitän hat das Fläschchen auch nicht mehr hergegeben, als er es einmal
-zwischen den Fingern hatte. Und obwohl ich vom Allerschönsten, was es
-auf der Welt gab, eben hatte erzählen wollen, hatte der Papst nicht
-zugehört, sondern immer an das Gift denken müssen.
-
-Der Kardinal kam mir zuvor und beantwortete die Fragen, die das Gift
-betrafen, und ich bewunderte dabei des Kardinals scharfes Gedächtnis,
-der alles genau behalten hatte, was ich ihm über das Giftfläschchen
-vorher mitgeteilt hatte.
-
-»Was gibt es Schöneres in der Welt als Rom,« fragte der Papst,
-schwärmerisch durch das Giftfläschchen den römischen Himmel betrachtend.
-
-»Die Insel Koster,« sagte ich prompt. »Dort würden Eure Heiligkeit sich
-einmal recht von allem Glockengeläute erholen.«
-
-Auch der Kardinal ließ sich jetzt von der Schweizer Wache, die auf
-seinen Wink herbei eilte, ein Stühlchen unterschieben.
-
-Da saßen sie nun vor mir in dem Taxusheckengang, Seine milde Heiligkeit
-im weißen fleckenlosen Gewand und der Kardinal im Scharlachkleid.
-
-Wenn jetzt nur die Frau, die ich liebe, und die ich auf Koster singend
-beim Kofferpacken zurückgelassen habe, aus der Taxushecke käme! Nur sie
-könnte mir jetzt aus der peinlichen Verlegenheit helfen, dachte ich.
-Denn dieses mit dem Glockengeläute habe ich verkehrt gesagt, das sah
-ich den beiden Italienern an den gelben Gesichtern an.
-
-»Die Insel Koster, trotzdem sie keine Kirche und keine Glocken hat,«
-fuhr ich fort und eilte mich mit den Worten, um mich bei den Italienern
-wieder in Gunst zu reden, »diese Insel Koster ist nämlich heute noch
-der unschuldigste Platz der Welt. Dort gab es noch nie eine Lüge, nie
-einen Diebstahl, nie einen Mord; nie mußte dort jemals das Gericht
-einschreiten und keine Polizei. Die Menschen dort sind noch die
-reinsten unschuldigsten Heiden,« platzte ich heraus, weil mich die
-hochmütigen Gesichter der römischen Herren ärgerten.
-
-Meine Worte mußten sehr gut gewirkt haben, denn Seine Heiligkeit
-lächelte Seine Eminenz an, und Seine Eminenz lächelte Seine Heiligkeit
-an. Und diese Lächeln gingen miteinander über die Taxushecken, über die
-Palmen und über die weißen Geländer der Terrassen des vatikanischen
-Gartens, versöhnlich hinauf bis in den üppigen blauen römischen Himmel.
-
-Der Papst hob das Giftfläschchen, das zugleich mit dem großen Ring am
-Daumen seiner Hand funkelte, wieder ans Licht.
-
-Die Allmacht dieses Siegelringes zuckte mir zu gleicher Zeit mit dem
-Schiller des Giftfläschchens entgegen. Ich verstand nicht sogleich,
-daß diese Geste des Papstes mir meine schöne unschuldige Insel Koster
-beleidigen wollte.
-
-»Menschliches Gift kann lange im Verborgenen leben,« sagte der alte
-Mann mit den blassen Wangen, mit dem blassen Kinn, mit der blassen Nase
-und mit den blassen Augen, die mir plötzlich unheimlich lebensmüde aus
-dem dunkelgrünen schwülen Palmengarten entgegenleuchteten.
-
-»Lieber Dichter, habt Ihr nicht dieses Gift, wie Ihr erzählet, von
-jener Barbareninsel gebracht?« tönte es ironisch von seinen blassen
-Lippen.
-
-»Ja,« sagte ich eifrig, meine Insel Koster verteidigend. »Das Gift
-kam von der Welt dorthin. Aber jetzt ist kein Gifttropfen mehr dort.
-Ich habe alles Gift Eurer Heiligkeit gebracht, direkt nach einer
-Sechzigstundenfahrt, und das Giftfläschchen gleich übergeben, damit
-Eure Heiligkeit es aus der Welt schaffen.«
-
-»Mein Lieber,« sagte die weiße Figur vor mir, die da unter dem blauen
-römischen Himmel im Garten zugleich mit dem Kardinal von dem Stühlchen
-aufstand, und deren weiße Lippen tief Atem holten, als wollten sie mir
-eine tiefe Wahrheit sagen, und ich dachte schon vorschnell:
-
-Seine Heiligkeit wird sagen: _nichts kann das Gift der Welt aus der
-Welt schaffen, nicht der Papst, nicht der Dichter, nicht die Christen,
-nicht die Heiden. Und ich dachte, daß ich mit dieser großen Weisheit
-dann entlassen würde._
-
-Aber nein, -- Pius reichte mir nur die Hand, die das Giftfläschchen
-hielt, zum Abschiedskuß, und mit den Augen auf das Fläschchen deutend:
-
-»Mein Lieber, wir werden es zu den andern stellen.« -- -- --
-
-»Wenn das nur nicht großes Unglück anstiftet,« sagte später die Frau,
-die ich liebe, zu mir. »Das kann nicht gut sein, wenn man im Vatikan
-ein Giftfläschchen zum andern stellt. Der Kapitän auf Koster, der
-dreißig Jahre das Fläschchen aufbewahrt hatte, ist ganz wild davon
-geworden, und die Leute nannten ihn schließlich einen Heiden. Wenn nur
-nicht der ganze Vatikan von dem Kostergift wild wird!«
-
-Und wirklich, die vielgeliebte Frau hatte wieder recht. Ein paar Wochen
-später schon begann die Geschichte mit den Modernisteneiden, und die
-Bannflüche fliegen seitdem wie Giftpfeile aus dem Vatikan über die
-Alpen.
-
-»Das kommt davon,« sage ich zu meiner Frau (wenn ich die Bayerische
-Landeszeitung aus der Hand lege, worin der Memminger so genau die
-Zustände und die Aufregungen des Papstes schildert), -- »das kommt
-davon, daß der Papst als Ratgeber nur Kardinäle und keine Frau hat. Die
-Liebe einer Frau ratet besser als alle Kardinäle.« --
-
-
-
-
-Himalajafinsternis
-
-
-Das ist der Fluch und zugleich die Wollust des Reisens, daß es dir
-Orte, die dir vorher in der Unendlichkeit und in der Unerreichbarkeit
-lagen, endlich und erreichbar macht. Diese Endlichkeit und
-Erreichbarkeit zieht dir aber geistige Grenzen, die du nie mehr los
-werden wirst.
-
-Wenn sich deine Seele, ohne daß dein Leib reist, an einen Ort hin
-versetzt, in dem du nie warst, so kann sie an dem Ort bald im
-Sonnenschein, bald im Regen, bald im Winter, bald im Frühling wandern,
-geisterleicht in einer Geisterlandschaft. Hast du aber den Ort einmal
-reisend mit deinem Leib erreicht und wirkliche Tage dort erlebt, so
-bist du dem Gefängnis der Wirklichkeit verfallen. Sobald du dich in
-späteren Jahren an den bereisten Ort im Geist zurückversetzt, kommst du
-nicht über die Grenzen der ehemaligen wirklichen Tage hinaus. Du siehst
-jenen Ort immer wieder, in ermüdender Wiederkehr, in derselben Tages-
-oder Jahreszeitstimmung, in der du ihn damals gesehen. Du kannst ihn
-nicht willkürlich mehr verwandeln. Du bist verdammt, ihn ewig genau
-so zu sehen, wie er sich dir auf der Reise gezeigt hat. Dies ist der
-Fluch, der die Seele des Reisenden belastet. Die Flügel der Geistigkeit
-werden ihm von der Wirklichkeit beschnitten. Der Vielgereiste haftet
-mehr an der Erde als der Niegereiste. Er erscheint mir sterblicher als
-die übrigen Sterblichen.
-
-Es gibt eine einzige Möglichkeit, den Wirklichkeitsbann des
-Reisens zu durchbrechen und abzuschütteln. Das geschieht, wenn wir
-unsterbliche Erlebnisse heimbringen; wenn sich das Schicksal des
-Reisenden mit Menschenschicksalen fremder Orte so verknüpft, daß der
-Ort, die Landschaft, das Gesehene ganz an Bedeutung verlieren, ins
-Nichts sinken, und das am eigenen Schicksal Erfahrene Zeit, Ort und
-Wirklichkeit überragt.
-
-Solche Erlebnisse sind selten, aber eins, zwei solcher Erlebnisse auf
-großen Reisen bleiben einem im Blut und Geist haften und überfallen
-einen zeitweise in der Erinnerung, und solche Erlebnisse können
-uns modernen Menschen den Schauer, die Ehrfurcht und die Erhebung
-ersetzen, die die früheren naiven Menschen in Gotteshäusern vor ihren
-Altären und Göttern empfanden, vor Göttern, die wir Modernen längst zum
-alten Eisen gelegt haben.
-
-Ehe ich auf meinen Reisen oben im Himalajagebirge gewesen, konnte ich
-mir diese höchsten Erdzinken immer nur tief in weißem Schnee und unter
-ewig eisigblauem Himmel vorstellen, ähnlich den Erinnerungsbildern, die
-ich vom Montblanc, von den Dolomiten und den Schweizer Alpen mit mir
-trug. Jetzt aber, nachdem ich vor Jahren am Himalaja war, sehe ich dort
-im Geist keine ehernen Gletscher, keinen eisblauen Himmel mehr. Ich
-sehe dort die Erde grau in grau wandern, denn es war im Februar, als
-die Nebel aus der indischen Talsohle wie graue Felder heraufstiegen,
-Nebel in allen Schattierungen, in Schatten und Beleuchtungen wechselnd.
-Es war, als flögen die Berge; dann wieder versanken sie. In den
-Sternennächten wirbelten diese Nebel im Mondschein. Der riesige
-Himalaja schien sich fortzuwälzen. Bald stellten sich die Nebel wie
-Riesentreppen auf, schlugen sich zum Himmel hinauf und drehten sich
-um ihre Achsen wie ungeheuere Windmühlenflügel. Es blieb kein Oben,
-kein Unten, kein Links und kein Rechts mehr bestehen, als wäre der
-Himalaja eine Gedankenwelt geworden, in der sich fluchtartig Bilder und
-Eindrücke, Wirklichkeit und Unwirklichkeit jagten.
-
-Siebentausend Fuß hoch oben in Darjeeling, dem weltbekannten
-Erholungsort der englisch-indischen Beamten, Offiziere und reichen
-Kaufleute, waren im Februar die meisten Villen geschlossen. Sie liegen
-mit ihren Glaswänden und Glasveranden wie aus Bergkristall aufgebaut
-an der Berglehne der hohen Gelände von Darjeeling. Dazwischen ziehen
-sich Teegärten mit niedrigem Teegebüsch hin, denn der Tropenbrodem,
-der vom großen indischen Reiche am Fuße des Himalaja zu den Höhen von
-Darjeeling heraufraucht, bringt einen Atem von Fruchtbarkeit über diese
-Südabhänge des Himalaja.
-
-Heimgekehrt nach Europa, wäre ich jetzt, wenn ich an den Himalaja
-zurückdenke, ewig dazu verbannt, dort droben in Darjeeling den
-unendlichen, lautlosen, träufelnden Februarregen zu sehen, der aus den
-Nebelschwaden niedertroff, und ich müßte immer in die nebelwandernden
-Berge schauen, die mir nie mehr stillstehen würden, wäre mir nicht
-dort jenes Erlebnis begegnet, das mich zeitlos und weltlos ansieht,
-nicht gebunden an Tag und Jahreszeiten, sondern nur gebunden an die
-Allmenschlichkeit, an das Menschenherz, das rund um die Erde, an allen
-Orten gleich handelnd liebt und leidet, als wäre es ein einziges Herz.
-
-Eines Nachmittags hatten mich die fünf Tibetaner, die meine Rikscha
-schoben, nach dem einzigen tibetanischen Tempel gefahren, der an einem
-Ende des Bergdorfes Darjeeling, nach langen Fahrten, auf verschlungenen
-Wegen erreicht wird. Der Tempel war einfach wie ein weißgekalktes
-Scheunenhaus und unterschied sich fast in nichts von tibetanischen
-Bauernhäusern. Er lag am senkrechten Abhang, von einigen verwilderten
-Bäumen umstanden, ein wenig einfach, und man hätte ihn ebensogut von
-weitem für einen kleinen Gasthof halten können.
-
-Ich mußte einen nassen Vorgarten durchschreiten und hörte von weitem
-einen regelmäßig klingenden Ton. Es war der Laut der Gebetsmühlen, die
-nach jeder Umdrehung antönen. Unter dem Vordach des Tempelhauses stand
-eine mannshohe und mannsdicke gelbe Röhre aufgerichtet. Sie war von
-oben bis unten eng mit Gebeten beschrieben. Ein Tempelknabe in gelber
-Kutte drehte mit der Hand den gelben Zylinder, der sich auf einem
-Gestell rund um eine Achse bewegte. Jede Umdrehung des Zylinders galt
-soviel als das vollständige Ablesen der tausend Gebete, die eingedrängt
-auf ihr geschrieben waren.
-
-Drinnen im Tempel war es dunkel wie in einem Stall. Hinter dicken
-Holzgittern standen die geschnitzten Götter, deren alte gebräunte
-Vergoldung kaum noch glänzte. Da war kein friedlicher Gott darunter.
-Alle Götter standen oder hockten in wilden verrenkten Stellungen, als
-wären sie den verzerrten Nebeln draußen nachgebildet.
-
-Aus unzähligen Ölnäpfchen, voll kleiner Nachtlichter, flimmerten
-winzige Flämmchen. Wie die Futtertröge der Götter, so standen sie da
-vor den Gittern und nährten die speckigen Goldgesichter mit ihrem Ruß
-und belebten sie mit dem Gewimmel ihrer knisternden Flämmchen.
-
-Nicht an allen Wänden standen Götterbilder. Es waren da Lücken, und
-dort am berußten und schmutzigen Wandkalk entdeckte ich Photographien,
-Ansichtspostkarten und Holzschnitte aus illustrierten englischen
-Zeitungen. Es waren Bilder von englischen, deutschen, französischen,
-russischen Prinzen und Generälen und Abbildungen von neuerfundenen
-Maschinen, Bilder, welche von den tibetanischen Priestern heilig
-gesprochen waren, vielleicht um den Europäern zu schmeicheln,
-vielleicht auch aus abergläubischer Furcht vor unbekannten fremden
-Seelenkräften.
-
-Am Fußboden in einer Ecke bemerkte ich geleerte englische Bierflaschen.
-Ein paar tibetanische Priester mit glattrasierten kahlen Köpfen, in
-schmutziggelben Kutten, hockten am Boden und rauchten, lehnten mit dem
-Rücken an der Wand und stierten zur offenen Tür hinaus, zu der ein
-wenig Tageslicht in den fensterlosen Raum hereinfiel und glasig auf den
-Augäpfeln der Priester glänzte.
-
-Die knisternden Reihen von Nachtlichtern, die blöden Augen der
-Priester und hie und da hinter den Gittern ein Götterbauch, an
-dessen abgenütztem Gold sich die Ölflämmchen spiegelten, der
-süßliche Tabakrauch aus den Priesterpfeifen und ein noch süßlicherer
-Geruch von erkaltetem Räucherwerk, die grotesken Papierfetzen aus
-illustrierten europäischen Zeitschriften, -- dieser Wirrwarr von
-zeitlosem Spuk --, und draußen im Türviereck die ewig im Nebel
-fortwandernden Himalajaberge wie Spuklandschaften, die bald in den
-Himmel stiegen, bald zur Erde fielen, ein Nebelgekröse, das plötzlich
-bis zur Tür herankroch; die gelben Ungeheuer der Gebetmühlen, die sich
-einförmig drehten und in regelmäßigen Zwischenräumen mit einem dünnen
-Metallton anschlugen, -- all das sah abenteuerlich aus, einfältig und
-ungeheuerlich zu gleicher Zeit. Denn es bestand schon seit Tausenden
-von Jahren und schien unvergänglich wie die Götter der Dummheit,
-die neben den Göttern des Verstandes und des Gefühls ewig die Erde
-beherrschen.
-
-Aber wie die Abgründe draußen vor der Tempeltür, an deren Rändern
-das Schwindelgefühl saß, das Menschen, Tiere und Steinmassen in die
-Himalajaschluchten reißen konnte, so lag hinter dem Gefühl der dumpfen
-Dummheit, die in dieser stallartigen Tempelstube hockte, zugleich
-eine kaltblütige Grausamkeit. Sie blickte beinahe schelmisch aus den
-stieren Augen der kahlköpfigen tibetanischen Priester und grinste
-grotesk freundlich aus den lachenden Mäulern der Gesichtsmasken der im
-Halbdunkel hockenden Götterfiguren.
-
-Meine fünf tibetanischen Wagenschieber, die wie Eskimos in sackartigen
-Kleidern vermummt steckten und von hünenhaften Kräften waren, fuhren
-mich dann im Rikschawagen zurück, an fast senkrechten Bergwegen
-hinauf. Dabei wieherten sie wie Pferdchen, meckerten wie Geißböcke
-und prusteten wie Walrosse. Zugleich verfolgten meinen Wagen drei
-tibetanische Riesenweiber, die ihre Schmuckketten aus kleinen
-blauen Türkisen, Brocken Bergkristall und Stücken ungereinigter
-Silberbronze, mit rötlichem Carneol verarbeitet, vom Hals und von den
-Armgelenken rissen und mir zum Verkauf vor mein Gesicht hielten. Immer
-gestikulierend sprangen die Tibetfrauen neben meinen Wagenrädern hin
-und her, umgeben von einer bellenden Schar wilder Himalajahunde.
-
-Eine der Frauen nahm sich während des Springens die Türkisenohrringe
-ab, eine andere drehte von ihrer Hand einen plumpen Silberring mit
-rotem Carneolstein, die dritte zog sich bronzene Haarpfeile aus ihrem
-ungekämmten, verwilderten und vom Regen nassen Haarknoten. Einige Worte
-Englisch und hundert geschnatterte tibetanische Worte, durchsetzt
-mit Hundegebell und begleitet vom Gelächter und Geschnauf meiner
-schwitzenden Wagenschieber, schallten mir unausgesetzt vor den Ohren.
-
-Endlich kaufte ich dem einen Weib einen Ring ab, und da der
-Rikschawagen an den Abhangwegen im Fahren keinen Augenblick halten
-konnte, wurde der bewegte Handel durch Zuwerfen des Ringes und
-Zurückwerfen des Geldes abgeschlossen.
-
-Zwei der Frauen blieben jetzt zurück. Nur das dritte Weib, das immer
-noch ihre Haarpfeile verkaufslustig in der Luft schwang, haftete noch
-an der Seite meines Wagens, vom Gekläff der Hunde umgeben.
-
-Als die Tibetanerin mich kaufunlustig sah, lockte sie mit den Augen,
-so daß ihr die Wagenschieber tibetanische Scherzworte zuriefen, gegen
-die sie sich eifrig verteidigte. Da mich die Haarpfeile nicht reizten
-und des Weibes Augen mich nicht überreden konnten, fuhr sie immer neben
-dem Wagen herspringend, mit den Händen in die Falten ihres sackgroben
-Mantelkleides und fand in irgend einer Tasche eine kleine Silberkette,
-die mir aber ebensowenig gefiel. Zugleich aber, wie sie die Kette in
-der Luft schüttelte, flog, zwischen ihren Fingern durch, ein kleines
-Bronzeamulett, das an einer Darmseite angebunden gewesen, und flog zu
-mir in den Wagen auf meinen Schoß.
-
-Mit einem Blick sah ich, daß das Amulett ein echtes kleines
-Bronze-Götzenbild war, nicht größer als ein Fingerglied. Es stellte in
-viereckigen primitiven Formen zwei winzige Menschen dar, einen nackten
-Mann, an welchem eine nackte Frau emporkletterte.
-
-Ich schloß meine Hand, in die das Amulett gefallen war, griff mit
-der andern Hand in meine Westentasche, in der ich loses Silbergeld
-trug, und warf dem Weib ein paar große Silbermünzen zu. Sie sah mich
-erstaunt an, fing blitzschnell das Geld auf und blieb zurück. Zufällig
-bog der Wagen um eine Wegecke. Ich konnte jetzt das Weib, das in dem
-Haufen der bellenden Hunde stillstand, noch einmal von weitem sehen.
-Sie schüttelte fortwährend den Kopf, als verstünde sie nicht, wie sie
-zu dem Gelde gekommen sei. Sie hielt die Haarpfeile im Mund zwischen
-den Zähnen und wickelte die Geldstücke in ein kleines Stückchen gelben
-Tuches. Vielleicht war es dasselbe Stückchen Tuch, in welchem vorher
-die Silberkette und das Amulett eingewickelt gewesen.
-
-Ich vergaß die Begebenheit, denn es ereignete sich jeden Augenblick
-viel Neues in der mich umgebenden Reisewelt. Ich entsinne mich nur,
-daß, als ich eine halbe Stunde später im Hotel das Amulett betrachtete,
-mir nicht mehr dieses eine Weib in Erinnerung kam, sondern die zwei
-anderen, die zurückgeblieben waren, und deren Wangen mit einer
-roten Masse eingerieben waren. Ich fragte einen der tibetanischen
-Fellverkäufer, die in der Vorhalle des Hotels bei ihren Pelzwaren
-kauerten, und die alle Englisch sprachen, mit was sich die Weiber hier
-die Wangen einrieben, daß sie so braunrot würden. Er sagte, daß die
-Farbe Ochsenblut sei. Aber nur die Witwen bestreichen sich die Wangen
-mit Ochsenblut und nur diejenigen Witfrauen, die den Männern zeigen
-möchten, daß sie wieder heiraten wollen.
-
-Während ich noch sprach, läutete die erste Dinnerglocke im Stiegenhaus
-des Hotels, die Glocke, welche die reisenden Damen und Herren darauf
-aufmerksam macht, daß es an der Zeit ist, sich für das Mittagessen, daß
-um 7 Uhr serviert wird, umzukleiden. Denn auch hoch oben im Himalaja
-erscheinen die englischen Herren abends in Frack und Smoking und die
-Damen in Schleppkleidern, tief ausgeschnitten und frisiert, als wären
-sie für eine Galaoper geschmückt.
-
-Ich ging in mein Zimmer, wo eben ein tibetanischer Zimmerbursche das
-Kaminfeuer angezündet hatte und jetzt nebenan im Baderaum, welcher zum
-Zimmer gehörte, Wasser in die Badewanne schleppte.
-
-Der Baderaum hatte einen besonderen Eingang durch einen Balkon, der an
-der Rückseite des Hauses entlang lief. Nachdem das Bad hergerichtet
-war, murmelte der tibetanische Diener sein »all right Sir« und
-verschwand durch die Hintertür des Badezimmers.
-
-Nachdem ich ins Bad gestiegen war und aufrecht im dampfenden Wasser
-stand und einige Turnübungen ausführte, fühlte ich im Rücken einen
-eiskalten Luftstrom, als ob jemand die Hintertür des Baderaumes zum
-Balkon geöffnet habe. Ich rufe auf Englisch: »Tür zu!« Und um mich vor
-dem eisigen Luftstrom zu schützen, tauche ich im heißen Wasser der
-Badewanne bis zum Hals unter. Ich bemerke zugleich durch den Dampf, der
-das Zimmer füllte, den Schatten einer Gestalt und frage: »Wer ist da?«
-
-Nur der Strahl des Kaminfeuers fiel von meinem Schlafzimmer in den
-Baderaum herein, und ich merkte zu meinem Erstaunen, daß die kleine
-Lampe, welche der Diener in eine Fensternische gestellt hatte, die aber
-vorher kaum leuchtete, jetzt vollständig ausgegangen war.
-
-Als ich auf meine zweimaligen Zurufe keine Antwort bekam, erhob ich
-mich wieder aus dem dampfenden Wasser. Im selben Augenblick fühlte ich
-wieder den Eishauch von der Türe her, die wahrscheinlich wieder hinter
-dem Dampfnebel geöffnet worden war. Der menschliche Schatten, den ich
-vorher gesehen hatte, war aber verschwunden.
-
-Mir schien, wenn ich mir die Gestalt vergegenwärtigte, als wäre es eine
-Frau gewesen, die vorher eingetreten und die jetzt wieder verschwunden
-war.
-
-Ich tastete in den Dampfnebel, fragte noch ein paar Mal, beendete dann
-mein Bad schneller, als ich es sonst getan hätte, wickelte mich ins
-Badelaken, machte Licht im Schlafzimmer und leuchtete in den Baderaum,
-fand aber niemand. Dann kleidete ich mich an, klingelte und fragte den
-Diener, ob man jemand hereingelassen, während ich im Bad war.
-
-Dieser schüttelte den Kopf und wußte von nichts.
-
-Ich vergaß auch diese Begebenheit wieder. Aber nach Mitternacht, als
-ich mich zu Bett legte, schloß ich vorsichtig alle Türen.
-
-Das Amulett hatte ich genau betrachtet, und nach dem Alter der
-Darmseite zu schließen, an die es gebunden und die vom Tragen sehr
-abgenützt war, konnte ich mir vorstellen, daß das Amulett wohl schon
-mehrere Menschenalter um den Hals verschiedener Personen gehangen
-und auf der Brust verschiedener Leute geruht haben mußte. Bis diese
-starke Darmseite sich abnützen und durchwetzen konnte, mußten manche
-Menschenleben dahingegangen sein.
-
-Die an der Männergestalt emporkletternde kleine Frauengestalt war von
-geschwärzter Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze zu sein.
-
-Klobig, simpel, primitiv war die nußgroße Figurengruppe
-zusammengeschweißt, wahrscheinlich in irgend einer Bergschmiede
-tief im Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer tibetanischen
-Klosterschmiede gearbeitet, in einem jener ungeheuerlichen Klöster,
-die an unzugänglichen Stellen, an Bergabhängen und Bergseen zerstreut
-liegen auf der Straße nach Lassa hin, jener Straße, die zu der
-geheimnisvollsten Klosterstadt der Welt führt.
-
-Ich mußte wieder an das stattliche Tibetweib denken, wie es da mitten
-im Haufen bellender Hunde gestanden und gedankenvoll mein Geld in das
-gelbe Tuch gewickelt hatte.
-
-Plötzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten Gesicht zu schließen,
-hatte die Frau, als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht
-gewußt, daß sie es mir zugeworfen hatte. Sie hatte eine Silberkette
-in der Hand geschüttelt, und wenn ich jetzt darüber nachdachte, so
-schien es mir, als wäre ihr unbewußt das Amulett aus den Fingern
-geglitten, denn ihr Gesicht war verblüfft und nachdenklich, als sie
-meine Silbermünzen auffing und einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich
-das Amulett mit meinem Gelde bezahlt, und es war mein. So sagte ich mir
-und legte mich beruhigt zu Bett.
-
-Ich weiß nicht, wie viel Stunden ich geschlafen hatte, als ich durch
-einen Knall und ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr auf und
-hörte ein Geräusch wie von flatternden Flügelschlägen.
-
-Das Kaminfeuer war vollständig niedergebrannt, und der kleine
-Glutbrocken leuchtete nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht mehr an
-die Wände, von wo aus das klatschende Flügelschlagen herkam.
-
-Ich machte Licht und sah ein schwarzes Tier, groß wie eine Eule, von
-Winkel zu Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg, sah ich, daß
-es eine große Vampirfledermaus war. Ich öffnete die Schlafzimmertüre,
-die nach der Treppe ging, weit, und rief ins Treppenhaus hinunter,
-indessen ich mich in meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer
-saßen immer einige Diener, die die Nachtwache hatten. Einer von
-den Männern kam nun herauf, riß die Bettdecke von meinem Bett und
-schlug mit dem Tuch nach dem Tier in die Luft und scheuchte die
-Riesenfledermaus durchs geöffnete Fenster in die Nacht hinaus.
-
-Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke der Scheibe eingestoßen.
-Doch unerklärlich war es mir, wie die weiche und zartknochige
-Fledermaus es fertig gebracht hatte, die harte Fensterscheibe
-einzustoßen.
-
-In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Ich ließ das Licht brennen und
-befahl dem Diener, das Kaminfeuer zu schüren. Ich setzte mich dann an
-den Kamin und las, das heißt, ich wollte lesen, um nicht einzuschlafen.
-Aber mehrmals mußte ich aufhorchen. Es war mir, als hörte ich Schritte
-auf dem Balkon, auf welchen das zerbrochene Fenster führte.
-
-Ich sah vom Lesen nicht auf. Ich sagte mir, es wird einer der Diener
-sein, der sich überzeugen will, ob mein Kaminfeuer noch brennt, und der
-mich nicht zu stören wagt und deshalb auf dem Balkon herumschleicht und
-hereinsieht.
-
-Nach einer Stunde war mir, als verbreite sich ein durchdringender
-Blumengeruch im Zimmer. Ich schloß die Augen, lehnte meinen Kopf im
-Ledersessel zurück und überlegte, ob die Nachtnebel, die aus den
-Himalajateegärten und aus der indischen Tiefebene heraufstiegen,
-solch einen betäubenden Blütengeruch mit sich führen können. Durch
-das zerbrochene Fenster schien der Geruch mit dem Nebelrauch
-hereinzuziehen, denn ich sah einen feinen bläulichen Dampf, der vom
-zerbrochenen Fenster her das Zimmer erfüllte. Ich wollte aufstehen, ein
-Handtuch oder einen Reiseschal nehmen und die zerbrochene Scheibenecke
-zustopfen, um den betäubenden Nebel abzuwehren.
-
-Aber es blieb bei dem in meinem Gehirn sich immer wiederholenden
-Wunsch, aufzustehen. Meine Augen fielen zu. Einige Zeit hielt ich das
-Buch noch in der einen Hand fest. Aber das Buch schien immer größer
-und schwerer zu werden. Das Buch wuchs und stand vor mir wie die Wand
-so groß. Und immer, wenn ich mich aufrichten wollte, stand vor mir das
-aufgerichtete wandgroße Buch. Es war mir, als wohne ich nicht mehr
-in einem Zimmer. Ich wohnte in einem Buch. Und ich hatte das Gefühl,
-dieses Riesenbuch könnte zuklappen und mich zwischen seinen Seiten
-erdrücken. Das Buch roch so süß wie die Süße aus einem alten Schrank,
-in welchem getrocknete Blumen und Lavendel lagen. Mit diesem gemischten
-Gefühl von Süße und drückender Bangigkeit verbrachte ich, wie es mir
-schien, Jahre, ohne daß sich etwas in meinem Zustande änderte.
-
-Ich wachte durch ein Klopfen auf. Es klopfte irgendwo jemand auf meinen
-Schädel. Es wurde lange und heftig geklopft. Bald war es mir auch
-wieder, als klopfe man schon jahrelang. Ich horchte auf. Meine Augen
-öffneten sich und sahen immer noch Kaminglut. Draußen war es immer noch
-Nacht. Das Klopfen kam von den verschiedenen Zimmertüren im Korridor.
-Die Hotelgäste wurden geweckt.
-
-Ich erinnerte mich jetzt, daß unsere Reisegesellschaft, die zehn Damen
-und Herren, die sich hier in Darjeeling im Hotel zusammengefunden,
-verabredet hatten, um drei Uhr morgens bei Mondschein aufzubrechen,
-um auf Paßwegen zu dem zweitausend Fuß höher gelegenen »Tigerhill« zu
-reiten, wo man den Sonnenaufgang über dem Mont Everest und anderen
-Riesen des Himalaja erwarten wollte.
-
-Im Zimmer war noch immer der süßliche Dunst. Ich kleidete mich im
-halbtrunkenen Zustand an. Ein Diener brachte mir dann den Morgentee und
-sagte, daß die Pferde gesattelt seien und unten an der Veranda warten.
-
-Als ich ein paar Minuten später aufs Pferd stieg, freute ich mich über
-die klare Bergluft, über den eisklaren Halbmond, der am Himmel hing,
-und über den reinen Neuschnee, der gefallen war, und ich hatte bald
-ganz und gar den Blumendunst vergessen und die letzten Stunden jenes
-schweren Schlafes, der mehr einem Alpdruck als einem gesunden Schlaf
-ähnlich gewesen.
-
-Auf den schmalen Paßwegen, auf denen die Pferde hintereinander
-schreiten mußten, schwiegen das Geplauder und Gelächter der Damen und
-Herren. Es war, als ritten wir nicht auf der Erde, sondern auf Wolken,
-an Wolkenrändern entlang. Die Mondsichel hatte nicht Kraft genug, die
-Himalajagründe auszuleuchten. Meere von Finsternis lagen an den Rändern
-der Paßwege, die nur einige Hufbreiten breit auf den Berggraten entlang
-zogen. Bäume, die so alt waren, daß sie kein Blatt mehr trieben und nur
-wie moosbehangene Skelette ragten, waren durch Nebel und Schnee wie vom
-Erdboden abgeschnitten und hingen in der Luft wie vom Himmel herab.
-Einige waren wie hausgroße Skelette ungeheuerlicher Fledermäuse. Diese
-Gespensterbäume und der jasminweiße Mond auf dem grünlichen Nachtäther
-erinnerten mich wieder an mein Nachterlebnis. Aber die großen
-geöffneten unergründlichen Himalajaabgründe, die den Eindruck gaben,
-als könnte man so tief in die finstere Erde hineinsehen, so tief wie in
-den Nachthimmel, diese Abgründe, an denen die Pferde zagend und tastend
-und lautlos im glitschigen Schnee wie balancierend zwischen Leben und
-Tod entlang gingen, verschluckten Rückerinnerungen und Gedanken, diese
-Abgründe wollten mich einschläfern, stärker noch als der Blumengeruch
-es vorher getan hatte.
-
-Der warme, schweißdampfende Pferderücken, der mich trug und der mich
-rüttelte, war das einzige Stück Wirklichkeit, das ich noch fühlte,
-denn der Traumzustand der Gespensterlandschaft wollte sich mit dem
-Traumzustand meiner noch nicht völlig wachen Gedanken vermischen und
-mich in die Abgründe ziehen.
-
-Endlich verflüchtete sich die Nacht, und wir erreichten in der
-blaugrauen Dämmerung, die dem Sonnenaufgang vorausgeht, die Höhe des
-Tigerhills.
-
-Tibetanische Diener waren vom Hotel vorausgeschickt worden. Ein großer
-Holzstoß war angezündet worden, aber das Holz war naß und rauchte mehr
-als es brannte. Der Schnee war im Umkreis des Feuers weggeschmolzen.
-Wir versuchten, unsere vom Reiten erstarrten Füße beim Feuer zu wärmen,
-umwanderten stampfend den qualmenden Holzstoß, vertrieben uns die Zeit
-mit Teetrinken und warteten auf die ersten Zeichen des Sonnenaufgangs.
-
-Auf einmal sagte jemand neben mir: »Das ist der
-Schmetterlingshändler!« Der Genannte war ein Deutsch-Engländer aus
-Darjeeling, der einen tibetanischen Antiquitätenladen dort hatte und
-zugleich einen Handel mit Himalajaschmetterlingen trieb, von denen er
-die schönsten Exemplare auf Bestellung nach Europa sandte.
-
-Wie der Mann auf den Tigerhill gekommen, ob er uns auf einer
-Nachtreise aus dem Inneren des Gebirges begegnet war, oder ob er
-die Reisegesellschaft von Darjeeling aus begleitet hatte, wußte
-ich nicht. Ich dachte nur im selben Augenblick, wie ich das Wort
-»Schmetterlingshändler« hörte, an die seltsame Trommel, die ich in
-seinem Laden zwei Tage vorher gekauft hatte; eine Trommel, angefertigt
-aus den Hirnschalen zweier Menschen, aus der Hirnschale eines Mannes
-und aus der eines Weibes. Jede Schalenhöhle war mit einer Membrane
-überzogen; an der Wölbung aber waren die beiden Gehirnschalen
-zusammengeschweißt, so daß sie zwei kleine Trommeln bildeten.
-Schüttelte man diese, so schlug in jeder Schädelhöhle eine kleine,
-hinter der Membrane eingesperrte Elfenbeinkugel an die Schädelwand und
-an die Membrane und trommelte unausgesetzt. Der Schmetterlingshändler
-hatte mir erzählt:
-
-»Ich habe diese Trommel von einem tibetanischen Priester in einem
-tibetanischen Tempel gekauft. Es sind die Schädelschalen eines
-treulosen Mannes und eines treulosen Weibes. Diese Trommel wurde
-täglich zur Gebetstunde angeschlagen, denn die Treulosen sollen, ewig
-aneinander gekittet, im Tode keine Ruhe haben. Der Priester, der auf
-dem Leichenstein beim Tempel die Leichen zu zerschneiden und den
-Vögeln hinzuwerfen hat, hat das Recht, die Schädelschalen zweier,
-die die Treue gebrochen haben, nach dem Tode zu solchen Trommeln zu
-verarbeiten.« --
-
-Mit großer Mühe hatte der Schmetterlingshändler die Trommel aus dem
-Tempel erhalten.
-
-Machte es die dünne hohe Gebirgsluft, daß meine Ohren jetzt plötzlich
-aus allen finstern Himalajaabgründen ein Donnern hörten, als seien die
-Bergschlünde trommelnde Schädelhöhlen von Ungetreuen?
-
-»Hören Sie die Lawinen, die bei Sonnenaufgang sich von den Gletschern
-lösen und in die Tiefe donnern?« sagte ein Herr neben mir zu einer
-Dame. Dann war tiefe Stille. Keine Teetasse klapperte, kein Schritt im
-Schnee knirschte mehr. Die Pferde spitzten die Ohren und schnupperten.
-Drüben im Nebel, über einem tageweiten Abgrund, erschien der fleischige
-Arm eines Riesen, die rosige fleischige Brust einer Frau, Nacken,
-Schultern, Hüften in gigantischen Dimensionen. Es waren die Umrisse des
-Mount Everest und des Kantschindschanga, die wie ein nacktes Riesenpaar
-höher als der Mond im Himmel lagen.
-
-»Die Sonne,« flüsterte eine Dame.
-
-Ich sah über meine Schulter von den Bergen fort und entdeckte eine rote
-glühende Lawine, die sich auf Nebelfeldern kaum merklich fortrollte und
-größer und röter wurde, -- die Sonne. Wie eine große rote Sintflut gab
-sie den Gletschern Blut und machte den Schnee zu Fleisch.
-
-Im selben Augenblick, mitten in diesem feierlichsten Augenblick des
-Sonnenaufgangs, nahm jemand meine Hand, führte meine Finger in eine
-Westentasche und sagte: Wo ist das Amulett, das du gestern kauftest?
-Sehen die großen fleischfarbenen Gletscher dort nicht aus wie die
-Männer- und die Frauenfigur deines Amuletts, das du der Tibetfrau
-gestern abkauftest?
-
-Das Amulett war nicht in meiner Westentasche. Aber das Geld, das ich
-dafür bezahlt hatte, die drei großen Silberstücke, befand sich wieder
-in meiner Westentasche.
-
-Der Gedanke an das Amulett hatte meine Hand in die Westentasche
-geschoben.
-
-Wer hat jetzt laut gelacht? Alle Gesichter sahen sich nach mir um. Es
-wurde mir unheimlich vor mir selbst. Wie ich meinen Pelzrock geöffnet
-hatte, um das Amulett zu suchen, stieg mir aus der Kleiderwärme
-wieder jener geheimnisvolle Blumengeruch entgegen. Aber jetzt bei der
-aufgehenden Sonne, in der Schneefrische des Morgens, erkannte ich in
-dem Geruch ein betäubendes tibetanisches Tempelräucherwerk, das, in
-großen Massen eingeatmet, einschläfert und Visionen verschafft, und
-dieser Geruch steckte noch von der Nacht her in meinen Kleidern.
-
-Auf dem Pferderücken vorhin war mir schon der Geruch stark in die Nase
-gestiegen. Ich selbst war aber noch zu sehr von der Schlafzimmerluft
-betäubt gewesen, um seinen Ursprung zu erkennen.
-
-Jetzt wandte ich mich mit einem energischen Ruck an den
-Schmetterlingshändler, um ihn zu fragen: »Glauben Sie, daß es Amulette
-gibt, die ihren Besitzern so teuer sind, daß sie sie für nichts
-verkaufen würden? Glauben Sie, daß, wenn ein tibetanisches Weib
-ein solches Amulett zufällig von sich geschleudert hätte, es alle
-Listen seiner listigen Natur anwenden würde, um das Amulett wieder
-zu erhalten? Glauben Sie, daß es durch Hintertüren in die Häuser
-eindringen würde und sich nicht scheuen würde ein Fenster einzustoßen,
-um das Amulett zu erhalten?
-
-Sie werden mir sagen: ›Das zerbrechende Fenster würde jedermann
-wecken!‹ Aber ich sage Ihnen: Man kann zugleich durch das zerbrochene
-Fenster eine lebende Fledermaus ins Zimmer werfen, die die
-Aufmerksamkeit auf sich lenkt und nicht den Gedanken aufkommen läßt,
-daß ein Mensch mit Absicht das Fenster zerschlagen hätte. Betäubt man
-dann noch durch eine Räucherstange den im Zimmer Anwesenden, so ist es
-ein leichtes, nachher mit dem Arm durch die zerbrochene Fensterscheibe
-in das Zimmer zu langen, den Fensterknopf von innen aufzudrücken,
-durchs geöffnete Fenster vom Balkon hineinzusteigen, das verlorene
-Amulett zu suchen, zu finden und, wenn eine Kaufsumme dafür hergegeben
-war, das Geld wieder hinzulegen und das Amulett mitzunehmen.«
-
-Alles dieses wollte ich mit energischem Entschluß den
-Schmetterlingshändler jetzt fragen. Ich öffnete den Mund. Aber die
-Worte, die ich sprechen wollte, verwandelten sich in Atemrauch, und ich
-hörte in meinen Ohren, daß ich sagte: »Wenn Sie wieder einige seltene
-Exemplare von Himalajaschmetterlingen haben, können Sie mir dieselben
-an meine Adresse nach Europa senden.« Dabei nahm ich aus meiner
-Westentasche dasselbe Silbergeld, womit ich gestern schon das Amulett
-bezahlt hatte, und bezahlte im voraus den Preis für drei Schmetterlinge.
-
-Ich hatte nichts mehr gesprochen. Die Sonne war bald wieder in Nebeln
-verschwunden, und wir ritten im Tageslicht, das aber mehr dem Mondlicht
-glich, an den nebelnden Abgründen zurück nach Darjeeling.
-
-Das Amulett fand ich nicht mehr. Es war nicht auf meinem Tisch zu Hause
-im Hotelzimmer, nicht in meinen Taschen, nicht in meinen Koffern.
-
-Ich erinnerte mich jetzt, daß, als ich gestern abend nach dem
-Diner durch die Billardsäle zu den Spielzimmern gegangen war, wo
-die befrackten Herren und die dekolletierten Damen an den grünen
-Spieltischen vor den lodernden Kaminen saßen, mich einen Augenblick
-eine Sehnsucht gepackt hatte, fortzukommen aus den europäischen Sälen,
-die man hier in Asien sogar noch hoch im Himalaja für verwöhnte
-Millionäre und Milliardäre hingestellt hat.
-
-Ich war dann auf die breite Hotelterrasse hinausgetreten und hatte
-dem Hexenspiel der rollenden Bergnebel über den Schluchten zugesehen
-und den Sternen, die über den bewegten Nebeln zu tanzen schienen.
-Dann fielen ein paar Regentropfen, mit Schneeflocken untermischt, aus
-fortflüchtenden Nebelwellen, die um den Mond kreiselten.
-
-Als ich wieder ins Hotel zurückgehen wollte, war mir, als sähe ich
-ein großes Tier unter der Terrassenbrüstung um die Hausecke laufen.
-Gestern abend hatte ich gedacht, es sei ein Hund. Jetzt wußte ich
-aber, daß es ein Mensch gewesen, der auf allen vieren ging, eine Frau,
-wahrscheinlich die Frau, deren Amulett ich besaß, die während der
-ganzen Nacht um das Hotel geschlichen war, und die sich mit aller List
-das Amulett aus meinem Zimmer von meinem Tisch geholt hatte.
-
-Dies bedachte ich jetzt nach der Rückkunft vom Mondscheinritt im
-Hotel und sehnte mich, mit jemandem darüber zu sprechen. Aber meine
-europäischen Reisegefährten schienen mir alle zu banal, als daß
-ich Lust gehabt hätte, sie in die Mystik dieses Nachterlebnisses
-einzuweihen.
-
-Nachmittags um drei Uhr sollte mein Zug abgehen, der mich zum Abend
-wieder hinunter in die Kaffeegärten und Zuckerrohrpflanzungen Indiens
-bringen würde, und der am nächsten Morgen mit mir in Kalkutta
-eintreffen sollte.
-
-Auf dem Weg zum Bergbahnhof konnte ich mich nicht enthalten, die
-Rikscha am Laden des Schmetterlingshändlers warten zu lassen. Ich stieg
-aus. Als ich die Ladentüre öffnen will, wird seltsamerweise dieselbe
-schon von Innen aufgemacht, und an mir vorbei läuft ein tibetanisches
-Weib heraus. Ich hätte aber die Frau kaum wiedererkannt, da mir alle
-Tibetanerinnen untereinander so ähnlich schienen, sowie auch die Neger
-und Chinesen für den Europäer immer einander ähnlich sehen, hätte die
-Frau nicht mit einer heftig erschrockenen Bewegung in die Brustfalten
-ihres Mantelrockes gegriffen, als wolle sie dort etwas beschützen, was
-ich ihr hätte entreißen können. Mir schien, als ob sie hohläugiger und
-blasser wäre als am Tage vorher. Laut mit sich selbst sprechend und
-mit den Ellenbogen in die Luft fuchtelnd, als müßte sie hundert Hände
-abwehren, die sich nach ihr streckten, stürzte sie die Bergstraße
-hinunter fort, begleitet vom Gelächter meiner Rikschaschieber, welche
-das Gebaren der Frau noch sonderbarer fanden als ich.
-
-Im Laden kam ich nicht dazu, dem Schmetterlingshändler vom Amulett
-zu sprechen, denn ehe ich noch den Mund öffnen konnte, zeigte er
-mir in einem geschnitzten Kästchen einen aufgespießten sogenannten
-Handflächenschmetterling. Jene Frau hatte ihm eben den seltenen
-Schmetterling verkauft. Er wurde in einem Kästchen aus Kampferholz
-aufbewahrt, denn der Geruch dieses Holzes schützt die Schmetterlinge
-gegen zerstörende Witterungseinflüsse. Durch Generationen hindurch
-kann man einen solchen Schmetterling im Kampferholz bei vollem Glanz
-erhalten. Auch diese Frau hatte den Schmetterling schon lange als ein
-Erbstück ihrer Familie besessen. Warum sie ihn verkaufen wollte, da er
-doch unbezahlbar war, konnte der Schmetterlingshändler nicht begreifen,
-denn ein Handflächenschmetterling wird alle hundert Jahre einmal
-im Gebirge gefunden. Auf seinen Flügeln sind dunkle Linien, deren
-Zeichnung den Linien in der Handfläche einer Menschenhand gleichen.
-
-»Diese Frau,« sagte der Schmetterlingshändler, »muß vielleicht für
-irgendeine eingebildete Schuld ein Tempelopfer bringen, da sie mit
-einem solchen Schmetterling ihren besten Familienschatz verkauft, um
-Opfergeld zu erlangen.«
-
-Ich erstand den Schmetterling. Und kaum hatte ich ihn in Händen,
-so wurde mir auch, ohne daß ich fragte, eine Erklärung über meinen
-Amulettverlust zuteil.
-
-Der Schmetterlingshändler erzählte mir, daß jene Frau eine sogenannte
-»ewige Witwe« sei, eine von jenen, die ihre Wangen nicht mit Ochsenblut
-bemalen und nicht mehr das Verlangen haben, einen anderen Mann als
-den Gestorbenen zu lieben. Um aber auch des Toten sicher zu sein, daß
-dieser ihr im nächsten Leben treu wird, wie sie ihm treu sein will,
-trägt eine solche Frau an einer unzerreißbaren Darmseite ein Amulett
-an der Brust, welches ein Menschenpaar darstellt. Wenn die Witwe
-aber dieses Amulett verliert, -- denn ein Amulett wird eine Frau nie
-verkaufen, -- hat sie damit die Treue des Toten verloren und wird
-ihren Geliebten im nächsten Leben nicht wieder finden.
-
-Ein solches Amulett wird niemals verkauft, und sollte es verloren
-gehen, so setzt eine jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um das
-kostbare Amulett der Treue wieder zu erhalten. --
-
-Während dieses Nachmittags, als ich im Zug saß und in die finsteren
-Abgründe des Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf, der aus der
-Lokomotive kam, und der in den Dschungelwäldern und an den Urwaldästen
-hängen blieb, hunderte Male die Gestalt jener ewigen Witwe, wie sie
-bald gebückt und geduckt suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte
-über die Urwaldwipfel, wie sie die Arme an die Brust drückte und nach
-dem Amulett fühlte, das ihr die Treue und die Liebe ihres Geliebten im
-nächsten Leben versprach.
-
-Dann, als es dunkel wurde und ich draußen keinen Wald und keinen
-Dampf mehr sah, betrachtete ich lange bei der trüben Wagenlampe den
-großen Handflächenschmetterling in dem Kampferkästchen, dessen Linien
-so verschlungen sind wie die Schicksalslinien in den Handflächen
-der Menschen und dessen Linien in dunkle Nachtränder auslaufen, in
-unergründliche Finsternisse, ähnlich den Himalajaabgründen, die voll
-Finsternis und Aberglauben draußen dicht bei den Schienengeleisen der
-Bergbahn drohten.
-
-
-
-
-Häcksel und die Bergwerkflöhe
-
-
-Häcksel war der Sohn des Finsterer, und der war Bergmann im Annaschacht
-gewesen. Und Finsterer war der Sohn des Labemann, und der war Bergmann
-im Annaschacht gewesen. Und Labemann war der Sohn des Flegels, und
-Flegel war Bergmann im Annaschacht gewesen. Keiner von denen war
-ehelich geboren. Dieses aber ist der Stammbaum der Geliebten der Mütter
-jener Bergmänner.
-
-Häcksel war, was alle seine außerehelichen Vorfahren gewesen, Bergmann,
-und er war mehr unter der Erde als auf der Erde zu Hause.
-
-Der junge Bursch von fünfundzwanzig Jahren war, solange er sich unter
-der Erde befand, höflich, friedlich und zufrieden. Aber oben auf der
-Erdoberfläche, beim Tageslicht besehen, schien Häcksel das Gegenteil zu
-sein, störrisch, unfreundlich und ungemütlich. Teils war es das Licht
-und die laute Welt, die ihn im Gegensatz zur molligen Grabesstille
-und traulichen Dunkelheit, an die er unter der Erde gewöhnt war,
-immer wieder von neuem reizten. Aber Licht und Lärm waren es nicht
-allein, die den stillen harmlosen Burschen in ein widerhaariges Ekel
-verwandelten. Wenn Häcksel sichs klar gemacht hätte, warum er sich oben
-auf der Erde, außerhalb des Schachtes, verwandelte, so würde er erzählt
-haben, daß ihm draußen im Leben, außerhalb der Kohlengrube, seine
-liebsten Unterhalter fehlten, die Bergwerkflöhe, denen er zugetan war,
-und die neben der Arbeit seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.
-
-Die Bergwerkflöhe aber lieben nur die laue Wärme, die im Erdinnern
-herrscht, und sind nicht zu bewegen, jemals an die Oberfläche zu
-kommen. Sie begleiten den Bergmann, den sie sich als Nahrungsfeld
-ausersehen haben, nie ans Licht. Sie springen immer im letzten
-Augenblick ab, ehe der Förderkorb den Schacht verläßt.
-
-Häcksel hatte sich durch nichts als durch sein süßes Blut bei den
-Flöhen des Annaschachtes beliebt gemacht. Vielleicht war er deshalb
-beliebter, weil sein Blut seit Geschlechtern außerehelich, also
-wildsüß, gezeugt worden war.
-
-Wenn keiner einen Floh im Schacht hatte, Häcksel hatte immer einen zur
-Unterhaltung bereit, und dieses verschaffte ihm manchen wahren Freund
-im Bergwerk. Denn die Bergleute rechnen in ihrem unterirdischen Dasein
-die Anregung und Unterhaltung, die ihnen die Bergwerkflöhe bieten, als
-eine Erhöhung ihrer lahmgelegten Lebenslust.
-
-Wenn irgendwo in einem entlegenen Stollen zur Erhöhung der Geselligkeit
-ein Floh fehlte, schickten die Leute hin zu Häcksel und erhielten auch
-schon für einen Schluck kalten Kaffee einen schönen ausgewachsenen Floh
-von Häcksel geliefert.
-
-Man weiß aber, daß durch fortgesetzte Inzucht auch die lebhaftesten
-Flöhe allmählich verblöden können, und das geschah, -- nachdem aus den
-Zeiten Flegels, Labemanns und Finsterers, die, solange das Bergwerk
-bestand, drei Menschengeschlechter hindurch, immer nur untereinander
-gelebt und sich fortgezeugt hatten, -- zur Zeit, da Häcksel
-fünfundzwanzig Jahre alt wurde und von Schwächezuständen befallen war.
-Die Bergleute stellten fest, daß die heutigen Flöhe ihres Geschlechtes
-nicht mehr so hoch springen konnten, daß sie sich auch nicht mehr so
-lebhaft untereinander angezogen fühlten, nicht mehr dieselben Tänze
-vollführten, die vorher die halbnackten Bergleute auf Brust und Rücken
-ihrer Kameraden bewundert hatten. Man konnte ihrem Mutterwitz nicht
-mehr vertrauen. Sie ließen sich von jeder täppischen Hand fangen. Sie
-versimpelten so sehr, daß es eine Schande für das ganze Bergwerk war.
-
-Eines Tages, es war im Februar, im Taumonat, der die Erde aufweckt und
-auch die Triebe der Bergwerkflöhe in der Erde beleben kann, fühlte sich
-Häcksel, der eben Feierabend machen wollte und seinen Pickel, womit
-er Kohlen gehackt hatte, an die Flötzmauer stellte, besonders lebhaft
-hinterm linken Ohr gebissen, so lebhaft, wie seit langem nicht mehr.
-Häcksel glaubte, es sei Stänker, sein Leibfloh, der frühlingslustig
-geworden wäre. Aber als der Bergmann mit dem Zeigefinger hinters Ohr
-fühlte, merkte er, daß ein kleiner, zierlicher, weiblicher Floh dasaß,
-und er erkannte auch bald, daß es Zinnoberchen war, eine Flöhin, die
-so genannt wurde, weil sie am rötesten von allen Flohdamen leuchtete,
-wenn sie sich an Menschenblut satt getrunken hatte und man sie auf
-der Hand vor das Grubenlicht hielt. Zinnoberchen war so zart, daß das
-Menschenblut aus ihrem Körper einen rötlichen Schatten neben sie legte,
-wo sie gerade saß.
-
-Häcksel war über den unerwarteten Besuch ein wenig erstaunt. Denn um
-die Feierabendstunde, die die Flöhe gut kannten, war meistens jede
-Unterhaltung zwischen den Bergleuten und ihren lieben Leibtierchen zu
-Ende. Die kleinen Herrschaften zogen sich jeden Abend unaufgefordert
-in den Pferdestall des Bergwerks zurück. Dieser Stall lag neben den
-Kohlenschachten und befand sich ebenso wie diese viele Hundert Fuß
-unter der Erde. Die alten Gäule, die dort fern vom Tageslicht in der
-Grube zum Ziehen der Kohlenkarren gehalten wurden, bekamen niemals
-die Sonne zu sehen und wurden mit der Zeit blind. Im Mähnenhaar der
-Blinden, auf den Rückenwirbeln und in den Schwanzhaaren übernachteten
-die Bergwerkflöhe mit Vorliebe. Dorthin eilten sie, wenn die
-Feierabendstunde nahte.
-
-»Ich dachte, du wärest schon schlafen gegangen,« sagte Häcksel, als er
-Zinnoberchen auf seinem Zeigefinger ans Grubenlicht hielt. »Du bist ja
-ganz abgehärmt, liebes Kind,« fuhr er in Gedanken lautlos zu reden
-fort. »Ich weiß, Euch fehlt neues Blut.« Er nickte und hüstelte.
-
-Der junge Häcksel war nicht stark. Er war schwer lungenleidend. Seine
-Vorfahren, die da unter der Erde in der weichlichen Luft seit einem
-Jahrhundert Kohlenstaub schluckten, hatten ihm keine starke Lunge
-vererben können. Der Bergwerksarzt hatte zu dem schwindsüchtigen
-Häcksel gesagt, ein schwacher Mann wie er dürfe nicht heiraten, und er
-dürfe auch keine Frau küssen, da er mit Kuß und Umarmung nur Unheil
-anstiften könne. Ein Schwindsüchtiger müsse nicht daran denken, Kinder
-zu zeugen. Durch ihn würden nur armselige kranke Menschen entstehen,
-die ihm und der Welt zur Last fallen würden.
-
-Häcksel hatte es am Feierabend darum nie so eilig wie seine Kameraden,
-um hinauf ans Licht der Welt zurückzukehren. Ihm war im Bauch der
-Erde wohl, wo es in Dunkel und Einsamkeit keine Wünsche gab. Nichts
-erwartete ihn außerhalb des Bergwerkes als ein Strohsack in seiner
-Kammer, und es lockte ihn nicht einmal dieser, da das Stroh ein
-Geheimnis verbarg. Häcksel hatte im Stroh seit Jahren eine alte
-Geldtasche verborgen. Die war voll alter Silbergulden. Die hatte er
-in einem blinden Stollen unter der Erde gefunden, in einem Gang des
-Bergwerks, der nur ihm allein bekannt war, und der im Bergwerksbuch
-als vor Jahren von einem schlagenden Wetter verschüttet aus dem
-Bergwerkplan ausgestrichen und nur als blinder Stollen bezeichnet stand.
-
-Häcksel hatte von jenem Unglück von seinem Vater öfters erzählen
-hören. Der Alte hatte behauptet, bei den Verschütteten dort in dem
-blinden Stollen müsse sich auch Geld befinden, denn es war bei den
-Verunglückten damals ein zufälliger Besucher des Bergwerks mit
-umgekommen. Man hatte wohl versucht, nachzugraben, hatte aber die
-mühsamen Arbeiten bald eingestellt und den Stollen verlassen.
-
-Häcksel strolchte dort gern im Bergwerk herum und klopfte mit seinem
-Pickel jahraus jahrein nach Feierabend in dem verschütteten Gang das
-Gestein zur Seite. Eines Tages stieß er auf ein Gerippe, bald auf ein
-zweites und drittes Gerippe, und dort fand er auch die alte Geldkatze
-voll alter Silbergulden bei den Gebeinen liegen.
-
-Häcksel konnte gut schweigen. Wenn ihn manchmal der Gedanke lockte,
-seinen Kameraden von dem Fund zu erzählen, so hustete er sich schnell
-und heftig den Sprechreiz aus Brust und Kehle fort.
-
-Das Bergwerk lag in der Nähe eines oberbayrischen Sees, in den
-Vorbergen der Alpen, und eine kleine Bummelbahn führte von dort an den
-Dörfern vorüber bis München. In mancher Nacht, wenn Häcksel daheim in
-seiner Hütte die alten Silbergulden mit gepulverter Kreide blankputzte,
-nahm er sich vor, am nächsten Tag hinein nach München zu fahren und
-das Geld bei einem Wechsler in Markstücke umzutauschen. Aber er hatte
-sich fest vorgenommen: zum Leben wollte er nichts von diesem Geld
-ausgeben. Das Geld sollte nur für sein Begräbnis ausgegeben werden.
-Denn der Todesgedanke war Häcksels Lieblingsgedanke. Er sagte sich
-immer, vom Tod könne er nur das Beste erwarten. Vor allem erwartete er
-vom Tod Gesundheit. Wenn er diesen kranken, elenden, ewig hüstelnden
-Körper abgelegt hätte, dann würde er gesund auferstehn, meinte Häcksel.
-Es stand fest und klar in ihm, daß er mit seinem Tod ein neues und
-gesundes Dasein beginnen würde. Darum war sein Sterben sein schönstes
-und stolzestes Ereignis, das er zu erwarten hatte, und er wünschte
-sich, um diese Verwandlung von Krankheit zur Gesundheit würdig zu
-begehen, ein würdiges Begräbnis, eine teuere Seelenmesse, mit Orgel,
-Musik und Glockengeläute, ebenso wie das, das unlängst der Hauptmann
-der Feuerwehr des Bauernortes, in welchem Häcksel wohnte, bekommen
-hatte, welches ein erstklassiges Begräbnis gewesen war. Ob nun das
-Silbergeld im Berg bei den Gerippen lag, untätig und unnütz, oder ob es
-für ein schönes Grab und einen schönen Sarg Verwendung finden würde,
-das konnte den Gebeinen des Kaufmanns, den der Kohlenschutt deckte,
-wohl gleich sein.
-
-An diesem Feierabend, an welchem Häcksel auf seinem Zeigefinger die
-kleine Flöhin Zinnoberchen vor das Grubenlicht hielt, dachte er eben
-lebhaft daran, einen Tag festzusetzen, um endlich die Silbergulden in
-der Stadt in Markstücke umzuwandeln, als ihm die Flöhin lebhaft hinter
-das linke Ohr gebissen hatte. Dann ging er mit dem Tierchen nach dem
-Pferdestall, um Zinnoberchen sorgsam auf einen Pferderücken zu setzen.
-Aber auf halbem Weg war ihm seine alte Flohbekanntschaft vom Finger
-verschwunden. Er glaubte, sie habe allein den Weg zum Pferdestall
-gesucht. Der Floh aber war auf seine Bergwerkmütze gesprungen. Dort saß
-er zwischen Hutschirm und Band, und in der Nacht in Häcksels Kammer
-blieb er beharrlich auf Häcksels Mütze sitzen, und als es ganz still
-im Zimmer war, hörte der Bursch den Floh auf der flachen Mütze leise
-springen.
-
-»Ah,« sagte Häcksel zu sich, »Zinnoberchen hat meinen Entschluß gehört!
-Vielleicht habe ich laut vor mich hingesprochen im Bergwerk unten?
-Zinnoberchen will mit nach München.«
-
-»Ja, das will ich,« gab der fröhlich hüpfende Floh durch Tanzlaute auf
-der Mütze kund.
-
-In der Nacht noch band sich Häcksel die alte Geldtasche voll
-Silbergulden um den Leib. Ehe das Tageslicht kam, setzte er seine
-Mütze auf, auf der der Floh Sprünge machte, die, wenn man sie in Töne
-umgesetzt hätte, Juchzer gewesen wären.
-
-Der Bursch ging durch den Wald zur nächsten Bahnstation. Es war
-Sonntagmorgen, und er wollte nicht vom Bahnhof des Heimatortes
-abreisen, damit man seine Reise nicht bemerken sollte. Am nächsten Tag
-wollte Häcksel wieder zurückkehren und wollte eine Ausrede gebrauchen.
-Er wollte sich im Bergwerk entschuldigen und sagen, er habe sich zwei
-Tage im Walde verirrt und verlaufen.
-
-Der Floh, den morgens im kalten Februarwald fror, setzte sich
-hinter Häcksels linke Ohrmuschel unter das warme Haar des Burschen
-und betrachtete von dort die Gegend. Bald merkte Häcksel, daß alle
-Gedanken, die er im linken Ohr hörte, ihm von Zinnoberchen eingegeben
-waren, und nur die Gedanken im rechten Ohr waren seine eigenen. So
-schritt er mit den zweierlei Gedanken wie im Frage- und Antwortspiel
-über den holprigen Waldweg, wo der Schnee getaut war und fast laues
-Vorfrühlingswetter herrschte.
-
-»Ich bin der erste Bergwerkfloh der Welt, der an das Tageslicht kommt,«
-sagte Zinnoberchen zum linken Ohre Häcksels.
-
-»Nun weiß ich, warum ich so zufrieden bin,« meinte das rechte Ohr zum
-linken Ohr, »weil ich Bergwerkgesellschaft habe am hellen Tag.«
-
-Zinnoberchen hing sich an einem Schläfenhaar fest und schaukelte an
-diesem Haar im Winde hin und her, denn es war ihm kreuzwohl.
-
-Plötzlich aber fuhr dem Häcksel ein schrecklicher Gedanke durch das
-rechte Ohr, und fuhr ihm vom Ohr in Hals und Brust, so daß er heftig
-und schmerzhaft husten mußte.
-
-Die Flöhin sprang bei der Erschütterung aus dem Haar fort und rasch
-hinter Häcksels Ohr, kam aber gleich wieder zurück, unerschrocken, und
-hing sich wieder fest an das Schläfenhaar und schaukelte weiter.
-
-Der wilde Gedanke schoß aber in Häcksel kreuz und quer und rief:
-
-»Vielleicht ist dir deshalb heute ein Bergwerkfloh zum erstenmal ans
-Tageslicht gefolgt, weil es heute in der Grube ein Unglück gibt. Denn
-man sagt, die Bergwerkflöhe verlassen nur dann die tiefen Stollen, wenn
-sie schlagende Wetter vorauswittern.«
-
-Dieses wußte Häcksel aus dem Munde seines seligen, außerehelichen
-Vaters.
-
-»Nein, nein und nochmals nein,« antwortete aber darauf das linke Ohr,
-das von Zinnoberchen beraten war. »Es ist eine höhere Notwendigkeit,
-warum ich das Bergwerk heute verließ.«
-
-»Eine höhere Notwendigkeit?« echote es in Häcksel erstaunt.
-
-»Jawohl,« rief die Flöhin auf Häcksels Kopf von links. »Daß ich
-heute reise, geschieht aus allerhöchster Notwendigkeit. Ich bin eine
-Abgesandte. Ich muß Flohmänner ins Bergwerk herbeiholen, frische
-kräftige gesunde starke Flohkerle.«
-
-»Warum ist Stänker, mein Leibfloh, zu diesem Auftrag nicht gut genug
-gewesen,« fragte Häcksel ein wenig verletzt die Flöhin.
-
-»Hat man je gehört, daß ein Flohkerl so reizend ist, daß seinetwegen
-andere Flohkerle einen Sprung machen? Es muß schon eine Flöhin kommen,
-wenn Flohmänner sich holen lassen sollen.«
-
-»Und da hat man dich also, die Zarteste, mit mir nach München
-geschickt?«
-
-»Ach was! Man hat nicht mich mit dir geschickt. Sondern du bist von
-mir und uns allen ausersehen worden, mich nach München zu bringen,«
-behauptete die Abgesandte hinter Häcksels Ohr.
-
-»Ich gehe meinethalben und nicht deinethalben, nicht in
-Flohangelegenheiten, sondern in meinen gesunden Todesangelegenheiten
-gehe ich nach München,« meinte Häcksel störrisch, als eben das
-Morgenlicht aus den Waldbäumen grell auf seine Nase schien. »Licht und
-Lärm kommen immer zusammen,« fügte er mürrisch und gereizt hinzu.
-»Wenn ich nun aber umkehre?« setzte er fort. »Was dann?«
-
-»Dann lassen wir dir irgend etwas Schlechtes geschehen. Unsere Art zu
-erhalten, dazu ist uns kein Ausweg zu ungeheuer. Und ein Menschenleben
-ist noch lange kein Flohleben wert, noch dazu ein so wackeliges
-Menschenleben wie deines, das nur noch an einem Faden, sagen wir
-lieber, nur noch an einem Fädchen hängt.«
-
-»Ich wußte es ja,« schmunzelte Häcksel plötzlich aufgeräumt. »Ich
-sterbe bald. Ich habe es auch nur deshalb so eilig, weil ich die alten
-Gulden umwechseln will, um Geld zu einem schönen Begräbnis bereit zu
-haben.«
-
-»Den Glauben will ich dir gern lassen,« meinte die Flöhin zweideutig.
-
-»Wie meinst du das?« fuhr Häcksel auf. »Werde ich am Ende doch nicht
-bald sterben? Oder werde ich das Geld am Ende gar nicht zum Begräbnis
-verwenden dürfen?«
-
-»Das kommt darauf an. Versprechungen oder gar Belehrungen teilen wir
-Flöhe eigentlich selten aus. Wir denken zuerst an uns. Und da du als
-Mensch in unserer Flohgewalt bist, mußt du gehorchen.«
-
-»Hoho!« hustete Häcksel und hustete sich blaurot vor Eifer. »Ich bin in
-niemandes Gewalt. Ich bin ein freier Bergwerkarbeiter. Nicht mal der
-Grubenherr hat mir außerhalb des Bergwerkes etwas zu sagen. Heutzutage
-herrscht Freiheit im Arbeitervolk. Wir sind keine altmodischen Knechte
-mehr.«
-
-»Daß ich nicht lach,« kicherte Zinnoberchen und ließ das schaukelnde
-Schläfenhaar los, sprang zurück und biß herzhaft dem Häcksel in das
-linke Ohrwatschel, so daß ein Blutstropfen, groß wie der dickste Floh,
-dem Burschen aus der Haut quoll.
-
-Häcksel hielt wie immer still, wenn ihn ein Floh biß, teils um seiner
-Gesellschaft nicht verlustig zu gehen, teils weil er es so seit
-Väterszeiten im Bergwerk gewöhnt war.
-
-Zinnoberchen setzte sich an den Blutstropfen, sagte nichts mehr und
-frühstückte lebhaft beschäftigt, während der arme Bursche unter den
-kahlen Waldbäumen ging, manchmal von Husten geschüttelt und von Hunger
-gekrümmt.
-
-Als die Flöhin von Menschenblut satt war, sagte sie nicht einmal
-»danke«, sondern kroch unter dem Mützenrand unten durch auf Häcksels
-Kopf, wo die Luft zwischen Haar und Mützenfutter gemütlich warm war.
-Dort machte sie sich's bequem. Zuerst putzte sie ihre furchtbaren
-Beißwerkzeuge, strich dann ihre gewaltigen Springbeine glatt, dehnte
-sich und streckte sich auf dem weichen fettigen Haarboden zu einem
-Verdauungsschläfchen aus. Sie hüstelte nicht, sie dachte nicht an den
-Tod. Sie dachte nur an Lebensfortsetzung und Lebensgenuß. Sie murmelte
-im Einschlafen, indem sie mit den Hinterbeinen zum Vergnügen ein wenig
-auf den Haarboden trommelte: »Dummkopf! Dummkopf! Du meinst, du bist
-der Stärkere! Du, der mir doch zum Frühstück dienen muß!« Dann schlief
-die altadlige Flöhin aus dem vornehmen Bergwerkgeschlecht sanft ein,
-indessen der hungrige Bergmann unter ihr wie ein Kamel weitertrabte und
-hungernd und hustend den Bahnhof des nächsten Dorfes erreichte.
-
-Häcksel hatte auf der letzten Strecke zum Bahnhof stark nachgegrübelt,
-wie er unauffällig mit dem nächsten Zug nach München kommen könnte.
-Niemand sollte seine Abwesenheit oder seine Reise bemerken. Da war ihm
-eingefallen, daß immer ein langer Kohlengüterzug um diese Morgenstunde
-nach München fuhr. Er kannte aber den Bremser des Zuges, und dieses
-schien ihm gefährlich, denn er wollte sich niemandem anvertrauen, um
-seine Silbergulden ungestört umwechseln zu können. Er beschloß, sich
-unter einem Kohlenwagen anzuklammern und dort in dem Versteck sich nach
-München fahren zu lassen.
-
-Der Kohlenzug kam immer langsam und gemächlich daher und hielt einen
-Augenblick draußen vor dem Bahnhof, bis die Weiche gestellt wurde und
-er dann ebenso gemächlich weitertrotten konnte. Dieses hatte Häcksel
-früher beobachtet, und diesen Augenblick wollte er benutzen und sich
-unter den Wagen an den Ketten dort anhängen. Der Platz war schrecklich
-unheimlich und grauenhaft qualvoll, und der Güterzug würde erst in
-der Nacht in München ankommen. Aber was machte das dem Burschen, der
-so dringend ein reiches Begräbnis erster Klasse haben wollte. Für die
-Ehren, die seinen Leichnam später dann einmal erwarten würden, hätte er
-gern noch Schlimmeres ertragen.
-
-Indessen nun der junge Bergmann eingeklemmt und gemartert zwischen
-Rädern, Ketten und Eisenstangen hing und in ewiger Todesgefahr schwebte
-und der furchtbare Eisenlärm, das Schütteln und Rasseln und Stampfen
-des Wagens, unter dem er schweißtriefend angeklammert war, ihn zu
-betäuben drohte, schlief die Flöhin im Kopfhaar des Burschen köstlich,
-und wenn sie hungrig wurde, krabbelte sie an Häcksels Nacken entlang
-und suchte sich eine möglichst zarte Stelle seines Rückens oder seiner
-Brust aus, biß herzhaft zu und sog das süße heiße Menschenblut in sich
-ein.
-
-So kamen beide, jedes auf seine Art, vorwärts. Der Mensch geplagt,
-geängstigt und verliebt in seinen Tod, der Floh zufrieden, gesättigt
-und verliebt in Blut und Leben.
-
-Spät in der Nacht fuhr der Güterzug langsam in den Bahngeleisen von
-München ein. Unbemerkt machte der erschöpfte blinde Mitreisende sich
-unter dem Wagen los und schlich sich im Güterbahnhof auf Seitenwegen
-über Schienen, über einen Stachelzaun und eine Plankenwand kletternd
-davon.
-
-Der Güterbahnhof lag abseits, und in dem Stadtviertel in nächster Nähe
-standen einfache schweigende Häuserreihen, und in weiten Abständen
-brannten einsame Laternen. Häcksel wollte einen Gasthof aufsuchen und
-am nächsten Morgen die alten Guldenstücke umwechseln und dann mit
-der Bahn gemächlich auf einem Sitzplatz zurückfahren und auf einer
-Haltestelle, etwas entfernt vom Heimatdorf, aussteigen. So würde dann
-die Reise unbemerkt geblieben sein, er wäre dann nur als Waldverirrter
-in die Kohlengrube zurückgekehrt und hätte ohne viel Worte seine Arbeit
-im Stollen aufgenommen, nachdem das gewechselte Geld im Strohsack
-versteckt und eingenäht worden wäre.
-
-Aber es sind immer bei Entschlüssen mehrere Mächte mitbeteiligt, und
-niemand führt einen Entschluß allein aus. Das sollte jeder bedenken,
-ehe er Heimliches tun will. Unser Alleinsein ist immer nur ein
-scheinbares, in Wirklichkeit ist jedes Handeln unsichtbar mit tausend
-Mithandelnden verknüpft.
-
-So hatte Häcksel nicht daran gedacht, daß nach der langen Fahrt unter
-dem Kohlenwagen sein Kopf betäubt, seine Kräfte erschöpft, sein Herz
-schreckhaft und gedankenlos sein würde, wie es nicht am Morgen, da er
-frisch ausgeschlafen die Reise angetreten, gewesen war.
-
-Außerdem hatte er vergessen, daß es Fastnachtsonntag war. Der
-Fastnachttrubel in der Großstadt München war ihm ganz unbekannt.
-Häcksel lebte jahraus, jahrein menschenscheu und ins Bergwerkleben
-versunken, so daß er ganz abseits stand von allen Lebenserfahrungen.
-Nie war er in einer Stadt gewesen, nichts wußte er von Faschingstagen,
-nichts vom närrischen Treiben einer Maskenwelt, die er nie gesehen oder
-erlebt hatte.
-
-So ging er, in München angekommen, mit schwankenden müden Knien unter
-den dunkeln Vorstadthäusern hin, die ihn mit ihren vielen Stockwerken
-und ihren vielen dunkeln Fenstern einschüchterten. Als seine Schritte
-in der Nacht so einsam auf dem leeren Vorstadtpflaster hallten, wurde
-ihm schwindlig vor Hunger, Schwäche und Aufregung. Und ängstlich
-gemacht, weil er glaubte, die stillen Häuserbewohner wecken zu können,
-zog er seine harten Stiefel aus und ging auf lautlosen Socken weiter.
-
-Er hatte keine Ahnung, daß in den leeren Häusern, die meistens
-Neubauten waren, noch gar keine Menschen wohnten, und so schlich er an
-den unbewohnten frischweißen Häusern stumm und behutsam und lautlos
-wie ein Nachtvogel hin und wußte nicht, daß er wie ein ertappter Dieb
-aussah.
-
-Zinnoberchen aber, seine Flohherrin, war längst wach und aufmerksam
-und witterte mit Begierde, von Häcksels linker Schläfe aus, die
-tausend Flöhe der Stadt München, die jetzt in der Nacht alle auf
-waren und springend bei Tanz und Leibesfreuden wacher als die Sterne
-am kalten Februarhimmel lebten. Trotzdem die Häuser hier unbewohnt
-waren, witterte die eifrige Flöhin den menschlichen Blutgeruch aus den
-nächsten bewohnten Stadtteilen, und Häcksels Beine gingen ihr viel zu
-langsam vorwärts; sie wäre am liebsten in großen Sprüngen über die
-nächsten Dächer dem vor Schwäche taumelnden Häcksel vorausgeeilt.
-
-Und nun stieß Häcksel gar mit dem Kopf an einen Laternenpfahl, wankte
-und fiel, von Hunger und Überanstrengung geschwächt, besinnungslos
-neben der Laterne nieder.
-
-Das brachte die Flöhin ganz aus ihrer Ruhe, und sie stieß einen jener
-Pfiffe aus, den nur die feinen Flohohren hören können, der aber weiter
-zu hören ist als jeder Menschenruf. Dem groben Menschenohr aber ist ein
-Flohpfiff zu fein, das menschliche Trommelfell steht wie eine Mauer
-tot dort, wo ein Flohohr noch Laute hört. Sofort antwortete der Flöhin
-ein Antwortpfiff. Es war aber kein Floh, sondern auch eine Flöhin,
-die sich aus einem Neubau bemerkbar machte. Im dunkeln Bau brannte
-ein rotglühender Trockenofen und dort bei dem Arbeiter, der den Ofen
-bewachte, saß ein Mädchen auf ein paar aufgeschichteten Backsteinen.
-Das hatte die Flöhin, die Häcksels Flöhin zupfiff, im Nacken sitzen.
-Der Arbeiter vor dem Ofen hatte eine Teufelsmaske auf seine Stirn
-hinaufgerückt, so zeigte er zwei Gesichter übereinander. Der Mann war
-gerade von einem Maskenball in der Nacht auf den Bau gekommen, und
-seine Tänzerin, die eine »Königin der Nacht« vorstellte, hatte ihn
-begleitet. Beide stritten eben, wer von ihnen das meiste seiner Habe
-zum Pfandhaus getragen habe. Das Mädchen behauptete, sie habe nur noch
-einen Sonnenschirm bei einer Tante vergessen, den könne sie morgen noch
-versetzen. Der Arbeiter aber behauptete, das Mädchen habe ihn betrogen,
-weil sie bei einer Freundin noch ein Bügeleisen verborgen halte, das
-sie nicht versetzen wolle. Er sagte, er wolle morgen nicht mehr mit ihr
-zum Tanzen gehen, sie solle sich einen andern Tänzer suchen.
-
-»Ich habe auch noch einen Floh, den ich nicht versetzt habe,« lachte
-das Mädchen übermütig und sagte frech, sie werde sich nicht erst
-morgen, sondern gleich für diese Karnevalsnacht noch einen neuen Tänzer
-suchen.
-
-Der Arbeiter gab ihr einen Tritt, daß sie von den Backsteinen aufflog
-und es an der Zeit fand zu verschwinden. Aber ehe sie ging, warf sie
-noch einen Backstein hinter sich in den Trockenofen, so daß Funken und
-Feuer dem fluchenden Mann um seine zwei Gesichter flogen.
-
-Die Königin der Nacht öffnete rasch die Plankenzauntüre und wollte
-nochmals dem Arbeiter eine rohe Antwort zurückrufen, als sie nahe bei
-sich unter der nächsten Laterne den ohnmächtigen Häcksel liegen sah.
-
-Inzwischen hatten sich aber die beiden Flohweiber schon laut
-verständigt und verstanden.
-
-»Ich habe da einen Esel von einem Kerl,« rief Zinnoberchen der andern
-Flöhin, die sich »Vielliebchen« nannte, zu. »Ich will nicht in der
-Nacht mit dem Dickschädel zusammen erfrieren. Wissen Sie nicht, wie
-man einen solchen Tölpel zur Besinnung zurückruft? Ich habe nämlich
-Eile und will auf ihm weiterreiten. Nein, was einen doch manchmal die
-Menschentiere ärgern können! Ich habe ihn schon in den Augendeckel
-gebissen, aber er schlägt die Augen nicht auf.«
-
-»Guten Abend,« rief Vielliebchen vom Nacken des Mädchens. »Ist Ihnen
-Ihr Mensch gestürzt? Ach Gott, springen Sie doch lieber ab und kommen
-Sie herüber zu mir. Ich nehme Sie auf meinem Vieh mit zur Stadt.«
-
-»Ach, nein, das geht nicht,« pfiff Zinnoberchen, »ich würde den
-Schwächling schon gern verlassen, da er doch bald krepiert, der Kerl.
-Aber erst muß er mich doch noch nach unserem Bergwerk zurücktragen.«
-
-»Ah, ah, Sie sind aus einem Bergwerk,« wunderte sich die Stadtflöhin
-laut. »Sie sind wohl zum Tanzvergnügen in die Stadt gekommen?«
-
-»Ja, hm, hm,« meinte die Flöhin Häcksels, welche sich ärgerte, daß die
-Rednerin kein Floh war, den sie hätte ins Bergwerk einladen können.
-Doch ihren Auftrag, Männer zu suchen, wollte sie nicht gleich verraten.
-
-Der Kopf der »Königin der Nacht« bog sich eben ganz nah über
-Häcksels Kopf, und die beiden Flohfrauen konnten sich schweigend
-betrachten, indessen die maskierte Menschenfrau die Westentaschen des
-besinnungslosen Bergmannes nach Geld durchsuchte. Als sie nichts fand,
-nahm sie die Stiefel, die neben Häcksel lagen, und warf den einen über
-den Bretterzaun dem Arbeiter am Ofen an den Kopf.
-
-»Das geht nicht. Den Stiefel her, sie muß sofort den Stiefel wieder
-holen,« begehrte heftig ärgerlich Zinnoberchen. »Wir brauchen den
-Stiefel zum Heimweg.«
-
-»Den Stiefel her,« rief jetzt auch Vielliebchen.
-
-»Er kommt schon,« antwortete ein dritter weiblicher Floh fernher vom
-Bauch des Arbeiters am Trockenofen. Und zugleich warf der erboste
-Arbeiter, der das Wurfgeschoß im Eifer für einen zweiten Backstein
-gehalten hatte, den Stiefel über den Zaun zurück, und er fiel Häcksel
-auf die Stirn, so daß der Besinnungslose erwachte, als eben die
-Maskierte seine Hosentasche nach Geld durchsuchen wollte.
-
-»O, o,« seufzte Häcksel und starrte auf die in schwarze Schleier
-gehüllte Gestalt, an der unzählige stählerne aufgenähte
-Paillettensterne im Laternenlicht bläulich glitzerten. »Wer bist du?«
-fragte der Erwachte.
-
-»Wer ich bin? Ich bin halt eine von der Gasse. Ach, du betrachtest
-meine Sterne am Gewand! Ja, ich stelle nämlich die Königin der Nacht
-vor. So heißt man meine Maskentracht.«
-
-Verdutzt und verblödet vor Schwäche und Staunen schüttelte Häcksel den
-Kopf.
-
-»Wenn ich nur was zu essen hätte,« murmelte er, »dann wär alles gut.«
-
-»Wenn du ein Geld hast, gehst halt mit mir; ich bring dich schon wohin,
-wo du bald satt wirst.«
-
-Erschrocken fuhr Häcksel mit den Händen um seinen Leib und tastete
-nach seinem Leibgurt, und er wurde kräftig, als er merkte, daß ihm die
-Silbergulden nicht fehlten.
-
-Nachdem er verwundert zugesehen, wie ihm die Königin der Nacht
-geholfen, die Stiefel anzuziehen, wanderten beide nebeneinander weiter.
-
-Aber vorher sah Häcksel noch etwas Schreckliches. Er erblickte durch
-die offenstehende Plankentür im Erdgeschoß eines Hauses einen großen
-fensterlosen Raum, dort stand ein glühender Ofen, und vor der offenen
-roten Ofentüre stocherte ein Mann mit zwei Gesichtern im Feuer herum.
-
-»Was tut der dort?« stotterte Häcksel erschrocken.
-
-»Komm weiter!« sagte die geheimnisvolle Schwarzverschleierte, »das ist
-mein Schatz gewesen, der war mit mir beim Tanzen heute. Aber ich laß
-ihn laufen, weil der arme Teufel kein Geld nie hat. Du bist jetzt mein
-Schatz, wenn du ein Geld hast. Aber erst zeigen!«
-
-»Was zeigen?« fragte Häcksel.
-
-»Geld zeigen,« schnauzte ihn die Königin der Nacht barsch an.
-
-»Niemals,« gab der Verwirrte zurück. »Das ist mein Begräbnisgeld, das
-verausgabe ich nicht fürs Tanzen. Das gäb ich auch nicht dem Teufel!«
-
-»Was, du Aff, du blöder,« kreischte ihn das Frauenzimmer an. »Von mir
-aus kannst du dich auf dem Mist begraben lassen!« Und da sie von fern
-den Schritt eines Schutzmannes hörte, gab das Frauenzimmer dem Häcksel
-eine sausende Ohrfeige und sprang in die Nacht davon.
-
-Dieser Backenstreich hatte das Gute, daß er den Burschen wärmer machte,
-als wenn er einen Kognak bekommen hätte. Und ganz wach geworden, begann
-auch er zu laufen, so rasch er konnte, dorthin, wo am Ende der dunklen
-Neubautenstraße der Nachthimmel heller leuchtete, und wo ihm Leben zu
-sein schien, das ihn lockte.
-
-»Danke Ihnen!« hatte Zinnoberchen dem Vielliebchen noch nachgerufen,
-als sie spürte, wie ihr Menschenvieh wieder flott weitertrabte. Sie
-hatte, während Häcksel sich mit Hilfe des Mädchens aufgerafft hatte,
-allerhand Ratschläge von der Flöhin erhalten, besonders nachdem
-sie berichtet hatte, welches ihr Reisezweck war. »Sie müssen Ihren
-Kerl in ein Haftlokal lenken,« hatte ihr die kluge Stadtflöhin noch
-zuletzt geraten. »Dort wimmelt es von allerhand Möglichkeiten,
-Flohmännerbekanntschaften zu schließen.« Dann hatte sie ihrem
-Menschenvieh ins Ohr geschrien: »Haue ihm eine Ohrfeige hin.« Was
-auch geschah. Also ermuntert von dem guten Einfall Vielliebchens, war
-Häcksel stark und unternehmend ins Leben zurückgekehrt und fühlte
-sein Blut besonders auf der linken Gesichtshälfte, wo der Schlag
-hingefallen, angenehm warm kreisen.
-
-Man ist doch in der Hauptstadt gleich mitten im Leben, dachte heiß
-der Geohrfeigte. Die Königin der Nacht und der Teufel sind mir schon
-begegnet. In unserem Bergwerk daheim werden die Flöhe staunen, wenn sie
-davon hören.
-
-Und er überzeugte sich, mit dem Zeigefinger hinter sein Ohr tastend,
-daß er die Flöhin Zinnoberchen noch nicht verloren hatte, und war
-zufrieden darüber.
-
-Dann fand Häcksel endlich eine lebhaftere Straße, und da funkelte
-Licht, und erleuchtete Wagen ohne Pferde surrten heran und jagten
-vorüber. Und in der nächsten Straße war so viel Licht, als wenn Häcksel
-einen Schlag mit der Faust ins Auge bekommen hätte und Feuerfunken
-tanzen sehen könnte. Menschen, Männer und Frauen, Arm in Arm, sich
-wiegend und lachend und kreischend, kamen herangezogen. Manche hatten
-weiße, andere rote, andere schwarze Gesichter, und einige hatten
-besonders große Nasen vom Gesicht abstehen, aber alle grinsten
-vergnügt. Häcksel hatte niemals ähnliche Menschen gesehen und wurde
-scheu und ängstlich. Und wie er an ein besonders hellerleuchtetes
-Haus kam, dachte er, das müsse ein Gasthaus sein. Denn es war ein
-leuchtendes Schild davor, das glänzte auf und verschwand, und der Wirt,
-der das Gasthaus besaß, hieß »Kino«.
-
-Der Mann stand in einem langen grünen Rock vor der hellerleuchteten
-Türe, und viele goldene Knöpfe glänzten an ihm und goldene Tressen.
-
-»Ach, Herr Wirt,« grüßte Häcksel den Türwächter des Kinotheaters, das
-er für ein Wirtshaus hielt, »kann ich hier ein Glas Bier trinken.«
-
-»Natürlich,« nickte der, »Bier gibt es auch in den Zwischenpausen.«
-
-Dann mußte Häcksel an einer Kasse einen Platz für das Biertrinken
-bezahlen und kam in einen dunkeln Saal, wo man mit dem Licht sparte.
-Das kam ihm seltsam vor. Im dunkeln Saal war nur eine helle Wand, durch
-die sah man hinaus auf eine lebendige Welt.
-
-Häcksel dachte: Die Leute sitzen hier wie in der Kirche, und die
-Dunkelheit ist gruselig, vielleicht ist das das Jüngste Gericht. Denn
-alle Anwesenden waren totenstill und alle sahen auf Schattenmenschen,
-die auf einer Wand erschienen und zitternd in einem Lichtstrahl
-vorüberliefen, lautlos und ohne Stimme, und dazu ertönte von
-unsichtbaren Musikanten eine Musik. Aber Häcksel nahm sich vor,
-lieber auch auf das Glas Bier zu verzichten, als sich dem totstillen
-Jüngsten Gericht auszuliefern und einzugestehen, daß er einen Gurt voll
-unrechtmäßig erworbener Silbergulden bei sich habe.
-
-Er drehte sich rasch entschlossen auf dem Absatz um und lief wieder
-auf die Straße hinaus.
-
-Da kam ein erleuchteter langer Straßenbahnwagen gefahren, und Häcksel
-sah, daß viele Leute dort in den Wagen einstiegen. Und allen Leuten
-glitzerten bunte Kleider unter den Mänteln, und alle trugen bunte
-Mützen, und die Frauen hatten Kapuzen überm Kopf, und alle kicherten
-und lachten und kreischten, und sie waren so vergnügt, als ob sie in
-den Himmel führen.
-
-Und Häcksel drängte auch mit in den Wagen, und als das Gefährt sich
-bewegte, begann er zu schwanken und fiel auf den Schoß eines Mannes,
-der hatte einen pechschwarzen Backenbart um ein rosiges Gesicht
-hängen. Und er hatte einen breiten Leibgurt und war in tiroler Tracht
-gekleidet, und auf dem Gurt stand mit silbernen Fäden gestickt:
-»Andreas Hofer«.
-
-Daß das der Andreas Hofer selbst war, glaubte Häcksel nicht. Er müßte
-höchstens dann von den Toten auferstanden sein. Aber es war vielleicht
-ein Verwandter von Andreas Hofer, der den Gurt geerbt hatte, meinte der
-Bergmann. Und wie er noch ganz verblüfft dem Andreas Hofer im Schoß
-saß, schien ihm der Mann so anziehend, als wenn er gar kein Mann,
-sondern eine Frau wäre. Und er blieb ruhig sitzen, wo er warm und weich
-saß, weil gar kein Platz im Wagen war als auf dem Schoß von Andreas
-Hofer.
-
-Inzwischen flüsterte ihm dieser heimlich ins Ohr: »Ich heiße Ida
-Fliegenhitzer. Willst mit? Dann bist gern eingeladen!«
-
-Der Häcksel war zwar ein schwachbrüstiger, sonst aber ein ganz
-schmucker Bursch. Wenn er nicht die Schwindsucht gehabt hätte, wäre er
-eine Männerschönheit gewesen. Es fehlte ihm nichts als rote Backen und
-ein Brustkasten.
-
-Eine wunderschöne Stadt, diese Stadt München! Die Männer verwandeln
-sich in Weiber, sogar wenn sie vorher Andreas Hofer geheißen haben und
-einen schwarzen Backenbart besitzen.
-
-Also ging Häcksel mit der Ida Fliegenhitzer in ein Bräu, nachdem sie
-ihm vorher gezeigt hatte, daß ihr Bart nicht angewachsen war. In dem
-Brauhaus war es noch erstaunlicher als auf der Straße.
-
-Im Gedräng erschien dort plötzlich ein Mann mit goldener Krone auf dem
-Kopf, das war der König, und er hatte auch einen roten Mantel und ein
-goldenes Zepter. Der nahm augenblicklich dem Häcksel die Andreas Hofer
-vor der Nase weg und hob sie auf seine Schulter und trug sie davon.
-
-Der Häcksel staunte schon bald über gar nichts mehr, auch nicht, als
-er sich ein Glas Bier bestellte und es ihm von einem vorübertanzenden
-Neger mitgenommen und ausgetrunken wurde.
-
-In der Straßenbahn war der Bergmann im Gedräng mitgefahren, ohne zu
-bezahlen; im Kino hatte er das einzige Zehnmarkstück, das er bei
-sich hatte, aus der Hand verloren oder hatte es dem Andreas Hofer in
-den Schoß fallen lassen; er wußte es nicht mehr genau. Er wußte nur,
-daß er plötzlich kein Geld hatte als die ungewechselten altmodischen
-Silbergulden. Als ihm das Bier ausgetrunken wurde, bezahlte er es
-nicht, sondern drückte sich heimlich auf die Straße zurück.
-
-Dabei fühlte Häcksel plötzlich, daß ihm viel Leben in die Kleider
-gekommen war. Denn die Bergwerkflöhin hatte überall im Gedräng
-Flohgenossen gewittert und diese laut zu sich eingeladen, und die
-Neuangekommenen untersuchten nun das Vieh, das die Flöhin ritt, um
-sich zu entscheiden, ob diese Menschenart ihnen zusagte, ehe sie
-einwilligen wollten, die Reise nach dem Bergwerk mitanzutreten.
-
-Das Zinnoberchen lobte Häcksels Blut über alle Maßen. Es wäre besonders
-süß, sagte sie, da der Bursch immer Fieber habe, und deshalb sei sein
-Blut immer um einiges wärmer, als Menschenblut sonst ist.
-
-Die Flöhe aber waren alle zimperliche verwöhnte Stadtherren und fanden
-gar keinen Gefallen an Häcksel. Sie nahmen sich vor, einer nach dem
-andern wieder im Gedränge abzuspringen und die Bergwerkflöhin mit ihrem
-Menschenvieh allein zu lassen, denn sie fanden sein Blut matt und
-abgestanden. Trotz der Ohrfeige, die, wie die Flöhin ihnen versicherte,
-das Vieh eben bekommen habe, fanden sie das Bergmannblut nicht süß,
-sondern säuerlich. Ein älterer Flohherr gab der Bergwerkflöhin noch
-rasch einen guten Rat, ehe er zum Absprung ansetzte. Sie müsse den
-Menschenkerl in ein Haftlokal bringen, dort wäre manchmal eine Zufuhr
-von frischen Arbeiter- und Kroatenflöhen vorrätig. Diese könnten dem
-Bergwerk gut zur Auffrischung der Lebenslust dienen.
-
-Häcksel, dessen Magen leer und überhungert war, schwankte wieder in
-das Brauhaus zurück, denn es war ihm zu seinem Hunger auch noch ein
-großer Schrecken in die Glieder gefahren. Er hatte draußen unter einer
-Laterne den leibhaftigen Tod aus einer Droschke aussteigen sehen.
-Eine lange weiße Gestalt mit einer Sense in der Knochenhand hatte
-er gesehen, und unter einem weißen Laken grinste ihn ein Totenkopf
-so schaurig an, wie nur die Totenköpfe der Verschütteten ausgesehen
-hatten, die Häcksel im blinden Stollen ausgegraben, ehe er auf den
-Geldgurt gestoßen war.
-
-Rasch wendete sich Häcksel, am ganzen Leibe schlotternd, wieder in
-das Brauhaus zurück und ließ sich vom Gedränge vorwärtsschieben, halb
-erwürgt von Hunger, Durst, Schwäche und Angst.
-
-Da stand ein hübsches Mädchengesicht vor ihm; das war von einem
-Vergißmeinnichtkranz umrahmt, und kleine flachsblonde Locken kräuselten
-sich ihr zierlich um Stirn und Nacken und verdeckten die Ohren. Vom
-Kopf fiel ein bräutlicher Schleier, der war dem blonden Geschöpf unterm
-Kinn zusammengebunden und hüllte auch den Körper zart und dicht ein.
-Auch Silberspangen und Silbergürtel glänzten an ihr.
-
-»Bist du mein Schutzengel?« stieß der geängstigte Häcksel hervor. Die
-weiße Gestalt nickte geheimnisvoll und hing sich an seinen Arm und
-legte ihren weißbehandschuhten Zeigefinger auf ihren Mund, zum Zeichen,
-daß sie schweigen müsse.
-
-Der Bursche war froh, daß er nach dem Anblick des Totenkopfes jetzt von
-dem vergißmeinnichtbekränzten Mädchen begleitet wurde. Er bestellte bei
-der Kellnerin zwei Glas Bier und vieles Essen und entschloß sich, die
-Zeche von seinem Begräbnisgeld zu bezahlen.
-
-»Du bist ja so blaß,« wisperte der Schutzengel und schmiegte sich am
-Biertisch, der dichtbesetzt war, auf Häcksels Schoß. Die Bekränzte
-reichte ihm dann aus ihrem Handtäschchen einen Spiegel und einen roten
-Stift. Während Häcksel in den Spiegel guckte, malte das Mädchen ihm
-gesunde rote Backen und eine kräftige rote Nase in sein Gesicht.
-
-Häcksel mußte lachen und sich wundern über das, was die Schutzengel
-alles verstehen. Er, der kranke blasse Häcksel, sah nun wie das
-glühende Leben aus. Mindestens so rot, als ob er zwei neue Ohrfeigen
-links und rechts und einen Faustschlag auf die Nase bekommen hätte.
-
-Während er eben erleichtert aufatmen wollte, fand er sich ums
-Zwerchfell besonders leicht geworden, und er bemerkte, wie ihm sein
-Schutzengel den schweren Geldgurt abgeknöpft hatte, indessen er in sein
-gesundes rotbackiges Spiegelbild vertieft gewesen. Der Schutzengel
-wollte eben den Gurt in der Tiefe seiner Schleier verschwinden lassen,
-als Häcksel zugriff und den Gurt heftig an sich riß.
-
-Dieses geschah im gleichen Augenblick, als die Kellnerin mit vielen
-Tellern und Schüsseln, voll mit leckerem Braten, Kraut, Kartoffeln
-und Brot und mit Biergläsern beladen, sich über den Tisch beugte und
-Essen und Trunk vor Häcksel niedersetzte. Die Bratendämpfe stiegen dem
-schwachen Burschen wunderbar anregend in die Nase, und er vergaß den
-Schutzengel einen Dieb zu nennen, da Bier und Speisen, die vor ihm
-hingerückt waren, ihn ganz mit Essensgier erfüllten.
-
-Aber ein lautes Klingeln und Rollen von vielen Silberstücken unter
-Tisch und Stühlen und der offene leichte Geldgurt, aus dem ihm alle
-Silbergulden fortgerollt waren, erschreckten ihn, und er fuhr auf.
-Der helle Schutzengel, der sich noch nach einigen Silbergulden gebückt
-hatte, verschwand rasch im Gedränge zwischen den nächsten Tischen.
-
-Die Leute in nächster Nähe, die das viele Geldherumrollen hörten,
-bückten sich alle zugleich und suchten nach dem Geld. Viele halfen die
-Gulden aufheben. Man lachte und brachte die Gulden zurück, aber viele
-Gulden blieben auch in den Händen der Suchenden und unter ihren Füßen,
-die sich fest daraufstellten und nicht weiterrückten.
-
-Häcksel bekam nicht die Hälfte der Gulden zurück, und der Gurt war viel
-leichter als vorher, und es schmerzte den Burschen sehr, als er dachte,
-um wievieles weniger schön sein Begräbnis nun werden würde. Und Schuld
-daran war sein diebischer Schutzengel.
-
-Inzwischen hatten sich auch einige Bratenteller geleert und das Bier
-war verschwunden, und nur ein Teller mit Brot war vor Häcksel stehen
-geblieben. Er war eben dabei, ein Brot zu nehmen und den ersten
-Bissen, den er an diesem Tag bekam, in den Mund zu stecken, als ihm
-das Brot aus der Hand genommen wurde und der Schutzengel wieder mit
-einem rothaarigen Menschen vor Häcksel stand und diesen für einen
-Falschmünzer erklärte.
-
-Die alten Gulden wären nachgemachte Gulden aus Zinn, erklärte der
-Rothaarige und forderte von Häcksel, daß er ihm augenblicklich den
-Ledergurt mit den Münzen ausliefere.
-
-Häcksel sagte das, was er sich für alle Fälle vorher zurechtgelegt
-hatte, er habe die Silbergulden geerbt.
-
-»Es sind Zinnmünzen,« erklärte der Rothaarige und winkte einem
-Schutzmann, der den Schutzengel und Häcksel beide zum Saal
-hinausdrängte. Viel Volk begleitete sie, und draußen wurden beide in
-die Droschke gepackt, aus der vorher der Tod ausgestiegen war.
-
-Dem Häcksel schwirrte der Kopf. Der Schutzengel aber und der
-Schutzmann, die mit ihm in der Droschke saßen, flüsterten miteinander.
-Dann hielt der Wagen, und beide stiegen aus und hießen ihn warten.
-Der Rothaarige, der beim Kutscher auf dem Bock gesessen hatte, sagte,
-nachdem er sich mit dem Schutzengel am Wagenschlag leise besprochen
-hatte, Häcksel müsse aussteigen und an einem Tor warten, bis sie
-wiederkämen. Wenn er sich aber rühren würde, dann kämen die Bluthunde
-hinter dem Zaun hervor und würden ihn zerreißen.
-
-Häcksel, der kaum noch vor Hunger und Aufregung sehen und hören konnte,
-setzte sich auf einen Prellstein am Tor nieder.
-
-Dort fand ihn nach mehreren Stunden ein seltsames Paar. Ein in ein Fell
-eingenähter Mensch, der einen künstlichen Löwenkopf aufgestülpt hatte,
-und ein kahlköpfiger Alter in grauem Kaftan, der eine Laterne in der
-Hand trug, die fanden Häcksel tief eingeschlafen.
-
-Der Löwe beschnupperte den Schlafenden, und der Laternenmann
-beleuchtete ihn, und dann setzten sich Löwe und Greis zu beiden Seiten
-neben Häcksel nieder und schliefen neben Häcksel ein. Die Laterne,
-die auf dem Pflaster stand, beleuchtete alle drei Gesichter, und
-auf Häcksels Stirn kamen seine Schicksalslenker zusammen. Das waren
-stattliche Flohkerle, die aus den Polstern der alten Droschkenkissen zu
-Häcksels Flöhin Zinnoberchen gehüpft waren. Die Flöhe berieten, was aus
-ihnen werden sollte, denn sie hatten gesehen, wie der Rothaarige, der
-Schutzmann und der Schutzengel Häcksels ganzes Geld behalten hatten,
-und sie wußten, daß diese Leute Spitzbuben gewesen waren.
-
-»Seid nur ruhig!« sagte ein Floh des Laternenmannes. »Wir treffen alle
-zusammen im Haftlokal wieder. Sie sind schon verhaftet worden, weil die
-vielen Silbergulden, die sie ausgaben, Verdacht erweckten.«
-
-Und ein Floh aus dem Löwenfell machte Zinnoberchen stark den Hof und
-tat sehr verliebt und versicherte, ihr bis ans Weltende folgen zu
-wollen. Als er aber von ihr seinen verliebten Willen erreicht hatte,
-sprang er vergnügt hoch in die Luft, kam aber aus der Luft nicht mehr
-zurück. Denn er war heimlich hinter den Plankenzaun gesprungen, wo ein
-Hühnerhaus stand, und dort ließ er es sich wohl sein bei den Flöhen der
-Hühner.
-
-Die Laterne brannte noch, als es schon Tag wurde, und der Löwe, der
-Greis und Häcksel, alle drei schliefen fest und schnarchten wie
-besessen, trotzdem die Bäckerjungen auf Fahrrädern mit Körben und
-Säcken voll Brot an ihnen vorbeiradelten und ihr Morgenlied pfiffen.
-
-Einmal aber versah sich einer der Bäcker aus Erstaunen über die drei
-Schläfer, so daß sein Rad an den Straßenrand stieß und sein Korb mit
-Brot im Bogen fortflog und gerade dem schlafenden Häcksel an die Stirn
-fiel.
-
-Häcksel erwachte, sah vor sich einen offenen Korb, der voll duftender
-frischer Brötchen war. Er griff mit beiden Händen zu, und er hatte
-bereits zwei Wecken verschlungen, als der gestürzte Bäckerbursche
-herbeigelaufen kam und ein großes Geschrei aufschlug, weil er Häcksel
-sah, der ein Brot nach dem andern verzehren wollte. Auch der Löwe
-und der Greis waren erwacht und griffen, da es sie hungerte, nach
-dem Brot. Als der Bäcker so sehr schrie, warf ihm der eine die
-brennende Laterne an den Kopf. Zuletzt aber, wie der Bäcker die
-drei einträchtlich seine Brötchen verschlingen sah und sie genauer
-betrachtete, lachte er hellauf und fuhr rasch radelnd davon, denn er
-war in der Nacht als weiblicher Schutzengel verkleidet gewesen und
-erkannte plötzlich Häcksel wieder, dem er das Silbergeld gestohlen
-hatte. Er war entschlüpft, als man seine Kameraden, den Rothaarigen
-und den Schutzmann, verhaftet hatte und hatte zu Hause seinen
-Vergißmeinnichtkranz, seine blonde Perrücke und sein Schleiergewand
-abgelegt und war in seine Bäckerei, wo er Lehrling war, geeilt, weil
-er die Wecken austragen mußte. Jetzt aber fürchtete er, von Häcksel
-erkannt zu werden, und eilte schleunigst fort.
-
-In dem Korb waren aber auch Bierbrezeln, und als der Löwe und der Greis
-sich satt gegessen hatten, ließen sie Häcksel den Korb und sagten,
-als er ihnen klagte, daß ihm sein Geld gestohlen sei, er solle die
-Bierbrezeln in den Wirtshäusern verkaufen, damit er Heimreisegeld
-bekäme. Dann raffte der Greis seine Laterne auf, und der Löwe verbeugte
-sich, und beide verschwanden am Ende der Straße im Morgennebel.
-
-Häcksel aber, dem der Mund trocken war, ging zu einer Straßenpumpe,
-wo eben ein Kutscher seinem Gaul Wasser gab. Er bat den Kutscher, daß
-er ihm vom Wasser aus der Pferdekufe trinken lasse. Als er getrunken
-hatte und sich aufrichtete, erzählte er auch diesem Kutscher, daß man
-ihm sein Geld gestohlen hatte. Der sagte, er habe schon davon gehört.
-Ein Kollege habe ihm heute morgen erzählt, daß zwei Fahrgäste, ein
-Rothaariger und einer, der als Schutzmann verkleidet war, einem Mann
-einen Ledergurt mit Silbergulden gestohlen hätten, und daß beide von
-wirklichen Schutzleuten zum Haftlokal geführt worden seien.
-
-Dem Häcksel wurde ganz wohl, als er das hörte, und er schenkte dem
-Kutscher die Bierbrezeln und bat, ihn dafür zu jener Polizeistation zu
-fahren, da er seinen Ledergurt wiederholen wollte.
-
-Der Kutscher tat das auch. Und Zinnoberchen, als es hörte, daß Häcksel
-freiwillig zum Haftlokal fahren wollte, war vergnügt und guter Dinge
-und vermißte ihren treulosen Floh aus dem Löwenfell nicht länger.
-
-Aber auch Flöhe bekommen nicht in allem ihren Willen. Häcksel wurde
-nicht ins Haftzimmer, sondern nur in die Polizeiwachtstube geführt.
-Dort fand die Flöhin gar nicht, was sie wollte.
-
-Man gab Häcksel seinen Gurt zwar nicht zurück, aber man zeigte ihm
-denselben, und er erkannte ihn als den seinen.
-
-Dann wurde ein Polizist beauftragt, Häcksel in sein Heimatdorf zu
-begleiten und dort in Erfahrung zu bringen, wie Häcksel zu dem
-Silbergeld gekommen sei.
-
-Häcksel behauptete immer noch, er habe es geerbt. So kam Häcksel auf
-Polizeikosten zurück in sein Heimatdorf. Nach langem Fragen glaubte
-man endlich Häcksel, und man ließ ihn wieder seine Bergwerkarbeit
-antreten.
-
-Zinnoberchen bekam inzwischen viele Junge. Es waren Flohkinder, von
-ihm, der damals in der Nacht über den Plankenzaun in den Hühnerstall
-geflüchtet war. Die Flohmänner waren ihr unterwegs alle wieder abhanden
-gekommen. Sie kehrte einsam und nur mit vielen Kindern beschenkt mit
-Häcksel ins Bergwerk zurück.
-
-Häcksel aber bekam zwar jenen Geldgurt zurück, doch fand sich kein
-einziger Silbergulden mehr in dem Gurt. Die letzten waren auf der
-Polizei herausgerollt, und niemand wußte wohin.
-
-Als Häcksel den leeren Gurt umschnallte, wurde er schwermütig. Er
-fieberte täglich heftiger und heftiger und wollte doch nicht sterben,
-da ihn kein Begräbnis erster Klasse erwartete.
-
-Häcksel hat sich dann im Bergwerkpferdestall anstellen lassen und kam
-gar nicht mehr an die Erdoberfläche. Davon, daß er überhaupt nicht
-mehr die Luft wechselte und immer in der durchwärmten Schachtluft
-wohlbeschützt dahinlebte, heilte seine Lunge aus, und er genas von
-seiner Schwindsucht und dem Fieber.
-
-Aber eines Tages schlug ihm ein Pferd, als er sich eben bückte, mit dem
-Hinterfuß vor den Kopf, da Häcksels Leibfloh das Pferd unsanfter als
-sonst in die Weichen gebissen hatte.
-
-Eine ganze Nacht lag Häcksel in seinem Blut unter dem Pferd. Niemand
-war da, und nur die Flöhe sahen von allen Pferderücken herunter
-neugierig zu, wie so ein Menschenvieh endlich einmal stirbt. Sie
-lachten und kicherten, bissen in die Pferdeweichen und hatten es
-wunderschön, indessen Häcksel nochmals die Nacht durchlebte, da er
-alles Geld verloren hat. Der Teufel mit zwei Gesichtern setzte sich
-auf eine Pferdekrippe in die Stallecke, wo der rote Laternenschein
-den Stall schwach aufhellte, und von der Decke über dem Heu, wo die
-Spinnweben dick festhingen, löste sich die Königin der Nacht los
-und krallte eine Hand in Häcksels Kopfwunde, die ihm der Pferdehuf
-geschlagen hatte.
-
-»Laß mich, laß mich,« krächzte der Verwundete und wälzte sich zum
-Vergnügen der jungen Flöhe hin und her. Und er sah dann, wie der
-schwarzbärtige Andreas Hofer mit der Königin der Nacht zu ringen
-begann. Es wurde im Stall heller, weil die Nacht von Andreas Hofer
-besiegt wurde.
-
-Dann nahte der vergißmeinnichtbekränzte Schutzengel und fragte Häcksel
-streng, ob er noch etwas zu gestehen hätte, er solle sich das Herz
-durch ein Geständnis erleichtern.
-
-Die Flöhe verfolgten von den Pferderücken herunter dieses Theater im
-fiebernden Hirn des Sterbenden mit Spannung. Denn da sie ihr Lebenlang
-mit dem Menschenblut des Häcksels aufgefüttert waren, verstanden sie
-dieses Blutes Sprache gut und sahen alles, was der Sterbende zu sehen
-vermeinte.
-
-»Ich wette, er wird nichts gestehen,« lachte der Jüngste der Flohbrut.
-»Gesteh nichts, sag nichts, es ist dein gutes Recht zu schweigen,« rief
-er mit Eifer zu Häcksel herunter.
-
-»Nein, sage es nur! Er weiß es ja schon selber, daß du die Silbergulden
-aus dem blinden Stollen gestohlen hast,« kreischte der Chor der andern
-frech und lustig.
-
-Häcksel schwieg und ächzte. Er schwieg auch, als alle Toten aus dem
-blinden Schacht mit vorwurfsvollen Gesichtern an ihm vorüberzogen.
-
-Da winkte der Teufel in der Ecke des Stalles, und herein sprang der
-Höllenhund und stand wie ein großer Löwe mitten im Stall und schüttelte
-sich knurrend.
-
-Aber zugleich kam auch ein Greis herein -- das war Petrus -- und faßte
-den Höllenhund an der Mähne, so daß er sich nicht auf Häcksel stürzen
-konnte.
-
-»Gesteh, daß du das Silbergeld nicht geerbt hast,« drohte der
-glatzköpfige Petrus und griff nach der Stallaterne und drohte,
-daß er das Lebenslicht in der Laterne, das dem Häcksel gehörte,
-ausblasen würde, so daß der Halsstarrige dann vom finstern Höllenhund
-verschlungen werden müßte.
-
-»Bravo,« lachten die Flöhe und höhnten, »siehst du, jetzt hast du dein
-erstklassiges Begräbnis im Bauch des Höllenhundes.«
-
-»Ich habe das Geld -- das gar kein Geld war, von dem ich gar nichts
-ausgegeben habe, von dem ich mir nicht einmal ein Glas Bier bezahlt
-habe, -- im Stollen ausgegraben und nicht geerbt,« schrie Häcksel.
-
-»Hier hast du ein Stück Holzkohle aus dem Feuerbecken des Teufels. Mit
-diesem schreibe dein Geständnis an die Kalkwand des Stalles, damit die
-Leute dein Geständnis schwarz auf weiß haben.«
-
-Dann, als Häcksel geschrieben hatte, sagte Petrus und hob den
-Zeigefinger drohend:
-
-»Siehst du, mein lieber Häcksel, du hast es erleben sollen, daß
-unehrlich angeeignetes Gut nicht den kleinsten Genuß bereitet. Und daß
-Diebstahl einem mehr Mühe, Schweiß und Ärger bereitet als die härteste
-ehrliche Arbeit, das weißt du jetzt.
-
-Da du aber im Leben bereits deine Tat gebüßt hast, will ich dir nun
-doch ein Begräbnis erster Klasse auf himmlische Staatskosten bereiten.
-Komm und steige in die Himmelskutsche, die vor der Stalltüre steht. Mit
-dir wird aber auch Zinnoberchen den Himmel und das Begräbnis erster
-Klasse teilen, denn der Pferdehuf hat sie auf deiner Stirn zertreten,
-als er dich traf.«
-
-Da erst erfuhr die Flohbrut den Tot ihrer Mutter. Und nun duckten sie
-sich alle vor Schrecken. Und das Pferdeblut und das Menschenblut in
-ihren Leibern wurde ganz blaß, und sie sprangen für diese Nacht weit
-fort in das Bergwerk und kehrten erst nach Tagen in den Stall zurück,
-als man Häcksels Leichnam an die Erdoberfläche gebracht und dort wieder
-in die Erde gebettet hatte.
-
-Dieses ist die Geschichte von Häcksel und den Bergwerkflöhen. Und wenn
-die Flöhe inzwischen im Bergwerk nicht doch ausgestorben sind, so leben
-sie heute noch dort, so frech wie damals.
-
-
-
-
-Zwei Reiter am Meer
-
-
-Einige Gäste erhoben sich und verabschiedeten sich von der in Trauer
-gekleideten Hausfrau und vom Hausherrn, der die Abschiednehmenden durch
-die Diele zum Vorzimmer begleitete.
-
-Ein Herr und ich waren allein die Letzten in dem großen
-Bibliothekzimmer, wo wir nach dem Abendessen, zu dem wir geladen
-gewesen, alle um einen runden Mahagonitisch beim Licht einer
-grünverschleierten elektrischen Hängelampe plaudernd gesessen hatten.
-
-Ich hatte mich an diesem Abend nicht viel am Gespräch beteiligen
-können. Die weitgeöffneten Türen in die erleuchteten Nebenräume, in das
-Musikzimmer, in den Speisesaal und in das Teezimmer, in denen überall
-sanftes Licht und eine unendliche Ruhe sich ausbreiteten, hatten meine
-Gedanken immer weiter von mir fortgezogen, und es war mir, als stünde
-mein Stuhl nicht im Bibliothekzimmer eines vornehmen Landhauses
-draußen im Waldhäuserviertel am Rande einer Weltstadt, sondern am
-Rande eines Weltteils stand ich und sah auf ein Weltmeer, auf einen
-grauen Ozean, dessen Wasserlinie in der Ferne zu Himmelswolken wurde,
-zu Nebelbrodem; und nur in weiten Abständen warf manches Mal eine
-langgezogene Strandwelle eine weiße Sprühschaumwolke in die Luft. Nur
-diese eine große Wellenzuckung zeigte Leben auf jenem Wasserweltteil.
-Sonst waren Himmel und Wasserfläche atemlos ausgebreitet und
-verschwanden weit draußen im Nichts der Unendlichkeit.
-
-Vor mir aber, ganz nahe am Wasserrand im Dünensande, lebte das rassige
-Gliederspiel zweier vorüberschreitender Reitpferde, die von zwei
-Menschen geritten wurden, die ich aber nicht näher beachtete, weil
-vorerst nur die beiden Pferde und das einheitliche ungeheuerliche
-Weltalleben von Meer und Himmel meine Aufmerksamkeit anzogen.
-
-Der Glanz von den Flanken der spiegelglatten Tiere und hie und da der
-Glanz im Meer, der von den weithin streichenden Linienwellen angeregt
-auf- und abzuckte, machten Pferde und Reiter wie zu Spiegelgebilden,
-zu Schattentänzern vor dem weiten Luft- und Wasserraum.
-
-Es war ein hoheitsvolles Schreiten in den Beinen und Fesseln der
-spielend und tänzelnd auftretenden Pferdegestalten. Es war wie ein
-Musizieren in der Luft, ein gaukelndes Tönespiel in der adligen
-Beweglichkeit der Tiere, als müßten das Meer und der Himmel zu einem
-riesigen Instrument werden, auf dem Melodien geboren wurden beim
-rhythmischen Vorwärtsschreiten beider Reitpferde.
-
-Es kam mir nicht zum Bewußtsein, daß der lautlose Dünensand alle
-Geräusche verschlucken könnte. Auch der Sand, schien mir, wurde zu
-rieselnden Tönen unter der Berührung der zierlichen und rassigen
-Glieder der Pferde.
-
-Das Weltall um die Reitenden tönte bald gedämpft jauchzend auf, bald
-klang es schneidend weh zu mir her wie die Geräusche der langen
-schneidenden Linien der flachen Strandwellen.
-
-Dieses Bild, das ich so lebendig sah, das Bild der zwei Reiter am Meer,
-hing im nächsten Zimmer, im Musiksaal, in goldenem Rahmen über dem
-Flügel. Ich konnte es vom Bibliothekzimmer aus nicht mehr sehen, aber
-das Bild kam immer wieder zu mir.
-
-Der Hausherr hatte mich, als wir nach dem Abendessen aus dem Speisesaal
-kamen, auf das Bild, das ihm das Lieblingsgemälde seines Hauses war,
-aufmerksam gemacht. Und ich hatte mich einen Augenblick auf eine
-Sessellehne gestützt und hatte meinen Körper am Sessel verlassen und
-war mit meinem Geist durch den Rahmen des Bildes aus dem Haus, aus dem
-Land weit fort gegangen und an den Meerrand getreten. Als wir dann
-später im Bibliothekzimmer um den runden Tisch saßen, war es, wie
-ich es eben beschrieb. Das Bild kam immer wieder zu mir. Es hob die
-Wände der Zimmer fort. Die Ruhe der beleuchteten Nebensäle wurde zur
-Ruhe des Weltmeeres, das gedämpfte Licht in den Räumen zur Ruhe des
-Himmelslichtes über den Urwassern.
-
-So wußte ich, als ich mechanisch aufgestanden war und der Hausherr mit
-einigen Gästen das Zimmer verließ, bald nicht mehr, was Wirklichkeit
-und was Unwirklichkeit war.
-
-Es stand eine weite gedämpfte Festlichkeit um mich, von der ich mich
-halb nicht trennen konnte, und halb wieder getrennt fühlte, da diese
-Festlichkeit nicht mir gehörte. Denn es war die Festlichkeit der
-Schmerz und Freude ausgleichenden Todesstunde, die aus den Zimmern
-dieses Hauses noch nicht gewichen war, die den Alltagsräumen eine
-höhere Verklärung hatte geben können, als es sonst hier laute Feste
-vermocht hatten.
-
-Ich war in demselben Hause vor Jahren zu einem großen Abendfest
-gewesen, aber die erlesen geschmückten Frauen und geistesgewandten
-Männer hatten bei Tanzschritten, Witz und Fröhlichkeit, bei Wein und
-Musik keine ähnliche Größe der Festlichkeit schaffen können, keine
-ähnliche Erhöhung des Hauses, wie es jetzt ein einziger Mensch getan,
-ein junger Mensch, der einzige Sohn, der durch seinen Todesschritt das
-Haus an den Rand der Unendlichkeit gestellt hatte. Wie diesem war es
-nur dem Künstler gelungen, das Haus fortzuheben, ihm, der jenes Gemälde
-geschaffen, das nicht bloß über dem Flügel im Nebenzimmer hing, sondern
-das die Kraft hatte, Haus und Beschauer an das Erdende zu entrücken,
-dorthin, wo das Reich der fliehenden Wasser, das menschenleere Reich
-der Ozeane beginnt, darauf der Mensch nur zeitweiliger Gast sein, aber
-nicht Fuß fassen kann, wo ihn Tiefe und Weite verschlängen, wenn er die
-Grenze von der Wirklichkeit zum Nichts überschreiten würde.
-
-Ich stand noch unschlüssig, überlegend, ob ich den Gästen, die gegangen
-waren, folgen sollte, oder ob ich noch bei der Todesfestlichkeit, die
-in diesen Räumen lag und mich anzog, verweilen durfte.
-
-Der Gestorbene war ein junger Musiker gewesen. Drüben am Flügel
-hatten Mutter und Sohn oft Stunden verbracht, wenn sie sang, was
-der junge Mann erdacht; wenn er ihr vorspielte, was die Stimme
-seiner Jünglingsgefühle, seines Jünglingsernstes und seiner
-Jünglingseinsamkeit auftönen lassen mußte.
-
-Damals waren beider Herzen, das der Mutter und das des Sohnes, wie die
-zwei Reiter am Meer gewesen, deren Pferde im gleichen Takt schritten,
-und die melodisch vor der Unendlichkeit des Himmels und des Meeres, vor
-der Zukunft und vor der Vergangenheit hinzogen.
-
-Nun war die Einheit zerrissen. Die zarte und zierliche, tief getroffene
-Mutter stand noch fassungslos vor dem unfaßbaren Schmerz. Die Melodie
-der Einheit war abgebrochen. Das Leben gab keinen Klang mehr als den
-des Schluchzens. Schluchzen noch nachts in den Träumen, Schluchzen
-morgens beim Erwachen, Schluchzen am Tage beim Schreiten durch die
-lautlosen Räume des Hauses und durch den noch lautloseren Raum des
-eigenen Herzens.
-
-In den letzten Sommertagen war der junge Mann noch Leben und Lebenslust
-gewesen. Dann war er erkrankt. Seine Lunge fieberte. Die Sprache, seine
-Stimme, starb zuerst. Dann entglitt der Blick, die Augen erlöschten,
-und der warme Körper, den die Mutter umschlang, entfremdete sich selbst
-dem Mutterherzen und verschwand in der Kälte des Todes.
-
-Nun waren Monate vergangen. Niemals mehr hatte die Mutter den Flügel
-im Musikzimmer öffnen können. Sie hatte den Sohn immer noch begraben
-müssen, den Gestorbenen immer wieder begraben. Sie hatte noch nicht
-die Kraft gehabt, den Sohn verklärt vor sich auferstehen zu lassen.
-Aber alles Abschiednehmen muß von einem Wiederkommen abgelöst werden.
-Auf die Trennung, die das Sterben bringt, folgt die Wiederkehr, die
-Stunde der Auferstehung. Das Leben läßt sich nicht bis ins Unendliche
-begraben, auch das tote Leben nicht. Auch im Tod ist ein Wellenschlag.
-Das Land hat seine Berge und Hügel, das Meer seine Wellen und Wogen,
-der Himmel seine Wolken und seine Glätte. Und auch das vergangene Leben
-hat sein Gehen und Wiederkehren.
-
-An diesem Abend war mir unbewußt klar geworden: der Tote war zu seiner
-Mutter und zu seinem Vater verklärt wiedergekehrt. Er war wieder
-auferstanden in den Räumen des Hauses. Der junge Mann stand neben uns
-und wollte uns von seiner Übersinnlichkeit einen Ausdruck geben. Seine
-Todeswelle, raumloser als die räumlichen Wellen, die wir Lebenden
-fühlen, wollte sich vor uns verkörpern.
-
-Dieser feierliche Schauder berührte mich noch, als die trauernde Frau
-des Hauses zu mir sagte und auf den Gast deutete, der außer mir noch im
-Zimmer geblieben war:
-
-»Sie gehen doch noch nicht? Ich dachte, wir wollten heute abend noch
-ein wenig Musik hören. Sie wissen, es ist seit Monaten kein Ton in
-diesem Hause gespielt worden.«
-
-Der junge Mann, den sie zum Spielen aufforderte, war ein sehr feiner,
-künstlerisch ernster und gewandter Klavierspieler. Er spielte uns dann
-gute Werke großer Komponisten vor, verabschiedete sich aber bald.
-
-Mich jedoch hielt eine Spannung fest, eine Erwartung, eine Sehnsucht
-nach der Verkörperung der überirdischen Festlichkeit des Todes, die
-mich in diesen Räumen nicht verließ.
-
-Die beiden Klavierlampen brannten noch am offenstehenden Flügel. Unweit
-von mir auf einem kleinen Damenschreibtisch stand die Photographie des
-jungen Verstorbenen.
-
-Draußen vor den weißverschleierten Fenstern des Hauses lehnte das
-Schweigen des dunkeln Gartens, des dunkeln Waldes. Ich wußte, die
-Nachtlandschaft draußen war schneelos und winterlich düster. Es
-war Februar, und das Grab des Toten lag fern irgendwo in einem der
-mächtigen Großstadtfriedhöfe. Und jenes Grab unterschied sich in nichts
-von der Wintererde und in nichts von den andern Millionen Grabhügeln,
-die überall auf der Welt jahraus, jahrein hervorwachsen, die im Sommer
-begrünt sind wie die Wälder und Wiesen und im Winter verlassen scheinen
-wie die Wälder und Wiesen.
-
-Der Geist der Toten aber lebt Sommer und Winter in einer verklärten
-Jahreszeit, die wir auf Erden nicht kennen, die sich aber auf uns
-herabsenkt, wenn sich ein Toter uns mitteilen will. Beim Gemisch der
-eisigen Wellen des Toten und der Wärmewellen unseres Herzens entsteht
-jene schauersüße Stimmung, in der wir fröstelnd fühlen, der Tote ist
-auferstanden und kehrt verklärt bei uns ein.
-
-Ich wagte unter dem Bann dieser Stimmung die Frage an die trauernde
-Mutter, ob sie nicht ein Lied ihres verstorbenen Sohnes singen oder ein
-Musikstück von ihm spielen möchte.
-
-Sie lächelte schmerzlich und ging zum Flügel. Aber als wenn sie sich
-selbst vom gleichen Wunsch zum Klavier hingezogen gefühlt hätte, schien
-sie mir dabei freudiger im Gang, von einer verhaltenen Freude umgeben.
-Allein im Hause, hätte sie es vielleicht nicht gewagt, jetzt schon vor
-dem Vater des Verstorbenen Lieder und Töne aufleben zu lassen.
-
-Als die Trauernde sich zwischen die zwei hellen verschleierten Lampen
-an den schwarzglänzenden Flügel setzte und ihre schwarz eingehüllten
-schmalen Schultern sich von den schneeweißen Tüllvorhängen abhoben, die
-senkrecht vor den Fenstern hinter ihr herabhingen, da war es mir noch
-nicht gewiß, ob Leben aus dem Flügel erwachen würde. Ich mußte immer
-noch denken, daß diese in tiefe Trauer gehüllte Mutter den Sohn immer
-noch begrub. Der Flügel vor ihr wurde mir wie zum glänzend schwarzen
-Sarg, an dem sie sich, wie mir schien, niederlassen mußte, um zu
-schluchzen, um zu weinen und zu begraben.
-
-Ich wußte nicht, ob die Trauernde schon reif war, den Toten auferstehen
-zu lassen, in jener Verklärung, in der ich als Fremder ihn bereits in
-den Räumen eingetreten fühlte.
-
-Es würde mich nicht verwundert haben, wenn die noch schwer Erschütterte
-nach den ersten Tönen das Spiel abgebrochen und ihr Gesicht in die
-Hände vergraben hätte.
-
-Aber sie war reif zum Empfang des Zurückkehrenden. Mit einem
-wunderbaren Mut, als überschritte sie selbst freudig die Schwelle vom
-Leben zum Tod, entlockte sie dem Flügel die alten Wohllaute, die nur
-ihr vertrauten einsamen Jünglingsgefühle des Sohnes, die männlich junge
-Lust und die männlich jungen Zweifel, die einst in ihm gerungen hatten.
-
-Und als sie eines der letzten seiner Lieder sang, geschah vor
-meinen Augen das Wunderbare: die reife schöne Frau sang sich an den
-jugendlichen Weisen ihres Sohnes zur eigenen frühesten Jugend zurück.
-Und ihr Frauengesicht wurde mädchenhaft, aller Enttäuschungen bar.
-Mädchenhaft gläubig und vertrauend wurden die Augen beim Aus- und
-Einatmen der Musik. Die Vergrämte verklärte sich unter der Verklärung
-des Toten. Und ich sah Mutter und Sohn auf zwei großen, überweltlich
-großen, jugendlichen Rossen, von denen jedes die Verkörperung eines
-Schicksals zu sein schien, am Meer der Unendlichkeit hinreiten.
-
-So sehe ich beide dort heute noch und in Ewigkeit als zwei Reiter am
-ungeheuren Meer am Rand der Welt.
-
-Und wenn ich in neuen Stunden und in anderen Räumen dieser Frau
-wiederbegegnen werde, sie wird für mich immer die vom Todesschmerz
-mädchenhaft verklärte Mutter sein, die, auf der Linie zwischen Leben
-und Tod, lebender in der Entrückung auflebt als im Irdischen.
-
-
-
-
-Auf dem Weg zu den Eulenkäfigen
-
-
-Ich habe manchmal darüber nachgedacht, wenn ich Frau Claudia nach
-Jahren in dieser oder jener Weltstadt wiedersah, womit sich ihre Augen
-vergleichen ließen. Es machte mich oft in ihrer Nähe unruhig, daß ich
-keinen Maßstab für ihre Augen fand, und wenn ich aus der Ferne, bei
-Gesprächen oder in Gedanken, das Bild Claudias vor mich hinstellte,
-stotterte meine Vorstellung, möchte ich sagen, und brachte niemals
-einen Vergleich zustande, eine Beschreibung jener Frauenaugen.
-
-Sie sind schwarz, aber man kann sie nicht einfach schwarz nennen, denn
-sie sind nicht schwarz, wenn sie einen treffen. Sie sind von einer
-Dunkelheit, die ist über Schwarz hinaus, eine abgründigere Farbe,
-vielleicht müßte man diese Augen Saturnschwarz nennen.
-
-Einmal habe ich von Claudia, welche die Frau eines meiner Freunde ist,
-und mit der mich nur rein freundschaftliche Beziehungen verbinden, ein
-wenig ehebrecherisch geträumt.
-
-Es war ein ziemlich harmloser Ehebruchstraum. Da ich gar nicht für
-Vielweiberei veranlagt bin, erstaunte mich der Traum, und ich mußte am
-Morgen ein kleines Gedicht darüber schreiben. Das Gedicht schilderte
-ein paar Tanzschritte, die ich im Traum mit Claudia tanzte. Sie war
-vom Hals bis zum Fuß in einen weißen Seidenschal schlank eingewickelt,
-und wir hielten uns zum Tanz nah, und dabei sahen Claudias Augen, jene
-unbeschreibbaren Augen, unerbittlich in mich hinein. Ich fand auch in
-jenem Gedicht wieder keinen zutreffenden Vergleich für diesen Blick,
-sondern nur den ganz blöden romanhaften, daß Claudias Auge ähnlich
-einer Messerklinge war, die auf schwarzem Samt liegt.
-
-Dieser Vergleich mag mir deshalb gekommen sein, weil Claudia einmal in
-einer zornigen Aufwallung ein spitzes Messer nach ihrem leichtlebigen
-Gatten geschleudert hatte. Dieses Messer sauste damals, ich weiß nicht,
-ob ich sagen soll zum Glück oder zum Unglück, an dem sich behend
-Duckenden vorbei, blieb aber senkrecht wie ein Stahlpfeil im Türbrett
-stecken, wo es noch eine lange Weile zitterte.
-
-Nur deshalb verzieh ich mir in dem Gedicht jenen romantischen
-Vergleich. Aber jetzt brauche ich mich überhaupt nicht mehr abzumühen,
-mir die Augen Claudias zu erklären. Sie selbst hat es neulich getan.
-
-Es war im Winter, ich hatte mich mit einigen Freunden und Freundinnen,
-unter denen auch Claudia war, verabredet, mich mit ihnen am Eingang
-des Zoologischen Gartens zu treffen. Ich kam etwas verspätet aus
-einer Kunstausstellung und dachte, daß alle Freunde schon gekommen
-wären. Durch die großen Scheiben des Autos blickte ich unruhig der
-Fahrt voraus, um schnell zu wissen, ob ich wirklich der letzte sei,
-denn die Verspätung ärgerte mich. Meine Uhr aber schien falsch zu
-gehen. Ich war noch zu zeitig da, sogar einer der ersten, denn nur
-Claudia wartete schon vor dem Eingang. Ich sah sie dort im schwarzen
-Samtmantel mit schwarzem Skunksschal, schwarzer Samtkappe mit schwarzem
-Reiher, schwarz auf dem hellen kahlen Asphaltpflaster im kahlen
-Januarnachmittag stehen und sich nach meinem vorfahrenden Auto umsehen.
-
-Aber es ist nicht richtig, wenn ich sage, daß ich all dieses Schwarz,
-in dem Frau Claudia jetzt immer mit Vorliebe auf der Straße erschien,
-zuerst gesehen hätte. Ich sah zuerst nur jene schwarzen Augen, nachdem
-mich ihr Blick aus dem immer todbleichen Gesicht traf. Auch Claudias
-Haar ist schwarz, wie ihre Kleidung. Dieses schwarze Haar trennt sich
-aber vom Gesicht nicht mehr als das Kleid. Es lebt nicht mehr als
-dieses. Leben haben nur Claudias Augen, ein Leben, das ungeheuerlich
-weit aus dem Gesicht fortgerückt scheint. Nicht Leben, das einem
-entgegenkommt. Man könnte sagen, daß man eine aufgezeichnete Landkarte
-vom Leben, Weltteile von einem Leben, in den schwarzen Augen schaute,
-wenn der Blick jener Frau einen traf.
-
-Nach einer Weile kamen die andern Freunde, und wir traten in den leeren
-Zoologischen Garten ein, wo die blätterlosen Bäume öde gegen den
-mattgrauen Winterhimmel standen und, ebenso wie die Augen Claudias,
-nur Lebenslinien, hoch von der Erde weggerückt, Haltung und Bestimmung
-zeigten, aber keine blätterrauschende Sommerfreude.
-
-»Wo wollen wir zuerst hin?« fragte einer den andern.
-
-Jemand schlug vor, zu den Raubtieren zu gehen. Ein anderer wollte
-zu den Affen. Ein dritter zu den Papageien. Nur Claudia sagte immer
-dazwischen:
-
-»Aber zu den Eulen müssen wir auch gehen! Ihr wißt nicht, wie schön die
-Eulen sind. Ihr habt ihre Augen sicher nie betrachtet. Ich sage euch,
-es sind wunderschöne Vögel. Ich gehe nie aus dem Zoologischen Garten
-fort, ohne bei den Eulen gewesen zu sein.«
-
-Als Claudia so eifrig die Eulen bevorzugte, ging sie in der Mitte
-der kleinen Gesellschaft, von den Damen und Herren umgeben, und sie
-blickte nur ab und zu nach links und rechts, und sie lächelte. Und ich
-mußte an den Rattenfänger von Hameln denken, der an der Spitze einer
-Kinderschar schreitet und diese mit seinen eindringlichen gleichmäßigen
-Flötenlauten in einen finsteren Berg lockt, der sich bald hinter den
-Ahnungslosen schließen wird.
-
-So gingen diese schwarzen Augen, die ich bis zu jener Stunde immer noch
-nicht beschreiben konnte, allen anderen Augen voran, von denen keine
-mit so schicksalstiefen Blicken, unheimlichen Flötenlauten ähnlich,
-anziehen konnten wie Claudias Augen. Mir schien, wir andern wären
-plötzlich alle schwarz wie Claudia gekleidet, als sie uns immer wieder
-von den düsteren Eulen sprach. Eulen waren ihr die liebsten Tiere des
-ganzen Gartens und die schönsten Vögel der Welt. Und ich konnte mich
-bald nicht mehr des Wunsches erwehren, zu keinen anderen Tieren zu
-gehen als zu den Eulen. So ging es schließlich allen, die um Claudia
-waren. Die Eulen wurden für jeden der Mittelpunkt des Gartens. Und
-während die Stimme der schwarzäugigen Frau die Eulen pries, wie ich es
-noch nie von jemandem gehört hatte, und während einer nach dem andern
-seine eigenen Wünsche fallen ließ, sah ich auf dem Fünfminutenweg hin
-zu den Eulenkäfigen Claudias Leben, das sich rasend vor mir abspielte.
-Man sagt, daß einem von einem Turm oder Berg Stürzenden innerhalb
-der Sturzsekunden das Leben in blitzartigen Bildern vor den Augen
-vorüberrase. So geschah es mir mit Claudias Leben auf dem Weg zu den
-Eulenkäfigen.
-
-Vorher hatte ich es nie im Zusammenhang gesehen. Nie hatte sie
-selbst mir viel erzählt. Nur Andeutungen, nur Sätze und nur kurze
-Geschehnisse, erzählt von gemeinsamen Freunden über sie, lagen
-zerstreut in mir.
-
-Nun aber schossen mir alle diese Eindrücke, wie von einem Magneten
-angezogen, auf dem Weg zu den Eulen zu einem so tragischen
-Lebensbilde zusammen, daß mich jeder Schritt marterte, den ich neben
-Claudia weitergehen mußte. Und doch lockte mich die Erhabenheit
-eines verfinsterten Menschenlebens, so wie schmerzliche Flötenlaute
-bestricken und uns fortführen können in ein Dickicht, durch Stacheln
-und Dornen.
-
-Claudia war einst eine starke, mutige, das Leben herausfordernde,
-tapfere, junge Studentin gewesen. Der Mann, den sie heute noch liebt,
-trotzdem er ihr Grauen einflößt, trotzdem er täglich Mühlsteine an
-ihre Seele hängt, war damals ein hoher schlanker Student. Claudia
-hatte ihm den Namen Dagon gegeben; Dagon, der biamesische Gott des
-Ungeheuerlichen, der Gott des Verschlingens ohne Ende, der Gott der
-Lebensunsicherheit, zu dem alle Sterblichen beten, und der ihnen nichts
-für ihr Gebet gibt, keine andere Gewißheit als den Tod. Dagon, der
-Gott des grauenhaften Nichts, der Schicksalsrachen, der die Menschheit
-zermalmt, dem niemand Widerstand leisten kann, der Gott, für den die
-Blumen welken, die Vögel tot aus dem Himmel fallen, vor dem aus Furcht
-die Erde zu zwei Dritteilen in das bittere Angstwasser ihrer Meere
-gehüllt steht, während nur ein Drittel der Erde Dagon die Stirnen der
-Berge als Widerstand hinstellt.
-
-Claudia hatte diesen Namen wie in einer Vorahnung ihres Schicksals dem
-jungen Studenten gegeben, damals noch nicht wissend, wie tief erkennend
-sie dabei war. Denn wie stark der Gott allmächtiger Willkür in dem
-Geliebten verkörpert war, das erfuhr sie erst im Laufe der Zeit.
-
-Es waren zuerst nur Kleinigkeiten gewesen, die Claudia den Namen Dagon
-und damit die Erscheinung des gruseligen Gottes vor die Augen führte,
-wenn sie den jungen Mann und zukünftigen Lebensgefährten beobachtete.
-Es belustigte sie, den Geliebten auf Widersprüchen zu ertappen, aus
-denen er sich lächelnd und kühl überlegend oder mit einem gewandten
-Geistessprung ins Blaue ihren starken schwarzen Augen entrückte. Damals
-merkte sie zuerst, daß jener Mann in noch einer ihr fremden Dimension
-lebte, die sie nicht an anderen Menschen kannte, die Dimension des
-Fabelhaften, die Dimension, in der die Wirklichkeit und der Schein,
-die Wahrheit und die Lüge nebelhaft ineinander gleiten. Eine Welt
-war in ihm, wo Wirklichkeit auf dem Kopf steht und Unwirklichkeit
-wird, ähnlich wie Häuser am Ufer eines Flusses im Spiegelglanz des
-Wassers mit dem Dach nach unten stehen und scheinbar auf einer anderen
-Weltseite leben, einer Welt, die tief scheinen will, unergründlich
-aussehen will, die aber nichts ist als ein auf den Kopf gestelltes
-Zerrbild der Wirklichkeit.
-
-So spiegelte das Gehirn jenes Mannes, mit scheinbaren
-Unergründlichkeiten verblüffend, die Ufer des Lebens wieder, indem
-es das Feste beweglich machte, es wahnwitzig verzerrte, es für
-unergründlich ausgab.
-
-Ehe Claudia sich mit dem Studenten verlobte, war ein anderer Mann
-ihrem schwarzen Blick verfallen, ein junger Adeliger, der sich von
-ihrer Anziehungskraft nicht losmachen konnte, trotzdem er von Claudia
-nichts zu hoffen hatte. Sie trug damals ihr schwarzes Haar kurzlockig
-geschnitten und, nach Knabenart, in der Mitte gescheitelt. Sie rauchte
-auch, als es noch nicht allgemein war, daß Frauen Zigaretten rauchten.
-Sie wäre vielleicht auch am liebsten in Herrenkleidung ausgegangen. Ihr
-immer elfenbeinblasses Gesicht zeigte rote frische trotzige Lippen, und
-alles Verwegene, Herausfordernde, menschlich Kühne erregte sie, da ihr
-eigener junger Körper der Welt knabenhaft verwegen und widerspruchsvoll
-gegenübertrat.
-
-Ein Freund jenes jungen Adeligen suchte sie eines Tages in ihrem
-Studentenzimmer auf und bat sie, sich doch zu entscheiden, ob sie
-nicht die Frau seines Freundes werden wollte. Als sie »nein« sagte,
-schlug der Abgesandte, der ein ernster und zielbewußter Mensch war,
-in ehrlichem Zorn mit der Hand auf den Tisch und fragte Claudia, was
-sie veranlasse, die Hand eines ehrbaren jungen Mannes mit einem Nein
-abzuweisen.
-
-Die Gefragte sagte ganz einfach, daß sie bereits gewählt habe, und
-nannte den Namen Dagons.
-
-»Dann prophezeie ich Ihnen, daß sie niemals glücklich werden,« entfuhr
-es dem heftig Erregten, der seinen Freund verdrängt sah von einem, der
-ihm Widerwillen einflößte. »Aber sagen Sie mir, ehe ich gehe,« fügte er
-hinzu, »was haben Sie gegen meinen Freund einzuwenden?«
-
-»Daß er adelig ist,« antwortete ihm frei und stolz die junge Studentin,
-»ist der Grund, der immer bleiben würde, wenn ich nicht bereits einen
-andern vor ihm gewählt hätte. Ich will nicht, daß man in seiner Familie
-auf mich als auf eine Bürgerliche herabschaut.«
-
-Claudia prahlte niemals mit ihren Anbetern. Nur einmal, als ich sie
-tief unglücklich antraf und ganz natürlich fragte: »Wie sind Sie denn
-mit diesem Mann zusammengekommen, der Ihnen jetzt so viel Qualen
-bereitet?«, da erzählte sie diese kleine Verlobungsperiode, und sie
-schloß: »Gerade weil mich der Freund jenes Adeligen vor Dagon warnte
-und mir Unheil prophezeite, gerade das war es, was mich herausforderte,
-Dagon erst recht zu wählen. Es machte mir Lust, mit meinem Geliebten
-Seele gegen Seele zu ringen. Das fabelhaft Verwandlungsfähige seiner
-Seele reizte die eisernen, starren und gefestigten Lebensbegriffe in
-mir. Mir war, als könnte Dagon alles Feste in Wolken auflösen. Mir
-war, als sähe ich einem Zauberer zu, wenn er mich leise und lächelnd
-schon in der ersten Zeit unseres Bekanntwerdens belügen konnte. Dann
-drang ich mit meinen Augen in ihn ein, und mir war, als müßte ich das
-Lügen aus ihm ausbrennen. Er lächelte wieder und log hilflos weiter und
-tat, als hätte ich wirklich das leichte Lügen an der feinsten Wurzel
-in ihm abgetötet. Aber ich ahnte ja nicht, daß er immer wieder neue
-Fäden der Lüge hinter sich herziehen konnte, wie die Spinne ihre Fäden,
-daran sie tanzt, daran sie sich über Abgründe schwingt. Während ich
-aber glaubte, in Dagon die Lüge abzutöten, wurde ich langsam von ihm
-abgetötet, entkräftet. Denn Unheil ist sein Schaffen, und nur Unheil
-war er für mein ganzes Leben.«
-
-Und Claudia erzählte weiter:
-
-»Am ersten Weihnachtsfest, das wir zusammen als Verlobte feiern
-wollten, reiste ich zum erstenmal in meinem Leben zum Fest nicht nach
-Hause, trotz der Bitten meiner Eltern und Geschwister und obwohl
-ich wußte, daß mein Vater alt und krank war. Aber am Nachmittag des
-Weihnachtsabends, auf den ich mich so sehr gefreut hatte, bekam ich
-ein Telegramm, das mir den Tod meines Vaters anzeigte. Ich saß eine
-Stunde später im Eisenbahnzug und durfte den Abend weder bei dem
-geliebten Mann, noch in meiner geliebten Familie verbringen, sondern
-war in einer Hölle von Einsamkeit, zwischen zwei Zielen hin und her
-schwankend, zwischen dem Ziel des Lebens und dem Ziel des Todes.
-Leidend, weinend und erschüttert saß ich in der weihevollen Nacht als
-einziger Reisender im leeren Zug, von Selbstvorwürfen gepeinigt, weil
-ich meinem toten Vater den letzten Wunsch nicht erfüllt hatte, ihn auf
-seinem Krankenbett am Weihnachtsabend zu besuchen.
-
-Ich hatte nun an diesem Abend nichts, weder den Geliebten, noch das
-Heim. Ich hatte die Leere. Das war der Anfang des Verschlingens, das
-von Dagon ausgeht. Aber ich hatte mir Dagon gewählt, das mußte ich mir
-immer wieder sagen. Ich hätte auf dem Landgut des Adeligen vielleicht
-ein ruhiges, seßhaftes Leben führen können, gepflegt von einem mich
-aufrichtig Liebenden. Ich hatte es nicht gewollt. Mich hat der Kampf
-mit dem Unklaren, Ungewissen gelockt. Ich wußte es damals nicht: es ist
-der Kampf mit dem Nichts gewesen.«
-
-So erzählte mir Claudia ohne Pathos, ohne große Geste, mit
-schwarzblanken Augen, die glänzend zu sein schienen von den Abgründen
-ihres Unglückes. Es war auch, als triumphiere in ihrem Blick das
-Bewußtsein des Unentrinnbaren, als käme sich jene Frau selbst
-erstaunlich vor und als ließe sie ihr Erstaunen über sich aus ihrer
-Augenschwärze strahlen. Deshalb klagte sie eigentlich nicht, wie andere
-klagen, wenn sie Grauenhaftes, Martervolles erleben. Sie lebt in einer
-Unglücksekstase, und mir scheint, ihre Augen werden immer glänzender,
-je unglücklicher sie von Jahr zu Jahr wird.
-
-Nur einmal in jenem Winter erschrak ich. Da verflüchtigte sich das
-Feuer ihres Willens zum Unglück. Ihre Augen sahen so verklärt aus, als
-ginge sie nur noch mit den Zehenspitzen wie eine Traumwandlerin auf den
-Dächern der Welt.
-
-Als Claudia und Dagon ein Jahr verheiratet waren und sie sich schwanger
-werden fühlte, waren sie beide nach Kanada ausgewandert. Sie wußte
-nicht mehr, wer zuerst den Plan gehegt hatte. Sicher blieb nur, daß
-es ihr Unglück war, daß er ausgeführt wurde. Sie, die schon damals
-fühlte, daß sie in dem Mann so wenig Sicherheit hatte, als wenn sie
-sich an seinen Schatten anklammern würde, hatte begeistert den Weg ins
-freiheitliche Amerika angetreten, schwärmend für alles Großzügige,
-Unbegrenzte, nie Dagewesene. Dort in dem jugendlichen Land Amerika,
-wo die Frau den Mann regiert, hoffte Claudia vielleicht, Dagon allein
-für sich zu bekommen und seine Augen, die alle Frauen wie Irrlichter
-umgleiten konnten, zum festen Blick zu zwingen, der sich dann von
-ihrem Herzen nicht mehr abwenden sollte. Denn Claudia wollte Dagons
-eidechsenhaften Seelenbewegungen die schwerthafte Stärke ihrer Augen
-geben.
-
-Aber was half es ihr. Alle ihre Kraft verpuffte nur wie nasses Pulver,
-da Dagons Schicksal feindlich gegen ihr Schicksal gerichtet war.
-
-Kaum waren beide in Amerika gelandet, so erhielten sie die
-Nachricht, daß Dagon seinen Vater verloren habe und wegen wichtiger
-Erbschaftsangelegenheiten nach Deutschland zurückkehren müsse.
-
-Claudia konnte nicht umkehren; sie hatte eben ihr erstes Kind geboren
-und lag zu Bett. Und Dagon entglitt ihr, wie sie es immer erwartet
-hatte. Der Ozean trennte sie bald. Sie, die keine Stunde ohne ihn sein
-wollte, war gezwungen, ihm von einem Weltteil zum andern nachzuklagen.
-Und als Dagon später Claudia nachkommen ließ und sie in Europa
-erwartete, hatten sie nicht den Ozean hinter sich gelassen, als sie
-sich wieder die Hände reichten. Zwischen ihrer beider Augen blieb der
-erste Ozean der Trennung, und viele Ozeane folgten, die sich einer an
-den andern reihten. Denn Dagon hatte Claudia von da ab mit der und
-jener Frau betrogen, mit der und jener Freundin. Wenn sie auch immer
-Geständnisse aus ihm herauslockte, das Urversprechen einer Treue, einer
-männlichen Festigkeit, auf der ihre schwarzen Augen ruhen wollten,
-konnte sie Dagon nie abringen.
-
-Claudia warf sich dann auf die Arbeit. Sie hatte studiert, hatte
-ihr Examen gemacht. Sie wurde Ärztin und arbeitete an Dagons Seite
-unentwegt und damals noch ungelähmt. Sie tat ihre Arbeit gern, um ihren
-Mann zu ihrem Schuldner zu machen. Denn Dagon hatte kein Vermögen
-geerbt, wie sie beide es erwartet hatten. Dagons Geschwister hatten es
-vermocht, den sterbenden Vater zu veranlassen, seinen leichtlebigen
-Sohn zu enterben, ihn nur auf Pflichtteil zu setzen, und dieses Geld
-sollte Claudias Kindern und nicht Dagon ausgezahlt werden.
-
-Sie verdiente nun neben ihrem Mann, denn sie hatten beide hohe
-Lebensansprüche. Die Luft um Dagon wurde immer trüber. Er blieb halbe
-Tage fort, ohne daß Claudia wußte, wo er war. Sie erfuhr immer wieder
-von neuen kleinen Leidenschaften zu Frauen aller Kreise, die Dagon
-fesselten und die er ausleben mußte.
-
-Er selbst spaßte nur darüber, als wären seine Liebeserlebnisse nicht
-mehr als kleine Warzen an der Hand, die kommen und gehen und dem
-Wohlergehen nicht weiter schädlich sind.
-
-Bei jedem neuen Erlebnis ihres Mannes hoffte Claudia, es würde das
-letzte sein. In jener Zeit war es einmal, daß ihr die Geduld plötzlich
-riß und sie ein Messer nach Dagon schleuderte, das in der Tür stecken
-blieb. Und endlich mußte sie erkennen, daß ihres Mannes Seele, wenn
-sie nach ihr griff, immer ihrer Hand entglitt, so wie man den feinen
-Wüstensand nicht in der Hand behalten kann; denn wenn man die Faust
-zudrückt, rieselt dieser ewig bewegliche und ewig erhitzte Sand durch
-die Fingerritzen, und wenn man die Faust öffnet, hat man nichts in der
-Hand.
-
-So war das Herz Dagons in der Hand Claudias. Wenn sie es noch eben
-festhielt, -- es war nicht mehr da, wenn sie die Hand öffnete und
-nachsah.
-
-Darüber wurde ihr eigenes Herz dürr. Es wurde von den Leiden und
-Schmerzen und von der Leidenschaft versüßt wie getrocknete Datteln,
-die zuckriges Fleisch um einen steinharten Kern tragen. Den Stein
-in Claudias Herzen löste nichts auf. Der Stein saß im süßen Fleisch
-unbeweglich, und das süße Fleisch welkte und dörrte.
-
-Da wurde eines Tages Claudia von Verzweiflung gepackt. Ich war damals
-nicht in ihrer Nähe und hörte nur aus Briefen meiner Freunde, daß jene
-Frau ihrem Mann Gleiches mit Gleichem vergolten und sich einen Freund
-genommen hatte, einen jungen Kaukasier, mit dem sie fortgereist war,
-um ihre gereizten Gefühle zu beschwichtigen. Später hörte ich, daß sie
-diesen Freund wieder verlassen, ihr und Dagons Kind zu sich genommen
-habe und in verschiedenen Weltteilen allein herumreise. Sie hatte
-nach dem Tode ihrer Mutter ein Vermögen geerbt, und da ihr die Arbeit
-keine Freude mehr machte, lebte sie in dem Genuß des Müßiggangs. Die
-Liebeslust und die Arbeitslust waren in ihr abgetötet. Sie lebte dem
-Kinde, das sie fernhalten wollte von dem Unheilschatten jenes Mannes,
-dem sie glaubte entronnen zu sein.
-
-Er aber lebte wie ein Junggeselle, bald hier, bald dort, in den
-verschiedensten Städten, vertiefte sich in Wissenschaften, wie er sich
-in Frauen vertiefte, hastig, blendend und geblendet.
-
-Dann plötzlich eines Tages, als ich in jene Großstadt kam, wo
-Claudia und Dagon vorher gewohnt hatten, hörte ich, daß beide wieder
-zusammenlebten. Ich besuchte sie. Da hingen im Korridor große welke
-Kränze mit langen breiten Seidenbändern. Dagon glaubte plötzlich eine
-musikalische Begabung bei sich entdeckt zu haben und hatte öffentlich
-eigene Kompositionen gespielt und seine ersten Konzerte gegeben.
-
-Seltsamerweise hatten alle Wohnungen, welche jene beiden Menschen
-bewohnten, den gleichen hellen und lichten Reiz eines glücklichen
-Heims. Niemand konnte in diesen weiten, behaglichen und lässig vornehm
-eingerichteten Räumen vermuten, daß hier zwei hausten, die sich
-marterten. Beider Zartfühligkeit traf sich hier und vereinigte sich im
-Ausdruck von Möbeln, Spiegel und Bildern. Die innere Zartfühligkeit
-Claudias gab den Räumen vornehme Ruhe, und die äußere Zartfühligkeit
-Dagons gab den Räumen jene unnachahmbare lässige Vornehmheit, die den
-Besucher glücklich einlullte. Erlesene Bücher, erlesene Kunstwerke
-und Musikinstrumente täuschten jeden, der nicht eingeweiht war in
-die Herzensschrecknisse, die sich hier zwischen zwei Lebenskameraden
-abspielten.
-
-Claudia leitete ihr Haus lautlos, erzog ihr Kind glücklich und wußte
-sich immer ihren Freunden in ihrem Äußeren reizvoll modisch in Kleid,
-Haartracht und Schmuck zu zeigen.
-
-Nie fehlen Blumen auf ihrem Teetisch, nie geht bürgerlich langweilige
-Luft durch ihre Zimmer. Es ist Claudia ein Genuß, wenigstens äußerlich
-glücklich zu wirken -- auf die nicht Eingeweihten, die nicht in ihren
-schwarzen Augen zu lesen verstehen.
-
-Lange Zeit erschien sie immer als glückliche Gattin, die, leicht die
-Achsel zuckend, die Lebensweise ihres Mannes hinzunehmen schien. Und
-viele mögen verblüfft gewesen sein, als Claudia plötzlich mit dem
-Kaukasier verschwand. Aber nicht einer hatte es ihr beim näheren
-Hinsehen verdenken können.
-
-Und nun zurückgekehrt, scheint sie die Rolle der Glücklichen nicht mehr
-harmlos spielen zu können. Dazu ist ihr Gesicht doch zu blaß geworden,
-und ihre Züge sind wachsmaskenartig erstarrt. Ihre Augen funkeln nicht
-mehr lebenstrotzig. Der Trotz sieht versteinert aus und steckt als Kern
-in ihrem Herzen.
-
-Am Weihnachtsabend, als ich bei Claudia und Dagon mit einigen
-Gästen eingeladen war und jene Frau uns alle unter den brennenden
-Weihnachtsbäumen ihres Salons beschenkte, da schien es für Sekunden,
-als könnte doch vielleicht das Wachs ihres Gesichtes nochmals weich
-werden und schmelzen. Dann aber, als es während des Abendessens
-klingelte und unter den Geschenken, die von Bekannten geschickt wurden,
-auch Aufmerksamkeiten von einigen Damen waren, deren Gunst Dagon in
-letzter Zeit errungen hatte, da sah ich, wie Claudia zu frieren begann.
-Trotzdem die Zimmer von der Wärmeleitung und den Weihnachtskerzen
-heiß waren, bat sie, daß man die Fenster schließen möchte, die eine
-der eingeladenen Damen geöffnet hatte. Die Gepeinigte fror von innen
-heraus. Ich glaube, sie muß ihr Herz in diesem Augenblick so schmerzend
-gefühlt haben, wie man in der Winternacht das Eisen einer Türklinke
-brennend kalt fühlt, wenn man die Hand darauf legt.
-
-Dagon hat schon längst keine Geheimnisse mehr vor seiner Frau. Das
-letzte Schamgefühl ist zwischen ihnen gefallen. Im Gegenteil, er
-will, daß Claudia nichts fühlen soll und nichts mit ihm teilen soll
-als die Lust, die ihm seine Abenteuer geben. Sie soll die Lust an dem
-Verbrechen, das er an ihrer Liebe begeht, sich selbst verleugnend mit
-ihm genießen.
-
-Wieder haben jetzt beide eine Wohnung, in der kein Hauch von Unglück
-zu spüren ist. Die hellen weißen und himmelblauen Gemächer, mit
-gelbseiden verschleierten elektrischen Lampen und voll mit Bildern und
-Büchern und von zierlichen asiatischen Nippes belebt, sind wie eine
-irisierende Haut über einem Pfuhl von pechschwarzem Wasser.
-
-Aber die einzige tiefe Empfindung, die man in diesen hellen und
-gefälligen Räumen erlebt, kommt nicht von den Büchern in den
-Schränken und nicht von den Kunstwerken aus, sie geht aus von den
-unglücksglänzenden schwarzen Augen Claudias; diese Augen, denen das
-Weinen schon längst kein Trost und keine Erlösung mehr ist, glänzen vor
-Schmerzen.
-
-Bald nach dem Weihnachtsfest sah ich Claudia bei einem Besuch wieder.
-Sie stand an ihrem Teetisch und trug über dem schwarzen Seidenrock
-eine goldgelbe Seidenjacke, die war von einem etwas dunkleren Goldgelb
-als die Schleier ihrer Lampen. Sie schien Ruhe und Wärme auszuströmen,
-und ich fragte mich erstaunt: was geht in ihr vor? Ihre Augen
-waren entkräftet und schienen außerhalb des Zimmers traumwandelnd
-herumzugehen. Ich erfuhr dann, daß sie krank sei, sie hustete, sie
-hatte Fieber. Es war eine rein äußerliche Krankheit, und Claudia trug
-diese Krankheit wie ein Weihnachtsgeschenk des Himmels mit sich. Sie,
-die einstmals so stark war, daß sie nicht für den Tod geboren schien,
-freute sich, daß ihr Fieber täglich stieg, freute sich, daß ihre Augen
-erlöschen wollten. Und wenn man sagte, daß sie sich pflegen müßte,
-lächelte sie nur. Sie erwartete das Sterben und freute sich.
-
-Der Tod kam nicht. Die Schwäche ging vorüber. »Weshalb?« fragte sie
-erschrocken.
-
-Sie lebt jetzt immer noch im selben Hause mit dem, mit dem sie einst
-gerungen und gekämpft hat. Sie lebt kampflos jetzt. Beide sehen sich
-täglich, aber sie sprechen sich wenig. Claudia weiß nie, wohin Dagon
-geht, wenn er abends seinen Frack anzieht. Sie will es auch gar nicht
-wissen.
-
-Und er fragt nicht, wenn Claudia ins Theater fährt, wohin sie geht. Und
-das ist vielleicht noch schmerzlicher für sie zu ertragen, daß er sie
-gehen läßt, wohin sie will.
-
-Das Kind, ihre Tochter, ist bald erwachsen und sieht und versteht und
-hört alles. Und das ist das Allerschmerzlichste für Claudia.
-
-Der selbstherrliche Mann schont die beiden Frauen nicht, nicht die
-Tochter und nicht die Mutter. Er lächelt über sie hinweg, plaudert zu
-den beiden von seinen Erfolgen bei den Frauen, will, daß sie mit ihm
-über die Scherze, die er mit dem Liebesleben und seinem eigenen Herzen
-treibt, lachen sollen.
-
-Und Dagon lächelt sein allesverschlingendes Lächeln, wenn die beiden
-Frauen ihm ausweichen. Wenn die beiden Frauen anklagen, lächelt er und
-verschlingt ihre Anklagen. Wenn die beiden Frauen ihn morden wollen,
-lächelt er und verschlingt ihre Mordgedanken.
-
-Er ist liebenswürdig, spaßhaft; er ist nie mürrisch. Er ist nur
-launenhaft verschlossen, wo er sich fürchtet zu sprechen, weil er sich
-bei aller lächelnder Offenheit nie ganz offen gibt.
-
-Seine lächelnde Offenheit ist ein Abgrund, in den er die Offenheit
-der andern hineinlockt. Und er sieht lächelnd zu, wie Menschen in
-diesen stürzen, die er angelockt hat. Er lächelt und gleitet über die
-Angstblicke, die er sehen müßte, hinweg.
-
-Welches ist das Schicksal, das ihn ereilen wird? Wo ist die Grenze, die
-seiner Unendlichkeit im Grausamsein gesetzt ist?
-
-Seht, dieses sind die Blicke, die als einziges Leben aus den
-Augen Claudias starren. Will sie sein Ende erleben, und ist sie
-deshalb noch nicht gestorben? fragte ich mich. Das ungeheuerliche
-Ende, die ungeheuerliche Todesstunde, die in der Brust Dagons das
-lächelnde Herz voll Ungeheuerlichkeiten töten wird, die ihm und sein
-allesverschlingendes Lächeln aus der Welt schaffen wird, -- wartet
-Claudia darauf? --
-
-Als wir zu den Eulenkäfigen kamen, trug ich diese letzte Frage in
-mir. Da saßen wie seltsame weiße und graue Federgruppen die Eulen,
-diese weichen, lautlosen Nachtgeschöpfe, auf den Ästen abgestorbener
-Bäume hinter den Gitterstäben. Einige konnten die Köpfe ganz rund
-um den Nacken drehen. Andere spitzten die katzenartigen Ohren. Aber
-alle saßen da wie ausgestopfte Federbälge. Die einen hatten wunderbar
-silberweißes Gefieder, und es wirkte jeder weiße Vogel wie eine einzige
-ungeheuerliche Riesenschneeflocke. Andere graue Eulen waren wie ein
-dicker Ballen Spinnweben. Und wenn sie nicht manchmal die Köpfe rundum
-gedreht hätten, so daß das Gesicht nicht auf der Brust, sondern
-plötzlich auf den Rücken stand, so hätte man in ihnen kein Leben
-vermutet.
-
-So sahen die Eulen aus, als wir von weitem an die Käfige kamen. Aber
-als wir nähertraten, da verschwanden die Federkörper. Da standen nur
-in der Luft über den abgestorbenen Baumästen paarweise ungeheuerliche
-schwarze Augen. Augen, die so groß und rund in ihrer Schwärze starrten,
-als müßten sie alles und nichts sehen; als könnten sie die Tiefe des
-ganzen Weltalls umfassen, alle Schmerzen und alle Trostlosigkeiten der
-Abgründe des Lebens.
-
-Während sich alle meine Freunde beim Näherkommen über die Federn, die
-Haltung, die Kopfwendungen der Eulen ereifert hatten, wurden sie jetzt
-stumm. Und nur Claudia, die vorher stumm gewesen war, als wir die Eulen
-zuerst erblickten, wurde jetzt vor den Eulenaugen laut und begeistert.
-
-»Haben diese Vögel nicht die schönsten Augen der Welt? Da sprechen
-die Menschen immer von glotzenden Eulenaugen, und ich finde, es
-sind die feierlichsten, ausdrucksvollsten, geheimnisreichsten und
-schicksalsschwersten Blicke, mit denen nur je ein lebendes Wesen auf
-die Welt herabsehen kann. Solche Augen möchte ich haben,« setzte
-Claudia hinzu. »Wie ich diese Tiere um ihre Augen beneide! Auf was
-warten sie nur, diese Eulenaugen?« --
-
-Als wir uns später unter dem schwerhölzernen, blutroten chinesischen
-Tor am Ausgang des Zoologischen Gartens trennten und der Abend schon
-über den Straßenschachten dunkelnd lag, die elektrischen Lampen in
-den Straßenfluchten aufleuchteten, ging ich einsam heim. Der Himmel
-wurde immer nachtdunkler, und als ich in den nachtschwarzen Äther sah,
-der noch sternlos über den Dächern der Häuser stand, erkannte ich in
-dem schwarzen Himmelsabgrund, den Eulenaugen und Claudias Augen eine
-Einheit. In der Nacht und in jenen Augen war kein Blick mehr, den man
-hätte fühlen können. Sie schienen alles innere Leben hergegeben zu
-haben. Und nur ein Wille war in ihrer Finsternis. Der: mit stummer
-Macht den Untergang der Lebenden, auf die sie herabsahen, zu erwarten.
-
-
-
-
-Nächtliche Schaufenster
-
-
-Wenn ich spät nach Mitternacht in der Potsdamerstraße nach Hause
-ging, eilte ich mich meistens nicht sehr, denn die Nachtluft kam mir
-erfrischend entgegen. Sie war wie ein Wanderer, der aus Grenzwäldern
-über Flüsse und Seen herkam und über Berlin hinschritt. Und während
-ich von einer Laterne zur andern ging, war die Nachtluft schon über
-die Provinz Brandenburg fortgezogen an die Elbe, an den Rhein, und im
-Vorübergehen hatte sie mich leicht verhext und hatte mir Meilengedanken
-gegeben, so daß ich darnach nicht mehr zwischen Laternen weiter ging,
-sondern fort über mich selbst.
-
-Auf einer Plakatsäule sah ich in einer Nacht einen großen Tigerkopf.
-Darunter stand »Indien in Berlin«. Der gefleckte Tigerkopf sah aus
-gelbem Bambusröhricht heraus und war ein praller Katzenkopf; über ihm
-lag ein bleichblau gemalter Himmel.
-
-Eine Weile schien mir dann, als ginge ich durch indische Dschungeln,
-indessen ich doch nur auf dem Streifen breiter Pflasterplatten
-wandelte, die sich als eine lange Zeile in der Mitte des Bürgersteiges
-hinzogen.
-
-Die vielen offenen und dunkeln Schaufensterscheiben glitzerten
-neben mir wie mondbeschienene Gewässer auf, ähnlich den heimlichen
-Tränkestätten von Raubtieren, die unhörbar durch die Dschungeln
-schleichen. Eine Autohuppe brüllte manchmal in einer Nebengasse. Dieser
-Laut wurde mir fast zu Löwengeheul. Und schleifte der Gummireifen eines
-vorbeisausenden Autos mit surrendem Laut über den glatten Asphalt des
-Fahrdammes, dann waren da in der Vorstellung galoppierende Dickhäuter,
-pfauchende Nashornherden und aufgescheuchte Scharen von Nachtvögeln,
-die vorbeifegten.
-
-Ich blieb an einem Schaufenster stehen. Das kannte ich gut. Dort stand
-ich immer eine Weile in jeder Nacht und nahm mir vor dem Schlafengehen
-Zeit, die lebende gefiederte Ware einer Vogelhandlung zu bedauern.
-
-Da waren chinesische Nachtigallen in Drahtkäfigen mit roten Schnäbeln
-und grüngelber Brust. Und smaragdgrüne Sittiche aus Australien
-und afrikanische Finken, silbergrau wie deutsche Schwalben und mit
-korallenroten Schnäbeln. In einem Käfig allein saß eine deutsche
-schwarze Amsel, und ein anderer Käfig war voll mit zitronengelben
-Kanarienvögeln. Da waren auch Käfige mit Turteltauben, deren Federleib
-war silbrig und weiß wie Holzasche.
-
-Alle diese Vögel saßen in ihren Drahtzellen wie bestrafte Verbrecher.
-Die meisten von ihnen waren zwar im Käfig geboren, aber ich mußte
-nachgrübeln, was wohl ihre Vorfahren in China, Afrika, Australien
-begangen haben mochten, daß ihre Kindeskinder hier, verbannt und
-gefangen, im Schaufenster der Potsdamerstraße ihre Lebenstage
-verbringen mußten.
-
-Das elektrische Licht der nächsten Straßenlaterne sah schrecklich grell
-durch die glänzenden Drahtstäbe der Gitter auf die dünnen geschlossenen
-Augenhäute der kleinen unruhigen Schläfer. Das scharfe unnatürliche
-Licht mußte noch den Schlaf der Gefangenen schmerzhaft machen. Und die
-brüllenden Autohuppen, deren Fahrzeuge mit Gedröhn während der ganzen
-Nacht die große Stadt durchrasten, mußten die feinen musikalischen
-Ohren der Singvögel noch im Schlaf quälen.
-
-Vögel, die gewöhnt sind, in lauschigen Buschverstecken in der Urstille
-ewiger Wälder zu nisten, zu picken, zu flattern und die grünen
-Dämmerungen der Blättergehäuse alter Bäume zu durchfliegen, hatten hier
-einen kaum fußbreiten Raum zwischen den blitzenden Metallgittern. Aber
-sie schienen sich sanft und gütig zu bescheiden und schienen mir weiser
-zu sein als ihre gefangenen Wärter.
-
-Einmal hatte ich am Tage hier an dem Schaufenster um die Mittagstunde
-mit den Händen in den Taschen einen armen, ganz dürftig gekleideten
-Arbeiter stehen sehen. Der schien sich in das Leid der Vögel
-hineingedacht zu haben. Er sah andächtig jedes Tierchen an und war
-verwundert, wie mir schien, daß diese schönen geflügelten Geschöpfe
-kein besseres Schicksal hatten als das des Gefängnisses. Nicht einmal
-ihren Gesang konnten sie genießen. Denn es singen die verschiedenen
-Vogelarten zu gleicher Zeit lärmend durcheinander. Es sang der Weltteil
-Afrika, der Weltteil Australien, der Weltteil Asien. Die Spitzen der
-Flugfedern an Schwanz und Flügeln haben sich die Vögel an den Gittern
-abgestoßen. Am Tag fallen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und nachts
-reißen sie sie auf vor Schrecken und gequält von dem stechenden,
-kaltweißen Bogenlicht der Straße und von den wütend jagenden
-Automobilen.
-
-Um zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr nachts rücken die armen Vögel immer
-noch unruhig hin und her, zu müde, um wach sein zu können, und zu wach
-gehalten, um einschlafen zu können.
-
-Ich kam mir unbehaglich wie ein großer wandelnder Turm vor, solange
-ich vor den winzigen Vögelchen stand, und so ging ich weiter, an den
-Glaswänden der Schaufenster entlang. Es ist da auch ein Blumenladen,
-den eine Dame besitzt, die am Tage immer mit schönen frauenhaften
-Bewegungen frische Blumen dort ausstellt, geschmackvoll in Vasen und
-Körben geordnet, und die ein Band oder ein Buch in die Nähe der Blumen
-legt und an den grauen Wandschirm, der im Hintergrund des Schaufensters
-steht, ein Bild hinhängt, das einer beliebten Tänzerin, oder einen
-alten Kupferstich, darstellend eine längst verstorbene Prinzessin.
-
-Hier erhole ich mich etwas von meinem Leid. Vielleicht leiden
-abgeschnittene Blumen ebensoviel wie eingesperrte Vögel. Aber sie sind
-nicht Fleisch und Blut, und deshalb leide ich bei ihnen ebenso wenig,
-als ich mit meinen Haaren leide, wenn ich sie schneiden lasse.
-
-Wie gerne möchte ich einer Einbrecherbande angehören, dachte ich
-neulich. Die müßte aber nicht einbrechen des Diebstahls wegen, sondern
-der Ordnung wegen. Dann würde ich nachts die Tür der Vogelhandlung
-aufbrechen und mit meinen Spießgesellen alle Käfige herausholen.
-Fliegen würde ich die Vögel nicht lassen. Sie würden sonst verhungern
-und erfrieren. Ich würde aber die Tür auch des Blumenladens aufbrechen,
-und dort in der lauwarmen Luft wollte ich alle Futternäpfe der Vögel
-zwischen die Schalen der Anemonenvasen stellen, zwischen die Körbe voll
-Hyazinthen, zwischen die dicken Efeukränze und um den hohen Krug, darin
-die Weidenruten voll Silberkätzchen stecken. Und über den Töpfen der
-Mimosen bei den gespenstig geformten Figuren der Orchideenblüten und
-bei den geisterhaft weißen Bechern der Callablüten, dort würde ich die
-fliegenden Bewohner von Afrika, Australien und Asien es sich wohl sein
-lassen.
-
-Einige Häuser weiter von dieser Blumenhandlung ist, ehe ich zu meiner
-Haustüre komme, noch solch ein exotischer Sklavenmarkt. Dort sitzen
-im Schaufenster neben kleinen Affen und Papageien in winzigen Käfigen
-weiße Mäuse und in Gläsern Laubfrösche.
-
-Kein Schaufenster von ganz Berlin ist am Tage so von Leuten aller
-Stände besucht wie dieses, an dem ich immer vorüber muß, wenn ich
-aus dem Hause trete. Dort habe ich Bekanntschaft gemacht mit einem
-Mammosettäffchen. Ich habe keine Ahnung, warum das Tier Mammosett
-heißt. Aber der Name steht auf einem Zettel am Käfig. Und ich denke
-immer, der Name müßte von Mimose kommen, da das Tier von mimosenhafter
-Empfindsamkeit ist. »Wird sehr zahm« steht auch daneben. Das glaube
-ich gern. Gewöhnlich, wenn die Tiere sehr zahm geworden sind, sterben
-sie weg, wie jenes Pferd, von dem der Bauer behauptete, daß es von der
-Luft allein leben könnte, und das starb, als es sich eben ans Hungern
-gewöhnt hatte.
-
-Mammosett erschien um die Weihnachtszeit im Schaufenster. Trotzdem
-es in diesen Tagen Lawinen schneite, blieben alle Leute stehen, um
-Mammosett zu betrachten. Das winzige, nur handgroße Äffchen ist »das
-kleinste Äffchen der Welt«, -- das steht auch auf dem Zettel am
-Käfig. Aber ich finde, trotzdem hätte man Mammosett nicht in einen
-Kanarienvogelkäfig sperren dürfen. Denn auch seine Winzigkeit verlangt
-Bewegung und Freiheit. In den ersten Tagen sprang das Tierchen wie
-irrsinnig in seinem Käfig herum, ähnlich den weißen Tanzmäusen in den
-Nebenkäfigen, die Tag und Nacht um eine Spule rennen. Die kamen mir
-immer vor wie kleine tanzende Derwische, die heftig rund herum rennen,
-damit sie eines Tages tot umfallen und so aus der Gefangenschaft des
-Lebens befreit sind.
-
-Ich erkundigte mich in der Tierhandlung, was Mammosett kostet. Aber ich
-hörte am selben Tag von einer Dame, daß diese Äffchen, wenn sie zahm
-werden, alles zerreißen, was ihnen unter die Finger kommt. Seit ich das
-weiß, möchte ich auch hier beim Mammosettäffchen Einbrecher werden und
-Mammosett befreien. Und ich hab mir schon eine Geschichte ausgedacht,
-wie dieses Mammosettäffchen, frei gelassen, alle seine Mitgefangenen,
-die Papageien, die Mäuse und die Laubfrösche, und zuletzt den
-Tierhändler selbst in kleine Stückchen zerreißen würde. Vom Tierhändler
-müßte das Äffchen jeden Tag nur ein Stückchen abreißen, einmal ein
-Ohrläppchen, einmal einen Nasenflügel, einmal einen Haarschopf, bis der
-Tierhändler daläge wie ein zerstückelter Brief im Papierkorb.
-
-Jetzt, nach zwei Monaten, ist das Äffchen in seinem Käfig ruhiger
-geworden, »zahm« würde der Tierhändler sagen. Ich sage »todesmatt«.
-Es kauert in einem Häufchen Holzwolle und knabbert manchmal an einem
-Kuchenstück und zittert den ganzen Tag.
-
-Auf der Stange des Käfigs, darauf eigentlich ein Kanarienvogel sitzen
-sollte, kauert mühsam das Äffchen. Die Stange ist zu schmal, und es
-fällt oft herunter. Wenn es sich in dem winzigen Gitterraum bewegen
-wollte, müßte es sich rund um sich selbst bewegen wie die weißen Mäuse
-und müßte irrsinnig werden. Weil es aber ein sanftes Tierchen ist,
-so will es keines irrsinnigen, sondern eines sanften Todes sterben.
-Es wird also scheinbar zahm, das heißt, es sitzt auf einem Fleck und
-stirbt langsam ab.
-
-Wenn ich die nächtlichen Straßen hinauf und hinunter sehe, so scheinen
-mir die menschlichen Häuser auch nichts anderes als steinerne Käfige
-zum Zahmwerden und zum Absterben.
-
-An einer Straßenecke stand während zweier Monate in jeder Nacht um
-zwei, drei, vier Uhr eine und dieselbe Frau. Sie war gekleidet wie eine
-Hausmeisterin in ein einfaches Hauskleid und hatte nur ein wollenes
-Tuch über dem Kopf und über der wollenen Manteljacke. Armselig, aber
-atemlos lauernd, stand sie immer am selben Fleck. Sie _wartete_ nicht
-auf jemanden, aber sie _horchte_ nach jemandem hin. Sie horchte
-nach der Richtung einer Haustüre hin. Sie war eine vertrocknete,
-abgearbeitete Frau, die sich durch Spionage einen Nachtverdienst
-machte, das erfuhr ich eines Abends. Im Haus aber, das sie behorchte,
-sang oft in der Nacht im Oberstock eine Frauenstimme.
-
-Wenn ich mit Freunden dort vorbei ging, oder wenn ich allein aus
-Theatern und Gesellschaften kam, immer stand diese Aufpasserin an dem
-Gitter des Vorgartens, angewurzelt wie ein Baum. Immer horchte sie
-nach jener Haustüre hin, aber nicht immer sang die Frauenstimme in der
-einzelnen Villa.
-
-Eines Abends, als ich eben wieder von meiner Vogelhandlung und von dort
-zur Blumenhandlung und von dort zum Mammosettäffchen gewandert war, kam
-eine vornehme Dame aus dem Schatten eines Haustores. Sie schien mir
-wie von der Nachtluft aus irgend einer fremden Stadt hergeweht auf die
-Potsdamer Straße. Vielleicht hatte sie mich schon längst beobachtet und
-hatte mich bei den gefangenen Vögeln, dann bei den gefangenen Blumen
-und jetzt bei dem gefangenen Äffchen stehen sehen.
-
-»O, mein Herr,« sagte sie, »darf ich Sie um einen Dienst ersuchen?« Und
-ihre Stimme war wehklagend wie die Stimme einer Gefangenen. »Würden
-Sie mir den Gefallen tun, jene Frau dort um die Ecke anzureden und zu
-fragen, warum sie immer Nacht für Nacht dort steht, und wer sie dort
-hingestellt hat zum Aufpassen?«
-
-»Gern,« sagte ich. »Ich bin selbst neugierig, es zu wissen.«
-
-»Ich werde Sie hier erwarten,« sagte die erregte Dame. Ihre Brust hob
-und senkte sich, und ihr zitternder Atem kam wie ein feiner Nebel aus
-ihrem Schleier und verflüchtigte sich in der eisigen Nachtluft.
-
-Dieser feine graue Hauch aus den Lippen der sichtbar Geängstigten,
-trieb mich zur Eile an.
-
-Ich ging und zwang meine Schritte, daß sie möglichst gleichgültig
-schienen. Ich bog um die Straßenecke und ging dort zuerst an dem
-horchenden kleinen ältlichen Weib vorbei. Ich sah sie gar nicht an.
-Dann wendete ich wieder einige Schritte um und ging langsam denselben
-Weg zurück. Dabei betrachtete ich die Aufpasserin genau, denn sie sah
-mir unter der Laterne, wo sie stand, ins Gesicht.
-
-Ihr dumpfrotes dickes Kopftuch war ein wenig vom Schädel
-zurückgerutscht, und sie sah mit dem grauen platten Haar elend
-und armselig aus. Aber ihre kleine Stirn hatte etwas hartnäckig
-Ausdauerndes wie ein Stein, den man vergeblich auf Steine stößt und
-der nicht zerspringt. Mager und blutleer, ausgekältet von ewigen
-Nachtfrösten, stand sie dort. Aber nicht zusammengekauert vom Elend,
-sondern verzweifelt, halsstarrig wie ein Nagel, der spitz aus einer
-Kiste heraussteht, und an dem sich alle Vorübergehenden die Kleider
-zerreißen. Der Nagel aber weicht nicht, er sticht und reißt jeden in
-die Haut, der unvorsichtig in seine Nähe kommt. So stand diese Gestalt
-seit Monaten von Mitternacht bis zum Morgengrauen und wich nicht und
-änderte ihren Standplatz nie.
-
-Sie hatte keinen wirklichen Blick in ihren Augen. Trotzdem sie mich
-anstarrte, schien sie mich nicht zu sehen. Sie horchte nur, immer
-weilte ihre Aufmerksamkeit nur in ihren Ohren. Man merkte es ihr aber
-an, daß sie geschäftsmäßig, auf Bestellung und für Bezahlung dastand,
-denn sie zeigte in Haltung und Miene ärmlich weiblichen Pflichteifer.
-
-»Sagen Sie mir,« fragte ich laut und dabei lächelnd und blieb eine
-Sekunde im Gehen stehen, »warum um Gottes willen warten Sie Nacht um
-Nacht bis zum Morgen hier? Ich habe Sie nun schon oft beobachtet. --
-Dürfen Sie es nicht sagen?« fuhr ich fort, als sie schwieg. Sie hatte
-mich einen Augenblick von der Seite angesehen, beinahe ebenfalls
-belustigt wie ich, dann aber starrte sie mit abgewendetem Gesicht nach
-einer andern Himmelsrichtung, wie ein Hund, den man anredet, und der
-fortsieht und sich besinnt, ob er böse werden soll oder nicht.
-
-»Na, wenn Sie es nicht sagen wollen,« sagte ich gedehnt und wartete, um
-ihr Zeit zu lassen. Sie aber sah immer starr in die Seitenstraße und
-rührte sich nicht.
-
-»Wenn Sie nichts sagen dürfen --,« lachte ich und ging langsam und
-nahm mir vor, wenn nicht heute, dann doch morgen von neuem zu fragen.
-Aber diese Frau würde sicher nie antworten, sagte ich mir zugleich.
-Sie mußte ihr Geld verdienen und verdiente es nur, wenn sie schwieg
-und horchte. Mir schien, man hätte ihr ein Stemmeisen zwischen die
-Lippen stoßen können, sie hätte keinen Laut von sich gegeben und den
-Mund nicht geöffnet. Dieses war mein Eindruck. Welch schrecklicher
-Gefangenwärter war sie! Und wessen Gefängnis mochte sie bewachen? --
-
-Ich bog in die Seitenstraße und ging bis zur Potsdamer Straße zurück.
-Dort fand ich die Dame im Schatten eines tiefen Haustores, auch stand
-ein Automobil am Straßenrand, dessen Tür offen war.
-
-Ich schüttelte von weitem den Kopf, und die Fremde nickte und kam mir
-entgegen. »Ich wußte, daß diese Kreatur nichts verraten würde,« klagte
-die Dame enttäuscht. »Ich habe sie neulich bereits selbst gefragt und
-habe sie befragen lassen, aber sie antwortet niemandem. Sie bewacht
-nämlich die Haustüre einer unglücklichen Freundin von mir. Und ich
-möchte wissen, ob der ungetreue Mann meiner Freundin oder andere Leute
-diese reinste aller Frauen beobachten lassen, um sie in Verdacht
-zu bringen.« Sie dankte mir dann und entschuldigte sich und ging
-zum Auto, das ein Privatwagen war. Ich hatte das Fahrzeug vorher in
-meiner Überraschung, und da ich in Gedanken am Schaufenster bei dem
-Mammosettäffchen gestanden hatte, gar nicht bemerkt. Der Wagenschlag
-wurde vom Kutscher zugeworfen, und die Dame flog wie der Nachtwind aus
-meiner Sehweite fort. Ich stand und wunderte mich eigentlich gar nicht.
-Denn daß ein Geheimnis, eine Grausamkeit, eine Ungerechtigkeit mit der
-geheimnisvollen nachtwachenden Kreatur drüben um die Straßenecke in
-Verbindung stand, das hatte ich mir schon lange gedacht.
-
-An einem der nächsten Abende begleitete ich eine mir befreundete Dame
-vom Künstlertheater nach Hause, und da es eine sternhelle Nacht war,
-wollte meine Begleiterin nicht fahren, sondern sie wollte schlendern
-und die Nachtluft atmen. Wir kamen in der Nettelbeckstraße an dem
-Schaufenster eines Juweliers vorüber, das die ganze Nacht über
-beleuchtet dasteht. In diesem Laden gibt es nur alte Schmucksachen,
-alte Familienschmuckstücke, Familiensilber, altmodische Fingerringe.
-Da sind viele ergraute Perlen, müde gewordene Edelsteine, graue matte
-Rosensteine in grauen, trüb gewordenen Silberfassungen.
-
-Wir standen und ließen unsere Augen wühlen und freuten uns, uns
-gegenseitig zu überraschen mit unserer Vorliebe für die verschiedenen
-Steine, indem wir in allen Verstecken des Schaufensters nach besonders
-edlen Fassungen und besonders schönen Schmuckstücken suchten.
-
-Bei diesem lässigen Spiel kam mir der Gedanke, daß die alten
-Schmuckwaren hinter der Glasscheibe mehr Sorge als Freude in sich
-trügen, und daß das Schaufenster aussah wie voll Gefangener, die da,
-herausgerissen aus ihren Lebenswegen, warten mußten, bis sie aus dem
-Fenster befreit würden, bis sie wieder an warmen Menschenhänden, an
-zarten Frauennacken, in Frauenhaaren und an Frauenwangen leuchten,
-aufleben und frei sein durften. Denn das Leben der Steine beginnt
-erst, wenn sie in Schönheit getragen werden, bei festlichem Licht und
-festlichem Blut.
-
-Und ich mußte bei den alten gefangenen Edelsteinen an die Schaufenster
-voll gefangener Vögel, Blumen und Affen denken.
-
-Ich sagte dieses zu meiner Begleiterin, und im Anschluß an die
-Erzählung von meinen nächtlichen Schaufenstern berichtete ich ihr
-auch mein Erlebnis mit der Dame und der Aufpasserin, die jenes Haus
-allnächtlich bewachte.
-
-Meine Freundin wollte sofort, daß wir die Aufpasserin besuchen sollten.
-Wir kamen dann vor jenes Haus, aber wir vermieden die Häuserseite und
-gingen unter den winterkahlen Bäumen der anderen Straßenseite am Rande
-eines schwarzen Kanalwassers entlang.
-
-Wir sahen die Frau wieder horchend am Eisengitter des Vorgartens
-stehen, oben aber in der Villa, deren Tür die Aufpasserin ins Auge
-gefaßt hatte, waren zwei erleuchtete Fenster.
-
-Meine Begleiterin, die ein sehr feines Gehör besitzt, sagte plötzlich
-zu mir: »Hören Sie doch, im Hause singt eine Frauenstimme!«
-
-Wir standen hinter einem breiten Baumstamm still, und in den Pausen,
-die zwischen dem Lärm vorübersausender Autos nur sekundenweise
-eintraten, hörten wir einen wundervollen Gesang. Dazu die feine
-Begleitung eines Instrumentes.
-
-Ich hätte die Autos aufhalten mögen, die sich immer wieder an dem Kanal
-und der Baumreihe entlangstürzten und die mich nur kleine Stücke des
-großen Liedes auffangen ließen.
-
-»Eine Sängerin,« sagte meine Begleiterin mit begeisterten Augen. »Und
-zwar muß es eine große Sängerin sein, denn ihre Stimme ist herrlich.«
-»Sie singt,« sagte ich, »sie singt so erschütternd und ergreifend. Es
-ist, als schluchzt sie die Töne, als wäre sie eine weinende Quelle in
-einem heiligen Hain, wo die Bäume dunkel und feierlich nicht rauschen
-dürfen, solange die Quellenstimme singt.«
-
-Wir standen lange still. Dann verdunkelte sich oben das eine Fenster,
-und für einen Augenblick erschien der dunkle Umriß einer schöngebauten
-Frauengestalt hinter dem Vorhang, die in Haltung und Wuchs edel war
-wie ihr Lied. Es war eine hoheitsvolle mütterliche Erscheinung. Der
-Kopf schien in den bestirnten Nachthimmel zu schauen, und mir war,
-als trüge sie noch die Rhythmen des Liedes wie große Schwingen an
-ihrer aufgerichteten Gestalt. Das Aufpasserweib unten am Vorgarten
-stierte hoch und ging langsam, wie beunruhigt, einige Schritte von der
-Haustüre fort. Dann wurde nach einer Weile das Licht oben ausgelöscht.
-Das Haus lag wie ein toter Käfig bei den andern Häuserkäfigen. Und
-die Aufpasserin stand wieder an ihrem Platz wie eine Schildwache. Wir
-gingen dann weiter. Meine Begleiterin war nachdenklich geworden. Sie
-schien im Geist in jenes Haus eingedrungen zu sein, um die bewachte und
-singende Frau dort auszuforschen. Aber sie schien dabei ebenso wenig
-eine Antwort zu bekommen wie ich damals, als ich die Aufpasserin in
-jener Nacht gefragt hatte.
-
-»Sie ist unglücklich und kann dabei noch singen, wunderschön singen,
-verstehen Sie das?« fragte sie mich dann.
-
-»Das tun die Nachtigallen auch, die unglücklich sind, wenn sie
-eingesperrt sind, sie singen um so schöner, je dunkler es um sie wird,«
-mußte ich erwidern. »Aber warum ist sie bewacht, wenn sie engelrein
-ist, wie ihre Freundin sagte? Verstehen Sie das?« fragte sie mich
-hartnäckig weiter.
-
-»Der Schuldige belauert immer den Unschuldigen. Ihr Mann soll ihr
-untreu sein, hat jene Dame neulich nachts gesagt,« suchte ich zu
-erklären.
-
-»Aber warum trennen die beiden sich nicht, warum? Können Sie mir das
-erklären?«
-
-»Das kann ich nicht erklären,« sagte ich darauf.
-
-»Aber Sie müssen es mir erklären,« bat meine Begleiterin ängstlich.
-»Ich fühle, ich kann in dieser Nacht nicht schlafen und werde immer an
-jene singende Frau denken müssen, die ihren Gram, ihren Herzkummer und
-ihre Einsamkeit sich fortsingen muß.«
-
-Und welche Stimme, dachte ich bei mir: so singen nur die Erzengel vor
-Gottes Thron, so mächtig, wenn sie aufweinen über die Schmerzen der
-Welt.
-
-»Erklären Sie mir das Geheimnis! Erklären Sie mir, wie kann man
-Ungerechtigkeit erdulden, ohne sich zu wehren?«
-
-»Wie wehren sich die gefangenen Singvögel, wie wehren sich wehrlose
-Frauen? Sie singen aus Notwehr, wenn sie Stimme und angeborene Musik
-in sich tragen; sie singen sich ihr Weh vom Leibe. Sie singen sich vom
-Gift der Qualen frei. Anders wehren sich die, die innerlich singen
-können, nie.«
-
-
-
-
-An eine Sechzehnjährige
-
-
-Wenn ich an Oda denke, wird mein altes Herz süß wie eine Blume, die man
-sich gedankenlos zwischen die Zähne steckt und am Stiel hin und her
-dreht, während man eine selbsterfundene Melodie ohne Anfang, ohne Ende,
-nur einem selbst hörbar, vor sich hinsummt.
-
-Oda ist knapp sechzehn Jahre alt.
-
-Die Luft um Odas Augen ist ohne Licht, nicht bloß, weil Sechzehnjährige
-eine Binde tragen, da sie mit dem Leben noch Blindekuh spielen, sondern
-weil die Sonne, die so viele Millionen Jahre alt ist, für dieses Alter
-gar nicht aufgehen mag. Denn sie hat für dieses Alter gar kein Licht,
-das jung genug wäre.
-
-In Odas Nähe reizt mich vor allem immer eine gewisse natürliche und
-doch jungfräulich mystische Dunkelheit, in der Oda sich selbst Licht
-spendet. Nur ein zerstreutes Licht ist um sie, nicht mehr als um ein
-Küken im Ei, ehe es die Schale zerbrochen hat.
-
-Und doch -- wie glänzen Odas mohnrote Augen! Ich behaupte, die
-Jugendliche hat mohnrote Augen. Ich fühle Röte und viele Träume in
-ihren Augen, Träume, wie nur ein Opiumraucher sie haben kann.
-
-Wenn Oda dieses lesen würde, würde sie finden, daß ich alles das, was
-ich von ihr schreibe, über mich selbst schreibe. Denn sie glaubt sich
-klar zu sehen wie eine Photographie. Das mag sein, ich gebe ihr recht.
-Ich beschreibe nicht Odas Augenbild, sondern ihr Wirkungsbild.
-
-Ich habe noch niemals Frauen sehen, sondern stets nur fühlen können.
-Ich fühle sie mit den Augen, fühle sie mit den Ohren, fühle sie mit dem
-Blut.
-
-Liebe Oda, da du dich also nicht fühlen kannst, wie das Feuer sich
-nicht als heiß und hell fühlt, das Wasser sich nicht selbst als naß und
-weich fühlt, -- so mußt auch du, wenn du dieses einmal über dich lesen
-wirst, mir glauben, wie du von mir gefühlt wirst.
-
-Du möchtest Schauspielerin werden, und ich zittere für dich, daß du
-Wege gehen mußt, die dich weglos wie einen Kometen in eine Irrwelt
-werfen können.
-
-Aber du willst, und alle wollen mit dir, was du willst. Und wenn ich
-das bedenke, müßte ich eigentlich nicht mehr für dich zittern, denn
-deine Wege können höchstens Umwege, aber keine Abwege werden, wie ich
-dich kenne. Wenn du nur immer weißt, daß du willst.
-
-Du kommst und setzt dich, wenn alle Damen in deiner Mutter Teestunde
-schon, eifrig plaudernd, das Zimmer unruhig wie ein auf- und
-abwankendes Fahrzeug machen. Du setzt dich mit deiner sechzehnjährigen
-Mädchenruhe in einen leeren Diwanwinkel und hast deine Glieder, wie
-nackt ohne Kleid, ohne Bewußtheit, mitgebracht und hast nicht deinen
-Körper vergessen, wie viele der viel zuviel gekleideten Damen es tun.
-
-Dein Mund redete noch nicht, auch deine Glieder reden noch nichts.
-Du fühlst auch noch nichts. Und du bist da in deiner Dunkelheit vor
-mir, von deiner Mutter mit Sorgfalt in einfache zarte Kittel aus Seide
-gekleidet. Neulich war es grüne, herbgrüne Seide, deren Grün nichts
-gemein hatte mit Pflanzen oder Metallen oder Tierfarben. Es war ein
-fernweltliches Grün, weil aus dir ein Erlebnis strahlte. Du kamst aus
-einer Welt her, wo eine grüne Sonne geschienen hatte, und davon warst
-du noch feierlich zartglänzend und lieblich leuchtend.
-
-Du sitzt auffällig in deiner Unauffälligkeit vor mir, und ich höre
-alles, was du nicht redest, lauter als rundum die glänzenden Reden der
-Sprechenden. Dein Herz aber ist flüssig, wenn es so, nichts sprechend,
-mit uns allen und mit niemandem spricht. Während uns die Teetassen
-in den Fingern zittern und der Witz der Nachbarn uns benachrichtigen
-will von Geschehnissen, die uns anfallen, bald kalt, bald glitzernd
-von Neugier, Eitelkeit und geistreicher Gewandtheit, bist du, Oda,
-verschwunden und wieder erschienen. Es rief dich irgend ein göttlich
-zweckloser Zweck.
-
-Neulich, als ich zum ersten Mal seit Jahren wieder zu euch zu Besuch
-kam, war es der kleine zahme Kanarienvogel, den du in der Hand
-brachtest und mir auf den Ärmel setztest; und du lachtest, als ich
-verwundert aufschaute.
-
-Warum brachtest du nicht alle Kanarienvögel der Stadt, damit ich dich
-hätte tausendmal lachen hören können! Ich sah den zahmen kleinen
-Vogel kaum, ich fühlte nur mein Herz schmerzen, weil du nur so kurz
-gelacht hattest, und weil, wenn du laut wirst wie die andern, ich
-dann unendlich viel Wirklichkeit von dir erleben möchte, von deinem
-unwirklichen und noch weltfernen Dasein.
-
-Bei meinem zweiten Besuch fand ich dich, ein Tabakhäufchen zwischen
-zwei Fingern zu einer kleinen Kugel drehend, am Schreibtisch deines
-Vaters, und du stopftest eine kleine japanische Silberpfeife, die
-du dann rauchtest. Und du lachtest wieder kurz auf, als ich aus dem
-Nebenzimmer von den andern fortgegangen war, von Tee und Musik, und
-dich fand. Wie ein Eichhorn in einem Waldbusch versteckt, so kauertest
-du auf der Ottomane unter dem blauen Nebel des Tabakrauches und ließest
-dich nicht stören. Du lachtest einmal nur dieses kurze, gestoßene
-Lachen, und wieder schmerzte durch einen kleinen Ruck mein großes altes
-Herz, weil du einmal und nicht tausendmal lachen konntest. Weil die
-Lust so kurz ist, die du anschlägst und auslöschst.
-
-Warum schmerzte aber mein Herz nicht, als du ein andermal am gleichen
-Schreibtisch, ans Telephon gerufen, mit einem jungen Kameraden
-lachtest? Er wollte dich mit andern jungen Damen abholen und zum
-Eisplatz zum Schlittschuhlaufen begleiten. Hinter dir aber stand
-dein Vater wie ein lang gen die Zimmerdecke gezeichneter Schatten
-und lächelte und war neckisch und sagte dir, da du um eine Antwort
-am Telephon verlegen warst, daß du absagen müßtest. Der Bursche am
-Telephon sei fad und nicht klug genug für dich. Du lachtest kurz auf,
-aber ich fühlte nichts bei diesem Lachen, diesmal nicht den Seufzer,
-nicht den zitternden Wunsch, dich noch mehr lachen zu hören.
-
-Und wieder an einem andern Sonntag, zu einer andern
-Nachmittagsteestunde, als ein Freund eures Hauses, ein beweglicher,
-nicht alter, nicht junger Mann, vor dir hockte und vom Theater
-plauderte und du in einem Sessel, an die hohe Lehne zurückgedrückt, vor
-dem Sprecher saßest, da zitterte Schrecken in mir. Denn der Erzähler
-war ein gewandter Frauenverführer, und er war geistreich, weltlustig
-und zielte mit seinen Augen auf dich wie ein geübter Revolverschütze
-auf eine Scheibe. Und wie eine Zielscheibe flach lehntest du, in
-den Sessel tief zurückgedrückt, an der Sessellehne, und diese deine
-Stellung war jenem Mann Triumph genug. Und gleich wandte er sich an
-deine Mutter und machte den Vorschlag, dich mit ihm die Probe eines
-neuen Stückes besuchen zu lassen, der er beiwohnen wollte.
-
-Und ich sah seinen vorgebeugten, glattrasierten Kopf, der wie ein
-Straußenei unterm Kronleuchter glänzte, und sah, wie er mit Eifer deine
-Mutter davon überzeugte, daß diese Theaterprobe dir nützen würde für
-deine Theaterkenntnis, die du dir aneignen möchtest.
-
-Und es wurde verabredet, daß du an einem der nächsten Morgen um 11
-Uhr in seine Loge kommen solltest, um die Probe zu sehen. Er hob den
-Zeigefinger und sagte:
-
-»Aber es darf kein Geräusch gemacht werden, denn die Regie ist streng,
-und es darf eigentlich niemand wissen, daß wir zur Probe kommen. Aber
-im dunkeln Theaterraum und in der finsteren Loge wird niemand uns
-finden, wenn wir ganz leise sind.«
-
-Ich sah dich bereits im Geist lautlos in jener dunkeln Loge und fühlte,
-wie du neben deinem Verführer im Dunkeln kaum zu atmen wagtest aus Lust
-am Theater, wie jener aber kaum zu atmen wagte aus Lust an dir.
-
-Es waren drei Tage bis zu jenem Tage der Verabredung, die du, Oda, mit
-dem andern hattest. Und in jeder Nacht von diesen beiden Nächten, die
-zwischen den drei Tagen lagen, wachte ich auf und horchte. Ich hörte
-zuerst nur ferne Automobile durch die todstillen Straßen surren. Ich
-fühlte aber dann, wie sich die Häuser auflösten und wie sie ihre Mauern
-und ihre Steine nach mir warfen. Die ganze große Stadt steinigte meine
-Brust. Ich stöhnte, und morgens erwachte ich wie zerschlagen. Und
-mitten am Tage in meiner Arbeit wollte ich ans Telephon gehen. Es war
-mir, als müßte ich deine Mutter rufen und weiter nichts zu ihr sagen
-als: »Hilfe, Hilfe!« wie einer, der ein Unglück sieht und ratlos ist.
-
-Zufällig hörte ich dann später von deiner Mutter, du würdest doch nicht
-zu jener Theaterprobe gehen. Aber ich glaubte es nicht. Warum glaubte
-ich es nicht? Warum atmete ich nicht auf? Ich glaubte es nicht, weil du
-ja doch deine Umwege oder Irrwege gehen mußt, wie wir alle sie gingen,
-denn keine andern führen ins Leben.
-
-Als ich nach Wochen wieder einmal zu deinem Vater kam, nötigte er mich,
-zum Mittagessen zu bleiben. Ganz flüchtig sollte der Besuch sein, denn
-wir hatten nur geschäftlich zu sprechen.
-
-Du warst mit deiner Mutter in der Stadt, und ihr machtet an diesem Tage
-andere Besuche und wart nicht zum Essen zu Hause.
-
-Dein kleiner Bruder Nickel, der flinke und geweckte Junge, sprang
-mit seinem graublonden Lockenkopf mitten beim Essen vom Tisch auf und
-holte plötzlich den kleinen Kanarienvogel aus dem Bauer und setzte ihn
-auf das Tischtuch. Dort spazierte das hellgelbe Vögelchen zwischen dem
-weißen Porzellan und den Kristallgläsern und um das Silbergeräte und
-pickte und lugte mich mit einem Auge an.
-
-Der kleine Kanarienvogel war erbärmlich anzusehen. Ein Beinchen war
-ihm gebrochen, das schleifte er nach sich. Aber der Bruch war schon
-geheilt und schmerzte ihn nicht mehr. Doch sein Köpfchen war ganz kahl.
-Er hatte alle Federn am Kopf verloren, und man sah, was man sonst nie
-sehen konnte, die großen Ohrlöcher des Vogels zu beiden Seiten des
-Köpfchens. Sie waren im nackten Schädel wie Löcher, durch die eine
-Kugel gegangen war.
-
-Wieviel hat dieser Vogel gefühlt mit diesen Ohrlöchern? Wieviel Weh-
-und Wohllaute zogen durch den kleinen Schädel in das Herz ein?
-
-Er hat Oda lachen und weinen gehört. Er hat Oda tanzen gehört und auch
-gehört, wie sie aufstampfte im Zorn. Er hat Oda besungen, wenn er
-andächtig wurde.
-
-So gerupft gehen wir alle aus der Lebensandacht hervor, dachte ich bei
-mir. Früher oder später zieht das Herz einen geknickten Fuß nach. Oder
-man verliert die Locken des Mutes.
-
-Nach dem Essen, als ich noch einen Augenblick in deines Vaters
-Schreibzimmer im Ledersessel saß, las und rauchte und auf deinen
-Vater wartete, der sich zum Ausgehen umzog, da tönte des gerupften
-blankschädligen Vögeleins Singstimme aus dem Nebenzimmer.
-
-O, er sang, als wäre er gerührt über sich selbst. Er sang so schmelzend
-und zärtlich, als hätte dein Bruder Nickel einen Spiegel geholt und
-der Kanarienvogel hätte sein verunglücktes Bild im Glase gesehen. Und
-er sang, um den trauernden gerupften Vogel im Spiegel zu trösten, sein
-lebenssüßestes Lied. Denn er erkannte sich selbst nicht und glaubte für
-einen Fremden zu singen.
-
-Da hätte ich gewünscht, Oda, du hättest mit meinen Ohren hören, mit
-meinen Augen sehen können.
-
-Ich habe Wiedersehen gefeiert mit eigenem Leid. In deinen
-sechzehnjährigen Augen sehe ich meine eigenen Gebrechen wie in einem
-Spiegel, alle Wunden, die mir das Leben angetan.
-
-An einem der nächsten Abende, zu dem ich mich mit deinen Eltern
-verabredet hatte, wurde ich zu Hause bei mir ans Telephon gerufen.
-
-Als ich Antwort gab, rief mir eine Stimme zu: »Ich bin es!«
-
-»Wer?« fragte ich ahnungslos.
-
-»Ich, ich, ich,« riefst du mir zu, und es belustigte dich, daß ich
-deine Stimme nicht gleich erkannte.
-
-Wie seltsam, daß ich deine Stimme nicht wiedererkannte!
-
-Aber da lachtest du das kurze Stoßlachen, das immer wieder zu rasch
-auslöscht.
-
-Da erkannte ich dich wieder.
-
-Noch oft im Leben werde ich dich nicht erkennen, wenn du sprichst, aber
-ich hoffe, daß ich dich immer erkennen werde, wenn du lachst.
-
-
-
-
-Zur Stunde der Maus
-
-
-In einer Stadt der Provinz hatte ein Südfrüchtenhändler einen Laden
-eingerichtet, der sich über einem tiefen Keller befand, zu welchem eine
-Falltüre hinunterführte.
-
-Aus diesem Keller kamen jede Nacht die Mäuse in Scharen in die
-Südfrüchtenhandlung herauf. Sie nagten dort die schönen, in
-Seidenpapier eingewickelten Kalvillenäpfel an, sie fraßen Datteln
-und Feigen, Rosinen und Bananen und schonten auch nicht die
-jungen Gemüse und die Maltakartoffeln. Keine Ware, die sich in
-der Südfrüchtenhandlung befand, war vor den kleinen zudringlichen
-Nagetieren zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang sicher.
-
-Solange nachts Lärm auf den Straßen war und die Wagen fuhren, hielten
-sich die Mäuse noch still im Keller. Aber sobald es Mitternacht
-geschlagen hatte und es still in jener Straße wurde, kamen sie in
-Scharen, vergnügten sich an den süßen Vorräten und feierten wahre
-Freßorgien, deren Spuren den Südfrüchtenhändler jeden Morgen beim
-Betreten des Ladens in Verzweiflung setzten.
-
-Den Laden zu räumen und einen anderen zu beziehen, das ging nicht gut
-an, da hier im Mittelpunkt der Stadt ein gutes Absatzgebiet war und dem
-Händler durch einen Umzug wahrscheinlich viele Kunden verloren gegangen
-wären.
-
-Und so versuchte er, sich auf alle Weise gegen die Mäuse zu schützen.
-Er schaffte sich Katzen an, aber er mußte sie wieder abschaffen, da es
-vorgekommen war, daß die Tiere in der Nacht den Ladenraum verunreinigt
-hatten und der Geruch davon, der am Morgen nicht auszutreiben war, die
-Käufer entsetzt hatte.
-
-Er schaffte sich dann Hunde, Rattenfänger, an. Aber diese stürmischen
-Tiere schlugen in den Nächten ein wildes Gebell auf, wenn sie hinter
-den Mäusen herjagten, und sie warfen dabei, wenn sie über die mit Obst
-gefüllten Körbe sprangen, Früchte und Körbe über den Haufen, so daß der
-Händler auch die Hunde wieder abschaffen mußte, weil die Nachbarn sich
-über das nächtliche Gebell beschwert hatten und der Schaden, den die
-hetzenden Hunde anstifteten, dem Schaden der Mäuse gleichkam.
-
-Gift gegen die Mäuse zu legen, war nicht ratsam, da die halbvergifteten
-Tiere das Gift über die Eßwaren verschleppen konnten und dann großes
-Unglück durch die Vergiftung von Früchten hätte entstehen können.
-
-So blieb dem armen, von Mäusen geplagten Südfrüchtenhändler nichts
-übrig, als sich um Mitternacht, zur Stunde der Maus, in den Ladenraum
-zu begeben und, versehen mit einem Stock, seine Fruchtkörbe selbst zu
-bewachen und durch Händeklatschen und Fußstampfen die eindringenden
-Mäusescharen zu verjagen.
-
-Er allein konnte nicht Nacht um Nacht wachen, und so teilte er sich mit
-seiner Frau in die Nachtwachen. Aber dieses ermüdete auf die Dauer die
-beiden sehr.
-
-Da kamen sie auf den Gedanken, eine entfernte Verwandte, die gerade
-eine Stellung suchte, zu sich ins Haus zu nehmen, damit diese die
-Mäusewache jede dritte Nacht übernähme.
-
-Der Südfrüchtenhändler hatte es sich aber zur Pflicht gemacht, manchmal
-nachzusehen, wenn das junge Mädchen die Wache hatte, ob es nicht
-eingeschlafen wäre.
-
-Er traf das Mädchen aber niemals schlafend an, denn es vertrieb sich
-die Zeit mit Lesen von Balladen und Romanzen, für die es eine Vorliebe
-hatte.
-
-Mit der Zeit waren dem Händler die Augenblicke, die er zur Stunde der
-Maus mit dem jungen Mädchen verplauderte, wenn sie im Laden zusammen
-hinter die Körbe schauten, um die kleinen Ladenräuber zu verjagen, oder
-wenn sie ihm eine ihrer Romanzen vortrug, die sie bald alle auswendig
-kannte und die sie bei der Nachtwache laut hersagte, damit sie mit
-ihrer Stimme die Mäuse verjagte, -- so zur angenehmen Gewohnheit
-geworden, daß er die Minuten im Laden unbewußt immer länger ausdehnte
-und sich eines Nachts klar wurde, daß er sich in das junge Mädchen
-verliebt habe.
-
-Das kam, als das junge Fräulein ihn eines Nachts, da er wieder lange
-ihren Balladen zugehört hatte und noch eine Romanze zu hören wünschte,
-daran erinnerte, es sei Zeit, daß er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu
-seiner Frau ginge. Und sie hatte lachend hinzugesetzt, sie wisse, daß
-er recht glücklich verheiratet wäre.
-
-Dabei hatte sie den Kalvillenapfel, den er als den schönsten für sie
-ausgesucht und ihr für ihren Balladenvortrag zum Geschenk gemacht
-hatte, vorsichtig wieder in das schützende Seidenpapier eingewickelt
-und hatte ihn auf die Apfelpyramide zurückgelegt, von wo ihn der
-Händler genommen hatte.
-
-»Für mich sind weniger schöne Äpfel auch gut genug. Auch wird sich
-vielleicht Ihre Frau ärgern, wenn ich den besten Apfel, der im Laden
-ist, aufesse.«
-
-Als sie dieses gesagt, hatte sie leise geseufzt, und der Mann war aus
-dem Laden gegangen. Vorher hatte er ihr noch lachend zugerufen:
-
-»Natürlich bin ich glücklich verheiratet, sogar sehr glücklich.«
-
-Aber seit dieser Stunde, seit dieser Versicherung seines Glückes,
-war der Mann von einer Unruhe geplagt, die ihn unglücklich machte.
-Es war ihm, als habe er im Augenblicke der öffentlichen Feststellung
-seines Eheglückes den Gipfelpunkt dieses Glückes schon überschritten.
-Denn er war abergläubisch und glaubte bestimmt daran, daß er mit dem
-Eingeständnis seines Glückes sich ein Unglück ins Haus eingeladen
-habe. Er war aber zugleich ein ehrlicher und treuer Mann, der seine
-ihm angetraute Frau niemals betrogen hatte, und dessen Herz heftig
-erschreckte, als es zur Stunde der Maus seine Augen dabei ertappte,
-wie sie mit Wohlgefallen an dem Gedichte vortragenden Mädchen im
-mitternächtigen Laden hängen geblieben waren, so daß er die Zeit und
-den Schlaf vergessen konnte.
-
-Das junge Geschöpf mit seinen erdbraunen Augen und seinen tabakfarbenen
-Haaren paßte gut zwischen die Pyramiden von Blutorangen und goldgrünen
-Zitronen und neben die weinduftenden Ananasfrüchte. Und oft am Tage,
-wenn der Südfrüchtenhändler die Kunden bediente und das Mädchen gar
-nicht im Laden anwesend war, schien ihm, als ob in den leichten flachen
-Holzschachteln die plattgepreßten gedörrten Malagatrauben oder die
-in Silberstanniol eingewickelten spanischen Mandarinen den gleichen
-Duft ausströmten, der ihm vom Nacken jenes Mädchens, von den feinen
-Haarwurzeln ihrer tabakbraunen Locken entgegengeströmt war und den er
-deutlich kannte von den Augenblicken, da sie beide zur Stunde der Maus
-hinter den Säcken mit Maltakartoffeln und hinter den Körben voll von
-afrikanischem Blumenkohl mit Stöcken nach den Mäusen geschlagen hatten.
-
-Des Händlers Unruhe wuchs allmählich, besonders seiner Frau gegenüber,
-die er wirklich aufrichtig liebte und die er mit seiner Untreue nicht
-betrüben wollte.
-
-Er wußte sich keinen Rat mehr, wenn er sich auch vornahm, das junge
-Mädchen zur Zeit, da es Wache hatte, nicht mehr im Laden aufzusuchen.
-Doch nützte ihm das nicht viel, denn er traf es am Tage, und er konnte
-nicht daran denken, es fortzuschicken, weil es für die Nachtwachen
-unentbehrlich war; und er hätte auch gar keinen Grund gehabt als den
-seiner Zuneigung, den er aber natürlich kaum sich selbst eingestehen
-wollte und den er noch weniger jemand anderem offenbaren konnte.
-
-Es geschah auch, daß, wenn er dem Mädchen jetzt am Tage auf der Treppe
-oder im Ladenraum oder in seiner Wohnung begegnete, er ein kühleres
-Gesicht aufsetzte, um seine Gefühle mit Gewalt zu verleugnen. Und ihm
-schien es dann, als ob das junge Mädchen durch sein verändertes Wesen
-verletzt wurde, und daß es ihn leicht verächtlich behandelte.
-
-Es war ihm in der Erinnerung unangenehm, daß er zu dem Mädchen gesagt
-hatte, er sei glücklich, sehr glücklich. Er fand es roh und häßlich,
-daß er glücklich sein sollte, während das junge Geschöpf glücklos war
-und die Lebenstage nur für die bezahlte Arbeit kommen und gehen sah.
-
-Bei einem größeren Einkauf einer Warensendung, die er immer in der
-nächsten Hafenstadt, wo die Frachtschiffe aus dem Süden ankamen, machen
-mußte, wurde ihm der Vorschlag unterbreitet, ein Zweiggeschäft in
-jener großen Seestadt zu gründen, damit er die durch die Verpackung
-und Reise schon etwas beschädigten, aber noch guten Obstvorräte, denen
-eine Eisenbahnversendung nicht gut bekommen würde, an Ort und Stelle
-absetzen könnte.
-
-Der Händler ging mit Freuden auf dieses Geschäftsunternehmen ein.
-Und da ihn die Fruchtversteigerungen oft nach der Hafenstadt gerufen
-hatten, so fand auch seine Frau es ganz in der Ordnung, wenn ihr Mann
-dem neuen Zweiggeschäft in der Hafenstadt vorstünde, wogegen sie den
-Laden in der Provinzstadt weiterführen wollte.
-
-Für die Festtage des Jahres hatten die Eheleute verabredet, sich zu
-besuchen. Da aber die Frau zur Weihnachtszeit nicht von dem Laden
-abkommen konnte, erwartete sie der Mann erst zum Neujahrsabend, zur
-Silvesterfeier.
-
-In der ersten Zeit der Trennung war der Südfrüchtenhändler von seinem
-neuen Geschäft so in Anspruch genommen, daß er weder seine Frau noch
-das junge Mädchen, das nach wie vor in dem Laden in der Provinz die
-Nachtwache hatte, vermißte.
-
-Aber als das neue Geschäft im Gang war und sich eintönig abwickelte,
-kehrten seine Erinnerungen doppelt heftig zurück, und die Gerüche der
-Früchte im Laden, die ihre Süßigkeit durch die Luft verbreiteten,
-erweckten wieder, besonders, wenn er abends den Laden geschlossen,
-seine Rechnungsbücher durchgesehen und zugeklappt hatte und sich
-der Beschaulichkeit und dem Träumen überlassen durfte, das Bild des
-Mädchens und den Duft ihres Leibes, wie er ihm begegnet war vormals zur
-Stunde der Maus.
-
-Er merkte, daß er sich sogar einzelner Verse jener Balladen und
-Romanzen erinnerte, die sie immer in der nächtlichen Stille im
-Kreis der Fruchtkörbe vorgetragen hatte, und die ihn auf ferne
-Inseln und zu fernen Ländern, unter fremdartige Bäume, zu feurigen
-und fremdgearteten Menschen versetzt hatten, deren Sprache voll
-auffallender Leidenschaftsworte lebhaft leuchtete, wie die Farben der
-Südfrüchte, die von den nüchternen Eisensäulen des Ladens, von den
-kahlen Kalkwänden und vom strengen Kassenpult wie bengalische Feuer
-abstachen, die man im nüchternen Tageslicht abbrennt.
-
-Wenn der Mann dann aus dem Laden in sein Zimmer in einem der höher
-gelegenen Stockwerke des Hauses kam, wo er jetzt ohne Weib hausen
-mußte, gingen die Düfte der südlichen Länder, die an seinem Rock
-hafteten, mit in seine Träume. Und er umarmte in seinem Schlaf nicht
-sein Weib, sondern er zog das junge Mädchen an sein Herz, während ihm
-ihre Brüste wie zwei frische Kalvillenäpfel entgegendufteten.
-
-Und besonders zur Stunde der Maus lag er oft auf dem Kissen wach, mit
-den verschränkten Armen unter seinem Kopf, und stellte sich seinen
-Laden in der Provinz vor, wo eine der Gaslampen brannte und sie, die er
-ersehnte, mit hochgezogenen Beinen auf dem Drehstuhl beim Ladentisch
-saß und ihre Balladen sprach und dazwischen aufsprang und nach einer
-Ecke schlich, wo überall Mausefallen waren, die aber den Mäusen so
-bekannt waren, daß keine mehr Lust hatte, sich fangen zu lassen.
-
-Dann sah er, wie sie sich bückte und eine Falle, die von selbst
-zugeklappt war, wieder aufstellte, wobei sie vielleicht den Vers
-hersagte:
-
- Ein Held, deß' Herz wie Feuer war,
- Ritt durch die Wälder sieben Jahr.
- Verschwiegen hat er sieben Jahr,
- Daß er ein Fraß der Flammen war.
-
-Bald mußte sich der Händler auch am Tage mit seinen verliebten Träumen
-beschäftigen. Und der Gedanke, daß seine Sehnsucht die Ersehnte
-vielleicht herziehen könnte, wollte nicht mehr von ihm weichen.
-
-Er nahm sich endlich vor, einen Brief zu schreiben und seiner Frau
-zu sagen, daß er eine Hilfe im Laden brauche und daß er nicht
-immer die Ladentüre abschließen könne, wenn er stundenlang zu den
-Fruchtversteigerungen gehen müsse, und er wollte ganz harmlos im Briefe
-bemerken, daß sie ihm jene Verwandte schicken sollte.
-
-Er hatte den Brief im Geist vielleicht tausendmal abgefaßt, nachts und
-am Tag. Wo er ging und stand, schrieb er diesen Brief in Gedanken.
-
-Aber er konnte sich nicht entschließen, die Feder in die Hand zu
-nehmen, die Tinte und das Briefpapier. Er wäre sich wie ein Verräter
-vorgekommen, Verräter an der Treue, die er seiner Frau halten wollte,
-und Verräter an seinem Herzen, das ehrlich bleiben wollte.
-
-So schrieb er diesen Brief nur mit den Augen in die Luft. Er schrieb
-ihn abends stundenlang, wenn er seine Rechnungen abgeschlossen
-hatte, unter die Summen der Zahlen ins Hauptbuch, in das er brütend
-starrte. Er schrieb den Brief mit den Augen auf die Kistendeckel der
-Orangensendungen, wenn er das Kistenbrett in der Hand hielt und in
-Gedanken anstarrte, statt es in eine Ecke zu stellen. Er schrieb den
-Brief auf die rötlichen blanken Schalen der Blutorangen. Er schrieb den
-Brief an die leeren Kalkwände seines Verkaufsgewölbes, und er las ihn
-am Tag hundertmal, während er Früchte in die weißen Tüten hineinzählte,
-die er den jungen Mädchen und Frauen zureichen mußte. Auf allen
-Frauenhänden, die die Fruchttüten aus seiner Hand empfingen, las er
-jenen Brief, den seine Augen unaufhörlich schrieben.
-
-Aber wie man sich scheut, mit bloßen Füßen durch brennendes Feuer zu
-gehen oder die bloßen Hände in helles Feuer zu legen, so scheute er
-sich, seine Hände und seinen Willen dazu herzugeben, den Brief zu
-schreiben und abzusenden, den Brief, der die heimlich Ersehnte zu ihm
-bestellen sollte.
-
-Der Gefolterte suchte sich mit der Zeit die brennende Sehnsucht nur
-dadurch ein wenig zu erleichtern, indem er tat, als ginge er auf die
-Forderungen seines Blutes scheinbar ein. Er ging, wenn es ihm seine
-Zeit erlaubte, in die Warenhäuser und kaufte Dinge für sein Zimmer ein,
-die er sonst nie für sich gekauft hätte, und die er aufstellte wie
-zum Empfang für diejenige, die er noch nie empfangen hatte. Er kaufte
-Kissen für das Sofa, unnütze Vasen, in die er Blumensträuße stellte,
-die er aber verwelken ließ wie die Stunden seiner Träume. Er kaufte
-romantische Bilder, mit denen er die Wände schmückte, kaufte Balladen-
-und Romanzenbücher, die er auf ein Bücherbrett aufreihte. Er kaufte
-Weingläser, eine Porzellanschale für Kuchen, eine Kristallschale für
-Früchte und eine große seidene Bettdecke.
-
-Er kaufte sich neben seinen gewöhnlichen Zigarren, die er täglich
-rauchte, eine Schachtel bester und teuerster Havannastengel, die er
-nur dann rauchen wollte, wenn der ersehnte Besuch gekommen sein würde.
-
-Mit diesen und noch mancherlei Einkäufen beschwichtigte er das still
-schwellende Sehnsuchtsfieber, das in ihm umging wie ein unheimlicher
-Feueratem, der ihn entfachen wollte.
-
-Aber den Brief, den er hätte schreiben müssen, schrieb er nicht.
-
-Oft, wenn ihm ein Besuch angezeigt wurde, fuhr er erschreckt zusammen
-und dachte, jenes Mädchen könne plötzlich auf seiner Türschwelle
-stehen, gerufen von den lautlosen Hilfeschreien seines geknebelten
-Herzens.
-
-Zum Silvester kam dann, wie es verabredet war, seine ahnungslose Frau
-zu ihm zu Besuch.
-
-Sie war, seit er den Laden in der Hafenstadt aufgemacht hatte, noch
-nicht bei ihm gewesen. Und als er sie jetzt vom Bahnhof abholte und in
-sein Zimmer führte, wo von der Decke eine rosa Glasampel hing, die er
-angezündet hatte, da schlug die gute Frau erstaunt die Hände zusammen
-und vergaß, den Hut und den Mantel abzulegen. Sie drehte sich auf
-einem Fleck, mitten im Zimmer stehend, um sich selbst und ließ die
-zerbrechlichen feinen Vasen mit Blumen auf sich wirken, die schönen
-gebundenen aufgereihten Bücher auf dem Bord, den Porzellanteller mit
-Kuchen, die Kristallschale mit Früchten, die vielen romantischen Bilder
-an den Wänden. Und als sie zuletzt gar die gleißende Seidendecke auf
-dem breiten Bett bemerkte, da gingen ihr gerührt die Augen über, und
-sie umarmte ihren Gatten und bedankte sich, daß er so zärtlich alles
-für ihren Empfang hergerichtet hatte.
-
-Der sagte nichts und umarmte seine Frau wieder. Denn während er diese
-Dinge zum Schmuck des Zimmers alle eingekauft und aufgestellt hatte,
-hatte er auch da nie mit Bewußtheit und Offenheit sich eingestanden,
-daß er dies nicht für seine Frau, sondern für das junge Mädchen tat.
-
-Er hatte wie ein Schlafwandelnder gehandelt, getrieben von einer
-inneren Lust, sein Zimmer zu schmücken, handelnd zwischen Wachen und
-Träumen. Und wie er nun seine Frau, die er immer noch treu liebte und
-vor der er sich keine untreue Handlung vorzuwerfen hatte, umarmte,
-schien es ihm wirklich einen Augenblick als wahrscheinlich, daß er für
-sie und sich zur Silvesterfeier und zum Wiedersehen das Zimmer so
-sorgsam und festlich geschmückt hatte.
-
-Am Abend gingen Mann und Frau mit Bekannten in eine Weinstube, und dort
-tranken sie, bis es zwölf Uhr schlug und das neue Jahr anbrach. Und von
-Glühwein und Bowle erhitzt, wurde der Südfrüchtenhändler lustig und
-ausgelassen, wie ihn seine Frau selten gesehen hatte.
-
-Als nun das neue Jahr mit vielen »Prosit« empfangen worden war, sehnte
-sich die Frau aus dem lärmenden Kreis der Menschen fort und dachte an
-das schön geschmückte Zimmer, das sie beide erwartete, das ihr Mann
-mit soviel Zärtlichkeit hergerichtet hatte, und wo sie ihm jetzt mit
-gleicher Zärtlichkeit zu danken wünschte.
-
-Sie zupfte ihren Mann am Ärmel, aber der schien an gar kein
-Nachhausegehen denken zu wollen und trank immer wieder seinen Freunden
-zu und ließ sich zutrinken und bestellte neuen Wein.
-
-Aber es waren auch noch andere Frauen im Kreise, die auch heimzugehen
-wünschten, und die Frauen verabredeten sich untereinander und standen
-auf und setzten ihre Hüte auf und zogen ihre Mäntel an und traten
-dann angekleidet vor die im Tabakrauch und Weindunst laut schwatzenden
-Männer und baten sie, heimgeführt zu werden.
-
-Die Männer wollten auch folgsam alle gehen. Nur der Südfrüchtenhändler
-wollte ans Aufbrechen nicht denken. Der saß auf seinem Stuhl fest und
-behauptete, er ginge nicht zur Stunde der Maus nach Hause, denn da
-gingen Gespenster bei ihm um.
-
-»Was für Gespenster?« fragten ihn alle.
-
-»Mäuse und junge Mädchen,« entfuhr es dem etwas Angetrunkenen.
-
-Die Männer lachten und warfen sich zwinkernde Blicke zu. Die Frauen
-aber trieben beharrlich zum Aufbruch an.
-
-Die Frau des Südfrüchtenhändlers war bei der Rede ihres Mannes
-plötzlich blaß und zitternd geworden, und auf der Straße zog sie ihren
-Gatten auf die Seite:
-
-»Was hast du da geschwatzt von Gespenstern, von Mäusen und jungen
-Mädchen, die bei dir umgehen? Nun weiß ich es, für wen du das Zimmer so
-festlich geschmückt hast! Jedenfalls nicht für mich.«
-
-»Was?« sagte der unschuldige Mann. »Was habe ich von jungen Mädchen
-gesagt?« und er hielt seinen Hut in der Hand und ließ die eisige
-Nachtluft seinen erhitzten Kopf abkühlen. »Du glaubst wohl gar, daß ich
-junge Mädchen nachts bei mir empfange?«
-
-»Ja, was soll ich denn anderes glauben?« wimmerte die weinende Frau und
-drückte ihren Muff vors Gesicht. »Du hast es ja selbst vorhin vor allen
-Freunden gesagt, daß zur Stunde der Maus junge Mädchen bei dir umgehen.«
-
-»Da habe ich im Weinnebel Dummheiten gesprochen,« verteidigte sich der
-Mann. »Mein Zimmer hat niemals ein anderer Frauenfuß betreten als der
-deinige, mit Ausnahme des alten Weibes, das dort Ordnung macht und
-täglich die Stube reinigt.«
-
-»Ist das wahr?« sagte die Frau des Südfrüchtenhändlers und sah ihren
-Mann an und zog ihn am Arm, damit er ihr ins Gesicht sehen sollte.
-
-»Ich schwöre es dir,« beteuerte er. Aber er sah sie nicht an, sondern
-starrte hinauf in den Himmel, wo die Sterne wie Pyramiden aufgehäufter
-goldener Früchte glänzten.
-
-Die Frau atmete auf und lachte sich selbst aus, daß sie so schnell
-Übles gedacht hatte von dem, den sie immer als rechtschaffen und treu
-gekannt hatte. Und sie nahm sich jetzt erst recht vor, zärtlich zu
-ihm zu sein, da er nun doch das Zimmer nur für sie so schön geschmückt
-hatte.
-
-Zu Hause, als sie den Mantel abgelegt, sah sie, wie ihr Mann, nachdem
-er nach der Uhr gesehen, nach einem der Balladenbücher griff und es vom
-Bücherbord herunterlangte. Und statt sich auszukleiden, streckte er
-seine Beine auf dem Sofa aus und schlug das Buch auf und las für sich.
-
-Die Frau entkleidete sich inzwischen und kämmte ihr Haar am Spiegel
-aus, schlüpfte dann ins Bett unter die seidene Bettdecke und verhielt
-sich eine Weile mäuschenstill, um abzuwarten, bis ihr Mann ausgelesen
-hatte.
-
-Nach einer Weile klappte er das Buch zu, und sie sah, wie er sich aus
-einer bisher ungeöffneten Zigarrenschachtel eine große Zigarre holte
-und diese anzündete. Und als sie den fein duftenden Rauch roch, dachte
-sie bei sich: so gute Zigarren raucht er doch sonst nicht. Die hat er
-auch zu meinem Empfang gekauft.
-
-Und sie nahm jede Rauchwolke, die er von sich blies, als eine Huldigung
-dar.
-
-Dabei kam ihr der Gedanke, daß sie eigentlich noch gern einen Schluck
-schwarzen Kaffee getrunken hätte. Und da fragte sie ihn:
-
-»Hättest du nicht auch gern ein Täßchen Kaffee zu deiner guten Zigarre?«
-
-Da stand er auf und ging zu einem kleinen Kredenzschrank, holte eine
-neue vernickelte Kaffeemaschine und zwei winzige Mokkatassen, stellte
-sie auf den runden Tisch unter die Ampel und goß Spiritus in den
-Brenner, nahm aus einer Büchse gemahlenen Kaffee und schickte sich an,
-den Kaffee zu bereiten, von dem sie gesprochen.
-
-Sie sah vom Bett aus mit Erstaunen seinen Händen nach, und plötzlich
-schienen ihr die Hände des lautlosen Mannes, die da am Tisch handelten,
-die gespensterhaften Hände eines Traumwandlers zu sein. Und sie
-fühlte mit den Augen einer liebenden Frau, wie das Herz dessen, der
-da umherging, nicht im Zimmer anwesend war. Sie wurde wieder bestürzt
-und ratlos und fühlte, daß Gespenster umgingen hier im Zimmer zur
-Stunde der Maus, so wie es ihr Mann vorher beim Wein gesagt hatte.
-Zugleich wußte sie auch, daß ihr Mann sie niemals belügen konnte. Und
-sie schaute in die fremde Welt des fremdgeschmückten Zimmers, wo sie
-den, den sie liebte, nicht mehr erkannte. Nur wie ein Gespenst saß er
-dort auf dem Sofa. Auch sein Rauchen war unnatürlich und gezwungen.
-Seine Augen sahen in die Spiritusflamme, die da unter dem Kessel
-leise sauste, und dabei schienen sie die Flamme doch nicht zu sehen.
-Seine Ohren schienen auf die summende Kaffeemaschine zu lauschen und
-schienen doch noch anderes zu hören. Seine eine Hand aber streichelte
-unausgesetzt und wie abwesend den Deckel des Buches, das vor ihm lag.
-Und mit eifersüchtigem Liebessinn wurde die Frau von jenem Buche
-angezogen. Und als das Kaffeewasser kochte und ihr Mann an die Maschine
-trat, um den Kaffee in die Tassen einzuschenken, da stieg sie leise aus
-dem Bett und zog, scheinbar harmlos, das Buch vom Tisch an sich. Sie
-blätterte darin und erkannte sofort, daß es Balladen waren, die jene
-junge Verwandte, die sie daheim hatte, immer las und vortrug.
-
-Sie wußte jetzt mit raschem Gedankengang plötzlich, wer das Gespenst
-war, wer das junge Mädchen war, das um die Stunde der Maus im Zimmer
-ihres Mannes umging.
-
-Sie fühlte, daß seine Gedanken nur bei jener Verwandten weilten, und
-sie wurde zornig, da sie glaubte, er habe sie in jenen Augenblicken, da
-er das Mädchen zur Nachtwache im Provinzladen aufgesucht, daheim schon
-betrogen.
-
-Als der Mann mit der gefüllten Kaffeetasse zu ihr ans Bett trat, wies
-sie den Kaffee zurück, wandte das Gesicht gegen die Wand und brach
-in Schluchzen aus. Und auf seine Fragen stürzten ihr Vorwürfe über
-die Lippen. Aber er konnte ruhig entgegnen, daß kein Wort und nichts
-zwischen ihm und jenem Mädchen ausgetauscht worden war, was seine Treue
-hätte in Frage stellen können.
-
-»Es muß aber doch etwas zwischen euch gewesen sein,« fuhr die Frau
-hartnäckig fort, »denn ich erinnere mich jetzt, daß du ganz plötzlich
-deine Aufsicht über die Nachtwachen im Laden abgebrochen hast. Sage
-mir, was war das letzte Wort, das ihr dort zusammen spracht?«
-
-»Ich sagte ihr, daß ich glücklich, sehr glücklich verheiratet bin,«
-erwiderte der Mann nach einigem Nachdenken.
-
-Die Frau sah erstaunt mit tränendem Gesicht zu ihm auf und sagte: »Ich
-glaube dir's. Aber ich weiß doch, daß sie allein das Gespenst ist, das
-nach Mitternacht hier umgeht. Kannst du mir wirklich versichern, daß du
-alles das, die Tassen, die Kaffeemaschine und alle Dinge im Zimmer nur
-für mich und dich gekauft hast und die andere im Geist niemals neben
-dir hast sitzen sehen?«
-
-Da sagte er einfach und langsam: »Wenn ich jetzt um diese Stunde an das
-Mädchen erinnert werde, wird es mir klar, daß ich alles, was du hier
-siehst, eingekauft habe, um sie und nicht dich zu empfangen. In allen
-andern Stunden wußte ich nichts davon.«
-
-Da weinte die Frau. Und als ihr Mann sich neben sie aufs Bett setzte
-und die seidene Decke über sie legte, stieß sie die Decke heftig
-zurück. Und ihm war es, als habe sie mit dieser Bewegung nach dem
-Mädchen gestoßen, das er neben ihr heimlich liebte.
-
-Da löste sich sein geknebeltes Herz auf. Und er ging und setzte sich
-in eine entfernte Zimmerecke und bedeckte sein Gesicht mit den beiden
-Händen.
-
-Gegen Morgen, als das Geräusch der vorüberfahrenden Milchwagen und der
-ersten Straßenbahn die Fensterscheiben leise klirren machte, rief die
-Frau vom Bett aus ihres Mannes Namen. Aber als er dann zu ihr trat,
-brach sie wieder in Weinen aus.
-
-»Es ist dir nichts geschehen und wird dir nichts geschehen, denn ich
-werde mich nie diesem Mädchen verraten. Meine Gedanken an sie werden
-mit der Zeit erkalten müssen. Wenn du mich nicht an sie verrätst, werde
-ich sie vergessen können.«
-
-Und die Frau versprach ihm, wenn sie heimkommen würde, dem Mädchen,
-das so unschuldig war wie ihr Mann, nicht gram sein zu wollen und über
-alles zu schweigen, was sie von ihm in dieser Nacht erfahren. Er wußte,
-was sie versprochen habe, würde sie auch halten.
-
-Nachdem die Frau wieder abgereist war, nahm der Mann bald ein Bild
-nach dem andern von den Wänden herab und rückte die Vasen in eine Ecke
-eines hohen Schrankes, wo er sie nicht sehen konnte, rollte die seidene
-Decke zusammen und packte sie fort. Auch die Balladenbücher nahm er
-vom Brett und legte sie in eine Schublade, die er verschloß. Denn seit
-jener Aussprache in der Silvesternacht war der Geist des Mädchens, der
-sonst um die Stunde der Maus in seinem Herzen schwül umgegangen war,
-von ihm ferngeblieben, und die stille Leidenschaft starb in dem Mann
-allmählich ab. Der Händler ging eifrig seinen Geschäften nach, vermied
-es, die Abende allein zu verbringen, suchte Freunde und Bekannte auf
-und schien allmählich vollständig zu genesen von dem Liebesalp, der ihn
-so lange heimlich bedrückt hatte.
-
-Da erhielt er eines Tages ein Telegramm, worin seine Frau ihn bat,
-schleunigst nach Hause zu kommen, da jener jungen Verwandten ein
-schweres Unglück zugestoßen wäre.
-
-Der Mann zitterte einen Augenblick, als er das Papier mit der Nachricht
-in den Händen hielt. Dann aber machte er sich kühl und hart gegen alte
-auflodernde Gefühle und reiste mit dem nächsten Zug nach Hause.
-
-Die Frau empfing ihn mit verweinten Augen und schluchzte an seinem Hals
-und sagte ihm, daß das junge Mädchen durch einen plötzlichen Unfall
-getötet worden war. Dabei aber stotterte sie:
-
-»Du wirst glauben, ich bin schuld an ihrem Tod. Aber ich schwöre dir,
-ich bin unschuldig.«
-
-Der Mann erstaunte und fragte, welches Unglück sich ereignet habe, und
-hörte dann von der schluchzenden Frau, daß das Mädchen durch einen
-unvorsichtigen Schritt in die geöffnete Falltür, die sich im Fußboden
-des Ladens befand, abends im Dunkeln, als sie eben die Nachtwache
-antreten wollte, in den tiefen Keller gestürzt war, auf dessen mit
-Steinplatten gepflastertem Boden man die Unglückliche mit gebrochenem
-Rückgrat tot aufgefunden hatte.
-
-»Aber wer hat denn die Tür in den Keller aufstehen lassen?« fragte der
-Südfrüchtenhändler entsetzt.
-
-Die Frau verbarg das Gesicht an seiner Brust und schluchzte von neuem:
-
-»Ich bin es gewesen, ich. Ich bin wohl an ihrem Tode schuld, aber ich
-habe ihn nicht absichtlich verschuldet.«
-
-Da durchlief den Mann ein Schauder, und er zog sich aus der Umarmung
-seiner Frau zurück.
-
-Sie aber klammerte sich fest an ihn und rief verzweifelt: »Als es
-mir plötzlich einfiel, daß ich die Kellertür offen gelassen hatte,
-bin ich oben aus dem Zimmer in das Stiegenhaus gestürzt und habe ihr
-nachgerufen, sie solle nicht in den Laden gehen, da die Falltür zu dem
-Keller offen wäre. Im selben Augenblick aber hörte ich schon einen
-Schreckensruf und den polternden Aufschlag eines Körpers im tiefen
-Gewölbe.«
-
-Die Frau setzte sich auf einen Stuhl und schluchzte in ihre beiden
-Hände. Und als sie nach einer Weile wieder aufsah, war das Zimmer leer.
-
-Sie glaubte, der Mann wäre auf den Kirchhof in die Leichenhalle
-gegangen, um das Mädchen noch einmal zu sehen. Aber er war, ohne
-Abschied zu nehmen, in sein Geschäft in der Hafenstadt zurückgereist
-und ließ seine Frau deutlich fühlen, daß er es nicht glauben konnte,
-sie habe die Falltür ohne Absicht offenstehen lassen.
-
-Gleich nach der Beerdigung des Mädchens reiste sie zu ihm und erklärte
-ihm noch einmal, daß sie unschuldig wäre. Er aber ging wieder aus dem
-Zimmer und wollte nicht mit ihr sprechen.
-
-Sie kehrte in den Laden in der Provinz zurück, verzweifelt darüber, daß
-sie ihren Mann nicht zum Glauben an ihre Unschuld bringen konnte.
-
-Von dem ausgestandenen Schrecken und von dem Schweigen ihres fernen
-Mannes gefoltert, wurde sie immer schwächer und erkrankte zuletzt an
-einem Gehirnfieber.
-
-Eines Tages erhielt der Südfrüchtenhändler einen Eilbrief von einem
-Arzt, der ihn aufforderte, schleunigst zu kommen, wenn er seine Frau
-noch am Leben finden wollte, denn ihre Stunden wären gezählt.
-
-Der Mann kam, aber die Fiebernde kannte ihn nicht mehr. Der Arzt sagte,
-er solle sich an ihr Bett niedersetzen, es wäre möglich, daß sie kurz
-vor dem Sterben zum Bewußtsein kommen und ihn erkennen würde.
-
-Da saß er nun und hörte die Fiebergespräche, in denen sie immer wieder
-die Worte wiederholte, daß sie unschuldig wäre. Aber er konnte es doch
-nicht glauben. Sie hat aus Eifersucht getötet, sagte er zu sich selbst.
-
-Plötzlich richtete sich die Fiebernde im Bett auf und erkannte ihren
-Mann.
-
-»Bist du gekommen, mir zu glauben?« rief sie erleichtert aus.
-
-Da sah er in ihre Augen, und beim Ton ihrer Stimme mußte er glauben,
-daß sie unschuldig war am Tod der andern.
-
-Und er bat in seinem Herzen das Schicksal um ein Wunder: Die Sterbende
-soll leben bleiben und gesund werden, wenn sie unschuldig ist, sagte er
-in seinem Schweigen.
-
-Er sah ihr fest ins Auge und beschwor ihr fliehendes Leben mit seinem
-innersten Wunsch.
-
-»Ich glaube dir. Du bist unschuldig. Wir haben beide keine Schuld und
-wollen glücklich und ruhig weiterleben,« sagte er laut zu der Kranken,
-deren Kopf erschöpft auf die Seite sank, während ihre Augen ihn
-halbverklärt betrachteten.
-
-»Ich will schlafen, und wenn ich aufwache, will ich mit dir glücklich
-sein wie früher,« sagte die Frau mit schwacher Stimme.
-
-Seine Hände betteten ihren Kopf sorgsam in die Kissen. Er wachte dann
-zwölf Stunden an ihrem Bette, und in all der Zeit hielt er ihre Hände
-in seinen Händen.
-
-Nach zwölf Stunden schlug die Frau einen Augenblick die Augen auf, und
-als sie sein Gesicht neben sich sah, lächelte sie.
-
-»Schlafe dich gesund!« sagte ihr Mann. Sie schloß wieder die Augen und
-schlief noch einmal zwölf Stunden. Und nach der vierundzwanzigsten
-Stunde saß der Mann immer noch wach an ihrem Bett und hielt ihre Hände
-fest wie in der ersten Stunde.
-
-Sie schlug die Augen auf, und als sie ihn immer noch neben sich
-sah, war sie glücklich und gestärkt und fühlte, daß sie zum Leben
-zurückkehrte. Und sie fuhr streichelnd mit der Hand über die Augen
-ihres Mannes. Dann sank sein Kopf zu ihr auf die Kissen, und er schlief
-ein, und sie schliefen beide noch einmal zwölf Stunden.
-
-Dann erwachte sie gesund und gestärkt. Und seit dieser Stunde war bei
-ihnen alles Vergangene vergessen, und ihr Leben wurde von jetzt ab
-glücklich wie in den ersten Jahren ihrer Ehe.
-
-
-
-
-Die Kurzsichtige und der Komet
-
-
-Es war in einem Winter, als die Astronomen von Europa einen bisher
-unbekannt gewesenen kleinen Kometen entdeckt hatten, der kurz nach
-Sonnenuntergang am Abendhimmel mit bloßen Augen zu sehen sein sollte,
-später in der Nacht aber hinterm Horizont verschwand.
-
-In jenem Winter sah man täglich um die fünfte Abendstunde die Leute mit
-Operngläsern in den Händen auf verschiedenen freien Plätzen von Berlin
-sich zusammenrotten. Und einer versuchte vom andern die Stellung des
-neuen Kometen zu erfahren. Indessen der Wagenstrom laut und lärmend
-wie immer auf dem Straßendamm rollte, stockte auf den Bürgersteigen
-der Verkehr. Die Leute schoben und drängten und standen den Eilenden
-im Wege, und niemals haben zu gleicher Zeit nachts so viele Augen in
-den Sternen gesucht als in jenen Winterabenden in der Stunde nach
-Sonnenuntergang in Berlin und in ganz Europa.
-
-Ich hatte mehrmals am Potsdamer Platz versucht, den Kometen für mich
-zu entdecken, aber die Lichtreklamen, die dort über den Kaffeehäusern
-und über den Dächern der Potsdamer Straße und der Königsgrätzer Straße
-gegen den Himmel auf- und abflammten, erschwerten das ruhige Betrachten
-des Nachthimmels.
-
-Deshalb war ich eines Abends mit der elektrischen Straßenbahn nach
-dem südlichen Teil der Stadt zum Kreuzberg gefahren, um dort von den
-Parkanlagen des Hügels aus beschaulicher nach dem Kometen suchen zu
-können.
-
-Als ich in der Nähe des Kreuzbergs aus der Straßenbahn stieg, bemerkte
-ich, daß viele Leute denselben Weg nahmen wie ich. Ganze Familien
-gingen in Reihen vor mir her. Auch laute Schulknaben, die sich
-zusammengerottet hatten, und stille Liebespaare stiegen dort in den
-Parkwegen hügelaufwärts und Hunderte kamen vom Kreuzberg herunter. Es
-war ein allgemeines Wandern, als wäre da oben ein Jahrmarkt.
-
-Die Wege waren ziemlich dunkel; selten brannte eine Laterne. Schnee
-lag in dünner Schicht vor den finstern Tannengruppen, und der klare,
-eisige Winterhimmel war trotz der späten Stunde noch leicht hell und
-schimmerte zwischen den finstern Bäumen.
-
-Dort, wo es in den Anlagen ganz dunkel war und Treppenstufen zwischen
-künstlichen aufgetürmten Stufen emporstiegen, halfen sich die Menschen
-mit lautem Gelächter weiter. Die Heruntersteigenden lachten, und die
-Hinaufkletternden lachten. Und man tastete sich aneinander vorüber,
-und die jungen Mädchen, in Pelzmäntel vermummt, kicherten, und die
-jungen Männer erschreckten sie mit plötzlichen Zurufen; und mancher
-zündete ein Streichholz an, um ein Geländer oder eine Treppenstufe zu
-beleuchten.
-
-Ich hatte mich an meinem Spazierstock bergauf getastet und traf, bald
-oben, auf der Höhe des Hügels unter den Bäumen eines verschneiten
-Grasplanes wohl hundert Menschen, die über die Häuserwelt von Berlin
-wegsahen und, gen Westen gewendet, den Himmel absuchten, wo die Sonne
-untergegangen war und ein Stückchen vom zunehmenden Mond blinkte.
-
-Mir kam es aber vor, als ob keiner den Kometen wirklich fände, alle
-aber ihn im Geiste sahen. Und da sie ihn heftig gern zu sehen
-wünschten, deuteten sie auch alle nach einer Richtung, wo hier und da
-ein Stern blitzte, und jeder vermeinte, in diesem oder jenem Stern den
-Kometen zu sehen. Ich glaube, jeder fand sich seinen eigenen Kometen.
-Die, die keinen am Himmel entdeckten, fanden ihn sicher auf der Erde.
-Denn es streifte im Dunkeln manch blitzendes Auge umher. Alle Menschen
-hier hatten den einen Zweck, herumzustehen, und manche durften sich
-anreden und ihrer Redelust Luft machen und ihrer Wissenslust und ihrem
-Gefühlsdrang Raum geben beim Schauen in den aufrichtigen Nachthimmel,
-auf diesem Hügel, der da im weiten steinernen Häuserkranz Berlins wie
-eine Insel zwischen Wellenkämmen lag.
-
-Man lieh sich gegenseitig Gläser und Brillen und Fernrohre. Man half
-sich, im nächtlichen Garten des Himmels spazierenzugehen, wobei die
-Augen als Füße dienten, und man unterstützte sich gegenseitig hilfreich
-im Lustwandeln am Nachtfirmament.
-
-Manche Pärchen sonderten sich ab und setzten sich trotz Kälte und
-Schnee auf einsame Bänke, die da auf der Hügelhöhe standen.
-
-Einige Knaben bildeten Gruppen, einzelne rauchten verbotene Zigaretten,
-und die anderen leisteten ihnen neidisch Gesellschaft.
-
-Ältere Herren im Kreise von Bekannten erzählten von früheren
-Kometenjahren, und auch Fremde stellten sich um sie herum und gaben
-ihre Weisheit dazu.
-
-Von der Stadt sah man nur einige mattgelb erleuchtete Straßenzüge
-mit unzähligen glitzernden Fenstern. Aber eigentlich fühlte man von
-der großen Stadt hier oben nichts mehr. Berlin war nur noch ein
-gespenstiger Körper rund um den Hügel, ein Körper, der sich ins
-Unendliche verlor und hier und da aus seinen Poren Feuerstaub zu atmen
-schien.
-
-Ich hatte so eine Weile in Betrachtung der Stadt, der Menschen und des
-Himmels mich an meinem Stock gelehnt, den ich wagrecht gegen den Stamm
-eines Kiefernbaumes gestemmt hatte.
-
-Vor mir lichtete und verdichtete sich das Gedränge der Menschen. Nur
-der Himmel über mir blieb immer gleich klar und unbeweglich.
-
-Ich stellte mir eben vor: so aller Berufe entkleidet, so gleichgemacht
-und von dem einen einzigen Gedanken der Ewigkeit und Unendlichkeit
-entrückt, müßten auf irgendeinem Eiland, wenn es das gäbe, die Schatten
-der Gestorbenen umhergehen, aufgestiegen in Höhen, wo sich keine
-Weltunrast mehr findet, und hingegeben einzig dem Betrachten der
-Ewigkeit in uns und um uns...
-
-Schatten gingen und neue Schatten kamen über den weißen, leicht
-beschneiten Grasflächen. Menschen lösten sich aus Bäumen, und andere
-schienen in Bäume zu verschwinden.
-
-Der Schnee, der fein bläulich schimmerte wie eine Phosphormasse,
-schien mir aus weißen, eisigen Blüten zu bestehen, den Blumen der
-Vergessenheit, die diesem Eiland im Weltraum unklares Licht gaben, und
-über denen die Schatten der Menschen sich lautlos begegneten.
-
-Sobald wir vergessen können, sind wir selbst nicht mehr und werden
-unendliches Gefühl ohne Wissen...
-
-Wie ich noch diesem Gedanken nachhing, sah ich eine Dame, ein wenig
-vorgebeugt, mit unsicheren kleinen Schritten über den Schnee kommen,
-und ich erkannte sie sofort, trotzdem ich nichts sah als den schwarzen
-Schattenriß ihrer Gestalt. Sie war aus einer dunklen Baummasse
-hervorgetreten, und wie ein Teil des Dunkels erinnerte sie mich an
-Geschehnisse, an Herzenserlebnisse, die in meiner Vergangenheit lagen,
-in jener gespenstigen Vergangenheit, die wir im Rückblick Jugend nennen.
-
-Wer kann aber sagen, daß er jemals altert!
-
-Die zierliche kleine Dame kam näher, und ich sah, wie sie sich
-bückte. Zu beiden Seiten ihrer Füße stand je ein kleiner Hund, und
-sie band diese beiden Tierchen an einen Riemen. Die Tiere liefen dann
-aneinandergekoppelt vor ihr her, indessen sie die Riemenschnur in der
-Hand hielt.
-
-Sie kam gerade auf den Baum zu, an dessen Stamm gestützt ich meinen
-Stock hielt. Mir schien es, als wollte sie die Hunde an den Baumstamm
-anbinden.
-
-An ihrem Gang und ihrer Art merkte ich, daß sie noch immer sehr
-kurzsichtig war, und ich erinnerte mich jetzt, daß sie schon viele
-Abenteuer infolge dieser starken Kurzsichtigkeit hatte erleiden müssen.
-
-Ich wollte abwarten, bis die Dame ihre Hunde an den Baum gebunden habe,
-und wollte dann zu ihr treten und sie begrüßen.
-
-Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen, seit langen Jahren uns aus
-den Augen verloren, und vielleicht wäre es gar nicht gut, wenn ich die
-beinah Vergessene begrüßen würde. Vielleicht würden die Erinnerungen,
-die wir aufwühlen mußten, Martern werden.
-
-Man lernt sein eigenes Wesen niemals ganz kennen und weiß niemals, wie
-tief die Wunden zuheilen. Wir wissen auch nicht, ob wir Unheilbares in
-uns tragen, oder ob wir unverwundbar sind. Solange wir atmen in diesem
-warmen Leibe, den wir uns aufgebaut haben, studieren wir diesen Leib,
-von dem wir wissen, daß er nur künstlich und vergänglich ist. Aber wir
-schaudern oft im geheimen vor seinem Dasein, weil unser Leib uns ebenso
-fremd bleibt wie unser ewiges Teil. Weil der Leib plötzlich im Blut
-Sehnsüchte wie Abgründe öffnen kann.
-
-Gottlob, daß Leib und Seele nicht mit Zahlen, nicht mit Gesetzen, nicht
-mit Maßstäben, nicht mit Erfahrungen zu begreifen und zu ergründen
-sind. In seiner Unbegreiflichkeit ergänzt der sterbliche Teil den
-ewigen Teil.
-
-Ich wußte nicht, sollte ich jene Dame grüßen oder sollte ich ihr
-ausweichen. Ich wollte eben meinen Spazierstock, den ich in der Höhe
-meiner Hüfte wagrecht gegen den Baumstamm gestellt hatte, zurückziehen
-und wollte einige Schritte weitergehen.
-
-Da sehe und fühle ich erstaunend, daß die Dame ihre Foxterrier an
-meinen Spazierstock, den sie wohl für einen Baumast hielt, festband.
-
-Ich hielt den Stock jetzt belustigt still, während mich der eine Hund
-beschnüffelte und der andere an seine Herrin hochsprang.
-
-Diese war ganz in ihre mühsame Arbeit vertieft und band die
-Riemenschnur um meinen Stock zu einem festen Knoten. Vorher hatte sie
-ganz flüchtig mit ihrer behandschuhten Hand meinen nicht glatten,
-sondern etwas knorrigen Stock abgetastet und sich überzeugt, daß er
-fest genug war, um die beiden Hunde zu halten.
-
-Viele Leute kamen und gingen. Ich fiel der Dame nicht weiter auf, sie
-hielt mich eben für einen der vielen Herumstehenden, die nach dem
-Kometen suchten.
-
-Wie seltsam war dieses Wiedersehen! Tragisch-komisch, wie alle
-kurzsichtigen Abenteuer jener Dame.
-
-Ich sah, daß sie ein Opernglas umhängen hatte, und zugleich baumelte an
-einer langen Kette über ihrem Mantel ein Lorgnon, das ich so gut aus
-früheren Jahren kannte.
-
-Die Dame entfernte sich jetzt einige Schritte, nachdem sie ihren Hunden
-geboten hatte, sich niederzulegen.
-
-Die Tiere aber gehorchten nicht gleich. Sie zerrten an der Schnur, und
-ich mußte mich mit meiner ganzen Kraft mit dem Stock gegen den Baum
-stützen und hatte alle Mühe, meinen Spazierstock festzuhalten.
-
-Sie aber sah nichts anderes als ihre Hunde. Sie rief ihnen nochmals zu,
-und da sie glaubte, daß sie sie an einem Baumast festgebunden, ging sie
-weiter, wobei sie ihr Opernglas aus dem Lederbehälter nahm.
-
-Ich kannte die Hunde beim Namen, und als die Dame weit genug über
-den Schnee fortgegangen war, flüsterte ich den Tieren ihre Namen zu.
-Sie sahen erstaunt nach mir und stellten das gemeinsame Kläffen ein,
-beschnüffelten mich nochmals, wedelten ein wenig belustigt mit ihren
-Schweifstummeln und setzten sich still zu meinen Füßen nebeneinander.
-
-Ich nahm mir vor, die Terrier festzuhalten und meinen Stock einen
-Baumast vorstellen zu lassen, bis die Hunde von der Kurzsichtigen
-wieder abgeholt wurden.
-
-Ich sah die zierliche Gestalt der Dame sich am Rand der Hügelfläche
-gegen den Nachthimmel abzeichnen und sah, wie sie abwechselnd das
-Lorgnon nahm und dann wieder das Opernglas, um unter den Menschen zu
-suchen und unter den Sternen am Himmel.
-
-Es war eine Unruhe über ihr, die mir von ihrer Kurzsichtigkeit
-auszugehen schien. Und während alle Leute den Kometen im Westen finden
-wollten, hatte sie sich allein nach der östlichen Himmelsrichtung
-gewendet, wo sie den Kometen sicher niemals erblicken konnte. --
-
-Wir hatten uns vor Jahren auf eine sonderbare Weise kennen gelernt.
-
-Ich saß damals eines Tages auf der Terrasse des Café Josti am
-Potsdamer Platz. Es war an einem Nachmittag zur Pfingstzeit.
-Frühlingslebhaftigkeit war über allen Menschen. Blumenverkäuferinnen
-mit Flieder, Schneeballen und Pfingstrosen standen mit ihren breiten
-Körben draußen vor der Terrassenbrüstung neben den Zeitungsverkäufern.
-Damen mit neuen Sommerhüten und Herren mit neuen Strohhüten spazierten,
-eilten und schlenderten vorüber.
-
-Die langen Reihen der Straßenbahnen, die Autos und Lastkarren
-stockten manchmal, wenn einer der vielen Polizisten an den breiten
-Straßenmündungen die weißbehandschuhte Hand hob.
-
-Ich sah zufällig über den Platz hin und bemerkte, daß ein Schutzmann
-eine junge Dame, die mit zwei Foxterrier den Fahrdamm überschreiten
-wollte, herübergeleitete, und daß die Dame, am Trottoirrand angekommen,
-ihr Portemonnaie zog, um den Schutzmann ein Trinkgeld zu geben.
-
-Die Umstehenden lachten. Der vielbeschäftigte Schutzmann aber grüßte
-nur kurz und ließ die Dame stehen. Diese erkannte die Verlegenheit, in
-die sie den Schutzmann und die Umstehenden gebracht hatte, und darüber
-etwas ratlos, gab sie das Geldstück, das sie nun einmal in der Hand
-hielt, einer Blumenverkäuferin.
-
-Diese meinte natürlich, die Dame wolle eines ihrer kleinen
-Moosrosensträußchen kaufen, und beeilte sich, ihr einen Strauß aus
-ihrem Korb zu geben. Indessen schritt aber die Kurzsichtige schon zum
-Eingang der Terrasse des Cafés. Die Blumenverkäuferin wußte nun nicht,
-wem sie das Sträußchen geben sollte, und gab es einem Herrn, der den
-Verkauf beobachtet hatte, und bat ihn, der Dame nachzueilen.
-
-Der Herr lachte und holte die Dame gerade am Eingang des Cafés ein.
-Dort zog er höflich den neuen Strohhut, verneigte sich und reichte
-der Kurzsichtigen den kleinen Rosenstrauß. Sie sah den Herrn erstaunt
-von der Seite an. Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ließ sie ihn
-mit den Blumen stehen, denn sie hielt ihn augenscheinlich für einen
-Zudringlichen und glaubte wahrscheinlich, die Überreichung des
-Sträußchens bezwecke eine Annäherung. Dann stieg die Dame die wenigen
-Stufen zur Caféhausterrasse empor, und die Foxterrier, die in der Hitze
-mit offenen Mäulern stoßweise atmeten, zogen die Dame seltsamerweise
-nach meinem Tisch hin.
-
-Vielleicht hatten die Terrier mein Interesse, das ich an ihrer Herrin
-nahm, in Fernwirkung empfunden. Denn ich hatte die Ankommende zwischen,
-über und neben den Köpfen der um mich Sitzenden mit meinen Augen
-aufmerksam verfolgt.
-
-Und nun saß sie nach einer Weile neben mir. Die Hunde lagen unter
-dem Tisch. Sie entnahm einer Handtasche ein kleines Taschentuch und
-säuberte eifrig die Gläser ihres Lorgnons.
-
-Sie war unauffällig geschmackvoll gekleidet. Ich erinnere mich, daß
-ein großer, brauner Strohhut mit sehr breiter Krempe mir ihr Gesicht
-verdeckte, das ich nur einen Augenblick vorher gesehen hatte. Es war
-mild und blaß, und zwei dunkelbraune Augen schauten aus ihm in die
-Welt, ohne die Welt genau zu sehen.
-
-Die Dame kam mir damals vor, als ginge sie in einer Dunkelheit und
-müsse sich im Gehen und Handeln mehr auf ihren Instinkt als auf ihre
-Augen verlassen.
-
-Sie hatte bei dem vorüberrennenden Kellner eine Limonade bestellt. Der
-Kellner hatte mir eben auch meine Limonade gebracht. Ich las dann aber
-in meiner Zeitung weiter und wurde für ein paar Augenblicke von einem
-Artikel gefesselt. Als ich wieder aufsah, trank die Kurzsichtige neben
-mir meine Limonade aus meinem Glase.
-
-Ich rührte mich nicht und ließ die Dame im Glauben, daß das ihre
-Limonade war. Bis der Kellner kam, hatte sie das Glas ausgetrunken. Und
-als er die bestellte Limonade vor sie hinsetzte, sah sie ihn erstaunt
-an, nahm ihr Lorgnon vor die Augen und bemerkte nun auch mich. Aus
-ihren Bewegungen konnte ich ersehen, wie sie sich über sich ärgerte.
-Ich dachte, sie würde mir jetzt ihre Limonade anbieten und eine
-Entschuldigung vorbringen. Sie aber ließ ihr Lorgnon fallen, zuckte
-mit der einen Schulter, legte rasch Geld aus ihrem Portemonnaie auf
-den Tisch und murmelte dabei: »Das ist doch unverschämt.« Dann stand
-sie mit einem Rucke auf, zog ihre Hunde, die sich eben zum Schlafen
-hingestreckt hatten, hinter sich her und verließ offensichtlich
-geärgert die Terrasse.
-
-In der Schnelligkeit hatte sie nicht bemerkt, daß ihr Taschentuch
-von ihrem Schoß unter den Tisch gefallen war. Ich war aber durch den
-Ausspruch »Das ist unverschämt« so verwundert, daß ich mich nicht
-gleich bücken mochte. Dann aber belustigte mich das Ganze. Ich nahm das
-Taschentuch an mich, und als der Kellner kam, fragte ich ihn, ob er die
-Dame kenne, die eben da gesessen.
-
-»Ja,« sagte er, »sie hat ein paar Mal morgens ihren Kaffee hier
-getrunken. Sie scheint sehr zerstreut zu sein. Neulich hat sie in
-Gedanken unsere Getränkekarte beim Aufstehen mitgenommen, und als einer
-von uns sie darauf aufmerksam machte, zeigte es sich, daß sie geglaubt
-hatte, ihr Notenheft in der Hand zu halten. Sie ist Musikschülerin, und
-ich sah sie auch schon öfters mit einem Geigenkasten vorübergehen. Sie
-muß hier in der Nähe wohnen.«
-
-Ich hatte das Taschentuch zu mir gesteckt und mir vorgenommen, es der
-jungen Dame selbst auszuhändigen, wenn ich sie einmal wieder sehen
-sollte.
-
-Gleich am nächsten Nachmittag, ungefähr um die selbe Stunde, traf ich
-die Kurzsichtige wieder. Diesmal war sie ohne ihre Hunde.
-
-Sie stand an dem Schaufenster eines Photographen und betrachtete
-durch ihr Lorgnon die Bilder. Der Kasten befand sich dicht an einer
-Straßenecke.
-
-Ich war auf der anderen Seite der Straße und mußte einige Automobile
-vorüberfahren lassen, ehe ich den Fahrdamm überschreiten konnte. Als
-ich dann durch das Wagengedränge hinüberkam, sah ich, wie die Dame,
-immer noch mit dem Lorgnon vor den Augen, um die Ecke der Straße ging.
-Dort mußte sich ein zweiter Photographenkasten befinden, denn sie sah
-mit voller Aufmerksamkeit gegen das Haus.
-
-Ich zögerte einen Augenblick, ihr sofort zu folgen, und stellte mich
-vor die Bilder an den Kasten, vor dem sie vorher gestanden. Mein Herz
-klopfte ein wenig, als ich überlegte, mit welchen Worten ich ihr das
-Taschentuch überreichen sollte hier an der Straßenecke. Wahrscheinlich
-würde sie mich gar nicht anhören, wenn ich mich verbeugen und meinen
-Hut ziehen würde. Vielleicht würde sie mich kurz angebunden stehen
-lassen, wie sie den Herrn neulich mit dem von ihr selbst bezahlten
-Rosenstrauß hatte stehen lassen.
-
-Nur wenige Augenblicke überlegte ich das alles und stellte mir vor:
-wenn ich jetzt um die Ecke des Hauses treten würde, wollte ich mich
-zuerst neben sie stellen und die Widerspiegelung ihres Gesichtes in
-dem Schaukasten ein wenig beobachten, ehe ich sie anspräche. Ich
-konnte sehen, daß sie noch dort stand, denn ich sah die Spitze ihres
-grünseidenen Sonnenschirms.
-
-Zugleich bemerkte ich aber jetzt, daß die meisten Leute, die an
-der Dame vorübergegangen waren und um jene Straßenecke bogen, sich
-erstaunt, verblüfft oder belustigt lachend nach ihr, die nur mir noch
-verborgen war, umsahen.
-
-Es war doch nicht möglich, daß sie alle diese Leute kannte! Auch sah
-ich nicht, daß ein einziger von ihnen grüßte oder gegrüßt hatte. Einige
-sogar kehrten um, und ich sah an den Schatten, die über den weißen
-Asphalt der Straße fielen, daß sich Menschen dort ansammelten, wo sie
-stand.
-
-Was ist da nur so Urkomisches an dem Schaukasten des Photographen zu
-sehen, fragte ich mich.
-
-Ich trat nun um die Ecke des Hauses. Da war gar kein Photographenkasten
-an der Wand. Da war auch kein Plakat, keine Inschrift. Da war nur eine
-leere Mauer, eine einfach gekalkte Wand, an deren Mörtel für mich
-nichts zu sehen war. Aber vor der Wand stand jene Dame, die ich suchte,
-mit ihrem Lorgnon vor den Augen und sah so hin und her an der Wand, ein
-wenig hinauf, ein wenig zur Seite, ebenso wie sie es vorher vor dem
-Schaufenster getan hatte.
-
-In einigem Abstand hinter ihr waren die Leute stehen geblieben,
-vorübergehende Herren und Damen, Dienstboten und Arbeiter, die sich mit
-Gesten und Blicken stumme Zeichen machten.
-
-Ich begriff nun: die Kurzsichtige mußte tief in Gedanken sein, und weil
-sie an der einen Seite der Ecke vorher Bilder betrachtet hatte, schien
-sie auch hier Bilder erwartet zu haben, und schien im Geist auch solche
-zu sehen.
-
-Das Ganze spielte nur wenige Sekunden. Dann schien die Dame sich bewußt
-zu werden, daß die Wand leer war.
-
-Auf diesen Augenblick mußten alle Umstehenden gewartet haben. Mit
-demselben Ruck, mit dem die Kurzsichtige gestern vom Tisch aufgestanden
-war, trennte sie sich plötzlich von der leeren Wand, erleuchtet von
-einer schreckhaften Erkenntnis ihrer Zerstreutheit. Dann schob sie das
-Lorgnon zusammen und schritt energisch an den Leuten vorbei, in Flucht
-vor dem grausamen Lächeln der anderen. Sie überquerte den Fahrdamm und
-trat drüben mit demselben Ruck und Eifer in einen Schreibwarenladen ein.
-
-Nun wußte ich, ich würde ihr öfters begegnen, und ich beeilte mich
-nicht, ihr mit dem Taschentuch nachzulaufen. Ich hatte an ihrem Gang
-gemerkt, daß sie in dieser Straße zu Hause war. Sie schien immer zu
-dieser Stunde Besorgungen oder einen Spaziergang zu machen.
-
-Ich hatte aber nicht gedacht, daß ich bald ihren Namen erfahren würde,
-ohne sie danach gefragt zu haben.
-
-Einen Tag später merkte ich zu meinem Erstaunen, daß von dem
-Schreibwarenladen, in welchem jene Dame neulich eingetreten war, bis zu
-einem Haus nahe bei jenem, in welchem meine Wohnung lag, Visitenkarten
-reihenweise hingefallen lagen. Es regnete, und einige Karten waren
-von den Füßen der Straßengänger in den Rinnstein geschoben worden.
-Dort schwammen sie im Regenbach entlang der Straße, wie weiße, kleine
-Gondeln.
-
-Als ich eben an der Haustüre, wo das letzte Visitenkartenhäufchen lag,
-vorübergehen wollte, öffnete sich diese und eine Frau trat heraus,
-die die Hausmeisterin jenes Hauses sein mußte. Sie schlug die Hände
-zusammen und sah schmunzelnd und lachend auf die verlorenen Karten. Und
-als sie mich auch staunen sah, erklärte sie mir, in ihrem Hause wohne
-eine kurzsichtige und sehr zerstreute Geigenspielerin. Die habe ein
-Paketchen Visitenkarten so ungeschickt nach Hause getragen, daß sie
-alle Karten auf dem Wege zwischen dem Laden und der Haustüre verloren
-habe. Die Schachtel, die seitlich zu öffnen gewesen, habe sie leer nach
-Hause gebracht, da die Gummischnur unterwegs zerrissen war, die das
-Päckchen zusammengehalten hatte. Die Dame schäme sich nun fürchterlich
-oben in ihrem Zimmer, und darum habe sie die Hausmeisterin gebeten,
-hinauszugehen und die Visitenkarten aufzulesen.
-
-Ich benützte die Gelegenheit und gab der Hausmeisterin, als sie mir
-eine Visitenkarte gezeigt hatte, das Taschentuch, das die Dame neulich
-im Café hatte liegen lassen.
-
-»O,« sagte die Frau, »sie weiß nie, wohin ihre Taschentücher
-verschwinden. Aber über die ganze Stadt liegen ihre Taschentücher
-zerstreut.«
-
-Dann fragte mich die Hausmeisterin, ob ich der Herr sei, der im
-Nebenhause die Atelierwohnung gemietet habe.
-
-Als ich es bejahte, sagte sie, das kurzsichtige Fräulein habe die
-gleiche Wohnung in diesem Hause, Atelier, Schlafzimmer und Küche. Die
-Häuser seien Zwillingshäuser und hätten dieselbe Einteilung.
-
-Da schoß es mir durch den Kopf, daß vor einigen Wochen jemand nachts
-um zwölf Uhr, als ich mich ausgekleidet hatte, um zu Bett zu gehen,
-am Schloß meiner Flurtür mit einem Schlüssel herumgestochert hatte.
-Erst hatte ich geglaubt, es wäre ein Einbrecher, dann war mir das
-Geräusch doch zu selbstverständlich erschienen, und ich dachte, es
-müßte sich jemand im Stockwerk geirrt haben. Als nun die Hausmeisterin
-weiter erzählte, daß die kurzsichtige Dame eines Nachts die Haustüren
-verwechselt hätte, wußte ich, daß es die Kurzsichtige gewesen war, die
-mich an meiner Tür erschreckt hatte.
-
-Am nächsten Nachmittag war schönes Wetter, und ich stellte mich ans
-Fenster, um die Dame, wenn sie ausgehen würde, zu beobachten. Sie
-kam auch, wie ich mir gedacht hatte. Sie hielt in der einen Hand
-einen Brief, und dann sah ich, wie sie den Brief in ihre Seitentasche
-schob und langsamen Schrittes am Bürgersteig hinging bis zum nächsten
-Briefkasten. Dort aber steckte sie nicht den Brief in den Kasten,
-sondern ein kleines Futteral, das nur ein Brillenfutteral sein konnte.
-
-Ich mußte herzlich für mich lachen. Ich sah der Dame weiter nach. Sie
-überschritt die Straße und ging in eine Konditorei, wo sie in einem
-stillen Hinterzimmer ungestört ihren Nachmittagskaffee trinken wollte.
-
-Die Arme hat ihre Brille in den Briefkasten geworfen und wird sie sehr
-bald vermissen! Ich muß ihr die Brille wieder verschaffen und sie ihr
-in die Konditorei bringen.
-
-Sie war wie eine hübsche kleine Japanerin, harmlos und gedankenvoll,
-scheinbar immer der Welt entrückt.
-
-Ich nahm Hut und Stock und ging hinunter an den Briefkasten und
-wartete, bis der Radler auf seinem Postrad kam, der den Briefkasten in
-seine große braune Leinwandtasche leeren sollte. Ich sagte ihm, ich
-hätte aus Versehen mit einem Brief zusammen mein Brillenfutteral in den
-Briefkasten gesteckt.
-
-Er begriff mich erst nicht, und ich mußte meine Rede wiederholen.
-Dann lachte er, und mich ein wenig geringschätzig von Kopf bis zu Fuß
-ansehend, wie man einen bedauerlichen Dummkopf betrachtet, händigte er
-mir, nachdem er den Kasten aufgeschlossen, ein viel gebrauchtes und
-abgenütztes Brillenfutteral ein, in welchem eine Brille klapperte.
-
-In der Konditorei drüben fand ich die Dame dann bei einer Zeitung
-sitzend.
-
-Ich näherte mich ihr. Sie hatte ihr Lorgnon schnell bei der Hand, und
-es kam mir vor, als habe sie mich erstaunlicherweise erkannt; und doch
-war sie ein wenig sprachlos, denn wir kannten uns ja gar nicht. Aber
-die Hausmeisterin mußte ihr erzählt haben, daß ich ihr Taschentuch
-aufgehoben hatte.
-
-»Können Sie denn meinen Brief schon haben?« fragte sie. Bin ich denn
-stundenlang hier gesessen und weiß es gar nicht? setzten ihre unruhigen
-Augen hinzu.
-
-»Nein, Ihren Brief habe ich nicht bekommen. Aber ich habe Ihr
-Brillenfutteral, das ich Ihnen hier bringe.«
-
-»Um Gottes willen, wo habe ich das wieder liegen lassen?« stieß sie
-gequält hervor und sank auf einen Stuhl.
-
-»Im Briefkasten lag es,« sagte ich und zwang mich, ein möglichst
-harmloses Gesicht zu machen.
-
-Sie begriff sofort, und mit jenem Ruck, den es ihr immer gab, wenn eine
-blitzartige Erkenntnis über sie kam, griff sie nach ihrer Manteltasche
-und tastete darin nach dem Brief, den ich knistern hörte.
-
-Ohne aber den Brief aus der Tasche zu ziehen, bat sie mich, Platz
-zu nehmen, und berichtete mir, sie habe mir geschrieben und für das
-Taschentuch gedankt und zugleich um Entschuldigung gebeten, daß sie
-einen harten Ausdruck gegen mich gebraucht habe. Das Wort »unverschämt«
-sei ihr aber entfahren, weil sie mich für jenen Herrn gehalten habe,
-der ihr unverschämterweise einen Rosenstrauß am Eingang des Cafés
-angeboten. Sie hätte im Brief dazugesetzt, daß sie sich persönlich
-entschuldigen wollte, wenn wir uns einmal begegnen würden.
-
-Dann erzählte sie mir seufzend, daß ihre Kurzsichtigkeit und ihre
-Zerstreutheit ihr schon viel Schabernack gespielt habe.
-
-Das wußte ich schon. Wir sprachen dann von etwas anderem, von Musik,
-von Tagesangelegenheiten, und waren nach einer Weile wie alte Bekannte
-geworden.
-
-Die Konditorei hatte noch ein kleines Nebenzimmer, in welchem an einer
-Säule ein Springbrunnen plätscherte, um den Wassergläser standen, die
-zum Kaffee gereicht wurden.
-
-Der Springbrunnen störte mich ein wenig mit seinem plätschernden Laut,
-der so einförmig wie ein Regenfall war. Es fiel mir auf, daß während
-unseres Gespräches die kurzsichtige Dame öfters leicht bekümmert zur
-Seite horchte, und dann sprach sie vom schlechten Wetter der letzten
-Tage.
-
-Ich hielt das für eine Eigenart von ihr und dachte, sie leide
-vielleicht bei schlechtem Wetter an Gliederreißen oder etwas Ähnlichem.
-
-Nach einer Weile stand ich auf und verabschiedete mich von ihr. Sie
-sagte, daß sie das Wetter erst abwarten wollte.
-
-Ich glaubte, sie fühle ein heraufziehendes Gewitter kommen und fürchte
-sich zu Hause allein zu sein.
-
-Ich ging, und als ich nach ein paar Stunden wieder am Laden vorüberkam
--- es war inzwischen kein Unwetter gewesen, schöner stiller Himmel und
-Sommerabend voll Sterne und Klarheit --, da stand der Konditor unter
-der Türe und blinzelte mir mit den Augen zu und sagte:
-
-»Ihre Dame ist eben erst fortgegangen!«
-
-»Welche Dame?« fragte ich ganz in Gedanken und erstaunt.
-
-»Nun, die Kurzsichtige, die im Hause neben Ihnen wohnt. Sie hat beim
-Geräusch von meinem Springbrunnen geglaubt, daß es regnet, und hat
-Kaffee getrunken und Chokolade getrunken und Limonade getrunken und
-alle Zeitungen gelesen, weil sie bei dem trostlosen Regenabend, wie sie
-sagte, nicht zu Hause sitzen wollte, und weil sie ein Kleid anhatte,
-von dem sie behauptete, daß es von den Regentropfen Flecken bekommen
-könnte. Dann hat sie gegessen und getrunken und gelesen. Endlich
-hat sie einen meiner Gehilfen zu sich gerufen und hat ihn zu ihrer
-Hausmeisterin hinübergeschickt und hat sich ihren Schirm holen lassen.
-Die Frau konnte gar nicht begreifen, warum das gnädige Fräulein bei dem
-schönen klaren Abend einen Schirm nötig habe. Wir waren ebenfalls sehr
-erstaunt, bis die Dame beim Fortgehen zur Ladentür kam und verwundert
-entdeckte, daß kein Tropfen Regen fiel. Dann ist sie aber ganz wütend
-über sich selbst fortgerannt, und war wahrscheinlich ärgerlich,
-daß sie den schönen Abend im Laden verbracht und den plätschernden
-Springbrunnen für einen Regen gehalten hatte.«
-
-Sie lebte das Leben auf ihre eigene Weise. Und als ich sie einmal
-befragte, ob sie sich nicht fürchte, überfahren zu werden, wenn sie so
-in Gedanken sei, sagte sie: »Nein, ich habe meinen eigenen Gott, dessen
-Schutz ich mich immer empfehle.«
-
-»Was ist das für ein Gott?« fragte ich.
-
-»Der Gott der Idioten,« sagte sie schmunzelnd und kicherte ein feines
-Lachen, das ihr sehr gut stand.
-
-Unter anderem war ihr auch einmal passiert, daß sie nach einem
-Mittagessen in einem Restaurant beim Fortgehen einen großen silbernen
-Löffel senkrecht vor sich hergetragen. Und als der Kellner sie
-aufmerksam gemacht, daß sie ja einen silbernen Löffel mitnähme, war
-sie zu Tod erschrocken gewesen, denn sie hatte geglaubt, sie halte den
-silbernen Griff ihres Sonnenschirms in der Hand.
-
-Als ich sie dann zum letztenmal sah, es war an einem Hochsommerabend,
-da ich von einem Ausflug heimradelte, begegnete sie mir in unserer
-Straße. Sie schien sehr in Hast zu sein, als wenn sich wieder etwas
-ereignet hätte, was sie kopflos machte.
-
-Ich ließ meine Fahrradklingel trillern, vielleicht etwas heftiger als
-sonst, da ich die Dame zum Aufschauen zwingen wollte, um sie grüßen zu
-können. Aber mein Schrecken war groß. Kaum, daß meine Glocke schrillte,
-lag die junge Dame flach auf der Erde wie umgeklappt, als wenn ein
-unsichtbares Fahrrad über sie fortgeradelt wäre.
-
-Ich sprang ab und half ihr auf und entschuldigte mich, sie erschreckt
-zu haben.
-
-Sie war tief in Gedanken gewesen, sagte sie, und das laute Klingeln
-schien ihr so nah, daß sie sich geduckt hatte, ausgeglitten und
-gefallen war mit dem Gefühl, sie sei überfahren worden.
-
-Nachdem sie sich aufgerichtet und ein wenig erholt hatte, erklärte sie
-mir, sie wäre so schreckhaft, weil oben bei ihr ein betrunkener Mensch
-auf der Treppe läge. Sie wolle morgen aufs Land reisen und habe ihren
-Koffer gepackt, und sie würde erst im Herbst in die Stadt zurückkehren.
-Sie fürchtete, der Betrunkene sei vielleicht ein Einbrecher gewesen,
-der sie bestohlen habe. Sie habe die Hausmeisterin rufen wollen, diese
-sei aber nicht zu Hause gewesen, und nun wäre sie fortgerannt, um an
-der nächsten Straßenecke einen Polizisten zu holen, denn jener liege
-quer über den Treppenabsatz, und sie getraue sich nicht, über ihn
-hinwegzusteigen.
-
-Ich erbot mich mit ihr hinaufzugehen, um den Betrunkenen aufzuwecken
-und fortzuweisen.
-
-Sie dankte mir, und wir gingen in ihr Haus, und atemlos horchend
-stiegen wir zusammen hinauf.
-
-In dem Stockwerk, das unter ihrer Wohnung lag, sagte ich, sie solle
-warten. Mit meinem Stock tüchtig aufstampfend, um den unverschämten
-Eindringling zu stören, ging ich allein höher.
-
-Nichts regte sich in der Dämmerung des Treppenhauses. Auf dem
-Treppenabsatz stand in der Ecke ein gepackter Korbkoffer und quer
-bei der Treppe, in einen Plaidriemen eingeschnallt, lag ein langer
-zusammengerollter Reiseschal. Diesen muß die Kurzsichtige für einen
-Menschen gehalten haben.
-
-Ich rief ins Treppenhaus hinunter, und die Dame kam scheu und
-vorsichtig heraufgestiegen und wollte es mir nicht glauben, daß kein
-Mensch da wäre und daß nur ihr zusammengerollter Reiseschal sie
-erschreckt hätte. Sie behauptete, der Mensch wäre fortgelaufen.
-
-Ich sah es ihr an, wie sie sich schämte, es sich selbst einzugestehen,
-daß sie wieder getäuscht worden sei. Ich fragte, ob sie den Menschen
-durch ihr Lorgnon gesehen hätte. Nein, sie hatte ihr Lorgnon vergessen,
-wollte aber trotzdem nicht zugeben, daß sie den Reiseschal für einen
-Menschen angesehen hatte. Dann bat sie mich, da ich mal oben war, einen
-Augenblick bei ihr einzutreten.
-
-Drinnen in den Zimmern war alles in größter Unordnung. Wie buntes
-Gemüse lagen die Dinge durcheinander, und sie entschuldigte sich,
-daß sie mit dem Packen noch nicht fertig sei. Ich mußte zwischen
-verschiedenen Gegenständen in einer Ecke des Sofas Platz nehmen.
-
-Dann ging sie in die Küche, wo die Terrier eingeschlossen waren, die
-ihr sehr zugetan schienen. Sie konnte aber den Knoten der Schnur, die
-an die Türklinke angebunden war, nicht aufmachen, und so ging ich hinzu
-und half ihr.
-
-Mein Blick fiel zufällig, während ich den Knoten löste, auf
-einen Kohlenkasten, der da stand, und ich wurde von ein paar
-seltsam blauen Papieren, die dort lagen, angezogen. Es schienen
-zerknitterte Geldscheine zu sein. Ich hob dann auch wirklich ein
-paar Hundertmarkscheine auf, die, wie sich herausstellte, das ganze
-Reisegeld der Dame waren. Das Geld hatte sie vorher erst von der Bank
-geholt. In der Meinung, es seien alte blaue Briefumschläge, hatte sie
-die Geldscheine in der Hast des Packens fortgeworfen, während sie den
-leeren Briefumschlag sorgfältig in ihre Handtasche gesteckt hatte.
-
-Nun begann sie vor Schrecken zu weinen, und wie zu ihrer Entschuldigung
-sagte sie:
-
-»Jemand hat mir nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Kopf
-gestohlen.«
-
-Später, als sie mir sehr schön auf ihrer Violine vorgespielt hatte,
-sagte ich ihr, sie müsse mir das Bild dessen zeigen, der sie dem Gott
-der Idioten ausgeliefert habe.
-
-Sie zeigte mir das Bild eines jungen Kapellmeisters, der außer einem
-großen Haarbüschel, der ihm in die Stirn hing, nichts besonderes zu
-bieten schien. Und ich war sicher, daß auch hier, in der Liebe zu dem
-Musikanten, ihre Kurzsichtigkeit ihr einen Streich spielte. Sicher
-liebte sie mehr die unklare Vorstellung, die sie sich von dem Menschen
-machte, als das klare Bild des Mannes selbst, das sie niemals sehen
-konnte.
-
-Ich war eifersüchtig auf diesen Haarmenschen, das fühlte ich, und
-ich fühlte auch, wie leicht es sein würde, diesen Nebenbuhler zu
-verdrängen, der, wie mir schien, seine Rolle im Herzen der jungen Dame
-bereits ausgespielt hatte. Ich tat, wozu mich mein Herz drängte, und
-warb von dieser Stunde an um jenes Mädchen. Ich folgte ihr nach aufs
-Land, wo sie den Sommer verbrachte, und im nächsten Winter besuchte ich
-in Berlin mit ihr Konzerte und Vergnügungen.
-
-Nachdem wir glückliche Monate verlebt hatten, in denen ich ihre
-Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit zuerst als eine belustigende
-Lebenswürze genossen hatte, wurde ich allmählich von dem Doppelleben,
-das sie führte, nervös, denn es war auf die Dauer unheimlich, wieviel
-Zeit und Lebenskraft sie aufwenden mußte, um die Abenteuer zu
-überstehen, die ihr ihre Zerstreutheit und Kurzsichtigkeit bereiteten.
-Und Tage reichten oft nicht aus, gut zu machen, was sie in Sekunden der
-Zerstreutheit harmlos sich und anderen angetan hatte.
-
-Sie ging später auf Konzertreisen, und wir schrieben uns immer
-seltener. Ohne daß wir uns Vorwürfe machten, fühlten wir beide, daß die
-Zeit unserer Innigkeit vorüber war. Die junge Dame fand viele Verehrer,
-denn sie war liebreizend und von heiterer Gemütsart und wurde nicht
-einmal verstimmt, wenn sie an ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit
-erinnert wurde. --
-
-Nun stand sie dort, nicht weit von mir, im Schnee und suchte den
-Kometen, der im Westen stand, mit ihrem Opernglas im Osten. Und ich
-hielt ihre beiden Terrier, die zitternd zu meinen Füßen saßen, an
-meinem Spazierstock, den sie für einen Baumast gehalten hatte, fest.
-
-Bald aber bemerkte ich, daß meine Freundin ihr Opernglas gar nicht mehr
-zum Himmel richtete, sondern daß sie den Hügelabhang hinuntersah, wo
-immer noch einzelne Menschen bergauf stiegen.
-
-Während ihre Augen noch suchten, trat die dunkle Gestalt eines jungen
-Mannes an ihre Seite. Er hielt einen Schneeballen in der Hand. Er
-schien sie zu begrüßen und schien der zu sein, den sie mit ihrem
-Opernglas im Himmel und auf Erden gesucht hatte. Er streckte ihr den
-Schneeballen hin, den sie in ihrer Kurzsichtigkeit für seine Hand
-hielt, worüber er laut auflachte. Worauf sie den Schneeballen nahm und
-ihm denselben vertraulich an die Brust warf.
-
-Da zog ich meinen Stock vom Baum zurück und streifte den Riemen, an
-denen die Hunde gebunden waren, vom Spazierstock ab und sagte zu den
-beiden Tieren: »Lauft!«
-
-Die munteren Tiere verstanden mich sofort und sprangen kläffend zu
-ihrer Herrin. Ich ging indessen langsam zu einer Bank, wo ich mich
-niedersetzte.
-
-Von der Kurzsichtigen hörte ich einen Ausruf des Erstaunens. Sie
-glaubte, die Hunde hätten den Baumast abgebrochen.
-
-Der junge Mann lachte und rief laut: »Das glaube ich niemals. Du wirst
-die Hunde an die Luft angebunden haben.«
-
-Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben mögen, da er so
-respektlos zu ihr sprach. Aber ich sagte mir, er wird wahrscheinlich
-mit ihr schon hundert ähnliche Fälle erlebt haben und hatte das Recht
-zum Lachen.
-
-Nun hörte ich, wie die junge Dame sagte, sie wolle den Baumast ansehen.
-Er könne sich überzeugen. Der Ast müsse abgebrochen sein.
-
-Ich sah, wie sie zum Baum ging und dort in die Luft fühlte, wo mein
-Stock gewesen. Aber da war in ihrer Handhöhe weder oben noch unten
-irgendein Zweig am Stamm. In doppelter Menschenhöhe erst setzten die
-Zweige der Tanne an.
-
-Sie sah sprachlos am Baum empor und begriff jetzt erst, daß sie sich
-getäuscht haben müsse.
-
-»Aber es war doch ein daumendicker Ast da,« hörte ich sie versichern.
-
-»Was du gesehen und gefühlt hast, braucht noch lange nicht ein Ast
-gewesen zu sein,« höhnte der junge Mann.
-
-»Es war ein Ast. Ich habe das Holz gefühlt. Wo ich bin, ist die Welt
-immer verhext,« erklärte sie zuletzt. »Denke dir, was mir gestern
-wieder passiert ist!«
-
-Sie kamen beide im Sprechen näher zur Bank, auf der ich mit
-hochgeschlagenem Mantelkragen und mit in die Stirn gezogener Pelzmütze
-saß und in den Himmel starrte. Ich brauchte bei ihrer Kurzsichtigkeit
-nicht zu fürchten, daß sie mich erkennen würde. Sie ließ sich in der
-Mitte der Bank nieder, kaum eine Handbreite von mir weg, während ihr
-Begleiter sich neben sie setzte.
-
-»Gestern abend, als du nicht kamst, wollte ich mir die Zeit vertreiben,
-und da ich Appetit auf einen Pfannkuchen hatte und ich seit Ewigkeit
-keinen selbstgebackenen Pfannkuchen gegessen habe, ging ich aus, um
-alles zum Backen Nötige einzukaufen. Ich kaufte die Sachen gleich
-in allernächster Nachbarschaft, Milch, Mehl und Eier. Unterwegs kam
-ich an einem Postkartenstand vorbei, wo in kleinen offenen Kasten
-Ansichtspostkarten geschlichtet lagen. Ich bücke mich mit Milchflasche,
-Mehltüte und Eiertüte und gehe langsam an dem Kasten entlang und
-betrachte mir die Postkarten. Plötzlich höre ich einen glucksenden Laut
-und sehe, daß die letzten Tropfen meiner Milchflasche auslaufen. Ich
-hatte beim Entlanggehen an dem Kasten meinen ganzen Milchvorrat über
-die verschiedenen Serienfächer des Ansichtskartenverkaufes gegossen,
-denn der Kork hatte sich von der Flasche gelöst. Ich war außer mir vor
-Schrecken und rannte davon.
-
-In meiner Aufregung presse ich aber unterwegs die Mehltüte und das
-Eierpaket fest an mich, um sie ja nicht zu verlieren. Bei meiner
-Haustür angekommen, scheint mir die Mehltüte unverhältnismäßig dünn
-geworden zu sein. Ich ahne nichts Gutes und bemerke auch zugleich
-hinter mir eine weiße Mehlfährte, die von der Postkartenhandlung bis
-zu meiner Haustüre führte. Die Tüte war geplatzt, und das Mehl war
-ausgelaufen. Ich warf die leere Tüte in den Rinnstein. Als ich oben in
-meinem Zimmer die Eiertüte öffnete, war nur noch eine gelbe Brühe und
-zerbrochene Eierschalen im Papier. Verzweifelt habe ich mich aufs Sofa
-gesetzt, habe gehungert und geweint und endlich musiziert.«
-
-Diese letzten Worte sprach die Kurzsichtige zu mir, denn sie hatte
-wahrscheinlich vergessen, auf welcher Seite der Bank ihr Begleiter
-saß. Dann nahm sie ihr Lorgnon, und ich dachte schon, sie wolle sich
-klar machen, daß sie nach der falschen Seite hinsprach. Aber nein.
-Sie betrachtete meinen Stock, griff mit der Hand danach, immer noch
-meinend, daß ich ihr Begleiter sei und rief jubelnd:
-
-»Da hast du ja den Baumast in der Hand! O, du Falscher, du hast ihn
-heimlich abgebrochen, damit ich glauben sollte, ich hätte mich geirrt.«
-
-»Entschuldigen Sie, das ist mein Stock,« erwiderte ich ruhig und stand
-auf.
-
-Ich wußte, sie hatte meine Stimme erkannt, denn es wurde grabstill
-neben mir. Da rief der junge Mann, der während der ganzen Zeit mit dem
-Opernglas den Himmel abgesucht hatte, laut:
-
-»Ich habe den Kometen gefunden!«
-
-Ich hörte noch wie sie tief aufatmete und doppelsinnig sagte: »Ich habe
-auch einen entdeckt, trotz meiner Kurzsichtigkeit, aber er ging so
-schnell, wie er einmal kam.«
-
-
-
-
-Das Iguanodon
-
-
-In einem überheißen August kam ich über die Alpen durch Tirol an den
-Gardasee.
-
-Ehe man in Torbole oder Riva aussteigt hat der Zug hinter Mori ein
-ungeheueres, von einem vorzeitlichen Bergsturz verwüstetes Gesteintal
-durchklettert, darin ein grüner sterbender Seetümpel liegt. Dort an den
-zackigen Steinblöcken, die um den Tümpel liegen und zu Tausenden das
-Tal füllen, lebt auch noch im Sonnenschweigen vor deinem inneren Ohr
-das Gekrach und Gedröhn jener furchtbaren Minuten auf, als hier einst
-in grauester Vergangenheit ein Berg den anderen erschlagen wollte. Man
-glaubt, ein wahnwitziger Fluch sei damals ausgestoßen worden und habe
-rundum die Steine und die Bergwände in Bewegung gesetzt.
-
-Die Legende erzählt, daß sich Dante hier den Eingang zur Hölle
-vorgestellt hätte, den er in der Göttlichen Komödie schildert. Wie
-ungeheuerliche, versteinerte Qualen, wie ein himmelragender steinerner
-Dornenkranz starrt das spitzige, verwitterte Gebirge, von Wolken
-umraucht, im Norden des Gardasees in den Himmel. Es sieht aus, als
-wären höllische Blitze und höllische Erdbeben die Baumeister dieser
-Bergungetüme gewesen.
-
-Während im Süden der Gardasee sich in breiter sonniger Fläche dem
-heiteren Himmel Italiens und unendlicher Fruchtbarkeit entgegenstreckt,
-ragen im Norden die kahlen Alpenketten wie Ambosse der Götter in den
-Himmel, und es ist, als würden dort furchtbare Schicksale geschmiedet.
-
-Freunde hatten mir geraten, in Torbole zu wohnen, wo viele Österreicher
-im Sommer baden, und wo am See ein lustiges Leben herrscht. Andere
-hatten mir das stillere Malcesine empfohlen, das am Fuß einer Burg bei
-schönen Gärten liegt.
-
-Ich kannte den Gardasee noch nicht, und nachdem ich mir die beiden Orte
-angesehen, war mir der eine zu lebhaft, der andere zu langweilig schön.
-Und eines Morgens ließ ich mich von einem Schiffer auf die Seefläche
-segeln, um hier zwischen Himmel und Wasser zu überlegen und Entschlüsse
-zu fassen, wo ich bleiben wollte.
-
-Ich hatte an diesem Morgen zuerst den Ponalewasserfall besucht, der
-unweit Riva, zwischen zwei Felsen eingeklemmt, aus Himmelhöhe gegen
-den See niederstürzt. Da kam mir der Gedanke, daß ich auf dem Weg
-nach Malcesine, auf der anderen Seeseite am Tag vorher, einen Ort
-hatte liegen gesehen, am Fuß senkrechter Felsenwände, und daß mir dort
-die schönen Reihen der weißen Pfeiler von Zitronengärten von weitem
-aufgefallen waren. Diese sahen in der Ferne aus wie die marmornen
-Tasten einer riesigen Orgel, und eine weihevolle Festlichkeit lag
-über diesen Hunderten von Säulen, die da, regelmäßig gereiht, die
-Felsenabhänge schmückten. Eine hübsche Kirche mit freistehendem
-Glockenstuhl und eine Schar dichtgedrängter hellgelber und rosenroter
-Häuser um einen kleinen Hafen, in welchem winzige italienische
-Motorboote lagen, waren mir noch gut in Erinnerung. Den Ort selbst
-hatte ich von meinen Bekannten nie nennen hören, und ich hatte ihn auch
-im Reisehandbuch übersehen. Ich bedeutete nun den Fischer, mich dorthin
-zu fahren.
-
-Jeder, der in Riva einmal übernachtet hat oder in Torbole am Gardasee,
-weiß, daß ihn dort nachts, wenn die ersten Sterne heraufziehen, ein
-seltsames Blitzlicht in Erstaunen setzte, das wie ein Wetterleuchten
-weit draußen mitten in der Seefläche auftaucht und bis in die Fenster
-des Hotels hereinleuchtet und auch kalkweiß über die Gesichter derer
-hinstreicht, die am Seeufer im Dunkeln einen Abendweg machen.
-
-Der Lichtstrahl sticht Nacht um Nacht an den beiden Seiten der
-Felsenwände hoch, die den See einschließen, und zeichnet für Sekunden
-scharf jeden Olivenbaum, jeden Ziegel der einsamsten Hütte am
-Felsengehäng und haut, wie ein weißes Schwert zertrennend, einen
-weißen Keil in die Finsternis. Ich mußte immer an das Flammenschwert
-denken, das den Eingang zum Paradies bewacht, wenn dieser Lichtstrahl
-unermüdlich Wasser und Gebirge bestrich in allen Stunden der Nacht.
-
-Ich erfuhr dann, daß jenes spukhafte Licht von den Scheinwerfern der
-kleinen italienischen Wachtschiffe kam, die dort, wo die Grenze von
-Italien quer über den See geht, in jeder Nacht hin und her fuhren, die
-Bergscheide und das Wasser nach Schmugglern abzuleuchten. Denn Tabak
-und Zucker wurden gern zur Nachtzeit von Österreich nach Italien über
-die Grenze geschleppt.
-
-Die Station dieser Nachtboote befand sich in jenem kleinen Ort, zu dem
-ich wollte, den die Dampfschiffe nur kurz bei der Rundfahrt um den See
-berühren, den nur manchmal einige Segelboote von Riva aus besuchen,
-und in dem sich noch kein Fremdengetriebe breit machte. Hart bei jenem
-Ort, ehe man um einen Felsenabhang segelte, zog sich, an Zitronengärten
-vorbei, die italienische Grenze hin.
-
-Dieses berichtete mir der Schiffer während der Segelfahrt und nannte
-mir den Namen des Ortes, der Limone heißt, dahin er mich jetzt bringen
-sollte.
-
-In der Seemitte packte plötzlich einer jener Sturmwinde unser Boot,
-die dort jählings ohne Vorboten einsetzen und den Segelnden gefährlich
-werden können.
-
-Wir flogen in dem kleinen Kahn vor dem Stoßwind her, und der See begann
-zu knirschen; schäumende Wasserwalzen rollten schneller, als das Boot
-fliehen konnte, an uns vorbei; Seile und Segel ächzten und schienen
-zerreißen zu wollen. Der See lebte ungeheuerlich. Seine Wellen schienen
-eine wandernde Tierherde zu sein, die sich durcheinanderschob, und
-alle Wellentiere schienen nach einer Richtung fortzustürzen.
-
-Knapp, ehe der Sturm seine Höhe erreichte, jagten wir mit dem Boot in
-das kleine Hafenviereck von Limone ein.
-
-Der Wind klirrte und fegte draußen über das Wasser. Aber hier in der
-Bucht war es windstill, schwül und dunstig. Die Riesenmauern des
-Berghintergrundes hielten jeden Windatem ab, und die Zitronen konnten
-hier gut reifen, wie Eier in einem Brutkasten. Das dachte ich, als ich
-den Fuß ans Land setzte.
-
-Land kann man zu dem Erdstreifchen dort nicht gut sagen, denn es ist
-nur spärlich Raum zwischen dem Felsengetürm eines ungeschlachten Berges
-und der Seefläche. Die einzige größere Gasse, die der Ort hat, ist so
-eng, daß sich die Leute von Haus zu Haus die Hände reichen können.
-
-Es war Mittag, und ich begegnete nur einigen Marinesoldaten der
-Zollflottille. Die Handwerker arbeiteten, ohne aufzuschauen, unter
-ihren Türen. Ein Esel schrie an einer Straßenecke, und die hohe
-Bergwand drückte beengend die Luft in den Gassen zusammen, in denen es
-nach Fischen und Olivenöl roch.
-
-Der Schiffer führte mich zum einzigen Gasthaus, das ein schmuckes altes
-Herrenhaus war und in einem Blumengarten gegen den See hin lag.
-
-In der Weltverlorenheit dieses italienischen Nestes fühlte ich mich
-wohl. Es war nichts banal Schönes hier. Aber etwas Geheimnisvolles,
-das mich schon aus der Ferne an diesen Ort gelockt hatte, tat mir
-auch jetzt wohl. Es schien mich hier etwas zu erwarten, vielleicht
-ein ungeheurer Schrecken, mit darauffolgendem süßem Aufatmen.
-Jedenfalls spürte ich ein neugieriges und angenehmes Gruseln an diesem
-totenstillen Flecken, wo keine Fremdenschwärme, keine Gasthäuser das
-Dasein kindisch machten.
-
-Es war mir zumute, wie wenn man nach langen eintönigen heißen Tagen
-ein Gewitter nahen fühlt, das mit seiner großen elektrischen Spannung
-die Welt auf den Kopf stellen, Totes lebendig machen und Leben in Tod
-verwandeln kann.
-
-Ich lese gern in der feurigen Schrift der Blitze. Wenn sie ihre großen
-Aussprüche auf das sonst so leere Blatt des Himmels schreiben, so ist
-mir, als läse ich in den Augen alter Propheten, und Schrecken und
-Erschütterungen, die sie über der Alltagswelt verbreiten, machen mich
-fruchtbar. Gewitter stärken mein Herz.
-
-Und unsichtbare Seelengewitter schienen hier in dem stillbrütenden,
-der Welt unbekannten kleinen Ort auf den Fremden zu lauern. Vom
-Augenblick an, da ich mich entschloß, durch den Schiffer, der mich
-hergesegelt, meinen Koffer aus Torbole holen zu lassen und hier in
-Limone zu bleiben, kam ich mir wie ein gewaltiger Unglücksucher vor.
-Wie einer, der in eine unterirdische Tropfsteinhöhle eingedrungen ist,
-die nur wenige vor ihm betreten haben, und die ihn in ein unheimliches
-Labyrinth lockt.
-
-Zwei Dinge, die ich liebe, waren es, die mich bestimmten, in Limone zu
-bleiben. Das erste war meine Vorliebe für den Duft von Zitronen und
-Zitronenblüten, das zweite meine Sehnsucht nach brütender Wärme.
-
-Von diesen beiden Genüssen wurde ich reichlich hier gesättigt. Aber ich
-erwartete mehr als nur Gefühlsbefriedigungen. Ich weiß, daß aus Hitze
-und Duft Gebilde im Menschenhirn entstehen, wie aus den verschiedenen
-Elektrizitäten zweier Wolken die Blitze.
-
-Auch war es mir wunderbar, jetzt an dem Ort zu sein, von dem nachts das
-große flammende Schwert des Scheinwerfers auf den See hinausgesendet
-wurde. Hier im Hafen lagen die kleinen Eisenboote, die die Seewache
-hatten von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Und ich fühlte mich
-wohl dabei, daß ich mich nicht mehr zu dem Lichtschein, der mich in
-Torbole nachts immer aufschauen gemacht und in die Ferne gelockt hatte,
-hinsehnen mußte. Ich war jetzt dort, wo das nächtliche Feuer geboren
-wurde.
-
-Der Wirt des Gasthauses, der zugleich Bürgermeister war, hatte ein
-langes Tiergesicht, und sein Körper war so sonderbar gebaut, daß er,
-wenn er vor mir stand, aussah, als stünde er bis zu den Knien im
-Erdboden.
-
-Er war noch jung, einige dreißig Jahre alt, sah aber müde aus wie
-jene grauen nickenden Esel, die lange schweigen und plötzlich
-ohrenbetäubende Schreie ausstoßen können. Dieser Mann war aber sonst
-ein angenehmer, höflicher und sorgsamer Wirt und arbeitete tagsüber
-in seinem gutgepflegten Garten, in welchem Oleanderbäume, Bambus,
-Geranienbüsche, Rosen und Myrten zu Seiten eines langen beschatteten
-Weinlaubenweges standen. In diesem grün überwölbten Weg hingen dicke
-dunkle Trauben, und am Ende lag dicht vor der weißen Steinschwelle und
-den weißen Steinpfosten der Gartentür das blaue Wasser des Sees wie ein
-abgrundtiefer Himmel.
-
-An der einen Seite des Gartens war eine überlaubte Spielbahn, wo
-nachmittags die italienischen Soldaten, Sizilianer, Neapolitaner,
-Genuesen, schwarzhaarige und braunhäutige Kerle, zwischen Vesper und
-Abendläuten mit viel Lachen und Witz ihr Boccia spielten.
-
-Die Küche des Gasthauses war bescheiden, der Wein gut und feurig.
-Mein steingepflastertes Zimmer, sauber und geräumig, sah nach dem See
-und dem Berg Monte Alto. Die Tageszeiten in Limone wurden nicht bloß
-durch das viele Läuten der Kirche eingeteilt, sondern auch von dem
-dreimaligen Vorüberfahren der großen Passagierdampfer, die täglich die
-Rundreise um den See machten.
-
-Unter einem großen japanischen Mispelbaum im Garten bei der Haustreppe
-nahm ich meine Mahlzeiten ein. Und hier spielten sich auch die Szenen
-jenes inneren Gewitters ab, das ich beim Betreten jenes schwülen, scheu
-versteckten Ortes vorausgeahnt hatte.
-
-Nach dem Mittagessen am Tage meiner Ankunft, nachdem ich auf meinem
-neuen Zimmer ausgeruht hatte, schlenderte ich in der Abenddämmerung
-durch den Ort. Als ich aus dem Garten auf die Straße trete, höre ich
-ein Gekicher, und an meiner Seite vorüber läuft ein zwergartiger
-Mann mit gewaltigen langen Armen, großem, höckerigem Kopf, wie ein
-Orangutang anzusehen, in eine Seitengasse hinein.
-
-Ein paar Frauenzimmer, die vor einer Haustüre auf niedrigen Hockern
-kauerten, rieben sich mit der Handfläche Mund und Wangen ab und
-deuteten mir mit ihren Augen an, daß der Zwergmensch sie beide
-unversehens eben umarmt und geküßt hatte. Die eine, die Ältere, drohte
-hinter ihm her mit ihrem Holzpantoffel, die andere hatte noch seine
-Mütze in der Hand, die sie ihm wahrscheinlich vom Kopf gerissen hatte,
-und sie schleuderte die Kappe dem Fortstürmenden mit einem kreischenden
-Zuruf nach.
-
-Ich war verblüfft über die Häßlichkeit des Zwerggeschöpfes, das sich so
-männlich und so kindlich zu gleicher Zeit gebärden konnte, und das sich
-jetzt aus der Ferne umschaute, seine Mütze an sich riß und den Frauen
-die Zunge herausstreckte.
-
-Ein wenig weiter fort begegnete ich einem kleinen verwachsenen Weib,
-das einen melonengroßen Kopf hatte. Die Frau reichte mir nicht bis zur
-Hüfte. Einen Krug trug sie in der Hand, den sie kaum schleppen konnte.
-
-Überall sah ich ähnliche Wesen. Neben den gut gewachsenen Gestalten
-unter den Ladentüren und in den Werkstätten stand oder saß oder
-schabernakte ein koboldartiges Zwergwesen. Es schien mir, als sei jede
-Familie mit solch einem Geschenk der Hölle belastet.
-
-Ich war bei meinem Weg durch die Gasse an alten eisernen kleinen Türen
-vorübergekommen. Die waren nur eine rostige Masse. Das verwitterte
-Eisen schälte sich wie die Rinde von Bäumen. Über die Türschlösser und
-Angeln und über das Gitter des Guckloches hingen verfilzte Spinnweben.
-Ganze Familien von großen Kreuzspinnen hausten da seit Jahrhunderten
-ungestört. Auch waren da ebenso zugesponnene und mit rostigen Gittern
-versehene, alte, erblindete Fenstervierecke. An die grauen Mauern dort
-waren mit Rötelstift und Kohle unflätige, brünstige Bilder mit ein
-paar Linien hingezeichnet, Bilder, wie sie nur in den Hirnen dieser
-ungebändigten und verwilderten Krüppelgestalten entstehen konnten.
-
-Als ich in der Abenddämmerung vor den Ort hinaus unter alte Olivenbäume
-kam, die dort in verrenkten Stellungen, verkrümmt und verwachsen, in
-Scharen mit ihrem graunebeligen dünnen Laubwerk in den Bergfeldern
-stehen, war mir, als seien die Zwerggeschöpfe der Stadt aus jenen
-ungestalten gespenstigen Olivenstämmen geboren worden.
-
-Als in der Dämmerung ein Esel, auf dem ein Weib und ein Knabe saßen,
-mit humpelndem Gang in dem unheimlichen Olivenhain, darin sich
-kein Blatt rührte, auftauchte, schauderte mich, weil ich in diesem
-zusammengepackten Tier- und Menschenhaufen wieder neue Verkrüppelungen
-zu sehen glaubte.
-
-Unter dem schleierartigen dünnen Laubgewebe der Oliven, deren Zweige
-sich nicht wiegen, durch die der blasse Abendhimmel fein zerkritzelt
-zur Erde sieht, hatte ich das Gefühl, als ob ein Netz von unheimlichen
-Erregungen -- das mich hier in Limone bald umgeben sollte -- schon nah
-über mir hing.
-
-Ich konnte nach kurzer Zeit in dem Hain nicht mehr weitergehen. Das
-stille Grauen in mir nahm so überhand, daß es mich forttrieb aus dem
-Kreise der grimassenreißenden Baumstämme, die umherstanden, gespalten
-und zerschlitzt, dreibeinig und zehnbeinig, mehr Tieren als Bäumen
-ähnlich.
-
-Ich wollte lieber zu den krüppligen Menschen des Ortes zurückkehren,
-als hier länger bei den hölzernen Urvätern der Krüppel zu weilen, die
-trocken und herzlos wie halbtote Greise, in sich versunken und in sich
-gekrümmt, den Weg begleiteten, der Schar aller Mühseligkeiten ähnlich,
-die einem lang Lebenden begegnen können.
-
-Zurückgekommen zum eisernen Gitter des Gasthausgartens sah ich
-gegenüber unter der trüben Petroleumlaterne, die als Straßenbeleuchtung
-an einer Hausecke hing, in einem kahlen Ladengelaß wieder einen
-Zwerg mit einem Stock stehen. Der Stock war ein Stück größer als
-der Zwerg, und es war doch nur ein gewöhnlicher Spazierstock. Mit
-diesem Stock deutete der Krüppel wichtig und sich höflich verneigend
-auf einen Tisch, an den er kaum mit der Nase hinaufreichen konnte.
-Dort lagen, sorgfältig nebeneinander gereiht, einzelne Birnen, große
-dicke Kochbirnen, die wir in Deutschland Katzenköpfe nennen. An
-der Tischkante stand eine brennende, flackernde Kerze, die in einem
-Zinnleuchter stak.
-
-Der Laden war ganz kahl. Ich hatte beim Fortgehen vor einer Stunde
-diesen Fruchtverkäufer noch nicht bemerkt. Es schien mir, als habe
-er seinen Verkaufsstand eben erst eingerichtet, vielleicht weil er
-gehört hatte, daß ein Fremder ins Gasthaus eingezogen war, was ihn
-unternehmungslustig gemacht haben mochte.
-
-Ein paar Schritte weiter bei einem Schuhmacher kauerte jener Zwerg, der
-vorhin die Weiber geküßt hatte; er glotzte in die beleuchtete Glaskugel
-des Schusters, bei deren grellem Blendlicht der Meister und seine
-Gesellen, auf dem Straßenpflaster hockend, arbeiteten.
-
-Die Gassen hinter den beleuchteten Köpfen verschwanden in Gewinkel und
-Finsternis, manchmal geteilt von kleinen Lichtscheinen, die aus Türen
-oder Fensterluken auf das Pflaster fielen.
-
-Auf der Mauer beim Gartentor meines Gasthauses hockten zwei
-andere Zwerge, die mich schweigend und argwöhnisch, wie zwei
-aneinanderhängende Affen, von der Mauerhöhe herunter beobachteten.
-
-Ich war verblüfft über die Unzahl von Mißgeburten und auch ermüdet
-von den neuen Reiseeindrücken, so daß ich schweigend vorüberging und
-nur mit einem Kopfnicken die lauten feierlichen Grüße der Krüppel
-beantwortete.
-
-Als ich dann in den Garten eingetreten war und mich zum Abendessen
-unter den Mispelbaum setzen wollte, unter eine wenig leuchtende
-Petroleumlampe, die in den Zweigen des Baumes hing, kam der Wirt zu
-mir und sagte mir, morgen würde das Zimmer neben dem meinigen besetzt.
-Er habe eben mit dem Abenddampfschiff einen Brief von einer Russin
-erhalten, die schon voriges Jahr den Herbst hier verbracht hatte. Die
-Dame habe zugleich geschrieben, daß ihr das Portemonnaie unterwegs
-gestohlen worden sei, und der Wirt hatte ihr noch mit dem selben
-Nachtschiff Geld nach Desenzano geschickt, wo sie übernachten wollte.
-
-Ich dachte sofort an eine Nihilistin, denn einer wohlhabenden
-Russin konnte es wohl kaum einfallen, dieses weltentlegene Ufernest
-aufzusuchen und hier einen Herbst zuzubringen; aber später hörte ich,
-daß die Dame die Gattin eines Generals war.
-
-Am nächsten Tag saß ich gegen Mittag auf dem Steinbalkon, der gegen den
-Garten hin vor dem Eßzimmer lag, unter dem sich die Küchenhalle befand.
-Ich schrieb Briefe und saß ohne Hut, und die Mittagssonne brannte auf
-meinem Kopf.
-
-Als ich mich später in dem Speisesaal, dessen Decke mit bunten
-mittelalterlichen Malereien, Wappen und Blumen bemalt war, zu Tisch
-setzte, sah ich vor der Glastüre, die auf den Korridor führte, eine
-kleine ältere Dame stehen, die, während sie einen Schleier um ihren
-Kopf band, zwischen den Vorhängen an der Glasscheibe hindurchblinzelte.
-Dann trat sie ein, und der Wirt folgte ihr und stellte sie als die
-russische Dame vor.
-
-Die Generalin hatte kleine, lebhafte, etwas belustigt zwinkernde Augen
-und machte viele kleine Bewegungen, die ihr etwas rührend Kindliches
-gaben. Als sie sich vor ihren Teller gesetzt hatte, begann sie sogleich
-mit mir eine lebhafte Unterhaltung und erzählte vom Comosee, von dem
-sie eben kam, und vom italienischen Dichter Fogazzaro, den sie dort in
-seiner Villa besucht hatte.
-
-Sie forderte blindlings Interesse von mir, weil sie sich für Fogazzaro
-und den Comosee interessierte. Aber mein Kopf schmerzte mich. Er
-wurde schwer, als wollte er anschwellen wie ein Zwergenkopf, und ich
-fühlte bald, daß ich beim barhäuptigen Sitzen in der Mittagsonne einen
-Sonnenstich bekommen hatte.
-
-Es wurde mir grau und weiß vor den Augen, und das ganze Zimmer mit der
-buntbemalten Decke und dem rotsteinernen Fußboden kreiselte um mich,
-als wäre es eine russische Schaukel.
-
-Ich wollte vom Tisch aufstehen, aber ich fühlte, daß ich umfallen
-würde. Während die Russin immer weiter sprach und mir nichts anmerkte,
-wartete ich still ab, bis ich mich wieder so stark fühlen würde, daß
-ich mein Zimmer ohne Hilfe erreichen konnte. Ich sagte dann der Dame
-im Fortgehen, daß ich glaubte, ich sei von einem Sonnenstich unwohl
-geworden.
-
-Ich legte mich auf mein Bett und ließ mir Eis bringen. Mir war bei
-jeder Bewegung sehr übel. Zugleich begann mich ein heftiges Fieber zu
-schütteln.
-
-Nach einer Weile klopfte es an meiner Tür, und die Russin brachte mir
-ein großes Senfpflaster, das sollte ich auf meinen Rücken legen.
-Während sie noch im Zimmer war, klopfte es wieder, und ich hörte die
-Stimme einer jungen Dame, die draußen mit dem Dienstmädchen sprach.
-Sie sagte, sie hätte im Hotel in Torbole im Fremdenbuch meinen Namen
-gelesen, und es war ihr gesagt worden, daß ich nach Limone gezogen sei.
-Ich erkannte die Stimme einer jungen Bekannten, die ich seit einem
-Jahre nicht gesehen hatte. Die Neuangekommene wollte, daß ich ihr
-Limone zeigen sollte.
-
-Ich ließ ihr sagen, daß ich halb im Sterben läge, und sie möchte
-entweder meinen Tod oder meine Genesung abwarten.
-
-Sie ließ mir darauf zur Antwort geben, daß sie einige Tage im gleichen
-Gasthaus in Limone wohnen bliebe.
-
-Den Sonnenstich im Kopf, ein Senfpflaster auf dem Rücken, einen
-Eisumschlag auf der Stirn und einen Herzchock in der Brust,
-hervorgebracht durch das bevorstehende Wiedersehen mit einem seltsamen,
-reizend schönen Mädchen, an das ich lange nicht mehr gedacht hatte,
--- so lag ich auf meinem Bett und mußte mich gedulden, bis die
-Sonne untergegangen war und in der kühleren Abendluft, bei den weit
-geöffneten Fenstern, der Blutandrang zum Gehirn schwächer wurde, und
-ich mich allmählich wieder gesund werden fühlte.
-
-Ulrike, die junge Dame, die mich so plötzlich besuchte, war Studentin
-der Chemie, und ich kannte sie aus Freiburg, wo sie studierte. Sie war
-eine jener schönen rothaarigen Frauen, die jetzt in Deutschland so
-selten werden. Sie hatte jene milchweiße Hautfarbe, mit leichtem rosa
-Hauch, die wie eine sanfte Kamelienblüte unter blauem Himmel leuchtet.
-
-Aber es ging nicht die Kühle der Blüte von diesem schönen Geschöpf
-aus. Das leuchtende Milchfleisch ihrer Wangen und ihres Nackens neben
-dem dumpfroten Haar war von einer leuchtenden Lüsternheit verklärt.
-Man hätte das junge Mädchen nie unverschleiert gehen lassen dürfen, da
-ihre Reize so stark waren, daß ihr Gesicht, ihre Hände und ihr Nacken
-beinahe schamlos wirkten, wie enthüllte Blößen.
-
-Im Mittelalter wurden solche verwirrend schöne Frauen den
-Folterknechten als Hexen hingegeben, und die Männerfäuste schlugen mit
-Wollust Wunden in dieses allzu aufreizende Frauenfleisch.
-
-So war Ulrike, die hier plötzlich auftauchte in jener Luft, in der
-ich seit Stunden das Herannahen ereignisschwangerer Augenblicke
-vorausgefühlt hatte.
-
-»Was suchen Sie hier?« fragte ich sie hundertmal in meinem Herzen,
-während meine Tür geschlossen war und ich den Besuch noch nicht gesehen
-hatte. Und Ulrikes Geist antwortete mir: »Ich suche Unruhe, Fieber. Ich
-suche, wenn es nicht Glück sein kann, Unglück, Vernichtung, wie du, wie
-ihr alle.«
-
-Als ich dann, des Fragens müde, erschöpft eingeschlafen war, weckten
-mich Mandolinenmusik und italienischer Gesang aus dem Garten.
-
-Ich stand auf. Es war Nacht geworden. Es mußte neun oder zehn Uhr
-sein. Ich fühlte mich ganz gesund. Draußen auf dem See suchte der
-Scheinwerfer des Wachbootes die Berge ab und schoß ab und zu in den
-Garten unten, wie ein Eindringling, zwischen die Bäume, und mir war,
-als müßte es jedesmal einen schrillen Laut in den Blättern geben,
-wenn der Lichtpfeil durch das schlafende Laub schoß, das dann wie
-Metallschlacken hell und dunkel aufglänzte.
-
-Wahrscheinlich hatte Ulrike schon den ganzen Ort zu Freunden. Während
-der paar Stunden, in denen ich schlief, und in denen die Russin, die
-fließend italienisch sprach, sie spazieren führte, hatte sie, das
-wußte ich gewiß, blendender als jener Lichtstrahl, der da ruckweise vom
-See in den Garten fegte, schon alle Männer des Ortes geblendet.
-
-Als ich im großen steinernen Treppenhause von meinem Zimmer in den
-unteren Stock hinabstieg, schallte mir einzig Ulrikes Stimme entgegen.
-Sie hielt einen Vortrag über Politik, über die Notwendigkeit, daß
-Italien zu Deutschland aufschaue, da es von Deutschland viel zu lernen
-hätte.
-
-Sie sagte in ihrer unverfrorenen norddeutschen Art, daß die Italiener
-lügen, betrügen, daß sie falsch seien und faul, kurz, sie sagte alle
-diese ungerechten Aussprüche, die unwissende Deutsche immer schnell
-bereit haben, wenn über Italien geredet wird.
-
-Ulrike erlaubte sich, da sie immer nur anbetenden Männeraugen
-begegnete, alles das in die Luft zu schreien, was man bei einigem
-Überlegen taktvoll zu verschweigen hat. Aber wahrscheinlich reizte es
-sie, daß alle Männer Honig aus ihrer Schönheit sogen, und sie wollte
-Widersprüche erwecken. Denn da ihr Gesicht Süße austeilte, wollte ihre
-Seele Bitternisse in die Seelen der anderen träufeln, damit nicht das
-Leben um sie vor lauter Anbetung verstummte.
-
-Ich stand im halbdämmerigen Hausflur und beobachtete durch die
-offenstehende Haustüre die Gesellschaft im tiefer gelegenen Garten,
-die dort an einem länglichen Tisch unter dem Mispelbaum saß, mit der
-Hängelampe über den Köpfen und vom weißen Tischtuch beleuchtet.
-
-An der Spitze des Tisches saß wie eine immer bewegte, surrende, graue
-Spindel die silberhaarige Generalin, in Mäntel, Schals und Reisedecken
-eingemummt; und nur ihr kleines, blasses Gesicht mit dem einen
-geschlossenen Auge und mit dem andern zwinkernden Auge sah belustigt
-und mit sich selbst vergnügt von einem zum andern.
-
-Neben ihr an der Tischecke auf einem Stuhl, den sie hintüber hin und
-her bewegte, schaukelte mit übereinandergeschlagenen Beinen Ulrike und
-hielt sich dabei mit der einen Hand an der Lehne des Stuhles der Russin
-fest.
-
-An derselben Längsseite des Tisches, nicht weit von ihr, saßen zwei
-junge Männer. Der eine war ein blasser italienischer Student, auf
-seine Art ebenso schön wie Ulrike. Er war aber eine jener altmodisch
-schmachtenden Jünglingsschönheiten, wie man sie bei jungen Heiligen
-auf glasgemalten italienischen Kirchenbildern des zwölften und
-dreizehnten Jahrhunderts findet. Ein elastischer Jünglingskörper, von
-einem schwärmerischen Geist wie von einer blauen Flamme durchwallt.
-An ihm war nichts von der durch Sport und Gedankenzucht straffen
-Jungemännerschönheit, die jetzt im nördlichen Europa den altmodischen,
-altchristlichen Schönheitstypus verdrängt.
-
-Es war rührend zu sehen, wie der junge, schwarzgekleidete, schmale
-Mensch jetzt eben ein Lied zu singen anhob, einen gewöhnlichen
-italienischen Gassenhauer, den er sicher noch nie in anständiger
-Gesellschaft gesungen hatte, und den er mit einer einfältigen Andacht
-vortrug, als handele es sich um eine Heldensage. Und dies alles nur
-deshalb, weil Ulrike den jungen Mann bereits entgeistert hatte. In
-seinem Herzen sang er sicher ein hohes Lied festlicher Liebesanbetung
-vor ihr. Davon trug sein Gesicht den andächtigen Ausdruck. Aber sein
-Mund mußte einen Gassenhauer hinsingen, weil die ungeduldige Ulrike nur
-Straßenkunst hören wollte.
-
-Neben dem jetzt singenden Studenten spielte ein anderer junger Mann
-eine Mandoline, die er auf dem einen Knie hielt, bei der er tief
-gebückt saß, und deren Saiten er so innig zärtlich zupfte, als wären
-sie aus dem verführerischen roten Haar der jungen Deutschen gesponnen.
-Denn Ulrike machte sein alltägliches, reizloses Gesicht blutrot
-aufleuchten, wenn er zufällig beim Mandolinenspiel zu ihr hinübersah.
-
-Der Spieler hatte grobe Hände, die tagsüber in einem Drogenladen
-im Ort, der ihm gehörte, Leinöl und Petroleum in Krüge füllte und
-Farbstoffe auf einer Wagschale wog, wovon seine Nägelränder noch
-bläulich, rötlich und gelblich schimmerten. Er schlug trotz aller
-Innigkeit grob und derb die Saiten. Er war nicht viel älter als der
-Student, aber er tat laut erzählend sich etwas darauf zugut, bereister
-zu sein als jener, und er versuchte, aus Notwehr gegen Ulrikes
-auffallendes verführerisches Frauenfleisch, sich mit einer Grobheit zu
-panzern, die ihn kaltblütig erscheinen lassen sollte.
-
-Ich hatte gehört, wie er vorhin, kurz ehe das Lied anhob, Ulrike ins
-Gesicht gesagt hatte, er hasse alle Österreicher, und er gab an,
-daß jene die Eigenschaften hätten, die die Deutschen den Italienern
-zuschieben.
-
-Ulrike war keine Österreicherin. Darum hörte sie auf seinen Haß gar
-nicht hin, sondern forderte ein neues Lied. Sie wußte wahrscheinlich
-auch, daß ihre weiße Hand, die sich an die Stuhllehne der Russin hielt,
-aufmerksam, ebenso wie ihr Nacken, von einem Zolloffizier beobachtet
-wurde, der hinter ihr an einem kleinen, runden gedeckten Tisch saß, wo
-er zu Abend gespeist hatte, und wo er jetzt seinen Kaffee trank, mit
-einer Zeitung rasselte und seine Zigarette rauchte.
-
-Vor dem Offizier brannte ein Windlicht auf dem Tisch, sein Lichtkreis
-traf noch Ulrikes roten Haarknoten und ihren weißen Nacken, dessen
-Biegung sich dem Offizier hinhielt, als wollte dieser Nacken
-gestreichelt und geküßt werden.
-
-Am Stamm des Mispelbaumes lehnte der junge Wirt mit seinem langen,
-schmalen Tiergesicht. Seine Augen schienen ganz verblödet zu sein vom
-langen Hinstieren auf Ulrike. Er stand dort ziemlich unbemerkt im
-Schatten und war nur von den Knien abwärts beleuchtet.
-
-Über ihm im weiten Geäst des schlangenartig geformten Baumes kauerten
-die Hauskatzen. Es hockten dort drei, vier Katzen und Kater wie
-buckelige Auswüchse auf den glatten, ausgestreckten Ästen, und
-manchmal jagte ein Tier das andere, und sie flohen höher in die dunkle
-Laubkrone. Dann sah Ulrike hinauf und rief: »Miau«. Gleich standen die
-Katzen still und kauerten sich nieder, denn der Katzenlaut, den das
-junge Mädchen rief, war verblüffend naturgetreu.
-
-Von meinem erhöhten Standpunkt im Hausflur sah ich auch ein Stück vom
-Gittertor neben der Gartenmauer, und dort kauerten, aufgereiht wie
-Kürbisse zum Trocknen, die mumienhaften, großgesichtigen Köpfe jener
-Zwerge, denen ich vorher auf der Straße begegnet war.
-
-Die Zwerge entdeckte ich aber erst, als der Scheinwerfer vom See für
-Augenblicke seinen Lichtstrahl in die Gartentiefe hereinwarf.
-
-Daß hier ein Unglück wucherte und in irgendeiner Gestalt aufstehen
-würde, fühlte ich an der seltsamen Gruppierung der Menschen, der Tiere
-und der Dinge, die alle von dem magnetischen Wesen Ulrikes angezogen
-waren. Die Spannung und die Unsicherheit, die diese junge Dame um sich
-verbreitete, machte, daß alles, was im Garten anwesend war, wie auf
-einer dünnen Eisfläche lebte, die jeden Augenblick irgendwo einbrechen
-und irgendeinem der Anwesenden tödlich verhängnisvoll werden konnte.
-Aber sie schienen alle das Unglück begierig zu suchen.
-
-Ich trat jetzt vom Haus hinaus auf die Treppe, die zum Garten
-hinunterführte. Bei meinem Schritt sah ich niemand als Ulrike an.
-Aber sie schien sich nicht klarmachen zu können, von welcher Seite
-das Geräusch der Schritte kam, und so sah sie zuerst unwillkürlich
-nach dem Gartentor und der Gartenmauer. Im selben Augenblick erhellte
-ein neuer Lichtstrahl des Scheinwerfers die Köpfe der ungeheuerlichen
-Mißgestalten der Zwerge, die dort lauschten.
-
-Ulrike schnellt empor, läuft von ihrem Stuhl fort und schlägt unter der
-Mauer ein fröhliches und fast kindliches Gelächter auf, aber wendet
-den Kopf nach mir, und nachdem sie den Zwergen ein spöttisches »Guten
-Abend« zugerufen, kommt sie zu mir gelaufen und begrüßt mich in ihrer
-sprudelnden Sprechweise.
-
-»Welchen abenteuerlichen Ort haben Sie da aufgesucht!« rief sie mir
-zu. »Welch ein Talent Sie haben, schauerliche Szenerien zu entdecken!«
-Und mit einer Geste, mit einer stummen, aber höhnenden Geste, deutet
-sie über den andächtig singenden Studenten, über den Baum, in dem die
-Katzen sprangen, und nach dem Gartentor, wo jetzt die Zwerge im Dunkel
-beieinander hockten, und auf den Scheinwerfer, der jetzt hoch im Himmel
-den Monte Alto grell aufhellte.
-
-Sie hatte recht. Wo sang man sonst Gassenhauer wie Kirchenlieder,
-während Katzen in den Bäumen buhlten, Zwergköpfe auf der Mauer wuchsen
-und dazu ein irrsinnig wandernder Lichtstrahl aus dem Dunkel Berge vom
-Himmel fallen ließ.
-
-An diesem Abend geschah nichts weiter, er war nur der Auftakt für die
-nächsten Ereignisse. Der Student lud, als er und sein Freund, der
-Drogenhändler, aufbrachen, Ulrike und mich zum nächsten Morgen in
-den Weingarten seines Freundes ein, wo beide täglich mit Leimruten
-Singvögel einfingen, da die Zeit des Durchzuges der nordischen
-Singvögel war. Aber auch der Zolloffizier ließ uns durch den Wirt
-sagen, wenn wir das Scheinwerferboot nachts besuchen wollten, sollten
-wir es ihn wissen lassen.
-
-Die Zwerge aber stießen kreischende Pfiffe aus und riefen zur
-Verabschiedung Ulrike ein geheultes »Guten Abend« zu.
-
-Ulrike war müde und zog sich schon bald auf ihr Zimmer zurück, nachdem
-wir nur noch ein wenig geplaudert hatten. Ich blieb bei der Russin
-sitzen, die aus ihren Schals und Mänteln wie aus einer gepolsterten
-Loge hervorsah, von der aus sie den Anfang eines Dramas gespannt
-verfolgte.
-
-»Sie ist für die Männer, was der Baldrian für die Katzen ist«, sagte
-die Russin, als Ulrike gegangen war. Sie wiegte sich in ihren Decken.
-»Welch eine Sippe hat sich hier zusammengefunden! Wo ich hinkomme, ist
-aber auch immer etwas Unheimliches los. So war es immer, so lange ich
-lebe. Zwar brechen durch mich nicht Ereignisse herein. Aber ich habe
-eine im Blut liegende Witterung für aufregende Zeiten, Menschen und
-Gegenden, und werde wahrscheinlich unsichtbar angezogen von Zuständen,
-bei denen eine gewisse Spannung in der Luft liegt.
-
-Als Sie heute bei Tisch so blaß wurden und den Sonnenstich fühlten,
-dachte ich bei mir: Da bist du ja gerade recht gekommen, um gleich
-ein Unglück vorzufinden und helfen zu können. In den meisten Fällen
-aber kann ich nicht helfen. Da muß ich nur Zuschauer sein und muß froh
-sein, wenn ich nicht selbst dabei den Kopf verliere. Denn sehen Sie,
-einen leichten Schlaganfall habe ich schon einmal gehabt. Den erhielt
-ich infolge eines Schreckens, als ich Mann, Kind und Vermögen in einem
-Augenblick verlor.«
-
-Und dann erzählte die russische Dame mir ihr Leben. Sie stammte von
-deutschen Eltern, war aber in Rußland geboren und hatte einen Russen
-geheiratet. Ihr Mann war Leutnant, als sie Hochzeit machten. Aber sie
-waren nur wenige Wochen vermählt gewesen, da brach der Krimkrieg aus,
-und die junge Frau wußte, daß ihr Mann fort von ihrer Seite in den
-Krieg und vielleicht in den Tod ziehen mußte.
-
-Sie machte sich auf, besuchte seinen General und bat ihn, daß sie als
-Krankenschwester dem Regiment ihres Mannes folgen dürfte. Das wurde ihr
-gewährt.
-
-Ihren Mann, der in den Schlachten war, sah sie natürlich nur selten,
-und wenn sie mit den anderen Rotekreuzschwestern nach den Kämpfen die
-Verwundeten in den Feldern aufsuchte, dann zitterte ihr Herz jedesmal,
-wenn sie einem am Boden Liegenden den Kopf umwendete und das Gesicht zu
-sehen suchte, denn sie vermeinte immer, ihren Mann zu finden.
-
-Und eines Tages wurde sie auch zu ihm gerufen. Er lag verwundet in
-einem Schanzgraben. Nur sein Bursche war bei ihm. Die junge Frau
-brachte wochenlang in dem Schanzloch zu und hütete und pflegte ihren
-Mann.
-
-Von dieser Kriegszeit her, die sie bei Blut, Grausen und Ängsten auf
-schmerzdurchkreischten Schlachtfeldern durchgemacht hatte, war ihr ein
-schwaches Herz geblieben.
-
-Nach vielen Jahren, als sie schon einen großen Sohn, einen
-hübschen Knaben hatte, traf sie aber ein viel schlimmeres Weh, als
-jener Krieg ihr antun konnte. Ihr Knabe wurde am Meer von einer
-Dampferlandungsbrücke durch eine Sturmwelle ins Wasser gerissen, und
-ihr Mann sprang rasch entschlossen hinter seinem Kinde her, um es zu
-retten. Aber das Meer gab sie nicht mehr zurück. Beide ertranken.
-Außerdem hatte der General gerade an diesem Tage seine Wertpapiere,
-die er auf eine Bank bringen sollte, in der Brusttasche. So waren der
-Russin in einer Sekunde Mann, Sohn und Vermögen entrissen worden.
-
-Seit jener Zeit beobachtete sie, daß sie einen Instinkt für Unglück
-hatte.
-
-Als sie zum erstenmal zum italienischen Schriftsteller Fogazzaro kam,
-war diesem eben sein Kind ertrunken. Als sie vor Jahren zum erstenmal
-an den Gardasee kam, geschah dort das größte Unglück, das der See je
-erlebt hatte. Durch Platzen des Dampfkessels eines Vergnügungsdampfers
-verloren Hunderte von Menschen ihr Leben. Und so wußte sie noch viele
-Fälle zu berichten. Und sie war gar nicht verwundert, als ich heute den
-Sonnenstich erlitt. Sie hatte immer eine ganze Hausapotheke bei sich,
-da sie ja die Begleiterin hundertfacher Unglücke gewesen war.
-
-»Es ist besser,« sagte ich ihr, »wenn Ulrike bald wieder abreist. Der
-junge Student ist schon ganz blaß verliebt in sie und sieht krank aus,
-als ob er in ihrer Nähe ein betäubendes Gas eingeatmet hätte. Und
-die andern, der Offizier und der Drogist, stolpern über ihre eigenen
-Beine vor Verwirrtheit, wenn sie sich vor der schönen Ulrike verbeugen
-sollen. Sie wird auch noch die Zwerge und die Katzen in sich vernarrt
-machen, die Berge werden umfallen wollen, um zu ihr zu kommen, und der
-See wird wandern wollen, um ihr nachzulaufen.«
-
-»Daran ist nichts zu ändern,« sagte die Russin. »Es kann sogar sein,
-daß wir auch Schaden nehmen dabei. Denn wo ein Unglückswirbel einsetzt,
-reißt er auch Fernstehende um. Heute, als Sie schliefen und oben in
-Ihrem Zimmer krank lagen, spielte Ulrike Boccia hier im Garten mit den
-italienischen Zollsoldaten. Die Männer bekamen fast eine Schlägerei,
-denn jeder wollte ihr zuerst den Ball zureichen dürfen. Und auf der
-Straße, als Ulrike einem Zwerg eine Zigarette schenkte, entriß der
-andere Zwerg dem ersten das Geschenk und verbarg die Zigarette an
-seinem Herzen. Der Beraubte zog dann sein Taschenmesser und wollte auf
-den Rivalen losstechen. Der aber zog auch ein Messer und stach wieder
-zurück. Und wenn die Soldaten die beiden Krüppel nicht getrennt hätten,
-würden sie sich in Stücke zerschnitten haben. Ich bin gespannt, wie es
-morgen wird«, setzte die Russin hinzu. »Der Wirt, der Bürgermeister,
-hat mir heute schon gesagt, er wolle sich eine deutsche Grammatik
-anschaffen, damit er Fräulein Ulrike schreiben könne, wenn sie wieder
-in Deutschland sein würde. Und im Winter wollte er dann eine Reise
-nach Deutschland machen. Alle sind in Ulrike vernarrt wie die Fliegen
-in ein Stück Zucker. Sie hat wie ein roter Blitz hier in den Ort
-eingeschlagen.«
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen früh, als die Wiesen am See und ihre gelben
-Dotterblumen noch taufeucht waren, stand ich am Fenster, kurz nachdem
-das erste Dampfschiff getutet hatte. Da hörte ich, daß im Garten unten
-Neuangekommene nach Zimmern fragten. Es war jetzt Anfang September, und
-der Wirt hier hatte im September doch einige immer wiederkehrende Gäste
-in seinem Hause, denn der Herbst ist die Jahreszeit, in der auch jeder
-entlegenste Winkel des Gardasees von Naturschwärmern aufgesucht wird.
-
-Als ich mich rasiert hatte, sah ich wieder vom Fenster hinunter in den
-Garten, und da saß eine seltsame Gesellschaft um einen Tisch auf dem
-weiten Steinbalkon, auf dem ich mir gestern den Sonnenstich geholt
-hatte. Zwei Vettern des Wirtes, die ein paar hübsche Fischerburschen
-waren, hatten ein Ehepaar an einen Tisch geleitet. Sie setzten sich
-soeben alle nieder. Ein älterer Mann von fünfzig Jahren und eine
-dreißigjährige Frau.
-
-Der Mann schien nicht ganz bei Verstand zu sein. Ich sah ihm zu,
-wie er Dutzende von Chenilleäffchen verschiedener Größen aus einer
-Handtasche auspackte und zu gleicher Zeit kleine Bändchen und Fähnchen.
-Und nun begannen die Burschen, die Frau und der Mann, die Affenpuppen
-mit Bändern zu schmücken, und alle vier spielten kindisch mit ihnen
-und kitzelten sich gegenseitig am Gesicht und am Hals mit den Äffchen.
-Dabei hatte der Mann ein katholisches Traktätchen, eine gedruckte
-Zeitschrift, neben sich liegen, in welcher Heilige abgebildet waren,
-aus welcher er gern ab und zu Erbauungsgebete vorlas.
-
-Ich hatte bereits von Annunziata, dem Dienstmädchen, gehört, daß ein
-ganz verrücktes Ehepaar erwartet würde. Das Mädchen war nicht sehr
-erbaut von seiner Ankunft, denn die Frau, sagte sie, wäre verliebt
-in die beiden Fischerburschen, denen sie im Winter, und überhaupt
-vom Tag ihrer Abreise an bis zu ihrer Wiederkunft, fast täglich die
-zärtlichsten Briefe schriebe. Aber Annunziata selbst liebte den einen
-Burschen und fand es abscheulich, daß, so lange das Ehepaar im Gasthaus
-wohnte, sie auf ihre Liebe verzichten sollte.
-
-Ich hatte in meinem Leben vorher nie etwas Widerlicheres gesehen, als
-diesen mageren, bebrillten, greisenhaften, kichernden Mann und seine
-schwammige, übel aufgeputzte Frau. Sie lehnte mit ihrem Kinn auf ihrem
-üppigen Busen, der in eine Seidenbluse eingespannt war, und er grinste
-über seine schmale Hakennase und über die Brillenränder zu den Burschen
-hin, wenn seine Frau die Burschen mit den Chenilleäffchen hinter die
-offenen Hemdkragen kitzelte.
-
-Der eine Bursche hielt einen Leierkasten unter dem Arm, in welchen
-Platten eingelegt wurden, und auf dem man wahrscheinlich bald Musik
-machen wollte.
-
-Der Wirt hatte mir erzählt, das Ehepaar habe eine Seidenblumenfabrik in
-Norddeutschland.
-
-Ich sah mit einem Blick: wenn der Leierkasten spielen und die
-Chenilleaffen tanzen würden, wenn die Zwerge, die Marinesoldaten,
-der Student, der Drogist, der Zolloffizier sich untereinander Duelle
-wünschen und die Russin wie eine Unke neues Unglück prophezeien würde,
-wäre meines Bleibens hier nicht lange, und ich würde bald von diesem
-Ort fortflüchten müssen. Das wäre vielleicht das einzige Unglück, das
-mir passieren könnte. Denn ich hatte ein keimendes Abenteuer im Herzen,
-von dem ich mich nicht gern eher getrennt hätte, als bis es erlebt war.
-
-Das Haus, in welchem sich der Gasthof befand, war halbiert. Der vorige
-Besitzer hatte das Anwesen in zwei Hälften verkaufen müssen. In der
-Mitte waren durch das Haus, durch die Prunksäle, Wände durchgezogen
-worden. Dahinter in der zweiten Hälfte hauste jetzt der einzige
-Briefträger des Ortes mit einer Unzahl von Kindern. Auf dem Balkon aber
-hielt seine älteste Tochter, eine bleiche Italienerin, jeden Morgen
-Nähstunden ab für ihre jüngeren Geschwister und ihre Freundinnen. Im
-Saal, neben meinem Zimmer, wo, dem Schall nach zu urteilen, sich kein
-einziges Möbelstück befand als ein alter Flügel, ließ der Briefträger
-den ganzen Tag seine Hände galoppieren und braute Melodien, zu denen
-die Geister aller Komponisten Europas zitiert wurden.
-
-Niemals war mir vorher ein so entsetzlich musikalischer Briefträger
-begegnet. Er hatte nur dreimal am Tage, wenn die Dampfschiffe kamen,
-Post auszutragen, und diese Botengänge waren nur kurz; da die Gassen
-des kleinen Ortes kurz waren und die Leute hier nur wenig mit der
-Außenwelt in Verbindung standen, so blieb ihm viel Zeit zum rasenden
-Spiel.
-
-Die Frau des Briefträgers war bei der Geburt des letzten Kindes
-gestorben, und die zwanzigjährige Tochter mußte die zwölf jüngeren
-Geschwister erziehen. Der Vater aber wies, so sagte man, jedem Freier,
-der, angelockt von der Madonnenschönheit der Zwanzigjährigen, sich über
-die Schwelle wagen wollte, brüsk die Tür.
-
-»Sie hat Pflichten,« rief er jedem mit italienischem Pathos zu,
-»Pflichten gegen ihren Vater und ihre zwölf Schwestern, und ich erwürge
-den mit meinen zehn Fingern, der es wagen sollte, meine Tochter diesen
-ihren Pflichten abspenstig zu machen.«
-
-Er selbst aber schien keine anderen Pflichten für seine Familie zu
-fühlen als die, das mutterlose leere Haus mit seinem Klaviergetöse
-anzufüllen. Er kam sich gewiß wie ein Ritter der Musik vor. Die adligen
-Räume, die er zufällig, mit seiner ganzen Ärmlichkeit, bewohnen mußte,
-schienen es ihm angetan zu haben. Die altitalienischen Wappen an den
-Decken, die griechischen Götter, die dort auf abendroten Wolken saßen,
-grell hingemalt in Perspektiven an den Deckenkalk, so daß der arme
-Briefträger kein ruhiges Dach über seinem Schädel hatte, der gemalte
-Regenbogen über seinem Kopf, auf dem die neun Musen samt Apollo saßen
-und ihre wohlgeformten nackten Beine über den alten Klavierkasten
-herunterhängen ließen, -- das alles schien den Mann in Ekstasen zu
-versetzen, die ihn fähig machten, stundenlang bei Trillern und Läufen
-am Tastenwerk auszuhalten. Dazwischen stieß er gegen seine Kinder
-Flüche und Drohungen aus, die von Blut und Mordgedanken trieften.
-
-Ich hörte täglich den Musiklärm und seine fluchende Stimme nah
-wie durch eine Papierwand. Im Treppenhaus war eine verriegelte
-Verbindungstür zwischen den zwei Haushälften. Diese stand einmal
-zufällig offen, und ich hatte einen Augenblick im Vorübergehen den
-schrecklich bunten Apollosaal für einige Sekunden bewundern können.
-
-Die Tochter des Musikgespenstes grüßte öfters mit einem leisen Lächeln
-im Gesicht zu mir herüber, wenn ich ans Fenster trat, indessen ihr
-Vater drinnen fluchte oder musizierte. Dieser Gruß war, als wollte sie
-um Vergebung bitten für den unaufhörlichen Lärm, an dem sie sich doch
-schuldlos fühlte.
-
-Ich hatte mir den Spaß gemacht und manchmal den Kindern drüben in
-Stanniol gewickelte Schokoladestückchen zugeworfen. Nun kannten sie
-mich alle und sahen erwartungsvoll nach mir, wie kleine Vögel, die man
-vom Fenster aus füttert.
-
-Am letzten Nachmittag war ich der ältesten Tochter begegnet, am
-Seeufer, das hart vor dem Garten lag. Sie stand bei den Weibern,
-die dort am Wasser knieten und wuschen, und sie hatte einige ihrer
-Geschwister um sich und nähte wie immer, -- sie nähte auch, während
-sie spazieren ging. Aber mit den Weibern am Ufer Wäsche waschen, das
-durfte sie nicht. Das wäre zu erniedrigend gewesen für die Tochter des
-wichtigen Staatsbeamten, für den sich der Briefträger hielt.
-
-Bei dieser Begegnung war mir der Gedanke gekommen, das schöne Geschöpf
-zu fragen, ob sie nicht in der Mondnacht mit mir eine kleine Kahnfahrt
-auf dem See machen wollte. Aber der Wind rauschte in den großen
-Silberpappeln am Ufer, und ich hätte laut schreien müssen, um diese
-Frage zu stellen, und die waschenden Weiber hätten dann ihre Köpfe
-gewendet und große Augen gemacht. Darum unterdrückte ich den Wunsch,
-der auch nicht heftig genug war, um sich gegen alle Widerstände
-durchzusetzen.
-
-Aber heute abend, wenn Ulrike auf das Scheinwerferboot gehen würde, vom
-Zolloffizier eingeladen und vom singenden Studenten und dem die Gitarre
-spielenden Drogisten begleitet, dann wollte ich, dem Briefträger zum
-Trotz, das schöne Mädchen zu einer Nacht- und Nebelfahrt auffordern.
-
-Während ich noch dieses träumte, erschien unten im Garten Ulrikes
-roter Kopf und stand gegen den blauen See wie eine große dunkelrote
-Geranienblüte. Sie beschattete mit den immer lebendigen Fingern ihre
-Augen, sah zu mir herauf und rief mir zu, sie sei fertig angekleidet,
-um mit mir in jenen Weingarten der Italiener zu gehen, wo die Leimruten
-für den Vogelfang aufgestellt wären.
-
-Jetzt im Morgen schien mir Ulrike nicht mehr wie der Brennpunkt alles
-Lebenden zu sein. Wohl stand sie rotleuchtend im Garten, aber ihr
-helles Gesicht und ihre Hände blitzten kühl und blank wie die Seewellen
-draußen. Und es fiel mir auf, daß ihre Schönheit, beim starken
-Tageslicht besehen, beim frischen Morgenwellenschlag des Sees, unterm
-unendlichen silberblauen Morgenhimmel, bei dem die mächtigen Berge
-wie alte tausendjährige Propheten saßen, eigentlich nicht mehr Kraft
-ausstrahlte als die silberne Flaumfeder einer Seemöwe, die zwischen ihr
-und mir jetzt eben in der Gartenluft vorüberschwebte.
-
-Freilich, gestern in der Rembrandtbeleuchtung des nächtlichen Gartens,
-wo die Welt rundum schwarz ausgelöscht war, lebte ihr weißes Fleisch
-magnetisch im Kreis der Männer. Und heute Abend, das wußte ich, würde
-es wieder mit gleicher Kraft seine Anziehung ausstrahlen. Der Tag aber
-wollte Gegenwart, lebende Wirklichkeit. Die Nacht nur ist wie von
-Vergangenheit ausgefüllt, und alle Dinge wachsen dann in Jahrtausende
-zurück, machen eine Rückentwickelung durch, vergrößern sich im Finstern
-und nehmen Gestalten der Urzeit an, Gestalten vorsündflutlicher,
-ausgestorbener Geschlechter. Es ist, als würden dann in der Finsternis
-jene Formen wieder lebendig, von denen wir Menschen nur Ahnungen aus
-den Gesteinschichten bekommen, wenn wir die Abdrücke versunkener
-Riesengeschlechter, gigantischer Farren und gigantischer Amphibien
-finden, -- Gestalten, von denen wir kaum feststellen können, ob sie
-dem Luft-, dem Erd- oder dem Wasserreich angehörten.
-
-Von solch ungewissen, grauenhaften Ungeheuern schien mir der Garten
-gestern Abend angefüllt gewesen zu sein. Jeder war da im Dunkeln
-über sich hinausgewachsen, die Menschen, die Zwerge, die Musik, die
-Lampe, der Mispelbaum, die Katzen und die vom Scheinwerfer ruckweise
-belichtete Seelandschaft.
-
-Harmlos war das alles jetzt am Morgen, und der Morgen selbst unschuldig
-wie ein Ei, das eine Henne ins Stroh fallen ließ, unschuldig wie die
-Milch der Kühe, unschuldig klar wie frisches Wasser in einem Glas, und
-ich atmete jetzt auf und verbannte im hellen Morgen die Schrecken, die
-ich gestern Nacht gefürchtet, leicht von mir, wie man den Rauch einer
-Zigarette rasch von sich bläst.
-
-Ulrike und ich hatten nicht weit zu gehen, keine fünf Minuten vom
-Gasthaus durch die höckerige Straße, die dort anstieg und sich hinaus
-in den Olivenhain verlor. Dort hinter den Mauern, die am Ende der
-Häuser noch eine Weile den Weg einengten, lagen alte Weingärten.
-Hier und da war eine Pforte oder eine Nische mit einem verstaubten
-Madonnenbild in den Mauern; und an den Mauerflächen huschten graublaue
-winzige Eidechsen hin. Verschlungene Feigenbäume streckten ihre
-Fünffingerblätter aus und ließen schwarzblaue Früchte reifen. Niemand
-begegnete uns als spielende Kinder und ein paar meckernde Ziegen, und
-weißer wirbelnder Staub flog am Wege hinter uns her.
-
-Auch hier waren am Morgen keine Gespenster mehr am Wege, und als uns
-einer der orangutangähnlichen Zwerge einholte, der für uns den Klöppel
-am Gartentor anschlug, in das wir eintreten sollten, da sah auch der
-arme verwachsene Kerl dürftig und unschädlich aus wie ein humpelnder
-Hase, schreckhaft und ängstlich.
-
-Ulrike stellte sich etwas wunderbar Lustiges unter dem Vogelfang vor.
-Sie dachte, man fängt die Vögel mit der Hand wie Schmetterlinge von
-den Blumen. Und sie dachte, es müßte ein so hübsches Geschäft sein wie
-Gärtnerei oder Mandolinenspiel.
-
-Drinnen aber im Weingarten stockte uns beiden der Atem. Mit etwas
-bleichen, übernächtigen Gesichtern fanden wir dort den Studenten und
-den Drogisten bei ihrer Henkerarbeit.
-
-Am Ende des Gartens, der zum See abfiel, lag eine Wiese, und dort
-in einem Mauerwinkel, auf einer breiten Böschung, saß der Student,
-nur mit Hose und Hemd bekleidet wie ein Cowboy. Die Andacht und
-der Schmelz, mit dem er gestern Abend gesungen, waren aus seinem
-Gesicht wie fortgeblasen. Er war nur voll Eifer beim mörderischen
-Vogelfang, durchdrungen vom Ernst eines Sachkenners. Man durfte nicht
-laut sprechen, man durfte nicht laut auftreten. Man mußte wie bei
-Wegelagerern im Hinterhalt lauern.
-
-Zwischen den nächsten Büschen waren lange, dünne Ruten gesteckt. Die
-waren mit klebrigem Leim bestrichen, der nicht trocknete.
-
-In seinem Mauerwinkel lugte der Student durch eine Art Schießscharte
-nach seinen Ruten und pfiff ab und zu auf einer kleinen silbernen
-Vogelpfeife. Die gab einen leisen zwitschernden Laut. Der Lockruf wurde
-manchesmal von einem Baum oder aus den Büschen beantwortet.
-
-An einigen Rutenspitzen waren auch ein paar winzige Vögelchen
-angebunden. Die flatterten und versuchten vergeblich, sich loszumachen.
-Die in der Luft vorüberziehenden Vögel glaubten, von jenen käme das
-Gezwitscher, und ab und zu kam ein Vöglein vom nächsten Baum oder aus
-der Luft herbei und setzte sich auf eine der Leimruten, um zu erfragen,
-warum die Flatternden nicht fortfliegen wollten, und warum sie riefen.
-
-Bald aber mußte der Neugierige dann seine Freiheit lassen. Sein
-Brustflaum klebte an der Rute fest, ebenso seine feinen Krallen.
-Allmählich hafteten auch seine Flügel, mit denen er um sich schlug, an
-dem Klebstoff der Rute. Und wie eine Fliege im Sirup, so quälte sich
-der kleine Vogel vergebens loszukommen. Andere flogen dann auf das
-jammernde Gepieps der Kameraden herbei. Auch sie blieben haften. Und
-die Ruten schaukelten unter dem Gezappel der jämmerlich verstörten und
-zu Tode geängstigten Tierchen heftig in der Luft hin und her. Und immer
-neue kamen neugierig und hilfsbereit und umflatterten mitleidig die
-piepsenden Gefangenen, die sich trotz aller Anstrengung nicht von den
-Leimruten befreien konnten.
-
-Das gestern so andächtige Auge des schmächtigen Studenten glitzerte
-jetzt wie ein Wieselauge, und auch sein Rücken bewegte sich unruhig und
-lauernd, wenn er durch die Mauerscharte spähte. Ab und zu flüsterte er
-uns die sich steigernde Zahl der an den Leimruten zappelnden Opfer zu.
-
-»Vier, sieben, zehn, hui, -- vierzehn!« stieß er begierig hervor.
-Dann sprang er plötzlich aus seinem Versteck, war mit drei, vier
-Sätzen bei den Ruten, griff mit langen Armen und großen Händen in
-die Luft über die Büsche und pflückte die Vögel von den Ruten ab. Er
-stopfte die Vögel in seine Tasche, wo sie, vom Leim besudelt, alle
-aneinanderklebten und bald nur noch ermattet zuckten. Dann stellte der
-junge Mann schleunigst mit frischem Leim angestrichene Ruten in die
-Büsche. Es geschah geschäftig und blitzartig, als wäre jede Minute
-seiner Handlung kostbar für die Weltgeschichte.
-
-Nachdem er wieder zu uns in das Versteck zurückgekehrt war, holte
-er Stück um Stück der Vögel aus seiner Tasche und zerdrückte jedem
-zappelnden Tierchen zwischen seinem Daumen und dem Zeigefinger das
-Köpfchen. Dann warf er den blutenden Vogelbalg zu dem Beutehaufen
-ins Gras, wo bereits dreißig bis fünfzig Stück, die er in diesen
-Morgenstunden gefangen, als tote Klumpen beieinander lagen.
-
-Ulrike wurde blaß und wendete sich ab. Aber der Student grinste und
-sagte achselzuckend: »Das ist Jagd.« Aber es war mir, wie er grinste,
-als wäre sein Gesicht schwarz wie das eines menschenfressenden Negers
-geworden. Schwarz vor Schuld, Scham und Verlegenheit, -- so sah ich ihn
-für einen Augenblick vor meinem inneren Auge.
-
-Über unseren Köpfen waren hier bei der Mauer Stangen auf
-Backsteinpfeiler gelegt. Sie trugen ein Rebengewirr, durch dessen Laub
-die Sonne grün leuchtete. Und große Trauben, goldgelbe und dunkelblaue,
-hingen darin zum Greifen nah.
-
-Trotzdem der italienische Student die Verstimmung deutlich merkte, die
-sein grauenhafter Jagdsport in unseren deutschen Gemütern anrichtete,
-bewahrte er seine südlich lässige Höflichkeit und lud uns ein, von
-den Trauben zu pflücken. Und der Zwerg, der dabei stand, kletterte
-behend an einem Pfeiler hoch und riß ein paar Trauben ab, die er uns
-hinreichte.
-
-Mir aber saß noch das Herz im Hals von der Vogelmetzelei, die ich hier
-gesehen hatte, hier im harmlosen blauen Morgen, den die Wiesenblumen
-und das Vogelgezirp schmücken sollten, und wo man unter den laubigen
-Traubengängen keine Verräter und Mörder der Morgenunschuld vermuten
-konnte.
-
-Ich mochte keine Traube anrühren, und auch Ulrike legte die ihr
-zugereichte Traube, ganz beklommen dankend, neben sich ins Gras.
-
-Sie sagte mir leise, sie wolle gehen. Der Student verstand es und
-sagte, er wolle uns noch in den Weingarten führen, wo sein Freund viele
-Netze aufgespannt hätte und die Vögel in einer anderen Weise einfinge
-als er.
-
-Im Garten droben nahm uns dann der Drogist in Empfang. Er führte uns
-durch die dichten Laubengänge, in denen hohe Rebenstöcke standen, die
-an Drähten ausgebreitet wuchsen und hohe Korridore bildeten. In diesen
-Gängen, an den Traubenwänden entlang, waren große haardünne Netze
-aufgespannt. In ihnen verfingen sich die kleinen Vögel im Durchfliegen.
-Sie zappelten hier in den Maschen wie die anderen vorhin an den
-Leimruten. Aber das Erschütterndste hier waren nicht die Netze, es war
-nicht die Fangart, sondern die Lockweise. Es waren da eine Reihe Käfige
-an der Wand. In denen hielt sich der Drogist geblendete Nachtigallen.
-Den Nachtigallen, die er gefangen hatte, hatte er die Augen
-ausgestochen, damit sie in ewiger Finsternis besser singen sollten.
-Die armen Tiere waren also doppelt gefangen, doppelt geängstigt, und
-ihre Klagen wurden doppelt schmelzend, doppelt sehnsüchtig.
-
-»Das haben Sie getan?« fragte Ulrike unbefangen, aber zugleich blieb
-sie wie erstarrt vor einer blinden Nachtigall stehen. Sie konnte es
-noch gar nicht begreifen, daß es schändliche Wirklichkeit war, was
-sie sah. Und der Drogist grinste. Aber er hatte eine seltsame Art,
-über die Köpfe der Menschen fortzusprechen. Was er nicht hören wollte,
-übersprach er. Nur sein Blut, das ihm leicht zu Kopf stieg, zeigte, daß
-er gehört hatte.
-
-Auch mir grauste es jetzt vor diesem Garten, der da am See hinter
-hohen Mauern eingeschlossen wie eine große Mördergrube lag. Von außen
-hätte man der harmlosen Mauer nicht ansehen können, daß dahinter die
-freiesten Geschöpfe der Erde, die kleinen, dem Menschenherzen so
-wohlgefälligen Nachtigallen und andere Singvögel, lebenslängliche
-Folterqualen und Tausende von ihnen einen gräßlichen Tod erleiden
-mußten.
-
-Also dieses war das Grauen, dachte ich, als ich mit Ulrike den Garten
-verlassen hatte, das ich durch die Mauern gefühlt habe, als ich am
-ersten Abend durch den kleinen, brütend schwülen Ort hinaus zu den
-grimassenschneidenden Olivenhainen am Bergabhang gewandert war.
-
-»Ich will keine Musik mehr von diesen beiden hören und kein Lied«,
-sagte Ulrike ganz erschüttert. »Pfui! Wenn ich das gestern abend gewußt
-hätte, daß die beiden solche Scheusale sind!«
-
-»Sie werden aber heute abend doch mit den jungen Leuten auf das
-Scheinwerferboot gehen und über den See kreuzen, wozu Sie gestern abend
-der Offizier eingeladen hat.«
-
-»Nein, nein,« rief sie heftig. »Ich habe den beiden eben gesagt,
-sie sollten lieber elende Schmuggler werden. Denn besser als die
-Vogeltöterei ist dann doch das Schmuggeln. Sie haben natürlich
-verstanden, daß ich sie nicht mehr sehen will, und wurden beide blaß
-und rot.«
-
-Im Gasthaus mußte ich ein kräftiges Glas Wein trinken, um die Übelkeit
-herunterzuspülen und das Grauen, das mich befiel, wenn ich an die
-Vogelfänger zurückdachte.
-
-Ulrike, in ihrer lebhaften Art, sagte, sie hätte am liebsten beiden die
-Augen eigenhändig ausgestochen und die Frevler lebenslänglich mit den
-Leimruten gepeitscht.
-
-Der Tag wurde dann sehr heiß. Die Russin, Ulrike und ich saßen im
-Garten umher oder im kühlen Speisesaal, lesend oder schreibend. Nach
-dem Mittagessen war die Glut aufs höchste gestiegen, und der See
-draußen leuchtete mit seinen Lichtflammen brennend in die Zimmer
-herein. Nirgends war Schutz vor der Hitze.
-
-Die Damen hatten sich zum Schlafen zurückgezogen. Ich lag in einer
-Hängematte unter dem Mispelbaum, und mir schwand bald das Bewußtsein,
-aber Schlaf war es nicht, denn ich wachte und erlebte Seltsames dabei.
-
-Die Hitze betäubte meinen Verstand, aber meine Augen und Ohren wurden
-unendlich wach und hatten ein Gesicht, das kein Traum war.
-
-Ich schaute durch den Laubengang hindurch hinaus auf die
-lichtüberrieselte Seefläche, und dort sah ich ein Tier aufsteigen. Das
-hatte den Kopf einer Eidechse, den Hals einer Giraffe, den Bauch einer
-watschelnden Ente und den langen Schweif eines Krokodils.
-
-Mitten im See hob es sich, grüngrau, wie aus tausendjährigem Schlamm
-geboren. Seine Haut hatte menschenkopfgroße Warzen.
-
-Das Tier nickte mit seinem langen Hals wie ein Vogel Strauß. Das
-glitzernde Wasser rieselte in Bächlein an ihm nieder, und Büschel von
-großen Seepflanzen wuchsen dem Tier auf dem Rücken. Es sah aus, als
-habe es jahrhundertelang in der Seetiefe geschlafen und richtete sich
-jetzt auf, um Umschau zu halten, ehe es weiterschlief.
-
-Ich erinnerte mich, ich hatte dieses Tier in einer lebensgroßen
-Nachahmung aus Stein im Zoologischen Garten in Berlin, an der
-Freitreppe zum Aquariumhaus gesehen, und wußte auch, daß auf einer
-Tafel darunter »Iguanodon« stand, und »seit zwanzig Millionen Jahren
-auf der Erde ausgestorben«. Es war eines jener vorsündflutlichen Tiere,
-an die ich gestern abend gedacht hatte, als Ulrike den Garten verhexte
-mit ihrer über alle menschlichen Begriffe starken Anziehungskraft, die
-die Zwerge, die Katzen und alle Männer entzündete. Vor meinem inneren
-Blick war Ulrike da in ein Fabelwesen verwandelt worden, für das man
-keine gewohnten Maßstäbe findet. Und nun sah ich am hellen, heißen
-Nachmittag ein Iguanodon seinen zwanzig Millionen Jahre langen Schlaf
-unterbrechen und mitten im See aufsteigen und Rundschau nach den Ufern
-halten, als wollte sich die langhalsige Gestalt mit einem ebenbürtigen
-Feinde messen, der es heraufgerufen und zum Zweikampf herausgefordert
-hätte.
-
-Und seltsam, -- ich erkannte plötzlich die Berge, die sonst Erde und
-Stein waren, auf dem anderen Seeufer und über meinen Häuptern und
-hinter den Hausdächern des am Berg hinaufkletternden Ortes nicht
-mehr. Diese einzelnen Berge schienen die Stümpfe von Urweltbäumen zu
-sein, deren jeder ein paar Meilen im Durchmesser maß. Und gegen diese
-riesigen Baumstümpfe wirkte das haushohe Iguanodon wie eine winzige
-Ameise. Die vorsündflutliche Welt, in der der Mensch weniger als ein
-Infusionstierchen in einem Tropfen Wasser war, erschreckte mich nicht;
-sie stand schrecklich schön im Sonnenschein vor mir. Und auch als das
-Iguanodon eine pfeilartige weiße Zunge, wie eine lange dünne Röhre,
-ausstreckte, die es langsam anwachsen ließ, erschrak ich noch nicht.
-Erst als die Zunge wie ein dünner Sauger die Ufer, die Berge und
-endlich die einzelnen Häuserflächen, die nach dem Wasser sahen, von der
-Mitte des Sees aus abtastete, da packte mich ein panischer Schrecken.
-Denn der weiße Strahl der Zunge zog sich, wenn er ein Haus berührt
-hatte, wie ein langer Schneckenfühler wieder zu dem Tier zurück.
-
-Mit einem Male hörte ich Geschrei, ein Angstgezirp, ähnlich dem, das
-die zappelnden Vögel an den Leimruten im Morgen gezirpt hatten. Ich sah
-mit Entsetzen, daß die Zunge des vorsündflutlichen Tieres jedesmal,
-wenn sie ein Haus berührte, ein Fenster oder einen Laden eindrückte und
-sich einen Menschen aus den Zimmern holte, und der Geraubte verschwand
-angeklebt mit der eingezogenen Zunge im Schnabelrachen des Tieres.
-
-Das Iguanodon, das ich hier sah, war wohl zwanzigmal größer als die
-Abbildung, die ich einmal in Stein, von einem Bildhauer gearbeitet, in
-Berlin gesehen hatte. Den Menschen, den die Riesenbestie verschluckte,
-sah man im langen dünnen Tierhals nicht hinabgleiten, denn der
-Hautbehang des Halses schien fest und dick zu sein wie Panzerplatten.
-
-Mein Grauen wuchs. Jetzt stürzten unter der Gartentür vom See her
-in den Garten herein die Weiber, die am Ufer gewaschen hatten, und
-viel Volk ihnen nach, das vor der Zunge des Tieres flüchtete. Ich
-fühlte aber, daß ich mich mit den Fußspitzen und meinen Armen in dem
-Maschennetz der Hängematte verwickelt hatte, so daß ich mich nicht
-zur Flucht aufrichten konnte. Nur meinen Kopf konnte ich hin und her
-bewegen.
-
-Ich sah, wie auf den Lärm im Garten der Wirt, die russische Generalin,
-das heute morgen angekommene Ehepaar und die zwei Fischerknaben,
-letztere mit den Chenilleaffen und der Drehorgel bepackt, aus dem Hause
-kamen und nach der Kellertür strömten, die der Wirt öffnete, und wohin
-alles, was im Garten war, dem Wirt nachdrängte, der dann, als alle in
-den Keller geflohen waren, behutsam die Kellertür von innen schloß. Ich
-hörte, wie der Wirt zuriegelte, und wie die Leute drinnen erst alle
-durcheinanderschwatzten, und wie es dann atemlos still wurde und sie
-alle zu horchen schienen. Jetzt war die Zunge des Tieres, glänzend weiß
-wie der Lichtstrahl eines Scheinwerfers und pfeifend über die Krone des
-Baumes, unter dem ich in der Hängematte gefesselt lag, auf das Gasthaus
-zugeschossen und hatte die Glastür im Speisesaal eingedrückt, deren
-Scherben laut klingend auf den steingepflasterten Fußboden fielen.
-
-Alle Leute im Keller waren in Sicherheit. Auch die Tochter des
-Briefträgers war vorhin mit den Menschen dort hinuntergeflüchtet, und
-ich staunte nachträglich noch, wie furchtlos sie eigentlich gewesen
-war. Das junge Ding schien nur vom Strom der Flüchtlinge mitgerissen
-worden zu sein. Denn sie nähte, während sie in den Keller stieg, ruhig
-an ihrer Arbeit weiter.
-
-Nur Ulrike hatte ich nicht aus dem Haus fliehen sehen. Aber ich wußte
-doch, daß sie in ihrem Zimmer oben war und Siesta hielt. Plötzlich zog
-sich die Tierzunge, die dünne, tastende und saugende Zungenspitze des
-Iguanodons, vom Hause zurück und schnellte wie eine zurückgeworfene
-Leimrute hoch in die Luft, gleichsam, als sei das vorsündflutliche Tier
-draußen im See tief erschreckt worden.
-
-Mich schüttelten Frost und Kälte. Wie leicht konnte die Zunge jetzt
-pfeilschnell durch das Geäst des Baumes wieder zurückschießen und mich
-aus der Hängematte ziehen!
-
-Da aber hörte ich, daß sich ein Fenster im Zimmer Ulrikes öffnete,
-und ich wollte dem schönen Mädchen zurufen, sie solle fliehen und
-sich verbergen, als ich sah, wie ein eben solcher Tierkopf, nur viel
-kleiner als der des Ungeheuers auf dem See draußen, sich aus dem
-Fenster reckte. Sein Hals wuchs und stand wie eine lange ungeheure
-Fahnenstange aus der Fensteröffnung. Seine Zunge schoß aus dem Rachen
-und züngelte lebhaft. Aber statt der Warzen hatte dieses neue Tier
-rote lockige Haarbüschel an seinem Giraffenhals, Haare, so rot wie
-Ulrikes Haar. Zugleich aber sah ich, daß die Zunge, die dieses Tier
-ausstreckte, keine lange Saugröhre war, sondern daß elektrische
-Flammen, elektrische Strahlenbündel, die viel schneller und viel
-gewaltiger waren als die Zunge des anderen Tieres, weit auf den See
-hinaussprühten und furchtbare Schläge ins Wasser austeilten. Und wo
-dieses Tieres Elektrizität hinschlug, schien der See bis in die Tiefe
-zu kochen.
-
-Das Iguanodon draußen in der Seemitte hatte seine Zunge eingezogen,
-legte seinen Hals flach wie einen schwimmenden Baumstamm aufs
-Wasser, und es schien mir, als überlege es, ob es den Kampf mit der
-Nebenbuhlerin am Ufer aufnehmen, oder ob es wieder versinken sollte in
-sein jahrtausendealtes Wassergrab.
-
-Plötzlich aber dröhnte die Erde. Der Baum, an dem meine Hängematte
-hing, zitterte und schüttelte sich, als wenn ihn ein Schauder
-durchführe. Zwischen den hohen vorweltlichen Baumstümpfen, die die
-Höhe des Monte Alto hatten, flog eine Herde blutfarbener Drachen auf.
-Die hatten mächtige Fledermausflügel aus roten Häuten. Der Himmel
-verfinsterte sich blutrot. Und die Drachen zeigten gelbe Bäuche und
-grünliche Brüste, hinter denen ich einen dunkelblauen Herzwulst pochen
-sah.
-
-Im See aber tauchte lautlos das Iguanodon unter. Auch das Tier im Hause
-hörte auf, Blitze zu werfen, und zog seinen langen Hals in das Fenster
-zurück und verschwand. Die roten Drachen aber füllten die ganze Luft
-und wurden zu Millionen Drachen.
-
-Ich sah eine Weile noch den Sonnenschein, der die vielen ausgespannten
-Drachenflügel rot durchleuchtete. Und von dieser Röte wurde auch der
-Baumstamm, unter dem ich lag, rot beschienen und ebenso Äste und
-Blätter. Der rote Stamm sah wie die blutige Gurgelröhre aus, die man
-einem mächtigen Tier ausgenommen hat. Und der Baum begann zu sprechen,
-und seine Äste begannen sich im Wind zu ballen wie Fäuste, und sie
-wuchsen und schlugen an die verschlossene Kellertüre, dahinter sich die
-Menschen des Hauses geflüchtet hatten. Und der Baum schrie zuletzt
-auf, und ich verstand jedes Wort, und mich schauderte, als er mich in
-der Hängematte hin und her schleuderte. Des Baumes Stimme aber rief:
-
-»So lange ihr Menschengezücht euch höher dünkt und gewaltiger als das
-Höhenreich und das Unterreich, so lange sollt ihr keinen Frieden haben,
-da ihr keinen Frieden geben wollt. Ihr sollt nicht sicher sein in euren
-Häusern, nicht sicher in euren Betten, nicht sicher unter uns Bäumen.
-Wir werden immer wieder zu euch hereinbrechen, wir aus dem Unterreich
-und aus dem Höhenreich, deren Leben ihr erloschen glaubt. Und ihr
-werdet kämpfen müssen, so lange ihr Kampf wollt. Die roten Drachen, sie
-werden über euch geschickt, sie werden euch immer wieder besiegen, auch
-wenn eure Kämpfer elektrisches Feuer speien. Die roten Drachen, die aus
-dem Urblut aufstiegen, aus dem auch ihr gezeugt wurdet, sie sind es,
-die euch züchtigen sollen.«
-
-Nachdem der Baum also dröhnend gesprochen hatte, wurde es still. Die
-rote Dunkelheit, die die Landschaft und alles um mich entrückt hatte,
-wich allmählich, und es wurde hell wie vorher. Der erhitzte Garten im
-Nachmittagslicht, voll blühender roter Nelken und roter Geranien,
-lag am See, trocken und scharf beleuchtet. Niemand sprach. Nichts
-Ungewöhnliches war zu sehen. Im Hause schien noch alles zu schlafen.
-Gerade vor mir an der Gartenmauer reckten sich einige blaugrüne,
-tierähnliche Kakteenstauden. Auf den fleischigen, gepanzerten Pflanzen
-sonnten sich grünschillernde Fliegen, und neben ihnen züngelte eine
-kleine Eidechse.
-
-Meine Füße waren ein wenig in der Hängematte verwickelt. Ich konnte
-aber doch leicht aufstehen, ging zum Tisch und setzte mich in einen
-Strohsessel im Schatten des Hauses und dachte über das sonderbare
-vorsündflutliche Gesicht nach, das ich zwischen Wachen und Träumen eben
-erlebt hatte.
-
-Später kamen die Damen zur Kaffeestunde aus ihren Zimmern in den
-Garten, und wie wir da zusammen unter dem Mispelbaum saßen, wollte ich
-ihnen mein Traumgesicht beschreiben. Aber als ich den Mund zum Sprechen
-öffnen wollte, tauchten mir ganz andere Bilder auf. Ein innerer Wille
-zwang mich, ganz andere Worte zu sprechen als die, die ich hätte sagen
-wollen. Es war von jenem Gesicht her eine unerklärliche Angst in mir
-geblieben, die mir ergab, daß ich neuen Schrecken, der sich hier
-entwickeln konnte, dadurch im voraus Einhalt tun könnte, daß ich die
-Zukunft den Damen so schilderte, als wäre sie bereits Ereignis gewesen.
-
-Und ich erzählte:
-
-»Vorhin war es Nacht hier im Garten und draußen auf dem See. Die Lampe
-unterm Mispelbaum brannte, und auf Ihrem Stuhl hier saßen Sie, gnädige
-Frau« -- und ich verneigte mich leicht gegen die russische Dame.
-»Zu Ihren Füßen lagerten alle Katzen des Hauses, graue und schwarze
-nebeneinander, scheinbar schlafend, aber eigentlich mit Ihnen in die
-Dunkelheit horchend. Um den Tisch herum saßen alle Zwerge des Ortes.
-Der eine Zwerg hatte eine Kappe voll Birnen vor sich liegen, der andere
-Zwerg seine Kappe voll Trauben, der dritte seine Kappe voll getöteter
-Singvögel. Die anderen Zwerge, die neben Ihnen saßen, hatten leere
-Kappen, aber sie warteten, so schien es mir, jeder einen unbewachten
-Augenblick ab, um aus den drei gefüllten Kappen etwas zu stehlen.
-Aber die drei Zwerge mit den gefüllten Kappen horchten mit Ihnen
-und den Katzen gegen den See hin, wo eben nach dem Abendläuten das
-Scheinwerferboot tutete, das dann das kleine Hafenbassin von Limone
-verließ und seine Nachtwache an dem Ufer entlang antrat.«
-
-Die um den Tisch Sitzenden mußten angestrengt horchen, da tief im
-Hause, in einem der letzten Zimmer, der Drehorgelkasten gespielt wurde.
-Der am Morgen angekommene alte Herr spielte das kreischende Instrument,
-während seine Frau mit den beiden Fischerbuben schlurchend über den
-Steinboden tanzte.
-
-»Ich selbst befand mich auf dem See in einem Nachen und ruderte. Am
-Ende des Bootes saß die schöne Tochter des Briefträgers. Sie hatte den
-neuen Vollmond vor sich auf dem Schoß liegen wie ein Stück Weißzeug.
-Der Mond war entzweigerissen, und sie nähte mit einer großen goldenen
-Nadel seine Risse zusammen.
-
-Alles Unnatürliche in meinem Traum war so selbstverständlich, wie wir
-jetzt hiersitzen und Kaffee trinken. Ich konnte überall zu gleicher
-Zeit sein, im Garten, im Haus, im Kahn und auf dem Scheinwerferboot«,
-erzählte ich weiter.
-
-»Auf dem Zollboot, das wie ein langer schmaler Walfisch aus Eisen,
-nur wenig erhöht, über die Wasserfläche hinschoß, sah ich, umgeben
-von Zolloffizieren und Matrosen, Ulrike stehen. Es unterhielt sie
-besonders, einem Manne zuzusehen, der den Scheinwerfer handhabte.
-Vom Boot war über dem Wasser nichts zu sehen als nur ein kleiner
-Schornstein, der Lichtapparat des Scheinwerfers und ein dünnes
-Eisengeländer, das um das längliche Verdeck lief. In der Form einer
-Zigarre, und einem Wasserkäfer ähnlich, eilte das Boot auf der
-Seefläche hin und kreuzte pfeilartig von Ufer zu Ufer. Die Offiziere
-rauchten Zigaretten und freuten sich über Ulrike und über ihr
-rotleuchtendes Haar, das in der Nacht noch stark mit seiner Feuerfarbe
-lockte.
-
-Plötzlich kam Bewegung unter die Matrosen. Ein Offizier neben dem
-Scheinwerfermann gab leise Befehle, und alle andern Offiziere drängten
-sich zu ihm heran, und jeder sah durch ein neben dem Scheinwerfer
-angebrachtes Fernrohr eifrig und lebhaft erregt hinauf ans Ufer.
-
-Man hatte Schmuggler entdeckt. Ich aber wußte, da ich auch zugleich
-oben auf dem Berg sein konnte, daß die vom Fernrohr entdeckten
-Gestalten im weißen Lichtstrahl des Scheinwerfers dort oben
-keine Schmuggler waren, sondern der Student und der Drogist, die
-der Aufforderung Ulrikes nachgekommen waren und die Schmuggler
-spielten, nur um die Abendfahrt für Ulrike auf dem Scheinwerferboot
-unterhaltender zu machen.
-
-Die Offiziere aber sagten Ulrike nicht, daß sie Schmuggler entdeckt
-hätten. Einer bot ihr den Arm und führte sie auf den Wink der andern
-in die Kajüte, wo er ihr einen Spiegel zeigte, in welchem man nicht
-sich, sondern sein vorsündflutliches Urbild sehen konnte. Ulrike lachte
-herzlich, als sie sich in dem Spiegelglas als eine Art Iguanodon
-erkannte.
-
-Im selben Augenblick hörte Ulrike ein Tuten, und es wurden Befehle
-durch ein Sprachrohr an die Bergwand hinauf zu den Schmugglern gerufen:
-›Stillgestanden! Oder wir geben Feuer!‹
-
-Ulrike wandte sich vom Spiegel ab und zeigte dem Offizier ihr schönes
-Mädchengesicht und sagte:
-
-›Ihr werdet doch nicht auf den Studenten und auf den Drogisten
-schießen, die nur zum Spaß die Schmuggler machen?‹
-
-Im selben Augenblick krachten aber fünf Schüsse knapp hintereinander
-aus einem Maschinengewehr, das am Kiel des Bootes angeschraubt war.
-Vom Berg hörte man ein Niederrasseln von Steinen. Nach ein paar
-Augenblicken rauschte das Seewasser vom Fall zweier Körper schäumend
-auf.
-
-›Ihr habt zwei Menschen getötet,‹ schrie Ulrike.
-
-Die Schüsse aber in der Nacht wurden zu hundert Echos in den Bergen.
-Und in den Häusern von Limone erhellten sich viele Fenster. Viele Leute
-kamen aufgestört mit Lichtern und Laternen an den Strand, und viele
-Frauen warfen sich am Wasser händeringend auf den Boden und riefen:
-›Man hat uns unsere Männer getötet!‹ Denn diese waren Schmuggler und
-befanden sich in dieser Nacht auf den Paßwegen mit Waren beladen, die
-sie im Finstern über die Grenze schleppen sollten.
-
-Zugleich rannte der Briefträger kreischend am Ufer entlang und schrie:
-›Meine Tochter ist verschwunden! Mit diesen meinen Händen werde ich den
-erwürgen, der sie entführt hat.‹
-
-In der allgemeinen Aufregung gellte noch die Stimme Annunziatas, des
-Dienstmädchens im Gasthause. Die rief einem alten Herrn, der sie
-schüttelte, ins Gesicht:
-
-›Jawohl, ich habe dem Mann die Frau vergiftet, weil sie immer mit
-meinem Geliebten tanzt und nicht genug an einem Mann und einem
-Geliebten hat, sondern einen Mann und zwei Geliebte haben will.‹
-
-Der Wirt des Gasthauses aber verwandelte sich in einen Esel, stand an
-einer Straßenecke auf vier gespreizten Beinen und wehklagte in die
-Nacht.
-
-Im Garten starrte die Generalin, die bei den Katzen und den Zwergen
-saß, wie entgeistert nach der Haustüre des Gasthofes, wo der alte Mann
-herauswankte, der den Drehorgelkasten gespielt hatte, und dessen Frau
-tot war. In ihm erkannte die Generalin plötzlich ihren vor Jahren
-ins Meer gestürzten Gemahl, dem damals im Schreck, als sein Sohn
-ertrank, das Erinnerungsvermögen geschwunden war, der sich aus dem
-Meer gerettet hatte, aber nicht mehr wußte, wer er war, und der damals
-nach Deutschland gereist war, eine künstliche Blumenfabrik gekauft und
-wieder geheiratet hatte.
-
-Jetzt stürzte dieser Mann wie die andern nach dem Strand, wo ein
-allgemeines Geschrei und Gerufe durch die Nacht hallte.
-
-Die Generalin erlitt vom Erkennungsschreck einen Schlaganfall. Sie sank
-einseitig gelähmt vom Stuhl. Die Katzen im Garten flohen alle in den
-offenen Keller, und auch die Zwerge erschraken und liefen hinter den
-Katzen in das Kellerversteck. Dort balgten sie sich um die Birnen, die
-Trauben und die toten Vögel.
-
-Birnen und Trauben schmatzend und tote Vögel zerkauend, kamen die
-Zwerge nach einer Weile aus dem Keller vorsichtig hervorgekrochen. Sie
-zupften die umgefallene Generalin am Ohr und an der Nase und schleiften
-sie, mutig geworden, weil sie sich nicht rührte, am Mantel und an den
-Schalzipfeln den Garten hinunter an den See, wo sie sie unter Gekicher
-von der Landungsbrücke ins Wasser stießen.
-
-Die Tochter des Briefträgers im Kahn hatte die Risse im Mond
-zusammengenäht und gab die Mondscheibe frei, die aus ihrem Schoß fort
-an den Himmel hinaufschwebte, wo sie im Zenit stehen blieb, und wo sie
-nun die Seelandschaft mit ihrem Licht wieder verklärend beleuchtete.
-Das Mädchen selbst aber sprang aus dem Boot, nachdem sie zu mir noch
-gesagt hatte: ›Mein Vater ruft mich. Er darf mich nicht bei Ihnen
-finden. Dann sind Sie des Todes.‹ Dann war sie leicht über das Wasser
-fortgelaufen, als wäre der See eine Glasplatte, und sie kam heil an das
-Ufer, wo sie ihrem Hause zueilte.
-
-Ich aber wollte nicht mehr nach Limone zurück. Ich hatte genug von
-dem abenteuerlichen Aufenthalt und wollte noch in der Nacht nach
-Torbole rudern. Da glitt das Scheinwerferschiff an mir vorbei, und mit
-dem verzweifelten Schrei: ›Nehmen Sie mich auf!‹ sprang Ulrike vom
-Boot herunter zu mir in den Kahn. Dann ruderte ich aus Leibeskräften
-und schloß die Augen und ruderte, nur von dem Gedanken der Flucht
-angetrieben.
-
-Ulrike aber hing mir an meinem Halse während ich ruderte, und die junge
-Dame flehte mich an, sie zu ihrem Bräutigam nach Freiburg zu rudern, da
-sie gewiß nie mehr einen anderen Mann ansehen wollte als ihn und kein
-Unglück mehr suchen wollte, sondern das Glück der Ehe, soweit das einem
-Iguanodon möglich sei.«
-
-Also hatte ich gefabelt.
-
-Ulrike, die längst ein Taschentuch vor den Mund gehalten und öfters
-während meiner Erzählung wiehernd aufgelacht hatte, stöhnte jetzt:
-
-»Uff, uff, Sie haben recht. Ich werde heute noch nach Freiburg
-abreisen, um nicht all das Unglück anzustiften, das Sie mit solcher
-Wollust auf den Kaffeetisch malen. Es ist nur so schade, daß ich
-allein reisen soll, und daß ich Sie beide in dem stimmungsvollen
-Weltwinkel hier zurücklassen soll, während ich vor meiner
-Iguanodonseele fliehen muß.«
-
-»Daß Sie mich aber auf so schreckliche Weise umbringen lassen! Ich
-soll im Wasser umkommen, nachdem ich meinen ertrunken geglaubten Mann
-wiedergesehen habe! Was habe ich Ihnen getan, daß Sie mir ein so
-fürchterliches Schicksal ausdenken?« rief die Generalin, ihr Unglück
-genießend, aus.
-
-»Sie haben nichts getan, als daß Sie sich immer in Ihrem Innersten
-dramatische Schicksale gewünscht haben. Sie dramatisieren mit Ihrer
-Sehnsucht zum Unglück Ihr eigenes Schicksal, da Sie Angst haben, daß es
-sich sonst friedlich wie ein Idyll entwickeln könnte,« antwortete ich
-ihr.
-
-»O, Sie haben eine sonderbare Art,« sagte die Russin, »einem
-Aufklärungen über sich selbst beizubringen. Sie nehmen einem Unglücke
-vorweg, die man das Recht hatte, zu erwarten,« fügte sie beinahe
-schmollend hinzu.
-
-»Ich habe nichts anderes hier erwartet,« rief Ulrike jetzt, gleichfalls
-schmollend. »Sie glauben, daß wir alle an Sonnenstichen leiden,
-und Sie legen uns eine Eiskompresse aufs Herz. Dafür bin ich Ihnen
-eigentlich doch dankbar. Sie leuchten wie ein Scheinwerfer in uns
-hinein und erzählen uns dann Märchen, die Sie in uns gesehen haben, wie
-ein Großpapa seinen Enkeln Gruseln macht. Und recht belehrende Märchen
-sind das, das muß ich sagen.«
-
-Die Russin ereiferte sich aber und meinte:
-
-»Jedenfalls ist die Gewitterstimmung hier zerstört. Ich bin dagegen,
-daß man die Menschen von ihren Handlungen, die sie tun müßten,
-durch solch haarsträubenden Anschauungsunterricht vom blinden
-Leidenschaftsweg abschreckt. Jetzt wird Ulrike sicherlich nicht heute
-Abend mit dem Offizier auf das Scheinwerferboot gehen wollen. Der
-Student und der Drogist sind durch Tod abgeschafft. Ich finde, der
-Erzähler solcher Märchen müßte jetzt wenigstens neue Menschen und neue
-Ereignisse herbeischaffen. Denn damit, daß eine erzählte Geschichte aus
-ist, ist doch nicht das Leben der Zuhörer aus. Wir leben weiter und
-wollen erleben.«
-
-»Hier kommt schon neues Leben,« rief Ulrike.
-
-Mit dem Wirt traten zum Gartentor zwei fremde Herren in den Garten
-herein. Sie trugen kleine Handtaschen, und der Wirt stellte uns die
-Herren im Vorübergehen als zwei italienische Ärzte vor, die für einige
-Wochen hier bleiben sollten, und die soeben erst mit dem Dampfschiff
-angekommen wären.
-
-Wir hörten nur noch, wie die Herren zum Wirt sagten, sie wollten nur
-rasch ihre Hände waschen, und dann die Wiese aufsuchen und den Platz
-bezeichnen, wo die Krankenzelte aufgeschlagen werden sollten.
-
-»Ja, ist denn eine Epidemie ausgebrochen?« rief die Generalin, mit
-ihrem einen Auge belustigt zwinkernd, und richtete sich aufgeräumt aus
-ihren Schals und Mänteln empor.
-
-Die Herren waren aber schon mit dem Wirt ins Haus getreten und hatten
-beim Geräusch der Schritte die Frage überhört.
-
-Wir sahen einander verwundert an. Ich erinnerte mich, in der Zeitung
-gelesen zu haben, daß in Venedig Cholerafälle vorgekommen seien. Aber
-ich verschwieg es, um die Damen nicht zu erschrecken.
-
-Jetzt kam Annunziata, das Dienstmädchen. Sie hatte am Gartentor dem
-Briefträger die Post abgenommen und brachte uns Zeitungen und Briefe.
-Dabei sagte sie geheimnisvoll:
-
-»Die Dame, die heute morgen angekommen ist, ist sehr krank. Der Wirt
-hat gesagt, die Krankheit könne Cholera sein.«
-
-»Da haben wir es, das Unglück,« rief die Russin begeistert aus. »Ich
-packe sofort meine Koffer.«
-
-Ulrike und ich lachten, und Ulrike sagte:
-
-»Jetzt bekomme ich es, wie ich es gewollt habe. Jetzt werden alle
-mit mir abreisen. Wie froh ich bin, daß sich doch etwas Allgemeines
-ereignet, und daß meine Abreise nicht allein das Tagesereignis sein
-muß.«
-
-Ich hatte inzwischen rasch die neue Zeitung aufgeschlagen und las,
-daß verschiedene Cholerafälle in Venedig und auch am Gardasee
-gemeldet waren. Ich schlug dann den Damen vor, zusammen noch einen
-letzten Abschiedsspaziergang nach den Wiesen zu machen, was die
-Damen auch gerne taten. Draußen vor dem Ort, in der Nähe eines alten
-Pestfriedhofes, der jetzt wie ein harmloser Rosengarten zwischen
-prächtig düsteren Zypressen lag, trafen wir die beiden Ärzte, die
-den Arbeitern zusahen, welche dort ein großes vitriolgrünes Zelt
-errichteten.
-
-Bei der Farbe des Zeltes mußte ich an das Haus des vorsündflutlichen
-Tieres denken, das sich in meinem Traum aus dem See gereckt hatte
-und mit seiner Zunge in die Häuser eingedrungen war, aus denen es die
-Menschen einzeln herausgezogen hatte, um sie zu verschlingen. Bald
-würden hier Tragbahren ankommen. Bald würden die Häuser des kleinen
-Ortes einzelne ihrer Bewohner als Opfer der Cholera in dieses Zelt dem
-unerbittlichen Choleragespenst hingeben müssen.
-
-Während wir noch dastanden, wurde schon auf einer verhüllten Bahre die
-erste Kranke aus dem Gasthaus, in dem wir wohnten, gebracht, die Dame,
-die mit ihrem Mann heute morgen aus Venedig angekommen war. Der Wirt
-mit seinem demütigen Eselsgesicht stand neben mir und stöhnte laut und
-hörbar, denn er wußte, jetzt würden seine Gäste fortziehen und alle
-Bewohner des Ortes sein Haus meiden. Und wer wußte es denn, ob nicht
-er und alle, die hier standen, bereits vom geheimnisvollen Choleratod
-gezeichnet waren?
-
-Es war aber gar nicht mehr so leicht, dem Ort des Schreckens zu
-entfliehen. Die Dampfschiffe weigerten sich, in Limone anzulegen, und
-das Schiff, das die Ärzte gebracht hatte, war das letzte gewesen, das
-die Landungsbrücke berühren wollte.
-
-In der Nacht, als der Mond, von einer dünnen Wolke in zwei Teile
-geteilt, über dem See und dem Monte Alto hing, stießen geheimnisvoll
-zwei Boote bei der Gartentüre des Gasthauses ab. In dem einen saß ich
-und ruderte Ulrike und unsere Koffer, da wir uns keinem Bootsmann
-vertrauen wollten. Im anderen Boot saßen die russische Generalin und
-der Mann der vor zwei Stunden gestorbenen Frau, der eine heillose
-Angst hatte und nicht einmal die Beerdigung seines toten Weibes hatte
-abwarten wollen. Dieses Boot ruderten die beiden Fischerknaben, da es
-schwer und mit den großen Koffern der Generalin beladen war.
-
-Während der ganzen Nacht ruderten die Boote lautlos Seite an Seite, und
-als wir die Bucht von Limone verlassen hatten, war in der Dunkelheit
-nichts mehr von diesem Ort bei uns als der säuerliche Duft der
-Zitronenfrüchte, der uns aus den Säulengärten in der milden Nacht über
-das Wasser noch nachkam, lockend und verführerisch, wie ein lebendes
-Wesen, das auf den Wellen wandern kann, ohne zu versinken.
-
-Aber der Scheinwerfer des Wachtbootes, der sonst die Nacht so unruhig
-machte, war in der Mondhelle, in welcher keiner zu schmuggeln wagte,
-auf der anderen Seite des Sees tätig, und er streifte drüben mit seinem
-weißen Strahl die vom Mondschatten verdunkelten Bergwände ab.
-
-Als wir einige Zeit gerudert hatten, riefen die Fischerknaben vom
-anderen Boot mir zu:
-
-»Jetzt sind wir über die Grenze gekommen. Jetzt sind wir auf
-österreichischem Seegebiet.«
-
-»Jetzt sind wir bald in Freiburg,« lachte Ulrike. Sie war im Geist
-längst nicht mehr auf dem See, sondern weit über den Alpen bei ihrem
-Bräutigam.
-
-Ich aber war froh, daß wir dem Abenteuerherd entrannen, den ich vom
-ersten Augenblick an, als ich im Sturmwind in das kleine Wasserbassin
-von Limone hineingefegt worden war, beim Betreten des Landes mit allen
-Sinnen gewittert hatte.
-
-Aber die Russin meinte, Abenteuerherde müsse es überall geben, denn
-sonst wäre das Leben eine Einöde. Und sie suchte begierig nach neuem
-Unglück.
-
-
-
-
-Notizen des Bearbeiters:
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-Das Verzeichnis "sämtlicher Bücher von Max Dauthendey", das auf der
-zweiten Seite angekündigt wird, befindet sich nicht in den zu
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN AUS DEN VIER WINDEN ***
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-
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-</head>
-
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Geschichten aus den vier Winden, by Max Dauthendey
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-this ebook.
-
-
-
-Title: Geschichten aus den vier Winden
-
-Author: Max Dauthendey
-
-Release Date: December 3, 2019 [EBook #60836]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN AUS DEN VIER WINDEN ***
-
-
-
-
-Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-
-<h1>Geschichten aus den vier<br />
-Winden</h1>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_2">[S. 2]</a></span></p>
-
-
-
-<p class="p3 center font12">Ein Verzeichnis</p>
-<p class="center font10">s&auml;mtlicher B&uuml;cher von</p>
-<p class="center font14">Max Dauthendey</p>
-<p class="center font10 pmb3">findet sich am Schlu&szlig;<br />
-dieses Buches</p>
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_3">[S. 3]</a></span></p>
-
-
-<p class="p2 center font15">Max Dauthendey</p>
-
-<p class="center font24 pmb3">Geschichten aus den<br />
-vier Winden</p>
-<p class="pmb3" />
-
-<p class="p3 center font09 pmb3">6. bis 8. Tausend</p>
-
-<p class="center font12 pmb3">Albert Langen Verlag, M&uuml;nchen<br />
-1921</p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_4">[S. 4]</a></span></p>
-
-
-<p class="p3 center font10 pmb1">
-Copyright 1915 by Albert Langen, Munich<br />
-Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der &Uuml;bersetzung.<br />
-(Siehe auch Art. III der &Uuml;bereinkunft zwischen<br />
-Deutschland und Ru&szlig;land zum Schutze von Werken<br />
-der Literatur und Kunst vom August 1913.)</p>
-
-<p class="center font11 pmb3"><em class="gesperrt">Albert Langen</em>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
-<em class="gesperrt">Max Dauthendey</em></p>
-<p class="pmb3" />
-
-<p class="center font08 pmb3">Druck von Hesse &amp; Becker in Leipzig<br />
-Einb&auml;nde von E. &Auml;. Enders in Leipzig</p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span></p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-
-<h2 class="no-break" id="Geschichten_aus_den_vier_Winden">Geschichten aus den vier Winden</h2>
-</div>
-
-
-<table border="0" cellspacing="3" cellpadding="0" class="tdl" summary="Contents">
- <tr>
- <td colspan="2" align="right"><span class="vsmall">Seite</span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td >Das Giftfl&auml;schchen</td>
- <td align="right"><a href="#Page_7">7</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td >Himalayafinsternis</td>
- <td align="right"><a href="#Page_41">41</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td >Hecksel und die Bergwerkfl&ouml;he</td>
- <td align="right"><a href="#Page_77">77</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td >Zwei Reiter am Meer</td>
- <td align="right"><a href="#Page_129">129</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td >Auf dem Weg zu den Eulenk&auml;figen</td>
- <td align="right"><a href="#Page_143">143</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td >N&auml;chtliche Schaufenster</td>
- <td align="right"><a href="#Page_173">173</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td >An eine Sechzehnj&auml;hrige</td>
- <td align="right"><a href="#Page_195">195</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td >Zur Stunde der Maus</td>
- <td align="right"><a href="#Page_209">209</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td >Die Kurzsichtige und der Komet</td>
- <td align="right"><a href="#Page_241">241</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td >Das Iguanodon</td>
- <td align="right"><a href="#Page_281">281</a></td>
- </tr>
-</table>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span></p>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_7"></a></span></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-
-<h2 class="no-break" id="Das_Giftflaschchen">Das Giftfl&auml;schchen</h2>
-</div>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<p class="p3">Berlin war ein Feuerbrand von Sonne.
-Die D&auml;cher der H&auml;user und die Fenster
-zitterten vor Junihitze, so wie die Hitzeluft
-&uuml;ber Steinw&uuml;sten zittert. Es war, als heizten
-die Scharen der Autos mit ihren Benzind&auml;mpfen
-die Stra&szlig;en, wie fliegende &Ouml;fen. Und die
-Sonne schien an diesem hei&szlig;en Junitag nicht
-von der Stelle zu wandern. &Uuml;berall war Sonne,
-&uuml;berall H&ouml;llenhitze.</p>
-
-<p>Vom Stettiner Bahnhof in Berlin fuhr abends
-der Zug voll von Skandinaviern nach Sa&szlig;nitz.
-Es war, als ob alle Menschen vor der deutschen
-Junihitze fl&uuml;chteten. Das vornehme palastartige
-F&auml;hrboot, das in vier Stunden in der
-Nacht von Sa&szlig;nitz &uuml;bers Meer nach Trelleborg
-f&auml;hrt, landete aber am Morgen in Schweden
-im flachen Schonen immer noch wie von der
-berliner Hitze begleitet.</p>
-
-<p>Der Drang, m&ouml;glichst rasch nach dem k&uuml;hleren
-Norden zu kommen, lie&szlig; uns nirgends
-Halt machen. Wir, die Frau, die ich liebe,
- <span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span>
-und ich, hatten uns vorgenommen, zuerst die
-Route an der Westk&uuml;ste von Trelleborg bis
-Str&ouml;mstad zu fahren und dann nach Lappland
-zu reisen. Wir reisten die zw&ouml;lf Stunden von
-Trelleborg bis zur n&ouml;rdlichen Grenze Schwedens
-an der Westk&uuml;ste ohne Aufenthalt, mit
-Ausnahme einer kurzen Mittagpause in Gothenburg,
-und wir waren am Abend um sieben Uhr
-am Ende unserer ersten Reiseroute in Str&ouml;mstad
-angekommen.</p>
-
-<p>Zweiundzwanzig Stunden trennten mich hier
-von Berlin, so sagte mir der Fahrplan. Aber
-meine Augen hatten mir unterwegs von Stunde
-zu Stunde gesagt: jede Stunde wird hier ein
-Jahrtausend, und in Str&ouml;mstad trennen dich
-zweiundzwanzig Jahrtausende von Berlin.</p>
-
-<p>Kaum stieg ich am Ende der Sackbahn in
-Str&ouml;mstad aus, so versank ich in diese Jahrtausende
-wie ein Meteor, das von einem fremden
-Stern auf die Erde gefallen ist. Und nicht
-nur zwei kleine Stufen stieg ich vom Trittbrett
-der Eisenbahn bis zum Perron der schwedischen
-Erde, sondern ich war wie zweiundzwanzig
-Tausend Meilen tief in eine fremde
-Erde &mdash; bei einem fremden Meer, bei einem
-fremden Himmel, bei einer fremden Sonne &mdash;
-eingedrungen, als ich in Str&ouml;mstad aus dem
- <span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span>
-Waggon gestiegen war. Und ich kam nicht
-mehr los und sa&szlig; dort bei Str&ouml;mstad auf einer
-Insel im Meer und lie&szlig; mir neue Ohren wachsen,
-und soviel Haare ich sonst auf dem Kopf
-hatte, so viele Augen schien ich jetzt im Kopf
-zu haben. Mein Herz, das sonst in Deutschland
-im Gewohnten und Althergebrachten eingekapselt
-sa&szlig;, flutete und l&ouml;ste sich und wurde
-wie das Herz Adams am Tag, da Gott ihm
-das Paradies zeigte und alle B&auml;ume.</p>
-
-<p>Die Insel, auf der ich sa&szlig;, und wo ich die
-Reisebillette meiner anderen beiden gro&szlig;en
-Reiserouten in Schweden verfallen lie&szlig;, hie&szlig;
-Koster. Es ist eine Insel im Kattegat, und sie
-wird dreimal in der Woche von einem Dampfschiff
-angelaufen, das den Weg in dreiviertel
-Stunden von Str&ouml;mstad zur&uuml;cklegt und die Post
-bringt. Das macht aber nichts, wenn auch
-die Post dreimal in der Woche dorthin kommt,
-diese Insel ist und bleibt doch f&uuml;r mich
-immer und ewig ein P&uuml;nktchen am Ende der
-Welt.</p>
-
-<p>Schon »am Ende der Welt« angekommen
-zu sein &mdash; nachdem man noch zweiundzwanzig
-Stunden vorher in Berlin die Automobile
-rasen sah &mdash;, das ist etwas Verbl&uuml;ffendes
-und Erstaunliches, und ich habe mir vorgenommen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span>
-ein ganzes dickes Buch &uuml;ber die
-Insel Koster zu schreiben. Aber mit dieser
-kleinen Erz&auml;hlung hier will ich euch nur den
-Mund w&auml;sserig machen auf dieses P&uuml;nktchen
-am Ende der Welt, auf diese Insel, dieses
-Kopfkissen aller Seligkeit. Ob das Buch, das
-ich einmal &uuml;ber diese Insel schreiben will
-»die K&ouml;nigst&ouml;chter von Koster« hei&szlig;en soll,
-oder »die Insel der heiligen K&uuml;he«, oder
-»wilde Rosen, Wachholder und Urgestein«,
-oder »die Insel am Ende der Welt«, das wei&szlig;
-ich heute noch nicht genau zu sagen. Die
-Titel verrate ich aber hier nur deshalb, weil
-sie andeuten, was dort alles zu finden ist
-f&uuml;r den, der sich ein Billett nimmt und in
-zweiundzwanzig Stunden von Berlin hinreist
-und zweiundzwanzig Jahrtausende in der Zeit
-zur&uuml;ck, in der Urzeit dort ankommt.</p>
-
-<p>Stellt euch meine Insel vor. Nachdem wir
-in S&uuml;dschweden, in Schonen, aus dem Eisenbahnfenster
-zuerst weite Kornfl&auml;chen gesehen
-hatten und gr&uuml;ne Waldz&uuml;ge, aus denen die
-herrlichsten Buchen und die st&auml;mmigsten Eichen
-nah am Meer die Luft mit Bl&auml;tter- und Rindenduft
-w&uuml;rzen und die reichen Geh&ouml;fte dort
-umwehen, verl&auml;&szlig;t uns pl&ouml;tzlich die weiche sinnliche
-Erde. Statt der runden Buchenw&auml;lder
- <span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span>
-wachsen runde Granith&uuml;gel auf, und von allen
-B&auml;umen bleiben nur noch die Tannen am Wege,
-die Birken und die Eichen. Aber der Buche, dem
-Ahorn, der Pappel, dem Nu&szlig;baum und der
-Kastanie, &mdash; allen diesen geht der Atem aus vor
-dem Granit, der mit rostroten Eisenadern gezeichnet
-ist. Das Land ist dort mit Granit
-gepanzert, und hinter Gothenburg beginnt
-eine Steinzone, wie sie sich kein Deutscher in
-keiner Ecke Deutschlands tr&auml;umen kann, nicht
-in den Alpen, nicht im Riesengebirge, &mdash; nirgends;
-und auf meiner Reise um die ganze
-Erde, die ich vor f&uuml;nf Jahren machte, bin ich niemals,
-selbst nicht am Himalaja, einer solch grotesken
-Steinwelt begegnet, wie die ist, die sich
-von Gothenburg bis nach Str&ouml;mstad breitet.
-Am Meer ist die unterhaltendste Partie dieser
-Steinwelt die Station Fjellbacka, die nur eine
-Schiffstation ist und keine Eisenbahn hat. An
-der Eisenbahn aber, zwischen Gothenburg und
-Str&ouml;mstad, ist es haupts&auml;chlich der Umkreis
-um die Station Tanum; hier ist die Steinwelt
-derart furchtbar, da&szlig; das Land hier nicht
-mehr von Menschen bev&ouml;lkert scheint, nicht
-von Tieren, nicht von V&ouml;geln, nicht von
-B&auml;umen, sondern von gigantischen blauen und
-grauen Granitfiguren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span></p>
-
-<p>Das Meer, das vor Jahrhunderten noch hier
-in das Land hereinreichte, hat das Steinreich
-in ein Figurenreich verwandelt, durch urewige
-Waschungen. Die gerundeten Bergfiguren
-gleichen bald riesigen versteinerten Walrossen,
-bald meilenlangen Herdenz&uuml;gen von Mammuttieren
-und den R&uuml;cken versteinerter Elefantenherden.
-Dazwischen lagern Schichten von
-versteinerten Urweltb&auml;umen, von denen mancher
-eine Meile lang scheint; und von der
-Totenstille, die dieser blaugraue Granit ausstr&ouml;mt,
-macht sich kein Ohr, das bisher nur
-in Gebirgen, Feldern und in W&auml;ldern gelebt
-hat, eine Vorstellung.</p>
-
-<p>Hier und da sitzen eine Holzh&uuml;tte, ein
-zwerghafter Baum, ein winziges Fleckchen
-Rasen wie verschollen zwischen diesen ungeschlachten
-grauen Granitungeheuern. Das
-graue Land dort am Meer scheint wie mit
-einer einzigen R&uuml;stung voll Eisenbuckeln bedeckt.
-Und wo der Bahnweg den Granit
-mit Dynamit zersprengt hat, wirkt der Mensch
-im Vorbeifahren wie eine Ameise, vor der
-Geste eines einzigen gespaltenen Blockes, der
-auch nach der Sprengung seinen Starrsinn nicht
-aufgegeben hat und herausfordernd daliegt,
-wie ein Gigant, den das Dynamit nur ein
- <span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span>
-bi&szlig;chen auf die Seite gerollt hat, an dem aber
-das Dynamit wie machtlos verrauchte. Denn
-wenn auch der gigantische Riesenblock gespalten
-wurde, er ist ja nur ein Sandkorn, auf
-das das Dynamit hintrat, und auf Meilen liegt
-hier die Welt voll neuer Granitbuckel. Und
-der Gedanke kommt einem, da&szlig; es kein Zufall
-ist, da&szlig; in Schweden, dem Granitlande,
-Nobel, der Erfinder des Dynamits, geboren
-wurde. Schweden, dieses Stein- und Eisenland
-von urspr&uuml;nglichster Kraft, forderte direkt
-das menschliche Gehirn dazu auf, dem Steintrotz
-einen Menschentrotz entgegenzustemmen
-und das Dynamit zu erfinden.</p>
-
-<p>Ebenso steinig wie der K&uuml;stenlandstreifen
-von Gothenburg bis Str&ouml;mstad sind auch die
-Inseln, die Sch&auml;ren, die dem K&uuml;stenstreifen
-vorgelagert sind. Und die Insel Koster ist
-ungef&auml;hr eine der letzten gro&szlig;en Sch&auml;ren im
-Norden, ehe das Meer in die Kristianiabucht
-einschneidet. Diese Steininseln und der Steinlandstreifen
-waren einst die eigentliche Heimat
-der alten Wikinger. Hier sind noch
-Inschriften, Runensteine, und bei Str&ouml;mstad
-auf einem H&uuml;gel das ber&uuml;hmte steinerne
-Wikingschiff.</p>
-
-<p>Auf der Insel Koster gibt es aber in den<span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span>
-Talsenkungen einige B&auml;ume: Erlen und kurze
-Eichen. Die ganze Insel wirkt durch ihre
-seltsamen Zwergb&auml;ume, Zwergeichen und
-Zwergwacholder, die in gedrungenen gr&uuml;nen
-Figuren auf dem manchmal himmelblauen
-Granitgestein wachsen, zwerghaft wie die Landschaft
-eines japanischen Gartens.</p>
-
-<p>Zwischen dem Heidekraut auf dieser Insel
-und bei den reichen wilden Rosenb&uuml;schen,
-die ganz &uuml;bersch&uuml;ttet von rosa Kelchen dastanden,
-als ich im Juni landete, liegen die
-seltsamsten Steine zerstreut; dort ein blendend
-wei&szlig;er, wie ein gro&szlig;es Marmorei, dort ein
-gelber, wie ein harter Honigbrocken oder
-wie ein St&uuml;ck Bernstein, dort ein rosenroter
-wie eine Fleischkeule von einem geschlachteten
-Tier, dort ein schwarzer flacher wie ein
-Rabenfl&uuml;gel oder ein runder wie ein Seehundkopf.
-Hinter den Wacholderfiguren und
-unter den schirmartigen kurzen Eichen, deren
-Kronen flach wie gr&uuml;ne Teller auf dem Stamm
-wachsen, von den Seewinden wie mit einem
-Messer beschnitten, &mdash; bei diesen kleinen Eichen
-und gro&szlig;en Wacholderb&uuml;schen weiden gl&auml;nzende
-rothaarige K&uuml;he und K&uuml;he, wei&szlig; und
-schwarz gesprenkelt, als h&auml;tten sie sich von
-der Nacht bemalen lassen mit dunkeln Flecken<span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span>
-und mit wei&szlig;en Flecken vom Mond, mit gelben
-und roten Flecken von der Sonne. Und die
-wandernden K&uuml;he mit ihren Flecken, auf der
-totstillen Insel bei den Flecken der fleischfarbenen
-schwarzen, wei&szlig;en und blauen Steine,
-wandern in der feuerblauen Meerumrahmung,
-zwischen den gr&uuml;nen Sonnenflecken unter den
-Eichen, zwischen den rosa Flecken der Rosenb&uuml;sche
-und im Weihrauchgeruch der Wacholderb&uuml;sche,
-wie vierbeinige kauende G&ouml;tzenbilder.
-Tags fressen sie immer alle nach einer
-Richtung hin gewendet, den Sonnenschein
-zwischen den geschweiften H&ouml;rnern auf der
-Stirne tragend, und hinter ihnen kreischen die
-silberwei&szlig;en Flecken von M&ouml;wenscharen im
-indigoblauen Junihimmel. Nachts, in den
-Sommern&auml;chten, in denen die Sonne kaum f&uuml;r
-eine Viertelstunde um Mitternacht untergeht,
-liegen die K&uuml;he drau&szlig;en unter den Eichen
-und schlafen alle mit der Stirn nach Osten
-gerichtet und liegen beieinander in der lauen
-D&auml;mmerung der hellen Nacht und unter den
-Schirmen der Eichen wie ein schwarzwei&szlig;er
-Teppich von Hermelin.</p>
-
-<p>Kleine H&uuml;tten sind &uuml;berall zerstreut. In
-einer, bei einem gro&szlig;en Getreidefelde, wohnt
-der K&ouml;nig von Koster. Es ist der &auml;lteste und<span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span>
-der reichste Fischer und hat fast die ganze
-Insel mit seinen S&ouml;hnen und T&ouml;chtern bev&ouml;lkert.
-Die K&ouml;nigst&ouml;chter waschen und b&uuml;geln,
-schlagen Gras und m&auml;hen Korn, melken
-die K&uuml;he und singen abends. Die K&ouml;nigss&ouml;hne
-spielen abends auf Fideln und Mundharmonikas,
-n&auml;hen tags Fischernetze, fahren
-Mist, liegen drau&szlig;en in den Booten, sehen
-nach ihren Hummerk&auml;sten und angeln Makrelen
-und Dorsche, drehen Taue und teeren
-Taue und ziehen im Winter hinunter nach
-Gothenburg auf den Heringsfang.</p>
-
-<p>Manche Fischer wurden Kapit&auml;ne auf Last-
-und Personendampfern an der Steink&uuml;ste,
-andere wurden Matrosen und fahren rund um
-die Erde. Andere wanderten nach Amerika
-aus und wollten Gold holen in Klondyke, und
-kamen heim statt mit Gold mit amerikanischen
-Zeitungspapieren in den Taschen und gingen
-wieder zur&uuml;ck zu ihren Hummerk&auml;sten und
-Angelschn&uuml;ren.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Nie aber, solange die K&ouml;nige, die
-K&ouml;nigst&ouml;chter und die K&ouml;nigss&ouml;hne von
-Koster zur&uuml;ckdenken k&ouml;nnen, hat es
-auf dieser Insel einen Diebstahl oder
-gar einen Totschlag gegeben. Niemals
-war eine Gerichtssitzung oder ein Polizist
- <span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span>
-auf Koster gewesen.</em> Die Menschen
-dieser Insel sind unschuldig wie der Mensch
-am ersten Tage der Sch&ouml;pfung.</p>
-
-<p>Dies alles mu&szlig; man vorher wissen, um die
-winzige Geschichte von dem winzigen Giftfl&auml;schchen
-zu verstehen. &mdash;</p>
-
-<p>Es war kurz nach Johanni, als das gro&szlig;e
-Makrelenboot abfuhr, das die jungen Leute
-von Koster und von den umliegenden Inseln
-abgeholt hatte, um hinaus in die Nordsee
-zu fahren und drau&szlig;en w&auml;hrend des Makrelenfangs
-liegen zu bleiben, bis es Herbst wurde.
-Dieser war der wichtigste Sommertag f&uuml;r
-alle Bewohner der Insel: der Abfahrtstag
-des Makrelenbootes. Im kleinen Hafensund
-schwamm, als das gro&szlig;e Boot mit seinen
-gro&szlig;en rotbraunen Segeln wie eine Riesenpflugschar
-im Meer um die Ecke der Insel
-verschwand, ein Dutzend Rudernachen. In
-jedem Boot sa&szlig;en ein oder zwei Frauensleute
-und hielten ihre Sch&uuml;rzen vor das Gesicht
-und weinten. Es waren Frauen, die ihre
-M&auml;nner fortsegeln sahen, Br&auml;ute ihre Br&auml;utigams
-und M&uuml;tter ihre S&ouml;hne.</p>
-
-<p>Das ganze weibliche K&ouml;nigsgeschlecht von
-Koster sa&szlig; dort auf dem Wasser und weinte,
-und auf dem Mammutr&uuml;cken der blauen Granitklippen
- <span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span>
-standen vereinzelt einige Hofhunde,
-die hinter ihren fortziehenden Herren herbellten,
-und neben den weinenden Frauen in
-den Booten bellten andere Hunde, so da&szlig; die
-Luft voll Schluchzen und Bellen war.</p>
-
-<p>Ein &auml;lterer Mann, den alle den »Heiden«
-nannten, weil er f&uuml;rchterlich fluchen konnte
-und seit Jahren niemals bei einer Kirchenversammlung
-auf einer der Inseln gesehen
-wurde, er, der fr&uuml;her Kapit&auml;n gewesen war
-und zwei Dampfschiffe verloren hatte, trat
-jetzt auf mich zu und reichte mir ein kleines
-Fl&auml;schchen mit einem zusammengefalteten kleinen
-Zettel. Der Alte war blaurot im Gesicht,
-und sein grauer Spitzbart sa&szlig; ihm trotzig
-kurzgeschnitten am Kinn. Er hatte seinen
-guten blauen sonnt&auml;glichen Tuchanzug an und
-seine alte Kapit&auml;nsm&uuml;tze auf, mit einer goldenen
-Borte daran.</p>
-
-<p>»Sir,« sagte er, denn er sprach mit Vorliebe
-einige Brocken Englisch, um seine h&ouml;here
-Weltkenntnis vor den andern Bewohnern der
-Insel hervorzutun. Er untermischte immer
-seine Rede mit »Well« und »Allright« und
-verabschiedete sich nie, ohne »Goodbye« zu
-sagen.</p>
-
-<p>»Sir, ich habe das gefunden,« sagte er und
- <span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span>
-schob mir das kleine Fl&auml;schchen aufdringlich
-in die Hand, als wenn dieses mir eben erst
-aus der Tasche gefallen w&auml;re. Und breitspurig
-wanderte er davon.</p>
-
-<p>»Ich habe das nicht verloren,« rief ich ihm
-nach. Er aber sah sich nicht mehr um und
-stolperte &uuml;ber die Granitbuckel und &uuml;ber das
-Heidekraut und zeigte mir seinen breiten ungeheuren
-R&uuml;cken, der so viereckig war, als
-tr&uuml;ge er eine gro&szlig;e Schulschiefertafel unter
-dem Rock.</p>
-
-<p>Auf dem kleinen Zettel, den er mir mit dem
-Fl&auml;schchen gegeben hatte, und an welchem
-man noch den Abdruck des Fl&auml;schchens bemerkte,
-das in das Papier eingewickelt gewesen
-war, auf diesem Zettel stand mit vergilbter
-alter Tinte das Wort »Gift« geschrieben,
-dreimal unterstrichen und dann:</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Zehn Tropfen</em> reizen die Sinnlichkeit
-(es war ein derberes Wort gebraucht, das ich
-hier nicht wiedergeben kann).</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zwanzig Tropfen</em> bringen den <em class="gesperrt">Wahnsinn</em>
-und</p>
-
-<p><em class="gesperrt">jeder Tropfen</em> dar&uuml;ber &mdash; <em class="gesperrt">den Tod</em>.«
-So stand auf dem Zettel. &mdash;</p>
-
-<p>Ich betrachtete das Fl&auml;schchen verbl&uuml;fft.
-Es war mit einer gelbw&auml;sserigen Fl&uuml;ssigkeit
- <span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span>
-zur H&auml;lfte gef&uuml;llt und mochte vielleicht vierzig
-Tropfen enthalten.</p>
-
-<p>Da stand ich nun pl&ouml;tzlich mitten auf der
-gro&szlig;en unschuldigen Steininsel, umgeben von
-der Freudigkeit des Sommerhimmels, umgeben
-von der unendlichen Festlichkeit des durchdringend
-blauen Sommermeeres, sah die unschuldigen
-buntscheckigen K&uuml;he ihre vollen
-Euter &uuml;ber das Heidekraut tragen, sah sie in
-friedlichen gutm&uuml;tigen Reihen wildes Rosenlaub,
-Eichenlaub und Kr&auml;uter auf dem Granit
-abweiden, diese K&uuml;he, die gutm&uuml;tig wie die
-Erdg&uuml;te selber waren; ich h&ouml;rte die wilden
-Bienen und die Hummeln, die sich &uuml;ber die
-Bl&uuml;ten des Heidekrauts summend verbreiteten,
-und sah sie Honig suchen, Sonnens&uuml;&szlig;e f&uuml;r
-den Winter sammeln; ich sah dann &uuml;ber die
-Insel hin, auf welcher niemals noch eine b&ouml;se
-Tat begangen worden war, wo man nicht Gef&auml;ngnis,
-nicht Gericht und keine menschliche
-Niedertracht kennen gelernt hatte. Und ich, ich
-hatte da pl&ouml;tzlich ein schauderhaftes Gift in
-einem kleinen Fl&auml;schchen zwischen meinen
-Fingern, eine kleine H&ouml;lle von vierzig Tropfen.
-Mit diesen vierzig Tropfen konnte ich Selbstmord
-begehen und Mord. Ich schaute auf
-die weinenden Br&auml;ute hinunter, auf die jungen
- <span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span>
-weinenden Frauen, die in den Booten neben
-den bellenden Hunden jetzt langsam wieder
-zum Ufer zur&uuml;ckruderten, und die von ihren
-M&auml;nnern verlassen waren. Hier konnte ich
-Unheil stiften, ich konnte blindlings den Verf&uuml;hrer
-spielen. Ein paar Tropfen in ein Glas
-Milch, ein paar Tropfen in einen Teller Suppe
-h&auml;tten die z&uuml;chtigen, unschuldigen, aber zu
-derber Sinnlichkeit veranlagten Fischerm&auml;dchen
-in geile, gierige, m&auml;nnertolle Furien verwandeln
-k&ouml;nnen. Ich schauderte vor diesen ekelhaften
-Gedanken, die mir von diesem Giftfl&auml;schchen
-aufgezwungen wurden, und wunderte mich.
-Ich schauderte vor dem winzigen Giftfl&auml;schchen,
-das da pl&ouml;tzlich in meine H&auml;nde gekommen
-war, hier fern von aller &uuml;berreizten
-Kultur, fern von dem gro&szlig;en Menschentrubel
-Europas, fern von jener Welt, in der Abenteuer,
-Morde und Selbstmorde t&auml;glich die
-Zeilen der Zeitungen &uuml;berschwemmten. Hier,
-sozusagen am Ende der Welt, wie kam hier,
-zweiundzwanzig Jahrtausende hinter Berlin,
-auf diese unschuldige Erde dieses rasend und
-liebestoll machende Gift?</p>
-
-<p>Die Geschichte des Fl&auml;schchens war die:</p>
-
-<p>Der Heide, der alte Kapit&auml;n, erz&auml;hlte sie
-mir endlich notgezwungen nach ein paar Tagen.<span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span>
-Ich traf ihn zuf&auml;llig wieder, bei einem Besuch
-in einer H&uuml;tte, wo man seit ein paar Wochen
-einen pl&ouml;tzlich tobs&uuml;chtig gewordenen jungen
-Mann eingesperrt hielt. Die Leute sagten, der
-junge Mann h&auml;tte beim Fischen auf offener
-See einen Sonnenstich bekommen, und einige
-M&auml;nner, die nicht mit dem Makrelenboot auf
-den Nordseefang hinausgezogen waren, mu&szlig;ten
-abwechselnd bei dem Tobs&uuml;chtigen Wache
-halten, denn die Gemeinde hatte sich noch
-nicht entscheiden k&ouml;nnen, diesen als wahnsinnig
-in ein Spital einer der St&auml;dte an der K&uuml;ste
-abzuliefern. Ich hatte bis jetzt noch nichts
-von dem geheimgehaltenen Wahnsinnigen der
-Insel gewu&szlig;t und fand auf einem Spaziergang
-durch Zufall die H&uuml;tte, im Innern der Insel,
-wo der Tobs&uuml;chtige von seiner Wache von
-vier M&auml;nnern, die sich t&auml;glich abl&ouml;sten, festgehalten
-wurde.</p>
-
-<p>Dort fand ich auch unter den Wachthabenden
-den alten Kapit&auml;n, der mir das Giftfl&auml;schchen
-gegeben hatte.</p>
-
-<p>Er war besonders dort begehrt, da er, wie
-die Leute sagten, »feste Handschuhe anhabe«,
-womit sie seine straffen F&auml;uste meinten. Nach
-dem zuf&auml;lligen Zusammentreffen am Makrelenbootstag
-mit dem Kapit&auml;n, hatte ich diesen<span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span>
-t&auml;glich in seiner H&uuml;tte aufgesucht und ihn
-niemals daheim getroffen. Jetzt nahm ich ihn
-zur Seite und bestand darauf, da&szlig; er mir die
-genaue Herkunft des Giftfl&auml;schchens berichten
-sollte.</p>
-
-<p>Da h&ouml;rte ich endlich nach vielem unverst&auml;ndlichem
-Geknurre: wohl habe er die Flasche
-»gefunden«; aber das war schon ungef&auml;hr
-<em class="gesperrt">drei&szlig;ig Jahre</em> her. Er fand sie in der Kapit&auml;nskabine
-eines Dampfers, den er sich gekauft
-hatte, und der ihm dann gestrandet war.
-In einem Geheimfach des Schiffsb&uuml;cherschrankes
-stand dies Fl&auml;schchen in Papier eingewickelt,
-und der Alte behauptete, er habe bis
-heute keinen Tropfen daraus vergossen. Ich
-glaubte es ihm.</p>
-
-<p>Wir hockten einander gegen&uuml;ber auf zwei
-Steinen im Heidekraut. In der N&auml;he bei uns
-rannte eine schwarze angepflockte Ziege, schwarz
-wie des Teufels Gro&szlig;mutter, meckernd hin
-und her. Und obwohl es schon gegen Abend
-war, wo sich die K&uuml;hle des Meeres mit der
-Granitw&auml;rme der Steine vermengt, wischte
-sich der alte Kapit&auml;n, w&auml;hrend er mir erz&auml;hlte,
-doch fortgesetzt die blaurote Stirn ab, auf
-welcher ihm ein steter Angstschwei&szlig; zu perlen
-schien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span></p>
-
-<p>Ich hatte in den paar Tagen vorher niemals
-richtig den Entschlu&szlig; fassen k&ouml;nnen, das Fl&auml;schchen
-ins Meer zu schleudern oder an einem
-Steine zu zerschellen oder es zu &ouml;ffnen und
-den Inhalt auszusch&uuml;tten. Hundert Gr&uuml;nde
-spukten in meinem Hirn und sprachen daf&uuml;r
-und dagegen, das Fl&auml;schchen los zu werden.
-Welches Ungl&uuml;ck konnte es anrichten, wenn
-das Fl&auml;schchen, das fest verkittet war, im Meer
-weiterschwamm und von einem Fischernetz
-oder einem Hummerkasten aufgefischt wurde!</p>
-
-<p>Oder wenn sein Inhalt, wenn ich es zerschellte,
-herumspritzte und vielleicht auf eine
-Erdbeere, eine Wacholderbeere oder irgend
-ein Teekraut fiel, welches Kinder sammelten.
-Ins Feuer werfen! Wer wei&szlig; ob das Fl&auml;schchen
-verbrannte und nicht in der Asche gefunden
-wurde. Irgendwo vergraben! Auch
-das war recht unzuverl&auml;ssig. Ich durfte es
-nicht einmal mehr in meinem Zimmer stehen
-lassen, nicht in meinem Koffer. Seit ich dieses
-Giftfl&auml;schchen in die Hand bekommen hatte,
-lebte ich nicht mehr mein eigenes Leben. Ich
-lebte so wie die Wache, die einen Tobs&uuml;chtigen
-bewacht und ihre Aufmerksamkeit zersplittern
-mu&szlig; zwischen Verstand und Irrsinn.
-Ich war nicht mehr harmloser Beobachter des<span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span>
-Lebens. Ich trug mit dem Giftfl&auml;schchen wie
-ein Zauberer geheimnisvolle Kr&auml;fte der schwarzen
-Magie in der Tasche, ich erschien mir
-&uuml;ber alle menschlichen Begriffe einer d&auml;monischen
-Kraft, einer Willk&uuml;r, preisgegeben.
-Mit einem Wort, &mdash; ich war nicht mehr ich.
-Ich war der Sklave dieses Giftfl&auml;schchens geworden.
-Ich schrie nachts im Traum auf, tr&auml;umte
-vom Vergiften und Morden; und so wie der
-Kapit&auml;n jetzt, hatte ich mir in den letzten drei
-Tagen, seit ich das Gift besa&szlig;, hundertmal
-den Angstschwei&szlig; von der Stirn wischen m&uuml;ssen.</p>
-
-<p>»Drei&szlig;ig Jahre,« hatte der Kapit&auml;n erz&auml;hlt,
-»habe ich das Fl&auml;schchen mit mir getragen und
-habe es nicht los werden k&ouml;nnen. Jahrelang
-habe ich eine Lust gehabt, es zu behalten,
-jahrelang eine Lust, es zu vernichten. Mein
-ganzes Leben ist von diesem Fl&auml;schchen gelenkt
-worden. Bald f&uuml;hlte ich mich &uuml;berm&uuml;tig
-allm&auml;chtig durch den Giftbesitz, bald unheimlich
-verfolgt. Die Leute nennen mich, seitdem
-ich das Gift besitze, den &rsaquo;<em class="gesperrt">Heiden</em>&lsaquo;.«</p>
-
-<p>Ich begriff den alten Mann. Ich war in
-den drei Tagen, in denen ich das Gift besa&szlig;,
-mir selbst fremd geworden. Aber ich h&auml;tte
-das Fl&auml;schchen um keinen Preis hergegeben,
-wenn man es von mir gefordert h&auml;tte. Und<span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span>
-als der Alte sagte: »Was haben Sie mit dem
-Giftfl&auml;schchen getan?« log ich mitten im Sonnenschein,
-zwischen den g&uuml;tig kauenden K&uuml;hen,
-umgeben vom himmelblauen Meer, log ich
-mich aus dem Paradies hinaus. »Ich habe es
-fortgeworfen,« sagte ich, damit es der Alte
-nicht zur&uuml;ckfordern konnte. &mdash;</p>
-
-<p>Was wollte ich mit dem Fl&auml;schchen tun?
-Ich wollte es doch los sein! Warum gab ich
-es ihm nicht? Warum warf ich es ihm nicht
-vor die F&uuml;&szlig;e? Ich f&uuml;hlte, wie mich das viereckige
-Fl&auml;schchen in meinem wei&szlig;en Flanellsommeranzug
-unbequem dr&uuml;ckte, und ich fuhr
-seitdem &auml;ngstlich, oft mitten in den ruhigsten
-Stunden, pl&ouml;tzlich mit der Hand nach meiner
-Westentasche. Ich wich dem Kapit&auml;n von
-diesem Tage an aus, damit er nicht nach dem
-Fl&auml;schchen fragen sollte. &mdash;</p>
-
-<p>Mitten in dem herrlichen Gesicht dieses
-Sommers 1910, mitten in dem herrlichen Gesicht
-dieser Insel am Ende der Welt, die nie
-eine Schuld, nie ein Verbrechen, nie eine
-Niedertracht kannte, trug ich nun diesen Ekelfleck
-mit mir in der Westentasche herum,
-diesen Giftfund, dieses Giftfl&auml;schchen. T&auml;glich
-w&uuml;nschte ich das Gift zu behalten und
-t&auml;glich, es los zu werden. &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-<p>Ein nordischer Sommer ist schnell verflogen,
-ist schnell abgek&uuml;hlt. Schon ein paar Wochen
-nach Johanni, wenn die N&auml;chte wieder die
-Dunkelheit wie eine schwarze Maske &uuml;ber das
-Land legen und die paar Wiesenflecken abgem&auml;ht
-sind, die es da gibt, und die paar
-Kornstrecken, und Ende Juli schon der Stillstand
-eines fr&uuml;hen Herbstes die B&auml;ume aussehen
-l&auml;&szlig;t, als w&auml;ren sie aus verblichenem
-gr&uuml;nem Papier angefertigt, dann werden all
-die K&uuml;he in die St&auml;lle zu den H&uuml;tten heimgetrieben,
-und eine Totenstille, Langweile und
-Leere sitzt bald an Stelle des Saftes und der
-Frische im Steingesicht dieser Insel. Die kleinen
-H&uuml;tten ertrinken abends im Nebel. An Stelle
-der K&uuml;he laufen wei&szlig;e M&ouml;wenscharen auf den
-abgem&auml;hten Wiesen herum, Wiesen, die nur
-j&auml;hrlich einmal Gras geben, dann nicht mehr
-wachsen und sich mit den wei&szlig;en M&ouml;wen
-bedecken, die des Morgens vor Sonnenaufgang
-anzusehen sind wie der Vorschein fr&uuml;hen
-Schnees.</p>
-
-<p>Oft habe ich des Morgens vor Sonnenaufgang,
-da ich Bayer bin und in dem katholischen
-Lande an Morgenl&auml;uten, Mittag- und
-Abendl&auml;uten gew&ouml;hnt bin, hinausgehorcht.
-Aber nichts r&uuml;hrte sich. Es gab auf der Insel<span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span>
-keine Kirche, keine einzige Glocke, und die
-Leute fuhren ihre Kinder zur Taufe mit K&auml;hnen
-auf andere Inseln. Ebenso mu&szlig;ten die Brautpaare
-und die Leichen oft tagelang auf guten
-Segelwind warten, um zur Hochzeit oder ins
-Grab auf die ferne Kircheninsel zu kommen.</p>
-
-<p>Die Insel Koster selbst lag glockenlos in
-der gro&szlig;en blauen Glocke des Himmels, und
-der »Heide«, der alte Kapit&auml;n, hatte recht,
-wenn er einmal in der Handelsbude, in dem
-einzigen Kaufladen, den es auf der Insel
-gibt, dr&ouml;hnend auf den Tisch schlug und
-ausrief:</p>
-
-<p>»Was brauchen wir hier Christentum, wir
-auf Koster! In alter Zeit waren wir Heiden
-und Helden. Und jetzt ist uns das Heldentum
-verboten. Aber Heiden sind wir immer
-noch im Grunde. Wir zahlen unsere Steuern,
-und die Sonne scheint nicht sch&ouml;ner, ob wir
-Christen sind oder Heiden. Und die Makrelen
-und die Heringe lassen sich so gut fangen
-von den Heiden, wie von den Christen.«</p>
-
-<p>Und das st&auml;mmige K&ouml;nigsgeschlecht von
-Koster l&auml;chelt gutm&uuml;tig &uuml;ber seinen Stammheiden,
-&uuml;ber den Kapit&auml;n.</p>
-
-<p>Der Sommer war hier fr&uuml;her zu Ende, als
-man sich in Deutschland vorstellen kann. Und
- <span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span>
-in den ersten Tagen des August sahen die
-Frau, die ich liebe, und der ich noch nichts
-von dem Giftfl&auml;schchen in meiner Westentasche
-erz&auml;hlt hatte, und ich, wir beide sahen
-mit Fr&ouml;steln das schnelle M&uuml;dewerden der
-nordischen Sommersonne. Und eine unb&auml;ndige
-Sehnsucht nach neuer Sonne wachte jeden
-Morgen mit uns auf und war jeden Abend
-unser letztes Gespr&auml;ch.</p>
-
-<p>Frauen, die sich sehr geliebt f&uuml;hlen, fassen
-immer resoluteste Entschl&uuml;sse. So sagte diese
-Frau eines Tages:</p>
-
-<p>»Wir wollen nach Italien. Dort ist es noch
-Hochsommer. Es ist viel zu sp&auml;t f&uuml;r die lappl&auml;ndische
-Reise. Wir w&uuml;rden nur den sch&ouml;nen
-Eindruck von Koster verwischen. Schweden
-ist zu sch&ouml;n, als da&szlig; man es in einem Sommer
-fl&uuml;chtig durchreisen kann. Man mu&szlig; viele
-Sommer darauf verwenden, um alle seine
-Sch&ouml;nheiten zu erreisen. Damit wir den Norden
-recht verstehen, sollen wir jetzt als Kontrast
-den S&uuml;den aufsuchen.«</p>
-
-<p>Ich deutete schwerf&auml;llig und gewissenhaft
-wie jeder Mann auf den gro&szlig;en Koffer, in
-welchem die Wintersachen f&uuml;r Lappland lagen,
-auf Pelz und Wolle. »Sollen die ganz umsonst
-hieher gewandert sein?« fragte ich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-<p>Aber hartn&auml;ckig, weil sie meine Sehnsucht
-nach Sonne kannte, sagte die Frau:</p>
-
-<p>»Wenn du soviel Respekt vor Koffern hast,
-m&ouml;chte ich sie schon gleich ins Meer versenken.«</p>
-
-<p>»Gerade so wie ich mein Giftfl&auml;schchen,«
-entfuhr es mir. Und nun mu&szlig;te ich die ganze
-Geschichte vom Giftfl&auml;schchen, das mir wie
-ein D&auml;mon in der Westentasche sa&szlig;, und
-das den Kapit&auml;n wie ein D&auml;mon drei&szlig;ig Jahre
-lang gefoltert hatte, meiner Geliebten erz&auml;hlen.</p>
-
-<p>»Das ist ein neuer Grund,« rief diese erfinderisch
-aus. »Ich sehe, du und ich, wir
-werden dieses Giftfl&auml;schchen ebensowenig los
-wie der Heide, der Kapit&auml;n. Aber es f&auml;llt
-mir gar nicht ein, deine Liebe mit einer Giftflasche
-zu teilen. Wir m&uuml;ssen nach Rom und
-das Gift an der einzigen Stelle der Welt, wo
-es hingeh&ouml;rt und keinen Schaden anrichtet,
-abliefern.«</p>
-
-<p>»Ja, wenn noch in Rom die alten R&ouml;mer
-leben w&uuml;rden,« meinte ich. »Aber dort sind
-ja nur Ruinen, wie du selbst immer sagst.«</p>
-
-<p>»Dort ist der heilige Vater! Seiner Heiligkeit
-dr&uuml;ckst du einfach das Fl&auml;schchen in die
-Hand, so wie es der Kapit&auml;n dir pl&ouml;tzlich in
-die Hand gedr&uuml;ckt hat.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span></p>
-
-<p>»Liebende Frauen sind weise Frauen,« sagte
-ich. Und indessen sie die Koffer packte und
-die Wolle f&uuml;r Lappland zu unterst stopfte
-und dabei italienische Lieder vor sich hinsang,
-reiste ich in sechzig Stunden von Str&ouml;mstad
-direkt nach Rom, immer das Giftfl&auml;schchen
-in der Westentasche betastend, da&szlig; es
-mir nicht ausk&auml;me.</p>
-
-<p>Als ich in Rom dann das Fl&auml;schchen Seiner
-Heiligkeit in die Hand dr&uuml;ckte, wie es mir
-die weise und liebe Frau geraten hatte, l&auml;chelte
-Pius und sagte verst&auml;ndnisvoll:</p>
-
-<p>»Das macht nichts, das kommt &ouml;fters vor.«</p>
-
-<p>»Nat&uuml;rlich,« sagte ich eilfertig aus Verlegenheit.
-»Darf ich Eure Heiligkeit fragen, was
-Sie damit anfangen werden,« setzte ich neugierig
-hinzu.</p>
-
-<p>»Das stellen wir zu den andern,« nickte
-der Papst. Und ebenso nickte Seine Eminenz,
-der Kardinal del Val, der bei meiner Audienz
-zugegen war: »Das stellen wir zu den andern.«</p>
-
-<p>Das Gespr&auml;ch wurde in den vatikanischen
-G&auml;rten gef&uuml;hrt, die mir durch ihre Regelm&auml;&szlig;igkeit,
-regelrecht gestutzte Taxushecken,
-etwas pedantisch und langweilig vorkamen,
-mir, der ich gerade von der <em class="gesperrt">Insel der heiligen
-K&uuml;he</em> kam, <em class="gesperrt">vom Lande, wo die Steine
- <span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span>
-sprechen</em>, von <em class="gesperrt">Wacholder</em>, <em class="gesperrt">wilden Rosen</em>
-und <em class="gesperrt">Urgestein</em>, <em class="gesperrt">von</em> der <em class="gesperrt">schwedischen
-Heideninsel</em>, wo in der blauen Glocke des
-Himmels die Sonne t&auml;glich zu einem Fest gegl&auml;nzt
-hatte, wo das gro&szlig;e freie Meer gel&auml;utet
-hatte, und wo die Fischerleute arm, bescheiden
-und ehrlich waren wie der Fischer Petrus
-und wie die Apostel, welche einst Fischer
-waren am See Genezareth.</p>
-
-<p>»Und um die Erde sind Sie auch gereist?«
-meinte Seine Eminenz der Kardinal. »Und
-haben einen amerikanischen Bischof unterwegs
-getroffen, der von allen G&ouml;ttern der
-Welt ein Probebild mit nach Philadelphia
-nahm! Der ganze Vatikan hat diesen Winter
-»die gefl&uuml;gelte Erde« studiert. Wenn die
-s&uuml;ndige Erde wirklich rundum so voll sch&ouml;ner
-Wunder ist, wie Sie da beschreiben, dann gibt
-sie uns hier vieles Nachdenken. Wir hatten
-wirklich nicht geglaubt, da&szlig; noch etwas irdisch
-Sch&ouml;nes an der Welt w&auml;re. Wir dachten, wir
-h&auml;tten alles Verf&uuml;hrerische mit heiliger Christenstrenge
-ausgemerzt.«</p>
-
-<p>»O!« rief ich aus und machte meinen
-Mund gr&ouml;&szlig;er auf, als in den vatikanischen
-G&auml;rten erlaubt ist, »wenn Sie nur &rsaquo;die gefl&uuml;gelte
-Erde&lsaquo; gelesen haben, dann haben Sie
- <span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span>
-noch nicht vom Sch&ouml;nsten geh&ouml;rt, was ich gesehen
-habe.«</p>
-
-<p>Seine Heiligkeit, welche wir auf den Wegen
-des Gartens zwischen uns gehen lie&szlig;en, setzte
-sich auf das St&uuml;hlchen, das die Schweizer
-Wache, die hinter uns ging, ihm unterschob.
-Der Papst hielt immer noch mein Giftfl&auml;schchen
-zwischen den Fingern, obwohl es ihm
-der Kardinal &ouml;fters hatte abnehmen wollen.
-Der Papst hielt das Giftfl&auml;schchen gegen die
-Sonne:</p>
-
-<p>»Wieviel Gifttropfen sind darin und wie
-wirken sie?«</p>
-
-<p>Ah, dachte ich. Dem Papst geht es jetzt
-wie dem Heiden auf Koster. Der Kapit&auml;n
-hat das Fl&auml;schchen auch nicht mehr hergegeben,
-als er es einmal zwischen den Fingern
-hatte. Und obwohl ich vom Allersch&ouml;nsten,
-was es auf der Welt gab, eben hatte erz&auml;hlen
-wollen, hatte der Papst nicht zugeh&ouml;rt, sondern
-immer an das Gift denken m&uuml;ssen.</p>
-
-<p>Der Kardinal kam mir zuvor und beantwortete
-die Fragen, die das Gift betrafen, und
-ich bewunderte dabei des Kardinals scharfes
-Ged&auml;chtnis, der alles genau behalten hatte,
-was ich ihm &uuml;ber das Giftfl&auml;schchen vorher
-mitgeteilt hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span></p>
-
-<p>»Was gibt es Sch&ouml;neres in der Welt als
-Rom,« fragte der Papst, schw&auml;rmerisch durch
-das Giftfl&auml;schchen den r&ouml;mischen Himmel betrachtend.</p>
-
-<p>»Die Insel Koster,« sagte ich prompt. »Dort
-w&uuml;rden Eure Heiligkeit sich einmal recht von
-allem Glockengel&auml;ute erholen.«</p>
-
-<p>Auch der Kardinal lie&szlig; sich jetzt von der
-Schweizer Wache, die auf seinen Wink herbei
-eilte, ein St&uuml;hlchen unterschieben.</p>
-
-<p>Da sa&szlig;en sie nun vor mir in dem Taxusheckengang,
-Seine milde Heiligkeit im wei&szlig;en
-fleckenlosen Gewand und der Kardinal im
-Scharlachkleid.</p>
-
-<p>Wenn jetzt nur die Frau, die ich liebe,
-und die ich auf Koster singend beim Kofferpacken
-zur&uuml;ckgelassen habe, aus der Taxushecke
-k&auml;me! Nur sie k&ouml;nnte mir jetzt aus
-der peinlichen Verlegenheit helfen, dachte ich.
-Denn dieses mit dem Glockengel&auml;ute habe
-ich verkehrt gesagt, das sah ich den beiden
-Italienern an den gelben Gesichtern an.</p>
-
-<p>»Die Insel Koster, trotzdem sie keine Kirche
-und keine Glocken hat,« fuhr ich fort und
-eilte mich mit den Worten, um mich bei den
-Italienern wieder in Gunst zu reden, »diese
-Insel Koster ist n&auml;mlich heute noch der unschuldigste
- <span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span>
-Platz der Welt. Dort gab es noch
-nie eine L&uuml;ge, nie einen Diebstahl, nie einen
-Mord; nie mu&szlig;te dort jemals das Gericht einschreiten
-und keine Polizei. Die Menschen
-dort sind noch die reinsten unschuldigsten
-Heiden,« platzte ich heraus, weil mich die
-hochm&uuml;tigen Gesichter der r&ouml;mischen Herren
-&auml;rgerten.</p>
-
-<p>Meine Worte mu&szlig;ten sehr gut gewirkt
-haben, denn Seine Heiligkeit l&auml;chelte Seine
-Eminenz an, und Seine Eminenz l&auml;chelte Seine
-Heiligkeit an. Und diese L&auml;cheln gingen
-miteinander &uuml;ber die Taxushecken, &uuml;ber die
-Palmen und &uuml;ber die wei&szlig;en Gel&auml;nder der
-Terrassen des vatikanischen Gartens, vers&ouml;hnlich
-hinauf bis in den &uuml;ppigen blauen r&ouml;mischen
-Himmel.</p>
-
-<p>Der Papst hob das Giftfl&auml;schchen, das zugleich
-mit dem gro&szlig;en Ring am Daumen seiner
-Hand funkelte, wieder ans Licht.</p>
-
-<p>Die Allmacht dieses Siegelringes zuckte mir
-zu gleicher Zeit mit dem Schiller des Giftfl&auml;schchens
-entgegen. Ich verstand nicht sogleich,
-da&szlig; diese Geste des Papstes mir meine
-sch&ouml;ne unschuldige Insel Koster beleidigen
-wollte.</p>
-
-<p>»Menschliches Gift kann lange im Verborgenen
- <span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span>
-leben,« sagte der alte Mann mit den
-blassen Wangen, mit dem blassen Kinn, mit
-der blassen Nase und mit den blassen Augen,
-die mir pl&ouml;tzlich unheimlich lebensm&uuml;de aus
-dem dunkelgr&uuml;nen schw&uuml;len Palmengarten entgegenleuchteten.</p>
-
-<p>»Lieber Dichter, habt Ihr nicht dieses Gift,
-wie Ihr erz&auml;hlet, von jener Barbareninsel gebracht?«
-t&ouml;nte es ironisch von seinen blassen
-Lippen.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte ich eifrig, meine Insel Koster
-verteidigend. »Das Gift kam von der Welt
-dorthin. Aber jetzt ist kein Gifttropfen mehr
-dort. Ich habe alles Gift Eurer Heiligkeit
-gebracht, direkt nach einer Sechzigstundenfahrt,
-und das Giftfl&auml;schchen gleich &uuml;bergeben,
-damit Eure Heiligkeit es aus der Welt
-schaffen.«</p>
-
-<p>»Mein Lieber,« sagte die wei&szlig;e Figur vor
-mir, die da unter dem blauen r&ouml;mischen Himmel
-im Garten zugleich mit dem Kardinal von dem
-St&uuml;hlchen aufstand, und deren wei&szlig;e Lippen
-tief Atem holten, als wollten sie mir eine
-tiefe Wahrheit sagen, und ich dachte schon
-vorschnell:</p>
-
-<p>Seine Heiligkeit wird sagen: <em class="gesperrt">nichts kann
-das Gift der Welt aus der Welt schaffen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span>
-nicht der Papst, nicht der Dichter, nicht
-die Christen, nicht die Heiden. Und
-ich dachte, da&szlig; ich mit dieser gro&szlig;en
-Weisheit dann entlassen w&uuml;rde.</em></p>
-
-<p>Aber nein, &mdash; Pius reichte mir nur die Hand,
-die das Giftfl&auml;schchen hielt, zum Abschiedsku&szlig;,
-und mit den Augen auf das Fl&auml;schchen
-deutend:</p>
-
-<p>»Mein Lieber, wir werden es zu den andern
-stellen.« &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>»Wenn das nur nicht gro&szlig;es Ungl&uuml;ck anstiftet,«
-sagte sp&auml;ter die Frau, die ich liebe,
-zu mir. »Das kann nicht gut sein, wenn man
-im Vatikan ein Giftfl&auml;schchen zum andern
-stellt. Der Kapit&auml;n auf Koster, der drei&szlig;ig
-Jahre das Fl&auml;schchen aufbewahrt hatte, ist
-ganz wild davon geworden, und die Leute
-nannten ihn schlie&szlig;lich einen Heiden. Wenn
-nur nicht der ganze Vatikan von dem Kostergift
-wild wird!«</p>
-
-<p>Und wirklich, die vielgeliebte Frau hatte
-wieder recht. Ein paar Wochen sp&auml;ter schon
-begann die Geschichte mit den Modernisteneiden,
-und die Bannfl&uuml;che fliegen seitdem wie
-Giftpfeile aus dem Vatikan &uuml;ber die Alpen.</p>
-
-<p class="pmb3">»Das kommt davon,« sage ich zu meiner
-Frau (wenn ich die Bayerische Landeszeitung
- <span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span>
-aus der Hand lege, worin der Memminger so
-genau die Zust&auml;nde und die Aufregungen
-des Papstes schildert), &mdash; »das kommt davon,
-da&szlig; der Papst als Ratgeber nur Kardin&auml;le und
-keine Frau hat. Die Liebe einer Frau ratet
-besser als alle Kardin&auml;le.« &mdash;</p>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-
-<h2 class="no-break" id="Himalajafinsternis">Himalajafinsternis</h2>
-</div>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span></p>
-
-
-<p>Das ist der Fluch und zugleich die Wollust
-des Reisens, da&szlig; es dir Orte, die
-dir vorher in der Unendlichkeit und in der
-Unerreichbarkeit lagen, endlich und erreichbar
-macht. Diese Endlichkeit und Erreichbarkeit
-zieht dir aber geistige Grenzen, die du
-nie mehr los werden wirst.</p>
-
-<p>Wenn sich deine Seele, ohne da&szlig; dein Leib
-reist, an einen Ort hin versetzt, in dem du
-nie warst, so kann sie an dem Ort bald im
-Sonnenschein, bald im Regen, bald im Winter,
-bald im Fr&uuml;hling wandern, geisterleicht in
-einer Geisterlandschaft. Hast du aber den
-Ort einmal reisend mit deinem Leib erreicht
-und wirkliche Tage dort erlebt, so bist du
-dem Gef&auml;ngnis der Wirklichkeit verfallen.
-Sobald du dich in sp&auml;teren Jahren an den
-bereisten Ort im Geist zur&uuml;ckversetzt, kommst
-du nicht &uuml;ber die Grenzen der ehemaligen
-wirklichen Tage hinaus. Du siehst jenen Ort
-immer wieder, in erm&uuml;dender Wiederkehr, in
- <span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span>
-derselben Tages- oder Jahreszeitstimmung, in
-der du ihn damals gesehen. Du kannst ihn
-nicht willk&uuml;rlich mehr verwandeln. Du bist
-verdammt, ihn ewig genau so zu sehen, wie
-er sich dir auf der Reise gezeigt hat. Dies
-ist der Fluch, der die Seele des Reisenden
-belastet. Die Fl&uuml;gel der Geistigkeit werden
-ihm von der Wirklichkeit beschnitten. Der
-Vielgereiste haftet mehr an der Erde als der
-Niegereiste. Er erscheint mir sterblicher als
-die &uuml;brigen Sterblichen.</p>
-
-<p>Es gibt eine einzige M&ouml;glichkeit, den Wirklichkeitsbann
-des Reisens zu durchbrechen
-und abzusch&uuml;tteln. Das geschieht, wenn wir
-unsterbliche Erlebnisse heimbringen; wenn sich
-das Schicksal des Reisenden mit Menschenschicksalen
-fremder Orte so verkn&uuml;pft, da&szlig;
-der Ort, die Landschaft, das Gesehene ganz
-an Bedeutung verlieren, ins Nichts sinken, und
-das am eigenen Schicksal Erfahrene Zeit, Ort
-und Wirklichkeit &uuml;berragt.</p>
-
-<p>Solche Erlebnisse sind selten, aber eins,
-zwei solcher Erlebnisse auf gro&szlig;en Reisen
-bleiben einem im Blut und Geist haften und
-&uuml;berfallen einen zeitweise in der Erinnerung,
-und solche Erlebnisse k&ouml;nnen uns modernen
-Menschen den Schauer, die Ehrfurcht und
- <span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span>
-die Erhebung ersetzen, die die fr&uuml;heren naiven
-Menschen in Gottesh&auml;usern vor ihren Alt&auml;ren
-und G&ouml;ttern empfanden, vor G&ouml;ttern, die wir
-Modernen l&auml;ngst zum alten Eisen gelegt haben.</p>
-
-<p>Ehe ich auf meinen Reisen oben im Himalajagebirge
-gewesen, konnte ich mir diese
-h&ouml;chsten Erdzinken immer nur tief in wei&szlig;em
-Schnee und unter ewig eisigblauem Himmel
-vorstellen, &auml;hnlich den Erinnerungsbildern, die
-ich vom Montblanc, von den Dolomiten und
-den Schweizer Alpen mit mir trug. Jetzt aber,
-nachdem ich vor Jahren am Himalaja war,
-sehe ich dort im Geist keine ehernen Gletscher,
-keinen eisblauen Himmel mehr. Ich
-sehe dort die Erde grau in grau wandern,
-denn es war im Februar, als die Nebel aus
-der indischen Talsohle wie graue Felder heraufstiegen,
-Nebel in allen Schattierungen, in
-Schatten und Beleuchtungen wechselnd. Es
-war, als fl&ouml;gen die Berge; dann wieder versanken
-sie. In den Sternenn&auml;chten wirbelten
-diese Nebel im Mondschein. Der riesige
-Himalaja schien sich fortzuw&auml;lzen. Bald stellten
-sich die Nebel wie Riesentreppen auf,
-schlugen sich zum Himmel hinauf und drehten
-sich um ihre Achsen wie ungeheuere
-Windm&uuml;hlenfl&uuml;gel. Es blieb kein Oben, kein
- <span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span>
-Unten, kein Links und kein Rechts mehr bestehen,
-als w&auml;re der Himalaja eine Gedankenwelt
-geworden, in der sich fluchtartig Bilder
-und Eindr&uuml;cke, Wirklichkeit und Unwirklichkeit
-jagten.</p>
-
-<p>Siebentausend Fu&szlig; hoch oben in Darjeeling,
-dem weltbekannten Erholungsort der
-englisch-indischen Beamten, Offiziere und
-reichen Kaufleute, waren im Februar die
-meisten Villen geschlossen. Sie liegen mit
-ihren Glasw&auml;nden und Glasveranden wie aus
-Bergkristall aufgebaut an der Berglehne der
-hohen Gel&auml;nde von Darjeeling. Dazwischen
-ziehen sich Teeg&auml;rten mit niedrigem Teegeb&uuml;sch
-hin, denn der Tropenbrodem, der
-vom gro&szlig;en indischen Reiche am Fu&szlig;e des
-Himalaja zu den H&ouml;hen von Darjeeling heraufraucht,
-bringt einen Atem von Fruchtbarkeit
-&uuml;ber diese S&uuml;dabh&auml;nge des Himalaja.</p>
-
-<p>Heimgekehrt nach Europa, w&auml;re ich jetzt,
-wenn ich an den Himalaja zur&uuml;ckdenke, ewig
-dazu verbannt, dort droben in Darjeeling den
-unendlichen, lautlosen, tr&auml;ufelnden Februarregen
-zu sehen, der aus den Nebelschwaden
-niedertroff, und ich m&uuml;&szlig;te immer in die nebelwandernden
-Berge schauen, die mir nie mehr
-stillstehen w&uuml;rden, w&auml;re mir nicht dort jenes
- <span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span>
-Erlebnis begegnet, das mich zeitlos und weltlos
-ansieht, nicht gebunden an Tag und Jahreszeiten,
-sondern nur gebunden an die Allmenschlichkeit,
-an das Menschenherz, das rund
-um die Erde, an allen Orten gleich handelnd
-liebt und leidet, als w&auml;re es ein einziges Herz.</p>
-
-<p>Eines Nachmittags hatten mich die f&uuml;nf
-Tibetaner, die meine Rikscha schoben, nach
-dem einzigen tibetanischen Tempel gefahren,
-der an einem Ende des Bergdorfes Darjeeling,
-nach langen Fahrten, auf verschlungenen
-Wegen erreicht wird. Der Tempel war einfach
-wie ein wei&szlig;gekalktes Scheunenhaus und
-unterschied sich fast in nichts von tibetanischen
-Bauernh&auml;usern. Er lag am senkrechten Abhang,
-von einigen verwilderten B&auml;umen umstanden,
-ein wenig einfach, und man h&auml;tte ihn
-ebensogut von weitem f&uuml;r einen kleinen Gasthof
-halten k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Ich mu&szlig;te einen nassen Vorgarten durchschreiten
-und h&ouml;rte von weitem einen regelm&auml;&szlig;ig
-klingenden Ton. Es war der Laut der
-Gebetsm&uuml;hlen, die nach jeder Umdrehung
-ant&ouml;nen. Unter dem Vordach des Tempelhauses
-stand eine mannshohe und mannsdicke
-gelbe R&ouml;hre aufgerichtet. Sie war von oben
-bis unten eng mit Gebeten beschrieben. Ein
- <span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span>
-Tempelknabe in gelber Kutte drehte mit der
-Hand den gelben Zylinder, der sich auf einem
-Gestell rund um eine Achse bewegte. Jede
-Umdrehung des Zylinders galt soviel als das
-vollst&auml;ndige Ablesen der tausend Gebete, die
-eingedr&auml;ngt auf ihr geschrieben waren.</p>
-
-<p>Drinnen im Tempel war es dunkel wie in
-einem Stall. Hinter dicken Holzgittern standen
-die geschnitzten G&ouml;tter, deren alte gebr&auml;unte
-Vergoldung kaum noch gl&auml;nzte. Da
-war kein friedlicher Gott darunter. Alle G&ouml;tter
-standen oder hockten in wilden verrenkten
-Stellungen, als w&auml;ren sie den verzerrten Nebeln
-drau&szlig;en nachgebildet.</p>
-
-<p>Aus unz&auml;hligen &Ouml;ln&auml;pfchen, voll kleiner
-Nachtlichter, flimmerten winzige Fl&auml;mmchen.
-Wie die Futtertr&ouml;ge der G&ouml;tter, so standen
-sie da vor den Gittern und n&auml;hrten die
-speckigen Goldgesichter mit ihrem Ru&szlig; und
-belebten sie mit dem Gewimmel ihrer knisternden
-Fl&auml;mmchen.</p>
-
-<p>Nicht an allen W&auml;nden standen G&ouml;tterbilder.
-Es waren da L&uuml;cken, und dort am
-beru&szlig;ten und schmutzigen Wandkalk entdeckte
-ich Photographien, Ansichtspostkarten
-und Holzschnitte aus illustrierten englischen
-Zeitungen. Es waren Bilder von englischen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span>
-deutschen, franz&ouml;sischen, russischen Prinzen
-und Gener&auml;len und Abbildungen von neuerfundenen
-Maschinen, Bilder, welche von
-den tibetanischen Priestern heilig gesprochen
-waren, vielleicht um den Europ&auml;ern zu schmeicheln,
-vielleicht auch aus abergl&auml;ubischer
-Furcht vor unbekannten fremden Seelenkr&auml;ften.</p>
-
-<p>Am Fu&szlig;boden in einer Ecke bemerkte ich
-geleerte englische Bierflaschen. Ein paar tibetanische
-Priester mit glattrasierten kahlen
-K&ouml;pfen, in schmutziggelben Kutten, hockten
-am Boden und rauchten, lehnten mit dem
-R&uuml;cken an der Wand und stierten zur offenen
-T&uuml;r hinaus, zu der ein wenig Tageslicht
-in den fensterlosen Raum hereinfiel und glasig
-auf den Aug&auml;pfeln der Priester gl&auml;nzte.</p>
-
-<p>Die knisternden Reihen von Nachtlichtern,
-die bl&ouml;den Augen der Priester und hie und
-da hinter den Gittern ein G&ouml;tterbauch, an
-dessen abgen&uuml;tztem Gold sich die &Ouml;lfl&auml;mmchen
-spiegelten, der s&uuml;&szlig;liche Tabakrauch aus
-den Priesterpfeifen und ein noch s&uuml;&szlig;licherer
-Geruch von erkaltetem R&auml;ucherwerk, die grotesken
-Papierfetzen aus illustrierten europ&auml;ischen
-Zeitschriften, &mdash; dieser Wirrwarr von
-zeitlosem Spuk &mdash;, und drau&szlig;en im T&uuml;rviereck
-die ewig im Nebel fortwandernden Himalajaberge
- <span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span>
-wie Spuklandschaften, die bald in den
-Himmel stiegen, bald zur Erde fielen, ein
-Nebelgekr&ouml;se, das pl&ouml;tzlich bis zur T&uuml;r herankroch;
-die gelben Ungeheuer der Gebetm&uuml;hlen,
-die sich einf&ouml;rmig drehten und in
-regelm&auml;&szlig;igen Zwischenr&auml;umen mit einem d&uuml;nnen
-Metallton anschlugen, &mdash; all das sah abenteuerlich
-aus, einf&auml;ltig und ungeheuerlich zu
-gleicher Zeit. Denn es bestand schon seit
-Tausenden von Jahren und schien unverg&auml;nglich
-wie die G&ouml;tter der Dummheit, die neben
-den G&ouml;ttern des Verstandes und des Gef&uuml;hls
-ewig die Erde beherrschen.</p>
-
-<p>Aber wie die Abgr&uuml;nde drau&szlig;en vor der
-Tempelt&uuml;r, an deren R&auml;ndern das Schwindelgef&uuml;hl
-sa&szlig;, das Menschen, Tiere und Steinmassen
-in die Himalajaschluchten rei&szlig;en
-konnte, so lag hinter dem Gef&uuml;hl der dumpfen
-Dummheit, die in dieser stallartigen
-Tempelstube hockte, zugleich eine kaltbl&uuml;tige
-Grausamkeit. Sie blickte beinahe schelmisch
-aus den stieren Augen der kahlk&ouml;pfigen tibetanischen
-Priester und grinste grotesk freundlich
-aus den lachenden M&auml;ulern der Gesichtsmasken
-der im Halbdunkel hockenden G&ouml;tterfiguren.</p>
-
-<p>Meine f&uuml;nf tibetanischen Wagenschieber,
- <span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span>
-die wie Eskimos in sackartigen Kleidern vermummt
-steckten und von h&uuml;nenhaften Kr&auml;ften
-waren, fuhren mich dann im Rikschawagen
-zur&uuml;ck, an fast senkrechten Bergwegen hinauf.
-Dabei wieherten sie wie Pferdchen, meckerten
-wie Gei&szlig;b&ouml;cke und prusteten wie Walrosse.
-Zugleich verfolgten meinen Wagen drei tibetanische
-Riesenweiber, die ihre Schmuckketten
-aus kleinen blauen T&uuml;rkisen, Brocken Bergkristall
-und St&uuml;cken ungereinigter Silberbronze,
-mit r&ouml;tlichem Carneol verarbeitet, vom
-Hals und von den Armgelenken rissen und
-mir zum Verkauf vor mein Gesicht hielten.
-Immer gestikulierend sprangen die Tibetfrauen
-neben meinen Wagenr&auml;dern hin und her, umgeben
-von einer bellenden Schar wilder Himalajahunde.</p>
-
-<p>Eine der Frauen nahm sich w&auml;hrend des
-Springens die T&uuml;rkisenohrringe ab, eine andere
-drehte von ihrer Hand einen plumpen Silberring
-mit rotem Carneolstein, die dritte zog
-sich bronzene Haarpfeile aus ihrem ungek&auml;mmten,
-verwilderten und vom Regen nassen
-Haarknoten. Einige Worte Englisch und
-hundert geschnatterte tibetanische Worte,
-durchsetzt mit Hundegebell und begleitet vom
-Gel&auml;chter und Geschnauf meiner schwitzenden
- <span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span>
-Wagenschieber, schallten mir unausgesetzt vor
-den Ohren.</p>
-
-<p>Endlich kaufte ich dem einen Weib einen
-Ring ab, und da der Rikschawagen an den
-Abhangwegen im Fahren keinen Augenblick
-halten konnte, wurde der bewegte Handel
-durch Zuwerfen des Ringes und Zur&uuml;ckwerfen
-des Geldes abgeschlossen.</p>
-
-<p>Zwei der Frauen blieben jetzt zur&uuml;ck. Nur
-das dritte Weib, das immer noch ihre Haarpfeile
-verkaufslustig in der Luft schwang,
-haftete noch an der Seite meines Wagens, vom
-Gekl&auml;ff der Hunde umgeben.</p>
-
-<p>Als die Tibetanerin mich kaufunlustig sah,
-lockte sie mit den Augen, so da&szlig; ihr die
-Wagenschieber tibetanische Scherzworte zuriefen,
-gegen die sie sich eifrig verteidigte. Da
-mich die Haarpfeile nicht reizten und des
-Weibes Augen mich nicht &uuml;berreden konnten,
-fuhr sie immer neben dem Wagen herspringend,
-mit den H&auml;nden in die Falten ihres sackgroben
-Mantelkleides und fand in irgend einer Tasche
-eine kleine Silberkette, die mir aber ebensowenig
-gefiel. Zugleich aber, wie sie die Kette
-in der Luft sch&uuml;ttelte, flog, zwischen ihren
-Fingern durch, ein kleines Bronzeamulett, das
-an einer Darmseite angebunden gewesen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span>
-und flog zu mir in den Wagen auf meinen
-Scho&szlig;.</p>
-
-<p>Mit einem Blick sah ich, da&szlig; das Amulett
-ein echtes kleines Bronze-G&ouml;tzenbild war,
-nicht gr&ouml;&szlig;er als ein Fingerglied. Es stellte in
-viereckigen primitiven Formen zwei winzige
-Menschen dar, einen nackten Mann, an welchem
-eine nackte Frau emporkletterte.</p>
-
-<p>Ich schlo&szlig; meine Hand, in die das Amulett
-gefallen war, griff mit der andern Hand
-in meine Westentasche, in der ich loses Silbergeld
-trug, und warf dem Weib ein paar gro&szlig;e
-Silberm&uuml;nzen zu. Sie sah mich erstaunt an,
-fing blitzschnell das Geld auf und blieb zur&uuml;ck.
-Zuf&auml;llig bog der Wagen um eine Wegecke.
-Ich konnte jetzt das Weib, das in dem
-Haufen der bellenden Hunde stillstand, noch
-einmal von weitem sehen. Sie sch&uuml;ttelte fortw&auml;hrend
-den Kopf, als verst&uuml;nde sie nicht,
-wie sie zu dem Gelde gekommen sei. Sie
-hielt die Haarpfeile im Mund zwischen den
-Z&auml;hnen und wickelte die Geldst&uuml;cke in ein
-kleines St&uuml;ckchen gelben Tuches. Vielleicht war
-es dasselbe St&uuml;ckchen Tuch, in welchem vorher
-die Silberkette und das Amulett eingewickelt
-gewesen.</p>
-
-<p>Ich verga&szlig; die Begebenheit, denn es ereignete
- <span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span>
-sich jeden Augenblick viel Neues in
-der mich umgebenden Reisewelt. Ich entsinne
-mich nur, da&szlig;, als ich eine halbe Stunde
-sp&auml;ter im Hotel das Amulett betrachtete, mir
-nicht mehr dieses eine Weib in Erinnerung
-kam, sondern die zwei anderen, die zur&uuml;ckgeblieben
-waren, und deren Wangen mit einer
-roten Masse eingerieben waren. Ich fragte
-einen der tibetanischen Fellverk&auml;ufer, die in
-der Vorhalle des Hotels bei ihren Pelzwaren
-kauerten, und die alle Englisch sprachen, mit
-was sich die Weiber hier die Wangen einrieben,
-da&szlig; sie so braunrot w&uuml;rden. Er sagte,
-da&szlig; die Farbe Ochsenblut sei. Aber nur die
-Witwen bestreichen sich die Wangen mit
-Ochsenblut und nur diejenigen Witfrauen,
-die den M&auml;nnern zeigen m&ouml;chten, da&szlig; sie
-wieder heiraten wollen.</p>
-
-<p>W&auml;hrend ich noch sprach, l&auml;utete die erste
-Dinnerglocke im Stiegenhaus des Hotels, die
-Glocke, welche die reisenden Damen und
-Herren darauf aufmerksam macht, da&szlig; es an
-der Zeit ist, sich f&uuml;r das Mittagessen, da&szlig; um
-7 Uhr serviert wird, umzukleiden. Denn auch
-hoch oben im Himalaja erscheinen die englischen
-Herren abends in Frack und Smoking
-und die Damen in Schleppkleidern, tief
- <span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span>
-ausgeschnitten und frisiert, als w&auml;ren sie f&uuml;r
-eine Galaoper geschm&uuml;ckt.</p>
-
-<p>Ich ging in mein Zimmer, wo eben ein
-tibetanischer Zimmerbursche das Kaminfeuer
-angez&uuml;ndet hatte und jetzt nebenan im Baderaum,
-welcher zum Zimmer geh&ouml;rte, Wasser
-in die Badewanne schleppte.</p>
-
-<p>Der Baderaum hatte einen besonderen Eingang
-durch einen Balkon, der an der R&uuml;ckseite
-des Hauses entlang lief. Nachdem das
-Bad hergerichtet war, murmelte der tibetanische
-Diener sein »all right Sir« und verschwand
-durch die Hintert&uuml;r des Badezimmers.</p>
-
-<p>Nachdem ich ins Bad gestiegen war und
-aufrecht im dampfenden Wasser stand und
-einige Turn&uuml;bungen ausf&uuml;hrte, f&uuml;hlte ich im
-R&uuml;cken einen eiskalten Luftstrom, als ob jemand
-die Hintert&uuml;r des Baderaumes zum Balkon
-ge&ouml;ffnet habe. Ich rufe auf Englisch:
-»T&uuml;r zu!« Und um mich vor dem eisigen
-Luftstrom zu sch&uuml;tzen, tauche ich im hei&szlig;en
-Wasser der Badewanne bis zum Hals unter.
-Ich bemerke zugleich durch den Dampf, der
-das Zimmer f&uuml;llte, den Schatten einer Gestalt
-und frage: »Wer ist da?«</p>
-
-<p>Nur der Strahl des Kaminfeuers fiel von
- <span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span>
-meinem Schlafzimmer in den Baderaum herein,
-und ich merkte zu meinem Erstaunen, da&szlig;
-die kleine Lampe, welche der Diener in eine
-Fensternische gestellt hatte, die aber vorher
-kaum leuchtete, jetzt vollst&auml;ndig ausgegangen
-war.</p>
-
-<p>Als ich auf meine zweimaligen Zurufe keine
-Antwort bekam, erhob ich mich wieder aus
-dem dampfenden Wasser. Im selben Augenblick
-f&uuml;hlte ich wieder den Eishauch von der
-T&uuml;re her, die wahrscheinlich wieder hinter
-dem Dampfnebel ge&ouml;ffnet worden war. Der
-menschliche Schatten, den ich vorher gesehen
-hatte, war aber verschwunden.</p>
-
-<p>Mir schien, wenn ich mir die Gestalt vergegenw&auml;rtigte,
-als w&auml;re es eine Frau gewesen,
-die vorher eingetreten und die jetzt wieder
-verschwunden war.</p>
-
-<p>Ich tastete in den Dampfnebel, fragte noch
-ein paar Mal, beendete dann mein Bad schneller,
-als ich es sonst getan h&auml;tte, wickelte
-mich ins Badelaken, machte Licht im Schlafzimmer
-und leuchtete in den Baderaum,
-fand aber niemand. Dann kleidete ich
-mich an, klingelte und fragte den Diener, ob
-man jemand hereingelassen, w&auml;hrend ich im
-Bad war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-<p>Dieser sch&uuml;ttelte den Kopf und wu&szlig;te von
-nichts.</p>
-
-<p>Ich verga&szlig; auch diese Begebenheit wieder.
-Aber nach Mitternacht, als ich mich zu Bett
-legte, schlo&szlig; ich vorsichtig alle T&uuml;ren.</p>
-
-<p>Das Amulett hatte ich genau betrachtet,
-und nach dem Alter der Darmseite zu schlie&szlig;en,
-an die es gebunden und die vom Tragen
-sehr abgen&uuml;tzt war, konnte ich mir vorstellen,
-da&szlig; das Amulett wohl schon mehrere Menschenalter
-um den Hals verschiedener Personen
-gehangen und auf der Brust verschiedener
-Leute geruht haben mu&szlig;te. Bis diese
-starke Darmseite sich abn&uuml;tzen und durchwetzen
-konnte, mu&szlig;ten manche Menschenleben
-dahingegangen sein.</p>
-
-<p>Die an der M&auml;nnergestalt emporkletternde
-kleine Frauengestalt war von geschw&auml;rzter
-Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze
-zu sein.</p>
-
-<p>Klobig, simpel, primitiv war die nu&szlig;gro&szlig;e
-Figurengruppe zusammengeschwei&szlig;t, wahrscheinlich
-in irgend einer Bergschmiede tief
-im Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer
-tibetanischen Klosterschmiede gearbeitet, in
-einem jener ungeheuerlichen Kl&ouml;ster, die an
-unzug&auml;nglichen Stellen, an Bergabh&auml;ngen und
- <span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span>
-Bergseen zerstreut liegen auf der Stra&szlig;e nach
-Lassa hin, jener Stra&szlig;e, die zu der geheimnisvollsten
-Klosterstadt der Welt f&uuml;hrt.</p>
-
-<p>Ich mu&szlig;te wieder an das stattliche Tibetweib
-denken, wie es da mitten im Haufen
-bellender Hunde gestanden und gedankenvoll
-mein Geld in das gelbe Tuch gewickelt hatte.</p>
-
-<p>Pl&ouml;tzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten
-Gesicht zu schlie&szlig;en, hatte die Frau,
-als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht
-gewu&szlig;t, da&szlig; sie es mir zugeworfen hatte.
-Sie hatte eine Silberkette in der Hand gesch&uuml;ttelt,
-und wenn ich jetzt dar&uuml;ber nachdachte,
-so schien es mir, als w&auml;re ihr unbewu&szlig;t
-das Amulett aus den Fingern geglitten,
-denn ihr Gesicht war verbl&uuml;fft und nachdenklich,
-als sie meine Silberm&uuml;nzen auffing und
-einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich das Amulett
-mit meinem Gelde bezahlt, und es war
-mein. So sagte ich mir und legte mich beruhigt
-zu Bett.</p>
-
-<p>Ich wei&szlig; nicht, wie viel Stunden ich geschlafen
-hatte, als ich durch einen Knall und
-ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr
-auf und h&ouml;rte ein Ger&auml;usch wie von flatternden
-Fl&uuml;gelschl&auml;gen.</p>
-
-<p>Das Kaminfeuer war vollst&auml;ndig niedergebrannt,
- <span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span>
-und der kleine Glutbrocken leuchtete
-nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht
-mehr an die W&auml;nde, von wo aus das klatschende
-Fl&uuml;gelschlagen herkam.</p>
-
-<p>Ich machte Licht und sah ein schwarzes
-Tier, gro&szlig; wie eine Eule, von Winkel zu
-Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg,
-sah ich, da&szlig; es eine gro&szlig;e Vampirfledermaus
-war. Ich &ouml;ffnete die Schlafzimmert&uuml;re, die
-nach der Treppe ging, weit, und rief ins
-Treppenhaus hinunter, indessen ich mich in
-meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer
-sa&szlig;en immer einige Diener, die die
-Nachtwache hatten. Einer von den M&auml;nnern
-kam nun herauf, ri&szlig; die Bettdecke von meinem
-Bett und schlug mit dem Tuch nach dem Tier
-in die Luft und scheuchte die Riesenfledermaus
-durchs ge&ouml;ffnete Fenster in die Nacht
-hinaus.</p>
-
-<p>Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke
-der Scheibe eingesto&szlig;en. Doch unerkl&auml;rlich
-war es mir, wie die weiche und zartknochige
-Fledermaus es fertig gebracht hatte, die harte
-Fensterscheibe einzusto&szlig;en.</p>
-
-<p>In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Ich
-lie&szlig; das Licht brennen und befahl dem Diener,
-das Kaminfeuer zu sch&uuml;ren. Ich setzte mich
- <span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span>
-dann an den Kamin und las, das hei&szlig;t, ich
-wollte lesen, um nicht einzuschlafen. Aber
-mehrmals mu&szlig;te ich aufhorchen. Es war mir,
-als h&ouml;rte ich Schritte auf dem Balkon, auf
-welchen das zerbrochene Fenster f&uuml;hrte.</p>
-
-<p>Ich sah vom Lesen nicht auf. Ich sagte
-mir, es wird einer der Diener sein, der sich
-&uuml;berzeugen will, ob mein Kaminfeuer noch
-brennt, und der mich nicht zu st&ouml;ren wagt
-und deshalb auf dem Balkon herumschleicht
-und hereinsieht.</p>
-
-<p>Nach einer Stunde war mir, als verbreite
-sich ein durchdringender Blumengeruch im
-Zimmer. Ich schlo&szlig; die Augen, lehnte meinen
-Kopf im Ledersessel zur&uuml;ck und &uuml;berlegte,
-ob die Nachtnebel, die aus den Himalajateeg&auml;rten
-und aus der indischen Tiefebene
-heraufstiegen, solch einen bet&auml;ubenden Bl&uuml;tengeruch
-mit sich f&uuml;hren k&ouml;nnen. Durch
-das zerbrochene Fenster schien der Geruch
-mit dem Nebelrauch hereinzuziehen, denn ich
-sah einen feinen bl&auml;ulichen Dampf, der vom
-zerbrochenen Fenster her das Zimmer erf&uuml;llte.
-Ich wollte aufstehen, ein Handtuch oder einen
-Reiseschal nehmen und die zerbrochene Scheibenecke
-zustopfen, um den bet&auml;ubenden Nebel
-abzuwehren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span></p>
-
-<p>Aber es blieb bei dem in meinem Gehirn
-sich immer wiederholenden Wunsch, aufzustehen.
-Meine Augen fielen zu. Einige Zeit
-hielt ich das Buch noch in der einen Hand
-fest. Aber das Buch schien immer gr&ouml;&szlig;er
-und schwerer zu werden. Das Buch wuchs
-und stand vor mir wie die Wand so gro&szlig;. Und
-immer, wenn ich mich aufrichten wollte, stand
-vor mir das aufgerichtete wandgro&szlig;e Buch.
-Es war mir, als wohne ich nicht mehr in
-einem Zimmer. Ich wohnte in einem Buch.
-Und ich hatte das Gef&uuml;hl, dieses Riesenbuch
-k&ouml;nnte zuklappen und mich zwischen seinen
-Seiten erdr&uuml;cken. Das Buch roch so s&uuml;&szlig; wie
-die S&uuml;&szlig;e aus einem alten Schrank, in welchem
-getrocknete Blumen und Lavendel lagen. Mit
-diesem gemischten Gef&uuml;hl von S&uuml;&szlig;e und
-dr&uuml;ckender Bangigkeit verbrachte ich, wie es
-mir schien, Jahre, ohne da&szlig; sich etwas in
-meinem Zustande &auml;nderte.</p>
-
-<p>Ich wachte durch ein Klopfen auf. Es
-klopfte irgendwo jemand auf meinen Sch&auml;del.
-Es wurde lange und heftig geklopft. Bald
-war es mir auch wieder, als klopfe man schon
-jahrelang. Ich horchte auf. Meine Augen
-&ouml;ffneten sich und sahen immer noch Kaminglut.
-Drau&szlig;en war es immer noch Nacht.
- <span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span>
-Das Klopfen kam von den verschiedenen
-Zimmert&uuml;ren im Korridor. Die Hotelg&auml;ste
-wurden geweckt.</p>
-
-<p>Ich erinnerte mich jetzt, da&szlig; unsere Reisegesellschaft,
-die zehn Damen und Herren, die
-sich hier in Darjeeling im Hotel zusammengefunden,
-verabredet hatten, um drei Uhr
-morgens bei Mondschein aufzubrechen, um
-auf Pa&szlig;wegen zu dem zweitausend Fu&szlig; h&ouml;her
-gelegenen »Tigerhill« zu reiten, wo man den
-Sonnenaufgang &uuml;ber dem Mont Everest und
-anderen Riesen des Himalaja erwarten wollte.</p>
-
-<p>Im Zimmer war noch immer der s&uuml;&szlig;liche
-Dunst. Ich kleidete mich im halbtrunkenen
-Zustand an. Ein Diener brachte mir dann
-den Morgentee und sagte, da&szlig; die Pferde
-gesattelt seien und unten an der Veranda
-warten.</p>
-
-<p>Als ich ein paar Minuten sp&auml;ter aufs Pferd
-stieg, freute ich mich &uuml;ber die klare Bergluft,
-&uuml;ber den eisklaren Halbmond, der am Himmel
-hing, und &uuml;ber den reinen Neuschnee, der
-gefallen war, und ich hatte bald ganz und
-gar den Blumendunst vergessen und die letzten
-Stunden jenes schweren Schlafes, der
-mehr einem Alpdruck als einem gesunden
-Schlaf &auml;hnlich gewesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span></p>
-
-<p>Auf den schmalen Pa&szlig;wegen, auf denen
-die Pferde hintereinander schreiten mu&szlig;ten,
-schwiegen das Geplauder und Gel&auml;chter der
-Damen und Herren. Es war, als ritten wir
-nicht auf der Erde, sondern auf Wolken, an
-Wolkenr&auml;ndern entlang. Die Mondsichel hatte
-nicht Kraft genug, die Himalajagr&uuml;nde auszuleuchten.
-Meere von Finsternis lagen an
-den R&auml;ndern der Pa&szlig;wege, die nur einige
-Hufbreiten breit auf den Berggraten entlang
-zogen. B&auml;ume, die so alt waren, da&szlig; sie kein
-Blatt mehr trieben und nur wie moosbehangene
-Skelette ragten, waren durch Nebel und
-Schnee wie vom Erdboden abgeschnitten und
-hingen in der Luft wie vom Himmel herab.
-Einige waren wie hausgro&szlig;e Skelette ungeheuerlicher
-Flederm&auml;use. Diese Gespensterb&auml;ume
-und der jasminwei&szlig;e Mond auf dem
-gr&uuml;nlichen Nacht&auml;ther erinnerten mich wieder
-an mein Nachterlebnis. Aber die gro&szlig;en ge&ouml;ffneten
-unergr&uuml;ndlichen Himalajaabgr&uuml;nde,
-die den Eindruck gaben, als k&ouml;nnte man so
-tief in die finstere Erde hineinsehen, so tief
-wie in den Nachthimmel, diese Abgr&uuml;nde, an
-denen die Pferde zagend und tastend und
-lautlos im glitschigen Schnee wie balancierend
-zwischen Leben und Tod entlang gingen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span>
-verschluckten R&uuml;ckerinnerungen und Gedanken,
-diese Abgr&uuml;nde wollten mich einschl&auml;fern,
-st&auml;rker noch als der Blumengeruch es vorher
-getan hatte.</p>
-
-<p>Der warme, schwei&szlig;dampfende Pferder&uuml;cken,
-der mich trug und der mich r&uuml;ttelte, war das
-einzige St&uuml;ck Wirklichkeit, das ich noch f&uuml;hlte,
-denn der Traumzustand der Gespensterlandschaft
-wollte sich mit dem Traumzustand
-meiner noch nicht v&ouml;llig wachen Gedanken
-vermischen und mich in die Abgr&uuml;nde ziehen.</p>
-
-<p>Endlich verfl&uuml;chtete sich die Nacht, und
-wir erreichten in der blaugrauen D&auml;mmerung,
-die dem Sonnenaufgang vorausgeht, die H&ouml;he
-des Tigerhills.</p>
-
-<p>Tibetanische Diener waren vom Hotel vorausgeschickt
-worden. Ein gro&szlig;er Holzsto&szlig;
-war angez&uuml;ndet worden, aber das Holz war
-na&szlig; und rauchte mehr als es brannte. Der
-Schnee war im Umkreis des Feuers weggeschmolzen.
-Wir versuchten, unsere vom Reiten
-erstarrten F&uuml;&szlig;e beim Feuer zu w&auml;rmen, umwanderten
-stampfend den qualmenden Holzsto&szlig;,
-vertrieben uns die Zeit mit Teetrinken
-und warteten auf die ersten Zeichen des
-Sonnenaufgangs.</p>
-
-<p>Auf einmal sagte jemand neben mir: »Das
- <span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span>
-ist der Schmetterlingsh&auml;ndler!« Der Genannte
-war ein Deutsch-Engl&auml;nder aus Darjeeling,
-der einen tibetanischen Antiquit&auml;tenladen dort
-hatte und zugleich einen Handel mit Himalajaschmetterlingen
-trieb, von denen er die sch&ouml;nsten
-Exemplare auf Bestellung nach Europa sandte.</p>
-
-<p>Wie der Mann auf den Tigerhill gekommen,
-ob er uns auf einer Nachtreise aus dem
-Inneren des Gebirges begegnet war, oder ob
-er die Reisegesellschaft von Darjeeling aus
-begleitet hatte, wu&szlig;te ich nicht. Ich dachte
-nur im selben Augenblick, wie ich das Wort
-»Schmetterlingsh&auml;ndler« h&ouml;rte, an die seltsame
-Trommel, die ich in seinem Laden zwei Tage
-vorher gekauft hatte; eine Trommel, angefertigt
-aus den Hirnschalen zweier Menschen,
-aus der Hirnschale eines Mannes und aus der
-eines Weibes. Jede Schalenh&ouml;hle war mit
-einer Membrane &uuml;berzogen; an der W&ouml;lbung
-aber waren die beiden Gehirnschalen zusammengeschwei&szlig;t,
-so da&szlig; sie zwei kleine
-Trommeln bildeten. Sch&uuml;ttelte man diese, so
-schlug in jeder Sch&auml;delh&ouml;hle eine kleine, hinter
-der Membrane eingesperrte Elfenbeinkugel an
-die Sch&auml;delwand und an die Membrane und
-trommelte unausgesetzt. Der Schmetterlingsh&auml;ndler
-hatte mir erz&auml;hlt:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span></p>
-
-<p>»Ich habe diese Trommel von einem tibetanischen
-Priester in einem tibetanischen Tempel
-gekauft. Es sind die Sch&auml;delschalen eines
-treulosen Mannes und eines treulosen Weibes.
-Diese Trommel wurde t&auml;glich zur Gebetstunde
-angeschlagen, denn die Treulosen sollen, ewig
-aneinander gekittet, im Tode keine Ruhe
-haben. Der Priester, der auf dem Leichenstein
-beim Tempel die Leichen zu zerschneiden
-und den V&ouml;geln hinzuwerfen hat, hat das
-Recht, die Sch&auml;delschalen zweier, die die
-Treue gebrochen haben, nach dem Tode zu
-solchen Trommeln zu verarbeiten.« &mdash;</p>
-
-<p>Mit gro&szlig;er M&uuml;he hatte der Schmetterlingsh&auml;ndler
-die Trommel aus dem Tempel erhalten.</p>
-
-<p>Machte es die d&uuml;nne hohe Gebirgsluft, da&szlig;
-meine Ohren jetzt pl&ouml;tzlich aus allen finstern
-Himalajaabgr&uuml;nden ein Donnern h&ouml;rten, als
-seien die Bergschl&uuml;nde trommelnde Sch&auml;delh&ouml;hlen
-von Ungetreuen?</p>
-
-<p>»H&ouml;ren Sie die Lawinen, die bei Sonnenaufgang
-sich von den Gletschern l&ouml;sen und
-in die Tiefe donnern?« sagte ein Herr neben
-mir zu einer Dame. Dann war tiefe Stille.
-Keine Teetasse klapperte, kein Schritt im Schnee
-knirschte mehr. Die Pferde spitzten die Ohren
- <span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span>
-und schnupperten. Dr&uuml;ben im Nebel, &uuml;ber
-einem tageweiten Abgrund, erschien der fleischige
-Arm eines Riesen, die rosige fleischige
-Brust einer Frau, Nacken, Schultern, H&uuml;ften
-in gigantischen Dimensionen. Es waren die
-Umrisse des Mount Everest und des Kantschindschanga,
-die wie ein nacktes Riesenpaar
-h&ouml;her als der Mond im Himmel lagen.</p>
-
-<p>»Die Sonne,« fl&uuml;sterte eine Dame.</p>
-
-<p>Ich sah &uuml;ber meine Schulter von den Bergen
-fort und entdeckte eine rote gl&uuml;hende Lawine,
-die sich auf Nebelfeldern kaum merklich fortrollte
-und gr&ouml;&szlig;er und r&ouml;ter wurde, &mdash; die Sonne.
-Wie eine gro&szlig;e rote Sintflut gab sie den
-Gletschern Blut und machte den Schnee zu
-Fleisch.</p>
-
-<p>Im selben Augenblick, mitten in diesem
-feierlichsten Augenblick des Sonnenaufgangs,
-nahm jemand meine Hand, f&uuml;hrte meine Finger
-in eine Westentasche und sagte: Wo ist das
-Amulett, das du gestern kauftest? Sehen die
-gro&szlig;en fleischfarbenen Gletscher dort nicht
-aus wie die M&auml;nner- und die Frauenfigur deines
-Amuletts, das du der Tibetfrau gestern abkauftest?</p>
-
-<p>Das Amulett war nicht in meiner Westentasche.
-Aber das Geld, das ich daf&uuml;r bezahlt
- <span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span>
-hatte, die drei gro&szlig;en Silberst&uuml;cke, befand
-sich wieder in meiner Westentasche.</p>
-
-<p>Der Gedanke an das Amulett hatte meine
-Hand in die Westentasche geschoben.</p>
-
-<p>Wer hat jetzt laut gelacht? Alle Gesichter
-sahen sich nach mir um. Es wurde mir unheimlich
-vor mir selbst. Wie ich meinen
-Pelzrock ge&ouml;ffnet hatte, um das Amulett zu
-suchen, stieg mir aus der Kleiderw&auml;rme wieder
-jener geheimnisvolle Blumengeruch entgegen.
-Aber jetzt bei der aufgehenden Sonne, in der
-Schneefrische des Morgens, erkannte ich in
-dem Geruch ein bet&auml;ubendes tibetanisches
-Tempelr&auml;ucherwerk, das, in gro&szlig;en Massen
-eingeatmet, einschl&auml;fert und Visionen verschafft,
-und dieser Geruch steckte noch von
-der Nacht her in meinen Kleidern.</p>
-
-<p>Auf dem Pferder&uuml;cken vorhin war mir
-schon der Geruch stark in die Nase gestiegen.
-Ich selbst war aber noch zu sehr von der
-Schlafzimmerluft bet&auml;ubt gewesen, um seinen
-Ursprung zu erkennen.</p>
-
-<p>Jetzt wandte ich mich mit einem energischen
-Ruck an den Schmetterlingsh&auml;ndler, um ihn
-zu fragen: »Glauben Sie, da&szlig; es Amulette
-gibt, die ihren Besitzern so teuer sind, da&szlig;
-sie sie f&uuml;r nichts verkaufen w&uuml;rden? Glauben
- <span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span>
-Sie, da&szlig;, wenn ein tibetanisches Weib ein
-solches Amulett zuf&auml;llig von sich geschleudert
-h&auml;tte, es alle Listen seiner listigen Natur
-anwenden w&uuml;rde, um das Amulett wieder zu
-erhalten? Glauben Sie, da&szlig; es durch Hintert&uuml;ren
-in die H&auml;user eindringen w&uuml;rde und
-sich nicht scheuen w&uuml;rde ein Fenster einzusto&szlig;en,
-um das Amulett zu erhalten?</p>
-
-<p>Sie werden mir sagen: &rsaquo;Das zerbrechende
-Fenster w&uuml;rde jedermann wecken!&lsaquo; Aber ich
-sage Ihnen: Man kann zugleich durch das
-zerbrochene Fenster eine lebende Fledermaus
-ins Zimmer werfen, die die Aufmerksamkeit
-auf sich lenkt und nicht den Gedanken aufkommen
-l&auml;&szlig;t, da&szlig; ein Mensch mit Absicht
-das Fenster zerschlagen h&auml;tte. Bet&auml;ubt man
-dann noch durch eine R&auml;ucherstange den im
-Zimmer Anwesenden, so ist es ein leichtes,
-nachher mit dem Arm durch die zerbrochene
-Fensterscheibe in das Zimmer zu langen, den
-Fensterknopf von innen aufzudr&uuml;cken, durchs
-ge&ouml;ffnete Fenster vom Balkon hineinzusteigen,
-das verlorene Amulett zu suchen, zu finden
-und, wenn eine Kaufsumme daf&uuml;r hergegeben
-war, das Geld wieder hinzulegen und das
-Amulett mitzunehmen.«</p>
-
-<p>Alles dieses wollte ich mit energischem Entschlu&szlig;
- <span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span>
-den Schmetterlingsh&auml;ndler jetzt fragen.
-Ich &ouml;ffnete den Mund. Aber die Worte, die
-ich sprechen wollte, verwandelten sich in
-Atemrauch, und ich h&ouml;rte in meinen Ohren,
-da&szlig; ich sagte: »Wenn Sie wieder einige seltene
-Exemplare von Himalajaschmetterlingen
-haben, k&ouml;nnen Sie mir dieselben an meine
-Adresse nach Europa senden.« Dabei nahm
-ich aus meiner Westentasche dasselbe Silbergeld,
-womit ich gestern schon das Amulett
-bezahlt hatte, und bezahlte im voraus den
-Preis f&uuml;r drei Schmetterlinge.</p>
-
-<p>Ich hatte nichts mehr gesprochen. Die Sonne
-war bald wieder in Nebeln verschwunden,
-und wir ritten im Tageslicht, das aber mehr
-dem Mondlicht glich, an den nebelnden Abgr&uuml;nden
-zur&uuml;ck nach Darjeeling.</p>
-
-<p>Das Amulett fand ich nicht mehr. Es war
-nicht auf meinem Tisch zu Hause im Hotelzimmer,
-nicht in meinen Taschen, nicht in
-meinen Koffern.</p>
-
-<p>Ich erinnerte mich jetzt, da&szlig;, als ich gestern
-abend nach dem Diner durch die Billards&auml;le
-zu den Spielzimmern gegangen war, wo die
-befrackten Herren und die dekolletierten
-Damen an den gr&uuml;nen Spieltischen vor den
-lodernden Kaminen sa&szlig;en, mich einen Augenblick
- <span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span>
-eine Sehnsucht gepackt hatte, fortzukommen
-aus den europ&auml;ischen S&auml;len, die man
-hier in Asien sogar noch hoch im Himalaja
-f&uuml;r verw&ouml;hnte Million&auml;re und Milliard&auml;re hingestellt
-hat.</p>
-
-<p>Ich war dann auf die breite Hotelterrasse
-hinausgetreten und hatte dem Hexenspiel der
-rollenden Bergnebel &uuml;ber den Schluchten zugesehen
-und den Sternen, die &uuml;ber den bewegten
-Nebeln zu tanzen schienen. Dann
-fielen ein paar Regentropfen, mit Schneeflocken
-untermischt, aus fortfl&uuml;chtenden Nebelwellen,
-die um den Mond kreiselten.</p>
-
-<p>Als ich wieder ins Hotel zur&uuml;ckgehen wollte,
-war mir, als s&auml;he ich ein gro&szlig;es Tier unter
-der Terrassenbr&uuml;stung um die Hausecke laufen.
-Gestern abend hatte ich gedacht, es sei
-ein Hund. Jetzt wu&szlig;te ich aber, da&szlig; es ein
-Mensch gewesen, der auf allen vieren ging,
-eine Frau, wahrscheinlich die Frau, deren Amulett
-ich besa&szlig;, die w&auml;hrend der ganzen Nacht
-um das Hotel geschlichen war, und die sich
-mit aller List das Amulett aus meinem Zimmer
-von meinem Tisch geholt hatte.</p>
-
-<p>Dies bedachte ich jetzt nach der R&uuml;ckkunft
-vom Mondscheinritt im Hotel und sehnte
-mich, mit jemandem dar&uuml;ber zu sprechen.
- <span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span>
-Aber meine europ&auml;ischen Reisegef&auml;hrten schienen
-mir alle zu banal, als da&szlig; ich Lust gehabt
-h&auml;tte, sie in die Mystik dieses Nachterlebnisses
-einzuweihen.</p>
-
-<p>Nachmittags um drei Uhr sollte mein Zug
-abgehen, der mich zum Abend wieder hinunter
-in die Kaffeeg&auml;rten und Zuckerrohrpflanzungen
-Indiens bringen w&uuml;rde, und der
-am n&auml;chsten Morgen mit mir in Kalkutta eintreffen
-sollte.</p>
-
-<p>Auf dem Weg zum Bergbahnhof konnte
-ich mich nicht enthalten, die Rikscha am Laden
-des Schmetterlingsh&auml;ndlers warten zu lassen.
-Ich stieg aus. Als ich die Ladent&uuml;re &ouml;ffnen
-will, wird seltsamerweise dieselbe schon von
-Innen aufgemacht, und an mir vorbei l&auml;uft
-ein tibetanisches Weib heraus. Ich h&auml;tte aber
-die Frau kaum wiedererkannt, da mir alle
-Tibetanerinnen untereinander so &auml;hnlich schienen,
-sowie auch die Neger und Chinesen f&uuml;r den
-Europ&auml;er immer einander &auml;hnlich sehen, h&auml;tte
-die Frau nicht mit einer heftig erschrockenen
-Bewegung in die Brustfalten ihres Mantelrockes
-gegriffen, als wolle sie dort etwas besch&uuml;tzen,
-was ich ihr h&auml;tte entrei&szlig;en k&ouml;nnen.
-Mir schien, als ob sie hohl&auml;ugiger und blasser
-w&auml;re als am Tage vorher. Laut mit sich selbst
- <span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span>
-sprechend und mit den Ellenbogen in die
-Luft fuchtelnd, als m&uuml;&szlig;te sie hundert H&auml;nde
-abwehren, die sich nach ihr streckten, st&uuml;rzte
-sie die Bergstra&szlig;e hinunter fort, begleitet vom
-Gel&auml;chter meiner Rikschaschieber, welche das
-Gebaren der Frau noch sonderbarer fanden
-als ich.</p>
-
-<p>Im Laden kam ich nicht dazu, dem Schmetterlingsh&auml;ndler
-vom Amulett zu sprechen, denn
-ehe ich noch den Mund &ouml;ffnen konnte, zeigte
-er mir in einem geschnitzten K&auml;stchen einen
-aufgespie&szlig;ten sogenannten Handfl&auml;chenschmetterling.
-Jene Frau hatte ihm eben den
-seltenen Schmetterling verkauft. Er wurde
-in einem K&auml;stchen aus Kampferholz aufbewahrt,
-denn der Geruch dieses Holzes sch&uuml;tzt
-die Schmetterlinge gegen zerst&ouml;rende Witterungseinfl&uuml;sse.
-Durch Generationen hindurch
-kann man einen solchen Schmetterling im
-Kampferholz bei vollem Glanz erhalten. Auch
-diese Frau hatte den Schmetterling schon lange
-als ein Erbst&uuml;ck ihrer Familie besessen. Warum
-sie ihn verkaufen wollte, da er doch
-unbezahlbar war, konnte der Schmetterlingsh&auml;ndler
-nicht begreifen, denn ein Handfl&auml;chenschmetterling
-wird alle hundert Jahre einmal
-im Gebirge gefunden. Auf seinen Fl&uuml;geln
- <span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span>
-sind dunkle Linien, deren Zeichnung den
-Linien in der Handfl&auml;che einer Menschenhand
-gleichen.</p>
-
-<p>»Diese Frau,« sagte der Schmetterlingsh&auml;ndler,
-»mu&szlig; vielleicht f&uuml;r irgendeine eingebildete
-Schuld ein Tempelopfer bringen, da sie mit
-einem solchen Schmetterling ihren besten
-Familienschatz verkauft, um Opfergeld zu erlangen.«</p>
-
-<p>Ich erstand den Schmetterling. Und kaum
-hatte ich ihn in H&auml;nden, so wurde mir auch,
-ohne da&szlig; ich fragte, eine Erkl&auml;rung &uuml;ber meinen
-Amulettverlust zuteil.</p>
-
-<p>Der Schmetterlingsh&auml;ndler erz&auml;hlte mir, da&szlig;
-jene Frau eine sogenannte »ewige Witwe« sei,
-eine von jenen, die ihre Wangen nicht mit
-Ochsenblut bemalen und nicht mehr das Verlangen
-haben, einen anderen Mann als den
-Gestorbenen zu lieben. Um aber auch des
-Toten sicher zu sein, da&szlig; dieser ihr im n&auml;chsten
-Leben treu wird, wie sie ihm treu sein
-will, tr&auml;gt eine solche Frau an einer unzerrei&szlig;baren
-Darmseite ein Amulett an der Brust,
-welches ein Menschenpaar darstellt. Wenn
-die Witwe aber dieses Amulett verliert, &mdash;
-denn ein Amulett wird eine Frau nie verkaufen,
-&mdash; hat sie damit die Treue des Toten
- <span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span>
-verloren und wird ihren Geliebten im n&auml;chsten
-Leben nicht wieder finden.</p>
-
-<p>Ein solches Amulett wird niemals verkauft,
-und sollte es verloren gehen, so setzt eine
-jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um
-das kostbare Amulett der Treue wieder zu
-erhalten. &mdash;</p>
-
-<p>W&auml;hrend dieses Nachmittags, als ich im
-Zug sa&szlig; und in die finsteren Abgr&uuml;nde des
-Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf,
-der aus der Lokomotive kam, und der in den
-Dschungelw&auml;ldern und an den Urwald&auml;sten
-h&auml;ngen blieb, hunderte Male die Gestalt jener
-ewigen Witwe, wie sie bald geb&uuml;ckt und geduckt
-suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte
-&uuml;ber die Urwaldwipfel, wie sie die
-Arme an die Brust dr&uuml;ckte und nach dem
-Amulett f&uuml;hlte, das ihr die Treue und die
-Liebe ihres Geliebten im n&auml;chsten Leben versprach.</p>
-
-<p class="pmb3">Dann, als es dunkel wurde und ich drau&szlig;en
-keinen Wald und keinen Dampf mehr sah,
-betrachtete ich lange bei der tr&uuml;ben Wagenlampe
-den gro&szlig;en Handfl&auml;chenschmetterling
-in dem Kampferk&auml;stchen, dessen Linien so
-verschlungen sind wie die Schicksalslinien in
-den Handfl&auml;chen der Menschen und dessen
- <span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span>
-Linien in dunkle Nachtr&auml;nder auslaufen, in
-unergr&uuml;ndliche Finsternisse, &auml;hnlich den Himalajaabgr&uuml;nden,
-die voll Finsternis und Aberglauben
-drau&szlig;en dicht bei den Schienengeleisen
-der Bergbahn drohten.</p>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-
-<h2 class="no-break" id="Hacksel_und_die_Bergwerkflohe">H&auml;cksel und die Bergwerkfl&ouml;he</h2>
-</div>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-
-<p>H&auml;cksel war der Sohn des Finsterer, und
-der war Bergmann im Annaschacht
-gewesen. Und Finsterer war der Sohn des
-Labemann, und der war Bergmann im Annaschacht
-gewesen. Und Labemann war der
-Sohn des Flegels, und Flegel war Bergmann
-im Annaschacht gewesen. Keiner von denen
-war ehelich geboren. Dieses aber ist der
-Stammbaum der Geliebten der M&uuml;tter jener
-Bergm&auml;nner.</p>
-
-<p>H&auml;cksel war, was alle seine au&szlig;erehelichen
-Vorfahren gewesen, Bergmann, und er war
-mehr unter der Erde als auf der Erde zu
-Hause.</p>
-
-<p>Der junge Bursch von f&uuml;nfundzwanzig
-Jahren war, solange er sich unter der Erde
-befand, h&ouml;flich, friedlich und zufrieden. Aber
-oben auf der Erdoberfl&auml;che, beim Tageslicht
-besehen, schien H&auml;cksel das Gegenteil zu
-sein, st&ouml;rrisch, unfreundlich und ungem&uuml;tlich.
-Teils war es das Licht und die laute Welt,
- <span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span>
-die ihn im Gegensatz zur molligen Grabesstille
-und traulichen Dunkelheit, an die er
-unter der Erde gew&ouml;hnt war, immer wieder
-von neuem reizten. Aber Licht und L&auml;rm
-waren es nicht allein, die den stillen harmlosen
-Burschen in ein widerhaariges Ekel verwandelten.
-Wenn H&auml;cksel sichs klar gemacht
-h&auml;tte, warum er sich oben auf der Erde,
-au&szlig;erhalb des Schachtes, verwandelte, so w&uuml;rde
-er erz&auml;hlt haben, da&szlig; ihm drau&szlig;en im Leben,
-au&szlig;erhalb der Kohlengrube, seine liebsten
-Unterhalter fehlten, die Bergwerkfl&ouml;he, denen
-er zugetan war, und die neben der Arbeit
-seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch
-nahmen.</p>
-
-<p>Die Bergwerkfl&ouml;he aber lieben nur die laue
-W&auml;rme, die im Erdinnern herrscht, und sind
-nicht zu bewegen, jemals an die Oberfl&auml;che
-zu kommen. Sie begleiten den Bergmann,
-den sie sich als Nahrungsfeld ausersehen
-haben, nie ans Licht. Sie springen immer im
-letzten Augenblick ab, ehe der F&ouml;rderkorb
-den Schacht verl&auml;&szlig;t.</p>
-
-<p>H&auml;cksel hatte sich durch nichts als durch
-sein s&uuml;&szlig;es Blut bei den Fl&ouml;hen des Annaschachtes
-beliebt gemacht. Vielleicht war er
-deshalb beliebter, weil sein Blut seit Geschlechtern
-<span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span>
-au&szlig;erehelich, also wilds&uuml;&szlig;, gezeugt
-worden war.</p>
-
-<p>Wenn keiner einen Floh im Schacht hatte,
-H&auml;cksel hatte immer einen zur Unterhaltung
-bereit, und dieses verschaffte ihm manchen
-wahren Freund im Bergwerk. Denn die Bergleute
-rechnen in ihrem unterirdischen Dasein
-die Anregung und Unterhaltung, die ihnen
-die Bergwerkfl&ouml;he bieten, als eine Erh&ouml;hung
-ihrer lahmgelegten Lebenslust.</p>
-
-<p>Wenn irgendwo in einem entlegenen Stollen
-zur Erh&ouml;hung der Geselligkeit ein Floh fehlte,
-schickten die Leute hin zu H&auml;cksel und erhielten
-auch schon f&uuml;r einen Schluck kalten
-Kaffee einen sch&ouml;nen ausgewachsenen Floh
-von H&auml;cksel geliefert.</p>
-
-<p>Man wei&szlig; aber, da&szlig; durch fortgesetzte Inzucht
-auch die lebhaftesten Fl&ouml;he allm&auml;hlich
-verbl&ouml;den k&ouml;nnen, und das geschah, &mdash; nachdem
-aus den Zeiten Flegels, Labemanns und Finsterers,
-die, solange das Bergwerk bestand, drei
-Menschengeschlechter hindurch, immer nur
-untereinander gelebt und sich fortgezeugt
-hatten, &mdash; zur Zeit, da H&auml;cksel f&uuml;nfundzwanzig
-Jahre alt wurde und von Schw&auml;chezust&auml;nden
-befallen war. Die Bergleute stellten fest, da&szlig;
-die heutigen Fl&ouml;he ihres Geschlechtes nicht
- <span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span>
-mehr so hoch springen konnten, da&szlig; sie sich
-auch nicht mehr so lebhaft untereinander angezogen
-f&uuml;hlten, nicht mehr dieselben T&auml;nze
-vollf&uuml;hrten, die vorher die halbnackten Bergleute
-auf Brust und R&uuml;cken ihrer Kameraden
-bewundert hatten. Man konnte ihrem Mutterwitz
-nicht mehr vertrauen. Sie lie&szlig;en sich von
-jeder t&auml;ppischen Hand fangen. Sie versimpelten
-so sehr, da&szlig; es eine Schande f&uuml;r das
-ganze Bergwerk war.</p>
-
-<p>Eines Tages, es war im Februar, im Taumonat,
-der die Erde aufweckt und auch die
-Triebe der Bergwerkfl&ouml;he in der Erde beleben
-kann, f&uuml;hlte sich H&auml;cksel, der eben Feierabend
-machen wollte und seinen Pickel, womit er
-Kohlen gehackt hatte, an die Fl&ouml;tzmauer
-stellte, besonders lebhaft hinterm linken Ohr
-gebissen, so lebhaft, wie seit langem nicht
-mehr. H&auml;cksel glaubte, es sei St&auml;nker, sein
-Leibfloh, der fr&uuml;hlingslustig geworden w&auml;re.
-Aber als der Bergmann mit dem Zeigefinger
-hinters Ohr f&uuml;hlte, merkte er, da&szlig; ein kleiner,
-zierlicher, weiblicher Floh dasa&szlig;, und er erkannte
-auch bald, da&szlig; es Zinnoberchen war,
-eine Fl&ouml;hin, die so genannt wurde, weil sie
-am r&ouml;testen von allen Flohdamen leuchtete,
-wenn sie sich an Menschenblut satt getrunken
- <span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span>
-hatte und man sie auf der Hand vor das
-Grubenlicht hielt. Zinnoberchen war so zart,
-da&szlig; das Menschenblut aus ihrem K&ouml;rper einen
-r&ouml;tlichen Schatten neben sie legte, wo sie gerade
-sa&szlig;.</p>
-
-<p>H&auml;cksel war &uuml;ber den unerwarteten Besuch
-ein wenig erstaunt. Denn um die Feierabendstunde,
-die die Fl&ouml;he gut kannten, war meistens
-jede Unterhaltung zwischen den Bergleuten
-und ihren lieben Leibtierchen zu Ende. Die
-kleinen Herrschaften zogen sich jeden Abend
-unaufgefordert in den Pferdestall des Bergwerks
-zur&uuml;ck. Dieser Stall lag neben den
-Kohlenschachten und befand sich ebenso wie
-diese viele Hundert Fu&szlig; unter der Erde. Die
-alten G&auml;ule, die dort fern vom Tageslicht in
-der Grube zum Ziehen der Kohlenkarren gehalten
-wurden, bekamen niemals die Sonne zu sehen
-und wurden mit der Zeit blind. Im M&auml;hnenhaar
-der Blinden, auf den R&uuml;ckenwirbeln und
-in den Schwanzhaaren &uuml;bernachteten die Bergwerkfl&ouml;he
-mit Vorliebe. Dorthin eilten sie,
-wenn die Feierabendstunde nahte.</p>
-
-<p>»Ich dachte, du w&auml;rest schon schlafen gegangen,«
-sagte H&auml;cksel, als er Zinnoberchen
-auf seinem Zeigefinger ans Grubenlicht hielt.
-»Du bist ja ganz abgeh&auml;rmt, liebes Kind,«
- <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span>
-fuhr er in Gedanken lautlos zu reden fort.
-»Ich wei&szlig;, Euch fehlt neues Blut.« Er nickte
-und h&uuml;stelte.</p>
-
-<p>Der junge H&auml;cksel war nicht stark. Er
-war schwer lungenleidend. Seine Vorfahren,
-die da unter der Erde in der weichlichen
-Luft seit einem Jahrhundert Kohlenstaub
-schluckten, hatten ihm keine starke Lunge
-vererben k&ouml;nnen. Der Bergwerksarzt hatte
-zu dem schwinds&uuml;chtigen H&auml;cksel gesagt, ein
-schwacher Mann wie er d&uuml;rfe nicht heiraten,
-und er d&uuml;rfe auch keine Frau k&uuml;ssen, da er
-mit Ku&szlig; und Umarmung nur Unheil anstiften
-k&ouml;nne. Ein Schwinds&uuml;chtiger m&uuml;sse nicht
-daran denken, Kinder zu zeugen. Durch
-ihn w&uuml;rden nur armselige kranke Menschen
-entstehen, die ihm und der Welt zur Last
-fallen w&uuml;rden.</p>
-
-<p>H&auml;cksel hatte es am Feierabend darum nie
-so eilig wie seine Kameraden, um hinauf ans
-Licht der Welt zur&uuml;ckzukehren. Ihm war im
-Bauch der Erde wohl, wo es in Dunkel und
-Einsamkeit keine W&uuml;nsche gab. Nichts erwartete
-ihn au&szlig;erhalb des Bergwerkes als ein
-Strohsack in seiner Kammer, und es lockte
-ihn nicht einmal dieser, da das Stroh ein Geheimnis
-verbarg. H&auml;cksel hatte im Stroh seit
- <span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span>
-Jahren eine alte Geldtasche verborgen. Die
-war voll alter Silbergulden. Die hatte er in
-einem blinden Stollen unter der Erde gefunden,
-in einem Gang des Bergwerks, der nur
-ihm allein bekannt war, und der im Bergwerksbuch
-als vor Jahren von einem schlagenden
-Wetter versch&uuml;ttet aus dem Bergwerkplan
-ausgestrichen und nur als blinder Stollen
-bezeichnet stand.</p>
-
-<p>H&auml;cksel hatte von jenem Ungl&uuml;ck von seinem
-Vater &ouml;fters erz&auml;hlen h&ouml;ren. Der Alte hatte
-behauptet, bei den Versch&uuml;tteten dort in dem
-blinden Stollen m&uuml;sse sich auch Geld befinden,
-denn es war bei den Verungl&uuml;ckten damals
-ein zuf&auml;lliger Besucher des Bergwerks
-mit umgekommen. Man hatte wohl versucht,
-nachzugraben, hatte aber die m&uuml;hsamen Arbeiten
-bald eingestellt und den Stollen verlassen.</p>
-
-<p>H&auml;cksel strolchte dort gern im Bergwerk
-herum und klopfte mit seinem Pickel jahraus
-jahrein nach Feierabend in dem versch&uuml;tteten
-Gang das Gestein zur Seite. Eines Tages
-stie&szlig; er auf ein Gerippe, bald auf ein zweites
-und drittes Gerippe, und dort fand er auch
-die alte Geldkatze voll alter Silbergulden bei
-den Gebeinen liegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span></p>
-
-<p>H&auml;cksel konnte gut schweigen. Wenn ihn
-manchmal der Gedanke lockte, seinen Kameraden
-von dem Fund zu erz&auml;hlen, so hustete
-er sich schnell und heftig den Sprechreiz aus
-Brust und Kehle fort.</p>
-
-<p>Das Bergwerk lag in der N&auml;he eines oberbayrischen
-Sees, in den Vorbergen der Alpen,
-und eine kleine Bummelbahn f&uuml;hrte von dort
-an den D&ouml;rfern vor&uuml;ber bis M&uuml;nchen. In
-mancher Nacht, wenn H&auml;cksel daheim in
-seiner H&uuml;tte die alten Silbergulden mit gepulverter
-Kreide blankputzte, nahm er sich
-vor, am n&auml;chsten Tag hinein nach M&uuml;nchen
-zu fahren und das Geld bei einem Wechsler
-in Markst&uuml;cke umzutauschen. Aber er hatte
-sich fest vorgenommen: zum Leben wollte er
-nichts von diesem Geld ausgeben. Das Geld
-sollte nur f&uuml;r sein Begr&auml;bnis ausgegeben werden.
-Denn der Todesgedanke war H&auml;cksels
-Lieblingsgedanke. Er sagte sich immer, vom
-Tod k&ouml;nne er nur das Beste erwarten. Vor
-allem erwartete er vom Tod Gesundheit. Wenn
-er diesen kranken, elenden, ewig h&uuml;stelnden
-K&ouml;rper abgelegt h&auml;tte, dann w&uuml;rde er gesund
-auferstehn, meinte H&auml;cksel. Es stand fest
-und klar in ihm, da&szlig; er mit seinem Tod ein
-neues und gesundes Dasein beginnen w&uuml;rde.
- <span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span>
-Darum war sein Sterben sein sch&ouml;nstes und
-stolzestes Ereignis, das er zu erwarten hatte, und
-er w&uuml;nschte sich, um diese Verwandlung von
-Krankheit zur Gesundheit w&uuml;rdig zu begehen,
-ein w&uuml;rdiges Begr&auml;bnis, eine teuere Seelenmesse,
-mit Orgel, Musik und Glockengel&auml;ute, ebenso
-wie das, das unl&auml;ngst der Hauptmann der Feuerwehr
-des Bauernortes, in welchem H&auml;cksel
-wohnte, bekommen hatte, welches ein erstklassiges
-Begr&auml;bnis gewesen war. Ob nun
-das Silbergeld im Berg bei den Gerippen
-lag, unt&auml;tig und unn&uuml;tz, oder ob es f&uuml;r ein
-sch&ouml;nes Grab und einen sch&ouml;nen Sarg Verwendung
-finden w&uuml;rde, das konnte den Gebeinen
-des Kaufmanns, den der Kohlenschutt
-deckte, wohl gleich sein.</p>
-
-<p>An diesem Feierabend, an welchem H&auml;cksel
-auf seinem Zeigefinger die kleine Fl&ouml;hin
-Zinnoberchen vor das Grubenlicht hielt, dachte
-er eben lebhaft daran, einen Tag festzusetzen,
-um endlich die Silbergulden in der Stadt in
-Markst&uuml;cke umzuwandeln, als ihm die Fl&ouml;hin
-lebhaft hinter das linke Ohr gebissen hatte.
-Dann ging er mit dem Tierchen nach dem
-Pferdestall, um Zinnoberchen sorgsam auf
-einen Pferder&uuml;cken zu setzen. Aber auf halbem
-Weg war ihm seine alte Flohbekanntschaft
- <span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span>
-vom Finger verschwunden. Er glaubte, sie
-habe allein den Weg zum Pferdestall gesucht.
-Der Floh aber war auf seine Bergwerkm&uuml;tze
-gesprungen. Dort sa&szlig; er zwischen Hutschirm
-und Band, und in der Nacht in H&auml;cksels
-Kammer blieb er beharrlich auf H&auml;cksels
-M&uuml;tze sitzen, und als es ganz still im Zimmer
-war, h&ouml;rte der Bursch den Floh auf der
-flachen M&uuml;tze leise springen.</p>
-
-<p>»Ah,« sagte H&auml;cksel zu sich, »Zinnoberchen
-hat meinen Entschlu&szlig; geh&ouml;rt! Vielleicht habe
-ich laut vor mich hingesprochen im Bergwerk
-unten? Zinnoberchen will mit nach
-M&uuml;nchen.«</p>
-
-<p>»Ja, das will ich,« gab der fr&ouml;hlich h&uuml;pfende
-Floh durch Tanzlaute auf der M&uuml;tze kund.</p>
-
-<p>In der Nacht noch band sich H&auml;cksel die
-alte Geldtasche voll Silbergulden um den
-Leib. Ehe das Tageslicht kam, setzte er seine
-M&uuml;tze auf, auf der der Floh Spr&uuml;nge machte,
-die, wenn man sie in T&ouml;ne umgesetzt h&auml;tte,
-Juchzer gewesen w&auml;ren.</p>
-
-<p>Der Bursch ging durch den Wald zur
-n&auml;chsten Bahnstation. Es war Sonntagmorgen,
-und er wollte nicht vom Bahnhof des Heimatortes
-abreisen, damit man seine Reise nicht
-bemerken sollte. Am n&auml;chsten Tag wollte
- <span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span>
-H&auml;cksel wieder zur&uuml;ckkehren und wollte eine
-Ausrede gebrauchen. Er wollte sich im Bergwerk
-entschuldigen und sagen, er habe sich
-zwei Tage im Walde verirrt und verlaufen.</p>
-
-<p>Der Floh, den morgens im kalten Februarwald
-fror, setzte sich hinter H&auml;cksels linke
-Ohrmuschel unter das warme Haar des Burschen
-und betrachtete von dort die Gegend.
-Bald merkte H&auml;cksel, da&szlig; alle Gedanken, die
-er im linken Ohr h&ouml;rte, ihm von Zinnoberchen
-eingegeben waren, und nur die Gedanken
-im rechten Ohr waren seine eigenen. So
-schritt er mit den zweierlei Gedanken wie im
-Frage- und Antwortspiel &uuml;ber den holprigen
-Waldweg, wo der Schnee getaut war und
-fast laues Vorfr&uuml;hlingswetter herrschte.</p>
-
-<p>»Ich bin der erste Bergwerkfloh der Welt,
-der an das Tageslicht kommt,« sagte Zinnoberchen
-zum linken Ohre H&auml;cksels.</p>
-
-<p>»Nun wei&szlig; ich, warum ich so zufrieden
-bin,« meinte das rechte Ohr zum linken Ohr,
-»weil ich Bergwerkgesellschaft habe am hellen
-Tag.«</p>
-
-<p>Zinnoberchen hing sich an einem Schl&auml;fenhaar
-fest und schaukelte an diesem Haar im
-Winde hin und her, denn es war ihm kreuzwohl.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span></p>
-
-<p>Pl&ouml;tzlich aber fuhr dem H&auml;cksel ein schrecklicher
-Gedanke durch das rechte Ohr, und
-fuhr ihm vom Ohr in Hals und Brust, so
-da&szlig; er heftig und schmerzhaft husten mu&szlig;te.</p>
-
-<p>Die Fl&ouml;hin sprang bei der Ersch&uuml;tterung
-aus dem Haar fort und rasch hinter H&auml;cksels
-Ohr, kam aber gleich wieder zur&uuml;ck, unerschrocken,
-und hing sich wieder fest an das
-Schl&auml;fenhaar und schaukelte weiter.</p>
-
-<p>Der wilde Gedanke scho&szlig; aber in H&auml;cksel
-kreuz und quer und rief:</p>
-
-<p>»Vielleicht ist dir deshalb heute ein Bergwerkfloh
-zum erstenmal ans Tageslicht gefolgt,
-weil es heute in der Grube ein Ungl&uuml;ck
-gibt. Denn man sagt, die Bergwerkfl&ouml;he
-verlassen nur dann die tiefen Stollen,
-wenn sie schlagende Wetter vorauswittern.«</p>
-
-<p>Dieses wu&szlig;te H&auml;cksel aus dem Munde
-seines seligen, au&szlig;erehelichen Vaters.</p>
-
-<p>»Nein, nein und nochmals nein,« antwortete
-aber darauf das linke Ohr, das von Zinnoberchen
-beraten war. »Es ist eine h&ouml;here Notwendigkeit,
-warum ich das Bergwerk heute
-verlie&szlig;.«</p>
-
-<p>»Eine h&ouml;here Notwendigkeit?« echote es
-in H&auml;cksel erstaunt.</p>
-
-<p>»Jawohl,« rief die Fl&ouml;hin auf H&auml;cksels
- <span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span>
-Kopf von links. »Da&szlig; ich heute reise, geschieht
-aus allerh&ouml;chster Notwendigkeit. Ich
-bin eine Abgesandte. Ich mu&szlig; Flohm&auml;nner
-ins Bergwerk herbeiholen, frische kr&auml;ftige gesunde
-starke Flohkerle.«</p>
-
-<p>»Warum ist St&auml;nker, mein Leibfloh, zu
-diesem Auftrag nicht gut genug gewesen,«
-fragte H&auml;cksel ein wenig verletzt die Fl&ouml;hin.</p>
-
-<p>»Hat man je geh&ouml;rt, da&szlig; ein Flohkerl so
-reizend ist, da&szlig; seinetwegen andere Flohkerle
-einen Sprung machen? Es mu&szlig; schon eine
-Fl&ouml;hin kommen, wenn Flohm&auml;nner sich holen
-lassen sollen.«</p>
-
-<p>»Und da hat man dich also, die Zarteste,
-mit mir nach M&uuml;nchen geschickt?«</p>
-
-<p>»Ach was! Man hat nicht mich mit dir
-geschickt. Sondern du bist von mir und uns
-allen ausersehen worden, mich nach M&uuml;nchen
-zu bringen,« behauptete die Abgesandte hinter
-H&auml;cksels Ohr.</p>
-
-<p>»Ich gehe meinethalben und nicht deinethalben,
-nicht in Flohangelegenheiten, sondern
-in meinen gesunden Todesangelegenheiten
-gehe ich nach M&uuml;nchen,« meinte H&auml;cksel
-st&ouml;rrisch, als eben das Morgenlicht aus den
-Waldb&auml;umen grell auf seine Nase schien.
-»Licht und L&auml;rm kommen immer zusammen,«
- <span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span>
-f&uuml;gte er m&uuml;rrisch und gereizt hinzu. »Wenn
-ich nun aber umkehre?« setzte er fort. »Was
-dann?«</p>
-
-<p>»Dann lassen wir dir irgend etwas Schlechtes
-geschehen. Unsere Art zu erhalten, dazu ist
-uns kein Ausweg zu ungeheuer. Und ein
-Menschenleben ist noch lange kein Flohleben
-wert, noch dazu ein so wackeliges Menschenleben
-wie deines, das nur noch an einem
-Faden, sagen wir lieber, nur noch an einem
-F&auml;dchen h&auml;ngt.«</p>
-
-<p>»Ich wu&szlig;te es ja,« schmunzelte H&auml;cksel
-pl&ouml;tzlich aufger&auml;umt. »Ich sterbe bald. Ich
-habe es auch nur deshalb so eilig, weil ich
-die alten Gulden umwechseln will, um Geld
-zu einem sch&ouml;nen Begr&auml;bnis bereit zu haben.«</p>
-
-<p>»Den Glauben will ich dir gern lassen,«
-meinte die Fl&ouml;hin zweideutig.</p>
-
-<p>»Wie meinst du das?« fuhr H&auml;cksel auf.
-»Werde ich am Ende doch nicht bald sterben?
-Oder werde ich das Geld am Ende gar nicht
-zum Begr&auml;bnis verwenden d&uuml;rfen?«</p>
-
-<p>»Das kommt darauf an. Versprechungen
-oder gar Belehrungen teilen wir Fl&ouml;he eigentlich
-selten aus. Wir denken zuerst an uns.
-Und da du als Mensch in unserer Flohgewalt
-bist, mu&szlig;t du gehorchen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span></p>
-
-<p>»Hoho!« hustete H&auml;cksel und hustete sich
-blaurot vor Eifer. »Ich bin in niemandes
-Gewalt. Ich bin ein freier Bergwerkarbeiter.
-Nicht mal der Grubenherr hat mir au&szlig;erhalb
-des Bergwerkes etwas zu sagen. Heutzutage
-herrscht Freiheit im Arbeitervolk. Wir sind
-keine altmodischen Knechte mehr.«</p>
-
-<p>»Da&szlig; ich nicht lach,« kicherte Zinnoberchen
-und lie&szlig; das schaukelnde Schl&auml;fenhaar los,
-sprang zur&uuml;ck und bi&szlig; herzhaft dem H&auml;cksel
-in das linke Ohrwatschel, so da&szlig; ein Blutstropfen,
-gro&szlig; wie der dickste Floh, dem Burschen
-aus der Haut quoll.</p>
-
-<p>H&auml;cksel hielt wie immer still, wenn ihn
-ein Floh bi&szlig;, teils um seiner Gesellschaft
-nicht verlustig zu gehen, teils weil er es so
-seit V&auml;terszeiten im Bergwerk gew&ouml;hnt war.</p>
-
-<p>Zinnoberchen setzte sich an den Blutstropfen,
-sagte nichts mehr und fr&uuml;hst&uuml;ckte
-lebhaft besch&auml;ftigt, w&auml;hrend der arme Bursche
-unter den kahlen Waldb&auml;umen ging, manchmal
-von Husten gesch&uuml;ttelt und von Hunger
-gekr&uuml;mmt.</p>
-
-<p>Als die Fl&ouml;hin von Menschenblut satt war,
-sagte sie nicht einmal »danke«, sondern kroch
-unter dem M&uuml;tzenrand unten durch auf
-H&auml;cksels Kopf, wo die Luft zwischen Haar
- <span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span>
-und M&uuml;tzenfutter gem&uuml;tlich warm war. Dort
-machte sie sich's bequem. Zuerst putzte sie
-ihre furchtbaren Bei&szlig;werkzeuge, strich dann
-ihre gewaltigen Springbeine glatt, dehnte sich
-und streckte sich auf dem weichen fettigen
-Haarboden zu einem Verdauungsschl&auml;fchen
-aus. Sie h&uuml;stelte nicht, sie dachte nicht an
-den Tod. Sie dachte nur an Lebensfortsetzung
-und Lebensgenu&szlig;. Sie murmelte im Einschlafen,
-indem sie mit den Hinterbeinen zum
-Vergn&uuml;gen ein wenig auf den Haarboden
-trommelte: »Dummkopf! Dummkopf! Du
-meinst, du bist der St&auml;rkere! Du, der mir
-doch zum Fr&uuml;hst&uuml;ck dienen mu&szlig;!« Dann
-schlief die altadlige Fl&ouml;hin aus dem vornehmen
-Bergwerkgeschlecht sanft ein, indessen
-der hungrige Bergmann unter ihr wie
-ein Kamel weitertrabte und hungernd und
-hustend den Bahnhof des n&auml;chsten Dorfes
-erreichte.</p>
-
-<p>H&auml;cksel hatte auf der letzten Strecke zum
-Bahnhof stark nachgegr&uuml;belt, wie er unauff&auml;llig
-mit dem n&auml;chsten Zug nach M&uuml;nchen
-kommen k&ouml;nnte. Niemand sollte seine Abwesenheit
-oder seine Reise bemerken. Da
-war ihm eingefallen, da&szlig; immer ein langer
-Kohleng&uuml;terzug um diese Morgenstunde nach
- <span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span>
-M&uuml;nchen fuhr. Er kannte aber den Bremser
-des Zuges, und dieses schien ihm gef&auml;hrlich,
-denn er wollte sich niemandem anvertrauen,
-um seine Silbergulden ungest&ouml;rt umwechseln
-zu k&ouml;nnen. Er beschlo&szlig;, sich unter einem
-Kohlenwagen anzuklammern und dort in dem
-Versteck sich nach M&uuml;nchen fahren zu lassen.</p>
-
-<p>Der Kohlenzug kam immer langsam und
-gem&auml;chlich daher und hielt einen Augenblick
-drau&szlig;en vor dem Bahnhof, bis die Weiche
-gestellt wurde und er dann ebenso gem&auml;chlich
-weitertrotten konnte. Dieses hatte H&auml;cksel
-fr&uuml;her beobachtet, und diesen Augenblick
-wollte er benutzen und sich unter den Wagen
-an den Ketten dort anh&auml;ngen. Der Platz war
-schrecklich unheimlich und grauenhaft qualvoll,
-und der G&uuml;terzug w&uuml;rde erst in der
-Nacht in M&uuml;nchen ankommen. Aber was
-machte das dem Burschen, der so dringend
-ein reiches Begr&auml;bnis erster Klasse haben
-wollte. F&uuml;r die Ehren, die seinen Leichnam
-sp&auml;ter dann einmal erwarten w&uuml;rden, h&auml;tte er
-gern noch Schlimmeres ertragen.</p>
-
-<p>Indessen nun der junge Bergmann eingeklemmt
-und gemartert zwischen R&auml;dern, Ketten
-und Eisenstangen hing und in ewiger Todesgefahr
-schwebte und der furchtbare Eisenl&auml;rm,
- <span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span>
-das Sch&uuml;tteln und Rasseln und Stampfen
-des Wagens, unter dem er schwei&szlig;triefend
-angeklammert war, ihn zu bet&auml;uben drohte,
-schlief die Fl&ouml;hin im Kopfhaar des Burschen
-k&ouml;stlich, und wenn sie hungrig wurde, krabbelte
-sie an H&auml;cksels Nacken entlang und
-suchte sich eine m&ouml;glichst zarte Stelle seines
-R&uuml;ckens oder seiner Brust aus, bi&szlig; herzhaft
-zu und sog das s&uuml;&szlig;e hei&szlig;e Menschenblut in
-sich ein.</p>
-
-<p>So kamen beide, jedes auf seine Art, vorw&auml;rts.
-Der Mensch geplagt, ge&auml;ngstigt und
-verliebt in seinen Tod, der Floh zufrieden,
-ges&auml;ttigt und verliebt in Blut und Leben.</p>
-
-<p>Sp&auml;t in der Nacht fuhr der G&uuml;terzug langsam
-in den Bahngeleisen von M&uuml;nchen ein.
-Unbemerkt machte der ersch&ouml;pfte blinde Mitreisende
-sich unter dem Wagen los und
-schlich sich im G&uuml;terbahnhof auf Seitenwegen
-&uuml;ber Schienen, &uuml;ber einen Stachelzaun und
-eine Plankenwand kletternd davon.</p>
-
-<p>Der G&uuml;terbahnhof lag abseits, und in dem
-Stadtviertel in n&auml;chster N&auml;he standen einfache
-schweigende H&auml;userreihen, und in weiten Abst&auml;nden
-brannten einsame Laternen. H&auml;cksel
-wollte einen Gasthof aufsuchen und am
-n&auml;chsten Morgen die alten Guldenst&uuml;cke umwechseln
- <span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span>
-und dann mit der Bahn gem&auml;chlich
-auf einem Sitzplatz zur&uuml;ckfahren und auf
-einer Haltestelle, etwas entfernt vom Heimatdorf,
-aussteigen. So w&uuml;rde dann die Reise
-unbemerkt geblieben sein, er w&auml;re dann nur
-als Waldverirrter in die Kohlengrube zur&uuml;ckgekehrt
-und h&auml;tte ohne viel Worte seine
-Arbeit im Stollen aufgenommen, nachdem das
-gewechselte Geld im Strohsack versteckt und
-eingen&auml;ht worden w&auml;re.</p>
-
-<p>Aber es sind immer bei Entschl&uuml;ssen mehrere
-M&auml;chte mitbeteiligt, und niemand f&uuml;hrt einen
-Entschlu&szlig; allein aus. Das sollte jeder bedenken,
-ehe er Heimliches tun will. Unser
-Alleinsein ist immer nur ein scheinbares, in
-Wirklichkeit ist jedes Handeln unsichtbar mit
-tausend Mithandelnden verkn&uuml;pft.</p>
-
-<p>So hatte H&auml;cksel nicht daran gedacht, da&szlig;
-nach der langen Fahrt unter dem Kohlenwagen
-sein Kopf bet&auml;ubt, seine Kr&auml;fte ersch&ouml;pft,
-sein Herz schreckhaft und gedankenlos
-sein w&uuml;rde, wie es nicht am Morgen, da
-er frisch ausgeschlafen die Reise angetreten,
-gewesen war.</p>
-
-<p>Au&szlig;erdem hatte er vergessen, da&szlig; es Fastnachtsonntag
-war. Der Fastnachttrubel in
-der Gro&szlig;stadt M&uuml;nchen war ihm ganz unbekannt.
- <span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span>
-H&auml;cksel lebte jahraus, jahrein menschenscheu
-und ins Bergwerkleben versunken,
-so da&szlig; er ganz abseits stand von allen Lebenserfahrungen.
-Nie war er in einer Stadt gewesen,
-nichts wu&szlig;te er von Faschingstagen,
-nichts vom n&auml;rrischen Treiben einer Maskenwelt,
-die er nie gesehen oder erlebt hatte.</p>
-
-<p>So ging er, in M&uuml;nchen angekommen, mit
-schwankenden m&uuml;den Knien unter den dunkeln
-Vorstadth&auml;usern hin, die ihn mit ihren vielen
-Stockwerken und ihren vielen dunkeln Fenstern
-einsch&uuml;chterten. Als seine Schritte in der
-Nacht so einsam auf dem leeren Vorstadtpflaster
-hallten, wurde ihm schwindlig vor
-Hunger, Schw&auml;che und Aufregung. Und
-&auml;ngstlich gemacht, weil er glaubte, die stillen
-H&auml;userbewohner wecken zu k&ouml;nnen, zog er
-seine harten Stiefel aus und ging auf lautlosen
-Socken weiter.</p>
-
-<p>Er hatte keine Ahnung, da&szlig; in den leeren
-H&auml;usern, die meistens Neubauten waren, noch
-gar keine Menschen wohnten, und so schlich
-er an den unbewohnten frischwei&szlig;en H&auml;usern
-stumm und behutsam und lautlos wie ein
-Nachtvogel hin und wu&szlig;te nicht, da&szlig; er wie
-ein ertappter Dieb aussah.</p>
-
-<p>Zinnoberchen aber, seine Flohherrin, war
- <span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span>
-l&auml;ngst wach und aufmerksam und witterte mit
-Begierde, von H&auml;cksels linker Schl&auml;fe aus,
-die tausend Fl&ouml;he der Stadt M&uuml;nchen, die
-jetzt in der Nacht alle auf waren und springend
-bei Tanz und Leibesfreuden wacher als die
-Sterne am kalten Februarhimmel lebten. Trotzdem
-die H&auml;user hier unbewohnt waren, witterte
-die eifrige Fl&ouml;hin den menschlichen Blutgeruch
-aus den n&auml;chsten bewohnten Stadtteilen,
-und H&auml;cksels Beine gingen ihr viel zu
-langsam vorw&auml;rts; sie w&auml;re am liebsten in
-gro&szlig;en Spr&uuml;ngen &uuml;ber die n&auml;chsten D&auml;cher
-dem vor Schw&auml;che taumelnden H&auml;cksel vorausgeeilt.</p>
-
-<p>Und nun stie&szlig; H&auml;cksel gar mit dem Kopf
-an einen Laternenpfahl, wankte und fiel, von
-Hunger und &Uuml;beranstrengung geschw&auml;cht, besinnungslos
-neben der Laterne nieder.</p>
-
-<p>Das brachte die Fl&ouml;hin ganz aus ihrer Ruhe,
-und sie stie&szlig; einen jener Pfiffe aus, den nur
-die feinen Flohohren h&ouml;ren k&ouml;nnen, der aber
-weiter zu h&ouml;ren ist als jeder Menschenruf. Dem
-groben Menschenohr aber ist ein Flohpfiff zu
-fein, das menschliche Trommelfell steht wie
-eine Mauer tot dort, wo ein Flohohr noch
-Laute h&ouml;rt. Sofort antwortete der Fl&ouml;hin ein
-Antwortpfiff. Es war aber kein Floh, sondern
- <span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span>
-auch eine Fl&ouml;hin, die sich aus einem Neubau
-bemerkbar machte. Im dunkeln Bau brannte
-ein rotgl&uuml;hender Trockenofen und dort bei
-dem Arbeiter, der den Ofen bewachte, sa&szlig;
-ein M&auml;dchen auf ein paar aufgeschichteten
-Backsteinen. Das hatte die Fl&ouml;hin, die H&auml;cksels
-Fl&ouml;hin zupfiff, im Nacken sitzen. Der Arbeiter
-vor dem Ofen hatte eine Teufelsmaske
-auf seine Stirn hinaufger&uuml;ckt, so zeigte er
-zwei Gesichter &uuml;bereinander. Der Mann war
-gerade von einem Maskenball in der Nacht
-auf den Bau gekommen, und seine T&auml;nzerin,
-die eine »K&ouml;nigin der Nacht« vorstellte, hatte
-ihn begleitet. Beide stritten eben, wer von
-ihnen das meiste seiner Habe zum Pfandhaus
-getragen habe. Das M&auml;dchen behauptete, sie
-habe nur noch einen Sonnenschirm bei einer
-Tante vergessen, den k&ouml;nne sie morgen noch
-versetzen. Der Arbeiter aber behauptete, das
-M&auml;dchen habe ihn betrogen, weil sie bei
-einer Freundin noch ein B&uuml;geleisen verborgen
-halte, das sie nicht versetzen wolle. Er sagte,
-er wolle morgen nicht mehr mit ihr zum
-Tanzen gehen, sie solle sich einen andern
-T&auml;nzer suchen.</p>
-
-<p>»Ich habe auch noch einen Floh, den ich
-nicht versetzt habe,« lachte das M&auml;dchen &uuml;berm&uuml;tig
- <span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span>
-und sagte frech, sie werde sich nicht
-erst morgen, sondern gleich f&uuml;r diese Karnevalsnacht
-noch einen neuen T&auml;nzer suchen.</p>
-
-<p>Der Arbeiter gab ihr einen Tritt, da&szlig; sie
-von den Backsteinen aufflog und es an der
-Zeit fand zu verschwinden. Aber ehe sie
-ging, warf sie noch einen Backstein hinter
-sich in den Trockenofen, so da&szlig; Funken und
-Feuer dem fluchenden Mann um seine zwei
-Gesichter flogen.</p>
-
-<p>Die K&ouml;nigin der Nacht &ouml;ffnete rasch die
-Plankenzaunt&uuml;re und wollte nochmals dem
-Arbeiter eine rohe Antwort zur&uuml;ckrufen, als
-sie nahe bei sich unter der n&auml;chsten Laterne
-den ohnm&auml;chtigen H&auml;cksel liegen sah.</p>
-
-<p>Inzwischen hatten sich aber die beiden
-Flohweiber schon laut verst&auml;ndigt und verstanden.</p>
-
-<p>»Ich habe da einen Esel von einem Kerl,«
-rief Zinnoberchen der andern Fl&ouml;hin, die sich
-»Vielliebchen« nannte, zu. »Ich will nicht in
-der Nacht mit dem Dicksch&auml;del zusammen
-erfrieren. Wissen Sie nicht, wie man einen
-solchen T&ouml;lpel zur Besinnung zur&uuml;ckruft? Ich
-habe n&auml;mlich Eile und will auf ihm weiterreiten.
-Nein, was einen doch manchmal die
-Menschentiere &auml;rgern k&ouml;nnen! Ich habe ihn
- <span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span>
-schon in den Augendeckel gebissen, aber er
-schl&auml;gt die Augen nicht auf.«</p>
-
-<p>»Guten Abend,« rief Vielliebchen vom
-Nacken des M&auml;dchens. »Ist Ihnen Ihr Mensch
-gest&uuml;rzt? Ach Gott, springen Sie doch lieber
-ab und kommen Sie her&uuml;ber zu mir. Ich
-nehme Sie auf meinem Vieh mit zur Stadt.«</p>
-
-<p>»Ach, nein, das geht nicht,« pfiff Zinnoberchen,
-»ich w&uuml;rde den Schw&auml;chling schon
-gern verlassen, da er doch bald krepiert, der
-Kerl. Aber erst mu&szlig; er mich doch noch nach
-unserem Bergwerk zur&uuml;cktragen.«</p>
-
-<p>»Ah, ah, Sie sind aus einem Bergwerk,«
-wunderte sich die Stadtfl&ouml;hin laut. »Sie sind
-wohl zum Tanzvergn&uuml;gen in die Stadt gekommen?«</p>
-
-<p>»Ja, hm, hm,« meinte die Fl&ouml;hin H&auml;cksels,
-welche sich &auml;rgerte, da&szlig; die Rednerin kein
-Floh war, den sie h&auml;tte ins Bergwerk einladen
-k&ouml;nnen. Doch ihren Auftrag, M&auml;nner zu
-suchen, wollte sie nicht gleich verraten.</p>
-
-<p>Der Kopf der »K&ouml;nigin der Nacht« bog sich
-eben ganz nah &uuml;ber H&auml;cksels Kopf, und die
-beiden Flohfrauen konnten sich schweigend
-betrachten, indessen die maskierte Menschenfrau
-die Westentaschen des besinnungslosen
-Bergmannes nach Geld durchsuchte. Als sie
- <span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span>
-nichts fand, nahm sie die Stiefel, die neben
-H&auml;cksel lagen, und warf den einen &uuml;ber den
-Bretterzaun dem Arbeiter am Ofen an den
-Kopf.</p>
-
-<p>»Das geht nicht. Den Stiefel her, sie mu&szlig;
-sofort den Stiefel wieder holen,« begehrte
-heftig &auml;rgerlich Zinnoberchen. »Wir brauchen
-den Stiefel zum Heimweg.«</p>
-
-<p>»Den Stiefel her,« rief jetzt auch Vielliebchen.</p>
-
-<p>»Er kommt schon,« antwortete ein dritter
-weiblicher Floh fernher vom Bauch des Arbeiters
-am Trockenofen. Und zugleich warf der erboste
-Arbeiter, der das Wurfgescho&szlig; im Eifer
-f&uuml;r einen zweiten Backstein gehalten hatte,
-den Stiefel &uuml;ber den Zaun zur&uuml;ck, und er fiel
-H&auml;cksel auf die Stirn, so da&szlig; der Besinnungslose
-erwachte, als eben die Maskierte seine
-Hosentasche nach Geld durchsuchen wollte.</p>
-
-<p>»O, o,« seufzte H&auml;cksel und starrte auf die
-in schwarze Schleier geh&uuml;llte Gestalt, an der
-unz&auml;hlige st&auml;hlerne aufgen&auml;hte Paillettensterne
-im Laternenlicht bl&auml;ulich glitzerten. »Wer
-bist du?« fragte der Erwachte.</p>
-
-<p>»Wer ich bin? Ich bin halt eine von der
-Gasse. Ach, du betrachtest meine Sterne am
-Gewand! Ja, ich stelle n&auml;mlich die K&ouml;nigin
- <span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span>
-der Nacht vor. So hei&szlig;t man meine Maskentracht.«</p>
-
-<p>Verdutzt und verbl&ouml;det vor Schw&auml;che und
-Staunen sch&uuml;ttelte H&auml;cksel den Kopf.</p>
-
-<p>»Wenn ich nur was zu essen h&auml;tte,« murmelte
-er, »dann w&auml;r alles gut.«</p>
-
-<p>»Wenn du ein Geld hast, gehst halt mit
-mir; ich bring dich schon wohin, wo du bald
-satt wirst.«</p>
-
-<p>Erschrocken fuhr H&auml;cksel mit den H&auml;nden
-um seinen Leib und tastete nach seinem Leibgurt,
-und er wurde kr&auml;ftig, als er merkte, da&szlig;
-ihm die Silbergulden nicht fehlten.</p>
-
-<p>Nachdem er verwundert zugesehen, wie ihm
-die K&ouml;nigin der Nacht geholfen, die Stiefel
-anzuziehen, wanderten beide nebeneinander
-weiter.</p>
-
-<p>Aber vorher sah H&auml;cksel noch etwas Schreckliches.
-Er erblickte durch die offenstehende
-Plankent&uuml;r im Erdgescho&szlig; eines Hauses einen
-gro&szlig;en fensterlosen Raum, dort stand ein
-gl&uuml;hender Ofen, und vor der offenen roten
-Ofent&uuml;re stocherte ein Mann mit zwei Gesichtern
-im Feuer herum.</p>
-
-<p>»Was tut der dort?« stotterte H&auml;cksel erschrocken.</p>
-
-<p>»Komm weiter!« sagte die geheimnisvolle
- <span class="pagenum"><a id="Page_105">[S. 105]</a></span>
-Schwarzverschleierte, »das ist mein Schatz gewesen,
-der war mit mir beim Tanzen heute.
-Aber ich la&szlig; ihn laufen, weil der arme Teufel
-kein Geld nie hat. Du bist jetzt mein Schatz,
-wenn du ein Geld hast. Aber erst zeigen!«</p>
-
-<p>»Was zeigen?« fragte H&auml;cksel.</p>
-
-<p>»Geld zeigen,« schnauzte ihn die K&ouml;nigin
-der Nacht barsch an.</p>
-
-<p>»Niemals,« gab der Verwirrte zur&uuml;ck. »Das
-ist mein Begr&auml;bnisgeld, das verausgabe ich
-nicht f&uuml;rs Tanzen. Das g&auml;b ich auch nicht
-dem Teufel!«</p>
-
-<p>»Was, du Aff, du bl&ouml;der,« kreischte ihn
-das Frauenzimmer an. »Von mir aus kannst
-du dich auf dem Mist begraben lassen!« Und
-da sie von fern den Schritt eines Schutzmannes
-h&ouml;rte, gab das Frauenzimmer dem H&auml;cksel
-eine sausende Ohrfeige und sprang in die
-Nacht davon.</p>
-
-<p>Dieser Backenstreich hatte das Gute, da&szlig;
-er den Burschen w&auml;rmer machte, als wenn er
-einen Kognak bekommen h&auml;tte. Und ganz
-wach geworden, begann auch er zu laufen,
-so rasch er konnte, dorthin, wo am Ende der
-dunklen Neubautenstra&szlig;e der Nachthimmel
-heller leuchtete, und wo ihm Leben zu sein
-schien, das ihn lockte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[S. 106]</a></span></p>
-
-<p>»Danke Ihnen!« hatte Zinnoberchen dem
-Vielliebchen noch nachgerufen, als sie sp&uuml;rte,
-wie ihr Menschenvieh wieder flott weitertrabte.
-Sie hatte, w&auml;hrend H&auml;cksel sich mit
-Hilfe des M&auml;dchens aufgerafft hatte, allerhand
-Ratschl&auml;ge von der Fl&ouml;hin erhalten, besonders
-nachdem sie berichtet hatte, welches ihr Reisezweck
-war. »Sie m&uuml;ssen Ihren Kerl in ein
-Haftlokal lenken,« hatte ihr die kluge Stadtfl&ouml;hin
-noch zuletzt geraten. »Dort wimmelt
-es von allerhand M&ouml;glichkeiten, Flohm&auml;nnerbekanntschaften
-zu schlie&szlig;en.« Dann hatte
-sie ihrem Menschenvieh ins Ohr geschrien:
-»Haue ihm eine Ohrfeige hin.« Was auch
-geschah. Also ermuntert von dem guten Einfall
-Vielliebchens, war H&auml;cksel stark und unternehmend
-ins Leben zur&uuml;ckgekehrt und f&uuml;hlte
-sein Blut besonders auf der linken Gesichtsh&auml;lfte,
-wo der Schlag hingefallen, angenehm
-warm kreisen.</p>
-
-<p>Man ist doch in der Hauptstadt gleich
-mitten im Leben, dachte hei&szlig; der Geohrfeigte.
-Die K&ouml;nigin der Nacht und der Teufel sind
-mir schon begegnet. In unserem Bergwerk
-daheim werden die Fl&ouml;he staunen, wenn sie
-davon h&ouml;ren.</p>
-
-<p>Und er &uuml;berzeugte sich, mit dem Zeigefinger
- <span class="pagenum"><a id="Page_107">[S. 107]</a></span>
-hinter sein Ohr tastend, da&szlig; er die
-Fl&ouml;hin Zinnoberchen noch nicht verloren hatte,
-und war zufrieden dar&uuml;ber.</p>
-
-<p>Dann fand H&auml;cksel endlich eine lebhaftere
-Stra&szlig;e, und da funkelte Licht, und erleuchtete
-Wagen ohne Pferde surrten heran und jagten
-vor&uuml;ber. Und in der n&auml;chsten Stra&szlig;e war
-so viel Licht, als wenn H&auml;cksel einen Schlag
-mit der Faust ins Auge bekommen h&auml;tte und
-Feuerfunken tanzen sehen k&ouml;nnte. Menschen,
-M&auml;nner und Frauen, Arm in Arm, sich wiegend
-und lachend und kreischend, kamen herangezogen.
-Manche hatten wei&szlig;e, andere rote,
-andere schwarze Gesichter, und einige hatten
-besonders gro&szlig;e Nasen vom Gesicht abstehen,
-aber alle grinsten vergn&uuml;gt. H&auml;cksel hatte
-niemals &auml;hnliche Menschen gesehen und wurde
-scheu und &auml;ngstlich. Und wie er an ein besonders
-hellerleuchtetes Haus kam, dachte er,
-das m&uuml;sse ein Gasthaus sein. Denn es war ein
-leuchtendes Schild davor, das gl&auml;nzte auf und
-verschwand, und der Wirt, der das Gasthaus
-besa&szlig;, hie&szlig; »Kino«.</p>
-
-<p>Der Mann stand in einem langen gr&uuml;nen
-Rock vor der hellerleuchteten T&uuml;re, und viele
-goldene Kn&ouml;pfe gl&auml;nzten an ihm und goldene
-Tressen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, Herr Wirt,« gr&uuml;&szlig;te H&auml;cksel den
-T&uuml;rw&auml;chter des Kinotheaters, das er f&uuml;r ein
-Wirtshaus hielt, »kann ich hier ein Glas Bier
-trinken.«</p>
-
-<p>»Nat&uuml;rlich,« nickte der, »Bier gibt es auch
-in den Zwischenpausen.«</p>
-
-<p>Dann mu&szlig;te H&auml;cksel an einer Kasse einen
-Platz f&uuml;r das Biertrinken bezahlen und kam
-in einen dunkeln Saal, wo man mit dem Licht
-sparte. Das kam ihm seltsam vor. Im dunkeln
-Saal war nur eine helle Wand, durch
-die sah man hinaus auf eine lebendige Welt.</p>
-
-<p>H&auml;cksel dachte: Die Leute sitzen hier wie
-in der Kirche, und die Dunkelheit ist gruselig,
-vielleicht ist das das J&uuml;ngste Gericht.
-Denn alle Anwesenden waren totenstill und
-alle sahen auf Schattenmenschen, die auf einer
-Wand erschienen und zitternd in einem Lichtstrahl
-vor&uuml;berliefen, lautlos und ohne Stimme,
-und dazu ert&ouml;nte von unsichtbaren Musikanten
-eine Musik. Aber H&auml;cksel nahm sich
-vor, lieber auch auf das Glas Bier zu verzichten,
-als sich dem totstillen J&uuml;ngsten Gericht
-auszuliefern und einzugestehen, da&szlig; er
-einen Gurt voll unrechtm&auml;&szlig;ig erworbener
-Silbergulden bei sich habe.</p>
-
-<p>Er drehte sich rasch entschlossen auf dem
- <span class="pagenum"><a id="Page_109">[S. 109]</a></span>
-Absatz um und lief wieder auf die Stra&szlig;e
-hinaus.</p>
-
-<p>Da kam ein erleuchteter langer Stra&szlig;enbahnwagen
-gefahren, und H&auml;cksel sah, da&szlig;
-viele Leute dort in den Wagen einstiegen.
-Und allen Leuten glitzerten bunte Kleider
-unter den M&auml;nteln, und alle trugen bunte
-M&uuml;tzen, und die Frauen hatten Kapuzen &uuml;berm
-Kopf, und alle kicherten und lachten und
-kreischten, und sie waren so vergn&uuml;gt, als ob
-sie in den Himmel f&uuml;hren.</p>
-
-<p>Und H&auml;cksel dr&auml;ngte auch mit in den
-Wagen, und als das Gef&auml;hrt sich bewegte,
-begann er zu schwanken und fiel auf den
-Scho&szlig; eines Mannes, der hatte einen pechschwarzen
-Backenbart um ein rosiges Gesicht
-h&auml;ngen. Und er hatte einen breiten Leibgurt
-und war in tiroler Tracht gekleidet, und auf
-dem Gurt stand mit silbernen F&auml;den gestickt:
-»Andreas Hofer«.</p>
-
-<p>Da&szlig; das der Andreas Hofer selbst war,
-glaubte H&auml;cksel nicht. Er m&uuml;&szlig;te h&ouml;chstens
-dann von den Toten auferstanden sein. Aber
-es war vielleicht ein Verwandter von Andreas
-Hofer, der den Gurt geerbt hatte, meinte der
-Bergmann. Und wie er noch ganz verbl&uuml;fft
-dem Andreas Hofer im Scho&szlig; sa&szlig;, schien ihm
- <span class="pagenum"><a id="Page_110">[S. 110]</a></span>
-der Mann so anziehend, als wenn er gar kein
-Mann, sondern eine Frau w&auml;re. Und er blieb
-ruhig sitzen, wo er warm und weich sa&szlig;, weil
-gar kein Platz im Wagen war als auf dem
-Scho&szlig; von Andreas Hofer.</p>
-
-<p>Inzwischen fl&uuml;sterte ihm dieser heimlich ins
-Ohr: »Ich hei&szlig;e Ida Fliegenhitzer. Willst mit?
-Dann bist gern eingeladen!«</p>
-
-<p>Der H&auml;cksel war zwar ein schwachbr&uuml;stiger,
-sonst aber ein ganz schmucker Bursch. Wenn
-er nicht die Schwindsucht gehabt h&auml;tte, w&auml;re
-er eine M&auml;nnersch&ouml;nheit gewesen. Es fehlte
-ihm nichts als rote Backen und ein Brustkasten.</p>
-
-<p>Eine wundersch&ouml;ne Stadt, diese Stadt M&uuml;nchen!
-Die M&auml;nner verwandeln sich in Weiber,
-sogar wenn sie vorher Andreas Hofer gehei&szlig;en
-haben und einen schwarzen Backenbart
-besitzen.</p>
-
-<p>Also ging H&auml;cksel mit der Ida Fliegenhitzer
-in ein Br&auml;u, nachdem sie ihm vorher
-gezeigt hatte, da&szlig; ihr Bart nicht angewachsen
-war. In dem Brauhaus war es noch erstaunlicher
-als auf der Stra&szlig;e.</p>
-
-<p>Im Gedr&auml;ng erschien dort pl&ouml;tzlich ein
-Mann mit goldener Krone auf dem Kopf, das
-war der K&ouml;nig, und er hatte auch einen roten
- <span class="pagenum"><a id="Page_111">[S. 111]</a></span>
-Mantel und ein goldenes Zepter. Der nahm
-
-augenblicklich dem H&auml;cksel die Andreas Hofer
-vor der Nase weg und hob sie auf seine
-Schulter und trug sie davon.</p>
-
-<p>Der H&auml;cksel staunte schon bald &uuml;ber gar
-nichts mehr, auch nicht, als er sich ein Glas
-Bier bestellte und es ihm von einem vor&uuml;bertanzenden
-Neger mitgenommen und ausgetrunken
-wurde.</p>
-
-<p>In der Stra&szlig;enbahn war der Bergmann im
-Gedr&auml;ng mitgefahren, ohne zu bezahlen; im
-Kino hatte er das einzige Zehnmarkst&uuml;ck, das
-er bei sich hatte, aus der Hand verloren oder
-hatte es dem Andreas Hofer in den Scho&szlig;
-fallen lassen; er wu&szlig;te es nicht mehr genau.
-Er wu&szlig;te nur, da&szlig; er pl&ouml;tzlich kein Geld
-hatte als die ungewechselten altmodischen
-Silbergulden. Als ihm das Bier ausgetrunken
-wurde, bezahlte er es nicht, sondern dr&uuml;ckte
-sich heimlich auf die Stra&szlig;e zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>Dabei f&uuml;hlte H&auml;cksel pl&ouml;tzlich, da&szlig; ihm
-viel Leben in die Kleider gekommen war.
-Denn die Bergwerkfl&ouml;hin hatte &uuml;berall im
-Gedr&auml;ng Flohgenossen gewittert und diese
-laut zu sich eingeladen, und die Neuangekommenen
-untersuchten nun das Vieh, das
-die Fl&ouml;hin ritt, um sich zu entscheiden, ob
- <span class="pagenum"><a id="Page_112">[S. 112]</a></span>
-diese Menschenart ihnen zusagte, ehe sie einwilligen
-wollten, die Reise nach dem Bergwerk
-mitanzutreten.</p>
-
-<p>Das Zinnoberchen lobte H&auml;cksels Blut &uuml;ber
-alle Ma&szlig;en. Es w&auml;re besonders s&uuml;&szlig;, sagte
-sie, da der Bursch immer Fieber habe, und
-deshalb sei sein Blut immer um einiges w&auml;rmer,
-als Menschenblut sonst ist.</p>
-
-<p>Die Fl&ouml;he aber waren alle zimperliche verw&ouml;hnte
-Stadtherren und fanden gar keinen Gefallen
-an H&auml;cksel. Sie nahmen sich vor, einer
-nach dem andern wieder im Gedr&auml;nge abzuspringen
-und die Bergwerkfl&ouml;hin mit ihrem
-Menschenvieh allein zu lassen, denn sie fanden
-sein Blut matt und abgestanden. Trotz
-der Ohrfeige, die, wie die Fl&ouml;hin ihnen versicherte,
-das Vieh eben bekommen habe, fanden
-sie das Bergmannblut nicht s&uuml;&szlig;, sondern
-s&auml;uerlich. Ein &auml;lterer Flohherr gab der Bergwerkfl&ouml;hin
-noch rasch einen guten Rat, ehe
-er zum Absprung ansetzte. Sie m&uuml;sse den
-Menschenkerl in ein Haftlokal bringen, dort
-w&auml;re manchmal eine Zufuhr von frischen
-Arbeiter- und Kroatenfl&ouml;hen vorr&auml;tig. Diese
-k&ouml;nnten dem Bergwerk gut zur Auffrischung
-der Lebenslust dienen.</p>
-
-<p>H&auml;cksel, dessen Magen leer und &uuml;berhungert<span class="pagenum"><a id="Page_113">[S. 113]</a></span>
-war, schwankte wieder in das Brauhaus zur&uuml;ck,
-denn es war ihm zu seinem Hunger
-auch noch ein gro&szlig;er Schrecken in die Glieder
-gefahren. Er hatte drau&szlig;en unter einer Laterne
-den leibhaftigen Tod aus einer Droschke aussteigen
-sehen. Eine lange wei&szlig;e Gestalt mit
-einer Sense in der Knochenhand hatte er gesehen,
-und unter einem wei&szlig;en Laken grinste
-ihn ein Totenkopf so schaurig an, wie nur
-die Totenk&ouml;pfe der Versch&uuml;tteten ausgesehen
-hatten, die H&auml;cksel im blinden Stollen ausgegraben,
-ehe er auf den Geldgurt gesto&szlig;en war.</p>
-
-<p>Rasch wendete sich H&auml;cksel, am ganzen
-Leibe schlotternd, wieder in das Brauhaus
-zur&uuml;ck und lie&szlig; sich vom Gedr&auml;nge vorw&auml;rtsschieben,
-halb erw&uuml;rgt von Hunger,
-Durst, Schw&auml;che und Angst.</p>
-
-<p>Da stand ein h&uuml;bsches M&auml;dchengesicht vor
-ihm; das war von einem Vergi&szlig;meinnichtkranz
-umrahmt, und kleine flachsblonde Locken
-kr&auml;uselten sich ihr zierlich um Stirn und Nacken
-und verdeckten die Ohren. Vom Kopf fiel
-ein br&auml;utlicher Schleier, der war dem blonden
-Gesch&ouml;pf unterm Kinn zusammengebunden
-und h&uuml;llte auch den K&ouml;rper zart und dicht
-ein. Auch Silberspangen und Silberg&uuml;rtel
-gl&auml;nzten an ihr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[S. 114]</a></span></p>
-
-<p>»Bist du mein Schutzengel?« stie&szlig; der ge&auml;ngstigte
-H&auml;cksel hervor. Die wei&szlig;e Gestalt
-nickte geheimnisvoll und hing sich an seinen
-Arm und legte ihren wei&szlig;behandschuhten
-Zeigefinger auf ihren Mund, zum Zeichen,
-da&szlig; sie schweigen m&uuml;sse.</p>
-
-<p>Der Bursche war froh, da&szlig; er nach dem
-Anblick des Totenkopfes jetzt von dem vergi&szlig;meinnichtbekr&auml;nzten
-M&auml;dchen begleitet
-wurde. Er bestellte bei der Kellnerin zwei
-Glas Bier und vieles Essen und entschlo&szlig;
-sich, die Zeche von seinem Begr&auml;bnisgeld zu
-bezahlen.</p>
-
-<p>»Du bist ja so bla&szlig;,« wisperte der Schutzengel
-und schmiegte sich am Biertisch, der
-dichtbesetzt war, auf H&auml;cksels Scho&szlig;. Die
-Bekr&auml;nzte reichte ihm dann aus ihrem Handt&auml;schchen
-einen Spiegel und einen roten Stift.
-W&auml;hrend H&auml;cksel in den Spiegel guckte,
-malte das M&auml;dchen ihm gesunde rote Backen
-und eine kr&auml;ftige rote Nase in sein Gesicht.</p>
-
-<p>H&auml;cksel mu&szlig;te lachen und sich wundern
-&uuml;ber das, was die Schutzengel alles verstehen.
-Er, der kranke blasse H&auml;cksel, sah nun wie
-das gl&uuml;hende Leben aus. Mindestens so rot,
-als ob er zwei neue Ohrfeigen links und<span class="pagenum"><a id="Page_115">[S. 115]</a></span>
-rechts und einen Faustschlag auf die Nase
-bekommen h&auml;tte.</p>
-
-<p>W&auml;hrend er eben erleichtert aufatmen wollte,
-fand er sich ums Zwerchfell besonders leicht
-geworden, und er bemerkte, wie ihm sein
-Schutzengel den schweren Geldgurt abgekn&ouml;pft
-hatte, indessen er in sein gesundes
-rotbackiges Spiegelbild vertieft gewesen. Der
-Schutzengel wollte eben den Gurt in der
-Tiefe seiner Schleier verschwinden lassen, als
-H&auml;cksel zugriff und den Gurt heftig an
-sich ri&szlig;.</p>
-
-<p>Dieses geschah im gleichen Augenblick, als
-die Kellnerin mit vielen Tellern und Sch&uuml;sseln,
-voll mit leckerem Braten, Kraut, Kartoffeln
-und Brot und mit Biergl&auml;sern beladen, sich
-&uuml;ber den Tisch beugte und Essen und Trunk
-vor H&auml;cksel niedersetzte. Die Bratend&auml;mpfe
-stiegen dem schwachen Burschen wunderbar
-anregend in die Nase, und er verga&szlig; den
-Schutzengel einen Dieb zu nennen, da Bier
-und Speisen, die vor ihm hinger&uuml;ckt waren,
-ihn ganz mit Essensgier erf&uuml;llten.</p>
-
-<p>Aber ein lautes Klingeln und Rollen von
-vielen Silberst&uuml;cken unter Tisch und St&uuml;hlen
-und der offene leichte Geldgurt, aus dem ihm
-alle Silbergulden fortgerollt waren, erschreckten<span class="pagenum"><a id="Page_116">[S. 116]</a></span>
-ihn, und er fuhr auf. Der helle Schutzengel,
-der sich noch nach einigen Silbergulden geb&uuml;ckt
-hatte, verschwand rasch im Gedr&auml;nge
-zwischen den n&auml;chsten Tischen.</p>
-
-<p>Die Leute in n&auml;chster N&auml;he, die das viele
-Geldherumrollen h&ouml;rten, b&uuml;ckten sich alle zugleich
-und suchten nach dem Geld. Viele
-halfen die Gulden aufheben. Man lachte und
-brachte die Gulden zur&uuml;ck, aber viele Gulden
-blieben auch in den H&auml;nden der Suchenden
-und unter ihren F&uuml;&szlig;en, die sich fest daraufstellten
-und nicht weiterr&uuml;ckten.</p>
-
-<p>H&auml;cksel bekam nicht die H&auml;lfte der Gulden
-zur&uuml;ck, und der Gurt war viel leichter als
-vorher, und es schmerzte den Burschen sehr,
-als er dachte, um wievieles weniger sch&ouml;n sein
-Begr&auml;bnis nun werden w&uuml;rde. Und Schuld
-daran war sein diebischer Schutzengel.</p>
-
-<p>Inzwischen hatten sich auch einige Bratenteller
-geleert und das Bier war verschwunden,
-und nur ein Teller mit Brot war vor H&auml;cksel
-stehen geblieben. Er war eben dabei, ein
-Brot zu nehmen und den ersten Bissen, den
-er an diesem Tag bekam, in den Mund zu
-stecken, als ihm das Brot aus der Hand genommen
-wurde und der Schutzengel wieder
-mit einem rothaarigen Menschen vor H&auml;cksel<span class="pagenum"><a id="Page_117">[S. 117]</a></span>
-stand und diesen f&uuml;r einen Falschm&uuml;nzer erkl&auml;rte.</p>
-
-<p>Die alten Gulden w&auml;ren nachgemachte
-Gulden aus Zinn, erkl&auml;rte der Rothaarige und
-forderte von H&auml;cksel, da&szlig; er ihm augenblicklich
-den Ledergurt mit den M&uuml;nzen ausliefere.</p>
-
-<p>H&auml;cksel sagte das, was er sich f&uuml;r alle F&auml;lle
-vorher zurechtgelegt hatte, er habe die Silbergulden
-geerbt.</p>
-
-<p>»Es sind Zinnm&uuml;nzen,« erkl&auml;rte der Rothaarige
-und winkte einem Schutzmann, der den
-Schutzengel und H&auml;cksel beide zum Saal hinausdr&auml;ngte.
-Viel Volk begleitete sie, und
-drau&szlig;en wurden beide in die Droschke gepackt,
-aus der vorher der Tod ausgestiegen
-war.</p>
-
-<p>Dem H&auml;cksel schwirrte der Kopf. Der
-Schutzengel aber und der Schutzmann, die
-mit ihm in der Droschke sa&szlig;en, fl&uuml;sterten
-miteinander. Dann hielt der Wagen, und beide
-stiegen aus und hie&szlig;en ihn warten. Der Rothaarige,
-der beim Kutscher auf dem Bock
-gesessen hatte, sagte, nachdem er sich mit dem
-Schutzengel am Wagenschlag leise besprochen
-hatte, H&auml;cksel m&uuml;sse aussteigen und an einem
-Tor warten, bis sie wiederk&auml;men. Wenn er<span class="pagenum"><a id="Page_118">[S. 118]</a></span>
-sich aber r&uuml;hren w&uuml;rde, dann k&auml;men die Bluthunde
-hinter dem Zaun hervor und w&uuml;rden
-ihn zerrei&szlig;en.</p>
-
-<p>H&auml;cksel, der kaum noch vor Hunger und
-Aufregung sehen und h&ouml;ren konnte, setzte
-sich auf einen Prellstein am Tor nieder.</p>
-
-<p>Dort fand ihn nach mehreren Stunden ein
-seltsames Paar. Ein in ein Fell eingen&auml;hter
-Mensch, der einen k&uuml;nstlichen L&ouml;wenkopf
-aufgest&uuml;lpt hatte, und ein kahlk&ouml;pfiger Alter
-in grauem Kaftan, der eine Laterne in der
-Hand trug, die fanden H&auml;cksel tief eingeschlafen.</p>
-
-<p>Der L&ouml;we beschnupperte den Schlafenden,
-und der Laternenmann beleuchtete ihn, und
-dann setzten sich L&ouml;we und Greis zu beiden
-Seiten neben H&auml;cksel nieder und schliefen
-neben H&auml;cksel ein. Die Laterne, die auf dem
-Pflaster stand, beleuchtete alle drei Gesichter,
-und auf H&auml;cksels Stirn kamen seine Schicksalslenker
-zusammen. Das waren stattliche
-Flohkerle, die aus den Polstern der alten
-Droschkenkissen zu H&auml;cksels Fl&ouml;hin Zinnoberchen
-geh&uuml;pft waren. Die Fl&ouml;he berieten,
-was aus ihnen werden sollte, denn sie hatten
-gesehen, wie der Rothaarige, der Schutzmann
-und der Schutzengel H&auml;cksels ganzes Geld
- <span class="pagenum"><a id="Page_119">[S. 119]</a></span>
-behalten hatten, und sie wu&szlig;ten, da&szlig; diese
-Leute Spitzbuben gewesen waren.</p>
-
-<p>»Seid nur ruhig!« sagte ein Floh des Laternenmannes.
-»Wir treffen alle zusammen im
-Haftlokal wieder. Sie sind schon verhaftet
-worden, weil die vielen Silbergulden, die sie
-ausgaben, Verdacht erweckten.«</p>
-
-<p>Und ein Floh aus dem L&ouml;wenfell machte
-Zinnoberchen stark den Hof und tat sehr verliebt
-und versicherte, ihr bis ans Weltende
-folgen zu wollen. Als er aber von ihr seinen
-verliebten Willen erreicht hatte, sprang er vergn&uuml;gt
-hoch in die Luft, kam aber aus der
-Luft nicht mehr zur&uuml;ck. Denn er war heimlich
-hinter den Plankenzaun gesprungen, wo
-ein H&uuml;hnerhaus stand, und dort lie&szlig; er es sich
-wohl sein bei den Fl&ouml;hen der H&uuml;hner.</p>
-
-<p>Die Laterne brannte noch, als es schon
-Tag wurde, und der L&ouml;we, der Greis und
-H&auml;cksel, alle drei schliefen fest und schnarchten
-wie besessen, trotzdem die B&auml;ckerjungen auf
-Fahrr&auml;dern mit K&ouml;rben und S&auml;cken voll Brot
-an ihnen vorbeiradelten und ihr Morgenlied
-pfiffen.</p>
-
-<p>Einmal aber versah sich einer der B&auml;cker
-aus Erstaunen &uuml;ber die drei Schl&auml;fer, so
-da&szlig; sein Rad an den Stra&szlig;enrand stie&szlig;<span class="pagenum"><a id="Page_120">[S. 120]</a></span>
-und sein Korb mit Brot im Bogen fortflog
-und gerade dem schlafenden H&auml;cksel an die
-Stirn fiel.</p>
-
-<p>H&auml;cksel erwachte, sah vor sich einen offenen
-Korb, der voll duftender frischer Br&ouml;tchen
-war. Er griff mit beiden H&auml;nden zu, und
-er hatte bereits zwei Wecken verschlungen,
-als der gest&uuml;rzte B&auml;ckerbursche herbeigelaufen
-kam und ein gro&szlig;es Geschrei aufschlug, weil
-er H&auml;cksel sah, der ein Brot nach dem andern
-verzehren wollte. Auch der L&ouml;we und der
-Greis waren erwacht und griffen, da es sie
-hungerte, nach dem Brot. Als der B&auml;cker so
-sehr schrie, warf ihm der eine die brennende
-Laterne an den Kopf. Zuletzt aber, wie der
-B&auml;cker die drei eintr&auml;chtlich seine Br&ouml;tchen
-verschlingen sah und sie genauer betrachtete,
-lachte er hellauf und fuhr rasch radelnd
-davon, denn er war in der Nacht als weiblicher
-Schutzengel verkleidet gewesen und erkannte
-pl&ouml;tzlich H&auml;cksel wieder, dem er das
-Silbergeld gestohlen hatte. Er war entschl&uuml;pft,
-als man seine Kameraden, den Rothaarigen
-und den Schutzmann, verhaftet hatte und hatte
-zu Hause seinen Vergi&szlig;meinnichtkranz, seine
-blonde Perr&uuml;cke und sein Schleiergewand abgelegt
-und war in seine B&auml;ckerei, wo er<span class="pagenum"><a id="Page_121">[S. 121]</a></span>
-Lehrling war, geeilt, weil er die Wecken austragen
-mu&szlig;te. Jetzt aber f&uuml;rchtete er, von
-H&auml;cksel erkannt zu werden, und eilte schleunigst
-fort.</p>
-
-<p>In dem Korb waren aber auch Bierbrezeln,
-und als der L&ouml;we und der Greis sich satt gegessen
-hatten, lie&szlig;en sie H&auml;cksel den Korb
-und sagten, als er ihnen klagte, da&szlig; ihm sein
-Geld gestohlen sei, er solle die Bierbrezeln
-in den Wirtsh&auml;usern verkaufen, damit er
-Heimreisegeld bek&auml;me. Dann raffte der Greis
-seine Laterne auf, und der L&ouml;we verbeugte
-sich, und beide verschwanden am Ende der
-Stra&szlig;e im Morgennebel.</p>
-
-<p>H&auml;cksel aber, dem der Mund trocken war,
-ging zu einer Stra&szlig;enpumpe, wo eben ein
-Kutscher seinem Gaul Wasser gab. Er bat
-den Kutscher, da&szlig; er ihm vom Wasser aus
-der Pferdekufe trinken lasse. Als er getrunken
-hatte und sich aufrichtete, erz&auml;hlte er auch
-diesem Kutscher, da&szlig; man ihm sein Geld gestohlen
-hatte. Der sagte, er habe schon davon
-geh&ouml;rt. Ein Kollege habe ihm heute
-morgen erz&auml;hlt, da&szlig; zwei Fahrg&auml;ste, ein Rothaariger
-und einer, der als Schutzmann verkleidet
-war, einem Mann einen Ledergurt mit
-Silbergulden gestohlen h&auml;tten, und da&szlig; beide<span class="pagenum"><a id="Page_122">[S. 122]</a></span>
-von wirklichen Schutzleuten zum Haftlokal
-gef&uuml;hrt worden seien.</p>
-
-<p>Dem H&auml;cksel wurde ganz wohl, als er das
-h&ouml;rte, und er schenkte dem Kutscher die Bierbrezeln
-und bat, ihn daf&uuml;r zu jener Polizeistation
-zu fahren, da er seinen Ledergurt wiederholen
-wollte.</p>
-
-<p>Der Kutscher tat das auch. Und Zinnoberchen,
-als es h&ouml;rte, da&szlig; H&auml;cksel freiwillig zum
-Haftlokal fahren wollte, war vergn&uuml;gt und
-guter Dinge und vermi&szlig;te ihren treulosen Floh
-aus dem L&ouml;wenfell nicht l&auml;nger.</p>
-
-<p>Aber auch Fl&ouml;he bekommen nicht in allem
-ihren Willen. H&auml;cksel wurde nicht ins Haftzimmer,
-sondern nur in die Polizeiwachtstube
-gef&uuml;hrt. Dort fand die Fl&ouml;hin gar nicht, was
-sie wollte.</p>
-
-<p>Man gab H&auml;cksel seinen Gurt zwar nicht
-zur&uuml;ck, aber man zeigte ihm denselben, und
-er erkannte ihn als den seinen.</p>
-
-<p>Dann wurde ein Polizist beauftragt, H&auml;cksel
-in sein Heimatdorf zu begleiten und dort in
-Erfahrung zu bringen, wie H&auml;cksel zu dem
-Silbergeld gekommen sei.</p>
-
-<p>H&auml;cksel behauptete immer noch, er habe
-es geerbt. So kam H&auml;cksel auf Polizeikosten
-zur&uuml;ck in sein Heimatdorf. Nach langem<span class="pagenum"><a id="Page_123">[S. 123]</a></span>
-Fragen glaubte man endlich H&auml;cksel, und
-man lie&szlig; ihn wieder seine Bergwerkarbeit antreten.</p>
-
-<p>Zinnoberchen bekam inzwischen viele Junge.
-Es waren Flohkinder, von ihm, der damals
-in der Nacht &uuml;ber den Plankenzaun in den
-H&uuml;hnerstall gefl&uuml;chtet war. Die Flohm&auml;nner
-waren ihr unterwegs alle wieder abhanden
-gekommen. Sie kehrte einsam und nur mit
-vielen Kindern beschenkt mit H&auml;cksel ins
-Bergwerk zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>H&auml;cksel aber bekam zwar jenen Geldgurt
-zur&uuml;ck, doch fand sich kein einziger Silbergulden
-mehr in dem Gurt. Die letzten waren
-auf der Polizei herausgerollt, und niemand
-wu&szlig;te wohin.</p>
-
-<p>Als H&auml;cksel den leeren Gurt umschnallte,
-wurde er schwerm&uuml;tig. Er fieberte t&auml;glich
-heftiger und heftiger und wollte doch nicht
-sterben, da ihn kein Begr&auml;bnis erster Klasse
-erwartete.</p>
-
-<p>H&auml;cksel hat sich dann im Bergwerkpferdestall
-anstellen lassen und kam gar nicht mehr
-an die Erdoberfl&auml;che. Davon, da&szlig; er &uuml;berhaupt
-nicht mehr die Luft wechselte und
-immer in der durchw&auml;rmten Schachtluft wohlbesch&uuml;tzt
-dahinlebte, heilte seine Lunge aus,<span class="pagenum"><a id="Page_124">[S. 124]</a></span>
-und er genas von seiner Schwindsucht und
-dem Fieber.</p>
-
-<p>Aber eines Tages schlug ihm ein Pferd, als
-er sich eben b&uuml;ckte, mit dem Hinterfu&szlig; vor
-den Kopf, da H&auml;cksels Leibfloh das Pferd
-unsanfter als sonst in die Weichen gebissen
-hatte.</p>
-
-<p>Eine ganze Nacht lag H&auml;cksel in seinem
-Blut unter dem Pferd. Niemand war da, und
-nur die Fl&ouml;he sahen von allen Pferder&uuml;cken
-herunter neugierig zu, wie so ein Menschenvieh
-endlich einmal stirbt. Sie lachten und
-kicherten, bissen in die Pferdeweichen und
-hatten es wundersch&ouml;n, indessen H&auml;cksel nochmals
-die Nacht durchlebte, da er alles Geld
-verloren hat. Der Teufel mit zwei Gesichtern
-setzte sich auf eine Pferdekrippe in die Stallecke,
-wo der rote Laternenschein den Stall
-schwach aufhellte, und von der Decke &uuml;ber
-dem Heu, wo die Spinnweben dick festhingen,
-l&ouml;ste sich die K&ouml;nigin der Nacht los und
-krallte eine Hand in H&auml;cksels Kopfwunde,
-die ihm der Pferdehuf geschlagen hatte.</p>
-
-<p>»La&szlig; mich, la&szlig; mich,« kr&auml;chzte der Verwundete
-und w&auml;lzte sich zum Vergn&uuml;gen der
-jungen Fl&ouml;he hin und her. Und er sah dann,
-wie der schwarzb&auml;rtige Andreas Hofer mit<span class="pagenum"><a id="Page_125">[S. 125]</a></span>
-der K&ouml;nigin der Nacht zu ringen begann. Es
-wurde im Stall heller, weil die Nacht von
-Andreas Hofer besiegt wurde.</p>
-
-<p>Dann nahte der vergi&szlig;meinnichtbekr&auml;nzte
-Schutzengel und fragte H&auml;cksel streng, ob er
-noch etwas zu gestehen h&auml;tte, er solle sich
-das Herz durch ein Gest&auml;ndnis erleichtern.</p>
-
-<p>Die Fl&ouml;he verfolgten von den Pferder&uuml;cken
-herunter dieses Theater im fiebernden Hirn
-des Sterbenden mit Spannung. Denn da sie
-ihr Lebenlang mit dem Menschenblut des
-H&auml;cksels aufgef&uuml;ttert waren, verstanden sie
-dieses Blutes Sprache gut und sahen alles,
-was der Sterbende zu sehen vermeinte.</p>
-
-<p>»Ich wette, er wird nichts gestehen,« lachte
-der J&uuml;ngste der Flohbrut. »Gesteh nichts,
-sag nichts, es ist dein gutes Recht zu schweigen,«
-rief er mit Eifer zu H&auml;cksel herunter.</p>
-
-<p>»Nein, sage es nur! Er wei&szlig; es ja schon
-selber, da&szlig; du die Silbergulden aus dem
-blinden Stollen gestohlen hast,« kreischte der
-Chor der andern frech und lustig.</p>
-
-<p>H&auml;cksel schwieg und &auml;chzte. Er schwieg
-auch, als alle Toten aus dem blinden Schacht
-mit vorwurfsvollen Gesichtern an ihm vor&uuml;berzogen.</p>
-
-<p>Da winkte der Teufel in der Ecke des<span class="pagenum"><a id="Page_126">[S. 126]</a></span>
-Stalles, und herein sprang der H&ouml;llenhund
-und stand wie ein gro&szlig;er L&ouml;we mitten im
-Stall und sch&uuml;ttelte sich knurrend.</p>
-
-<p>Aber zugleich kam auch ein Greis herein
-&mdash; das war Petrus &mdash; und fa&szlig;te den H&ouml;llenhund
-an der M&auml;hne, so da&szlig; er sich nicht auf
-H&auml;cksel st&uuml;rzen konnte.</p>
-
-<p>»Gesteh, da&szlig; du das Silbergeld nicht geerbt
-hast,« drohte der glatzk&ouml;pfige Petrus und griff
-nach der Stallaterne und drohte, da&szlig; er das
-Lebenslicht in der Laterne, das dem H&auml;cksel
-geh&ouml;rte, ausblasen w&uuml;rde, so da&szlig; der Halsstarrige
-dann vom finstern H&ouml;llenhund verschlungen
-werden m&uuml;&szlig;te.</p>
-
-<p>»Bravo,« lachten die Fl&ouml;he und h&ouml;hnten,
-»siehst du, jetzt hast du dein erstklassiges Begr&auml;bnis
-im Bauch des H&ouml;llenhundes.«</p>
-
-<p>»Ich habe das Geld &mdash; das gar kein Geld
-war, von dem ich gar nichts ausgegeben habe,
-von dem ich mir nicht einmal ein Glas Bier
-bezahlt habe, &mdash; im Stollen ausgegraben und
-nicht geerbt,« schrie H&auml;cksel.</p>
-
-<p>»Hier hast du ein St&uuml;ck Holzkohle aus
-dem Feuerbecken des Teufels. Mit diesem
-schreibe dein Gest&auml;ndnis an die Kalkwand des
-Stalles, damit die Leute dein Gest&auml;ndnis schwarz
-auf wei&szlig; haben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-<p>Dann, als H&auml;cksel geschrieben hatte, sagte
-Petrus und hob den Zeigefinger drohend:</p>
-
-<p>»Siehst du, mein lieber H&auml;cksel, du hast es
-erleben sollen, da&szlig; unehrlich angeeignetes
-Gut nicht den kleinsten Genu&szlig; bereitet. Und
-da&szlig; Diebstahl einem mehr M&uuml;he, Schwei&szlig;
-und &Auml;rger bereitet als die h&auml;rteste ehrliche
-Arbeit, das wei&szlig;t du jetzt.</p>
-
-<p>Da du aber im Leben bereits deine Tat
-geb&uuml;&szlig;t hast, will ich dir nun doch ein Begr&auml;bnis
-erster Klasse auf himmlische Staatskosten
-bereiten. Komm und steige in die
-Himmelskutsche, die vor der Stallt&uuml;re steht.
-Mit dir wird aber auch Zinnoberchen den
-Himmel und das Begr&auml;bnis erster Klasse teilen,
-denn der Pferdehuf hat sie auf deiner Stirn
-zertreten, als er dich traf.«</p>
-
-<p>Da erst erfuhr die Flohbrut den Tot ihrer
-Mutter. Und nun duckten sie sich alle vor
-Schrecken. Und das Pferdeblut und das
-Menschenblut in ihren Leibern wurde ganz
-bla&szlig;, und sie sprangen f&uuml;r diese Nacht weit
-fort in das Bergwerk und kehrten erst nach
-Tagen in den Stall zur&uuml;ck, als man H&auml;cksels
-Leichnam an die Erdoberfl&auml;che gebracht und
-dort wieder in die Erde gebettet hatte.</p>
-
-<p class="pmb3">Dieses ist die Geschichte von H&auml;cksel und
- <span class="pagenum"><a id="Page_128">[S. 128]</a></span>
-den Bergwerkfl&ouml;hen. Und wenn die Fl&ouml;he
-inzwischen im Bergwerk nicht doch ausgestorben
-sind, so leben sie heute noch dort,
-so frech wie damals.</p>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_129">[S. 129]</a></span></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[S. 130]</a></span></p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-
-<h2 class="no-break" id="Zwei_Reiter_am_Meer">Zwei Reiter am Meer</h2>
-</div>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_131">[S. 131]</a></span></p>
-
-
-<p>Einige G&auml;ste erhoben sich und verabschiedeten
-sich von der in Trauer gekleideten
-Hausfrau und vom Hausherrn, der die Abschiednehmenden
-durch die Diele zum Vorzimmer
-begleitete.</p>
-
-<p>Ein Herr und ich waren allein die Letzten
-in dem gro&szlig;en Bibliothekzimmer, wo wir
-nach dem Abendessen, zu dem wir geladen
-gewesen, alle um einen runden Mahagonitisch
-beim Licht einer gr&uuml;nverschleierten
-elektrischen H&auml;ngelampe plaudernd gesessen
-hatten.</p>
-
-<p>Ich hatte mich an diesem Abend nicht viel
-am Gespr&auml;ch beteiligen k&ouml;nnen. Die weitge&ouml;ffneten
-T&uuml;ren in die erleuchteten Nebenr&auml;ume,
-in das Musikzimmer, in den Speisesaal
-und in das Teezimmer, in denen &uuml;berall sanftes
-Licht und eine unendliche Ruhe sich ausbreiteten,
-hatten meine Gedanken immer weiter
-von mir fortgezogen, und es war mir, als
-st&uuml;nde mein Stuhl nicht im Bibliothekzimmer
- <span class="pagenum"><a id="Page_132">[S. 132]</a></span>
-eines vornehmen Landhauses drau&szlig;en im
-Waldh&auml;userviertel am Rande einer Weltstadt,
-sondern am Rande eines Weltteils stand ich
-und sah auf ein Weltmeer, auf einen grauen
-Ozean, dessen Wasserlinie in der Ferne zu
-Himmelswolken wurde, zu Nebelbrodem; und
-nur in weiten Abst&auml;nden warf manches Mal
-eine langgezogene Strandwelle eine wei&szlig;e
-Spr&uuml;hschaumwolke in die Luft. Nur diese
-eine gro&szlig;e Wellenzuckung zeigte Leben auf
-jenem Wasserweltteil. Sonst waren Himmel
-und Wasserfl&auml;che atemlos ausgebreitet und
-verschwanden weit drau&szlig;en im Nichts der
-Unendlichkeit.</p>
-
-<p>Vor mir aber, ganz nahe am Wasserrand im
-D&uuml;nensande, lebte das rassige Gliederspiel
-zweier vor&uuml;berschreitender Reitpferde, die von
-zwei Menschen geritten wurden, die ich aber
-nicht n&auml;her beachtete, weil vorerst nur die
-beiden Pferde und das einheitliche ungeheuerliche
-Weltalleben von Meer und Himmel meine
-Aufmerksamkeit anzogen.</p>
-
-<p>Der Glanz von den Flanken der spiegelglatten
-Tiere und hie und da der Glanz im
-Meer, der von den weithin streichenden Linienwellen
-angeregt auf- und abzuckte, machten
-Pferde und Reiter wie zu Spiegelgebilden,
- <span class="pagenum"><a id="Page_133">[S. 133]</a></span>
-zu Schattent&auml;nzern vor dem weiten Luft- und
-Wasserraum.</p>
-
-<p>Es war ein hoheitsvolles Schreiten in den
-Beinen und Fesseln der spielend und t&auml;nzelnd
-auftretenden Pferdegestalten. Es war wie ein
-Musizieren in der Luft, ein gaukelndes T&ouml;nespiel
-in der adligen Beweglichkeit der Tiere,
-als m&uuml;&szlig;ten das Meer und der Himmel zu
-einem riesigen Instrument werden, auf dem
-Melodien geboren wurden beim rhythmischen
-Vorw&auml;rtsschreiten beider Reitpferde.</p>
-
-<p>Es kam mir nicht zum Bewu&szlig;tsein, da&szlig; der
-lautlose D&uuml;nensand alle Ger&auml;usche verschlucken
-k&ouml;nnte. Auch der Sand, schien mir, wurde
-zu rieselnden T&ouml;nen unter der Ber&uuml;hrung der
-zierlichen und rassigen Glieder der Pferde.</p>
-
-<p>Das Weltall um die Reitenden t&ouml;nte bald
-ged&auml;mpft jauchzend auf, bald klang es schneidend
-weh zu mir her wie die Ger&auml;usche der
-langen schneidenden Linien der flachen Strandwellen.</p>
-
-<p>Dieses Bild, das ich so lebendig sah, das Bild
-der zwei Reiter am Meer, hing im n&auml;chsten
-Zimmer, im Musiksaal, in goldenem Rahmen
-&uuml;ber dem Fl&uuml;gel. Ich konnte es vom Bibliothekzimmer
-aus nicht mehr sehen, aber das
-Bild kam immer wieder zu mir.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[S. 134]</a></span></p>
-
-<p>Der Hausherr hatte mich, als wir nach dem
-Abendessen aus dem Speisesaal kamen, auf
-das Bild, das ihm das Lieblingsgem&auml;lde seines
-Hauses war, aufmerksam gemacht. Und ich
-hatte mich einen Augenblick auf eine Sessellehne
-gest&uuml;tzt und hatte meinen K&ouml;rper am
-Sessel verlassen und war mit meinem Geist
-durch den Rahmen des Bildes aus dem Haus,
-aus dem Land weit fort gegangen und an den
-Meerrand getreten. Als wir dann sp&auml;ter im
-Bibliothekzimmer um den runden Tisch sa&szlig;en,
-war es, wie ich es eben beschrieb. Das Bild
-kam immer wieder zu mir. Es hob die W&auml;nde
-der Zimmer fort. Die Ruhe der beleuchteten
-Nebens&auml;le wurde zur Ruhe des Weltmeeres,
-das ged&auml;mpfte Licht in den R&auml;umen zur Ruhe
-des Himmelslichtes &uuml;ber den Urwassern.</p>
-
-<p>So wu&szlig;te ich, als ich mechanisch aufgestanden
-war und der Hausherr mit einigen G&auml;sten
-das Zimmer verlie&szlig;, bald nicht mehr, was
-Wirklichkeit und was Unwirklichkeit war.</p>
-
-<p>Es stand eine weite ged&auml;mpfte Festlichkeit
-um mich, von der ich mich halb nicht trennen
-konnte, und halb wieder getrennt f&uuml;hlte, da
-diese Festlichkeit nicht mir geh&ouml;rte. Denn es
-war die Festlichkeit der Schmerz und Freude
-ausgleichenden Todesstunde, die aus den
- <span class="pagenum"><a id="Page_135">[S. 135]</a></span>
-Zimmern dieses Hauses noch nicht gewichen
-war, die den Alltagsr&auml;umen eine h&ouml;here Verkl&auml;rung
-hatte geben k&ouml;nnen, als es sonst hier
-laute Feste vermocht hatten.</p>
-
-<p>Ich war in demselben Hause vor Jahren zu
-einem gro&szlig;en Abendfest gewesen, aber die
-erlesen geschm&uuml;ckten Frauen und geistesgewandten
-M&auml;nner hatten bei Tanzschritten,
-Witz und Fr&ouml;hlichkeit, bei Wein und Musik
-keine &auml;hnliche Gr&ouml;&szlig;e der Festlichkeit schaffen
-k&ouml;nnen, keine &auml;hnliche Erh&ouml;hung des Hauses,
-wie es jetzt ein einziger Mensch getan, ein
-junger Mensch, der einzige Sohn, der durch
-seinen Todesschritt das Haus an den Rand
-der Unendlichkeit gestellt hatte. Wie diesem
-war es nur dem K&uuml;nstler gelungen, das Haus
-fortzuheben, ihm, der jenes Gem&auml;lde geschaffen,
-das nicht blo&szlig; &uuml;ber dem Fl&uuml;gel im Nebenzimmer
-hing, sondern das die Kraft hatte,
-Haus und Beschauer an das Erdende zu entr&uuml;cken,
-dorthin, wo das Reich der fliehenden
-Wasser, das menschenleere Reich der Ozeane
-beginnt, darauf der Mensch nur zeitweiliger
-Gast sein, aber nicht Fu&szlig; fassen kann, wo
-ihn Tiefe und Weite verschl&auml;ngen, wenn er
-die Grenze von der Wirklichkeit zum Nichts
-&uuml;berschreiten w&uuml;rde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_136">[S. 136]</a></span></p>
-
-<p>Ich stand noch unschl&uuml;ssig, &uuml;berlegend, ob
-ich den G&auml;sten, die gegangen waren, folgen
-sollte, oder ob ich noch bei der Todesfestlichkeit,
-die in diesen R&auml;umen lag und mich
-anzog, verweilen durfte.</p>
-
-<p>Der Gestorbene war ein junger Musiker
-gewesen. Dr&uuml;ben am Fl&uuml;gel hatten Mutter
-und Sohn oft Stunden verbracht, wenn sie
-sang, was der junge Mann erdacht; wenn
-er ihr vorspielte, was die Stimme seiner
-J&uuml;nglingsgef&uuml;hle, seines J&uuml;nglingsernstes und
-seiner J&uuml;nglingseinsamkeit auft&ouml;nen lassen
-mu&szlig;te.</p>
-
-<p>Damals waren beider Herzen, das der Mutter
-und das des Sohnes, wie die zwei Reiter
-am Meer gewesen, deren Pferde im gleichen
-Takt schritten, und die melodisch vor der Unendlichkeit
-des Himmels und des Meeres, vor
-der Zukunft und vor der Vergangenheit hinzogen.</p>
-
-<p>Nun war die Einheit zerrissen. Die zarte
-und zierliche, tief getroffene Mutter stand
-noch fassungslos vor dem unfa&szlig;baren Schmerz.
-Die Melodie der Einheit war abgebrochen.
-Das Leben gab keinen Klang mehr als den
-des Schluchzens. Schluchzen noch nachts in
-den Tr&auml;umen, Schluchzen morgens beim Erwachen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_137">[S. 137]</a></span>
-Schluchzen am Tage beim Schreiten
-durch die lautlosen R&auml;ume des Hauses und
-durch den noch lautloseren Raum des eigenen
-Herzens.</p>
-
-<p>In den letzten Sommertagen war der junge
-Mann noch Leben und Lebenslust gewesen.
-Dann war er erkrankt. Seine Lunge fieberte.
-Die Sprache, seine Stimme, starb zuerst. Dann
-entglitt der Blick, die Augen erl&ouml;schten, und
-der warme K&ouml;rper, den die Mutter umschlang,
-entfremdete sich selbst dem Mutterherzen
-und verschwand in der K&auml;lte des Todes.</p>
-
-<p>Nun waren Monate vergangen. Niemals
-mehr hatte die Mutter den Fl&uuml;gel im Musikzimmer
-&ouml;ffnen k&ouml;nnen. Sie hatte den Sohn
-immer noch begraben m&uuml;ssen, den Gestorbenen
-immer wieder begraben. Sie hatte noch nicht
-die Kraft gehabt, den Sohn verkl&auml;rt vor sich
-auferstehen zu lassen. Aber alles Abschiednehmen
-mu&szlig; von einem Wiederkommen abgel&ouml;st
-werden. Auf die Trennung, die das
-Sterben bringt, folgt die Wiederkehr, die
-Stunde der Auferstehung. Das Leben l&auml;&szlig;t
-sich nicht bis ins Unendliche begraben, auch
-das tote Leben nicht. Auch im Tod ist ein
-Wellenschlag. Das Land hat seine Berge und
-H&uuml;gel, das Meer seine Wellen und Wogen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_138">[S. 138]</a></span>
-der Himmel seine Wolken und seine Gl&auml;tte.
-Und auch das vergangene Leben hat sein
-Gehen und Wiederkehren.</p>
-
-<p>An diesem Abend war mir unbewu&szlig;t klar
-geworden: der Tote war zu seiner Mutter und
-zu seinem Vater verkl&auml;rt wiedergekehrt. Er
-war wieder auferstanden in den R&auml;umen des
-Hauses. Der junge Mann stand neben uns
-und wollte uns von seiner &Uuml;bersinnlichkeit
-einen Ausdruck geben. Seine Todeswelle,
-raumloser als die r&auml;umlichen Wellen, die wir
-Lebenden f&uuml;hlen, wollte sich vor uns verk&ouml;rpern.</p>
-
-<p>Dieser feierliche Schauder ber&uuml;hrte mich
-noch, als die trauernde Frau des Hauses zu
-mir sagte und auf den Gast deutete, der au&szlig;er
-mir noch im Zimmer geblieben war:</p>
-
-<p>»Sie gehen doch noch nicht? Ich dachte,
-wir wollten heute abend noch ein wenig Musik
-h&ouml;ren. Sie wissen, es ist seit Monaten kein
-Ton in diesem Hause gespielt worden.«</p>
-
-<p>Der junge Mann, den sie zum Spielen aufforderte,
-war ein sehr feiner, k&uuml;nstlerisch
-ernster und gewandter Klavierspieler. Er
-spielte uns dann gute Werke gro&szlig;er Komponisten
-vor, verabschiedete sich aber bald.</p>
-
-<p>Mich jedoch hielt eine Spannung fest, eine
- <span class="pagenum"><a id="Page_139">[S. 139]</a></span>
-Erwartung, eine Sehnsucht nach der Verk&ouml;rperung
-der &uuml;berirdischen Festlichkeit des Todes,
-die mich in diesen R&auml;umen nicht verlie&szlig;.</p>
-
-<p>Die beiden Klavierlampen brannten noch
-am offenstehenden Fl&uuml;gel. Unweit von mir
-auf einem kleinen Damenschreibtisch stand
-die Photographie des jungen Verstorbenen.</p>
-
-<p>Drau&szlig;en vor den wei&szlig;verschleierten Fenstern
-des Hauses lehnte das Schweigen des dunkeln
-Gartens, des dunkeln Waldes. Ich wu&szlig;te,
-die Nachtlandschaft drau&szlig;en war schneelos
-und winterlich d&uuml;ster. Es war Februar, und
-das Grab des Toten lag fern irgendwo in
-einem der m&auml;chtigen Gro&szlig;stadtfriedh&ouml;fe. Und
-jenes Grab unterschied sich in nichts von der
-Wintererde und in nichts von den andern
-Millionen Grabh&uuml;geln, die &uuml;berall auf der
-Welt jahraus, jahrein hervorwachsen, die
-im Sommer begr&uuml;nt sind wie die W&auml;lder und
-Wiesen und im Winter verlassen scheinen
-wie die W&auml;lder und Wiesen.</p>
-
-<p>Der Geist der Toten aber lebt Sommer und
-Winter in einer verkl&auml;rten Jahreszeit, die wir
-auf Erden nicht kennen, die sich aber auf
-uns herabsenkt, wenn sich ein Toter uns mitteilen
-will. Beim Gemisch der eisigen Wellen
-des Toten und der W&auml;rmewellen unseres
- <span class="pagenum"><a id="Page_140">[S. 140]</a></span>
-Herzens entsteht jene schauers&uuml;&szlig;e Stimmung,
-in der wir fr&ouml;stelnd f&uuml;hlen, der Tote ist auferstanden
-und kehrt verkl&auml;rt bei uns ein.</p>
-
-<p>Ich wagte unter dem Bann dieser Stimmung
-die Frage an die trauernde Mutter, ob sie
-nicht ein Lied ihres verstorbenen Sohnes singen
-oder ein Musikst&uuml;ck von ihm spielen m&ouml;chte.</p>
-
-<p>Sie l&auml;chelte schmerzlich und ging zum Fl&uuml;gel.
-Aber als wenn sie sich selbst vom gleichen
-Wunsch zum Klavier hingezogen gef&uuml;hlt h&auml;tte,
-schien sie mir dabei freudiger im Gang, von
-einer verhaltenen Freude umgeben. Allein im
-Hause, h&auml;tte sie es vielleicht nicht gewagt,
-jetzt schon vor dem Vater des Verstorbenen
-Lieder und T&ouml;ne aufleben zu lassen.</p>
-
-<p>Als die Trauernde sich zwischen die zwei
-hellen verschleierten Lampen an den schwarzgl&auml;nzenden
-Fl&uuml;gel setzte und ihre schwarz
-eingeh&uuml;llten schmalen Schultern sich von den
-schneewei&szlig;en T&uuml;llvorh&auml;ngen abhoben, die
-senkrecht vor den Fenstern hinter ihr herabhingen,
-da war es mir noch nicht gewi&szlig;,
-ob Leben aus dem Fl&uuml;gel erwachen w&uuml;rde.
-Ich mu&szlig;te immer noch denken, da&szlig; diese
-in tiefe Trauer geh&uuml;llte Mutter den Sohn
-immer noch begrub. Der Fl&uuml;gel vor ihr
-wurde mir wie zum gl&auml;nzend schwarzen Sarg,
- <span class="pagenum"><a id="Page_141">[S. 141]</a></span>
-an dem sie sich, wie mir schien, niederlassen
-mu&szlig;te, um zu schluchzen, um zu weinen und
-zu begraben.</p>
-
-<p>Ich wu&szlig;te nicht, ob die Trauernde schon
-reif war, den Toten auferstehen zu lassen,
-in jener Verkl&auml;rung, in der ich als Fremder
-ihn bereits in den R&auml;umen eingetreten
-f&uuml;hlte.</p>
-
-<p>Es w&uuml;rde mich nicht verwundert haben,
-wenn die noch schwer Ersch&uuml;tterte nach den
-ersten T&ouml;nen das Spiel abgebrochen und ihr
-Gesicht in die H&auml;nde vergraben h&auml;tte.</p>
-
-<p>Aber sie war reif zum Empfang des Zur&uuml;ckkehrenden.
-Mit einem wunderbaren Mut,
-als &uuml;berschritte sie selbst freudig die Schwelle
-vom Leben zum Tod, entlockte sie dem Fl&uuml;gel
-die alten Wohllaute, die nur ihr vertrauten
-einsamen J&uuml;nglingsgef&uuml;hle des Sohnes, die
-m&auml;nnlich junge Lust und die m&auml;nnlich jungen
-Zweifel, die einst in ihm gerungen hatten.</p>
-
-<p>Und als sie eines der letzten seiner Lieder
-sang, geschah vor meinen Augen das Wunderbare:
-die reife sch&ouml;ne Frau sang sich an den
-jugendlichen Weisen ihres Sohnes zur eigenen
-fr&uuml;hesten Jugend zur&uuml;ck. Und ihr Frauengesicht
-wurde m&auml;dchenhaft, aller Entt&auml;uschungen
-bar. M&auml;dchenhaft gl&auml;ubig und vertrauend
- <span class="pagenum"><a id="Page_142">[S. 142]</a></span>
-wurden die Augen beim Aus- und Einatmen
-der Musik. Die Vergr&auml;mte verkl&auml;rte sich
-unter der Verkl&auml;rung des Toten. Und ich
-sah Mutter und Sohn auf zwei gro&szlig;en, &uuml;berweltlich
-gro&szlig;en, jugendlichen Rossen, von
-denen jedes die Verk&ouml;rperung eines Schicksals
-zu sein schien, am Meer der Unendlichkeit
-hinreiten.</p>
-
-<p>So sehe ich beide dort heute noch und in
-Ewigkeit als zwei Reiter am ungeheuren Meer
-am Rand der Welt.</p>
-
-<p class="pmb3">Und wenn ich in neuen Stunden und in
-anderen R&auml;umen dieser Frau wiederbegegnen
-werde, sie wird f&uuml;r mich immer die vom
-Todesschmerz m&auml;dchenhaft verkl&auml;rte Mutter
-sein, die, auf der Linie zwischen Leben und
-Tod, lebender in der Entr&uuml;ckung auflebt als
-im Irdischen.</p>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[S. 143]</a></span></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[S. 144]</a></span></p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-
-<h2 class="no-break" id="Auf_dem_Weg">Auf dem Weg<br />
-zu den Eulenk&auml;figen</h2>
-</div>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_145">[S. 145]</a></span></p>
-
-
-<p>Ich habe manchmal dar&uuml;ber nachgedacht,
-wenn ich Frau Claudia nach Jahren in dieser
-oder jener Weltstadt wiedersah, womit sich
-ihre Augen vergleichen lie&szlig;en. Es machte
-mich oft in ihrer N&auml;he unruhig, da&szlig; ich
-keinen Ma&szlig;stab f&uuml;r ihre Augen fand, und
-wenn ich aus der Ferne, bei Gespr&auml;chen oder
-in Gedanken, das Bild Claudias vor mich
-hinstellte, stotterte meine Vorstellung, m&ouml;chte
-ich sagen, und brachte niemals einen Vergleich
-zustande, eine Beschreibung jener Frauenaugen.</p>
-
-<p>Sie sind schwarz, aber man kann sie nicht
-einfach schwarz nennen, denn sie sind nicht
-schwarz, wenn sie einen treffen. Sie sind
-von einer Dunkelheit, die ist &uuml;ber Schwarz
-hinaus, eine abgr&uuml;ndigere Farbe, vielleicht
-m&uuml;&szlig;te man diese Augen Saturnschwarz nennen.</p>
-
-<p>Einmal habe ich von Claudia, welche die
-Frau eines meiner Freunde ist, und mit der
-mich nur rein freundschaftliche Beziehungen
-verbinden, ein wenig ehebrecherisch getr&auml;umt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_146">[S. 146]</a></span></p>
-
-<p>Es war ein ziemlich harmloser Ehebruchstraum.
-Da ich gar nicht f&uuml;r Vielweiberei
-veranlagt bin, erstaunte mich der Traum, und
-ich mu&szlig;te am Morgen ein kleines Gedicht
-dar&uuml;ber schreiben. Das Gedicht schilderte
-ein paar Tanzschritte, die ich im Traum mit
-Claudia tanzte. Sie war vom Hals bis zum
-Fu&szlig; in einen wei&szlig;en Seidenschal schlank eingewickelt,
-und wir hielten uns zum Tanz nah,
-und dabei sahen Claudias Augen, jene unbeschreibbaren
-Augen, unerbittlich in mich
-hinein. Ich fand auch in jenem Gedicht wieder
-keinen zutreffenden Vergleich f&uuml;r diesen
-Blick, sondern nur den ganz bl&ouml;den romanhaften,
-da&szlig; Claudias Auge &auml;hnlich einer Messerklinge
-war, die auf schwarzem Samt liegt.</p>
-
-<p>Dieser Vergleich mag mir deshalb gekommen
-sein, weil Claudia einmal in einer zornigen
-Aufwallung ein spitzes Messer nach ihrem
-leichtlebigen Gatten geschleudert hatte. Dieses
-Messer sauste damals, ich wei&szlig; nicht, ob ich
-sagen soll zum Gl&uuml;ck oder zum Ungl&uuml;ck, an
-dem sich behend Duckenden vorbei, blieb
-aber senkrecht wie ein Stahlpfeil im T&uuml;rbrett
-stecken, wo es noch eine lange Weile zitterte.</p>
-
-<p>Nur deshalb verzieh ich mir in dem Gedicht
-jenen romantischen Vergleich. Aber
- <span class="pagenum"><a id="Page_147">[S. 147]</a></span>
-jetzt brauche ich mich &uuml;berhaupt nicht mehr
-abzum&uuml;hen, mir die Augen Claudias zu erkl&auml;ren.
-Sie selbst hat es neulich getan.</p>
-
-<p>Es war im Winter, ich hatte mich mit einigen
-Freunden und Freundinnen, unter denen auch
-Claudia war, verabredet, mich mit ihnen am
-Eingang des Zoologischen Gartens zu treffen.
-Ich kam etwas versp&auml;tet aus einer Kunstausstellung
-und dachte, da&szlig; alle Freunde schon
-gekommen w&auml;ren. Durch die gro&szlig;en Scheiben
-des Autos blickte ich unruhig der Fahrt voraus,
-um schnell zu wissen, ob ich wirklich
-der letzte sei, denn die Versp&auml;tung &auml;rgerte
-mich. Meine Uhr aber schien falsch zu gehen.
-Ich war noch zu zeitig da, sogar einer der
-ersten, denn nur Claudia wartete schon vor dem
-Eingang. Ich sah sie dort im schwarzen Samtmantel
-mit schwarzem Skunksschal, schwarzer
-Samtkappe mit schwarzem Reiher, schwarz
-auf dem hellen kahlen Asphaltpflaster im
-kahlen Januarnachmittag stehen und sich nach
-meinem vorfahrenden Auto umsehen.</p>
-
-<p>Aber es ist nicht richtig, wenn ich sage,
-da&szlig; ich all dieses Schwarz, in dem Frau
-Claudia jetzt immer mit Vorliebe auf der
-Stra&szlig;e erschien, zuerst gesehen h&auml;tte. Ich sah
-zuerst nur jene schwarzen Augen, nachdem
- <span class="pagenum"><a id="Page_148">[S. 148]</a></span>
-mich ihr Blick aus dem immer todbleichen
-Gesicht traf. Auch Claudias Haar ist schwarz,
-wie ihre Kleidung. Dieses schwarze Haar
-trennt sich aber vom Gesicht nicht mehr als
-das Kleid. Es lebt nicht mehr als dieses.
-Leben haben nur Claudias Augen, ein Leben,
-das ungeheuerlich weit aus dem Gesicht fortger&uuml;ckt
-scheint. Nicht Leben, das einem entgegenkommt.
-Man k&ouml;nnte sagen, da&szlig; man
-eine aufgezeichnete Landkarte vom Leben,
-Weltteile von einem Leben, in den schwarzen
-Augen schaute, wenn der Blick jener Frau
-einen traf.</p>
-
-<p>Nach einer Weile kamen die andern Freunde,
-und wir traten in den leeren Zoologischen
-Garten ein, wo die bl&auml;tterlosen B&auml;ume &ouml;de
-gegen den mattgrauen Winterhimmel standen
-und, ebenso wie die Augen Claudias, nur
-Lebenslinien, hoch von der Erde wegger&uuml;ckt,
-Haltung und Bestimmung zeigten, aber keine
-bl&auml;tterrauschende Sommerfreude.</p>
-
-<p>»Wo wollen wir zuerst hin?« fragte einer
-den andern.</p>
-
-<p>Jemand schlug vor, zu den Raubtieren zu
-gehen. Ein anderer wollte zu den Affen.
-Ein dritter zu den Papageien. Nur Claudia
-sagte immer dazwischen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_149">[S. 149]</a></span></p>
-
-<p>»Aber zu den Eulen m&uuml;ssen wir auch gehen!
-Ihr wi&szlig;t nicht, wie sch&ouml;n die Eulen sind.
-Ihr habt ihre Augen sicher nie betrachtet.
-Ich sage euch, es sind wundersch&ouml;ne V&ouml;gel.
-Ich gehe nie aus dem Zoologischen Garten
-fort, ohne bei den Eulen gewesen zu sein.«</p>
-
-<p>Als Claudia so eifrig die Eulen bevorzugte,
-ging sie in der Mitte der kleinen Gesellschaft,
-von den Damen und Herren umgeben,
-und sie blickte nur ab und zu nach
-links und rechts, und sie l&auml;chelte. Und ich
-mu&szlig;te an den Rattenf&auml;nger von Hameln
-denken, der an der Spitze einer Kinderschar
-schreitet und diese mit seinen eindringlichen
-gleichm&auml;&szlig;igen Fl&ouml;tenlauten in einen finsteren
-Berg lockt, der sich bald hinter den Ahnungslosen
-schlie&szlig;en wird.</p>
-
-<p>So gingen diese schwarzen Augen, die ich
-bis zu jener Stunde immer noch nicht beschreiben
-konnte, allen anderen Augen voran,
-von denen keine mit so schicksalstiefen Blicken,
-unheimlichen Fl&ouml;tenlauten &auml;hnlich, anziehen
-konnten wie Claudias Augen. Mir schien,
-wir andern w&auml;ren pl&ouml;tzlich alle schwarz wie
-Claudia gekleidet, als sie uns immer wieder
-von den d&uuml;steren Eulen sprach. Eulen waren
-ihr die liebsten Tiere des ganzen Gartens
- <span class="pagenum"><a id="Page_150">[S. 150]</a></span>
-und die sch&ouml;nsten V&ouml;gel der Welt. Und ich
-konnte mich bald nicht mehr des Wunsches
-erwehren, zu keinen anderen Tieren zu gehen
-als zu den Eulen. So ging es schlie&szlig;lich allen, die
-um Claudia waren. Die Eulen wurden f&uuml;r jeden
-der Mittelpunkt des Gartens. Und w&auml;hrend die
-Stimme der schwarz&auml;ugigen Frau die Eulen
-pries, wie ich es noch nie von jemandem geh&ouml;rt
-hatte, und w&auml;hrend einer nach dem andern
-seine eigenen W&uuml;nsche fallen lie&szlig;, sah
-ich auf dem F&uuml;nfminutenweg hin zu den Eulenk&auml;figen
-Claudias Leben, das sich rasend vor
-mir abspielte. Man sagt, da&szlig; einem von einem
-Turm oder Berg St&uuml;rzenden innerhalb der
-Sturzsekunden das Leben in blitzartigen Bildern
-vor den Augen vor&uuml;berrase. So geschah
-es mir mit Claudias Leben auf dem
-Weg zu den Eulenk&auml;figen.</p>
-
-<p>Vorher hatte ich es nie im Zusammenhang
-gesehen. Nie hatte sie selbst mir viel erz&auml;hlt.
-Nur Andeutungen, nur S&auml;tze und
-nur kurze Geschehnisse, erz&auml;hlt von gemeinsamen
-Freunden &uuml;ber sie, lagen zerstreut
-in mir.</p>
-
-<p>Nun aber schossen mir alle diese Eindr&uuml;cke,
-wie von einem Magneten angezogen, auf dem
-Weg zu den Eulen zu einem so tragischen
- <span class="pagenum"><a id="Page_151">[S. 151]</a></span>
-Lebensbilde zusammen, da&szlig; mich jeder Schritt
-marterte, den ich neben Claudia weitergehen
-mu&szlig;te. Und doch lockte mich die Erhabenheit
-eines verfinsterten Menschenlebens, so wie
-schmerzliche Fl&ouml;tenlaute bestricken und uns
-fortf&uuml;hren k&ouml;nnen in ein Dickicht, durch
-Stacheln und Dornen.</p>
-
-<p>Claudia war einst eine starke, mutige, das
-Leben herausfordernde, tapfere, junge Studentin
-gewesen. Der Mann, den sie heute noch
-liebt, trotzdem er ihr Grauen einfl&ouml;&szlig;t, trotzdem
-er t&auml;glich M&uuml;hlsteine an ihre Seele h&auml;ngt,
-war damals ein hoher schlanker Student.
-Claudia hatte ihm den Namen Dagon gegeben;
-Dagon, der biamesische Gott des Ungeheuerlichen,
-der Gott des Verschlingens
-ohne Ende, der Gott der Lebensunsicherheit,
-zu dem alle Sterblichen beten, und der
-ihnen nichts f&uuml;r ihr Gebet gibt, keine andere
-Gewi&szlig;heit als den Tod. Dagon, der Gott
-des grauenhaften Nichts, der Schicksalsrachen,
-der die Menschheit zermalmt, dem niemand
-Widerstand leisten kann, der Gott, f&uuml;r den
-die Blumen welken, die V&ouml;gel tot aus dem
-Himmel fallen, vor dem aus Furcht die Erde
-zu zwei Dritteilen in das bittere Angstwasser
-ihrer Meere geh&uuml;llt steht, w&auml;hrend nur ein
- <span class="pagenum"><a id="Page_152">[S. 152]</a></span>
-Drittel der Erde Dagon die Stirnen der Berge
-als Widerstand hinstellt.</p>
-
-<p>Claudia hatte diesen Namen wie in einer
-Vorahnung ihres Schicksals dem jungen Studenten
-gegeben, damals noch nicht wissend,
-wie tief erkennend sie dabei war. Denn wie
-stark der Gott allm&auml;chtiger Willk&uuml;r in dem
-Geliebten verk&ouml;rpert war, das erfuhr sie erst
-im Laufe der Zeit.</p>
-
-<p>Es waren zuerst nur Kleinigkeiten gewesen,
-die Claudia den Namen Dagon und damit
-die Erscheinung des gruseligen Gottes vor die
-Augen f&uuml;hrte, wenn sie den jungen Mann und
-zuk&uuml;nftigen Lebensgef&auml;hrten beobachtete. Es
-belustigte sie, den Geliebten auf Widerspr&uuml;chen
-zu ertappen, aus denen er sich l&auml;chelnd und k&uuml;hl
-&uuml;berlegend oder mit einem gewandten Geistessprung
-ins Blaue ihren starken schwarzen Augen
-entr&uuml;ckte. Damals merkte sie zuerst, da&szlig;
-jener Mann in noch einer ihr fremden Dimension
-lebte, die sie nicht an anderen Menschen
-kannte, die Dimension des Fabelhaften, die
-Dimension, in der die Wirklichkeit und der
-Schein, die Wahrheit und die L&uuml;ge nebelhaft
-ineinander gleiten. Eine Welt war in ihm,
-wo Wirklichkeit auf dem Kopf steht und
-Unwirklichkeit wird, &auml;hnlich wie H&auml;user am<span class="pagenum"><a id="Page_153">[S. 153]</a></span>
-Ufer eines Flusses im Spiegelglanz des Wassers
-mit dem Dach nach unten stehen und scheinbar
-auf einer anderen Weltseite leben, einer
-Welt, die tief scheinen will, unergr&uuml;ndlich
-aussehen will, die aber nichts ist als ein auf
-den Kopf gestelltes Zerrbild der Wirklichkeit.</p>
-
-<p>So spiegelte das Gehirn jenes Mannes, mit
-scheinbaren Unergr&uuml;ndlichkeiten verbl&uuml;ffend,
-die Ufer des Lebens wieder, indem es das
-Feste beweglich machte, es wahnwitzig verzerrte,
-es f&uuml;r unergr&uuml;ndlich ausgab.</p>
-
-<p>Ehe Claudia sich mit dem Studenten verlobte,
-war ein anderer Mann ihrem schwarzen
-Blick verfallen, ein junger Adeliger, der sich
-von ihrer Anziehungskraft nicht losmachen
-konnte, trotzdem er von Claudia nichts zu
-hoffen hatte. Sie trug damals ihr schwarzes Haar
-kurzlockig geschnitten und, nach Knabenart, in
-der Mitte gescheitelt. Sie rauchte auch, als es
-noch nicht allgemein war, da&szlig; Frauen Zigaretten
-rauchten. Sie w&auml;re vielleicht auch am
-liebsten in Herrenkleidung ausgegangen. Ihr
-immer elfenbeinblasses Gesicht zeigte rote
-frische trotzige Lippen, und alles Verwegene,
-Herausfordernde, menschlich K&uuml;hne erregte sie,
-da ihr eigener junger K&ouml;rper der Welt knabenhaft
-verwegen und widerspruchsvoll gegen&uuml;bertrat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[S. 154]</a></span></p>
-
-<p>Ein Freund jenes jungen Adeligen suchte
-sie eines Tages in ihrem Studentenzimmer
-auf und bat sie, sich doch zu entscheiden,
-ob sie nicht die Frau seines Freundes werden
-wollte. Als sie »nein« sagte, schlug der Abgesandte,
-der ein ernster und zielbewu&szlig;ter
-Mensch war, in ehrlichem Zorn mit der Hand
-auf den Tisch und fragte Claudia, was sie
-veranlasse, die Hand eines ehrbaren jungen
-Mannes mit einem Nein abzuweisen.</p>
-
-<p>Die Gefragte sagte ganz einfach, da&szlig; sie
-bereits gew&auml;hlt habe, und nannte den Namen
-Dagons.</p>
-
-<p>»Dann prophezeie ich Ihnen, da&szlig; sie niemals
-gl&uuml;cklich werden,« entfuhr es dem heftig
-Erregten, der seinen Freund verdr&auml;ngt sah von
-einem, der ihm Widerwillen einfl&ouml;&szlig;te. »Aber
-sagen Sie mir, ehe ich gehe,« f&uuml;gte er hinzu,
-»was haben Sie gegen meinen Freund einzuwenden?«</p>
-
-<p>»Da&szlig; er adelig ist,« antwortete ihm frei und
-stolz die junge Studentin, »ist der Grund, der
-immer bleiben w&uuml;rde, wenn ich nicht bereits
-einen andern vor ihm gew&auml;hlt h&auml;tte. Ich will
-nicht, da&szlig; man in seiner Familie auf mich als
-auf eine B&uuml;rgerliche herabschaut.«</p>
-
-<p>Claudia prahlte niemals mit ihren Anbetern.<span class="pagenum"><a id="Page_155">[S. 155]</a></span>
-Nur einmal, als ich sie tief ungl&uuml;cklich antraf
-und ganz nat&uuml;rlich fragte: »Wie sind Sie
-denn mit diesem Mann zusammengekommen,
-der Ihnen jetzt so viel Qualen bereitet?«, da
-erz&auml;hlte sie diese kleine Verlobungsperiode,
-und sie schlo&szlig;: »Gerade weil mich der Freund
-jenes Adeligen vor Dagon warnte und mir
-Unheil prophezeite, gerade das war es, was
-mich herausforderte, Dagon erst recht zu
-w&auml;hlen. Es machte mir Lust, mit meinem Geliebten
-Seele gegen Seele zu ringen. Das fabelhaft
-Verwandlungsf&auml;hige seiner Seele reizte
-die eisernen, starren und gefestigten Lebensbegriffe
-in mir. Mir war, als k&ouml;nnte Dagon
-alles Feste in Wolken aufl&ouml;sen. Mir war,
-als s&auml;he ich einem Zauberer zu, wenn er mich
-leise und l&auml;chelnd schon in der ersten Zeit
-unseres Bekanntwerdens bel&uuml;gen konnte. Dann
-drang ich mit meinen Augen in ihn ein, und mir
-war, als m&uuml;&szlig;te ich das L&uuml;gen aus ihm ausbrennen.
-Er l&auml;chelte wieder und log hilflos weiter
-und tat, als h&auml;tte ich wirklich das leichte L&uuml;gen
-an der feinsten Wurzel in ihm abget&ouml;tet.
-Aber ich ahnte ja nicht, da&szlig; er immer wieder
-neue F&auml;den der L&uuml;ge hinter sich herziehen
-konnte, wie die Spinne ihre F&auml;den, daran sie
-tanzt, daran sie sich &uuml;ber Abgr&uuml;nde schwingt.<span class="pagenum"><a id="Page_156">[S. 156]</a></span>
-W&auml;hrend ich aber glaubte, in Dagon die L&uuml;ge
-abzut&ouml;ten, wurde ich langsam von ihm abget&ouml;tet,
-entkr&auml;ftet. Denn Unheil ist sein Schaffen,
-und nur Unheil war er f&uuml;r mein ganzes Leben.«</p>
-
-<p>Und Claudia erz&auml;hlte weiter:</p>
-
-<p>»Am ersten Weihnachtsfest, das wir zusammen
-als Verlobte feiern wollten, reiste ich
-zum erstenmal in meinem Leben zum Fest
-nicht nach Hause, trotz der Bitten meiner
-Eltern und Geschwister und obwohl ich wu&szlig;te,
-da&szlig; mein Vater alt und krank war. Aber am
-Nachmittag des Weihnachtsabends, auf den
-ich mich so sehr gefreut hatte, bekam ich ein
-Telegramm, das mir den Tod meines Vaters
-anzeigte. Ich sa&szlig; eine Stunde sp&auml;ter im Eisenbahnzug
-und durfte den Abend weder bei
-dem geliebten Mann, noch in meiner geliebten
-Familie verbringen, sondern war in einer
-H&ouml;lle von Einsamkeit, zwischen zwei Zielen
-hin und her schwankend, zwischen dem Ziel
-des Lebens und dem Ziel des Todes. Leidend,
-weinend und ersch&uuml;ttert sa&szlig; ich in der weihevollen
-Nacht als einziger Reisender im leeren
-Zug, von Selbstvorw&uuml;rfen gepeinigt, weil ich
-meinem toten Vater den letzten Wunsch nicht
-erf&uuml;llt hatte, ihn auf seinem Krankenbett am
-Weihnachtsabend zu besuchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_157">[S. 157]</a></span></p>
-
-<p>Ich hatte nun an diesem Abend nichts,
-weder den Geliebten, noch das Heim. Ich
-hatte die Leere. Das war der Anfang des
-Verschlingens, das von Dagon ausgeht. Aber
-ich hatte mir Dagon gew&auml;hlt, das mu&szlig;te ich
-mir immer wieder sagen. Ich h&auml;tte auf dem
-Landgut des Adeligen vielleicht ein ruhiges,
-se&szlig;haftes Leben f&uuml;hren k&ouml;nnen, gepflegt von
-einem mich aufrichtig Liebenden. Ich hatte
-es nicht gewollt. Mich hat der Kampf mit
-dem Unklaren, Ungewissen gelockt. Ich wu&szlig;te
-es damals nicht: es ist der Kampf mit dem
-Nichts gewesen.«</p>
-
-<p>So erz&auml;hlte mir Claudia ohne Pathos, ohne
-gro&szlig;e Geste, mit schwarzblanken Augen, die
-gl&auml;nzend zu sein schienen von den Abgr&uuml;nden
-ihres Ungl&uuml;ckes. Es war auch, als triumphiere
-in ihrem Blick das Bewu&szlig;tsein des
-Unentrinnbaren, als k&auml;me sich jene Frau selbst
-erstaunlich vor und als lie&szlig;e sie ihr Erstaunen
-&uuml;ber sich aus ihrer Augenschw&auml;rze strahlen.
-Deshalb klagte sie eigentlich nicht, wie andere
-klagen, wenn sie Grauenhaftes, Martervolles
-erleben. Sie lebt in einer Ungl&uuml;cksekstase, und
-mir scheint, ihre Augen werden immer gl&auml;nzender,
-je ungl&uuml;cklicher sie von Jahr zu Jahr
-wird.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_158">[S. 158]</a></span></p>
-
-<p>Nur einmal in jenem Winter erschrak ich.
-Da verfl&uuml;chtigte sich das Feuer ihres Willens
-zum Ungl&uuml;ck. Ihre Augen sahen so verkl&auml;rt
-aus, als ginge sie nur noch mit den Zehenspitzen
-wie eine Traumwandlerin auf den
-D&auml;chern der Welt.</p>
-
-<p>Als Claudia und Dagon ein Jahr verheiratet
-waren und sie sich schwanger werden f&uuml;hlte,
-waren sie beide nach Kanada ausgewandert.
-Sie wu&szlig;te nicht mehr, wer zuerst den Plan gehegt
-hatte. Sicher blieb nur, da&szlig; es ihr Ungl&uuml;ck
-war, da&szlig; er ausgef&uuml;hrt wurde. Sie, die schon
-damals f&uuml;hlte, da&szlig; sie in dem Mann so wenig
-Sicherheit hatte, als wenn sie sich an seinen
-Schatten anklammern w&uuml;rde, hatte begeistert
-den Weg ins freiheitliche Amerika angetreten,
-schw&auml;rmend f&uuml;r alles Gro&szlig;z&uuml;gige, Unbegrenzte,
-nie Dagewesene. Dort in dem
-jugendlichen Land Amerika, wo die Frau den
-Mann regiert, hoffte Claudia vielleicht, Dagon
-allein f&uuml;r sich zu bekommen und seine Augen,
-die alle Frauen wie Irrlichter umgleiten konnten,
-zum festen Blick zu zwingen, der sich dann
-von ihrem Herzen nicht mehr abwenden sollte.
-Denn Claudia wollte Dagons eidechsenhaften
-Seelenbewegungen die schwerthafte St&auml;rke ihrer
-Augen geben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_159">[S. 159]</a></span></p>
-
-<p>Aber was half es ihr. Alle ihre Kraft verpuffte
-nur wie nasses Pulver, da Dagons
-Schicksal feindlich gegen ihr Schicksal gerichtet
-war.</p>
-
-<p>Kaum waren beide in Amerika gelandet, so
-erhielten sie die Nachricht, da&szlig; Dagon seinen
-Vater verloren habe und wegen wichtiger Erbschaftsangelegenheiten
-nach Deutschland zur&uuml;ckkehren
-m&uuml;sse.</p>
-
-<p>Claudia konnte nicht umkehren; sie hatte
-eben ihr erstes Kind geboren und lag zu Bett.
-Und Dagon entglitt ihr, wie sie es immer erwartet
-hatte. Der Ozean trennte sie bald.
-Sie, die keine Stunde ohne ihn sein wollte,
-war gezwungen, ihm von einem Weltteil zum
-andern nachzuklagen. Und als Dagon sp&auml;ter
-Claudia nachkommen lie&szlig; und sie in Europa
-erwartete, hatten sie nicht den Ozean hinter
-sich gelassen, als sie sich wieder die H&auml;nde
-reichten. Zwischen ihrer beider Augen blieb
-der erste Ozean der Trennung, und viele Ozeane
-folgten, die sich einer an den andern reihten.
-Denn Dagon hatte Claudia von da ab mit
-der und jener Frau betrogen, mit der und
-jener Freundin. Wenn sie auch immer Gest&auml;ndnisse
-aus ihm herauslockte, das Urversprechen
-einer Treue, einer m&auml;nnlichen Festigkeit,<span class="pagenum"><a id="Page_160">[S. 160]</a></span>
-auf der ihre schwarzen Augen ruhen
-wollten, konnte sie Dagon nie abringen.</p>
-
-<p>Claudia warf sich dann auf die Arbeit.
-Sie hatte studiert, hatte ihr Examen gemacht.
-Sie wurde &Auml;rztin und arbeitete an Dagons
-Seite unentwegt und damals noch ungel&auml;hmt.
-Sie tat ihre Arbeit gern, um ihren Mann zu
-ihrem Schuldner zu machen. Denn Dagon
-hatte kein Verm&ouml;gen geerbt, wie sie beide es
-erwartet hatten. Dagons Geschwister hatten
-es vermocht, den sterbenden Vater zu veranlassen,
-seinen leichtlebigen Sohn zu enterben,
-ihn nur auf Pflichtteil zu setzen, und
-dieses Geld sollte Claudias Kindern und nicht
-Dagon ausgezahlt werden.</p>
-
-<p>Sie verdiente nun neben ihrem Mann, denn
-sie hatten beide hohe Lebensanspr&uuml;che. Die
-Luft um Dagon wurde immer tr&uuml;ber. Er blieb
-halbe Tage fort, ohne da&szlig; Claudia wu&szlig;te,
-wo er war. Sie erfuhr immer wieder von
-neuen kleinen Leidenschaften zu Frauen aller
-Kreise, die Dagon fesselten und die er ausleben
-mu&szlig;te.</p>
-
-<p>Er selbst spa&szlig;te nur dar&uuml;ber, als w&auml;ren seine
-Liebeserlebnisse nicht mehr als kleine Warzen
-an der Hand, die kommen und gehen und dem
-Wohlergehen nicht weiter sch&auml;dlich sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[S. 161]</a></span></p>
-
-<p>Bei jedem neuen Erlebnis ihres Mannes
-hoffte Claudia, es w&uuml;rde das letzte sein. In
-jener Zeit war es einmal, da&szlig; ihr die Geduld
-pl&ouml;tzlich ri&szlig; und sie ein Messer nach Dagon
-schleuderte, das in der T&uuml;r stecken blieb.
-Und endlich mu&szlig;te sie erkennen, da&szlig; ihres
-Mannes Seele, wenn sie nach ihr griff, immer
-ihrer Hand entglitt, so wie man den feinen
-W&uuml;stensand nicht in der Hand behalten kann;
-denn wenn man die Faust zudr&uuml;ckt, rieselt
-dieser ewig bewegliche und ewig erhitzte
-Sand durch die Fingerritzen, und wenn man
-die Faust &ouml;ffnet, hat man nichts in der Hand.</p>
-
-<p>So war das Herz Dagons in der Hand
-Claudias. Wenn sie es noch eben festhielt, &mdash;
-es war nicht mehr da, wenn sie die Hand
-&ouml;ffnete und nachsah.</p>
-
-<p>Dar&uuml;ber wurde ihr eigenes Herz d&uuml;rr. Es
-wurde von den Leiden und Schmerzen und
-von der Leidenschaft vers&uuml;&szlig;t wie getrocknete
-Datteln, die zuckriges Fleisch um einen steinharten
-Kern tragen. Den Stein in Claudias
-Herzen l&ouml;ste nichts auf. Der Stein sa&szlig; im
-s&uuml;&szlig;en Fleisch unbeweglich, und das s&uuml;&szlig;e
-Fleisch welkte und d&ouml;rrte.</p>
-
-<p>Da wurde eines Tages Claudia von Verzweiflung
-gepackt. Ich war damals nicht in<span class="pagenum"><a id="Page_162">[S. 162]</a></span>
-ihrer N&auml;he und h&ouml;rte nur aus Briefen meiner
-Freunde, da&szlig; jene Frau ihrem Mann Gleiches
-mit Gleichem vergolten und sich einen Freund
-genommen hatte, einen jungen Kaukasier, mit
-dem sie fortgereist war, um ihre gereizten Gef&uuml;hle
-zu beschwichtigen. Sp&auml;ter h&ouml;rte ich,
-da&szlig; sie diesen Freund wieder verlassen, ihr
-und Dagons Kind zu sich genommen habe
-und in verschiedenen Weltteilen allein herumreise.
-Sie hatte nach dem Tode ihrer Mutter
-ein Verm&ouml;gen geerbt, und da ihr die Arbeit
-keine Freude mehr machte, lebte sie in dem
-Genu&szlig; des M&uuml;&szlig;iggangs. Die Liebeslust und
-die Arbeitslust waren in ihr abget&ouml;tet. Sie
-lebte dem Kinde, das sie fernhalten wollte von
-dem Unheilschatten jenes Mannes, dem sie
-glaubte entronnen zu sein.</p>
-
-<p>Er aber lebte wie ein Junggeselle, bald hier,
-bald dort, in den verschiedensten St&auml;dten,
-vertiefte sich in Wissenschaften, wie er sich
-in Frauen vertiefte, hastig, blendend und geblendet.</p>
-
-<p>Dann pl&ouml;tzlich eines Tages, als ich in jene
-Gro&szlig;stadt kam, wo Claudia und Dagon vorher
-gewohnt hatten, h&ouml;rte ich, da&szlig; beide wieder
-zusammenlebten. Ich besuchte sie. Da
-hingen im Korridor gro&szlig;e welke Kr&auml;nze mit<span class="pagenum"><a id="Page_163">[S. 163]</a></span>
-langen breiten Seidenb&auml;ndern. Dagon glaubte
-pl&ouml;tzlich eine musikalische Begabung bei sich
-entdeckt zu haben und hatte &ouml;ffentlich eigene
-Kompositionen gespielt und seine ersten Konzerte
-gegeben.</p>
-
-<p>Seltsamerweise hatten alle Wohnungen,
-welche jene beiden Menschen bewohnten, den
-gleichen hellen und lichten Reiz eines gl&uuml;cklichen
-Heims. Niemand konnte in diesen
-weiten, behaglichen und l&auml;ssig vornehm eingerichteten
-R&auml;umen vermuten, da&szlig; hier zwei
-hausten, die sich marterten. Beider Zartf&uuml;hligkeit
-traf sich hier und vereinigte sich
-im Ausdruck von M&ouml;beln, Spiegel und Bildern.
-Die innere Zartf&uuml;hligkeit Claudias gab
-den R&auml;umen vornehme Ruhe, und die &auml;u&szlig;ere
-Zartf&uuml;hligkeit Dagons gab den R&auml;umen jene
-unnachahmbare l&auml;ssige Vornehmheit, die den
-Besucher gl&uuml;cklich einlullte. Erlesene B&uuml;cher,
-erlesene Kunstwerke und Musikinstrumente
-t&auml;uschten jeden, der nicht eingeweiht war in
-die Herzensschrecknisse, die sich hier zwischen
-zwei Lebenskameraden abspielten.</p>
-
-<p>Claudia leitete ihr Haus lautlos, erzog ihr
-Kind gl&uuml;cklich und wu&szlig;te sich immer ihren
-Freunden in ihrem &Auml;u&szlig;eren reizvoll modisch
-in Kleid, Haartracht und Schmuck zu zeigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_164">[S. 164]</a></span></p>
-
-<p>Nie fehlen Blumen auf ihrem Teetisch, nie
-geht b&uuml;rgerlich langweilige Luft durch ihre
-Zimmer. Es ist Claudia ein Genu&szlig;, wenigstens
-&auml;u&szlig;erlich gl&uuml;cklich zu wirken &mdash; auf die nicht
-Eingeweihten, die nicht in ihren schwarzen
-Augen zu lesen verstehen.</p>
-
-<p>Lange Zeit erschien sie immer als gl&uuml;ckliche
-Gattin, die, leicht die Achsel zuckend,
-die Lebensweise ihres Mannes hinzunehmen
-schien. Und viele m&ouml;gen verbl&uuml;fft gewesen
-sein, als Claudia pl&ouml;tzlich mit dem Kaukasier
-verschwand. Aber nicht einer hatte es ihr
-beim n&auml;heren Hinsehen verdenken k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Und nun zur&uuml;ckgekehrt, scheint sie die
-Rolle der Gl&uuml;cklichen nicht mehr harmlos
-spielen zu k&ouml;nnen. Dazu ist ihr Gesicht
-doch zu bla&szlig; geworden, und ihre Z&uuml;ge sind
-wachsmaskenartig erstarrt. Ihre Augen funkeln
-nicht mehr lebenstrotzig. Der Trotz sieht
-versteinert aus und steckt als Kern in ihrem
-Herzen.</p>
-
-<p>Am Weihnachtsabend, als ich bei Claudia
-und Dagon mit einigen G&auml;sten eingeladen war
-und jene Frau uns alle unter den brennenden
-Weihnachtsb&auml;umen ihres Salons beschenkte,
-da schien es f&uuml;r Sekunden, als k&ouml;nnte doch
-vielleicht das Wachs ihres Gesichtes nochmals<span class="pagenum"><a id="Page_165">[S. 165]</a></span>
-weich werden und schmelzen. Dann aber,
-als es w&auml;hrend des Abendessens klingelte und
-unter den Geschenken, die von Bekannten
-geschickt wurden, auch Aufmerksamkeiten von
-einigen Damen waren, deren Gunst Dagon
-in letzter Zeit errungen hatte, da sah ich, wie
-Claudia zu frieren begann. Trotzdem die
-Zimmer von der W&auml;rmeleitung und den Weihnachtskerzen
-hei&szlig; waren, bat sie, da&szlig; man
-die Fenster schlie&szlig;en m&ouml;chte, die eine der
-eingeladenen Damen ge&ouml;ffnet hatte. Die Gepeinigte
-fror von innen heraus. Ich glaube,
-sie mu&szlig; ihr Herz in diesem Augenblick so
-schmerzend gef&uuml;hlt haben, wie man in der
-Winternacht das Eisen einer T&uuml;rklinke brennend
-kalt f&uuml;hlt, wenn man die Hand darauf legt.</p>
-
-<p>Dagon hat schon l&auml;ngst keine Geheimnisse
-mehr vor seiner Frau. Das letzte Schamgef&uuml;hl
-ist zwischen ihnen gefallen. Im Gegenteil,
-er will, da&szlig; Claudia nichts f&uuml;hlen soll
-und nichts mit ihm teilen soll als die Lust,
-die ihm seine Abenteuer geben. Sie soll die
-Lust an dem Verbrechen, das er an ihrer
-Liebe begeht, sich selbst verleugnend mit ihm
-genie&szlig;en.</p>
-
-<p>Wieder haben jetzt beide eine Wohnung,
-in der kein Hauch von Ungl&uuml;ck zu sp&uuml;ren<span class="pagenum"><a id="Page_166">[S. 166]</a></span>
-ist. Die hellen wei&szlig;en und himmelblauen
-Gem&auml;cher, mit gelbseiden verschleierten elektrischen
-Lampen und voll mit Bildern und
-B&uuml;chern und von zierlichen asiatischen Nippes
-belebt, sind wie eine irisierende Haut &uuml;ber
-einem Pfuhl von pechschwarzem Wasser.</p>
-
-<p>Aber die einzige tiefe Empfindung, die man
-in diesen hellen und gef&auml;lligen R&auml;umen erlebt,
-kommt nicht von den B&uuml;chern in den Schr&auml;nken
-und nicht von den Kunstwerken aus, sie
-geht aus von den ungl&uuml;cksgl&auml;nzenden schwarzen
-Augen Claudias; diese Augen, denen das
-Weinen schon l&auml;ngst kein Trost und keine
-Erl&ouml;sung mehr ist, gl&auml;nzen vor Schmerzen.</p>
-
-<p>Bald nach dem Weihnachtsfest sah ich Claudia
-bei einem Besuch wieder. Sie stand an
-ihrem Teetisch und trug &uuml;ber dem schwarzen
-Seidenrock eine goldgelbe Seidenjacke, die
-war von einem etwas dunkleren Goldgelb
-als die Schleier ihrer Lampen. Sie schien
-Ruhe und W&auml;rme auszustr&ouml;men, und ich
-fragte mich erstaunt: was geht in ihr vor?
-Ihre Augen waren entkr&auml;ftet und schienen
-au&szlig;erhalb des Zimmers traumwandelnd herumzugehen.
-Ich erfuhr dann, da&szlig; sie krank sei,
-sie hustete, sie hatte Fieber. Es war eine rein
-&auml;u&szlig;erliche Krankheit, und Claudia trug diese<span class="pagenum"><a id="Page_167">[S. 167]</a></span>
-Krankheit wie ein Weihnachtsgeschenk des
-Himmels mit sich. Sie, die einstmals so stark
-war, da&szlig; sie nicht f&uuml;r den Tod geboren
-schien, freute sich, da&szlig; ihr Fieber t&auml;glich stieg,
-freute sich, da&szlig; ihre Augen erl&ouml;schen wollten.
-Und wenn man sagte, da&szlig; sie sich pflegen
-m&uuml;&szlig;te, l&auml;chelte sie nur. Sie erwartete das
-Sterben und freute sich.</p>
-
-<p>Der Tod kam nicht. Die Schw&auml;che ging
-vor&uuml;ber. »Weshalb?« fragte sie erschrocken.</p>
-
-<p>Sie lebt jetzt immer noch im selben Hause
-mit dem, mit dem sie einst gerungen und gek&auml;mpft
-hat. Sie lebt kampflos jetzt. Beide
-sehen sich t&auml;glich, aber sie sprechen sich wenig.
-Claudia wei&szlig; nie, wohin Dagon geht, wenn
-er abends seinen Frack anzieht. Sie will es
-auch gar nicht wissen.</p>
-
-<p>Und er fragt nicht, wenn Claudia ins Theater
-f&auml;hrt, wohin sie geht. Und das ist vielleicht
-noch schmerzlicher f&uuml;r sie zu ertragen, da&szlig;
-er sie gehen l&auml;&szlig;t, wohin sie will.</p>
-
-<p>Das Kind, ihre Tochter, ist bald erwachsen
-und sieht und versteht und h&ouml;rt alles. Und
-das ist das Allerschmerzlichste f&uuml;r Claudia.</p>
-
-<p>Der selbstherrliche Mann schont die beiden
-Frauen nicht, nicht die Tochter und nicht die
-Mutter. Er l&auml;chelt &uuml;ber sie hinweg, plaudert<span class="pagenum"><a id="Page_168">[S. 168]</a></span>
-zu den beiden von seinen Erfolgen bei den
-Frauen, will, da&szlig; sie mit ihm &uuml;ber die Scherze,
-die er mit dem Liebesleben und seinem eigenen
-Herzen treibt, lachen sollen.</p>
-
-<p>Und Dagon l&auml;chelt sein allesverschlingendes
-L&auml;cheln, wenn die beiden Frauen ihm
-ausweichen. Wenn die beiden Frauen anklagen,
-l&auml;chelt er und verschlingt ihre Anklagen.
-Wenn die beiden Frauen ihn morden
-wollen, l&auml;chelt er und verschlingt ihre Mordgedanken.</p>
-
-<p>Er ist liebensw&uuml;rdig, spa&szlig;haft; er ist nie
-m&uuml;rrisch. Er ist nur launenhaft verschlossen,
-wo er sich f&uuml;rchtet zu sprechen, weil er sich bei
-aller l&auml;chelnder Offenheit nie ganz offen gibt.</p>
-
-<p>Seine l&auml;chelnde Offenheit ist ein Abgrund,
-in den er die Offenheit der andern hineinlockt.
-Und er sieht l&auml;chelnd zu, wie Menschen
-in diesen st&uuml;rzen, die er angelockt hat.
-Er l&auml;chelt und gleitet &uuml;ber die Angstblicke,
-die er sehen m&uuml;&szlig;te, hinweg.</p>
-
-<p>Welches ist das Schicksal, das ihn ereilen
-wird? Wo ist die Grenze, die seiner Unendlichkeit
-im Grausamsein gesetzt ist?</p>
-
-<p>Seht, dieses sind die Blicke, die als einziges
-Leben aus den Augen Claudias starren. Will
-sie sein Ende erleben, und ist sie deshalb<span class="pagenum"><a id="Page_169">[S. 169]</a></span>
-noch nicht gestorben? fragte ich mich. Das
-ungeheuerliche Ende, die ungeheuerliche Todesstunde,
-die in der Brust Dagons das l&auml;chelnde
-Herz voll Ungeheuerlichkeiten t&ouml;ten wird, die
-ihm und sein allesverschlingendes L&auml;cheln
-aus der Welt schaffen wird, &mdash; wartet Claudia
-darauf? &mdash;</p>
-
-<p>Als wir zu den Eulenk&auml;figen kamen, trug
-ich diese letzte Frage in mir. Da sa&szlig;en wie
-seltsame wei&szlig;e und graue Federgruppen die
-Eulen, diese weichen, lautlosen Nachtgesch&ouml;pfe,
-auf den &Auml;sten abgestorbener B&auml;ume hinter
-den Gitterst&auml;ben. Einige konnten die K&ouml;pfe
-ganz rund um den Nacken drehen. Andere
-spitzten die katzenartigen Ohren. Aber alle
-sa&szlig;en da wie ausgestopfte Federb&auml;lge. Die
-einen hatten wunderbar silberwei&szlig;es Gefieder,
-und es wirkte jeder wei&szlig;e Vogel wie eine
-einzige ungeheuerliche Riesenschneeflocke. Andere
-graue Eulen waren wie ein dicker Ballen
-Spinnweben. Und wenn sie nicht manchmal
-die K&ouml;pfe rundum gedreht h&auml;tten, so da&szlig;
-das Gesicht nicht auf der Brust, sondern
-pl&ouml;tzlich auf den R&uuml;cken stand, so h&auml;tte man
-in ihnen kein Leben vermutet.</p>
-
-<p>So sahen die Eulen aus, als wir von weitem
-an die K&auml;fige kamen. Aber als wir n&auml;hertraten,<span class="pagenum"><a id="Page_170">[S. 170]</a></span>
-da verschwanden die Federk&ouml;rper. Da
-standen nur in der Luft &uuml;ber den abgestorbenen
-Baum&auml;sten paarweise ungeheuerliche schwarze
-Augen. Augen, die so gro&szlig; und rund in
-ihrer Schw&auml;rze starrten, als m&uuml;&szlig;ten sie alles
-und nichts sehen; als k&ouml;nnten sie die Tiefe
-des ganzen Weltalls umfassen, alle Schmerzen
-und alle Trostlosigkeiten der Abgr&uuml;nde des
-Lebens.</p>
-
-<p>W&auml;hrend sich alle meine Freunde beim
-N&auml;herkommen &uuml;ber die Federn, die Haltung,
-die Kopfwendungen der Eulen ereifert hatten,
-wurden sie jetzt stumm. Und nur Claudia,
-die vorher stumm gewesen war, als wir die
-Eulen zuerst erblickten, wurde jetzt vor den
-Eulenaugen laut und begeistert.</p>
-
-<p>»Haben diese V&ouml;gel nicht die sch&ouml;nsten
-Augen der Welt? Da sprechen die Menschen
-immer von glotzenden Eulenaugen, und ich
-finde, es sind die feierlichsten, ausdrucksvollsten,
-geheimnisreichsten und schicksalsschwersten
-Blicke, mit denen nur je ein lebendes
-Wesen auf die Welt herabsehen kann.
-Solche Augen m&ouml;chte ich haben,« setzte Claudia
-hinzu. »Wie ich diese Tiere um ihre
-Augen beneide! Auf was warten sie nur, diese
-Eulenaugen?« &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[S. 171]</a></span></p>
-
-<p class="pmb3">Als wir uns sp&auml;ter unter dem schwerh&ouml;lzernen,
-blutroten chinesischen Tor am Ausgang des
-Zoologischen Gartens trennten und der Abend
-schon &uuml;ber den Stra&szlig;enschachten dunkelnd
-lag, die elektrischen Lampen in den Stra&szlig;enfluchten
-aufleuchteten, ging ich einsam heim.
-Der Himmel wurde immer nachtdunkler, und
-als ich in den nachtschwarzen &Auml;ther sah, der
-noch sternlos &uuml;ber den D&auml;chern der H&auml;user
-stand, erkannte ich in dem schwarzen Himmelsabgrund,
-den Eulenaugen und Claudias Augen
-eine Einheit. In der Nacht und in jenen
-Augen war kein Blick mehr, den man h&auml;tte
-f&uuml;hlen k&ouml;nnen. Sie schienen alles innere
-Leben hergegeben zu haben. Und nur ein
-Wille war in ihrer Finsternis. Der: mit stummer
-Macht den Untergang der Lebenden, auf
-die sie herabsahen, zu erwarten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_172">[S. 172]</a></span></p>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_173">[S. 173]</a></span></p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-
-<h2 class="no-break" id="Nachtliche_Schaufenster">N&auml;chtliche Schaufenster</h2>
-</div>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_174"></a></span></p>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_175">[S. 175]</a></span></p>
-
-<p>Wenn ich sp&auml;t nach Mitternacht in der
-Potsdamerstra&szlig;e nach Hause ging, eilte
-ich mich meistens nicht sehr, denn die Nachtluft
-kam mir erfrischend entgegen. Sie war
-wie ein Wanderer, der aus Grenzw&auml;ldern &uuml;ber
-Fl&uuml;sse und Seen herkam und &uuml;ber Berlin
-hinschritt. Und w&auml;hrend ich von einer Laterne
-zur andern ging, war die Nachtluft schon
-&uuml;ber die Provinz Brandenburg fortgezogen an
-die Elbe, an den Rhein, und im Vor&uuml;bergehen
-hatte sie mich leicht verhext und hatte mir
-Meilengedanken gegeben, so da&szlig; ich darnach
-nicht mehr zwischen Laternen weiter ging,
-sondern fort &uuml;ber mich selbst.</p>
-
-<p>Auf einer Plakats&auml;ule sah ich in einer Nacht
-einen gro&szlig;en Tigerkopf. Darunter stand »Indien
-in Berlin«. Der gefleckte Tigerkopf sah aus
-gelbem Bambusr&ouml;hricht heraus und war ein
-praller Katzenkopf; &uuml;ber ihm lag ein bleichblau
-gemalter Himmel.</p>
-
-<p>Eine Weile schien mir dann, als ginge ich<span class="pagenum"><a id="Page_176">[S. 176]</a></span>
-durch indische Dschungeln, indessen ich doch
-nur auf dem Streifen breiter Pflasterplatten
-wandelte, die sich als eine lange Zeile in der
-Mitte des B&uuml;rgersteiges hinzogen.</p>
-
-<p>Die vielen offenen und dunkeln Schaufensterscheiben
-glitzerten neben mir wie mondbeschienene
-Gew&auml;sser auf, &auml;hnlich den heimlichen
-Tr&auml;nkest&auml;tten von Raubtieren, die unh&ouml;rbar
-durch die Dschungeln schleichen.
-Eine Autohuppe br&uuml;llte manchmal in einer
-Nebengasse. Dieser Laut wurde mir fast zu
-L&ouml;wengeheul. Und schleifte der Gummireifen
-eines vorbeisausenden Autos mit surrendem
-Laut &uuml;ber den glatten Asphalt des Fahrdammes,
-dann waren da in der Vorstellung galoppierende
-Dickh&auml;uter, pfauchende Nashornherden und
-aufgescheuchte Scharen von Nachtv&ouml;geln, die
-vorbeifegten.</p>
-
-<p>Ich blieb an einem Schaufenster stehen.
-Das kannte ich gut. Dort stand ich immer
-eine Weile in jeder Nacht und nahm mir
-vor dem Schlafengehen Zeit, die lebende
-gefiederte Ware einer Vogelhandlung zu bedauern.</p>
-
-<p>Da waren chinesische Nachtigallen in Drahtk&auml;figen
-mit roten Schn&auml;beln und gr&uuml;ngelber
-Brust. Und smaragdgr&uuml;ne Sittiche aus Australien<span class="pagenum"><a id="Page_177">[S. 177]</a></span>
-und afrikanische Finken, silbergrau wie deutsche
-Schwalben und mit korallenroten Schn&auml;beln.
-In einem K&auml;fig allein sa&szlig; eine deutsche
-schwarze Amsel, und ein anderer K&auml;fig war
-voll mit zitronengelben Kanarienv&ouml;geln. Da
-waren auch K&auml;fige mit Turteltauben, deren
-Federleib war silbrig und wei&szlig; wie Holzasche.</p>
-
-<p>Alle diese V&ouml;gel sa&szlig;en in ihren Drahtzellen
-wie bestrafte Verbrecher. Die meisten von
-ihnen waren zwar im K&auml;fig geboren, aber ich
-mu&szlig;te nachgr&uuml;beln, was wohl ihre Vorfahren
-in China, Afrika, Australien begangen haben
-mochten, da&szlig; ihre Kindeskinder hier, verbannt
-und gefangen, im Schaufenster der Potsdamerstra&szlig;e
-ihre Lebenstage verbringen mu&szlig;ten.</p>
-
-<p>Das elektrische Licht der n&auml;chsten Stra&szlig;enlaterne
-sah schrecklich grell durch die gl&auml;nzenden
-Drahtst&auml;be der Gitter auf die d&uuml;nnen
-geschlossenen Augenh&auml;ute der kleinen unruhigen
-Schl&auml;fer. Das scharfe unnat&uuml;rliche
-Licht mu&szlig;te noch den Schlaf der Gefangenen
-schmerzhaft machen. Und die br&uuml;llenden
-Autohuppen, deren Fahrzeuge mit Gedr&ouml;hn
-w&auml;hrend der ganzen Nacht die gro&szlig;e Stadt
-durchrasten, mu&szlig;ten die feinen musikalischen
-Ohren der Singv&ouml;gel noch im Schlaf qu&auml;len.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_178">[S. 178]</a></span></p>
-
-<p>V&ouml;gel, die gew&ouml;hnt sind, in lauschigen
-Buschverstecken in der Urstille ewiger W&auml;lder
-zu nisten, zu picken, zu flattern und die gr&uuml;nen
-D&auml;mmerungen der Bl&auml;ttergeh&auml;use alter
-B&auml;ume zu durchfliegen, hatten hier einen kaum
-fu&szlig;breiten Raum zwischen den blitzenden
-Metallgittern. Aber sie schienen sich sanft
-und g&uuml;tig zu bescheiden und schienen mir
-weiser zu sein als ihre gefangenen W&auml;rter.</p>
-
-<p>Einmal hatte ich am Tage hier an dem
-Schaufenster um die Mittagstunde mit den
-H&auml;nden in den Taschen einen armen, ganz
-d&uuml;rftig gekleideten Arbeiter stehen sehen. Der
-schien sich in das Leid der V&ouml;gel hineingedacht
-zu haben. Er sah and&auml;chtig jedes
-Tierchen an und war verwundert, wie mir
-schien, da&szlig; diese sch&ouml;nen gefl&uuml;gelten Gesch&ouml;pfe
-kein besseres Schicksal hatten als das
-des Gef&auml;ngnisses. Nicht einmal ihren Gesang
-konnten sie genie&szlig;en. Denn es singen die
-verschiedenen Vogelarten zu gleicher Zeit
-l&auml;rmend durcheinander. Es sang der Weltteil
-Afrika, der Weltteil Australien, der Weltteil
-Asien. Die Spitzen der Flugfedern an Schwanz
-und Fl&uuml;geln haben sich die V&ouml;gel an den
-Gittern abgesto&szlig;en. Am Tag fallen ihnen
-die Augen vor M&uuml;digkeit zu, und nachts
- <span class="pagenum"><a id="Page_179">[S. 179]</a></span>
-rei&szlig;en sie sie auf vor Schrecken und gequ&auml;lt
-von dem stechenden, kaltwei&szlig;en Bogenlicht
-der Stra&szlig;e und von den w&uuml;tend jagenden
-Automobilen.</p>
-
-<p>Um zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr nachts
-r&uuml;cken die armen V&ouml;gel immer noch unruhig
-hin und her, zu m&uuml;de, um wach sein zu k&ouml;nnen,
-und zu wach gehalten, um einschlafen zu
-k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Ich kam mir unbehaglich wie ein gro&szlig;er
-wandelnder Turm vor, solange ich vor den
-winzigen V&ouml;gelchen stand, und so ging ich
-weiter, an den Glasw&auml;nden der Schaufenster
-entlang. Es ist da auch ein Blumenladen,
-den eine Dame besitzt, die am Tage
-immer mit sch&ouml;nen frauenhaften Bewegungen
-frische Blumen dort ausstellt, geschmackvoll
-in Vasen und K&ouml;rben geordnet, und die ein
-Band oder ein Buch in die N&auml;he der Blumen
-legt und an den grauen Wandschirm, der im
-Hintergrund des Schaufensters steht, ein Bild
-hinh&auml;ngt, das einer beliebten T&auml;nzerin, oder
-einen alten Kupferstich, darstellend eine l&auml;ngst
-verstorbene Prinzessin.</p>
-
-<p>Hier erhole ich mich etwas von meinem
-Leid. Vielleicht leiden abgeschnittene Blumen
-ebensoviel wie eingesperrte V&ouml;gel. Aber sie<span class="pagenum"><a id="Page_180">[S. 180]</a></span>
-sind nicht Fleisch und Blut, und deshalb
-leide ich bei ihnen ebenso wenig, als ich
-mit meinen Haaren leide, wenn ich sie schneiden
-lasse.</p>
-
-<p>Wie gerne m&ouml;chte ich einer Einbrecherbande
-angeh&ouml;ren, dachte ich neulich. Die m&uuml;&szlig;te
-aber nicht einbrechen des Diebstahls wegen,
-sondern der Ordnung wegen. Dann w&uuml;rde
-ich nachts die T&uuml;r der Vogelhandlung aufbrechen
-und mit meinen Spie&szlig;gesellen alle
-K&auml;fige herausholen. Fliegen w&uuml;rde ich die
-V&ouml;gel nicht lassen. Sie w&uuml;rden sonst verhungern
-und erfrieren. Ich w&uuml;rde aber die
-T&uuml;r auch des Blumenladens aufbrechen, und
-dort in der lauwarmen Luft wollte ich alle
-Futtern&auml;pfe der V&ouml;gel zwischen die Schalen
-der Anemonenvasen stellen, zwischen die
-K&ouml;rbe voll Hyazinthen, zwischen die dicken
-Efeukr&auml;nze und um den hohen Krug, darin
-die Weidenruten voll Silberk&auml;tzchen stecken.
-Und &uuml;ber den T&ouml;pfen der Mimosen bei
-den gespenstig geformten Figuren der Orchideenbl&uuml;ten
-und bei den geisterhaft wei&szlig;en
-Bechern der Callabl&uuml;ten, dort w&uuml;rde ich die
-fliegenden Bewohner von Afrika, Australien
-und Asien es sich wohl sein lassen.</p>
-
-<p>Einige H&auml;user weiter von dieser Blumenhandlung<span class="pagenum"><a id="Page_181">[S. 181]</a></span>
-ist, ehe ich zu meiner Haust&uuml;re komme,
-noch solch ein exotischer Sklavenmarkt. Dort
-sitzen im Schaufenster neben kleinen Affen
-und Papageien in winzigen K&auml;figen wei&szlig;e
-M&auml;use und in Gl&auml;sern Laubfr&ouml;sche.</p>
-
-<p>Kein Schaufenster von ganz Berlin ist am
-Tage so von Leuten aller St&auml;nde besucht wie
-dieses, an dem ich immer vor&uuml;ber mu&szlig;, wenn
-ich aus dem Hause trete. Dort habe ich Bekanntschaft
-gemacht mit einem Mammosett&auml;ffchen.
-Ich habe keine Ahnung, warum das
-Tier Mammosett hei&szlig;t. Aber der Name steht
-auf einem Zettel am K&auml;fig. Und ich denke
-immer, der Name m&uuml;&szlig;te von Mimose kommen,
-da das Tier von mimosenhafter Empfindsamkeit
-ist. »Wird sehr zahm« steht
-auch daneben. Das glaube ich gern. Gew&ouml;hnlich,
-wenn die Tiere sehr zahm geworden
-sind, sterben sie weg, wie jenes Pferd, von
-dem der Bauer behauptete, da&szlig; es von der
-Luft allein leben k&ouml;nnte, und das starb, als
-es sich eben ans Hungern gew&ouml;hnt hatte.</p>
-
-<p>Mammosett erschien um die Weihnachtszeit
-im Schaufenster. Trotzdem es in diesen Tagen
-Lawinen schneite, blieben alle Leute stehen,
-um Mammosett zu betrachten. Das winzige,
-nur handgro&szlig;e &Auml;ffchen ist »das kleinste &Auml;ffchen<span class="pagenum"><a id="Page_182">[S. 182]</a></span>
-der Welt«, &mdash; das steht auch auf dem Zettel
-am K&auml;fig. Aber ich finde, trotzdem h&auml;tte
-man Mammosett nicht in einen Kanarienvogelk&auml;fig
-sperren d&uuml;rfen. Denn auch seine Winzigkeit
-verlangt Bewegung und Freiheit. In
-den ersten Tagen sprang das Tierchen wie
-irrsinnig in seinem K&auml;fig herum, &auml;hnlich den
-wei&szlig;en Tanzm&auml;usen in den Nebenk&auml;figen,
-die Tag und Nacht um eine Spule rennen.
-Die kamen mir immer vor wie kleine tanzende
-Derwische, die heftig rund herum rennen,
-damit sie eines Tages tot umfallen und so aus
-der Gefangenschaft des Lebens befreit sind.</p>
-
-<p>Ich erkundigte mich in der Tierhandlung,
-was Mammosett kostet. Aber ich h&ouml;rte am
-selben Tag von einer Dame, da&szlig; diese &Auml;ffchen,
-wenn sie zahm werden, alles zerrei&szlig;en,
-was ihnen unter die Finger kommt. Seit ich
-das wei&szlig;, m&ouml;chte ich auch hier beim Mammosett&auml;ffchen
-Einbrecher werden und Mammosett
-befreien. Und ich hab mir schon eine
-Geschichte ausgedacht, wie dieses Mammosett&auml;ffchen,
-frei gelassen, alle seine Mitgefangenen,
-die Papageien, die M&auml;use und die Laubfr&ouml;sche,
-und zuletzt den Tierh&auml;ndler selbst in kleine
-St&uuml;ckchen zerrei&szlig;en w&uuml;rde. Vom Tierh&auml;ndler
-m&uuml;&szlig;te das &Auml;ffchen jeden Tag nur ein<span class="pagenum"><a id="Page_183">[S. 183]</a></span>
-St&uuml;ckchen abrei&szlig;en, einmal ein Ohrl&auml;ppchen,
-einmal einen Nasenfl&uuml;gel, einmal einen Haarschopf,
-bis der Tierh&auml;ndler dal&auml;ge wie ein
-zerst&uuml;ckelter Brief im Papierkorb.</p>
-
-<p>Jetzt, nach zwei Monaten, ist das &Auml;ffchen in
-seinem K&auml;fig ruhiger geworden, »zahm« w&uuml;rde
-der Tierh&auml;ndler sagen. Ich sage »todesmatt«.
-Es kauert in einem H&auml;ufchen Holzwolle und
-knabbert manchmal an einem Kuchenst&uuml;ck und
-zittert den ganzen Tag.</p>
-
-<p>Auf der Stange des K&auml;figs, darauf eigentlich
-ein Kanarienvogel sitzen sollte, kauert m&uuml;hsam
-das &Auml;ffchen. Die Stange ist zu schmal,
-und es f&auml;llt oft herunter. Wenn es sich in dem
-winzigen Gitterraum bewegen wollte, m&uuml;&szlig;te
-es sich rund um sich selbst bewegen wie die
-wei&szlig;en M&auml;use und m&uuml;&szlig;te irrsinnig werden.
-Weil es aber ein sanftes Tierchen ist, so will
-es keines irrsinnigen, sondern eines sanften
-Todes sterben. Es wird also scheinbar zahm,
-das hei&szlig;t, es sitzt auf einem Fleck und stirbt
-langsam ab.</p>
-
-<p>Wenn ich die n&auml;chtlichen Stra&szlig;en hinauf und
-hinunter sehe, so scheinen mir die menschlichen
-H&auml;user auch nichts anderes als steinerne K&auml;fige
-zum Zahmwerden und zum Absterben.</p>
-
-<p>An einer Stra&szlig;enecke stand w&auml;hrend zweier<span class="pagenum"><a id="Page_184">[S. 184]</a></span>
-Monate in jeder Nacht um zwei, drei, vier
-Uhr eine und dieselbe Frau. Sie war gekleidet
-wie eine Hausmeisterin in ein einfaches
-Hauskleid und hatte nur ein wollenes Tuch
-&uuml;ber dem Kopf und &uuml;ber der wollenen Manteljacke.
-Armselig, aber atemlos lauernd, stand
-sie immer am selben Fleck. Sie <em class="gesperrt">wartete</em> nicht
-auf jemanden, aber sie <em class="gesperrt">horchte</em> nach jemandem
-hin. Sie horchte nach der Richtung einer
-Haust&uuml;re hin. Sie war eine vertrocknete, abgearbeitete
-Frau, die sich durch Spionage
-einen Nachtverdienst machte, das erfuhr ich
-eines Abends. Im Haus aber, das sie behorchte,
-sang oft in der Nacht im Oberstock
-eine Frauenstimme.</p>
-
-<p>Wenn ich mit Freunden dort vorbei ging,
-oder wenn ich allein aus Theatern und Gesellschaften
-kam, immer stand diese Aufpasserin
-an dem Gitter des Vorgartens, angewurzelt
-wie ein Baum. Immer horchte sie nach jener
-Haust&uuml;re hin, aber nicht immer sang die
-Frauenstimme in der einzelnen Villa.</p>
-
-<p>Eines Abends, als ich eben wieder von
-meiner Vogelhandlung und von dort zur
-Blumenhandlung und von dort zum Mammosett&auml;ffchen
-gewandert war, kam eine vornehme
-Dame aus dem Schatten eines Haustores.<span class="pagenum"><a id="Page_185">[S. 185]</a></span>
-Sie schien mir wie von der Nachtluft
-aus irgend einer fremden Stadt hergeweht auf
-die Potsdamer Stra&szlig;e. Vielleicht hatte sie mich
-schon l&auml;ngst beobachtet und hatte mich bei
-den gefangenen V&ouml;geln, dann bei den gefangenen
-Blumen und jetzt bei dem gefangenen
-&Auml;ffchen stehen sehen.</p>
-
-<p>»O, mein Herr,« sagte sie, »darf ich Sie
-um einen Dienst ersuchen?« Und ihre Stimme
-war wehklagend wie die Stimme einer Gefangenen.
-»W&uuml;rden Sie mir den Gefallen
-tun, jene Frau dort um die Ecke anzureden
-und zu fragen, warum sie immer Nacht f&uuml;r
-Nacht dort steht, und wer sie dort hingestellt
-hat zum Aufpassen?«</p>
-
-<p>»Gern,« sagte ich. »Ich bin selbst neugierig,
-es zu wissen.«</p>
-
-<p>»Ich werde Sie hier erwarten,« sagte die erregte
-Dame. Ihre Brust hob und senkte
-sich, und ihr zitternder Atem kam wie ein
-feiner Nebel aus ihrem Schleier und verfl&uuml;chtigte
-sich in der eisigen Nachtluft.</p>
-
-<p>Dieser feine graue Hauch aus den Lippen
-der sichtbar Ge&auml;ngstigten, trieb mich zur
-Eile an.</p>
-
-<p>Ich ging und zwang meine Schritte, da&szlig; sie
-m&ouml;glichst gleichg&uuml;ltig schienen. Ich bog um<span class="pagenum"><a id="Page_186">[S. 186]</a></span>
-die Stra&szlig;enecke und ging dort zuerst an dem
-horchenden kleinen &auml;ltlichen Weib vorbei.
-Ich sah sie gar nicht an. Dann wendete ich
-wieder einige Schritte um und ging langsam
-denselben Weg zur&uuml;ck. Dabei betrachtete
-ich die Aufpasserin genau, denn sie
-sah mir unter der Laterne, wo sie stand, ins
-Gesicht.</p>
-
-<p>Ihr dumpfrotes dickes Kopftuch war ein
-wenig vom Sch&auml;del zur&uuml;ckgerutscht, und sie
-sah mit dem grauen platten Haar elend und
-armselig aus. Aber ihre kleine Stirn hatte
-etwas hartn&auml;ckig Ausdauerndes wie ein Stein,
-den man vergeblich auf Steine st&ouml;&szlig;t und der
-nicht zerspringt. Mager und blutleer, ausgek&auml;ltet
-von ewigen Nachtfr&ouml;sten, stand sie dort. Aber
-nicht zusammengekauert vom Elend, sondern
-verzweifelt, halsstarrig wie ein Nagel, der spitz
-aus einer Kiste heraussteht, und an dem sich alle
-Vor&uuml;bergehenden die Kleider zerrei&szlig;en. Der
-Nagel aber weicht nicht, er sticht und rei&szlig;t
-jeden in die Haut, der unvorsichtig in seine
-N&auml;he kommt. So stand diese Gestalt seit
-Monaten von Mitternacht bis zum Morgengrauen
-und wich nicht und &auml;nderte ihren
-Standplatz nie.</p>
-
-<p>Sie hatte keinen wirklichen Blick in ihren<span class="pagenum"><a id="Page_187">[S. 187]</a></span>
-Augen. Trotzdem sie mich anstarrte, schien
-sie mich nicht zu sehen. Sie horchte nur,
-immer weilte ihre Aufmerksamkeit nur in
-ihren Ohren. Man merkte es ihr aber an,
-da&szlig; sie gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ig, auf Bestellung und
-f&uuml;r Bezahlung dastand, denn sie zeigte in
-Haltung und Miene &auml;rmlich weiblichen Pflichteifer.</p>
-
-<p>»Sagen Sie mir,« fragte ich laut und dabei
-l&auml;chelnd und blieb eine Sekunde im Gehen
-stehen, »warum um Gottes willen warten Sie
-Nacht um Nacht bis zum Morgen hier? Ich
-habe Sie nun schon oft beobachtet. &mdash; D&uuml;rfen
-Sie es nicht sagen?« fuhr ich fort, als sie schwieg.
-Sie hatte mich einen Augenblick von der Seite
-angesehen, beinahe ebenfalls belustigt wie ich,
-dann aber starrte sie mit abgewendetem Gesicht
-nach einer andern Himmelsrichtung, wie
-ein Hund, den man anredet, und der fortsieht
-und sich besinnt, ob er b&ouml;se werden soll
-oder nicht.</p>
-
-<p>»Na, wenn Sie es nicht sagen wollen,« sagte
-ich gedehnt und wartete, um ihr Zeit zu lassen.
-Sie aber sah immer starr in die Seitenstra&szlig;e
-und r&uuml;hrte sich nicht.</p>
-
-<p>»Wenn Sie nichts sagen d&uuml;rfen &mdash;,« lachte
-ich und ging langsam und nahm mir vor, wenn<span class="pagenum"><a id="Page_188">[S. 188]</a></span>
-nicht heute, dann doch morgen von neuem
-zu fragen. Aber diese Frau w&uuml;rde sicher nie
-antworten, sagte ich mir zugleich. Sie mu&szlig;te
-ihr Geld verdienen und verdiente es nur, wenn
-sie schwieg und horchte. Mir schien, man h&auml;tte
-ihr ein Stemmeisen zwischen die Lippen sto&szlig;en
-k&ouml;nnen, sie h&auml;tte keinen Laut von sich gegeben
-und den Mund nicht ge&ouml;ffnet. Dieses
-war mein Eindruck. Welch schrecklicher Gefangenw&auml;rter
-war sie! Und wessen Gef&auml;ngnis
-mochte sie bewachen? &mdash;</p>
-
-<p>Ich bog in die Seitenstra&szlig;e und ging bis
-zur Potsdamer Stra&szlig;e zur&uuml;ck. Dort fand ich
-die Dame im Schatten eines tiefen Haustores,
-auch stand ein Automobil am Stra&szlig;enrand,
-dessen T&uuml;r offen war.</p>
-
-<p>Ich sch&uuml;ttelte von weitem den Kopf, und
-die Fremde nickte und kam mir entgegen.
-»Ich wu&szlig;te, da&szlig; diese Kreatur nichts verraten
-w&uuml;rde,« klagte die Dame entt&auml;uscht.
-»Ich habe sie neulich bereits selbst gefragt
-und habe sie befragen lassen, aber sie antwortet
-niemandem. Sie bewacht n&auml;mlich die
-Haust&uuml;re einer ungl&uuml;cklichen Freundin von
-mir. Und ich m&ouml;chte wissen, ob der ungetreue
-Mann meiner Freundin oder andere
-Leute diese reinste aller Frauen beobachten<span class="pagenum"><a id="Page_189">[S. 189]</a></span>
-lassen, um sie in Verdacht zu bringen.« Sie
-dankte mir dann und entschuldigte sich und
-ging zum Auto, das ein Privatwagen war.
-Ich hatte das Fahrzeug vorher in meiner &Uuml;berraschung,
-und da ich in Gedanken am Schaufenster
-bei dem Mammosett&auml;ffchen gestanden
-hatte, gar nicht bemerkt. Der Wagenschlag
-wurde vom Kutscher zugeworfen, und die Dame
-flog wie der Nachtwind aus meiner Sehweite
-fort. Ich stand und wunderte mich eigentlich
-gar nicht. Denn da&szlig; ein Geheimnis, eine
-Grausamkeit, eine Ungerechtigkeit mit der geheimnisvollen
-nachtwachenden Kreatur dr&uuml;ben
-um die Stra&szlig;enecke in Verbindung stand, das
-hatte ich mir schon lange gedacht.</p>
-
-<p>An einem der n&auml;chsten Abende begleitete ich
-eine mir befreundete Dame vom K&uuml;nstlertheater
-nach Hause, und da es eine sternhelle Nacht war,
-wollte meine Begleiterin nicht fahren, sondern
-sie wollte schlendern und die Nachtluft atmen.
-Wir kamen in der Nettelbeckstra&szlig;e an dem
-Schaufenster eines Juweliers vor&uuml;ber, das die
-ganze Nacht &uuml;ber beleuchtet dasteht. In diesem
-Laden gibt es nur alte Schmucksachen, alte
-Familienschmuckst&uuml;cke, Familiensilber, altmodische
-Fingerringe. Da sind viele ergraute
-Perlen, m&uuml;de gewordene Edelsteine, graue<span class="pagenum"><a id="Page_190">[S. 190]</a></span>
-matte Rosensteine in grauen, tr&uuml;b gewordenen
-Silberfassungen.</p>
-
-<p>Wir standen und lie&szlig;en unsere Augen w&uuml;hlen
-und freuten uns, uns gegenseitig zu &uuml;berraschen
-mit unserer Vorliebe f&uuml;r die verschiedenen
-Steine, indem wir in allen Verstecken
-des Schaufensters nach besonders edlen Fassungen
-und besonders sch&ouml;nen Schmuckst&uuml;cken
-suchten.</p>
-
-<p>Bei diesem l&auml;ssigen Spiel kam mir der Gedanke,
-da&szlig; die alten Schmuckwaren hinter
-der Glasscheibe mehr Sorge als Freude in sich
-tr&uuml;gen, und da&szlig; das Schaufenster aussah wie
-voll Gefangener, die da, herausgerissen aus
-ihren Lebenswegen, warten mu&szlig;ten, bis sie
-aus dem Fenster befreit w&uuml;rden, bis sie wieder
-an warmen Menschenh&auml;nden, an zarten Frauennacken,
-in Frauenhaaren und an Frauenwangen
-leuchten, aufleben und frei sein durften.
-Denn das Leben der Steine beginnt erst, wenn
-sie in Sch&ouml;nheit getragen werden, bei festlichem
-Licht und festlichem Blut.</p>
-
-<p>Und ich mu&szlig;te bei den alten gefangenen
-Edelsteinen an die Schaufenster voll gefangener
-V&ouml;gel, Blumen und Affen denken.</p>
-
-<p>Ich sagte dieses zu meiner Begleiterin, und
-im Anschlu&szlig; an die Erz&auml;hlung von meinen<span class="pagenum"><a id="Page_191">[S. 191]</a></span>
-n&auml;chtlichen Schaufenstern berichtete ich ihr
-auch mein Erlebnis mit der Dame und der
-Aufpasserin, die jenes Haus alln&auml;chtlich bewachte.</p>
-
-<p>Meine Freundin wollte sofort, da&szlig; wir die
-Aufpasserin besuchen sollten. Wir kamen
-dann vor jenes Haus, aber wir vermieden die
-H&auml;userseite und gingen unter den winterkahlen
-B&auml;umen der anderen Stra&szlig;enseite am
-Rande eines schwarzen Kanalwassers entlang.</p>
-
-<p>Wir sahen die Frau wieder horchend am
-Eisengitter des Vorgartens stehen, oben aber in
-der Villa, deren T&uuml;r die Aufpasserin ins Auge
-gefa&szlig;t hatte, waren zwei erleuchtete Fenster.</p>
-
-<p>Meine Begleiterin, die ein sehr feines Geh&ouml;r
-besitzt, sagte pl&ouml;tzlich zu mir: »H&ouml;ren Sie
-doch, im Hause singt eine Frauenstimme!«</p>
-
-<p>Wir standen hinter einem breiten Baumstamm
-still, und in den Pausen, die zwischen
-dem L&auml;rm vor&uuml;bersausender Autos nur sekundenweise
-eintraten, h&ouml;rten wir einen wundervollen
-Gesang. Dazu die feine Begleitung
-eines Instrumentes.</p>
-
-<p>Ich h&auml;tte die Autos aufhalten m&ouml;gen, die
-sich immer wieder an dem Kanal und der Baumreihe
-entlangst&uuml;rzten und die mich nur kleine
-St&uuml;cke des gro&szlig;en Liedes auffangen lie&szlig;en.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_192">[S. 192]</a></span></p>
-
-<p>»Eine S&auml;ngerin,« sagte meine Begleiterin
-mit begeisterten Augen. »Und zwar mu&szlig; es
-eine gro&szlig;e S&auml;ngerin sein, denn ihre Stimme
-ist herrlich.« »Sie singt,« sagte ich, »sie singt
-so ersch&uuml;tternd und ergreifend. Es ist, als
-schluchzt sie die T&ouml;ne, als w&auml;re sie eine
-weinende Quelle in einem heiligen Hain, wo
-die B&auml;ume dunkel und feierlich nicht rauschen
-d&uuml;rfen, solange die Quellenstimme singt.«</p>
-
-<p>Wir standen lange still. Dann verdunkelte
-sich oben das eine Fenster, und f&uuml;r einen Augenblick
-erschien der dunkle Umri&szlig; einer sch&ouml;ngebauten
-Frauengestalt hinter dem Vorhang,
-die in Haltung und Wuchs edel war wie ihr
-Lied. Es war eine hoheitsvolle m&uuml;tterliche
-Erscheinung. Der Kopf schien in den bestirnten
-Nachthimmel zu schauen, und mir war,
-als tr&uuml;ge sie noch die Rhythmen des Liedes
-wie gro&szlig;e Schwingen an ihrer aufgerichteten
-Gestalt. Das Aufpasserweib unten am Vorgarten
-stierte hoch und ging langsam, wie beunruhigt,
-einige Schritte von der Haust&uuml;re
-fort. Dann wurde nach einer Weile das Licht
-oben ausgel&ouml;scht. Das Haus lag wie ein toter
-K&auml;fig bei den andern H&auml;userk&auml;figen. Und
-die Aufpasserin stand wieder an ihrem Platz
-wie eine Schildwache. Wir gingen dann weiter.<span class="pagenum"><a id="Page_193">[S. 193]</a></span>
-Meine Begleiterin war nachdenklich geworden.
-Sie schien im Geist in jenes Haus eingedrungen
-zu sein, um die bewachte und singende
-Frau dort auszuforschen. Aber sie schien
-dabei ebenso wenig eine Antwort zu bekommen
-wie ich damals, als ich die Aufpasserin
-in jener Nacht gefragt hatte.</p>
-
-<p>»Sie ist ungl&uuml;cklich und kann dabei noch
-singen, wundersch&ouml;n singen, verstehen Sie
-das?« fragte sie mich dann.</p>
-
-<p>»Das tun die Nachtigallen auch, die ungl&uuml;cklich
-sind, wenn sie eingesperrt sind, sie
-singen um so sch&ouml;ner, je dunkler es um sie
-wird,« mu&szlig;te ich erwidern. »Aber warum
-ist sie bewacht, wenn sie engelrein ist, wie
-ihre Freundin sagte? Verstehen Sie das?«
-fragte sie mich hartn&auml;ckig weiter.</p>
-
-<p>»Der Schuldige belauert immer den Unschuldigen.
-Ihr Mann soll ihr untreu sein,
-hat jene Dame neulich nachts gesagt,« suchte
-ich zu erkl&auml;ren.</p>
-
-<p>»Aber warum trennen die beiden sich nicht,
-warum? K&ouml;nnen Sie mir das erkl&auml;ren?«</p>
-
-<p>»Das kann ich nicht erkl&auml;ren,« sagte ich
-darauf.</p>
-
-<p>»Aber Sie m&uuml;ssen es mir erkl&auml;ren,« bat
-meine Begleiterin &auml;ngstlich. »Ich f&uuml;hle, ich<span class="pagenum"><a id="Page_194">[S. 194]</a></span>
-kann in dieser Nacht nicht schlafen und
-werde immer an jene singende Frau denken
-m&uuml;ssen, die ihren Gram, ihren Herzkummer
-und ihre Einsamkeit sich fortsingen mu&szlig;.«</p>
-
-<p>Und welche Stimme, dachte ich bei mir:
-so singen nur die Erzengel vor Gottes Thron,
-so m&auml;chtig, wenn sie aufweinen &uuml;ber die
-Schmerzen der Welt.</p>
-
-<p>»Erkl&auml;ren Sie mir das Geheimnis! Erkl&auml;ren
-Sie mir, wie kann man Ungerechtigkeit erdulden,
-ohne sich zu wehren?«</p>
-
-<p class="pmb3">»Wie wehren sich die gefangenen Singv&ouml;gel,
-wie wehren sich wehrlose Frauen? Sie singen
-aus Notwehr, wenn sie Stimme und angeborene
-Musik in sich tragen; sie singen sich
-ihr Weh vom Leibe. Sie singen sich vom
-Gift der Qualen frei. Anders wehren sich
-die, die innerlich singen k&ouml;nnen, nie.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_195">[S. 195]</a></span></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_196">[S. 196]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-
-<h2 class="no-break" id="An_eine_Sechzehnjahrige">An eine Sechzehnj&auml;hrige</h2>
-</div>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_197">[S. 197]</a></span></p>
-
-
-<p>Wenn ich an Oda denke, wird mein altes
-Herz s&uuml;&szlig; wie eine Blume, die man
-sich gedankenlos zwischen die Z&auml;hne steckt
-und am Stiel hin und her dreht, w&auml;hrend man
-eine selbsterfundene Melodie ohne Anfang,
-ohne Ende, nur einem selbst h&ouml;rbar, vor sich
-hinsummt.</p>
-
-<p>Oda ist knapp sechzehn Jahre alt.</p>
-
-<p>Die Luft um Odas Augen ist ohne Licht,
-nicht blo&szlig;, weil Sechzehnj&auml;hrige eine Binde
-tragen, da sie mit dem Leben noch Blindekuh
-spielen, sondern weil die Sonne, die so viele
-Millionen Jahre alt ist, f&uuml;r dieses Alter gar
-nicht aufgehen mag. Denn sie hat f&uuml;r dieses
-Alter gar kein Licht, das jung genug w&auml;re.</p>
-
-<p>In Odas N&auml;he reizt mich vor allem immer
-eine gewisse nat&uuml;rliche und doch jungfr&auml;ulich
-mystische Dunkelheit, in der Oda sich selbst
-Licht spendet. Nur ein zerstreutes Licht ist
-um sie, nicht mehr als um ein K&uuml;ken im Ei,
-ehe es die Schale zerbrochen hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_198">[S. 198]</a></span></p>
-
-<p>Und doch &mdash; wie gl&auml;nzen Odas mohnrote
-Augen! Ich behaupte, die Jugendliche hat
-mohnrote Augen. Ich f&uuml;hle R&ouml;te und viele
-Tr&auml;ume in ihren Augen, Tr&auml;ume, wie nur ein
-Opiumraucher sie haben kann.</p>
-
-<p>Wenn Oda dieses lesen w&uuml;rde, w&uuml;rde sie
-finden, da&szlig; ich alles das, was ich von ihr
-schreibe, &uuml;ber mich selbst schreibe. Denn sie
-glaubt sich klar zu sehen wie eine Photographie.
-Das mag sein, ich gebe ihr recht.
-Ich beschreibe nicht Odas Augenbild, sondern
-ihr Wirkungsbild.</p>
-
-<p>Ich habe noch niemals Frauen sehen, sondern
-stets nur f&uuml;hlen k&ouml;nnen. Ich f&uuml;hle sie
-mit den Augen, f&uuml;hle sie mit den Ohren,
-f&uuml;hle sie mit dem Blut.</p>
-
-<p>Liebe Oda, da du dich also nicht f&uuml;hlen
-kannst, wie das Feuer sich nicht als hei&szlig; und
-hell f&uuml;hlt, das Wasser sich nicht selbst als
-na&szlig; und weich f&uuml;hlt, &mdash; so mu&szlig;t auch du,
-wenn du dieses einmal &uuml;ber dich lesen wirst,
-mir glauben, wie du von mir gef&uuml;hlt wirst.</p>
-
-<p>Du m&ouml;chtest Schauspielerin werden, und ich
-zittere f&uuml;r dich, da&szlig; du Wege gehen mu&szlig;t,
-die dich weglos wie einen Kometen in eine
-Irrwelt werfen k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Aber du willst, und alle wollen mit dir,<span class="pagenum"><a id="Page_199">[S. 199]</a></span>
-was du willst. Und wenn ich das bedenke,
-m&uuml;&szlig;te ich eigentlich nicht mehr f&uuml;r dich
-zittern, denn deine Wege k&ouml;nnen h&ouml;chstens
-Umwege, aber keine Abwege werden, wie ich
-dich kenne. Wenn du nur immer wei&szlig;t, da&szlig;
-du willst.</p>
-
-<p>Du kommst und setzt dich, wenn alle
-Damen in deiner Mutter Teestunde schon,
-eifrig plaudernd, das Zimmer unruhig wie ein
-auf- und abwankendes Fahrzeug machen. Du
-setzt dich mit deiner sechzehnj&auml;hrigen M&auml;dchenruhe
-in einen leeren Diwanwinkel und
-hast deine Glieder, wie nackt ohne Kleid,
-ohne Bewu&szlig;theit, mitgebracht und hast nicht
-deinen K&ouml;rper vergessen, wie viele der viel
-zuviel gekleideten Damen es tun.</p>
-
-<p>Dein Mund redete noch nicht, auch deine
-Glieder reden noch nichts. Du f&uuml;hlst auch
-noch nichts. Und du bist da in deiner Dunkelheit
-vor mir, von deiner Mutter mit Sorgfalt
-in einfache zarte Kittel aus Seide gekleidet.
-Neulich war es gr&uuml;ne, herbgr&uuml;ne Seide, deren
-Gr&uuml;n nichts gemein hatte mit Pflanzen oder
-Metallen oder Tierfarben. Es war ein fernweltliches
-Gr&uuml;n, weil aus dir ein Erlebnis
-strahlte. Du kamst aus einer Welt her, wo
-eine gr&uuml;ne Sonne geschienen hatte, und davon<span class="pagenum"><a id="Page_200">[S. 200]</a></span>
-warst du noch feierlich zartgl&auml;nzend und lieblich
-leuchtend.</p>
-
-<p>Du sitzt auff&auml;llig in deiner Unauff&auml;lligkeit
-vor mir, und ich h&ouml;re alles, was du nicht
-redest, lauter als rundum die gl&auml;nzenden Reden
-der Sprechenden. Dein Herz aber ist fl&uuml;ssig,
-wenn es so, nichts sprechend, mit uns allen und
-mit niemandem spricht. W&auml;hrend uns die
-Teetassen in den Fingern zittern und der Witz
-der Nachbarn uns benachrichtigen will von
-Geschehnissen, die uns anfallen, bald kalt,
-bald glitzernd von Neugier, Eitelkeit und
-geistreicher Gewandtheit, bist du, Oda, verschwunden
-und wieder erschienen. Es rief
-dich irgend ein g&ouml;ttlich zweckloser Zweck.</p>
-
-<p>Neulich, als ich zum ersten Mal seit Jahren
-wieder zu euch zu Besuch kam, war es der
-kleine zahme Kanarienvogel, den du in der
-Hand brachtest und mir auf den &Auml;rmel setztest;
-und du lachtest, als ich verwundert aufschaute.</p>
-
-<p>Warum brachtest du nicht alle Kanarienv&ouml;gel
-der Stadt, damit ich dich h&auml;tte tausendmal
-lachen h&ouml;ren k&ouml;nnen! Ich sah den zahmen
-kleinen Vogel kaum, ich f&uuml;hlte nur mein Herz
-schmerzen, weil du nur so kurz gelacht hattest,
-und weil, wenn du laut wirst wie die andern,<span class="pagenum"><a id="Page_201">[S. 201]</a></span>
-ich dann unendlich viel Wirklichkeit von dir
-erleben m&ouml;chte, von deinem unwirklichen und
-noch weltfernen Dasein.</p>
-
-<p>Bei meinem zweiten Besuch fand ich dich,
-ein Tabakh&auml;ufchen zwischen zwei Fingern zu
-einer kleinen Kugel drehend, am Schreibtisch
-deines Vaters, und du stopftest eine kleine
-japanische Silberpfeife, die du dann rauchtest.
-Und du lachtest wieder kurz auf, als ich aus
-dem Nebenzimmer von den andern fortgegangen
-war, von Tee und Musik, und dich
-fand. Wie ein Eichhorn in einem Waldbusch
-versteckt, so kauertest du auf der Ottomane
-unter dem blauen Nebel des Tabakrauches
-und lie&szlig;est dich nicht st&ouml;ren. Du lachtest einmal
-nur dieses kurze, gesto&szlig;ene Lachen, und
-wieder schmerzte durch einen kleinen Ruck mein
-gro&szlig;es altes Herz, weil du einmal und nicht
-tausendmal lachen konntest. Weil die Lust
-so kurz ist, die du anschl&auml;gst und ausl&ouml;schst.</p>
-
-<p>Warum schmerzte aber mein Herz nicht,
-als du ein andermal am gleichen Schreibtisch,
-ans Telephon gerufen, mit einem jungen Kameraden
-lachtest? Er wollte dich mit andern
-jungen Damen abholen und zum Eisplatz zum
-Schlittschuhlaufen begleiten. Hinter dir aber
-stand dein Vater wie ein lang gen die Zimmerdecke<span class="pagenum"><a id="Page_202">[S. 202]</a></span>
-gezeichneter Schatten und l&auml;chelte und
-war neckisch und sagte dir, da du um eine
-Antwort am Telephon verlegen warst, da&szlig; du
-absagen m&uuml;&szlig;test. Der Bursche am Telephon sei
-fad und nicht klug genug f&uuml;r dich. Du lachtest
-kurz auf, aber ich f&uuml;hlte nichts bei diesem Lachen,
-diesmal nicht den Seufzer, nicht den zitternden
-Wunsch, dich noch mehr lachen zu h&ouml;ren.</p>
-
-<p>Und wieder an einem andern Sonntag, zu
-einer andern Nachmittagsteestunde, als ein
-Freund eures Hauses, ein beweglicher, nicht
-alter, nicht junger Mann, vor dir hockte und
-vom Theater plauderte und du in einem
-Sessel, an die hohe Lehne zur&uuml;ckgedr&uuml;ckt,
-vor dem Sprecher sa&szlig;est, da zitterte Schrecken
-in mir. Denn der Erz&auml;hler war ein gewandter
-Frauenverf&uuml;hrer, und er war geistreich, weltlustig
-und zielte mit seinen Augen auf dich
-wie ein ge&uuml;bter Revolversch&uuml;tze auf eine
-Scheibe. Und wie eine Zielscheibe flach lehntest
-du, in den Sessel tief zur&uuml;ckgedr&uuml;ckt,
-an der Sessellehne, und diese deine Stellung
-war jenem Mann Triumph genug. Und gleich
-wandte er sich an deine Mutter und machte
-den Vorschlag, dich mit ihm die Probe
-eines neuen St&uuml;ckes besuchen zu lassen, der
-er beiwohnen wollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_203">[S. 203]</a></span></p>
-
-<p>Und ich sah seinen vorgebeugten, glattrasierten
-Kopf, der wie ein Strau&szlig;enei unterm Kronleuchter gl&auml;nzte,
-und sah, wie er mit Eifer deine
-Mutter davon &uuml;berzeugte, da&szlig; diese Theaterprobe
-dir n&uuml;tzen w&uuml;rde f&uuml;r deine Theaterkenntnis,
-die du dir aneignen m&ouml;chtest.</p>
-
-<p>Und es wurde verabredet, da&szlig; du an einem
-der n&auml;chsten Morgen um 11 Uhr in seine
-Loge kommen solltest, um die Probe zu sehen.
-Er hob den Zeigefinger und sagte:</p>
-
-<p>»Aber es darf kein Ger&auml;usch gemacht werden,
-denn die Regie ist streng, und es darf eigentlich
-niemand wissen, da&szlig; wir zur Probe kommen.
-Aber im dunkeln Theaterraum und in
-der finsteren Loge wird niemand uns finden,
-wenn wir ganz leise sind.«</p>
-
-<p>Ich sah dich bereits im Geist lautlos in
-jener dunkeln Loge und f&uuml;hlte, wie du neben
-deinem Verf&uuml;hrer im Dunkeln kaum zu atmen
-wagtest aus Lust am Theater, wie jener aber
-kaum zu atmen wagte aus Lust an dir.</p>
-
-<p>Es waren drei Tage bis zu jenem Tage der
-Verabredung, die du, Oda, mit dem andern
-hattest. Und in jeder Nacht von diesen beiden
-N&auml;chten, die zwischen den drei Tagen lagen,
-wachte ich auf und horchte. Ich h&ouml;rte zuerst
-nur ferne Automobile durch die todstillen<span class="pagenum"><a id="Page_204">[S. 204]</a></span>
-Stra&szlig;en surren. Ich f&uuml;hlte aber dann, wie sich
-die H&auml;user aufl&ouml;sten und wie sie ihre Mauern
-und ihre Steine nach mir warfen. Die ganze
-gro&szlig;e Stadt steinigte meine Brust. Ich st&ouml;hnte,
-und morgens erwachte ich wie zerschlagen.
-Und mitten am Tage in meiner Arbeit wollte
-ich ans Telephon gehen. Es war mir, als
-m&uuml;&szlig;te ich deine Mutter rufen und weiter
-nichts zu ihr sagen als: »Hilfe, Hilfe!« wie
-einer, der ein Ungl&uuml;ck sieht und ratlos ist.</p>
-
-<p>Zuf&auml;llig h&ouml;rte ich dann sp&auml;ter von deiner
-Mutter, du w&uuml;rdest doch nicht zu jener
-Theaterprobe gehen. Aber ich glaubte es
-nicht. Warum glaubte ich es nicht? Warum
-atmete ich nicht auf? Ich glaubte es nicht,
-weil du ja doch deine Umwege oder Irrwege
-gehen mu&szlig;t, wie wir alle sie gingen, denn
-keine andern f&uuml;hren ins Leben.</p>
-
-<p>Als ich nach Wochen wieder einmal zu
-deinem Vater kam, n&ouml;tigte er mich, zum
-Mittagessen zu bleiben. Ganz fl&uuml;chtig sollte
-der Besuch sein, denn wir hatten nur gesch&auml;ftlich
-zu sprechen.</p>
-
-<p>Du warst mit deiner Mutter in der Stadt,
-und ihr machtet an diesem Tage andere Besuche
-und wart nicht zum Essen zu Hause.</p>
-
-<p>Dein kleiner Bruder Nickel, der flinke und<span class="pagenum"><a id="Page_205">[S. 205]</a></span>
-geweckte Junge, sprang mit seinem graublonden
-Lockenkopf mitten beim Essen vom Tisch auf
-und holte pl&ouml;tzlich den kleinen Kanarienvogel
-aus dem Bauer und setzte ihn auf das Tischtuch.
-Dort spazierte das hellgelbe V&ouml;gelchen
-zwischen dem wei&szlig;en Porzellan und den
-Kristallgl&auml;sern und um das Silberger&auml;te und
-pickte und lugte mich mit einem Auge an.</p>
-
-<p>Der kleine Kanarienvogel war erb&auml;rmlich
-anzusehen. Ein Beinchen war ihm gebrochen,
-das schleifte er nach sich. Aber der Bruch
-war schon geheilt und schmerzte ihn nicht
-mehr. Doch sein K&ouml;pfchen war ganz kahl.
-Er hatte alle Federn am Kopf verloren, und
-man sah, was man sonst nie sehen konnte,
-die gro&szlig;en Ohrl&ouml;cher des Vogels zu beiden
-Seiten des K&ouml;pfchens. Sie waren im nackten
-Sch&auml;del wie L&ouml;cher, durch die eine Kugel gegangen
-war.</p>
-
-<p>Wieviel hat dieser Vogel gef&uuml;hlt mit diesen
-Ohrl&ouml;chern? Wieviel Weh- und Wohllaute
-zogen durch den kleinen Sch&auml;del in das
-Herz ein?</p>
-
-<p>Er hat Oda lachen und weinen geh&ouml;rt. Er
-hat Oda tanzen geh&ouml;rt und auch geh&ouml;rt, wie
-sie aufstampfte im Zorn. Er hat Oda besungen,
-wenn er and&auml;chtig wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_206">[S. 206]</a></span></p>
-
-<p>So gerupft gehen wir alle aus der Lebensandacht
-hervor, dachte ich bei mir. Fr&uuml;her
-oder sp&auml;ter zieht das Herz einen geknickten
-Fu&szlig; nach. Oder man verliert die Locken des
-Mutes.</p>
-
-<p>Nach dem Essen, als ich noch einen Augenblick
-in deines Vaters Schreibzimmer im Ledersessel
-sa&szlig;, las und rauchte und auf deinen
-Vater wartete, der sich zum Ausgehen umzog,
-da t&ouml;nte des gerupften blanksch&auml;dligen
-V&ouml;geleins Singstimme aus dem Nebenzimmer.</p>
-
-<p>O, er sang, als w&auml;re er ger&uuml;hrt &uuml;ber sich
-selbst. Er sang so schmelzend und z&auml;rtlich,
-als h&auml;tte dein Bruder Nickel einen Spiegel
-geholt und der Kanarienvogel h&auml;tte sein verungl&uuml;cktes
-Bild im Glase gesehen. Und er
-sang, um den trauernden gerupften Vogel im
-Spiegel zu tr&ouml;sten, sein lebenss&uuml;&szlig;estes Lied.
-Denn er erkannte sich selbst nicht und
-glaubte f&uuml;r einen Fremden zu singen.</p>
-
-<p>Da h&auml;tte ich gew&uuml;nscht, Oda, du h&auml;ttest
-mit meinen Ohren h&ouml;ren, mit meinen Augen
-sehen k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Ich habe Wiedersehen gefeiert mit eigenem
-Leid. In deinen sechzehnj&auml;hrigen Augen sehe
-ich meine eigenen Gebrechen wie in einem
-Spiegel, alle Wunden, die mir das Leben angetan.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_207">[S. 207]</a></span></p>
-
-<p>An einem der n&auml;chsten Abende, zu dem
-ich mich mit deinen Eltern verabredet hatte,
-wurde ich zu Hause bei mir ans Telephon
-gerufen.</p>
-
-<p>Als ich Antwort gab, rief mir eine Stimme
-zu: »Ich bin es!«</p>
-
-<p>»Wer?« fragte ich ahnungslos.</p>
-
-<p>»Ich, ich, ich,« riefst du mir zu, und es belustigte
-dich, da&szlig; ich deine Stimme nicht gleich
-erkannte.</p>
-
-<p>Wie seltsam, da&szlig; ich deine Stimme nicht
-wiedererkannte!</p>
-
-<p>Aber da lachtest du das kurze Sto&szlig;lachen,
-das immer wieder zu rasch ausl&ouml;scht.</p>
-
-<p>Da erkannte ich dich wieder.</p>
-
-<p class="pmb3">Noch oft im Leben werde ich dich nicht
-erkennen, wenn du sprichst, aber ich hoffe,
-da&szlig; ich dich immer erkennen werde, wenn
-du lachst.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_208">[S. 208]</a></span></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_209">[S. 209]</a></span></p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-
-<h2 class="no-break" id="Zur_Stunde_der_Maus">Zur Stunde der Maus</h2>
-</div>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_210"></a></span></p>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_211">[S. 211]</a></span></p>
-
-
-<p>In einer Stadt der Provinz hatte ein S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndler
-einen Laden eingerichtet,
-der sich &uuml;ber einem tiefen Keller befand, zu
-welchem eine Fallt&uuml;re hinunterf&uuml;hrte.</p>
-
-<p>Aus diesem Keller kamen jede Nacht die
-M&auml;use in Scharen in die S&uuml;dfr&uuml;chtenhandlung
-herauf. Sie nagten dort die sch&ouml;nen, in Seidenpapier
-eingewickelten Kalvillen&auml;pfel an, sie
-fra&szlig;en Datteln und Feigen, Rosinen und Bananen
-und schonten auch nicht die jungen
-Gem&uuml;se und die Maltakartoffeln. Keine Ware,
-die sich in der S&uuml;dfr&uuml;chtenhandlung befand,
-war vor den kleinen zudringlichen Nagetieren
-zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang
-sicher.</p>
-
-<p>Solange nachts L&auml;rm auf den Stra&szlig;en war
-und die Wagen fuhren, hielten sich die M&auml;use
-noch still im Keller. Aber sobald es Mitternacht
-geschlagen hatte und es still in jener
-Stra&szlig;e wurde, kamen sie in Scharen, vergn&uuml;gten
- <span class="pagenum"><a id="Page_212">[S. 212]</a></span>
-sich an den s&uuml;&szlig;en Vorr&auml;ten und feierten wahre
-Fre&szlig;orgien, deren Spuren den S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndler
-jeden Morgen beim Betreten des Ladens
-in Verzweiflung setzten.</p>
-
-<p>Den Laden zu r&auml;umen und einen anderen
-zu beziehen, das ging nicht gut an, da hier
-im Mittelpunkt der Stadt ein gutes Absatzgebiet
-war und dem H&auml;ndler durch einen
-Umzug wahrscheinlich viele Kunden verloren
-gegangen w&auml;ren.</p>
-
-<p>Und so versuchte er, sich auf alle Weise
-gegen die M&auml;use zu sch&uuml;tzen. Er schaffte
-sich Katzen an, aber er mu&szlig;te sie wieder
-abschaffen, da es vorgekommen war, da&szlig; die
-Tiere in der Nacht den Ladenraum verunreinigt
-hatten und der Geruch davon, der
-am Morgen nicht auszutreiben war, die
-K&auml;ufer entsetzt hatte.</p>
-
-<p>Er schaffte sich dann Hunde, Rattenf&auml;nger,
-an. Aber diese st&uuml;rmischen Tiere schlugen in
-den N&auml;chten ein wildes Gebell auf, wenn sie
-hinter den M&auml;usen herjagten, und sie warfen
-dabei, wenn sie &uuml;ber die mit Obst gef&uuml;llten
-K&ouml;rbe sprangen, Fr&uuml;chte und K&ouml;rbe &uuml;ber den
-Haufen, so da&szlig; der H&auml;ndler auch die Hunde
-wieder abschaffen mu&szlig;te, weil die Nachbarn
-sich &uuml;ber das n&auml;chtliche Gebell beschwert
- <span class="pagenum"><a id="Page_213">[S. 213]</a></span>
-hatten und der Schaden, den die hetzenden
-Hunde anstifteten, dem Schaden der M&auml;use
-gleichkam.</p>
-
-<p>Gift gegen die M&auml;use zu legen, war nicht
-ratsam, da die halbvergifteten Tiere das Gift
-&uuml;ber die E&szlig;waren verschleppen konnten und
-dann gro&szlig;es Ungl&uuml;ck durch die Vergiftung
-von Fr&uuml;chten h&auml;tte entstehen k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>So blieb dem armen, von M&auml;usen geplagten
-S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndler nichts &uuml;brig, als sich um
-Mitternacht, zur Stunde der Maus, in den
-Ladenraum zu begeben und, versehen mit
-einem Stock, seine Fruchtk&ouml;rbe selbst zu bewachen
-und durch H&auml;ndeklatschen und Fu&szlig;stampfen
-die eindringenden M&auml;usescharen zu
-verjagen.</p>
-
-<p>Er allein konnte nicht Nacht um Nacht
-wachen, und so teilte er sich mit seiner Frau
-in die Nachtwachen. Aber dieses erm&uuml;dete
-auf die Dauer die beiden sehr.</p>
-
-<p>Da kamen sie auf den Gedanken, eine entfernte
-Verwandte, die gerade eine Stellung
-suchte, zu sich ins Haus zu nehmen, damit
-diese die M&auml;usewache jede dritte Nacht &uuml;bern&auml;hme.</p>
-
-<p>Der S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndler hatte es sich aber
-zur Pflicht gemacht, manchmal nachzusehen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_214">[S. 214]</a></span>
-wenn das junge M&auml;dchen die Wache hatte, ob
-es nicht eingeschlafen w&auml;re.</p>
-
-<p>Er traf das M&auml;dchen aber niemals schlafend
-an, denn es vertrieb sich die Zeit mit Lesen
-von Balladen und Romanzen, f&uuml;r die es eine
-Vorliebe hatte.</p>
-
-<p>Mit der Zeit waren dem H&auml;ndler die Augenblicke,
-die er zur Stunde der Maus mit dem
-jungen M&auml;dchen verplauderte, wenn sie im
-Laden zusammen hinter die K&ouml;rbe schauten,
-um die kleinen Ladenr&auml;uber zu verjagen, oder
-wenn sie ihm eine ihrer Romanzen vortrug,
-die sie bald alle auswendig kannte und die
-sie bei der Nachtwache laut hersagte, damit
-sie mit ihrer Stimme die M&auml;use verjagte, &mdash;
-so zur angenehmen Gewohnheit geworden,
-da&szlig; er die Minuten im Laden unbewu&szlig;t
-immer l&auml;nger ausdehnte und sich eines Nachts
-klar wurde, da&szlig; er sich in das junge M&auml;dchen
-verliebt habe.</p>
-
-<p>Das kam, als das junge Fr&auml;ulein ihn eines
-Nachts, da er wieder lange ihren Balladen
-zugeh&ouml;rt hatte und noch eine Romanze zu
-h&ouml;ren w&uuml;nschte, daran erinnerte, es sei Zeit,
-da&szlig; er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu seiner
-Frau ginge. Und sie hatte lachend hinzugesetzt,
-sie wisse, da&szlig; er recht gl&uuml;cklich verheiratet w&auml;re.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[S. 215]</a></span></p>
-
-<p>Dabei hatte sie den Kalvillenapfel, den er als
-den sch&ouml;nsten f&uuml;r sie ausgesucht und ihr f&uuml;r
-ihren Balladenvortrag zum Geschenk gemacht
-hatte, vorsichtig wieder in das sch&uuml;tzende
-Seidenpapier eingewickelt und hatte ihn auf
-die Apfelpyramide zur&uuml;ckgelegt, von wo ihn
-der H&auml;ndler genommen hatte.</p>
-
-<p>»F&uuml;r mich sind weniger sch&ouml;ne &Auml;pfel auch
-gut genug. Auch wird sich vielleicht Ihre
-Frau &auml;rgern, wenn ich den besten Apfel, der
-im Laden ist, aufesse.«</p>
-
-<p>Als sie dieses gesagt, hatte sie leise geseufzt,
-und der Mann war aus dem Laden gegangen.
-Vorher hatte er ihr noch lachend zugerufen:</p>
-
-<p>»Nat&uuml;rlich bin ich gl&uuml;cklich verheiratet,
-sogar sehr gl&uuml;cklich.«</p>
-
-<p>Aber seit dieser Stunde, seit dieser Versicherung
-seines Gl&uuml;ckes, war der Mann von
-einer Unruhe geplagt, die ihn ungl&uuml;cklich
-machte. Es war ihm, als habe er im Augenblicke
-der &ouml;ffentlichen Feststellung seines Ehegl&uuml;ckes
-den Gipfelpunkt dieses Gl&uuml;ckes schon
-&uuml;berschritten. Denn er war abergl&auml;ubisch und
-glaubte bestimmt daran, da&szlig; er mit dem Eingest&auml;ndnis
-seines Gl&uuml;ckes sich ein Ungl&uuml;ck ins
-Haus eingeladen habe. Er war aber zugleich
-ein ehrlicher und treuer Mann, der seine ihm
- <span class="pagenum"><a id="Page_216">[S. 216]</a></span>
-angetraute Frau niemals betrogen hatte, und
-dessen Herz heftig erschreckte, als es zur
-Stunde der Maus seine Augen dabei ertappte,
-wie sie mit Wohlgefallen an dem Gedichte
-vortragenden M&auml;dchen im mittern&auml;chtigen Laden
-h&auml;ngen geblieben waren, so da&szlig; er die
-Zeit und den Schlaf vergessen konnte.</p>
-
-<p>Das junge Gesch&ouml;pf mit seinen erdbraunen
-Augen und seinen tabakfarbenen Haaren
-pa&szlig;te gut zwischen die Pyramiden von Blutorangen
-und goldgr&uuml;nen Zitronen und neben
-die weinduftenden Ananasfr&uuml;chte. Und oft
-am Tage, wenn der S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndler die
-Kunden bediente und das M&auml;dchen gar nicht
-im Laden anwesend war, schien ihm, als ob
-in den leichten flachen Holzschachteln die
-plattgepre&szlig;ten ged&ouml;rrten Malagatrauben oder
-die in Silberstanniol eingewickelten spanischen
-Mandarinen den gleichen Duft ausstr&ouml;mten,
-der ihm vom Nacken jenes M&auml;dchens, von
-den feinen Haarwurzeln ihrer tabakbraunen
-Locken entgegengestr&ouml;mt war und den er deutlich
-kannte von den Augenblicken, da sie
-beide zur Stunde der Maus hinter den S&auml;cken
-mit Maltakartoffeln und hinter den K&ouml;rben
-voll von afrikanischem Blumenkohl mit St&ouml;cken
-nach den M&auml;usen geschlagen hatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[S. 217]</a></span></p>
-
-<p>Des H&auml;ndlers Unruhe wuchs allm&auml;hlich,
-besonders seiner Frau gegen&uuml;ber, die er wirklich
-aufrichtig liebte und die er mit seiner
-Untreue nicht betr&uuml;ben wollte.</p>
-
-<p>Er wu&szlig;te sich keinen Rat mehr, wenn er
-sich auch vornahm, das junge M&auml;dchen zur
-Zeit, da es Wache hatte, nicht mehr im Laden
-aufzusuchen. Doch n&uuml;tzte ihm das nicht viel,
-denn er traf es am Tage, und er konnte nicht
-daran denken, es fortzuschicken, weil es f&uuml;r
-die Nachtwachen unentbehrlich war; und er
-h&auml;tte auch gar keinen Grund gehabt als den
-seiner Zuneigung, den er aber nat&uuml;rlich kaum
-sich selbst eingestehen wollte und den er noch
-weniger jemand anderem offenbaren konnte.</p>
-
-<p>Es geschah auch, da&szlig;, wenn er dem M&auml;dchen
-jetzt am Tage auf der Treppe oder im Ladenraum
-oder in seiner Wohnung begegnete, er
-ein k&uuml;hleres Gesicht aufsetzte, um seine Gef&uuml;hle
-mit Gewalt zu verleugnen. Und ihm
-schien es dann, als ob das junge M&auml;dchen
-durch sein ver&auml;ndertes Wesen verletzt
-wurde, und da&szlig; es ihn leicht ver&auml;chtlich behandelte.</p>
-
-<p>Es war ihm in der Erinnerung unangenehm,
-da&szlig; er zu dem M&auml;dchen gesagt hatte, er sei
-gl&uuml;cklich, sehr gl&uuml;cklich. Er fand es roh und
- <span class="pagenum"><a id="Page_218">[S. 218]</a></span>
-h&auml;&szlig;lich, da&szlig; er gl&uuml;cklich sein sollte, w&auml;hrend
-das junge Gesch&ouml;pf gl&uuml;cklos war und die
-Lebenstage nur f&uuml;r die bezahlte Arbeit kommen
-und gehen sah.</p>
-
-<p>Bei einem gr&ouml;&szlig;eren Einkauf einer Warensendung,
-die er immer in der n&auml;chsten Hafenstadt,
-wo die Frachtschiffe aus dem S&uuml;den
-ankamen, machen mu&szlig;te, wurde ihm der Vorschlag
-unterbreitet, ein Zweiggesch&auml;ft in jener
-gro&szlig;en Seestadt zu gr&uuml;nden, damit er die
-durch die Verpackung und Reise schon etwas
-besch&auml;digten, aber noch guten Obstvorr&auml;te,
-denen eine Eisenbahnversendung nicht gut
-bekommen w&uuml;rde, an Ort und Stelle absetzen
-k&ouml;nnte.</p>
-
-<p>Der H&auml;ndler ging mit Freuden auf dieses
-Gesch&auml;ftsunternehmen ein. Und da ihn die
-Fruchtversteigerungen oft nach der Hafenstadt
-gerufen hatten, so fand auch seine Frau es
-ganz in der Ordnung, wenn ihr Mann dem
-neuen Zweiggesch&auml;ft in der Hafenstadt vorst&uuml;nde,
-wogegen sie den Laden in der Provinzstadt
-weiterf&uuml;hren wollte.</p>
-
-<p>F&uuml;r die Festtage des Jahres hatten die Eheleute
-verabredet, sich zu besuchen. Da aber
-die Frau zur Weihnachtszeit nicht von dem
-Laden abkommen konnte, erwartete sie der
- <span class="pagenum"><a id="Page_219">[S. 219]</a></span>
-Mann erst zum Neujahrsabend, zur Silvesterfeier.</p>
-
-<p>In der ersten Zeit der Trennung war der
-S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndler von seinem neuen Gesch&auml;ft
-so in Anspruch genommen, da&szlig; er
-weder seine Frau noch das junge M&auml;dchen,
-das nach wie vor in dem Laden in der Provinz
-die Nachtwache hatte, vermi&szlig;te.</p>
-
-<p>Aber als das neue Gesch&auml;ft im Gang war
-und sich eint&ouml;nig abwickelte, kehrten seine
-Erinnerungen doppelt heftig zur&uuml;ck, und die
-Ger&uuml;che der Fr&uuml;chte im Laden, die ihre
-S&uuml;&szlig;igkeit durch die Luft verbreiteten, erweckten
-wieder, besonders, wenn er abends
-den Laden geschlossen, seine Rechnungsb&uuml;cher
-durchgesehen und zugeklappt hatte
-und sich der Beschaulichkeit und dem Tr&auml;umen
-&uuml;berlassen durfte, das Bild des M&auml;dchens
-und den Duft ihres Leibes, wie er
-ihm begegnet war vormals zur Stunde der
-Maus.</p>
-
-<p>Er merkte, da&szlig; er sich sogar einzelner Verse
-jener Balladen und Romanzen erinnerte, die
-sie immer in der n&auml;chtlichen Stille im Kreis
-der Fruchtk&ouml;rbe vorgetragen hatte, und die
-ihn auf ferne Inseln und zu fernen L&auml;ndern,
-unter fremdartige B&auml;ume, zu feurigen und
- <span class="pagenum"><a id="Page_220">[S. 220]</a></span>
-fremdgearteten Menschen versetzt hatten, deren
-Sprache voll auffallender Leidenschaftsworte
-lebhaft leuchtete, wie die Farben der S&uuml;dfr&uuml;chte,
-die von den n&uuml;chternen Eisens&auml;ulen
-des Ladens, von den kahlen Kalkw&auml;nden und
-vom strengen Kassenpult wie bengalische Feuer
-abstachen, die man im n&uuml;chternen Tageslicht
-abbrennt.</p>
-
-<p>Wenn der Mann dann aus dem Laden in
-sein Zimmer in einem der h&ouml;her gelegenen
-Stockwerke des Hauses kam, wo er jetzt ohne
-Weib hausen mu&szlig;te, gingen die D&uuml;fte der
-s&uuml;dlichen L&auml;nder, die an seinem Rock hafteten,
-mit in seine Tr&auml;ume. Und er umarmte in
-seinem Schlaf nicht sein Weib, sondern er
-zog das junge M&auml;dchen an sein Herz, w&auml;hrend
-ihm ihre Br&uuml;ste wie zwei frische Kalvillen&auml;pfel
-entgegendufteten.</p>
-
-<p>Und besonders zur Stunde der Maus lag
-er oft auf dem Kissen wach, mit den verschr&auml;nkten
-Armen unter seinem Kopf, und
-stellte sich seinen Laden in der Provinz vor,
-wo eine der Gaslampen brannte und sie, die
-er ersehnte, mit hochgezogenen Beinen auf
-dem Drehstuhl beim Ladentisch sa&szlig; und ihre
-Balladen sprach und dazwischen aufsprang
-und nach einer Ecke schlich, wo &uuml;berall
- <span class="pagenum"><a id="Page_221">[S. 221]</a></span>
-Mausefallen waren, die aber den M&auml;usen so
-bekannt waren, da&szlig; keine mehr Lust hatte,
-sich fangen zu lassen.</p>
-
-<p>Dann sah er, wie sie sich b&uuml;ckte und eine
-Falle, die von selbst zugeklappt war, wieder
-aufstellte, wobei sie vielleicht den Vers hersagte:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ein Held, de&szlig;' Herz wie Feuer war,<br /></span>
-<span class="i0">Ritt durch die W&auml;lder sieben Jahr.<br /></span>
-<span class="i0">Verschwiegen hat er sieben Jahr,<br /></span>
-<span class="i0">Da&szlig; er ein Fra&szlig; der Flammen war.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Bald mu&szlig;te sich der H&auml;ndler auch am Tage
-mit seinen verliebten Tr&auml;umen besch&auml;ftigen.
-Und der Gedanke, da&szlig; seine Sehnsucht die
-Ersehnte vielleicht herziehen k&ouml;nnte, wollte
-nicht mehr von ihm weichen.</p>
-
-<p>Er nahm sich endlich vor, einen Brief zu
-schreiben und seiner Frau zu sagen, da&szlig; er
-eine Hilfe im Laden brauche und da&szlig; er nicht
-immer die Ladent&uuml;re abschlie&szlig;en k&ouml;nne, wenn
-er stundenlang zu den Fruchtversteigerungen
-gehen m&uuml;sse, und er wollte ganz harmlos im
-Briefe bemerken, da&szlig; sie ihm jene Verwandte
-schicken sollte.</p>
-
-<p>Er hatte den Brief im Geist vielleicht tausendmal
-abgefa&szlig;t, nachts und am Tag. Wo
- <span class="pagenum"><a id="Page_222">[S. 222]</a></span>
-er ging und stand, schrieb er diesen Brief in
-Gedanken.</p>
-
-<p>Aber er konnte sich nicht entschlie&szlig;en, die
-Feder in die Hand zu nehmen, die Tinte und
-das Briefpapier. Er w&auml;re sich wie ein Verr&auml;ter
-vorgekommen, Verr&auml;ter an der Treue,
-die er seiner Frau halten wollte, und Verr&auml;ter
-an seinem Herzen, das ehrlich bleiben wollte.</p>
-
-<p>So schrieb er diesen Brief nur mit den
-Augen in die Luft. Er schrieb ihn abends
-stundenlang, wenn er seine Rechnungen abgeschlossen
-hatte, unter die Summen der Zahlen
-ins Hauptbuch, in das er br&uuml;tend starrte. Er
-schrieb den Brief mit den Augen auf die
-Kistendeckel der Orangensendungen, wenn er
-das Kistenbrett in der Hand hielt und in Gedanken
-anstarrte, statt es in eine Ecke zu stellen.
-Er schrieb den Brief auf die r&ouml;tlichen blanken
-Schalen der Blutorangen. Er schrieb den Brief an
-die leeren Kalkw&auml;nde seines Verkaufsgew&ouml;lbes,
-und er las ihn am Tag hundertmal, w&auml;hrend
-er Fr&uuml;chte in die wei&szlig;en T&uuml;ten hineinz&auml;hlte,
-die er den jungen M&auml;dchen und Frauen zureichen
-mu&szlig;te. Auf allen Frauenh&auml;nden, die
-die Fruchtt&uuml;ten aus seiner Hand empfingen,
-las er jenen Brief, den seine Augen unaufh&ouml;rlich
-schrieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[S. 223]</a></span></p>
-
-<p>Aber wie man sich scheut, mit blo&szlig;en F&uuml;&szlig;en
-durch brennendes Feuer zu gehen oder die
-blo&szlig;en H&auml;nde in helles Feuer zu legen, so
-scheute er sich, seine H&auml;nde und seinen
-Willen dazu herzugeben, den Brief zu schreiben
-und abzusenden, den Brief, der die heimlich
-Ersehnte zu ihm bestellen sollte.</p>
-
-<p>Der Gefolterte suchte sich mit der Zeit die
-brennende Sehnsucht nur dadurch ein wenig
-zu erleichtern, indem er tat, als ginge er auf
-die Forderungen seines Blutes scheinbar ein.
-Er ging, wenn es ihm seine Zeit erlaubte, in
-die Warenh&auml;user und kaufte Dinge f&uuml;r sein
-Zimmer ein, die er sonst nie f&uuml;r sich gekauft
-h&auml;tte, und die er aufstellte wie zum Empfang
-f&uuml;r diejenige, die er noch nie empfangen hatte.
-Er kaufte Kissen f&uuml;r das Sofa, unn&uuml;tze Vasen,
-in die er Blumenstr&auml;u&szlig;e stellte, die er aber
-verwelken lie&szlig; wie die Stunden seiner Tr&auml;ume.
-Er kaufte romantische Bilder, mit denen er
-die W&auml;nde schm&uuml;ckte, kaufte Balladen- und
-Romanzenb&uuml;cher, die er auf ein B&uuml;cherbrett
-aufreihte. Er kaufte Weingl&auml;ser, eine Porzellanschale
-f&uuml;r Kuchen, eine Kristallschale
-f&uuml;r Fr&uuml;chte und eine gro&szlig;e seidene Bettdecke.</p>
-
-<p>Er kaufte sich neben seinen gew&ouml;hnlichen
-Zigarren, die er t&auml;glich rauchte, eine Schachtel
- <span class="pagenum"><a id="Page_224">[S. 224]</a></span>
-bester und teuerster Havannastengel, die er
-nur dann rauchen wollte, wenn der ersehnte
-Besuch gekommen sein w&uuml;rde.</p>
-
-<p>Mit diesen und noch mancherlei Eink&auml;ufen
-beschwichtigte er das still schwellende Sehnsuchtsfieber,
-das in ihm umging wie ein unheimlicher
-Feueratem, der ihn entfachen wollte.</p>
-
-<p>Aber den Brief, den er h&auml;tte schreiben
-m&uuml;ssen, schrieb er nicht.</p>
-
-<p>Oft, wenn ihm ein Besuch angezeigt wurde,
-fuhr er erschreckt zusammen und dachte, jenes
-M&auml;dchen k&ouml;nne pl&ouml;tzlich auf seiner T&uuml;rschwelle
-stehen, gerufen von den lautlosen
-Hilfeschreien seines geknebelten Herzens.</p>
-
-<p>Zum Silvester kam dann, wie es verabredet
-war, seine ahnungslose Frau zu ihm zu Besuch.</p>
-
-<p>Sie war, seit er den Laden in der Hafenstadt
-aufgemacht hatte, noch nicht bei ihm
-gewesen. Und als er sie jetzt vom Bahnhof
-abholte und in sein Zimmer f&uuml;hrte, wo von
-der Decke eine rosa Glasampel hing, die er
-angez&uuml;ndet hatte, da schlug die gute Frau erstaunt
-die H&auml;nde zusammen und verga&szlig;, den
-Hut und den Mantel abzulegen. Sie drehte sich
-auf einem Fleck, mitten im Zimmer stehend,
-um sich selbst und lie&szlig; die zerbrechlichen
- <span class="pagenum"><a id="Page_225">[S. 225]</a></span>
-feinen Vasen mit Blumen auf sich wirken,
-die sch&ouml;nen gebundenen aufgereihten B&uuml;cher
-auf dem Bord, den Porzellanteller mit Kuchen,
-die Kristallschale mit Fr&uuml;chten, die vielen
-romantischen Bilder an den W&auml;nden. Und
-als sie zuletzt gar die glei&szlig;ende Seidendecke
-auf dem breiten Bett bemerkte, da gingen ihr
-ger&uuml;hrt die Augen &uuml;ber, und sie umarmte
-ihren Gatten und bedankte sich, da&szlig; er so
-z&auml;rtlich alles f&uuml;r ihren Empfang hergerichtet
-hatte.</p>
-
-<p>Der sagte nichts und umarmte seine Frau
-wieder. Denn w&auml;hrend er diese Dinge zum
-Schmuck des Zimmers alle eingekauft und
-aufgestellt hatte, hatte er auch da nie mit Bewu&szlig;theit
-und Offenheit sich eingestanden,
-da&szlig; er dies nicht f&uuml;r seine Frau, sondern f&uuml;r
-das junge M&auml;dchen tat.</p>
-
-<p>Er hatte wie ein Schlafwandelnder gehandelt,
-getrieben von einer inneren Lust, sein
-Zimmer zu schm&uuml;cken, handelnd zwischen
-Wachen und Tr&auml;umen. Und wie er nun seine
-Frau, die er immer noch treu liebte und vor
-der er sich keine untreue Handlung vorzuwerfen
-hatte, umarmte, schien es ihm wirklich
-einen Augenblick als wahrscheinlich, da&szlig;
-er f&uuml;r sie und sich zur Silvesterfeier und zum
- <span class="pagenum"><a id="Page_226">[S. 226]</a></span>
-Wiedersehen das Zimmer so sorgsam und
-festlich geschm&uuml;ckt hatte.</p>
-
-<p>Am Abend gingen Mann und Frau mit
-Bekannten in eine Weinstube, und dort tranken
-sie, bis es zw&ouml;lf Uhr schlug und das neue
-Jahr anbrach. Und von Gl&uuml;hwein und Bowle
-erhitzt, wurde der S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndler lustig
-und ausgelassen, wie ihn seine Frau selten gesehen
-hatte.</p>
-
-<p>Als nun das neue Jahr mit vielen »Prosit«
-empfangen worden war, sehnte sich die Frau
-aus dem l&auml;rmenden Kreis der Menschen fort
-und dachte an das sch&ouml;n geschm&uuml;ckte Zimmer,
-das sie beide erwartete, das ihr Mann
-mit soviel Z&auml;rtlichkeit hergerichtet hatte, und
-wo sie ihm jetzt mit gleicher Z&auml;rtlichkeit zu
-danken w&uuml;nschte.</p>
-
-<p>Sie zupfte ihren Mann am &Auml;rmel, aber der
-schien an gar kein Nachhausegehen denken
-zu wollen und trank immer wieder seinen
-Freunden zu und lie&szlig; sich zutrinken und bestellte
-neuen Wein.</p>
-
-<p>Aber es waren auch noch andere Frauen
-im Kreise, die auch heimzugehen w&uuml;nschten,
-und die Frauen verabredeten sich untereinander
-und standen auf und setzten ihre H&uuml;te
-auf und zogen ihre M&auml;ntel an und traten
- <span class="pagenum"><a id="Page_227">[S. 227]</a></span>
-dann angekleidet vor die im Tabakrauch und
-Weindunst laut schwatzenden M&auml;nner und
-baten sie, heimgef&uuml;hrt zu werden.</p>
-
-<p>Die M&auml;nner wollten auch folgsam alle gehen.
-Nur der S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndler wollte ans Aufbrechen
-nicht denken. Der sa&szlig; auf seinem
-Stuhl fest und behauptete, er ginge nicht zur
-Stunde der Maus nach Hause, denn da gingen
-Gespenster bei ihm um.</p>
-
-<p>»Was f&uuml;r Gespenster?« fragten ihn alle.</p>
-
-<p>»M&auml;use und junge M&auml;dchen,« entfuhr es
-dem etwas Angetrunkenen.</p>
-
-<p>Die M&auml;nner lachten und warfen sich zwinkernde
-Blicke zu. Die Frauen aber trieben
-beharrlich zum Aufbruch an.</p>
-
-<p>Die Frau des S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndlers war bei
-der Rede ihres Mannes pl&ouml;tzlich bla&szlig; und
-zitternd geworden, und auf der Stra&szlig;e zog
-sie ihren Gatten auf die Seite:</p>
-
-<p>»Was hast du da geschwatzt von Gespenstern,
-von M&auml;usen und jungen M&auml;dchen, die
-bei dir umgehen? Nun wei&szlig; ich es, f&uuml;r wen
-du das Zimmer so festlich geschm&uuml;ckt hast!
-Jedenfalls nicht f&uuml;r mich.«</p>
-
-<p>»Was?« sagte der unschuldige Mann. »Was
-habe ich von jungen M&auml;dchen gesagt?« und
-er hielt seinen Hut in der Hand und lie&szlig;
- <span class="pagenum"><a id="Page_228">[S. 228]</a></span>
-die eisige Nachtluft seinen erhitzten Kopf abk&uuml;hlen.
-»Du glaubst wohl gar, da&szlig; ich junge
-M&auml;dchen nachts bei mir empfange?«</p>
-
-<p>»Ja, was soll ich denn anderes glauben?«
-wimmerte die weinende Frau und dr&uuml;ckte
-ihren Muff vors Gesicht. »Du hast es ja
-selbst vorhin vor allen Freunden gesagt, da&szlig;
-zur Stunde der Maus junge M&auml;dchen bei dir
-umgehen.«</p>
-
-<p>»Da habe ich im Weinnebel Dummheiten
-gesprochen,« verteidigte sich der Mann. »Mein
-Zimmer hat niemals ein anderer Frauenfu&szlig;
-betreten als der deinige, mit Ausnahme des
-alten Weibes, das dort Ordnung macht und
-t&auml;glich die Stube reinigt.«</p>
-
-<p>»Ist das wahr?« sagte die Frau des S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndlers
-und sah ihren Mann an und
-zog ihn am Arm, damit er ihr ins Gesicht
-sehen sollte.</p>
-
-<p>»Ich schw&ouml;re es dir,« beteuerte er. Aber
-er sah sie nicht an, sondern starrte hinauf in
-den Himmel, wo die Sterne wie Pyramiden
-aufgeh&auml;ufter goldener Fr&uuml;chte gl&auml;nzten.</p>
-
-<p>Die Frau atmete auf und lachte sich selbst
-aus, da&szlig; sie so schnell &Uuml;bles gedacht hatte
-von dem, den sie immer als rechtschaffen und
-treu gekannt hatte. Und sie nahm sich jetzt
- <span class="pagenum"><a id="Page_229">[S. 229]</a></span>
-erst recht vor, z&auml;rtlich zu ihm zu sein, da er
-nun doch das Zimmer nur f&uuml;r sie so sch&ouml;n
-geschm&uuml;ckt hatte.</p>
-
-<p>Zu Hause, als sie den Mantel abgelegt, sah
-sie, wie ihr Mann, nachdem er nach der Uhr
-gesehen, nach einem der Balladenb&uuml;cher griff
-und es vom B&uuml;cherbord herunterlangte. Und
-statt sich auszukleiden, streckte er seine Beine
-auf dem Sofa aus und schlug das Buch auf
-und las f&uuml;r sich.</p>
-
-<p>Die Frau entkleidete sich inzwischen und
-k&auml;mmte ihr Haar am Spiegel aus, schl&uuml;pfte
-dann ins Bett unter die seidene Bettdecke
-und verhielt sich eine Weile m&auml;uschenstill,
-um abzuwarten, bis ihr Mann ausgelesen
-hatte.</p>
-
-<p>Nach einer Weile klappte er das Buch zu,
-und sie sah, wie er sich aus einer bisher unge&ouml;ffneten
-Zigarrenschachtel eine gro&szlig;e Zigarre
-holte und diese anz&uuml;ndete. Und als sie
-den fein duftenden Rauch roch, dachte sie
-bei sich: so gute Zigarren raucht er doch
-sonst nicht. Die hat er auch zu meinem
-Empfang gekauft.</p>
-
-<p>Und sie nahm jede Rauchwolke, die er von
-sich blies, als eine Huldigung dar.</p>
-
-<p>Dabei kam ihr der Gedanke, da&szlig; sie
- <span class="pagenum"><a id="Page_230">[S. 230]</a></span>
-eigentlich noch gern einen Schluck schwarzen
-Kaffee getrunken h&auml;tte. Und da fragte
-sie ihn:</p>
-
-<p>»H&auml;ttest du nicht auch gern ein T&auml;&szlig;chen
-Kaffee zu deiner guten Zigarre?«</p>
-
-<p>Da stand er auf und ging zu einem kleinen
-Kredenzschrank, holte eine neue vernickelte
-Kaffeemaschine und zwei winzige Mokkatassen,
-stellte sie auf den runden Tisch unter
-die Ampel und go&szlig; Spiritus in den Brenner,
-nahm aus einer B&uuml;chse gemahlenen Kaffee
-und schickte sich an, den Kaffee zu bereiten,
-von dem sie gesprochen.</p>
-
-<p>Sie sah vom Bett aus mit Erstaunen seinen
-H&auml;nden nach, und pl&ouml;tzlich schienen ihr die
-H&auml;nde des lautlosen Mannes, die da am Tisch
-handelten, die gespensterhaften H&auml;nde eines
-Traumwandlers zu sein. Und sie f&uuml;hlte mit
-den Augen einer liebenden Frau, wie das
-Herz dessen, der da umherging, nicht im
-Zimmer anwesend war. Sie wurde wieder
-best&uuml;rzt und ratlos und f&uuml;hlte, da&szlig; Gespenster
-umgingen hier im Zimmer zur Stunde der
-Maus, so wie es ihr Mann vorher beim Wein
-gesagt hatte. Zugleich wu&szlig;te sie auch, da&szlig;
-ihr Mann sie niemals bel&uuml;gen konnte. Und
-sie schaute in die fremde Welt des fremdgeschm&uuml;ckten
- <span class="pagenum"><a id="Page_231">[S. 231]</a></span>
-Zimmers, wo sie den, den sie
-liebte, nicht mehr erkannte. Nur wie ein Gespenst
-sa&szlig; er dort auf dem Sofa. Auch sein
-Rauchen war unnat&uuml;rlich und gezwungen.
-Seine Augen sahen in die Spiritusflamme, die
-da unter dem Kessel leise sauste, und dabei
-schienen sie die Flamme doch nicht zu sehen.
-Seine Ohren schienen auf die summende
-Kaffeemaschine zu lauschen und schienen doch
-noch anderes zu h&ouml;ren. Seine eine Hand aber
-streichelte unausgesetzt und wie abwesend
-den Deckel des Buches, das vor ihm lag.
-Und mit eifers&uuml;chtigem Liebessinn wurde die
-Frau von jenem Buche angezogen. Und als
-das Kaffeewasser kochte und ihr Mann an
-die Maschine trat, um den Kaffee in die
-Tassen einzuschenken, da stieg sie leise aus
-dem Bett und zog, scheinbar harmlos, das
-Buch vom Tisch an sich. Sie bl&auml;tterte darin
-und erkannte sofort, da&szlig; es Balladen waren,
-die jene junge Verwandte, die sie daheim
-hatte, immer las und vortrug.</p>
-
-<p>Sie wu&szlig;te jetzt mit raschem Gedankengang
-pl&ouml;tzlich, wer das Gespenst war, wer das
-junge M&auml;dchen war, das um die Stunde der
-Maus im Zimmer ihres Mannes umging.</p>
-
-<p>Sie f&uuml;hlte, da&szlig; seine Gedanken nur bei
- <span class="pagenum"><a id="Page_232">[S. 232]</a></span>
-jener Verwandten weilten, und sie wurde
-zornig, da sie glaubte, er habe sie in jenen
-Augenblicken, da er das M&auml;dchen zur Nachtwache
-im Provinzladen aufgesucht, daheim
-schon betrogen.</p>
-
-<p>Als der Mann mit der gef&uuml;llten Kaffeetasse
-zu ihr ans Bett trat, wies sie den Kaffee zur&uuml;ck,
-wandte das Gesicht gegen die Wand
-und brach in Schluchzen aus. Und auf seine
-Fragen st&uuml;rzten ihr Vorw&uuml;rfe &uuml;ber die Lippen.
-Aber er konnte ruhig entgegnen, da&szlig; kein
-Wort und nichts zwischen ihm und jenem
-M&auml;dchen ausgetauscht worden war, was seine
-Treue h&auml;tte in Frage stellen k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>»Es mu&szlig; aber doch etwas zwischen euch
-gewesen sein,« fuhr die Frau hartn&auml;ckig fort,
-»denn ich erinnere mich jetzt, da&szlig; du ganz
-pl&ouml;tzlich deine Aufsicht &uuml;ber die Nachtwachen
-im Laden abgebrochen hast. Sage mir, was
-war das letzte Wort, das ihr dort zusammen
-spracht?«</p>
-
-<p>»Ich sagte ihr, da&szlig; ich gl&uuml;cklich, sehr gl&uuml;cklich
-verheiratet bin,« erwiderte der Mann nach
-einigem Nachdenken.</p>
-
-<p>Die Frau sah erstaunt mit tr&auml;nendem Gesicht
-zu ihm auf und sagte: »Ich glaube dir's.
-Aber ich wei&szlig; doch, da&szlig; sie allein das Gespenst
- <span class="pagenum"><a id="Page_233">[S. 233]</a></span>
-ist, das nach Mitternacht hier umgeht.
-Kannst du mir wirklich versichern, da&szlig; du
-alles das, die Tassen, die Kaffeemaschine und
-alle Dinge im Zimmer nur f&uuml;r mich und dich
-gekauft hast und die andere im Geist niemals
-neben dir hast sitzen sehen?«</p>
-
-<p>Da sagte er einfach und langsam: »Wenn
-ich jetzt um diese Stunde an das M&auml;dchen
-erinnert werde, wird es mir klar, da&szlig; ich
-alles, was du hier siehst, eingekauft habe, um
-sie und nicht dich zu empfangen. In allen
-andern Stunden wu&szlig;te ich nichts davon.«</p>
-
-<p>Da weinte die Frau. Und als ihr Mann
-sich neben sie aufs Bett setzte und die
-seidene Decke &uuml;ber sie legte, stie&szlig; sie die
-Decke heftig zur&uuml;ck. Und ihm war es, als
-habe sie mit dieser Bewegung nach dem M&auml;dchen
-gesto&szlig;en, das er neben ihr heimlich
-liebte.</p>
-
-<p>Da l&ouml;ste sich sein geknebeltes Herz auf.
-Und er ging und setzte sich in eine entfernte
-Zimmerecke und bedeckte sein Gesicht mit
-den beiden H&auml;nden.</p>
-
-<p>Gegen Morgen, als das Ger&auml;usch der vor&uuml;berfahrenden
-Milchwagen und der ersten
-Stra&szlig;enbahn die Fensterscheiben leise klirren
-machte, rief die Frau vom Bett aus ihres
- <span class="pagenum"><a id="Page_234">[S. 234]</a></span>
-Mannes Namen. Aber als er dann zu ihr
-trat, brach sie wieder in Weinen aus.</p>
-
-<p>»Es ist dir nichts geschehen und wird dir
-nichts geschehen, denn ich werde mich nie
-diesem M&auml;dchen verraten. Meine Gedanken
-an sie werden mit der Zeit erkalten m&uuml;ssen.
-Wenn du mich nicht an sie verr&auml;tst, werde
-ich sie vergessen k&ouml;nnen.«</p>
-
-<p>Und die Frau versprach ihm, wenn sie heimkommen
-w&uuml;rde, dem M&auml;dchen, das so unschuldig
-war wie ihr Mann, nicht gram sein
-zu wollen und &uuml;ber alles zu schweigen, was
-sie von ihm in dieser Nacht erfahren. Er
-wu&szlig;te, was sie versprochen habe, w&uuml;rde sie
-auch halten.</p>
-
-<p>Nachdem die Frau wieder abgereist war,
-nahm der Mann bald ein Bild nach dem andern
-von den W&auml;nden herab und r&uuml;ckte die
-Vasen in eine Ecke eines hohen Schrankes,
-wo er sie nicht sehen konnte, rollte die seidene
-Decke zusammen und packte sie fort.
-Auch die Balladenb&uuml;cher nahm er vom Brett
-und legte sie in eine Schublade, die er verschlo&szlig;.
-Denn seit jener Aussprache in der
-Silvesternacht war der Geist des M&auml;dchens,
-der sonst um die Stunde der Maus in seinem
-Herzen schw&uuml;l umgegangen war, von ihm ferngeblieben,
- <span class="pagenum"><a id="Page_235">[S. 235]</a></span>
-und die stille Leidenschaft starb in
-dem Mann allm&auml;hlich ab. Der H&auml;ndler ging
-eifrig seinen Gesch&auml;ften nach, vermied es, die
-Abende allein zu verbringen, suchte Freunde
-und Bekannte auf und schien allm&auml;hlich vollst&auml;ndig
-zu genesen von dem Liebesalp, der
-ihn so lange heimlich bedr&uuml;ckt hatte.</p>
-
-<p>Da erhielt er eines Tages ein Telegramm,
-worin seine Frau ihn bat, schleunigst nach
-Hause zu kommen, da jener jungen Verwandten
-ein schweres Ungl&uuml;ck zugesto&szlig;en
-w&auml;re.</p>
-
-<p>Der Mann zitterte einen Augenblick, als er
-das Papier mit der Nachricht in den H&auml;nden
-hielt. Dann aber machte er sich k&uuml;hl und
-hart gegen alte auflodernde Gef&uuml;hle und reiste
-mit dem n&auml;chsten Zug nach Hause.</p>
-
-<p>Die Frau empfing ihn mit verweinten Augen
-und schluchzte an seinem Hals und sagte ihm,
-da&szlig; das junge M&auml;dchen durch einen pl&ouml;tzlichen
-Unfall get&ouml;tet worden war. Dabei aber
-stotterte sie:</p>
-
-<p>»Du wirst glauben, ich bin schuld an ihrem
-Tod. Aber ich schw&ouml;re dir, ich bin unschuldig.«</p>
-
-<p>Der Mann erstaunte und fragte, welches
-Ungl&uuml;ck sich ereignet habe, und h&ouml;rte dann
- <span class="pagenum"><a id="Page_236">[S. 236]</a></span>
-von der schluchzenden Frau, da&szlig; das M&auml;dchen
-durch einen unvorsichtigen Schritt in die
-ge&ouml;ffnete Fallt&uuml;r, die sich im Fu&szlig;boden des
-Ladens befand, abends im Dunkeln, als sie
-eben die Nachtwache antreten wollte, in den
-tiefen Keller gest&uuml;rzt war, auf dessen mit
-Steinplatten gepflastertem Boden man die Ungl&uuml;ckliche
-mit gebrochenem R&uuml;ckgrat tot aufgefunden
-hatte.</p>
-
-<p>»Aber wer hat denn die T&uuml;r in den Keller
-aufstehen lassen?« fragte der S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndler
-entsetzt.</p>
-
-<p>Die Frau verbarg das Gesicht an seiner
-Brust und schluchzte von neuem:</p>
-
-<p>»Ich bin es gewesen, ich. Ich bin wohl an
-ihrem Tode schuld, aber ich habe ihn nicht
-absichtlich verschuldet.«</p>
-
-<p>Da durchlief den Mann ein Schauder, und
-er zog sich aus der Umarmung seiner Frau
-zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>Sie aber klammerte sich fest an ihn und
-rief verzweifelt: »Als es mir pl&ouml;tzlich einfiel,
-da&szlig; ich die Kellert&uuml;r offen gelassen hatte, bin
-ich oben aus dem Zimmer in das Stiegenhaus
-gest&uuml;rzt und habe ihr nachgerufen, sie solle
-nicht in den Laden gehen, da die Fallt&uuml;r zu
-dem Keller offen w&auml;re. Im selben Augenblick
- <span class="pagenum"><a id="Page_237">[S. 237]</a></span>
-aber h&ouml;rte ich schon einen Schreckensruf
-und den polternden Aufschlag eines K&ouml;rpers
-im tiefen Gew&ouml;lbe.«</p>
-
-<p>Die Frau setzte sich auf einen Stuhl und
-schluchzte in ihre beiden H&auml;nde. Und als
-sie nach einer Weile wieder aufsah, war das
-Zimmer leer.</p>
-
-<p>Sie glaubte, der Mann w&auml;re auf den
-Kirchhof in die Leichenhalle gegangen, um
-das M&auml;dchen noch einmal zu sehen. Aber
-er war, ohne Abschied zu nehmen, in sein
-Gesch&auml;ft in der Hafenstadt zur&uuml;ckgereist und
-lie&szlig; seine Frau deutlich f&uuml;hlen, da&szlig; er es
-nicht glauben konnte, sie habe die Fallt&uuml;r
-ohne Absicht offenstehen lassen.</p>
-
-<p>Gleich nach der Beerdigung des M&auml;dchens
-reiste sie zu ihm und erkl&auml;rte ihm noch einmal,
-da&szlig; sie unschuldig w&auml;re. Er aber ging
-wieder aus dem Zimmer und wollte nicht mit
-ihr sprechen.</p>
-
-<p>Sie kehrte in den Laden in der Provinz zur&uuml;ck,
-verzweifelt dar&uuml;ber, da&szlig; sie ihren Mann nicht
-zum Glauben an ihre Unschuld bringen konnte.</p>
-
-<p>Von dem ausgestandenen Schrecken und
-von dem Schweigen ihres fernen Mannes gefoltert,
-wurde sie immer schw&auml;cher und erkrankte
-zuletzt an einem Gehirnfieber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_238">[S. 238]</a></span></p>
-
-<p>Eines Tages erhielt der S&uuml;dfr&uuml;chtenh&auml;ndler
-einen Eilbrief von einem Arzt, der ihn aufforderte,
-schleunigst zu kommen, wenn er
-seine Frau noch am Leben finden wollte, denn
-ihre Stunden w&auml;ren gez&auml;hlt.</p>
-
-<p>Der Mann kam, aber die Fiebernde kannte
-ihn nicht mehr. Der Arzt sagte, er solle sich
-an ihr Bett niedersetzen, es w&auml;re m&ouml;glich, da&szlig;
-sie kurz vor dem Sterben zum Bewu&szlig;tsein
-kommen und ihn erkennen w&uuml;rde.</p>
-
-<p>Da sa&szlig; er nun und h&ouml;rte die Fiebergespr&auml;che,
-in denen sie immer wieder die Worte
-wiederholte, da&szlig; sie unschuldig w&auml;re. Aber
-er konnte es doch nicht glauben. Sie hat
-aus Eifersucht get&ouml;tet, sagte er zu sich selbst.</p>
-
-<p>Pl&ouml;tzlich richtete sich die Fiebernde im Bett
-auf und erkannte ihren Mann.</p>
-
-<p>»Bist du gekommen, mir zu glauben?« rief
-sie erleichtert aus.</p>
-
-<p>Da sah er in ihre Augen, und beim Ton
-ihrer Stimme mu&szlig;te er glauben, da&szlig; sie unschuldig
-war am Tod der andern.</p>
-
-<p>Und er bat in seinem Herzen das Schicksal
-um ein Wunder: Die Sterbende soll leben
-bleiben und gesund werden, wenn sie unschuldig
-ist, sagte er in seinem Schweigen.</p>
-
-<p>Er sah ihr fest ins Auge und beschwor
- <span class="pagenum"><a id="Page_239">[S. 239]</a></span>
-ihr fliehendes Leben mit seinem innersten
-Wunsch.</p>
-
-<p>»Ich glaube dir. Du bist unschuldig. Wir
-haben beide keine Schuld und wollen gl&uuml;cklich
-und ruhig weiterleben,« sagte er laut zu
-der Kranken, deren Kopf ersch&ouml;pft auf die
-Seite sank, w&auml;hrend ihre Augen ihn halbverkl&auml;rt
-betrachteten.</p>
-
-<p>»Ich will schlafen, und wenn ich aufwache,
-will ich mit dir gl&uuml;cklich sein wie fr&uuml;her,«
-sagte die Frau mit schwacher Stimme.</p>
-
-<p>Seine H&auml;nde betteten ihren Kopf sorgsam
-in die Kissen. Er wachte dann zw&ouml;lf Stunden
-an ihrem Bette, und in all der Zeit hielt
-er ihre H&auml;nde in seinen H&auml;nden.</p>
-
-<p>Nach zw&ouml;lf Stunden schlug die Frau einen
-Augenblick die Augen auf, und als sie sein
-Gesicht neben sich sah, l&auml;chelte sie.</p>
-
-<p>»Schlafe dich gesund!« sagte ihr Mann. Sie
-schlo&szlig; wieder die Augen und schlief noch
-einmal zw&ouml;lf Stunden. Und nach der vierundzwanzigsten
-Stunde sa&szlig; der Mann immer
-noch wach an ihrem Bett und hielt ihre H&auml;nde
-fest wie in der ersten Stunde.</p>
-
-<p>Sie schlug die Augen auf, und als sie ihn
-immer noch neben sich sah, war sie gl&uuml;cklich
-und gest&auml;rkt und f&uuml;hlte, da&szlig; sie zum Leben
- <span class="pagenum"><a id="Page_240">[S. 240]</a></span>
-zur&uuml;ckkehrte. Und sie fuhr streichelnd mit
-der Hand &uuml;ber die Augen ihres Mannes.
-Dann sank sein Kopf zu ihr auf die Kissen,
-und er schlief ein, und sie schliefen beide
-noch einmal zw&ouml;lf Stunden.</p>
-
-<p class="pmb3">Dann erwachte sie gesund und gest&auml;rkt.
-Und seit dieser Stunde war bei ihnen alles
-Vergangene vergessen, und ihr Leben wurde
-von jetzt ab gl&uuml;cklich wie in den ersten Jahren
-ihrer Ehe.</p>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_241">[S. 241]</a></span></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_242">[S. 242]</a></span></p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-
-<h2 class="no-break" id="Die_Kurzsichtige_und">Die Kurzsichtige und<br />
-der Komet</h2>
-</div>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_243">[S. 243]</a></span></p>
-
-
-<p>Es war in einem Winter, als die Astronomen
-von Europa einen bisher unbekannt
-gewesenen kleinen Kometen entdeckt hatten,
-der kurz nach Sonnenuntergang am Abendhimmel
-mit blo&szlig;en Augen zu sehen sein
-sollte, sp&auml;ter in der Nacht aber hinterm Horizont
-verschwand.</p>
-
-<p>In jenem Winter sah man t&auml;glich um die
-f&uuml;nfte Abendstunde die Leute mit Operngl&auml;sern
-in den H&auml;nden auf verschiedenen freien Pl&auml;tzen
-von Berlin sich zusammenrotten. Und einer
-versuchte vom andern die Stellung des neuen
-Kometen zu erfahren. Indessen der Wagenstrom
-laut und l&auml;rmend wie immer auf dem
-Stra&szlig;endamm rollte, stockte auf den B&uuml;rgersteigen
-der Verkehr. Die Leute schoben und
-dr&auml;ngten und standen den Eilenden im Wege,
-und niemals haben zu gleicher Zeit nachts so
-viele Augen in den Sternen gesucht als in
-jenen Winterabenden in der Stunde nach
-Sonnenuntergang in Berlin und in ganz Europa.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_244">[S. 244]</a></span></p>
-
-<p>Ich hatte mehrmals am Potsdamer Platz versucht,
-den Kometen f&uuml;r mich zu entdecken,
-aber die Lichtreklamen, die dort &uuml;ber den
-Kaffeeh&auml;usern und &uuml;ber den D&auml;chern der
-Potsdamer Stra&szlig;e und der K&ouml;nigsgr&auml;tzer Stra&szlig;e
-gegen den Himmel auf- und abflammten, erschwerten
-das ruhige Betrachten des Nachthimmels.</p>
-
-<p>Deshalb war ich eines Abends mit der elektrischen
-Stra&szlig;enbahn nach dem s&uuml;dlichen Teil
-der Stadt zum Kreuzberg gefahren, um dort
-von den Parkanlagen des H&uuml;gels aus beschaulicher
-nach dem Kometen suchen zu
-k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Als ich in der N&auml;he des Kreuzbergs aus
-der Stra&szlig;enbahn stieg, bemerkte ich, da&szlig;
-viele Leute denselben Weg nahmen wie ich.
-Ganze Familien gingen in Reihen vor mir
-her. Auch laute Schulknaben, die sich zusammengerottet
-hatten, und stille Liebespaare
-stiegen dort in den Parkwegen h&uuml;gelaufw&auml;rts
-und Hunderte kamen vom Kreuzberg herunter.
-Es war ein allgemeines Wandern, als
-w&auml;re da oben ein Jahrmarkt.</p>
-
-<p>Die Wege waren ziemlich dunkel; selten
-brannte eine Laterne. Schnee lag in d&uuml;nner
-Schicht vor den finstern Tannengruppen, und
- <span class="pagenum"><a id="Page_245">[S. 245]</a></span>
-der klare, eisige Winterhimmel war trotz der
-sp&auml;ten Stunde noch leicht hell und schimmerte
-zwischen den finstern B&auml;umen.</p>
-
-<p>Dort, wo es in den Anlagen ganz dunkel
-war und Treppenstufen zwischen k&uuml;nstlichen
-aufget&uuml;rmten Stufen emporstiegen, halfen sich
-die Menschen mit lautem Gel&auml;chter weiter.
-Die Heruntersteigenden lachten, und die Hinaufkletternden
-lachten. Und man tastete sich
-aneinander vor&uuml;ber, und die jungen M&auml;dchen,
-in Pelzm&auml;ntel vermummt, kicherten, und die
-jungen M&auml;nner erschreckten sie mit pl&ouml;tzlichen
-Zurufen; und mancher z&uuml;ndete ein Streichholz
-an, um ein Gel&auml;nder oder eine Treppenstufe
-zu beleuchten.</p>
-
-<p>Ich hatte mich an meinem Spazierstock
-bergauf getastet und traf, bald oben, auf der
-H&ouml;he des H&uuml;gels unter den B&auml;umen eines
-verschneiten Grasplanes wohl hundert Menschen,
-die &uuml;ber die H&auml;userwelt von Berlin
-wegsahen und, gen Westen gewendet, den
-Himmel absuchten, wo die Sonne untergegangen
-war und ein St&uuml;ckchen vom zunehmenden
-Mond blinkte.</p>
-
-<p>Mir kam es aber vor, als ob keiner den Kometen
-wirklich f&auml;nde, alle aber ihn im Geiste
-sahen. Und da sie ihn heftig gern zu sehen
- <span class="pagenum"><a id="Page_246">[S. 246]</a></span>
-w&uuml;nschten, deuteten sie auch alle nach einer
-Richtung, wo hier und da ein Stern blitzte, und
-jeder vermeinte, in diesem oder jenem Stern
-den Kometen zu sehen. Ich glaube, jeder fand
-sich seinen eigenen Kometen. Die, die keinen
-am Himmel entdeckten, fanden ihn sicher auf
-der Erde. Denn es streifte im Dunkeln manch
-blitzendes Auge umher. Alle Menschen hier
-hatten den einen Zweck, herumzustehen, und
-manche durften sich anreden und ihrer Redelust
-Luft machen und ihrer Wissenslust und ihrem
-Gef&uuml;hlsdrang Raum geben beim Schauen in den
-aufrichtigen Nachthimmel, auf diesem H&uuml;gel,
-der da im weiten steinernen H&auml;userkranz Berlins
-wie eine Insel zwischen Wellenk&auml;mmen lag.</p>
-
-<p>Man lieh sich gegenseitig Gl&auml;ser und Brillen
-und Fernrohre. Man half sich, im n&auml;chtlichen
-Garten des Himmels spazierenzugehen, wobei
-die Augen als F&uuml;&szlig;e dienten, und man unterst&uuml;tzte
-sich gegenseitig hilfreich im Lustwandeln
-am Nachtfirmament.</p>
-
-<p>Manche P&auml;rchen sonderten sich ab und
-setzten sich trotz K&auml;lte und Schnee auf einsame
-B&auml;nke, die da auf der H&uuml;gelh&ouml;he standen.</p>
-
-<p>Einige Knaben bildeten Gruppen, einzelne
-rauchten verbotene Zigaretten, und die anderen
-leisteten ihnen neidisch Gesellschaft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_247">[S. 247]</a></span></p>
-
-<p>&Auml;ltere Herren im Kreise von Bekannten erz&auml;hlten
-von fr&uuml;heren Kometenjahren, und
-auch Fremde stellten sich um sie herum und
-gaben ihre Weisheit dazu.</p>
-
-<p>Von der Stadt sah man nur einige mattgelb
-erleuchtete Stra&szlig;enz&uuml;ge mit unz&auml;hligen
-glitzernden Fenstern. Aber eigentlich f&uuml;hlte
-man von der gro&szlig;en Stadt hier oben nichts
-mehr. Berlin war nur noch ein gespenstiger
-K&ouml;rper rund um den H&uuml;gel, ein K&ouml;rper, der
-sich ins Unendliche verlor und hier und da
-aus seinen Poren Feuerstaub zu atmen schien.</p>
-
-<p>Ich hatte so eine Weile in Betrachtung der
-Stadt, der Menschen und des Himmels mich
-an meinem Stock gelehnt, den ich wagrecht
-gegen den Stamm eines Kiefernbaumes gestemmt
-hatte.</p>
-
-<p>Vor mir lichtete und verdichtete sich das
-Gedr&auml;nge der Menschen. Nur der Himmel
-&uuml;ber mir blieb immer gleich klar und unbeweglich.</p>
-
-<p>Ich stellte mir eben vor: so aller Berufe
-entkleidet, so gleichgemacht und von dem
-einen einzigen Gedanken der Ewigkeit und
-Unendlichkeit entr&uuml;ckt, m&uuml;&szlig;ten auf irgendeinem
-Eiland, wenn es das g&auml;be, die Schatten
-der Gestorbenen umhergehen, aufgestiegen in
- <span class="pagenum"><a id="Page_248">[S. 248]</a></span>
-H&ouml;hen, wo sich keine Weltunrast mehr findet,
-und hingegeben einzig dem Betrachten der
-Ewigkeit in uns und um uns...</p>
-
-<p>Schatten gingen und neue Schatten kamen
-&uuml;ber den wei&szlig;en, leicht beschneiten Grasfl&auml;chen.
-Menschen l&ouml;sten sich aus B&auml;umen,
-und andere schienen in B&auml;ume zu verschwinden.</p>
-
-<p>Der Schnee, der fein bl&auml;ulich schimmerte
-wie eine Phosphormasse, schien mir aus wei&szlig;en,
-eisigen Bl&uuml;ten zu bestehen, den Blumen der
-Vergessenheit, die diesem Eiland im Weltraum
-unklares Licht gaben, und &uuml;ber denen
-die Schatten der Menschen sich lautlos begegneten.</p>
-
-<p>Sobald wir vergessen k&ouml;nnen, sind wir selbst
-nicht mehr und werden unendliches Gef&uuml;hl
-ohne Wissen...</p>
-
-<p>Wie ich noch diesem Gedanken nachhing,
-sah ich eine Dame, ein wenig vorgebeugt,
-mit unsicheren kleinen Schritten &uuml;ber den
-Schnee kommen, und ich erkannte sie sofort,
-trotzdem ich nichts sah als den schwarzen
-Schattenri&szlig; ihrer Gestalt. Sie war aus einer
-dunklen Baummasse hervorgetreten, und wie
-ein Teil des Dunkels erinnerte sie mich an
-Geschehnisse, an Herzenserlebnisse, die in
- <span class="pagenum"><a id="Page_249">[S. 249]</a></span>
-meiner Vergangenheit lagen, in jener gespenstigen
-Vergangenheit, die wir im R&uuml;ckblick
-Jugend nennen.</p>
-
-<p>Wer kann aber sagen, da&szlig; er jemals altert!</p>
-
-<p>Die zierliche kleine Dame kam n&auml;her, und
-ich sah, wie sie sich b&uuml;ckte. Zu beiden Seiten
-ihrer F&uuml;&szlig;e stand je ein kleiner Hund, und
-sie band diese beiden Tierchen an einen
-Riemen. Die Tiere liefen dann aneinandergekoppelt
-vor ihr her, indessen sie die Riemenschnur
-in der Hand hielt.</p>
-
-<p>Sie kam gerade auf den Baum zu, an dessen
-Stamm gest&uuml;tzt ich meinen Stock hielt. Mir
-schien es, als wollte sie die Hunde an den
-Baumstamm anbinden.</p>
-
-<p>An ihrem Gang und ihrer Art merkte ich,
-da&szlig; sie noch immer sehr kurzsichtig war, und
-ich erinnerte mich jetzt, da&szlig; sie schon viele
-Abenteuer infolge dieser starken Kurzsichtigkeit
-hatte erleiden m&uuml;ssen.</p>
-
-<p>Ich wollte abwarten, bis die Dame ihre
-Hunde an den Baum gebunden habe, und
-wollte dann zu ihr treten und sie begr&uuml;&szlig;en.</p>
-
-<p>Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen,
-seit langen Jahren uns aus den Augen verloren,
-und vielleicht w&auml;re es gar nicht gut, wenn ich
-die beinah Vergessene begr&uuml;&szlig;en w&uuml;rde. Vielleicht
- <span class="pagenum"><a id="Page_250">[S. 250]</a></span>
-w&uuml;rden die Erinnerungen, die wir aufw&uuml;hlen
-mu&szlig;ten, Martern werden.</p>
-
-<p>Man lernt sein eigenes Wesen niemals ganz
-kennen und wei&szlig; niemals, wie tief die Wunden
-zuheilen. Wir wissen auch nicht, ob wir
-Unheilbares in uns tragen, oder ob wir unverwundbar
-sind. Solange wir atmen in diesem
-warmen Leibe, den wir uns aufgebaut haben,
-studieren wir diesen Leib, von dem wir wissen,
-da&szlig; er nur k&uuml;nstlich und verg&auml;nglich ist. Aber
-wir schaudern oft im geheimen vor seinem
-Dasein, weil unser Leib uns ebenso fremd
-bleibt wie unser ewiges Teil. Weil der Leib
-pl&ouml;tzlich im Blut Sehns&uuml;chte wie Abgr&uuml;nde
-&ouml;ffnen kann.</p>
-
-<p>Gottlob, da&szlig; Leib und Seele nicht mit
-Zahlen, nicht mit Gesetzen, nicht mit Ma&szlig;st&auml;ben,
-nicht mit Erfahrungen zu begreifen und
-zu ergr&uuml;nden sind. In seiner Unbegreiflichkeit
-erg&auml;nzt der sterbliche Teil den ewigen Teil.</p>
-
-<p>Ich wu&szlig;te nicht, sollte ich jene Dame
-gr&uuml;&szlig;en oder sollte ich ihr ausweichen. Ich
-wollte eben meinen Spazierstock, den ich in
-der H&ouml;he meiner H&uuml;fte wagrecht gegen den
-Baumstamm gestellt hatte, zur&uuml;ckziehen und
-wollte einige Schritte weitergehen.</p>
-
-<p>Da sehe und f&uuml;hle ich erstaunend, da&szlig; die
- <span class="pagenum"><a id="Page_251">[S. 251]</a></span>
-Dame ihre Foxterrier an meinen Spazierstock,
-den sie wohl f&uuml;r einen Baumast hielt, festband.</p>
-
-<p>Ich hielt den Stock jetzt belustigt still,
-w&auml;hrend mich der eine Hund beschn&uuml;ffelte
-und der andere an seine Herrin hochsprang.</p>
-
-<p>Diese war ganz in ihre m&uuml;hsame Arbeit
-vertieft und band die Riemenschnur um
-meinen Stock zu einem festen Knoten. Vorher
-hatte sie ganz fl&uuml;chtig mit ihrer behandschuhten
-Hand meinen nicht glatten, sondern
-etwas knorrigen Stock abgetastet und sich
-&uuml;berzeugt, da&szlig; er fest genug war, um die
-beiden Hunde zu halten.</p>
-
-<p>Viele Leute kamen und gingen. Ich fiel der
-Dame nicht weiter auf, sie hielt mich eben
-f&uuml;r einen der vielen Herumstehenden, die nach
-dem Kometen suchten.</p>
-
-<p>Wie seltsam war dieses Wiedersehen! Tragisch-komisch,
-wie alle kurzsichtigen Abenteuer
-jener Dame.</p>
-
-<p>Ich sah, da&szlig; sie ein Opernglas umh&auml;ngen
-hatte, und zugleich baumelte an einer langen
-Kette &uuml;ber ihrem Mantel ein Lorgnon, das
-ich so gut aus fr&uuml;heren Jahren kannte.</p>
-
-<p>Die Dame entfernte sich jetzt einige Schritte,
-nachdem sie ihren Hunden geboten hatte, sich
-niederzulegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_252">[S. 252]</a></span></p>
-
-<p>Die Tiere aber gehorchten nicht gleich. Sie
-zerrten an der Schnur, und ich mu&szlig;te mich
-mit meiner ganzen Kraft mit dem Stock gegen
-den Baum st&uuml;tzen und hatte alle M&uuml;he, meinen
-Spazierstock festzuhalten.</p>
-
-<p>Sie aber sah nichts anderes als ihre Hunde.
-Sie rief ihnen nochmals zu, und da sie glaubte,
-da&szlig; sie sie an einem Baumast festgebunden,
-ging sie weiter, wobei sie ihr Opernglas aus
-dem Lederbeh&auml;lter nahm.</p>
-
-<p>Ich kannte die Hunde beim Namen, und
-als die Dame weit genug &uuml;ber den Schnee
-fortgegangen war, fl&uuml;sterte ich den Tieren
-ihre Namen zu. Sie sahen erstaunt nach mir
-und stellten das gemeinsame Kl&auml;ffen ein,
-beschn&uuml;ffelten mich nochmals, wedelten ein
-wenig belustigt mit ihren Schweifstummeln
-und setzten sich still zu meinen F&uuml;&szlig;en nebeneinander.</p>
-
-<p>Ich nahm mir vor, die Terrier festzuhalten
-und meinen Stock einen Baumast vorstellen
-zu lassen, bis die Hunde von der Kurzsichtigen
-wieder abgeholt wurden.</p>
-
-<p>Ich sah die zierliche Gestalt der Dame
-sich am Rand der H&uuml;gelfl&auml;che gegen den
-Nachthimmel abzeichnen und sah, wie sie
-abwechselnd das Lorgnon nahm und dann
- <span class="pagenum"><a id="Page_253">[S. 253]</a></span>
-wieder das Opernglas, um unter den Menschen
-zu suchen und unter den Sternen am
-Himmel.</p>
-
-<p>Es war eine Unruhe &uuml;ber ihr, die mir von
-ihrer Kurzsichtigkeit auszugehen schien. Und
-w&auml;hrend alle Leute den Kometen im Westen
-finden wollten, hatte sie sich allein nach der
-&ouml;stlichen Himmelsrichtung gewendet, wo sie
-den Kometen sicher niemals erblicken konnte. &mdash;</p>
-
-<p>Wir hatten uns vor Jahren auf eine sonderbare
-Weise kennen gelernt.</p>
-
-<p>Ich sa&szlig; damals eines Tages auf der Terrasse
-des Caf&eacute; Josti am Potsdamer Platz. Es war
-an einem Nachmittag zur Pfingstzeit. Fr&uuml;hlingslebhaftigkeit
-war &uuml;ber allen Menschen.
-Blumenverk&auml;uferinnen mit Flieder, Schneeballen
-und Pfingstrosen standen mit ihren
-breiten K&ouml;rben drau&szlig;en vor der Terrassenbr&uuml;stung
-neben den Zeitungsverk&auml;ufern. Damen
-mit neuen Sommerh&uuml;ten und Herren
-mit neuen Strohh&uuml;ten spazierten, eilten und
-schlenderten vor&uuml;ber.</p>
-
-<p>Die langen Reihen der Stra&szlig;enbahnen, die
-Autos und Lastkarren stockten manchmal,
-wenn einer der vielen Polizisten an den breiten
-Stra&szlig;enm&uuml;ndungen die wei&szlig;behandschuhte
-Hand hob.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_254">[S. 254]</a></span></p>
-
-<p>Ich sah zuf&auml;llig &uuml;ber den Platz hin und
-bemerkte, da&szlig; ein Schutzmann eine junge
-Dame, die mit zwei Foxterrier den Fahrdamm
-&uuml;berschreiten wollte, her&uuml;bergeleitete, und da&szlig;
-die Dame, am Trottoirrand angekommen, ihr
-Portemonnaie zog, um den Schutzmann ein
-Trinkgeld zu geben.</p>
-
-<p>Die Umstehenden lachten. Der vielbesch&auml;ftigte
-Schutzmann aber gr&uuml;&szlig;te nur kurz und
-lie&szlig; die Dame stehen. Diese erkannte die
-Verlegenheit, in die sie den Schutzmann und
-die Umstehenden gebracht hatte, und dar&uuml;ber
-etwas ratlos, gab sie das Geldst&uuml;ck, das sie
-nun einmal in der Hand hielt, einer Blumenverk&auml;uferin.</p>
-
-<p>Diese meinte nat&uuml;rlich, die Dame wolle eines
-ihrer kleinen Moosrosenstr&auml;u&szlig;chen kaufen, und
-beeilte sich, ihr einen Strau&szlig; aus ihrem Korb zu
-geben. Indessen schritt aber die Kurzsichtige
-schon zum Eingang der Terrasse des Caf&eacute;s.
-Die Blumenverk&auml;uferin wu&szlig;te nun nicht, wem
-sie das Str&auml;u&szlig;chen geben sollte, und gab
-es einem Herrn, der den Verkauf beobachtet
-hatte, und bat ihn, der Dame nachzueilen.</p>
-
-<p>Der Herr lachte und holte die Dame gerade
-am Eingang des Caf&eacute;s ein. Dort zog
-er h&ouml;flich den neuen Strohhut, verneigte sich
- <span class="pagenum"><a id="Page_255">[S. 255]</a></span>
-und reichte der Kurzsichtigen den kleinen
-Rosenstrau&szlig;. Sie sah den Herrn erstaunt
-von der Seite an. Ohne ihn einer Antwort
-zu w&uuml;rdigen, lie&szlig; sie ihn mit den Blumen
-stehen, denn sie hielt ihn augenscheinlich
-f&uuml;r einen Zudringlichen und glaubte wahrscheinlich,
-die &Uuml;berreichung des Str&auml;u&szlig;chens
-bezwecke eine Ann&auml;herung. Dann stieg die
-Dame die wenigen Stufen zur Caf&eacute;hausterrasse
-empor, und die Foxterrier, die in der
-Hitze mit offenen M&auml;ulern sto&szlig;weise atmeten,
-zogen die Dame seltsamerweise nach meinem
-Tisch hin.</p>
-
-<p>Vielleicht hatten die Terrier mein Interesse,
-das ich an ihrer Herrin nahm, in Fernwirkung
-empfunden. Denn ich hatte die Ankommende
-zwischen, &uuml;ber und neben den K&ouml;pfen der
-um mich Sitzenden mit meinen Augen aufmerksam
-verfolgt.</p>
-
-<p>Und nun sa&szlig; sie nach einer Weile neben
-mir. Die Hunde lagen unter dem Tisch. Sie
-entnahm einer Handtasche ein kleines Taschentuch
-und s&auml;uberte eifrig die Gl&auml;ser ihres
-Lorgnons.</p>
-
-<p>Sie war unauff&auml;llig geschmackvoll gekleidet.
-Ich erinnere mich, da&szlig; ein gro&szlig;er, brauner
-Strohhut mit sehr breiter Krempe mir ihr
- <span class="pagenum"><a id="Page_256">[S. 256]</a></span>
-Gesicht verdeckte, das ich nur einen Augenblick
-vorher gesehen hatte. Es war mild und bla&szlig;,
-und zwei dunkelbraune Augen schauten aus
-ihm in die Welt, ohne die Welt genau zu sehen.</p>
-
-<p>Die Dame kam mir damals vor, als ginge
-sie in einer Dunkelheit und m&uuml;sse sich im
-Gehen und Handeln mehr auf ihren Instinkt
-als auf ihre Augen verlassen.</p>
-
-<p>Sie hatte bei dem vor&uuml;berrennenden Kellner
-eine Limonade bestellt. Der Kellner hatte mir
-eben auch meine Limonade gebracht. Ich las
-dann aber in meiner Zeitung weiter und wurde
-f&uuml;r ein paar Augenblicke von einem Artikel
-gefesselt. Als ich wieder aufsah, trank die
-Kurzsichtige neben mir meine Limonade aus
-meinem Glase.</p>
-
-<p>Ich r&uuml;hrte mich nicht und lie&szlig; die Dame
-im Glauben, da&szlig; das ihre Limonade war. Bis
-der Kellner kam, hatte sie das Glas ausgetrunken.
-Und als er die bestellte Limonade
-vor sie hinsetzte, sah sie ihn erstaunt an,
-nahm ihr Lorgnon vor die Augen und bemerkte
-nun auch mich. Aus ihren Bewegungen
-konnte ich ersehen, wie sie sich
-&uuml;ber sich &auml;rgerte. Ich dachte, sie w&uuml;rde mir
-jetzt ihre Limonade anbieten und eine Entschuldigung
-vorbringen. Sie aber lie&szlig; ihr
- <span class="pagenum"><a id="Page_257">[S. 257]</a></span>
-Lorgnon fallen, zuckte mit der einen Schulter,
-legte rasch Geld aus ihrem Portemonnaie auf
-den Tisch und murmelte dabei: »Das ist doch
-unversch&auml;mt.« Dann stand sie mit einem Rucke
-auf, zog ihre Hunde, die sich eben zum
-Schlafen hingestreckt hatten, hinter sich her
-und verlie&szlig; offensichtlich ge&auml;rgert die Terrasse.</p>
-
-<p>In der Schnelligkeit hatte sie nicht bemerkt,
-da&szlig; ihr Taschentuch von ihrem Scho&szlig; unter
-den Tisch gefallen war. Ich war aber durch den
-Ausspruch »Das ist unversch&auml;mt« so verwundert,
-da&szlig; ich mich nicht gleich b&uuml;cken mochte.
-Dann aber belustigte mich das Ganze. Ich
-nahm das Taschentuch an mich, und als der
-Kellner kam, fragte ich ihn, ob er die Dame
-kenne, die eben da gesessen.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte er, »sie hat ein paar Mal morgens
-ihren Kaffee hier getrunken. Sie scheint sehr
-zerstreut zu sein. Neulich hat sie in Gedanken
-unsere Getr&auml;nkekarte beim Aufstehen
-mitgenommen, und als einer von uns sie
-darauf aufmerksam machte, zeigte es sich, da&szlig;
-sie geglaubt hatte, ihr Notenheft in der Hand
-zu halten. Sie ist Musiksch&uuml;lerin, und ich
-sah sie auch schon &ouml;fters mit einem Geigenkasten
-vor&uuml;bergehen. Sie mu&szlig; hier in der
-N&auml;he wohnen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[S. 258]</a></span></p>
-
-<p>Ich hatte das Taschentuch zu mir gesteckt
-und mir vorgenommen, es der jungen Dame
-selbst auszuh&auml;ndigen, wenn ich sie einmal
-wieder sehen sollte.</p>
-
-<p>Gleich am n&auml;chsten Nachmittag, ungef&auml;hr
-um die selbe Stunde, traf ich die Kurzsichtige
-wieder. Diesmal war sie ohne ihre Hunde.</p>
-
-<p>Sie stand an dem Schaufenster eines Photographen
-und betrachtete durch ihr Lorgnon
-die Bilder. Der Kasten befand sich dicht an
-einer Stra&szlig;enecke.</p>
-
-<p>Ich war auf der anderen Seite der Stra&szlig;e
-und mu&szlig;te einige Automobile vor&uuml;berfahren
-lassen, ehe ich den Fahrdamm &uuml;berschreiten
-konnte. Als ich dann durch das Wagengedr&auml;nge
-hin&uuml;berkam, sah ich, wie die Dame,
-immer noch mit dem Lorgnon vor den Augen,
-um die Ecke der Stra&szlig;e ging. Dort mu&szlig;te
-sich ein zweiter Photographenkasten befinden,
-denn sie sah mit voller Aufmerksamkeit gegen
-das Haus.</p>
-
-<p>Ich z&ouml;gerte einen Augenblick, ihr sofort zu
-folgen, und stellte mich vor die Bilder an den
-Kasten, vor dem sie vorher gestanden. Mein
-Herz klopfte ein wenig, als ich &uuml;berlegte,
-mit welchen Worten ich ihr das Taschentuch
-&uuml;berreichen sollte hier an der Stra&szlig;enecke.
- <span class="pagenum"><a id="Page_259">[S. 259]</a></span>
-Wahrscheinlich w&uuml;rde sie mich gar nicht anh&ouml;ren,
-wenn ich mich verbeugen und meinen
-Hut ziehen w&uuml;rde. Vielleicht w&uuml;rde sie mich
-kurz angebunden stehen lassen, wie sie den
-Herrn neulich mit dem von ihr selbst bezahlten
-Rosenstrau&szlig; hatte stehen lassen.</p>
-
-<p>Nur wenige Augenblicke &uuml;berlegte ich das
-alles und stellte mir vor: wenn ich jetzt um
-die Ecke des Hauses treten w&uuml;rde, wollte ich
-mich zuerst neben sie stellen und die Widerspiegelung
-ihres Gesichtes in dem Schaukasten
-ein wenig beobachten, ehe ich sie anspr&auml;che. Ich
-konnte sehen, da&szlig; sie noch dort stand, denn ich
-sah die Spitze ihres gr&uuml;nseidenen Sonnenschirms.</p>
-
-<p>Zugleich bemerkte ich aber jetzt, da&szlig; die
-meisten Leute, die an der Dame vor&uuml;bergegangen
-waren und um jene Stra&szlig;enecke
-bogen, sich erstaunt, verbl&uuml;fft oder belustigt
-lachend nach ihr, die nur mir noch verborgen
-war, umsahen.</p>
-
-<p>Es war doch nicht m&ouml;glich, da&szlig; sie alle
-diese Leute kannte! Auch sah ich nicht, da&szlig;
-ein einziger von ihnen gr&uuml;&szlig;te oder gegr&uuml;&szlig;t
-hatte. Einige sogar kehrten um, und ich sah
-an den Schatten, die &uuml;ber den wei&szlig;en Asphalt
-der Stra&szlig;e fielen, da&szlig; sich Menschen dort ansammelten,
-wo sie stand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_260">[S. 260]</a></span></p>
-
-<p>Was ist da nur so Urkomisches an dem
-Schaukasten des Photographen zu sehen, fragte
-ich mich.</p>
-
-<p>Ich trat nun um die Ecke des Hauses. Da
-war gar kein Photographenkasten an der Wand.
-Da war auch kein Plakat, keine Inschrift. Da
-war nur eine leere Mauer, eine einfach gekalkte
-Wand, an deren M&ouml;rtel f&uuml;r mich nichts
-zu sehen war. Aber vor der Wand stand
-jene Dame, die ich suchte, mit ihrem Lorgnon
-vor den Augen und sah so hin und her an
-der Wand, ein wenig hinauf, ein wenig zur
-Seite, ebenso wie sie es vorher vor dem Schaufenster
-getan hatte.</p>
-
-<p>In einigem Abstand hinter ihr waren die Leute
-stehen geblieben, vor&uuml;bergehende Herren und
-Damen, Dienstboten und Arbeiter, die sich mit
-Gesten und Blicken stumme Zeichen machten.</p>
-
-<p>Ich begriff nun: die Kurzsichtige mu&szlig;te
-tief in Gedanken sein, und weil sie an der
-einen Seite der Ecke vorher Bilder betrachtet
-hatte, schien sie auch hier Bilder erwartet zu
-haben, und schien im Geist auch solche zu
-sehen.</p>
-
-<p>Das Ganze spielte nur wenige Sekunden.
-Dann schien die Dame sich bewu&szlig;t zu werden,
-da&szlig; die Wand leer war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_261">[S. 261]</a></span></p>
-
-<p>Auf diesen Augenblick mu&szlig;ten alle Umstehenden
-gewartet haben. Mit demselben
-Ruck, mit dem die Kurzsichtige gestern vom
-Tisch aufgestanden war, trennte sie sich pl&ouml;tzlich
-von der leeren Wand, erleuchtet von einer
-schreckhaften Erkenntnis ihrer Zerstreutheit.
-Dann schob sie das Lorgnon zusammen und
-schritt energisch an den Leuten vorbei, in
-Flucht vor dem grausamen L&auml;cheln der anderen.
-Sie &uuml;berquerte den Fahrdamm und
-trat dr&uuml;ben mit demselben Ruck und Eifer
-in einen Schreibwarenladen ein.</p>
-
-<p>Nun wu&szlig;te ich, ich w&uuml;rde ihr &ouml;fters begegnen,
-und ich beeilte mich nicht, ihr mit
-dem Taschentuch nachzulaufen. Ich hatte an
-ihrem Gang gemerkt, da&szlig; sie in dieser Stra&szlig;e
-zu Hause war. Sie schien immer zu dieser
-Stunde Besorgungen oder einen Spaziergang
-zu machen.</p>
-
-<p>Ich hatte aber nicht gedacht, da&szlig; ich bald
-ihren Namen erfahren w&uuml;rde, ohne sie danach
-gefragt zu haben.</p>
-
-<p>Einen Tag sp&auml;ter merkte ich zu meinem
-Erstaunen, da&szlig; von dem Schreibwarenladen,
-in welchem jene Dame neulich eingetreten
-war, bis zu einem Haus nahe bei jenem, in
-welchem meine Wohnung lag, Visitenkarten
- <span class="pagenum"><a id="Page_262">[S. 262]</a></span>
-reihenweise hingefallen lagen. Es regnete,
-und einige Karten waren von den F&uuml;&szlig;en
-der Stra&szlig;eng&auml;nger in den Rinnstein geschoben
-worden. Dort schwammen sie im Regenbach
-entlang der Stra&szlig;e, wie wei&szlig;e, kleine
-Gondeln.</p>
-
-<p>Als ich eben an der Haust&uuml;re, wo das
-letzte Visitenkartenh&auml;ufchen lag, vor&uuml;bergehen
-wollte, &ouml;ffnete sich diese und eine Frau trat
-heraus, die die Hausmeisterin jenes Hauses
-sein mu&szlig;te. Sie schlug die H&auml;nde zusammen
-und sah schmunzelnd und lachend auf die
-verlorenen Karten. Und als sie mich auch
-staunen sah, erkl&auml;rte sie mir, in ihrem Hause
-wohne eine kurzsichtige und sehr zerstreute
-Geigenspielerin. Die habe ein Paketchen Visitenkarten
-so ungeschickt nach Hause getragen,
-da&szlig; sie alle Karten auf dem Wege
-zwischen dem Laden und der Haust&uuml;re verloren
-habe. Die Schachtel, die seitlich zu
-&ouml;ffnen gewesen, habe sie leer nach Hause gebracht,
-da die Gummischnur unterwegs zerrissen
-war, die das P&auml;ckchen zusammengehalten
-hatte. Die Dame sch&auml;me sich nun
-f&uuml;rchterlich oben in ihrem Zimmer, und darum
-habe sie die Hausmeisterin gebeten, hinauszugehen
-und die Visitenkarten aufzulesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_263">[S. 263]</a></span></p>
-
-<p>Ich ben&uuml;tzte die Gelegenheit und gab der
-Hausmeisterin, als sie mir eine Visitenkarte
-gezeigt hatte, das Taschentuch, das die Dame
-neulich im Caf&eacute; hatte liegen lassen.</p>
-
-<p>»O,« sagte die Frau, »sie wei&szlig; nie, wohin
-ihre Taschent&uuml;cher verschwinden. Aber &uuml;ber
-die ganze Stadt liegen ihre Taschent&uuml;cher zerstreut.«</p>
-
-<p>Dann fragte mich die Hausmeisterin, ob ich
-der Herr sei, der im Nebenhause die Atelierwohnung
-gemietet habe.</p>
-
-<p>Als ich es bejahte, sagte sie, das kurzsichtige
-Fr&auml;ulein habe die gleiche Wohnung in
-diesem Hause, Atelier, Schlafzimmer und
-K&uuml;che. Die H&auml;user seien Zwillingsh&auml;user und
-h&auml;tten dieselbe Einteilung.</p>
-
-<p>Da scho&szlig; es mir durch den Kopf, da&szlig; vor
-einigen Wochen jemand nachts um zw&ouml;lf Uhr,
-als ich mich ausgekleidet hatte, um zu Bett
-zu gehen, am Schlo&szlig; meiner Flurt&uuml;r mit einem
-Schl&uuml;ssel herumgestochert hatte. Erst hatte ich
-geglaubt, es w&auml;re ein Einbrecher, dann war
-mir das Ger&auml;usch doch zu selbstverst&auml;ndlich
-erschienen, und ich dachte, es m&uuml;&szlig;te
-sich jemand im Stockwerk geirrt haben. Als
-nun die Hausmeisterin weiter erz&auml;hlte, da&szlig;
-die kurzsichtige Dame eines Nachts die Haust&uuml;ren
- <span class="pagenum"><a id="Page_264">[S. 264]</a></span>
-verwechselt h&auml;tte, wu&szlig;te ich, da&szlig; es die
-Kurzsichtige gewesen war, die mich an meiner
-T&uuml;r erschreckt hatte.</p>
-
-<p>Am n&auml;chsten Nachmittag war sch&ouml;nes
-Wetter, und ich stellte mich ans Fenster,
-um die Dame, wenn sie ausgehen w&uuml;rde, zu
-beobachten. Sie kam auch, wie ich mir gedacht
-hatte. Sie hielt in der einen Hand
-einen Brief, und dann sah ich, wie sie den
-Brief in ihre Seitentasche schob und langsamen
-Schrittes am B&uuml;rgersteig hinging
-bis zum n&auml;chsten Briefkasten. Dort aber
-steckte sie nicht den Brief in den Kasten,
-sondern ein kleines Futteral, das nur ein
-Brillenfutteral sein konnte.</p>
-
-<p>Ich mu&szlig;te herzlich f&uuml;r mich lachen. Ich
-sah der Dame weiter nach. Sie &uuml;berschritt die
-Stra&szlig;e und ging in eine Konditorei, wo sie
-in einem stillen Hinterzimmer ungest&ouml;rt ihren
-Nachmittagskaffee trinken wollte.</p>
-
-<p>Die Arme hat ihre Brille in den Briefkasten
-geworfen und wird sie sehr bald vermissen!
-Ich mu&szlig; ihr die Brille wieder
-verschaffen und sie ihr in die Konditorei
-bringen.</p>
-
-<p>Sie war wie eine h&uuml;bsche kleine Japanerin,
- <span class="pagenum"><a id="Page_265">[S. 265]</a></span>
-harmlos und gedankenvoll, scheinbar immer
-der Welt entr&uuml;ckt.</p>
-
-<p>Ich nahm Hut und Stock und ging hinunter
-an den Briefkasten und wartete, bis der
-Radler auf seinem Postrad kam, der den Briefkasten
-in seine gro&szlig;e braune Leinwandtasche
-leeren sollte. Ich sagte ihm, ich h&auml;tte aus
-Versehen mit einem Brief zusammen mein
-Brillenfutteral in den Briefkasten gesteckt.</p>
-
-<p>Er begriff mich erst nicht, und ich mu&szlig;te
-meine Rede wiederholen. Dann lachte er, und
-mich ein wenig geringsch&auml;tzig von Kopf bis
-zu Fu&szlig; ansehend, wie man einen bedauerlichen
-Dummkopf betrachtet, h&auml;ndigte er mir,
-nachdem er den Kasten aufgeschlossen, ein
-viel gebrauchtes und abgen&uuml;tztes Brillenfutteral
-ein, in welchem eine Brille klapperte.</p>
-
-<p>In der Konditorei dr&uuml;ben fand ich die Dame
-dann bei einer Zeitung sitzend.</p>
-
-<p>Ich n&auml;herte mich ihr. Sie hatte ihr Lorgnon
-schnell bei der Hand, und es kam mir vor,
-als habe sie mich erstaunlicherweise erkannt;
-und doch war sie ein wenig sprachlos, denn
-wir kannten uns ja gar nicht. Aber die Hausmeisterin
-mu&szlig;te ihr erz&auml;hlt haben, da&szlig; ich
-ihr Taschentuch aufgehoben hatte.</p>
-
-<p>»K&ouml;nnen Sie denn meinen Brief schon
- <span class="pagenum"><a id="Page_266">[S. 266]</a></span>
-haben?« fragte sie. Bin ich denn stundenlang
-hier gesessen und wei&szlig; es gar nicht?
-setzten ihre unruhigen Augen hinzu.</p>
-
-<p>»Nein, Ihren Brief habe ich nicht bekommen.
-Aber ich habe Ihr Brillenfutteral, das ich
-Ihnen hier bringe.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, wo habe ich das wieder
-liegen lassen?« stie&szlig; sie gequ&auml;lt hervor und
-sank auf einen Stuhl.</p>
-
-<p>»Im Briefkasten lag es,« sagte ich und
-zwang mich, ein m&ouml;glichst harmloses Gesicht
-zu machen.</p>
-
-<p>Sie begriff sofort, und mit jenem Ruck,
-den es ihr immer gab, wenn eine blitzartige
-Erkenntnis &uuml;ber sie kam, griff sie nach ihrer
-Manteltasche und tastete darin nach dem
-Brief, den ich knistern h&ouml;rte.</p>
-
-<p>Ohne aber den Brief aus der Tasche zu
-ziehen, bat sie mich, Platz zu nehmen, und
-berichtete mir, sie habe mir geschrieben und
-f&uuml;r das Taschentuch gedankt und zugleich
-um Entschuldigung gebeten, da&szlig; sie einen
-harten Ausdruck gegen mich gebraucht habe.
-Das Wort »unversch&auml;mt« sei ihr aber entfahren,
-weil sie mich f&uuml;r jenen Herrn gehalten
-habe, der ihr unversch&auml;mterweise einen Rosenstrau&szlig;
-am Eingang des Caf&eacute;s angeboten. Sie
- <span class="pagenum"><a id="Page_267">[S. 267]</a></span>
-h&auml;tte im Brief dazugesetzt, da&szlig; sie sich pers&ouml;nlich
-entschuldigen wollte, wenn wir uns
-einmal begegnen w&uuml;rden.</p>
-
-<p>Dann erz&auml;hlte sie mir seufzend, da&szlig; ihre
-Kurzsichtigkeit und ihre Zerstreutheit ihr schon
-viel Schabernack gespielt habe.</p>
-
-<p>Das wu&szlig;te ich schon. Wir sprachen dann
-von etwas anderem, von Musik, von Tagesangelegenheiten,
-und waren nach einer Weile
-wie alte Bekannte geworden.</p>
-
-<p>Die Konditorei hatte noch ein kleines Nebenzimmer,
-in welchem an einer S&auml;ule ein Springbrunnen
-pl&auml;tscherte, um den Wassergl&auml;ser
-standen, die zum Kaffee gereicht wurden.</p>
-
-<p>Der Springbrunnen st&ouml;rte mich ein wenig
-mit seinem pl&auml;tschernden Laut, der so einf&ouml;rmig
-wie ein Regenfall war. Es fiel mir auf,
-da&szlig; w&auml;hrend unseres Gespr&auml;ches die kurzsichtige
-Dame &ouml;fters leicht bek&uuml;mmert zur
-Seite horchte, und dann sprach sie vom schlechten
-Wetter der letzten Tage.</p>
-
-<p>Ich hielt das f&uuml;r eine Eigenart von ihr
-und dachte, sie leide vielleicht bei schlechtem
-Wetter an Gliederrei&szlig;en oder etwas &Auml;hnlichem.</p>
-
-<p>Nach einer Weile stand ich auf und verabschiedete
-mich von ihr. Sie sagte, da&szlig; sie
-das Wetter erst abwarten wollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_268">[S. 268]</a></span></p>
-
-<p>Ich glaubte, sie f&uuml;hle ein heraufziehendes
-Gewitter kommen und f&uuml;rchte sich zu Hause
-allein zu sein.</p>
-
-<p>Ich ging, und als ich nach ein paar Stunden
-wieder am Laden vor&uuml;berkam &mdash; es war inzwischen
-kein Unwetter gewesen, sch&ouml;ner stiller
-Himmel und Sommerabend voll Sterne und
-Klarheit &mdash;, da stand der Konditor unter der
-T&uuml;re und blinzelte mir mit den Augen zu
-und sagte:</p>
-
-<p>»Ihre Dame ist eben erst fortgegangen!«</p>
-
-<p>»Welche Dame?« fragte ich ganz in Gedanken
-und erstaunt.</p>
-
-<p>»Nun, die Kurzsichtige, die im Hause neben
-Ihnen wohnt. Sie hat beim Ger&auml;usch von
-meinem Springbrunnen geglaubt, da&szlig; es regnet,
-und hat Kaffee getrunken und Chokolade getrunken
-und Limonade getrunken und alle
-Zeitungen gelesen, weil sie bei dem trostlosen
-Regenabend, wie sie sagte, nicht zu Hause
-sitzen wollte, und weil sie ein Kleid anhatte,
-von dem sie behauptete, da&szlig; es von den Regentropfen
-Flecken bekommen k&ouml;nnte. Dann hat
-sie gegessen und getrunken und gelesen. Endlich
-hat sie einen meiner Gehilfen zu sich gerufen
-und hat ihn zu ihrer Hausmeisterin hin&uuml;bergeschickt
-und hat sich ihren Schirm holen
- <span class="pagenum"><a id="Page_269">[S. 269]</a></span>
-lassen. Die Frau konnte gar nicht begreifen,
-warum das gn&auml;dige Fr&auml;ulein bei dem sch&ouml;nen
-klaren Abend einen Schirm n&ouml;tig habe. Wir
-waren ebenfalls sehr erstaunt, bis die Dame
-beim Fortgehen zur Ladent&uuml;r kam und verwundert
-entdeckte, da&szlig; kein Tropfen Regen
-fiel. Dann ist sie aber ganz w&uuml;tend &uuml;ber
-sich selbst fortgerannt, und war wahrscheinlich
-&auml;rgerlich, da&szlig; sie den sch&ouml;nen Abend im
-Laden verbracht und den pl&auml;tschernden Springbrunnen
-f&uuml;r einen Regen gehalten hatte.«</p>
-
-<p>Sie lebte das Leben auf ihre eigene Weise.
-Und als ich sie einmal befragte, ob sie sich
-nicht f&uuml;rchte, &uuml;berfahren zu werden, wenn
-sie so in Gedanken sei, sagte sie: »Nein, ich
-habe meinen eigenen Gott, dessen Schutz ich
-mich immer empfehle.«</p>
-
-<p>»Was ist das f&uuml;r ein Gott?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Der Gott der Idioten,« sagte sie schmunzelnd
-und kicherte ein feines Lachen, das ihr
-sehr gut stand.</p>
-
-<p>Unter anderem war ihr auch einmal passiert,
-da&szlig; sie nach einem Mittagessen in einem Restaurant
-beim Fortgehen einen gro&szlig;en silbernen
-L&ouml;ffel senkrecht vor sich hergetragen. Und
-als der Kellner sie aufmerksam gemacht, da&szlig;
-sie ja einen silbernen L&ouml;ffel mitn&auml;hme, war
- <span class="pagenum"><a id="Page_270">[S. 270]</a></span>
-sie zu Tod erschrocken gewesen, denn sie
-hatte geglaubt, sie halte den silbernen Griff
-ihres Sonnenschirms in der Hand.</p>
-
-<p>Als ich sie dann zum letztenmal sah, es war
-an einem Hochsommerabend, da ich von einem
-Ausflug heimradelte, begegnete sie mir in
-unserer Stra&szlig;e. Sie schien sehr in Hast zu
-sein, als wenn sich wieder etwas ereignet h&auml;tte,
-was sie kopflos machte.</p>
-
-<p>Ich lie&szlig; meine Fahrradklingel trillern, vielleicht
-etwas heftiger als sonst, da ich die Dame
-zum Aufschauen zwingen wollte, um sie gr&uuml;&szlig;en
-zu k&ouml;nnen. Aber mein Schrecken war gro&szlig;.
-Kaum, da&szlig; meine Glocke schrillte, lag die
-junge Dame flach auf der Erde wie umgeklappt,
-als wenn ein unsichtbares Fahrrad &uuml;ber
-sie fortgeradelt w&auml;re.</p>
-
-<p>Ich sprang ab und half ihr auf und entschuldigte
-mich, sie erschreckt zu haben.</p>
-
-<p>Sie war tief in Gedanken gewesen, sagte sie,
-und das laute Klingeln schien ihr so nah, da&szlig;
-sie sich geduckt hatte, ausgeglitten und gefallen
-war mit dem Gef&uuml;hl, sie sei &uuml;berfahren
-worden.</p>
-
-<p>Nachdem sie sich aufgerichtet und ein wenig
-erholt hatte, erkl&auml;rte sie mir, sie w&auml;re so schreckhaft,
-weil oben bei ihr ein betrunkener Mensch
- <span class="pagenum"><a id="Page_271">[S. 271]</a></span>
-auf der Treppe l&auml;ge. Sie wolle morgen aufs
-Land reisen und habe ihren Koffer gepackt,
-und sie w&uuml;rde erst im Herbst in die Stadt
-zur&uuml;ckkehren. Sie f&uuml;rchtete, der Betrunkene
-sei vielleicht ein Einbrecher gewesen, der sie
-bestohlen habe. Sie habe die Hausmeisterin
-rufen wollen, diese sei aber nicht zu Hause
-gewesen, und nun w&auml;re sie fortgerannt, um
-an der n&auml;chsten Stra&szlig;enecke einen Polizisten
-zu holen, denn jener liege quer &uuml;ber den
-Treppenabsatz, und sie getraue sich nicht, &uuml;ber
-ihn hinwegzusteigen.</p>
-
-<p>Ich erbot mich mit ihr hinaufzugehen, um
-den Betrunkenen aufzuwecken und fortzuweisen.</p>
-
-<p>Sie dankte mir, und wir gingen in ihr Haus,
-und atemlos horchend stiegen wir zusammen
-hinauf.</p>
-
-<p>In dem Stockwerk, das unter ihrer Wohnung
-lag, sagte ich, sie solle warten. Mit meinem
-Stock t&uuml;chtig aufstampfend, um den unversch&auml;mten
-Eindringling zu st&ouml;ren, ging ich allein
-h&ouml;her.</p>
-
-<p>Nichts regte sich in der D&auml;mmerung des
-Treppenhauses. Auf dem Treppenabsatz stand
-in der Ecke ein gepackter Korbkoffer und
-quer bei der Treppe, in einen Plaidriemen
- <span class="pagenum"><a id="Page_272">[S. 272]</a></span>
-eingeschnallt, lag ein langer zusammengerollter
-Reiseschal. Diesen mu&szlig; die Kurzsichtige f&uuml;r
-einen Menschen gehalten haben.</p>
-
-<p>Ich rief ins Treppenhaus hinunter, und die
-Dame kam scheu und vorsichtig heraufgestiegen
-und wollte es mir nicht glauben, da&szlig;
-kein Mensch da w&auml;re und da&szlig; nur ihr zusammengerollter
-Reiseschal sie erschreckt h&auml;tte.
-Sie behauptete, der Mensch w&auml;re fortgelaufen.</p>
-
-<p>Ich sah es ihr an, wie sie sich sch&auml;mte, es
-sich selbst einzugestehen, da&szlig; sie wieder get&auml;uscht
-worden sei. Ich fragte, ob sie den
-Menschen durch ihr Lorgnon gesehen h&auml;tte.
-Nein, sie hatte ihr Lorgnon vergessen, wollte
-aber trotzdem nicht zugeben, da&szlig; sie den
-Reiseschal f&uuml;r einen Menschen angesehen hatte.
-Dann bat sie mich, da ich mal oben war,
-einen Augenblick bei ihr einzutreten.</p>
-
-<p>Drinnen in den Zimmern war alles in gr&ouml;&szlig;ter
-Unordnung. Wie buntes Gem&uuml;se lagen die
-Dinge durcheinander, und sie entschuldigte
-sich, da&szlig; sie mit dem Packen noch nicht fertig
-sei. Ich mu&szlig;te zwischen verschiedenen Gegenst&auml;nden
-in einer Ecke des Sofas Platz
-nehmen.</p>
-
-<p>Dann ging sie in die K&uuml;che, wo die Terrier
-eingeschlossen waren, die ihr sehr zugetan
- <span class="pagenum"><a id="Page_273">[S. 273]</a></span>
-schienen. Sie konnte aber den Knoten der
-Schnur, die an die T&uuml;rklinke angebunden war,
-nicht aufmachen, und so ging ich hinzu und
-half ihr.</p>
-
-<p>Mein Blick fiel zuf&auml;llig, w&auml;hrend ich den
-Knoten l&ouml;ste, auf einen Kohlenkasten, der da
-stand, und ich wurde von ein paar seltsam
-blauen Papieren, die dort lagen, angezogen.
-Es schienen zerknitterte Geldscheine zu sein.
-Ich hob dann auch wirklich ein paar Hundertmarkscheine
-auf, die, wie sich herausstellte,
-das ganze Reisegeld der Dame waren. Das
-Geld hatte sie vorher erst von der Bank geholt.
-In der Meinung, es seien alte blaue
-Briefumschl&auml;ge, hatte sie die Geldscheine in
-der Hast des Packens fortgeworfen, w&auml;hrend
-sie den leeren Briefumschlag sorgf&auml;ltig in ihre
-Handtasche gesteckt hatte.</p>
-
-<p>Nun begann sie vor Schrecken zu weinen,
-und wie zu ihrer Entschuldigung sagte sie:</p>
-
-<p>»Jemand hat mir nicht nur mein Herz,
-sondern auch meinen Kopf gestohlen.«</p>
-
-<p>Sp&auml;ter, als sie mir sehr sch&ouml;n auf ihrer Violine
-vorgespielt hatte, sagte ich ihr, sie m&uuml;sse
-mir das Bild dessen zeigen, der sie dem Gott
-der Idioten ausgeliefert habe.</p>
-
-<p>Sie zeigte mir das Bild eines jungen Kapellmeisters,
- <span class="pagenum"><a id="Page_274">[S. 274]</a></span>
-der au&szlig;er einem gro&szlig;en Haarb&uuml;schel,
-der ihm in die Stirn hing, nichts besonderes
-zu bieten schien. Und ich war sicher, da&szlig;
-auch hier, in der Liebe zu dem Musikanten,
-ihre Kurzsichtigkeit ihr einen Streich spielte.
-Sicher liebte sie mehr die unklare Vorstellung,
-die sie sich von dem Menschen machte, als
-das klare Bild des Mannes selbst, das sie niemals
-sehen konnte.</p>
-
-<p>Ich war eifers&uuml;chtig auf diesen Haarmenschen,
-das f&uuml;hlte ich, und ich f&uuml;hlte auch,
-wie leicht es sein w&uuml;rde, diesen Nebenbuhler
-zu verdr&auml;ngen, der, wie mir schien, seine Rolle
-im Herzen der jungen Dame bereits ausgespielt
-hatte. Ich tat, wozu mich mein Herz
-dr&auml;ngte, und warb von dieser Stunde an um
-jenes M&auml;dchen. Ich folgte ihr nach aufs
-Land, wo sie den Sommer verbrachte, und im
-n&auml;chsten Winter besuchte ich in Berlin mit
-ihr Konzerte und Vergn&uuml;gungen.</p>
-
-<p>Nachdem wir gl&uuml;ckliche Monate verlebt
-hatten, in denen ich ihre Kurzsichtigkeit und
-Zerstreutheit zuerst als eine belustigende Lebensw&uuml;rze
-genossen hatte, wurde ich allm&auml;hlich
-von dem Doppelleben, das sie f&uuml;hrte,
-nerv&ouml;s, denn es war auf die Dauer unheimlich,
-wieviel Zeit und Lebenskraft sie aufwenden
- <span class="pagenum"><a id="Page_275">[S. 275]</a></span>
-mu&szlig;te, um die Abenteuer zu &uuml;berstehen, die
-ihr ihre Zerstreutheit und Kurzsichtigkeit bereiteten.
-Und Tage reichten oft nicht aus,
-gut zu machen, was sie in Sekunden der Zerstreutheit
-harmlos sich und anderen angetan
-hatte.</p>
-
-<p>Sie ging sp&auml;ter auf Konzertreisen, und wir
-schrieben uns immer seltener. Ohne da&szlig; wir
-uns Vorw&uuml;rfe machten, f&uuml;hlten wir beide, da&szlig;
-die Zeit unserer Innigkeit vor&uuml;ber war. Die
-junge Dame fand viele Verehrer, denn sie
-war liebreizend und von heiterer Gem&uuml;tsart
-und wurde nicht einmal verstimmt, wenn sie
-an ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit erinnert
-wurde. &mdash;</p>
-
-<p>Nun stand sie dort, nicht weit von mir, im
-Schnee und suchte den Kometen, der im
-Westen stand, mit ihrem Opernglas im Osten.
-Und ich hielt ihre beiden Terrier, die zitternd
-zu meinen F&uuml;&szlig;en sa&szlig;en, an meinem Spazierstock,
-den sie f&uuml;r einen Baumast gehalten
-hatte, fest.</p>
-
-<p>Bald aber bemerkte ich, da&szlig; meine Freundin
-ihr Opernglas gar nicht mehr zum Himmel
-richtete, sondern da&szlig; sie den H&uuml;gelabhang
-hinuntersah, wo immer noch einzelne Menschen
-bergauf stiegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_276">[S. 276]</a></span></p>
-
-<p>W&auml;hrend ihre Augen noch suchten, trat die
-dunkle Gestalt eines jungen Mannes an ihre
-Seite. Er hielt einen Schneeballen in der
-Hand. Er schien sie zu begr&uuml;&szlig;en und schien
-der zu sein, den sie mit ihrem Opernglas im
-Himmel und auf Erden gesucht hatte. Er
-streckte ihr den Schneeballen hin, den sie in
-ihrer Kurzsichtigkeit f&uuml;r seine Hand hielt,
-wor&uuml;ber er laut auflachte. Worauf sie den
-Schneeballen nahm und ihm denselben vertraulich
-an die Brust warf.</p>
-
-<p>Da zog ich meinen Stock vom Baum zur&uuml;ck
-und streifte den Riemen, an denen die
-Hunde gebunden waren, vom Spazierstock ab
-und sagte zu den beiden Tieren: »Lauft!«</p>
-
-<p>Die munteren Tiere verstanden mich sofort
-und sprangen kl&auml;ffend zu ihrer Herrin. Ich
-ging indessen langsam zu einer Bank, wo ich
-mich niedersetzte.</p>
-
-<p>Von der Kurzsichtigen h&ouml;rte ich einen Ausruf
-des Erstaunens. Sie glaubte, die Hunde
-h&auml;tten den Baumast abgebrochen.</p>
-
-<p>Der junge Mann lachte und rief laut: »Das
-glaube ich niemals. Du wirst die Hunde an
-die Luft angebunden haben.«</p>
-
-<p>Ich h&auml;tte ihm am liebsten eine Ohrfeige
-geben m&ouml;gen, da er so respektlos zu ihr sprach.
- <span class="pagenum"><a id="Page_277">[S. 277]</a></span>
-Aber ich sagte mir, er wird wahrscheinlich
-mit ihr schon hundert &auml;hnliche F&auml;lle erlebt
-haben und hatte das Recht zum Lachen.</p>
-
-<p>Nun h&ouml;rte ich, wie die junge Dame sagte,
-sie wolle den Baumast ansehen. Er k&ouml;nne
-sich &uuml;berzeugen. Der Ast m&uuml;sse abgebrochen
-sein.</p>
-
-<p>Ich sah, wie sie zum Baum ging und dort
-in die Luft f&uuml;hlte, wo mein Stock gewesen.
-Aber da war in ihrer Handh&ouml;he weder oben
-noch unten irgendein Zweig am Stamm. In
-doppelter Menschenh&ouml;he erst setzten die Zweige
-der Tanne an.</p>
-
-<p>Sie sah sprachlos am Baum empor und begriff
-jetzt erst, da&szlig; sie sich get&auml;uscht haben
-m&uuml;sse.</p>
-
-<p>»Aber es war doch ein daumendicker Ast
-da,« h&ouml;rte ich sie versichern.</p>
-
-<p>»Was du gesehen und gef&uuml;hlt hast, braucht
-noch lange nicht ein Ast gewesen zu sein,«
-h&ouml;hnte der junge Mann.</p>
-
-<p>»Es war ein Ast. Ich habe das Holz gef&uuml;hlt.
-Wo ich bin, ist die Welt immer verhext,«
-erkl&auml;rte sie zuletzt. »Denke dir, was
-mir gestern wieder passiert ist!«</p>
-
-<p>Sie kamen beide im Sprechen n&auml;her zur
-Bank, auf der ich mit hochgeschlagenem
- <span class="pagenum"><a id="Page_278">[S. 278]</a></span>
-Mantelkragen und mit in die Stirn gezogener
-Pelzm&uuml;tze sa&szlig; und in den Himmel starrte.
-Ich brauchte bei ihrer Kurzsichtigkeit nicht
-zu f&uuml;rchten, da&szlig; sie mich erkennen w&uuml;rde.
-Sie lie&szlig; sich in der Mitte der Bank nieder,
-kaum eine Handbreite von mir weg, w&auml;hrend
-ihr Begleiter sich neben sie setzte.</p>
-
-<p>»Gestern abend, als du nicht kamst, wollte
-ich mir die Zeit vertreiben, und da ich Appetit
-auf einen Pfannkuchen hatte und ich seit
-Ewigkeit keinen selbstgebackenen Pfannkuchen
-gegessen habe, ging ich aus, um alles zum
-Backen N&ouml;tige einzukaufen. Ich kaufte die
-Sachen gleich in allern&auml;chster Nachbarschaft,
-Milch, Mehl und Eier. Unterwegs kam ich
-an einem Postkartenstand vorbei, wo in kleinen
-offenen Kasten Ansichtspostkarten geschlichtet
-lagen. Ich b&uuml;cke mich mit Milchflasche, Mehlt&uuml;te
-und Eiert&uuml;te und gehe langsam an dem
-Kasten entlang und betrachte mir die Postkarten.
-Pl&ouml;tzlich h&ouml;re ich einen glucksenden
-Laut und sehe, da&szlig; die letzten Tropfen meiner
-Milchflasche auslaufen. Ich hatte beim Entlanggehen
-an dem Kasten meinen ganzen
-Milchvorrat &uuml;ber die verschiedenen Serienf&auml;cher
-des Ansichtskartenverkaufes gegossen,
-denn der Kork hatte sich von der Flasche gel&ouml;st.
- <span class="pagenum"><a id="Page_279">[S. 279]</a></span>
-Ich war au&szlig;er mir vor Schrecken und
-rannte davon.</p>
-
-<p>In meiner Aufregung presse ich aber unterwegs
-die Mehlt&uuml;te und das Eierpaket fest an
-mich, um sie ja nicht zu verlieren. Bei meiner
-Haust&uuml;r angekommen, scheint mir die Mehlt&uuml;te
-unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig d&uuml;nn geworden zu
-sein. Ich ahne nichts Gutes und bemerke
-auch zugleich hinter mir eine wei&szlig;e Mehlf&auml;hrte,
-die von der Postkartenhandlung bis zu
-meiner Haust&uuml;re f&uuml;hrte. Die T&uuml;te war geplatzt,
-und das Mehl war ausgelaufen. Ich
-warf die leere T&uuml;te in den Rinnstein. Als ich
-oben in meinem Zimmer die Eiert&uuml;te &ouml;ffnete,
-war nur noch eine gelbe Br&uuml;he und zerbrochene
-Eierschalen im Papier. Verzweifelt
-habe ich mich aufs Sofa gesetzt, habe gehungert
-und geweint und endlich musiziert.«</p>
-
-<p>Diese letzten Worte sprach die Kurzsichtige
-zu mir, denn sie hatte wahrscheinlich vergessen,
-auf welcher Seite der Bank ihr Begleiter sa&szlig;.
-Dann nahm sie ihr Lorgnon, und ich dachte
-schon, sie wolle sich klar machen, da&szlig; sie
-nach der falschen Seite hinsprach. Aber nein.
-Sie betrachtete meinen Stock, griff mit der
-Hand danach, immer noch meinend, da&szlig; ich
-ihr Begleiter sei und rief jubelnd:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_280">[S. 280]</a></span></p>
-
-<p>»Da hast du ja den Baumast in der Hand!
-O, du Falscher, du hast ihn heimlich abgebrochen,
-damit ich glauben sollte, ich h&auml;tte
-mich geirrt.«</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie, das ist mein Stock,« erwiderte
-ich ruhig und stand auf.</p>
-
-<p>Ich wu&szlig;te, sie hatte meine Stimme erkannt,
-denn es wurde grabstill neben mir. Da rief
-der junge Mann, der w&auml;hrend der ganzen Zeit
-mit dem Opernglas den Himmel abgesucht
-hatte, laut:</p>
-
-<p>»Ich habe den Kometen gefunden!«</p>
-
-<p class="pmb3">Ich h&ouml;rte noch wie sie tief aufatmete und
-doppelsinnig sagte: »Ich habe auch einen entdeckt,
-trotz meiner Kurzsichtigkeit, aber er
-ging so schnell, wie er einmal kam.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_281">[S. 281]</a></span></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_282">[S. 282]</a></span></p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-
-<h2 class="no-break" id="Das_Iguanodon">Das Iguanodon</h2>
-</div>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_283">[S. 283]</a></span></p>
-
-
-<p>In einem &uuml;berhei&szlig;en August kam ich &uuml;ber
-die Alpen durch Tirol an den Gardasee.</p>
-
-<p>Ehe man in Torbole oder Riva aussteigt
-hat der Zug hinter Mori ein ungeheueres,
-von einem vorzeitlichen Bergsturz verw&uuml;stetes
-Gesteintal durchklettert, darin ein gr&uuml;ner
-sterbender Seet&uuml;mpel liegt. Dort an den
-zackigen Steinbl&ouml;cken, die um den T&uuml;mpel
-liegen und zu Tausenden das Tal f&uuml;llen, lebt
-auch noch im Sonnenschweigen vor deinem
-inneren Ohr das Gekrach und Gedr&ouml;hn jener
-furchtbaren Minuten auf, als hier einst in
-grauester Vergangenheit ein Berg den anderen
-erschlagen wollte. Man glaubt, ein wahnwitziger
-Fluch sei damals ausgesto&szlig;en worden
-und habe rundum die Steine und die
-Bergw&auml;nde in Bewegung gesetzt.</p>
-
-<p>Die Legende erz&auml;hlt, da&szlig; sich Dante hier
-den Eingang zur H&ouml;lle vorgestellt h&auml;tte, den
-er in der G&ouml;ttlichen Kom&ouml;die schildert. Wie
-ungeheuerliche, versteinerte Qualen, wie ein
- <span class="pagenum"><a id="Page_284">[S. 284]</a></span>
-himmelragender steinerner Dornenkranz starrt
-das spitzige, verwitterte Gebirge, von Wolken
-umraucht, im Norden des Gardasees in den
-Himmel. Es sieht aus, als w&auml;ren h&ouml;llische
-Blitze und h&ouml;llische Erdbeben die Baumeister
-dieser Bergunget&uuml;me gewesen.</p>
-
-<p>W&auml;hrend im S&uuml;den der Gardasee sich in
-breiter sonniger Fl&auml;che dem heiteren Himmel
-Italiens und unendlicher Fruchtbarkeit entgegenstreckt,
-ragen im Norden die kahlen
-Alpenketten wie Ambosse der G&ouml;tter in den
-Himmel, und es ist, als w&uuml;rden dort furchtbare
-Schicksale geschmiedet.</p>
-
-<p>Freunde hatten mir geraten, in Torbole zu
-wohnen, wo viele &Ouml;sterreicher im Sommer
-baden, und wo am See ein lustiges Leben
-herrscht. Andere hatten mir das stillere Malcesine
-empfohlen, das am Fu&szlig; einer Burg bei
-sch&ouml;nen G&auml;rten liegt.</p>
-
-<p>Ich kannte den Gardasee noch nicht, und
-nachdem ich mir die beiden Orte angesehen,
-war mir der eine zu lebhaft, der andere zu
-langweilig sch&ouml;n. Und eines Morgens lie&szlig;
-ich mich von einem Schiffer auf die Seefl&auml;che
-segeln, um hier zwischen Himmel und Wasser
-zu &uuml;berlegen und Entschl&uuml;sse zu fassen, wo
-ich bleiben wollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_285">[S. 285]</a></span></p>
-
-<p>Ich hatte an diesem Morgen zuerst den
-Ponalewasserfall besucht, der unweit Riva,
-zwischen zwei Felsen eingeklemmt, aus Himmelh&ouml;he
-gegen den See niederst&uuml;rzt. Da kam mir
-der Gedanke, da&szlig; ich auf dem Weg nach
-Malcesine, auf der anderen Seeseite am Tag
-vorher, einen Ort hatte liegen gesehen, am
-Fu&szlig; senkrechter Felsenw&auml;nde, und da&szlig; mir
-dort die sch&ouml;nen Reihen der wei&szlig;en Pfeiler
-von Zitroneng&auml;rten von weitem aufgefallen
-waren. Diese sahen in der Ferne aus wie die
-marmornen Tasten einer riesigen Orgel, und
-eine weihevolle Festlichkeit lag &uuml;ber diesen
-Hunderten von S&auml;ulen, die da, regelm&auml;&szlig;ig
-gereiht, die Felsenabh&auml;nge schm&uuml;ckten. Eine
-h&uuml;bsche Kirche mit freistehendem Glockenstuhl
-und eine Schar dichtgedr&auml;ngter hellgelber
-und rosenroter H&auml;user um einen kleinen
-Hafen, in welchem winzige italienische Motorboote
-lagen, waren mir noch gut in Erinnerung.
-Den Ort selbst hatte ich von meinen
-Bekannten nie nennen h&ouml;ren, und ich hatte
-ihn auch im Reisehandbuch &uuml;bersehen. Ich
-bedeutete nun den Fischer, mich dorthin zu
-fahren.</p>
-
-<p>Jeder, der in Riva einmal &uuml;bernachtet hat
-oder in Torbole am Gardasee, wei&szlig;, da&szlig; ihn
- <span class="pagenum"><a id="Page_286">[S. 286]</a></span>
-dort nachts, wenn die ersten Sterne heraufziehen,
-ein seltsames Blitzlicht in Erstaunen
-setzte, das wie ein Wetterleuchten weit drau&szlig;en
-mitten in der Seefl&auml;che auftaucht und bis in
-die Fenster des Hotels hereinleuchtet und auch
-kalkwei&szlig; &uuml;ber die Gesichter derer hinstreicht,
-die am Seeufer im Dunkeln einen Abendweg
-machen.</p>
-
-<p>Der Lichtstrahl sticht Nacht um Nacht an
-den beiden Seiten der Felsenw&auml;nde hoch, die
-den See einschlie&szlig;en, und zeichnet f&uuml;r Sekunden
-scharf jeden Olivenbaum, jeden
-Ziegel der einsamsten H&uuml;tte am Felsengeh&auml;ng
-und haut, wie ein wei&szlig;es Schwert zertrennend,
-einen wei&szlig;en Keil in die Finsternis.
-Ich mu&szlig;te immer an das Flammenschwert
-denken, das den Eingang zum Paradies bewacht,
-wenn dieser Lichtstrahl unerm&uuml;dlich
-Wasser und Gebirge bestrich in allen Stunden
-der Nacht.</p>
-
-<p>Ich erfuhr dann, da&szlig; jenes spukhafte Licht
-von den Scheinwerfern der kleinen italienischen
-Wachtschiffe kam, die dort, wo die Grenze
-von Italien quer &uuml;ber den See geht, in jeder
-Nacht hin und her fuhren, die Bergscheide
-und das Wasser nach Schmugglern abzuleuchten.
-Denn Tabak und Zucker wurden
- <span class="pagenum"><a id="Page_287">[S. 287]</a></span>
-gern zur Nachtzeit von &Ouml;sterreich nach Italien
-&uuml;ber die Grenze geschleppt.</p>
-
-<p>Die Station dieser Nachtboote befand sich
-in jenem kleinen Ort, zu dem ich wollte,
-den die Dampfschiffe nur kurz bei der Rundfahrt
-um den See ber&uuml;hren, den nur manchmal
-einige Segelboote von Riva aus besuchen,
-und in dem sich noch kein Fremdengetriebe
-breit machte. Hart bei jenem Ort, ehe
-man um einen Felsenabhang segelte, zog sich,
-an Zitroneng&auml;rten vorbei, die italienische
-Grenze hin.</p>
-
-<p>Dieses berichtete mir der Schiffer w&auml;hrend
-der Segelfahrt und nannte mir den Namen
-des Ortes, der Limone hei&szlig;t, dahin er mich
-jetzt bringen sollte.</p>
-
-<p>In der Seemitte packte pl&ouml;tzlich einer jener
-Sturmwinde unser Boot, die dort j&auml;hlings ohne
-Vorboten einsetzen und den Segelnden gef&auml;hrlich
-werden k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Wir flogen in dem kleinen Kahn vor dem
-Sto&szlig;wind her, und der See begann zu knirschen;
-sch&auml;umende Wasserwalzen rollten schneller,
-als das Boot fliehen konnte, an uns vorbei;
-Seile und Segel &auml;chzten und schienen
-zerrei&szlig;en zu wollen. Der See lebte ungeheuerlich.
-Seine Wellen schienen eine wandernde
- <span class="pagenum"><a id="Page_288">[S. 288]</a></span>
-Tierherde zu sein, die sich durcheinanderschob,
-und alle Wellentiere schienen nach
-einer Richtung fortzust&uuml;rzen.</p>
-
-<p>Knapp, ehe der Sturm seine H&ouml;he erreichte,
-jagten wir mit dem Boot in das kleine Hafenviereck
-von Limone ein.</p>
-
-<p>Der Wind klirrte und fegte drau&szlig;en &uuml;ber
-das Wasser. Aber hier in der Bucht war es
-windstill, schw&uuml;l und dunstig. Die Riesenmauern
-des Berghintergrundes hielten jeden
-Windatem ab, und die Zitronen konnten hier
-gut reifen, wie Eier in einem Brutkasten. Das
-dachte ich, als ich den Fu&szlig; ans Land setzte.</p>
-
-<p>Land kann man zu dem Erdstreifchen dort
-nicht gut sagen, denn es ist nur sp&auml;rlich Raum
-zwischen dem Felsenget&uuml;rm eines ungeschlachten
-Berges und der Seefl&auml;che. Die einzige
-gr&ouml;&szlig;ere Gasse, die der Ort hat, ist so eng,
-da&szlig; sich die Leute von Haus zu Haus die
-H&auml;nde reichen k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Es war Mittag, und ich begegnete nur
-einigen Marinesoldaten der Zollflottille. Die
-Handwerker arbeiteten, ohne aufzuschauen,
-unter ihren T&uuml;ren. Ein Esel schrie an einer
-Stra&szlig;enecke, und die hohe Bergwand dr&uuml;ckte
-beengend die Luft in den Gassen zusammen,
-in denen es nach Fischen und Oliven&ouml;l roch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_289">[S. 289]</a></span></p>
-
-<p>Der Schiffer f&uuml;hrte mich zum einzigen Gasthaus,
-das ein schmuckes altes Herrenhaus
-war und in einem Blumengarten gegen den
-See hin lag.</p>
-
-<p>In der Weltverlorenheit dieses italienischen
-Nestes f&uuml;hlte ich mich wohl. Es war nichts
-banal Sch&ouml;nes hier. Aber etwas Geheimnisvolles,
-das mich schon aus der Ferne an diesen
-Ort gelockt hatte, tat mir auch jetzt wohl.
-Es schien mich hier etwas zu erwarten, vielleicht
-ein ungeheurer Schrecken, mit darauffolgendem
-s&uuml;&szlig;em Aufatmen. Jedenfalls sp&uuml;rte
-ich ein neugieriges und angenehmes Gruseln
-an diesem totenstillen Flecken, wo keine
-Fremdenschw&auml;rme, keine Gasth&auml;user das Dasein
-kindisch machten.</p>
-
-<p>Es war mir zumute, wie wenn man nach
-langen eint&ouml;nigen hei&szlig;en Tagen ein Gewitter
-nahen f&uuml;hlt, das mit seiner gro&szlig;en elektrischen
-Spannung die Welt auf den Kopf stellen,
-Totes lebendig machen und Leben in Tod verwandeln
-kann.</p>
-
-<p>Ich lese gern in der feurigen Schrift der
-Blitze. Wenn sie ihre gro&szlig;en Ausspr&uuml;che auf
-das sonst so leere Blatt des Himmels schreiben,
-so ist mir, als l&auml;se ich in den Augen
-alter Propheten, und Schrecken und Ersch&uuml;tterungen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_290">[S. 290]</a></span>
-die sie &uuml;ber der Alltagswelt verbreiten,
-machen mich fruchtbar. Gewitter
-st&auml;rken mein Herz.</p>
-
-<p>Und unsichtbare Seelengewitter schienen
-hier in dem stillbr&uuml;tenden, der Welt unbekannten
-kleinen Ort auf den Fremden zu
-lauern. Vom Augenblick an, da ich mich entschlo&szlig;,
-durch den Schiffer, der mich hergesegelt,
-meinen Koffer aus Torbole holen zu
-lassen und hier in Limone zu bleiben, kam ich
-mir wie ein gewaltiger Ungl&uuml;cksucher vor. Wie
-einer, der in eine unterirdische Tropfsteinh&ouml;hle
-eingedrungen ist, die nur wenige vor
-ihm betreten haben, und die ihn in ein unheimliches
-Labyrinth lockt.</p>
-
-<p>Zwei Dinge, die ich liebe, waren es, die
-mich bestimmten, in Limone zu bleiben. Das
-erste war meine Vorliebe f&uuml;r den Duft von
-Zitronen und Zitronenbl&uuml;ten, das zweite meine
-Sehnsucht nach br&uuml;tender W&auml;rme.</p>
-
-<p>Von diesen beiden Gen&uuml;ssen wurde ich
-reichlich hier ges&auml;ttigt. Aber ich erwartete
-mehr als nur Gef&uuml;hlsbefriedigungen. Ich
-wei&szlig;, da&szlig; aus Hitze und Duft Gebilde
-im Menschenhirn entstehen, wie aus den verschiedenen
-Elektrizit&auml;ten zweier Wolken die
-Blitze.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_291">[S. 291]</a></span></p>
-
-<p>Auch war es mir wunderbar, jetzt an
-dem Ort zu sein, von dem nachts das gro&szlig;e
-flammende Schwert des Scheinwerfers auf
-den See hinausgesendet wurde. Hier im
-Hafen lagen die kleinen Eisenboote, die
-die Seewache hatten von Sonnenuntergang
-bis Sonnenaufgang. Und ich f&uuml;hlte mich
-wohl dabei, da&szlig; ich mich nicht mehr zu
-dem Lichtschein, der mich in Torbole nachts
-immer aufschauen gemacht und in die Ferne
-gelockt hatte, hinsehnen mu&szlig;te. Ich war
-jetzt dort, wo das n&auml;chtliche Feuer geboren
-wurde.</p>
-
-<p>Der Wirt des Gasthauses, der zugleich
-B&uuml;rgermeister war, hatte ein langes Tiergesicht,
-und sein K&ouml;rper war so sonderbar gebaut,
-da&szlig; er, wenn er vor mir stand, aussah, als
-st&uuml;nde er bis zu den Knien im Erdboden.</p>
-
-<p>Er war noch jung, einige drei&szlig;ig Jahre alt,
-sah aber m&uuml;de aus wie jene grauen nickenden
-Esel, die lange schweigen und pl&ouml;tzlich ohrenbet&auml;ubende
-Schreie aussto&szlig;en k&ouml;nnen. Dieser
-Mann war aber sonst ein angenehmer, h&ouml;flicher
-und sorgsamer Wirt und arbeitete tags&uuml;ber
-in seinem gutgepflegten Garten, in welchem
-Oleanderb&auml;ume, Bambus, Geranienb&uuml;sche,
-Rosen und Myrten zu Seiten eines langen
- <span class="pagenum"><a id="Page_292">[S. 292]</a></span>
-beschatteten Weinlaubenweges standen. In
-diesem gr&uuml;n &uuml;berw&ouml;lbten Weg hingen dicke
-dunkle Trauben, und am Ende lag dicht vor
-der wei&szlig;en Steinschwelle und den wei&szlig;en
-Steinpfosten der Gartent&uuml;r das blaue Wasser
-des Sees wie ein abgrundtiefer Himmel.</p>
-
-<p>An der einen Seite des Gartens war eine
-&uuml;berlaubte Spielbahn, wo nachmittags die italienischen
-Soldaten, Sizilianer, Neapolitaner,
-Genuesen, schwarzhaarige und braunh&auml;utige
-Kerle, zwischen Vesper und Abendl&auml;uten mit
-viel Lachen und Witz ihr Boccia spielten.</p>
-
-<p>Die K&uuml;che des Gasthauses war bescheiden,
-der Wein gut und feurig. Mein steingepflastertes
-Zimmer, sauber und ger&auml;umig, sah
-nach dem See und dem Berg Monte Alto.
-Die Tageszeiten in Limone wurden nicht blo&szlig;
-durch das viele L&auml;uten der Kirche eingeteilt,
-sondern auch von dem dreimaligen Vor&uuml;berfahren
-der gro&szlig;en Passagierdampfer, die t&auml;glich
-die Rundreise um den See machten.</p>
-
-<p>Unter einem gro&szlig;en japanischen Mispelbaum
-im Garten bei der Haustreppe nahm ich meine
-Mahlzeiten ein. Und hier spielten sich auch
-die Szenen jenes inneren Gewitters ab, das
-ich beim Betreten jenes schw&uuml;len, scheu versteckten
-Ortes vorausgeahnt hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_293">[S. 293]</a></span></p>
-
-<p>Nach dem Mittagessen am Tage meiner Ankunft,
-nachdem ich auf meinem neuen Zimmer
-ausgeruht hatte, schlenderte ich in der Abendd&auml;mmerung
-durch den Ort. Als ich aus dem
-Garten auf die Stra&szlig;e trete, h&ouml;re ich ein Gekicher,
-und an meiner Seite vor&uuml;ber l&auml;uft ein
-zwergartiger Mann mit gewaltigen langen Armen,
-gro&szlig;em, h&ouml;ckerigem Kopf, wie ein Orangutang
-anzusehen, in eine Seitengasse hinein.</p>
-
-<p>Ein paar Frauenzimmer, die vor einer Haust&uuml;re
-auf niedrigen Hockern kauerten, rieben
-sich mit der Handfl&auml;che Mund und Wangen
-ab und deuteten mir mit ihren Augen an,
-da&szlig; der Zwergmensch sie beide unversehens
-eben umarmt und gek&uuml;&szlig;t hatte. Die eine,
-die &Auml;ltere, drohte hinter ihm her mit ihrem
-Holzpantoffel, die andere hatte noch seine
-M&uuml;tze in der Hand, die sie ihm wahrscheinlich
-vom Kopf gerissen hatte, und sie schleuderte
-die Kappe dem Fortst&uuml;rmenden mit
-einem kreischenden Zuruf nach.</p>
-
-<p>Ich war verbl&uuml;fft &uuml;ber die H&auml;&szlig;lichkeit des
-Zwerggesch&ouml;pfes, das sich so m&auml;nnlich und
-so kindlich zu gleicher Zeit geb&auml;rden konnte,
-und das sich jetzt aus der Ferne umschaute,
-seine M&uuml;tze an sich ri&szlig; und den Frauen die
-Zunge herausstreckte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_294">[S. 294]</a></span></p>
-
-<p>Ein wenig weiter fort begegnete ich einem
-kleinen verwachsenen Weib, das einen melonengro&szlig;en
-Kopf hatte. Die Frau reichte mir
-nicht bis zur H&uuml;fte. Einen Krug trug sie in
-der Hand, den sie kaum schleppen konnte.</p>
-
-<p>&Uuml;berall sah ich &auml;hnliche Wesen. Neben
-den gut gewachsenen Gestalten unter den
-Ladent&uuml;ren und in den Werkst&auml;tten stand
-oder sa&szlig; oder schabernakte ein koboldartiges
-Zwergwesen. Es schien mir, als sei jede Familie
-mit solch einem Geschenk der H&ouml;lle
-belastet.</p>
-
-<p>Ich war bei meinem Weg durch die Gasse
-an alten eisernen kleinen T&uuml;ren vor&uuml;bergekommen.
-Die waren nur eine rostige Masse. Das
-verwitterte Eisen sch&auml;lte sich wie die Rinde
-von B&auml;umen. &Uuml;ber die T&uuml;rschl&ouml;sser und
-Angeln und &uuml;ber das Gitter des Guckloches
-hingen verfilzte Spinnweben. Ganze Familien
-von gro&szlig;en Kreuzspinnen hausten da seit
-Jahrhunderten ungest&ouml;rt. Auch waren da
-ebenso zugesponnene und mit rostigen Gittern
-versehene, alte, erblindete Fenstervierecke.
-An die grauen Mauern dort waren mit R&ouml;telstift
-und Kohle unfl&auml;tige, br&uuml;nstige Bilder
-mit ein paar Linien hingezeichnet, Bilder, wie
-sie nur in den Hirnen dieser ungeb&auml;ndigten
- <span class="pagenum"><a id="Page_295">[S. 295]</a></span>
-und verwilderten Kr&uuml;ppelgestalten entstehen
-konnten.</p>
-
-<p>Als ich in der Abendd&auml;mmerung vor den
-Ort hinaus unter alte Olivenb&auml;ume kam, die
-dort in verrenkten Stellungen, verkr&uuml;mmt und
-verwachsen, in Scharen mit ihrem graunebeligen
-d&uuml;nnen Laubwerk in den Bergfeldern
-stehen, war mir, als seien die Zwerggesch&ouml;pfe
-der Stadt aus jenen ungestalten gespenstigen
-Olivenst&auml;mmen geboren worden.</p>
-
-<p>Als in der D&auml;mmerung ein Esel, auf dem
-ein Weib und ein Knabe sa&szlig;en, mit humpelndem
-Gang in dem unheimlichen Olivenhain,
-darin sich kein Blatt r&uuml;hrte, auftauchte,
-schauderte mich, weil ich in diesem zusammengepackten
-Tier- und Menschenhaufen
-wieder neue Verkr&uuml;ppelungen zu sehen glaubte.</p>
-
-<p>Unter dem schleierartigen d&uuml;nnen Laubgewebe
-der Oliven, deren Zweige sich nicht
-wiegen, durch die der blasse Abendhimmel
-fein zerkritzelt zur Erde sieht, hatte ich das
-Gef&uuml;hl, als ob ein Netz von unheimlichen
-Erregungen &mdash; das mich hier in Limone
-bald umgeben sollte &mdash; schon nah &uuml;ber mir
-hing.</p>
-
-<p>Ich konnte nach kurzer Zeit in dem Hain
-nicht mehr weitergehen. Das stille Grauen
- <span class="pagenum"><a id="Page_296">[S. 296]</a></span>
-in mir nahm so &uuml;berhand, da&szlig; es mich forttrieb
-aus dem Kreise der grimassenrei&szlig;enden
-Baumst&auml;mme, die umherstanden, gespalten
-und zerschlitzt, dreibeinig und zehnbeinig,
-mehr Tieren als B&auml;umen &auml;hnlich.</p>
-
-<p>Ich wollte lieber zu den kr&uuml;ppligen Menschen
-des Ortes zur&uuml;ckkehren, als hier l&auml;nger
-bei den h&ouml;lzernen Urv&auml;tern der Kr&uuml;ppel zu
-weilen, die trocken und herzlos wie halbtote
-Greise, in sich versunken und in sich gekr&uuml;mmt,
-den Weg begleiteten, der Schar aller M&uuml;hseligkeiten
-&auml;hnlich, die einem lang Lebenden
-begegnen k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Zur&uuml;ckgekommen zum eisernen Gitter des
-Gasthausgartens sah ich gegen&uuml;ber unter der
-tr&uuml;ben Petroleumlaterne, die als Stra&szlig;enbeleuchtung
-an einer Hausecke hing, in einem
-kahlen Ladengela&szlig; wieder einen Zwerg mit
-einem Stock stehen. Der Stock war ein St&uuml;ck
-gr&ouml;&szlig;er als der Zwerg, und es war doch nur
-ein gew&ouml;hnlicher Spazierstock. Mit diesem
-Stock deutete der Kr&uuml;ppel wichtig und sich
-h&ouml;flich verneigend auf einen Tisch, an den
-er kaum mit der Nase hinaufreichen konnte.
-Dort lagen, sorgf&auml;ltig nebeneinander gereiht,
-einzelne Birnen, gro&szlig;e dicke Kochbirnen, die
-wir in Deutschland Katzenk&ouml;pfe nennen. An
- <span class="pagenum"><a id="Page_297">[S. 297]</a></span>
-der Tischkante stand eine brennende, flackernde
-Kerze, die in einem Zinnleuchter stak.</p>
-
-<p>Der Laden war ganz kahl. Ich hatte beim
-Fortgehen vor einer Stunde diesen Fruchtverk&auml;ufer
-noch nicht bemerkt. Es schien mir,
-als habe er seinen Verkaufsstand eben erst eingerichtet,
-vielleicht weil er geh&ouml;rt hatte, da&szlig;
-ein Fremder ins Gasthaus eingezogen war,
-was ihn unternehmungslustig gemacht haben
-mochte.</p>
-
-<p>Ein paar Schritte weiter bei einem Schuhmacher
-kauerte jener Zwerg, der vorhin die
-Weiber gek&uuml;&szlig;t hatte; er glotzte in die beleuchtete
-Glaskugel des Schusters, bei deren
-grellem Blendlicht der Meister und seine Gesellen,
-auf dem Stra&szlig;enpflaster hockend, arbeiteten.</p>
-
-<p>Die Gassen hinter den beleuchteten K&ouml;pfen
-verschwanden in Gewinkel und Finsternis,
-manchmal geteilt von kleinen Lichtscheinen,
-die aus T&uuml;ren oder Fensterluken auf das
-Pflaster fielen.</p>
-
-<p>Auf der Mauer beim Gartentor meines Gasthauses
-hockten zwei andere Zwerge, die mich
-schweigend und argw&ouml;hnisch, wie zwei aneinanderh&auml;ngende
-Affen, von der Mauerh&ouml;he
-herunter beobachteten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_298">[S. 298]</a></span></p>
-
-<p>Ich war verbl&uuml;fft &uuml;ber die Unzahl von Mi&szlig;geburten
-und auch erm&uuml;det von den neuen
-Reiseeindr&uuml;cken, so da&szlig; ich schweigend vor&uuml;berging
-und nur mit einem Kopfnicken die
-lauten feierlichen Gr&uuml;&szlig;e der Kr&uuml;ppel beantwortete.</p>
-
-<p>Als ich dann in den Garten eingetreten war
-und mich zum Abendessen unter den Mispelbaum
-setzen wollte, unter eine wenig leuchtende
-Petroleumlampe, die in den Zweigen des
-Baumes hing, kam der Wirt zu mir und sagte
-mir, morgen w&uuml;rde das Zimmer neben dem
-meinigen besetzt. Er habe eben mit dem
-Abenddampfschiff einen Brief von einer Russin
-erhalten, die schon voriges Jahr den Herbst
-hier verbracht hatte. Die Dame habe zugleich
-geschrieben, da&szlig; ihr das Portemonnaie unterwegs
-gestohlen worden sei, und der Wirt
-hatte ihr noch mit dem selben Nachtschiff
-Geld nach Desenzano geschickt, wo sie &uuml;bernachten
-wollte.</p>
-
-<p>Ich dachte sofort an eine Nihilistin, denn
-einer wohlhabenden Russin konnte es wohl
-kaum einfallen, dieses weltentlegene Ufernest
-aufzusuchen und hier einen Herbst zuzubringen;
-aber sp&auml;ter h&ouml;rte ich, da&szlig; die Dame
-die Gattin eines Generals war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_299">[S. 299]</a></span></p>
-
-<p>Am n&auml;chsten Tag sa&szlig; ich gegen Mittag
-auf dem Steinbalkon, der gegen den Garten
-hin vor dem E&szlig;zimmer lag, unter dem sich
-die K&uuml;chenhalle befand. Ich schrieb Briefe
-und sa&szlig; ohne Hut, und die Mittagssonne
-brannte auf meinem Kopf.</p>
-
-<p>Als ich mich sp&auml;ter in dem Speisesaal, dessen
-Decke mit bunten mittelalterlichen Malereien,
-Wappen und Blumen bemalt war, zu Tisch
-setzte, sah ich vor der Glast&uuml;re, die auf den
-Korridor f&uuml;hrte, eine kleine &auml;ltere Dame
-stehen, die, w&auml;hrend sie einen Schleier um
-ihren Kopf band, zwischen den Vorh&auml;ngen
-an der Glasscheibe hindurchblinzelte. Dann
-trat sie ein, und der Wirt folgte ihr und stellte
-sie als die russische Dame vor.</p>
-
-<p>Die Generalin hatte kleine, lebhafte, etwas
-belustigt zwinkernde Augen und machte viele
-kleine Bewegungen, die ihr etwas r&uuml;hrend
-Kindliches gaben. Als sie sich vor ihren
-Teller gesetzt hatte, begann sie sogleich mit
-mir eine lebhafte Unterhaltung und erz&auml;hlte
-vom Comosee, von dem sie eben kam, und
-vom italienischen Dichter Fogazzaro, den sie
-dort in seiner Villa besucht hatte.</p>
-
-<p>Sie forderte blindlings Interesse von mir,
-weil sie sich f&uuml;r Fogazzaro und den Comosee
- <span class="pagenum"><a id="Page_300">[S. 300]</a></span>
-interessierte. Aber mein Kopf schmerzte
-mich. Er wurde schwer, als wollte er anschwellen
-wie ein Zwergenkopf, und ich
-f&uuml;hlte bald, da&szlig; ich beim barh&auml;uptigen Sitzen
-in der Mittagsonne einen Sonnenstich bekommen
-hatte.</p>
-
-<p>Es wurde mir grau und wei&szlig; vor den Augen,
-und das ganze Zimmer mit der buntbemalten
-Decke und dem rotsteinernen Fu&szlig;boden kreiselte
-um mich, als w&auml;re es eine russische
-Schaukel.</p>
-
-<p>Ich wollte vom Tisch aufstehen, aber ich
-f&uuml;hlte, da&szlig; ich umfallen w&uuml;rde. W&auml;hrend
-die Russin immer weiter sprach und mir nichts
-anmerkte, wartete ich still ab, bis ich mich
-wieder so stark f&uuml;hlen w&uuml;rde, da&szlig; ich mein
-Zimmer ohne Hilfe erreichen konnte. Ich
-sagte dann der Dame im Fortgehen, da&szlig; ich
-glaubte, ich sei von einem Sonnenstich unwohl
-geworden.</p>
-
-<p>Ich legte mich auf mein Bett und lie&szlig; mir
-Eis bringen. Mir war bei jeder Bewegung
-sehr &uuml;bel. Zugleich begann mich ein heftiges
-Fieber zu sch&uuml;tteln.</p>
-
-<p>Nach einer Weile klopfte es an meiner T&uuml;r,
-und die Russin brachte mir ein gro&szlig;es Senfpflaster,
-das sollte ich auf meinen R&uuml;cken
- <span class="pagenum"><a id="Page_301">[S. 301]</a></span>
-legen. W&auml;hrend sie noch im Zimmer war,
-klopfte es wieder, und ich h&ouml;rte die Stimme
-einer jungen Dame, die drau&szlig;en mit dem
-Dienstm&auml;dchen sprach. Sie sagte, sie h&auml;tte
-im Hotel in Torbole im Fremdenbuch meinen
-Namen gelesen, und es war ihr gesagt
-worden, da&szlig; ich nach Limone gezogen sei.
-Ich erkannte die Stimme einer jungen Bekannten,
-die ich seit einem Jahre nicht gesehen
-hatte. Die Neuangekommene wollte,
-da&szlig; ich ihr Limone zeigen sollte.</p>
-
-<p>Ich lie&szlig; ihr sagen, da&szlig; ich halb im Sterben
-l&auml;ge, und sie m&ouml;chte entweder meinen Tod
-oder meine Genesung abwarten.</p>
-
-<p>Sie lie&szlig; mir darauf zur Antwort geben, da&szlig;
-sie einige Tage im gleichen Gasthaus in Limone
-wohnen bliebe.</p>
-
-<p>Den Sonnenstich im Kopf, ein Senfpflaster
-auf dem R&uuml;cken, einen Eisumschlag auf der
-Stirn und einen Herzchock in der Brust, hervorgebracht
-durch das bevorstehende Wiedersehen
-mit einem seltsamen, reizend sch&ouml;nen
-M&auml;dchen, an das ich lange nicht mehr gedacht
-hatte, &mdash; so lag ich auf meinem Bett
-und mu&szlig;te mich gedulden, bis die Sonne
-untergegangen war und in der k&uuml;hleren Abendluft,
-bei den weit ge&ouml;ffneten Fenstern, der
- <span class="pagenum"><a id="Page_302">[S. 302]</a></span>
-Blutandrang zum Gehirn schw&auml;cher wurde,
-und ich mich allm&auml;hlich wieder gesund werden
-f&uuml;hlte.</p>
-
-<p>Ulrike, die junge Dame, die mich so pl&ouml;tzlich
-besuchte, war Studentin der Chemie, und
-ich kannte sie aus Freiburg, wo sie studierte.
-Sie war eine jener sch&ouml;nen rothaarigen Frauen,
-die jetzt in Deutschland so selten werden.
-Sie hatte jene milchwei&szlig;e Hautfarbe, mit
-leichtem rosa Hauch, die wie eine sanfte Kamelienbl&uuml;te
-unter blauem Himmel leuchtet.</p>
-
-<p>Aber es ging nicht die K&uuml;hle der Bl&uuml;te von
-diesem sch&ouml;nen Gesch&ouml;pf aus. Das leuchtende
-Milchfleisch ihrer Wangen und ihres Nackens
-neben dem dumpfroten Haar war von einer
-leuchtenden L&uuml;sternheit verkl&auml;rt. Man h&auml;tte
-das junge M&auml;dchen nie unverschleiert gehen
-lassen d&uuml;rfen, da ihre Reize so stark waren,
-da&szlig; ihr Gesicht, ihre H&auml;nde und ihr Nacken
-beinahe schamlos wirkten, wie enth&uuml;llte Bl&ouml;&szlig;en.</p>
-
-<p>Im Mittelalter wurden solche verwirrend
-sch&ouml;ne Frauen den Folterknechten als Hexen
-hingegeben, und die M&auml;nnerf&auml;uste schlugen
-mit Wollust Wunden in dieses allzu aufreizende
-Frauenfleisch.</p>
-
-<p>So war Ulrike, die hier pl&ouml;tzlich auftauchte
-in jener Luft, in der ich seit Stunden das
- <span class="pagenum"><a id="Page_303">[S. 303]</a></span>
-Herannahen ereignisschwangerer Augenblicke
-vorausgef&uuml;hlt hatte.</p>
-
-<p>»Was suchen Sie hier?« fragte ich sie hundertmal
-in meinem Herzen, w&auml;hrend meine
-T&uuml;r geschlossen war und ich den Besuch
-noch nicht gesehen hatte. Und Ulrikes Geist
-antwortete mir: »Ich suche Unruhe, Fieber.
-Ich suche, wenn es nicht Gl&uuml;ck sein kann,
-Ungl&uuml;ck, Vernichtung, wie du, wie ihr alle.«</p>
-
-<p>Als ich dann, des Fragens m&uuml;de, ersch&ouml;pft
-eingeschlafen war, weckten mich Mandolinenmusik
-und italienischer Gesang aus dem Garten.</p>
-
-<p>Ich stand auf. Es war Nacht geworden.
-Es mu&szlig;te neun oder zehn Uhr sein. Ich
-f&uuml;hlte mich ganz gesund. Drau&szlig;en auf dem
-See suchte der Scheinwerfer des Wachbootes
-die Berge ab und scho&szlig; ab und zu in den
-Garten unten, wie ein Eindringling, zwischen
-die B&auml;ume, und mir war, als m&uuml;&szlig;te es jedesmal
-einen schrillen Laut in den Bl&auml;ttern geben,
-wenn der Lichtpfeil durch das schlafende Laub
-scho&szlig;, das dann wie Metallschlacken hell und
-dunkel aufgl&auml;nzte.</p>
-
-<p>Wahrscheinlich hatte Ulrike schon den
-ganzen Ort zu Freunden. W&auml;hrend der paar
-Stunden, in denen ich schlief, und in denen
-die Russin, die flie&szlig;end italienisch sprach, sie
- <span class="pagenum"><a id="Page_304">[S. 304]</a></span>
-spazieren f&uuml;hrte, hatte sie, das wu&szlig;te ich
-gewi&szlig;, blendender als jener Lichtstrahl, der
-da ruckweise vom See in den Garten fegte,
-schon alle M&auml;nner des Ortes geblendet.</p>
-
-<p>Als ich im gro&szlig;en steinernen Treppenhause
-von meinem Zimmer in den unteren Stock
-hinabstieg, schallte mir einzig Ulrikes Stimme
-entgegen. Sie hielt einen Vortrag &uuml;ber Politik,
-&uuml;ber die Notwendigkeit, da&szlig; Italien zu Deutschland
-aufschaue, da es von Deutschland viel
-zu lernen h&auml;tte.</p>
-
-<p>Sie sagte in ihrer unverfrorenen norddeutschen
-Art, da&szlig; die Italiener l&uuml;gen, betr&uuml;gen, da&szlig; sie
-falsch seien und faul, kurz, sie sagte alle
-diese ungerechten Ausspr&uuml;che, die unwissende
-Deutsche immer schnell bereit haben, wenn
-&uuml;ber Italien geredet wird.</p>
-
-<p>Ulrike erlaubte sich, da sie immer nur anbetenden
-M&auml;nneraugen begegnete, alles das
-in die Luft zu schreien, was man bei einigem
-&Uuml;berlegen taktvoll zu verschweigen hat. Aber
-wahrscheinlich reizte es sie, da&szlig; alle M&auml;nner
-Honig aus ihrer Sch&ouml;nheit sogen, und sie wollte
-Widerspr&uuml;che erwecken. Denn da ihr Gesicht
-S&uuml;&szlig;e austeilte, wollte ihre Seele Bitternisse in die
-Seelen der anderen tr&auml;ufeln, damit nicht das
-Leben um sie vor lauter Anbetung verstummte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_305">[S. 305]</a></span></p>
-
-<p>Ich stand im halbd&auml;mmerigen Hausflur und
-beobachtete durch die offenstehende Haust&uuml;re
-die Gesellschaft im tiefer gelegenen Garten,
-die dort an einem l&auml;nglichen Tisch unter
-dem Mispelbaum sa&szlig;, mit der H&auml;ngelampe
-&uuml;ber den K&ouml;pfen und vom wei&szlig;en Tischtuch
-beleuchtet.</p>
-
-<p>An der Spitze des Tisches sa&szlig; wie eine
-immer bewegte, surrende, graue Spindel die
-silberhaarige Generalin, in M&auml;ntel, Schals
-und Reisedecken eingemummt; und nur ihr
-kleines, blasses Gesicht mit dem einen geschlossenen
-Auge und mit dem andern zwinkernden
-Auge sah belustigt und mit sich
-selbst vergn&uuml;gt von einem zum andern.</p>
-
-<p>Neben ihr an der Tischecke auf einem Stuhl,
-den sie hint&uuml;ber hin und her bewegte, schaukelte
-mit &uuml;bereinandergeschlagenen Beinen
-Ulrike und hielt sich dabei mit der einen
-Hand an der Lehne des Stuhles der Russin
-fest.</p>
-
-<p>An derselben L&auml;ngsseite des Tisches, nicht
-weit von ihr, sa&szlig;en zwei junge M&auml;nner. Der
-eine war ein blasser italienischer Student, auf
-seine Art ebenso sch&ouml;n wie Ulrike. Er war
-aber eine jener altmodisch schmachtenden
-J&uuml;nglingssch&ouml;nheiten, wie man sie bei jungen
- <span class="pagenum"><a id="Page_306">[S. 306]</a></span>
-Heiligen auf glasgemalten italienischen Kirchenbildern
-des zw&ouml;lften und dreizehnten
-Jahrhunderts findet. Ein elastischer J&uuml;nglingsk&ouml;rper,
-von einem schw&auml;rmerischen Geist
-wie von einer blauen Flamme durchwallt. An
-ihm war nichts von der durch Sport und Gedankenzucht
-straffen Jungem&auml;nnersch&ouml;nheit,
-die jetzt im n&ouml;rdlichen Europa den altmodischen,
-altchristlichen Sch&ouml;nheitstypus verdr&auml;ngt.</p>
-
-<p>Es war r&uuml;hrend zu sehen, wie der junge,
-schwarzgekleidete, schmale Mensch jetzt eben
-ein Lied zu singen anhob, einen gew&ouml;hnlichen
-italienischen Gassenhauer, den er sicher noch
-nie in anst&auml;ndiger Gesellschaft gesungen hatte,
-und den er mit einer einf&auml;ltigen Andacht vortrug,
-als handele es sich um eine Heldensage.
-Und dies alles nur deshalb, weil Ulrike den
-jungen Mann bereits entgeistert hatte. In
-seinem Herzen sang er sicher ein hohes Lied
-festlicher Liebesanbetung vor ihr. Davon trug
-sein Gesicht den and&auml;chtigen Ausdruck. Aber
-sein Mund mu&szlig;te einen Gassenhauer hinsingen,
-weil die ungeduldige Ulrike nur
-Stra&szlig;enkunst h&ouml;ren wollte.</p>
-
-<p>Neben dem jetzt singenden Studenten spielte
-ein anderer junger Mann eine Mandoline, die
- <span class="pagenum"><a id="Page_307">[S. 307]</a></span>
-er auf dem einen Knie hielt, bei der er tief
-geb&uuml;ckt sa&szlig;, und deren Saiten er so innig
-z&auml;rtlich zupfte, als w&auml;ren sie aus dem verf&uuml;hrerischen
-roten Haar der jungen Deutschen
-gesponnen. Denn Ulrike machte sein allt&auml;gliches,
-reizloses Gesicht blutrot aufleuchten,
-wenn er zuf&auml;llig beim Mandolinenspiel zu
-ihr hin&uuml;bersah.</p>
-
-<p>Der Spieler hatte grobe H&auml;nde, die tags&uuml;ber
-in einem Drogenladen im Ort, der ihm
-geh&ouml;rte, Lein&ouml;l und Petroleum in Kr&uuml;ge f&uuml;llte
-und Farbstoffe auf einer Wagschale wog,
-wovon seine N&auml;gelr&auml;nder noch bl&auml;ulich, r&ouml;tlich
-und gelblich schimmerten. Er schlug
-trotz aller Innigkeit grob und derb die
-Saiten. Er war nicht viel &auml;lter als der Student,
-aber er tat laut erz&auml;hlend sich etwas
-darauf zugut, bereister zu sein als jener, und
-er versuchte, aus Notwehr gegen Ulrikes auffallendes
-verf&uuml;hrerisches Frauenfleisch, sich
-mit einer Grobheit zu panzern, die ihn kaltbl&uuml;tig
-erscheinen lassen sollte.</p>
-
-<p>Ich hatte geh&ouml;rt, wie er vorhin, kurz ehe
-das Lied anhob, Ulrike ins Gesicht gesagt
-hatte, er hasse alle &Ouml;sterreicher, und er gab
-an, da&szlig; jene die Eigenschaften h&auml;tten, die die
-Deutschen den Italienern zuschieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_308">[S. 308]</a></span></p>
-
-<p>Ulrike war keine &Ouml;sterreicherin. Darum
-h&ouml;rte sie auf seinen Ha&szlig; gar nicht hin, sondern
-forderte ein neues Lied. Sie wu&szlig;te wahrscheinlich
-auch, da&szlig; ihre wei&szlig;e Hand, die
-sich an die Stuhllehne der Russin hielt, aufmerksam,
-ebenso wie ihr Nacken, von einem
-Zolloffizier beobachtet wurde, der hinter ihr
-an einem kleinen, runden gedeckten Tisch
-sa&szlig;, wo er zu Abend gespeist hatte, und wo
-er jetzt seinen Kaffee trank, mit einer Zeitung
-rasselte und seine Zigarette rauchte.</p>
-
-<p>Vor dem Offizier brannte ein Windlicht
-auf dem Tisch, sein Lichtkreis traf noch Ulrikes
-roten Haarknoten und ihren wei&szlig;en
-Nacken, dessen Biegung sich dem Offizier
-hinhielt, als wollte dieser Nacken gestreichelt
-und gek&uuml;&szlig;t werden.</p>
-
-<p>Am Stamm des Mispelbaumes lehnte der
-junge Wirt mit seinem langen, schmalen Tiergesicht.
-Seine Augen schienen ganz verbl&ouml;det
-zu sein vom langen Hinstieren auf Ulrike.
-Er stand dort ziemlich unbemerkt im Schatten
-und war nur von den Knien abw&auml;rts beleuchtet.</p>
-
-<p>&Uuml;ber ihm im weiten Ge&auml;st des schlangenartig
-geformten Baumes kauerten die Hauskatzen.
-Es hockten dort drei, vier Katzen
- <span class="pagenum"><a id="Page_309">[S. 309]</a></span>
-und Kater wie buckelige Ausw&uuml;chse auf den
-glatten, ausgestreckten &Auml;sten, und manchmal
-jagte ein Tier das andere, und sie flohen
-h&ouml;her in die dunkle Laubkrone. Dann sah
-Ulrike hinauf und rief: »Miau«. Gleich standen
-die Katzen still und kauerten sich nieder,
-denn der Katzenlaut, den das junge M&auml;dchen
-rief, war verbl&uuml;ffend naturgetreu.</p>
-
-<p>Von meinem erh&ouml;hten Standpunkt im Hausflur
-sah ich auch ein St&uuml;ck vom Gittertor
-neben der Gartenmauer, und dort kauerten,
-aufgereiht wie K&uuml;rbisse zum Trocknen, die
-mumienhaften, gro&szlig;gesichtigen K&ouml;pfe jener
-Zwerge, denen ich vorher auf der Stra&szlig;e begegnet
-war.</p>
-
-<p>Die Zwerge entdeckte ich aber erst, als der
-Scheinwerfer vom See f&uuml;r Augenblicke seinen
-Lichtstrahl in die Gartentiefe hereinwarf.</p>
-
-<p>Da&szlig; hier ein Ungl&uuml;ck wucherte und in
-irgendeiner Gestalt aufstehen w&uuml;rde, f&uuml;hlte ich
-an der seltsamen Gruppierung der Menschen,
-der Tiere und der Dinge, die alle von dem
-magnetischen Wesen Ulrikes angezogen waren.
-Die Spannung und die Unsicherheit, die diese
-junge Dame um sich verbreitete, machte, da&szlig;
-alles, was im Garten anwesend war, wie auf einer
-d&uuml;nnen Eisfl&auml;che lebte, die jeden Augenblick
- <span class="pagenum"><a id="Page_310">[S. 310]</a></span>
-irgendwo einbrechen und irgendeinem der
-Anwesenden t&ouml;dlich verh&auml;ngnisvoll werden
-konnte. Aber sie schienen alle das Ungl&uuml;ck
-begierig zu suchen.</p>
-
-<p>Ich trat jetzt vom Haus hinaus auf die
-Treppe, die zum Garten hinunterf&uuml;hrte. Bei
-meinem Schritt sah ich niemand als Ulrike an.
-Aber sie schien sich nicht klarmachen zu
-k&ouml;nnen, von welcher Seite das Ger&auml;usch der
-Schritte kam, und so sah sie zuerst unwillk&uuml;rlich
-nach dem Gartentor und der Gartenmauer.
-Im selben Augenblick erhellte ein
-neuer Lichtstrahl des Scheinwerfers die K&ouml;pfe
-der ungeheuerlichen Mi&szlig;gestalten der Zwerge,
-die dort lauschten.</p>
-
-<p>Ulrike schnellt empor, l&auml;uft von ihrem Stuhl
-fort und schl&auml;gt unter der Mauer ein fr&ouml;hliches
-und fast kindliches Gel&auml;chter auf, aber
-wendet den Kopf nach mir, und nachdem sie
-den Zwergen ein sp&ouml;ttisches »Guten Abend«
-zugerufen, kommt sie zu mir gelaufen und begr&uuml;&szlig;t
-mich in ihrer sprudelnden Sprechweise.</p>
-
-<p>»Welchen abenteuerlichen Ort haben Sie
-da aufgesucht!« rief sie mir zu. »Welch ein
-Talent Sie haben, schauerliche Szenerien zu
-entdecken!« Und mit einer Geste, mit einer
-stummen, aber h&ouml;hnenden Geste, deutet sie
- <span class="pagenum"><a id="Page_311">[S. 311]</a></span>
-&uuml;ber den and&auml;chtig singenden Studenten, &uuml;ber
-den Baum, in dem die Katzen sprangen, und
-nach dem Gartentor, wo jetzt die Zwerge im
-Dunkel beieinander hockten, und auf den
-Scheinwerfer, der jetzt hoch im Himmel den
-Monte Alto grell aufhellte.</p>
-
-<p>Sie hatte recht. Wo sang man sonst Gassenhauer
-wie Kirchenlieder, w&auml;hrend Katzen in
-den B&auml;umen buhlten, Zwergk&ouml;pfe auf der
-Mauer wuchsen und dazu ein irrsinnig wandernder
-Lichtstrahl aus dem Dunkel Berge
-vom Himmel fallen lie&szlig;.</p>
-
-<p>An diesem Abend geschah nichts weiter,
-er war nur der Auftakt f&uuml;r die n&auml;chsten Ereignisse.
-Der Student lud, als er und sein
-Freund, der Drogenh&auml;ndler, aufbrachen, Ulrike
-und mich zum n&auml;chsten Morgen in den
-Weingarten seines Freundes ein, wo beide
-t&auml;glich mit Leimruten Singv&ouml;gel einfingen, da
-die Zeit des Durchzuges der nordischen Singv&ouml;gel
-war. Aber auch der Zolloffizier lie&szlig;
-uns durch den Wirt sagen, wenn wir das
-Scheinwerferboot nachts besuchen wollten,
-sollten wir es ihn wissen lassen.</p>
-
-<p>Die Zwerge aber stie&szlig;en kreischende Pfiffe
-aus und riefen zur Verabschiedung Ulrike ein
-geheultes »Guten Abend« zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_312">[S. 312]</a></span></p>
-
-<p>Ulrike war m&uuml;de und zog sich schon bald
-auf ihr Zimmer zur&uuml;ck, nachdem wir nur
-noch ein wenig geplaudert hatten. Ich blieb
-bei der Russin sitzen, die aus ihren Schals
-und M&auml;nteln wie aus einer gepolsterten Loge
-hervorsah, von der aus sie den Anfang eines
-Dramas gespannt verfolgte.</p>
-
-<p>»Sie ist f&uuml;r die M&auml;nner, was der Baldrian
-f&uuml;r die Katzen ist«, sagte die Russin, als Ulrike
-gegangen war. Sie wiegte sich in ihren
-Decken. »Welch eine Sippe hat sich hier
-zusammengefunden! Wo ich hinkomme, ist
-aber auch immer etwas Unheimliches los. So
-war es immer, so lange ich lebe. Zwar brechen
-durch mich nicht Ereignisse herein. Aber
-ich habe eine im Blut liegende Witterung f&uuml;r
-aufregende Zeiten, Menschen und Gegenden,
-und werde wahrscheinlich unsichtbar angezogen
-von Zust&auml;nden, bei denen eine gewisse
-Spannung in der Luft liegt.</p>
-
-<p>Als Sie heute bei Tisch so bla&szlig; wurden
-und den Sonnenstich f&uuml;hlten, dachte ich bei
-mir: Da bist du ja gerade recht gekommen,
-um gleich ein Ungl&uuml;ck vorzufinden und helfen
-zu k&ouml;nnen. In den meisten F&auml;llen aber kann
-ich nicht helfen. Da mu&szlig; ich nur Zuschauer
-sein und mu&szlig; froh sein, wenn ich nicht selbst
- <span class="pagenum"><a id="Page_313">[S. 313]</a></span>
-dabei den Kopf verliere. Denn sehen Sie,
-einen leichten Schlaganfall habe ich schon
-einmal gehabt. Den erhielt ich infolge eines
-Schreckens, als ich Mann, Kind und Verm&ouml;gen
-in einem Augenblick verlor.«</p>
-
-<p>Und dann erz&auml;hlte die russische Dame mir
-ihr Leben. Sie stammte von deutschen Eltern,
-war aber in Ru&szlig;land geboren und hatte einen
-Russen geheiratet. Ihr Mann war Leutnant,
-als sie Hochzeit machten. Aber sie waren nur
-wenige Wochen verm&auml;hlt gewesen, da brach
-der Krimkrieg aus, und die junge Frau wu&szlig;te,
-da&szlig; ihr Mann fort von ihrer Seite in den
-Krieg und vielleicht in den Tod ziehen mu&szlig;te.</p>
-
-<p>Sie machte sich auf, besuchte seinen General
-und bat ihn, da&szlig; sie als Krankenschwester
-dem Regiment ihres Mannes folgen d&uuml;rfte.
-Das wurde ihr gew&auml;hrt.</p>
-
-<p>Ihren Mann, der in den Schlachten war, sah
-sie nat&uuml;rlich nur selten, und wenn sie mit den
-anderen Rotekreuzschwestern nach den K&auml;mpfen
-die Verwundeten in den Feldern aufsuchte,
-dann zitterte ihr Herz jedesmal, wenn sie
-einem am Boden Liegenden den Kopf umwendete
-und das Gesicht zu sehen suchte,
-denn sie vermeinte immer, ihren Mann zu
-finden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_314">[S. 314]</a></span></p>
-
-<p>Und eines Tages wurde sie auch zu ihm
-gerufen. Er lag verwundet in einem Schanzgraben.
-Nur sein Bursche war bei ihm. Die
-junge Frau brachte wochenlang in dem
-Schanzloch zu und h&uuml;tete und pflegte ihren
-Mann.</p>
-
-<p>Von dieser Kriegszeit her, die sie bei Blut,
-Grausen und &Auml;ngsten auf schmerzdurchkreischten
-Schlachtfeldern durchgemacht hatte,
-war ihr ein schwaches Herz geblieben.</p>
-
-<p>Nach vielen Jahren, als sie schon einen
-gro&szlig;en Sohn, einen h&uuml;bschen Knaben hatte,
-traf sie aber ein viel schlimmeres Weh, als
-jener Krieg ihr antun konnte. Ihr Knabe
-wurde am Meer von einer Dampferlandungsbr&uuml;cke
-durch eine Sturmwelle ins Wasser gerissen,
-und ihr Mann sprang rasch entschlossen
-hinter seinem Kinde her, um es zu retten.
-Aber das Meer gab sie nicht mehr zur&uuml;ck.
-Beide ertranken. Au&szlig;erdem hatte der General
-gerade an diesem Tage seine Wertpapiere,
-die er auf eine Bank bringen sollte, in der
-Brusttasche. So waren der Russin in einer
-Sekunde Mann, Sohn und Verm&ouml;gen entrissen
-worden.</p>
-
-<p>Seit jener Zeit beobachtete sie, da&szlig; sie
-einen Instinkt f&uuml;r Ungl&uuml;ck hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_315">[S. 315]</a></span></p>
-
-<p>Als sie zum erstenmal zum italienischen
-Schriftsteller Fogazzaro kam, war diesem eben
-sein Kind ertrunken. Als sie vor Jahren zum
-erstenmal an den Gardasee kam, geschah dort
-das gr&ouml;&szlig;te Ungl&uuml;ck, das der See je erlebt
-hatte. Durch Platzen des Dampfkessels eines
-Vergn&uuml;gungsdampfers verloren Hunderte von
-Menschen ihr Leben. Und so wu&szlig;te sie
-noch viele F&auml;lle zu berichten. Und sie
-war gar nicht verwundert, als ich heute den
-Sonnenstich erlitt. Sie hatte immer eine ganze
-Hausapotheke bei sich, da sie ja die Begleiterin
-hundertfacher Ungl&uuml;cke gewesen war.</p>
-
-<p>»Es ist besser,« sagte ich ihr, »wenn Ulrike
-bald wieder abreist. Der junge Student ist
-schon ganz bla&szlig; verliebt in sie und sieht
-krank aus, als ob er in ihrer N&auml;he ein bet&auml;ubendes
-Gas eingeatmet h&auml;tte. Und die andern,
-der Offizier und der Drogist, stolpern
-&uuml;ber ihre eigenen Beine vor Verwirrtheit,
-wenn sie sich vor der sch&ouml;nen Ulrike verbeugen
-sollen. Sie wird auch noch die Zwerge
-und die Katzen in sich vernarrt machen, die
-Berge werden umfallen wollen, um zu ihr zu
-kommen, und der See wird wandern wollen,
-um ihr nachzulaufen.«</p>
-
-<p>»Daran ist nichts zu &auml;ndern,« sagte die
- <span class="pagenum"><a id="Page_316">[S. 316]</a></span>
-Russin. »Es kann sogar sein, da&szlig; wir auch
-Schaden nehmen dabei. Denn wo ein Ungl&uuml;ckswirbel
-einsetzt, rei&szlig;t er auch Fernstehende
-um. Heute, als Sie schliefen und oben
-in Ihrem Zimmer krank lagen, spielte Ulrike
-Boccia hier im Garten mit den italienischen
-Zollsoldaten. Die M&auml;nner bekamen fast eine
-Schl&auml;gerei, denn jeder wollte ihr zuerst den
-Ball zureichen d&uuml;rfen. Und auf der Stra&szlig;e,
-als Ulrike einem Zwerg eine Zigarette schenkte,
-entri&szlig; der andere Zwerg dem ersten das Geschenk
-und verbarg die Zigarette an seinem
-Herzen. Der Beraubte zog dann sein Taschenmesser
-und wollte auf den Rivalen losstechen.
-Der aber zog auch ein Messer und stach wieder
-zur&uuml;ck. Und wenn die Soldaten die beiden
-Kr&uuml;ppel nicht getrennt h&auml;tten, w&uuml;rden sie sich
-in St&uuml;cke zerschnitten haben. Ich bin gespannt,
-wie es morgen wird«, setzte die Russin
-hinzu. »Der Wirt, der B&uuml;rgermeister, hat mir
-heute schon gesagt, er wolle sich eine deutsche
-Grammatik anschaffen, damit er Fr&auml;ulein Ulrike
-schreiben k&ouml;nne, wenn sie wieder in
-Deutschland sein w&uuml;rde. Und im Winter
-wollte er dann eine Reise nach Deutschland
-machen. Alle sind in Ulrike vernarrt wie
-die Fliegen in ein St&uuml;ck Zucker. Sie hat
- <span class="pagenum"><a id="Page_317">[S. 317]</a></span>
-wie ein roter Blitz hier in den Ort eingeschlagen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am n&auml;chsten Morgen fr&uuml;h, als die Wiesen
-am See und ihre gelben Dotterblumen noch
-taufeucht waren, stand ich am Fenster, kurz
-nachdem das erste Dampfschiff getutet hatte.
-Da h&ouml;rte ich, da&szlig; im Garten unten Neuangekommene
-nach Zimmern fragten. Es war
-jetzt Anfang September, und der Wirt hier
-hatte im September doch einige immer wiederkehrende
-G&auml;ste in seinem Hause, denn der
-Herbst ist die Jahreszeit, in der auch jeder
-entlegenste Winkel des Gardasees von Naturschw&auml;rmern
-aufgesucht wird.</p>
-
-<p>Als ich mich rasiert hatte, sah ich wieder
-vom Fenster hinunter in den Garten, und da
-sa&szlig; eine seltsame Gesellschaft um einen Tisch
-auf dem weiten Steinbalkon, auf dem ich mir
-gestern den Sonnenstich geholt hatte. Zwei
-Vettern des Wirtes, die ein paar h&uuml;bsche
-Fischerburschen waren, hatten ein Ehepaar an
-einen Tisch geleitet. Sie setzten sich soeben
-alle nieder. Ein &auml;lterer Mann von f&uuml;nfzig
-Jahren und eine drei&szlig;igj&auml;hrige Frau.</p>
-
-<p>Der Mann schien nicht ganz bei Verstand
- <span class="pagenum"><a id="Page_318">[S. 318]</a></span>
-zu sein. Ich sah ihm zu, wie er Dutzende
-von Chenille&auml;ffchen verschiedener Gr&ouml;&szlig;en aus
-einer Handtasche auspackte und zu gleicher
-Zeit kleine B&auml;ndchen und F&auml;hnchen. Und
-nun begannen die Burschen, die Frau und
-der Mann, die Affenpuppen mit B&auml;ndern zu
-schm&uuml;cken, und alle vier spielten kindisch mit
-ihnen und kitzelten sich gegenseitig am Gesicht
-und am Hals mit den &Auml;ffchen. Dabei
-hatte der Mann ein katholisches Trakt&auml;tchen,
-eine gedruckte Zeitschrift, neben sich liegen,
-in welcher Heilige abgebildet waren, aus
-welcher er gern ab und zu Erbauungsgebete
-vorlas.</p>
-
-<p>Ich hatte bereits von Annunziata, dem
-Dienstm&auml;dchen, geh&ouml;rt, da&szlig; ein ganz verr&uuml;cktes
-Ehepaar erwartet w&uuml;rde. Das M&auml;dchen
-war nicht sehr erbaut von seiner Ankunft,
-denn die Frau, sagte sie, w&auml;re verliebt in die
-beiden Fischerburschen, denen sie im Winter,
-und &uuml;berhaupt vom Tag ihrer Abreise an bis
-zu ihrer Wiederkunft, fast t&auml;glich die z&auml;rtlichsten
-Briefe schriebe. Aber Annunziata
-selbst liebte den einen Burschen und fand es
-abscheulich, da&szlig;, so lange das Ehepaar im
-Gasthaus wohnte, sie auf ihre Liebe verzichten
-sollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_319">[S. 319]</a></span></p>
-
-<p>Ich hatte in meinem Leben vorher nie etwas
-Widerlicheres gesehen, als diesen mageren, bebrillten,
-greisenhaften, kichernden Mann und
-seine schwammige, &uuml;bel aufgeputzte Frau. Sie
-lehnte mit ihrem Kinn auf ihrem &uuml;ppigen
-Busen, der in eine Seidenbluse eingespannt
-war, und er grinste &uuml;ber seine schmale Hakennase
-und &uuml;ber die Brillenr&auml;nder zu den Burschen
-hin, wenn seine Frau die Burschen mit
-den Chenille&auml;ffchen hinter die offenen Hemdkragen
-kitzelte.</p>
-
-<p>Der eine Bursche hielt einen Leierkasten
-unter dem Arm, in welchen Platten eingelegt
-wurden, und auf dem man wahrscheinlich bald
-Musik machen wollte.</p>
-
-<p>Der Wirt hatte mir erz&auml;hlt, das Ehepaar
-habe eine Seidenblumenfabrik in Norddeutschland.</p>
-
-<p>Ich sah mit einem Blick: wenn der Leierkasten
-spielen und die Chenilleaffen tanzen w&uuml;rden,
-wenn die Zwerge, die Marinesoldaten, der
-Student, der Drogist, der Zolloffizier sich untereinander
-Duelle w&uuml;nschen und die Russin wie
-eine Unke neues Ungl&uuml;ck prophezeien w&uuml;rde,
-w&auml;re meines Bleibens hier nicht lange, und ich
-w&uuml;rde bald von diesem Ort fortfl&uuml;chten m&uuml;ssen.
-Das w&auml;re vielleicht das einzige Ungl&uuml;ck, das
- <span class="pagenum"><a id="Page_320">[S. 320]</a></span>
-mir passieren k&ouml;nnte. Denn ich hatte ein
-keimendes Abenteuer im Herzen, von dem
-ich mich nicht gern eher getrennt h&auml;tte, als
-bis es erlebt war.</p>
-
-<p>Das Haus, in welchem sich der Gasthof
-befand, war halbiert. Der vorige Besitzer
-hatte das Anwesen in zwei H&auml;lften verkaufen
-m&uuml;ssen. In der Mitte waren durch das
-Haus, durch die Prunks&auml;le, W&auml;nde durchgezogen
-worden. Dahinter in der zweiten
-H&auml;lfte hauste jetzt der einzige Brieftr&auml;ger des
-Ortes mit einer Unzahl von Kindern. Auf
-dem Balkon aber hielt seine &auml;lteste Tochter,
-eine bleiche Italienerin, jeden Morgen N&auml;hstunden
-ab f&uuml;r ihre j&uuml;ngeren Geschwister und
-ihre Freundinnen. Im Saal, neben meinem
-Zimmer, wo, dem Schall nach zu urteilen, sich
-kein einziges M&ouml;belst&uuml;ck befand als ein alter
-Fl&uuml;gel, lie&szlig; der Brieftr&auml;ger den ganzen Tag
-seine H&auml;nde galoppieren und braute Melodien,
-zu denen die Geister aller Komponisten Europas
-zitiert wurden.</p>
-
-<p>Niemals war mir vorher ein so entsetzlich
-musikalischer Brieftr&auml;ger begegnet. Er hatte
-nur dreimal am Tage, wenn die Dampfschiffe
-kamen, Post auszutragen, und diese Boteng&auml;nge
-waren nur kurz; da die Gassen des
- <span class="pagenum"><a id="Page_321">[S. 321]</a></span>
-kleinen Ortes kurz waren und die Leute hier
-nur wenig mit der Au&szlig;enwelt in Verbindung
-standen, so blieb ihm viel Zeit zum rasenden
-Spiel.</p>
-
-<p>Die Frau des Brieftr&auml;gers war bei der Geburt
-des letzten Kindes gestorben, und die
-zwanzigj&auml;hrige Tochter mu&szlig;te die zw&ouml;lf j&uuml;ngeren
-Geschwister erziehen. Der Vater aber wies,
-so sagte man, jedem Freier, der, angelockt
-von der Madonnensch&ouml;nheit der Zwanzigj&auml;hrigen,
-sich &uuml;ber die Schwelle wagen wollte,
-br&uuml;sk die T&uuml;r.</p>
-
-<p>»Sie hat Pflichten,« rief er jedem mit italienischem
-Pathos zu, »Pflichten gegen ihren
-Vater und ihre zw&ouml;lf Schwestern, und ich erw&uuml;rge
-den mit meinen zehn Fingern, der es
-wagen sollte, meine Tochter diesen ihren
-Pflichten abspenstig zu machen.«</p>
-
-<p>Er selbst aber schien keine anderen Pflichten
-f&uuml;r seine Familie zu f&uuml;hlen als die, das mutterlose
-leere Haus mit seinem Klavierget&ouml;se anzuf&uuml;llen.
-Er kam sich gewi&szlig; wie ein Ritter
-der Musik vor. Die adligen R&auml;ume, die er
-zuf&auml;llig, mit seiner ganzen &Auml;rmlichkeit, bewohnen
-mu&szlig;te, schienen es ihm angetan zu
-haben. Die altitalienischen Wappen an den
-Decken, die griechischen G&ouml;tter, die dort auf
- <span class="pagenum"><a id="Page_322">[S. 322]</a></span>
-abendroten Wolken sa&szlig;en, grell hingemalt in
-Perspektiven an den Deckenkalk, so da&szlig; der
-arme Brieftr&auml;ger kein ruhiges Dach &uuml;ber seinem
-Sch&auml;del hatte, der gemalte Regenbogen
-&uuml;ber seinem Kopf, auf dem die neun Musen
-samt Apollo sa&szlig;en und ihre wohlgeformten
-nackten Beine &uuml;ber den alten Klavierkasten
-herunterh&auml;ngen lie&szlig;en, &mdash; das alles schien den
-Mann in Ekstasen zu versetzen, die ihn f&auml;hig
-machten, stundenlang bei Trillern und L&auml;ufen
-am Tastenwerk auszuhalten. Dazwischen
-stie&szlig; er gegen seine Kinder Fl&uuml;che und Drohungen
-aus, die von Blut und Mordgedanken
-trieften.</p>
-
-<p>Ich h&ouml;rte t&auml;glich den Musikl&auml;rm und seine
-fluchende Stimme nah wie durch eine Papierwand.
-Im Treppenhaus war eine verriegelte
-Verbindungst&uuml;r zwischen den zwei Haush&auml;lften.
-Diese stand einmal zuf&auml;llig offen, und
-ich hatte einen Augenblick im Vor&uuml;bergehen
-den schrecklich bunten Apollosaal f&uuml;r einige
-Sekunden bewundern k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Die Tochter des Musikgespenstes gr&uuml;&szlig;te
-&ouml;fters mit einem leisen L&auml;cheln im Gesicht
-zu mir her&uuml;ber, wenn ich ans Fenster trat,
-indessen ihr Vater drinnen fluchte oder musizierte.
-Dieser Gru&szlig; war, als wollte sie um
- <span class="pagenum"><a id="Page_323">[S. 323]</a></span>
-Vergebung bitten f&uuml;r den unaufh&ouml;rlichen
-L&auml;rm, an dem sie sich doch schuldlos f&uuml;hlte.</p>
-
-<p>Ich hatte mir den Spa&szlig; gemacht und manchmal
-den Kindern dr&uuml;ben in Stanniol gewickelte
-Schokoladest&uuml;ckchen zugeworfen. Nun kannten
-sie mich alle und sahen erwartungsvoll
-nach mir, wie kleine V&ouml;gel, die man vom
-Fenster aus f&uuml;ttert.</p>
-
-<p>Am letzten Nachmittag war ich der &auml;ltesten
-Tochter begegnet, am Seeufer, das hart vor
-dem Garten lag. Sie stand bei den Weibern,
-die dort am Wasser knieten und wuschen,
-und sie hatte einige ihrer Geschwister um sich
-und n&auml;hte wie immer, &mdash; sie n&auml;hte auch, w&auml;hrend
-sie spazieren ging. Aber mit den Weibern
-am Ufer W&auml;sche waschen, das durfte
-sie nicht. Das w&auml;re zu erniedrigend gewesen
-f&uuml;r die Tochter des wichtigen Staatsbeamten,
-f&uuml;r den sich der Brieftr&auml;ger hielt.</p>
-
-<p>Bei dieser Begegnung war mir der Gedanke
-gekommen, das sch&ouml;ne Gesch&ouml;pf zu fragen,
-ob sie nicht in der Mondnacht mit mir eine
-kleine Kahnfahrt auf dem See machen wollte.
-Aber der Wind rauschte in den gro&szlig;en Silberpappeln
-am Ufer, und ich h&auml;tte laut schreien
-m&uuml;ssen, um diese Frage zu stellen, und die
-waschenden Weiber h&auml;tten dann ihre K&ouml;pfe
- <span class="pagenum"><a id="Page_324">[S. 324]</a></span>
-gewendet und gro&szlig;e Augen gemacht. Darum
-unterdr&uuml;ckte ich den Wunsch, der auch nicht
-heftig genug war, um sich gegen alle Widerst&auml;nde
-durchzusetzen.</p>
-
-<p>Aber heute abend, wenn Ulrike auf das
-Scheinwerferboot gehen w&uuml;rde, vom Zolloffizier
-eingeladen und vom singenden Studenten und
-dem die Gitarre spielenden Drogisten begleitet,
-dann wollte ich, dem Brieftr&auml;ger zum
-Trotz, das sch&ouml;ne M&auml;dchen zu einer Nacht-
-und Nebelfahrt auffordern.</p>
-
-<p>W&auml;hrend ich noch dieses tr&auml;umte, erschien
-unten im Garten Ulrikes roter Kopf und stand
-gegen den blauen See wie eine gro&szlig;e dunkelrote
-Geranienbl&uuml;te. Sie beschattete mit den
-immer lebendigen Fingern ihre Augen, sah
-zu mir herauf und rief mir zu, sie sei fertig
-angekleidet, um mit mir in jenen Weingarten
-der Italiener zu gehen, wo die Leimruten f&uuml;r
-den Vogelfang aufgestellt w&auml;ren.</p>
-
-<p>Jetzt im Morgen schien mir Ulrike nicht
-mehr wie der Brennpunkt alles Lebenden zu
-sein. Wohl stand sie rotleuchtend im Garten,
-aber ihr helles Gesicht und ihre H&auml;nde
-blitzten k&uuml;hl und blank wie die Seewellen
-drau&szlig;en. Und es fiel mir auf, da&szlig; ihre Sch&ouml;nheit,
-beim starken Tageslicht besehen, beim
- <span class="pagenum"><a id="Page_325">[S. 325]</a></span>
-frischen Morgenwellenschlag des Sees, unterm
-unendlichen silberblauen Morgenhimmel, bei
-dem die m&auml;chtigen Berge wie alte tausendj&auml;hrige
-Propheten sa&szlig;en, eigentlich nicht mehr
-Kraft ausstrahlte als die silberne Flaumfeder
-einer Seem&ouml;we, die zwischen ihr und mir jetzt
-eben in der Gartenluft vor&uuml;berschwebte.</p>
-
-<p>Freilich, gestern in der Rembrandtbeleuchtung
-des n&auml;chtlichen Gartens, wo die Welt
-rundum schwarz ausgel&ouml;scht war, lebte ihr
-wei&szlig;es Fleisch magnetisch im Kreis der M&auml;nner.
-Und heute Abend, das wu&szlig;te ich, w&uuml;rde es
-wieder mit gleicher Kraft seine Anziehung
-ausstrahlen. Der Tag aber wollte Gegenwart,
-lebende Wirklichkeit. Die Nacht nur ist
-wie von Vergangenheit ausgef&uuml;llt, und alle
-Dinge wachsen dann in Jahrtausende zur&uuml;ck,
-machen eine R&uuml;ckentwickelung durch, vergr&ouml;&szlig;ern
-sich im Finstern und nehmen Gestalten
-der Urzeit an, Gestalten vors&uuml;ndflutlicher,
-ausgestorbener Geschlechter. Es ist, als w&uuml;rden
-dann in der Finsternis jene Formen wieder
-lebendig, von denen wir Menschen nur
-Ahnungen aus den Gesteinschichten bekommen,
-wenn wir die Abdr&uuml;cke versunkener Riesengeschlechter,
-gigantischer Farren und gigantischer
-Amphibien finden, &mdash; Gestalten, von denen wir
- <span class="pagenum"><a id="Page_326">[S. 326]</a></span>
-kaum feststellen k&ouml;nnen, ob sie dem Luft-,
-dem Erd- oder dem Wasserreich angeh&ouml;rten.</p>
-
-<p>Von solch ungewissen, grauenhaften Ungeheuern
-schien mir der Garten gestern Abend
-angef&uuml;llt gewesen zu sein. Jeder war da im
-Dunkeln &uuml;ber sich hinausgewachsen, die Menschen,
-die Zwerge, die Musik, die Lampe, der
-Mispelbaum, die Katzen und die vom Scheinwerfer
-ruckweise belichtete Seelandschaft.</p>
-
-<p>Harmlos war das alles jetzt am Morgen,
-und der Morgen selbst unschuldig wie ein
-Ei, das eine Henne ins Stroh fallen lie&szlig;, unschuldig
-wie die Milch der K&uuml;he, unschuldig
-klar wie frisches Wasser in einem Glas, und
-ich atmete jetzt auf und verbannte im hellen
-Morgen die Schrecken, die ich gestern Nacht
-gef&uuml;rchtet, leicht von mir, wie man den Rauch
-einer Zigarette rasch von sich bl&auml;st.</p>
-
-<p>Ulrike und ich hatten nicht weit zu gehen,
-keine f&uuml;nf Minuten vom Gasthaus durch die
-h&ouml;ckerige Stra&szlig;e, die dort anstieg und sich
-hinaus in den Olivenhain verlor. Dort hinter
-den Mauern, die am Ende der H&auml;user noch
-eine Weile den Weg einengten, lagen alte
-Weing&auml;rten. Hier und da war eine Pforte
-oder eine Nische mit einem verstaubten Madonnenbild
-in den Mauern; und an den Mauerfl&auml;chen
- <span class="pagenum"><a id="Page_327">[S. 327]</a></span>
-huschten graublaue winzige Eidechsen
-hin. Verschlungene Feigenb&auml;ume streckten ihre
-F&uuml;nffingerbl&auml;tter aus und lie&szlig;en schwarzblaue
-Fr&uuml;chte reifen. Niemand begegnete uns als
-spielende Kinder und ein paar meckernde
-Ziegen, und wei&szlig;er wirbelnder Staub flog am
-Wege hinter uns her.</p>
-
-<p>Auch hier waren am Morgen keine Gespenster
-mehr am Wege, und als uns einer
-der orangutang&auml;hnlichen Zwerge einholte, der
-f&uuml;r uns den Kl&ouml;ppel am Gartentor anschlug,
-in das wir eintreten sollten, da sah auch der
-arme verwachsene Kerl d&uuml;rftig und unsch&auml;dlich
-aus wie ein humpelnder Hase, schreckhaft
-und &auml;ngstlich.</p>
-
-<p>Ulrike stellte sich etwas wunderbar Lustiges
-unter dem Vogelfang vor. Sie dachte, man
-f&auml;ngt die V&ouml;gel mit der Hand wie Schmetterlinge
-von den Blumen. Und sie dachte, es
-m&uuml;&szlig;te ein so h&uuml;bsches Gesch&auml;ft sein wie
-G&auml;rtnerei oder Mandolinenspiel.</p>
-
-<p>Drinnen aber im Weingarten stockte uns
-beiden der Atem. Mit etwas bleichen, &uuml;bern&auml;chtigen
-Gesichtern fanden wir dort den
-Studenten und den Drogisten bei ihrer Henkerarbeit.</p>
-
-<p>Am Ende des Gartens, der zum See abfiel,
- <span class="pagenum"><a id="Page_328">[S. 328]</a></span>
-lag eine Wiese, und dort in einem Mauerwinkel,
-auf einer breiten B&ouml;schung, sa&szlig; der
-Student, nur mit Hose und Hemd bekleidet
-wie ein Cowboy. Die Andacht und
-der Schmelz, mit dem er gestern Abend gesungen,
-waren aus seinem Gesicht wie fortgeblasen.
-Er war nur voll Eifer beim m&ouml;rderischen
-Vogelfang, durchdrungen vom Ernst
-eines Sachkenners. Man durfte nicht laut
-sprechen, man durfte nicht laut auftreten.
-Man mu&szlig;te wie bei Wegelagerern im Hinterhalt
-lauern.</p>
-
-<p>Zwischen den n&auml;chsten B&uuml;schen waren lange,
-d&uuml;nne Ruten gesteckt. Die waren mit klebrigem
-Leim bestrichen, der nicht trocknete.</p>
-
-<p>In seinem Mauerwinkel lugte der Student
-durch eine Art Schie&szlig;scharte nach seinen
-Ruten und pfiff ab und zu auf einer kleinen
-silbernen Vogelpfeife. Die gab einen leisen
-zwitschernden Laut. Der Lockruf wurde
-manchesmal von einem Baum oder aus den
-B&uuml;schen beantwortet.</p>
-
-<p>An einigen Rutenspitzen waren auch ein
-paar winzige V&ouml;gelchen angebunden. Die
-flatterten und versuchten vergeblich, sich loszumachen.
-Die in der Luft vor&uuml;berziehenden
-V&ouml;gel glaubten, von jenen k&auml;me das Gezwitscher,
- <span class="pagenum"><a id="Page_329">[S. 329]</a></span>
-und ab und zu kam ein V&ouml;glein vom n&auml;chsten
-Baum oder aus der Luft herbei und setzte
-sich auf eine der Leimruten, um zu erfragen,
-warum die Flatternden nicht fortfliegen wollten,
-und warum sie riefen.</p>
-
-<p>Bald aber mu&szlig;te der Neugierige dann seine
-Freiheit lassen. Sein Brustflaum klebte an der
-Rute fest, ebenso seine feinen Krallen. Allm&auml;hlich
-hafteten auch seine Fl&uuml;gel, mit denen
-er um sich schlug, an dem Klebstoff der Rute.
-Und wie eine Fliege im Sirup, so qu&auml;lte sich
-der kleine Vogel vergebens loszukommen.
-Andere flogen dann auf das jammernde
-Gepieps der Kameraden herbei. Auch sie
-blieben haften. Und die Ruten schaukelten
-unter dem Gezappel der j&auml;mmerlich verst&ouml;rten
-und zu Tode ge&auml;ngstigten Tierchen heftig in
-der Luft hin und her. Und immer neue
-kamen neugierig und hilfsbereit und umflatterten
-mitleidig die piepsenden Gefangenen,
-die sich trotz aller Anstrengung nicht von
-den Leimruten befreien konnten.</p>
-
-<p>Das gestern so and&auml;chtige Auge des
-schm&auml;chtigen Studenten glitzerte jetzt wie ein
-Wieselauge, und auch sein R&uuml;cken bewegte
-sich unruhig und lauernd, wenn er durch die
-Mauerscharte sp&auml;hte. Ab und zu fl&uuml;sterte er
- <span class="pagenum"><a id="Page_330">[S. 330]</a></span>
-uns die sich steigernde Zahl der an den Leimruten
-zappelnden Opfer zu.</p>
-
-<p>»Vier, sieben, zehn, hui, &mdash; vierzehn!« stie&szlig;
-er begierig hervor. Dann sprang er pl&ouml;tzlich
-aus seinem Versteck, war mit drei, vier S&auml;tzen
-bei den Ruten, griff mit langen Armen und
-gro&szlig;en H&auml;nden in die Luft &uuml;ber die B&uuml;sche
-und pfl&uuml;ckte die V&ouml;gel von den Ruten ab.
-Er stopfte die V&ouml;gel in seine Tasche, wo
-sie, vom Leim besudelt, alle aneinanderklebten
-und bald nur noch ermattet zuckten. Dann
-stellte der junge Mann schleunigst mit frischem
-Leim angestrichene Ruten in die B&uuml;sche. Es
-geschah gesch&auml;ftig und blitzartig, als w&auml;re
-jede Minute seiner Handlung kostbar f&uuml;r die
-Weltgeschichte.</p>
-
-<p>Nachdem er wieder zu uns in das Versteck
-zur&uuml;ckgekehrt war, holte er St&uuml;ck um St&uuml;ck
-der V&ouml;gel aus seiner Tasche und zerdr&uuml;ckte
-jedem zappelnden Tierchen zwischen seinem
-Daumen und dem Zeigefinger das K&ouml;pfchen.
-Dann warf er den blutenden Vogelbalg zu
-dem Beutehaufen ins Gras, wo bereits drei&szlig;ig
-bis f&uuml;nfzig St&uuml;ck, die er in diesen Morgenstunden
-gefangen, als tote Klumpen beieinander
-lagen.</p>
-
-<p>Ulrike wurde bla&szlig; und wendete sich ab.
- <span class="pagenum"><a id="Page_331">[S. 331]</a></span>
-Aber der Student grinste und sagte achselzuckend:
-»Das ist Jagd.« Aber es war mir,
-wie er grinste, als w&auml;re sein Gesicht schwarz
-wie das eines menschenfressenden Negers geworden.
-Schwarz vor Schuld, Scham und Verlegenheit,
-&mdash; so sah ich ihn f&uuml;r einen Augenblick
-vor meinem inneren Auge.</p>
-
-<p>&Uuml;ber unseren K&ouml;pfen waren hier bei der
-Mauer Stangen auf Backsteinpfeiler gelegt.
-Sie trugen ein Rebengewirr, durch dessen
-Laub die Sonne gr&uuml;n leuchtete. Und gro&szlig;e
-Trauben, goldgelbe und dunkelblaue, hingen
-darin zum Greifen nah.</p>
-
-<p>Trotzdem der italienische Student die Verstimmung
-deutlich merkte, die sein grauenhafter
-Jagdsport in unseren deutschen Gem&uuml;tern
-anrichtete, bewahrte er seine s&uuml;dlich
-l&auml;ssige H&ouml;flichkeit und lud uns ein, von den
-Trauben zu pfl&uuml;cken. Und der Zwerg, der
-dabei stand, kletterte behend an einem Pfeiler
-hoch und ri&szlig; ein paar Trauben ab, die er uns
-hinreichte.</p>
-
-<p>Mir aber sa&szlig; noch das Herz im Hals von
-der Vogelmetzelei, die ich hier gesehen hatte,
-hier im harmlosen blauen Morgen, den die
-Wiesenblumen und das Vogelgezirp schm&uuml;cken
-sollten, und wo man unter den laubigen Traubeng&auml;ngen
- <span class="pagenum"><a id="Page_332">[S. 332]</a></span>
-keine Verr&auml;ter und M&ouml;rder der Morgenunschuld
-vermuten konnte.</p>
-
-<p>Ich mochte keine Traube anr&uuml;hren, und auch
-Ulrike legte die ihr zugereichte Traube, ganz
-beklommen dankend, neben sich ins Gras.</p>
-
-<p>Sie sagte mir leise, sie wolle gehen. Der
-Student verstand es und sagte, er wolle uns
-noch in den Weingarten f&uuml;hren, wo sein
-Freund viele Netze aufgespannt h&auml;tte und die
-V&ouml;gel in einer anderen Weise einfinge als er.</p>
-
-<p>Im Garten droben nahm uns dann der
-Drogist in Empfang. Er f&uuml;hrte uns durch die
-dichten Laubeng&auml;nge, in denen hohe Rebenst&ouml;cke
-standen, die an Dr&auml;hten ausgebreitet
-wuchsen und hohe Korridore bildeten. In
-diesen G&auml;ngen, an den Traubenw&auml;nden entlang,
-waren gro&szlig;e haard&uuml;nne Netze aufgespannt.
-In ihnen verfingen sich die kleinen
-V&ouml;gel im Durchfliegen. Sie zappelten hier in
-den Maschen wie die anderen vorhin an den
-Leimruten. Aber das Ersch&uuml;tterndste hier waren
-nicht die Netze, es war nicht die Fangart,
-sondern die Lockweise. Es waren da eine
-Reihe K&auml;fige an der Wand. In denen hielt
-sich der Drogist geblendete Nachtigallen. Den
-Nachtigallen, die er gefangen hatte, hatte er
-die Augen ausgestochen, damit sie in ewiger
- <span class="pagenum"><a id="Page_333">[S. 333]</a></span>
-Finsternis besser singen sollten. Die armen
-Tiere waren also doppelt gefangen, doppelt
-ge&auml;ngstigt, und ihre Klagen wurden doppelt
-schmelzend, doppelt sehns&uuml;chtig.</p>
-
-<p>»Das haben Sie getan?« fragte Ulrike unbefangen,
-aber zugleich blieb sie wie erstarrt vor
-einer blinden Nachtigall stehen. Sie konnte
-es noch gar nicht begreifen, da&szlig; es sch&auml;ndliche
-Wirklichkeit war, was sie sah. Und der
-Drogist grinste. Aber er hatte eine seltsame
-Art, &uuml;ber die K&ouml;pfe der Menschen fortzusprechen.
-Was er nicht h&ouml;ren wollte, &uuml;bersprach
-er. Nur sein Blut, das ihm leicht zu
-Kopf stieg, zeigte, da&szlig; er geh&ouml;rt hatte.</p>
-
-<p>Auch mir grauste es jetzt vor diesem Garten,
-der da am See hinter hohen Mauern eingeschlossen
-wie eine gro&szlig;e M&ouml;rdergrube lag. Von
-au&szlig;en h&auml;tte man der harmlosen Mauer nicht
-ansehen k&ouml;nnen, da&szlig; dahinter die freiesten
-Gesch&ouml;pfe der Erde, die kleinen, dem Menschenherzen
-so wohlgef&auml;lligen Nachtigallen und
-andere Singv&ouml;gel, lebensl&auml;ngliche Folterqualen
-und Tausende von ihnen einen gr&auml;&szlig;lichen Tod
-erleiden mu&szlig;ten.</p>
-
-<p>Also dieses war das Grauen, dachte ich, als
-ich mit Ulrike den Garten verlassen hatte, das
-ich durch die Mauern gef&uuml;hlt habe, als ich
- <span class="pagenum"><a id="Page_334">[S. 334]</a></span>
-am ersten Abend durch den kleinen, br&uuml;tend
-schw&uuml;len Ort hinaus zu den grimassenschneidenden
-Olivenhainen am Bergabhang gewandert
-war.</p>
-
-<p>»Ich will keine Musik mehr von diesen beiden
-h&ouml;ren und kein Lied«, sagte Ulrike ganz ersch&uuml;ttert.
-»Pfui! Wenn ich das gestern abend gewu&szlig;t
-h&auml;tte, da&szlig; die beiden solche Scheusale sind!«</p>
-
-<p>»Sie werden aber heute abend doch mit
-den jungen Leuten auf das Scheinwerferboot
-gehen und &uuml;ber den See kreuzen, wozu Sie
-gestern abend der Offizier eingeladen hat.«</p>
-
-<p>»Nein, nein,« rief sie heftig. »Ich habe den
-beiden eben gesagt, sie sollten lieber elende
-Schmuggler werden. Denn besser als die
-Vogelt&ouml;terei ist dann doch das Schmuggeln.
-Sie haben nat&uuml;rlich verstanden, da&szlig; ich sie
-nicht mehr sehen will, und wurden beide bla&szlig;
-und rot.«</p>
-
-<p>Im Gasthaus mu&szlig;te ich ein kr&auml;ftiges Glas
-Wein trinken, um die &Uuml;belkeit herunterzusp&uuml;len
-und das Grauen, das mich befiel, wenn
-ich an die Vogelf&auml;nger zur&uuml;ckdachte.</p>
-
-<p>Ulrike, in ihrer lebhaften Art, sagte, sie
-h&auml;tte am liebsten beiden die Augen eigenh&auml;ndig
-ausgestochen und die Frevler lebensl&auml;nglich
-mit den Leimruten gepeitscht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_335">[S. 335]</a></span></p>
-
-<p>Der Tag wurde dann sehr hei&szlig;. Die Russin,
-Ulrike und ich sa&szlig;en im Garten umher oder
-im k&uuml;hlen Speisesaal, lesend oder schreibend.
-Nach dem Mittagessen war die Glut aufs
-h&ouml;chste gestiegen, und der See drau&szlig;en leuchtete
-mit seinen Lichtflammen brennend in die
-Zimmer herein. Nirgends war Schutz vor der
-Hitze.</p>
-
-<p>Die Damen hatten sich zum Schlafen zur&uuml;ckgezogen.
-Ich lag in einer H&auml;ngematte unter
-dem Mispelbaum, und mir schwand bald das
-Bewu&szlig;tsein, aber Schlaf war es nicht, denn
-ich wachte und erlebte Seltsames dabei.</p>
-
-<p>Die Hitze bet&auml;ubte meinen Verstand, aber
-meine Augen und Ohren wurden unendlich
-wach und hatten ein Gesicht, das kein Traum
-war.</p>
-
-<p>Ich schaute durch den Laubengang hindurch
-hinaus auf die licht&uuml;berrieselte Seefl&auml;che, und
-dort sah ich ein Tier aufsteigen. Das hatte
-den Kopf einer Eidechse, den Hals einer Giraffe,
-den Bauch einer watschelnden Ente und den
-langen Schweif eines Krokodils.</p>
-
-<p>Mitten im See hob es sich, gr&uuml;ngrau, wie
-aus tausendj&auml;hrigem Schlamm geboren. Seine
-Haut hatte menschenkopfgro&szlig;e Warzen.</p>
-
-<p>Das Tier nickte mit seinem langen Hals wie
- <span class="pagenum"><a id="Page_336">[S. 336]</a></span>
-ein Vogel Strau&szlig;. Das glitzernde Wasser
-rieselte in B&auml;chlein an ihm nieder, und B&uuml;schel
-von gro&szlig;en Seepflanzen wuchsen dem Tier
-auf dem R&uuml;cken. Es sah aus, als habe es
-jahrhundertelang in der Seetiefe geschlafen und
-richtete sich jetzt auf, um Umschau zu halten,
-ehe es weiterschlief.</p>
-
-<p>Ich erinnerte mich, ich hatte dieses Tier in
-einer lebensgro&szlig;en Nachahmung aus Stein im
-Zoologischen Garten in Berlin, an der Freitreppe
-zum Aquariumhaus gesehen, und wu&szlig;te
-auch, da&szlig; auf einer Tafel darunter »Iguanodon«
-stand, und »seit zwanzig Millionen Jahren auf
-der Erde ausgestorben«. Es war eines jener
-vors&uuml;ndflutlichen Tiere, an die ich gestern
-abend gedacht hatte, als Ulrike den Garten
-verhexte mit ihrer &uuml;ber alle menschlichen Begriffe
-starken Anziehungskraft, die die Zwerge,
-die Katzen und alle M&auml;nner entz&uuml;ndete. Vor
-meinem inneren Blick war Ulrike da in ein
-Fabelwesen verwandelt worden, f&uuml;r das man
-keine gewohnten Ma&szlig;st&auml;be findet. Und nun
-sah ich am hellen, hei&szlig;en Nachmittag ein
-Iguanodon seinen zwanzig Millionen Jahre
-langen Schlaf unterbrechen und mitten im See
-aufsteigen und Rundschau nach den Ufern
-halten, als wollte sich die langhalsige Gestalt
- <span class="pagenum"><a id="Page_337">[S. 337]</a></span>
-mit einem ebenb&uuml;rtigen Feinde messen, der es
-heraufgerufen und zum Zweikampf herausgefordert
-h&auml;tte.</p>
-
-<p>Und seltsam, &mdash; ich erkannte pl&ouml;tzlich die
-Berge, die sonst Erde und Stein waren, auf
-dem anderen Seeufer und &uuml;ber meinen H&auml;uptern
-und hinter den Hausd&auml;chern des am Berg
-hinaufkletternden Ortes nicht mehr. Diese
-einzelnen Berge schienen die St&uuml;mpfe von
-Urweltb&auml;umen zu sein, deren jeder ein paar
-Meilen im Durchmesser ma&szlig;. Und gegen diese
-riesigen Baumst&uuml;mpfe wirkte das haushohe
-Iguanodon wie eine winzige Ameise. Die vors&uuml;ndflutliche
-Welt, in der der Mensch weniger
-als ein Infusionstierchen in einem Tropfen
-Wasser war, erschreckte mich nicht; sie stand
-schrecklich sch&ouml;n im Sonnenschein vor mir.
-Und auch als das Iguanodon eine pfeilartige
-wei&szlig;e Zunge, wie eine lange d&uuml;nne R&ouml;hre,
-ausstreckte, die es langsam anwachsen lie&szlig;,
-erschrak ich noch nicht. Erst als die Zunge
-wie ein d&uuml;nner Sauger die Ufer, die Berge
-und endlich die einzelnen H&auml;userfl&auml;chen, die
-nach dem Wasser sahen, von der Mitte des Sees
-aus abtastete, da packte mich ein panischer
-Schrecken. Denn der wei&szlig;e Strahl der Zunge
-zog sich, wenn er ein Haus ber&uuml;hrt hatte, wie
- <span class="pagenum"><a id="Page_338">[S. 338]</a></span>
-ein langer Schneckenf&uuml;hler wieder zu dem Tier
-zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>Mit einem Male h&ouml;rte ich Geschrei, ein
-Angstgezirp, &auml;hnlich dem, das die zappelnden
-V&ouml;gel an den Leimruten im Morgen gezirpt
-hatten. Ich sah mit Entsetzen, da&szlig; die Zunge
-des vors&uuml;ndflutlichen Tieres jedesmal, wenn
-sie ein Haus ber&uuml;hrte, ein Fenster oder einen
-Laden eindr&uuml;ckte und sich einen Menschen
-aus den Zimmern holte, und der Geraubte
-verschwand angeklebt mit der eingezogenen
-Zunge im Schnabelrachen des Tieres.</p>
-
-<p>Das Iguanodon, das ich hier sah, war wohl
-zwanzigmal gr&ouml;&szlig;er als die Abbildung, die ich
-einmal in Stein, von einem Bildhauer gearbeitet,
-in Berlin gesehen hatte. Den Menschen,
-den die Riesenbestie verschluckte, sah
-man im langen d&uuml;nnen Tierhals nicht hinabgleiten,
-denn der Hautbehang des Halses schien
-fest und dick zu sein wie Panzerplatten.</p>
-
-<p>Mein Grauen wuchs. Jetzt st&uuml;rzten unter
-der Gartent&uuml;r vom See her in den Garten herein
-die Weiber, die am Ufer gewaschen hatten,
-und viel Volk ihnen nach, das vor der Zunge
-des Tieres fl&uuml;chtete. Ich f&uuml;hlte aber, da&szlig; ich
-mich mit den Fu&szlig;spitzen und meinen Armen
-in dem Maschennetz der H&auml;ngematte verwickelt
- <span class="pagenum"><a id="Page_339">[S. 339]</a></span>
-hatte, so da&szlig; ich mich nicht zur Flucht aufrichten
-konnte. Nur meinen Kopf konnte ich
-hin und her bewegen.</p>
-
-<p>Ich sah, wie auf den L&auml;rm im Garten der
-Wirt, die russische Generalin, das heute morgen
-angekommene Ehepaar und die zwei Fischerknaben,
-letztere mit den Chenilleaffen und
-der Drehorgel bepackt, aus dem Hause kamen
-und nach der Kellert&uuml;r str&ouml;mten, die der Wirt
-&ouml;ffnete, und wohin alles, was im Garten war,
-dem Wirt nachdr&auml;ngte, der dann, als alle in
-den Keller geflohen waren, behutsam die Kellert&uuml;r
-von innen schlo&szlig;. Ich h&ouml;rte, wie der Wirt
-zuriegelte, und wie die Leute drinnen erst alle
-durcheinanderschwatzten, und wie es dann atemlos
-still wurde und sie alle zu horchen schienen.
-Jetzt war die Zunge des Tieres, gl&auml;nzend wei&szlig;
-wie der Lichtstrahl eines Scheinwerfers und
-pfeifend &uuml;ber die Krone des Baumes, unter
-dem ich in der H&auml;ngematte gefesselt lag, auf
-das Gasthaus zugeschossen und hatte die Glast&uuml;r
-im Speisesaal eingedr&uuml;ckt, deren Scherben
-laut klingend auf den steingepflasterten Fu&szlig;boden
-fielen.</p>
-
-<p>Alle Leute im Keller waren in Sicherheit.
-Auch die Tochter des Brieftr&auml;gers war vorhin
-mit den Menschen dort hinuntergefl&uuml;chtet,
- <span class="pagenum"><a id="Page_340">[S. 340]</a></span>
-und ich staunte nachtr&auml;glich noch, wie furchtlos
-sie eigentlich gewesen war. Das junge
-Ding schien nur vom Strom der Fl&uuml;chtlinge
-mitgerissen worden zu sein. Denn sie n&auml;hte,
-w&auml;hrend sie in den Keller stieg, ruhig an ihrer
-Arbeit weiter.</p>
-
-<p>Nur Ulrike hatte ich nicht aus dem Haus
-fliehen sehen. Aber ich wu&szlig;te doch, da&szlig; sie
-in ihrem Zimmer oben war und Siesta hielt.
-Pl&ouml;tzlich zog sich die Tierzunge, die d&uuml;nne,
-tastende und saugende Zungenspitze des Iguanodons,
-vom Hause zur&uuml;ck und schnellte wie
-eine zur&uuml;ckgeworfene Leimrute hoch in die
-Luft, gleichsam, als sei das vors&uuml;ndflutliche
-Tier drau&szlig;en im See tief erschreckt worden.</p>
-
-<p>Mich sch&uuml;ttelten Frost und K&auml;lte. Wie
-leicht konnte die Zunge jetzt pfeilschnell
-durch das Ge&auml;st des Baumes wieder zur&uuml;ckschie&szlig;en
-und mich aus der H&auml;ngematte
-ziehen!</p>
-
-<p>Da aber h&ouml;rte ich, da&szlig; sich ein Fenster im
-Zimmer Ulrikes &ouml;ffnete, und ich wollte dem
-sch&ouml;nen M&auml;dchen zurufen, sie solle fliehen und
-sich verbergen, als ich sah, wie ein eben
-solcher Tierkopf, nur viel kleiner als der des
-Ungeheuers auf dem See drau&szlig;en, sich aus dem
-Fenster reckte. Sein Hals wuchs und stand
- <span class="pagenum"><a id="Page_341">[S. 341]</a></span>
-wie eine lange ungeheure Fahnenstange aus
-der Fenster&ouml;ffnung. Seine Zunge scho&szlig; aus
-dem Rachen und z&uuml;ngelte lebhaft. Aber statt
-der Warzen hatte dieses neue Tier rote lockige
-Haarb&uuml;schel an seinem Giraffenhals, Haare, so
-rot wie Ulrikes Haar. Zugleich aber sah ich,
-da&szlig; die Zunge, die dieses Tier ausstreckte,
-keine lange Saugr&ouml;hre war, sondern da&szlig; elektrische
-Flammen, elektrische Strahlenb&uuml;ndel,
-die viel schneller und viel gewaltiger waren als
-die Zunge des anderen Tieres, weit auf den
-See hinausspr&uuml;hten und furchtbare Schl&auml;ge
-ins Wasser austeilten. Und wo dieses Tieres
-Elektrizit&auml;t hinschlug, schien der See bis in
-die Tiefe zu kochen.</p>
-
-<p>Das Iguanodon drau&szlig;en in der Seemitte
-hatte seine Zunge eingezogen, legte seinen
-Hals flach wie einen schwimmenden Baumstamm
-aufs Wasser, und es schien mir, als
-&uuml;berlege es, ob es den Kampf mit der Nebenbuhlerin
-am Ufer aufnehmen, oder ob es
-wieder versinken sollte in sein jahrtausendealtes
-Wassergrab.</p>
-
-<p>Pl&ouml;tzlich aber dr&ouml;hnte die Erde. Der Baum,
-an dem meine H&auml;ngematte hing, zitterte und
-sch&uuml;ttelte sich, als wenn ihn ein Schauder
-durchf&uuml;hre. Zwischen den hohen vorweltlichen
- <span class="pagenum"><a id="Page_342">[S. 342]</a></span>
-Baumst&uuml;mpfen, die die H&ouml;he des Monte
-Alto hatten, flog eine Herde blutfarbener
-Drachen auf. Die hatten m&auml;chtige Fledermausfl&uuml;gel
-aus roten H&auml;uten. Der Himmel verfinsterte
-sich blutrot. Und die Drachen zeigten
-gelbe B&auml;uche und gr&uuml;nliche Br&uuml;ste, hinter
-denen ich einen dunkelblauen Herzwulst
-pochen sah.</p>
-
-<p>Im See aber tauchte lautlos das Iguanodon
-unter. Auch das Tier im Hause h&ouml;rte auf,
-Blitze zu werfen, und zog seinen langen Hals
-in das Fenster zur&uuml;ck und verschwand. Die
-roten Drachen aber f&uuml;llten die ganze Luft
-und wurden zu Millionen Drachen.</p>
-
-<p>Ich sah eine Weile noch den Sonnenschein,
-der die vielen ausgespannten Drachenfl&uuml;gel
-rot durchleuchtete. Und von dieser R&ouml;te
-wurde auch der Baumstamm, unter dem ich
-lag, rot beschienen und ebenso &Auml;ste und
-Bl&auml;tter. Der rote Stamm sah wie die blutige
-Gurgelr&ouml;hre aus, die man einem m&auml;chtigen
-Tier ausgenommen hat. Und der Baum begann
-zu sprechen, und seine &Auml;ste begannen
-sich im Wind zu ballen wie F&auml;uste, und sie
-wuchsen und schlugen an die verschlossene
-Kellert&uuml;re, dahinter sich die Menschen des
-Hauses gefl&uuml;chtet hatten. Und der Baum
- <span class="pagenum"><a id="Page_343">[S. 343]</a></span>
-schrie zuletzt auf, und ich verstand jedes Wort,
-und mich schauderte, als er mich in der H&auml;ngematte
-hin und her schleuderte. Des Baumes
-Stimme aber rief:</p>
-
-<p>»So lange ihr Menschengez&uuml;cht euch h&ouml;her
-d&uuml;nkt und gewaltiger als das H&ouml;henreich und
-das Unterreich, so lange sollt ihr keinen Frieden
-haben, da ihr keinen Frieden geben wollt.
-Ihr sollt nicht sicher sein in euren H&auml;usern,
-nicht sicher in euren Betten, nicht sicher unter
-uns B&auml;umen. Wir werden immer wieder zu
-euch hereinbrechen, wir aus dem Unterreich
-und aus dem H&ouml;henreich, deren Leben ihr
-erloschen glaubt. Und ihr werdet k&auml;mpfen
-m&uuml;ssen, so lange ihr Kampf wollt. Die roten
-Drachen, sie werden &uuml;ber euch geschickt, sie
-werden euch immer wieder besiegen, auch
-wenn eure K&auml;mpfer elektrisches Feuer speien.
-Die roten Drachen, die aus dem Urblut aufstiegen,
-aus dem auch ihr gezeugt wurdet,
-sie sind es, die euch z&uuml;chtigen sollen.«</p>
-
-<p>Nachdem der Baum also dr&ouml;hnend gesprochen
-hatte, wurde es still. Die rote Dunkelheit,
-die die Landschaft und alles um mich
-entr&uuml;ckt hatte, wich allm&auml;hlich, und es wurde
-hell wie vorher. Der erhitzte Garten im Nachmittagslicht,
-voll bl&uuml;hender roter Nelken und
- <span class="pagenum"><a id="Page_344">[S. 344]</a></span>
-roter Geranien, lag am See, trocken und scharf
-beleuchtet. Niemand sprach. Nichts Ungew&ouml;hnliches
-war zu sehen. Im Hause schien
-noch alles zu schlafen. Gerade vor mir an
-der Gartenmauer reckten sich einige blaugr&uuml;ne,
-tier&auml;hnliche Kakteenstauden. Auf den
-fleischigen, gepanzerten Pflanzen sonnten sich
-gr&uuml;nschillernde Fliegen, und neben ihnen
-z&uuml;ngelte eine kleine Eidechse.</p>
-
-<p>Meine F&uuml;&szlig;e waren ein wenig in der H&auml;ngematte
-verwickelt. Ich konnte aber doch leicht
-aufstehen, ging zum Tisch und setzte mich in
-einen Strohsessel im Schatten des Hauses und
-dachte &uuml;ber das sonderbare vors&uuml;ndflutliche
-Gesicht nach, das ich zwischen Wachen und
-Tr&auml;umen eben erlebt hatte.</p>
-
-<p>Sp&auml;ter kamen die Damen zur Kaffeestunde
-aus ihren Zimmern in den Garten, und wie
-wir da zusammen unter dem Mispelbaum
-sa&szlig;en, wollte ich ihnen mein Traumgesicht
-beschreiben. Aber als ich den Mund zum
-Sprechen &ouml;ffnen wollte, tauchten mir ganz
-andere Bilder auf. Ein innerer Wille zwang
-mich, ganz andere Worte zu sprechen als die,
-die ich h&auml;tte sagen wollen. Es war von jenem
-Gesicht her eine unerkl&auml;rliche Angst in mir
-geblieben, die mir ergab, da&szlig; ich neuen
- <span class="pagenum"><a id="Page_345">[S. 345]</a></span>
-Schrecken, der sich hier entwickeln konnte,
-dadurch im voraus Einhalt tun k&ouml;nnte, da&szlig;
-ich die Zukunft den Damen so schilderte,
-als w&auml;re sie bereits Ereignis gewesen.</p>
-
-<p>Und ich erz&auml;hlte:</p>
-
-<p>»Vorhin war es Nacht hier im Garten und
-drau&szlig;en auf dem See. Die Lampe unterm
-Mispelbaum brannte, und auf Ihrem Stuhl
-hier sa&szlig;en Sie, gn&auml;dige Frau« &mdash; und ich verneigte
-mich leicht gegen die russische Dame.
-»Zu Ihren F&uuml;&szlig;en lagerten alle Katzen des
-Hauses, graue und schwarze nebeneinander,
-scheinbar schlafend, aber eigentlich mit Ihnen
-in die Dunkelheit horchend. Um den Tisch
-herum sa&szlig;en alle Zwerge des Ortes. Der eine
-Zwerg hatte eine Kappe voll Birnen vor sich
-liegen, der andere Zwerg seine Kappe voll
-Trauben, der dritte seine Kappe voll get&ouml;teter
-Singv&ouml;gel. Die anderen Zwerge, die neben
-Ihnen sa&szlig;en, hatten leere Kappen, aber sie warteten,
-so schien es mir, jeder einen unbewachten
-Augenblick ab, um aus den drei gef&uuml;llten
-Kappen etwas zu stehlen. Aber die drei Zwerge
-mit den gef&uuml;llten Kappen horchten mit Ihnen
-und den Katzen gegen den See hin, wo eben
-nach dem Abendl&auml;uten das Scheinwerferboot
-tutete, das dann das kleine Hafenbassin von
- <span class="pagenum"><a id="Page_346">[S. 346]</a></span>
-Limone verlie&szlig; und seine Nachtwache an dem
-Ufer entlang antrat.«</p>
-
-<p>Die um den Tisch Sitzenden mu&szlig;ten angestrengt
-horchen, da tief im Hause, in einem
-der letzten Zimmer, der Drehorgelkasten gespielt
-wurde. Der am Morgen angekommene
-alte Herr spielte das kreischende Instrument,
-w&auml;hrend seine Frau mit den beiden Fischerbuben
-schlurchend &uuml;ber den Steinboden tanzte.</p>
-
-<p>»Ich selbst befand mich auf dem See in einem
-Nachen und ruderte. Am Ende des Bootes
-sa&szlig; die sch&ouml;ne Tochter des Brieftr&auml;gers. Sie
-hatte den neuen Vollmond vor sich auf dem
-Scho&szlig; liegen wie ein St&uuml;ck Wei&szlig;zeug. Der
-Mond war entzweigerissen, und sie n&auml;hte mit
-einer gro&szlig;en goldenen Nadel seine Risse zusammen.</p>
-
-<p>Alles Unnat&uuml;rliche in meinem Traum war
-so selbstverst&auml;ndlich, wie wir jetzt hiersitzen
-und Kaffee trinken. Ich konnte &uuml;berall zu
-gleicher Zeit sein, im Garten, im Haus, im
-Kahn und auf dem Scheinwerferboot«, erz&auml;hlte
-ich weiter.</p>
-
-<p>»Auf dem Zollboot, das wie ein langer
-schmaler Walfisch aus Eisen, nur wenig erh&ouml;ht,
-&uuml;ber die Wasserfl&auml;che hinscho&szlig;, sah
-ich, umgeben von Zolloffizieren und Matrosen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_347">[S. 347]</a></span>
-Ulrike stehen. Es unterhielt sie besonders,
-einem Manne zuzusehen, der den Scheinwerfer
-handhabte. Vom Boot war &uuml;ber dem Wasser
-nichts zu sehen als nur ein kleiner Schornstein,
-der Lichtapparat des Scheinwerfers und ein
-d&uuml;nnes Eisengel&auml;nder, das um das l&auml;ngliche
-Verdeck lief. In der Form einer Zigarre, und
-einem Wasserk&auml;fer &auml;hnlich, eilte das Boot auf
-der Seefl&auml;che hin und kreuzte pfeilartig von
-Ufer zu Ufer. Die Offiziere rauchten Zigaretten
-und freuten sich &uuml;ber Ulrike und &uuml;ber
-ihr rotleuchtendes Haar, das in der Nacht
-noch stark mit seiner Feuerfarbe lockte.</p>
-
-<p>Pl&ouml;tzlich kam Bewegung unter die Matrosen.
-Ein Offizier neben dem Scheinwerfermann
-gab leise Befehle, und alle andern Offiziere
-dr&auml;ngten sich zu ihm heran, und jeder sah
-durch ein neben dem Scheinwerfer angebrachtes
-Fernrohr eifrig und lebhaft erregt hinauf ans
-Ufer.</p>
-
-<p>Man hatte Schmuggler entdeckt. Ich aber
-wu&szlig;te, da ich auch zugleich oben auf dem
-Berg sein konnte, da&szlig; die vom Fernrohr entdeckten
-Gestalten im wei&szlig;en Lichtstrahl des
-Scheinwerfers dort oben keine Schmuggler
-waren, sondern der Student und der Drogist,
-die der Aufforderung Ulrikes nachgekommen
- <span class="pagenum"><a id="Page_348">[S. 348]</a></span>
-waren und die Schmuggler spielten, nur um die
-Abendfahrt f&uuml;r Ulrike auf dem Scheinwerferboot
-unterhaltender zu machen.</p>
-
-<p>Die Offiziere aber sagten Ulrike nicht, da&szlig; sie
-Schmuggler entdeckt h&auml;tten. Einer bot ihr den
-Arm und f&uuml;hrte sie auf den Wink der andern
-in die Kaj&uuml;te, wo er ihr einen Spiegel zeigte,
-in welchem man nicht sich, sondern sein vors&uuml;ndflutliches
-Urbild sehen konnte. Ulrike
-lachte herzlich, als sie sich in dem Spiegelglas
-als eine Art Iguanodon erkannte.</p>
-
-<p>Im selben Augenblick h&ouml;rte Ulrike ein
-Tuten, und es wurden Befehle durch ein
-Sprachrohr an die Bergwand hinauf zu den
-Schmugglern gerufen: &rsaquo;Stillgestanden! Oder
-wir geben Feuer!&lsaquo;</p>
-
-<p>Ulrike wandte sich vom Spiegel ab und
-zeigte dem Offizier ihr sch&ouml;nes M&auml;dchengesicht
-und sagte:</p>
-
-<p>&rsaquo;Ihr werdet doch nicht auf den Studenten
-und auf den Drogisten schie&szlig;en, die nur zum
-Spa&szlig; die Schmuggler machen?&lsaquo;</p>
-
-<p>Im selben Augenblick krachten aber f&uuml;nf
-Sch&uuml;sse knapp hintereinander aus einem Maschinengewehr,
-das am Kiel des Bootes angeschraubt
-war. Vom Berg h&ouml;rte man ein Niederrasseln
-von Steinen. Nach ein paar Augenblicken
- <span class="pagenum"><a id="Page_349">[S. 349]</a></span>
-rauschte das Seewasser vom Fall zweier
-K&ouml;rper sch&auml;umend auf.</p>
-
-<p>&rsaquo;Ihr habt zwei Menschen get&ouml;tet,&lsaquo; schrie
-Ulrike.</p>
-
-<p>Die Sch&uuml;sse aber in der Nacht wurden zu
-hundert Echos in den Bergen. Und in den
-H&auml;usern von Limone erhellten sich viele Fenster.
-Viele Leute kamen aufgest&ouml;rt mit Lichtern
-und Laternen an den Strand, und viele Frauen
-warfen sich am Wasser h&auml;nderingend auf den
-Boden und riefen: &rsaquo;Man hat uns unsere M&auml;nner
-get&ouml;tet!&lsaquo; Denn diese waren Schmuggler und
-befanden sich in dieser Nacht auf den Pa&szlig;wegen
-mit Waren beladen, die sie im Finstern
-&uuml;ber die Grenze schleppen sollten.</p>
-
-<p>Zugleich rannte der Brieftr&auml;ger kreischend
-am Ufer entlang und schrie: &rsaquo;Meine Tochter
-ist verschwunden! Mit diesen meinen H&auml;nden
-werde ich den erw&uuml;rgen, der sie entf&uuml;hrt
-hat.&lsaquo;</p>
-
-<p>In der allgemeinen Aufregung gellte noch
-die Stimme Annunziatas, des Dienstm&auml;dchens
-im Gasthause. Die rief einem alten Herrn,
-der sie sch&uuml;ttelte, ins Gesicht:</p>
-
-<p>&rsaquo;Jawohl, ich habe dem Mann die Frau vergiftet,
-weil sie immer mit meinem Geliebten
-tanzt und nicht genug an einem Mann und
- <span class="pagenum"><a id="Page_350">[S. 350]</a></span>
-einem Geliebten hat, sondern einen Mann und
-zwei Geliebte haben will.&lsaquo;</p>
-
-<p>Der Wirt des Gasthauses aber verwandelte
-sich in einen Esel, stand an einer Stra&szlig;enecke
-auf vier gespreizten Beinen und wehklagte in
-die Nacht.</p>
-
-<p>Im Garten starrte die Generalin, die bei
-den Katzen und den Zwergen sa&szlig;, wie entgeistert
-nach der Haust&uuml;re des Gasthofes,
-wo der alte Mann herauswankte, der den
-Drehorgelkasten gespielt hatte, und dessen
-Frau tot war. In ihm erkannte die Generalin
-pl&ouml;tzlich ihren vor Jahren ins Meer gest&uuml;rzten
-Gemahl, dem damals im Schreck, als sein
-Sohn ertrank, das Erinnerungsverm&ouml;gen geschwunden
-war, der sich aus dem Meer gerettet
-hatte, aber nicht mehr wu&szlig;te, wer er
-war, und der damals nach Deutschland gereist
-war, eine k&uuml;nstliche Blumenfabrik gekauft und
-wieder geheiratet hatte.</p>
-
-<p>Jetzt st&uuml;rzte dieser Mann wie die andern
-nach dem Strand, wo ein allgemeines Geschrei
-und Gerufe durch die Nacht hallte.</p>
-
-<p>Die Generalin erlitt vom Erkennungsschreck
-einen Schlaganfall. Sie sank einseitig gel&auml;hmt
-vom Stuhl. Die Katzen im Garten flohen alle
-in den offenen Keller, und auch die Zwerge
- <span class="pagenum"><a id="Page_351">[S. 351]</a></span>
-erschraken und liefen hinter den Katzen in
-das Kellerversteck. Dort balgten sie sich um
-die Birnen, die Trauben und die toten V&ouml;gel.</p>
-
-<p>Birnen und Trauben schmatzend und tote
-V&ouml;gel zerkauend, kamen die Zwerge nach
-einer Weile aus dem Keller vorsichtig hervorgekrochen.
-Sie zupften die umgefallene Generalin
-am Ohr und an der Nase und schleiften
-sie, mutig geworden, weil sie sich nicht r&uuml;hrte,
-am Mantel und an den Schalzipfeln den Garten
-hinunter an den See, wo sie sie unter
-Gekicher von der Landungsbr&uuml;cke ins Wasser
-stie&szlig;en.</p>
-
-<p>Die Tochter des Brieftr&auml;gers im Kahn hatte
-die Risse im Mond zusammengen&auml;ht und gab
-die Mondscheibe frei, die aus ihrem Scho&szlig;
-fort an den Himmel hinaufschwebte, wo sie
-im Zenit stehen blieb, und wo sie nun die
-Seelandschaft mit ihrem Licht wieder verkl&auml;rend
-beleuchtete. Das M&auml;dchen selbst aber
-sprang aus dem Boot, nachdem sie zu mir noch
-gesagt hatte: &rsaquo;Mein Vater ruft mich. Er darf
-mich nicht bei Ihnen finden. Dann sind Sie
-des Todes.&lsaquo; Dann war sie leicht &uuml;ber das
-Wasser fortgelaufen, als w&auml;re der See eine
-Glasplatte, und sie kam heil an das Ufer, wo
-sie ihrem Hause zueilte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_352">[S. 352]</a></span></p>
-
-<p>Ich aber wollte nicht mehr nach Limone
-zur&uuml;ck. Ich hatte genug von dem abenteuerlichen
-Aufenthalt und wollte noch in der Nacht
-nach Torbole rudern. Da glitt das Scheinwerferschiff
-an mir vorbei, und mit dem verzweifelten
-Schrei: &rsaquo;Nehmen Sie mich auf!&lsaquo;
-sprang Ulrike vom Boot herunter zu mir in
-den Kahn. Dann ruderte ich aus Leibeskr&auml;ften
-und schlo&szlig; die Augen und ruderte,
-nur von dem Gedanken der Flucht angetrieben.</p>
-
-<p>Ulrike aber hing mir an meinem Halse
-w&auml;hrend ich ruderte, und die junge Dame
-flehte mich an, sie zu ihrem Br&auml;utigam nach
-Freiburg zu rudern, da sie gewi&szlig; nie mehr
-einen anderen Mann ansehen wollte als ihn
-und kein Ungl&uuml;ck mehr suchen wollte, sondern
-das Gl&uuml;ck der Ehe, soweit das einem
-Iguanodon m&ouml;glich sei.«</p>
-
-<p>Also hatte ich gefabelt.</p>
-
-<p>Ulrike, die l&auml;ngst ein Taschentuch vor den
-Mund gehalten und &ouml;fters w&auml;hrend meiner
-Erz&auml;hlung wiehernd aufgelacht hatte, st&ouml;hnte
-jetzt:</p>
-
-<p>»Uff, uff, Sie haben recht. Ich werde heute
-noch nach Freiburg abreisen, um nicht all das
-Ungl&uuml;ck anzustiften, das Sie mit solcher Wollust
- <span class="pagenum"><a id="Page_353">[S. 353]</a></span>
-auf den Kaffeetisch malen. Es ist nur so
-schade, da&szlig; ich allein reisen soll, und da&szlig;
-ich Sie beide in dem stimmungsvollen Weltwinkel
-hier zur&uuml;cklassen soll, w&auml;hrend ich
-vor meiner Iguanodonseele fliehen mu&szlig;.«</p>
-
-<p>»Da&szlig; Sie mich aber auf so schreckliche
-Weise umbringen lassen! Ich soll im Wasser
-umkommen, nachdem ich meinen ertrunken
-geglaubten Mann wiedergesehen habe! Was
-habe ich Ihnen getan, da&szlig; Sie mir ein so
-f&uuml;rchterliches Schicksal ausdenken?« rief die
-Generalin, ihr Ungl&uuml;ck genie&szlig;end, aus.</p>
-
-<p>»Sie haben nichts getan, als da&szlig; Sie sich
-immer in Ihrem Innersten dramatische Schicksale
-gew&uuml;nscht haben. Sie dramatisieren mit
-Ihrer Sehnsucht zum Ungl&uuml;ck Ihr eigenes
-Schicksal, da Sie Angst haben, da&szlig; es sich
-sonst friedlich wie ein Idyll entwickeln k&ouml;nnte,«
-antwortete ich ihr.</p>
-
-<p>»O, Sie haben eine sonderbare Art,« sagte
-die Russin, »einem Aufkl&auml;rungen &uuml;ber sich
-selbst beizubringen. Sie nehmen einem Ungl&uuml;cke
-vorweg, die man das Recht hatte, zu
-erwarten,« f&uuml;gte sie beinahe schmollend hinzu.</p>
-
-<p>»Ich habe nichts anderes hier erwartet,« rief
-Ulrike jetzt, gleichfalls schmollend. »Sie glauben,
-da&szlig; wir alle an Sonnenstichen leiden, und
- <span class="pagenum"><a id="Page_354">[S. 354]</a></span>
-Sie legen uns eine Eiskompresse aufs Herz. Daf&uuml;r
-bin ich Ihnen eigentlich doch dankbar. Sie
-leuchten wie ein Scheinwerfer in uns hinein
-und erz&auml;hlen uns dann M&auml;rchen, die Sie in
-uns gesehen haben, wie ein Gro&szlig;papa seinen
-Enkeln Gruseln macht. Und recht belehrende
-M&auml;rchen sind das, das mu&szlig; ich sagen.«</p>
-
-<p>Die Russin ereiferte sich aber und meinte:</p>
-
-<p>»Jedenfalls ist die Gewitterstimmung hier
-zerst&ouml;rt. Ich bin dagegen, da&szlig; man die Menschen
-von ihren Handlungen, die sie tun
-m&uuml;&szlig;ten, durch solch haarstr&auml;ubenden Anschauungsunterricht
-vom blinden Leidenschaftsweg
-abschreckt. Jetzt wird Ulrike sicherlich
-nicht heute Abend mit dem Offizier auf das
-Scheinwerferboot gehen wollen. Der Student
-und der Drogist sind durch Tod abgeschafft.
-Ich finde, der Erz&auml;hler solcher M&auml;rchen m&uuml;&szlig;te
-jetzt wenigstens neue Menschen und neue Ereignisse
-herbeischaffen. Denn damit, da&szlig; eine
-erz&auml;hlte Geschichte aus ist, ist doch nicht das
-Leben der Zuh&ouml;rer aus. Wir leben weiter
-und wollen erleben.«</p>
-
-<p>»Hier kommt schon neues Leben,« rief
-Ulrike.</p>
-
-<p>Mit dem Wirt traten zum Gartentor zwei
-fremde Herren in den Garten herein. Sie trugen
- <span class="pagenum"><a id="Page_355">[S. 355]</a></span>
-kleine Handtaschen, und der Wirt stellte uns
-die Herren im Vor&uuml;bergehen als zwei italienische
-&Auml;rzte vor, die f&uuml;r einige Wochen hier
-bleiben sollten, und die soeben erst mit dem
-Dampfschiff angekommen w&auml;ren.</p>
-
-<p>Wir h&ouml;rten nur noch, wie die Herren zum
-Wirt sagten, sie wollten nur rasch ihre H&auml;nde
-waschen, und dann die Wiese aufsuchen und
-den Platz bezeichnen, wo die Krankenzelte
-aufgeschlagen werden sollten.</p>
-
-<p>»Ja, ist denn eine Epidemie ausgebrochen?«
-rief die Generalin, mit ihrem einen Auge belustigt
-zwinkernd, und richtete sich aufger&auml;umt
-aus ihren Schals und M&auml;nteln empor.</p>
-
-<p>Die Herren waren aber schon mit dem Wirt
-ins Haus getreten und hatten beim Ger&auml;usch
-der Schritte die Frage &uuml;berh&ouml;rt.</p>
-
-<p>Wir sahen einander verwundert an. Ich
-erinnerte mich, in der Zeitung gelesen zu
-haben, da&szlig; in Venedig Choleraf&auml;lle vorgekommen
-seien. Aber ich verschwieg es, um
-die Damen nicht zu erschrecken.</p>
-
-<p>Jetzt kam Annunziata, das Dienstm&auml;dchen.
-Sie hatte am Gartentor dem Brieftr&auml;ger
-die Post abgenommen und brachte uns
-Zeitungen und Briefe. Dabei sagte sie geheimnisvoll:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_356">[S. 356]</a></span></p>
-
-<p>»Die Dame, die heute morgen angekommen
-ist, ist sehr krank. Der Wirt hat gesagt,
-die Krankheit k&ouml;nne Cholera sein.«</p>
-
-<p>»Da haben wir es, das Ungl&uuml;ck,« rief die
-Russin begeistert aus. »Ich packe sofort meine
-Koffer.«</p>
-
-<p>Ulrike und ich lachten, und Ulrike sagte:</p>
-
-<p>»Jetzt bekomme ich es, wie ich es gewollt
-habe. Jetzt werden alle mit mir abreisen. Wie
-froh ich bin, da&szlig; sich doch etwas Allgemeines
-ereignet, und da&szlig; meine Abreise nicht allein
-das Tagesereignis sein mu&szlig;.«</p>
-
-<p>Ich hatte inzwischen rasch die neue Zeitung
-aufgeschlagen und las, da&szlig; verschiedene
-Choleraf&auml;lle in Venedig und auch am Gardasee
-gemeldet waren. Ich schlug dann den
-Damen vor, zusammen noch einen letzten Abschiedsspaziergang
-nach den Wiesen zu machen,
-was die Damen auch gerne taten. Drau&szlig;en
-vor dem Ort, in der N&auml;he eines alten Pestfriedhofes,
-der jetzt wie ein harmloser Rosengarten
-zwischen pr&auml;chtig d&uuml;steren Zypressen
-lag, trafen wir die beiden &Auml;rzte, die den Arbeitern
-zusahen, welche dort ein gro&szlig;es vitriolgr&uuml;nes
-Zelt errichteten.</p>
-
-<p>Bei der Farbe des Zeltes mu&szlig;te ich an das
-Haus des vors&uuml;ndflutlichen Tieres denken, das
- <span class="pagenum"><a id="Page_357">[S. 357]</a></span>
-sich in meinem Traum aus dem See gereckt
-hatte und mit seiner Zunge in die H&auml;user
-eingedrungen war, aus denen es die Menschen
-einzeln herausgezogen hatte, um sie zu verschlingen.
-Bald w&uuml;rden hier Tragbahren ankommen.
-Bald w&uuml;rden die H&auml;user des kleinen
-Ortes einzelne ihrer Bewohner als Opfer der
-Cholera in dieses Zelt dem unerbittlichen
-Choleragespenst hingeben m&uuml;ssen.</p>
-
-<p>W&auml;hrend wir noch dastanden, wurde schon
-auf einer verh&uuml;llten Bahre die erste Kranke
-aus dem Gasthaus, in dem wir wohnten, gebracht,
-die Dame, die mit ihrem Mann heute
-morgen aus Venedig angekommen war. Der
-Wirt mit seinem dem&uuml;tigen Eselsgesicht stand
-neben mir und st&ouml;hnte laut und h&ouml;rbar, denn
-er wu&szlig;te, jetzt w&uuml;rden seine G&auml;ste fortziehen
-und alle Bewohner des Ortes sein Haus meiden.
-Und wer wu&szlig;te es denn, ob nicht er
-und alle, die hier standen, bereits vom geheimnisvollen
-Choleratod gezeichnet waren?</p>
-
-<p>Es war aber gar nicht mehr so leicht, dem
-Ort des Schreckens zu entfliehen. Die Dampfschiffe
-weigerten sich, in Limone anzulegen,
-und das Schiff, das die &Auml;rzte gebracht hatte,
-war das letzte gewesen, das die Landungsbr&uuml;cke
-ber&uuml;hren wollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_358">[S. 358]</a></span></p>
-
-<p>In der Nacht, als der Mond, von einer
-d&uuml;nnen Wolke in zwei Teile geteilt, &uuml;ber
-dem See und dem Monte Alto hing,
-stie&szlig;en geheimnisvoll zwei Boote bei der
-Gartent&uuml;re des Gasthauses ab. In dem einen
-sa&szlig; ich und ruderte Ulrike und unsere Koffer,
-da wir uns keinem Bootsmann vertrauen wollten.
-Im anderen Boot sa&szlig;en die russische Generalin
-und der Mann der vor zwei Stunden gestorbenen
-Frau, der eine heillose Angst hatte und
-nicht einmal die Beerdigung seines toten Weibes
-hatte abwarten wollen. Dieses Boot ruderten
-die beiden Fischerknaben, da es schwer und mit
-den gro&szlig;en Koffern der Generalin beladen war.</p>
-
-<p>W&auml;hrend der ganzen Nacht ruderten die
-Boote lautlos Seite an Seite, und als wir die
-Bucht von Limone verlassen hatten, war in
-der Dunkelheit nichts mehr von diesem Ort
-bei uns als der s&auml;uerliche Duft der Zitronenfr&uuml;chte,
-der uns aus den S&auml;uleng&auml;rten in der
-milden Nacht &uuml;ber das Wasser noch nachkam,
-lockend und verf&uuml;hrerisch, wie ein lebendes
-Wesen, das auf den Wellen wandern kann,
-ohne zu versinken.</p>
-
-<p>Aber der Scheinwerfer des Wachtbootes,
-der sonst die Nacht so unruhig machte, war
-in der Mondhelle, in welcher keiner zu
- <span class="pagenum"><a id="Page_359">[S. 359]</a></span>
-schmuggeln wagte, auf der anderen Seite des
-Sees t&auml;tig, und er streifte dr&uuml;ben mit seinem
-wei&szlig;en Strahl die vom Mondschatten verdunkelten
-Bergw&auml;nde ab.</p>
-
-<p>Als wir einige Zeit gerudert hatten, riefen
-die Fischerknaben vom anderen Boot mir zu:</p>
-
-<p>»Jetzt sind wir &uuml;ber die Grenze gekommen.
-Jetzt sind wir auf &ouml;sterreichischem Seegebiet.«</p>
-
-<p>»Jetzt sind wir bald in Freiburg,« lachte
-Ulrike. Sie war im Geist l&auml;ngst nicht mehr
-auf dem See, sondern weit &uuml;ber den Alpen
-bei ihrem Br&auml;utigam.</p>
-
-<p>Ich aber war froh, da&szlig; wir dem Abenteuerherd
-entrannen, den ich vom ersten Augenblick an,
-als ich im Sturmwind in das kleine Wasserbassin
-von Limone hineingefegt worden war, beim
-Betreten des Landes mit allen Sinnen gewittert
-hatte.</p>
-
-<p class="pmb3">Aber die Russin meinte, Abenteuerherde
-m&uuml;sse es &uuml;berall geben, denn sonst w&auml;re das
-Leben eine Ein&ouml;de. Und sie suchte begierig
-nach neuem Ungl&uuml;ck.</p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pmb3" />
-
-<div class="transnote">
-<p><b>Notizen des Bearbeiters:</b><br /></p>
-
-<p>&mdash; Das Verzeichnis "s&auml;mtlicher B&uuml;cher von Max Dauthendey", das auf der
-zweiten Seite angek&uuml;ndigt wird, befindet sich nicht in den zu bearbeitenden Seiten!</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Geschichten aus den vier Winden, by Max Dauthendey
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN AUS DEN VIER WINDEN ***
-
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